Chapter 29

Als man nämlich in England die Abfahrt de Pointis' erfahren hatte, wurde der VizeadmiralNevillemit den englischen Schiffen an der spanischen Küste, in Madeira noch durch holländische der Kanalflotte auf 27 Kriegsschiffe verstärkt, hinterher gesandt. Pointis erfuhr Nevilles Eintreffen in Barbados, verließ deshalb Anfang Juni Cartagena und wählte den Weg durch die Floridastraße anstatt durch die Windward-Passage, um dem Feinde zu entgehen; er war nicht nur zu schwach, sondern auch durch Prisen behindert, ferner waren seine Schiffe überladen und Krankheit herrschte auf ihnen. Durch die Wahl des Weges stieß er aber gerade auf den Feind, der von Jamaica nach Cartagena unterwegs war. Fünf Tage lang verfolgte Neville die Franzosen zeitweise auf Schußweite, es gelang aber nur, ihnen eine Prise wieder abzunehmen. Pointis erreichte mit dem größeren Teile seines Geschwaders über Neufundland, wo er zum Wassernehmen anlief und fast einem dortigen englischen Geschwader in die Hände gefallen wäre, im August glücklich Brest; hier traf er den Rest seiner Schiffe schon an, bei Ouessant hatte er noch den Angriff einer englischen Division abzuschlagen gehabt. Auch auf Nevilles Geschwader war eine Epidemie ausgebrochen, die schwere Opfer (etwa 1/3 der Besatzungen) kostete: Die Engländer verloren daran 2 Flaggoffiziere, 7 Kommandanten, 1500 Mann; die Holländer 1 Admiral, 3 Kommandanten, 400 Mann. Die Spanier in Havanna verweigerten aus Furcht vor Ansteckung das Auffüllen von Wasser und Proviant, ja lehnten sogar die angebotene Begleitung der dort bereitliegenden Silberflotte ab. Der Rest der Besatzungen konnte wegen Entkräftung auf der Heimreise kaum die Schiffe bedienen.

Am 20. September 1697 wurde derFrieden von Ryswijkgeschlossen, dessen Bedingungen wir schon kennen (vergl. Seite416.)

Der kleine Krieg; der Kreuzerkrieg der Franzosen.[250]Wie in den früheren Kriegen so wurde auch in diesem dieFreibeutereivon beiden Parteien von Anfang an lebhaft betrieben. Auf seiten der Verbündeten zeichneten sich hierin die Seeländer aus, die bekanntlich von alters her diesem Gewerbe (der „freien Nahrung“) sehr zugetan waren; wie früher bildeten sich hier, besonders in Vlissingen und Middelburg, Gesellschaften zu diesem Zwecke. Von Frankreich aus machten die Freibeuter der Städte Dünkirchen, St. Malo, Dieppe, Havre, Bayonne die Meere unsicher.

Die Franzosen waren dabei wohl stets im Vorteil. Einerseits war ihr Handel weit geringer, anderseits stand ihnen dazu mehr Material zur Verfügung; ihre Schiffahrt war schon vor dem Kriege (seit Colberts Tode) zurückgegangen, es ist verständlich, daß die Rhederei die vorhandenen Schiffe und Seeleute in dieser Weise zu verwenden suchte. Infolge ihrer Lage schädigten besonders Dünkirchen und St. Malo den Feind; St. Malo machte jetzt Dünkirchen fast den Rang streitig.

DaDünkirchenden wichtigen Handel nach der Ostsee durch die Nordsee, sowie den Fischfang in diesem Meere, in hohem Maße gefährdete,sahen sich die Holländer von Anfang an genötigt, wie in früheren Kriegen eine Flottille zur ständigen Beobachtung der gefährlichen Stadt aufzustellen. Von 1691 an wurde diese stehende Flottille zu einem gemeinsamen englisch-holländischen Geschwader, von Jahr zu Jahr verstärkt, weil die Gefahr immer zunahm.

Die Holländer stellten alsDünkirchen-Geschwader:

Dieses Geschwader war nur dazu bestimmt, den Hafen zu blockieren und den östlichen Eingang in den Kanal reinzuhalten, Abgang und Ankunft größerer Convois im Osten zu decken, wie wir es von Geschwadern der Hauptflotte oder von dieser selbst im Westen für Convois von und nach dem Atlantik sowie Mittelmeer gesehen haben. Auf ihren weiteren Reisen wurden die Convois in allen Meeren durch besondere Schiffe in kleinerer Zahl begleitet; Holland hatte zu diesem Zweck jährlich gegen 30–40 sogenannteConvoijers— Fahrzeuge von 16–50 Kanonen; meist 24–40 — im Dienst.

Wir wissen schon, daß in diesem Kriege der Handel nicht nur durch Freibeuter, oder auch Kriegsschiffe, und durch vereinzelte Operationen der Hauptstreitkräfte (Geschwader; selbst Flotten) gegen größere Convois bei günstiger Gelegenheit neben anderen Aufgaben angegriffen wurde, sondern daßFrankreichbald fast seine ganze Kriegführung zur See darauf richtete. So wurde denn auch der eigentlicheKreuzerkriegvon ihm zu Ende dieses Zeitabschnittes (auch im nächsten und letzten Kriege — dem Spanischen Erbfolgekriege — bleiben die Franzosen dabei) in einem Grade geführt, der weder vorher noch nachher erreicht ist; er ist deshalb wohl geeignet zur Beurteilung des Wesens und des Wertes eines solchen Krieges.

Was führte nun Frankreich auf diesen Weg? Es ist schon darauf hingewiesen (Seite 4424), daß der Marineminister Pontchartrin nicht viel von einer Marine hielt, und es ist mehrfach angedeutet, daß Ludwig selbst die Wichtigkeit der Erringung der Seeherrschaft nicht genügend erkannte. So kam es, daß nach der Niederlage von La Hogue die Ansicht des Ministers, den Krieg nur gegen den Handel der Verbündeten zu führen, bei der entscheidenden Stelle immer mehr Anklang fand. (Im conseil d'Etat — die Vertrauensmänner des Königs —, der über alle wichtigen Sachen entschied.)

Schon der Zug Tourvilles, die campagne au large, 1691 sollte in der Hauptsache diesem Zweck dienen (der Versuch, den Smyrnaconvoi abzufangen); 1692 nach La Hogue wurden die gesammelten Transporter zur Freibeuterei benutzt, mit großem Erfolge, da die Verbündeten ihre Flotte fälschlich zusammenhielten; die letzte große Flotte, die Frankreich 1693 aufstellte, war nur für einen Schlag gegen den feindlichen Handel bestimmt (Tourvilles Vernichtung des Smyrnaconvois). Von Ende 1693 an verschwinden diegroßen Flotten; es war dies allerdings nicht nur eine Folge der neuen Ansicht über die geeignetste Art der Kriegführung, sondern auch des Verfalls der Marine, hervorgerufen durch ihre mangelnde Pflege sowie durch die Erschöpfung des Landes. Nun wurdeder Krieg gegen den Handelzum reinen Kreuzerkriege underhielt einen eigentümlichen Charakter, ähnlich dem englischen zur Zeit der Königin Elisabeth gegen Spanien: er wurde teils von der Regierung, teils von Privaten, Hand in Hand, geführt.

Wir wissen, daß die Franzosen von 1694 an in den Häfen des Kanals und des Atlantik nur kleine Divisionen für den Küstenschutz aufstellten; diese nahmen auch an dem Kreuzerkriege teil. Vor allem aber erreichte die Freibeuterei einen großen Umfang. Die französische Schiffahrt hatte nach und nach fast ganz aufgehört, weil das Land vom Meere fast völlig abgeschnitten war und auch im Innern Handel und Wandel stockten. Die Freibeuterei wurde so immer mehr die einzige Möglichkeit, Schiffe und Seeleute zu verwerten. Jetzt traten noch die auf der Flotte entbehrlichen Mannschaften hinzu, und die Regierung begünstigte den Kreuzerkrieg in jeder Weise. Schiffe und Offiziere der Marine wurden Firmen und Gesellschaften, die Freibeuterei betreiben wollten, zur Verfügung gestellt, als Gegenleistung erhielt der König einen Anteil vom Gewinn; Minister und andere hochgestellte Personen nahmen Anteilscheine von solchen Unternehmungen, ja mußten es tun, um dem Könige zu gefallen.

Meist kreuzten die Freibeuterkapitäne mit ihren Schiffen allein, da Männer dieses Gewerbes ungern abhängig waren. Auf den Schiffen folgte man einer eigentümlichen Sitte: Vor dem Auslaufen wurde über den Operationsplan vom Kapitän, den Offizieren und den Mannschaften in freimütiger Besprechung der Beschluß gefaßt; einmal unterwegs herrschte strengste Disziplin. Häufig aber auch operierten diese Fahrzeuge in kleinen Divisionen von 3–6 Schiffen unter besonders tüchtigen Männern, wie Jean Bart, Forbin, Duguay-Trouin u. a., die in der Freibeuterei groß geworden waren, später einen Rang in der königlichen Marine erhalten hatten und auch zeitweise in dieser beschäftigt wurden; von den eigentlichen Seeoffizieren, die königliche oder Freibeuter-Divisionen führten, haben sich Coëtlogon, de Nesmond, Renau (der Erfinder der Mörserboote), du Casse u. a. ausgezeichnet.

Diese Verwendung der königlichen Offiziere und Schiffe hatte zwar sehr verderbliche Folgen für die Marine, wie schon erwähnt — Rückgang der Güte des Offizierkorps; Verlust vieler guter Schiffe —, verlieh aber dem Freibeutertum einen Geist und eine Tatkraft, die ihm sonst kaum innewohnen; man muß auch zugestehen, daß die Besatzungen unter den erwähnten hervorragenden Führern wohl lieber fochten als plünderten.

Der Handel der Engländer und Holländer litt außerordentlichen Schaden. Verschiedene Autoren geben die Zahl der 1691–1697 von den Franzosen genommenen Kauffahrer auf mehr als 4000 an; die Unternehmer gewannen Reichtümer und auch in die erschöpfte französische Staatskasse flossen bedeutende Summen. Zwar wollen auch die Gegner viele Schiffe aufgebracht haben — englische Quellen sprechen von über 2000 —, doch war der eigene Verlust der größere und trug schließlich viel mit zum Friedensschluß bei.

Der kleine Krieg führte zu ungezählten Gefechten zwischen einzelnen Schiffen und zwischen kleinen Divisionen, zu Angriffen und Verteidigungen von Convois in allen Meeren, besonders von der Küste Spaniens bis in die Nordsee. Die Geschichten der Marinen[251]erzählen manche davon; mit besondererLiebe, da sich gerade in ihnen seemännisches Geschick und Mut zeigen; die französischen Freibeuter, vor allen Jean Bart, manövrierten meist auf sofortiges Entern.

Als Beispiel sollen hier nurdie Haupttaten Jean Barts, des berühmtesten Freibeuters dieses Krieges, gegeben werden: Als Sohn eines Fischers 1650 in Dünkirchen geboren und selbst Fischer, diente Jean Bart während des zweiten Krieges mit Auszeichnung in der holländischen Marine, ging aber bei Ausbruch des dritten Krieges nach Frankreich, obgleich ihm in Holland ein Schiff angeboten war. Er zog bald als Freibeuter die Aufmerksamkeit Colberts auf sich, erhielt 1679 ein Leutnantspatent in der königlichen Marine und wurde 1689 Kapitän. Als solcher führte er ein Schiff bei Beachyhead; meist jedoch fuhr er auch während dieser Jahre als Freibeuter, er wurde dabei 1689 nebst Trouin von den Engländern gefangen, entfloh aber bald mit diesem.

see captionJean Bart

Jean Bart

Von 1692 an jedoch kommandierte er eine Division für den Kreuzerkrieg, die „Escadre du Nord“ oder „de Dunkerque“ genannt. Bei seinem ersten Auftreten in dieser Stellung gelang es ihm trotz des englisch-holländischen Blockadegeschwaders auszulaufen, 3 feindliche Kriegsschiffe und etwa 20 Kauffahrer zu nehmen, 80 Fischerfahrzeuge zu vernichten und den Hafen wohlbehalten wieder zu erreichen. 1693 führte er in dem Gefecht bei Lagos (Vernichtung des Smyrnaconvois) ein Schiff mit Auszeichnung. Er übernahm dann wieder seine Division und leistete 1694 seinem Lande einen großen Dienst. Wegen Mißernten war Frankreich in diesem Jahre auf Kornzufuhren aus der Ostsee angewiesen, 120 Fahrzeuge mit Getreide wurden von dort erwartet. Schon im Februar lief Jean Bart aus und brachte einige 20 Segel glücklich ein, obgleich englische und holländische Geschwader in der Nordsee waren. Im Juni ging er mit 5 Schiffen (40–52 Kanonen) dem Rest entgegen, der durch Eisverhältnisse aufgehalten war; er traf ihn in der Nordsee schon von 8 holländischen Kriegsschiffen (38–58 Kanonen) umringt, befreite ihn nach heftigem Kampfe (280 gegen 390 Kanonen), in dem 3 Holländer genommen wurden; darunter das Flaggschiff, nach de Jonge das erste holländische, das in Feindeshand blieb (früher genommene sind stets gesunken). Für diese Tat wurde er geadelt. 1695 zeichnete er sich bei der Verteidigung seiner Vaterstadt als Kommandant des Westmolenforts aus. 1696 bricht er wieder die Blockade mit 7 Segeln (300 Kanonen), um einen Convoi rückkehrender holländischer Ostseefahrer abzufangen. Er trifft ihn nördlich von Texel, nimmt sämtliche begleitende Kriegsschiffe (5 mit 200 Kanonen) und etwa 30 Kauffahrer. Er verbrennt diese, weil das holländische Dünkirchengeschwader (14 Segel) erscheint, das gerade einen ausgehenden Convoi Ostseefahrer geleitet, entzieht sich aber selbst dem Angriff.

Im Jahre 1697 führte Jean Bart trotz feindlicher Geschwader den Prinzen von Conti, Prätendenten für die Krone Polens, nach Danzig. Dies war seine letzte Tat. Er starb, 52 Jahre alt, im April 1702, als der Ausbruch des Spanischen[471]Erbfolgekrieges ihm neue Lorbeeren in Aussicht stellte, aber er hinterließ tüchtige Schüler.

Seine Tätigkeit von Dünkirchen aus soll die üblichen drei bis vier englisch-holländischen Convois im Jahre nach der Ostsee oft auf einen beschränkt haben; kein Wunder, daß die Gegner ihr Geschwader vor dieser Stadt immer mehr verstärkten und verschiedene Versuche machten, sie zu zerstören.

Die ungeheueren Verluste, die die Verbündeten erlitten, beweisen, daß ihre Marinen die Aufgabe, den Seehandel zu schützen, nicht gelöst haben. Es führt uns dieser Umstand zu einer theoretischenBetrachtung über das Wesen des Kreuzerkrieges.[252]

Es gilt jetzt wohl allgemein als Grundsatz, daß der Kreuzerkrieg nur von großem Einfluß sein kann, wenn er sich auf eine starke Flotte stützt. Mahan sagt hierzu: „Um wirksam zu sein, muß der Kreuzerkrieg durch eine Geschwaderkriegführung oder durch Abteilungen von Linienschiffen unterstützt werden. Indem diese den Feind zwingen, seine Streitkräfte zusammenzuhalten, geben sie den Kreuzern die Möglichkeit der erfolgreichen Zerstörung des feindlichen Handels; ohne eine solche Rückendeckung wird das Ergebnis die Wegnahme der Kreuzer sein.“ Unser Krieg scheint nun dagegen zu sprechen; der Handel der Verbündeten litt nämlich am meisten, als nach La Hogue 1692 die französische Flotte vom Meere verschwunden war — wie man gemeiniglich sagt.

Angaben einiger Schriftsteller hierfür. Macaulay sagt: Während vieler Monate im Jahre 1693 war der englische Handel nach dem Mittelmeer beinahe gänzlich unterbrochen. Es war nicht möglich, nach der Straße von Gibraltar zu gelangen, ohne von einem französischen Kreuzer angegriffen zu werden; ein Schutz dagegen war aber nicht leicht zu erhalten. — Martin (Geschichte Frankreichs) sagt von den späteren Jahren des Krieges bezüglich Englands: Der Zustand der Finanzen war kläglich, die Seeversicherung betrug 30%; die Navigationsakte war tatsächlich außer Kraft gesetzt und die englischen Schiffe waren genötigt, unter schwedischer oder dänischer Flagge zu fahren. Campbell (Live of the Admirals) sagt von dieser Zeit: In dem Jahre, in dem die Franzosen Herren der See waren (also nach Beachyhead 1690), hatte unser Handel weit weniger gelitten.

Bonfils endlich tut den obenerwähnten Ausspruch, daß statt drei bis vier Convois jährlich nur einer nach der Ostsee abging.

Die Verhältnisse liegen aber bei näherer Betrachtung doch anders. Zwar gab die französische Flotte tatsächlich die aktive Kriegführung auf, aber die Verbündeten glaubten zu verschiedenen Zeiten doch noch mit ihr rechnen zu müssen — um so mehr, als der Eindruck des Sieges bei Beachyhead und des tapfern Verhaltens der Franzosen bei La Hogue noch einige Zeit bei ihnen nachwirkte —, oder wenn dies nicht der Fall war, versäumten sie eben, die richtigen Maßregeln gegen den Kreuzerkrieg zu ergreifen. Bis zu den allerletzten Jahren hielten sie ihre Hauptstreitkräfte zusammen, anstatt sie zur Verfolgung der feindlichen Kreuzer aufzulösen und die feindlichen Kreuzerhäfenschärfer zu blockieren; nur gelegentlich (wenn Convois erwartet) detachierten sie Teile.

Ein kurzer Rückblick möge dies veranschaulichen. 1692 nach La Hogue war die französische Flotte wirklich brach gelegt. Die Seestreitkräfte der Verbündeten wurden aber bis zum Winter bei Spithead zusammengehalten, um Truppen für eine Landung in Frankreich aufzunehmen; die Franzosen hingegen armierten mit den Leuten der Flotte und den gesammelten Transportern eine außergewöhnliche Zahl von Freibeutern, so daß die Kaperei gerade in diesem Jahre besonders stark betrieben werden konnte und in den betroffenen englischen Kreisen die größte Entrüstung hervorrief.

1693 wurde die Flotte der Verbündeten zusammengehalten, weil Frankreich die seinige in Brest zusammenzog. Ungenügendes Unterrichtetsein, sowie Mangel an Entschluß und Disposition an den leitenden Stellen, schlechter Zustand des Materials führte dann doch den Verlust des Smyrnaconvois durch die französische Flotte, die man im Schach halten wollte, herbei; auch nachher geschah nichts zum Schutz des Handels.

1694 und 1695 war die eine Hälfte der Streitkräfte im Mittelmeer, die andere blieb in den nördlichen Gewässern zu den fruchtlosen Unternehmungen gegen die feindlichen Küsten vereint; wie viel besser wäre sie gegen das Freibeuterwesen verwendet worden!

1696 vergingen das Frühjahr und der Sommer bis zum August mit dem Bereithalten gegen eine Landung der Franzosen, mit dem vergeblichen Versuch, die Vereinigung der Toulon- und Brestflotte zu hindern und dann wieder mit den Unternehmungen gegen die atlantische Küste des Gegners.

Erst im August 1696 und im Jahre 1697 wurden die Seestreitkräfte mehr zur Bekämpfung des Kreuzerkrieges verwendet, und jetzt auch mit Erfolg.

Als dies endlich, vom Herbst 1696 an, mehr geschah, wurde die Tätigkeit der französischen Freibeuter auch wesentlich eingeschränkt; viele wurden weggefangen, die Kreuzerdivisionen in den Häfen festgehalten. — Die Ereignisse dieses Krieges entkräften also obigen Satz nicht. Im nächsten Kriege, als die französische Marine völlig ohnmächtig war, wird sich die geringe Wirksamkeit eines Kreuzerkrieges, der nicht auf Flotten gestützt ist, noch deutlicher zeigen. Dabei muß man noch im Auge behalten, daß die Lage der französischen Häfen ungemein günstig zur Bedrohung der englisch-holländischen Handelswege war.

Die Zusammenstöße in den Kolonien[253]während dieses Krieges können wir auch zu dem kleinen Kriege rechnen, weil sie ohne großen Erfolg und Einfluß waren; es handelte sich neben dem Aufbringen von Kauffahrern fast nur um Brandschatzungen feindlicher Niederlassungen, weil der Angreifende, wenn er eine solche wirklich genommen hatte, doch nie lange in ihrem Besitz blieb.

In denwestindischen Gewässernbefanden sich stets einige Kriegsschiffe beider Gegner, Kauffahrer wurden dort armiert oder Flibustier in Sold genommen. England sandte fast in jedem Jahre ein kleines Geschwader, oft mit Truppen, hinaus, Frankreich seltener. So hatten die Engländer häufiger die Seeherrschaft und traten im ganzen genommen offensiverauf; da aber die französischen Kolonien schon stärker bevölkert waren, konnten sie meist Widerstand leisten und zeitweise, wenn ihre Streitkräfte überwogen, bedrohten die Franzosen die feindlichen Niederlassungen. Die französischen Kolonien waren auch reicher, führten den Krieg gegen den Handel mit Flibustiern und hatten hierin wohl den größeren Erfolg, besonders natürlich, wenn die Engländer nicht ausgesprochen die See beherrschten.

Die Franzosen nahmen gleich zu Beginn des Krieges (1688) den Holländern St. Eustache ab, verdrängten (1689) die Engländer aus dem gemeinschaftlich besetzten St. Kitts und plünderten durch Flibustier spanische Niederlassungen. Aber schon 1690 setzten sich die Engländer wieder in den alleinigen Besitz von St. Kitts, eroberten Marie Galante, landeten auf Guadeloupe und belagerten die Garnison in Basse-Terre. Beide Inseln mußten sie 1691 wieder aufgeben, als ein größeres französisches Geschwader auf der Station erschien. 1692 kam es zu einem Gefecht auf offener See bei Désirade, in dem die Engländer einen Convoi gegen den Angriff einer überlegenen Kraft deckten. 1693 machten die Engländer einen vergeblichen Angriff auf Martinique; 1694 fielen die Franzosen in Jamaica und 1695 die Engländer und Spanier in den französischen Teil Haitis ein. Aber alle diese Expeditionen hatten eben keinen dauernden Erfolg.

Das größte Unternehmen Frankreichs — der Zug de Pointis' gegen Cartagena, 1697 — haben wir als militärisch-seemännisch wie politisch bemerkenswert näher berührt (Seite466).

In Nordamerikahatten schon vor dem Kriege Feindseligkeiten an den Grenzen begonnen; hier waren zwar die englischen Kolonien den französischen an Bevölkerung weit überlegen, aber Frankreich strebte sehr nach Erweiterung seiner Macht und scheint vor und während des Krieges stets die stärkeren regulären Landstreitkräfte — allerdings auch nur sehr geringe — gehabt zu haben.

Schon 1686 nahmen sie einige englische Besitzungen an der Hudsonbai weg und bekriegten englisch gesinnte Indianerstämme; es lag in der Absicht, New York zu nehmen, um einen eisfreien Hafen für Kanada zu erhalten. 1689 sollte hierzu zu Wasser und zu Lande vorgegangen werden, aber die von Frankreich erwarteten Schiffe kamen zu spät und mußten dann gleich zurück, da sie infolge langer Überfahrt ihre Vorräte aufgebraucht hatten; zu Lande unternahm man noch im Winter (Februar 1690) Einfälle an den Grenzen, durch Indianerhorden mit großer Grausamkeit ausgeführt. Nun aber rüsteten die englischen Kolonien mit aller Kraft. Ein englisches Geschwader — Admiral Phips mit 8 Linienschiffen — traf ein und nahm im April 1690 die festen Plätze von Akadia (Neuschottland); dann wurde ein Angriff auf Quebec ins Werk gesetzt. Phips führte Mitte August die Kriegsschiffe und 32 Transporter — mit Milizen von Massachusetts, etwa 2000 Mann — den Lorenzstrom hinauf, landete unweit Quebec — ungünstiger Winde auf See und schwieriger Navigation im Flußrevier wegen erst Mitte Oktober — und versuchte die Stadt zu nehmen; einige Schiffe beschossen diese. Aber die Artillerie der Stadtwar der der Schiffe gewachsen, die Garnison dem durch Krankheit geschwächten Landungskorps überlegen; das Unternehmen mußte mit bedeutendem Verlust aufgegeben werden. Ein gleichzeitiger Vormarsch zu Lande von Albany auf Mont Real — 3000 Milizen der Kolonien — war auch infolge Uneinigkeit zwischen den Kontingenten nicht vorwärts gekommen. — Während der folgenden Jahre beschränkte sich die Kriegführung auf Grenzstreifzüge; beide Parteien wurden von Europa nicht unterstützt. Die Franzosen bemächtigten sich nach und nach Akadiens wieder und besetzten weitere Plätze an der Hudsonbai sowie in Neufundland. Ein zweiter Plan gegen New York und Boston 1696 kam wieder nicht zur Ausführung, da das dafür bestimmte Geschwader — 15 Kriegsschiffe unter de Nesmond — abermals zu spät (1697) und von allem entblößt eintraf. Im ganzen hatte aber doch Frankreich die meisten Vorteile errungen; beim Frieden gab England die Hudsonbai und Neuschottland auf und auch von Neufundland behielt Frankreich den festen Platz Placentia sowie die Niederlassungen an der Westküste.

Bemerkenswertes in diesem Kriege.—Über Strategie.In Hinsicht auf dasKriegsmaterialist bei diesem Kriege wenig zu sagen. DasSchlachtschiffwächst weiter (vgl. Seite353u.418); trotz der nur kurzen Zeit seit dem letzten englisch-holländischen Kriege hat dieser Prozeß wieder einen Schritt vorwärts gemacht: das 40–50 Kanonenschiff ist ganz aus der Linie verschwunden, die 50–60 Kanonenschiffe erscheinen so selten wie im vorigen Kriege die 40–50er; die Zahl der Schiffe über 80 Kanonen hat zwar auch zugenommen, aber die Hauptkraft der Flotten liegt in den 60–70 Kanonenschiffen.

Es ist also der angedeutete (Seite178/179) Abschluß des Abschnittes fast erreicht. Dort wurde gesagt, daß man im nächsten Zeitabschnitt, nach 1740, in England das 74 Kanonenschiff als das geeignetste Schlachtschiff ansah. (So sehr, daß man, wenn das Auftreten der Seemacht überhaupt bezeichnet werden sollte, nur von „unseren 74ern“ sprach, schon in diesem Kriege lag die Hauptkraft der Engländer in 70 Kanonenschiffen.

Von den Spezialwaffen sinddie Brander, die im letzten Kriege, was die Zahl anbetrifft, auf ihrem Höhepunkte waren, nicht mehr so stark bei den Flotten vertreten; ihre Leistungen sind noch geringer geworden. Infolge der vielen Unternehmungen gegen Küstenstädte treten dieMörserboote, bisher nur von den Franzosen im Mittelmeer verwendet, auch bei den Engländern und Holländern auf; ihre Wirkung läßt aber zu wünschen übrig. Völlig versagten die von England gegen Küstenbefestigungen und Hafenanlagen gebautenInfernals.

In bezug auf dieTaktikbringen die wenigen großen Aktionen nichts Neues. Sie zeigen eigentlich nur, inwieweit das Personal — und zwar die höheren Offiziere — der verschiedenen Marinen seinen Aufgaben gewachsen war. Bei der eingehenden Schilderung der Schlachten sind die vorzüglichen Leistungen und die Fehler hervorgehoben.

Es genügt hier, darauf hinzuweisen, daß die Franzosen in diesem Kriege auf der Höhe standen; sie wandten die Taktik, die sich nach und nach entwickelthatte, richtig an. Sie zeigen dies sowohl bei Stärke wie bei Schwäche auf ihrer Seite: bei Beachy Head durch Ausnutzung der eigenen Überlegenheit und der Fehler des Gegners; bei Barfleur, indem sie durch geeignete Manöver und durch gegenseitige Unterstützung die Überlegenheit des Feindes nach Möglichkeit aufhoben. Größere taktische Fehler machten eigentlich nur der sonst so hervorragende Führer Tourville als Verfolger in der ersten, als Verfolgter in der zweiten Aktion und de Nesmond bei Lagos. Auch Holland gebot über tüchtige Admirale, Schüler Ruyters, doch kamen sie nicht genügend zur Geltung; das einzige Mal, wo es der Fall war, bewährten sie sich — Evertsen bei Beachy Head.

Taktische Fehler in den Schlachten sind nur englischen Führern vorzuwerfen: das Verhalten der Nachhut bei Barfleur, als sie sich von der Hauptschlacht abziehen ließ, und Herberts schwache Beteiligung mit seiner Mitte bei Beachy Head. Das Verhalten Herberts bei dieser Gelegenheit soll jedoch weiter unten nochmals besprochen, werden, da es höchst wahrscheinlich strategischen Erwägungen entsprang.

Wenden wir uns nun eingehender denBetrachtungen über Strategiezu. Es ist eingangs dieses Kapitels gesagt, daß der Pfälzische Erbschaftskrieg zwar in der Hauptsache ein Landkrieg war, daß aber doch die Kriegführung zur See von großem Einfluß gewesen ist; es ist ferner darauf hingewiesen, daß dieser Einfluß bei richtigerer Verwendung der Seestreitkräfte und bei größerer Leistungsfähigkeit dieser — beides auf beiden Seiten — wohl noch weit bedeutender hätte sein können. NachstehenderRückblick auf den Verlauf des Kriegessoll diese Behauptungen bekräftigen.

Ludwig XIV. hatte es dahin gebracht, daß sämtliche Staaten des Festlandes gegen ihn die Waffen zu erheben drohten; vertrauend auf seine Macht griff er 1688 selbst Deutschland an. Er beging aber sofort einen großen Fehler dadurch, daß er Wilhelm von Oranien — die Seele des gegen ihn gerichteten Bundes — den Thron von England besteigen ließ. Infolgedessen trat auch dieser Staat zu seinen Feinden, ja, England und Holland kamen unter eine Leitung und diese beiden Seenationen waren seine gefährlichsten Gegner, da sie mit ihrem Reichtum dem Gesamtbunde die Mittel zum Kriege liefern mußten.

Ludwig hätte es hindern können, wenn er, anstatt hauptsächlich gegen Deutschland vorzugehen, dessen schwache Kräfte vorläufig nur im Schach gehalten und mit großer Macht, zu Lande wie auch gerade zu Wasser mit seiner mächtigen Marine, Holland angegriffen hätte; Seignelay riet hierzu auf das dringendste. Nach Oraniens Thronbesteigung ermöglichte und unterstützte Ludwig die Erhebung Jakobs in Irland und der erste Fehler hätte wieder gut gemacht werden können, wenn Ludwig noch jetzt seine Hauptanstrengungen gegen die Seemächte richtete — gegen Oraniens Stellung in England und gegen die englisch-holländische Verbindung; noch war er, selbst beiden Mächten vereint, zu Wasser überlegen.

Irland war der schwächste Punkt in Oraniens Stellung, hier war der vertriebene König mit Begeisterung aufgenommen. Aber auch in England hatte er viele Parteigänger, und Oranien wurde sogar von denen, die ihn gerufen hatten, in seiner königlichen Macht durch eifersüchtige Einschränkungen geschädigt. Ludwig hätte nun mit aller Energie die Stuarts unterstützen und England selbst angreifen müssen — Irland dem Könige Jakob erhalten, in England einfallen —; dies war nur möglich durch einen tatkräftig geführten Seekrieg. Mit der Wiederentthronung Oraniens würde dem Bunde der Gegner die Spitze abgebrochen sein.

Wiederum vertrat Seignelay diese Ansicht, aber der Einfluß Louvois' — eifersüchtig auf die Seestreitkräfte und scheinbar die Wirkung eines Seekrieges sowie die Lage überhaupt verkennend — überwog; Ludwig blieb bei der Teilung seiner Kräfte. Die Folge war, daß Irland fiel, Oranien in seiner Stellung gesichert und damit in den Stand gesetzt wurde, den Krieg auf dem Festlande zu unterstützen, ja sogar persönlich zu leiten. Dieses Beharren in dem großen politischen und strategischen Fehler bei Beginn des Krieges ist wohl als entscheidend für den Ausgang anzusehen; alle Erfolge auf dem Festlande konnten nicht hindern, daß sich der Kampf in die Länge zog und erst wegen allgemeiner Erschöpfung endete. Die Gegner hatten aber den Krieg nur mit den Mitteln der Seenationen durchführen können und die Erschöpfung Frankreichs war nicht zum wenigsten durch den stillen aber anhaltenden Druck der Seestreitkräfte Englands und Hollands herbeigeführt; ihre Marinen waren, weil auf gesunderer Grundlage ruhend, bald der französischen überlegen geworden.

Gehen wir nun zu derKriegführung zur Seeim besonderen über. Wir können sie in zwei Abschnitte teilen: in dem ersten ist die französische Flotte die angreifende 1689–1692; in dem zweiten tritt die Flotte der Verbündeten in die Offensive durch Angriffe auf die feindliche Küste und durch Eingreifen in den spanischen Landkrieg, die französische beschränkt sich auf die Defensive und auf den Kampf gegen den Handel 1694–1697; das Jahr 1693 bildet gewissermaßen den Übergang zwischen beiden.

Das Jahr1689 zeigt den besprochenen Fehler Ludwigs: Er greift zwar Holland zu Lande an, tut aber zur See nichts gegen England und Holland, obgleich deren Flotten anfangs nicht bereit sind; auch sein Eingreifen in Irland ist nur schwächlich. Im März wird Jakob ungehindert mit Truppen übergeführt und im Mai gelingt es, trotz des feindlichen Angriffs (Bantrybay) Verstärkungen nachzusenden. Aber die mächtige französische Flotte zeigt sich nicht rechtzeitig, und die Geschwader, die die Überführungen bewerkstelligten, kehren stets sofort zurück; so gelingt es einer ganz schwachen englischen Flottille (Rooke), im irischen Kanal die Verbindung Jakobs mit seinen Anhängern in Schottland zu unterbrechen, die Belagerung der Stadt Londonderry aufzuheben und den Marschall Schomberg mit einer Angriffsarmee in Irland zu landen.

Im Juli verfügen die Verbündeten über 60 Kriegsschiffe. Sie zeigen sich an der französischen Küste, hindern aber nicht, daß sich das französische Mittelmeergeschwader mit den Kräften des Atlantik vereinigt; hierdurch wirddie französische Flotte gegen 70 Schiffe stark. Im August erscheinen die Verbündeten wiederum vor Brest und Tourville tritt ihnen entgegen. Es kommt aber zu keinem Zusammenstoß, die Verbündeten schützen nur das Einlaufen eines Mittelmeerconvois. Die Kriegführung war also sehr lau auf beiden Seiten.

Die wahrscheinlichen Gründe hierfür: England war durch den Einfall in Irland überrascht, aber auch im weiteren Verlauf waren die Verbündeten nicht fertig. In England mögen dies die noch unsicheren politischen Verhältnisse hervorgerufen haben, in Holland die uns bekannten Umstände, die stets das Auftreten lähmten, wenn dem Volke das Feuer nicht auf den Nägeln brannte. So fühlte sich die Führung der Flotte nicht sicher genug — holländische Quellen sprechen dies unumwunden aus — und vermied ein ernstes Zusammentreffen.

In Frankreich war die Lauheit doch wohl ein Zeichen des geringen Verständnisses der einflußreichsten Kreise für die Wichtigkeit der Kriegführung zur See. Warum war die Flotte nicht rechtzeitig bereit? Französische Quellen schieben es auf die schon eingerissene Unordnung in der Organisation; aber dies ist doch nicht durchaus stichhaltig, auch als sie fertig war, tat sie nichts. Man wollte nicht zuviel aufs Spiel setzen (auch nach französischen Angaben).

Im Jahre1690 plante Ludwig, energisch vorzugehen. Wenn es auch England gelungen war, Truppen nach Irland zu werfen, so stand Jakobs Sache dort noch nicht schlecht, falls ihn Frankreich ernstlich unterstützte, besonders mit der Flotte. Diese konnte nun entweder in erster Linie ganz in den Dienst des irischen Landkrieges gestellt oder dazu bestimmt werden, zunächst die feindliche Flotte zu vernichten und dadurch einen Einfall in England zu ermöglichen. Ludwig entschied sich für den zweiten Weg. Dies war zweifellos richtig; noch konnte er sich zur See als überlegen betrachten, aber er durfte dabei nicht die Unterbrechung der Verbindung seines Gegners mit Irland ganz vernachlässigen, doch dies geschah wie im Vorjahre. Im März führte ein französisches Geschwader Truppen und Kriegsmaterial nach Irland, ungehindert obgleich die Engländer Schiffe im Kanal hatten.

So z. B. das für das Mittelmeer bereitliegende Geschwader unter Killigrew. Die kleine Flottille unter Shovel, die für die irischen Gewässer in Dienst gestellt wurde, kam zu spät. Diese scheint nur zur Deckung des eigenen, bald folgenden Überganges bestimmt gewesen zu sein, ging sie doch auch nach Erfüllung dieser Aufgabe zur großen Flotte zurück.

Wie im Vorjahre kehrte dieses aber sofort nach Frankreich zurück, und weitere Seestreitkräfte von Belang waren später nicht in den irischen Gewässern. So konnte Wilhelm III. im Juni mit großer Macht in eigener Person nach Irland hinübergehen. Es ist wohl möglich, daß dieser Fehler französischerseits begangen ist, weil man annahm, der Expedition nach Irland bald den geplanten großen Angriff mit der Hauptflotte folgen lassen zu können. Auffallend bleibt es doch und läßt auf mangelndes Verständnis in dieser Hinsicht schließen, wie völlig „beide Parteien“ die Unterbrechung der Verbindung des Gegners mit der Insel während der ganzen Dauer des Kampfes um diese vernachlässigen.

Die mächtige französische Flotte, für den Angriff auf England bestimmt, 70 Linienschiffe unter Tourville war erst Ende Juni in Brest bereit; zu spät, um, wie beabsichtigt, die Verbündeten vor ihrer Vereinigung zu schlagen. Als sie auftrat, entschied sich gerade Jakobs Schicksal durch die Schlacht am Boyne (11. Juli). Trotz dieser Verzögerung — dieses Mal wirklich wohl allein hervorgerufen durch die seit Colberts Tode eingerissenen Übelstände — war Tourville den Verbündeten — 57 Linienschiffe unter Herbert — weit überlegen und er schlug sie fast vernichtend bei Beachy Head (10. Juli). Daß er so überlegen auftreten und hiervon Gebrauch machen konnte, war die Folge einer Summe von Fehlern der Gegner: Ungenügende und verspätete Rüstung, Zersplitterung der Kräfte, falsche Führung.

Das schon im Winter bereite Geschwader unter Killigrew, das im Frühjahr Kauffahrer ins Mittelmeer geleiten und die Toulonschiffe dort festhalten sollte, segelte infolge von Unschlüssigkeit in London zu spät. Als es doch noch auf das Toulon-Geschwader traf, vermied dieses (Château-Renault) richtigerweise das Gefecht und vereinigte sich rechtzeitig mit seiner Hauptflotte. Killigrew dagegen folgte nicht sofort und traf erst nach der großen Schlacht in England ein.

Die Ausrüstung der Hauptflotte hatten die Verbündeten so lässig betrieben, daß sie am 1. Juli nur 50, kaum voll gefechtsbereite Linienschiffe zählte. In beiden Ländern war man schlecht über die Rüstungen des Gegners unterrichtet und unterschätzte ihn vielleicht infolge seines schwächlichen Auftretens im Vorjahre. Als man die Gefahr erkannte, gab man Herbert den Befehl, unter allen Umständen zu schlagen, und nun war auch sein Verhalten beim Zusammenstoß nicht einwandfrei.

Es sei hier nochmals etwas näher darauf eingegangen, was aus der Untersuchung in dieser Sache zu entnehmen ist und wieHerberts Verhalten bei Beachy Headvon verschiedenen Seiten beurteilt wird. Auf seine Vorstellungen im Winter, die Rüstungen zu verstärken und zu beschleunigen, erhielt Herbert die Antwort des Ministers Nottingham: „Sie werden stark genug gegen die Franzosen sein;“ Herbert antwortete: „Mein Lord, ich kenne mein Geschäft und werde mein Bestes tun. Aber ich bitte sich später zu erinnern, daß es nicht meine Schuld gewesen ist, wenn die Flotte nicht stärker ist. Ich bin jetzt in Sorge, wo die Gefahr noch abzuwenden ist; Sie werden es im Sommer sein, wenn es zu spät ist.“ Er erhielt auch den Befehl, sich einzuschiffen, erst Ende Mai, und vorher waren von höherer Stelle keine Anordnungen getroffen, um die Franzosen zu beobachten. Man schätzte sie nur auf 66 Linienschiffe, schlecht bemannt und somit der eigenen Macht nicht überlegen.

Aus dem bereits teilweise wiedergegebenen Briefwechsel (S.435ff.) zwischen Herbert und Nottingham geht hervor, daß Herbert keine Schlacht schlagen wollte, nachdem er sich durch Augenschein von der Überlegenheit des Gegners überzeugt hatte. Sein Plan war, nach Westen zu gehen, um die dort stehenden Teile der Seestreitkräfte an sich zu ziehen, oder falls dies nicht möglich wäre, von einer sicheren Stellung im Osten aus mit seiner unversehrten Flotte den Gegner im Schach zu halten. Dies entsprach also dem Verhalten Ruyters im dritten englisch-holländischen Kriege. Nottingham billigte den Plan nicht und erwirkte, immer noch mit falscher Einschätzung der Stärke des Feindes, den Befehl der Königin, der zur Schlacht führen mußte.

Colomb hält Herberts Standpunkt für den einzig richtigen; Clowes stimmt nicht völlig bei: „Es sei doch nicht sicher, daß Herbert unbedingt imstande gewesen sein würde, die sich gestellte Aufgabe zu lösen; Wind- und Wetterverhältnisse hätten ihn hindern können.“ Dieser Einwand ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Die Lage ist z. B. nicht durchaus mit der Ruyters zu vergleichen: Ruyter hatte eine weit kürzere Küstenstrecke zu schützen und stand im Westen (westliche Winde vorherrschend)[479]der bedrohten Punkte; Herbert wollte von der Themse aus den ganzen Kanal bewachen. Mit beiden Kritikern muß man aber den Umstand verurteilen, daß Herbert von London aus so bindende Befehle erhielt;soweit darf der Einfluß auf den Chef einer Streitmacht nicht gehen, wie es hier geschah.

(Clowes führt hier den Ausspruch eines Admirals der Neuzeit,Sir G. Th. Hornbys, an. Als man in England gelegentlich von Differenzen mit einer fremden Macht erwog, ein Kabel zur Flotte zu legen, wenn diese an der feindlichen Küste sei, um stets von Whitehall mit ihr in Verbindung zu bleiben, äußerte genannter Admiral: „Wenn ich der Chef der Flotte wäre, würde man — so fürchte ich — bald hören, daß das Kabel gebrochen sei.“)

Kommen wir nun zu Herberts Verhalten bei dem Zusammenstoß. Er kannte die Überlegenheit des Feindes, griff trotzdem an, führte aber den Kampf nicht mit äußerster Energie durch. Clowes sagt hierzu: „Drei Wege standen ihm nach Eingang des Befehls offen:

1. Direkter Ungehorsam und Handeln nach seiner Überzeugung; das tun nur sehr bedeutende Männer: Napoleon, als General, und Nelson haben es getan.

2. Nachdem er die Schlacht beschlossen hatte, fechten, solange er eine Planke unter den Füßen hatte; Nelson würde dies getan haben.

3. Ein Kompromiß: Gehorsam gegen den Buchstaben, aber nicht den Sinn des Befehles; diesen Weg wählte er.“

Herbert selbst sagte in der Untersuchung aus, er habe nicht annehmen können, daß die Königin die Order unterzeichnet haben würde, wenn sie die Überlegenheit des Gegners voll gekannt hätte. So habe er nun die Flotte nicht ganz opfern und damit das Land völlig dem Feinde preisgeben wollen; „die Folgen hätten ihm Recht gegeben.“ (Ferner: „Ich war stets der Ansicht — und so kam es —, daß der Feind nichts unternehmen würde, whilst we had afleet in being.“)

Auch dies erkennt Colomb als richtig an, aber es ist doch wohl auch nicht ganz zutreffend: Denn wenn Tourville seinen Sieg — zunächst schon taktisch durch schärfere Verfolgung, vielleicht gar Nachdringen in die Themse — mehr ausgenutzt hätte, wäre Herbert wahrscheinlich auch bei dem gewählten Verfahren vollständig vernichtet worden. Clowes dagegen sagt: „Wenn Herbert anders gefochten, so hätte er möglicherweise einen glorreichen Sieg erkämpft, jedenfalls aber den Gegner bedeutend mehr geschädigt, und dieser würde um so weniger etwas unternommen haben; keinenfalls würden die Franzosen so unbedingte Herren der See geworden sein, wie sie es für einige Zeit wurden.“ Auch diese Ansicht kann man angreifen, aber man muß doch wohl sagen: Wählte Herbert die Schlacht, von der er wußte, daß sie entscheidend werden würde, so mußte er auch alles tun, was er vermochte;Kompromissesindin großen Sachen wohl stets das Ungeeignetste und Unsicherste.

Die Franzosen nutzten ihren Sieg weder taktisch noch strategisch aus. Eine schärfere Verfolgung würde den Verlust der Verbündeten weit größer, vielleicht entscheidend für den Krieg mit England gemacht haben; die für fast drei Monate errungene Seeherrschaft wurde nur zu unbedeutenden Unternehmungen gegen die feindliche Küste und zum Abholen der französischen Truppen von Irland benutzt, als Ludwig die Sache Jakobs vorläufig aufgab.

Diese letzte Tatsache zeigt nochmals, wie wenig auf Unterbrechung der Verbindung des Gegners mit der Insel auch von England gegeben wurde. Tourville war Ende August nach Brest gegangen, Killigrew's und Shovel's Geschwader waren nicht im Gefecht gewesen und doch geschah nichts, um das Abholen zu hindern!

Die von den Franzosen angegebenen Gründe für ihre Lauheit nach Beachy Head sind: Nach der Schlacht Munitionsmangel, dann schlechter Zustand der Schiffe, endlich Herannahen der schlechten Jahreszeit. Seignelay verlangte mehr von der Flotte,[480]vor allem den Versuch, in die Themse einzudringen, wie es Ruyter einst getan habe. Dies oder ähnliches hätte die Hauptflotte unternehmen müssen, während leichte Schiffe Irland abschlossen, wo sich Wilhelm III. in Person befand. Möglich, daß die Reste der Flotte der Verbündeten immer noch als eine „fleet in being“ ernstliche Unternehmungen gegen die Küste verhindert haben; zulässig auch erscheint mir, die nach der Schlacht am Boyne eingetretene Mißstimmung Ludwigs gegen Jakob und seine Sache als Grund der Lauheit anzunehmen; geschah doch auch nichts von französischer Seite, als Ende September endlich ein Teil der Flotte der Verbündeten die letzte Stadt Irlands im Süden nahm.

Der strategische Plan Ludwigs im Jahre 1690 war gewiß richtig, genügende Kraft dafür bestimmt und die Gelegenheit zur Ausführung günstig, weil die französische Flotte noch überlegen auftreten konnte; er scheiterte an ungenügender Vorbereitung und am Nichtausnutzen der errungenen Erfolge. Sollte eine Invasion gelingen, so mußte die geschlagene feindliche Flotte vernichtet werden.

Das Jahr1691 bringt nur die strategisch und auch taktisch glänzende Leistung Tourvilles, seine Hochseekreuztour. Die Franzosen hatten wiederum 70 Linienschiffe aufgestellt, auch die Verbündeten spannten endlich ihre Kräfte an und brachten jetzt gegen 100 Linienschiffe unter Russell zusammen. Aber die Franzosen waren zuerst seeklar und nur bei ihnen kann man einen strategischen Plan wahrnehmen. Dieser war jedoch, nach Seignelays Tode, ein ganz anderer als im Vorjahre: anstatt einer Offensive gegen die feindlichen Streitkräfte oder gar Küsten nur Schutz der eigenen Küste und Angriff des feindlichen Handels, insbesondere des großen Levanteconvois. Ohne Antwort auf seinen Einwurf, daß diese Aufgaben sich kaum vereinigen ließen, tat Tourville sein Bestes, doch sah er im Gegensatz zu seiner Regierung den Schutz der Küste als die wichtigere an. Als der Convoi ihm, durch Wetterverhältnisse begünstigt, entgangen war, verstand er es, den Feind wochenlang hinter sich herzuziehen, ohne ihm Gelegenheit zum Schlagen zu geben. Damit hinderte er die Gegner, von ihrer starken Rüstung irgendwelchen Gebrauch zu machen, und hielt den Kanal für die französischen Freibeuter sowie für die wiederaufgenommene Verbindung mit Irland frei.

Das Verhalten der Verbündeten war so schwächlich wie in den Vorjahren. Wieder waren sie durch verzögerte und mangelhafte Ausrüstung gelähmt, aber auch Tatkraft in der Führung fehlte. Man muß annehmen, daß sie noch unter dem Eindruck der Niederlage von Beachy Head standen (Herberts abschreckendes Schicksal), daß sie deshalb trotz der übermacht ihre Kräfte so ängstlich zusammenhielten, alles andere preisgaben und doch nichts wagten.

Zu erwähnen ist noch, daß in diesem Jahre die französischen Streitkräfte im Mittelmeer zu den Erfolgen gegen Savoyen und Spanien am Lande beitrugen; die schwache spanische Marine konnte ihnen nicht entgegentreten.

Wie Ludwig XIV.im Jahre1692 den Landkrieg aufs neue mit aller Kraft begann, so nahm er auch seinen Plan von 1690 wieder auf: Frühzeitiges Zusammenziehen der gesamten Seestreitkräfte, um die Flotten der Verbündetenvor der Vereinigung zu vernichten und dann in England einzufallen. Wieder rechnete er mit einem allgemeinen Aufstande der Jakobiten, hatte aber dieses Mal richtigerweise — im Sinne des verstorbenen Seignelay — trotzdem eine große Invasionsarmee aufgestellt. 1689 und 1690 lagen die Aussichten für einen solchen Plan günstig; jetzt war es zu spät. Bei der eigenen Marine waren die Schäden in der Organisation fortgeschritten, auch machte sich infolge des langen Krieges schon Geldmangel bemerkbar; die Feinde dagegen waren imstande, ihre natürlichen Hilfsmittel auszunutzen. Eine Überlegenheit zur See war nicht mehr vorhanden, selbst nicht wenn sämtliche Schiffe Frankreichs rechtzeitig fertig und vereint gewesen wären; doch auch dies war nicht der Fall. Zu dem für Beginn der Operationen festgesetzten Zeitpunkt (Ende April) verfügte Tourville nur über 39 Schiffe; die Verbündeten aber waren in diesem Jahre früher als bisher mit ihrer ganzen Macht bereit (am 19. Mai 88 Linienschiffe). Ludwig glaubte trotzdem an die Überlegenheit seiner Flotte und gab den Befehl zum Auslaufen, als diese 45 Schiffe stark war.

Er hielt die Gegner für nicht bereit oder doch, wenn dies der Fall und selbst wenn vereinigt, seiner Flotte kaum gewachsen und er rechnete mit der Unzuverlässigkeit eines großen Teiles der englischen Flotte. So sagen die Quellen! Diese Unkenntnis ist aber auffallend, weil man in Frankreich bisher und auch später wieder stets rechtzeitig und genau von den feindlichen Rüstungen und Plänen unterrichtet war. Man muß fast annehmen, daß Ludwig durch Hochmut und Ungeduld fortgerissen worden ist.

Zu spät kam Ludwig Nachricht und Einsicht, daß alle seine Voraussetzungen falsch seien, daß er vorläufig von dem Unternehmen absehen müsse; Tourville war ausgelaufen, die Gegenbefehle und die Benachrichtigung, daß die Gegner vereint seien, erreichten ihn nicht. Er stieß unvermutet bei Cap Barfleur (29. Mai) auf den Feind und griff seinem Befehle gemäß an, obgleich er dessen Überlegenheit erkannte. Was Tourville zu diesem Schritte bewogen hat, wissen wir; strategische Überlegungen leiteten ihn nicht. Er stand ganz unter dem Einfluß persönlicher Gefühle, und die Schuld an der Katastrophe trifft in erster Linie den König, der die berechtigten Einwendungen seines Admirals unbeachtet gelassen und ihm so bindende Befehle gegeben hatte. Es erfolgte die Niederlage in der Schlacht und die Vernichtung so vieler Schiffe nach dieser bei La Hogue. Wichtiger für den Verlauf des Krieges als der Verlust an Material war aber, daß Frankreich die Offensive zur See von jetzt an aufgab.

Der Erfolg der Verbündeten ist nur dem Umstande zuzuschreiben, daß sie ihre Rüstung beeilt hatten, große Tatkraft und strategische Kunst haben sie auch in diesem Jahre nicht entfaltet. Sie wären sogar noch überrascht worden, wenn Tourville für seinen Marsch günstigen Wind gehabt hätte. Bis zum 18. Mai lagen sie getrennt bei Rye und in den Downs, zwei Geschwader kreuzten im Kanal; es war wohl ein Fehler, daß man diese anstatt leichter Schiffe zum Erkunden entsendet hatte. Wie sich die Sache entwickelte, schlug die Verzögerung der Ausrüstung und Vereinigung ihrer Flotte zum Vorteil derVerbündeten aus, denn hierdurch wurde Ludwig im Festhalten an seinem Plane bestärkt.

Es ist nicht sicher, ob die Verbündeten genau über die Absichten der Franzosen unterrichtet waren. Holländische Quellen behaupten es, englische zweifeln daran. So sagt Colomb, man habe bis zum letzten Augenblick selbst ein Unternehmen gegen St. Malo im Auge gehabt und hierzu seien die Truppen in Portsmouth zusammengezogen gewesen. Das Zusammentreffen bei Barfleur scheint jedenfalls auch ihnen unerwartet gekommen zu sein.

In der Schlacht waren die Verbündeten von erdrückender übermacht, und doch brachte diese den Franzosen den größeren Ruhm. Die Verfolgung kostete ihnen infolge der Rücksichtnahme auf die beschädigten Schiffe zwar schwere Opfer, aber die Verbündeten hätten den Sieg mehr ausbeuten müssen, die nach der Schlacht entkommenen Schiffe durften ihnen nicht entgehen.

Haben sie endlich die errungene Seeherrschaft ausgenutzt? Die französische Flotte legte auf und die Transporter wurden mit Marinemannschaften in den Dienst der Freibeuterei gestellt, die gerade noch in diesem Jahre den Handel der Verbündeten auf das empfindlichste schädigte, weit mehr als im Jahre 1690, in dem die Franzosen die See beherrschten. Die Flotte der Verbündeten wurde zwei Monate hindurch behufs Vorbereitungen zu einem Unternehmen auf dem Festlande, zu dem es schließlich nicht kam, untätig zusammengehalten.

Das Jahr1693 zeigt den Übergang in den zweiten Abschnitt der Kriegführung: die Franzosen richten ihren Angriff nur gegen den Handel, aber noch mit einer großen Hauptflotte; die Verbündeten halten weiter ihre Kräfte zusammen, können sich aber noch nicht zur Offensive entschließen. Ihre Leistung ist auch in diesem Jahre recht mäßig und zeigt eine Reihe von Fehlern und Mißständen.

Die Verbündeten beabsichtigten, ein Geschwader zur Unterstützung Spaniens ins Mittelmeer zu senden und mit der Hauptflotte in den nördlichen Gewässern zu operieren. Das Geschwader sollte ferner auf der Ausreise den Frühjahrsconvoi Levantefahrer geleiten und gerade diesem galt der französische Angriff. Infolge des schlechten Unterrichtetseins und der Unentschlossenheit auf seiten der Verbündeten sowie der Fehler des Kommandos der Hauptflotte und des Convoiführers gelang es Tourville, den Convoi großenteils zu vernichten.

Die Abfahrt des Convois war zu lange verzögert. Frankreich, gut unterrichtet, sandte Tourville in See, als die Abfahrt bevorstand. Die Hauptflotte der Verbündeten war nicht rechtzeitig bereit, um die französische in Brest festzuhalten. Als sie dann das Geschwader nebst Convoi durch den Kanal geleitete, wußte sie nichts vom Auslaufen Tourvilles, und die „drei Admirale auf einem Schiff“ versäumten es, sich hierüber zu vergewissern. Sie entließen ihre Schutzbefohlenen zu früh und diese fielen infolge der Unvorsichtigkeit des Geschwaderchefs dem Feinde in die Hände. Die Flotte blieb vor Brest und erfuhr erst über London die Abfahrt Tourvilles; sie ging dann nach England, um „neu auszurüsten“ und „Befehle einzuholen“, anstatt dem Feinde zu folgen.

Dieselben Mißstände und dieselbe Unentschlossenheit zeigen sich weiter. Wohl sah man ein, daß es richtig sei, Tourville zu folgen, um ihn an seinemVorhaben zu hindern oder, als es hierzu zu spät war, ihn wenigstens zur Schlacht zu zwingen. Es kam nicht dazu; die Flotte war ungenügend ausgerüstet und wurde schließlich frühzeitig aufgelöst. Tourville kehrte im Herbst unbehelligt zurück, nachdem er den Sommer über zum Schaden des feindlichen Handels die See im Mittelmeer beherrscht hatte.

Im Herbst 1693 setzte der Kreuzerkrieg der Franzosen mit dem ihm eigentümlichen Charakter ein. Auch hier traten die Verbündeten nicht mit der nötigen Kraft auf; im November machten sie den ersten Versuch gegen einen der Hauptstützpunkte der Freibeuterei (St. Malo). So beginnt Ende 1693 die Kriegführung, die wir in den letzten Jahren des Krieges durchweg finden.

In den Jahren1694–1697 beschränkten sich die Franzosen in den nördlichen Gewässern auf Küstenschutz und Kreuzerkrieg; im Mittelmeer unterstützten sie den Angriff auf Spanien. Die Verbündeten stellten ihren Seestreitkräften drei Aufgaben: Unterstützung Spaniens, Angriff auf französische Küsten, Handelsschutz.

Im spanischen Landkriege hatten die Franzosen 1694 Erfolge durch Unterstützung der Flotte, bis Russell im August mit der Hälfte der verbündeten Flotte erschien. Dann ging Tourville nach Toulon und wurde hier, auch das Jahr 1695 über, festgehalten. Russell beherrschte die See, aber Erfolge für den Landkrieg errang er nicht, da die Spanier am Lande zu schwach waren. Als er 1695 imstande war, diese durch ein Landungskorps zu unterstützen, brach er schon günstig liegende Unternehmungen ab, sobald er das Auftreten der französischen Flotte fürchten mußte. 1696 zogen sich die Verbündeten aus dem Mittelmeer zurück und die Franzosen hatten 1697 Erfolge in Spanien, die wichtig für den Verlauf des Krieges waren. Wir sehen also auf beiden Seiten die Flotten nur dann größere Aufgaben an der Küste durchführen, wenn die Seeherrschaft gesichert ist.

Die Angriffe der Verbündeten auf die französischen Küsten begannen 1694 mit dem größeren Unternehmen gegen Brest, das völlig scheiterte, weil man den Gegner gut vorbereitet fand. Es folgt dann die Reihe von Beschießungen der Küstenstädte, die den Gegner wenig schädigten und ihren einen Hauptzweck, nennenswerte Truppen von seiner Feldarmee abzuziehen, nicht erreichten. Ein englischer Schriftsteller sagt: „Sie kosteten England mehr, als sie nutzten.“ Den zweiten Hauptzweck, die Freibeuterei lahmzulegen, würde man durch eine andere Verwendung der Seestreitkräfte besser erreicht haben.

In Hinsicht auf die dritte Aufgabe, den Schutz des Handels, versagten die Flotten der Verbündeten überhaupt, wenigstens bis auf die allerletzte Zeit, weil man die Kräfte aus Vorsicht oder eben zu unfruchtbaren Unternehmungen zusammenhielt. Anderseits zeigt der Kreuzerkrieg der Franzosen, wenn er auch erfolgreich war, doch, daß ein solcher nur gestützt auf eine Flotte lebensfähig ist.

Die koloniale und überseeische Kriegführung ist auch in diesem Kriege noch unbedeutend; nur der Zug de Pointis' gegen Cartagena (1697) war vonEinfluß auf den Verlauf. Im nächsten Kriege spielt sie eine etwas größere Rolle, von wirklicher Bedeutung wird sie erst in den Kriegen des folgenden Zeitabschnittes.

Colomb(Naval warfare)zieht auch aus den Ereignissen dieses Krieges bemerkenswerte Schlüsse. In den Kapiteln VI und VII: „Versuche, zu einem bestimmten Zwecke die Seeherrschaft zu erringen“ — nämlich einer Invasion — wird gesagt: Die Ereignisse des Jahres 1690 zeigen, daß eine teilweise Beherrschung der See (Tourville nach Beachy Head) noch keine Invasion erlaubt, daß selbst noch mit einer teilweise geschlagenen Flotte gerechnet werden muß. Das Jahr 1692 zeigt die Schwierigkeit, eine „zeitliche“ Seeherrschaft zu gewinnen, sowie die damit verbundene große Gefahr, wenn man eine solche unter allen Umständen erzwingen will.

Colomb sagt: „1690 wurde der französische Versuch vereitelt durch Herberts gesunde Politik, geleitet durch die Überzeugung, daß er die größte Gefahr heraufbeschwöre, wenn seine Flotte infolge eines anderen Verhaltens vernichtet würde.“ (Wir wissen, daß Colomb die Ansicht Herberts billigt.) „Man kann sagen, daß die Franzosen 1692 gerade entgegengesetzt handelten, indem sie ihre Flotte auf einen Wurf einsetzten, um die Invasion zu ermöglichen.“

Weiter wird darauf hingewiesen, daß der Plan einer Invasion 1696 sofort aufgegeben wurde, als man sah, daß die verbündete Flotte fertig und somit eine Überraschung ausgeschlossen sei.

Im Kapitel XII: „Die Bedingungen, unter denen Angriffe von See her gelingen oder scheitern“, nimmt Colomb die Ereignisse an der spanischen Küste als Beispiele dafür, daß auch zu solchen Unternehmungen die unbedingte Seeherrschaft notwendig ist. Beide Parteien geben Belagerungen von See aus auf, sobald sich der Feind nähert, ja nur seeklar gemeldet wird; in den nördlichen Gewässern beginnen die Verbündeten mit den Angriffen auf die Küste erst Ende 1693, als sie unbestritten die See beherrschen. In Hinsicht auf die Durchführung solcher Angriffe bespricht Colomb den größeren auf Brest 1694. Er sagt: die Seeherrschaft war hier vorhanden, aber die Expedition war nicht stark genug und wurde fehlerhaft geleitet.

„There was no heart in it“ (dies sagt er mit Beziehung auf alle derartigen Unternehmungen dieser Jahre) und die Landtruppen waren nicht annähernd genügend stark. Man durfte auch nicht in einer der Buchten bei der Einfahrt landen, deren Strand ganz in eine befestigte Stellung verwandelt war. Man hätte eine stärkere Macht z. B. in der Douarnenez-Bucht außer Bereich der feindlichen Stellung ausschiffen müssen.

Colomb schließt das Kapitel XII: „Wenn man die Stärke der Befestigungen genau kennt, genügend Truppen verwendet, diese außer Bereich der Befestigungen landet, durch die Flotte schlagfertig hält und unterstützt, so ist kein Grund, daran zu zweifeln, daß jeder Platz fällt, vorausgesetzt, daß kein Entsatz über See kommt“.

Unsere Betrachtungen über Strategie dürften zeigen, daß derEinfluß der Kriegführung zur Seeweit größer hätte sein können. Ludwig XIV. versäumte es, von der zu Anfang vorhandenen Überlegenheit seiner Marine Gebrauch zu machen. Die Seemacht der Verbündeten gewannZeit, ihre Kraft zur Entfaltung zu bringen, hätte dann aber weit mehr leisten müssen. Sogar Clowes schreibt: „Wenn auch der Frieden günstig war, so kann man doch nicht sagen, daß die Marine in dem achtjährigen Kriege viel zur Hebung des Rufes beigetragen hat, den sie unter Cromwell und auch noch unter Karl II. errungen hatte.“ Die Gründe sind jedoch teilweise durch die Verhältnisse zu entschuldigen.

Grobe Fehler wurden allerdings von der höchsten Leitung (Whitehall) gemacht: Hier war man stets vom Feinde ungenügend unterrichtet; es mangelte an Einsicht und Entschlossenheit, und dabei beanspruchte man die Leitung bis ins kleinste.

Aber auch die Verwaltung war infolge der früheren Mißregierung schlecht: Die Schiffe waren, wenn am meisten nötig, schlecht im Stande, schlecht bemannt und schlecht ausgerüstet. Endlich fehlte die Tatkraft in der Führung, doch ist dies wieder größtenteils eine Folge der politischen Verhältnisse. Die Führer wagten zwar einesteils wegen des mangelhaften Zustandes der Flotte nichts, anderseits aber scheuten sie sich vor Verantwortung. Jakob glaubte an eine besondere Anhänglichkeit der Seeoffiziere an seine Person; auch die unter Wilhelm III. leitenden Kreise hatten diesen Verdacht, sie zweifelten dah433 er an der Treue und Zuverlässigkeit vieler Offiziere. Mißtrauen herrschten im Kabinett und in der Hauptstadt, Parteiwesen und Unentschlossenheit im Offizierkorps. Ein Mann, der sich im Gefecht unglücklich oder unfähig zeigte, mußte gewärtig sein, abgesetzt und zur Verantwortung gezogen, gar des Verrats angeschuldigt zu werden. Da ferner gerade manche der erfahrenen Männer in Verdacht standen, der Regierung feindlich zu sein, so wurden diese nicht ihren Fähigkeiten entsprechend verwendet. Die öffentliche Meinung klagte, daß man ungeeignete Personen bei Besetzung der Stellen bevorzugte, in deren Händen die Leitung der Seemacht lag. Eine weitere Folge dieser Verhältnisse war der beständige Wechsel im Oberkommando der Flotte, zweimal sogar ernannte man Joint-Admirals. Ein solches Unding war nur ohne Schaden möglich gewesen zu Zeiten eines Blake oder Monck, neben denen die Kollegen keine Rolle spielten.

Die holländische Marine war in diesem Kriege in jeder Hinsicht besser als die englische. Sie kam aber nicht zur Geltung, weil sie in der gemeinsamen Flotte wesentlich schwächer vertreten war und stets unter englischem Oberbefehl stand.


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