Chapter 19

see captionDer 14. Juni der Viertage-Schlacht 1666.

Der 14. Juni der Viertage-Schlacht 1666.

Inzwischen hatte Tromp seine Schiffe in stand gesetzt. Um wieder auf den Kampfplatz zu kommen, preßte er Segel, lief in Lee der kämpfenden Flotten vorbei und riet auch van Nes von der Verfolgung ab. Beide wendeten. Zwar konnten sie die Luvstellung nicht gewinnen, aber sie erschienen doch fast gleichzeitig in Lee der Hauptflotten, so daß die Engländer dubliert waren (Position 3). Als Ruyter dies sah, gab er das Signal zum allgemeinen Angriff, Einbruch in den Feind, wodurch die englische Ordnung völlig zerstört wurde (Position 4). Noch eine kurze Zeit wurde heiß gefochten; nach und nach gelang es aber den englischen Schiffen, sich aus der nun allgemeinen Melee nach Luward in eine gewisse Sicherheit zu ziehen und sich gegen 7 Uhr abends wieder zu sammeln. Einige 20 Segel kamen so zusammen; an 10 bis 12 Schiffe waren an diesem Tage verloren gegangen, viele andere von der Flotte abgekommen. Es wehte jetzt sehr schwer, so daß auch die ermatteten Holländer mit ihren beschädigten Schiffen nicht mehr an eine Erneuerung des Kampfes dachten.

Dieälteren Schilderungenweichen nur unwesentlich ab: der Wind wird auf Südsüdost angegeben. Dann sagen diese, Ruyter habe gleich bei Beginn des Gefechts den Befehl gegeben, in die feindliche Ordnung einzubrechen; dies sei von den drei Geschwadern an drei verschiedenen Stellen geschehen. Die englische Ordnung sei hierdurch gestört, aber gleich wieder hergestellt worden. Das Manöver sei dann wiederholt worden, aber nicht allen Schiffen gelungen, und Tromp habe sich mit einigen Schiffen aus dem Gefecht zurückziehen müssen. So kommen wir auf diese Weise zu Position 2, von der an dann, einschließlich des Vorfalles van Nes, die Beschreibung die gleiche bleibt. — Wenn Mahans Augenzeuge[166]sagt, van Nes habe das Manöver mit der Vorhut ausgeführt, so dürfte dies ein Irrtum sein. Nach der Ordre de bataille standen beide van Nes bei der Mitte; da der Leutnantadmiral die erste Division dieses Geschwaders führte, hat vielleicht eine Verwechslung der Personen zu dem Irrtum Veranlassung gegeben.

Abends war Nebel aufgekommen, die Holländer fürchteten die englischen Bänke, und so verloren sich die Gegner während der Nacht aus Sicht. Als man am 15. Juni morgens auch von den Toppen kein feindliches Segel mehr sah, führteRuyterseine Flotte nach den Wielingen zurück; sie war nicht mehr imstande, ohne gründliche Ausbesserungen längere Zeit die See an feindlicher Küste zu halten. Es mangelte auch an Munition, doch diese hätte man kommen lassen können. Munitionsschiffe waren vorhanden.

Die Viertageschlacht war eine große Niederlage der Eng1änder.Sie selbst geben zu, daß ihrVerlust17–19 Schiffe (die Holländer sagen 32) — darunter 6 in Feindeshand gefallen —, 5000 Tote und Verwundete, 3000 Gefangene betragen habe und daß die übrigen Schiffe ganz außerordentlich gelitten hätten. Die Holländer verloren 4–7 Schiffe (sie selbst sagen nur 4) und 2–3000 Mann.

Der den Engländern zugefügte Verlust war aber auch der einzige Erfolg der Holländer. Die eigene Flotte war nicht imstande, den Sieg auszunützen, und vernichtet war die feindliche Seestreitkraft nicht, wie sich bald zeigen sollte. Ruyter hatte sich als großer Führer gezeigt, die meisten Holländer hatten wie stets brav gefochten, aber Mangel an Einsicht und Disziplin war doch wieder zutage getreten, während sich die englische Flottendisziplin auch in ungünstigen Lagen glänzend bewährt hatte.

InHollandging man mit großem Eifer an die Wiederherstellung der beschädigten Schiffe oder ihren Ersatz. Schon am 4. Juli waren 59 Kriegsschiffe und 1 Brander, am 6. gar 75 und 7, segelfertig; nach dem Auslaufen traten noch weitere Fahrzeuge, besonders Brander, hinzu.Ruyterhatte den Befehl, so schnell wie möglich zur englischen Küste zu gehen, um die Wiederaufstellung der englischen Flotte und die Vereinigung ihrer verschiedenen Teile zu hindern. Zu diesem Zweck waren Vorstöße gegen die Ausrüstungshäfen und Ankerplätze ins Auge gefaßt; man dachte sogar im Haag an eine Landung bei Northforeland unter der Anleitung eines Engländers[167], der als geflohener Republikaner in Holland lebte, und schiffte hierzu 6000–7000 Landsoldaten auf Transportern ein. Für den weiteren Feldzug hoffte man nun fest auf die Unterstützung der Franzosen. Vom 4. Juli an bestand die Absicht, in See zu gehen, aber wiederum erschwerten flaue und auflandige Winde das Auslaufen aus den Wielingen und hielten die Flotte an der Küste fest; erst am 13. erschien Ruyter vor der Themse. Jedoch man hatte den letzten Erfolg überschätzt. AuchEnglandhatteseine Schiffe wieder hergestellt und sie infolge des verzögerten Auslaufens des Gegners in der Themse und in Harwich zusammenziehen können, so daß sie an anderen Orten keine Angriffspunkte mehr boten.

Die Schiffe in Harwich, etwa 20, anzugreifen, wagteRuyternicht, da die enge Hafeneinfahrt stark befestigt war. In die Themse sandte er am 13. ein Geschwader von 7 Schlachtschiffen und 10 Gallioten. DieseErkundungsabteilungdrang auslotend bis in die Höhe des Mittelgrundes vor, englische Vorposten zogen sich auf ihre Flotte bei Sheerness zurück. Man fand alle Seezeichen aufgenommen und alle vielleicht zu einer Landung geeigneten Plätze stark besetzt; ebenso hatte sich die beabsichtigte Landung bei Northforeland als undurchführbar gezeigt. Eine weitere Forcierung der Themse schien bei dem unbekannten Fahrwasser, besonders für schwere Schiffe und mit dem Feinde in Harwich in der Flanke, unmöglich. Der Landungsplan wurde aufgegeben und die Transporter mit Soldaten zurückgesandt, wie man auch ein um diese Zeit ergangenes Anerbieten Ludwigs XIV., in Dünkirchen 2000 Mann zur Einschiffung zu stellen, ablehnte.Ruyterblockierte nun den Fluß und beschloß, das Herauskommen des Gegners abzuwarten. Er gab für diesen Fall den Befehl für alle Schiffe aus, sich dann aus der Themsemündung zurückzuziehen, um dem Feinde frei von den Sänden im offenen Wasser entgegenzutreten. Dementsprechend wurde verfahren, als man die Engländer am 1. August mit der Ebbe den Fluß herabkommen sah. Beide Flotten ankerten am Abend dieses Tages, die Engländer noch im Flußrevier. Am 2. kamen diese in See, flaue Winde hinderten jedoch eine gegenseitige Näherung. In der folgenden Nacht setzten schwere Gewitterböen ein, die auf beiden Seiten Beschädigungen verursachten; Ruyter war froh, seine Flotte gerade vorher noch frei von den Gallopersänden geführt zu haben. Am 3. wurde bei umspringenden Winden um die Luvstellung manövriert, auch strebte Ruyter weiter dahin, von den Sänden abzukommen; Abends ankerten beide Flotten wiederum, wahrscheinlich ostnordöstlich vonNorthforelandin freiem Wasser. Dieenglische Flottewar 89 Schiffe, 20 Brander (nach Clowes 81 und 18) stark; sie stand unter dem gemeinsamen Befehle vonAlbemarleundPrinz Ruprecht(beide auf „Royal Charles“ 90 K.), die Vorhut führte Admiral Allen, die Nachhut Admiral Smith. Dieholländische Flottezählte 72 Schlachtschiffe zu 37–80 Kanonen, 16 Fregatten zu 26–30 Kanonen, 10 Advisjachten und 20 Brander;Ruyter(„7 Provinzen“ 80 Kanonen) kommandierte die Mitte, Jan Evertsen die Vorhut, Tromp die Nachhut.

Es waren also ähnliche Flotten wie vor der Viertageschlacht, englischerseits 4460 Geschütze, holländischerseits 4704. Über die englischen Schiffe sind genauere Angaben nicht vorhanden. Die holländischen findet man nach Kanonenzahlgruppen näher aufgeführt in de Jonge, Teil I, Beilage XXXV. In „Leben Ruyters“ Seite 378 steht die holländische Ordre de Bataille, die aber belanglos ist.

Jan Evertsenhatte sich trotz seiner Mißhandlung wieder zum Kommando gemeldet: „um wie sein Vater, einer seiner Söhne und seine vier Brüder, wenn nötig, für das Vaterland zu sterben;“ er fand auch seinen Tod in dieser Schlacht.

Am frühenMorgen des 4. August[168]lichteten beide Flotten Anker. Es war flau mit häufig eintretenden Stillen. Der Wind scheint zwischen Nordost und Nordwest gespielt zu haben, nur so sind die Widersprüche in den Quellen bei den Windangaben zu verschiedenen Zeiten und an den verschiedenen Orten des Gefechtes zu erklären. Nach den älteren holländischen Angaben haben die Engländer nordöstlich der Holländer zu Anker gelegen und nachher die Luvstellung gehabt; nach Clowes ist der Wind bei Eröffnung des Gefechts Nordwest gewesen und die Holländer haben zu Luward gestanden, aber auch hier wird bald von nördlichem und nordöstlichem Winde gesprochen. Die im übrigen ziemlich gleiche Beschreibung der Schlacht läßt die Luvstellung der Engländer wahrscheinlicher erscheinen. Die englische Flotte war in gut rangierter Kiellinie. Die Ordnung der Holländer ließ viel zu wünschen übrig. Infolge des Ankerlichtens bei flauem Winde mit Stillen und scheinbar erst ausgeführt, als der Feind schon unter Segel gesichtet, waren Vorhut und Mitte zwar aufeinander aufgeschlossen, hatten aber verschiedene Schiffe in Lee stehen; die Nachhut unter Tromp war weiter zurückgeblieben.

Mehrere Stunden vergingen, bis die Gegner zusammentrafen, erst zwischen 10 und 11 Uhr begann das Gefecht. Beide Flotten lagen über Steuerbord-Bug, die Engländer wie gesagt wahrscheinlich zu Luward. Zuerst stießen dieVorhutenzusammen, dann dieMittenund zwischen diesen Flottenteilen entbrannte ein sofort heftiger Kampf; der leichte Wind erlaubte dieses Mal die vollste Ausnützung der schwereren Artillerie seitens der Engländer. Besonders die holländische Vorhut leidet schwer und mit verhängnisvollen Zufällen: Der Chef,Jan Evertsen, und ein Vizeadmiral fallen, der zweite Leutnantadmiralde Vrieswird tödlich verwundet, das Flaggschiff des zweiten Vizeadmirals muß verlassen werden und sinkt dann. Die Folge ist, daß die Vorhut gegen 1 Uhr zu weichen beginnt; sie ist durch Signale Ruyters nicht zu halten, sondern mehrt Segel, hält ab und flieht. Die Mitte hält sich besser, der Flottenchef selbst kämpft hartnäckig gegen die beiden schwersten englischen Schiffe („Royal Charles“ 90 und „Royal Sovereign« 100 Kanonen). Als er aber in einer kurzen Gefechtspause die allgemeine Flucht der Vorhut bemerkt, seine Nachhut nur in weiter Ferne sieht, beschließt er, das Gefecht abzubrechen. Er war um so mehr dazu genötigt, als der Angriff auf seine Mitte noch stärker zu werden drohte. Die englische Vorhut verfolgte nämlich nicht ihren fliehenden Gegner, sondern wandte sich richtigerweise auch gegen Ruyters Geschwader, worauf auch von diesem einzelne Schiffe weichen. Mit etwa 20 Schiffen trittRuyterunter kleinen Segeln in bester Ordnung den Rückzug an. Er beabsichtigte so, die Fliehenden zu decken, und hoffte sich mit diesen und während der Nacht auch mit Tromp wieder zu vereinigen und dann am nächsten Tage dem Feinde aufs neue entgegentreten zu können.

Trompwar, wie erwähnt, weiter zurückgeblieben. In die so entstandene Lücke der holländischen Linie brach nun die englische Nachhut (Smyth) ein — so sagt Ruyter in seinem Bericht; er wirft auch Tromp vor, das Zurückbleiben selbst verschuldet zu haben — oder Tromp manövrierte daraufhin, seinen Gegner von dessen Hauptmacht abzuschneiden, oder wie am zweiten Tage der Viertageschlacht zu Luward von diesem und überhaupt schneller an den Feind zu kommen — so sagt Tromp in seinem Rechtfertigungsbericht. Jedenfalls entspann sich zwischen denbeiden Nachhutenein besonderes Gefecht, das sich zunächst über Backbord-Bug mehr und mehr vom Hauptschlachtfelde fortzog.Smythsoll dies mit Absicht herbeigeführt haben, da sein Geschwader das schwächste der englischen Flotte, dagegen das Tromps (das Amsterdam-Kontingent) das mächtigste der holländischen war. Tromp war auch im Vorteil, ein großes englisches Schiff ("Resolution“ 62) wurde verbrannt. Er ließ sich immer mehr verlocken, verfolgte den Gegner immer weiter, scheinbar später mit westlichem Winde, nach Nordosten hin, so daß die Hauptflotten schließlich aus Sicht kamen. Erst am anderen Morgen brach er das Gefecht in der Nähe von Galloper ab und suchte seine Flotte wieder auf; den nun seinerseits hart folgenden Smyth hinter sich, entging er nur durch Zufall der Gefahr, von diesem und der englischen Hauptflotte in die Mitte genommen zu werden.

Am Morgen des 5. Augustsah sichRuytermit nur 7 oder 8 Schiffen von den Engländern mit einigen zwanzig Segeln zu Luward, in Lee und achtern im Halbmond umgeben und wieder angegriffen; vor ihm liefen seine übrigen Schiffe und die der Vorhut auf die Wielinge zu und waren durch kein Signal zum Stehen zu bringen. Tapfer fechtend deckte er das Einlaufen der Fliehenden zwischen die Bänke; der Angriff richtete sich besonders auf sein eigenes Schiff, ein Brander konnte nur durch seine und der nächsten Fahrzeuge Boote abgeschlagen werden. Als auch er eingelaufen war, sandte er sofort ein kleineres Geschwader wieder in See, um Versprengte aufzunehmen. Tromp traf erst am 6. auf der Rhede ein; sein Einlaufen wurde nicht gehindert, da die Engländer zu weit in Lee standen.

Die Schlacht war eine völlige Niederlage der Holländer.Doch scheint ihrVerlustnicht so bedeutend gewesen zu sein. Englische Quellen geben ihn zwar auf 20 Schiffe (genommene werden aber nicht erwähnt) und 7000 Tote und Verwundete an, aber die Holländer selbst sprechen nur von 2 Schiffen und z. B. bei der Mitte nur von 518 Mann. Die eigenen Verluste beziffern die Engländer auf ein Schiff und 300 Mann. DieGründe der holländischen Niederlagewaren: Die mangelnde Ordnung — in diesem Falle allerdings wohl den ungünstigen Windverhältnissen beim Ankerlichten zuzuschreiben —, die nach dem Fall der Führer eingerissene Mutlosigkeit in der Vorhut — der alte Mangel an militärischer Einsicht und Gefühl, sowie die mangelnde Erziehung zu einer Flottendisziplin — endlich das Verhalten Tromps.

Es wurde denn auch gegen mehrere Kommandanten der Vorhut die Untersuchung eingeleitet, jedoch nicht ernstlich durchgeführt. Tromp wurde verabschiedet, allerdings auf sein Gesuch. Man war sich doch klar geworden, daß der im übrigen so tüchtige Mann mit Ruyter nicht zusammenwirken könne. Da er sich auch sonst oft eigensinnig gezeigt hatte und weil er Oranier war, bedauerte die Regierung seinen Verlust nicht allzusehr. Ruyters Verdienst, die Rettung der Flotte vor gänzlicher Vernichtung durch seine Rückzugsgefechte an beiden Tagen, wurde dagegen allgemein anerkannt; sogar Ludwig XIV. verlieh ihm einen hohen militärischen Orden.

Ruyter beschuldigte Tromp, dem er die Hauptschuld der Niederlage zuschrieb, schwer. Wie mißlich er die Lage der Flotte angesehen, geht daraus hervor, daß er im Gefecht am zweiten Tage ausrief: „Will denn keine der tausend Kugeln mich treffen.“ Auf den Vorschlag seines Schwiegersohnes aber, dem Feinde entgegenzugehen und einen ehrenvollen Tod zu suchen, antwortete er, es sei seine erste Pflicht, die Fliehenden zu decken und auch die Schiffe bei ihm dem Vaterlande zu erhalten. Ferner sagt er in seinem Berichte, am zweiten Tage habe er die völlige Vernichtung der Flotte vor Augen gesehen, nur die lauer werdende Verfolgung — wohl die Besorgnis der Engländer vor den nahen Sänden — habe eine solche verhindert.

Er warf nun Tromp vor, durch eigene Schuld sein Zurückbleiben veranlaßt zu haben; auch später habe dieser immer noch das Gefecht rechtzeitig abbrechen und leicht, da er zu Luward stand, mit seinem so starken Geschwader zur Unterstützung herankommen können. Es wurden in Holland selbst Stimmen laut, Tromp habe böswillig aus Eifersucht und Haß gegen Ruyter, ja sogar aus politischen Gründen so gehandelt, da er Oranier, Ruyter dagegen eifriger Anhänger de Witts war. Es ist aber anzunehmen, und so auch aus Tromps Rechtfertigungsbericht zu lesen, daß es wieder ein Ausfluß seines Ehrgeizes und seines hitzigen Temperamentes gewesen ist: Durch die Umstände zuerst zurückgehalten — Windstille beim Ankerlichten, während die beiden andern Geschwader leichten Wind hatten und absegelten —, versucht er dann ohne Rücksicht auf die Flotte, möglichst schnell an den Feind zu kommen. Durch den ersten Erfolg berauscht, beißt er sich fest, in der Hoffnung, die englische Nachhut gänzlich zu vernichten. Er hielt Ruyter für genügend stark an sich (eigener Ausspruch); auch seine Unterführer haben später ausgesagt, mit dem Vorgehen ihres Chefs ganz einverstanden gewesen zu sein. Sein Hauptfehler war, daß er ohne Befehl und Wissen Ruyters gehandelt und daß er nicht rechtzeitig abgebrochen hat.

Zwar war er ein Gegner Ruyters und Oranier, aber es ist kein Beweis vorhanden, daß es ihm an Vaterlandsliebe selbst bei einer ihm unsympathischen Regierung mangelte. Als er nach seiner Verabschiedung ein sehr vorteilhaftes Anerbieten erhielt, in französische Dienste zu treten, lehnte er es ab und zog sich vorläufig ins Privatleben zurück.

Die Engländer waren nach der Schlacht die Herren der Seeund benutzten dies zu einem Unternehmen gegen die Küste. Nachdem sie einige Tage bei Schooneveld-Bank, einem beliebten Ankerplatz der Holländer, zu Anker gelegen und von hier aus die feindliche Flotte in den Wielingen beobachtet hatten, gingen sie nördlich, brachten Kauffahrer auf und alarmierten die Küste. Auf dem Wege erfuhren sie von einem kassierten früheren holländischen Kapitän, daß in demVlie-Strome, zwischen Vlieland und Terschelling, eine große Zahl reichbeladener Kauffahrer von nur zwei Kriegsschiffen gedeckt läge und daß wertvolle Magazine des Staates und der ostindischen Kompagnie auf genannten beiden Inseln leicht zu zerstörenseien. KontreadmiralHolmes, uns schon von Westafrika her bekannt, wurde am 18. August mit 9 kleineren Kriegsschiffen, 7 leichten Fahrzeugen und 5 Brandern zu einem Angriff auf diese Objekte abgeschickt. Holmes legte die beiden schwersten Schiffe vor die Einfahrt, um jedes Entweichen nach See zu verhindern, ließ durch ein leichtes Schiff Fahrwasser und Lage der Dinge erkunden und ging dann am 19. trotz Gegenwindes und schwieriger Navigation auf die Rhede von Terschelling. Hier setzte er mittels der Brander die Kriegsschiffe und schwersten Kauffahrer, durch seine Boote die übrigen Fahrzeuge — in Summe etwa 150 Segel — in Brand. Am nächsten Tage landete er auf Terschelling und legte eine größere Stadt mit Magazinen sowie verschiedene Ortschaften am Strande in Asche; von einem Unternehmen gegen Vlieland mußte des Wetters wegen abgesehen werden. Da man zu einem zweiten Versuch oder sonstigen weiteren Unternehmungen der Gezeiten wegen länger hätte warten müssen und eine dem Auslaufen ungünstige Windänderung fürchtete, ging Holmes zu seiner Flotte zurück.

Es war eine seemännisch geschickt ausgeführte Tat, die mit nur einem Verluste von 20 Mann und den verbrauchten Brandern dem Feinde einen Schaden von 12 Millionen Gulden zufügte, nach damaligen Verhältnissen einen außerordentlich großen; daß man auch die armen Fischerdörfer verbrannte, war grausam aber wohl der Kriegführung der Zeit entsprechend. Aus Rache verbrannten holländische Kriegsschiffe einige Tage später verschiedene englische Kauffahrer bei Glückstadt an der Elbe.

Es ist unverständlich, daß die Holländer nicht wenigstens dem Verluste der Schiffe vorgebeugt haben. Wenn sie wirklich die wenigen Kriegsschiffe, die zu sicherem Schutz nötig gewesen wären, nicht zur Stelle hatten, so hätten sich doch die Kauffahrer zurückziehen können. Der Befehl dazu war gegeben, aber nicht auf die Ausführung gedrungen. Hatte die Regierung nicht die Macht dazu, oder unterschätzte man die Gefahr, obgleich man doch selbst solche Anschläge plante?

Die englische Flotte kehrte nach diesem Unternehmen in ihre Häfen zurück, um auszubessern, auch weil eine ansteckende Krankheit an Bord ausbrach.

Das Jahr 1666sollte nichts von Bedeutung mehr bringen, wir können dieweiteren Ereignissekurz zusammenfassen.[169]Die Holländer hatten zwar ihre Flotte schleunigst wieder instandgesetzt, doch war der Gesundheitszustand auf der Flotte schlecht. Am 5. September bereits gingRuytermit 79 Schiffen und 27 Brandern in See. Seine Aufgabe war: für heimkehrende Fahrzeuge die Küsten freizuhalten, sobald der Zeitpunkt günstig, den Feind anzugreifen, vor allem aber sich mitBeaufortzu vereinigen.

Die Ankunft der französischen Flotte war gerade jetzt als nahe bevor stehend in Aussicht gestellt, freilich schwebten immer noch endlose Verhandlungen, u. a. auch über Etikettenfragen bei und nach der Vereinigung. So richtete Ruyter seinen Kurs nach dem Westen. Die Engländer folgten ihm von Harwich und Solebay aus; sie waren ebenfalls etwa 100 Segel stark, sollen jedoch in nicht besonders gutem Zustande gewesen sein, vor allemfehlten Brander. Der holländische Admiral hielt sich an der französischen Küste, teils um Beaufort um so sicherer zu treffen, teils um nicht gezwungen zu werden, an der englischen zu fechten. Auf seinem Wege nach Dünkirchen sichten sich am 10. September die Flotten, es kommt aber nicht zum Zusammenstoß. Beiderseits scheint man ihn vermieden zu haben: Ruyter wollte wohl versuchen, erst die Vereinigung mit den Franzosen herbeizuführen, die Engländer manövrierten daraufhin, den Feind von der Küste abzuziehen; außerdem war es stürmisch.MonckundRuprechtwollten auch wohl ein Gefecht vermeiden mit Hinblick auf den schlechten Zustand ihrer Flotte sowie auf das doch mögliche plötzliche Erscheinen der Franzosen, sie hielten vielleicht anderseits ihre bloße Nähe für genügend, eine Vereinigung zu verhindern, worin ihnen der weitere Verlauf rechtgab. Am 10. und 11. manövrieren die Flotten in Sicht voneinander; einige Schüsse werden gewechselt, ein durch Sturm beschädigtes Schiff fällt den Holländern in die Hände. Am 11. September abends ankerte Ruyter vor Boulogne, die Engländer gingen zu ihren Küsten zurück, wenigstens kamen sie aus Sicht. Ruyter lag mehrere Tage vor Boulogne. Er erfuhr hier, daß Beaufort am 13. La Rochelle verlassen habe, um nach Brest zu gehen. Den französischerseits geäußerten Wunsch, ihm weiter entgegenzugehen, lehnte Ruyter ab, er versprach jedoch, noch 4 Tage vor Dünkirchen zu warten, und ging am 18. dorthin. Während eines dreitägigen schweren Sturmes hier erhielt er Befehl, nach Holland zurückzukehren. Der Grund hierfür war wohl der schlechte Gesundheitszustand, auch hatte man vielleicht an maßgebender Stelle die Hoffnung auf die Unterstützung der Franzosen aufgegeben.

Diese Order wurde aber gleich darauf widerrufen infolge des großen Brandes in London; vom 12.–16. September war fast die ganze City niedergebrannt.

Neigung zum Frieden hatte sich schon in England bemerklich gemacht; in Holland hoffte man, daß dieses Nationalunglück sie bestärken würde, und beschloß deshalb, die Flotte weiter in See zu halten, um durch drohende Unternehmungen noch mehr Druck auszuüben. Ehe aber etwas Derartiges unternommen wurde, gingRuyternochmals westwärts. Er hatte am 26. gehört, es habe ein Zusammenstoß zwischen den Engländern und Franzosen stattgefunden. Tatsächlich hatte ein Teil der englischen Flotte nach dem letzten Sturm einige Nachzügler Beauforts überrascht und mehrere Schiffe vernichtet. Aber schon am 28., bei stürmischem Wetter westwärts aufkreuzend, erhielt Ruyter vom französischen Admiral die Nachricht, er sei bei Dieppe gewesen, habe 24 Stunden gewartet, könne wegen der Nähe der Engländer nicht weitergehen und kehre nach Brest zurück. Nun gingen die Holländer wieder ostwärts; die Krankheiten hatten sehr zugenommen und der Admiral selbst mußte sich (3. Oktober) ausschiffen.Van Nesführte die Flotte nochmals zur englischen Küste hinüber, am 5. Oktober wurden etwa 60 feindliche Segel gesichtet, aber ein Sturm trennte während der Nacht die Gegner. Die Flotten gingen in ihre Häfen. Auf beiden Seitenbegnügte man sich damit, den Winterdienst einzurichten, d. h. die Schiffe im allgemeinen aufzulegen und nur kleinere Geschwader zur Sicherheit der Küsten, zum Decken eigener sowie zum gelegentlichen Abfangen feindlicher Kauffahrer in Dienst zu behalten. In Holland wurde der Winterdienst in diesem Jahre in größerem Maßstabe als sonst üblich angesetzt; es war hier jetzt die große Schiffahrt freigegeben. Um die Mitte des Oktober begannenFriedensunterhandlungen. Beide Nationen waren des Krieges müde, da er ihren Handel und ihre Flotten zugunsten der mächtig aufstrebenden Franzosen schädigte.

Der Anstoß zu den Friedensunterhandlungen scheint von England ausgegangen zu sein. Als von Holland aus ein ritterliches Anerbieten erging, die Leiche des gefallenen Vizeadmirals Berkeley feierlich zu bestatten oder nach England überzuführen, erfolgte ein Dankschreiben, das Neigung zum Frieden zeigte. Gerade in England hatte das Volk neben den Kriegsfolgen auch schwer unter der Pest und durch den Brand in London gelitten. Der König unterschlug ferner einen Teil der für den Krieg bestimmten Gelder, so daß selbst der Sold der Flottenmannschaften unregelmäßig gezahlt wurde. In Holland ging man gern auf Verhandlungen ein, wenn auch hier die Verhältnisse günstiger lagen. Bei dem Zutrauen auf die Zuverlässigkeit der Regierung und der Kaufleute fanden bisher beide genug Geld; die eine zu Rüstungen, die anderen zum Überstehen der schweren Zeit.

Das Jahr 1667. Ruyter in der Themse. Friedensschluß.Die Friedensunterhandlungen kamen nicht weiter, obgleich Schweden die Vermittlung übernahm und zum Mai 1667 Gesandte Englands, Hollands, Frankreichs, Dänemarks und Schwedens zu einemFriedenskongreß in Bredazusammenberufen wurden.KarlII. stellte zu hohe Anforderungen, weil er ganz bei denen blieb, durch die er den Krieg heraufbeschworen hatte. Er haßte Holland zu sehr und hoffte, daß die immer mehr hervortretenden Absichten Ludwigs XIV. bald zu einem Bruche zwischen Frankreich und Holland führen würden und er dann seine Forderungen durchdrücken könne.LudwigXIV. wirkte auch gegen den Frieden. Er hatte tatsächlich für den Sommer dieses Jahres den Angriff auf die spanischen Niederlande geplant, und deshalb mußte es ihm willkommen sein, wenn Holland weiter anderwärts beschäftigt blieb.

Er eröffnete im Mai 1667 den sogenanntenDevolutionskrieg(vgl. Seite250) durch den Einbruch eines Heeres von 50000 Mann unter Turenne in Flandern und den Hennegau. Obgleich er in einem neuen Vertrage mit Holland wieder versprach, ihm seine Flotte zu stellen, bot er doch schon am folgenden Tage Karl II. Geld und Truppen zum Umsturz der englischen Verfassung — Abschaffung des Parlaments — an, wenn sich dieser verpflichtete, der Einverleibung der spanischen Niederlande nichts in den Weg zu legen.

Er riet deshalb de Witt, noch einen kräftigen Stoß gegen England zu unternehmen, und versprach aufs neue die Mitwirkung seiner ganzen Flotte. Der Ratspensionär de Witt ging darauf ein, da die Verhandlungen doch nicht weiter kamen. Dieser kluge und stets gut unterrichtete Staatsmann wußte, daß England schwächer sein würde als bisher, weil Karl II. in noch größerem Maße als früher die für den Krieg bewilligten Gelder für seine Zwecke verwendete.Somit hielt er es für möglich, nötigenfalls auch ohne französische Hilfe, durch einen großen plötzlichen Erfolg günstigere Friedensbedingungen zu erreichen.

Der kleine Kriegwar fortgeführt worden. Während des Winters hatten Zusammenstöße kleinerer Flottenabteilungen im Kanal und der Nordsee stattgefunden. In Westindien hatten die Holländer sogar größere Erfolge errungen; sie hatten den Engländern die Niederlassung inSurinamabgenommen und auch sonst sie empfindlich geschädigt. In jenen Gewässern waren sie gemeinsam mit den Franzosen vorgegangen, die sich auch in Besitz verschiedener englischer Inseln gesetzt hatten. Als nun am 5. Mai ein neuer Vertrag mit Frankreich abgeschlossen war, beschloß man in Holland ein Unternehmen gegen die Themse. Ein am 4. Juni auf dem Kongreß zu Breda seitens Englands geforderter Waffenstillstand wurde abgelehnt undRuyters Angriff auf die Themseins Werk gesetzt. Die Verhältnisse lagen für Holland sehr günstig. Man hatte hier den Winter über die Rüstungen trotz der Friedensunterhandlungen, ja gerade um diese zu fördern, mit großem Eifer betrieben. Für das Jahr 1667 war die Aufstellung einer noch größeren Flotte als in den Vorjahren beschlossen. Es sollten 88 Kriegsschiffe — darunter wieder 16 auf Kosten der ostindischen Kompagnie —, 12 Fregatten, 24 Brander und zahlreiche kleinere Fahrzeuge in Dienst gestellt und 18 Kriegsschiffe für Ausfälle nach Gefechten bereit gehalten werden; die Mannschaften des Jahres 1666 waren in Dienst behalten.

InEnglanddagegen war die Lage anders; de Witt war richtig unterrichtet gewesen. WennKarlII. im Gegensatz zu seinem Volke nicht ernstlich an Frieden dachte oder doch seine Forderungen durchsetzen wollte, so hätte gerade er die Flotte auf der Höhe ihrer Leistungsfähigkeit halten müssen. Statt dessen hatte er sich einen Plan zurechtgelegt, der ihm zu seinem beständigen Geldmangel paßte: Er wollte nur einenKreuzerkriegführen, und von einer Verwendung der Schlachtflotte ganz absehen.

DerStandpunkt des Königs— vom Lordkanzler und Lordschatzmeister unterstützt, dagegen von York und wohl auch von Monck hart angegriffen — war: da der Handel eine Lebensbedingung Hollands sei, da die Versorgung seiner Marine von diesem Handel abhinge und da, wie die Erfahrung gelehrt, nichts das Volk mehr erbittert hätte, als die Schädigung des Handels, so würde man sich englischerseits auf den Kreuzerkrieg beschränken können. Die Holländer würden durch diesen wirksam genug gedemütigt werden, während England nicht wie bisher durch die Ausrüstung großer Flotten erschöpft würde. Da der Gedanke, nur einen Kreuzerzug zu führen, zu allen Zeiten seine Vertreter gefunden hat, werde ich bei den strategischen Betrachtungen am Schluß des Krieges darauf zurückkommen, nachdem wir die Folgen der Maßnahmen Englands kennen gelernt haben.

Infolge dieses Beschlusses blieben nun auch mit dem Eintritt des Frühjahrs die meisten Schiffe und darunter gerade die schwersten aufgelegt, und es wurden für den Sommerdienst nur schwache Geschwader kleinerer Schlachtschiffe und leichterer Fahrzeuge in Dienst gestellt. Sonst waren natürlich Hollands Rüstungen in England wohl bekannt sowie auch, daß man dortetwas gegen einen der größeren Häfen plane. Es wurde deshalb schon im März der Befehl gegeben, die Befestigungen von Portsmouth und Harwich, namentlich aber die an den wichtigsten Stellen der Themse, zu verstärken, hier die außer Dienst gestellten Schiffe soweit wie möglich den Fluß hinaufzuführen, Vorbereitungen zum Sperren des Fahrwassers zu treffen und genügend Brander bereit zu halten. Der König und der Herzog von York hatten die notwendigen Maßregeln in der Themse persönlich an Ort und Stelle angeordnet. Zu allen diesen Arbeiten war Zeit genug. Zwar scheint de Witts Plan schon viel früher fertig gewesen zu sein, der Vertrag mit Ludwig XIV. sich schon im besonderen auf einen Angriff der Themse bezogen zu haben, aber man war noch nicht bereit. Ein lang andauernder, im Mai noch einmal einsetzender harter Winter hatte die Mobilmachung verzögert. Obgleich also der Angriff nicht unerwartet kam, waren doch die Vorbereitungen zur Verteidigung in England arg vernachlässigt. Albemarle, der bei Chatham kommandierte, als der Angriff erfolgte, beklagte sich später bitter darüber, daß die Anordnungen durchgängig nur lässig oder gar nicht ausgeführt seien.

Nach englischen Quellen sollen zu dieser Vernachlässigung besonders zwei Umstände Anlaß gegeben haben: die Holländer hätten in den Friedensverhandlungen erklärt, sie rüsteten schon ab, und die Aufmerksamkeit der Engländer sei durch eine andere Diversion von der größeren Expedition abgezogen. Im April unternahm nämlich der Leutnantadmiralvan Ghent, von der Begleitung eines Konvois bis zum Norden Schottlands zurückkehrend, einenVorstoß gegen Leith, um die dort liegenden Schiffe, besonders Freibeuter, zu zerstören; es wurden dabei nur einige wertlose Prisen gemacht und Burntisland ohne größeren Erfolg bombardiert.

Diese Gründe können jedoch eine derartige Sorglosigkeit nicht entschuldigen, man wird sowohl gewußt haben, daß Holland weiter rüstete, als auch daß Ghents Geschwader keineswegs die ganze Streitmacht des Feindes war. Die Nachlässigkeit ist wohl der seit Karls Thronbesteigung einreißenden Oberflächlichkeit im Dienstbetriebe zuzuschreiben; selbst der Herzog von York, der sonst Interesse und Verständnis für Marinefragen hatte, soll seinen Dienst etwas oberflächlich getan haben.

De Wittwar auch hierüber wieder gut unterrichtet und beeilte mit Ruyters Unterstützung die Abfahrt der Expedition, obgleich die ganze Streitmacht der Niederlande noch nicht versammelt war. Das ganze bedeutende Kontingent Seelands und auch der größere Teil von dem Frieslands fehlte, sie waren noch nicht fertig. Uneinigkeiten zwischen den Provinzen, das Parteiwesen in der Republik, Trotz gegen de Witts Machtstellung, waren daran schuld. Seeland war wie die Landprovinzen des Seekrieges müde; als Gründe wurden angegeben: Mangel an Geld und Leuten, die Gefahr des Vordringens der Franzosen usw.

So bestandRuyters Flottenur aus 64 Kriegsschiffen zu 32–84 Kanonen, 20 kleineren Fahrzeugen, 15 Brandern mit 3330 Kanonen und 17416 Mann,[170]hinzutraten einige Transporter mit Landsoldaten; Vor- und Nachhut führten die Leutnantadmirale van Ghent (Amsterdam), van Nes(Maas). Für Einschiffung zahlreicher Lotsen, die die Themse kannten, war gesorgt, 2 oder 3 Engländer befanden sich darunter; bei den Unternehmungen gegen die Themse in den beiden Vorjahren waren Lotungen vorgenommen und auch sonst hatte man sich nach Möglichkeit Kenntnis des Fahrwassers verschafft.

Ruyters Orderwar: Soweit wie möglich die Themse hinaufzugehen; Schiffe, Magazine, Befestigungen zu zerstören und dem Feinde in jeder Beziehung Abbruch zu tun; die Art der Ausführung war dem eigenen Ermessen anheimgestellt. Als Deputierter der Generalstaaten befand sich nurCornelis de Witt, Bruder des Ratspensionärs, für die Provinz Holland an Bord; Friesland und Seeland hatten keinen Vertreter gestellt, scheinbar zur größten Zufriedenheit des leitenden Staatsmannes. Die Flotte ging am 13. Juni von Schooneveld, wo sie noch einige Tage auf das Kontingent Seelands gewartet hatte, in See, ritt am 15. vor der Themse einen Südwest-Sturm ab und lief am 17. in den Kings-channel ein.

Am 18. Juni gabRuyterdie hier kurz mitgeteilteDispositionaus: „Die Hauptflotte bleibt vor der Themsemündung als Rückhalt liegen. Eine Flottenabteilung geht den Fluß hinauf und vernichtet die bei Gravesend und Tilbury (the Hope) liegenden Schiffe — etwa 20 Westindienfahrer unter Bedeckung von 10–12 Kriegsschiffen zu 30–40 Kanonen —. Dann kommt sie zurück, geht in den Medway, nimmt Sheerness und zerstört die Schiffe und Arsenale in diesem Nebenfluß.“ Die zu detachierendeAbteilungwurdevan Ghent, unter ihm Vizeadmiral de Liefde, unterstellt und bestand aus: 2 Schiffen zu 60, 6 zu 50, 4 zu 40–45, 5 zu 32–36 Kanonen; 5 Advisjachten sowie fast allen kleinen Fahrzeugen und Brandern. Die Landungstruppen wurden auf die Kriegsschiffe verteilt, leider waren mehrere Transporter während des Sturmes von der Flotte abgekommen; C. de Witt schloß sich der Expedition an. Der erste Teil der Aufgabe gelang infolge ungünstiger Windverhältnisse nicht, der zweite und Hauptteil aber, dieForcierung des Medway, wurde ein großer Erfolg.[171]

Früh morgens am 19. JunigingGhentmit der Flut stromauf, kam jedoch wegen ungünstigen und dabei flauen Windes und wegen der später einsetzenden Ebbe nur bis etwa zwischen Leigh und Gravesend und mußte hier ankern; die englischen Schiffe gewannen hierdurch Zeit, sich noch weiter stromaufwärts in Sicherheit zu bringen.Ruyterwar mit der Flotte bis zum Mittelgrunde gegangen; er detachierte Schiffe in alle Fahrwasser und bestimmte noch 10 größere Schiffe zur Unterstützung für das Unternehmen gegen den Medway.

Am 20. morgens kam Ghent von dem verfehlten Unternehmen zurück und wandte sich gegenSheerness. Drei Schiffe bombardierten das Fort, 800 Mann unter OberstDollman, einem englischen Republikaner, landeten. Ein ernster Widerstand wurde bei dem schlechten Zustande der Befestigung nicht geleistet, die Besatzung zog ab und[293]besetzte später eine Schanze bei Gillingham; auch ein kleines Kriegsschiff und 2 Brander, die bei Sheerness gelegen, hatten Anker gekappt und waren den Medway hinaufgegangen. Die Holländer machten die Geschütze und die Befestigung unbrauchbar und räumten oder zerstörten die Magazine; sie glaubten aber die Stellung mit ihrer geringen Zahl Soldaten nicht halten zu können. An demselben Tage wurde auch noch das Fahrwasser des Medway durch leichte Schiffe ausgelotet.

Das Erscheinen der Holländer in der Themse und die Einnahme von Sheerness hatten London natürlich in größte Aufregung versetzt.Monckeilte mit Truppen nachChatham, wo er, wie schon gesagt, wenig gemacht fand. Er tat nun sein möglichstes, eine feste Stellung zu schaffen, obgleich er kaum Arbeitskräfte bekam, die halbe Bevölkerung, selbst ein Teil der Arsenalbeamten, war geflohen. Er ließ eine schon längst vorbereitete, aber nicht in Gebrauch genommene Sperrkette oberhalb Gillingham ziehen, deckte sie durch zwei kleine Batterien und legte ein Kriegsschiff, die „Unity“, davor. Sodann verstärkte er die Befestigungen von Upnor-Castle und verankerte die vorhandenen schweren Schiffe, etwa 17, oberhalb der Kette auf dem ganzen Revier in Verteidigungsstellung; auch ordnete er das Versenken von Schiffen an, was aber in der Eile weder durchweg noch richtig ausgeführt wurde, wie es auch nicht mehr möglich war, frühere Unterlassungssünden noch gut zu machen, z. B. die Verstärkung der ungenügenden Armierung der Batterien.

see captionRuyter im Medway, 20.–23. Juni 1667.

Ruyter im Medway, 20.–23. Juni 1667.

Am 21. Juni unternahmen die Holländer noch nichts. Der Grund hierfür ist nirgend zu ersehen. Vielleicht geschah es, um Ruyter abzuwarten, der auf ausdrücklichen Wunsch C. de Witts weiter stromauf segelte und schließlich mit einigen seiner Schiffe bis Queenborough kam. Am 22. Juni 7 Uhr segelteGhentdenMedway[294]hinauf. Die Spitze der Vorhut, geführt vom Kapitän Tobias, begann ein Feuergefecht mit der befestigten Stellung an der Kette, das jedoch nicht recht vorwärts kommen wollte. Da erbot sich Kapitänvan Brakel, mit dem Schiff „Vrede“ und 2 Brandern vorzugehen. Er enterte die „Unity“, und der eine Brander sprengte die Kette. Verschiedene kleine Schiffe und Brander segelten nun durch; Brakel bestieg ein kleineres Fahrzeug, enterte das nächste große englische Schiff und brachte dann, auf sein Schiff zurückgekehrt, die kleinen Kettenbatterien zum Schweigen.

Mittlerweile kommen immer mehr Holländer unter Ghents und Liefdes persönlicher Führung heran. Mit Schiffen und Fahrzeugen, mit ausgesetzten Booten wird die erste englische Stellung genommen; die Batterien am Lande werden durch Landungsabteilungen zerstört, von 5 großen hier postierten Schlachtschiffen werden 4 verbrannt, der „Royal Charles“ (100 Kanonen) wird genommen. Dieses stolze englische Schiff wurde als Trophäe nach Holland geführt; Monck hatte angeordnet, es weiter stromauf zu bringen, aus Nachlässigkeit oder Mangel an Hilfsmitteln war dies aber nicht geschehen. Der Kampf, zu dessen Ausläufern auch Ruyter auf einem kleinen Fahrzeuge herangekommen war, wurde abends abgebrochen, weil bei fallendem Wasser viele Holländer festkamen. Die Szene auf dem Kampfplatz wird als furchtbar geschildert: „Der Fluß voll von fahrenden Schiffen, Booten und brennenden Trümmern; ununterbrochenes Geschütz- und Gewehrfeuer, und doch übertönt vom Klagen der Verwundeten; Trompetengeschmetter, Trommelschlag und Hurraruf der Holländer nach jedem Erfolge; über allem dunkler Pulverrauch und erleuchtet von den Flammen und dem Blitzen der Feuerwaffen.“ Am 23. Juni wurde das Vernichtungswerk fortgesetzt. Mit 4 Schlachtschiffen, einigen Jachten und den Brandern wurden die drei bei Upnor liegenden Engländer angegriffen. Die Befestigungen hier unter MajorScottund die gegenüberliegenden unter VizeadmiralSpragge, der in Sheerness kommandiert hatte, kämpften tapfer, konnten aber das Verbrennen der Schiffe durch Brander und Boote nicht hindern; Ruyter und die anderen Admirale leiteten von Booten aus das Gefecht, an dem sich in dem engen Gewässer von größeren Schiffen ja nur wenige beteiligen konnten.

Mit diesemErfolgebegnügten sich die Holländer, sie hielten es nicht für ratsam, den Fluß noch weiter hinaufzugehen. Das Fahrwasser wurde immer enger und schwieriger, Schiffe waren versenkt und der Fluß an beiden Seiten mit Batterien und Truppen besetzt, die Brander bis auf zwei verbraucht. So waren die übrigen englischen Schiffe und die Arsenale bei Chatham gerettet.

Immerhin hatte man 2 Schiffe genommen und 6 oder 7 verbrannt, fast alle diese waren bisherige Admiralschiffe; die Engländer selbst hatten außerdem einige versenkt. Erinnert muß daran werden, daß die Schiffe im Medway nur halb armiert und bemannt, einige sogar ganz aufgelegt waren; man hatte diese mit Soldaten besetzt. Auch der Mannschaftsverlust der Engländer muß bedeutend gewesen sein, während die Holländer nur etwa 150 Tote und Verwundete hatten.

Am 24. Juni ging die holländische Flotte in die Themse zurück.

Als die holländische Flotte nach der Durchführung dieses Unternehmens am 24. Juni wieder auf der Themse selbst und in der Mündung des Medway lag, wurde sie verstärkt durch einige friesische Schiffe und durch einen Teil des seeländer Kontingents unter Leutnantadmiral Bankers, so daß sie nun gegen 80 Kriegsschiffe stark und auch wieder im Besitz einiger Brander war. Hiervon wurde gleich ein Geschwader unter Ghent nach dem Norden Schottlands detachiert, um heimkehrende Indienfahrer zu begleiten.Ruyterblieb mit dem Gros noch einige Tage liegen, ging dann aber auch stromabwärts, um sich nicht Branderangriffen in dem engen Revier auszusetzen, und übernahm eine strengeBlockade der Themse. Er selbst lagvor dem Fluß, ein Geschwader kreuzte zwischen Harwich und den Hoofden, ein anderes zwischen Harwich und der Themse.

Das Erscheinen in der Themse und die Waffentat im Medway waren von der größten moralischen Wirkung in England, selbst aus London waren Einwohner geflohen; von dieser Zeit soll sich die zuweilen übertrieben auftretende Furcht eines Angriffs auf London herschreiben. Die zunehmende Neigung zum Frieden zeigte sich sofort in den Verhandlungen zu Breda, die Blockade der Themse trug weiter dazu bei. Diese war so wirkungsvoll, daß die Preise von Kohlen und anderen Materialien in London bis auf das Zehnfache des sonst üblichen Satzes stiegen. Die Generalstaaten begnügten sich jedoch damit nicht, sondern ordneten weitere Unternehmungen an, um immer mehr Druck zur Beschleunigung der Friedensunterhandlungen auszuüben. Vielleicht hoffte man auch immer noch auf eine wirkliche Unterstützung durch die Franzosen; wäre sie erfolgt, so würde England wohl aufs tiefste gedemütigt worden sein. Aber die französische Flotte lag ruhig in Brest und die jetzt noch bis zum Friedensschluß von den Holländern ins Werk gesetztenweiteren Unternehmungenhatten keine anderen Erfolge als die fortgesetzte Blockade der Themse und die Alarmierung der englischen Küste; sie seien deshalb nur kurz erwähnt.Ruytererhielt den Befehl,nochmals in die Themseeinzudringen. Er verfuhr ähnlich wie früher und kam mit einem Geschwader leichter Schiffe an der Spitze am 6. Juli bis unterhalb Gravesend. Hier hörte er von auslaufenden flämischen Schiffen, daß in Woolwich eine größere Zahl Kriegsschiffe und 15 Brander bereit lägen, daß das Fahrwasser bis auf eine schmale Rinne gesperrt sei — für größere Schiffe nur im Schlepp zu passieren — und daß die Ufer bei Gravesend mit starken Batterien und zahlreichen Truppen besetzt wären.

Bemerkenswert ist, daß diese flämischen Schiffe Truppen abgeholt hatten, die für Spanien geworben waren, obgleich sich England in einer so traurigen Lage befand und obgleich Karl II. doch, wie wir erwähnt, mit Ludwig XIV. in Unterhandlung zuungunsten Spaniens stand.

Der Admiral gab deshalb diesen Plan auf und ging wieder vor die Themse zurück. Er beabsichtigte nun,Harwichund die dort liegenden Schiffe zu Wasser und zu Landeanzugreifen; seit kurzem hatte er eine Verstärkung von 8 Kompagnien zu Landungsunternehmungen erhalten. Aber auch dieser Anschlag am 12.Julimißglückte. Eine Flottenabteilung war bestimmt, das die Stadt deckende Fort zu bombardieren, eine zweite, in den Hafen einzudringen; beide erreichten ihren Zweck nicht. Infolge ungünstiger Windverhältnisse und ungenügender Kenntnis des außerdem gesperrten Fahrwassers konnte die eine nicht nahe genug heran, die andere nicht hinein. Da so der Landangriff nicht von der Flotte unterstützt werden konnte, wurde er zweimal abgeschlagen und die gelandeten Truppen, gegen 2000 Mann, wurden dann von englischen Entsatztruppen zur Einschiffung gezwungen; alles ging nicht ohne beträchtliche Verluste ab.

Ruyterteilte nun auf Befehl seine Flotte.Ein Geschwader unter van Nessetzte die Blockade der Themse fort. Auch dieses unternahm nochmals einenVorstoß in die Themse. Am 2. August ging van Nes wieder bis Gravesend und fand dort Schiffe unterSpraggevor. Beim Angriff wichen sie zurück; es wurde ein Hauptkampf nur von Brandern ausgefochten, deren die Engländer 11, die Holländer 6 oder 7 verloren; die Befestigungen setzten dann dem Vordringen ein Ziel. Die Holländer gingen bis zum Nore zurück und nahmen hier eine Kampfaufstellung zu Anker ein; Spragge folgte, ohne sich in ein ernstliches Gefecht einzulassen. Der holländische Admiral hielt es aber doch für geboten, die Themse ganz zu verlassen, als am 5. August etwa 20 Schiffe von Harwich aus zu Spragge stießen und er ernstlich angegriffen wurde; das holländische Geschwader würde an diesem Tage in großer Gefahr gewesen sein, wenn die verschiedenen englischen Abteilungen von der Themse, Harwich und dem Medway aus einmütiger operiert und wenn besonders die Brander ihre Pflicht besser getan hätten. Van Nes vollführte seinen Rückzug durch das enge Fahrwasser militärisch und namentlich seemännisch bei Gegenwind musterhaft; es ist dieses jener Fall, der früher bereits als ein Meisterstück holländischer Seemannschaft erwähnt wurde (vgl. Seite263). Die Blockade der Themse blieb dann ohne weitere Zwischenfälle bis zur Ratifizierung des Friedens in Kraft.

Ruyter führte den Rest der Flotte.Seine Aufgabe war, durchBeunruhigung der feindlichen Küsteeinen Druck auszuüben und zu versuchen, verschiedene starke Konvois abzufangen, deren Rückkehr man erfahren hatte. Er kreuzte ständig im Kanal, namentlich im Westen und bei den Scillys. Erkundungsfahrten wurden bis dicht vor die Häfen von Portsmouth, Dartmouth, Torbay, Plymouth und Foway (Cornwall) vorgenommen; auf einer der Scillys wurde gelandet, aber nur um Vieh wegzunehmen. Nach den alten Quellen scheinen diese Erkundungen nur den Zweck gehabt zu haben, eine Vereinigung der englischen Seestreitkräfte zu hindern und die Konvois zu suchen; von diesen hörte man immer wieder, ohne sie jedoch auf See anzutreffen. Am 8. August erfuhr Ruyter vor Plymouth durch einen Parlamentär den Friedensschluß, am 13. erhielt er dienstlich die Bestätigung und am 31. die Nachricht von der Ratifizierung. Da jedoch nach den Bedingungen der Frieden erst am 5. September in Nordsee und Kanal, im Atlantik bis zum Kap Vincent gar erst am 5. Oktober (von dort bis zur Linie am 2. November, auf der ganzen Erde am 24. April 1668) in Kraft trat, hatte er Befehl, bis zu diesem letzten Termin am Eingange des Kanals zu kreuzen. Wegen schlechten Wetters und Krankheit an Bord hielt er sich aber bald den heimischen Häfen näher und lief am 10. Oktober ein.

DerFrieden zu Breda, 21. Juli 1667 geschlossen und am 24. August ratifiziert, ist für das siegreiche Holland kaum ein günstiger zu nennen: England behielt die genommene Kolonie Neuniederland (Neuyork), Holland bekam das englische Surinam, obgleich es kurze Zeit nach der holländischen Besetzung durch englische Schiffe zurückerobert war. Holland mußte aberdas „Flaggenrecht“ weiter anerkennen (vgl. Seite229und Seite189,191). Nur mit Beziehung auf die Navigationsakte erlangte Holland einen wesentlichen Vorteil: das Verbot, mit seinen Schiffen keine außerholländischen Waren einzuführen, sollte nicht mehr für deutsche Produkte gelten, die Holland auf der Achse oder auf dem Rhein bezogen hatte. Dieser materielle Vorteil tröstete wohl manche in dem ideellen Schmerz über das Flaggenrecht. In dem Frieden mit Frankreich gab dieses an England die genommenen westindischen Inseln zurück, dagegen wurde seine Oberhoheit in Acadia (vgl. Seite85und Seite89) anerkannt.

Bemerkenswertes beim zweiten Kriege.Bei der Betrachtung derStreitmittelist gezeigt worden (Seite254ff.), daß die Marinen der Gegner große Fortschritte seit dem ersten Kriege gemacht hatten. Kauffahrer wurden nur noch in ganz geringem Maße verwendet, die Schiffe waren leistungsfähiger und gleichmäßiger und das Personal besser geworden. Besonders hatte Holland in diesen Hinsichten Fortschritte gemacht, ohne indes England zu erreichen.

Beim Manövrieren vor und während der Schlachten um die Luvstellung, besonders aber wenn sie nach günstig verlaufenen Gefechten verfolgen wollen, sind die Holländer im Nachteil; auch der oft hervortretende Mangel an Ordnung in ihrer Flotte ist zum Teil eine Folge der schlechteren Schiffe. Die Überlegenheit der englischen Artillerie tritt weniger zutage; öfters können die Engländer ihre schwerste Batterie nicht gebrauchen, da deren Pforten noch zu nahe über Wasser liegen; einige Male jedoch leiden die Holländer mehr durch die weitertragenden und stärkeren Kaliber des Feindes. Eine weit größere Rolle spielt die Schwäche des holländischenPersonals. Der Mangel an Subordination, an militärischer Treue, Einsicht und Erziehung bei den Kommandanten und Dienstgraden zeitigt die schlimmsten Folgen: In bedrängter Lage, bei außergewöhnlichen Vorfällen verlieren selbst Führer von Flaggschiffen den Kopf, manövrieren falsch, ja fliehen sogar; die sonst mutigen Taten Tromps sind doch auch Zeichen fehlender Disziplin. Die Unordnung in den Gefechtslinien ist vor allem der mangelnden Einsicht, zuweilen sogar dem bösen Willen der Schiffsführer zuzuschreiben.

Wie weit diese Vorwürfe auch die Mannschaft treffen, ist nicht sicher festzustellen. Doch erzählt z. B. eine Quelle („Leben Ruyters“, Seite 394): Als Ruyter nach der Schlacht von Northforeland und den beiden heftigen Rückzugsgefechten auf seinem Schiffe die Verluste feststellte, fand man nur 38 Tote und 30 Schwerverwundete bei rund 500 Mann Besatzung. Während des Gefechts waren ihm weit größere Verluste gemeldet, weil „in der Hitze des Kampfes und während der größten Not viele sich hier und da verstecket und aus großer Angst weggekrochen waren, die nun, durch den Hunger getrieben, wieder hervorkamen“. Und dies war Ruyters Schiff!

WoRuyterin Person war, war das Verhalten des Personals schon besser und wenn es sich später weiter hob, so ist dies seinem Einflusse zu verdanken. Es wird mehrfach hervorgehoben, daß er jede Gelegenheit benutzte, belehrend und ermahnend auf seine Untergebenen einzuwirken. In den englischen Flotten kommen Verstöße ähnlicher Art um diese Zeit noch nicht vor. Daß in Englandunter der neuen Regierung die Cromwellsche Zucht und Pflichttreue schwindet, bemerken wir zuerst bei den Behörden am Lande: die Ausrüstung der Flotten läßt mehrfach zu wünschen übrig; im Jahre 1667 sind die Befehle zur Sicherung der Küsten nur nachlässig ausgeführt worden. Bei beiden spielte allerdings wohl auch der Geldmangel mit.

Bei der Besprechung der Streitmittel ist ferner auf den Fortschritt in derTaktikhingewiesen; die Schlachten zeigen dies deutlich. Die „Kiellinie beim Winde“ ist die Normalgefechtsformation geworden; wir finden sie in allen Gefechten auf beiden Seiten. Zwar gilt noch immer die Luvstellung als die unbedingt vorteilhaftere, aber es wird doch fast ebensoviel Wert darauf gelegt, in guter, enggeschlossener Linie an den Feind zu kommen und diese dauernd zu erhalten; beide Flotten sehen gelegentlich ganz davon ab, die Luvstellung zu gewinnen.

Besonders bei den Engländern wird auf die Erhaltung der Formation gesehen, ihre Gefechtsinstruktionen zielen gerade hierauf hin. Ihre Kiellinie scheint auch schon gut aus Einzelschiffen gebildet zu sein. Wenn bei ihnen am ersten Tage der Viertageschlacht die Schiffe der Nachhut nicht so eng auf- und in sich geschlossen waren, so war dies bei der großen Zahl der Schiffe erklärlich. Das Verbessern der Entfernungen der Fahrzeuge voneinander muß bei einer so langen Linie von Segelschiffen leicht zum Lockern in der Nachhut führen, ganz abgesehen davon, daß um diese Zeit das Schiffsmaterial nicht so gleichmäßig war wie später.

Das vorzügliche Festhalten der Ordnung hat sicher zu den Erfolgen der Engländer — sei es zum Siege, sei es zu nachhaltendem Widerstande gegen Übermacht — in erster Linie beigetragen. Die Holländer waren auch hierin noch nicht so weit; oft standen Schiffe in Lee der Gefechtslinie oder segelten in mehreren Linien nebeneinander und hinderten sich so gegenseitig im Feuer oder trieben auch im Gefecht zusammen.

Zwei Erklärungen für die oftmalige mangelhafte Ordnung sind bereits gegeben worden: die mindere Güte der Schiffe, die Schwächen der Schiffsführer. Die holländische Flotte wurde aber auch weniger daraufhin angeleitet. Die englische Gefechtsinstruktion verlangte von den Schiffen „Liniehalten mit dem Flottenchef“ und hatte stets die „Verwendung der ganzen Flotte“ im Auge. Die holländischen Vorschriften weisen mehr auf das „Zusammenhalten der Unterabteilungen unter sich“ hin und sehen noch die „Verwendung der einzelnen Geschwader“ im Gefecht vor. Die holländischen Schiffe hielten sich unter diesen Umständen zu ihrem nächsten Vorgesetzten, und dies führte — besonders bei der Anwesenheit so vieler Flaggoffiziere — unwillkürlich zur Bildung von Gruppen wie früher; in diesen war man geneigt, die Richtung in der ganzen Flotte außer acht zu lassen, im Gefecht eigenmächtiger zu handeln, ja sogar bei Ausfall des Gruppenführers den Kampf ganz zu verlassen. Der Gruppenkampf lag den Holländern scheinbar noch näher. Wir finden in den Schlachten einige kennzeichnende Fälle für die verschiedene Auffassung der Pflichten der Unterabteilungen gegenüber der Flottenleitung: Am 4. August1666 schlägt die englische Vorhut die holländische aus dem Felde, folgt ihr aber nicht, sondern bleibt beim Flottenchef und greift in dessen Kampf ein. Demgegenüber steht das eigenmächtige Verhalten Tromps an demselben Tage und am 12. Juni 1666 und ebenso auch der Fall des Admirals van Nes am 14. Juni 1666, wo er mit 14 Schiffen 4 englische Fahrzeuge abdrängt und verfolgt und so seine Hauptflotte sehr schwächt.

Die vorzügliche Ordnung der Engländer bei Lowestoft habe ich schon erwähnt. Der Franzose de Guiche, Kriegsfreiwilliger bei Ruyter an Bord, sagt über die Viertageschlacht: „Man konnte nichts Schöneres sehen, als die prachtvolle Ordnung der Engländer auf See. Niemals gab es eine geradere Linie, als die von ihren Schiffen gebildete. So vereinigen sie ihr gesamtes Feuer auf jeden, der sich ihnen nähert. Sie fechten wie eine Linie Kavallerie, die von einer bestimmten Regel geleitet wird und nur darauf bedacht ist, den Feind zurückzuwerfen; die Holländer dagegen gehen wie eine Kavallerie vor, deren einzelne Abteilungen ihren Platz verlassen und getrennt zum Angriff kommen.“

Immerhin war aber auch in der holländischen Flotte schon mehr Ordnung als früher, besonders seit Ruyter führte. Und auch sonst sehen wir Fortschritte in der Taktik: Versuche, ungünstige Lagen und Fehler des Feindes auszunutzen. Hierher gehört vor allem der AngriffMoncksam ersten Tage der Viertageschlacht, durch den er einen Teil des Feindes anfangs allein engagiert und fast außer Gefecht setzt; doch in jeder Schlacht finden wir planmäßig angelegte Manöver, um an einer Stelle mit Übermacht aufzutreten, auch Tromps Eigenmächtigkeiten hatten nur diesen Zweck. Das stete BestrebenRuyters, die Gefechte entfernt von Sänden in zum Manövrieren freiem Wasser zu führen, muß man auch als taktische Maßregel ansehen. Durch derartige Manöver und das Bestreben, die Formation zu erhalten, ist der Charakter der Schlacht ein anderer geworden; die Taktik ist nicht mehr damit erschöpft, die Flotten aneinanderzuführen und dann den Kampf in der Melee entscheiden zu lassen. Gerade die „Viertageschlacht“ wird von einzelnen Schriftstellern als derÜbergang von älteren Methoden zu einer neuen Taktikangesehen.

Mit Beziehung hierauf sagt Chaband-Arnault (Revue maritime usw. 1885; hier kürzer zusammengefaßt): „Mehr wie irgend eine andere Schlacht bezeichnet gerade diese einen Übergang. Zum ersten Male sehen wir bestimmte Pläne und können die Hauptbewegungen der kämpfenden Flotten danach verfolgen. Wir fühlen, daß jeder General nur sein Geschwader in der Hand hat und daß auch der Oberbefehlshaber über die Unterabteilungen nach seinem Belieben verfügt. (Wir sagen wohl besser: wenigstens dahin strebt.) Der Admiral hält die Luvseite noch für einen Vorteil, aber sie ist nicht mehr die Hauptsache — das einzige —, womit er sich beschäftigt. Er trachtet vor allem danach, seine Flotte in guter Ordnung und geschlossen zu halten, um während der Schlacht nach einheitlichem Plane zu leiten.... Als bei Northforeland später große Zwischenräume zwischen den Geschwadern sich bildeten und sich die Nachhut sogar ganz von der Mitte trennte, beklagte Ruyter diesen Fehler als die Hauptursache der Niederlage.“

Infolge des besseren Zusammenhaltens der Streitkräfte während der Schlacht tritt nun auch die taktische Ausnutzung des Sieges mehr hervor; wir finden schärfere Verfolgungen als früher und dadurch hervorgerufene Rückzugsgefechte.

Endlich muß in taktischer Beziehung noch auf die Verwendung der Spezialwaffen hingewiesen werden. Der zweite englisch-holländische Krieg ist die Blütezeit derBrander; gerade die zunehmende Ordnung war ihrer Verwendung zunächst günstig (vgl. Seite188). Sie spielen in den Schlachten und bei den Unternehmungen in feindlichen Gewässern eine große Rolle; Schlachten werden vermieden, Unternehmungen abgebrochen wegen Mangels an Brandern oder wegen Stärke des Gegners in dieser Waffe. Auch bei den anderen Schiffen beginnt eine Trennung sich zu vollziehen, nicht mehr sind wie zur Zeit der ausgesprochenen Gruppentaktik alle Schiffe gleich gut im Kampfe zu verwerten. Das Schlachtschiff geht zwar im allgemeinen noch hinunter bis zu 40 Kanonen, aber kleinere und doch immer noch mit einer gewissen Gefechtskraft, 26–36 Kanonen, werden jetzt mehr zu besonderen Zwecken gebraucht: Zur Bedeckung von Brandern im Gefecht und bei Angriffen feindlicher Schiffe in Häfen usw., zu regelrecht angesetztem Erkundungsdienst, zur Unterstützung beschädigter Schlachtschiffe. Auf solcheSpezialschiffehaben besonders die Holländer Wert gelegt; sie sind mit ihren zu diesem Zweck gebauten „Fregatten“ hierin überlegen; bei ihnen wenigstens stehen Schiffe dieser Größe nicht mehr in der Schlachtlinie.

Über Strategie.[172]Auch dieser zweite Krieg war ein reiner Seekrieg. Zwar war es Karl II. gelungen, in dem Bischof von Münster einen Bundesgenossen zu Lande zu finden, doch wurde dessen Angriff von Holland schnell abgeschlagen.

Der Bischof von Münster— ein ehrgeiziger, unruhiger und ausschweifender Prälat — stellte für Hilfsgelder, die England ihm bot, in Eile ein Heer von 20000 Mann auf und fiel in Holland ein. Da die regierende Partei hier das Landheer vernachlässigt hatte, konnte selbst diesem Gesindel kaum Widerstand geleistet werden. Die Verheerungen des Feindes erregten besonders in den Landprovinzen großen Schrecken und Zorn gegen die Regierung und stärkten so die Partei der Oranier. Da aber gerade dies Ludwig XIV. nicht genehm war, stellte er ein Hilfskorps von 6000 Mann; zu diesem nahm man 12000 Mann von Braunschweig-Lüneburg in Sold. Dem Bischof, der nach der ersten Zahlung von Karl II. kein Geld mehr erhielt, liefen viele Soldaten davon, um so mehr da es sich jetzt nicht mehr um Plündern, sondern um Fechten handelte. Er wurde nun ohne Mühe zurückgetrieben und schloß, auch von Brandenburg bedroht, April 1666 gern Frieden.


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