see captionGeorge Byng.
George Byng.
Byng sandte die vier besten Segler, 70-Kanonenschiffe, mit dem Befehle vor, während der Nacht die Admiralslichter (drei am Heck und eins im Großmast) zu führen; er folgte mit der Flotte unter Segelpreß. Der Wind war leicht, die spanischen Galeren tauten die langsamsten Schiffe ihrer Flotte. Am 11. August bei Tagesanbruch hatten die Engländer den Feind fast erreicht. Seine leichte Division lief unter Land; Byng schickte ihr 8 kleinere Linienschiffe unterKapitän Walkernach (Wiedervereinigungsplatz Syracus), er selbst folgte ohne jede Ordnung der Hauptmacht. Seine vier vorgesandten Schiffe greifen die letzten Feinde mit Erfolg an, laufen aber weiter, ihre Opfer den Nachkommenden überlassend. Die Spanier sind bald versprengt, und in mehr oder weniger heftigen Einzelgefechten werden 7 Schiffe genommen, nur das Flaggschiff und 3 oder 4 andere entweichen nach Malta. Nachts erhielt Byng die jetzt noch in der englischen Marine durch ihre Kürze berühmte Meldung von Walker: „Sir! Wir haben alle Schiffe und Fahrzeuge an dieser Küste genommen. Anzahl am Rande vermerkt.“ Es waren 9 genommen, 5 auf den Strand gejagt und verbrannt (4 davon durch ihre Besatzung). Im ganzen verlor Spanien 11 Linienschiffe, 3 Fregatten und 8 Fahrzeuge.
Mit dieser Schilderung nach englischem Bericht stimmen spanische Angaben überein. Sie fügen hinzu, die spanische Flotte habe sich zurückgezogen, um nicht Anlaß zu Feindseligkeiten zu geben. Die Schiffe seien dann durch Übermacht einzeln überwunden; eine rangierte Schlacht würde günstiger für sie verlaufen sein, auch hätten dann bei dem leichten Winde die Galeren mit Vorteil eingreifen können. Dies ist fraglich; die spanischen Schiffe waren wesentlich schwächer und ihre Besatzungen sicher den englischen nicht gleichwertig; deshalb konnte auch Byng ohne jede Rücksicht auf Formation angreifen.
Wenn auch der Krieg noch nicht erklärt war, so war Admiral Byng doch wohl zu dieser Tat berechtigt. Nachdem man am Lande seinen Vorschlagzur Einstellung der Feindseligkeiten zurückgewiesen hatte, befand er sich im Kriegszustande; er folgte nur seinem Befehle, von dem er Spanien Wochen vorher Kenntnis gegeben hatte. Immerhin übernahm er mutig eine große Verantwortung.
Mit der Vernichtung der spanischen Flotte war der Kampf um Sicilien entschieden. Byng ging zwar für den Winter nach Port Mahon und Messina fiel den Spaniern in die Hände, aber im Frühjahr 1719 erschien er wieder in Neapel und unterstützte nun die Österreicher bei der Eroberung der Insel; der Krieg war im Dezember 1718 erklärt. Er landete Truppen in Melazzo, die von dort gegen Messina marschierten, er unterstützte die Belagerung dieser Stadt und schnitt Sicilien von jeder Verbindung mit Spanien ab. Messina fiel im Oktober, dann deckte die Flotte die Einnahme verschiedener Plätze an der Süd- und Westküste, doch räumten die Spanier die Insel erst völlig während des Waffenstillstandes, der dem Frieden vorherging (1720).
Während der Belagerung Messinas lagen einige spanische Kriegsschiffe im Hafen. Byng befürchtete, daß der Festungskommandant ihre freie Rückkehr nach Spanien zu einer der Übergabebedingungen machen oder daß Österreich sie beanspruchen würde. Er setzte deshalb durch, daß sie durch eine eigens zu diesem Zweck errichtete Batterie zerstört wurden — ihm lag im englischen Interesse daran, jede fremde Seemacht zu schädigen. Im gleichen Sinne handelte England auf den anderen Kriegsschauplätzen.
Alberonigab trotz der Niederlage bei Passaro und der Aussichtslosigkeit seiner Pläne im Mittelmeer seit Erscheinen der englischen Flotte den Kampf nicht auf. Er rüstete für 1719 in Cadiz und Coruña zwei Geschwader aus, um Truppen an der Küste der Bretagne und in Schottland zu landen, indem er in beiden Ländern mit Aufständen rechnete. Auch diese Unternehmen schlugen fehl.
Der Plan gegen Frankreich wurde nach Entdeckung der Verschwörung gegen den Regenten aufgegeben. Die andere Expedition segelte im Februar von Cadiz — 40 Transporter mit 5000 Mann, und vielem Kriegsmaterial, gedeckt durch 5 Kriegsschiffe — unter dem geächteten James Buttler, Herzog von Ormond, wurde aber am 28. Februar auf der Höhe von Finisterre durch Sturm arg beschädigt und völlig zerstreut. Nur 3 Fregatten mit 5 Transportern erreichten Ross-shire; 400 Mann wurden gelandet und etwa 1500 schottische Jakobiten stießen zu ihnen. Die kleine Macht wurde bald vernichtet, sowie ein Depot der Aufständischen in Donancastle durch Kriegsschiffe genommen. England war an den Küsten vorbereitet gewesen, wenn auch die Kanalflotte, die der Expedition hatte entgegentreten sollen, nicht rechtzeitig seeklar war — englische Quellen sagen: „Wie gewöhnlich!“
Dagegen gingen England und Frankreich jetzt angriffsweise vor. Eine Division der englischen Kanalflotte,Vizeadmiral Mighells, landete im Oktober 1719 24000 Mann bei Vigo, eroberte die Stadt, sprengte die Befestigung, machte reiche Beute und zerstörte die Schiffe dort und in Ponte-Vedra. Eine zweite Division unterstützte französische Truppen, die unter dem Herzog von Berwick von Bayonne aus in Spanien eindrangen und Fuenterrabia, St. Sebastian sowie Santona nahmen. Auch hier wurden auf englischesDrängen überall Hafenanlagen, Werften, sowie alle Kriegsschiffe zerstört; England tat sein möglichstes, das Neuaufblühen der spanischen Marine im Keime zu ersticken, und Frankreich half kurzsichtig dabei. Berwick meldete gar dem Regenten: die englische Regierung kann dem Parlamente zeigen, daß wir alles getan haben, um die spanische Marine zu vernichten.
Selber tat Frankreich so gut wie gar nichts zur See, es transportierte und unterstützte nicht einmal die eigenen Truppen. Nur 11 Linienschiffe wurden nach dem Golf von Mexiko gesandt, um die Niederlassung in Louisiana zu schützen; diese schlugen dort eine schwache spanische Division zurück und eroberten den befestigten Hafen von Pensacola. Holland regte sich gar nicht. Während des kurzen Krieges fanden natürlich Handelsschädigungen statt; gleich nach Passaro hatte Spanien die englischen Schiffe in seinen Häfen mit Beschlag belegt, England antwortete mit Vergeltungsmaßregeln.
Die ununterbrochene Reihe von Niederlagen und die Hoffnungslosigkeit, ohne eine Marine seine Kolonien schützen zu können, brach den Widerstand Spaniens. Alberoni wurde entlassen (5. Dezember 1719) und Philipp V. gab imHaager Frieden1720 den Forderungen der Quadrupel-Allianz nach. Der König von Savoyen nannte sich von nun an König von Sardinien.
Während des Spanischen Erbfolgekrieges und seiner eben besprochenen Folgen spielte sich im Norden und Osten der große Nordische Krieg ab. Er ist für uns bemerkenswert: Mit ihm endet das anderthalbhundertjährige Zeitalter der Seekriege Dänemarks und Schwedens um die Herrschaft in der Ostsee; eine neue Seemacht, Rußland, tritt hier auf. Auch auf den Verlauf dieses Krieges haben die Seestreitkräfte wesentlichen Einfluß. Endlich zeigt sich in ihm die Macht Englands zur See. Zunächst seien einige Angaben über die beteiligten Marinen gemacht,[280]die deren Entwicklung bis zum Ende unseres Abschnittes veranschaulichen.
Die dänische Marinehatte sich, wie wir wissen, unter Christian V. kräftig entwickelt und im letzten Kriege bewährt; dieser König ließ ihr bis zu seinem Tode (1699) die gleiche Pflege zu teil werden. 1700 war der Schiffsbestand: 33 Linienschiffe — 1 zu 110 Kanonen, 7 zu 80–100, 11 zu 60–78, 14 zu 48–56 —, 9 Fregatten und 33 kleinere Fahrzeuge. Auch für die Ausbildung der Offiziere und Mannschaft wurde gesorgt. Der Nachfolger, Friedrich IV., verstärkte die Flotte weiter, beim Ausbruch des Krieges 1710 zählte sie 41 Linienschiffe; die nützliche Einrichtung der Defensionsschiffe hatte der König 1701, auf Drängen Hollands, leider aufgeben müssen.
Die schwedische Marinehatte sich unter Karl XI. von den Folgen des Krieges erholt, sie war eigentlich durch den Grafen Wachtmeister seit 1680 neu geschaffen. Die Hauptflottenstation war nach Karlskrona verlegt, hierhatte man große Werften eingerichtet. Von 1679–1709 wurden in Stockholm, Kalmar, Riga und Karlskrona 37 Linienschiffe erbaut; das im letzten Kriege sehr minderwertige Offizierkorps wurde reorganisiert. 1700 erschienen vor Kopenhagen 36 Linienschiffe — 1 zu 108 Kanonen, 6 zu 80–90, 29 zu 50–80; 1710 zählte die Marine 48 Linienschiffe und 7 Fregatten.
Der Nordische Krieg schädigte beide Marinen ungemein. 1720 wardie dänische Flotte, trotz Neubauten und Einstellung genommener schwedischer Schiffe, auf 25 Linienschiffe (10 Fregatten, 31 Fahrzeuge) zusammengeschmolzen und diese befanden sich in schlechtem Zustande. Infolge der Erschöpfung des Landes ging der Bestand an brauchbarem Material in den nächsten Jahren noch mehr zurück. Als sich unter Christian VI. der Handel wieder hob, erreichte die Marine wieder den Stand einer mittleren Marine damaliger Zeit; 1746 waren 29 Linienschiffe, 10 Fregatten und 34 kleinere Fahrzeuge vorhanden.Die schwedische Flottezählte 1720 überhaupt nur 33 Segel, die bei weitem nicht sämtlich Linienschiffe waren, und auch hier ging der Ersatz nur langsam vor sich. 1734 besaß Schweden 22 Linienschiffe, 8 Fregatten und Brigantinen, 11 Spezialschiffe und 18 Galeren. Die Erfolge der Russen mit Ruderfahrzeugen der letzten Art hatten gezeigt, daß eine Schärenküste nur mit Schärenfahrzeugen verteidigt werden könne, aber erst 1756 wurden die Mittel zum Bau einer größeren Zahl bewilligt (1788 waren 170 Galeren und ähnliche Fahrzeuge vorhanden).
Die russische Marinewurde erst von Peter dem Großen (1689–1725) gegründet. Von der Ostsee, nach der es stets gestrebt, seit 1617 wieder vertrieben, stand Rußland nur durch Archangel mit Europa zur See in Verbindung, doch lag der Seehandel hier in fremden Händen. Frühere Versuche, eine russische Schiffahrt zu gründen, waren fehlgeschlagen, ebenso das Bestreben, auf friedlichem Wege von Kurland einen Hafen an der Ostsee zu erhalten. Peter betätigte nun von frühester Jugend an sein Interesse für die Schiffahrt, zunächst richtete er sein Augenmerk neben dem Weißen Meer auf das Schwarze. 1695 gründete er in Woronesch am Don, in der Nachbarschaft ungeheuerer Eichenwaldungen, eine Bauwerft für seetüchtige Fahrzeuge; 1696 baute er in dem von den Türken eroberten Asow Hafenanlagen und Magazine, um die Schiffe hier auszurüsten und zu stationieren. Er plante eine Flotte von 60 Linienschiffen für das Schwarze Meer. Der Ausbruch des Krieges im Norden 1700 zwang ihn aber, diese Unternehmung ruhen zu lassen, auch ging 1711 Asow wieder verloren.
Bald nach Beginn des Krieges faßte er jedoch an der Newa Fuß, gründete 1703 St. Petersburg und ging, um von hier aus weiter an der Küste vorzudringen, an die Schaffung einerOstseeflotte. Anfangs zwar wurde nur wenig Tatkraft entwickelt; noch hielt Peter wohl seine Stellung hier nicht für sicher genug, um kostspielige Aufwendungen zu machen, aber nach der Niederlage Karls XII. bei Pultawa (1709) nahm er den Ausbau der Marine ernstlich in Angriff. In St. Petersburg wurde eine große Bauwerft geschaffen; Kronstadt auf der Insel Kotlin, mächtig befestigt und noch gesichert durch die gewaltige Bastionvon Kronslot quer vor der Einfahrt, wurde der Ausrüstungs- und Hauptkriegshafen; bald (1713) trat Reval als zweiter Stützpunkt hinzu. Die Zahl der Schiffe wuchs schnell. Während 1710 nur 2 Schiffe zu 50 Kanonen und 5 zu 14–32 vorhanden waren, erscheinen:
Anfangs wurden die Schiffe aus dem Auslande bezogen, bald aber auch in Rußland gebaut und zuletzt ausschließlich; von 1710–1724 kamen auf 30 gekaufte 41 gebaute. Ein englischer Seeoffizier, zu dieser Zeit in russischen Diensten, lobt Bau und Ausrüstung der Schiffe, für die nur Erzeugnisse des eigenen Landes verwendet wurden. Rußland besaß alles nötige Rohmaterial, nur der Transport aus dem Innern war schwierig und kostspielig. Die Kosten wurden noch ungemein erhöht, weil geschulte Kräfte aus dem Auslande zur Bearbeitung des Rohmaterials herangezogen werden mußten, wie denn auch Ausländer, besonders Engländer und Holländer, die Hafen-, Werft- und Schiffsbauten leiteten.
Noch vor dieser Hochseeflotte schuf Petereine Galerenflottefür die Eroberung Finnlands. Die flachgehenden Ruderschiffe konnten sich über alle Untiefen zwischen dem Gewirr von Klippen und Inseln der Schärenküste durchwinden, wo ihnen kein Kriegsschiff zu folgen vermochte; über schmale Landzungen konnten diese leicht aus Fichtenholz gebauten Fahrzeuge hinweggetragen werden; nach dem offenen Meere zu wurden sie durch die mitsegelnde Hochseeflotte gedeckt. Der Galerenflotte mehr als der Hochseeflotte sind die Erfolge im Kriege, nämlich die Eroberung Finnlands usw. und die Angriffe in Schweden, zuzuschreiben.
Schwieriger alsdie Beschaffungdes Materials war diedes Personals, das russische Volk stand der See völlig fremd und abgeneigt gegenüber. Es war nötig, viele Ausländer anzuwerben, doch gelang es bald, die Schiffe wenigstens überwiegend mit Eingeborenen zu bemannen. DenErsatznahm man zunächst aus den Gebieten an der Küste, an den großen Seen und Flüssen. Bevorzugt wurden sonst, weil bildungsfähiger, Minderjährige, Matrosen- und Soldatenkinder, sowie junge Tataren ihrer Behendigkeit halber. Sogenannte Navigatorenschulen wurden gegründet, deren Zöglinge man nach der Entlassung zur weiteren Ausbildung auf Kauffahrteischiffe schickte. Ganze Regimenter Landsoldaten wurden zu Seesoldaten befohlen; die Bemannung der Schiffe war um 1/5–¼ stärker als die englischer von gleichem Range.
Das Offizierkorpswar noch viel stärker mit Fremden durchsetzt. 1715 waren fast sämtliche Offiziere Ausländer und nur einige in fremdem Dienst herangebildete Russen. Noch 1724 zeigt eine Liste der höheren Offiziere unter 82 Namen nur 19 Russen gegen 23 Engländer, 17 Dänen, 13 Holländer und 5 Deutsche, doch schritt auch hier die Russifizierung fort. Zur artilleristischenAusbildung wurde eine große Anzahl Russen nach Berlin kommandiert, sie bildeten dann ein eigenes Korps der Bombardiere und wurden nach Bedarf an Bord verwendet. Auch eine Seeakademie wurde gegründet, sie zählte 1716 300 junge Edelleute als Schüler. Das Seeoffizierkorps war, wie die Marine überhaupt, besser besoldet als das der Armee.Die Galerenflottehatte ein eigenes Offizierkorps, es war stark mit Südländern vermischt und wurde vom Seeoffizierkorps als minderwertig angesehen. Fremdartigkeit in Sprache und Sitten seiner Angehörigen, unter denen halbbarbarische Elemente vertreten waren, mag dazu beigetragen haben, aber auch die Roheit und Grausamkeit, die sie im schwedischen Feldzuge gezeigt haben.
Peter der Große hatte sich die Aufgabe gestellt, eine Flotte von 40 jederzeit kampfbereiten Linienschiffen zu schaffen, mit der er der dänischen und der schwedischen Flotte, die nur kurze Zeit im letzten Kriege je über 30 besaßen, überlegen gewesen wäre. Er hat dieses Ziel zwar nicht erreicht — bei seinem Tode zählte die Marine 27 Linienschiffe, von denen 3 unbrauchbar und 9 gebrechlich waren, sowie 6 Neubauten —, aber er stand doch den geschwächten Nebenbuhlern gleich. Nach Beendigung des Krieges wurde durch Friedensübungen, im einzelnen und in Geschwadern, die Schlagfertigkeit der Flotte weiter gepflegt. Freilich sagt der schon angezogene englische Seeoffizier von seinen russischen Kameraden: „Fremde tuen gut, ihnen aus dem Wege zu gehen. Bei gutem Wetter kennt ihre Überhebung keine Grenzen, wenn sie aber bei schlechtem Wetter Dienst tun sollen, stellen sie sich krank. In der Stunde der Gefahr versagt ihnen Mut und Tatkraft.“ Wie weit dies Urteil zutreffend war oder auf Abneigung beruhte, muß dahingestellt bleiben.
Der Verlauf des Krieges.In Schweden war 1697 König Karl XI. gestorben und Karl XII. hatte mit nur 15 Jahren den Thron bestiegen. Die Nachbarn hielten die Gelegenheit für günstig, sich auf Kosten Schwedens auszubreiten: Peter der Große wollte Esthland erobern, um an die Ostsee zu gelangen; August II., Kurfürst von Sachsen und König von Polen, wollte Livland für Polen zurückgewinnen; Friedrich IV. von Dänemark wollte den Teil Schleswig-Holsteins, der noch im Besitz der Linie Holstein-Gottorp war, wieder mit Dänemark vereinigen; diese Linie war aber seit langem mit Schweden verwandt, auch der augenblickliche Herzog war ein Schwager und Freund Karls XII. Die drei Monarchen verbanden sich 1700 zu einem Angriffskriege und fielen in die von ihnen begehrten Länder ein, aber der junge Schwedenkönig zeigte eine unerwartete Tatkraft.
KarlXII. warf sich zunächst nur gegen Dänemark, um sich für den Kampf im Osten den Rücken freizumachen, da die dänische Flotte seine Verbindungen mit den anderen Kriegsschauplätzen gefährdete. Mit Unterstützung einer englisch-holländischen Flotte bedrohte er Kopenhagen zu Wasser wie zu Lande und zwang Friedrich IV. in wenigen Wochen zum Frieden (Travendal, 18. August 1700).
England und Hollandnahmen in Hinblick auf das Gleichgewicht in der Ostsee wie stets bisher die Partei der gefährdeteren Seemacht, sie waren auch die Bürgen des letzten Vergleichs zwischen Dänemark und dem Hause Gottorp. Sie sandten Ende Mai eine gemeinsame Flotte, 11 englische und 13 holländische Linienschiffe, einige Fregatten, 3 Mörserboote, unter den AdmiralenRookeundde Almondezur Ostsee. Der Befehl lautete, den eigenen Handel zu schützen und die Interessen des Herzogs von Holstein wahrzunehmen; es war erlaubt, zu diesem Zweck schwedische Truppen nach Holstein zu führen, nicht aber angriffsweise vorzugehen, sondern nur Gewalt mit Gewalt zu erwidern. Die Flotte traf am 19. Juni vor Gothenburg ein, segelte zur Vereinigung mit den Schweden weiter, ging dann aber vor dem Sunde zu Anker, weil die 33 Linienschiffe starke dänische Flotte zwischen Kronburg und Hven lag. Hier wollte man abwarten, ob die Schweden vom Süden herankämen und die Dänen zum Rückzug auf Kopenhagen nötigten, oder ob die Vereinigung im Großen Belt stattfinden solle.
Am 7. Juli ging die dänische Flotte nach Kopenhagen und die Vereinigung der Engländer und Holländer mit den Schweden fand bei Landskrona statt. Die schwedische Flotte unter Graf Wachtmeister zählte 29 Linienschiffe, einige Fregatten sowie ein Mörserboot; 6 schwere Schiffe hatte man wegen ihres Tiefganges südlich von Kopenhagen gelassen. 2000 Mann waren eingeschifft, weitere Truppen standen in Landskrona bereit.
Man beabsichtigte, Kopenhagen von See aus einzuschließen und die feindlichen Schiffe mit Fregatten und Brandern anzugreifen oder sie zu beschießen, falls sie sich in den Hafen zurückgezogen hätten. Am 20. Juli ankerte die Flotte vor der Stadt. Die Dänen hatten die meisten Schiffe möglichst nahe unter Land gelegt, den Rest auf der inneren Rhede durch Balkensperren gegen Brander geschützt. Diese Schiffe wurden von den Mörserbooten während der Nacht beschossen, aber nachdem etwa 100 Bomben und Brandgeschosse ohne Erfolg geworfen waren, zog man sich aus dem heftigen feindlichen Feuer zurück. Man beschloß nun, die Landungstruppen zu holen, und die Schiffe im Hafen sowie die Stadt vom Norden der Insel Amager her zu beschießen. In der Nacht vom 26./27. wurden etwa 150 Geschosse verfeuert, jedoch mit ebensowenig Erfolg. Es ging damals das Gerücht, daß die Angreifer, insbesondere die Engländer und Holländer, mehr im Auge gehabt hätten einzuschüchtern, als zu schädigen. Dagegen trafen am 2. August, gedeckt durch schwedische Kriegsschiffe, die Truppen von Landskrona ein und wurden nach Vertreiben einiger dänischer Fregatten mit Hilfe der Boote der ganzen Flotte noch am selben Tage nördlich von der Stadt gelandet; Karl XII. führte die seinen, als erster mit dem Degen in der Faust aus dem Boote ins seichte Wasser springend. Durch ungünstiges Wetter verzögert, wurden die Geschütze und das Belagerungsmaterial erst einige Tage später ausgeschifft. So von See und Land bedroht, schloß Friedrich IV. Frieden.
Die Regierungen Englands und Hollands waren mit dem Vorgehen ihrer Admirale nicht einverstanden; diese hatten ja auch ihre Weisungen überschritten. Es kam sofort der Befehl, sich künftig streng an diese zu halten. Wie früher in ähnlichen Lagen, wünschte man keine zu großen Erfolge Schwedens. Wilhelm III. schrieb an Heinsius: „Dieser Erfolg, fürchte ich, wird den König von Schweden so groß machen, daß wir genügend zu tun haben werden, ihn wieder klein zu bekommen.“ Auch fürchtete man, daß durch Einschreiten Frankreichs zugunsten Dänemarks ein allgemeiner Krieg entstehen würde.
Die Admirale erhielten diesen Befehl bei Hven sowie die Weisung, nach Friedensschluß heimzukommen. Sie blieben aber länger liegen, um den Rücktransport der schwedischen Truppen abzuwarten, weil auch die dänische Flotte wieder in den Sund gekommen und bei dem Haß zwischen den nordischen Völkern ein Zusammenstoß mit den Schweden nicht ausgeschlossen war. Am 8. September ging Karl XII. mit Flotte und Truppen nach Schweden zurück.
Karl XII. wandte sich nun gegen seine Gegner im Osten, und es folgen einige Jahre (bis 1709), in denen die Kriegführung zur See nicht hervortritt; sieseien deshalb nur kurz geschildert. Karl landete mit 20000 Mann bei Pernau (Busen von Riga) und warf sich, da das polnisch-sächsische Heer vor ihm zurückwich, zunächst auf die Russen, die er mit 8000 Mann gegen 40000 bei Narva (20. November 1700) vernichtend schlug. Dann trug er bei Riga (12. Juli 1701) einen Sieg über die Sachsen und Polen davon und hätte jetzt einen günstigen Frieden erzwingen können. Er drang jedoch weiter vor, eroberte durch verschiedene siegreiche Schlachten ganz Polen, ließ in Warschau (2. Juli 1704) Stanislaus Leszczynski zum König wählen und verfolgte August II. bis nach Sachsen. Hier endlich schloß er Frieden (Altranstädt, 24. September 1706); August verzichtete auf den polnischen Thron und entsagte jeder Verbindung mit den Gegnern Schwedens.
Die mißachtende Vernachlässigung der Russen nach dem glänzenden Siege bei Narva wurde Karls Verderben; Peter nutzte diese Jahre aus. Er reorganisierte sein Heer mit Hilfe deutscher Generale, setzte sich in Ingermanland fest und gründete St. Petersburg; die schwachen schwedischen Truppen in Livland konnten dies nicht hindern. So fand Karl später einen kräftigen Gegner vor und Schweden hatte nicht mehr allein mit der dänischen Marine sondern auch mit der russischen zu rechnen.
Bis 1708 blieb Karl in Sachsen stehen, um sein Heer wieder schlagfertig zu machen und zu verstärken; Peter drängte inzwischen die Schweden in Esthland und Livland weiter zurück und verwüstete Polen, um einen Vormarsch Karls gegen Rußland zu erschweren. Endlich brach dieser mit 40000 Mann auf, schlug hinter der Beresina einen russischen Heeresteil (14. August) und überschritt den Dnjepr, um gegen Moskau zu ziehen; eine Verstärkung von 12000 Mann unter Lewenhaupt wartete er nicht ab. Bei Smolensk wandte er sich aber nach der Ukräne, wo ihm der Hetman Mazeppa die ganze Heeresmacht der Kasaken zuzuführen verheißen hatte. Die Aufwiegelung dieser schlug fehl und Lewenhaupt konnte dem König nur 6000 Mann bringen, weil er auf dem Anmarsch schwer geschlagen worden war und seine ganze Bagage verloren hatte. Die Russen wichen beständig aus, das Heer litt ungemein unter Hunger und Kälte; Karl drang zwar bisPultawavor und belagerte die Stadt vom Mai 1709 an, wurde dann aber am 8. Juli durch den mit Übermacht heranrückenden Peter vernichtend geschlagen. Der Rest der Schweden, nur 14000 Mann, mußte sich ergeben, Karl floh in die Türkei.
Hier reizte Karl den Sultan gegen Rußland auf, er selber wollte das Heer führen. Aber erst 1711 erklärte der Sultan den Krieg, und wenn auch Peter durch den Großvezier geschlagen wurde (9. August 1711), so gelang es ihm doch, durch Bestechung und Abtretung Asows den Frieden wieder herbeizuführen. Karl blieb bis 1714 in der Türkei; er entschloß sich erst zur Rückkehr, als er einsah, daß er hier keine Hilfe zu erwarten habe und als die Nachrichten aus dem Norden immer schlechter wurden. Nach sechzehntägigem Ritt durch Österreich, Süd- und Westdeutschland traf er mit 2 Offizieren am 22. November 1714 in Stralsund ein.
Peter der Großebemächtigte sich in den Jahren 1709 und 1710 ganz Esthlands und Livlands und ging an den Ausbau einer Ostseeflotte.Auch die andern Gegner Schwedens regten sich wieder. August II. vertrieb Leszczynski, Friedrich IV. besetzte Schleswig und versuchte, in Schonen Fuß zu fassen (vergeblich). Inzwischen verabredeten die Seemächte mit dem Kaiser einen Waffenstillstand für die schwedisch-deutschen Lande (Pommern, Bremen-Verden, Stade) und Dänemark, Sachsen sowie die schwedischen Stände traten auch bei (Haager Conzert, 31. März 1710), da aber Karl XII. Einspruch erhob und die erstgenannten Mächte nicht tätlich eingriffen, nahm der Krieg seinen Fortgang.
Jetzt griff die Kriegführung zur See wieder ein. Die Dänen eroberten Stade und Verden, die Sachsen und Russen nahmen Schwedisch-Pommern außer Stralsund und Wismar (1712). Das schon erschöpfte Schweden raffte sich noch einmal auf. GeneralStenbockbesiegte mit 12000 Mann die Dänen bei Gadebusch (Mecklenburg-Schwerin; 20. Dezember 1712) und drang in Schleswig-Holstein ein, wurde aber bei Tönning durch die Übermacht der Verbündeten zur Kapitulation gezwungen (Mai 1713). Schweden sah sich genötigt, mit Preußen einen Vertrag abzuschließen, wonach dessen Truppen Pommern von der Peene bis zur Oder in Sequestration nahmen. Peter war bereit, dieses Land gegen eine Kriegsentschädigung zu räumen. Rußland war 1714 bis Abo vorgedrungen; Kurland hatte Peter durch Anheiratung an sein Haus gewonnen.
Jetzt kamKarlXII. zurück. Er erkannte den Vertrag mit Preußen nicht an, forderte Pommern zurück und vertrieb die preußischen Truppen aus Usedom und Wollin. Infolgedessen erklärte auch dieser Staat den Krieg und verband sich mit Rußland und Sachsen; Hannover trat dem Bunde bei, um sich die von Dänemark gekauften schwedischen Gebiete (Bremen-Verden; Stade) zu sichern. Die vereinten Truppen belagerten unterLeopold von DessauStralsund; Karl XII. verteidigte die Stadt mehrere Monate und ging erst kurz vor dem Fall (23. Dezember 1715) nach Schweden; im April 1716 mußte auch Wismar kapitulieren.Schweden hatte seinen ganzen überseeischen Besitz verloren.
Die Beteiligung der Seestreitkräfte.Die Aufgabe der dänischen Marine war zunächst nicht leicht; 1710 standen ihren 41 Linienschiffen 48 schwedische gegenüber. Sie sollte die Verbindungen Schwedens mit seinen festländischen Besitzungen unterbinden, die Operationen der Verbündeten unterstützen und den eigenen Handel gegen zahlreiche und kühne schwedische Freibeuter schützen. Dennoch hat sie einige wirksame Erfolge zu verzeichnen; es kamen ihr allerdings günstige Umstände zu statten. Als General Stenbock 1712 mit seinem Heere auf 130 Transportschiffen nach Rügen übergeführt wurde, geleitete ihn Graf Wachtmeister mit der ganzen Schlachtflotte; kurz nach der Landung vernichtete die dänische Flotte über 90 der Transporter, Wachtmeister mußte dagegen wegen einer schweren Seuche an Bord der Schiffe schleunigst nach Karlskrona zurückkehren und abrüsten. Als dann Stenbock 1713 in die Enge getrieben war, konnte die dänische Flotte ihm den Seeweg versperren.
Von 1715 an mußte Schweden einen Teil seiner Seestreitkräfte gegen Rußland werfen und seine Marine war durch Geld- und Mannschaftsmangel geschwächt. Nun wuchs die Bedeutung der dänischen Flotte; in zwei Gefechten, an der holsteinischen Küste (28. Juli) und bei Rügen (8. August 1715), wies sie die schwedische zurück. Durch das zweite Seegefecht hinderte sie die Aufhebung der Blockade und den Entsatz Stralsunds.[589]Sie ermöglichte dann durch Vernichtung der kleinen Schiffe im Hafen den Übergang nach Rügen, wodurch die Übergabe der Festung erzwungen wurde. 1716 trug sie mittels strenger Blockade zur Einnahme Wismars bei.
Ebenso unglücklich war die schwedische Flotte den Russen gegenüber. Sie konnte die allmähliche Eroberung der Südküste Finnlands nicht hindern. Die russische Schärenflotte zog von Distrikt zu Distrikt und die von ihr losgelassenen Truppen verwüsteten das Land;1713fiel Helsingfors. Als die Eroberung so bis zum Ausgange des finnischen Meerbusens vorgedrungen war, stand gerade die russische Hochseeflotte stark genug da, um die Schärenflotte zu decken und zu unterstützen.1715schlugGeneraladmiral Apraxin, unter dem Peter selber als Kontreadmiral diente, die Schweden unter Ehrenskjöld beiHangö-Udd, wobei sich die Galeren in den engen Gewässern von größtem Nutzen zeigten. Er bahnte sich dadurch den Weg nach Abo, den Alands-Inseln und der Küste Finnlands am Bottnischen Busen, die Plünderungszüge dehnten sich nun bis zu diesen aus. Von1716an lag die schwedische Flotte infolge Geldmangels unausgerüstet in Karlskrona. Angstvoll war sie eines Angriffs der Dänen gewärtig, die die Küsten Schwedens blockierten und den Handel völlig unterbanden.
Von 1716–1718 versuchteKarlXII. in drei Feldzügen Norwegen zu erobern; ihm kam dabei zu statten, daß seine Gegner uneinig wurden. Peter vermählte eine Nichte mit dem Herzog von Mecklenburg und ließ sein Heer in diesem Lande stehen, dies machte die Verbündeten stutzig; auch begannen Verhandlungen zwischen Peter und Karl behufs eines Bündnisses auf Kosten der anderen Staaten (wir verweisen auf den Plan Alberonis S.578), der Zar führte deshalb einen schon vorbereiteten Einfall in Schonen nicht aus. Der hartnäckige Widerstand der norwegischen Bevölkerung, die schwierigen Verhältnisse des Landes und des Klimas und der schlechte Zustand des schwedischen Heeres ließen jedoch Karl keine Fortschritte machen. Er fiel am 11. Dezember 1718 vor Friedrichshall.
Auch in diesen Jahren war diedänische Marinevon Wichtigkeit.Tordenskioldvernichtete mit nur wenig Schiffen im Hafen von Dynekil (8. Juli 1716) die Transportflotte, die alles, was Schweden mit Mühe an Truppen und Kriegsmaterial hatte aufbringen können, zur Belagerung Friedrichshalls bringen sollte. Die schwedische Flotte wurde im allgemeinen weiter in den Häfen festgehalten, die russische Marine beteiligte sich jetzt an der Blockade; sie war soweit gewachsen, daß Peter 1716 zu der erwähnten Landung in Schonen mit 17 Linienschiffen, zahlreichen Galeren und Truppentransportschiffen in Kopenhagen erscheinen konnte. 1719 eroberte Tordenskiold die Insel Marstrand und vernichtete ein schwedisches Geschwader, das mit Erfolg gegen den dänischen Handel aufgetreten war.
Ulrike Eleonore, die Nachfolgerin Karls, schloß 1719 Frieden mit Hannover, Polen und Preußen (Stockholm, 20. November) und 1720 mit Dänemark (Friedrichsborg, 13. Juli), brach aber Verhandlungen mit Peter ab. Jetzt griffen die Russen Schweden selber an, verwüsteten 1719–1721 mit immer stärkeren Heeren die Küsten und erzwangen so den Frieden von Nystadt (10. September 1721).
1719 führteApraxinmit 130–150 Galeren sowie zahlreichen Transportern 30000–40000 Mann an die Küste nördlich von Stockholm; 8 Ortschaften, 141 Adelssitze, 1361 Höfe, 2 Kupferminen wurden zerstört, Wälder verbrannt, um die darin liegenden Minen zu vernichten, 80000 Eisenbarren ins Meer versenkt, gegen 100000 Stücke Vieh getötet. 1720 hausten die Russen, auf Abo, Helsingfors und Wiborg gestützt[590], ähnlich an der Küste von Westerbotten; ein schwedisches Geschwader wurde zurückgeschlagen. 1721 ward Norrland verwüstet. Daß Stockholm von einem Angriff bewahrt blieb, ist nur dem Auftreten einer englischen Flotte zu verdanken; England schränkte überhaupt in den Jahren 1719–1721 die Tätigkeit der russischen Hochseeflotte etwas ein und machte es so der schwedischen möglich, sich wieder zu zeigen.
Die Haltung Englands und Hollands im Nordischen Kriege.Wie vor Beginn des Spanischen Erbfolgekrieges, um 1700 beim ersten Zusammenstoß Schwedens und Dänemarks, so wandten diese Staaten auch nach seiner Beendigung ihr Augenmerk auf ihre Interessen in der Ostsee; besonders England zeigte hier seine Macht auf dem Meere und trug zum Friedenschluß bei.
In den Jahren 1715–1718 traten sie gemeinsam zum Schutze ihres Handels auf, weil Schweden, Dänen und Russen die Neutralität nicht unbedingt beachteten; das Verhältnis zu Schweden wurde bald zu einer Art Kriegszustand. Da Rußland von England und Holland Schiffe, Mannschaften und Kriegsbedarf jeder Art bezog, griff Schweden, besonders seit 1710, den Handel dieser Länder planmäßig mit Kriegsschiffen und Freibeutern an; die Handelsschiffe wurden nicht nur auf Kriegskontrebande untersucht, sondern überhaupt aufgebracht. Die Seemächte sandten deshalb in jedem dieser Jahre eine gemeinsame Flotte in die Ostsee, die im Vereine mit den dänischen und russischen Kräften die Schweden in ihren Häfen festhielten, Freibeuter aufbrachten und Convois geleiteten. Der König von England war ja als Kurfürst von Hannover mit Schweden im Kriege, doch hatte das englische Volk hierfür zunächst kein Interesse, als aber die Umtriebe Karls XII. zugunsten Jakobs III. bekannt wurden, gab es seine Einwilligung zu ernsterem Vorgehen.
Nach dem Tode Karls änderte sich die Lage gänzlich. Schweden belästigte den Handel nicht weiter, Holland brauchte keine Schiffe mehr zu senden. Eine englische Flotte aber trat in jedem der letzten Jahre zugunsten der Schweden auf, indem sie die russische Hochseeflotte in Reval festhielt. Jetzt lag es im Interesse Englands, Peters Erfolge einzuschränken und die russische Seemacht nicht zu sehr wachsen zu lassen.
Die Operationen zur See: 1715 deckteAdmiral Norrismit 20 englischen und 12 holländischen Linienschiffen die Hin- und Rückreise des Ostsee-Sommerconvois. 1716 kam er mit ähnlicher Stärke, Holland hatte wegen Geldmangels nur 6 Schiffe gestellt. Als er auf das Verlangen einer bündigen Erklärung, ob die Schifffahrt jetzt sicher sei, von Stockholm eine unbestimmte Antwort erhielt, gab er zu erkennen, daß er nötigenfalls feindselig auftreten werde. Er verband sich mit den Dänen und Russen in Kopenhagen, die dort für den Einfall in Schonen bereit lagen. (Anderseits, so wird gesagt, wirkte England aber auch dahin, daß Peter dieses Unternehmen aufgab.) Der Zar selber führte die vereinigte Macht nach Bornholm. Von hier aus wurden einzelne Schiffe gegen schwedische Kreuzer entsandt, die Kauffahrer nach ihren Bestimmungshäfen geleitet und im Herbst wieder heimgeführt; die schwedische Flotte konnte natürlich Karlskrona nicht verlassen. Genau so, nur ohne die Russen, verliefen die Jahre 1717,Admiral Byng, und 1718, wieder Norris. 1717 war Holland nicht imstande, Schiffe zu stellen. Es gingen dann auch nur 300 anstatt wie sonst 500 holländische Kauffahrer in die Ostsee, und 1718 sandte man deshalb mit Aufbietung aller Kräfte wieder 12 Kriegsschiffe.
1719vereinigte sichNorrisim September mit den Schweden und trieb die russische Hochseeflotte nach Reval; 1720 und 1721 hielten Norris und Wachtmeister die Russen den ganzen Sommer über in diesem Hafen fest.
England und Frankreich vermittelten den Frieden.Beide wünschten nicht, daß Schweden niedergeschlagen und die Ostsee ein russisches Meer würde; es war dies besonders für England wichtig, da seine Marine auf die von dort bezogenen Schiffsbedürfnisse angewiesen war. Die Franzosen schreiben ihrer Diplomatie den Haupteinfluß zu; sie behaupten auch, daß England Schweden nur schwach unterstützt habe, weil es die Ostseeprovinzen zu Nutzen seines Handels gern in Rußlands Händen sah. Dies mag zutreffen; die englische Flotte hinderte die Verwüstung Schwedens nicht, sie trat nur demonstrativ auf und hat, abgesehen von dem Einschreiten gegen Kreuzer in den ersten Jahren, bei allen Operationen kaum einen Schuß abgegeben. Aber der Druck der englischen Seemacht hat ohne Frage wesentlich dazu beigetragen, Rußland zum Frieden geneigt zu machen. Peter erkannte das zielbewußte Vorgehen der Engländer, sah sie vor seiner eigenen Tür und mußte für seine junge Flotte eine Wiederholung des Schauspieles vom Cap Passaro fürchten.
Im Anfange des 18. Jahrh. fanden in einem letzten Kriege auch die langen Kämpfe zwischen der Republik Venedig und dem osmanischen Reiche um die Besitzungen im Ostmittelmeer ihr Ende. Im vorigen Abschnitte (Seite109) ist gesagt, daß Venedig mit dem Verluste vonCypern(1573) schon nahezu aus dem Ostmittelmeer verdrängt war und daß es von da an langsam aber stetig von seiner Großmachtstellung herabstieg. Es ist aber auch erwähnt worden, daß um diese Zeit die Seemacht des osmanischen Reiches gleichfalls ihre höchste Blüte erreicht hatte. Ihrem Vordringen im Westmittelmeer war durch das Abschlagen der Angriffe auf Malta und Korfu (1565) sowie durch die Schlacht bei Lepanto (1571) ein Ende gemacht worden. Im Ostmittelmeer setzten die Türken jedoch von der Mitte des 17. Jahrh. bis 1718 in drei Kriegen gegen Venedig ihre Eroberungen fort.[281]
1645warfen sie mit einer großen Flotte ein Heer nachKreta, nahmenCaneasowieRetimound belagertenCandia. Das Bestreben Venedigs, der Insel Unterstützung zu bringen, führte zu einem langen Kampfe um die Seeherrschaft. Mit wechselndem Erfolge wurde gefochten, mehrfach blockierten die Venetianer die Dardanellen, viele Seegefechte fanden statt (z. B. 1656 eine große Niederlage der Türken vor den Dardanellen), aber keine Partei gewann dauernd die Überhand. Zeitweise erhielt Venedig Unterstützung durch Spanien, die Malteserritter, Genua oder den Papst, und als Candia nach heldenmütiger Verteidigung zu fallen drohte, sandte Frankreich eine Flotte mit Landungstruppen. Aber diese Expedition (ihre Stärke vgl. Seite319) blieb erfolglos, die Stadt fiel im September 1669.
Die Truppen wurden unbehindert in die Stadt geworfen (Mitte Juni). In einem bald darauf unternommenen Ausfall trieb man zuerst die Türken in ihre Befestigungen zurück, aber dann entstand durch Explosion eines Pulvermagazins Verwirrung unter den Franzosen, der Führer, Herzog von Beaufort, fiel und man mußte sich zurückziehen. Nachdem um Ende Juli die französischen Schiffe, im Verein mit venetianischen, malteser und päpstlichen Fahrzeugen, die türkischen Batterien ohne Erfolg beschossen hatten, wurden die Truppen wieder eingeschifft und das Unternehmen abgebrochen. Mangel an Vorräten, Uneinigkeit mit den Venetianern und endlich die vorgerückte Jahreszeit werden als Gründe des Mißerfolges angegeben.
Nach dem Falle der Hauptstadt eroberten die Türken bald die letzten festen Plätze der Insel und behielten sie im Besitz.
1684–1699wurdeein zweiter Krieg um Moreageführt. Als die Türken vor Wien abgeschlagen waren (Sobieski 1683) und in Ungarn hart bedrängt wurden, glaubte Venedig die Zeit zur Wiedergewinnung seiner verlorenen Besitzungen gekommen. Unterstützt durch deutsche Truppen und Malteserritter gelang es Morea, Ägina sowie einen Teil Dalmatiens zu erobern; Angriffe auf Euböa und Kreta schlugen dagegen fehl. Im Frieden von Karlowitz behielt Venedig die genommenen Länder.
Bei der Belagerung Athens durch die venetianische Flotte sprengte eine Bombe das Mittelteil des Parthenon, von den Türken als Pulvermagazin benutzt, in die Luft.
1714griffen die Türken wieder an und bemächtigten sich leicht Moreas. Zwar trat 1716 Österreich auf seiten Venedigs und errang große Erfolge (Prinz Eugen: Peterwardein, Belgrad), aber den Venetianern gegenüber waren die Türken im Vorteil, besonders auch zur See. Sie behielten im Frieden von Passarowitz 1718 Morea endgültig. Der Republik Venedig verblieben nur das tapfer verteidigte Korfu und Dalmatien; sie war somit in ihren Besitzungen auf das Adriatische Meer beschränkt. Nach diesem letzten Kriege zog sich die Republik ganz zurück. Sie ließ sich auch durch den österreichisch-türkischen Krieg 1738–1740 nicht mehr aus einer Politik der bloßen Erhaltung des Besitzes und der Beschränkung auf den Schutz ihrer Handelsinteressen herauslocken.Venedig zählte weder als Großmacht noch als Seemacht weiter mit.
Aberdas osmanische Reichtrat als Seemacht nicht an seine Stelle, selbst nicht im Ostmittelmeer. Die türkische Marine, im 16. Jahrh. im ganzen Mittelmeer gefürchtet, verlor mit dem Rückgang des Reiches stetig an Kraft und Bedeutung. Wir haben gesehen, daß die Türken weder imstande waren, ihren Einfluß auf die Barbareskenstaaten aufrecht zu erhalten, noch diese gegen die Angriffe der neuentstandenen Seemächte zu schützen, ja daß deren Flotten schon mit Erfolg im Ostmittelmeer auftraten.
Nach Beendigung des Spanischen Erbfolgekrieges trat an die Marinen der Westmächte wiederum die Aufgabe heran, ihren Handel gegen die Barbareskenstaaten zu schützen. So lange Jahr für Jahr starke englisch–holländische Flotten im Mittelmeer waren, hatten diese die Aufgabe mitübernommen unddurch abgezweigte Geschwader gelegentlich Verträge erzwungen. Derartige Erfolge nützten aber, wie wir wissen, niemals auf längere Zeit, und so belästigten die Raubstaaten von 1715 an den holländischen Handel wiederum auf das ärgste. Sie hielten sich an einen Friedensvertrag von 1712 nicht gebunden, daHollanddie in diesem vereinbarte Auslösung von Sklaven nicht durchführte.[282]Bis 1720 wurden etwa 40 holländische Kauffahrer mit 900 Seeleuten und 6 Millionen Gulden Ladungswert abgefangen; die Raubstaaten hatten gegen 50 Schiffe, einige mit 40-50 Kanonen, im Dienst. Die Verhältnisse lagen in Holland so traurig, daß man sich zunächst darauf beschränken mußte, Freibeuter ausrüsten zu lassen und die alten, in den Kriegsjahren vernachlässigten Bestimmungen über die Armierung der Levantefahrer zum Selbstschutz wieder schärfer durchzuführen. Von 1718 an sandte man jährlich eine Division von 3-4 Kriegsschiffen und erst von 1722 an eine solche von 6-8, kleine Linienschiffe und schwere Fregatten, in die bedrohten Gewässer; diese führten denn auch 1725 einen Vertrag mit Algier und 1728 mit Tunis herbei. Doch hatte infolge der halben Maßregeln der Handel weitere große Verluste erlitten und Marokko war noch nicht zum Nachgeben gebracht. Dann wurden die Geschwader wieder kleiner, ja von 1732 an betätigte sich die Admiralität Amsterdam allein an dem Schutze gegen Marokko; dieser Staat ging erst 1746 auf einen Vertrag ein.
AuchFrankreichentsandte während der Regentschaft und in den ersten Regierungsjahren Ludwigs XV. kleinere Geschwader, 1728 wurde Tripolis bombardiert; sie errangen gleichfalls nur zeitliche Erfolge.
EnglandsFlagge scheint mehr geachtet gewesen zu sein; es waren wohl stets genügend Kriegsschiffe auf der Station. Jedenfalls war es ein Fehler, daß die drei Mächte, die während dieser Jahre in gutem Einvernehmen standen, sich nicht zur Unterdrückung des Seeraubes verbanden. Es scheint aber eher das Gegenteil der Fall gewesen zu sein, denn bei einer besonderen Gelegenheit klagen die Holländer, daß sich ein von ihnen verfolgtes Raubschiff in den Schutz englischer Kriegsschiffe geflüchtet habe.
EinAngriff Spaniens auf Gibraltar(1727) und derPolnische Thronfolgekrieg(1733-1735) sollen im nächsten Kapitel (Seite596/597) besprochen werden.