Chapter 8

Wenn so die Pläne Frankreichs scheiterten, Louisbourg wiederzunehmen und in Akadia einzudringen, hatte doch auch England mit seinen Absichten für das Jahr 1746 kein Glück. Unter Hinweis auf den allgemeinen Wunsch der Neuengländer, Kanada zu erobern, war es dem GouverneurShirleygelungen, die Kolonien und das Mutterland zu entschiedenem Vorgehen zu bewegen; die Nachrichten über Frankreichs Rüstungen, sowie über Angriffe der Kanadier auf die Grenzen hatten ihn dabei unterstützt. England versprach die Entsendung einer starken Flotte mit Truppen, um Quebec anzugreifen, gleichzeitig sollten die Milizen der Kolonien von New York aus zu Lande gegen Kanada vorgehen. Aber die Flotte blieb eben aus, nur einige Schiffe von Westindien unter VizeadmiralTownsendtrafen im Frühjahr ein;d'Anvillewürde diesem weit überlegen gewesen sein, wenn seine Flotte schlagfertig geblieben wäre. Als nun die französische Expedition erschien, sahen sich die Kolonien genötigt, die bei Albany am Hudson zum Vorstoß auf Kanada zusammengezogenen Milizen (10000 Mann) nach Akadia und nach Boston zu werfen. Man vermochte aber trotzdem nicht, die Kanadier völlig aus Neuschottland zu vertreiben, und mußte es außerdem hinnehmen, daß die Grenzgebiete der Staaten New York, Connecticut und Massachusetts durch die Franzosen sowie deren Indianerhorden fürchterlich heimgesucht wurden.

So warim Frühjahr 1747die Lage für die Franzosen trotz ihrer geringen Zahl und trotz des Fehlschlagens der großen Expedition nicht ungünstig; kam jetzt rechtzeitig Hilfe aus Frankreich, so konnten die Pläne des Jahres 1746 noch ausgeführt werden. Bekanntlich war man in Paris hierzu entschlossen, aber das Geschwaderde la Jonquièreswurde bei Kap Finisterre durch Anson vernichtet (14. Mai). Später war dann Frankreich nicht mehr imstande, etwas für seine Kolonien zu tun, und Kanada hätte einem ernstlichen Angriff nicht widerstehen können, aber ein solcher erfolgte nicht; es kam in Nordamerika überhaupt nicht mehr zu größeren Feindseligkeiten. Die Kolonien waren nach dem Verrauchen ihres ersten Eifers ergrimmt über den Mangel an Unterstützung seitens des Mutterlandes. Sie beschuldigten dieses sogar, die Eroberung von Kanada gar nicht ernstlich zu wollen; tatsächlich scheint man in England durch die ungünstige Lage der Dinge in Indien zu sehr in Anspruch genommen und zum Frieden geneigt gewesen zu sein, um für Amerika noch weitere Aufwendungen zu machen.

Die Bedingungen desFriedens zu Aachenerregten die Entrüstung der englischen Kolonisten, da das durch ihre Milizen eroberte Louisbourg zurückgegeben wurde und nicht einmal die Grenzfragen Erledigung fanden. Sie sahen den Frieden geradezu als auf ihre Kosten geschlossen an;es soll allerdings in England die Ansicht laut geworden sein, daß nur die Furcht vor der Nachbarschaft der Franzosen die Kolonien noch an das Mutterland fessele, und daß man deshalb gut tue, sie nicht durch die Eroberung Kanadas noch mächtiger und übermütiger zu machen.

Westindien.Wie bereits erwähnt (Seite 70), behielt Westindien nach Ausbruch des förmlichen Krieges zwischen England und Frankreich 1744 als Kriegsschauplatz nicht mehr die Bedeutung, die es während des Krieges zwischen England und Spanien allein gehabt hatte. Engländer wie Franzosen sandten zwar des öfteren nicht unbedeutende Seestreitkräfte in diese Gewässer, doch hatte keine Partei jemals eine derartig überlegene Flotte draußen, um größere Schläge zu planen. Es muß besonders für England wundernehmen, daß es in den nächsten Jahren nicht imstande gewesen ist, die volle Seeherrschaft zu erringen. Aber die Streitkräfte der Jamaikastation waren meistens denen der Spanier bei Kuba und denen der Franzosen bei Haiti nur eben gewachsen und die Antillenstation war häufig sogar schwächer; von dieser wurden in den Jahren 1745 und 1746 mehrfach Geschwader zur Verwendung in Nordamerika abgezweigt.

So beschränkten sich denn die Gegner darauf, die eigenen Besitzungen, sowie abgehende und ankommende Konvois zu decken und den Verkehr des Feindes zu stören. Die Engländer waren wohl häufiger die Angreifer, und es gelang ihnen auch zuweilen, größere französische Konvois zu nehmen oder doch zu zerstreuen, mehrfach aber glückte es auch den Franzosen, Handelsgeschwader hinaus- oder heimzuführen. Hierin zeichnete sich besonders der Kapitände Conflansaus; 1745 machten sie sogar einen Angriff auf die Insel Anguilla und landeten 600 Mann, die jedoch von den Einwohnern selber zur Wiedereinschiffung gezwungen wurden, obgleich diese nur über 100 Bewaffnete geboten. Auf die Bewegungen der kleinen Geschwader und der Konvois sowie auf die unbedeutenden Zusammenstöße näher einzugehen, würde ermüden; man findet sie in den Spezialquellen (z. B. Clowes, Band III, Troude, Band I, Lacour, Band I).Der Kleine Krieg, die Schädigung des feindlichen Handels durch Freibeuter und einzelne Kriegsschiffe, dürfte — wie es bis 1744 der Fall gewesen, weil die Engländer ihre Kräfte damals zu den Unternehmungen gegen spanische Städte zusammenhielten — weiter zu ihrem Nachteil ausgefallen sein, solange sich die Seestreitkräfte der Gegner ungefähr die Wage hielten, da der größere englische Handel eben mehr Angriffsgelegenheiten bot.

Erst im letzten Jahre des Krieges wurde es anders, als die Marine Frankreichs lahmgelegt war.Das Jahr1748 bringt denn auch größere Unternehmungen der Engländer, und zum ersten Male seit langer Zeit läßt die spanische Flotte wieder von sich hören, und zwar Günstiges.

Angriffe der Engländer auf Port Louis und Santiago de Cuba.Im Februar 1748 verließKontreadmiral Knowlesmit 7 Linienschiffen, 1 Schiff zu 50 Kanonen und 2 kleineren Jamaika, um Santiagode Cuba anzugreifen. Andauernde nördliche Winde hinderten ihn jedoch, dieses Ziel zu erreichen und er wandte sich gegenPort Louisan der Südküste Haitis. Hier konnten die Schiffe auf Pistolenschußweite an die Befestigungen herangeführt werden und kämpften diese bald nieder. Den 257 Kanonen einer Breitseite des englischen Geschwaders standen nur 78 in den Werken gegenüber; der Angriff eines spanischen Branders wurde durch Boote abgeschlagen, zwei andere Fahrzeuge dieser Art vernichtete man auf ihren Liegeplätzen, ehe sie zum Angriff kamen. Die Stadt kapitulierte am 8. März; die Angreifer hatten 70 Tote und Verwundete verloren, die Spanier 160 von den 600 Mann der Garnison. Dann segelte Knowles nachSantiago de Cuba. Dies war stärker befestigt als zur Zeit der Berennung durch Vernon. Trotzdem wollte Knowles die Einfahrt erzwingen, mochte auch Vernon der Windverhältnisse wegen einen derartigen Versuch für aussichtslos gehalten haben. Als jedoch die dazu bestimmten Schiffe festgestellt hatten, daß die Einfahrt mittels einer Floßsperre und dahinter bereitgehaltener Brander verteidigt war, gab man die Angriffe auf und kehrte nach Jamaika zurück.

Das Gefecht vor Havanna, 1. Oktober 1748.Später erfuhrKnowles, daß in Havanna die Silberflotte von Vera Cruz erwartet würde. Er ging mit 5 Linienschiffen in See und kreuzte bei den Tortugasbänken. Kurz vorher hatte ein nach England bestimmter Konvoi, gedeckt durch ein Linienschiff, Jamaika verlassen und war wegen der Windverhältnisse gleichfalls durch die Floridastraße gesegelt, anstatt wie üblich durch die Windwardpassage. Dieser Konvoi traf am 29. September auf ein spanisches Geschwader; der Führer des Linienschiffes befahl seinen Schutzbefohlenen, sich zu zerstreuen, während er selber Knowles aufsuchte und auch schon am nächsten Tage fand. Das englische Geschwader — 1 Schiff zu 80 Kanonen (das Flaggschiff), 1 zu 70, 4 zu 60, 1 zu 50 — stieß am 1. Oktober zwischen den genannten Bänken und Havanna auf das spanische — 2 Schiffe zu 74 Kanonen, 4 zu 64, 1 Fregatte zu 36 unterKontreadmiral Spinola— griff sofort an und trug den Sieg davon.

Die Spanier nahmen den Angriff in guter Ordnung, Kiellinie beim Winde, auf, während von den Engländern zwei Schiffe noch zurückstanden; als um 2 Uhr nachmittags das Nahgefecht begann, scheint der Kampf anfangs nicht günstig für die Engländer verlaufen zu sein. Das englische Flaggschiff wurde von dem spanischen so warm empfangen, daß es schon nach einer halben Stunde die Linie verlassen mußte. Während es ausbesserte, trieb durch Zufall auch ein beschädigtes spanisches Schiff (64 Kanonen) in seine Nähe und wurde nun nach hartnäckiger Verteidigung durch das weit überlegene englische genommen. Dieser Erfolg wird besonders dem Umstande zugeschrieben, daß der Spanier dreimal durch Mörserfeuer[61]des Engländers in Brand geschossen wurde. Inzwischen hatten die zurückgebliebenen englischen Schiffe in[99]den Kampf eingegriffen und der spanische Admiral brach um 8 Uhr abends das Gefecht ab. Die Spanier verloren 86 Tote und 197 Verwundete, die Engländer 59 und 120. Erstere erreichten Havanna, büßten aber noch ein zweites Schiff ein, das wegen seiner Beschädigungen vor dem Hafen ankern und zwei Tage später verbrannt werden mußte, als sich die Engländer näherten.

Der Sieg war aber bei etwa gleichen Kräften für die Engländer ungewohnt schwer zu erringen gewesen.Admiral Knowles wurdedenn auchvor ein Kriegsgericht gestelltunter der Anklage, angegriffen zu haben, ehe sein Geschwader zusammen und in der vorgeschriebenen Ordnung gewesen sei (also ähnlich wieMathewsbei Toulon). Er kam aber mit einem Verweise davon, obgleich man ihm auch noch vorwarf, daß er nach dem Ausfall seines Flaggschiffes nicht auf ein anderes Schiff übergegangen sei.

Nach dem Gefecht kreuzte das Geschwader weiter, um die Silberflotte abzufangen, bis der Befehl eintraf, die Feindseligkeiten wegen bevorstehenden Friedensschlusses abzubrechen.

Ostindien[62]. Hier stand Frankreichs Sache vor Ausbruch des Krieges sehr günstig. Die französische Kompagnie schien der englischen den Rang ablaufen zu wollen; um 1740 beschäftigte sie 40 Schiffe, und auch der Handel mit China hatte bedeutend zugenommen. Ihr Besitz bei Pondichery war unter dem GouverneurDumasin den Jahren 1739–1741 auf friedlichem Wege durch Gewinnung der Stadt Karikal bei Negapatam sehr erweitert; die Station Chandernagor am Ganges hatte unterDupleixgroße Fortschritte gemacht; die Inseln Isle de France und Bourbon waren unterLabourdonnayeleistungsfähige Stützpunkte auf dem Wege nach Indien geworden. 1741 übernahm Dupleix an Stelle des erkrankten Dumas die Station Pondichery; in ihm und Labourdonnaye besaß Frankreich bei Ausbruch des Krieges zwei hervorragende Männer in Indien. Wenn diese in richtiger Weise zusammengearbeitet hätten und von der Heimat genügend unterstützt worden wären, so hätten sie die englischen Niederlassungen vielleicht zugrunde richten können, beides aber traf nicht zu.

Bertrand FrançoisMahé de Labourdonnaye, Offizier der ostindischen Kompagnie und seit 1735 Gouverneur der Maskareneninseln, befand sich 1740 in Frankreich. Da der Krieg mit England vorauszusehen war, stellte er der Regierung vor, wie wichtig es sei, sich bei dessen Ausbruch mit starken Seestreitkräften sofort die Herrschaft in den indischen Gewässern zu sichern, um den Handel Englands lahmzulegen und die englischen Besitzungen wegzunehmen. Die Regierung ging hierauf ein und bewirkte, daß ihm die Kompagnie bei seiner Rückreise (April 1741) fünf große wohl ausgerüstete Schiffe mit 1200 Seeleuten zur Verfügung stellte. Dieses Geschwader sollte auch alsbald nützlich werden; mit seiner Hilfe wurde im Dezember 1741Mahébefreit, das auf Betreiben der Engländer durch einige indische Fürsten bedroht war. Als aber Labourdonnaye dann wieder in Isle de France eintraf, erhielt er Befehl, die Schiffe nach Frankreich zurückzusenden. Die Kompagnie war nämlich dem Kriege abgeneigt. Sie hoffte, sich mit der englischen Kompagnie über Neutralität zu einigen;[100]sie fürchtete auch wohl, von der eigenen Regierung zu abhängig zu werden, wenn die Gouverneure, wie es bei Labourdonnaye geschehen war, zuviel Gewalt über die Beamten der Kompagnie erhielten. Die Regierung, schwankend, wie sie unter Ludwig XV. stets war, ließ sich davon überzeugen, daß sich bei dem Interesse, das beide Kompagnien am Frieden hätten, ein Kampf in Indien sicher vermeiden lassen würde. So sah sichLabourdonnayebei Ausbruch des Krieges auf seine eigenen Kräfte angewiesen.

Der GouverneurJoseph François Dupleix, Sohn eines Direktors der Kompagnie und in deren Verwaltungsdienste aufgewachsen, hatte gleichfalls große Pläne. Er beabsichtigte, ohne die Handelsbeziehungen außer acht zu lassen, in Indien ein Reich zu gründen, in dem Frankreich über eine große Anzahl eingeborener Vasallenfürsten herrschen sollte. Aber auch dieser Plan fand keinen Anklang bei der Kompagnie. Sie wollte sich möglichst auf den Handel beschränken und fürchtete auch wohl, daß ein derartiges Vorgehen die Erhaltung des Friedens unmöglich machen würde. 1743 erhielt Dupleix den Befehl, alle Ausgaben für Bauten, Befestigungen usw. tunlichst einzuschränken. So war auch er auf eigene Kraft allein angewiesen; die von ihm auf höhere Anordnung 1744 eingeleiteten Unterhandlungen mit dem englischen Gouverneur in Madras behufs eines Neutralitätsabkommens wurden abgelehnt, da die Engländer eine Flotte erwarteten.

Labourdonnaye und Dupleixgerieten im Verlauf der Ereignisse durch eine ernste Meinungsverschiedenheit über die Maßregeln zur Durchführung des Kampfes inZwiespalt. Labourdonnaye sah als Seeoffizier den Kampf um die Seeherrschaft als die erste und wichtigste Aufgabe an, Dupleix hatte mehr die Eroberungen am Lande im Auge. Es ist wohl sicher, daß die Seeherrschaft nicht nur für den Krieg, sondern auch für die großen Pläne Dupleix' überhaupt nötig war; auch ein französischer Autor, der sonst diese Pläne hoch einschätzt, Henry Martin, sagt in seiner „Histoire de France“: „Schwäche zur See war der Hauptgrund, der die Fortschritte Dupleix' hemmte.“

Anfangs waren beide Männer von feurigem Patriotismus beseelt, einig, und beide bereiteten sich mit den ihnen zu Gebote stehenden Mitteln auf den Krieg vor.Dupleixbefestigte auf eigene Faust und zum Teil auf eigene Kosten Pondichery und knüpfte enge Verbindungen mit indischen Fürsten. DerNabob von Carnaticerklärte infolgedessen, daß Pondichery unter dem Schutz des Mogul stehe und daß dieser jeden Angriff der Engländer auf französische Besitzungen an der Koromandelküste verbiete, aber allerdings auch die Franzosen hindern werde, gegen die englischen Niederlassungen vorzugehen.Labourdonnayehielt in Isle de France alle Schiffe an, rüstete die dazu geeigneten so gut wie möglich zum Kriegsdienste aus und bildete sich aus den Besatzungen Kriegsschiffsmatrosen sowie Soldaten heran. Da dies jedoch geraume Zeit erforderte und da auch die Engländer sich vorläufig noch nicht stark genug zum Angriff fühlten, verliefendie Jahre 1744 und 1745ohne besondere Ereignisse. Die englische Kompagnie hatte wohl die Absicht gehabt, gegen Pondichery vorzugehen, gab sie jedoch infolge der Drohung des Nabob von Carnatic auf; ein englisches Geschwader unterKommodore Barnet, das 4 Linienschiffe und 2 Fregatten stark 1744 eingetroffen war, begnügte sich damit, im Golf vonBengalen französische Schiffe aufzubringen und Pondichery von der See abzuschneiden.

AlsAnsonnach England zurückgekehrt war, sandte manBarnetden Befehl, wenn möglich auch 1744 die spanische Galeone wegzufangen, die jährlich zwischen Manila und Mexiko fuhr, wie es ersterem 1743 geglückt. Die Verhältnisse in Indien gestatteten aber dem Kommodore nicht, sich so weit zu entfernen, jedoch es gelang ihm im Januar 1745, in der Bankastraße drei große Schiffe der französischen Kompagnie zu nehmen, deren bevorstehende Rückkehr von China man erfahren hatte.

Im Jahre 1746aber fühlte sichLabourdonnaye, zu dem im Januar ein Linienschiff und mehrere Schiffe der Kompagnie gestoßen waren, stark genug zum Handeln. Im April verließ er Isle de France; in einem Zyklon wurden seine Schiffe zwar übel zugerichtet, das Linienschiff völlig entmastet, aber er besserte sie in der Bucht von Antougill auf Madagaskar aus und erschien Ende Juni an der Koromandelküste. Hier kreuzte seit einiger Zeit das englische Geschwader unterKommodore Peyton, der nach Barnets Tode den Befehl übernommen hatte, zwischen dem Fort St. David[63]und Negapatam. Labourdonnaye beschloß, anzugreifen, obgleich seine Schiffe, wenn auch zahlreicher, an Gefechtskraft weit zurückstanden, und schlug den Gegner aus dem Felde.

Gefecht bei Negapatam, 7. Juli 1746.Das französische Geschwader zählte 1 Linienschiff zu 74 Kanonen und 8 Kompagnieschiffe: 1 zu 38, 1 zu 36, 6 zu 30 Kanonen. Es ist schon früher erklärt (Seite 57), weshalb man die Schiffe der Kompagnie trotz ihrer Größe nicht als vollwertige Schlachtschiffe ansehen kann; an Zahl und Kaliber der Geschütze waren sie weit unterlegen, dagegen hatte sie Labourdonnaye stark bemannt und besonders auf Entern eingeübt.Peytonverfügte über 1 Schiff zu 60 Kanonen, 3 zu 50, 1 zu 40 und 1 zu 20 Kanonen.Labourdonnayelag am 7. Juli vor Negapatam, einer holländischen Ansiedlung, zu Anker, und ging sofort in See, als das englische Geschwader bei nördlichem Winde zu Luward in Sicht kam. Er hatte die Absicht, den Enterkampf herbeizuführen, konnte aber nicht herankommen, da sichPeytonmit seinen besser segelnden Schiffen dicht am Winde hielt. So entspann sich nur von 4 bis 7 Uhr nachmittags ein Feuergefecht auf mittlere Entfernungen, in dem die Engländer etwa 60 und die Franzosen gegen 70 Tote und Verwundete einbüßten; die Schiffe wurden wenig beschädigt.Peytonräumte während der Nacht das Feld; er wurde später durch seinen Nachfolger unter Arrest nach England gesandt, aber dort nicht weiter zur Verantwortung gezogen.

Das englische Geschwader gab dem französischen nicht nur den Weg nach Pondichery frei, es ließ sogar Madras ohne Schutz, indem es nach Ceylon segelte.Labourdonnaye, der auf seinen Schiffen bedeutende Gelder und Vorräte für Pondichery an Bord hatte, ging nach diesem Hafen und trat mitDupleixüber weitere Maßnahmen in Beratung.

Von jetzt an wurde das Verhältnis zwischen den beiden Führern gespannt.Labourdonnayewollte vor allem die englischen Seestreitkräfte vernichten. Er bat zu diesem Zweck um Überlassung von 60 schwerenGeschützen für seine Schiffe; Dupleix gab ihm nur leichte, weil er die Werke der Stadt nicht zu sehr schwächen wollte. Das Geschwader lief am 4. August aus, um die Engländer zu suchen. Die Gegner sichteten sich auch, wieder vorNegapatam, am 17.; es kam aber zu keinem Zusammenstoß, obgleich sie drei Tage in Sicht voneinander blieben, daPeytonbeständig auswich. Dieser ging dann auf die Rhede von Pulicat (nördlich von Madras), lag dort längere Zeit untätig und segelte schließlich sogar Anfang September nach Bengalen (bei den vorherrschenden Winden nach Lee!), obgleich Madras inzwischen bedroht war.

Labourdonnaye hatte bei seiner Rückkehr nach Pondichery den Vorschlag gemacht, das Fort St. David anzugreifen; Dupleix hielt diesen Platz für zu unwichtig und verlangte die Vernichtung des englischen Geschwaders oder einen Angriff auf Madras; hiergegen wandte der Admiral wieder ein, die Engländer wichen ihm zur See stets aus, so lange sie jedoch gegenwärtig wären, sei ein Unternehmen gegen Madras zu gewagt — es scheint, als ob er doch die besseren Schiffe des Gegners gefürchtet habe. Durch den Gouverneur mit seinem Rat vor die Wahl gestellt, entweder eine der geforderten Aufgaben zu übernehmen oder sein Kommando niederzulegen, entschloß sich Labourdonnaye endlich Ende August zum Angriff auf Madras. Kurz vorher waren seine Schiffe — er selber lag krank — vor Madras gewesen und hatten die Stadt kurze Zeit beschossen; da nun Peyton selbst daraufhin nicht erschien, ja sogar nach Bengalen ging, von wo er des Windes halber so leicht nicht zurückkommen konnte, brauchte Labourdonnaye mit ihm nicht mehr zu rechnen.

Die Einnahme von Madrasdurch die Franzosen. 21. September 1746. Am 12. September ging die Expedition von Pondichery ab, am 14. wurden 2000 Mann (1000 Europäer und 1000 Indier) gelandet. Madras war in keiner Weise auf eine Belagerung vorbereitet. Als das französische Geschwader in Pondichery eintraf, bat der Gouverneur,General Morse, den Nabob von Carnatic um Beistand, wie es vor zwei Jahren die Franzosen getan hatten; der englische Agent verstieß aber derartig gegen die üblichen Formen, daß er nur eine ausweichende Antwort erhielt und vom Nabob kein Verbot an die Franzosen erging. Dennoch, obgleich auch das Fort St. Georg nur 300 Mann Besatzung hatte, und man von den Seestreitkräften im Stich gelassen war, lehnte der Gouverneur eine Übergabe zunächst ab und kapitulierte erst nach mehrtägiger Beschießung am 21. September. Die Garnison und sämtliche Engländer wurden kriegsgefangen, alle Waren und Güter wie Fort und Stadt Eigentum der Franzosen. Aber bei Abschluß des Übergabevertrages hatte Labourdonnaye durchblicken lassen, daß er geneigt sei, die Stadt gegen ein Lösegeld zurückzugeben; nach der Übergabe begann er darüber mit Morse zu verhandeln, trotzdem Dupleix und sein Rat in Pondichery dem Gedanken auf das schärfste entgegentraten.Diese Angelegenheit führte zum völligen Bruch zwischen Labourdonnaye und Dupleix.

Dupleixhatte gerade am 21. September vom Nabob von Carnatic die Weisung erhalten, die Belagerung sofort aufzuheben, widrigenfalls dieser eingreifen würde. Er antwortete, er wolle Madras, sobald es eingenommen sei, dem Nabob ausliefern; hiervon gab er dem Admiral Kenntnis. Dieser hatte inzwischen dem Gouverneur den Sieg gemeldet und hinzugefügt: „Wenn man die Stadt zerstöre, würden sich die Engländer an einem anderen Platze niederlassen; sie zur französischen Kolonie zu machen, verböte seine Instruktion von 1741, nach der er keine Eroberungen behufs dauernder Inbesitznahme machen dürfe. Er sei für ein Lösegeld; dieses wäre für die Kompagnie und auch für den siegreichen Führer sowie seine Offiziere und Soldaten(!) ein großer Vorteil, und der englische General sei bereit, es in Wechseln auf England zu erlegen.“ Dupleix wollte hiervon nichts hören. Er mußte fürchten, daß England die Wechsel nicht einlösen und daß die nächste englische Flotte die Stadt zurückerobern würde. Er wollte also diese zerstören und durch Zurückgabe ihrer Trümmer dem Nabob gefällig sein, sowie den Engländern schaden. Labourdonnaye setzte aber seine Verhandlungen fort, obgleich Dupleix immer schärfere Sprache brauchte und sogar eine neueingetroffene Verfügung der Kompagnie sandte, nach der der Admiral zwar eine Stimme im Rat haben solle, aber verpflichtet sei, die Beschlüsse dieser Körperschaft durchzuführen. Der Admiral erklärte hierauf, er nähme nur Befehle vom Minister an; die Beamten, die der Gouverneur zur Übernahme der Geschäfte in Madras gesandt hatte, setzte er gefangen[64].

Abgesehen von der Meinungsverschiedenheit über das Schicksal der Stadt und die Art der Kriegführung, haben sicher auch persönliche Beweggründe zum Bruch zwischen den Führern beigetragen. Der Admiral wollte sich nicht unter den Befehl des Rates stellen; der Gouverneur sah sich durch Labourdonnaye in seiner Würde sowie in seinen Rechten verletzt und seine ganze Politik dem Nabob gegenüber in Frage gestellt; auch ging das Gerücht, der Admiral sei von den Engländern bestochen.

Dupleixhatte nicht die Macht, seine Ansicht durchzusetzen, da die Offiziere der Expedition zum Admiral hielten und auch die dreier Linienschiffe, die am 8. Oktober von Frankreich ankamen, sowie die von verschiedenen Kompagnieschiffen, die bisher bei Sumatra gekreuzt hatten, auf dessen Seite traten.Labourdonnayeschloß am 27. September den Vertrag über ein Lösegeld von 421 666 Lstrl. ab, der am 18. Oktober bestätigt und dahin ergänzt wurde, daß Madras am 1. Januar 1747 zurückzugeben sei. Der Admiral hatte sich beeilen müssen, da er der Jahreszeit halber nicht länger an der Küste bleiben konnte; schon am 13. Oktober waren in einem Sturme drei Schiffe gesunken und mehrere schwer beschädigt. Nach notdürftiger Ausbesserung traf er dann am 27. Oktober vor Pondichery ein; er war durch die erwähnten Verstärkungen trotz der Verluste immer noch in der Lage, den Beschlüssen des Gouverneurs und des Rates zu trotzen. Die Uneinigkeit dauerte fort. Um im nächsten Jahre dem Feinde zur See wieder kräftig entgegentreten zu können, verlangte Dupleix, die Schiffe sollten in Atchin überwintern; Labourdonnayes Plan war, sie in Goa gründlich auszubessern und dort noch einige zum Kriegsdienst auszurüsten. Da ihm der Gouverneur Geldmittel, Geschütze und Leute zu diesem Zweck verweigerte, ging er mit den Schiffen seines ursprünglichen Geschwaders über Isle de France nachFrankreich zurück[65]. Die neu herausgekommenen Linienschiffe begaben sich zum überwintern nach Atchin.

Dupleixwar jetzt Herr des eroberten Madras und blieb es während der Dauer des Krieges trotz verschiedener Bedrohungen. Schon Ende des Monats Oktober sandte der Nabob von Carnatic, durch die Engländer veranlaßt, ein Heer von 10000 Mann, da die Franzosen keine Miene machten, die Stadt auszuliefern; Dupleix würde dies getan haben, wenn Labourdonnaye die Befestigungen geschleift hätte, so aber fürchtete er, daß sie wieder in die Hand der Engländer fielen. Er befahl indes, einen Zusammenstoß mit den Indern zu vermeiden. Als diese dann aber eine französische Verstärkung von 1000 Mann auf ihrem Marsche von Pondichery nach Madras angriffen, wurden sie am 4. November blutig zurückgewiesen; dies war der erste entscheidende Sieg von Europäern über Truppen des Mogul. Nun fühlte sich Dupleix sicher in Madras; er erklärte den Vertrag Labourdonnayes für ungültig, beschlagnahmte aufs neue Vorräte und Waren und wies die Engländer aus, die Frankreich nicht huldigten. Diese zogen nach Fort St. David ab.

Angriff der Franzosen auf Fort St. David 1747.Hier und in der benachbarten Stadt Cuddalore befand sich jetzt die englische Verwaltung der Koromandelküste, und von hier aus wurde weiter gegen die Franzosen beim Nabob intrigiert.Dupleixwollte deshalb diese letzten englischen Plätze nehmen. Er sandte im Dezember 1746 von Pondichery 1600 Mann mit 12 Geschützen ab; wider Willen mußte er den Befehl demGeneral de Bury, als dem dienstältesten Offizier, übertragen, einem wenig befähigten und überalterten Manne. Die Engländer verfügten nur über 300 Europäer und 1000 Inder; sie würden wohl unterlegen sein, aber de Bury ließ sich durch den Nabob überfallen und zum Rückzug nötigen.

Alsim Januar 1747die Schiffe von Atchin zurückkamen, hätte ein Angriff wohl Erfolg gehabt, Dupleix sah aber, wohl im Hinblick auf die geringe Befähigung seines Generals, vorläufig davon ab. Er benützte zunächst die Anwesenheit der Schiffe zur Einschüchterung des Nabobs. Dieser, trotz des letzten Erfolges entmutigt und des Krieges müde, ließ sich auch bestimmen, auf die Rückgabe der Stadt Madras zu verzichten und sich von den Engländern loszusagen. Nun erst beschloß Dupleix, vorzugehen. Die Schiffe, die den englischen Seestreitkräften doch nicht gewachsen gewesen wären, schickte er zwar nach Goa, aber er setzte beim Rate die Ernennung eines jungen und befähigten Offiziers — des SchweizerParadis, von Beruf Ingenieur — zum Oberbefehlshaber durch und ließ ihn am 13. März gegen St. David marschieren. Der günstige Augenblick war jedoch verpaßt. Als die Truppen vor dem Fort erschienen, fanden sie auf der Rhede ein starkes englisches Geschwader —3 Schiffe zu 60, 3 zu 50, 3 zu 40, 1 zu 20 Kanonen — vor; zu den Schiffen in den bengalischen Gewässern war nämlich kurz vorher eine Verstärkung unterKontreadmiral Thomas Griffingestoßen, der auch den Oberbefehl an Peytons Stelle übernommen hatte. Paradis mußte nach Pondichery zurück, das nun selber bedroht schien. Die Engländer fühlten sich jedoch zu einem Vorgehen auf dem Lande zu schwach und begnügten sich damit, die französischen Besitzungen von der See abzuschneiden. Dupleix beorderte seine Schiffe in Goa nach Isle de France, um dort Verstärkungen zu suchen. So verging das Jahr 1747 ohne besondere Ereignisse.

Im Juni 1748erschien ein französisches Geschwader, 9 Schiffe stark, von Isle de France an der Koromandelküste; es bestand aus den bei der Insel bereits befindlichen Schiffen und den fünf, die unter dem Befehl des KapitänsBouvet de Lozierder Vernichtung bei Kap Finisterre (vgl. Seite88) entgangen waren. Wieder überwog das englische Geschwader an Gefechtswert, aber Bouvet gelang es, durch geschickte Manöver, den englischen FührerGriffinzu täuschen. Er landete unbelästigt 300 Mann, Vorräte sowie eine größere Geldsumme in Madras und kehrte dann nach Isle de France zurück, weil er Kenntnis von der bevorstehenden Ankunft eines weiteren starken englischen Geschwaders hatte. WährendGriffinin See gewesen war, um Bouvet zu treffen, hatteDupleixden Versuch gemacht, St. David zu überrumpeln; er mißlang, da der neue Kommandant, Major Lawrence, kurz zuvor mit geringen Verstärkungen aus England eingetroffen, auf seiner Hut gewesen war.

Angriff der Engländer auf Pondichery 1748.Jetzt wurde die Lage der Franzosen in Indien bedenklich. Sie waren von Frankreich abgeschnitten und konnten bei dem Zustand der Marine keine Verstärkung ihrer Seestreitkräfte mehr erwarten; der Gegner beherrschte die See und sah neuem Zuzug entgegen. Wäre der letzte Überfall auf St. David gelungen, so hätten die Engländer wenigstens keinen Stützpunkt am Lande gehabt. AberDupleixverlor den Mut nicht. Er befestigte Pondichery weiter und schuf zwei Meilen von der Stadt einen wichtigen Außenposten, Ariancopan, den er Paradis unterstellte.

In England hatte der Fall von Madras Empörung erregt und nicht nur die Kompagnie, sondern auch die Regierung zu großen Aufwendungen veranlaßt. Ende 1747 gingKontreadmiral Boscawenmit 10 Linienschiffen sowie 11 Schiffen der Kompagnie, die viele Vorräte und 1500 Soldaten an Bord hatten, in See; am Kap der Guten Hoffnung schlossen sich 6 Schiffe der holländisch-ostindischen Kompagnie mit 400 Mann an. Eine derartig große europäische Flotte hatte der Osten bisher noch nicht gesehen.

Boscawen sollte zunächst die Inseln Isle de France und Bourbon wegnehmen.Er erschien am 4. Juli 1748 vor Isle de France, da er jedoch nach seinen Erkundungen die Insel für zu stark befestigt und besetzt hielt, segelte er drei Tage später nach Indien weiter, zumal da die Jahreszeit für Unternehmungen an der Koromandelküste schon reichlich vorgerückt erschien. Allerdings hatte man in Isle de France alles möglichefür die Befestigungen getan, aber es standen nur 500 Soldaten und 1000 Seeleute zur Besetzung bereit; ein Angriff wäre mithin nicht aussichtslos gewesen. Am 11. August erreichte die Flotte St. David und vereinigte sich mit dem dort schon befindlichen Geschwader. Nachdem man einige Schiffe von diesem, die schon lange draußen waren, heimgesandt und einige andere zu besonderen Zwecken abgezweigt hatte, verfügteBoscawenan Kriegsschiffen über 1 zu 74, 1 zu 64, 4 zu 60, 4 zu 50, 4 zu 8–24 Kanonen und mit den vielen armierten Ostindienfahrern insgesamt über 30 gefechtsfähige Segel. Am Lande standen, einschließlich der Seesoldaten der Schiffe, gegen 5200 Mann Fußtruppen (darunter 3700 Europäer) und etwa 2000 eingeborene Reiter.Dupleixhatte nur 1800 Europäer und 3000 Inder. Trotzdem wurdeder Angriff auf Pondicheryabgeschlagen.

Admiral Boscawenleitete den Angriff am Lande. Am 18. August rückten die Truppen von St. David gegen Pondichery vor und schlossen die Stadt ein, die durch die Flotte unterKapitän Lisleblockiert wurde.Dupleixverteidigte sich mit größter Bravour und verlor auch den Mut nicht, als Truppen des Nabob zu den Engländers stießen (wohl die schon erwähnte indische Reiterei). Ein Angriff auf das Außenwerk Ariancopan wurde blutig zurückgeschlagen und bei einem Ausfall aus ihm sogar der tüchtigste englische Offizier, MajorLawrence, gefangen genommen; leider fiel auch Paradis dabei. Das Fort mußte dann allerdings infolge einer Explosion geräumt werden; die weitere Berennung der Stadt machte jedoch keine Fortschritte, obgleich sich noch die Flotte an der Beschießung beteiligte. Die Schiffe konnten des flachen Wassers halber nicht nahe genug herankommen; die englischen Quellen schieben die Schuld im übrigen auf die Unfähigkeit der Landoffiziere, insbesondere der Ingenieure. Als die Regenzeit einsetzte und die Truppen schwer unter Krankheit litten, mußten die Engländer die Belagerung aufgeben; sie gingen am 14. Oktober nach St. David zurück. Die Franzosen hatten 200 Europäer und 50 Eingeborene verloren, die Engländer büßten 1065 Tote ein. Bemerkenswert ist, daß bei dieser Belagerung derFähnrich Clive, der später so berühmte Gouverneur von Indien, zuerst von sich reden machte.

Dieser Mißerfolg war ein großer Schlag für die Engländer.Das Ansehen der Franzosen, insbesondere des Generalgouverneurs Dupleix, wuchs bei den eingeborenen Fürsten ungemein; viele dieser sandten Glückwünsche.Dupleixrüstete nun seinerseits wieder zum Angriff. Zu Anfangdes Jahres 1749trafen 200 Soldaten sowie einige Geldmittel von Frankreich ein, auch kamen 7 Schiffe von Isle de France nach Madras; ehe jedoch die Feindseligkeiten wieder aufgenommen wurden, erhielt man Kenntnis vom Friedensschluß. Die englische Flotte, die nach der Belagerung von Pondichery während der schlechten Jahreszeit nach Atchin und Ceylon gegangen war, kehrte im Januar 1749 gleichfalls nach St. David zurück; sie beschränkte sich jedoch, von dem Frieden schon unterrichtet, auf die Beobachtung des französischen Geschwaders in Madras.

Im Frieden zu Aachen wurde, wie schon bekannt,Madras gegen Louisbourg an England ausgeliefert. Die Übergabe erfolgte im August 1749 und war ein schwerer Schlag für Dupleix, der schon bedeutende Mittel für bessere Befestigung aufgewendet hatte. Die Engländerernteten nun die Früchte seiner Arbeit und besetzten auch sogleich noch den ehemalig portugiesischen Platz Sao Tomé, vier Meilen südlich von Madras gelegen.

Im übrigen Indienwaren kriegerische Ereignisse nicht vorgekommen. InBengalen, wo beide Völker Niederlassungen in naher Nachbarschaft besaßen, hatte dies der Nabob des Moguls verhindert; er erhob von beiden Seiten Kontributionen, von den Engländern etwa 100000 Lstrl.Der Handel der englisch-ostindischen Kompagniehatte sich während des Krieges sogar gehoben, da die englischen Seestreitkräfte den der anderen Staaten lahmlegten. Die englische Ausfuhr nach Indien stieg von 568000 Lstrl. (1745) auf 834000 Lstrl. (1748).

Über den Kampf um den Handel — Schutz des eigenen, Schädigung des feindlichen — im Österreichischen Erbfolgekriege enthalten die Quellen nicht so genaue Angaben wie bisher. Gelegentliche Andeutungen rufen den Eindruck hervor, als ob diese Art der Kriegführung nach der langen Friedenszeit auf beiden Seiten nicht mit der gleichen Tatkraft betrieben worden sei wie in den früheren und auch wieder in den nächstfolgenden Kriegen[66]. In Frankreich fehlt das planmäßige Vorgehen mit eigens dazu gebildeten Divisionen, wie es die Minister Pontchartrin, Vater und Sohn, in den Kriegen 1688–1697 und 1702–1713 vorbereitet hatten; die Marine war bei ihrer jetzigen Schwäche durch die Bestrebungen zum Schutze der Kolonien vollauf in Anspruch genommen.

Auch England leistete im Kleinen Kriege nicht das, was man bei seiner Überlegenheit zur See hätte erwarten können; hier lag der Grund wohl in der zur Zeit herabgesetzten Leistungsfähigkeit der Marine. Der Kampf um den Handel in Westindien wurde, wie erwähnt, englischerseits nicht mit genügender Kraft durchgeführt, weil man bis 1744 die Seestreitkräfte zu schließlich doch unfruchtbaren Unternehmungen gegen spanische Niederlassungen zusammenhielt und weil man nach diesem Jahre den vereinigten Gegnern nicht überlegen genug war, um die See zu beherrschen.

Aber auch in den europäischen Gewässern waren die englischen Seestreitkräfte sowohl während des Krieges mit Spanien allein, wie später an der spanischen Küste und im Mittelmeer nicht imstande, den eigenen Handel genügend zu schützen; im Kanal und in der Biscaya war dies ja bei der günstigen Lage französischer Häfen als Stützpunkte für Kreuzer und Freibeuter auch früher schon schwierig gewesen. Erst von 1747 an wurde es überall leichter, als die Marine Frankreichs vom Meere verschwunden und auch seine Kaper größtenteils weggefangen waren. „20000 Matrosen, dieBesatzungen der Freibeuter,“ sagt Bonfils, „schmachteten in englischen Gefängnissen.“ Andrerseits war nach und nach frischeres Leben in die englische Marine gekommen und man hatte die Zahl der für den Kleinen Krieg besonders geeigneten Schiffe wesentlich vermehrt.

Damit soll nun aber keineswegs gesagt sein, daß der Kampf um den Handel keine bedeutende Rolle in diesem Kriege gespielt habe. Bei der Schilderung der kriegerischen Ereignisse sind die Operationen und Kämpfe um größere Konvois bereits zur Sprache gekommen. Von beiden Seiten kreuzten außerdem zahlreiche Kriegsschiffe und Freibeuter, und in Frankreich wurden, wie schon in den früheren Kriegen, Schiffe der königlichen Marine Privatpersonen zu diesem Zwecke überlassen.Die Verluste an Handelsschiffenbezeugen den bedeutenden Umfang des Kleinen Krieges.Es verloren: die Spanier 1249, die Franzosen 2185 = 3434 Schiffe. Die Engländer durch Spanier 1360, durch Franzosen 1878 = 3238 Schiffe. Man darf jedoch aus diesen Angaben weder schließen, daß die Gegner Englands tätiger gewesen seien, noch daß der englische Handel im großen ganzen ebenso gelitten habe wie der seiner Feinde. Da die Schiffahrt Englands weit bedeutender war, bot sie mehr Angriffsgelegenheit, und aus gleichem Grunde steht die Zahl der verlorenen Schiffe für England in einem ganz anderen Verhältnis zur Gesamtzahl der Handelsfahrzeuge, als bei Spanien und Frankreich. Die Schiffahrt dieser Länder war durch den Verlust nahezu lahmgelegt, ihr Handel vernichtet, der englische durchaus nicht. Da ferner viele den Spaniern abgenommene Schiffe einen ungeheuren Wert hatten, war der durch die Prisen gemachte Gesamtgewinn Englands größer als sein Gesamtverlust; man nennt einen Überschuß von 2 Millionen Lstrl. Ferner hemmte der Ausfall der verlorenen Schiffe keineswegs den Handel des Landes; dieser nahm sogar zu, je mehr der der andern Völker abnahm. Nach Zimmermann (Band II, Seite 311) hatte der Gesamthandel Englands 1744 einen Wert von 17791000 Lstrl., im Jahre 1748 aber einen solchen von 20487000 Lstrl.

Die Ergebnisse des Kleinen Krieges haben sicher dazu beigetragen, beide Parteien dem Frieden geneigter zu machen. In Frankreich verschlechterten sie die ohnehin schon bedenkliche Finanzlage noch wesentlich, aber auch in England wurden trotz der günstigen Bilanz zwischen Gewinn und Verlust sowie der Zunahme des Handels im allgemeinen die betroffenen Kreise des Krieges müde.

Der besprochene Seekrieg ist der Anfang einer fast ununterbrochenen Reihe von Kämpfen zwischen England und Frankreich im 18. Jahrhundert, aus denen England schließlich als Alleinherrscherin auf dem Meere und als erste Kolonialmacht hervorging. Er brachte in letzter Beziehung noch keine Ergebnisse von Bedeutung, wie denn der Österreichische Erbfolgekrieg überhaupt nahezu ergebnislos blieb. Auch die Kriegführung selber in ihm erwecktnicht das gleiche Interesse wie in den anderen großen Seekriegen. Er regt aber doch zur Betrachtung verschiedener Punkte an, die in geschichtlicher, insbesondere seekriegsgeschichtlicher Hinsicht bemerkenswert und lehrreich sind. Im Nachstehenden soll versucht werden, diesen kurz gerecht zu werden.

Das unmittelbare Eingreifen des Seekrieges in den Landkriegwar gering; es beschränkte sich auf den Kriegsschauplatz in Norditalien. Gemeinsame Waffentaten von Bedeutung, wie z. B. Angriffe auf Küstenstädte der See- und Landstreitkräfte, sind jedoch auch hier nicht zu verzeichnen und kommen nur im Kolonialkriege vor. Mehr tritt die Tätigkeit der Flotten bei den Versuchen Spaniens und Frankreichs hervor, die Verbindung ihrer in Italien fechtenden Truppen mit der Heimat aufrecht zu halten, sowie in dem Bestreben Englands, dieses zu verhindern. Der Einfluß der Seestreitkräfte auf den Verlauf des Landkrieges ist denn auch zu bemerken. Eine französisch-spanische Flotte deckte im Winter 1741/42 das erste Landen der Spanier in Italien. Aber schon das Versprechen Englands, im Mittelmeere eine starke Flotte halten zu wollen, brachte Sardinien auf die Seite Österreichs. Englische Geschwader hinderten dann tatsächlich 1742/43 den weiteren Nachschub von Verstärkungen für das spanische Heer und zwangen Neapel, seine Hilfstruppen zurückzuziehen; dem Vordringen der Spanier und Franzosen am Lande wurde um diese Zeit ein Ziel gesetzt. Nach der für Englands Seemacht nicht ruhmreichen Seeschlacht von Toulon (1744) dagegen, und als 1745 die verminderte englische Flotte im Mittelmeer ihre Aufgaben nicht voll zu lösen vermochte, beteiligte sich Neapel wieder am Kriege, und es gelang den Franzosen, ihr Heer in Italien auch über See zu unterstützen; wir finden die französisch-spanisch-neapolitanischen Truppen in Piemont und in der Lombardei im Vorteil.

1746 vertreiben die Österreicher ihre Gegner aus Italien und bedrohen sogar die Provence; allerdings hatten sie durch den Frieden mit Preußen freiere Hand gewonnen, aber auch die englische Flotte trat in diesem Jahre wesentlich verstärkt auf. In den meisten Schilderungen des Krieges wird der Einfluß der englischen Seemacht nur in Hinsicht auf das Verhalten Sardiniens und Neapels gewürdigt; es dürfte jedoch wohl kein Zufall sein, daß die Kriegslage überhaupt stets dann für Österreich günstiger stand, wenn die englische Flotte die See beherrschte. Wir wollen jedoch nicht behaupten, daß der Einfluß der Seemacht hierbei den Ausschlag gegeben habe.

Der mittelbare Einfluß des Seekriegesauf den großen europäischen Landkrieg ist bedeutend gewesen. Alles in allem wurde Frankreich durch den Mangel an einer starken und leistungsfähigen Marine gezwungen, die im Landkriege errungenen Vorteile aufzugeben, während England seine Stellung mit Hilfe der Seemacht rettete, obgleich es nicht einmal den besten Gebrauch von ihr machte. Um dies zu erweisen, müssen wir zunächst aufdie Verhältnisse Frankreichs vor dem Kriegeeingehen. In der langen Friedenszeit hatte dieser Staat aufs neue begonnen, seinen Seehandel und seinen Kolonialbesitz zu heben. Man behielt aberstets eine europäische Gebietserweiterung im Auge und ließ sich dadurch bei der ersten geeigneten Gelegenheit in einen Festlandskrieg verwickeln, obschon ein gleichzeitiger Seekrieg mit England vorauszusehen war. Bei Ausbruch des Österreichischen Erbfolgekrieges spielte schon der Kampf auf dem Meere zwischen England und Spanien, und Frankreich war durch Vertrag gebunden, Spanien zu decken, außerdem bedrohte die Eifersucht zwischen den englischen und den französischen Kolonien stets den Frieden. Der große Landkrieg sog dann die Hilfsquellen des Landes auf; man hatte aber, um England nicht zu reizen, die Marine verfallen lassen und damit den Seehandel und die Kolonien, die Haupthilfsquellen, des Schutzes beraubt. Während des Krieges war man nicht imstande — auch wohl aus Mangel an Einsicht für die Bedeutung des Seekrieges kaum geneigt —, die Marine zu stärken; diese brach schließlich zusammen.

Da ist es kein Wunder, daß der Seekrieg für Frankreich so ungünstig verlief, daß die Vernichtung des Handels und die dadurch beschleunigte Erschöpfung des Landes sowie endlich der drohende Verlust der Kolonien wesentlich zu einem Friedensschluß beitrugen, der bei den Erfolgen im Landkriege eigentlich demütigend war. Hätte Frankreich eine Marine besessen, die der englischen entgegentreten konnte, wenn sie dieser auch nicht gewachsen war, so würde es dank seiner Gewalt über die österreichischen Niederlande und über Maastricht günstigere Friedensbedingungen haben durchsetzen können.

Die Kriegführung Frankreichs zur Seeentsprach der Schwäche seiner Marine; sie mußte sich auf die Verteidigung beschränken. So finden wir denn auch nur zwei ernstliche Versuche, zum Angriff überzugehen: das eine Mal, als man noch vor der Kriegserklärung beabsichtigte, überraschend in England einzufallen (1744), das andere Mal, als die starke Expedition nach Nordamerika entsandt wurde (1746). Die Vorbereitung zu einem Einfall in England (1745), um die Erhebung Schottlands zu unterstützen, ist wahrscheinlich mehr als eine Demonstration anzusehen. Die Marine beschränkte sich darauf, den eigenen Handel zu schützen, den englischen zu schädigen und den Kolonien Verstärkungen zuzuführen. Selbst wenn die Regierung der Seemacht höhere Aufgaben gestellt hätte und Führer von hoher Begabung vorhanden gewesen wären, würde ein Kampf um die Seeherrschaft kaum Erfolge erzielt haben, die von größerem Einfluß auf den Krieg im allgemeinen sein konnten; wahrscheinlich wäre nur der Zusammenbruch der Marine beschleunigt worden. Die untergeordneten Aufgaben hat sie aber einige Jahre hindurch nahezu gelöst.

Zwei neuere französische Marineschriftsteller äußern sich sehr verschieden hierüber:Lacour-Gayetschreibt (Seite 189): „Was fehlte, um die Führer von Verdienst und die tapfern Schiffsbesatzungen zum Erfolge zu führen? Der feste Wille der Regierung, die Marine ihren Teil an der großen Politik nehmen zu lassen! Man benutzte sie zu zwar bemerkenswerten, aber untergeordneten Unternehmungen, wie die Kreuzfahrten nach Westindien. Für die entscheidenden Kriegshandlungen aber, wie den Einfall in England, die Wiedereroberung von Louisbourg, die Kämpfe in Ostindien,[111]schien man sie nur widerwillig heranzuziehen; hier bewilligte man nur so ungenügende Mittel, daß das Mißlingen vorauszusehen war.“

Chabaud-Arnault sagt dagegen (Seite 158; hier gekürzt): „Die meisten unserer Geschichtschreiber verurteilen den Minister, der die Verwendung der Marine leitete. Sie gehen viel zu weit! Unsere Marine war infolge der schändlichen Politik Fleurys völlig ungenügend für ihre wichtige Aufgabe. Sie konnte nicht um die Seeherrschaft kämpfen und widmete sich deshalb der einzig möglichen Kriegführung: der Begleitung von Konvois und der Störung des feindlichen Handels. Hierbei ging sie zugrunde, aber sie hatte Erfolge, die nicht zu verkennen sind. England wollte uns die Kolonien nehmen; es ist ihm nicht gelungen und sein Handel ist zum Teil vernichtet.“ Die Auffassung Chabaud-Arnaults dürfte unserem Erachten nach den Verhältnissen entsprechender sein.

Die Kriegführung Spanienswar durchaus schwächlich. In den europäischen Gewässern verlautet mit Ausnahme der Truppenüberführung 1741 nach Italien und der Schlacht vor Toulon 1744 nichts von spanischen Flotten oder Geschwadern. Der Zustand der Marine muß trostlos gewesen sein. Welch eine lange Zeit gebrauchte die Flotte in Toulon, um segelfertig zu werden, obgleich die Franzosen sie mit Material, Mannschaften, ja selbst Offizieren unterstützten! In Westindien stand es ähnlich. Von den nicht unbedeutenden Kräften (18 Linienschiffe), die hier 1740 versammelt waren, wurde nur ein Drittel dazu bestimmt, die bedrohten Besitzungen in Mittelamerika zu decken; diese Schiffe (6) gingen in Cartagena verloren. Der Rest lag fast tatenlos, sich gewissermaßen an die Franzosen in Haiti anlehnend, in Havanna, nur auf den Schutz dieser Stadt und wohl auch auf den eigenen bedacht. Von hier aus scheinen sie, wie das Zusammentreffen mit den Engländern (1748) zeigt, in nächster Nähe gekreuzt zu haben, aber sie machten nicht einmal den Versuch, einzugreifen, als der Feind vor Santiago de Cuba stand. Infolge der Fehler der Engländer war Spanien längere Zeit erfolgreich im Kleinen Kriege durch Freibeuter und auch, besonders in den europäischen Gewässern, durch einzelne Kriegsschiffe; von diesen fielen jedoch manche den Engländern zum Opfer. In mehreren dieser Einzelgefechte haben sich übrigens spanische Schiffe tapfer geschlagen, so auch das Geschwader vor Havanna.

Die Kriegführung Englandsentsprach nicht seiner Überlegenheit zur See. Die englische Marine war 1739 fast dreimal so stark als die spanische. Trotzdem hatten die Angriffe auf spanische Niederlassungen in Westindien — sonst richtig als die geeignetste Maßregel gegen Spanien ins Auge gefaßt — keine durchschlagenden Erfolge, im Mittelmeer wurde die Verbindung Spaniens mit Italien nicht völlig abgeschnitten und selbst im Kleinen Kriege war England nicht im Vorteil. Überall und besonders in Westindien hätte man mit stärkeren Streitkräften auftreten müssen, um so mehr, als man doch damit rechnen konnte und auch tatsächlich rechnete, daß die Franzosen eingreifen würden. Als der Krieg mit Frankreich dann wirklich ausbrach, war die Überlegenheit auf seiten Englands zwar nicht mehr so groß, aber immer noch vorhanden und wuchs fortlaufend beträchtlich; England trat aber auch weiterhin außerhalb des Kanals nur selten mit genügender Kraftauf, und so währte es lange, bis die englische Marine die See beherrschte. Erst im letzten Jahre des Krieges vermochte England die französische Marine lahmzulegen, die Gegner von ihren Kolonien sowie von Italien völlig abzuschließen und den Vorteil im Kleinen Kriege ganz auf seine Seite zu bringen.

Hierdurch wurde nun allerdings Frankreich zum Frieden bestimmt, aber auch England wünschte ihn, da es seinen Verbündeten, Holland, arg gefährdet sah und weil der Krieg schon bedeutende Kosten verursacht hatte; das Geld begann knapp zu werden und jetzt versuchte sogar Holland bei ihm zu borgen. England hatte in dem langen Kampfe den Handel und die Marinen der Gegner für den Augenblick vernichtet; es mußte sich aber mit einem Frieden begnügen, der ihm keine Gebietserweiterungen brachte, ja der sogar die Hauptursachen des Krieges — die Entlastung seiner Schiffahrt von spanischem Drucke in Westindien, die Grenz- und Machtfragen zwischen seinen und den französischen Kolonien in Nordamerika und in Ostindien — unerledigt ließ. Bei seiner Überlegenheit zur See hätte man erwarten können, daß es England gelungen wäre, den eigenen Handel vor größeren Verlusten zu schützen, den Kampf in Nordamerika und Ostindien zu einem günstigen Austrag zu bringen, sowie den Gegnern wichtige Besitzungen in Westindien abzunehmen und mit diesen als Pfand einen schnelleren, jedenfalls aber vorteilhafteren Friedensschluß zu erzwingen. England machte jedoch unter einer schwachen Regierung von seiner Seemacht nicht den richtigen Gebrauch. Weder nach einem klaren strategischen Plane noch mit voller Kraft wurde die Marine eingesetzt; eine mittelbare Bestätigung dieser Behauptung wird uns der nächste Krieg bringen, in dem man unterWilliam PittsLeitung den richtigen Weg einschlug. Hierzu kam, daß auch die Leistungsfähigkeit der englischen Marine derzeit zu wünschen übrig ließ.

Die Gründe für die Lähmung der englischen Marinesind also in ihrer mangelhaften Verwendung und in ihrer derzeitigen geringeren Leistungsfähigkeit zu suchen; hierüber noch einige Worte. Es zeigte sich, daß England auf allen auswärtigen Kriegsschauplätzen mit ungenügenden Kräften auftrat. Dies ist wohl für die ersten Jahre neben der Abneigung Walpoles gegen den Krieg den unsicheren Zuständen in England zuzuschreiben. Die Sache der Stuarts war noch lebendig und man wagte nicht, die Heimat zu sehr von Truppen und Schiffen zu entblößen. Hierbei sprach wahrscheinlich noch eine falsche Einschätzung der spanischen und vor allem der französischen Marine mit, gegründet auf die zahlenmäßige Stärke dieser ohne Rücksicht auf ihren geringen inneren Wert. Bekannt ist Walpoles Erklärung vor dem Ausbruch des Krieges 1739, England sei dem vereinigten Spanien und Frankreich nicht gewachsen. Außerdem stand für den König Hannover und damit der Landkrieg im Vordergrund; sein dienstwilliges und schwaches Ministerium fügte sich hierin, anstatt den Seekrieg in richtige Bahnen zu lenken und ihn im richtigen Geist zu führen, selbst nicht, nachdem man die Schwäche der feindlichen Marinen erkannt hatte.William PittsAuftreten schon in dieser Zeit zugunsten der wahren Interessen Englands gegen die hannoversche Politik gab den Anlaß, daß der König so lange zögerte, ihm eine leitende Stellung anzuvertrauen, obgleich die öffentliche Meinung dies forderte. Seine Neigung, das Augenmerk vorzugsweise auf den Landkrieg zu richten, wurde dann dadurch bestärkt, daß Frankreich (seit 1745) den Hauptkriegsschauplatz in die österreichischen Niederlande verlegte[113]und Holland bedrohte; Länder, die England ihm seines eigenen Handels wegen unter keinen Umständen preisgeben wollte. Man erkannte nicht, daß gegen die Erfolge Frankreichs hier gerade das beste Gegengewicht zu gewinnen war, wenn man ihm wertvolle auswärtige Besitzungen als Pfand abgenommen hätte.

Aber auch die Marine selber war nach der langen Friedenszeit nicht in der Verfassung, in der sie hätte sein sollen. Die Verwaltung stand nicht auf der Höhe. Die Zahl der Schiffe ist zwar ungemein groß und wird immer größer, aber mehrfach zeigt sich, daß für die fernen Gewässer bestimmte Geschwader weit später auslaufen, als ursprünglich geplant war. — Englische Quellen fügen oft hinzu: „wie gewöhnlich“ — und auch in den heimischen Meeren scheinen die Flotten nicht immer rechtzeitig bereit gewesen zu sein, so z. B. als im Jahre 1745 ein Einfall der Franzosen drohte. Ferner war der Nachrichtendienst mangelhaft, und so konnten französische Geschwader unbelästigt, ja öfters unbemerkt auslaufen. Auch die anfängliche Überschätzung der Gegner beruhte wohl hierauf. Die Franzosen waren stets weit besser unterrichtet, wie schon unter Ludwig XIV. wohl durch die Anhänger der Stuarts in England. Endlich fehlten im Offizierkorps zu dieser Zeit vielfach der frische Geist und Schneid, die militärische Vorbildung für den Krieg, ja sogar teilweise die Disziplin. Beweise hierfür liefern die Kriegsgerichte über Admiral Lestock und die Kommandanten nach der Schlacht vor Toulon, über Kommodore Peyton nach dem Gefecht bei Negapatam und sein Verhalten nach diesem, sowie über Admiral Knowles nach der Schlacht vor Havanna; ein ähnlicher Fall wie der Peytons ereignete sich noch 1746 in Westindien, wo ein Kommodore (Mitchel) dem Kampfe mit einem schwächeren französischen Geschwader auswich.

Über diese Schwächen im englischen Offizierkorps haben wir uns schon früher (vgl. Seite80ff.) näher ausgelassen und gleichfalls mehrfach darauf hingewiesen, daß bei dem englischen Seeoffizier lange Zeit im 18. Jahrhundert das Interesse für die seemännische Seite seines Berufes die für die militärische überwog; gerade für die Zeit unmittelbar nach den langen Friedensjahren trifft dies ganz besonders zu. Diese Mängel haben sicher nicht nur in einzelnen Fällen ihre Wirkung gezeigt, sondern auch im allgemeinen die Durchführung der Aufgaben der Marine gelähmt, denn bessere Zustände in der Marine und infolgedessen bessere Leistungen würden wohl auch die Tätigkeit des Ministeriums dahin beeinflußt haben, die Seemacht richtiger und kräftiger auszunutzen. Ein Läuterungsprozeß begann vor der Schlacht vor Toulon; seit 1747 ist ja auch schon ein Fortschritt zu erkennen, sein Endergebnis kam jedoch diesem Kriege nicht mehr zugute.

Für die Geschichte derEntwicklung der Taktik(vgl. Seite36ff.) bringt dieser Krieg noch nicht viel Bemerkenswertes; nur zwei rangierte Schlachten wurden geschlagen: Toulon 1744, Havanna 1748. Diese zeigen uns aber die beschränkte Auffassung der Taktik in der englischen Marine, nach beiden werden die Führer kriegsgerichtlich verurteilt, weil sie gegen den Buchstaben der Vorschrift verstoßen haben. — Die zwei Schlachten bei Finisterre gereichen beiden Gegnern zur Ehre. Die englischen Führer nutzen ihre Überlegenheit richtig dadurch aus, daß sie ohne Ordnung so schnell wie möglich angreifen und die Melee herbeiführen; die französischen Admirale halten mit eigener Aufopferung den Gegner fest, um den ihnen anvertrauten Konvois die Möglichkeit der Rettung zu geben.

Angriffe auf die feindliche Küstefanden in diesem Kriege vielfach statt und bestätigen die strategischen und taktischen Lehren, die sich aus den früheren Kriegen ergeben haben[67].

Zu erfolgreichen Unternehmungen gegen die Seegrenze des Gegners ist stets die Beherrschung des Meeres nötig.Der letztbesprochene Krieg bringt 1744 wieder einen Versuch Frankreichs, ein Heer nach England überzuführen und hierzu durch die Flotte den Weg freimachen zu lassen. Als ein vollwertiges Unternehmen, die Seeherrschaft vor der Überführung zu erringen, kann jedoch dieser Fall nicht gelten; Colomb sagt bezeichnend: »Es war nicht ein Fall von „Naval warfare“, sondern von „Naval gambling«.“ Denn wenn auch England nicht gerade eine Flotte in Spithead versammelt hatte und auch nicht genau über den französischen Plan unterrichtet war, so durfte Frankreich doch nicht annehmen, daß der Gegner, der schon im Kriege mit Spanien und vor einem solchen mit Frankreich stand, seine Küsten völlig unbewacht und unbeschützt gelassen hätte. Zu einem ernsten Kampfe um die Seeherrschaft war aber die französische Marine zu schwach, und selbst wenn man durch überraschendes Auftreten Teile der noch nicht zusammengezogenen englischen Streitkräfte vernichtet hätte, wäre der Erfolg eines Einfalles nicht gesichert gewesen, da England im Winter vorher zu Wasser und zu Lande stark gerüstet hatte. Tatsächlich trat ja auch eine überlegene Flotte der französischen entgegen, und diese konnte von Glück sagen, daß sie heil davonkam, durch die Witterungsverhältnisse begünstigt. Im Jahre 1745 wurde der gleiche Plan gar nicht ins Werk gesetzt, weil England die See beherrschte; dieses dagegen unternahm 1746 den aus anderen Gründen erfolglosen Angriff auf Lorient ganz richtig, als die französische Atlantikflotte zur Wiedereroberung Louisbourgs abwesend war. — In den Kolonien ging man gegen Küstenstädte nur vor, wenn der Angreifer sich vor feindlichen Seestreitkräften sicher wußte. So nahmVernon1739/40 Puerto Belo sowie Chagres und beschoß Cartagena, gab aber derartige Unternehmungen auf, sobald er Kenntnis vom Eintreffen spanischer und französischer Geschwader in Westindien erhielt.

Als die englischen Seestreitkräfte wesentlich verstärkt waren und die Franzosen die Station verlassen hatten, folgen in den Jahren 1741–1743 neue Angriffe auf Küstenstädte, dann aber sehen die Engländer wieder bis 1748 (Angriffe auf Port Louis und auf Santiago de Cuba) davon ab, da sie während dieser Zeit den Gegnern zur See nicht überlegen waren. Die Ereignisse auf den andern Kriegsschauplätzen liefern gleiche Beispiele. Die Engländer nehmen (1745) unter dem Schutz eines starken Geschwaders Louisbourg in Nordamerika. Wäre eine französische Entsatzflotte während der langdauernden Berennung herangekommen, so würde aus der belagernden englischen Flotte eine belagerte geworden sein oder sie hätte die gelandeten Truppen im Stich lassen müssen; die Franzosen wurden aber durch Blockade in den Heimatshäfen festgehalten. In Ostindien überwältigen die Franzosen(1746) Madras, weil das englische Geschwader unter Peyton das Feld räumt — schon wenn es nur in der Nähe geblieben wäre, würde es den Angriff verhindert haben, sie müssen das Vorgehen gegen St. David (1747) aufgeben, als der Gegner wider Erwarten zur See auftritt; die Engländer greifen Pondichery an (1748), nachdem die Franzosen die ostindischen Gewässer völlig geräumt hatten.

Bei der Eroberung von Küstenstädten fällt die Hauptaufgabe den Landstreitkräften zu; die Flotte deckt, versorgt und unterstützt diese. Nach der Zusammenstellung Colombs haben Angriffe durch Seestreitkräfte allein nur in Ausnahmefällen zur Übergabe eines Platzes geführt, so in diesem Kriege bei Puerto Belo (1739), Chagres (1739) und Port Louis (1748). Dabei lagen aber die Verhältnisse besonders günstig für den Angreifer. Im ersten war die Besatzung schwach und entmutigt, in den beiden andern konnten die Schiffe auf ganz nahe Entfernung an die Befestigungen herangehen; in einer solchen Lage hatten aber zu jener Zeit die Schiffe wegen der ungeheuren Überzahl an Geschützen den Befestigungen gegenüber einen großen Vorteil. Die Angriffe auf La Guayra (1743), Puerto Cabello (1743) und Port Louis (1748) durch die Flotte allein führten nicht zur Übergabe. — Beispiele eines gemeinsamen Angriffes von Land- und Seestreitkräften sind die Berennungen von Cartagena (1741), Santiago de Cuba (1741), Pondichery, Louisbourg und Madras. Besonders in den beiden zuletzt genannten Fällen nahmen Flotte und Heer die ihnen zukommende Aufgabe wahr und erzielten einen Erfolg. Wenn solcher in den anderen Fällen ausblieb, so lag dies an Fehlern oder an mangelnder Tatkraft bei der Berennung vom Lande her; Uneinigkeit zwischen den einander gleichgestellten Führern der beiden Waffen sowie ungünstige Klimaverhältnisse traten hinzu. Das Unternehmen der Engländer gegen Lorient kann hier nicht herangezogen werden; es war schon in seiner Anlage verfehlt und ermangelte jeder Energie.

Ein bemerkenswerter Ausspruch Colombssei noch angeführt. Er sagt (Seite 359 ff., hier kurz zusammengefaßt): „Dieser Krieg bringt uns den Anfang jener höheren Strategie, nicht an Ort und Stelle und unmittelbar unsere (Englands) fernen Besitzungen zu schützen und unsere Flotten in den fernen Meeren zu stärken, sondern mittelbar und in den heimischen Gewässern dadurch, daß man die wichtigen europäischen Häfen des Gegners bewacht und diesen hindert, Verstärkungen hinauszusenden. Von 1747 an geschah dies und mit Erfolg; man hatte wohl eine Lehre aus dem Fehler gezogen, den man 1746 begangen, indem man die große französische nach Nordamerika auslaufen ließ “.


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