Sechster Abschnitt.Abreise nach der Marowyne. Seekrankheit. Haferey. Posten Prinz Willem Frederik. Erste Beschäftigungen. Umgebung des Postens. Stranden der Catharina Jakoba. Raubsucht der Matrosen. Ueberfluss auf dem Posten. Interessante Soirée. Abholen der Güter von Bord. Brodtrunkenheit der Soldaten und Matrosen. Ankunft des Kommandanten. Das Wrak. Ein Possenreisser. Abfahrt der Soldaten nach Armina. Kriegsmatrosen und Arowack-Indianer. Nachtbilder in der Bäckerei. Lebensweise, Sitten und Gebräuche der Caraiben. Zurückkunft des Schooners. Die Haushälterin. Wohlfeiler Tabak. Seeschildkröten. Mosquittosplage. Bremsen. Arbeiten am Wrak. Reise nach Armina. Leben der Soldaten dort. Handel. Kauf des Wraks. Fahrt nach dem Kloster Mana. Die Aebtissin. Das Etablissement Mana. Bevölkerung. Reinlichkeitssinn. Bereitung des Tapioca. Weitere Arbeiten am Wrack. Verkauf desselben. Besuch auf Mana. M's. Streit mit der Aebtissin. Der Rokou oder Orleanbaum. Gefahr auf der Zurückreise. Muschelfang. Die Seekuhkreek. Traurige Nachricht. M's. Abreise. Die Chika oder Sandfloh. Der Mosquittoswurm. Vampyre. Schlangen. Klapperschlange. Streit mit einem Indianer. Besuch der französischen Leproserie. Bau neuer Häuser auf dem Posten. Der Geelbakker. Krankheit. Die Pompaschlange. Zurückreise nach Paramaribo.

Die Caraiben sind bei weitem nicht so ceremoniös, und bedanken sich blos im Allgemeinen und beim Empfang der Speisen mit Jo.

Im Hause meines Wirthes sah ich ein paar Frauen, die wohl hundert Jahre alt seyn mochten. Sie spannen Baumwolle und sassen in ihren Hängematten, die sie nie verliessen. Sie waren beinahe blind; desswegen musste das Feuerchen, das unter ihren Hängematten brannte, von Kindern unterhalten werden. Ihre Haare waren trotz ihres hohen Alters kohlschwarz und dicht.

Beinahe in jeder Hütte fand man Hunde, die bei unserer Ankunft immer ein schreckliches Gebell erhoben, in welchesAffen, Papageyen und andere gezähmte Thiere miteinstimmten. Am auffallendsten sind die Hühner, die beinahe noch einmal so gross als die gewöhnlichen, in Menge vorhanden, und desshalb wohlfeil zu bekommen waren. Auf den Plantagen leben sie nicht lange, geben auch keine ihnen gleiche Zucht.

Mit einem Affen, Hühnern und Ananassen reichlich versehen, trat ich die Rückreise an, und war am achten Tag wieder auf meinem Posten.

Mein Kommandant hatte mir bei seiner Abreise das Versprechen gegeben, mich so bald als möglich nach Paramaribo kommen zu lassen, weil er wusste, dass ich auf Nickerie wenig Vergnügen hatte; denn der Umgang mit meinen Kameraden hatte für mich wenig Angenehmes, und das Herumschwärmen nach Insekten im Busch und Wald war hier unmöglich. Mit grosser Ungeduld sah ich der Zeit meiner Abberufung entgegen. Ein Ereigniss aber, das ich kurz hier anführe, um zu beweisen, wie listig manche Neger sind, und wie schwer es hält, sie vor Desertion zu hüten, wenn sie sich dieselbe in den Kopf gesetzt haben, verzögerte meine Abreise.

Mehrere Monate vorher, ehe ich den Posten verliess, kam ein Gouvernementsbrief an den Landdrost, welcher die Nachricht enthielt, dass ein berüchtigter Wegläufer sich in den Wäldern zwischen dem Ober- und Niederdistrikt aufhalten müsse. Dieser war nämlich schon vor längerer Zeit von einer Pflanzung an der Hoerhelena-Kreek in einem Corjaal entwischt und hatte sich zur Nachtzeit nach Paramaribo begeben. Dort liess er sein Fahrzeug wegtreiben und stahl in den Aeckern im Umkreise der Stadt seinen Lebensunterhalt. Da er aber hier der Gefahr sich aussetzte, gefangen zu werden, beschloss er, sich nach dem Niederdistrikt zu begeben, weil er dort früher gearbeitet hatte und desshalb bekannt war. Zu diesem Zweck stahl er in der Saramakka, wohin er sich zu Fuss begab, aufs Neue eine Corjaal, fuhr blos bei dunkler Nacht diesen Strom abwärts, passirte so ungesehen die Militärposten und das Wachtschiff und kam glücklich in die See. Während er aber naheam Oberdistrikt den Tag über seine Corjaal in einer kleinen Kreek verbergen wollte, wurde er von Fischernegern einer nahegelegenen Pflanzung entdeckt, gefangen genommen und nach dem Posten Coroni gebracht. Dort wusste er sich unter den Augen einer Schildwache seiner Ketten zu entledigen, und es gelang ihm, zu entkommen, ohne dass man ihn sogleich vermisste. Ein altes Hemd und ein gesalzener Fisch wurden von ihm noch aus der Küche der Soldaten mitgenommen.

Die Schildwache, unter deren Aufsicht er stand, wurde in Folge seiner Flucht in Paramaribo zu fünf Jahren Festungsarbeit verurtheilt.

Fruchtlos wurden von uns Patrouillen nach ihm ausgesandt. Endlich entdeckte man ihn hinter den Kostäckern der Pflanzung Nursery, wo er sich verproviantirte. Er hatte im Walde ein kleines Hüttchen gebaut, das er so lange zu bewohnen gedachte, bis sich eine günstige Gelegenheit zum Entkommen nach der englischen Colonie zeigen würde. Mit Stricken und Ketten gefesselt wurde er nach dem Posten gebracht, wo ihm die besten Eisen angelegt wurden. Den Tag über wurde ihm eine Schildwache beigegeben, unter deren Aufsicht er den Platz vom Grase säubern musste, und des Nachts schloss man ihn in die Arrestkammer. Man wartete nun auf eine günstige Gelegenheit, um ihn nach Paramaribo zu bringen.

Inzwischen wurde der Kerl krank und so schwach, dass man ihm die Ketten abnehmen musste. Er stöhnte und jammerte so erbärmlich, dass man ihn seinem Ende nahe glaubte, und bat daher den wachhabenden Corporal um Gotteswillen, ihn doch aus der Arrestkammer, wo ohne Feuer die Mosquittos freies Spiel hatten, zu nehmen und in der Wachtstube in den Block zu schliessen, was der gutmüthige Corporal auch that. Scheinbar halb todt brachte man ihn aus dem Arrest und schloss seine Füsse in den Block.

Kaum war es dunkel, so brach er mit einem alten Stück Eisen, das er in seinem Kamis (Binde um den Leib) versteckt hatte, das Charnier des Blockes auf und lief ganz still weg.Man schlug nun Allarm, und der ganze Posten machte sich auf die Beine, um dem Entlaufenen, dessen Krankheit blos eine geheuchelte war, nachzusetzen, aber ohne Erfolg.

Zwei Tage hernach kam meine Ablösung aus Paramaribo. Diese trat aber an die Stelle des Corporals, dem der Neger entschlüpft war, und der nun nach Paramaribo vor den Kriegsrath geschickt wurde. So musste ich denn zu meinem grossen Aerger noch bleiben. Hiezu kam noch der angenehme Auftrag, auf den Plantagen die abermalige Flucht des gefährlichen Kerls anzuzeigen, bei welcher Gelegenheit ich gar manches bittere Wort über die Wachsamkeit von 60 Mann hören musste.

Sechs Wochen später wurde der Entlaufene beinahe auf demselben Flecke, wo er zuerst gefangen ward, wieder arretirt und unter grossem Jubel nach dem Posten gebracht. Dass man jetzt alle Vorsicht gebrauchte, lässt sich denken. Geschlossen musste er unter der Gallerie des Wachthauses sitzen, wo ihn die Schildwache beständig zu beobachten hatte.

Aber auch hier wäre er beinahe wieder entwischt; denn er benützte den Augenblick, wo die Schildwache um das gegenüberliegende Hospital ging, um in die Wachtstube zu kriechen, wo er aus der unverschlossenen Schublade den Schlüssel seiner Fesseln holte.

Als die Schildwache von ihrer, kaum eine Minute dauernden Wanderung zurückgekommen war, sass er wieder ruhig an seinem Platze. Kaum drehte ihm diese von Neuem den Rücken, so schloss er behend seine Fesseln auf, legte diese zum Spott auf den Tisch und lief weg. Glücklicherweise sah diess aber die Schildwache, und er wurde bald wieder eingeholt, weil er einige Tage krumm geschlossen gesessen hatte und in Folge davon nicht so schnell laufen konnte.

Dass es nun neue Hiebe regnete, und die ganze Wachmannschaft ihre Wuth an ihm ausliess, versteht sich von selbst. Der Landdrost aber, der des gefährlichen Kerls sich gerne entledigt hätte, hatte im Sinn, ihn unter meiner Aufsicht mit dem Tentboot auf der Nickerie und Saramacca nach der Stadtzu schicken. Glücklicherweise kam aber zwei Tage später ein Schooner, auf welchem ich mit zwei Soldaten und dem Gefangenen, nebst 26 Kühen, welche der Kapitän des Schooners mitnahm, Nickerie verliess.

Wir kamen nach einer siebentägigen, stürmischen Fahrt, während welcher fünf unserer vierfüssigen Reisegefährten starben, den 5. September 1839 in Paramaribo an.

Es ging nun alles wieder seinen alten, maschinenmässigen Gang: Wache, Exerciren und Compagniedienst wechselten wie früher; zuweilen fand ich auch einen freien Tag, den ich zum Besuch der umliegenden Wälder benützte.

Zu Ende Octobers wurde ich abermals detachirt und kam nun an den Seeposten Alsimo, der bei der Pflanzung gleichen Namens an der Mündung der Warappakreek liegt.

Dieser Posten wurde von einem Sergeanten kommandirt, und die sechs Soldaten hatten die leichtesten Dienste.

Lebensmittel gab es hier in Menge; nur musste man das Regenwasser anderthalb Stunden weit herbeiholen, obgleich auf der Pflanzung in grossen Wasserbehältern solches im Ueberfluss war. Das Detachement lebte aber in grosser Feindschaft mit dem Director derselben, der sogar behauptete, Sergeant und Soldaten seyen seinen Hühnerställen gefährlicher, als Tigerkatzen und Awaris (Beutelratzen).

Diese Behauptung war freilich nicht ganz ungegründet; denn manche Ente und mancher Truthahn, welche sich erfrechten, das herumliegende Welschkorn in der Kaserne aufzupicken, kehrte nicht mehr nach der Plantage zurück.

Eine alte Negerin der Pflanzung, welche die Aufsicht über das Federvieh hatte, bekam dann regelmässig eine Tracht Schläge. Der Director liess sogar nach Federn im Umkreise der Kaserne suchen, um seine Anklagen beweisen zu können; aber die Soldaten waren so klug, und sandten sie mit der Ebbe in die See.

Nach sechs Wochen langweiligen Aufenthalts wurde ich zu meiner grossen Freude wieder abgelöst und nach dem Hauptquartier versetzt.

Ich hatte nun von 4 Dienstjahren 2½ Jahre auf Posten zugebracht und glaubte desshalb, beim Anfang des Jahres 1840, wenn die Posten gewöhnlich abgelöst werden, in Garnison bleiben zu dürfen.

Diess war aber nicht der Fall, denn ich wurde nach dementlegenen Posten Armina, dessen sämmtliche Wachmannschaft abgelöst wurde, beordert.

Unser Detachement bestand aus dem Kommandanten, einem zweiten Lieutenant der Colonial-Guiden, einem Sergeanten, einem Korporal, 10 Jägern und 3 Kanonieren. Die Haushälterin des Sergeanten (eine Mulattin mit ihrem Kind) vermehrte die Gesellschaft. Ausserdem waren noch 10 Matrosen von allen Farben, sowie ein Kapitän, an Bord.

Es war der Schooner Beschermer, der früher auf Nickerie als Wachtschiff gedient hatte und ganz besonders darin geschickt war, die zur Seekrankheit geneigten Constitutionen so krank und elend, als möglich, zu machen.

Die für den Posten bestimmten Lebensmittel und das Gepäck der Offiziere füllten den Raum des an sich schon kleinen Fahrzeuges so an, dass es unmöglich war, einen Fuss auf das Verdeck zu setzen. Selbst für unsere Kisten fand sich kein Platz mehr und sie mussten desshalb auf dem Verdeck stehen bleiben.

Es war Ende Januars, als wir Paramaribo verliessen und noch war die Mündung des Flusses noch nicht erreicht, als schon die meisten von uns, und ich wohl am ärgsten, von der Seekrankheit befallen waren. Man hörte nichts als Klagen und Stöhnen, und einer fiel über den andern. An Essen und Trinken war bei mir wenigstens nicht zu denken und immerwährendes Erbrechen schwächte mich so, dass selbst der Lieutenant, der sonst nicht viel weggab, mir eine Tasse Kaffee anbot.

Glücklicherweise währte die Reise nicht lange; denn schon am Morgen des vierten Tages lagen wir in der Mündung der Marowyne vor Anker.

Kaum hörte man das Brausen der Fluth an den vielen Sandbänken, welche diesen Strom so gefährlich machen, als der Kapitän die Anker lichten liess und unter beständigem Looden hineinsegelte.

Noch hatten wir drei Faden Wasser, als kaum eine Minute später der Schooner mit solcher Gewalt an eine Bank stiess, dass wir Alle zu Boden stürzten.

Jetzt folgte Stoss auf Stoss, so dass das Steuerruder losriss und der lose Kiel sich ablöste. Die Sache sah sehr gefährlich aus, denn es zeigte sich ein bedeutender Leck. Anhaltend musste man pumpen; überhaupt wurden alle erdenklichen Mittel angewendet, um das Fahrzeug wieder flott zu machen.

Obgleich die Sache weniger lebensgefährlich war, weil in den zwei Booten des Schooners wir uns Alle leicht hätten retten können, so stand doch die Ladung auf dem Spiel.

Der sonst so bedächtige Kapitän hatte den Kopf ganz verloren; doch wurde das Fahrzeug bei aufsteigender Fluth wieder von selbst flott und unter immerwährendem Pumpen erreichten wir glücklich den Posten Prinz Willem Frederik, der von Ferne einem halbverfallenen Indianerdorfe nicht unähnlich sah.

Abends 5 Uhr betraten wir mit unsern Habseligkeiten das Land, wo wir den Kommandanten und den Doctor von Armina trafen. Sogleich traf man Anstalten, um den Schooner auszuladen und wir waren beinahe die ganze Nacht damit beschäftigt, Fleisch-, Mehl- und Salzfässer nach dem Posten zu rollen. An Schlaf war bei der Unzahl von Mosquittos gar nicht zu denken.

Der Posten selbst war wirklich noch tausend Mal schlechter, als er, vom Strande aus gesehen, schien; denn er bestand nur aus drei Hütten, von welchen die erste, am Strome stehende, grossartig Kommandanten-Wohnung genannt wurde. Eine andere hiess Kaserne, diese lehnte sich unter einem Winkel von beinahe 40° an die Bäckerei an, welche eine entgegengesetzte Richtung angenommen hatte. Alle drei waren aus Pallisaden gebaut, mit Pinablättern gedeckt und so gut gegen Regen und Mosquittos verwahrt, dass, wenn Thüren und Fenster geschlossen waren, die Ziegen durch die Lücken der fehlenden Palissaden ins Haus kommen konnten. Beim Regen blieb kaum ein Plätzchen übrig, um die Gewehre trocken zu halten, und bei heftigem Winde flüchtete man aus guten Gründen ins Freie.

Ein weites Feld für einen wirksamen Geist, dachte ich, als der kommandirende Korporal, den ich ablösen musste, mir einige Tage später nebst dem Inventarium den Posten übergab und mitwichtiger Miene, als gäbe er Juwelen weg, die alten Schaufeln, Rechen u. s. w. zustellte. Die Geräthschaften waren überhaupt so alt und abgenutzt, dass man in der Amsterdamer Judenbrenstrasse keine schlechteren finden wird.

Die Soldaten, welche zur Ablösung des Postens Armina bestimmt waren, wurden gleich am Tage nach unserer Ankunft im grossen Boote des Postens dahin abgeschickt, und wir mussten dem Kapitän des Beschermers bei der Reparation seines unglücklichen Fahrzeuges helfen. Da der als trefflicher Segler bekannte Schooner ungemein spitz und tief gebaut war, der Leck aber unten am Kiel sich befand, so kostete es keine geringe Mühe, das Fahrzeug so hoch ans Land zu schaffen, dass man dem Schaden abhelfen konnte. Endlich war er wieder so weit in Stand gesetzt, dass man die kleine Reise nach Paramaribo mit ihm wagen konnte.

In den letzten Tagen des Januar schiffte sich der abgehende Offizier mit seinen Untergebenen ein, und ich dankte Gott für die Erlösung von einer Truppe, für welche es bei den schlechten Lokalitäten noch an Platz fehlte.

Zum Unglück stiess der Beschermer in der Mündung des Stromes abermals auf eine Bank, verlor das Ruder und bekam einen solchen Leck, dass es nur unter anhaltendem Pumpen möglich war, die Stadt zu erreichen, wo seine Ausbesserung über 2000 fl. kostete.

Einen Tag nach der Abreise des Detachements machten sich auch der Lieutenant und der Doctor auf den Weg nach dem Hauptposten. Ersterer lud so viel als möglich in seine zwei Boote und segelte unter meinem herzlichen Glückwunsch einer glücklichen Reise davon.

Ich bezog nun die Kommandanten-Wohnung, welche ebenfalls aus Pallisaden bestund, doch in einem etwas besseren Zustand, als die Kaserne sich befand.

Zum Glück war eine hinreichende Menge von Nägeln und neuen Pallisaden vorräthig, so dass ich mit Hülfe meiner 5 Soldaten mein Haus nothdürftig ausbessern und wenigstens soweit herrichten konnte, dass die Ziegen nicht mehr herein konnten.

Mein Geschäft auf dem Posten war ein sehr einfaches und geringes und die Besatzung, welche aus einem Korporal und 5 Soldaten bestand, unter welchen ein Bäcker war, hatte nichts zu thun, als für ihren Unterhalt zu sorgen. Sah man auf der See ein Schiff in der Richtung nach Westen, so zog man die holländische Flagge auf, und nahm sie wieder weg, wenn dasselbe passirt war.

Ausserdem mussten die Lebensmittel, welche alle drei Monate auf einem Schooner von Paramaribo aus hieher geschickt wurden, so lange verwahrt werden, bis sie nach und nach vom Hauptposten Armina abgeholt wurden. Dieser lag etwa achtzehn Stunden weiter landeinwärts, diente zur Vertheidigung gegen die Buschneger und war mit 1 Offizier, 1 Sergeanten, 13 weissen und 6 schwarzen Soldaten besetzt. Ueberdiess waren noch etwa 8 Neger zum Unterhalt des Postens und zum Transport der Lebensmittel bestimmt. Ein Doctor und ein Krankenwärter besorgten das Hospital.

So wenig wir nun auch auf unserem Posten zu thun hatten, so ärmlich wäre unser Leben gewesen, wenn uns nicht bei jeder Gelegenheit von Armina her Bananen geschickt worden wären; denn der Posten selbst war auf einer Sandritze und der unfruchtbare Boden brachte nur wenige Awarapalmen hervor, die ein undurchdringliches Gesträuch bildeten.

Hinter dem Posten waren Sümpfe, die nur in den grossen Trockenzeiten zugänglich waren und längs des aus Sand bestehenden Seestrandes, auf welchem man zur Zeit der Ebbe fünf Stunden westlich gehen konnte, zog sich ein Saum von Hochwald hin, worin Cokus-, Haiawa- und andere Bäume des Hochlandes gefunden wurden, hinter welchem Süsswassersümpfe, bewachsen mit Schilf und Gras, parallel mit der Küste liefen. Längs des Strandes fand man stellenweise ganze Gruppen von Cactuspflanzen (Cactus sexagonus), die manchmal 25' hoch und über und über mit Stacheln bedeckt waren. Eine rothe, faustgrosse Feige wuchs in Menge an ihr, diese war zwarsüss von Geschmack, aber zäh und selbst von den Indianern wenig beachtet.

Meine erste Arbeit nach der Ausbesserung meines Hauses war die Reparation meines Bettes.

Es befand sich nämlich in meiner Kammer eine aus alten Brettern zusammengenagelte Bettstelle, deren vier verlängerte Pfosten da waren, um mit Gardinen behangen zu werden. Diese waren aus alten Hosen und Hemden meiner Vorgänger zusammengeflickt und hatten so viel Löcher und Risse, als Tage im Jahr sind, daher die Mosquittos freien Eingang hatten. Nach zwei Tagen, welche ich mit Schneiden und Nähen zubrachte, war die Bettlade im besten Zustand und es fehlte nichts mehr, als eine Art Strohsack, wenn ich nicht auf den harten Brettern liegen wollte. Doch zu einem solchen fehlte es an Zeug und ich musste mich bequemen, auf getrocknetem Gras und Laub meine Nächte zu durchträumen.

Vom Lieutenant hatte ich auf Credit mehrere Ziegen gekauft, die sein Vorgänger ihm zurückgelassen hatte, und so konnte ich nun meinen Caffee mit Milch trinken; überdiess hatte ich noch einige Hühner. Auch meine fünf Mann liessen sich, wenn kein Dram zu bekommen war, zu Manchem gebrauchen, und so war ich in meiner neuen Lage sehr wohl zufrieden.

Der ganze, bedeutende Strom war ausser den beiden Militärposten bloss von Indianern und weiter landeinwärts vom Hauptstamme der Buschneger, den Aukanern, bewohnt. Ein ziemlich bedeutendes Caraibendorf lag bloss eine Viertelstunde vom Posten entfernt, und die Bewohner desselben besuchten mich beinahe täglich. Die Lebensweise, Sitten und Gebräuche dieser Menschen werde ich später weitläufig beschreiben, um jetzt an ein Ereigniss zu kommen, das eine bedeutende Rolle während meines Aufenthaltes auf dem Posten Prinz Willem Frederik spielte, und aus dem ich einen bedeutenden Vortheil hätte ziehen können. Wenn ich auch hier, wo durch Zufall das Glück mir lächelte, nur so schüchtern zugriff und nicht nach dem Beispiel meines Kommandanten, der mehr Routine hatte, michrichtete, so war diess gerade nicht Folge einer übertriebenen Ehrlichkeit, sondern ich fürchtete mich theils vor der Strafe, theils regte sich der Wunsch in mir, mich in dieser Sache vortheilhaft auszuzeichnen.

Ich war nämlich seit der Abreise des Offiziers kaum acht Tage frei und ohne Zwang auf meinem Posten, als wir am frühen Morgen des 7. Septembers das Boot eines grossen Schiffes, das seit zwei Tagen in der Mündung des Stromes vor Anker zu liegen schien, auf unsern Posten zukommen sahen. In diesem befand sich der Kapitän desselben mit der ganzen Equipage, nebst zwei Passagieren. Sie hatten ihr reichbeladenes, nach Paramaribo bestimmtes Schiff, ein grosses holländisches Backschiff, Catharina Jakoba, das auf einer Bank des Stromes gestrandet war, verlassen. Sie hatten vorher die Rettung des Schiffes vergeblich versucht und dabei beide Anker verloren. Kapitän und Passagiere, die über den Verlust ihrer hoch versicherten Ladung getröstet schienen, sahen bald ein, dass wir in Ermangelung eines Fahrzeuges nichts zur Rettung des Schiffes beitragen konnten. Doch gab mir Ersterer die Erlaubniss, an Bord gehen zu dürfen und auf Rechnung der Assecuranz, welche doch den ganzen Plunder, der zu 45,000 fl. versichert war, bezahlen musste, abzuholen, was ich für gut fände.

Es war diess das erstemal, dass ich in einen solchen Fall kam, der mich um so mehr in Verlegenheit brachte, als in meinen Instruktionen, in denen es keineswegs an kleinlichen Clauseln fehlte, kein Wort über einen solchen Fall vorgemerkt war. Ich fragte desshalb den Kapitän um Rath, dieser übergab mir das Handelsgesetzbuch und überliess es mir, die betreffenden Stellen herauszufinden. Bald war ich darüber im Reinen und ich erklärte dem Kapitän, dass ich mit Hülfe der Indianer so viel als möglich von der Ladung ans Land schaffen, davon ein Inventarium aufsetzen und diess dem Gouverneur übersenden wolle; überdiess werde ich den Vorfall dem Kommandanten auf Armina per Expressen anzeigen und innerhalb zwei Tagen einen Extrarapport durch Indianer über See dem Gouverneur zuschicken.Hierauf wurde ich vom Kapitän mit dem Inhalt der Ladung bekannt gemacht, welche, ausser einer Menge feiner und ordinärer Lebensmittel, in Manufakturwaaren und über 1200 Kisten Genever bestand. Wegen der Menge der verschiedensten Weine und geistiger Getränke konnte ich auf den Beistand der Soldaten, welche Erztrunkenbolde waren, nicht rechnen: denn die Gegenstände, welche ich von Bord abzuholen gedachte, mussten wegen Mangels an Raum unter freiem Himmel aufbewahrt werden und waren somit jedem Angriff blossgestellt.

Ich sprach jedoch mit meinen fünf Mann, bat sie aufs Dringendste, sich nicht zu betrinken, mir in Allem getreulich beizustehen, setzte ihnen auch auseinander, welchen Vortheil wir aus diesem unglücklichen Zufall ziehen könnten, und gebrauchte dabei alle Ueberredungskunst, die mir zu Gebot stand. Hierauf erhielt ich von ihrer Seite das heiligste Versprechen, dass sie sich lieber die Zunge abbeissen, als einen Schnaps trinken wollen, um diese Vortheile doch ja nicht entschlüpfen zu lassen.

Die Matrosen waren gegen Mittag in ihrem Boote abgefahren, um, wie sie vorgaben, ihre zurückgelassenen Kleidungsstücke abzuholen.

Voll vom Gedanken an Reichthum und Ehre, lief ich, wiewohl es beinahe Hochwasser war, und ich stellenweise bis um den Hals in demselben gehen musste, nach dem ersten Indianerdorf, um noch denselben Abend so viel als möglich von dem Schiff abholen zu können. Es war aber gerade Tanzunterhaltung im Dorfe und ein ganzes Boot stand voll Tapana zum Labsal der Tanzenden in der grossen Hütte. Desswegen war es für heute nicht möglich, weder durch Belohnung noch Drohung Corjaalen zu bekommen, weil sie sich in ihrer Freude nicht stören lassen wollten. Doch versprach mir der Kapitän des Dorfes, am andern Morgen mit wohlbemannten kleinen und grossen Corjaalen zu kommen.

Schon glaubte ich, meinen Plan, noch diesen Tag an Bord zu gehen, aufgeben zu müssen, als sich ein fremder Indianeranbot, mich in seinem kleinen Corjaal, das kaum zwei Menschen fassen konnte, auf das Schiff, das wohl eine Stunde seewärts vom Posten lag, zu bringen.

Glücklicherweise war es stilles Wetter und bei der Ebbe, die unterdessen eingetreten war, gelangten wir schnell an Bord.

Es bemerkte mich kein Mensch; denn alle Matrosen waren unterm Verdecke, wo Kisten und Ballen aufgeschlagen und aufgeschnitten wurden, um so viel als möglich plündern zu können. Das war eine Haushaltung zum Entzücken! Hier ward eine Kiste mit Leinwand, dort eine Porzellankiste erbrochen und was den rohen Kerls nicht anstand, wurde in Scherben zerschlagen. Fässchen Butter, die ihnen im Wege standen, wurden nicht auf die Seite gesetzt, sondern muthwillig zertrümmert, so dass die schöne Butter, welche sonst für die Soldaten meist nur ein Schauessen blieb, in allen Ecken herumspritzte. Lampenballons, von welchen das Stück 4-5 fl. kostete, hatten, wie so manches andere Werthvolle, dasselbe Schicksal.

Kaum hatte man mich erblickt, so wurde ich mit einem Hurrah empfangen und vom Bootsmann mit einer diesen Leuten eigenen Höflichkeit zum Essen eingeladen. Das Aufgetischte war freilich nichts Warmes, bestand aber doch in Sachen, die nie auf dem Küchenzettel eines Korporals figuriren. Man hatte nämlich eine Kiste voll blecherner, luftdicht verschlossener Büchsen gefunden, welche gebratene Feldhühner, Gänse, Fleischspeisen, Salm und andere Leckereien enthielten und man las mir, während ich mit einem alten Messer eine Büchse Feldhühner öffnete, all' das Köstliche vor, wovon ich Gebrauch machen könne, verbunden mit der Aufforderung, zu essen, bis mir der Bauch berste. Zugleich holte der Küchenjunge weissen Zwieback und der Steuermann öffnete eine Kiste mit feinem Rheinwein, wozu der dienstfertige Bootsmann noch als Dessert eine grosse Flasche Confect beifügte, von welchem man gerade eine Kiste gefunden hatte.

Nachdem sie sich davon überzeugt hatten, dass ich mit allem zu einem guten Diner Nöthigen versehen war, gingensie an ihre fernere Untersuchung, während welcher ich bei schrecklichem Appetit, da ich seit dem Morgen nichts mehr gegessen hatte, eine treffliche Mahlzeit hielt, obgleich Löffel und Gabel mir dabei fehlten.

Wein trank ich wenig; denn ich hatte mir fest vorgenommen, mir in diesem Wirrwarr meine fünf vollen Sinne zu erhalten.

Kaum war ich fertig, so gab man mir durch ein Freudengeschrei aus dem untern Raum zu erkennen, dass man einen angenehmen Fund gethan habe. Dieser bestand in einer Kiste seidener Tücher und Westenzeuge, wovon man mir mit einem halben Dutzend Foulards ein Geschenk machte. Leider wurde mir dieses, wie noch so manches Andere von Matrosen oder Soldaten aus meiner Kiste gestohlen, und es blieb mir von allen diesen Kleinigkeiten am Ende beinahe nichts übrig. Endlich hatten die Matrosen ihre Kisten vollgepfropft, an Lebensmitteln und Getränken so viel mitgenommen, als man laden konnte und segelten damit nach dem Posten, während meine ganze Ladung nur in drei Fässchen Butter bestand, weil ich nicht mehr mitnehmen konnte.

Zu Hause traf ich schon Alle betrunken an, und Nachts sah ich Bacchanalien, worüber ich erstaunte, obgleich ich doch schon manche solche Partie mit angesehen hatte. Kapitän, Passagiere und Steuermänner logirten in meiner Wohnung; die Matrosen aber, deren es etwa acht waren, bei den Soldaten in einer Kammer von 16' Länge und 9' Breite, aus der die Kaserne bestand, in welcher nun zwölf Personen campiren sollten. Ans Schlafen wurde natürlich bei dem Ueberfluss an Genever nicht gedacht; denn jeder wollte diese Gelegenheit benützen, um sich einmal wieder etwas zu gut zu thun. Alles lagerte sich im Kreise um ein Licht, das alle Augenblicke auslöschte, weil der Wind von allen Seiten durch die Wände blies. Endlich stellte man es in eine leere Geneverkiste, wodurch die Hälfte der Gesellschaft sich immer im Dunkeln befand. Zwei offene Kisten Genever und Branntwein, nebst acht grossen Gläsern Confect, von dereneinem ich schon auf dem Schiff gegessen hatte, standen zur Verfügung der ehrbaren Gesellschaft.

Gesang und sittsame Erzählungen wechselten ab, und um diese Soirée noch interessanter zu machen, zog sich einer der Soldaten nackt aus, theils um die Gesellschaft durch allerlei gymnastische Sprünge und Stellungen zu unterhalten, theils um den Schiffsjungen, die über Mosquittosstiche klagten, zu zeigen, wie wenig er darauf achte. Ich liess sie machen, was sie wollten, weil ich fest davon überzeugt war, dass ein Verbot nichts helfen würde. In der Bäckerei sass ich die halbe Nacht, mit dem Schreiben eines langen, ausführlichen Rapports an den General-Gouverneur beschäftigt, was bei der Unzahl von Mosquittos, die in Legionen mich umschwärmten, keine Kleinigkeit war. Meine Hände waren auch in Folge unzähliger Stiche so rauh, wie ein Reibeisen geworden und das Papier war mit Blutflecken besäet. Zum Glück war es jedoch nur das Concept, das ich bei Tag ins Reine schrieb. Es war bereits nach Mitternacht, als ich in meine Wohnung mich zurückzog, um da eine Schlafstelle zu suchen.

Der Lärm in der Kaserne war verstummt; denn die meisten lagen wie bewusstlos am Boden und fühlten keine Mosquittosstiche mehr; nur die Schiffsjungen, welche noch keine solche Säufer waren, liefen heulend und fluchend umher.

Ich hatte mein Bett an den Schiffskapitän, einen schon bejahrten Mann abgetreten; die zwei Passagiere hatten sich aus meiner und den Schiffsflaggen eine Art Zelt über ihre Matratzen gemacht, die Steuerleute aber und ich lagen auf dem Fussboden der Aussenkammer, wo es nicht möglich war, vor dem Gesumse und den Stichen dieser diabolischen Insekten ein Auge zu schliessen.

Mit Sehnsucht erwartete ich den Morgen. Plötzlich vernahm ich ein jammervolles Angstgeschrei, das auf dem Platze erscholl, und eilte hinaus, um die Ursache zu erfahren. Einer der Schiffsjungen, der noch nie in einem Tropenlande gewesen war, kam mir zitternd entgegen und erzählte von einem schrecklichenThiere, das unter einem Stapel Bretter, worunter er sich vor den Mosquittos habe verstecken wollen, sässe. Ich untersuchte nun den Stapel und fand eine grosse Kröte, die durch ihren dumpfen Schrei den armen Jungen so erschreckt hatte.

In der Frühe des andern Morgens kamen beinahe alle Indianer des Dorfes mit ihren Corjaalen, von welchen die grösste, dem Kapitän der Indianer, Christian, gehörig, wenigstens 50' Länge und 5' Breite hatte. Er selbst, neugierig gemacht durch die Erzählungen des Indianers, der mich den vorigen Tag aufs Schiff brachte, hatte seine drei Weiber mitgenommen, von welchen die jüngste, kaum 16 Jahre alte, ihm besonders ans Herz gewachsen zu seyn schien.

Wir kamen schnell an Bord, und jetzt sah ich erst, wie gräulich die Matrosen den Abend zuvor hier gehaust hatten. Im Schiffsraum lag Alles durcheinander, wie Heu und Stroh, und vor den Glas- und Porzellanscherben war den Indianern besonders bange. Ich fand glücklicherweise einen Korb mit Stiefeln und Schuhen, von welchen ich den Männern austheilte, die freilich für ihre niedlichen Füsse die meisten zu gross fanden. Nun zog man ans Licht, was mir von Bedeutung zu seyn schien, und es wurden so schnell als möglich alle Corjaalen damit beladen. Es kostete wirklich keine geringe Mühe, das Völkchen im Zaume zu halten und grössere Trunkenheit zu verhüten.

So verschiedene Getränke und Leckereien auch an Bord waren, so machte doch nichts auf diese Menschen Eindruck; nur Genever, Zwieback und Stockfische wurde von ihnen in Anspruch genommen.

Gleichgültig luden sie Alles, was ich ihnen bot, in ihre Corjaalen; nur als ich zufälliger Weise einige grosse Schachteln mit seidenen Frauenhüten, Blumen und Bändern fand, kamen Alle auf mich zu, mich darum zu bitten. Als ich ihnen den Plunder, der doch nicht viel werth war, überliess, fielen sie wie reissende Thiere darüber her, und die Vordersten, welche das Glück hatten, mehrere zu bekommen, setzten sie übereinanderauf, während die, welche keine bekamen, sich nicht zufrieden geben wollten.

Mehrere blechene Büchsen voll sogenannter St. Nicolas-Kuchen, welche allerlei Figuren, als Dampfboote, Thiere u. s. w. vorstellten und mit kleinen Stückchen Schaumgold beklebt waren, erregten ihre Aufmerksamkeit in ebenso hohem Grade und zwar nicht wegen seines feinen Geschmackes, denn keiner wollte auch nur die Probe machen und davon essen, sondern wegen der Figuren, die sie so drollig fanden. Sie machten Schnüre daran und trugen sie so lange um den Hals, bis der Kuchen, von Schweiss und Wasser durchnässt, als Brei an ihnen herabfloss. Man denke sich nun ein paar Dutzend rothe, nackte Menschen in Stiefeln und Schuhen, mit stapelweise übereinander gesetzten und mit Blumen garnirten Damenhüten, behangen mit Colliers von Lebkuchen, die Masten und Schiffsleitern auf- und abklettern, Kisten und Fässer einladen und die Flaschenzüge versetzen, so kann man wirklich nichts Barockeres sich vorstellen.

Indessen wir Alle aus Kräften arbeiteten, sass das Oberhaupt mit seiner Frau in der Kajüte und trank eine Flasche nach der andern aus. Die mancherlei Getränke, welche sein junges Weibchen getrunken hatte, verursachten ihr einen solchen Rausch, dass sie ohne Bewegung am Boden lag, und mit starren Augen wie ein Schaf blöckte. Trostlos sass der total betrunkene, alte Mann neben seiner Liebsten, unvermögend, ihr beizustehen.

Das Boot war unterdessen geladen und die Indianer drangen auf die Abreise, weil die Fluth mit Gewalt heraufkam, und es gefährlich war, länger zu verweilen. Nach manchem vergeblichen Versuche, die Frau wieder zur Besinnung zu bringen, rieb ich ihr das Gesicht mit Eau de Cologne, von welchem eine Kiste voll der schlechtesten Sorte sich an Bord befand. Es mochte ihr vielleicht etwas davon in die Nase gekommen seyn, denn sie fing an, schrecklich zu niesen und machte ein Gesicht, das mir so komisch vorkam, als ihr mit Lebkuchen geschmücktes Volk.

Mit Mühe klomm endlich Christian in die Corjaal und empfingsein Weibchen sanft in seinem Schoos. Wir hatten ihr ein Tau um den Leib gemacht und sie wie ein Fass in die Corjaal gelassen.

Die See war unterdessen so ungestüm geworden, dass mir für die Ladung und mein Leben bange war und das Jammern und Streiten der furchtsamen Weiber war gar nicht geeignet, mir Muth einzuflössen. Die Corjaal war übermässig geladen; denn ausser 400 Fässchen Butter, à 14 Pfd., 10 Fässern Madeira im Werthe von 1200 fl., war noch eine Menge Wein und Lebensmittel, Quincaillerie und Federbetten aufgethürmt. Dabei sassen mit Alt und Jung gewiss 40 Personen darin. Endlich waren Alle eingestiegen und schon liess man das Tau los, um abzufahren, als eine Welle das Brett (den Stern), woran an grossen indianischen Corjaalen das Steuerruder befestigt ist, herausschlug und das Wasser wie durch eine geöffnete Schleusse in die Korjaal strömte. Ein Zetergeschrei der Weiber erfüllte die Luft. Schnell aber hatte der Steuermann sich mit seinem Hintern in die Oeffnung gesetzt, um das weitere Eindringen von Wasser zu verhüten, während ein anderer Brett und Steuer wieder befestigte und die Risse mit Stücken seines Camises ausstopfte, wodurch dem Schaden abgeholfen war. Ich dankte Gott, als ich zu Hause ankam.

Hier wurde nun Alles in grösster Eile ausgeladen und am Strand niedergelegt. Die Sorge für Weiterschaffung und Aufbewahrung des Mitgebrachten wurde mir allein überlassen. Mit zwei Kisten Genever fuhr mein Völkchen nach seinem Dörfchen, um sich da recht gütlich zu thun. Meine Soldaten waren wieder in dulci jubilo und konnten sich kaum auf den Füssen halten.

Die Matrosen schliefen, somit war ich genöthigt, Alles selbst zu thun.

Auf Brettern, welche ich in den Sand gelegt hatte, rollte ich die schweren Fässer aufwärts in die Mitte des Platzes. Mit schweren Kisten formte ich ein Carré, in dessen Mitte die kleineren Gegenstände, als Butter-, Weinfässchen, Kisten u. s. w. niedergelegt wurden. Hierauf überdeckte ich Alles mit Brettern, um den Regen und die Sonnenhitze abzuhalten. Esherrschte nun ein Ueberfluss auf dem Posten, bei welchem die Soldaten weder Maas noch Ziel kannten. Was sie nicht von den Matrosen bekommen konnten, suchten sie von meinen mitgebrachten Waaren, über welche ich ein geregeltes Inventarium führte, wegzunehmen. Sie assen und kochten gemeinschaftlich mit den Matrosen, wobei die vielen, vom Schiffe abgeholten Lebensmittel die besten Mahlzeiten gegeben hätten. In Folge des beständigen Trinkens aber verwendete man keine besondere Sorgfalt auf die Küche. So wurde einmal ein ganzes etwa 10 Pfd. schweres Fässchen gesalzener Bratwürste in den Topf gethan; dadurch wurde das Essen so salzig, dass man es nicht mehr geniessen konnte, und man vor Zorn den ganzen Frass zur Thüre hinauswarf, wo die auflauernden Stinkvögel königlich schmausten, und wobei es lustig anzusehen war, wie sie sich um die noch aneinandergereihten Bratwürste herumzerrten.

Den zweiten Tag fuhr ich mit so vielen Corjaalen, als aufzutreiben waren, wieder an Bord, und weil da die grosse Corjaal von den zwei Passagieren, welche den andern Tag nach Paramaribo fahren wollten, gemiethet wurde, so fuhr ich des Abends abermals ans Schiff, um heute noch so viel als möglich abzuholen.

Von jetzt an gebrauchte ich die Vorsicht, alle feineren Weine und theuren Leckerbissen in der Vorkammer meines Hauses niederzulegen und so aus den Klauen der Soldaten und Matrosen zu retten. Mit diesen hatte ich meine liebe Noth; denn sie waren nicht mehr mit Genever und rothem Wein, von welchem ein Fass offen dalag, so dass sie trinken konnten, so viel sie wollten, zufrieden, sondern verlangten Rheinwein und Madeira, wovon ich Fässer und Kisten im Hause aufbewahrte.

Da ich ihnen erklärte, dass ich nicht befugt sey, über diese Güter, welche der Assecuranz gehörten, zu disponiren, und natürlich das Verlangte verweigerte, so beschlossen sie, mich zu zwingen und das Haus zu stürmen. Diess wäre nun gerade kein Hexenwerk gewesen; denn ausser dem alten und kränklichen Kapitän und den zwei Passagieren befanden sich darinnur noch die zwei Steuermänner, welche aber geheime Ursachen dazu hatten, auf Seiten ihres Schiffsvolkes zu bleiben. Sie marschirten nun mit Aexten und Säbeln bewaffnet, heran, und forderten mich noch einmal zur Herausgabe von Rheinwein auf. Statt der Antwort lud ich meine zwei Gewehre und drohte, den ersten, der über meine Schwelle käme, niederzuschiessen. Der Kapitän kramte gegen sein Volk alle seine Beredtsamkeit aus und stellte ihnen vor, welchen Strafen sie verfallen würden.

Sie zogen sich endlich unter allerlei bekannten Einladungen, die sie an mich ergehen liessen, zurück, und tranken nun wieder Schiedams edlen Trank, der ihnen kurz zuvor viel zu schlecht gewesen war.

Bei dieser Scene waren die Matrosen die Aergsten gewesen, und sie hatten offenbar die Soldaten dazu aufgewiegelt.

Am dritten Tag kam Christian mit seiner Corjaal, um die beiden Passagiere nach Paramaribo zu bringen. Ich setzte durch, dass auch zwei der schlimmsten Matrosen, welchen ich nicht trauen konnte, mitgeschickt wurden. Der Kapitän wollte noch einige Zeit bleiben, um das Schicksal seines Schiffes abzuwarten.

Sonderbar schienen mir die Gesetze der Assecuranz zu seyn, weil er es nicht wagte, etwas von Bord zu holen. Eine grosse Barkasse, mit welcher man in 4-6 Tagen bei anhaltender Thätigkeit die ganze Ladung ausser den Backsteinen, welche als Ballast dienten, leicht hatte retten können, lag unbenützt am Strand, und so war ich genöthigt, ohne die mindeste Hülfeleistung von Seiten des Schiffsvolks, die Sachen nach und nach ans Land zu bringen.

Die Passagiere hatten meinen Rapport an den General-Gouverneur, dem ich ein Inventarium über alle bis jetzt ans Land gebrachten Güter beigelegt hatte, mitgenommen. Einen andern Rapport hatte ich den Tag zuvor dem Kommandanten auf Armina durch Indianer zugeschickt.

Mir war nun nach der Abreise der zwei Passagiere und Matrosen wieder leichter ums Herz, weil ich einerseits mich vorRevolutionen auf meinem Posten gesichert glaubte, anderseits desswegen, weil ich wieder in meiner eigenen Kammer logiren konnte.

Täglich fuhr ich mit Corjaalen an Bord; aber da diese nur klein waren, so war auch das ans Land Gebrachte von geringer Bedeutung.

Da das Schiff auf seiner Sandbank jedem Wellenschlag zu trotzen schien, und selbst nach sechs Tagen noch kein Leck an ihm zu bemerken war, so war ich auch fest davon überzeugt, dass bei eifriger Arbeit Ladung und Schiff hätten gerettet werden können.

Acht Tage nach dem Stranden des Schiffes kam mein Kommandant von Armina in Begleitung des Doctors. Er war sogleich nach Empfang meines Schreibens abgereist; denn die Sache lag ihm sehr am Herzen, und er bedauerte nur, dass ich die armen Schiffbrüchigen nicht genugsam unterstützen konnte. Auch von dem, auf dem Posten herrschenden Wirrwarr und Wohlleben war er durch meinen Brief und den Ueberbringer desselben hinlänglich unterrichtet, und er hatte desswegen ausser einigen Boschen Bananen nicht das Mindeste mitgebracht, das zur Unterstützung der Armen hätte dienen können.

Der Doctor, welcher den Kommandanten begleitete, merkte so gut wie dieser, dass es hier etwas zu verdienen gäbe. Seine Menschenfreundlichkeit war also nicht der geringste Grund, diese Reise zu machen, bei welcher ihn der Kommandant nur mit Widerwillen mitgenommen hatte, und blos desswegen, weil er sich auf keine Weise zurückhalten liess. Ich machte sogleich nach der Ankunft des Kommandanten ihm den pflichtschuldigen Rapport, zeigte ihm das Inventarium, und gab ihm auch das Concept des, an den General-Gouverneur abgesandten Briefes. Letzteren missbilligte er höchlich, weil ich als Korporal nur an ihn zu rapportiren, und durch mein eigenmächtiges Handeln mich eines unverantwortlichen Fehlers gegen die Disciplin schuldig gemacht habe, wesswegen auch ohne Zweifel ein ernstlicher Verweis wegen eines solchen gesetzwidrigen Schritts vomGouvernement erfolgen werde. Ich machte mir darüber keine Sorgen, weil ich wohl einsah, dass der Unzufriedenheit des Lieutenants über meine Anmasung ganz andere Motive zu Grunde lagen, als die eines Versehens gegen die Dienstordnung.

So unangenehm ihm mein eigenmächtiger Schritt auch war, so beruhigte er sich doch wieder bei der Masse von Gegenständen, welche theils noch an Bord sich befanden und zu bekommen waren, theils seit der Absendung meines Inventariums durch mich wieder abgeholt worden waren.

Das gemeinschaftliche Interesse, welches wir bei der Sache hatten, hob so ziemlich die Scheidewand auf, welche zwischen mir als Corporal und den beiden Officieren bestand, und es herrschte eine Vertraulichkeit unter uns, als wären wir auseinemTeige gebacken.

Inzwischen fuhren die zwei Boote, welche der Kommandant mitgebracht hatte, alle Tage an Bord und holten den grössten Theil der Güter ab.

Das Schiff sank später immer tiefer, so dass bei hoher Fluth die Wellen manchmal darüber hinschlugen und den untern Raum bald mit Wasser ausgefüllt hatten. Man war desshalb genöthigt, einige grosse Löcher hineinzuhauen, damit das Wasser mit der Ebbe wieder herauslaufen konnte. Viele hundert Körbe mit Erdäpfeln und Zwiebeln füllten den vordern Theil des Raumes aus, wo ich sie gelassen hatte, weil sie mir von zu geringem Werth waren.

Diese waren nun dem Seewasser ausgesetzt und verfaulten mit unerträglichem Geruche, von welchem wir selbst auf dem Posten die Nase voll hatten, wenn der Wind nordöstlich wehte.

Einige Tage nach der Ankunft des Kommandanten wurden die Soldaten, welche sich so schlecht betragen hatten, mit Ausnahme von einem, der mir zuweilen noch ein wenig geholfen hatte, nach dem Posten Armina gesandt. Ihre Kisten wurden zuvor auf dem Platze vom Kommandanten untersucht und ihnen Genever und Branntwein abgenommen, weil auf der Reise dahin leicht ein Unglück hätte entstehen können.

Nun war unter den Abgehenden ein junger Kerl, der durch fröhlichen Humor und seine Possenstreiche Jedermann belustigte.

Der Lieutenant hatte, um seinem Respecte nichts zu vergeben, die leuchtenden Zeichen seiner Würde auf seinen Schultern hangen, und war gerade an der Kiste des Possenreissers beschäftigt, als dieser hinter dem Rücken des Officiers eine abscheuliche Maske mit langen, grauen Bärten aufsetzte, die er wahrscheinlich von einem Matrosen bekommen hatte. Doctor, Kapitän und ich sahen dem Spasse zu, und die Neger, Indianer, Matrosen und Soldaten, welche den Kommandanten umstanden, erwarteten begierig das Ende.

Endlich wandte sich dieser um, und vor ihm stand die gräuliche Gestalt des Spassvogels, der sich überdiess noch höchst barock herausgeputzt hatte.

Entsetzt wich der Kommandant zuerst etliche Schritte zurück, verfolgte denselben aber sogleich unter dem schallenden Gelächter der Umstehenden bis in die Savannen.

Nachdem der Kapitän, die Matrosen und Soldaten abgereist waren, war ein stilles, angenehmes Leben, bei welchem man Alles recht untersuchen konnte, ohne gestört zu werden, an die Stelle lärmender Bewegung getreten.

Es waren vier Neger zurückgeblieben, welche mit mir oder dem Doctor täglich an Bord fuhren. Bei unserer Zurückkunft überraschte uns der Kommandant, der ein Meister in der Kochkunst war, mit den delicatesten Mahlzeiten, welche aus dem Ueberflusse unter seiner Leitung bereitet wurden.

Das Boot kam endlich von Armina an und brachte drei schwarze und einen weissen Soldaten.

Zugleich kam ein Schooner mit einem Gouvernementsbefehl an mich, worin mir das Gouvernement seine besondere Zufriedenheit über die von mir getroffenen Maasregeln bezeugte, und mir zugleich befohlen war, die geretteten Güter mit dem Schooner abzuladen, an dessen Bord sich sechs Kriegsmatrosen befanden, um dem Kapitän, einem alten, schlauen Engländer, dem solche Affairen nichts Neues waren, beizustehen. Jetzt machte sichder Kommandant, nachdem er noch so viel als möglich in seine zwei Boote gepackt hatte, mit dem Doctor davon, über die Unmöglichkeit seufzend, dass man nicht das ganze Schiff nach Armina transportiren könne.

Der Kapitän war nun vor der Hand damit beschäftigt, Schiffsartikel, als Segel, Tauwerk u. s. w., seinem Schooner anzupassen, so dass dieses alte, gichtbrüchige Fahrzeug bald ein gar stattliches Aussehen hatte und alle seine Räume und Ecken für die Zukunft mit brauchbaren Gegenständen ausgefüllt waren.

Die Kriegsmatrosen hatten während dieser Zeit freien Lauf und benützten diese auch auf's Köstlichste. Am Tage ihrer Ankunft war gerade eine indianische Arowackenfamilie bei mir auf Besuch gekommen. Es waren meistens Weiber, welche der Schnaps angelockt hatte. Die Matrosen nahmen nun von meinem Haufen, dessen Gegenstände verzeichnet waren, ein paar Kisten Branntwein, und bald lag das ganze Völkchen besinnungslos auf der Savanne. Es war gerade nicht nöthig, dass die Nacht ihren Schleier über diese Scene warf; denn die Indianer waren so betrunken, wie ihre Weiber, dass sie die Fehltritte derselben nicht bemerken konnten.

Ich hatte mich in mein Haus eingeschlossen und lag schon in tiefem Schlaf, als ein höllisches Geschrei und Gepolter, das aus der Bäckerei zu kommen schien, mich weckte. Mit dem Licht in der Hand lief ich sogleich hin, um dieses Nachtstück zu beleuchten. Dort fanden sich zwei Matrosen mit zwei indianischen Weibern, welche, um sich vor Mosquittosstichen zu schützen, in's Bett des Bäckers gekrochen waren, das er gutmüthig ihnen abgetreten hatte. Dieses, aus Mehlfassdauben zusammengenagelte, wurmstichige Möbel, das schon seit Olim's Zeiten ein Bäcker dem andern überlieferte und blos für einen Mann bestimmt war, brach unter seiner Last und fiel mit derselben auf die, unter ihm liegenden Mehlfässer.

Diese (der Teufel hatte offenbar sein Spiel dabei) waren mit der Schlafmaschine einige Schritte fortgerollt und stiessen an den Backofen an, der, ebenfalls schon lange im schlechtenZustande, einige Risse bekam. Die Matrosen und ihre Schönen waren bei dieser Rutschparthie mit heiler Haut davon gekommen; dem Bäcker aber, der sich im Backtroge gebettet hatte, fiel in Folge der Erschütterung der Deckel desselben auf den Kopf und verursachte ihm einige Beulen.

Ich fand, als ich mit dem Lichte kam, noch Alle voll Bestürzung. Die Indianerinnen schoben ihre Feigenblätter (Kwejus) wieder zurecht, und die Matrosen tranken auf diesen Schrecken mit dem Bäcker einige Gläser Branntwein.

Nach etwa vierzehntägigem Aufenthalt, während welcher Zeit der Kapitän seine legale und nicht legale Arbeit verrichtet hatte, zog auch er mit seinen Matrosen von dannen.

Jetzt hatte ich wenigstens einige Wochen vor Besuchen Ruhe, und wendete diese Zeit zu häufigen Besuchen bei meinen Nachbarn, den Indianern, an, um ihre Sitten und Gebräuche kennen zu lernen.

Sie gehören, wie die meisten der Indianer, zum Stamme der Caraiben; ihr ganzes Dorf mochte etwa 100 Köpfe stark seyn. Das Oberhaupt, ein 55-60 Jahre alter Mann, hiess Christian. Er hatte von verschiedenen Weibern wenigstens 12 Kinder, von welchen die meisten erwachsen und verheirathet waren. Er stand bei allen Indianern als Piaiman, d. h. Doctor oder Zauberer, in grossem Ansehen und wurde, wenn Jemand ernstlich krank war, sogleich gerufen. Ich hatte später Gelegenheit, seine Beschwörungen mit allen Zubereitungen in bester Form zu sehen.

Die Lebensweise der Caraiben ist im Allgemeinen von der der Arowacken nicht sehr verschieden, nur sind diese sanfter von Character. Auch die Gesichtszüge der Arowacken, besonders die der Frauen, sind feiner und gefälliger und haben nicht den derben Ausdruck der Caraiben.

In Beziehung auf die Reinlichkeit ihrer Haushaltungen und ihres Körpers sind die Caraiben viel pünktlicher, und obgleich beide Stämme in Freundschaft mit einander leben, verachtet doch einer den andern. Die Arowacken sind meist gute Jäger;dagegen scheinen die Caraiben den Fischfang besser zu verstehen, auch sind letztere im Bau der Corjaalen und in der Führung derselben bei stürmischem Wetter jenen überlegen.

Die Caraiben sind ein schöner, kräftiger Menschenschlag; die Männer sind selten über 5½' hoch, die Weiber aber bedeutend kleiner. Sie tätowiren sich nicht, bemalen aber zur Zeit ihrer Feste, und besonders, wenn sie von Reisen zurückkommen, den Leib mit dem Safte einer Frucht (Taburiba), der das Eigenthümliche hat, dass er sich durch nichts abwaschen oder ausbeizen lässt, aber täglich blässer wird, und mit dem achten Tage ganz verschwindet. Die Farbe dieses Saftes ist schwarz und wird mit einer Federspule auf den Leib aufgetragen. Das Bemalen aber, dem sich Männer und Weiber unterziehen, ist ein langweiliges Geschäft, das mehrere Stunden dauert, weswegen man auch nur wenige so bemalte Indianer sieht. Die Meisten begnügen sich damit, dass sie den Saft auf den Leib spritzen und denselben mit der Frucht einreiben.

Die Haare werden mit einer Salbe von Rocou (Orlean) und Crapatöl beschmiert, und diese besonders auf der Stirne beinahe fingersdick aufgetragen. Die Füsse werden ebenfalls bis zu den Knieen roth gefärbt. Auf dem Gesichte werden mit einer Farbe, Crawaru, vermischt mit dem angenehm riechenden Harze (Arakasiri), Striche und Punkte angebracht. Federkronen, Colliers von Affen-, Pakir-, oder Caimanzähnen vollenden den Putz.

Ihre Weiber sind von denen der Arowacken besonders leicht zu unterscheiden, denn die Caraibinnen tragen statt des niedlichen Perlenschürzchens, das deren einzige Bedeckung ist, ein langes, dunkelblaues Tuch, das durch einen Gürtel von Affenhaaren (vom Stentor ursinus) befestigt ist, und durch die Beine gezogen, zu demselben Zweck dient. Ihre schönen, schwarzen Haare sind auf der Stirne glatt abgeschnitten, meistens los, aber auch oft in Zöpfe gebunden. Die Unterlippe ist von einer grossen Stecknadel durchbohrt, deren Spitze nach aussen gekehrt ist und als Waffe gegen unerlaubte Freiheit dienen kann.

Manche caraibische Schöne trägt in ihren OhrläppchenPröpfe oder Knochen, welche zuweilen daumendick sind. Das Auffallendste aber sind ihre Waden, welche gleich kleinen Fässchen hervorstehen. Die starken baumwollenen, 3" breiten Bänder, mit welchen das kleine Mädchen oberhalb der Knöchel und unterhalb der Kniee gebunden wird, und die nie abgenommen werden, hindern das natürliche Wachsthum und machen, dass die Waden so unförmlich heraustreten.

Die jungen Mädchen sind, diesen Misswachs abgerechnet, niedliche Geschöpfe, werden aber, wenn sie älter werden, übermässig breit, platt wie eine Bratpfanne, und ihre Brüste, an welchen manchmal Kinder, Affen und junge Hunde zugleich saugen, haben besonders in ihren späteren Jahren so ziemliche Aehnlichkeit mit schweinenen Tabaksblasen.

Wie ganz anders ist dagegen eine junge Buschnegerin gestaltet! Welches Ebenmaas, welche Fülle der Glieder! Die schwarze, atlasfeine Haut, die üppigen Verhältnisse der Glieder würden einem Bildhauer das reinste Modell eines schönen Weibes liefern. Nur Schade, dass diese schwarzen Schönheiten einen Geruch um sich verbreitenwitch all the perfums of Arabia not can sweeting, eine Eigenschaft, welche die Indianer nicht besitzen.

In ihren häuslichen Verhältnissen findet zwischen den Caraiben und Arowacken wenig Unterschied statt. Die Meisten begnügen sich mit Einem Weibe. Man findet aber auch solche, die zwei, drei oder mehr Weiber haben, von welchen jede eine besondere Hütte für sich und ihre Kinder hat. Kommt nun ein Mann, der einen solchen Harem besitzt, nach Hause, so wird ihm von seinen Weibern sein Essen vorgesetzt, das immer in Cassavebrod und einer, aus zahllosen spanischen Pfeffern gekochten Sauce, nebst Wild und Fischen besteht, wenn er solches mitbrachte. Jede dieser Weiber bringt ihr Essen dem Mann, setzt es vor ihm nieder und entfernt sich sogleich wieder, ohne ein Wort zu sprechen. Man kann desshalb aus der Anzahl der Schüsseln errathen, wie viele Weiber ein Mann hat. Nach dem Essen nimmt jedes Weib wieder ihre Schüssel weg und verzehrt den Ueberrest mit den Kindern in ihrer Hütte.

In solchen polygamischen Ehen gibt es aber manchmal Mordspektakel, und die Autorität des Mannes wird, wenn die Damen einmal in der Wuth sind, wenig mehr beachtet. Ehliche Treue ist unter ihnen gar nicht zu finden, und es geschieht häufig, dass ein Weib monatelang sich bei einem andern Indianer aufhält, und nachher wieder zu ihrem Manne zurückkehrt. Ebenso ist es nicht selten, dass Männer ihre Weiber und Kinder verlassen und sich an andern Plätzen wieder ansiedeln.

Es gibt gewiss kein unbeständigeres Volk, als die Indianer. Der kleinste Umstand kann ihre Laune ändern und machen, dass sie Aecker und Wohnungen, selbst wenn diese erst neu angelegt sind, sowie ihre Familien verlassen, und sich lieber mit unsäglicher Mühe an andern Plätzen wieder anbauen, die ihnen bei weitem den Vortheil ihrer verlassenen Heimath nicht geben. Und wie die Alten, so die Jungen!

Es ist nichts Ungewöhnliches, dass Kinder von 10-12 Jahren von ihren Eltern weglaufen, und nach andern, oft weit entfernten Dörfern, wo sie Bekannte haben, gehen. Eine Hängematte, Pfeil und Bogen und vielleicht noch ein altes Messer sind der ganze Reichthum eines solchen kleinen Vagabunden, der aus jeder Eidechse, jedem Vogel oder Fisch, den sein Pfeil erreicht, seine Mahlzeit zu bereiten weiss.

Eltern- und Kinderliebe gehört zu den Seltenheiten, und für Alte und Kranke scheint man ganz gefühllos zu seyn. Selbst Mütter, deren Kinder des Nachts aus ihrer Hängematte ins Feuer fielen und sich auf schauderhafte Weise verbrannten, liessen diese armen Würmer ohne Hülfe wimmern und tanzten ungerührt beim Tapanafeste in den Reihen der Uebrigen.

Solche Brandwunden kommen sehr häufig vor, weil die Indianer immer Feuer unter der Hängematte haben, und manches Kind, das von der betrunkenen Mutter wegkroch, ins Feuer fällt.

Die Dörfer sind ohne alle Symmetrie, meist dicht an einem Flusse oder einer fahrbaren Kreek angelegt, und die Häuser stehen ohne alle Ordnung in die Kreuz und Quer da, wo sie eben die Laune des Eigenthümers hinstellte.

Jede Familie hat ihre eigene Hütte, die so lange benützt wird, bis sich kein Plätzchen mehr findet, an welchem die Hängematte vor Regen geschützt ist. Der Bau dieser Hütten ist zweckmässig und sehr einfach. Zwei oder drei etwa 8 Zoll dicke Pfosten von schönem, geradem Holze werden so weit von einander in die Erde eingegraben, als die Hütte lang werden soll. Sie sind 10-12' hoch und tragen eine starke Querstange, die so lang ist, als das Haus, und zum Tragen des Daches bestimmt ist. Vier Pfosten von etwa 4' Höhe sind an vier Ecken in die Erde eingerammt, und tragen zwei mit der Mittelstange parallel laufende Stangen von gleicher Länge. An dieses Rahmenwerk wird eine gewisse Anzahl leichter Stangen mit Buschtau festgebunden und im Gipfel des Hauses an die grosse Querstange befestigt.

Die Blätter der grossen Heliconie werden in der Mittelrippe zusammengelegt, und ein Blatt neben das andere mit Lianen angereift.

Nachdem durch das Zusammenfügen vieler dieser grossen Blätter ein ansehnliches Stück des Daches gemacht ist, wird dieses mit Sparren und Stangen beschwert und bleibt so lange auf dem, zuvor sorgfältig gesäuberten Boden liegen, bis die steifen Blätter etwas welk geworden sind und das ganze Stück sich zusammenrollen lässt. Man befestigt sodann das eine Ende am Giebelbalken mit starken Lianen, und entrollt die Decke. Diese Stücke sind gerade so lang, als die Blätter breit sind, etwa 7-8' lang, und es werden desshalb ihrer so viele verfertigt, als die Länge des Hauses erfordert. An das erste wird das zweite, etwas über jenes, und so jedes Stück gelegt, damit der Regen nicht eindringen kann.

Sind beide Seiten des Daches auf diese Weise gedeckt, so wird mit künstlich zusammengeflochtenen Cumublättern der Giebel bedeckt.

Alles dieses wird mit Lianen ans Rahmwerk festgebunden. So leicht diese Dächer auch sind, so undurchdringlich sind sie doch für den Regen. Eine solche Hütte ist 2-3 Jahre in gutemZustand, und wenn sie dem Winde nicht zu sehr ausgesetzt ist, noch von längerer Dauer.

Fleissige Indianer pflegen auch noch ein Schlafgemach zu bauen. Die Hütte wird dann bedeutend höher, und etwa 6' vom Boden sind über die ganze Breite desselben sogenannte Pallisaden gelegt, die den Fussboden bilden. Die Giebelseiten werden sorgfältig mit Tas oder andern Palmblättern verschlossen, und nur auf einer Seite wird eine Oeffnung, welche die Thüre vorstellt, gelassen, die des Nachts mit einer, ebenfalls aus Palmblättern geflochtenen Decke verschlossen wird.

Zu diesem Schlafzimmer führt eine Treppe, welche aus einem Baumstamme roh gearbeitet ist.

Auch hier hat jedes Individuum sein Feuerchen unter der Hängematte, und es ist in der That unbegreiflich, dass nicht mehr Brandunglück entsteht. Die Palissaden werden zu diesem Zwecke mit alten Scherben bedeckt, auf diese wird etwas Erde geschüttet und hierauf das Feuer angemacht. Das Holz hiezu schaffen die Weiber herbei, deren Aufgabe auch das Anmachen der Feuer ist.

Am frühen Morgen (denn mit anbrechendem Tage verlässt alles die Hängematte, um sich im Strome zu waschen) reinigen die Weiber die Hütte, backen Brod und kochen das Essen.

Die Männer gehen hierauf auf die Jagd, fischen manche Körbe, oder liegen wieder in die Hängematte und bekümmern sich nicht im mindesten um die Haushaltung.

Die Caraibinnen sind sehr geschickt im Verfertigen von Krügen, Töpfen und grossen Trögen, worin Casiri und Tapana gebraut wird. Ebenso haben sie eine grosse Geschicklichkeit in der Verfertigung von Hängematten. Die Töpfe werden aus einem grauen oder röthlichen, sehr fetten Lehm gemacht, den sie meist weit her holen. Dieser Lehm wird zuerst von allen Unreinigkeiten gesäubert und mit dem Pulver der zu Kohlen verbrannten Rinde des Kwepiebaumes vermischt und dann mit den Händen so lange gerieben, bis sich alles gleichmässig vermengt hat. Die Werkzeuge zu dieser Töpferarbeit sind sehreinfach und bestehen bloss aus einem Brettchen, auf welches das zu Verfertigende gestellt wird, einigen Stücken Calabassen, die wie Löffel oder Spatel gestaltet und zum Abkratzen des überflüssigen Thons, sowie zur Glättung des Werks bestimmt sind, auch aus einer Calabasse mit Wasser, um das Werk zu befeuchten.

Der Thon wird zu dünnen, langen Würstchen ausgerollt, auf dem Brettchen ein runder Boden verfertigt, an den diese Würstchen angeklebt und immer in der Runde mit dem Spatel bearbeitet werden. Ist die Arbeit fertig, so stellt man sie an einem luftigen Ort zum Trocknen auf.

Die Schüsseln werden sodann von innen mit Orlean und einer Art Firniss von Copal bestrichen, nachdem sie zuvor mit einem rothen, jaspisartigen Stein, der in der Correntin oder dem Maho gefunden wird, geglättet wurden.

Sind die Töpfe oder Krüge trocken genug, so wird ein Feuer aus Baumrinde um sie angemacht, und sie dann, wenn sie vortheilhaft ins Auge fallen sollen, mit dem Safte eines Käfers, welcher braun färbt, bemalt.

Diese Wasserkrüge sind in der ganzen Colonie im Gebrauche, und es erhält sich das Wasser auch sehr kühl in ihnen, weil sie porös sind und immer schwitzen.

Eine andere bedeutende Beschäftigung ist die Verfertigung von Hängematten.

Cattun, den sie theils selbst um ihre Hütten pflanzen, theils von den Plantagen eintauschen, wird in müssigen Stunden von ihnen gesponnen, und dann, wenn eine hinreichende Quantität, etwa 10-15 Pfund Garn vorhanden sind, der Webstuhl aufgeschlagen. An zwei aufrecht stehenden Pfosten sind zwei andere so weit auseinander befestigt, als die halbe Länge der Hängematte betragen soll. Um diese Pfosten wird nun der Zettel gewunden, der Eintrag durch Aufhebung der Zettelfäden durchgeschoben und mit einem harthölzernen, glatten Lineal festgeklopft.

Dass diese Arbeit sehr langsam fortschreitet, ist leichtbegreiflich. Diese Hängematten sind aber sehr dicht und warm, und werden mit 25-30 fl. bezahlt. Die andern Hängematten werden aus Schnüren, welche aus den Blättern der Mauritia geflochten sind, gewoben, gleichen aber einer Art Netzwerk, und sind nicht dauerhaft.

Die Bebauung der Felder ist ebenfalls den Weibern überlassen. Die Männer fällen zwar die schweren Bäume mit der Axt, aber die Weiber müssen das kleinere Gesträuch mit den Hauern abschlagen. Nachdem nun alles in vier bis sechs Wochen gut ausgetrocknet ist, steckt man den Haufen an der Windseite in Brand. Was nicht verbrannte, wird in kleinere Stücke gehauen und wieder angezündet, und das thut man so lange, bis man einen hinlänglichen Platz zur Anpflanzung der Cassavestöcke hat. Auf einem solchen Acker sind bei weitem nicht alle Bäume verbrannt, sehr viele liegen noch durcheinander am Ort, wo sie gefällt wurden, und es ist desshalb eine Promenade in einem indianischen Acker sehr ermüdend, weil man bald über Bäume klettern, bald unter ihnen durchkriechen muss.

Beim Beginn der kleinen Regenzeit, Anfangs December, wird der Acker mit Cassave oder Maniok bepflanzt. Die knotigen Zweige dieses Strauches werden in 3-4 Fuss lange Stücke zerbrochen, und zwei oder drei derselben etliche Zoll unter dem Boden kreuzweise übereinandergelegt und vergraben. In einigen Tagen schon schlagen die Stöcke aus und wachsen sehr schnell, so dass bei gutem Boden die Wurzeln oder Knollen in neun Monaten reif sind. Mais und Ananas wird zwischen den Maniok hinein gepflanzt, auch Yamswurzeln oder dergleichen, aber alles ohne die mindeste Ordnung.

Wird ein solcher Acker nicht fleissig gejätet, so findet man nach zwei bis drei Monaten mehr Unkraut als Früchte darauf. Stachlichte Solaneen, Brennnesseln und schneidende Grasarten überziehen den Boden und die Gewächse, und ein Indianer nur kann sich in solcher Wildniss zurecht finden.

Das Reinigen dieser Felder, ein nicht gar leichtes Geschäft, bleibt den Weibern überlassen, welche auch die Wurzeln ausgrabenund nach Hause bringen. Die Körbe, in welchen diese Feldfrüchte, Holz und andere Gegenstände getragen werden, hängen auf dem Rücken und sind mit einer starken Liane um die Stirne befestigt.

Auf dem Kopfe wird nichts getragen, während die Neger die grössten Lasten auf dem Kopfe schleppen.

Die Männer sind sehr geschickt im Verfertigen von Pagaals, einer Art viereckiger Körbe, die aus der Rinde eines Rohres (Warimbo) gemacht werden. In die Deckel dieser Körbe werden verschiedene Figuren eingeflochten. Da sie sehr dicht geflochten sind und den Regen nicht durchlassen, so sind sie überall im Gebrauche und der Haupthandelsartikel der Indianer.

Andere kleine Körbe, welche zur Aufbewahrung von Krabben, Maniokwurzeln und dergleichen bestimmt sind, nennt man Kurikuri und sind ebenfalls aus Warimbo geflochten. Bogen, Pfeile, Corjaals und Pagait werden ausschliesslich von den Männern gemacht, die trotz ihrer unvollkommenen Werkzeuge in der Verfertigung sehr behend sind.

Die Bogen werden aus 6' langen Stöcken eines harten Holzes, meist Letter oder Konordeppi, geschnitzt. Sie haben in der Mitte etwa 1¼" Durchmesser, sind halbrund und laufen von der Mitte aus allmählig spitzig zu. Die meist schlaffe Bogensehne ist aus Bromelienflachs gedreht. Die etwa 3' langen Pfeile werden aus einer Art Schilfrohr gemacht; am einen Ende sind zwei durchschlitzte Federn, um den Flug zu regeln, am andern aber ist die, etwa 1½' lange, aus sehr hartem Holze gemachte Spitze. Pfeilspitzen für grössere Fische sind von Eisen, und werden aus alten Reifen, zerbrochenen Hauern und Messern gefeilt. Sie haben zwei Widerhaken und werden Tokosi genannt. Man bindet sie an die hölzerne Verlängerung des Pfeils mit Bromelienflachs, den man mit einer Pechart, Mani, dem Harze des Manibaumes (Symphonia coccinea) bestreicht, Pfeile für Tiger, Pakire und grosses Wild sind ebenfalls von Eisen, aber stärker, während die Pfeile fürVögel und kleinere Fische verschiedene, auseinander laufende Spitzen von Palmholz haben.

Die Pfeile, welche beinahe so lange als die Bogen sind, werden mit demselben in einer Hand getragen, während das Jagdmesser im Gürtel steckt. Auf der Jagd gehen die Indianer so geräuschlos, dass man sie kaum hört, und Gehör und Geruch sind so fein, dass sie beim geringsten Geräusch im Gesträuch oder auf den Bäumen augenblicklich wissen, welches Thier dasselbe verursachte. Ich habe diess mit Verwunderung manchmal beobachtet. Nie, wie sehr ich auch meine Augen anstrengte, konnte ich die Fische bemerken, auf welche sie schossen, und wenn auch nicht immer, doch meistens trafen.

Sehr selten ist es, dass ein Indianer ohne Beute von der Jagd nach Hause geht. Findet er auch kein Wild, so bringt er doch Eidechsen, Anamueier (vom Pesus serratus) oder Kabbiswürmer in seinem Jagdsacke, und er ist doch nicht genöthigt, ohne Wild die unentbehrliche Pfeffersauce zu essen. Aber meistens sind sie zum Jagen zu faul und bleiben tagelang zu Hause, wo sie sich mit Kindereien beschäftigen und meistens in der Hängematte liegen.

Wie bei den Weibern die Verfertigung einer Hängematte vor allen andern Beschäftigungen hervorgehoben zu werden verdient, so ist bei den Männern der Bau einer Corjaal das wichtigste Geschäft, und Hängematten und Corjaalen werden daher nur im dringenden Falle verfertigt.

Der Indianer, welcher sich entschlossen hat, eine Corjaal zu bauen, sucht einen schönen, geraden, so dicht als möglich am Wasser stehenden Wanabaum. In der Nähe desselben wird nun eine temporäre Hütte errichtet und der Baum gefällt. Ist derselbe gesund, ohne Risse und Höhlungen, so wird das tauglichste Stück in derjenigen Länge abgeschnitten, welche die Corjaal erhalten soll. Die Werkzeuge, deren sie sich dabei bedienen, sind ein Beil und eine Hohlaxt. Der Baum wird nun von aussen so zugehauen, wie die Corjaal werden soll. Ist man mit der äussern oder untern Seite fertig, so wird der ganzen Länge nach Holzheraus ausgehauen, und wenn eine genügende Höhlung entstanden ist, Feuer darin angemacht. Nun sorgt man, dass die Seiten der Corjaal, noch ehe sie auseinandergetrieben werden, die nöthige Dicke erhalten. Ist diese Arbeit alle gethan, über welcher manchmal mehrere Wochen, ja Monate hingehen, so werden die Seiten der Corjaal, welche bis jetzt noch einer zugespitzten Walze gleicht, durch Stöcke, welche man quer über hineinzwängt, auseinandergetrieben. Damit nun durch das gewaltsame Auseinandertreiben der Seiten keine grossen Risse entstehen, wird in und unter derselben immer Feuer unterhalten. Es werden nun immer längere Stöcke hineingetrieben, so lange, bis die Corjaal ihre gehörige Weite hat. Diess letztere Geschäft erfordert grosse Aufmerksamkeit und Sorgfalt; denn obwohl alle Corjaalen dabei Risse erhalten, so kann ein Sachkundiger es doch so einrichten, dass diese auf Stellen fallen, wo sie weniger nachtheilig sind.

Ist das letzte Geschäft gethan und das Boot so weit vollendet, dass es in's Wasser gebracht werden kann, so wird ein Weg bis zu dem Fluss oder der Kreek geebnet, runde Stöcke oder Rollen werden auf ihn gelegt, und dann wird die Corjaal von einer gehörigen Anzahl Indianer in's Wasser geschafft. Die Risse werden mit Bienenwachs oder Mani bestrichen, und Bänke, Querstangen u. s. w. mit Lianen befestigt.

Hat nun eine Familie sich einen Vorrath von Schüsseln, Krügen, Pagaals u. s. w. verfertigt, und ist sie im Besitze eines Boots, so wird eine Reise nach Paramaribo oder den Pflanzungen unternommen. Da diese meist über See geht, so werden an der Corjaal lange, dünne Bretter, die aus dem weichen Holz des Trompetenbaumes (Cecraphia peltata) gehauen sind, an beiden Seiten befestigt, um dieselbe dadurch ein wenig höher zu machen und die überschlagenden Wellen abzuhalten. Diese Brettchen sind so lange als die Corjaal und 6-12" breit, durch Lianen und Querhölzer an diese befestigt. Die Fugen zwischen den Brettern und der Corjaal werden mit harzigen Fasern, die man aus einer gewissen Baumrinde schabt, und welche die Stelle des mit Theer getränkten Werges vertreten, ausgefüllt.

Segel werden verfertigt, indem man die Blattstiele der Mauritia trocknen lässt, den äussern Bast abzieht und die markige Substanz mittelst eines Bindfadens in ¼" dicke, 1½" breite und 4' bis 6' lange Latten schneidet. Diese, mit Bindfaden aus Bromelienflachs so dicht als möglich aneinander befestigt, geben ein gutes und leichtes Segel von beliebiger Länge, das man leicht zusammenrollen kann.

Indessen der Mann für die Ausrüstung des Fahrzeuges sorgt, beschäftigen sich die Weiber mit der Zubereitung von Kost und Getränke. Kassavekuchen werden in Menge gebacken und in der Sonne getrocknet. Ausgepresster Maniok (Madappi) wird in Körbe verpackt und mehrere Püllen (grosse steinerne Krüge) werden mit Tapana und Cosiri gefüllt.

Eine Hauptsache aber darf bei einer Seereise nicht fehlen, das ist Sacura, eine Art Mus, das aus gekautem Cassavebrod, gekochtem Yams und dergleichen besteht. Man mengt hievon eine Hand voll unter eine Kalabas Wasser, das der Indianer beinahe nie ohne Beimischung trinkt, und bereitet auf diese Weise eine Art Suppe, welche zu kosten ich nie über's Herz bringen konnte.

Ist nun endlich die ganze Haushaltung: Menschen, Affen, Hunde, Papagayen, Hühner und Schildkröten im Boote, so setzt sich der Eigenthümer desselben gravitätisch an's Steuer, und die Männer blasen auf ihren Pfeifen, dass man Ohrenweh bekommt; alsdann fährt man ab.

Da man die Zeit sehr wenig schätzt, so gehen solche Reisen manchmal sehr langsam von statten. Ist es stilles Wetter, so schiessen die Männer auf jeden auftauchenden Fisch, und an der ersten besten, günstigen Stelle wird angehalten und gekocht. Da die Küste sehr nieder ist und mit jeder Fluth überschwemmt wird, so sind sie häufig genöthigt, ihre Mahlzeiten im Boot zu bereiten. Man holt dann grosse Stücke schlammigen Lehms aus dem Wasser, breitet dieselbe in der Corjaal aus, und macht hierauf das Feuer an.

Manchmal werden auch in den niedrigen Zweigen der ParcagesträucheHolz und Lehm so hoch aufgethürmt, dass sie das Wasser nicht erreichen kann; kommt nun die Fluth, so geschieht es nicht selten, dass eine Welle Feuer und Topf fortspült, und man mit hungrigem Magen weiter ziehen muss. Daraus macht sich aber der Indianer nichts, und man muss sich darüber wundern, dass Hunger und Durst ihn wenig aus seiner guten Laune bringen. Ich bin manchmal mit Indianern gereist, die 12 Stunden hintereinander kräftig pagaiten, während dieser Zeit nichts genossen, und doch immer lustig und aufgeräumt waren. Bei den stärksten Drohungen würde ein Neger diess nicht thun, und man findet selten Neger, welche eine Fluth (6 Stunden) rudern, ohne etwas genossen zu haben.


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