Chapter 33

In Lissabon fand Shovel das Wintergeschwader (Byng) und das am 10. März eingetroffene holländische Kontingent, das auch Ersatz für die in Spanien fechtenden holländischen Regimenter mitgebracht hatte, vor. Da die Nachrichten vom Landkriegsschauplatze weiter ungünstig lauteten, wurde Byng mit den segelfertigen englischen und sämtlichen holländischen Schiffen sofort (10. April) ins Mittelmeer gesandt, um die Verstärkungen zu landen und bis zu Shovels Ankunft an der Ostküste zu kreuzen. Byng erfuhr in Alicante, daß die Armee der Verbündeten unter demEarl of Galway, der jetzt den Oberbefehl führte, bei dem Versuche, wieder nach Madrid vorzudringen, bei Almansa (24. April) vernichtend geschlagen sei und daß ihre Trümmer sich größtenteils auf Tortosa zurückgezogen hätten (vgl. Seite494). Der Admiral sammelte nun in den Küstenstädten die Versprengten, Verwundeten und Kranken des Heeres, brachte diese sowie die Ersatzmannschaften nach Tortosa und segelte dann nach Barcelona (20. Mai). Hier traf Shovel bald darauf ein. Erkundungen ergaben, daß weder in Toulon noch in Marseille (der Galerenstation) Ausrüstungen von Seestreitkräften betrieben wurden; Frankreich stellte in diesem Jahre nur zwei Divisionen unter Forbin undTrouin für die nördlichen Gewässer auf. Am 4. Juni gingShovelmit der ganzen Flotte in See, um mitPrinz Eugengegen Toulon zu operieren und um dessen Verbindung mit den Magazinen in Livorno und Genua aufrecht zu erhalten.

Wir wissen bereits (Seite494), daß es Marlborough nicht gelang, seinen großen Plan vollständig durchzuführen. Er selber war behindert, in diesem Jahre im Norden kräftig vorzustoßen, und der Kaiser hatte, anstatt Eugen nach seinen Erfolgen zu verstärken oder doch wenigstens in seiner Stärke zu belassen, einen Teil des italienischen Heeres unter Graf Daun abgezweigt, um Neapel zu erobern, obgleich ihm England vorstellte, dies für ihn mit Leichtigkeit ausführen zu können, sobald Toulon gefallen sei. Da Ludwig XIV. um diese Zeit zu Friedensunterhandlungen geneigt war, wollte der Kaiser wohl vor Beginn dieser die Lande in seinen Besitz bringen; auch wird vermutet (nach Corbett), daß man in Österreich dem Plane Marlboroughs nicht günstig war, man fürchtete die Übermacht Englands im Mittelmeer nach Toulons Fall.

Ein schleuniger Angriff auf Toulon war erwünscht. Man mußte annehmen, daß Frankreich nach seinen Erfolgen in Spanien von dort Truppen zur Armee in der Provence heranziehen würde, auch konnte bei der Schwäche Eugens nur ein Handstreich gelingen. Dieser wäre fast geglückt. Marschall Tessé, der die Armee in der Provence führte, hatte mit unzureichenden Kräften eine lange Grenze zu decken, und Prinz Eugen verstand es, ihn in Unsicherheit darüber zu halten, wo er vorgehen wolle: ob ein Angriff auf die Provence oder ein Einfall in die Dauphiné oder in die Franche-Comté, beide von Truppen entblößt, erfolgen würde. Eugen operierte dann so schnell, daß Tessé erst klar sah, als der Gegner fast schon die Grenze überschritten hatte. Toulon war auf der Landseite nur schwach befestigt und ungenügend besetzt. Infolge von Verzögerungen auf dem Marsch und bei dem Angriff der Verbündeten jedoch gelang es, diesen Übelständen abzuhelfen. Der Gouverneur der Provence bot die Milizen auf und Tessé warf mit Eilmärschen Truppen in die Stadt; die Verbündeten waren nicht stark genug, dies durch völlige Einschließung zu verhindern. Die Verzögerungen werden dem Herzog von Savoyen zur Last gelegt.

Die Flotte trat in Finale an der Riviera Mitte Juni mit dem Heere Eugens und Savoyens in Verbindung. Kleinere Divisionen wurden bestimmt, Vorräte aus den genannten Häfen zu holen, die Flotte ging nach der Bucht vom Cap St. Hospice, um mit den die Küste entlang vorrückenden Truppen in steter Verbindung zu bleiben, ihnen mit Geschützen und Munition auszuhelfen. Zum tätigen Eingreifen kam sie nur am 11. Juli, als das Heer den Übergang über den Grenzfluß Var erzwingen mußte. Hier standen 3000 Mann Fußvolk und 500 Reiter der Franzosen, gestützt auf eine Schanze an der Mündung. 4 Fregatten beschossen diese Stellung und Anstalten zu einer Landung in großem Maßstabe wurden getroffen; es scheint aber nur zur Beschäftigung des Feindes damit gedroht zu sein, denn nur einige hundert Mann wurden wirklich an Land geworfen. Während dieser Zeit überschritten die Landtruppen ungehindert den Fluß weiter nördlich. Den Weitermarsch begleitete dann Admiral Byng mit 15 Schiffen, längs der Küste segelnd, der Rest der Flotte ging geradeswegs nach den Hyèren; am 29. Juli traf die Armee vor Toulon ein. Bei schnellerem Vormarsch und überraschend sowie tatkräftig durchgeführtem gewaltsamen Angriff wäre die Stadt wahrscheinlich gefallen; so aber kam es nur zu einererfolglosen Belagerung Toulons.[270]

Toulon war gedeckt durch eine Reihe von Forts nahe bei der Stadtumwallung (etwa die jetzige zweite Verteidigungslinie): Vom Fuße des im Norden der Stadt liegenden Mt. Faron nach Osten bis zur Küste die Forts St. Artigues, St. Catherine und La Malgue, nach Westen St. Antoine und Malbousquet; zur Hinderung der Einfahrt an der Küste die Forts St. Louis am Eingang zur Innenrhede und St. Marguerite etwa 2 km östlich von La Malgue. Bei der so plötzlich auftretenden Gefahr hatte man die Kriegsschiffe zum großen Teil — einige Angaben sagen die Hälfte (gegen 20 Linienschiffe), nach andern muß man annehmen, fast alle (gegen 50) — versenkt, um sie dem feindlichen Feuer zu entziehen, aber auch um die Einfahrt in die Hafenanlagen zu sperren; die Besatzungen und auch Schiffsgeschütze wurden zur Verstärkung der Befestigungen herangezogen. Nur 2 oder 3 schwere Linienschiffe waren, mit altem Tauwerk gepanzert, als schwimmende Batterien so verankert, daß sie die Umgebung der Forts Malbousquet, La Malgue und St. Catherine bestrichen.

Prinz Eugen nahm schon am 29. Juli trotz kräftigen Widerstandes die Forts Artigues und St. Catherine. Er versuchte dann, nördlich um den Mt. Faron marschierend, auf die Westseite der Stadt zu gelangen, fand aber einen auf Hindernisse und Feldbefestigungen gestützten zu starken Widerstand. Der Herzog von Savoyen, scheinbar zu vorsichtig, schuf sich zunächst ein befestigtes Lager und bereitete, auf St. Catherine gestützt, den förmlichen Angriff auf La Malgue und die Küstenforts vor. Die Flotte, die gleichzeitig mit Eugens Angriff eine Überrumpelung der Küstenforts vergeblich versucht hatte, schiffte Geschütze mit Bedienungsmannschaften aus und hielt die Hafeneinfahrt blockiert. Erst am 12. August begann man ernstlich mit der Beschießung der Küstenforts, auch um der Flotte ein Näherkommen zu erleichtern. In der Zwischenzeit aber hatten die Franzosen die Befestigungen verstärkt und die Verteidigung organisiert. Tessé war mit 18 Bataillonen herangekommen, hatte die Westseite besetzt und Verstärkungen in die Stadt geworfen; die Milizen hielten die Verbindung nach Marseille offen. Schon am 15. machten die Belagerten in stürmischer Nacht einen großen Ausfall und warfen den Feind aus dem größten Teil seiner Angriffslinie. Die Belagerer sahen ein, daß sie nichts erreichen konnten, ja, daß sie sogar eine kräftige Offensive fürchten mußten, und beschlossen, die Belagerung abzubrechen. Um den Abzug zu decken und um doch etwas zu leisten, wurde ein Bombardement eingeleitet; es wurden in der Tat vom 17.–20. die Forts St. Louis und St. Marguerite außer Gefecht gesetzt. Am 21. gingen nun 5 Fregatten und 5 Mörserboote bis zur Höhe von St. Louis und beschossen Hafen und Stadt, man sah einige Schiffe sowie ein großes Magazin brennen; die Fahrzeuge mußten sich aber am 22. bei Tagesanbruch zurückziehen, weil eine neu errichtete Batterie sie unter wirksames Feuer nahm. Immerhin war die Armee während der Nacht ungehindert abgezogen und kam auch, ohne verfolgt zu werden, über den Var zurück. Die Flotte begleitete wieder diesen Rückmarsch.

Erwähnenswert ist, daß dieGardes-marines(die Seekadetten) sich bei der Verteidigung so ausgezeichnet haben, daß die Stadt Toulon ihnen von da an, bis 1786, freies Kasernement gab, oder ihnen, wenn sie auf Kosten des Königs untergebracht waren, für die Person und für den Monat 9 Francs zahlte.

So war nicht nur der große Plan, den Krieg durch Eindringen in die Provence zu beenden, fehlgeschlagen, sondern auch der Angriff auf Toulon unter großen Verlusten mißglückt. Dieser hatte nur den Erfolg, daß Villars' Vordringen in Deutschland gehemmt wurde, weil dieser einen Teil seiner Truppen nach der bedrohten Provinz senden mußte, und daß die französische Marine auch im Mittelmeer den Kampf ganz aufgab. Trotz aller Vorsichtsmaßregeln war ein Teil der versenkten Schiffe (etwa 15?) unbrauchbar geworden. Frankreich stellte in den letzten Jahren des Krieges in Toulon nicht einmal kleinere Divisionen auf, wie es im Norden doch noch bis 1709 geschah.

Die Operationen der großen Flotte der Verbündeten waren für dieses Jahr zu Ende. Sie zweigte am Var 9 Schiffe ab, um Truppen von Genua nach Spanien zu bringen, und ging dann über Barcelona, Altea und Gibraltar in die Heimat.

see captionJohn Leake.

John Leake.

Bei dieser Gelegenheit trat wieder das schlechte Verhältnis der Verbündeten zueinander zutage; über „die zunehmende Mißachtung von seiten der Engländer“ klagen die Holländer. Vizeadmiral v. d. Goes war am 9. Juli gestorben. Am 12. September traf als Ersatz Vizeadmiral van Wassenaer über Land in Genua ein; ein zweiter Flaggoffizier war aus Sparsamkeitsgründen (nach de Jonge) nicht beim Kontingent gewesen. Wassenaer segelte über Barcelona nach Altea und fand hier sein Geschwader; Shovel war mit den englischen Schiffen, „ohne Kriegsrat zu halten und ohne mit den Holländern das Wintergeschwader zu vereinbaren,“ nach Gibraltar gesegelt, nur äußernd, er müsse dort Proviant nehmen. Wassenaer folgte und traf die englische Flotte am 10. Oktober vor Gibraltar schon unter Segel, um die Reise fortzusetzen; hier drang er auf Abhaltung eines Kriegsrates.

Vor Gibraltar wurde die Winterflotte entlassen, 6 holländische und 12 englische Linienschiffe unter Kontreadmiral Dilkes. Der holländische Chef, Vizeadmiral Wassenaer, blieb mit zwei weiteren Schiffen zum Überwintern in Lissabon, aber getrennt von seinem Geschwader, da er nicht unter Dilkes stehen wollte.

Auf der Rückreise trat die Katastrophe ein, die die englischen Admirale, so auch besonders Shovel, stets gefürchtet und vorausgesagt hatten, wenn man die Schiffe in später Jahreszeit aus dem Mittelmeer zurückzöge. Die Flotte verfehlte in schwerem und unsichtigem Wetter den Eingang des Kanals und geriet auf die Scillys; vier Linienschiffe gingen verloren, darunter das Flaggschiff;Sir Clowdesley Shovelwurde nach einigen Angaben von einem Strandräuber wegen seiner Ringe ermordet.

Das Wintergeschwader ging von Gibraltar wieder nach Barcelona und von dort nach Livorno, um Truppen abzuholen; es traf erst am 24. März in Lissabon zur Neuausrüstung ein.

Das Jahr 1708ist nun das letzte, in dem von den Seestreitkräften Waffentaten von einiger Bedeutung ausgeführt wurden. Am 7. April trafSir John Leake, jetzt Admiral of the Fleet, mit 5 englischen und 2 holländischen Schiffen bei dem Wintergeschwader ein; 4 weitere Holländer folgten bald, so daß die Seestreitkräfte im Mittelmeer 31 Linienschiffe zählten. Man sieht, daß die Flotte schon wesentlich kleiner war; ein Auftreten der Franzosen war nicht zu befürchten, so konnte auch England jetzt mehr Schiffe zumSchutze des Handels im Norden zurückbehalten. Sie wurde auch noch geteilt: 4 Schiffe wurden bestimmt, vor der Straße von Gibraltar gegen einige französische Fregatten, die in Cadiz für den kleinen Krieg lagen, zu kreuzen; 4 andere sandte man nach den Azoren, um portugiesische Brasilienfahrer zu holen und dann holländische und englische in die Heimat zu führen. Die Hauptflotte, 23 Linienschiffe, ging am 8. Mai in See, um Truppen von Italien nach Barcelona zu bringen. Am 22. traf sie an der Küste von Katalonien auf einen französischen Convoi von 100 Tartanen[271]mit Zufuhr, besonders Proviant, für das spanische Heer; sie nahm 69 Fahrzeuge und zerstreute die übrigen. Bei der unzureichenden Menge von Nahrungsmitteln, die die fechtenden Heere aus Spanien selber ziehen konnten, war dies ein schwerer Schlag für die spanischen Truppen und ein großer Gewinn für die des Königs Karl. In Barcelona wurden wieder 7 Schiffe zurückgelassen, um jede Verbindung Frankreichs mit Spanien über See zu unterbinden; der Rest ging nach Vado (26. Mai). Hier wurde die Flotte bis Mitte Juli aufgehalten, da die Kavallerie von Genua und Livorno geholt werden mußte, dann kehrte sie mit 6000 Mann und 2300 Pferden nach Barcelona zurück; es hatte sich ferner die Braut König Karls, Prinzeß Elisabeth Christine von Braunschweig, eingeschifft.

Dem Admiral wurde nun aufgegeben,Sardinienzu unterwerfen, eine Insel, die als reiche Kornkammer für Karls Heer wichtig war; die Aufgabe wurde schnell gelöst. Am 12. August erschienLeakevor Cagliari und legte seine Mörserboote sofort zur Beschießung aus. Als auf die Aufforderung zur Übergabe die Antwort erst für den nächsten Tag in Aussicht gestellt und damit der Verdacht hervorgerufen wurde, daß der Gegner Zeit zu Verteidigungsmaßnahmen gewinnen wolle, landete man in der Nacht ein Regiment Spanier sowie 1200 englische Seesoldaten und eröffnete die Beschießung; das für Karl günstig gesinnte Volk erhob sich und zwang den Gouverneur zur Übergabe, die ganze Insel folgte diesem Beispiel. Nach der Übergabe der Stadt nahmLeakebei Pula, am Eingang der Bucht von Cagliari, Wasser, und hier erreichte ihn, auf seine Meldung von dem Erfolge, die Bitte König Karls, ein Unternehmen des GeneralStanhope, des jetzigen Oberbefehlshabers der verbündeten Truppen in Katalonien,gegen Minorcazu unterstützen.

Stanhope hatte auf Anweisung der englischen Regierung, die schon länger Port Mahon als günstigsten Stützpunkt im Mittelmeere selbst ins Auge gefaßt hatte, die Anregung zu diesem Unternehmen gegeben. Die Bevölkerung der Insel war karlistisch gesinnt, aber die Gegenpartei hielt die festen Punkte besetzt. Diese wurde von den Franzosen unterstützt, die im Januar 1707 eine Division Schiffe zur Unterdrückung eines Aufstandes gesandt und dann eine Besatzung zurückgelassen hatten. Stanhope zog im August 2600 Mann, vorwiegend Engländer, in Barcelona zusammen, er fühlte sich aber ohne eine größere Seestreitkraft zu schwach. Er hatte zwar die an der katalonischen Küste stationierten Linienschiffe zur Begleitung gewonnen — sie standenweder unter ihm noch unter König Karl, aber eins davon führte sein Bruder, und dieser bestimmte die anderen Kommandanten zur Teilnahme —, er bat aber doch auch Leake mitzuwirken und schrieb dabei, er sei segelfertig und auch in Mallorca ständen Truppen und Geschütze bereit. Leake beschloß sofort, der Bitte zu willfahren.

Corbettsagt hierzu: „Die Inbesitznahme von Gibraltar war allerdings schon von großem Werte für England, aber fast nur als eine Station zum Schutze des Handels; zur Behauptung der Seeherrschaft im Mittelmeer brauchte man einen Hafen in diesem Meere, der auch sicher genug war, ein Wintergeschwader dort zu halten und auszurüsten. Ohne einen solchen blieb Frankreich imstande, sobald die verbündete Flotte im Herbst heimging und das Wintergeschwader nach Lissabon zurück mußte, seine Freibeuter auslaufen zu lassen sowie auch den Verkehr mit Spanien wieder aufzunehmen; es trat hinzu, daß eine ständige Flotte im Mittelmeer wünschenswert erschien, um dauernd auf den Papst und andere bourbonisch gesinnte Fürsten Italiens zu drücken. So war die Besetzung Gibraltars nur ein erster Schritt. Die englischen Seeoffiziere hatten schon immer auf den vorzüglichen Hafen von Port Mahon hingewiesen und 1705 erschien in England eine anonyme Schrift („An inquiry into the causes of our naval miscarriages“), die die Besetzung dieses Platzes dringend empfahl. Auch Marlborough war, besonders nach dem Fehlschlage gegen Toulon, für Gewinnung eines Stützpunktes und wies, da Karl III. beständig um eine Flotte auch während des Winters bat, den König und den Kaiser nachdrücklich auf die Notwendigkeit hin, Port Mahon zu nehmen. Diese schlugen Spezia vor, aber die englischen Admirale erklärten den Platz für seemännisch nicht geeignet und Port Mahon außerdem für viel günstiger gelegen, Toulon zu überwachen. Auf Marlboroughs Drängen ward Stanhope im Juni 1708 beauftragt, in diesem Sinne vorzugehen, und er bereitete im August, als der Feldzug zu Lande wie üblich zu Ende ging, die Einschiffung sämtlicher in Katalonien entbehrlichen Streitkräfte vor. Leake kannte zwar die Pläne, hatte aber keine Befehle. Karl hatte ihn gebeten, nach der Unterwerfung Sardiniens die Truppen von Neapel, die dort nicht mehr nötig wären, nach Spanien zu bringen; von England hatte er den Befehl, eine Demonstration gegen den Papst, der die Partei Jakobs III. in Schottland mit Geld unterstützte, zu machen, falls seine Hauptaufgabe, für König Karl einzutreten, dies erlaube.

Als die Aufforderung Karls III. zu dem Unternehmen gegen Minorca eintraf, war der Admiral im Begriff, mit den englischen Schiffen nach Civitavecchia unter Segel zu gehen; die Truppen in Neapel waren noch nicht zur Einschiffung bereit und den Holländern war verboten, sich an der Demonstration gegen den Papst zu beteiligen. Der gemeinsame Kriegsrat, dem die Wichtigkeit Port Mahons als Stützpunkt für die Flotten völlig klar war, faßte jetzt den Beschluß, der Bitte Folge zu geben.“

Die Flotte segelte am 24. August und traf am 5. September vor Port Mahon ein. Stanhope war noch nicht dort, aber Leake bereitete alles vor: Er sandte Schiffe nach Mallorca, um die Truppen zu holen; er stellte die Stärke des Feindes fest; sie betrug 1000 Mann, zur Hälfte auserlesene französische Seesoldaten und zur Hälfte ein altes Minorca-Regiment; er erkundete und markierte einen geeigneten Landungsplatz etwa 2 Seemeilen von der Stadt entfernt. Am 10. September trafen die Schiffe von Mallorca und am 12. Stanhope mit seiner Hauptmacht ein. Man landete und besetzte die offene Stadt, die sich wie die ganze Insel für König Karl erklärte; die feindlichen Soldaten zogen sich in zwei Forts, die den Hafen beherrschten, zurück. Da nun zu deren Belagerung wie zu der der anderen Städte die Gesamtflotte nicht mehr nötig war, verließ Leake (18. September) seiner Instruktion gemäß mitdem größeren Teile Port Mahon und segelte nach der Heimat, nachdem er die entbehrlichen Vorräte des Proviants und der Munition an Stanhope abgegeben hatte.

Ein Wintergeschwader — 12 englische und 3 holländische Linienschiffe, 5 Fregatten, 3 Mörserboote — blieb unter KontreadmiralSir Edward Whitakerzurück und unterstützte die weiteren Unternehmungen. Einige Schiffe nahmen ein kleines Fort bei Fornells, um diesen Hafen an der Nordküste vorläufig als Liegeplatz für die Transporter zu haben; andere zwangen mit einigen hundert Mann die Hauptstadt Ciudadela zur Übergabe; die übrigen Schiffe landeten Geschütze mit Bedienung zur förmlichen Belagerung der gut ausgestatteten Werke Port Mahons. Diese wurden nach Breschelegung am 29. September stürmender Hand genommen.

Port Mahon war in englischem Besitz.England behielt es 50 Jahre und hatte damit eine ebenso sichere Machtstellung im Mittelmeere wie Frankreich und Spanien gewonnen. Von Gibraltar aus beherrschte es Cadiz und Cartagena, mit Port Mahon stand es Toulon gegenüber; Lissabon blieb weiter ein Stützpunkt in zweiter Linie.

General Stanhope ging mit den spanischen und portugiesischen Soldaten nach Barcelona zurück, sobald sie entbehrlich waren — „er zeigte so seinen Eifer für die Sache Karls“. Er ließ auf der Insel nur eine englische Besatzung zurück. In seinem Bericht nach England äußerte er auch seine „unmaßgebliche“ Ansicht, daß man Port Mahon nie wieder herausgeben dürfe, ja seinen Besitz zur Bedingung weiterer Unterstützung in Spanien machen müsse; auch bat er um Ernennung des augenblicklichen Befehlshabers dort zum Gouverneur. Natürlich fühlten sich der Kaiser, König Karl und Holland sehr verletzt, aber England ließ sich nicht irre machen.

Dem Ersuchen Karls III., schon in diesem Jahre das Wintergeschwader in Port Mahon zu überwintern, konnte nicht Folge gegeben werden, da weder Einrichtungen noch Vorräte zur Instandsetzung vorhanden waren. Whitaker holte nochmals Truppen von Italien nach Spanien und ging dann nach Lissabon; schon seine Anwesenheit an der italienischen Küste nach dem Fall von Port Mahon hatte genügt, den Papst zur Anerkennung Karls zu bewegen.

Im Jahre1708planten die Franzosen neben dem kleinen Kriege in den nördlichen Gewässern noch einmal einenEinfall in Schottland; der PrätendentJakobIII. sollte mit etwa 6000 Mann dorthin übergeführt werden. Das Unternehmen, ganz gegründet auf eine kräftige Erhebung in Schottland und auf völlige Überraschung, scheiterte kläglich, da diese Bedingungen fehlten; der seemännische Führer der Expedition, Chef d'EscadreGraf Forbin, zeigte jedoch dabei seine Geschicklichkeit. Nach diesem Fehlschlage wurde in den nächsten Jahren in Dünkirchen keine reguläre Division für den Krieg mehr aufgestellt, nur noch in Brest oder La Rochelle.

Die Expedition sollte früh im Jahre 1708 in See gehen, wohl unmittelbar nach der Abfahrt von Leakes Flotte zum Mittelmeer. Der Zustand der französischen Marine erlaubte keine große Rüstung. Forbins Geschwader bestand aus den wenigen Kriegsschiffen der Dünkirchen-Division und einer größeren Zahl Freibeuter und Transporter; holländische Angaben sprechen von 5 Kriegsschiffen und 30 andern Fahrzeugen, englische von 8 und 24; wenn französische Quellen nur 20 Segel nennen, so sind wohl nur die Kriegsschiffe[553]und Freibeuter gezählt. Eine Krankheit des Prätendenten soll die Abfahrt verzögert haben. In England und Holland hatte man Kenntnis von dem Plane; Admiral Byng erschien schon am 12. März mit 35 Schiffen vor Dünkirchen. Forbin war jetzt für Aufgeben des nach seiner Überzeugung aussichtslosen Unternehmens, aber Jakob bestand auf der Ausführung; als Byng durch Sturm nach den Downs getrieben war, ging man am 19. nachts in See. Holland, dessen Sommergeschwader für die nördlichen Gewässer noch nicht segelfertig waren, sandte wenigstens 4 starke Convoibegleitschiffe nach England; diese stießen am 20. zu Byng und gleichzeitig erhielt der Admiral die Nachricht vom Auslaufen Forbins. Er sandte sofort einige seiner Schiffe sowie die Holländer nach Ostende, um von dort Truppen abzuholen und dann in Newcastle die Nachricht abzuwarten, wo diese nötig seien. Er selber folgte den Franzosen. Forbin war zum Firth of Forth gesegelt, stellte hier aber sogleich fest, daß England alle Maßregeln getroffen hatte, um sowohl die Landung zu hindern wie eine Erhebung zu unterdrücken; er schlug daher Jakob und seinen Offizieren den Wunsch, zu landen, unbedingt ab. Als er das Nahen der Engländer erfuhr (23. März), ging er in See, Byng sichtete ihn gerade noch und befahl allgemeine Verfolgung. Forbin steuerte zunächst nordöstlich, änderte nachts geschickt den Kurs und entkam wohlbehalten nach Dünkirchen; nur ein Schiff, das eingeholt wurde oder, wie die Franzosen sagen, tollkühn den Kampf aufnahm, wurde genommen.

Die letzten Kriegsjahre 1709–1712.Wir wissen, daß zu Ende des Jahres 1708 Ludwig XIV. ernste Versuche machte, Frieden zu schließen (vgl. Seite5495). England soll dazu geneigt gewesen sein; wohl möglich, denn es besaß ja schon, was es haben wollte. Da die Verbündeten zu viel verlangten, nahm der Krieg seinen Fortgang; die Seestreitkräfte fanden zwar keine Gelegenheit mehr zu größeren Waffentaten, aber ihr stilles Wirken blieb von Wichtigkeit. Im Mittelmeer sicherten sie weiter die Verbindung König Karls mit Sardinien, seiner Kornkammer, sowie mit seinen italienischen Ländern und schnitten Frankreich vom Meere ab. Das Verschwinden der französischen Marine vom Mittelmeer erlaubte eine Verminderung der dortigen Flotte; dies kam dem Handelsschutz in den nördlichen Gewässern zugute, auch konnten stärkere Unternehmungen als bisher gegen die französischen Kolonien in Nordamerika ausgeführt werden. Es wird genügen, die Tätigkeit der verbündeten Flotte in großen Zügen zu geben, und nur einzelne Vorfälle näher zu schildern, ohne wie bisher auf alle Operationen und Bewegungen näher einzugehen.[272]

1709traf AdmiralByngschon im Januar mit Verstärkungen bei der Winterflotte ein, er brachte Material und Vorräte zur Schaffung eines Stützpunktes in Port Mahon mit. Die Zahl der englischen Linienschiffe wird etwas über 20 gewesen sein, Holland verstärkte sein Kontingent erst im Mai auf 9. Byng kreuzte hauptsächlich an der französischen Küste; ein Versuch, das belagerte Alicante zu entsetzen, mißlang, man konnte bei seinem Fall nur die Garnison mitnehmen. Im Herbst ging der Admiral mit einem Teil seiner Schiffe heim; die 3 Holländer des vorjährigen Wintergeschwaders wurden durch 6 neue ersetzt, so daß dies Kontingent jetzt 11 Schiffe stark war. Das Wintergeschwader unter VizeadmiralWhitakerverblieb, gesammelt oderin Divisionen geteilt, an der spanischen und französischen Küste, nunmehr auf Port Mahon gestützt.

Trotz dieser Blockade gelang es dem KapitänCassard1709, ebenso 1710 und 1711, einen Getreide-Convoi von Tunis oder von der Levante nach Marseille einzubringen, zweimal unter Abschlagen englischer Divisionen; die Zufuhren waren von großer Wichtigkeit, weil in Frankreich Hungersnot herrschte.

Im März 1710kam AdmiralSir John Norrisin Port Mahon an. Die Streitkräfte waren auf etwa 34 Linienschiffe verstärkt, doch wurde die Hälfte zur Deckung von Getreideconvois aus Oran und der Levante für König Karl und zur Bewachung der Straße sowie Sardiniens und der italienischen Küste abgezweigt. Mit der anderen Hälfte ging Norris nach Barcelona und erfuhr hier Ende April, daß einefranzösische Expedition gegen Sardinienbevorstehe. In Sardinien waren Unruhen gegen den unbeliebten Gouverneur ausgebrochen; Frankreich beabsichtigte, diese durch eine Sendung von Truppen (2000 oder 3500 Mann) unter Bedeckung von 6–8 Kriegsschiffen und 20 Galeren zu unterstützen. Norris gelang es, das Unternehmen zu vereiteln.

Der Admiral brachte Ende April einen neuen Vizekönig nach Cagliari, wodurch die Ruhe sofort wieder hergestellt wurde; von den Franzosen war nichts zu bemerken. Er ging dann nach Vado, um Truppen zu holen, und wurde hier bis Mitte Juni aufgehalten; ein Versuch, durch eine Division einen Convoi an der Küste der Provence abzufangen, mißlang. Auf die Nachricht, daß die französische Expedition jetzt von Toulon und Marseille gesegelt sei, ging Norris nach Sardinien, nahm in der Bucht von Terra Nova 4 französische Transporter und zwang die von diesen gelandeten 400 Mann durch Landung seiner Soldaten zur Übergabe. Er erfuhr, daß 10 Galeren mit Transportern bei seinem Nahen von der Westküste der Insel, wo der Hauptangriff geplant war, nach Ajaccio geflüchtet seien, und folgte dahin. Die Galeren waren schon nach Frankreich zurückgegangen, aber 8 Transporter (500 Mann und das gesamte Kriegsmaterial der Expedition) wurden genommen; die Neutralität Genuas, dem Corsica gehörte, beachtete Norris nicht.

Als die Flotte in Barcelona wieder eingetroffen war, trat eine andere Aufgabe an sie heran,eine Landung in der Languedoc, um einen neuen Aufstand der Camisards zu unterstützen. Der mit viel zu geringen Kräften unternommene Versuch schlug vollständig fehl.

Man beabsichtigte, in Cette festen Fuß zu fassen, um mit den Camisarden, die etwa 12 Meilen von der Küste unter Waffen standen, in Verbindung zu treten. Diese Stadt, die auf einer schmalen Landzunge zwischen dem Meere und einem Küstensee fast wie auf einer Insel liegt, hätte bei genügend starker Besetzung wohl gehalten werden können, weil die Verbündeten die See beherrschten. Die Flotte erschien am 24. Juli, landete 700 Spanier sowie einige Seesoldaten und nahm noch am selben Tage ohne Widerstand Cette. Am nächsten Tage sicherte man sich durch Besetzung des kleinen südwestlich liegenden Ortes Adge und einer Brücke dort gegen einen Angriff von dieser Richtung her. Der Versuch der Franzosen, mit 400 Dragonern und 2000 Mann Miliz über den See auf die Landzunge zu gelangen, wurde durch die Boote der Flotte vereitelt, aber infolge eines falschen Alarms verließ die Besatzung Adges ihre Stellung. Da nun Marschall Noailles in Eilmärschen mit 2000 Reitern, deren jeder einen Grenadier hatte aufsitzen lassen, hier herankam, wurden die Gelandeten unter Verlust ihrer Nachhut wieder eingeschifft und das Unternehmen aufgegeben; aussichtslos war es überhaupt, weil man eine Verstärkung nicht vorgesehen hatte.

In diesem Jahre überwinterten die Engländer sämtlich im Mittelmeer, die Holländer gingen heim. Auch für diese war der Befehl unterwegs, dort zu bleiben, da man nach den letzten Erfolgen Karls III. (Sieg bei Saragossa) hoffte, bei kräftiger Unterstützung durch die Flotte den Krieg in Spanien zu beenden; die Order erreichte das Geschwader nicht. Zwar wurde in Holland sogleich die Entsendung von 24 Linienschiffen beschlossen, aber man konnte nur 13 ausrüsten und auch diese trafen nur nach und nach — meist mit englischen Schiffsverstärkungen oder Ablösungen und stets mit englischen Truppentransporten — an der spanischen Küste ein, die ersten Ende März, die letzten erst im Hochsommer 1711; sie blieben dann bis Ende 1712 im Mittelmeer. Die Engländer werden in den letzten Jahren des Krieges, im Sommer wie im Winter, einige 20 Schiffe dort gehabt haben; die Gesamtflotte zählte etwa 35.

Im Jahre 1711kreuzten einzelne Schiffe sowie kleine Divisionen im Westbecken des Mittelmeeres und zeigten sich an der Küste Italiens, weil in den habsburgischen Provinzen Unruhen ausbrachen; ein größeres Geschwader versuchte vergeblich, an der französischen Küste einen Convoi (Cassard) abzufangen. Die Hauptflotte lag in Port Mahon oder Barcelona zur Verfügung König Karls bereit, dessen Erwählung zum Kaiser nach Josephs Tode (17. April) bevorstand: sie sollte ihn nach Italien bringen, sobald er es wünsche. Als im Hochsommer eine größere Verstärkung zur Flotte stieß, ging Norris mit einigen seiner Schiffe, wohl den schwereren, nach England und gab den Oberbefehl anAdmiral Jenningsab. Dieser brachte mit 24 Schiffen, (6 ließ er zum Schutz der Königin in Barcelona zurück), im Herbst (27. September) den König nach Genua (am Tage seiner Erwählung 12. Oktober dort), führte dann Truppen nach Katalonien zurück und nahm endlich Winterlager in Port Mahon.

Um diese Zeit waren schon Friedensunterhandlungen zwischen England und Frankreich im Gange. Wie die Engländer jetzt im niederländischen Feldzugedes Jahres 1712ihre Verbündeten nicht mehr unterstützten, so hielten sie sich auch im Mittelmeer zurück; nur noch einmal traten sie gemeinsam mit den Holländern auf. Im April hörte Jennings, daß ein französisches Geschwader aus Toulon auslaufen solle, Ziel unbekannt. Er ging von Port Mahon in See, um zwischen den Balearen und Katalonien zu kreuzen, kam jedoch infolge stürmischer Winde zu spät.Cassardkam mit 6 Linienschiffen und 2 Fregatten wohlbehalten durch, gelangte ungehindert nach Westindien und brandschatzte hier holländische und englische Kolonien. Die Flotte segelte dann noch vereint nach Vado, hier aber trennten sich die Kontingente; Jennings kehrte nach Port Mahon zurück, die Holländer führten allein Truppen nach Spanien und bald darauf noch einmal. Dann erhielten sie Befehl, in die Heimat zu kommen und gingen am 7. September 1712 dahin ab. Der Kriegsrat wagte nicht, ohne Befehl der Bitte der Königin Elisabeth Christine, zu bleiben, Folge zu geben.

Der Seekrieg im Mittelmeere war zu Ende— England und Portugal schlossen im November Waffenstillstand mit Philipp V. — und diehabsburgische Sache in Spanien war verloren. Die Kaiserin sah sich genötigt, mit ihren deutschen Truppen Katalonien zu räumen und die treue Provinz ihrem Schicksal zu überlassen. Philipp eroberte sie mit französischer Hilfe; 1714 wurde Barcelona erstürmt. Auch die Balearen unterwarfen sich 1715.

Von den Ereignissen des kleinen Krieges in den letzten Jahren ist einefranzösische Expedition gegen Rio 1712hervorzuheben, weil sie mit größeren Mitteln unternommen wurde und auf den Friedensschluß zwischen Portugal und Frankreich von einem ähnlichen Einfluß war, wie die Expedition de Pointis' auf Spanien gegen Ende des Pfälzischen Erbschaftskrieges.

Schon im Jahre 1710 hatte eine französische Freibeuterflottille den Versuch gemacht, Portugal in Brasilien, seiner Hauptgeldquelle, zu schädigen. KapitänDuclerchatte versucht, mit 5 Schiffen in den Hafen von Rio einzulaufen. Als dies durch die Forts verhindert war, landete er 1000 Mann und drang in die Stadt ein, dann erst gelang es dem unentschlossenen Gouverneur, und auch nur durch Beistand der Einwohner, ihn zu überwältigen. Die Franzosen wurden fast sämtlich hingemetzelt, Duclerc und viele andere nach der Übergabe ermordet. Im Jahre 1711 gab der schon berühmte KapitänDuguay-Trouindie Anregung zu einem zweiten Unternehmen. Da der Marineminister mit seinen Mitteln nicht genügend Schiffe ausrüsten konnte, bildete sich eine Gesellschaft, die die Kosten teilweise übernahm. Der König stellte Schiffe und Besatzungen, hatte Anspruch auf ein Fünftel des Reingewinns, mußte aber den etwaigen Verlust an Schiffen tragen; die Gesellschaft verpflichtete sich, für jeden gestorbenen, gefallenen oder fahnenflüchtigen Soldaten eine Entschädigung von 30 Franken zu zahlen. So erhielt Trouin 7 Linienschiffe, davon 2 zu 74 Kanonen, 8 Fahrzeuge von 20–26 Kanonen, 2 Mörserboote und 2000 Mann. Obgleich der Plan in England wie in Portugal bekannt wurde, hatte die Expedition vollen Erfolg: Rio wurde auf längere Zeit besetzt, eine Kontribution von etwa 1300000 Mark erhoben und reiche Beute gemacht. Die Gesellschaft gewann 92%; der Verdienst des Königs wird nur gering gewesen sein, weil 2 Linienschiffe auf der Rückreise verschollen.

Trouin[273]verließ am 9. Juni 1712 La Rochelle und traf am 11. September vor Rio ein. England hatte durch ein Postschiff Portugal von der bevorstehenden Abfahrt der Franzosen in Kenntnis gesetzt und diese Nachricht wurde, mit demselben Fahrzeug weitergesandt, Ende August in Rio bekannt. Trotzdem waren nur ungenügende Gegenmaßregeln getroffen worden; es gelang Trouin, während der Nacht in den Hafen einzulaufen, die Insel das Cobras unmittelbar vor der Stadt zu besetzen und hier Batterien zu bauen. Die Behörden verloren den Kopf; 4 Kriegsschiffe, die im Hafen lagen, setzten sich auf Strand und in Brand; die Truppen, 12000–13000 Mann, hielten sich in den Befestigungen und ließen die Franzosen am 13. unbehindert landen. Diese, etwa 3000 Mann mit 24 Kanonen, begannen nun die Belagerung der Forts und die Beschießung der Stadt so wirksam, daß die Bürger in Masse flohen und der Gouverneur nach Anzündung der Magazine abzog. Er verschanzte sich vor der Stadt, und benützte nicht einmal die Gelegenheit zum Angriff, als sich die Franzosen am 21. zu einer gründlichen[557]Plünderung in der Stadt zerstreut hatten. Trouin verlangte dann unter Androhung völliger Zerstörung die Kontribution, und der Gouverneur bewilligte sie am 10. Oktober, obgleich er wußte, daß Hilfstruppen aus den Nachbarprovinzen heranzogen; diese trafen schon am 11. ein. Am 13. November zogen die Franzosen nach erfolgter Zahlung der Kontribution und Einschiffung der Beute ab. Etwa 350 Gefangene der ersten Expedition wurden befreit; einige Offiziere dieser waren nach Bahia gebracht. Den Versuch, auch sie zu befreien, mußte Trouin widriger Winde an der Küste halber aufgeben; das Aufkreuzen hielt ihn 40 Tage auf, erst am 6. Februar 1713 traf er in Brest ein.

Es berührt eigentümlich, daß England weder das Auslaufen noch die Durchführung der Expedition gehindert hat; es war doch die Gelegenheit, sowohl einen gewissermaßen in Schutz genommenen schwachen Verbündeten vor großem Schaden zu bewahren als auch dem gemeinsamen Feinde einen empfindlichen Schlag zu versetzen.

Der Verlust an Schiffen Im Kriege 1702–1713war sehr bedeutend. Es verlor

Für Holland sind genaue Angaben nicht vorhanden.

Die Angaben schwanken in den Quellen sehr. Clowes, dem die vorstehenden entnommen sind, glaubt, daß diese auf Grund der neuesten Untersuchungen ziemlich genau sind. Er gibt (am Schluß des Kapitels XXIV) von den englischen Schiffen eine namentliche Liste mit Tag und Ort des Verlustes.

Troude führt für beide Gegner weit geringere Zahlen an. Bei den Linienschiffen (über 50 Kanonen) spricht er nur von 11 englischen und 20 französischen; es ist möglich, daß er auf englischer Seite die großen Verluste durch Schiffbruch (1703 in den Downs 9, 1707 bei den Scillys 4) und auf französischer Seite die durch Versenken in Toulon unbrauchbar gewordenen (nach Andeutungen auf etwa 15 zu schätzen) nicht eingerechnet hat. An Fregatten nennt er gar nur 2 englische und 11 französische; es ist dies nur so zu erklären, daß er den kleinen Krieg nicht berücksichtigt hat, namentlich nicht die königlichen Schiffe, die als Freibeuter im Privatdienst standen. Für Holland zählt er 3 Linienschiffe und 7 kleinere, auch wohl eine viel zu geringe Angabe besonders bei den kleineren.

Chabaud-Arnault gibt den Gesamtverlust der Franzosen mit 35 Linienschiffen, einigen 50 kleineren Kriegsschiffen und mehreren Hunderten von Freibeutern; diese Angabe stimmt mithin annähernd mit Clowes überein, unter den Freibeutern befanden sich ja viele Kriegsschiffe.

Da bekanntlich in den größeren Aktionen nur Frankreich bei Vigo, Gibraltar und Toulon bedeutendere Verluste erlitten hat, sind die meisten verlorenen Schiffe Opfer des kleinen Krieges geworden; wir kommen hierauf noch zurück.

Der Krieg gegen den Seehandelspielte im Spanischen Erbfolgekriege eine ebenso bedeutende Rolle wie im vorigen Kriege und wurde auch ebensoeigenartig von seiten der Franzosen betrieben (vergl. Seite467ff.). Wir können an die früheren Betrachtungen anknüpfen und uns auf Angaben beschränken, die den Umfang und damit den Einfluß des kleinen Krieges 1702–1713 beurteilen lassen.

Vom Beginn der Feindseligkeiten förderte, dem Beispiel seines Vaters folgend, der französische MarineministerJerôme de Pontchartrinden Krieg gegen den Handel mit allen Kräften. Auch er stellte derFreibeutereiSchiffe und Personal der Kriegsmarine zur Verfügung; wiederum durchkreuzten zahlreiche Kaper, besonders von Dünkirchen und St. Malo aus, einzeln oder in kleinen Verbänden den Kanal, den Eingang zu diesem und die Nordsee. Jerôme stellte wie sein Vater kleine Divisionen in den nördlichen Häfen für denKreuzerkriegauf; die „Escadre du Nord“ wurde wiederum ständig in Dünkirchen gebildet, andere Divisionen traten meist in Brest oder La Rochelle hinzu. Diese kleinen Verbände der königlichen Marine, in ihrer Stärke zwischen 3–14 Kriegsschiffen schwankend, aus kleineren Linienschiffen (50–60 Kanonen) oder schweren Fregatten (40–50 Kanonen) bestehend und bisweilen durch Freibeuter verstärkt, griffen vornehmlich größere Convois von Handelsschiffen oder von Transportern mit Kriegsmaterial für Spanien an. Solange Ostende in französischem Besitz war (bis 1705), wurde hier eine Division von Galeren (6) gehalten, geeignet, die holländische Küste zu beunruhigen oder in der Schelde in den Landkrieg einzugreifen.

Frankreichbedrohte so den englischen und holländischen Handel sehr, aber es ist wohl zu bemerken, daß sich dieser Angriff der Hauptsache nach auf die erwähnten Gewässer, also nahe bei den eigenen Küsten, beschränkte; im Mittelmeer konnte sich die französische Freibeuterei überhaupt nur wenig regen, weil hier während des größten Teiles des Jahres die Flotten der Verbündeten die See beherrschten. Gegen Ende des Krieges ließ die Kraft dieser Kriegführung nach, es fehlten die Mittel. Nach 1709 wurde wegen Geldmangels das Nordgeschwader nicht mehr ausgerüstet; eine große Zahl der Freibeuter, Kriegs- wie Kaperschiffe, war weggefangen worden. Die kleinen Divisionen haben bei ihren Angriffen, weil sie nicht durch Convois behindert waren, fast immer Erfolg gehabt oder sich doch dank der Geschicklichkeit ihrer Führer und der Segeleigenschaften ihrer Schiffe größeren Verlusten entziehen können. Die Galerenflottille hatte nur einen Erfolg zu verzeichnen: sie fing in Windstille ein von seinem Geschwader versprengtes holländisches Linienschiff.

Auf seiten der Verbündeten ging naturgemäß das Hauptbestreben dahin, ihren weit größeren Handel zu decken.Hollandstellte zu diesem Zweck in jedem Jahre 2–3 Geschwader auf: zum Beobachten der Galeren; zum Schutz der Nordsee gegen Dünkirchen, wie in allen früheren Kriegen; zum Geleiten der großen Ostindienconvois auf ihren Aus- und Heimreisen durch die Nordsee. Zahlreiche Convoijers (30–40 zu 20–50 Kanonen) traten als ständige Begleitung der Convois hinzu.

Die Stärke dieser Geschwader war beträchtlich; sie zählten zusammen:

Von 1706 an war das Geschwader gegen die Galeren nicht mehr nötig; 1710 war nur das Geschwader für die Ostindienconvois in Dienst gestellt und 1711–1712 wurden alle ausgerüsteten Schiffe zum unmittelbaren Convoidienst herangezogen.

Holland übernahm also in erster Linie den Handelsschutz östlich von Dünkirchen; hier kamen nicht nur sein Ostseehandel und seine Nordseefischerei in Betracht, sondern auch die transatlantische Schiffahrt wählte während des Krieges den Weg um Schottland. Die Tabelle zeigt, daß, als der französische Kreuzerkrieg um 1709 aufhörte, Holland, selbst erschöpft, ebenfalls nachließ. Aber auch die Freibeuterei war von Holland lebhaft betrieben und bald besonders gegen die feindlichen Kaper gerichtet. Wie in den letzten Jahren des vorigen Krieges setzte die Regierung 1702 hohe Preise für das Aufbringen solcher aus; die eigenen Kaper hielten sich sonst wegen des höheren Gewinns lieber an das Wegfangen von Kauffahrern, und es war doch wichtiger, den eigenen Handel zu schützen. Wie stets waren die Seeländer die Tätigsten als Freibeuter.

Die Prämien wurden berechnet nach der Besatzungsstärke und Armierung (Kopfzahl und Geschoßgewicht einer Chargierung) des genommenen Schiffes und waren höher für die in der Nordsee gemachten Prisen. Ein Schiff von 220 Mann und 40 Kanonen brachte in der Nordsee 42900 Gulden, in andern Gewässern zwei Drittel dieser Summe.

In Seeland bildeten sich wieder Gesellschaften, die Freibeuter ausrüsteten. Schon 1703 liefen von Middelburg und Vlissingen 47 Fahrzeuge (10–40 Kanonen) aus; 25 Kauffahrer, doppelt bemannt, durften neben dem Handel auch Kaperei treiben; viele Schiffe wurden eigens zu diesem Zwecke neu erbaut. Die Seeländer waren nach ihrer Gewohnheit nicht sehr wählerisch und nahmen auch Schiffe neutraler oder verbündeter Völker; die Generalstaaten verweigerten deshalb die Ausgabe weiterer Kaperbriefe, aber die Provinz setzte es doch durch, indem sie behauptete, die fraglichen Schiffe hätten unter dem Schutz ihrer Flagge mit Frankreich Handel getrieben. 1706 stellten Middelburg und Vlissingen 74 Segel (die größere Zahl mit über 26 Kanonen und hinauf bis zu 52) mit insgesamt 1760 Kanonen und 11750 Mann, diese Schiffe schwärmten bis in die fernsten Meere, besonders aber in der Nordsee. Auch in den anderen Provinzen rüsteten die Städte, sogar einzelne Dorfgemeinden, Fahrzeuge aus; bei dem stockenden Handel wurde die Freibeuterei eine Erwerbsquelle für die seemännische Bevölkerung.

Nach 1708 nahm die Jagd auf feindliche Kaper ab, weil diese seltener wurden und weil die für die Prämien ausgesetzten Mittel erschöpft waren; auch stieg jetzt der eigene Handel wieder; seine Stockung in den ersten Jahren hatte viele Schiffe und Seeleute in den Dienst der Freibeuterei getrieben.

Englandbeteiligte sich an der Bewachung Dünkirchens und an der Sicherung der Nordsee, hat aber wohl in erster Linie den Schutz des Kanalsund die Blockierung der französischen Küste durch eine größere Flotte, teils vereinigt, teils in Geschwader geteilt, übernommen; auch hier wurden natürlich die Convois durch Kriegsschiffe, hinauf bis zu selbst schwereren Linienschiffen, begleitet sowie einzelne Kreuzer entsandt. Englischen Geschwadern glückte es, größere französische Convois abzufangen, da diese ja in ihren Bereich kommen mußten.

Über die Stärke der englischen Seestreitkräfte in den nördlichen Gewässern liegen genaue Angaben nicht vor. Nach den Abmachungen über das Verhältnis der Rüstungen zur See müssen sie weit bedeutender als die holländischen gewesen sein. England beklagte sich später, und selbst nach holländischen Quellen nicht ganz ohne Berechtigung, daß Holland seiner Pflicht nicht nachgekommen sei; da dieses aber bei der Hauptflotte im Mittelmeer annähernd geschehen ist, muß der Unterschied in den heimischen Gewässern gelegen haben.

Nach allen Angaben muß man annehmen, daß England im Gegensatz zu Holland den kleinen Krieg gerade in den letzten Jahren, als die Flotte im Mittelmeer vermindert werden konnte, mit immer wachsender Tatkraft durchgeführt hat.

Einen Begriff von dem Umfang des kleinen Krieges gebendie ungeheuren Verluste auf beiden Seiten: England hat gegen 50, Frankreich gegen 100 Kriegsschiffe sowie zahlreiche Kaper in Gefechten[274]verloren. Über Holland fehlen nähere Angaben.

Nach den früher gemachten Angaben (Seite557) kann man mit einiger Sicherheit annehmen, daß England 17 Linienschiffe im kleinen Kriege verloren hat. Der Verlust der dort angeführten 7 schwereren (über 60 Kanonen) ist durch die Schilderungen größerer Gefechte im Kreuzerkriege festgestellt worden; die 10 50-Kanonenschiffe und die 31 Fregatten usw. werden auch zum größten Teile als Convoischiffe und als Kreuzer gefallen sein — wir hörten ja von keinen bemerkenswerten Verlusten bei der Hauptflotte. Einige der als verunglückt angeführten Schiffe sind gleichfalls wohl Opfer des seemännisch gefährlichen Blockadedienstes geworden.

Die Franzosen haben einen Gesamtverlust von 40 Linienschiffen gehabt. Rechnen wir die Verluste von Vigo, Gibraltar und Toulon mit 35 ab, so bleiben 5 für den Kreuzerkrieg; diese werden im Privatdienst gestanden haben, denn in den Gefechten ihrer Kreuzerdivisionen sind keine Verluste erwähnt, oder es sind die 5, von deren Verlust bei Malaga einige englische Quellen sprechen. Dazu kommen aber die angeführten 95 kleineren Kriegsschiffe und „mehrere hundert“ Kaper.

Vorstehende Berechnung eines Verlustes von 50 englischen und 100 französischen Kriegsschiffen während des ganzen kleinen Krieges stimmt gut überein mit den Angaben eines Kommissionsberichtes im Hause der Lords vom Jahre 1707. Nach diesem hatte England 1702–1707 80 französische Kriegsschiffe sowie 175 Kaper genommen und selber 30 Kriegsschiffe verloren.

Wenden wir uns schließlich zu denErfolgen des kleinen Krieges. Angaben über die Gesamtzahl der aufgebrachten Kauffahrer sind nicht vorhanden, einen Anhalt gibt der ebenerwähnte Kommissionsberichtim Hause der Lords. Nach diesem hatten die Engländer in den ersten fünf Kriegsjahren 1300–1400 französische Kauffahrer genommen und 1100–1200 verloren, von denen aber 300 wiedergenommen sind. Dies war in den Jahren, in denen der französische Kreuzerkrieg blühte, und trotzdem war der Verlust der Franzosen größer; zieht man aber in Berechnung, daß der englische Handel ungemein überlegen war, so stellt sich der relative Verlust auf französischer Seite noch ganz anders dar. Ähnlich wird das Verhältnis Holland gegenüber gewesen sein. Der mit aller Anstrengung geführte Kreuzerkrieg der Franzosen — unter besonders fähigen und tätigen Geschwaderführern sowie Kaperkapitänen mit tüchtigstem Personal — konnte nicht hindern, daß der eigene Seehandel, nach französischen Angaben, schlechter geschützt war als im vorigen Kriege und lahmgelegt wurde und daß der der Gegner, wenigstens der englische, sogar zunahm. Ferner ward Frankreichs Geldnot während des Krieges immer größer und sein Kredit fiel. Es muß dies großenteils dem Abgeschnittensein von der See zugeschrieben werden, denn das reiche Land selber ward nicht vom Feinde betreten und seine Industrie hatte nicht unter unmittelbaren Feindseligkeiten zu leiden; England und Holland waren dagegen imstande, die eigenen Kriegskosten und die ihrer Verbündeten zu tragen. Das Abgeschlossensein von der See brachte Frankreich auch schwere unmittelbare Nachteile, so z. B. Mangel an Korn in den Jahren der Mißernte 1709–1712.

Als 1709 der Kreuzerkrieg der Franzosen in der Nordsee nicht mehr kräftig geführt wurde, erhielten die englischen und holländischen Geschwader hier den Befehl, jegliche Kornzufuhr aus der Ostsee nach Frankreich und Spanien zu hindern. Sie durften zu diesem Zweck jedes Kornschiff anhalten; aufgebrachten Fahrzeugen mit andern Bestimmungshäfen wurde eine Entschädigung für den Zeitverlust zugestanden.

Ganz ist Frankreich nie von der See abgeschnitten gewesen. Dies beweist das Auslaufen Trouins nach Brasilien, sowie der Umstand, daß noch 1710 gegen 40 Freibeuter Dünkirchen verließen und eine Beute von 700 000 Francs machten.

So liefert auch dieser Krieg einen Beweis für die Behauptungen (vgl. Seite305und471), daß ein Kreuzerkrieg, der sich nicht auf eine Flotte stützt, nicht dauernd durchgeführt werden kann und daß eine solche Kriegführung allein nicht imstande ist, einen seemächtigen Gegner niederzuwerfen.

Haupttaten berühmter französischer Freibeuter-Führer.[275]KapitänSaint Pol, Chef des Dünkirchen-Geschwaders nach seines Lehrmeisters Jean Barts Tode, nahm April 1703 im Kanal mit nur 3 schweren Fregatten mehrere Schiffe eines englischen Convois und von den 3 Schiffen der Bedeckung 2, darunter das führende Linienschiff. Im August vernichtete er mit einem Linienschiff, dem kürzlich eroberten, und 3 Fregatten in der Nordsee von 4 holländischen Kriegsschiffen 3, verlor selber nur 1 und zerstörte mit Booten 200 Fischerfahrzeuge, die sich in eine Bucht der Orkaden geflüchtet hatten; dann nahm er 3 holländische Fregatten, die zum Schutz einer anderen Fischerflotte unterwegs waren. 1704 brachte er einige holländische Kauffahrer in der Nordsee auf und später mit 4 Kriegsschiffen und 5 Freibeutern einen englischen Convoi von 11 Segeln nebst den begleitenden 3 Kriegsschiffen. Bei dieser Unternehmung fiel er.

Kapitände Forbin, gleichfalls ein Schüler Jean Barts, folgte im Kommando. Nachdem er dem Handel der Gegner schon großen Schaden in der Nordsee zugefügt hatte, schlug er im Oktober 1706 mit 8 Schiffen, von 20–54 Kanonen, 6 Holländer von 46 bis 50 Kanonen und nahm 2 davon. Im Mai 1707 eroberte er ein englisches Schiff von 72 Kanonen und gegen 20 Kauffahrer; im Juni brachte er noch 30 Kauffahrer auf. Als seine letzte Tat ist uns die Überführung Jakobs III. schon bekannt (Seite552).

FregattenkapitänDuguay-Trouinnahm von Brest aus in den Jahren 1702–1706 mit nur 3 kleineren Fregatten in verschiedenen Gefechten 2 Schiffe zu 74 Kanonen, 1 zu 52 Kanonen, 4 Fregatten und eine große Zahl von Kauffahrern; einmal schlug er den Angriff eines portugiesischen Geschwaders von 6 Schiffen ab. 1707 kommandierte er als Linienschiffskapitän die Brest-Division von 4 Linienschiffen (50 bis 74 Kanonen) und 2 Fregatten (40–44 Kanonen). Im Oktober trat er unter Forbins Befehl; die beiden Divisionen waren zusammengezogen worden (zusammen etwa 700 Kanonen), um einen großen englischen Transport mit Truppen und Material für Spanien anzugreifen. Am 21. trafen sie bei Lizard auf den Feind, 80 Transporter gedeckt von 5 Linienschiffen (340 Kanonen). Forbin zögerte mit dem Angriff, weil er erst die Linie bilden wollte, und die Engländer mehrten Segel. Da griff Trouin, ohne die erbetene Erlaubnis abzuwarten, an und hielt den Feind durch Entern fest, bis auch Forbin herankam. Vier der englischen Schiffe wurden aufgesprengt oder genommen, 60 Transporter fielen den Siegern in die Hände. Noch im selben Jahre nahm Trouin ein Schiff von 80 Kanonen und im nächsten einen Convoi von 22 Segeln. Sein Freibeuterzug nach Rio ist uns bekannt (Seite556).

Chef d'Escadredu Casseführte 1701, 1702, 1708, 1711 mit großem Geschick die spanische Silberflotte nach Europa und leistete damit Spanien und Frankreich ungemein wichtige Dienste. Ihm war fast fortlaufend der Schutz der Kolonien und des Handels in Westindien anvertraut.

KapitänCassardführte, wie schon erwähnt, in den Jahren 1709–1711 drei große Getreidezufuhren nach Toulon; zweimal schlug er dabei überlegene Kräfte ab. 1712 lief er, wie auch schon angedeutet, mit 6 Linienschiffen und 2 Fregatten von Toulon aus; er brandschatzte eine der Kapverden (St. Jago) sowie verschiedene westindische Besitzungen Englands und Hollands.

Die Zusammenstöße in den Kolonien[276]beschränkten sich auch im Spanischen Erbfolgekriege auf Handelsstörung und Brandschatzung der Ansiedlungen. Die Verbündeten würden wohl mehr unternommen haben, wenn sie nicht von 1703 ab mit ihrer Hauptkraft an den spanischen Landkrieg gebunden gewesen wären (vergl. Seite490). Wie im vorigen Kriege trat vorzugsweise England jenseits des Ozeans offensiv auf, Holland entsandte keine nennenswerten Streitkräfte; Frankreich übernahm auch für das schwache Spanien den Schutz des Handels und der Kolonien. Die Hauptereignisse, für die nur Westindien und Nordamerika in Betracht kommen, seien kurz angeführt.

Bei Beginn des Krieges hatte es den Anschein, als obWestindienein Schauplatz von größerer Bedeutung werden solle. Wir hörten (Seite508), daß Frankreich schon 1701 eine schwache Division (Coëtlogon) entsandte, um Truppen hinüberzubringen und die Galeonen abzuholen, England ein stärkeres Geschwader (Benbow; 10 Linienschiffe), um mit Ausbruch des Krieges sofort die Silberflotte und Cartagena anzugreifen, und daß nun wieder Frankreich 10 Schiffe (Château-Renault) hinterher schickte; Benbow erhielt im Mai 1702noch eine Verstärkung unter Admiral Whetstone. Bei Ausbruch des Krieges waren mithin ziemlich starke Streitkräfte beider Parteien in Westindien.

Benbowhielt sich vor Beginn des Krieges schlagfertig bei Jamaica, möglichst unterrichtet über die Stärke der Franzosen sowie ihrer und der Silberflotte Bewegungen; er mußte aber auch den Schutz der Kolonien im Auge behalten, weil der Gegner überlegen war. Coëtlogon verließ bekanntlich schon im Winter und Château-Renault im Frühjahr 1702 mit den Galeonen (in Vigo dann vernichtet) unbehindert Westindien. Benbows Vorsicht war berechtigt gewesen. Renault hat die Absicht gehabt, die Antillen anzugreifen, erhielt aber den Befehl, die Silberflotte zu begleiten. Whetstone hat wahrscheinlich an Benbow den Auftrag überbracht, die Feindseligkeiten zu eröffnen, jedenfalls die Nachricht, daß ein neues französisches Geschwader nahe; es wardu Cassemit 4 Linienschiffen und 8 Transportern, eine Truppensendung für spanische Kolonien. Benbow sandte nun einige leichtere Schiffe in die kubanischen Gewässer zum Kreuzen gegen Kauffahrer, stationierte Whetstone mit 6 Linienschiffen an die Südküste Haitis, um du Casse abzufangen, und ging selber mit 7 Linienschiffen zu gleichem Zweck einige Tage später (21. Juli von Jamaica) an die Westküste dieser Insel. Hier hörte er, daß du Casse nach Cartagena bestimmt sei, folgte und traf ihn am 29. August bei St. Marta (östlich von der Mündung des Magdalenenstromes). Du Casse bildete die Gefechtslinie zwischen seinem Transport und dem überlegenen Gegner und schlug den Angriff in einem mehrtägigen Gefechte glänzend ab. Das Gefecht ist bemerkenswert: Die Franzosen sehen in ihm einen weiteren Beweis (neben den vielen Erfolgen im Kreuzerkriege) dafür, daß sie in allen Aktionen zwischen Einzelschiffen oder Divisionen den Sieg davon getragen hätten; die Engländer bezeichnen dieses Ereignis als eins der peinlichsten ihrer Marinegeschichte.

Das Gefecht zwischen Benbow und du Casse vor Cartagena.Schiffe mit Angabe der Kanonenanzahl und Gefechtsordnung:

Du Casse lag unter Marssegeln nach Westen, den Angriff erwartend, Benbow stand zu Luward. Schon das Bilden der Gefechtslinie machte diesem Schwierigkeit, da „Defiance“ und „Windsor“ dem Signale nicht folgten und der Befehl durch Boote wiederholt werden mußte. Gegen Abend greift Benbow an, aber nach dem Wechseln einiger Breitseiten verlassen die genannten Schiffe mittels Anluvens die Linie und das Gefecht wird abgebrochen. Nachts nimmt Benbow die Spitze und diese Schiffe als unmittelbare Hinterleute, bei Tagesanbruch ist jedoch nur „Ruby“ bei ihm, die übrigen sind und bleiben den Tag über (30. August) weit zurück; trotzdem hält sich Benbow am Feinde, die Bug- und Heckgeschütze der Gegner feuern. Am 31. vormittags kommen „Breda“ und „Ruby“ zum Nahgefecht; „Ruby“ wird in der Takelage so beschädigt, daß der Admiral beidrehen und sie mit Booten aus dem Gefecht tauen muß.[564]„Defiance“ und „Windsor“ waren zwar auch in Schußweite, feuerten aber nicht. Auch am Nachmittage fällt die ganze Last auf „Breda“, die übrigen Schiffe schießen nur gelegentlich. Tag und Nacht weht das Signal „Gefechtslinie“, trotzdem ist am 1. September außer „Ruby“ kein Schiff auf Position, „Greenwich“ sogar 9 Seemeilen achteraus. Infolge einer Windänderung haben die Franzosen nachmittags die Luvstellung, aber Benbow greift doch ihr Schlußschiff an; „Prince de Frise“ muß schwer beschädigt während der Nacht aus dem Geschwaderverbande entlassen werden. Am 2. steht Benbow wieder zu Luward; er kommt wegen zu flauen Windes nicht an den Feind, nimmt aber eins der kleinen Fahrzeuge. Am 3. greifen „Breda“ und „Falmouth“ den „Apollon“ an; dem Admiral wird ein Bein zerschmettert, doch bleibt er in einer Hängematte an Deck. „Apollon“ wird kampfunfähig, und von beiden Seiten kommen sämtliche Schiffe heran. Aber während die Engländer nur einmal in Lee passieren, und eine Breitseite abgeben, decken die Franzosen ihren Kameraden und tauen ihn in Sicherheit, nachdem sie „Breda“ zum Abstehen gezwungen haben. Als nun Benbow seine Kommandanten an Bord gerufen hat, dringt der Kapitän der „Defiance“, von den andern unterstützt, auf Abbruch des Kampfes; der Admiral mußte nach Jamaica zurückgehen, wo er seiner Wunde erlag. Du Casse schrieb ihm vor der Trennung: „Gestern morgen glaubte ich, in Ihrer Kajüte zu Abend essen zu müssen. Ihre Kommandanten, diese Feiglinge, hängen Sie auf. Sie haben es, bei Gott, verdient.“ Die Kapitäne der „Defiance“ und „Greenwich“ wurden auch erschossen, zwei starben während der Untersuchung, die der „Windsor“ und „Falmouth“ wurden begnadigt; nur der der „Ruby“ war nicht angeklagt worden.

Du Casse brachte seine Truppen nach Cartagena und führte dann einige Galeonen nach Europa, obgleich er bei Ouessant nochmals (März 1703) auf eine englische Division stieß.

In den Jahren 1702/03 fanden einzelne gegenseitige Überfälle statt. Die Franzosen versuchten 1702, mit einigen Freibeutern, wahrscheinlich in Sold genommenen Flibustiern, von Haiti aus in Jamaica einzufallen; die Expedition wurde durch Whetstone, der beim Kreuzen gegen Kauffahrer zufällig auf sie stieß, vernichtet. Als eine englische Verstärkung auf der Station eintraf, die von dem Mittelmeer abgezweigten 6 Linienschiffe und 12 Transporter mit Truppen unter Walker (vgl. Seite515), griff man Guadeloupe an. Es gelang, die Besatzung in die Berge zu vertreiben, die Stadt Basseterre mit ihren Befestigungen zu zerstören und die Insel zu plündern. Die Truppen litten aber sehr in dem Kampfe und auch durch Krankheit und wurden wieder eingeschifft, als eine Verstärkung von Martinique anlangte. Zwischen den englischen Land- und Seeoffizieren soll Uneinigkeit geherrscht haben; dies mag zutreffen, denn weshalb haben sonst die Schiffe den Nachschub nicht gehindert, da sich nennenswerte französische Seestreitkräfte nicht in den Gewässern befanden?

Bald darauf wurden auch die englischen Kräfte in Westindien vermindert, und bis 1705 unternahm keine Partei etwas gegen Ansiedlungen. In diesem Jahre brandschatzten die Franzosen von Haiti aus St. Kitts und Nevis; ein größeres englisches Geschwader erschien und versuchte vergeblich, durch eine Demonstration Cartagena für die Sache Karls III. zu gewinnen. In den Jahren 1706/07 scheint der englische Handel sehr gelitten zu haben, denn der Chef der Station wurde auf Drängen des Unterhauses abberufen und nicht wieder verwendet. Von 1708 an haben die Engländer die westindischenGewässer im allgemeinen beherrscht. Sie konnten aber doch nicht hindern, daß du Casse zweimal (1708 und 1710) die Galeonen abholte (1708 fielen einige dem Admiral Walker in die Hände), daß 1711 von Martinique aus Montserrat und 1712 durch Cassard, auf seinem Freibeuterzuge, wiederum Montserrat, St. Kitts und das holländische Surinam geplündert wurden. Die Überlieferungen über die Verhältnisse in Westindien während dieser Jahre, auch über die Stärke der Seestreitkräfte dort, werden selbst in englischen Quellen als ungenügend und unzuverlässig bezeichnet.

In Nordamerikawurde der Krieg fast nur mit Milizen und Fahrzeugen der Kolonien ausgefochten; reguläre Truppen und Seestreitkräfte waren auf beiden Seiten schwach vertreten, erstere auf englischer Seite bis 1710 gar nicht. Die englischen Niederlassungen waren zwar weit stärker bevölkert, aber die Franzosen verwandten mit Erfolg große Indianerhorden, die schreckliche Verwüstungszüge unternahmen. 1704 und 1707 versuchten die Engländer von Boston aus über See mit Schiffen der Kolonie, Port Royal (jetzt Anapolis) in Akadia (Neu Schottland) zu nehmen, die Franzosen schlugen alle Angriffe ab, ja sie bemächtigten sich nach und nach fast des ganzen Neufundlands und vernichteten durch Flibustier nahezu Handel und Fischerei des Gegners. Lange baten die erschöpften englischen Kolonien ihr Mutterland vergeblich, genügend Schiffe zu senden, um sich durch einen kräftigen Vorstoß gegen Kanada und Akadia Luft zu verschaffen. Endlich erschien im Juli 1710 ein Geschwader unter Kapitän Martin und mit seiner Hilfe wurde im Herbst Port Royal genommen, doch blieb Akadia sonst in französischem Besitz. Als dann 1711Admiral Walkermit 11 Linienschiffen, 4 kleineren Fahrzeugen, 30 Transportern und 5300 Soldaten in Boston ankam, hoffte man auf einen endgültigen großen Erfolg: Man wollteQuebecdurch die englische Macht von See her und durch 4500 Mann vom Lande aus angreifen. Das Unternehmen unterblieb aber, weil das Vorgehen der Flotte kläglich scheiterte.

Walker verließ Anfang August Boston. Seine zwei 80-Kanonenschiffe legte er vor den Eingang zum St. Lorenz-Golf, weil er sie für zu tiefgehend hielt und weil man von der bevorstehenden Ankunft zweier französischer Kriegsschiffe gehört hatte. Die Flotte segelte in den Golf ein, war aber am Abend des 31. August auf der Höhe der Insel Anticosti gezwungen, wegen Nebels bei starkem Ostwinde beizudrehen; der Admiral ging zu Bett, obgleich die Lotsen schon Beweise ihrer mangelhaften Kenntnisse gegeben hatten. Um 10 Uhr abends glaubte man, über Steuerbord-Bug liegend, Land voraus zu haben, und wendete. Ein Landoffizier sah jetzt Brandung voraus; er drang, als man seiner Wahrnehmung nicht traute, in die Kajüte und holte den Admiral (even in his dressing gown and slippers) an Deck. Tatsächlich hatte man Land dicht voraus und nur durch großes seemännisches Geschick entzogen sich die Schiffe der gefährlichen Lage, aber doch gingen 8 Transporter mit zwei Drittel ihrer Mannschaften (gegen 900 Mann) verloren. Der Unfall wirkte so niederdrückend, daß nicht nur der Angriff auf Quebec, sondern auch ein nach diesem geplanter auf Placentia (Neufundland) aufgegeben wurde. Allerdings war die Flotte auch nur noch mit Proviant auf einige Wochen versehen; sie ging nach England zurück.

Trotzdem wurden im Frieden von Utrecht Neufundland und Akadia von Frankreich an England abgetreten.

In anderen Kolonienwaren nur der Zug Trouins gegen Rio und der Cassards gegen die Capverden von Bedeutung.

Schlußbetrachtungen.In Hinsicht aufdie Streitmittelsind nur zwei Punkte noch einmal zu berühren. Colomb führt in seinen Betrachtungen „The conditions under which attacks on territory from the sea succeed or fail“ die Ereignisse dieses Krieges als Beispiele der Notwendigkeit einer unbedingten augenblicklichen Seeherrschaft für derartige Angriffe an, er weist gleichfalls auf die Wichtigkeit einer dauernden für erfolgreichen Schutz des Handels hin. Den Grund, daß im Spanischen Erbfolgekriege die zur See stärkere Partei in beiden Hinsichten ihren Zweck nicht völlig erreicht habe, sieht er darin, daß strikte Blockaden nie durchgeführt, nicht einmal versucht sind; er sagt: „The practice, perhaps even the idea, of barring the enemy in his ports, and so preserving a free sea in rear, is not yet developed.“ Dies ist wohl richtig; man dachte noch nicht daran und war auch nicht imstande dazu. Wie zu Lande, so wurde auch zur See der Krieg im Winter abgebrochen; es kam hinzu, daß man den Schiffen noch nicht genügend traute, und es handelte sich ja auch um stürmische Gewässer: Kanal, Biscaya, Golf von Lyon; aus dem Mittelmeer zog man sogar die Schiffe so früh zurück, daß sie vor Einsetzen der schlechten Jahreszeit in den Kanal einlaufen konnten. So wurde also im Winter die Behauptung der See aufgegeben. Aber auch im Sommer war man häufig dazu genötigt, sehr oft wurden Operationen (auf seiten beider Gegner) infolge schlechter oder ungenügender Ausrüstung der Schiffe, oder Krankheit an Bord, abgebrochen. Bei den auswärtigen Gewässern, Mittelmeer, Westindien und Nordamerika, machte sich in dieser Hinsicht der Mangel an Stützpunkten fühlbar; den Verbündeten standen zwar die portugiesischen Häfen sowie später Gibraltar zur Verfügung, aber diese Plätze lagen zu entfernt vom Wirkungsfelde der Flotte und es fehlte ihnen an leistungsfähigen Werften usw.; sie waren deshalb nicht einmal zum Überwintern größerer Flotten geeignet. Unter solchen Umständen waren scharfe Blockaden ausgeschlossen.

Es ist jetzt schwer zu beurteilen, inwieweit die Besorgnis vor ungenügender Seefähigkeit der Schiffe berechtigt war oder nur alter Anschauung entsprang, und inwieweit die sonstigen Mängel des Materials in den allgemeinen Verhältnissen jener Zeit lagen oder Schuld der Verwaltungen waren. Klagen in Quellen über alle drei Marinen lassen mehr auf schlechte Verwaltung schließen; in Frankreich und Holland gingen die Marinen abwärts, aber auch in England war nicht alles, wie es sein sollte.

Ein zweiter bemerkenswerter Punkt istdas Verhältnis der englischen und holländischen Marine zueinander. Schon im vorigen Kriege klagten die holländischen Seeoffiziere über das hochmütige und rücksichtslose Auftreten der englischen, selbst in dienstlichen Angelegenheiten. Diese Klagen nahmen nach dem Tode Wilhelms III. noch zu: Im Kriegsrat würde nichts auf ihre Ansicht gegeben (Almonde 1703), von wichtigen Vorhaben würde ihnen keine Mitteilung gemacht u. dgl.; sehr zum Nachteil der allgemeinen Sache. Dies ist wieder ein Faktor der Schwäche von Bündnissen, von der wir früher (Seite356) gesprochen haben. DerGrund lag darin, daß England die holländische Marine nicht mehr als gleichwertig ansah. Damit kommen wir auf die von England erhobene Klage, Holland habe seine Verpflichtungen nicht erfüllt, es habe es in den ersten sieben Jahren an der Hälfte, später sogar an zwei Dritteln der zugesicherten Schiffe fehlen lassen. Mit diesem Umstand begründete England bei den Friedensverhandlungen seinen Anspruch auf Einheimsung fast aller maritimen Vorteile. Diese Klage scheint bislang überall, außer wohl in Holland, als berechtigt angenommen zu sein, wenigstens wird nicht näher auf eine Prüfung eingegangen. Unparteiisch betrachtet, glaube ich, stellt sich die Sache so, daß Holland allerdings hinter den Abmachungen zurückgeblieben ist, jedoch nicht in dem von England behaupteten Umfange.


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