Dritter Abschnitt.Geschichtliche Bemerkungen im Allgemeinen. Ursache des Verfalles des Wohlstandes der Colonie Surinam. Beschreibung des Landes. Gränzen. Ströme: Marowyne, Comewyne, Cottica, Surinam, Saramacca, Coppename, Correntin.

Die Holzetablissements, welche schon seit so vielen Jahren betrieben werden, hieben natürlich dasjenige Holz, das in der Nähe der Flüsse oder Kreeken stand, zuerst weg, und haben desshalb, je tiefer sie landeinwärts dringen, um so schwierigeren Transport. Es denkt natürlich Niemand daran, die ausgehauenen nützlichen Hölzer durch Stecklinge nachzupflanzen, was mit wenig Mühe und Kosten geschehen könnte. Man denkt eben wie überall:Après moi le déluge– und das ist eben der Grund davon, dass die edlen, feinen Holzarten so theuer und in grossen Dimensionen so mühsam zu bekommen sind. Es können diese Etablissements durchaus nicht concurriren mit dem Verkaufe des Holzes, das die Buschneger aus den noch nicht ausgegebenen Waldungen des unbewohnten Landes bringen, und zu niedrigen Preisen verkaufen. Ausserdem dass die Buschneger nicht die mindeste Abgabe an das Land bezahlen, während die Eigenthümer der Holzgründe mit Kopf- und Ackergeldern besteuert, und den Wechselfällen des Sklavenbesitzes ausgesetzt sind, fällen jene ihr Holz noch an Stellen, wo es, so zu sagen, ins Wasser fällt, so dass ihnen der Weitertransport keine Mühe macht. Es ist desshalb auch zu begreifen, dass die Eigenthümer der Holzgründe ihre Rechnung bei diesem Handel nicht finden; aber das Gesetz, dass die Neger nur mit ihrem Willen von den Pflanzungen verkauft oder versetzt werden können, und die Widerspenstigkeit, ein anderes Product anzupflanzen, das dem Eigenthümer mehr Nutzen bringen, ihnen aber mehr Mühe verursachen würde, macht die meisten Eigenthümer zu armen Leuten.

Die Neger dieser Pflanzungen haben vor allen das beste Leben; sie gebrauchen die viele freie Zeit, welche sie erübrigen, zur Anpflanzung von Erdfrüchten, die sie in Paramaribo verkaufen. Sie erhalten von ihren Eigenthümern bloss sogenannte Switti Moffo, d. i. gesalzenes Fleisch oder gesalzene Fische; es werden ihnen aber jährlich in der Trockenzeit eine gewisse Anzahl Tage freigegeben, in denen sie Wald fällen, verbrennen und den Boden reinigen, und Erdfrüchte, die meistens aus Mais, Reis, Toryers, Cassave u. s. w. bestehen, pflanzen. Sie ziehen überdiess Schweine und Federvieh und leben in mancher Hinsicht besser, als der von allen Sorgen gedrückte und ärmere europäische Landmann.

Alle Pflanzungen stehen unter der Aufsicht und Leitung eines Directors, der auf der Pflanzung wohnt und von den Eigenthümern oder Administratoren des Effektes angestellt und diesen verantwortlich ist[6].

Die Einkünfte des Directors richten sich nach der Grösse des Effektes und seiner Revenüen, und belaufen sich auf den grössten Zuckerpflanzungen manchmal auf 3000 fl. Ausser der Besoldung, die im Durchschnitt auf 1200 fl. angeschlagen werden kann, haben viele noch sichere Procente von Producten der Pflanzung, als: Zucker, Caffee, Cattun, Melassin und Dram; sie ziehen auch eine Menge Schweine und Federvieh, die von den Bananen der Pflanzung gefüttert werden. (Ich kenne Directoren, die über 1000 fl. jährlich reinen Gewinn von ihren Schweinen haben.) Sie sind auch unumschränkte Herren auf der Pflanzung. Verstehen sie nun, sich der Gunst des Administrators zu versichern, und sind sie in ihrem Fache als tüchtige Männer bekannt, so ist ein solcher Director wirklich eine beneidenswerthe Person. Geräumige Gebäude sind ihre Wohnungen, eine Menge Dienstboten führen die Haushaltung; ein Jäger, Fischer und Gärtner sorgen für die Bedürfnisse der Tafel, und alle diese fliegen auf den Wink herbei. Die Bequemlichkeit dieser Herren, besonders der farbigen Directoren, ist daher manchmal eckelerregend, so z. B. wäre es eine grosse Erniedrigung,selbst eine Pfeife anzuzünden, ein Glas Wasser einzuschenken oder die Schuhe auszuziehen. Ich kannte mehrere dieser Herren, besonders auf Holzgründen, die des Morgens um 6 Uhr aufstanden, dem Bastian der Neger ihre Befehle ertheilten, dann Caffee tranken, bis 12 Uhr nichts thaten, gut assen, nachher sogleich von den Beschwerden der Tafel in der Hängematte ausruhten, und sich da von einem hübschen Negermädchen den Kopf kratzen liessen, bis ihnen die Augen zufielen. Um 5 Uhr standen sie auf, wuschen sich, assen von 7-8 Uhr, legten sich um 9 Uhr mit ihren Concubinen in's Bett und verdienten dabei 12-1500 fl. jährlich. Dieses ist nicht übertrieben; doch kenne ich keinen Europäer, der es bis jetzt zu diesem Grade von Faulheit gebracht hatte.

Ein Director, der seinen Pflichten nachkommen will, wird aber auch nie auf solche Weise vegetiren. Die Behandlung der Neger erfordert, besonders in der jetzigen Zeit, sehr viel Umsicht und kaltes Blut, sowie eine grosse Erfahrung und eine, wenigstens auch nur oberflächliche, medicinische Kenntniss, um ihre angeblichen Krankheiten, die sie manchmal vorschützen, um sich der Arbeit zu entziehen, oder ihre wirklichen Krankheiten und Gebrechen beurtheilen zu können. Ihre mannigfaltigen Betrügereien, ihr Aberglauben und ihre Fetische können nicht immer auf eine Weise bestraft werden, wie sie es verdienen; kurz, es gehört viel dazu, sie zum Vortheil ihres Besitzers so zu behandeln, dass die Furcht, die doch hier nur den Gehorsam bedingt, unter ihnen herrscht, und ihre Fehler doch mit Nachsicht gerügt werden. Und es ist nicht allein Menschen- oder Negerkenntniss, die dem Director nicht fehlen darf, sondern er muss auch in technischer Beziehung eine gute Schule genossen haben; denn er muss seine Meinung beim Zimmern von Gebäuden, beim Mauern von Oefen, beim Schmieden im Maschinenwerk, kurz überall äussern können, weil Alles unter seiner Leitung und Aufsicht geschieht. Die Bearbeitung seines Products ist ihm ganz allein überlassen, und es liegt desshalb eine schwere Verantwortung auf ihm.

Das Leben auf der Pflanzung ist beinahe überall das gleiche.

Der Director steht um ½6 Uhr auf, kleidet sich in eine grobe leinene Hose und ein Wamms, und kommt auf die Gallerie, die auf den meisten Pflanzungen sich auf einer oder beiden Seiten des Hauses hinzieht. Bereits warten unter derselben die schwarzen Aufseher der Sclaven, Bastians, die als Zeichen ihres Ranges eine Peitsche führen. Es sind deren 2-4. Sie erstatten dem Director Bericht über die Arbeiten des vorigen Tages, bezeichnen die Faulen oder die, welche Strafe verdient haben, und vernehmen die Befehle für die Arbeiten des Tages. Die, welche Prügel verdient haben, empfangen sie nun vor der Thüre, während der Director seinen Caffee trinkt.

Sind die Arbeiten geregelt, so erscheinen die Kranken mit dem Dresneger oder Doctor. Man sieht da allerlei jämmerliche Gesichter und hört manches Aechzen, was man aber nicht immer für baare Münze annehmen darf. Die wirklich Kranken kommen ins Krankenhaus, die andern werden weggejagt und müssen an ihre Arbeit. Zu gleicher Zeit macht auch der Blank-Officier oder weisse Aufseher, der seinen Caffee in seiner bescheidenen Kammer eingeschluckt hat, seinen Rapport, erhält seine Befehle und geht in die Aecker, die Arbeit der Neger anzusehen, oder in die Mühle, wenn da gemahlen wird. Der Director geht nun, nachdem er die Befehle für seine Haushaltung (denn nur wenige sind verheirathet) gegeben hat, mit seinem Jungen (Voeteboy), der Tabak, Flinten, häufig auch eine Herzensstärkung tragen muss, versehen mit einem langen, sogenannten Tasstocke, ins Feld, wo er ebenfalls die Arbeiten besichtigt und untersucht. Der lange Stock dient ihm dazu, um über die Gräben, welche die verschiedenen Beete und Aecker absondern, zu springen. Ueber breite Gräben (Vaartrenzen), in welchen man das Product in kleinen Ponten nach den Gebäuden führt, gehen Brücken. Meistens dauert eine solche Promenade 1½-2 Stunden, von welcher man, besonders während der Regenzeit, von unten bis oben beschmutzt nach Hause kommt. Hat er sich umgekleidet, so wird ein Schnapseingenommen, um den Appetit zur Tafel zu reizen, der aber bei einem noch nicht recht kommen will, und meistens durch mehrere aufeinander folgende geweckt werden muss.

Gegen eilf Uhr bringt die Creolen-Mamma, eine alte Negerin, welche die Aufsicht über die Kinder der Pflanzung führt, dieselben vor die Thüre. Mädchen und Knaben sind ganz nackt und kommen so eben aus dem Bade. Sie stellen sich nach der Grösse: Bengels von 13-14 Jahren oben an, und ganz kleine, mit dicken, vollgegessenen Bäuchen, unten.

Auf ein gegebenes Zeichen der Negerin strecken alle die Hände empor, klatschen und rufen:Odi Masra, Odi Missi, fai Masra dan, fai Missi dan!(Guten Tag Herr, guten Tag Frau! Wie gehts Herr? Wie gehts Frau?) und dergleichen Narrheiten, die jeder Director nach seiner eigenen Phantasie papageienartig sich vorplaudern lässt. Hierauf marschirt die Creolen-Mamma mit ihrer Heerde ab.

Um zwölf Uhr wird gegessen, wobei der Blankofficier, wenn keine Gäste da sind, allein mit dem Director isst. Es werden meistens mehrere Arten Fleisch und Fische mit Erdfrüchten und scharfen Saucen, aber wenige Gemüse aufgetragen.

Häufig findet man bei der Mittagstafel einen alten, russigen, irdenen Topf, der mit Ueberbleibseln von Fleisch und Fischen, in einer fürchterlich gepfefferten Sauce, auf einem weissen Teller den Liebhabern präsentirt wird. Man nennt diese Töpfe Pfeffertöpfe[7]; sie waren besonders früher sehr in der Mode. Nach dem Essen hält der Director eine Siesta bis gegen 4 Uhr. Ihn in dieser Ruhe zu stören, ist nur in besonders dringenden Fällen erlaubt, sonst würde er ein sehr schiefes Gesicht dazu machen. Des Abends 6 Uhr kommen wieder die Bastians und Feldneger, welche dann einen Schnaps, Dram, erhalten, vor die Thüre, und auch der Blankofficier macht mit dem Hute in der Hand seine Aufwartung. Auch er erhält seinen Schluck Genever; nachher zieht er sich, wenn ihn nicht der Director zum Gespräche zu sich einladet, was aber sehr selten geschieht,in sein Kämmerlein zurück, bis ihn gegen 8 Uhr der Voeteboy zum Abendessen abruft.

Ist der Director ein gebildeter Mann, so findet er in der vielen freien Zeit Unterhaltung in der Lectüre; denn häufig leben die Directoren der Nachbarschaft unter sich auf gespanntem Fusse, was wirklich zu verwundern ist; denn sie sind desswegen meist allein und blos auf die Gesellschaft ihrer Haushälterinnen beschränkt, die gerade nicht besonders unterhaltend sind. Diese Einsamkeit und das Bedürfniss, die Zeit zu tödten, ist die Hauptursache der unmässigen Consumtion von starken Getränken, und es ist unglaublich, welche Quantitäten von Genever, Rum und Branntwein hier jährlich verbraucht werden.

Die Gastfreundschaft auf den Pflanzungen ist sehr gross. Da keine Wege im Lande sind, so reist man überall zu Wasser in geräumigen Barken, und zwar die Flüsse aufwärts mit der Fluth, abwärts mit der Ebbe[8].

Wirthshäuser findet man nirgends. Erlaubt das Getey (Ebbe oder Fluth) nicht, weiter zu fahren, oder will man ausruhen, so hält man an der ersten besten Pflanzung und wird, sey man bekannt oder nicht, mit aller Freundlichkeit empfangen. Man erhält Zimmer, übernachtet oder zieht weiter, wie man es für gut findet. An Bezahlung ist natürlich nicht zu denken, und Trinkgelder sind gar nicht Mode.

So ist also das Leben auf den Pflanzungen mehr oder weniger gesellig, je nachdem Gäste kommen, oder die Directoren der Nachbarschaft sich gut mit einander vertragen können.

Viele Bewohner der Stadt bringen die Trockenzeiten auf den Pflanzungen zu, und mancher Pflastertreter sucht die eine oder andere heim.

Dass die Langeweile die Plantagenbewohner manchmal zu tausend Narrheiten verleitet, lässt sich denken. Pasquillen und Scherze sind immer im Umlauf und endigen manchmal auf kostspielige Weise, besonders wenn sich die Justiz darein legen muss. Mancher Director hat sich schon ein hübsches Vermögen erworben, und viele besitzen Häuser in Paramaribo; andere aberverbrauchen ihren Gehalt mit feinen Speisen und Getränken, oder in Amours und sind, wenn sie ihre Stelle verlieren, gar bemitleidenswerthe Geschöpfe. Sie leben fast alle mit Haushälterinnen, die entweder Freie (Missi) sind, oder die sie sich unter den hübschen Mädchen der Pflanzung aussuchen. Unter letzteren Verhältnissen sind die Kinder Sclaven, es sey denn, dass sie von ihrem Vater losgekauft werden, was manchmal mit vielen Schwierigkeiten und Kosten verbunden ist.

Die zweite weisse Person auf der Pflanzung ist der Blankofficier, deren grössere Effecte 2-3, kleinere nur einen haben. Ihr Gehalt ist gering und beträgt selten über 250 fl. Es sind diess meist junge Leute, die aus Europa kommen, um ihr Glück zu machen, und die, wenn sie Protection haben und sich gut betragen, in 3-4 Jahren es ebenfalls zu einer Directorstelle bringen können. Ihr Anfang ist aber schwer, denn sie werden von den meisten Directoren wie eine Art niederer Geschöpfe behandelt und selten mit einem Wort beehrt. Sie sind in ihren Freistunden ganz sich selbst überlassen und bringen in manchmal erbärmlichen Wohnungen ihre Abende zu.

Man denke sich, wie es einem gebildeten, jungen Menschen zu Muthe seyn muss, wenn er, unbekannt mit den Gebräuchen und der Negersprache, seine Lehrzeit auf einer Pflanzung beginnt, wo ihn der Director kaum eines Grusses würdigt, und ihm eine miserable Kammer angewiesen wird, in welcher er keine andere Gesellschaft findet, als Millionen von Mosquittos, oder Klumpen von Fledermäusen, die in den Dachsparren zwitschernd ihre Bemerkung über ihn zu machen scheinen.

Ich komme nun zu den Sclaven der Pflanzungen, welche die Hauptbevölkerung des Landes ausmachen.

Da seit 24 Jahren keine mehr aus Afrika eingeführt wurden, so besteht die Mehrzahl derselben aus hier Gebornen oder Creolen. Diese letzteren, welche von Jugend auf an das Effect und dessen Eigenthümer oder Verwalter gewöhnt sind, werden den Afrikanern bei weitem vorgezogen; sie bilden auch meistens grosse Familien, welche nie von der Pflanzung verkauft werden.

Man theilt die Plantagensclaven in vier Classen: 1) In Feldsclaven, die zur Cultur bestimmt sind; 2) in Haussclaven, die das Hauswesen, Tafel, Küche u. s. w. besorgen; 3) in Creolen: kleine Kinder, die noch keine Arbeit verrichten können, und 4) in Malenkers: Alte und Kranke, die zu keiner Arbeit mehr fähig sind. Wenn daher eine Pflanzung unter 200 Köpfen 75-80 Feldsclaven besitzt, so ist diess schon ein sehr vortheilhafter Staat. Die Feldsclaven haben natürlich bei weitem die schwerere Arbeit, während die Haussclaven, von denen z. B. zwei für die Küche, zwei für die Wäsche, einer zum Nähen, einer und zwei Voeteboys zum Dienste eines einzelnen Mannes angestellt sind, den grössten Theil des Tages unbeschäftigt herumliegen. Ein Jäger, ein Fischer, sowie auf manchen Pflanzungen ein Gärtner, haben mehr Arbeit.

Der Schweine- und Kühehirt, ein Weib, das für die Hühner zu sorgen hat, und ein Wächter des Kostgrundes sind meistens alte Leute, welche zu keiner andern Arbeit mehr gebraucht werden können[9].

Die Feldsclaven gehen des Morgens um 6 oder 7 Uhr in die Aecker an ihre Arbeit, und kehren des Abends, oder wenn sie das, was ihnen auf den meisten Pflanzungen vorgeschrieben wird, vollendet haben, nach Hause zurück. Des Sonntags wird nichts gearbeitet, muss es aber geschehen, wie diess häufig auf den Zuckerpflanzungen der Fall ist, so wird den Sclaven ein anderer Tag für den Sonntag gegeben.

Die Negerhäuser sind ganz in der Nähe der Mühle oder der Fabrikgebäude, und bilden, wenn die Pflanzung bedeutend ist, ganze Dörfer. Auf manchen Pflanzungen sind sie von Brettern gebaut und mit Schindeln bedeckt, auf den meisten aber mit den Latten der Pinapalme beschlagen und mit Blättern dieser Palme bedeckt. Um die Häuser, welche regelmässige Strassen bilden, pflanzen die Neger spanischen Pfeffer, Calebasbäume u. s. w.; dabei wimmelt es von Federvieh und Schweinen.

Die Nahrung erhalten die Neger auf allen Pflanzungen, die Holzgründe ausgenommen, vom Effekte selbst. Sie soll nachdem Gesetze in zwei Bündeln Bananen und 3 Pfund gesalzenen Fischen wöchentlich bestehen. Erwachsene Neger erhalten dazu noch Tabak, Pfeifen, und täglich einen Schnaps, Dram; Weiber dagegen Melassin. Bananen werden auf den Pflanzungen jeden Sonntag Morgen ausgetheilt; Fische u. s. w. aber viertel- oder halbjährlich. Es ist aber kaum möglich, ihnen das Stehlen von Bananen in den Kostäckern, von Zucker oder Melassin im Kochhause, von Producten aus den Caffee- oder Cattunlogen dieser Effekte zu verwehren. Das Gestohlene verbrauchen sie entweder selbst oder vertauschen es bei Sclaven anderer Pflanzungen, oder bringen es gelegenheitlich nach Paramaribo, wo sich stets Liebhaber dafür finden[10]. Kleidungsstücke und andere Bedürfnisse, als: Töpfe, Cassavo, Platten, Messer, Scheeren u. s. w. werden zu bestimmten Zeiten von den Eigenthümern der Pflanzungen aus Holland gesandt, oder mit deren Genehmigung hier im Lande angekauft, und es werden diese Sachen durch den Director, der für sich selbst eine Menge Küchen-, Tafelgeräthe u. s. w. erhält, familienweise ausgetheilt. Der Werth der Sendung beträgt manchmal bei 4000 fl.

Auf allen wohlgeordneten Pflanzungen ist für die Neger auf eine Weise gesorgt, die dieser Menschenrace die Sclaverei sehr erträglich macht, und ganz verschieden ist von den Vorstellungen, die man in Europa gewöhnlich vom Zustande der Sclaven sich macht.

Ihre Arbeit ist nicht übertrieben und dauert, wenn der Neger fleissig ist, nicht über neun Stunden täglich. Nahrung und Kleidung haben sie hinlänglich, und im Alter werden sie auf den Pflanzungen unterhalten. Wie ganz anders ist das Leben der ärmeren Taglöhner in Europa, die bei beschwerlicherer Arbeit zufrieden sind, wenn sie die Bedürfnisse ihrer Familie befriedigen können, und die bei Krankheit und Unglücksfällen keine andere Zuflucht haben, als den Bettelstab!

Die Religion der Neger, wenn man ein Gemisch von Aberglauben und Unsinn so nennen darf, ist die ihrer ursprünglichen Heimath, der Fetischismus. Jedes einzelne Individuum hat, so zusagen, seine eigene Gottheit, und verpflichtet sich, dieser zu Ehren, von irgend einer Speise sich zu enthalten. Schnüre, Corallen, geschnitzte Holzstückchen, oder was ihnen gerade einfällt, werden um den Hals, Arm oder die Füsse getragen, und sind Amulette, welche sie beschützen. Man nennt diese Narrheiten Obia's. Beinahe alle Neger verehren den Seidewollenbaum und opfern demselben; schwer verbotene Tänze stehen damit in Beziehung.

Es hat auf allen Pflanzungen sogenannte Bukumann's oder Zauberer, welche die Zukunft vorher wissen, und in der Bereitung von inländischen Arzneien oder als Giftmischer sich auszeichnen. Mancher verhasste Director hat schon durch diese sein Leben eingebüsst, und man hat Beispiele, dass schon auf Pflanzungen eine Menge Sclaven hinwegstarben, die vergiftet wurden, um deren Eigenthümern Schaden zu bringen. Die Gifte sind alle aus Vegetabilien gezogen, und lassen daher wenig Spur zurück.

Die Jugend wächst natürlich auf den Pflanzungen wie das liebe Vieh auf; blos auf zwei oder drei derselben werden die Kinder unterrichtet. Beinahe alle werden von den Herrnhutern[11], welche in Paramaribo eine bedeutende Niederlassung haben, von Zeit zu Zeit besucht, und den Sclaven werden alsdann einige Kapitel der Bibel in der neger-englischen Sprache vorgelesen und ausgelegt. Will man aber, dass die Neger die Kirche besuchen sollen, so muss die Arbeit des ganzen Tages nachgelassen werden, was für die Pflanzung ein grosser Schaden ist. Die Predigten der guten Leute mögen aber nicht so fasslich seyn, so dass der Nutzen in moralischer Beziehung nicht sehr gross ist, besonders da blos alle paar Monate solche Vorlesungen gehalten werden, bei welchen meistens die Hälfte gedankenlos zuhört, und so das Gehörte sehr leicht vergisst.

Die Herrnhuter, die in Paramaribo als Schuster, Schneider, Bäcker, Kaufleute u. s. w. sich nähren, verlassen tourweise ihre Arbeit und besuchen in geräumigen Tentfahrzeugen zu obigem Zwecke die Pflanzungen, auf welchen man sie überallmit der grössten Gastfreundschaft aufnimmt und bewirthet, wiewohl die wenigsten Directoren, denen in der Regel die Arbeit mehr am Herzen liegt, als das Seelenheil ihrer Sclaven, sie gerne sehen. Haben sie die ihnen vorgeschriebene Anzahl von Pflanzungen besucht, so fahren sie wieder zur Stadt zurück und versehen ihre Geschäfte.

Die grösste Glückseligkeit nach dem Nichtsthun ist für die Neger der Tanz. Sie haben viele Tänze, die ich nicht namentlich kenne, und von welchen wieder manche in genauem Verbande mit ihrem Fetischismus stehen und von der Regierung strenge verboten sind. Es gibt häufig in den Negerhütten der Pflanzungen Sonntags kleine Tanzparthien, die gewöhnlich noch vor Mitternacht enden, und zu welchen sich blos einige Familien, jedoch nicht ohne Erlaubniss des Directors versammeln. Die Musik besteht dann blos in dem Schall einer Trommel (ein ausgehöhltes rundes Stück Holz, über welches eine Schweins- oder Hirschhaut gespannt ist), und dem Klang aus einigen alten Schaufeln oder dergleichen, auf die mit Eisenstücken taktmässig geschlagen wird.

Mit viel mehr Feierlichkeit werden die Tänze begangen, welche man an gewissen Jahrstagen zum Andenken an Verstorbene hält. Da werden Kuchen gebacken, Schweine und Hühner geschlachtet, und dem Todten wird ebenfalls ein guter Theil auf das Grab gebracht. Dabei kommen alle Kleidungsstücke, die sie sonst nie gebrauchen, zum Vorschein, und man sieht dann besonders unter den Männern groteske Gestalten. Die Haupttänze aber, zu welchen den Sclaven mehrere Tage freigegeben werden, sind am Neujahr, und zwar gewöhnlich im oder am Wohnhause des Directors, wobei die Männer mit Dram, die Weiber aber mit Wein oder schlechtem Liqueur bewirthet werden.

Gewöhnlich hat der Director Gäste bei sich, und es werden da oft Bacchanalien gehalten, dass es einem graust.

In Paramaribo finden um diese Zeit alle Abende solche Tanzparthien statt, die meistens unter Zelten bei guter Beleuchtungabgehalten werden. Die Eigenthümer von Sclaven lassen sich's um diese Zeit nicht wenig kosten, ihren Sclaven Vergnügen zu machen; Backwerk, Wein und Liqueur findet man bei diesen Parthien im Ueberfluss. Die Mädchen sind dabei nicht selten mit den Kleidern und Schmucksachen ihrer Haushälterinnen bekleidet, und es herrscht eine Pracht, dass man sich verwundert. Es haben aber auch die Haussclaven selbst gute Kleidungsstücke, die blos an diesen Tagen gebraucht werden. Es ist in der That ein prächtiger Anblick, diese in allen Farben aufgeputzte, von ächtem und falschem Gold und Juwelen glänzende, singende Masse in immerwährender Bewegung beim Scheine einer Menge Lampen, und beim Lärmen einer abominabeln Musik zu sehen, und man glaubt sich ins Morgenland versetzt. Die Tänze lassen sich freilich nicht mit unsern vergleichen, weil bei den meisten gesungen wird; es sind die Verse, die einige Dutzendmale im Chor wiederholt werden, und wegen ihres satyrischen Inhalts viel Lachen erregen. Der Tänzer oder die Tänzerin, welche solche improvisiren, tanzen um einander in immer kreisförmiger Bewegung, während der Chor sich nur auf den Füssen wiegt und mit dem Oberleibe bewegt, dabei aber nach dem Takte in die Hände klatscht oder mit Castagnetten die Musik begleitet. (Diese Castagnetten sind dreieckige, holzichte Schalen oder Nüsse einer Euphorbiacee). Häufig tanzt aber Alles, indem sich jedes einzelne Individuum kreisförmig durch den ganzen Raum dreht, ohne an den andern anzustossen. Der Anblick dieses Tanzes erregte mir stets Schwindel, und ich konnte es nie lange dabei aushalten.

Ich will nur noch kurz zum Schlusse etwas über die hier herrschenden Krankheiten beifügen, die ich freilich nur als Laie, nicht als Arzt beschreiben kann.

Die häufigsten Krankheiten, denen der Europäer wie der Creole unterworfen ist, und die unter Buschnegern und Indianern gleich stark grassiren, sind Wechselfieber, welche, wenn der Patient nicht gleich in geschickte Hände kommt, Monate und Jahre lang anhalten. Es ist gewöhnlich die erste Krankheitder Neuangekommenen oder das Aklimatisationsfieber. Gallenfieber sind ebenfalls häufig und machen ganz kurzen Prozess. Eine andere häufige Krankheit höchst beschwerlicher Art ist der sogenannte Kuk oder Kuchen, eine Anschwellung der Milz. Man fühlt sich dabei immer ermattet, hat kurzen Athem, unruhigen Schlaf und ist ausserordentlich reizbar. Dieses Unwohlsein dauert manchmal Jahre lang. Meistens befolgt man dagegen den Rath eines inländischen Quacksalbers, der stark abführende Mittel gibt. Die Wassersucht ist ebenfalls nicht selten, zeigt sich aber meist nur bei Individuen, welche dem Trunke ergeben sind.

Die Hauptkrankheit, die fürchterlichste von allen, weil sie zugleich die anstrengendste ist, ist die Lepra. Bei den von ihr Befallenen zeigen sich zuerst weissfarbige Flecken auf der Haut. Die Ohren, Nasen, Augenlieder u. s. w. schwellen auf; es zeigen sich Beulen im Gesichte und am Körper, welche manchmal aufbrechen; Finger, Zehen, Ohren, Nase oder einzelne Glieder fallen ohne Schmerzen ab; das Gesicht verzerrt sich aufs Scheusslichste und verräth nichts Menschliches mehr. Die meisten Kranken sind dabei innerlich gesund, können arbeiten und dabei selbst alt werden, während bei anderen die Krankheit schnellere Fortschritte macht.

Die damit Behafteten, seyen sie Freie oder Sclaven, werden, sobald die Behörde davon unterrichtet ist, nach einem, dem Lande gehörigen und eigens dazu bestimmten Etablissement, Batavia, abgesandt, wo sie, entfernt von der übrigen Welt, auf Kosten des Landes so lange verpflegt werden, bis der Tod sie von ihren Leiden erlöst. Noch nie ist ein Kranker von dieser Qual befreit worden, obgleich man neuerdings in Para in Brasilien Versuche mit dem Safte der Hura crepitans machte, die befriedigend ausgefallen seyn sollen. Leute von Vermögen oder höheren Ranges, welche davon befallen werden, leben einsam in ihren Häusern, oder reisen nach Europa, wo ihnen aber ebenfalls nicht geholfen werden kann.

Das EtablissementBatavia, das am Copenamstrom liegt, istder Leitung des katholischen Präfecten anvertraut, hat eine hübsche Kirche und einen Priester, der die Kranken tröstet und lehrt, wobei er sich jeglicher Gefahr aussetzt. Die Zahl dieser Unglücklichen beläuft sich dort auf circa 700[12].

In Paramaribo befinden sich heimlich viele Leprosen, die von ihren Familien versteckt gehalten werden, wodurch diese entsetzliche Krankheit immer mehr verbreitet wird, was auch in der Nachbar-Colonie Cayenne der Fall ist, wo viel weniger auf Absonderung gesehen wird. Eine andere Krankheit, genau mit dieser verwandt, aber nicht ansteckend, ist die Elephantiasis. Es schwellen dabei die Beine, oder oft nur ein Fuss auf fürchterliche Weise an, und erhalten ganz das Aussehen von Elephantenfüssen. Häufig kommen noch Auswüchse und Knollen dazu, und eine rauhe, chagrinartige Haut überzieht das Ganze. Die Zahl der davon Angesteckten ist sehr gross, und besonders bei der Sclavenbevölkerung, die sich nicht so gut bekleiden kann, ins Auge fallend. Man sieht häufig Kinder von zehn Jahren mit solchen Klumpfüssen, die meistens bis zum Knie eine unförmliche Dicke haben. Auch dagegen hat man kein Mittel.

Ausser den angeführten ist noch eine andere Hautkrankheit nicht selten, die Jaws, eine Art Krätze, bei welcher sich einzelne runde Flecken auf dem Leibe zeigen, die aufbrechen. Auch sie ist eine langwierige, ansteckende Krankheit, zu deren Heilung Monate erfordert werden.

Für Manchen wird es nun von Interesse seyn, hier eine kurze Geschichte der Colonie Surinam zu finden. Ich hatte zwar im Sinne, dieselbe zu übergehen, weil ich mich nicht mündlicher Ueberlieferungen oder Auszüge aus früheren Schriften bedienen, sondern mich blos auf die Erzählung meiner Erlebnisse beschränken wollte; allein ich halte nun doch für nöthig, eine oberflächliche historische Skizze des Landes zu geben, damit ich in der Folge ohne weitere Erläuterungen bei der Beschreibung meiner ferneren Abentheuer verweilen kann.

Es ist hinlänglich bekannt, dass bei der Entdeckung von AmericaGuyanaund die umliegenden Länder von verschiedenen Indianerstämmen bewohnt waren, unter denen sich dieCaraïbendurch ihre Menge und ihren kühnen Charakter besonders auszeichneten.

Gegen die Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts, nachdem man das Innere des Landes fruchtlos nach Gold durchforscht hatte, setzten sich europäische Pflanzer an dem Küstenlande fest, um diejenigen Produkte anzubauen, die man auf gefährlichem Wege nur allein aus Ostindien hatte beziehen können. Durch die Fruchtbarkeit des Bodens und die leichte Fahrt ermuthigt,zogen viele unternehmende Europäer nach dem neuen Lande, und im Laufe weniger Jahrzehnte bildeten sich französische, englische und holländische Niederlassungen.

Da die Indianer zur Arbeit nicht kräftig genug waren, so entstand der Sclavenhandel, indem von den Regierungen ermächtigte Schiffe bei den kleinen Fürsten in Afrika, die in immerwährenden Zwisten miteinander lebten, für Tauschartikel die gegenseitig gemachten Kriegsgefangenen kauften und dieselben nach Amerika brachten, wo man sie zur Feldarbeit verwendete. Da der Ankauf eines Sklaven nicht viel kostete, und man sich mit dieser Waare immer versehen konnte, so lockte der Gewinn manchen unternehmenden Mann nach dem heissen und feuchten Küstenstriche, und es bildeten sich Vereinigungen (Maatschappye) von beträchtlichem Kapital, um den Unternehmern, die ihr Leben dabei wagten, kräftig beizustehen.

Surinamselbst wurde zuerst von den Engländern in Besitz genommen, die sich am Surinamstrom festsetzten und die Stadt Paramaribo anlegten. Erst im Jahre 1667 wurde die Colonie durch Vertrag an die Holländer abgetreten[1].

Bei dem Fleisse dieser Ansiedler und der grossen Fruchtbarkeit des Bodens hätte Surinam gewiss der Maatschappy grosse Vortheile abgeworfen, wenn die noch im Werden begriffene Colonie zweckmässig organisirt und gegen Eingriffe von Aussen beschützt gewesen wäre. Die vielen Kriege der Franzosen und Engländer mit den Generalstaaten, in welchen von ersteren die Colonien der Holländer überfallen, und mit kaum zu erschwingenden Contributionen beschwert wurden, so wie die Wegnahme der mit den Erzeugnissen der Kolonie geladenen Schiffe machte, dass, ungeachtet aller Bemühungen, die Vortheile des Mutterlandes sehr unbedeutend waren. Erst nach beendigten Kriegen erhob sich Surinam; sein Reichthum übertraf den jeder andern Colonie, und unterlag keinem innerlichen Zwiespalt, und keinem Aufruhr rebellischer Sclaven, wie viele Kosten auch die im Laufe des vergangenen Jahrhunderts geführten Feldzüge gegen jene verursachten. Den empfindlichsten Stoss erhielt der Wohlstanddurch das Verbot der Einfuhr von Sclaven im Jahre 1824. Durch die Verminderung der Arbeitskräfte, die von Aussen nicht mehr ersetzt werden können, eilt die Colonie mit raschen Schritten ihrem Untergange entgegen. Viele einst so blühende Pflanzungen sind verlassen; ihre Zucker- und Caffeefelder, einst mit so vieler Mühe bepflanzt und unterhalten, sind jetzt mit baumhohem Gesträuche bedeckt; die schönen Alleen von Königspalmen oder hohen Tamarindenbäumen, die nach den Wohnhäusern der Pflanzungen leiteten, ragen jetzt einsam aus dem Gebüsche wildwachsender Pflanzen hervor, und der Landungsplatz, wo schön gefärbte Barken an- und abfuhren, liegt öde und verlassen.

Der grosse Landstrich, der umschlungen von den zwei grössten Flüssen Amerika's, dem Amazonenfluss und dem Orinoko, vom 0. Grade südlicher bis 9° nördlicher Breite und vom 49. bis 67° westlicher Länge von Greenwich sich ausbreitet, dessen Ost- und Nordküste der atlantische Ocean ist, der im Süden durch Brasilien, im Westen aber durch die Republik Columbia begrenzt wird, und dessen Küstenländer schon seit zwei Jahrhunderten Europa die köstlichen Erzeugnisse ihres milden Bodens zusenden, wird ins englische, holländische, französische und portugiesische Guyana eingetheilt.

Durchschnitten von grossen, schiffbaren Strömen und zahllosen, natürlichen Canälen, die untereinander in Verbindung stehen, macht es seine geographische Lage und ausserordentliche Fruchtbarkeit des Bodens zum wahren Eldorado, das seine Schätze über der Erde und mit weniger Gefahr bietet, als das in seinem Innern geträumte Goldland.

Auf seiner 7000 Quadratmeilen grossen Oberfläche leben sparsam verbreitet die Ueberreste mehrerer indianischer Stämme, die, roh und wild, die Bildung nicht mehr besitzen, die ihre Vorfahren gehabt zu haben scheinen. Viele dieser Stämme, so wie der grösste Theil des Innern, sind uns noch unbekannt, und nur durch Aussagen anderer und befreundeter Indianer, die das Binnenland bereisen, oder der Buschneger,welche mit jenen Stämmen Handelsverbindungen unterhalten, wissen wir, wie ungeräumt auch die Berichte über sie seyn mögen, dass sie existiren.

Wie schwierig und mit wie vielen Gefahren verknüpft Reisen ins Innere eines so wenig bevölkerten Landes auch sein mögen, so bleiben sie doch noch ausführbar, wenn blos Hindernisse zu besiegen sind, die die Natur in den Weg legt; wenn aber hiemit noch die Unwilligkeit und der Widerstand roher Völker sich verbindet, die den wissenschaftlichen Zweck solcher Reisen nicht verstehen, durch abergläubische Vorurtheile sich feindlich zeigen, oder ihre Handelsverbindungen mit den Völkern des Inlandes beeinträchtigt glauben, so kann man begreifen, dass, während die Welt in allen Richtungen durchreist wird, das Innere von Guyana noch grösstentheils eine terra incognita ist. Die bestbebaute, älteste und blühendste seiner Colonien, Surinam, ist in wissenschaftlicher Beziehung noch die unbekannteste. Ob nun dieses dem Materialismus, der blos die Speicher der Amsterdamer Kaufleute füllt, zuzuschreiben, oder in andern Verhältnissen zu suchen sey, wage ich nicht auseinander zu setzen.

Die Colonie Surinam liegt zwischen dem 3. und 6. Grade nördlicher Breite, und 53. bis 56° westlicher Länge von Greenwich. Im Osten grenzt es an das französische Guyana, von dem es durch den Maroni oder Marowyne getrennt ist, im Westen scheidet es der Correntin von der früheren holländischen, jetzt englischen Besitzung Berbice, im Süden, wo dessen Grenze noch nicht einmal richtig bestimmt ist, stösst es an die gebirgigen Savannen, die die Wasserscheide der in den Amazonenstrom fliessenden Flüsse und der nach Norden zu mündenden Gewässer ausmacht. Im Norden bespült der atlantische Ocean seine Küste.

Die Hauptströme sind der Maroni, Surinam, Saramacca, Coppename und Correntin, wiewohl noch eine Menge anderer Flüsse das Land bewässern, und in allen Richtungen durchschneiden.

Alle diese Flüsse stehen durch natürliche Kanäle, hierKreeks genannt, mit einander in Verbindung, so dass man aus dem Correntin in den, 56 Stunden (in gerader Linie) östlicher gelegenen, Maroni kommen kann, ohne sich den Beschwerlichkeiten einer Seereise aussetzen zu müssen.

Die ganze Küste Surinams ist eben und angeschwemmtes Land, das, bedeckt mit Bäumen und niederem Gesträuche, mit jeder hohen Fluth unter Wasser kommt, und Veränderungen erleidet.

Durch diese niedrige Beschaffenheit des Bodens erstrecken sich die Bänke, die eigentlich blos eine Fortsetzung der Küste bilden, meilenweit in das Meer; sie bestehen aus einem weichen Schlamm, den Alluvionen der Flüsse, und sind also meist vegetabilischen Ursprungs.

Parallel mit der Seeküste ziehen sich Sandritzen oder Muschelbänke, die bisweilen sich bis an das Meer ausdehnen, und auf denen eine manchfaltige und üppige Vegetation, der des Inlandes ähnlich, herrscht. Sie sind höher, als der umliegende sumpfige Boden, von geringer Breite, aber manchmal bedeutender Länge, und scheinen die zurückgewichenen Meeresufer einer früheren Periode gewesen zu seyn. Diese Ritzen sind mit Hochwald bedeckt, in dem der Copalbaum (Hymenaea courbaril), die Weihrauchbäume, die Awara- und Cumu-Palmen und der indianische Pflaumenbaum (Spondias?) vorkommen.

Hinter diesen Ritzen dehnen sich grosse Süsswassersümpfe aus, die in den Regenzeiten beinahe undurchdringlich sind. Stundenlange Wälder der Mauritien-Palme (Mauritia flexuosa) und grosse Flächen des baumartigen Arons (Calladium arbor.) bedecken hier das Land; nur in heissen Sommern trocknen diese Sümpfe aus.

Der Seestrand selbst bietet dem Auge überall eine einförmige, traurige Scene dar: Tausende von abgestorbenen, entwurzelten und angeschwemmten Bäumen liegen in allen Richtungen umher; der Boden, ein weicher Schlamm, in dem man bis an die Kniee einsinkt, ist von Millionen Krabben durchlöchert,und in dem Gebüsche, mit welchem diese traurige Küste bewachsen ist, hausen Schwärme von Mosquittos und anderen stechenden Mücken. Schaaren von Wasservögeln aller Art finden zur Zeit der Ebbe in ungestörter Ruhe hier reichliche Nahrung, während bei der Fluthzeit Hai- und andere Raubfische in den von Wasser bedeckten Gebüschen umherirren. Eben so niedrig sind die Mündungen der Ströme, deren Ufer aber durch Waldungen von Mangrove-Bäumen, welche durch ihre Wurzeln und Schösslinge undurchdringliche Verschanzungen bilden, vor der Gewalt der Brandungen geschützt sind.

Je weiter man sich von der See entfernt, um so mehr verändert sich die Scene. Die Ufer schmücken sich mit anderen Gewächsen; grössere Bäume treten aus dem niedrigern Gebüsche hervor; die schlanke Pinapalme, das sichere Zeichen eines fruchtbaren Bodens, zeigt sich in Menge. Schling- und Schmarotzerpflanzen bedecken die Bäume und winden sich guirlandenartig von Zweig zu Zweig. Das Ufer, bewachsen mit stachlichten Papilionaceen, ist nicht sichtbar vor der Masse von Laubwerk, das bis weithinein ins Wasser hängt. Etwa 8-10 Stunden von der Meeresküste ab, da wo das Flusswasser rein, und nicht mehr vom Salze der See getrübt die schon höheren Ufer bespült, prangt der Grünhart mit seinen gelben Blumen. Die Heliconien entfalten ihre riesenartigen Blätter und die prächtige Maripapalme (Maximiliana regia) ragt aus dem dunkeln Laubgewölbe empor.

Doch ist Alles noch eben; nur selten unterbrechen kleine bewaldete Hügel die Fläche. Ueberall in allen Strömen herrscht dasselbe Bild der üppigsten Vegetation, und das klare, schwarze Wasser spiegelt die Landschaft herrlich zurück. – Nur wo Hügel den Lauf der Flüsse bestimmen, wo Felsen und Klippen diesen einengen, und den Transport von Produkten gefährden würden, ist auch die Grenze der Cultur, und die Pforte zum unbekannten Lande.

Der östliche Grenzstrom der Colonie, die Marowyne, Maroni oder indianisch Marauni, ein grosser, an seiner Mündung eine Stunde breiter Strom, ist durch die Menge von Sandbänkenbeinahe nicht befahrbar. Es mag diese gefährliche Einfahrt die Ursache davon seyn, dass, obwohl seine Ufer höher und ebenso fruchtbar, ja gesünder als die des Surinam sind, sie gleichwohl noch ganz unbebaut sind, und nur in der Nähe der See von Indianern, und im Innern waldiger Gebirge von den Aucaner-Buschnegern bewohnt werden. Die Mündung desselben hat nicht die einförmigen Mangrovegebüsche, wie die andern Ströme, sondern hohe Sandritzen, auf denen eine überaus üppige Vegetation von Palmen, Cactus, Weihrauch- und Copalbäumen, und Caschu's (Anacardium occidentale L.) sich längs den Ufern der See hinzieht. Ein kleiner Militärposten auf der holländischen Seite liess beim Vorübersegeln von Schiffen die holländische Flagge wehen.

Ohne Bucht oder Krümmung zieht sich der stattliche Strom in gleicher Breite drei Stunden aufwärts, wo er sich bei einer Gruppe von fünf niedrigen, mit Palmen und andern Nutzhölzern dicht bewaldeten Inseln südwestlich wendet.

Das Land auf beiden Seiten des Flusses ist meist über dem Niveau der höchsten Meeresfluth gelegen, und ein mit schwarzer Erde vermischter Sand, der dem Anbau der Maniok-Wurzel (jatropha) besonders günstig ist. Etwa eine Stunde den Fluss aufwärts, vom Posten Prinz Willem Frederik, zieht sich ein Riff von sehr eisenhaltigen Felsen weit in das Flussbett. An der Ecke des sandigen Strandes, die die Mündung des Stromes auf dem rechten Ufer bildet, findet man häufig helle krystallartige, abgerundete Steine, die sehr hart, und geschliffen wasserhell und glänzend sind; man nennt sie Marowyne-Diamanten. Sie sind aber nichts als Topase, und selten wird einer gefunden, der von einigem Werthe wäre.

Von den ersten Inseln, die von Sandbänken umringt und von untiefen Canälen durchschnitten sind, schifft man den Fluss in einer wenigstens zehn Stunden langen Bucht südwestlich hinauf. Eine Menge Inseln, theils niedrig und mit Palmen bewachsen, theils hoch und steinig, und mit Hochwald bedeckt, bilden prächtige Gruppen auf der weiten Wasserfläche. Die Ufer sind höher,an manchen Stellen hügelig und dicht bewaldet, und malerisch erheben sich an steilen Stellen kleine Indianerdörfer, deren Hütten halb versteckt sind unter Bananen und Papaia- (Carica-) Bäumen und Baumwollensträuchern. Grosse Sandbänke ragen mitten aus dem Flusse, es zeigen sich Klippen und kleine Cascaden. Das Wasser ist besonders in den trockenen Jahreszeiten krystallhell, und man kann bei zwölf Fuss Tiefe die Steine des Bodens sehen. Aus der Ferne erblickt man die hohen Gebirge des Inlandes gleich blauen Wolken. So nähert man sich, indem man bei den unmerklichen Krümmungen des Stromes stets eine Fernsicht von drei bis vier Stunden vor sich hat, dem 16 Stunden von der Mündung entfernten MilitärpostenArmina.

Der Fluss, der plötzlich einen Halbzirkel von Südost nach Nordwest bildet, stürzt über zahllose Cascaden, Klippen und Sandbänke braussend herab. Ungeheure Granitblöcke liegen in seinem Bette; sie sind mit stachlichten Palmen und einer wohlriechenden Guiaba (Psidium aromaticum) bewachsen. Am französischen Ufer, das eine ununterbrochene Hügelkette bildet, ergiesst sich der kleine Fluss Armina, der dem holländischen Posten seinen Namen gab, in den Strom. In den Trockenzeiten steigt die Meeresfluth bis unterhalb der ersten Fälle, wo bei einer Länge von etwa 80 Fuss der Fluss 6 Fuss hoch herabstürzt. Bis unterhalb dieser Fälle kann man mit grossen Booten kommen, doch ist bei den starken Strömungen viel Vorsicht nöthig, um nicht auf die unter dem Wasser verborgenen Klippen zu stossen. Fahren in den Trockenzeiten Buschneger oder Indianer den Fluss hinauf, so laden sie unterhalb der Fälle ihre Canots aus, und tragen ihre sieben Sachen auf dem Kopfe über die Klippen. Die leeren Canots werden mit Tauen heraufgezogen, und oben wieder eingeladen.

In den Regenzeiten aber, wo der Strom durch den ungeheuren Wasserzuwachs aus dem Innern angeschwollen ist, sind beinahe alle Klippen unter Wasser, und die Boote werden aus Leibeskräften gegen die Strömungen gerudert.

Der Unterschied zwischen dem hohen Wasserstande derRegen- und dem niedrigsten der Trockenzeit mag bei Armina wohl 20 Fuss betragen, wird aber, je höher man den Fluss hinaufsteigt, um so beträchtlicher.

Aus beiden Ufern vermehren beträchtliche Kreeken oder kleine Flüsse, die meist aus den Sümpfen des Inlandes entstehen, die Wassermasse des Flusses bedeutend. Auf der französischen Seite findet man nahe an der Mündung die grosse Waragama, oder Seekuhkreek; weiter aufwärts die Maipuribi oder Tapirkreek. Ihnen folgt die Balete; vier Stunden unterhalb Armina fliesst der Siparawinifluss in den Strom. Dieser, den man in den Regenzeiten Tage lang aufwärts fahren kann, kommt aus dem Südosten, und scheint in geringer Entfernung von der Lava zu entspringen. Indianer haben mich versichert, diesen Fluss vier Tagereisen aufwärts gefahren zu seyn, und bei Nacht in südlicher Richtung ganz deutlich den Klang von Negertrommeln und Schiessen gehört zu haben. Man kann daraus abnehmen, dass diese Indianer sich in der Nähe des Aufenthaltes von Boninegern befanden, welche die Ufer der Lava etwa unter dem dritten Breitegrad bewohnen. Auf die Siparawini folgt, unterhalb Armina, die Ruarua und auf diese die Armina. Auf der holländischen Seite sind bis Armina die Kreeken weniger bedeutend, weil das, zwischen der Marowyne und dem Cottica gelegene Land sich nach Westen zu mehr abflacht, wesswegen auch die Waldwasser und Entleerungen der Sümpfe nach Westen zu fliessen.

Drei Stunden von der Mündung der Marowyne ist am holländischen Ufer die kaum bemerkbare Wanekreek, die in einem Sumpfe entspringt, der sein Wasser gleichzeitig nach der Marowyne und dem Courmotibo sendet; da dieser in die Cottica fliesst, und diese wieder in die Comewyne mündet, so kann man in den Regenzeiten, wo die Sümpfe 4-5 Fuss Wasser haben, mit kleineren Fahrzeugen in fünf bis sechs Tagen Paramaribo erreichen. In der Trockenzeit aber sind diese Moräste ausgetrocknet, und es besteht dann keine andere Verbindung als über See. Die weiteren bedeutenderen Kreeken sind dieAramatta, Maturi und Aroarica, die man aber blos einige Stunden aufwärts fahren kann.

Die Marowyne, die durch Hügel eingeengt bei Armina blos ¼ Stunde breit ist, dehnt sich oberhalb dieses Postens bedeutend aus. Ihr Bett, mit Klippen, Sandbänken und Inseln erfüllt, zieht sich mit wenig Buchten beinahe südlich. 4-500 Fuss hohe, stark bewaldete Hügel liegen dicht am Strome. Vier Tagreisen oberhalb Armina, unter 3° 40' nördl. Breite, und etwa 25 Stunden oberhalb dieses Postens theilt sich die Marowyne, nachdem sie mehrere bedeutende Wasserfälle bildete, in zwei Arme, deren einer aus Südosten strömt und Lava heisst, während der andere, aus dem Süden kommende, Tapanahoni genannt wird. Auf der Ecke, welche durch die Vereinigung beider Ströme entsteht, wohnen die Nachkommen der im Jahre 1806 von verschiedenen Militärposten weggelaufenen Guides (Negersoldaten), die, nachdem sie zuvor ihre Officiere ermordet hatten, nach diesem unzugänglichen Felsenneste flüchteten, und mit Mädchen der Boni- und Aucaner-Buschneger sich verbanden. An diesem Platze, der durch seine natürliche Lage geschützt, mit Felsen und Klippen umgeben ist, ist ein bedeutender Wasserfall, Singa De De, und in der Lava das Ende der mehrere Stunden langen Cascaden »Itepuou«. Am Ufer der Lava wohnen die Boni-Neger, ebenfalls Abkömmlinge früher von den Pflanzungen entlaufener Sclaven, die aber mit der Regierung nicht befreundet sind, und nur durch die Aucaner-Buschneger, für welche sie Canots verfertigen, mit Geräthschaften, Tüchern u. s. w. versehen werden. Die Lava, ein breiter, aber nicht sehr tiefer Strom, steht in Verbindung mit dem Camopy, der in den Oyapok mündet, und es kommt also auch hier die merkwürdige Gabeltheilung der Gewässer vor, die sich beim Orinoco und Amazonenstrom in viel bedeutenderem Maase zeigt.

Der Tapanahoni, der viel tiefer ist, und weniger Klippen haben soll, entspringt wahrscheinlich in der Nähe des Aequators, und kann als die eigentliche Marowyne betrachtet werden[2].

Die Seeküste westwärts der Marowyne besteht bis zu dem 14 Stunden entfernten Posten Oranje beinahe ganz aus ungeheuren Morästen, die mit der Fluth unter Wasser gesetzt werden, und in denen nur Gesträuche und unbedeutende Bäume wachsen.

Millionen von Wasservögeln, als: Flamingos, rothe Ibise, weisse und blaue Reiher, Löffelgänse, Jabirus, Enten und Schnepfen finden da ihre Nahrung, und nisten theilweise. Auf den höheren Stellen findet man viele Hirsche (Cervus mexicanus) und Krebshunde (Procion cancrivorus), und nur selten verirren sich ausser dem Jaguar andere Vierfüsser dahin.

Grosse Sandritzen durchziehen diese Moräste und dienen seit undenklichen Jahren weggelaufenen Negern, die in kleinen Dörfern leben, und in dem äusserst fruchtbaren Boden alle Arten Erdfrüchte im Ueberflusse ziehen, auch Wild, Fische und Federvieh in Menge haben, zum Schlupfwinkel[3].

Vom Posten Oranje bis zur Mündung der Motkreek, einem Arme der Cottica, rechnet man vier Stunden und von da bis zu den Ausflüssen des Matappica-Canals ebenfalls vier. Eine Stunde weiter mündet ein anderer Arm der Matappica, die Warappa-Kreek, in die See. Von letzterer Kreek bis an die Mündung des Surinam sieht man keine Spur von Cultur. Uebereinandergestürzte Bäume, durch die Kraft der Brandung ausgerissen, bedecken den Seestrand, und aus dem sumpfigen Innern ragen trockene, halbverkohlte Bäume hervor, die traurigen Ueberreste früherer, durch das Feuer verzehrter Wälder.

An der sechs Stunden von der Warappa-Kreek entfernten Mündung des Surinam, Braamspunt genannt, verliert sich der sandige Seestrand in grossen Schlammbänken, und die Ufer dieses Stromes werden durch Waldungen von Mangrovebäumen, deren zahllose Wurzeln und Schösslinge ein beinahe undurchdringliches Bollwerk bilden, gegen die Gewalt der Brandung geschützt.

Der Ausfluss des Surinam ist etwa eine halbe Stunde breit. Das Fahrwasser in denselben wird den Schiffen durch drei an den Ecken der Bänke liegende eiserne Buien angewiesen. Einegrosse Kreek, die Jonkermans-Kreek, mündet sich eine Stunde von der Mündung auf dem östlichen Ufer, und etwas weiter liegt die schöne und fruchtbare Zuckerpflanzung Resolutie. Zwei Stunden von Braamspunt verbindet sich die von Osten her kommende Comewyne, ein stattlicher, beinahe ebenso breiter Fluss, mit dem Surinam. Auf der südlichen Ecke, wo beide Ströme zusammenfliessen, liegt das stark befestigte Fort New-Amsterdam, das mit seinen Geschützen beide Ströme bestreichen kann. Zwei kleine Redouten, Purmerend und Leyden, die gegenüber dem Forte auf dem westlichen Ufer des Surinam und dem nördlichen der Comewyne lagen, sind jetzt verlassen.

Auf beiden Seiten der prächtigen Comewyne, die ohne bedeutende Buchten bis zu dem fünf Stunden von Forteress-Amsterdam entfernt liegenden Posten Sommelsdyk in östlicher Richtung ausläuft, liegen die schönsten und reichsten Zucker- und Caffeepflanzungen der Colonie. Die freundlichen, weissen Gebäude der Pflanzungen, die Zuckermühlen mit ihren hohen Schornsteinen, die Alleen von Palmen, Tamarinden- und anderen südlichen Obstbäumen, an welche grosse Zuckerrohr-Felder grenzen, oder die unter dem Schutze der Bananen versteckten Caffeebäume mit ihren saftigen, dunkelgrünen Blättern, dabei die hohen, dunkeln Wälder des Hintergrundes gewähren einen prachtvollen Anblick. Ehe man das Fort Sommelsdyk erreicht, ergiesst sich auf dem rechten Ufer die Matappica-Kreek in den Fluss. Sie theilt sich in mehrere Arme, und in zwei in die See mündende Canäle, die kleine Matappica und die Warappa-Kreek. Zucker-, Caffee- und Baumwollen-Pflanzungen liegen hier so nahe beieinander, dass aller Wald ausgerottet ist: man würde in einer reichen Gegend Hollands zu reisen glauben, wenn nicht die tropischen Gewächse und die nackten Neger die Illusion stören würden.

Bei Sommelsdyk theilt sich der Fluss; der südöstlich auslaufende heisst die obere Comewyne; man fährt sie in vielen Krümmungen etwa 15 Stunden weit aufwärts, wo sie sich nahe bei dem verlassenen Posten Oranjebo in vier bedeutende Kreeken,Peninica, Tampati, Mapana und Comewyne vertheilt. Das Befahren dieser Gewässer, an denen früher viele bedeutende Pflanzungen lagen, ist sehr mühsam, da übereinander gefallene Bäume und Felsen den Weg versperren. Das Land ist hier hügelig, auf seiner westlichen Seite unterbrochen durch grosse Sandsavannen, die von hier an sich bis an den Essequibo im brittischen Guyana erstrecken, und den Scheidegürtel machen zwischen dem ebenen bewaldeten Küstenlande und den bergigen Waldungen des Innern.

Die Kreeken und Sümpfe des obern Comewyne sind sehr fischreich, und der köstliche Haimura kommt hier in Menge vor.

Die Cottica läuft in grossen Krümmungen stets parallel mit der Seeküste, und hat auf eine Länge von acht Stunden Zucker- und Caffeepflanzungen. Das umliegende Land ist niedrig, ja bedeutend unter dem Niveau des höchsten Wassers, und nur gute Dämme und Schleussen halten das unruhige Element im Zaume. Auch in sie münden bedeutende Kreeken: von Süden die Perica, an der viele und bedeutende Pflanzungen liegen, und die früher durch einen Canal, die Bottelskreek, mit der oberen Comewyne sich verband.

Von Norden fliesst die Motkreek in die Cottica, an der nur noch zwei Baumwollen-Pflanzungen liegen; sie mündet durch einen Canal in die See.

Nach einem mit der Küste parallelen Laufe von 16 Stunden wendet die Cottica sich südlich, und verliert sich in Sümpfen in der Nähe der oberen Comewyne. An der Stelle, wo sie ihren Lauf verändert, fliesst eine schöne und grosse Kreek, die Courmotibo, aus Südosten in sie, und mit dieser vereinigt sich zehn Stunden aufwärts die Wanekreek, oder der Ausfluss der Sümpfe, die ihr Wasser nach dem Surinam und der Marowyne senden.

Die Ufer der Cottica und Courmotibo sind meistens nieder, mit Mauritien- und andern Palmen bewachsen, nur im obern Lande werden die Ufer hügelig. Ein Theil der Aucaner-Buschneger bewohnt beide Flüsse; sie bearbeiten das Holz der umliegendenWälder, und verkaufen es in der Colonie. Der Surinam kann, obwohl er an Grösse der Marowyne und dem Correntin nachsteht, wegen den vielen Pflanzungen, die an ihm liegen, als der Hauptfluss des Landes angesehen werden.

Seine Ländereien, schon seit so vielen Jahren bebaut, stehen aber an Fruchtbarkeit denen des Comewyne und besonders der Nickerie-Distrikte nach.

Von Forteress-Amsterdam aus zieht er sich in einem Halbzirkel nach der Bucht, an welche die Stadt Paramaribo gebaut ist. Sein Lauf zieht sich unter vielen bedeutenden Krümmungen südlich. Eine Stunde von Paramaribo empfängt er die aus Südwesten strömende Parakreek, an der drei Zuckerpflanzungen und verschiedene Holzgründe liegen. Dieser gegenüber mündet sich am östlichen Ufer die Pauluskreek, deren Pflanzungen jetzt bis auf eine verlassen sind. Zehn Stunden von der Stadt liegt ebenfalls auf dem östlichen Ufer das Dorf »Juden-Savanne«. Die Ufer werden von hier an bergig, sind mit dem herrlichsten Urwalde bedeckt, während landeinwärts grosse Savannen sich ausdehnen. Die Pflanzungen, meist verarmte Holzgründe, zeigen sich sparsamer, und die wilde Natur behält die Oberhand.

Fünf Stunden oberhalb des Judendorfes fliesst von der westlichen Seite die bedeutende Mareschalls-Kreek in den Surinam, deren viele Holzgründe schon längst verlassen sind. Durch diese Kreek kann man in die obere Saramacca gelangen, was übrigens, da sich in der Umgegend viele weggelaufene Sclaven aufhalten, noch Niemand unternommen hat. Vier Stunden weiter liegt der ansehnliche Holzgrund Bergen-Daal am Fusse eines etwa 200 Fuss hohen nackten Gebirges. In den Trockenzeiten ist der Strom sehr seicht, und manchmal stellenweise nicht über zwei Fuss tief, so dass die Verbindung mit Paramaribo sehr schwierig ist.

Vier Stunden weiter ist die unbedeutende Pflanzung und der Posten Victoria. Der Strom, durch ein hohes Ufer eingezwängt, ist höchstens 200 Fuss breit und voll Klippen undSandbänken. Dicht bewaldete Hügel und Berge umgeben ihn an beiden Seiten; nach weiteren drei Stunden fliesst aus Osten die bedeutende Sarakreek in den Surinam, der jetzt wieder breit und ausgedehnt mit Klippen, Inseln und Sandbänken bedeckt ist. Der Charakter der Umgegend ist ganz der der obern Marowyne, wiewohl der Fluss bedeutend kleiner, und die Scene desshalb nicht so grossartig ist. An der Sarakreek und in der Nähe derselben haben sich ebenfalls Aucaner niedergelassen. Diese Kreek läuft südöstlich weit landeinwärts, und die Buschneger kommen durch dieselbe nach acht Tagen, nachdem sie aber einige Tage über Land reisen, an die Dörfer ihres Stammes am obern Tapanahoni.

Vier Tagreisen über Victoria und zwischen dem dritten und vierten Grade liegen die Dörfer der Saramaccaner Buschneger. Wie in der obern Marowyne, so hindern in der Trockenzeit eine Menge Klippen und Bänke die Fahrt. Dagegen ist im Innern der Wasserstand stellenweise in grossen Regenzeiten bei 50 Fuss höher, als in der trockenen Jahreszeit, und die Schnelligkeit der Strömungen ausserordentlich. Fallen heftige Regen im obern Lande, so kann in einer Nacht das Wasser um acht Fuss anschwellen, wie ich es selbst auf dem Posten Victoria gesehen habe. Das letzte Dorf der Saramaccaner-Buschneger, Mongo (Berg), kann 40 bis 50 Stunden von Victoria, und der Höhe der Wasserfälle nach zu urtheilen, 500 Fuss höher als Victoria liegen. Auch sie haben über die bewaldeten Gebirge einen Weg zu den Aucanern am Tapanahoni, so wie eine andere Verbindung mit den Matuari- und Becu-Musiuga-Buschnegern, die den obern Saramacca bewohnen. Auf alten Karten findet man die Lage eines Salzberges angegeben, der aber wahrscheinlich blos in der Phantasie existirt, weil die Buschneger mit vieler Mühe ihr Salz von Paramaribo holen, und in Ermanglung desselben die Asche der Pinapalme auslaugen, welche Soda ähnliche Substanz ihnen das Salz ersetzen muss.

Sieben Stunden westlich von Surinam ergiessen sich die Saramacca und Coppename in die See. Beide machen durchweit auslaufende Schlammbänke die Einfahrt mühsam. Ihre Wandungen sind nieder und mit Gesträuch bewachsen. Die Saramacca wurde erst in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts angebaut und steht durch den bei Paramaribo mündenden vier Stunden langen Wanicakanal mit dem Surinam in Verbindung. Die Erzeugnisse der Pflanzungen an der Saramacca, meist Zucker und Kaffee, werden auf diesem Wege nach Paramaribo gebracht, wiewohl kleinere nicht tiefgehende Schiffe ihre Ladung manchmal selbst in Saramacca einnehmen.

Wenig kleiner als der Surinam läuft die Saramacca in den langweiligsten Krümmungen südlich; diese hat oberhalb des Wanicakanals nur wenige unbedeutende Holzgründe an ihren Ufern. Eine Menge Kreeken, die ihren Ursprung in den Savannen nehmen, fliessen von beiden Seiten in den Fluss. Der letzte bewohnte Platz, ein früherer Militärposten, Saron, und in alten Zeiten eine Station der Herrnhuter Missionäre, liegt etwa 18 Stunden von der See ab, was aber durch die bedeutenden Krümmungen wohl eine Reise von 30 Stunden erfordert.

Von Saron führt ein Weg von acht Stunden durch Savannen und Wälder nach der Pflanzung Berlin am obern Para, von wo ein anderer Communicationsweg von 13 Stunden bis nach Paramaribo geht.

Etwa fünf Stunden über Saron liegt am Flusse ein göttlich verehrter Hügel, den die Buschneger im Vorbeifahren mit Flaggen und bunten Tüchern schmücken, und dabei nie versäumen, ihre Opfer darzubringen. Etwas weiter findet man die Mindrinetti- (Mitternacht-) Kreek, die durch die Mareschalls-Kreek den Surinam mit der Saramacca verbindet.

Fünf Tagreisen von Saron wohnen die Becu-Musinga- und Matuari-Neger, 5-600 an der Zahl. Ihren Aussagen nach müssen die Gebirge und Wasserfälle um vieles höher, als die der andern Flüsse, und die Savannen des Inlandes nicht so entfernt seyn. Die Coppenami, welche mit der Saramacca in die See fliesst, kommt ebenfalls aus dem Süden, und hat an ihren reichen und schönen Ufern blos das Leprosen-EtablissementBatavia, das etwa zwei Stunden von der See entfernt ist. Sechs Stunden weiter liegt die dem Gouvernement gehörende Holzsägerei Andresen, wo durch Sclaven feine Bau- und Möbelhölzer bearbeitet und nach den Antillen verkauft werden. Bei Batavia fliesst die grosse und sehr fischreiche Cusuwini-Kreek, die beinahe parallel mit der Saramacca in den wunderlichsten Krümmungen von Süden kommt, in die Coppenami. Mehrere grosse Kreeken, theilweise von Indianern bewohnt, münden in den Coppenami, dessen weiterer Lauf und Ursprung nicht bekannt ist.

Die Seeküste zwischen dem Coppenami und dem westlichen Gränzfluss Correntin wird in zwei Distrikte eingetheilt: Ober- und Nieder-Nickerie. Das niedrige Land ist dem Anbau der Baumwolle besonders günstig, und erst im Anfang dieses Jahrhunderts in Cultur gebracht. Der Oberdistrikt fängt etwa sechs Stunden westlich von der Coppenami an, und besteht aus einer Anzahl Pflanzungen, die längs der Seeküste liegen, und durch einen vier Stunden langen Fahrweg mit einander verbunden sind. Die Erzeugnisse werden mit Küstenfahrzeugen abgeholt und zum Weiterversenden nach der Stadt gebracht, was sehr schwierig ist. Der Boden ist ungemein fruchtbar, nur leidet dieser District, da er an keiner Kreek gelegen ist, in den Trockenzeiten manchmal grossen Mangel an Trinkwasser, das man aus den weiter abgelegenen Sümpfen manchmal 2-3 Stunden weit auf dem Kopfe herbeischleppen muss. Neun Stunden westlich vom Oberdistrikt und von diesem durch grosse Sümpfe abgeschieden, fängt der Niederdistrikt an, an dessen Seeküste sich ebenfalls verschiedene Baumwollen-Pflanzungen befinden. Auf der Landspitze, die durch die Mündung der Nickerie-Kreek gebildet wird, ist ein bedeutender Militärposten der Sitz des Landdrostes und verschiedener Kaufleute und Handwerker. Dieses kleine Dörfchen, das aus zwei Strassen besteht, führt den Namen New-Rotterdam. An der Nickerie-Kreek, die durch die Waiambo mit der Coppenami in Verbindung steht, liegen verschiedene Zucker- und einige Kaffeepflanzungen, derenErzeugnisse durch holländische oder amerikanische Schiffe direct abgeholt werden.

Die letzte Pflanzung Krabbehoek ist ungefähr sechs Stunden von der Mündung entfernt, und die ganze bedeutende Kreek, so wie die in sie mündende Maratacca nur spärlich von Indianern bewohnt.

Die Correntin strömt, an ihrer Mündung mit der Nickerie-Kreek vereinigt, hier in die See. Beider Breite beträgt vom Posten Nickerie bis an das linke Ufer des Correntin etwa drei Stunden. Auf der englischen Seite sind zwei Zuckerpflanzungen, Mary's-hope und Skeldon. Die holländische ist aber gänzlich unbewohnt. Die Maratacca soll nach Aussage der Indianer mit der Correntin in Verbindung stehen.

Der Ursprung dieses grossen Stromes ist ganz unbekannt, vermuthlich entspringt auch er in den waldigen Gebirgen am Aequator.Richard Schomburghhat diesen Strom befahren und hieroglyphenartige Schriftzeichen in den Felsen eingehauen entdeckt, woraus man schliessen kann, dass die Bewohner der Vorzeit den jetzigen an Bildung voraus waren. Im Correntin, bei den früheren Herrnhuterstationen Semira und Oreala, findet man einen weissen Thon, der der Kreide sehr ähnlich kommt, und im Flussbette einen rothen jaspisartigen Stein, der eine vortreffliche Politur annimmt, und den die Caraibenweiber zum Poliren ihrer Töpfe gebrauchen.

So leicht der Garnisonsdienst auch war, und so viel freie Zeit wir auch hatten, um in der Stadt und Umgegend herumzuschwärmen, so sehnte ich mich doch recht herzlich nach noch grösserer Freiheit. Die Erzählungen meiner Kameraden von der Lebensweise auf den Militärposten, von Jagd und Fischerei, hatten meine Phantasie so sehr aufgeregt, dass ich das Ende des Jahres 1836, zu welcher Zeit die Posten abgelöst wurden, und nun auch die Reihe an mich kommen sollte, kaum erwarten konnte.

Das Maschinenmässige des Dienstes, so gliederpuppenartig es auch ist, hatte für mich bei weitem das Langweilige nicht, als für die meisten meiner Kameraden. Nie kam mir, wenn ich Schildwache war, Schlaf in die Augen; denn immer gab es etwas bei Tag oder bei Nacht, das meine Sinne beschäftigte.Bei Tage unterhielten mich die Colibris, die in den Tamarindenbäumen, unter denen ich mit meinem Gewehr hin- und herspazierte, pfeilschnell herumschwirrten, oder die Aasgeyer, welche vor der Küchenthüre lauerten, und, wenn der Koch nicht auf seiner Hut war, sich selbst ein Stück Fleisch vom Tisch nahmen und damit aufs Dach der Kaserne flüchteten; bei Nacht war es das Spiel Tausender von Feuerfliegen, die in allen Richtungen über die Savannen und Gärten flogen, oder die Musik unzähliger Kröten, welche in den Gräben sich aufhielten; oder das Schwirren enormer Fledermäuse, welche auf Insekten Jagd machten.

Die Hälfte unseres Corps waren Deutsche; und man sah viele sehr gebildete Männer, die in bedeutend besseren Verhältnissen in ihrem Vaterland gelebt hatten, hier Schildwache stehen. Aber die meisten waren unerträgliche Trunkenbolde, die aus Verdruss oder Langeweile ihre Grillen im Schnapse ersäuften und jeden Cent, der ihnen beim sparsamen Solde übrig blieb, in die Kneipe trugen. Die Natur zog keinen an, für ihre Genüsse hatte keiner Gefühl. Desshalb war ich auf meinen Wanderungen auch immer allein, und die hier so ergiebige Insektenjagd hielt mich entfernt von Gesellschaften und lustigen Parthien, zu welchen ich nie Neigung fühlte. Da wir immer in weissen Hosen, in Uniform und bewaffnet ausgehen mussten, so führte ich im Tschako ein Kistchen und Hosen mit, auf dem Rücken stak unterm Wamms mein Schmetterlingsnetz, und auf der Brust trug ich eine alte Mütze. Ausserhalb der Stadt legte ich meine guten Kleider ab und gab sie in bekannten Häusern in Verwahrung; dann zog ich mit Netz und Säbel bewaffnet in den Wald. Es war eine glückliche Zeit; denn auf jeder Wanderung entdeckte ich neue, mir unbekannte Specien. Kam ich dann Abends mit meinem Fang nach Hause, so fand ich das delicate, für mich bewahrte Essen, und die kalten Bananen, mit1/14Pfund Speckfett übergossen, schmeckten vortrefflich.

Ich genoss stets der besten Gesundheit, wozu freilich mein diätes Leben viel beitrug.

Endlich, obwohl die Zeit mir schnell verging, wurde ichbeordert, mich reisefertig zu halten, um nach den so gepriesenen Posten abzugehen.

Eine Pont vom Posten Gelderland, welche die Lebensmittel auf drei Monate abzuholen hatte, sollte mich mit fünf andern Soldaten mitnehmen. Wir kauften uns desshalb beim Sergeant-Major der Compagnie, welcher den Soldaten verkaufen durfte, was sie nöthig hatten, Seife, Speck, Hosenzeug, kurz dasjenige ein, was wir auf dem Posten nöthig zu haben glaubten.

Den Betrag dieser Gegenstände, die nicht sehr wohlfeil geliefert werden, zieht der Sergeant-Major von dem Solde ab, der den Soldaten jeden Monat nach den Posten geschickt wird.

Fast immer ist eine solche Abreise die Veranlassung zu einem Trinkgelage, das der Abreisende seinen Kameraden gibt. Fehlt es ihm, was beinahe immer der Fall ist, an Geld, um Branntwein zu kaufen, so werden die noch nicht bezahlten, theuren Waaren des Sergeant-Majors um Spottpreise verkauft und der Erlös vertrunken.

So treten denn die Meisten mit nacktem Leib, ohne Sold, arm und voll Schulden die Reise nach dem Bestimmungsorte an, um dort so lange Mangel zu leiden, bis sich der Sergeant-Major bezahlt gemacht hat. Diess war auch bei meinen Kameraden der Fall, von welchen zwei in die Pont getragen werden mussten. Sie war mit Kisten und Fässern so vollgepfropft, dass man beinahe keinen Fuss vorsetzen konnte.

Der Kommandant über uns und das Fahrzeug war ein Sergeant, der auf dem Hauptposten detachirt lag. Ausserdem machte die Frau eines Corporals, der auf dem Posten Gelderland eine Herberge hatte, die Reise mit. Sie hatte unter andern Dingen zwei Kisten Genever eingekauft, die ebenfalls im Fahrzeuge waren. Für uns Soldaten blieben blos zwei Plätze übrig, um zwei Hängematten zu hängen; denn der meiste Raum wurde von dem Sergeanten und der Frau eingenommen, welche die Nacht bequem in ihren Hängematten durchbrachten. Ich war seit einigen Wochen mit einem Hautausschlag, dem sogenanntenrothen Hunde, so geplagt, dass mein Leib wie Eine Wunde aussah, und meine Kleider mir überall anklebten. Es war desshalb beim Liegen auf den Fässern an keinen Schlaf bei mir zu denken, und das Krähen der Hähne auf den Plantagen, an welchen wir vorbeifuhren, mir eine erwünschte Musik.

Kaum erhellte der anbrechende Tag das Chaos unseres Nachtlagers, als ein Zetergeschrei der Corporalsfrau uns Alle ermunterte.

In der Dunkelheit der Nacht hatte nämlich ein Durstiger einen ihr gehörenden Kelder (Kiste) Genever erbrochen und zwei Flaschen von diesem Lebenswasser gestohlen. Eine grosse Untersuchung ihrerseits und unser fürchterliches Raisonniren zauberten die fehlenden Flaschen nicht herbei. Ihr Verdacht fiel auf einen alten Soldaten, der schon seit ein paar Tagen nicht nüchtern geworden war und eben vom Boden der Pont aufstand, wo er die Nacht zugebracht hatte. Die Frau, welche schon seit 16 Jahren in Ostindien gedient hatte, und ihre Zunge zu gebrauchen wusste, beschuldigte unter argen Scheltworten den armen Kerl des Diebstahls. Da es ihm nun nicht möglich war, mit nüchternem Magen gegen eine solche Fluth von Ehrennamen, mit welchen sie ihn überhäufte, zu protestiren, so wirkten gekränktes Ehrgefühl, Alteration und Katzenjammer dermasen auf seine Sinne ein, dass ein Anfall von Epilepsie erfolgte, und wir kaum im Stande waren, ihn festzuhalten.

Heulend betheuerte er, als er sich ein wenig erholt hatte, seine Unschuld; er zerschlug sich die Brust, welche so haarig, als das Fell eines Bären war, und rief seine verstorbene Mutter zum Zeugen seiner Unschuld auf. Uns standen vor Rührung Thränen in den Augen.

Gegen Mittag, nachdem alle Geister beruhigt waren, hielten wir an einer Zuckerpflanzung, auf welcher der Sergeant und die Frau beim Director assen, während wir in der Mühle unser Essen bereiteten, zu welchem uns der Director einen Busch Bananen und eine Flasche Rum sandte. Da wir der Meinung waren, wir würden des andern Morgens auf Gelderland ankommen,und uns auf die Gastfreundschaft der dortigen Kameraden verliessen, so warfen wir unsere sämmtliche Ration an Fleisch und Speck in den Topf.

Mit anbrechender Nacht fuhren wir weiter, hatten aber am zweiten Mittag den Posten noch nicht erreicht. Die Ebbe trat ein, und an einem armseligen Holzgrunde mussten wir die Fluth erwarten.

Jetzt bereute man es, den Tag zuvor so flott gelebt zu haben. Mit vieler Mühe bekamen wir einen Busch Bananen, wozu die mitleidige Corporalsfrau einen Häring beifügte, an welchem sich keiner den Magen überlud, da wir ihn unter sechs theilen mussten. Endlich in der Frühe landeten wir am ersehnten Posten, wo unsere Kameraden, so wenig sie auch für sich hatten, doch ihr Essen mit uns theilten.

Der Posten Gelderland, oder richtiger die Judensavanne (zehn Stunden von Paramaribo entfernt), ist der erste Platz, wo sich das Land bedeutend erhöht und die Einförmigkeit der Ebenen durch Sandhügel unterbrochen wird. Auf einem, etwa 70-80' über den gewöhnlichen Wasserspiegel des Surinam erhabenen Hügel liegt ein sehr in Verfall gerathenes Dorf: der Portug, Judengemeinde, dessen aus Backsteinen gebaute Synagoge von früherem Wohlstand zeugt. Das Dorf war von mehr als 200 Familien bewohnt, jetzt aber leben nur noch einige in alten, halbverfallenen Häusern von den Wohlthaten ihrer Glaubensgenossen in Paramaribo, und dem Nutzen einiger Kühe, die in den dürren Savannen ein spärliches Futter finden. Das hohe Alter dieser Menschen, deren einige tief in den achtziger Jahren sind, ist eine Folge ihrer einfachen Lebensweise und der gesunden Lage ihres Orts.

Der Posten und die Wohnung des Kommandanten liegen im Thale am Strom. In einer Schlucht des Hügels entspringt eine Wasserquelle dem Felsen, welche einen Sumpf bildet, der mit der üppigsten Vegetation bedeckt ist. Baumfarnen, viele Arten Melastomen und Aroideen, durchschlungen von schönen, blühenden Lianen, wachsen an den Felsen herauf, während amRande der Savanne zahllose Bromeliaceen undurchdringliche Büsche bilden. Der blendend weisse Sand der Savannen bildet einen mächtigen Contrast mit den dunkeln Wäldern, die sie umsäumen, und schmerzt das Auge ebensosehr, als er durch seine Hitze dem Wanderer beschwerlich ist, der an schwülen Tagen darin marschiren muss.

Oben auf dem Hügel sieht man in südwestlicher Richtung ein hohes, blaues Gebirge sich über den dunkeln Waldungen ausdehnen. Eine Insel im Flusse verbirgt zur Hälfte einen kleinen Wachposten, der an der jenseitigen Seite sich befindet. Einige Caraibendörfer lagen zerstreut in den benachbarten Savannen.


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