Chapter 22

see captionPrinz Rupert.

Prinz Rupert.

Dieerste Schlacht bei Schooneveld, 7. Juni 1673. Am 1. Juni hatteRuyterzur Übung mit seiner Flotte taktische Bewegungen gemacht und war mittags außerhalb der Sände zu Anker gegangen; abends meldeten die Vorposten das Nahen der Verbündeten. Auch diese ankerten, weil es schon zu spät war, um etwas zu unternehmen. Am folgenden Tage gingen zwar beide Flotten unter Segel, es kam aber wegen flauen Windes nicht zur Annäherung, und vom 3. bis zum 6. hinderte stürmisches Wetter weitere Unternehmungen; den 6. benützten beide Flotten, ihre Ankerordnung wieder herzustellen, weil viele Schiffe vertrieben waren. Am7. Junilichteten die Verbündeten vormittags Anker und kamen in Halbmondform (Dwarslinie?) heran. Ruyter hatte den Angriff für diesen Tag erwartet und „kurz Stag“ hieven lassen,[193]um zum Gegenstoß im geeigneten Augenblick bereit zu sein.

Die Nachrichten über diese Schlacht — geschlagen an einem holländischen Bußtage und am Jahrestage von Solebay — sind mangelhaft; ihr wahrscheinlicher Verlauf sei kurz geschildert.[194]

Die Küste erstreckt sich Nordost-Südwest; der Wind war westlich, also günstig zum An- und Abstehen.Rupertrechnete, entweder den Feind zum Fechten von der Küste abzulocken, oder ihn zum Rückzug zwischen die Sände bewegen und dabei dann mit Brandern angreifen zu können. Zu diesen Zwecken zweigte er von allen Geschwadern[338]35 kleinere Schlachtschiffe und Fregatten mit 10 Brandern ab, die vor seiner Schlachtlinie auf den Feind zuliefen und auf große Entfernung das Feuer eröffneten (dies erinnert sehr an Ruyter bei Solebay). Auffallenderweise waren diese vorausgesandten Schiffe keinem gemeinsamen Oberbefehl unterstellt; sie kamen in Unordnung heran und gingen in noch größerer auf ihre Flotte — jedes Schiff nach dem ihm zunächst befindlichen Geschwader — zurück, alsRuyterihnen in voller Ordnung entgegentrat. Infolgedessen und auch wohl infolge längerer Fahrt in schwer zu haltender Dwarslinie war die englische Flotte nicht gut ausgerichtet, als gegen 1 Uhr mittags der holländische Angriff erfolgte.Trompauf dem rechten, nördlichen Flügel stieß zuerst mit Rupert zusammen; beide Gegner gingen über Steuerbord-Bug an den Wind und es entspann sich ein heftiges Gefecht dieser Geschwader. Auch Ruyter ging mit Mitte und Nachhut (jetztBankers) an den Wind, um mit Tromp aufgeschlossen zu bleiben; das Gefecht wurde allgemein. Um 2 Uhr gab Ruyter durch Signal den Befehl zum Wenden, er wollte seinem Hauptplane entsprechend den Kampf in der Nähe der Küste halten.

Trompwendete nicht, obgleich er den Befehl sogar noch durch eine Jacht erhielt. Er hatte sich wohl wieder festgebissen, bei seinem ehrgeizigen Charakter diesmal um so erklärlicher, da sein Gegner das englische Geschwader unter Rupert war. In dem Kampf der Hauptflotte durchbrachen Ruyter und Bankers die feindliche Linie; Ruyter brachte dadurch große Verwirrung in das Geschwader d'Estrées', Bankers jedoch war dem englischen Geschwader gegenüber weniger glücklich, sein Flaggschiff ward schwer beschädigt und seine Ordnung ging verloren. Ruyter nutzte deshalb seinen Erfolg nicht aus, sondern entsetzte Bankers und stellte zunächst die Ordnung wieder her. Auch dann nutzte er hier die günstige Lage des Gefechts nicht aus — verschiedene feindliche Schiffe waren abgeschnitten, der größere Teil der Feinde stand in Lee — sondern er führte die wiedervereinigte Mitte und Nachhut Tromp zu Hilfe (etwa 6 Uhr). Er sagte: „Das Wichtigste zuerst; es ist besser, dem Freunde zu helfen, als dem Feinde zu schaden.“ Tromps Geschwader war arg mitgenommen. Der Admiral selbst hatte zweimal sein Flaggschiff wechseln müssen, nach der Schlacht mußte er nochmals auf ein anderes übergehen; sein Vizeadmiral Schramm war gefallen. Gerade zu rechter Zeit kam Ruyter heran, so daß Tromp ausrief: „Kinder, da kommt unser Großvater (so wurde Ruyter von den Leuten genannt), uns zu helfen! Ich werde ihn auch nie verlassen, so lange ich lebe!“

Nach der Vereinigung mit Tromp wendete Ruyter mit der ganzen Flotte wieder nach Südwesten. Die Verbündeten folgten; sie scheinen aber, obgleich zu Luward stehend, den Nahkampf nicht mehr gesucht zu haben; die Dunkelheit trennte gegen 10 Uhr die Gegner. Ruyter ankerte etwa auf der Stelle, wo der Kampf begonnen hatte, die Verbündeten standen einige Seemeilen nach Norden hin von der Küste ab und gingen dann auch zu Anker.

DieSchlachtwurde bis in die neueste Zeit meist „unentschieden“ genannt, beide Teile schrieben sich den Sieg zu. An Schiffen haben, außer Brandern, scheinbar nur die Franzosen 2, die Holländer 1 (nach der Schlacht gesunken) verloren; die Beschädigungen waren etwa gleich; genommen wurde kein Schiff. Der Mannschaftsverlust ist unbekannt, der englische soll infolge der Überbemannung mit Landsoldaten der weit größere gewesen sein. Die Verbündeten rühmten sich, den Feind zum Rückzuge gezwungen zu haben, aber die neueren Autoren auch dieser Länder erkennen denErfolg Ruytersan: Er hat einen überlegenen Feind angegriffen und ihm gleiche Verluste zugefügt; er hat für den Augenblick den Hauptzweck des Gegners vereitelt. Auch hat er sich keineswegs zu seinem Schutz zwischen die Sände zurückgezogen, sondern ist kampfbereit in See geblieben; daß er wieder aufseinem alten Platze ankerte, aber doch einige Seemeilen weiter seewärts, lag in seinem Hauptplane. Die Verbündeten haben seinen „Rückzug“ nicht gehindert und auch in den nächsten Tagen nichts unternommen.

Das Benehmen der Franzosen in dieser Schlacht wurde von den Engländern als vorwurfsfrei anerkannt. Nur die Verwendung der Brander ihrerseits tadelte man; Sie hätten zu früh mit mehr Mut als Überlegung angegriffen, ehe feindliche Schiffe genügend niedergekämpft oder doch bewegungslos gemacht seien.

Die zweite Schlacht bei Schooneveld, 14. Juni 1673.Beide Gegner besserten auf ihren Ankerplätzen aus. Die Holländer waren dabei im Vorteil; sie konnten Material vom Lande beziehen, die Verwundeten von Bord geben, Munition und Mannschaften ergänzen. Auch stießen an Stelle des verlorenen und zweier sehr beschädigten Schiffe (zu 60, 50 und 40 Kanonen) zwei Schlachtschiffe 1. Klasse (zu 84 und 82 Kanonen, eins davon mit Admiral Sweers, Geschwader Tromp), einige Fregatten und Brander zur Flotte, so daß diese fast genau die alte Stärke wieder hatte. Durch beständig am Feinde gehaltene Aufklärer erfuhr Ruyter, daß dem Gegner etwa 30 Segel fehlten, meist kleinere Kriegsschiffe und Brander, die zur Ausbesserung nach Haus gesandt oder verbraucht waren. Ferner waren die Holländer, dicht unter der Küste, kaum einem Angriff ausgesetzt und konnten mit Ruhe arbeiten und sich erholen, während die Verbündeten Tag und Nacht auf einen Angriff gefaßt sein mußten. Die Aussichten der Holländer standen also jetzt in allem günstiger als bei der ersten Schlacht undRuyterbeschloß, je eher je besser anzugreifen. Der 14. Juni wurde dazu angesetzt, falls die Windverhältnisse günstig; die Flotte war schon am 12. bereit, man mußte aber die Zustimmung angekündigter Staatendeputierter haben. Diese trafen rechtzeitig ein, und am festgesetzten Tage um 11 Uhr vorm. ging Ruyter bei frischem östlichen Winde unter Segel. Die Berichte überdiese Schlachtsind nicht nur mangelhaft, sondern auch widersprechend; am wahrscheinlichsten scheint mir folgenderVerlauf:[195]

Die Verbündeten wurden teilweise durch den Angriff überrascht. Rupert war zwar auf ihn gefaßt; da der Wind am 13. abends östlich geworden war, hatte er Vorbereitungen zum schnellen Untersegelgehen getroffen und war selbst die Nacht über aufgeblieben. Admiral Spragge war lässiger und begab sich sogar am 14. früh mit seinem Kontreadmiral an Bord des Flottenflaggschiffes; hier verweilte er zu lange oder konnte nicht schnell genug zurückkommen, als die Holländer erschienen.

Die Küste läuft Nordost-Südwest; der Wind war steif aus Ost, später Nordost; die Verbündeten lagen in Nordwesten der Holländer, das blaue Geschwader (Spragge) am meisten zu Luward. Rupert hatte jetzt mit dem roten Geschwader die Mitte übernommen; ob dieses Mal Engländer und Franzosen in den Geschwadern gemischt waren, ist unsicher. Die holländische Flotte kam in guter Ordnung heran, Tromps Geschwader führte.Rupertgab Befehl, Anker zu lichten und über Backbord-Bug die Linie zu bilden. Das rote und das weiße Geschwader führten den Befehl schnell aus; das blaue, das auf seine Flaggoffiziere wartete, verzögerte sich. Die Holländer sagen, die Gegner schienen zuerst den Kampf haben aufnehmen zu wollen, dann aber hätten sie nach Nordwesten[340]abgehalten. Es ist also anzunehmen, daß Rupert zuerst über Backbord beim Winde steuerte, entweder, um die Luvstellung zu gewinnen (holländische Quellen) oder um das noch ungeordnete blaue Geschwader zu decken (französische Quellen). Das erstere mißlang, da Tromp sofort auch hoch beim Winde steuerte, die Deckung wurde unnötig, weil Spragge sich noch rechtzeitig — wenn auch in Unordnung, es sollen Teile des blauen Geschwaders in die beiden anderen versprengt sein (französische Quellen) — auf seinen Platz vor dem roten Geschwader begab. Nun hielt Rupert ab, um den Feind von der Küste abzuziehen (englische Quellen).

Die Holländer folgten, das Feuer wurde auf weite Entfernungen eröffnet, aber erst zwischen 4 und 5 Uhr nachmittags kam es zum ernsteren Kampf; sei es, daß Rupert sich jetzt weit genug von der Küste glaubte, sei es, daß Tromp das blaue Geschwader eingeholt hatte und Rupert nun genötigt war, den Kampf auf der ganzen Linie aufzunehmen. Es ist klar, daß Tromp dem Gegner am nächsten sein mußte, und Spragge stand wohl auch noch immer etwas zurück. Jedenfalls kam um diese Zeit die Spitze Tromps mit Spragge ins Gefecht; aufeinanderfolgend griff Tromp selbst ein, Ruyter stieß mit Rupert und Bankers mit d'Estrées zusammen.

Vizeadmiral Sweers, der Führer der ersten Division Tromps, war mit seinem Flaggschiff („Weißer Elephant“, 82 Kanonen) und 3 Fregatten vorgelaufen. Er kam zuerst an den Feind und wurde so zugerichtet, daß er bald darauf das Gefecht verlassen mußte. Tromp legte dies als Mangel an Tapferkeit aus, eine Untersuchung ergab aber die schweren Verluste und Beschädigungen des „Elephant“ und Oranien legte den Streit bei.

Es entspann sich nun ein laufendes Gefecht über Backbord-Bug, das jedoch nur auf mittlere Entfernungen geführt wurde, so daß die wirksame Verwendung der Brander ausgeschlossen war; auch der schon begonnene Nahkampf der Vorhuten wurde infolge schwerer Beschädigungen der Takelage auf Tromps Flaggschiff wieder getrennt. Schon der englischen Küste nahe, wendete Ruyter nach sechsstündigem Feuergefecht bei Eintritt der Dunkelheit (10 Uhr) mit seiner ganzen Flotte und ging unter kleinen Segeln auf seinen Ankerplatz zurück, den er am nächsten Nachmittage unbelästigt erreichte.

Auch dieseSchlachtgalt alsunentschieden. Auf keiner Seite war ein Schiff verloren. Der Mannschaftsverlust war nicht so schwer als in der ersten und scheint bei den Gegnern etwa gleich gewesen zu sein; bei den Holländern betrug er nur 216 Tote und 285 Verwundete.[196]Zum Nahgefecht war es im allgemeinen nicht gekommen. Die Holländer wollen stets den Nahkampf erstrebt und insbesondere soll Ruyter versucht haben, in das rote Geschwader einzubrechen. Die Gegner jedoch sollen jeden Versuch durch Abhalten vereitelt haben; als die Gelegenheit sich endlich bot, wäre es zu dunkel gewesen. Nach französischen Angaben habe Ruyter überhaupt nur die Absicht gehabt, den Feind für längere Zeit aus dem Felde zu schlagen und ihn zu nötigen, infolge Munitionsverbrauchs und Beschädigungen seiner Schiffe die eigenen Häfen aufzusuchen, ohne dabei im Gefecht die holländische Flotte großen Verlusten auszusetzen. Allerdings scheint Rupert dem Nahkampf ausgewichen zu sein, obgleich er den Vorteil hatte, daß die Holländer vielfach ihre untersten Batterien nicht gebrauchen konnten. Der schlechte Zustand seiner Schiffe, die vielen Verwundeten von der ersten Schlacht an Bord und das Bestreben, den Feind von der Küste abzuziehen, erklären dieswohl. Es wird aber auch auf den Geist in seiner Flotte geschoben, nämlich: Mißstimmung zwischen Engländern und Franzosen — vom Lobe der Franzosen englischerseits hört man dieses Mal nichts; d'Estrées klagt über Mangel an Unterstützung und mißbilligt in der Folge verschiedene Maßnahmen Ruperts — sowie Opposition mancher englischen Offiziere, die der katholischen Hofpartei angehörten, gegen Rupert; schon vor dieser zweiten Schlacht waren Stimmen laut geworden, zur Ausbesserung und Ausrüstung nach England zu gehen; am 15., als der Prinz nochmals fechten wollte, drang diese Ansicht im Kriegsrate durch.

Ruyter brach das Gefecht ab und ging auf den alten Ankerplatz, die Verbündeten liefen in die Themse ein. Wiederum behaupten diese, den Gegner zum Rückzug gezwungen zu haben, aberder Erfolg sprichtdieses Mal doch noch mehrfür Ruyter. Von einem gezwungenen Rückzuge kann nicht die Rede sein. Er brach ab, weil es Nacht wurde und sich der Kampf zu weit von seinem Stützpunkte entfernt hatte. Er ging mit „kleinen Segeln“ zurück, zur Fortsetzung des Kampfes am nächsten Tage bereit, und ist nicht verfolgt worden. Zwar scheinen die Verbündeten „nach einigen Stunden“ auch gewendet zu haben, sie gingen aber am nächsten Tage nach England, ohne etwas zu unternehmen; am 15. sind sie von den Holländern nicht mehr gesichtet worden. Seinen strategischen Zweck hatte Ruyter in noch höherem Maße als in der ersten Schlacht erreicht; wir werden gleich sehen, daß die Verbündeten für sechs Wochen die See ganz frei gaben, während die Holländer bald wieder weitere Unternehmungen ins Auge fassen konnten.

De Jonge führt an, nach Privatbriefen (z. B. Tromps) sei die holländische Flotte nach der Schlacht wegen Mangels an Munition auch nicht schlagfertig gewesen. Dieser Zustand sei aber von den Behörden geheim gehalten worden; ihm wurde auch nach Möglichkeit schnell abgeholfen.

Die Schlacht bei Texel. 21. August 1673.(In Holland auch Schlacht bei Kijkduin genannt.) Während Ruyter bei Schooneveld ausbesserte, ergänzte und nach und nach nicht unwesentlich durch neue Schiffe verstärkt wurde, hielt er beständig leichte Schiffe an der englischen Küste; am 19. Juni sandte er sogar ein Geschwader von 12 Kriegsschiffen und Fregatten, 2 Brandern und 4 Jachten unter Kontreadmiral den Haen zu einer, wenn nötig gewaltsamen, Erkundung ab. Den Haen trieb feindliche Vorposten in die Themse zurück und meldete am 25., daß die verbündeten Flotten eifrig ausrüstend zwischen Queensborough und Gravesend lägen, und daß große Truppenkörper zur Einschiffung zusammengezogen würden.

Clowes sagt, die Franzosen seien im Juni nach Brest gegangen und hätten sich erst Mitte Juli wieder mit den Engländern vereinigt. Alle anderen Quellen erwähnen dies nicht, so auch nicht die sonst so genauen alten Holländer, die stets nur von „den königlichen Flotten“ in der Themse sprechen. Ein Gegenbeweis dürfte auch zu finden sein in Jal: „du Quesne“, wo vermerkt ist, daß Generalleutnant Martel — vom Mittelmeer gekommen — am 18. Juni Brest verläßt, um mit einigen Schiffen zu d'Estrées zu stoßen, am 25. an die englische Küste kommt, Dover anläuft und endlich bei beständigem Gegenwinde die „vereinigte“ Flotte in der Themse trifft. Auch die Operationen der holländischen Flotte lassen vermuten, daß die Franzosen in England geblieben sind.

Ruyterglaubte nicht, daß der Feind schon bald wieder bereit würde, die Zukunft sollte ihm recht geben. Seine Flotte war Ende Juni seeklar, und Kriegsrat wie Deputierte beschlossen, an die englische Küste zu gehen, um dort möglichst viel Schaden anzurichten, vor allem aber um dem Feinde und ganz Europa zu zeigen, daß man nicht in die Häfen oder zwischen die Sandbänke getrieben sei — wie die Verbündeten ausgesprengt hatten —, sondern die See beherrsche. Es wurde sogar in Erwägung gezogen, sich eines französischen Hafens zu bemächtigen, um die Franzosen vom Landkriege abzuziehen, besonders von der Belagerung Maastrichts, doch kam die Sache vorläufig nicht zum Beschluß und auch nicht wieder zur Sprache; Maastricht fiel am 10. Juli. Am 3. Juli ging Ruyter in See, kreuzte etwa 10 Tage vor der Themse, trieb feindliche Vorposten den Fluß hinauf, kehrte aber dann nach der eigenen Küste zurück, weil sich eine ansteckende Krankheit schnell auf seinen Schiffen verbreitete; sie war zuerst unter den Leuten ausgebrochen, die im vorhergegangenen Winter zum Dienst am Lande und auf den Binnengewässern herangezogen und schweren Strapazen ausgesetzt gewesen waren. Er schiffte die Kranken aus, ersetzte sie nach Möglichkeit und hielt sich wieder in der Nähe Walcherens, um leichte Verbindung mit dem Lande zu haben und um bei den vorherrschend westlichen Winden zu Luward der ganzen holländischen Küste und der Themsemündung zu stehen, weil er die Nachricht erhalten hatte, die Verbündeten würden etwa am 24. Juli seeklar sein; am 28. meldeten dann auch Aufklärer, daß sie am Tage zuvor das Auslaufen beobachtet und bis zum Abend etwa 130 Segel gezählt hätten.

So lange hatte man gebraucht, die englische Flotte schlagfertig zu machen. Wiederum soll der Grund in dem mangelhaften Arbeiten der Verwaltung gelegen haben; es machte aber auch besondere Schwierigkeit, Mannschaften zu erlangen, die Volksstimmung wurde mehr und mehr einem Kriege gegen Holland und dem Bündnisse mit Frankreich abgeneigt; das Pressen brachte minderwertiges Personal, nur wenige gute und kriegserfahrene Seeleute.

Die Flotten der Gegnerwaren stärker als bei den vorhergegangenen Schlachten des Jahres 1673, sie bestanden aus:[197]

Die Klassen entsprachen dabei den früheren Verhältnissen, es waren aber jetzt 6 englische Schiffe über 90 Kanonen und 6 holländische über 80 Kanonen darunter.

Wieder waren auf der englischen Flotte etwa 7000 Mann Landungstruppen eingeschifft und trotz der schlechten Erfahrung im Juni auch wieder aufden Schlachtschiffen. 30000 Mann standen in England, besonders an der Themse, zum Einschiffen bereit und in Frankreich war gleichfalls ein Landungskorps aufgestellt. Die Geschwader und Divisionen wurden von denselben Flaggoffizieren wie im Juni geführt, nur war auf holländischer Seite Kontreadmiral den Haen an Stelle des gefallenen Vizeadmirals Schramm getreten und eine Division des französischen Geschwaders hatte der Generalleutnant de Martel übernommen — wie du Quesne ein alter, sehr tüchtiger Seeoffizier — die dritte behielt der Chef d'Escadre des Ardens. Das französische Geschwader bildete die Vorhut der Verbündeten, auf ausdrückliches Verlangen Ludwigs XIV. wie man sagt, auch focht es dieses Mal jedenfalls „unvermischt“.

Das nächste Zusammentreffen der Gegner sollte entscheidend für den Krieg werden, aber drei Wochen vergingen, ehe es stattfand. Ruyter ging am 29. Juli unter Segel, hielt sich in der Nähe der Küste und bekam den Feind am 30. abends in Sicht. Am 31. Juli und 1. August manövrierten die Flotten in Sicht voneinander, die Verbündeten waren bestrebt, den Gegner von der Küste abzuziehen.Ruyteraber hatte neue Nachrichten erhalten, daß in der Themse Kauffahrteischiffe zusammengezogen würden, und nahm an, daß Rupert ihn verlocken wolle, in den Kanal hinein zu folgen, damit dann in seiner Abwesenheit die Truppen von der Themse aus nach Holland hinübergeworfen werden könnten; er ging deshalb getreu seinem alten Plannach Schooneveldzurück und der Feind kam am 1. August abends aus Sicht.

Die verbündete Flottezeigte sich nun am 2. vor der Maasmündung, am 3. vor Scheveningen, am 4. vor Egmond, Helder und Texel, zuweilen leichte Schiffe nahe unter Land sendend. Die ganze Küste war alarmiert. Der Strand wurde durch Bürgerkompagnien der naheliegenden Städte besetzt, aber auch reguläre Truppen und Geschütze wurden herangezogen; ein berittener Meldedienst und ein Signalsystem wurden längs der Küste organisiert, um die ernste Bedrohung eines bestimmten Punktes weitermelden zu können. Am 4. August erschien der Prinz von Oranien von der Feldarmee selbst im Haag. Auch die Flotte wurde näher herangezogen; sie ankerte am 8. bei Scheveningen, und hier bat Ruyter um nähere Order. Seine bisherige, „den Feind anzugreifen, falls es zum Vorteil des Landes wäre,“ erschien ihm zu unbestimmt, der Übermacht des Feindes gegenüber war ihm die Verantwortung zu groß. Schon die Nähe seiner Flotte hatte ja bisher ernste Unternehmungen des Feindes gehindert; die Gefahr einer Landung war wesentlich abgeschwächt, weil man Zeit gehabt hatte, die bedrohten Punkte zu besetzen. Ruyter lag mithin wohl der Gedanke am nächsten, weiter in seiner abwartenden Stellung zu bleiben und seine Flotte nur im dringendsten Falle einzusetzen.

Aber Holland drohte noch eine andere Gefahr. Man erwartete die Heimkehr des großen ostindischen Convois durch die Nordsee zu jeder Stunde, und der Feind stand zwischen der eigenen Flotte und den dem Convoi nächstliegenden Häfen; das glückliche Einlaufen der Handelsschiffe sollte neueMittel zur Weiterführung des Krieges liefern. Der Kriegsrat der Flotte sah wohl ein, daß dieser Umstand dafür spräche, alles zu versuchen, um den Feind von der Küste zu vertreiben. Die Generalstaaten traten gleichfalls hierfür bei dem Prinzen ein und ersuchten ihn, die schwachen Besatzungen der Schiffe durch ein Regiment Seesoldaten, das am Lande wohl für kurze Zeit zu einem entscheidenden Schlage auf See zu entbehren sei, zu verstärken.

Beratungen am Lande und auf der Flotte[198]— Oranien begab sich selbst am 12. August, stürmisch begrüßt, auf Ruyters Flaggschiff — führten endlich zu dem Beschluß, den Feind zur See je eher je besser anzugreifen, um die Küste freizumachen. Wieder sah das ganze niederländische Volk auf die Flotte als letzte Rettung; in allen Städten wurden tägliche Betstunden für den glücklichen Ausgang der bevorstehenden Seeschlacht abgehalten und man ordnete an, zum allgemeinen Gottesdienst zu läuten, sobald der Donner der Kanonen den Kampf der Flotte verkünde.

Am 13. August gingRuyterunter Segel, um den Feind zu suchen, der unter Texel oder Vlieland liegen sollte. Die Windverhältnisse — sowohl Stille wie Sturm und im allgemeinen stets Gegenwinde — ließen nur geringen Fortschritt machen, da Ruyter sehr vorsichtig segelte: er war stets bestrebt, nahe der Küste zu bleiben, Beschädigungen zu vermeiden und seine Flotte gut beieinander und in Formation zu halten; mußte er doch bei dem für den Feind günstigen Winde jederzeit auf einen Angriff gefaßt sein.

Erst am 18. ankerte der Admiral wegen frischen Gegenwindes etwa 15 sm. südlich von Helder, zwischen Petten und Camperduin, und blieb hier, besseres Wetter abwartend, am 19. liegen; seine Vorposten hatten den Feind nördlich von Texel, gleichfalls vor Anker liegend, gesichtet. In diesen Tagen fingen die Franzosen einen Ostindienfahrer ab, der dem Convoi vorgelaufen war.

Der Verlauf der Schlacht.[199]Am 20. August lichteteRuyterAnker und steuerte bei flauem östlichen Winde Nordnordost. Um 10 Uhr vormittags kam der Feind nördlich voraus in Sicht und hielt mit Kurs Südsüdost auf die Holländer zu, bestrebt, die Luvstellung zu halten oder zu gewinnen. Die Angaben über die Windverhältnisse dieses Tages sind nicht sicher; die alten und neuen Holländer sprechen nur von östlichem Winde, die neueren Engländer und Franzosen sagen, der Wind sei im Laufe des Tages nach Nordwest gegangen. Es ist dies ohne Bedeutung, der Wind scheint sehr flau gewesen zu sein, da die Schiffe zuweilen nur mit dem Strom trieben; nur bei flauem Winde auch konnte Ruyter so manövrieren, wie er tat.

Es kam an diesem Tage noch nicht zur Schlacht: Ruyter hielt zurück, weil einige Schiffe nicht auf Position waren; die Verbündeten, die nach übereinstimmenden Aussagen zwar den ganzen Tag die Luvstellung hatten, griffennicht an, weil sich der Gegner stets nahe unter der Küste hielt. Ruyter wendete am Nachmittag wieder nach Süden, führte unter sorgfältigem Loten seine Flotte bis ganz dicht an den Strand heran und hielt dann nach Mitternacht wieder ab. Die Gegner folgten allen Bewegungen, aber stets in vorsichtig bemessener Entfernung von der Küste.RuytersManöver nun, gestützt auf seine Kenntnis des Fahrwassers und den geringeren Tiefgang seiner Schiffe sowie auf richtige Beurteilung der Wind- und Stromverhältnisse, hatten den Erfolg, daß er am Morgen des 21., als der Wind aus Ostsüdost auffrischte, zu Luward des Gegners stand — nur 2 Seemeilen von Land (zwischen Petten und Camperduin), so daß der Seeraum des Feindes nach Luward hin beschränkt war; erhatte seinen Gegnerin der Dunkelheitausmanövriert.

Als die Holländer jetzt mit vollen Segeln zum Angriff herankamen, wendeten die Verbündeten und erwarteten sie über Steuerbord-Bug beim Winde. Ruyter steuerte zunächst etwas nach Norden, wendete dann geschwaderweise, hielt kühn auf den Feind ab und legte sich ihm querab über St. B. Bug. Geschwader stand gegen Geschwader: Bankers gegen d'Estrées, Ruyter gegen Rupert, Tromp gegen Spragge; die Mitten und die Nachhuten der Gegner waren sich ziemlich gleich, Bankers jedoch war wesentlich schwächer als d'Estrées.

Die allgemeinere Annahme geht nämlich dahin, daß an diesem Tage auf Anordnung Ruyters das Geschwader Bankers nur aus 10 oder 12 Schiffen bestand, die beiden andern holländischen aus je 32 oder 33. Auf diese Weise war die Übermacht der Verbündeten bei Mitte und Nachhut ausgeglichen, während den 30 Franzosen eben nur 10 oder 12 Schiffe gegenüberstanden; Ruyter soll die Absicht gehabt haben, diesen Gegner nur zu beschäftigen. Nehmen wir dies vorläufig als zutreffend an.

Infolge der verschiedenen Art, mit der die Geschwaderchefs der Verbündeten den Angriff aufnahmen, entwickelten sich in demersten Abschnitt der Schlacht drei getrennte Gefechte:

D'Estréessteuerte hoch am Winde, um die Luvstellung zu gewinnen oder doch die Spitze des Feindes von Luward her zu dublieren — wie er später sagt, auf Anordnung Ruperts;Ruperthielt während des Gefechtes beständig ab, um den Feind von der Küste abzuziehen, damit dieser sich bei etwa umspringendem Winde nicht wieder ihres Schutzes bedienen könne;Spraggedrehte bei, um möglichst schnell zum Kampf auf nächste Entfernungen zu kommen — er soll aus irgend einem Grunde persönlichen Haß auf Tromp gehabt haben und hatte seinem König versprochen, jenen tot oder lebendig zurückzubringen oder das eigene Leben zu lassen. Diese Gegner trieben natürlich schnell nach Lee (Lage 1 der Skizze). So mußten sich die Einzelgefechte der Geschwader bald voneinander örtlich trennen (Lage 2).

Bei demKampf der Vorhutengelang es wirklich dem Führer der ersten französischen Division (Martel) vorzulaufen, zu wenden und die Holländer von Luward aus zu dublieren.Bankersaber erkannte die Gefahr. Er hielt sofort ab — scheinbar eheMartelvon Luv aus angriff, da dessen Schiffe infolge etwas umspringenden Windes lange in der Wendungliegen geblieben sein sollen —, lief mit seinen 12 Schiffen durch die in Lee gebliebenen 20 Franzosen, die in sich schlecht aufgeschlossen waren, hindurch und steuerte nach dem Gefechtsfelde der Mitten zur Unterstützung Ruyters. Das kurze Gefecht hier war sehr heftig gewesen, Bankers selbst entging nur knapp der Vernichtung durch einen mit hervorragendem Schneid geführten Brander, aber d'Estréesfolgte nicht. Die Franzosen brauchten lange Zeit, „die Ordnung herzustellen und auszubessern“; tatsächlich hörte ihre Teilnahme an der Schlacht auf, obgleich Rupert versuchte, sie durch Signal heranzuziehen.

see captionSchlacht bei Texel, 21. August 1673.

Schlacht bei Texel, 21. August 1673.

Von dieser Darstellung weichen die holländischen Angaben — alte wie neue — wesentlich ab. Sie erwähnen nicht, daß Bankers' Geschwader schwächer gewesen sei. Sie sagen sonst: Anfangs nahmen die Franzosen den Kampf mit Mut auf, dann zog sich d'Estrées nach einem Branderangriff zurück und mit ihm die meisten Schiffe, endlich auch Martel; die Franzosen brachen das Gefecht ab; Bankers ließ 8 Schiffe zu ihrer Beobachtung zurück und segelte mit den übrigen zu Ruyter.

Für diese Auffassung dürfte sprechen, daß Ruyter vor der Aktion kaum genau wissen konnte, welches Geschwader den Franzosen gegenüberstehen würde. Ursprünglich waren die Geschwader gleich stark, Ruyter hätte die Änderung also erst am Morgen vornehmen müssen, und es ist auffallend, daß die sonst gerade in solchen Angelegenheiten so genaue alte Quelle („Leben Ruyters“) nichts davon erwähnt. Gegen diese Auffassung spricht, daß die englischen und französischen Quellen ausdrücklich so erzählen, wie vorstehend geschildert, auch die alten, z. B. ein Bericht Colberts an seinen König. In einem Bericht des Intendanten von Brest — beauftragt mit Untersuchung eines Streites zwischen d'Estrées und Martel, von dem später noch die Rede sein wird — heißt es sogar:[347]„Man konnte glauben, daß sich in allen diesen Schlachten Ruyter niemals die Mühe gab das französische Geschwader anzugreifen, so hatte er in der letzten Schlacht (also hier) nur 10 Schiffe des seeländischen Geschwaders geschickt, um d'Estrées zu beschäftigen.“ In diesem Falle fiele also das Verdienst der so erfolgreichen taktischen Maßregel Ruyter zu; Bankers zeigte dann im Gefecht durch sein Verfahren große Umsicht. Nach der holländischen Erzählung stände Bankers in erster Linie das Verdienst zu. Aber sein Verhalten ist auch dann eine Frucht der Erziehung Ruyters; hatte doch dieser dazu das Beispiel am 7. Juni gegeben und immer wieder, so noch einige Tage vor der letzten Schlacht, darauf hingewiesen, den Zusammenhang der ganzen Flotte zu wahren und darauf zu achten, wo gegenseitige Unterstützung nötig sei.

Der Kampf der Nachhutenwurde während dieser Zeit auf nächste Entfernungen mit größter Hartnäckigkeit von beiden Seiten durchgefochten, auchTromphatte beigedreht. Die beiden Geschwaderchefs waren ähnliche Charaktere, wie dennSpraggesfehlerhaftes Vorgehen hier ganz dem Tromps bei früheren Gelegenheiten gleicht. Sie lagen 3½ Stunden mit ihren Flaggschiffen backgebraßt nebeneinander. Hierbei soll Tromp während der ersten drei Stunden gar keine Verluste gehabt haben — auch der Verlust einiger anderer Schiffe, z. B. Ruyters, in dieser Schlacht war gering —, was nicht für die bisher so berühmte englische Artillerie spricht; es war wohl eine Folge des erwähnten schlechten Ersatzes. Die beiden Geschwader kämpften in voller Melee; beide Chefs mußten ihre Flaggschiffe wechseln und stürzten dann wieder aufeinander ein; bei einem abermaligen Verlassen seines Schiffes ertrank Spragge, aber auch auf holländischer Seite fiel Vizeadmiral Sweers. Die Engländer hatten im allgemeinen die größeren Verluste und Beschädigungen.

Im Gefecht der Mittenscheinen die Aussichten zuerst gleichgestanden zu haben, infolge des beständigen Ausweichens Ruperts kam es nicht zu so nahem Kampfe wie bei der Nachhut; doch wird die gute Ordnung in Ruyters Geschwader hervorgehoben, nur einige Schiffe der Division van Nes waren lau. Als aber Bankers herankam, änderte sich die Lage, nun standen 42 Holländer gegen 30 Engländer. Dabei behielt Ruyter seine Kräfte in der Hand, schnitt durch Abzweigung von 8 Schiffen die Division Chicheley ab und dublierte so die beiden anderen des Feindes. Es spricht für die Engländer, daß diese Divisionen nicht vernichtet wurden, sondern sich sogar nach und nach, allerdings unter schweren Verlusten, der Lage wieder entzogen (Lage 3).

Beide Flottenchefs waren in Unsicherheit und in Besorgnis über das Schicksal ihrer Nachhut, und so steuerten beide nach dem Gefechtsfelde dieser hin; auf Parallelkursen in Schußweite aber wie in stillschweigender Übereinkunft ohne zu feuern. Beide sparten wohl Munition; die Schlacht hatte um 8 Uhr morgens begonnen und die Wiedervereinigung der Mitten mit den Nachhuten fand etwa um 4 Uhr nachm. statt. Wahrscheinlich war es die höchste Zeit für das blaue Geschwader, daß Rupert eintraf. Tromp löste seine Melee, beide Flotten ordneten sich und um 5 Uhr begann einneues Gefecht, von dem die Quellen nur melden, daß es bis 7 Uhr sehr blutig gewesen sei.

Ruyterscheint um diese Zeit den Rückzug eingeleitet zu haben, wahrscheinlich weil nun endlich die Franzosen herankamen und weil es dunkel wurde, aber auch die Engländer brachen ab. Die holländische Flotte kreuzte am 22. August vor Texel und ankerte am 23. in See zwischen Texel und Vlieland, um von hier aus die Einfahrten für den erwarteten Convoi zu decken. Ein sofort eingerichteter und ununterbrochen durchgeführter Aufklärungsdienst ergab während der nächsten Tage, daß vom Feinde in gefahrdrohender Nähe nichts zu sehen sei.Die Verbündetenhatten gleich nach der Schlacht zur englischen Küste hinübergehalten, um ihre schwerbeschädigten Schiffe in Sicherheit zu bringen. In dieser Schlacht verlor keine Partei Schiffe, außer verbrauchten Brandern; die Beschädigungen scheinen auf englischer Seite größer gewesen zu sein — nach holländischen Angaben waren hier 12 Schiffe entmastet, während nur 2 holländische gezwungen waren, einzulaufen. Die Holländer verloren die Admirale Liefde und Sweers sowie 6 Kommandanten, die Engländer den Admiral Spragge und 7 Kommandanten; der Offizier- und Mannschaftsverlust war sonst auf englischer Seite wieder weit stärker (nach holländischen Angaben etwa 2000 Tote und Verwundete); wiederum sprach wohl die Überfüllung der Schiffe mit Landsoldaten hierbei mit.

DerSieg der Holländer, so glaube ich das Ergebnis dieser Schlacht bezeichnen zu können, ist in erster Linie der Umsicht Ruyters und Bankers einerseits, der schlechten Führung auf seiten der Gegner anderseits zuzuschreiben. Wie allgemein üblich, hatte Ruyter den Angriff so angesetzt, daß Geschwader auf Geschwader stieß; wenn nun Bankers und Tromp zunächst von ihrer Mitte abkamen, so war das dieses Mal natürlich, es war hervorgerufen durch die Manöver ihrer Gegner. Bankers erfüllte damit auch zugleich seinen Zweck, die Franzosen zu beschäftigen; mit Umsicht und zum allgemeinen Besten wußte er aber abzubrechen und zur Mitte zurückzukehren, als seine Lage gefährlich wurde. Ruyter verstand es dann, die erlangte Übermacht auszunutzen. Auch Tromp ist dieses Mal wohl zu entschuldigen, wenn er den angebotenen Nahkampf annahm; als er dies tat, konnte er wohl kaum übersehen, daß er sich dadurch dauernd von Ruyter trennen würde, später war er zu heiß engagiert, um abzubrechen.

Auf seiten der Verbündeten liegt die Sache ganz anders. Spragge ließ seinen Flottenchef weiter segeln, um, wie bereits gesagt, persönlichen Haß oder Ehrgeiz zu befriedigen. Rupert beschwerte sich bitter über ihn und ebenso über die Handlungsweise d'Estrées'. Dieser warf dagegen Rupert vor, durch sein Abhalten die Trennung herbeigeführt zu haben. Es ist ja auch richtig: Beabsichtigte der Flottenführer, durch solche Manöver den Feind von der Küste abzuziehen, so hätte er es vorher den Geschwaderchefs bekannt geben müssen.

D'Estrées' Verhaltengab Anlaß zu vielen Berichten, Verhandlungen und Untersuchungen,[200]deren Ergebnis ungefähr folgendes ist: Warumtrennte sich d'Estrées? Er habe Anweisung gehabt, die Luvstellung zu gewinnen; dies habe er mit seiner Spitzendivision erreicht. Der Führer dieser aber, Martel, habe zu spät gewendet, zu spät von Luward angegriffen und dadurch Bankers Durchbruch möglich gemacht. Hiergegen wendet sich Martel schroff, da er seine Aufgabe ausgeführt und den Gegner zu dem verzweifelten Manöver gezwungen habe, d'Estrées' Aufgabe wäre nun gewesen, jenen dabei zu vernichten; ja, d'Estrées habe von Anfang an die Schwäche des Feindes übersehen müssen, ihn (Martel) allein demselben gegenüberstellen und sich zu Rupert begeben können — dies ein Vorwurf, den auch Prinz Rupert erhob. Warum kam d'Estrées später nicht heran? Er habe geglaubt, gut zu tun, wenn er sich die Luvstellung für einen späteren Kampf (am nächsten Tage?) möglichst sichere; das Signal Ruperts, das ihn heranrief, habe er nicht verstanden. Er sagt, es sei signalisiert: „venir mouiller (ankern) dans les eaux de l'amiral“; Rupert sagt, das Signal habe bedeutet »venir dans les eaux de l'amiral. Möglich, daß das Signal das erste bedeutete, daß bei der Unvollkommenheit des Signalsystems Rupert es zum Heranruf benutzte, und er hat wohl recht mit der Behauptung, es wäre nicht mißzuverstehen gewesen; d'Estrées kam ja aber auch nicht zum „Ankern“ heran! Im übrigen behauptet dieser, er habe nur etwa eine Stunde ausgebessert, dann aber Rupert erst am Abend erreichen können, da dieser immer abgehalten habe; Bankers hat doch aber die Mitten bald erreicht, und außerdem sagen die meisten Quellen (auch französische), das französische Geschwader habe mehrere Stunden rangiert. Es liegen doch wohl grobe Fehler d'Estrées' vor; Martels Ausfälle gegen ihn waren derart, daß dieser wegen derselben in die Bastille kam.

Wiederum ging das Gerücht, der französische Chef habe geheimen Befehl gehabt, seine Flotte zu schonen, worauf wir später zurückkommen werden; anderseits gebenPersonalnotizen über d'Estréesvielleicht auch einige Aufklärung:

D'Estrées war einer jener von der Armee übernommenen Offiziere, bis 1668 Generalleutnant und gleich als Vizeadmiral angestellt, tüchtig und tapfer, aber ohne jede seemännische Erfahrung. Von den alten Seeoffizieren, vor denen er einrangiert, wurde er natürlich scheel angesehen, und dabei stieß er sie durch hochmütiges Wesen vor den Kopf. So hatte ihm 1672 du Quesne weichen müssen, Martel hatte er gleich bei dessen Eintreffen im Juli 1673 durch Unterlassung zustehender Ehrenbezeugungen und später durch den Tenor in schriftlichen Befehlen beleidigt. Er war ferner in übergroßem Selbstbewußtsein unzugänglich für Ratschläge erfahrener Seeleute und mischte sich doch in technische Einzelheiten. Ein schlagendes Beispiel der Art sei gegeben, das auch ein Bild der Seegebräuche dieser Zeit zeigt, ehe sich ein Seeoffizierkorps voll ausgebildet hat: 1678 strandete d'Estrées mit allen 8 Schiffen seines Geschwaders in Westindien. Sein Flaggkapitän erzählt darüber: „Mittags hatte der Admiral mit den Steuerleuten das Besteck in die Karte eingetragen. Als ich in die Kajüte treten wollte, traf ich auf den weinend herauskommenden dritten Steuermann. Er sagte mir, er sei vom Admiral beschimpft, weil er mehr Abtrift angenommen habe als die anderen. Mir sagte dann der Admiral: der Lump läßt mich einen Kurs laufen, der Teufel weiß wohin.“ Naiv fügt der Flaggkapitän hinzu: „Da ich nicht wußte, wer recht habe, sagte ich nichts, um nicht einen gleichen Sturm auf mich zu laden.“ — Einige Stunden später ging das Geschwader auf einer Reihe von Felsen, den Avesinseln, verloren.

EinenSieg der Holländerkönnen wir also die Schlacht nennen. Alle die Umstände, die nach den beiden Schlachten von Schooneveld zugunsten der Holländer sprachen, treten hier intaktischer und strategischer Beziehungnoch weit schärfer hervor: Die Verbündeten haben dieses Mal das Feld geradezu geräumt, weder in der Nähe des Schlachtfeldes geankert, noch eine Verfolgung auch nur scheinbar versucht; sie sind sofort nach der englischen Küste gegangen, um ihre vielen beschädigten Schiffe in Sicherheit zu bringen; ihr Mannschaftsverlust war wieder größer. Der strategische Erfolg der Schlacht war noch bedeutender. Nicht nur war wiederum die augenblickliche Gefahr einer Landung abgewendet, die Verbündeten gaben vielmehr den Plan, von der Küste aus in den Landkrieg einzugreifen, jetzt ganz auf. Wie wir gleich sehen werden, zeigten sich ihre Flotten nicht mehr auf dem Meere, so waren auch die niederländischen Häfen dem Handel wieder geöffnet; der ostindische Convoi kam glücklich ein, einige Schiffe waren den Engländern im Atlantik (bei St. Helena) in die Hände gefallen. Der moralische Einfluß des endgültigen Abschlagens der verbündeten Flotten ging noch weiter, er führte zum Frieden mit England; König Karl konnte das schon lange unpopuläre Bündnis mit den Franzosen nicht länger aufrecht erhalten, nachdem diese sich in den Augen seines Volkes als ungenügende, unzuverlässige, wenn nicht sogar verräterische Verbündete gezeigt hatten.

Die große Bedeutung, die diese letzte Schlacht haben würde, war in Holland allgemein erkannt. Wie angeordnet, strömte das Volk in den Kirchen zusammen, als der Donner der Kanonen in Amsterdam und ganz Nordholland den Zusammenstoß der Flotten meldete, und wohl aus vollem Herzen stieg das Gebet „um den Sieg des Vaterlandes und der gerechten Sache“ zum Himmel auf. Den Eindruck auf das englische Volk hatte Oranien vorausgesehen; als er am 12. August die Flotte besuchte, wies er die höheren Offiziere und die Besatzung des Flaggschiffes darauf hin, daß noch ein Erfolg zur See den Frieden mit England und damit eine wichtige Wandlung im Kriege bringen würde.

Der kleine Krieg gegen den Handel und in den Kolonienwar gleichfalls zugunsten der Holländer ausgefallen. Wir wissen, daß sie den eigenen Handel in den nördlichen Gewässern verboten hatten; es wird ausdrücklich gesagt „im Kanal und Nordsee“, die fernen Meere werden dieses Mal nicht erwähnt. Die anfänglich untersagteKapereiwurde im Herbst 1672 freigegeben und sofort lebhaft aufgenommen. Allein von Seeland, das wie stets darin voranging, liefen gegen 100 Fahrzeuge aus; sie machten reiche Beute, hatte sich doch der englische Handel in den letzten Jahren sehr gehoben. Während der Indiensthaltung der großen Flotte im Sommer 1673 aufs neue verboten, wurde das Auslaufen der Kaper im Herbst auch wieder erlaubt.

InIndiengelang es den Holländern, den Fortschritten der Franzosen wirksam entgegenzutreten. InWestindiengriff 1673 ein kleines Geschwader, freilich ohne dauernden Erfolg, englische und französische Niederlassungen an.New Yorkwurde den Engländern entrissen, diese nahmen die damals noch unwichtige Insel Tabago; die beiden Eroberungen wurdenbeim Friedensschluß zurückgegeben. Dagegen behielten die EngländerSt. Helenaals wichtigen Stützpunkt gegen die holländische Kapkolonie und für den Weg nach Indien. Die Insel war ursprünglich von Holland besetzt, fiel 1657 an England, wurde 1672 von Holland, aber schon 1673 wieder von England erobert (vgl. über Kolonien auch Kapitel XII).

Der weitere Verlauf des Krieges bis zum Frieden mit England(Westminster 19. Februar 1674) bringt keine wichtigen Ereignisse zur See mehr. Die holländische Flotte wurde schleunigst wieder schlagfertig gemacht und während dieser Zeit der Feind stets beobachtet. Erkundungen und Nachrichten von Kauffahrern ergaben, daß die verbündete Flotte infolge stürmischen Wetters und Gegenwindes erst Anfang September in die Themse eingelaufen sei, später, daß die englische Flotte abrüste und die französische nach ihren Häfen abgegangen wäre. In Holland beabsichtigte man zuerst, sobald als möglich in See zu gehen und den Convoi auf der Doggerbank zu erwarten; als man dann aber vermutete, dieser sei mehr oder weniger versprengt, wurde beschlossen, die Flotte vor die Themse zu senden, um so die einzeln zurückkehrenden Indienfahrer besser schützen zu können und zugleich dem Gegner und Europa zu zeigen, daß man schlagfertig geblieben sei.

Ruyter ging am 12. September in See, aber beständig stürmisches Wetter hinderte die Ausführung des Planes; die Flotte wurde mehrmals versprengt. Am 22. September wurde sie aufgelöst und der Winterdienst eingesetzt, dagegen gab man jetzt die Kaperei frei. Die einlaufenden Kriegsschiffe wurden mit Jubel und Ehren begrüßt; Ruyter und verschiedene Admirale erhielten Dotationen. Die Marine hatte aber auch ihre Pflicht getan; derLandkriegmit Frankreich nahm jetzt eine andere Wendung, da die Truppen von der Küste und auch Mannschaften von der Flotte frei wurden. Wenn er auch noch vier Jahre dauern sollte, so waren doch die Niederlande bald nicht mehr der Schauplatz.

Oranien eroberteNaarden am Zuidersee (12. September); wie Muyden wichtig war zum Halten der durch die Überschwemmung geschaffenen Defensivstellung, so war es Naarden zu Offensivunternehmungen, die jetzt von hier aus ins Werk gesetzt wurden. Die Franzosen hielten nicht lange mehr stand, sie waren auch sonst bedroht. Infolge ihres Auftretens im Deutschen Reich, Verletzung der Neutralität in verschiedenen Gebieten, mußte der Kaiser endlich Ernst machen und auch Spanien raffte sich auf; um noch rechtzeitig seine Niederlande vor der Eroberungspolitik Ludwigs XIV. zu sichern. DerKaiserundSpanienschlossen am 30. August 1673 einBündnis mit Holland.

Ludwig versuchte jetzt unter milderen Bedingungen mit der Republik Frieden zu schließen und gab seine Pläne hier vorläufig auf, um den Krieg mit dem Hause Österreich in Deutschland und Spanien durchführen zu können; Holland weigerte sich.

Montecuculi kam den Rhein herab, um Oranien die Hand zu reichen; dieser drang nach Belgien ein und vereinigte sich, durch ein spanisches Korps verstärkt, bei Andernach mit den Österreichern. Gemeinschaftlich eroberten sie Bonn (12. November) und mehrere Festungen am Unterrhein; sie drohten so, den Franzosen den Rückzug abzuschneiden. Ludwig XIV. gab deshalb auf Rat Turennes die gefährliche vorgeschobene Stellung in den Niederlanden auf, seine Truppen räumten schleunigst die Provinzen Utrecht und Geldern — nicht ohne diese noch gründlich zu brandschatzen; Marschall Luxembourg brachte[352]nur mit Mühe seine Armee an Montecuculi und Oranien vorbei in Sicherheit. Auch die Bischöfe räumten Oberyssel;das Gebiet der Niederlande war frei vom Feinde.

DerKrieg mit England, und damit der eigentliche Seekrieg, kam baldzu Ende. Von Holland angeknüpfte Verhandlungen wurden von Spanien unterstützt. Dieses drohte bei weiterem Kriege sein friedliches Verhältnis mit England abzubrechen; wenn man nun hier auch diesen Gegner nicht hoch einschätzte, so fürchtete man doch, daß dadurch dann der eigene blühende Handel mit Spanien den Niederlanden zufallen würde. Aber auch sonst war schon länger, wie bereits angedeutet, die Volksstimmung für die Holländer und gegen die Franzosen. Jene hatten sich als brave und tüchtige Gegner die Sympathie erworben, diese waren mindestens unzuverlässige Verbündete gewesen; außerdem regte sich immer mehr der protestantische Geist und das Mißtrauen gegen den König und seine Partei mit ihren Plänen hinsichtlich der inneren Politik. Endlich fürchtete man einen neuen Wettbewerb des Seehandels Frankreichs, dessen Aufblühen durch zu großes Schwächen der Republik begünstigt werden würde, mehr als den alten mit Holland. Als Karl II. im Januar 1674 neue Mittel für Rüstungen verlangte: „nur um dadurch den Frieden schneller herbeizuführen“, erwiderte das Haus der Gemeinen einstimmig, es würde nur dann Gelder bewilligen, wenn Holland billige Friedensbedingungen ausschlüge. In Holland hatte man zwar für das Jahr 1674 die Ausrüstung einer sehr starken Flotte — 84 Schlachtschiffe über 40 Kanonen usw. — beschlossen, was wohl auch einen Druck auf Beschleunigung der Verhandlungen ausüben sollte und auch ausübte, man war aber doch sehr zum Nachgeben bereit. So mußte auch Karl sich fügen und am 19. Februar 1674 wurde derFrieden in Westminstergeschlossen.

Wie viel Holland am Frieden lag, zeigen dieBedingungen, die immer noch sehr günstig für England waren, wenn sie auch bei weitem nicht den von Karl früher geforderten entsprachen: Holland mußte auf für England vorteilhafte Vereinbarungen über den Handel in Ostindien eingehen und die während des Krieges wiedergenommene Kolonie New York (von nun ab für immer) zurückgeben; 2 Millionen Gulden an Karl zahlen und vor allem das Flaggenrecht in ausgedehntem Maße anerkennen. Sogar die in England geworbenen Regimenter blieben beim französischen Heere; sie wurden nur auf den Aussterbe-Etat gesetzt, ihre Mannschaft durfte nicht weiter ergänzt werden.

Das Flaggenrechtwurde strenger und genauer festgesetzt. Der Flaggengruß (Seite229) wurde jetzt von allen holländischen Kauffahrern, Kriegsschiffen und Flotten jedem englischen Kriegsfahrzeuge gegenüber in den englischen Gewässern verlangt. Da der Umfang dieses Machtbereichs in den früheren Verträgen unerörtert geblieben war, wurde er jetzt auf das uns bekannte weite Gebiet (Seite189) festgesetzt. Auch wurde jetzt besonders betont, daß Holland damit Englands Vorherrschaft zur See anerkenne, während nach dem zweiten Kriege gesagt war, der Gruß gelte der „Majestät“ des Königs.

So endete der für lange Zeit letzte Krieg zwischen England und Holland. Die Beziehungen der beiden hartnäckigen Gegner wurden bald noch inniger durch Abschluß eines Handelsvertrages (Dezember 1674) und durch die VerheiratungWilhelms von OranienmitMariavon York, der ältesten Tochter des späteren Königs Jakob II. Infolge dieser Heirat wurde Oranien, schon durch seine Mutter ein Enkel Karls II., neben Maria König von England (1688).

Mit dem Frieden zwischen England und Holland hört der weitere Krieg Frankreichs und Hollands auf, ein großer Seekrieg zu sein. Diese beiden Länder führten jetzt vorwiegend einen Landkrieg. Zusammenstöße zur See fanden fast nur in fernen Gewässern statt; sie sollen unter „Kolonien“ (Kapitel XII) oder unter „Nebenkriegen“ (im nächsten Kapitel; insbesondere Ruyters letztes Auftreten bei Stromboli und Agosta) angeführt werden. Der weitere Krieg brachte aber England noch unmittelbar große Vorteile, da ihm während seiner Dauer der europäische Zwischenhandel Hollands größtenteils zufiel.

Bemerkenswertes im dritten Kriege.[201]BeimMaterialist zwar keine große Änderung in der Anzahl der Schiffe eingetreten, aber es sind doch Fortschritte zu verzeichnen. Auf beiden Seiten hat sich dieVertretung der Klassenin der Gesamtzahl der Schiffe nicht unbedeutend verschoben. Die Hauptkraft der Engländer liegt jetzt in Schiffen von 50–60 Kanonen und in den ganz schweren über 80 Kanonen. Die alte Überlegenheit der englischen Flotte in ihrer Bestückung ist durch die Vermehrung dieser schwersten Schiffe noch gewachsen, da diese auch das schwerste Kaliber führen, das Holland gar nicht besitzt. Die Hauptkraft der Holländer liegt in Schiffen von 60–70 Kanonen, die aber, wie wir wissen, artilleristisch nicht viel mächtiger als englische 50–60 Kanonen-Schiffe sind; die Franzosen haben bei der Gründung ihrer Marine besonders 60–70 Kanonen-Schiffe und solche über 80 Kanonen gebaut — diese letzteren treten allerdings nicht auf. Wir rechnen zwar zu den Schlachtschiffen noch immer alle Schiffe über 40 Kanonen, aber die zu 40–50 Kanonen haben bei Engländern und Holländern in den Flotten sehr abgenommen, bei den Franzosen sind sie überhaupt nicht vorhanden. Dagegen ist die Zahl der Schiffe mit 20–40 Kanonen — bei den Holländern und Franzosen schon ausdrücklich „Fregatten“ genannt — nicht zurückgegangen, die der noch kleineren (in Holland Advisjachten genannt; von 1674 an werden statt ihrer meist „Snauwen“ erwähnt: Fahrzeuge mit 8 Kanonen, 36 Mann, Kuttertakelage) ist sogar wesentlich gestiegen. Man ersieht daraus, das einerseits von dem Schlachtschiff (Linienschiff) immer mehr Gefechtskraft verlangt wird — die Linie wird dadurch mächtiger und auch schon etwas kürzer —, daß anderseits dem Aufklärungs- und Meldedienst mehr Wert beigelegt wird.

Wir haben früher gesagt (Seite168u.171), der Fortschritt in derArtillerieläge in der Zeit des dritten Abschnittes mehr in der planmäßigen Bestückung der Schiffe als in der Verbesserung der Waffe selbst. Im dritten Kriege haben wir nun die auffallende Erscheinung, daß trotz schärfster Aktionen in nächster Nähe der Verlust an Schiffen weit geringer ist als in den beiden ersten Kriegen; die Artillerie muß also mit dem Fortschritt imSchiffbaunicht Schritt gehalten haben. Ein Hauptfortschritt im Schiffbau ist in diesem Zeitabschnitt ja ebenfalls die Durchführung einer Klasseneinteilung, aber die Schiffe selbst wurden doch auch besser gebaut. Die Möglichkeit, taktische Manöver besser durchzuführen, spricht ferner für größere Segelfähigkeit der Schiffe; endlich ist es nicht unwahrscheinlich, daß, wenn die Winterruhen noch immer lange innegehalten werden, dieses mehr eine Folge alten Brauches als der ungenügenden Seefähigkeit der Schiffe ist.

Sehr bedeutend ist die Zahl derBrandergewachsen. Es werden größere Angriffe mit dieser Waffe geplant (Solebay; erste Schlacht bei Schooneveld), deren Erfolge allerdings durch die Umstände vereitelt werden. Es ist überhaupt bemerkenswert, daß ihre Leistungen gegen den zweiten Krieg zurücktreten; es ist den Schlachtschiffen leichter geworden, ihnen auszuweichen und sie abzuschlagen (Seite188).

Über die Bewertung desPersonalszur Zeit dieses Krieges ist bereits bei Betrachtung der Streitmittel (Seite313u.317) gesprochen; das Wichtigste wird in nachstehendem nochmals mit hervorgehoben werden.

Was nach dem zweiten Kriege über den Fortschritt in derTaktikgesagt ist, trifft in erhöhtem Maße für den dritten zu: das Bestreben, die Kiellinie beim Winde aus Einzelschiffen zu bilden, diese Linie gut geordnet und eng aufgeschlossen zu erhalten, die Geschwader zusammen zu behalten und die ganze Flotte einheitlich zu leiten; die Melee wird vermieden oder doch, wenn schon eingetreten, wieder entwirrt und die Ordnung hergestellt, um dann zu neuem Kampfe überzugehen. Die Holländer sind jetzt in der Durchführung dieser Grundsätze, in der Gefechtsdisziplin überhaupt, den Engländern gleichwertig, ja überlegen; wenn in den Schlachten getrennte Geschwaderkämpfe eintreten, so ist es bis auf einen Fall (Tromp, 7. Juni 1673) die Schuld der Geschwaderchefs der Verbündeten (Solebay, Texel). Dieser Fortschritt auf seiten der Holländer ist unbedingt dasVerdienst Ruyters; er gebot ja auch von allen Führern dieser Zeit über die größte Erfahrung. Von Jugend auf als Seemann erzogen und durch alle Dienstgrade gelaufen, war er stets im Kriegsdienste tätig gewesen und hatte die ganze Entwicklung der bis jetzt geschaffenen Taktik in den letzten Kriegen als Divisions-, Geschwader- und Flottenchef durchgemacht. So ist dennRuyters Taktikals der höchste Stand der Taktik jener Zeit anzusehen, und es ist wohl wert, ihre Hauptgrundsätze nochmals hervorzuheben. Ruyter bringt seine Flotte nicht mehr ungestüm nur zum Schlagen an den Feind; er bereitet seine Schlachten bedächtig vor und führt sie dann planmäßig und doch energisch durch; der Überfall bei Solebay und die drei rangierten Schlachten des Jahres 1673 liefern gleichmäßig die Beweise hiervon.

Der Überfall bei Solebay glückte infolge guter Beobachtung des Feindes und vorzüglicher taktischer Navigierung, er würde unter günstigeren Windverhältnissen noch weit verhängnisvoller für den Feind geworden sein; dadurch, daß Ruyter die Franzosen nur beschäftigte, war er imstande, dem gefährlicheren Gegner kräftig entgegenzutreten.

In der ersten Schlacht bei Schooneveld wartet Ruyter kampfbereit den Angriff ab und benutzt dann einen günstigen Augenblick zum energischsten Gegenstoß auf den weit überlegenen Feind. Mit seinem eigenen Geschwader den Franzosen gegenüber erfolgreich, nützt er dies nicht aus, sondern entsetzt nacheinander seine beiden weniger glücklichen Geschwader, ordnet die Flotte wieder, bricht ab, als er seinen Zweck erreicht hat und — seinem strategischen Plane entsprechend — nichts mehr aufs Spiel setzen will. In der zweiten Schlacht bei Schooneveld greift er unter den günstigeren Verhältnissen und überraschend an. Die Art, wie der Feind den Angriff aufnimmt — unter beständigem Ausweichen — würde in früheren Zeiten sicher zu einer Lockerung der holländischen Ordnung geführt haben. Ruyter aber hält jetzt die Flotte zusammen, bricht wieder ab, als es ihm passend erscheint, bleibt aber völlig kampfbereit. Möglich sogar, daß er überhaupt nicht entscheidend kämpfen wollte, um seine Flotte unversehrt zu erhalten; er erreichte dennoch seinen strategischen Zweck.

Die Schlacht bei Texel ist sein Meisterstück zu nennen. Hier benützt er seine Stellung unter der eigenen Küste nicht nur, wie vor dem Eintreten in die vorhergegangenen Schlachten, zum Schutz, sondern auch dazu, den Feind auszumanövrieren und dann aus günstiger Windstellung anzugreifen. Wieder beschäftigt er nur durch Bankers die Franzosen, erringt selbst durch Abschneiden eines feindlichen Teiles großen Erfolg und bricht endlich wiederum in vollster Ordnung ab, als er seinen Zweck erreicht hat.

Gleich hier sei hingewiesen auf Ruyters letztes Auftreten im Mittelmeer. Dort liefert er uns noch ein für die Geschichte der Seetaktik höchst bemerkenswertes Beispiel (vgl. Seite378/79).

Unterstützt wurde Ruyter bei der Durchführung seiner Taktik dadurch, daß die Unterführer und Kommandanten in diesem Kriege seinen Befehlen und Absichten folgten. Aber auch dies ist ein Verdienst seiner Erziehung und seines Vorbildes; er hatte für Stärkung der Disziplin und Einbürgerung eines gesunden militärischen Geistes in der holländischen Marine gesorgt. Sein vorgeschrittener militärischer Standpunkt ist schließlich noch daraus zu erkennen, daß er bei der Indienststellung 1673 „lieber weniger, aber gute Schiffe“ haben wollte.

Begünstigt wurden seine Erfolge allerdings durch dieFehler der feindlichen Führerund durch den schlechteren Zustand der verbündeten Flotten in mancher Hinsicht; diese Fehler und Mängel, sowie ihre wahrscheinlichen Ursachen haben wir bei den Schilderungen bereits genügend hervorgehoben. Gefochten haben die Engländer mit ihrer alten Bravour, wie die Holländer es früher getan, als sie im inneren Wert und in der Taktik unterlegen waren. Die Gegner hatten eben die Rollen gewechselt; York und Rupert, sonst schneidige Männer und tüchtige Seeleute, waren keine Blakes, Moncks und Ruyters, der innere Wert der englischen Marine war gesunken, der der holländischen gestiegen — diese stand 1673 auf ihrem Höhepunkt.

Es führt uns dies nochmals auf dasVerhalten der Franzosen, auf den allgemein verbreiteten Verdacht, daß d'Estrées seine Flotte auf Befehl geschont habe. Beweise dafür sind nicht vorhanden. Etwaige Befehlemüßten streng geheim gewesen und vernichtet sein; die vorhandenen weisen im Gegenteil alle auf tapferes Fechten hin.

Es ist ja möglich, daß Ludwig XIV. im Jahre 1673 dem Bündnis mit England nicht mehr recht traute; von verschiedenen Seiten ging ihm die Warnung zu, daß in England nur noch der König und sein Hof daran hingen. Aber immer bleibt es schwer, anzunehmen, daß ein Kriegsherr seinem Admiral und seiner Flotte zumuten könnte, eine solche Rolle zu spielen. Jedoch sagt selbst ein französischer Autor (Troude), in der Untersuchung des Streites d'Estrées' gegen Martel habe jener zu verstehen gegeben, daß der König gewünscht habe, „seine Flotte erhalten zu sehen und den Engländern nicht zu sehr zu trauen.“ Wie volkstümlich diese Ansicht war, zeigt ein Gespräch holländischer Matrosen. Als einige dieser bei Texel ihre Verwunderung aussprachen, daß die Franzosen den Engländern nicht zu Hilfe kamen, sagt ein anderer: „Ihr Narren! Sie haben die Engländer geheuert, für sie zu fechten; ihr ganzes Geschäft hier ist, zu sehen, daß sie auf ihre Kosten kommen.“

Die französischen Schriftsteller, die die Ausgabe solcher Geheimbefehle bestreiten, schieben das eigentümliche Verhalten ihrer Flotte in beiden Jahren auf die mangelnde Erfahrung ihrer Offiziere im Flotten- und Geschwaderkampf, insbesondere auf die Unfähigkeit d'Estrées' in dieser Hinsicht und auf seine Unzugänglichkeit für Ratschläge erfahrenerer Untergebener. Dem sei nun wie ihm wolle, immerhin werden wir auf zwei wichtige Punkte hingewiesen; zunächst auf einneues Verdienst Ruyters. Im Bericht über die mehrfach erwähnte Untersuchung gegen Martel sagt der Intendant von Brest: „Man konnte glauben, daß Ruyter sich in allen diesen Schlachten nie die Mühe gab, das französische Geschwader anzugreifen, und daß er bei Texel 10 Schiffe lediglich zu dessen Beschäftigung abgeschickt habe.“ Ruyter hat dann also diesen Gegner richtig eingeschätzt, dessen Untüchtigkeit oder Unzuverlässigkeit erkannt und seinen Nutzen daraus gezogen; eine wichtige Eigenschaft für einen höheren Führer.

Das Benehmen der Franzosen deckt ferner eineSchwäche der Bündnisseauf. Augenblickliche politische Interessen können zwei Staaten zu Verbündeten in einem Kriege machen. Dabei kann aber bei ihnen eine für die Waffenbrüderschaft gefährliche Abneigung gegeneinander bestehen, und es kann politische Eifersucht dahin führen, daß einer von ihnen die völlige Niederwerfung des gemeinschaftlichen Gegners sowie zu große Erfolge seines Verbündeten gar nicht wünscht. Man ist also nicht sicher, ob und wie weit der Bundesgenosse dasselbe Ziel — in der Schlacht wie im Kriege überhaupt — verfolgt, ob er bereit ist, das Gleiche einzusetzen. Es ist dieses in erster Linie ein Punkt politischer, also gewissermaßen strategischer Natur und den Bündnissen für Land- wie für Seekriege in gleicher Weise eigentümlich.

DenBündnissen zur Seehaftet aber noch eine andere Schwäche in taktischer Beziehung an. Wenn in einer Landschlacht verbündete Streitkräfte auftreten, so spielen die Verschiedenheit und ein ungleicher Grad der Ausbildung, die Schwierigkeit gegenseitiger Verständigung keine so große Rolle wie zur See; den verschiedenen Truppenkörpern können verschiedene Aufgaben, wenn auch unter gemeinschaftlichem Oberbefehl und aneinander anlehnend, gestellt werden; sie schlagen dann bis zu einem gewissen Gradegetrennte Schlachten. Anders zur See; strategisch können natürlich verbündete Flotten auch hier miteinander arbeiten, taktisch kaum. Hier ist, bei der Schlacht im offenen Meere wenigstens, nur ein Schlachtfeld; die ganze Streitmacht muß in einer Hand bleiben, kann taktisch nur gemeinsam verwendet werden. Da werden sich Verschiedenheit in Art und Stand der Ausbildung und in formaler Taktik, die Schwierigkeit der Befehlsübermittlung durch ein bisher nicht gemeinschaftliches Signalsystem, der Mangel am gemeinsamen Üben taktischer Bewegungen sehr fühlbar machen; die vorhin angeführten gefährlichen Einflüsse moralischer oder politischer Natur werden gleichfalls schwerer wiegend einwirken. — Der zweite und der dritte englisch-holländische Krieg lassen die Schwäche von Bündnissen zur See in allen diesen Hinsichten klar erkennen.

Über Strategie.[202]Im ersten holländisch-englischen Kriege griffen die Engländer den holländischen Handel an; zunächst, indem sie den Convois auflauerten, später als der Gegner erlahmte, indem sie schon seine Küsten blockierten; die Schlachten entspannen sich um Convois oder bei den Versuchen, für diese den Weg freizumachen. Im zweiten Kriege hatten die Holländer den Handel gänzlich eingestellt, da sie die Unmöglichkeit, ihn genügend zu schützen, erkannt hatten. Das Bestreben beider Parteien ging dahin, die Seeherrschaft zu erringen; erst wenn dies gelungen — sei es durch siegreiche Schlachten, sei es durch freiwillige Aufgabe seitens des Gegners —, suchte man den Feind durch größere Angriffe auf Handel oder Küstenplätze und durch Blockaden zu schädigen. Im dritten Kriege aber beabsichtigten die Verbündeten, den Feind, der zu Lande von allen Seiten bedroht war, auch von seiner Küste her mit großer Truppenmacht anzugreifen. Die Durchführung dieser Absicht war einerseits für die Angreifer viel schwieriger, der Angegriffene anderseits sah sich in weit größerem Maße bedroht als in den früheren Kriegen; der Kampf um die Herrschaft auf den trennenden Gewässern war deshalb noch wichtiger als bisher. Die Seestreitkräfte der Verbündeten hatten den Weg über See zur sicheren Überführung und ungestörten Landung der Invasionsarmee völlig und dauernd freizumachen; die Holländer, infolge ihrer schwächeren Flotte in die Defensive gedrängt, mußten dahin streben, bei aller Energie im Kampfe um die Seeherrschaft doch ihre Seestreitkräfte möglichst unversehrt zu erhalten, um sie stets im äußersten Falle — bei der Landung — noch mit Erfolg einsetzen zu können.

Der Strategie auf beiden Seiten war also eine bedeutende Aufgabe gestellt. Diese wurde von der holländischen Marine trotz der sonstigen Schwierigkeiten,mit der sie zu kämpfen hatte, glänzend gelöst, wie denn die holländische Kriegführung überhaupt die einsichtsvollere war. Um eine größere Armee sicher an der feindlichen Küste zu landen, war es für die Angreifer nötig, die feindliche Flotte unschädlich zu machen; es war dies möglich: durch Abziehen derselben von der Küste; durch Festhalten an einem Punkte; durch Vernichtung. Es ist nichts davon gelungen. Der Feind ließ sich nicht weglocken, obgleich der Versuch dazu in beiden Kriegsjahren gemacht wurde; er ließ sich auch nicht verleiten, unter ungünstigen Umständen zu fechten; ihn trotzdem zu vernichten, war die Kriegführung der Angreifer nicht energisch genug, und, ihn an einem Orte dauernd festzuhalten, waren sie nicht stark genug. Diese beiden letzten Punkte sind die wichtigen bei Beurteilung derKriegführung seitens der Verbündeten, denn sie lagen in ihrer Hand; sie hängen außerdem eng miteinander zusammen.

Von den vereinigten Mächten muß man annehmen, daß sie imstande gewesen, bedeutend stärkere Seestreitkräfte aufzustellen. Die englische Flotte allein hätte der Hollands überlegen sein können; aber sie war vernachlässigt, und man benutzte hier die Bundesgenossenschaft Frankreichs nicht zur Erlangung einer wuchtigen Übermacht, sondern zum Sparen an Rüstungen. Auch Frankreich besaß schon im Material eine gleich starke Marine, aber sie war entweder noch nicht schlagfertig, oder man hatte „andere Gründe“, ihre Kraft nicht voll zu entfalten; vielleicht sprach beides zusammen.

Ich verweise hierbei auf das, was Seite356über dieSchwäche von Bündnissengesagt ist. Ein Beweis, daß England (der König) die Bundesgenossenschaft Frankreichs zum Sparen an den eigenen Rüstungen benutzte, dürfte darin zu finden sein, daß Holland mit diesem Umstande rechnete: Es faßte den Beschluß zu größeren Rüstungen 1673 „geheim“, um England zu verleiten, auch weniger zu rüsten. England überschätzte dann den Wert des Bündnisses, anstatt sich auf eigene Kraft zu verlassen.

Die „anderen Gründe“, weshalb Frankreich nicht stärker zur See auftrat, sind dagegen Beispiele zu der Behauptung von der Schwäche der Bündnisse in politischer und strategischer Hinsicht; man wollte die eigene Flotte schonen, die beiden Nebenbuhler um die Seeherrschaft im großen Sinne sich gegenseitig schwächen lassen.

Wenn nun von Seiten der Verbündeten die Rüstungen nicht bis zum höchsten Maße betrieben wurden, so läßt dies darauf schließen, daß man den Feind oder die Schwierigkeit der Aufgabe unterschätzte. Mit einer gemeinsamen Flotte noch einmal so stark als die holländische hätte man versuchen können, den Feind festzuhalten und dennoch gleichzeitig die Truppen unter genügender Bedeckung hinüberzuführen und zu landen; nach der notgedrungenen Herabsetzung der holländischen Flotte im Juli 1672 wären die Verbündeten aber imstande gewesen, mit einer noch weit bedeutenderen Übermacht aufzutreten. Infolge der ungenügenden Rüstungen aber war es notwendig, als ein Ablocken von der Küste nicht gelang, sogar das Blockieren der feindlichen Flotte aufzugeben, um sie durch Demonstrationen an anderen Orten wenigstens zum Verlassen ihrer sicheren Stellung und zum Folgen längs der Küste zu zwingen (1673).

Eine Unterschätzung der Schwierigkeit der Aufgabe ist auch darin zu erkennen, daß man Juni 1673 und, trotz übler Erfahrung, auch im Juli die Flotte selbst mit[359]Anbordnahme von Landungstruppen belästigte. Es erinnert dies an die alte Kriegführung — handstreichartige Einfälle in Feindesland ohne höheren Zweck als Brandschatzung —, während Holland schon bei seinem Zuge 1667 gegen Themse und Medway die zur Landung bestimmten Truppen nur auf besonderen Fahrzeugen einschiffte.

Tatkraft vermißt man aber auch bei der Kriegführung selbst. In beiden Jahren zeigt sich, daß man mit Recht eine Landung für untunlich hielt, solange die feindliche Flotte unversehrt an der Küste stand. Dachte man nun ernstlich an eine Landung, so mußte auch schärfer vorgegangen werden, sobald sich gezeigt hatte, daß sich der Feind nicht zum Schlagen von der Küste abziehen ließ. Aber nur einmal (Schooneveld, 7. Juni 1673) ist der Versuch gemacht, diesen in seiner geschützten Stellung anzugreifen; nach dem Fehlschlagen wird der Versuch nicht etwa gleich wiederholt, man läßt sich sogar selbst überraschen (Schooneveld, 14. Juni). Mangel an Energie zeigt sich endlich darin, daß die verbündeten Flotten in beiden Jahren erst spät auftraten und nach Mißerfolgen stets längere Zeit, endlich sogar ganz, von der See verschwanden; die wahrscheinlichen Gründe hierfür sind im Laufe der Schilderung des Krieges angeführt.


Back to IndexNext