Siebzehntes Kapitel.Flucht und neue Kaperfahrt.

November 25th1917Mr. Melrose, farm manager.Dear Sir,My country calls and I have to follow! For two years I worked on the farm, and I have always done my duty. With this letter I leave all the necessary notes, like milksupply, mutton-supply, and the list of the cows. I hope you will have no difficulties to arrange all under my successor. I kindly ask you to give my wages to Klaiber, as I owe him something, and he shall pay my canteen-bills. You may take my saddle and bridle, and pay a bill of about 30 s. to Hofmann, photographer, for me. I like to be square with everybody, and I have not got money enough to do all. I hope you will have not too much trouble by my departure, and with best wishes to you, I remain, yoursI. Mellert.[10]

November 25th1917

Mr. Melrose, farm manager.

Dear Sir,

My country calls and I have to follow! For two years I worked on the farm, and I have always done my duty. With this letter I leave all the necessary notes, like milksupply, mutton-supply, and the list of the cows. I hope you will have no difficulties to arrange all under my successor. I kindly ask you to give my wages to Klaiber, as I owe him something, and he shall pay my canteen-bills. You may take my saddle and bridle, and pay a bill of about 30 s. to Hofmann, photographer, for me. I like to be square with everybody, and I have not got money enough to do all. I hope you will have not too much trouble by my departure, and with best wishes to you, I remain, yours

I. Mellert.[10]

[10]

Lieber Herr Melrose!

Das Vaterland ruft und ich habe zu folgen! Zwei Jahre lang habe ich auf der Farm gearbeitet und meine Pflicht stets erfüllt. Mit diesem Brief lasse ich alle die notwendigen Aufzeichnungen zurück, wie Milchbestand, Hammelbestand, und die Liste der Kühe. Ich hoffe, Sie werden keine Schwierigkeiten haben, alles unter meinem Nachfolger zu ordnen. Ich bitte Sie freundlichst, mein Gehalt an Klaiber zu geben, da ich ihm etwas schulde und er meine Kantinenrechnung bezahlen soll. Sie können meinen Sattel und Zaumzeug nehmen und dafür eine Rechnung von etwa 30 Schilling für mich an den Photographen Hofmann bezahlen. Ich möchte mit jedermann im Reinen sein, und habe nicht Geld genug, allen zu genügen. Hoffentlich haben Sie nicht zuviel Verdruß durch meine Abfahrt, und ich verbleibe mit besten Wünschen für Sie Ihr

I. Mellert.

Der wackere Seemann hat übrigens in Deutschland seine Farmerkenntnisse gut verwerten können. Jetzt, da es mit Seefahrt trübe aussieht, hat ihm verdientes Glück eine hübsche Bauerntochter mit stattlichem Hof in der Goldnen Aue in die Arme geführt. Sein Tagebuch war mir für dies und das folgende Kapitel von Nutzen.

Der 13. Dezember 1917 war der Tag, an welchem die Flucht gelang. Das Glück hatte uns an den tausend Zufällen, die unsere umständliche und kecke Verschwörung vereiteln konnten, heil vorbeigeleitet. Jetzt wurde dem Eifer meiner Jungs der Lohn zuteil. Die Freiheit winkte wieder, und die Hoffnung, dem Vaterland mit unsern jungen, frischen Kräften dienen zu können.

Es schien ja fast unbegreiflich, wie das Mißtrauen der Neuseeländer eingeschläfert war. Hatten sie uns doch als Rarität in einer Weise bewacht, wie noch kaum je Kriegsgefangene behütet worden waren. Sie trauten mir die unglaublichsten Streiche zu. Wir waren sozusagen eines ihrer größten Ruhmesblätter: als ein Mann, der seine ganze Seemannslaufbahn in Australien angefangen hatte, war ich jetzt Gegenstand der australischen Triumphgefühle, und die Zeitungen redeten selbstgefällig von »weltgeschichtlichen« Ereignissen in der Südsee. Fortwährend fürchtete man das Auftauchen der »Seeadler«-Mannschaft, und über ein Dutzend Motorboote suchte die Gegend um Motuihi nach ihr ab. Allem diesem zum Trotz konnten wir uns nun anschicken, die Kriegsgeschichte jenes Erdenwinkels um ein ganz neues Kapitelchen zu vermehren.

Der Oberstleutnant wurde mit seiner Tochter gegen Abend zurückerwartet. Sobald er das Boot verlassen hätte, sollte Paulsen nach unserem Kriegsplan den Mast niederlegen. Auf dieses Signal sollte jeder zusehen, wie er aus der Lagerumzäunung käme, undzu seiner Rolle eilen. Schwierig wurde das Verlassen des Lagers erst, wenn der Oberstleutnant sich so sehr verspätete, daß der allabendlich um 6 Uhr stattfindende Namensaufruf uns dazwischen kam, denn nachher durfte man das Lager nicht mehr verlassen.

Mr. Turner, Sie haben die Tür offen gelassen

»Mr. Turner, Sie haben die Tür offen gelassen.«(Englische Karikatur auf unsere Flucht.)

Endlich um halb sechs Uhr wurde die »Perle« von unserem Ausguckposten gemeldet. Diejenigen von uns, die nicht aus irgendeinem Grund vom Namensaufruf befreit waren, mußten also diesen erst abwarten und danach zu irgendeiner List greifen. Wir anderen entfernten uns jeder unter einem Vorwand. Kircheiß ging, weil er zu einem Entenessen eingeladen war, ich mußte zu Gouverneur Schultz usw.

Ich mußte zu Gouverneur Schultz

»... Ich mußte zu Gouverneur Schultz.«

Um sechs Uhr legte die »Perle« an. Mister Turner wollte einen Trompeter als Wache beim Boot lassen, bis Paulsen undFreund mit der Bootsarbeit fertig wären. Aber Schmid, der Miß und Mister Turner im Wagen abholte, lud freundlich den Trompeter ein, auch mit aufzusteigen, und der gutgelaunte Kommandant gab zuletzt mit einem freundlichen »hop up« seine Einwilligung. Nachdem Schmid flott vor der Kommandantur vorgefahren war, bat er, mit meinem Burschen zusammen nochmals hinausfahren zu dürfen, um Kohlen zu holen. Der Oberstleutnant war grundsätzlich immer zufrieden, wenn jemand arbeiten wollte: »dann macht er wenigstens keine Dummheiten«, und erlaubte es. Schmid nahm gleich 25 Kisten Benzin mit. Als das verabredete Signal erschien, begaben wir elf Verschworenen uns einzeln und unauffällig, jeder durch eine besondere List, auf unsere Posten. Es klappte wunderbar. Unvorhergesehene Hindernisse, die sich einigen in den Weg stellten, überwand jeder selber mit großer Unverfrorenheit und Geistesgegenwart. Beinahe wäre unsere Abreise noch an der Wachsamkeit eines wirklich sehr tüchtigen Inspektors gescheitert. Dieser begegnete Grün, wie dieser eben nach vollbrachter Telephonableitung durch die Felder ging, um sich ans Boot hinabzubegeben. Der Inspektor schöpfte gleich Verdacht und hätte zum mindesten Grünzum Verhör vor den Oberstleutnant gebracht, wenn nicht Grün sofort das einzig Passende in seiner Lage getan und ein stilles Plätzchen am Waldrand bezogen hätte, wobei ihn der Inspektor nicht stören und auch nicht auf ihn warten mochte.

Als der Motor anraste

(Phot. R. Hofmann, Kassel.)

»... als der Motor anraste, wurden noch drei Hurras ausgebracht.«

Die letzten Vorräte wurden eingebootet, die Telephonleitung war umgeschaltet, das Ruderboot zerschlagen, wir stiegen alle in die Barkasse, und als wir drin saßen und der Motor anraste, wurden noch drei Hurras ausgebracht für Seine Majestät. Allgemeines Händeschütteln, überquellende Freude! Am hellichten Tag passierten wir die Insel, während droben alles beim Essen saß. Als wir an den Soldatenquartieren vorüberglitten, aus welchen die Stimmen Essender herüberklangen, stellten wir Pflugscharen, die wir als Schutzschilde mitgenommen hatten, und die Roßhaarpolster der Sitze an die Seitenwand, um die Wirkung etwa anpfeifender Kugeln abzuschwächen, falls plötzlich Alarm geschlagen werden sollte; und die eigenen Gewehre lagen zur Antwort bereit. Aber niemand schoß.

Als der Motor anraste

(Phot. R. Hofmann, Kassel.)

Austernklippe auf Motuihi.

Von der Ankunft des Kommandanten bis zu unserer Abfahrt war kaum eine Viertelstunde vergangen. Da das kleine Beibootder Barkasse unsere Geschwindigkeit minderte, wurde es in sicherer Entfernung von der Insel abgekappt. Dieses Beiboot wurde der erste Anlaß zur Entdeckung unserer Flucht. Mein Freund Osbahr, der diesen Abend auf Motuihi miterlebt hat, schreibt darüber:

»Als der Graf abgefahren war, herrschte eine furchtbare Stille unter den Eingeweihten, während sonst zur Essenszeit das Leben sprudelte. Der Bissen quoll uns im Munde. Wir warteten auf Schüsse, aber es kamen keine. Einige der Eingeweihten konnten ihre Aufregung nicht bemeistern und eilten auf die Klippe. Aber schon war das Motorboot nicht mehr zu sehen. Dann kam die Nachricht, das abgetriebene Beiboot schwömme draußen herum. Nun begann auch den Ahnungslosen etwas zu dämmern und es wurde festgestellt, wer fehlte. Nun galt es für uns Eingeweihte, die anderen zur Ruhe zu ermahnen, damit unsere Freunde Vorsprunggewönnen. Dies Bestreben wurde durch die Einfalt des neuseeländischen Feldwebels begünstigt, der leicht davon zu überzeugen war, daß das Beiboot durch einen Zufall abgetrieben wäre und die Leute in der ›Perle‹ nochmal Anker aufgegangen wären, um das Beiboot zu suchen. ›Die Deutschen suchen ganz in falscher Richtung. Wenn man nicht aufpaßt, dann sind diese dummen Deutschen doch zu gar nichts zu gebrauchen,‹ sagte der Feldwebel.

So verstrichen einige Stunden. Am späteren Abend ließ der Kommandant den Grafen bitten, um ihn seiner Tochter vorzustellen. Als man ihn nicht fand, wurde Mister Turner doch unruhig. Er suchte sich selbst zu trösten. ›Der Graf hat wohl einen Ausflug am Land gemacht, um eine Abwechslung zu haben. Er ist ja so rheumatisch, der läuft nicht weg. Außerdem hat mein Boot nur für einen Tag Benzin.‹ Schließlich ging er an den Fernsprecher, um dem Hauptquartier die unangenehme Mitteilung zu machen. Das Telephon ging aber nicht! Jetzt wird die Sache brenzlich. Es bleibt nichts übrig, als mit Morsesignalen Verbindung mit drüben zu suchen. Aber die drüben nehmen nichts auf, denn der Morseapparat funktionierte ja dank unserer Vorbehandlung auch nicht. Nun wird ein großes Petroleumfeuer als Zeichen angezündet. Noch keine Antwort vom Land. Endlich steigen drüben Raketen auf: Sie haben also verstanden? Aber die Zeit vergeht, eine, zwei, drei Stunden, kostbar für den Grafen. Keine Antwort kommt. Die Raketen stammten nämlich von einem Privatfeuerwerk, das zufällig in Auckland angebrannt wurde. Erst um halb ein Uhr nachts schöpfte man in Auckland drüben Verdacht, da das übliche telephonische Mitternachtssignal ausblieb. Man hatte sich ja im Hauptquartier überhaupt nur auf Nachtgefahren eingestellt.

Der österreichisch-polnische Doktor merkte jetzt auch, daß er genasführt war, und lief in wütender Stimmung umher. Der Oberstleutnant wagte gar nicht den Namensaufruf anzuordnen, da ihm die Sache zu peinlich vorkam. Sein einziger Trost war, was auch alle Nichteingeweihten dachten: Weit bringt es der Graf doch nicht, es ist zu sehr aus dem Handgelenk gemacht. Von den sorgfältigen Vorbereitungen hatte ja keiner etwas gemerkt.

Bald hatte die Unglücksbotschaft alle Forts erreicht. Schleunigst wurden schnelle Motorboote und kleinere Dampfer mobil gemacht und mit Maschinengewehren ausgerüstet, gegen Morgengrauen die Verfolgung aufgenommen. Viele Sportsleute nahmen mit ihren Fahrzeugen an der Suche teil und die Flotte wuchs amnächsten Tage zu mehreren Dutzend Booten an. Kein Ruhmesblatt neuseeländischer Geschichte: Krank und müde lag bald alles schutzsuchend in den stilleren Buchten des Hauraki-Golfes, während das gejagte Wild sich gegen Sturm und Seegang durchgerungen hatte und an einem Platze lag, den die Verfolger wegen der großen Entfernung nicht anzulaufen wagten. Wie immer in diesem Krieg hatte die deutsche Minderzahl durch höhere Einzelleistung versucht, der Übermacht zu widerstehen. Großer Wirrwarr war entstanden; ein Dampfer auf Felsen gelaufen, Boote hatten sich gegenseitig gejagt und beschossen. Gern wurde das sich bald verbreitende Gerücht geglaubt, die ›Perle‹ wäre gekentert und alle Deutschen ertrunken. Befriedigt kehrte alles in den Hafen zurück, und mancher gestand ein, in so seekranker Verfassung wäre er den Deutschen nicht gern begegnet.«

Soweit der Bericht des Zurückbleibenden.

Sogar mit Segeljachten

»... Sogar mit Segeljachten nahmen Sportsleute an unserer Verfolgung teil.«(Englische Karikatur.)

Es war für uns keine kleine Aufgabe, uns in dem großen Hauraki-Golf ohne Seekarte und ohne brauchbaren Kompaß zurechtzufinden. Das Wetter war schlecht, die Nacht sehr finster, mancher von uns seekrank. Dann erhellte sich der Nachthimmel zwischen 1 und 2 Uhr durch weiße Lichtstreifen. Von Auckland aus wurde, um der Bevölkerung Emsigkeit vorzumachen, mit Scheinwerfern nach uns gesucht. Ein an sich lächerliches Vorhaben, aber uns dienlich, denn wir konnten nun an der Richtung Aucklands unsern verfahrenen Kurs wieder orientieren. Morgens warfen wir in einer geschützten Bucht, Red Mercury Island, Anker und hielten uns dort den Tag über versteckt, bis sich der Eifer der uns verfolgenden Flottille gelegt hatte. Zugleich hatten wir dortvon dem unbewohnten, hügeligen und dichtbewachsenen Eiland aus einen guten Ausguck nach Küstenfahrzeugen, die von Süden heraufkamen. Ein Dampfer ging nahe vorbei, ohne uns zu bemerken.

Am dritten Tag fuhren wir aus den Küstengewässern hinaus über die Dreimeilengrenze. Dort auf hoher See vereidigte ich die Kadetten und machte sie zu Soldaten. Vizefeldwebel d. R. von Egidy wurde von mir zum Hilfsleutnant z. S. befördert. Dazu hatte ich als Kommandant eines alleinfahrenden Kriegsschiffes das Recht, wenn es auch nur eine »Perle« war. Egidys drei Brüder standen sämtlich als Seeoffiziere vor dem Feind; jetzt wurde unerwarteterweise auch der vierte, fern der Heimat, Angehöriger der Marine. Nun durfte Krieg geführt werden! Man sah die fieberhafte Aufregung der Kadetten, man fühlte ihren frischen Jugendgeist von Tatendurst brennen. Vorgestern noch gefangen, heute unter der ruhmreichen deutschen Kriegsflagge deutscher Soldat, sie, die schon geglaubt hatten, nicht mehr heranzukommen an den Feind. Sie hatten volles Vertrauen, und die neue Pflicht, anzugreifen, lag so greifbar vor uns, daß dieser seltsame Treuschwur im Boot gewiß keiner heimischen Rekrutenvereidigung an Ernst nachstand.

Die erhabene Stimmung konnte nicht allzulange andauern. Nachdem sich meine Rekruten wechselseitig die Haare militärisch kurz geschnitten hatten, ging es wieder an seemännisches Alltagswerk.

Auf einmal tauchte ein Regierungsdampfer »Lady Roberts« vor Mercury Island auf, um uns zu suchen. Wir verschwanden schleunigst auf hoher See, unsere beiden Ausguckposten im dicken Ginstergestrüpp der Insel zurücklassend. Der Dampfer setzte Leute aus, welche die Insel vergeblich durchsuchten, beschädigte, auf felsigem Boden aufschlagend, seine beiden Schrauben und dampfte lahm nach Hause mit der positiven Feststellung, daß wir nicht da wären. Wir kehrten zurück und lagen von jetzt ab sicher dort.

Nachdem wir zwei Tage bei Red Mercury Island gelegen hatten, wurden eines Morgens zwei Schoner gesichtet. Wir wollten beide kapern. Als wir den Angriff ansetzten, kam aber plötzlich starker Wind auf, und der erste Schoner glitt rasch vorwärts. Wir ließen ihn fahren; erst später haben wir gemerkt, daß das unser Unglück war. Wir entschlossen uns, den zweiten, größeren, zu nehmen. Es war die »Moa«.

Es war die ›Moa‹

»... Es war die ›Moa‹.«

Wir gingen mit voller Fahrt längsseit, enterten und riefen: »Drehen Sie bei«. Die deutsche Kriegsflagge wehte, ich stürzte mich mit geschwungenem Säbel auf die »Moa«, meine Jungs kletterten über die Deckladung und schrien: »Ship is brought up! You are under the rule of the German Empire!« (Schiff ist aufgebracht! Sie stehen unter deutschem Befehl.)

Ship is brought up!

»... meine Jungs kletterten über die Deckladung und schrien:Ship is brought up!«(Abbildung aus einer englischen Zeitschrift.)

Alles war wie vom Schlag gerührt. »Don’t kill us!« Wir beruhigten die Leute, und ein entsetzter kleiner Junge bekam sofort Schokolade. Die Leute blickten entgeistert. Wir waren ja gar keine Hunnen, wie sie sich dieselben dachten.

Der Kapitän faßte sich schnell, als er sah, daß nichts zu machen war. Als er hörte, daß wir entkommene Gefangene wären, schimpfte er gewaltig auf die Regierung: Unsere Jungens kämpfen an der Front, und hier in der Heimat können sie nicht einmal Gefangene hüten. Immerhin, er hoffe, daß wir weiter Glück hätten, denn die Neuseeländer hätten es ja nicht anders verdient.

Der Koch kam auf uns zu und beteuerte: »Me cooky, me Russe, Russe peace with Germany.« (Ich bin der Koch, bin Russe, Russen Frieden mit Deutschland.)

Nun holten wir Waffen, Proviant und die drahtlose Station auf den Schoner herüber, die »Perle« wurde ins Schlepptau genommen. Die »Moa« war ein schönes Schiff, aber flach wie eine Streichholzschachtel, nur drei Fuß Tiefgang bei gewaltigen Masten. Unter frischer Brise segelten wir nach der Kermadecgruppe, um die Proviantstation für Schiffbrüchige aufzusuchen, welche dort auf irgendeiner der Inseln sein mußte. In der nächsten Nacht bekamen wir Sturm und lenzten vor dem Wind. Der Kapitän geriet in Aufregung. Das Schiff wäre für die hohe See gar nicht geeignet, weil es keinen Kiel hätte, wir setzten das Leben aufs Spiel. Ich mußte ihm antworten, daß wir für unser Leben segeln müßten, denn an der Küste erwartete uns größere Gefahr als auf dem Meer.Immer weiter! Vielleicht hält der Mast für Deutschland länger, als er für Neuseeland gehalten hätte.

Der Kapitän ging die ganze Nacht nicht hinunter und beruhigte die See mit Öl. Wir gingen unsere Wachen und fragten den Teufel, was kommen mochte. Unter gewöhnlichen Umständen hätte man selbst auch mehr Besorgnis empfunden, denn die Nacht war fürchterlich. Aber das Gefühl der Freiheit und das Bewußtsein, wieder ein eigenes Schiff unter sich zu haben und eine Kriegsflagge über sich wehen zu sehen, wenn sie auch nur auf ein Bettlaken gemalt war, ließ uns alles übrige gering achten. Unter dieser Flagge hatten wir ja schon manchen Sturm ausgekämpft. Immer stärker wird der Sturm, immer schwerer brechen sich die Wellen am Heck, die »Moa« wird bald hoch, bald tief geworfen. Wir müssen Segel kürzen und einen Teil der Deckladung, die aus Holz bestand, über Bord werfen. Hierin wurden wir gut durch eine Brechsee unterstützt, die an Deck schlug und einen Teil der Holzplanken mit sich riß, die uns aber gefährlich werden konnte, wenn Hände und Füße dazwischen gerieten. Für sechs Wochen hatten wir Proviant, den wir freilich mit den ihrerseits nur für drei Tage ausgerüsteten Schiffern teilen mußten, und fanden die Sache fast noch gemütlich, verglichen mit den sechs Wochen unserer früheren Bootsfahrt. Es kam freilich auf gutes Steuern an. Unsere schöne »Perle« wurde von einer See quergeschlagen, schlug voll und riß ab. Das durchkreuzte unsere Pläne sehr unangenehm. Erst nach 36 Stunden legte sich der Sturm.

Kircheiß korrigierte allmählich die Fehler unserer nautischen Instrumente, wobei sich der Kompaß des Kapitäns noch bedeutend schlechter als unser eigener erwies. Er war ja ein bloßer Küstenfahrer. Endlich kam am 21. Dezember morgens Curtis-Island in Sicht. Wir sahen große Rauchsäulen aufsteigen und fürchteten, daß die Insel bewohnt wäre von Schiffbrüchigen, die uns Rauchsignale machten und womöglich schon das ganze Proviantlager weggefuttert haben würden. Beim Näherkommen an die halbkreisförmige, amphitheatralisch aufsteigende Insel gewahrten wir aber, daß der Rauch von Geisern herrührte. Die Insel war ein Krater, der bei einer Erderschütterung auf einer Seite eingebrochen war.

Überall rauchte und brodelte es. Die Luft war unnatürlich warm und mit Schwefeldämpfen geschwängert. Unmengen von Vögeln, besonders die riesigen Albatrosse, nisteten auf der Insel undumschwirrten die Ankömmlinge. Kein Baum, kein Strauch gedieh auf der Insel. Das warme Wasser war ein Tummelplatz der Haie; zu Hunderten umkreisten sie das Schiff. Wir, deren Besitztum ja auch nicht mehr viel ausgebreiteter war, als das der Fische und Vögel, erhofften andere Glücksgüter auf der Insel zu finden, als bloß Wärme. Vor dem inneren Rand des Kraters befand sich ein Wellblechschuppen, das Proviantmagazin. Das Schiffsboot wurde ins Wasser gelassen. Kircheiß mit vier Mann nahm Kurs auf die Kratereinfahrt. Eine Prozession von Haien folgte dem kleinen Boot, ein ungemütlicher Eindruck für seine Insassen.

Die »Moa« vor Curtis-Island

Die »Moa« vor Curtis-Island.

Je näher sie der Insel kamen, desto schwerer legten sich die ausströmenden Gase auf die Lungen, und es dauerte geraume Zeit bis sie sich daran gewöhnt hatten. Es war Ebbe und der eingebrochene Kraterrand nur wenig von Wasser überspült. Auf dem Kamm einer Welle setzte das Boot über die Barre ins Innere des Hexenkessels, in welchem brodelnde Blasen das Walten unterirdischer Kräfte verrieten. Ströme heißen, gelben Wassers quollen dampfend aus der Felswand und verloren sich im Spiegel des kreisrunden Kratertrichters. Riesige Lavablöcke umsäumten vom letzten Ausbruch her wild durcheinandergeworfen das Ufer. Umkreischt von Tausenden von Albatrossen und Möwen landeten die Leute an einer Lavaplatte in der Nähe des Proviantschuppens, wo Schwefel fußdick aufgehäuft lag. Der Schuppen wurde geöffnet,Kisten und Wasserkorbflaschen vorgefunden. Die Kisten wurden aufgebrochen und ein Teil der Schätze ins Boot herübergenommen.

Der Schuppen wurde geöffnet

»... Der Schuppen wurde geöffnet.«

Während das Boot tiefbeladen zur »Moa« zurückfuhr, blieben zwei Leute drüben, um die zweite Bootslast bereitzuschaffen. Da ein paar Stunden vergingen, bis das Boot zurückkehrte, versuchten die beiden mittlerweile ins Innere vorzudringen. Sie bemerkten aber bald, daß der Platz um die Hütte die einzige gangbare Stelle war; wohin sie den Fuß sonst setzten, brachen sie durch die dünne Kruste in brennendheiße, schwefeldunstdurchzogene Schlammerde ein.

Das beladene Boot war fast eine Stunde unterwegs, es hatte Spritzwasser bekommen, so daß es in beinahe sinkendem Zustand eintraf. Eine Herde von Haien umringte wieder das überlastete Boot als erhoffte Beute. Nun wurde auf »Moa« abgeladen. Stück um Stück flog an Deck. Aus einem Bezug wurde staunend ein neues Segel entrollt, in einer Kiste fand sich allerlei brauchbares Werkgerät. Unmengen von Fleisch, Butter, Schmalz, Speck, Decken, Kleidungsstücken, Schuhzeug, Fischgerät, Arzneimitteln, kurz und gut, alles war da. Man war sich einig darüber, daß die englische Regierung glänzend für ausgeflogene Kriegsgefangene sorgt. Nur die Kleidungsvorräte waren von dem langen Lagern in der feuchten Hitze fast vermodert.

Unsere Absicht war, unsere Gefangenen, die wir nicht in die Schwefeldünste von Curtis-Island schicken konnten, auf der nächsten Insel, Macauly Island, unter Mitgabe von Proviant auszusetzenund ihr Dortsein beim Passieren der nächsten Signalstation der neuseeländischen Regierung anzuzeigen. Ich war nun gerade dabei, die Depotquittungen zu lesen, welche mir aus dem Provianthaus mitgebracht worden waren, damit ich sie hübsch korrekt als »Seeadler«-Kommandant ausgefüllt dort wieder niederlegen lassen möchte. Ich wollte in dem Formular der neuseeländischen Regierung meinen Dank bescheinigen, da ich doch auch Schiffbrüchiger wäre, auch meine Überraschung über die gute Ausrüstung; ich hoffte, daß in der Zwischenzeit, bis der nächste Bedürftige dorthin käme, die Vorräte wieder aufgefüllt würden; wir hätten nicht alles mitgenommen, sondern, wenn eine arme Seele sich hinfände, wäre noch etwas für sie da. Während ich dies eben niederschreiben will, ruft der Ausguck: »Rauchwolke Nord hinter Macauly Island.«

Ich rudere zur »Iris« hinüber

Ich rudere zur »Iris« hinüber.(Links oben unsere auf ein Bettlaken gemalte Kriegsflagge.)

Beunruhigt ließ ich so rasch wie möglich die Leute von der Insel abholen. In wahnsinniger Hast ruderten die beiden Leute zurück. Die »Moa« wurde segelfertig gemacht, alle Leinwand, die wir hatten, geheißt, jeder Fetzen zog, in westlicher Richtung jagte die »Moa«, wie sie noch nie gelaufen war. Der Dampfer kam aber sichtlich näher, und in kurzer Zeit erkannten wir das ganze Schiff. Es hielt auf uns zu; bei jeder ausweichenden Bewegung der »Moa« änderte auch der Dampfer seinen Kurs und kam immer näher. Der Kapitän der »Moa« erkannte in ihm den Regierungskabeldampfer »Iris«, eine Art von Hilfskreuzer. Unser Barometer sank!

Auf Signalweite herangekommen, zeigte »Iris« die englische Kriegsflagge und ein Signal. Wir setzten unbekümmert unseren Kurs mit zehn Meilen fort. Solange wir noch unter eigenem Kommando fahren konnten, wollten wir es tun; lange Zeit konnte es ja nicht mehr dauern. Ein Wettrennen mit äußerster Kraft. Da plötzlich ein Aufblitzen, ein Zischen in der Luft, und eine Granate schlug neben dem Segler ins Wasser. Die ganze Reeling der »Iris« war mit Gewehrläufen gespickt. Ein Verzweiflungskampf gegen die Übermacht und Geschütze wäre mutwilliger Selbstmord gewesen. Wir heißten darum, um zu zeigen, wer wir wären, zum letzten Male in dieser Erdhälfte die deutsche Kriegsflagge, und dann kam der bittere Augenblick der Übergabe.

Bajonette auf meinen Rücken gerichtet

»... empfingen mich, die Bajonette auf meinen Rücken gerichtet.«(Neuseeländisches Bild.)

Als ich in Uniform die »Iris« betrat, war erstaunlicherweisekein Offizier am Fallreep, sondern ein paar Leute in schlechter Haltung empfingen mich, die Bajonette auf meinen Rücken gerichtet. Dann holten Zivilisten den ganzen Inhalt meiner Taschen heraus; Geld, Uhr, Wertsachen, selbst mein Taschentuch wurden als Kriegsbeute beschlagnahmt. Jedes Wort der Erwiderung wäre zuviel gewesen. Ich sah sie nur mit einem Blick der Verachtung an. Die Neuseeländer fanden diese Waffentat so glorreich, daß sie ein Bild davon angefertigt haben, das ich meinen Lesern nicht vorenthalten möchte.

Nicht anders erging es meinen Leuten. Obwohl wir alle unsere Waffen auf dem Meeresgrund versenkt hatten, wurde jeder der Taschenberaubung unterzogen, während Dutzende von Feuerrohren ihnen auf Brust und Rücken gepreßt standen. Diese Neuseeländer erlebten offenbar ihre »Feuertaufe« und hielten jeden unbewaffneten Deutschen für den leibhaftigen Gottseibeiuns.

Mehrere Dampfer waren ausgerüstet worden, uns zu suchen, davon drei gleich auf ein halbes Jahr. Meine Flucht hat die Leute fast eine Million gekostet. Der erste Schoner, den wir bei der Kaperung der »Moa« hatten entschlüpfen lassen müssen, hatte die Sache gemeldet. Die Neuseeländer, die froh waren, ihren »eigenen Krieg« und »Sieg« zu haben, feierten die Bezwingung der »Moa« in den Zeitungen.

Als wir in Auckland einliefen, wehte die englische Flagge auf der »Moa« über der deutschen. Die »Seeschlacht bei den Kermadecs« wurde von zahllosen Glücklichen bejubelt, die uns auf Tendern, Motorbooten und Jachten entgegenfuhren.

Der Generalstab begrüßte uns, als wir an Land stiegen. Wir waren ja ein leuchtendes Beispiel für seine Tüchtigkeit, denn sie hatten uns wieder gekriegt. Der Chef, Oberst Patterson, ersuchte mich, ich möchte die heutige Unterbringung entschuldigen. Ich fragte, wohin wir denn kämen? Darauf schwieg er. Es war wieder einmal das Zuchthaus.

Es war wieder einmal das Zuchthaus, Mount Eden

»... Es war wieder einmal das Zuchthaus, Mount Eden.«

Im Zuchthaus von Auckland, Mount Eden, durch Major Price abgeliefert, wurden wir als gemeine Verbrecher empfangen,da der Major, der es sehr eilig hatte, zum Pferderennen zu kommen, vergessen hatte, anzugeben, daß wir Kriegsgefangene wären. Meine Kadetten, die diesen Wechsel von Freiheit und Zuchthaus zum ersten Male miterlebten, wurden kreidebleich bei dem entehrenden Empfang. Auch mir, der ich schon Gewohnheitszuchthäusler war, legte sich das alles schwer auf die Seele. Nun hatte man wieder einmal als Mensch gelebt und gestrebt, Willensfreiheit entfaltet, etwas Eigenes unter den Füßen gehabt, und wieder stieß einen das Geschick in den dumpfen Kerker. Hätte man nicht einen Tag später die Kermadecs anlaufen sollen, wäre nicht ein anderer Kurs besser gewesen? Mit solchen unnötigen Fragen quälte man sich in der öden Untätigkeit und Zwecklosigkeit des neuen Daseins. Aber bald klang es wieder von Zelle zu Zelle: »An der Saale hellem Strande«, und wenn auch unser Gepäck, als es uns endlich ausgeliefert wurde, sich auf dem Weg durch fremde Hände ziemlich verringert hatte, so wurde doch die Behandlung allmählich etwas rücksichtsvoller. Auch hier, in dem stillen Verließ, konnten wir bald merken, daß Neuseeland Achtung vor uns hatte.

Allerdings hat man uns erst einmal ein paar Wochen dasZuchthaus kosten lassen, bis wir wieder in eine angemessenere Umgebung versetzt wurden. Am Morgen nach unserer Ankunft betritt, ohne anzuklopfen, ein völlig glattgeschorener Herr in Zuchthausjacke mit Rasiertopf meine Zelle. Es war Heiligabend, morgens.

»Ich habe Sie zu rasieren.«

»Was? Sie?, ich rasiere mich selbst.«

»Du?, du darfst kein Messer in die Hand kriegen, auch dein Eßbesteck ist nur Holzlöffel und -gabel, komm’ mal her, ich seif’ dich ein.«

»Was sind Sie denn, sind Sie Zuchthäusler?«

»Ja, natürlich.«

»Wie lange haben Sie denn?«

»Lebenslänglich.«

Lebenslänglich! Und der soll mich rasieren, mir mit dem Messer an der Kehle entlang schneiden?! Mir stockte förmlich der Atem. Man versteht noch gar nicht, warum das sein muß, als Kommandant eines Schiffes solchen Vorsichtsmaßregeln zu unterliegen. Schließlich frage ich wieder: »Was haben Sie denn verbrochen?«

»Oh, I only put daylight through a woman.«

Also Frauenmörder!

Er seift mich ein. Nie habe ich einen Menschen so scharf mit den Augen verfolgt als diesen Hausgenossen, besonders während er mir an der Kehle schabt. Wer es nicht erlebt hat, kann sich dies Gefühl nicht vorstellen; ich blickte ihn dankbar an, als er fertig war. Dieser Freund war tatsächlich gar nicht übel, er wurde mein täglicher Gast und brachte mir die großen Neuigkeiten aus den Korridoren und dem Hof. Je mehr uns die neuseeländische Regierung dazu zwang, uns in Mount Eden zu akklimatisieren, desto tiefer drang man unwillkürlich in das Seelenleben der Zuchthausbewohner ein. Wir waren der Sicherheit halber im Flügel der Schwerstverbrecher. Am gemütlichsten sind die »Lebenslänglichen«, die schon soundso lange sitzen und sich abgefunden haben, ohne Berufssorgen und ohne Erwartungen leben. Soweit man sich noch die Jahre an den Fingern abzählt und damit rechnet, später wieder eine Existenz in der ungewohnten Freiheit gründen zu müssen, ist man weniger ausgeglichen und hat keine so beruhigten Nerven. Die, welche sechs oder sieben Jahre haben, sind die Unangenehmsten. Sie müssen sich auf einen Berufswechsel einstellen und vertründeln doch vorher ihre beste Kraft mit dem Absitzen. Ich wußte nicht, wie lange ich hatte und was ich hier sollte. Die»Lebenslänglichen« bekleiden durchweg Vertrauensstellungen, sie verwalten die Bücherei, Kleiderausgabe, Krankenpflege usw. Nirgendwo trifft man so hilfsbereite, arbeitsfreudige Menschen wie im Zuchthaus. Man sieht stets freundliche Gesichter, sie lächeln oder zwinkern verständnisinnig mit den Augen dem neuankommenden Gast zu, der sich anfangs miesepetrig fühlt. »Draußen warst du verachtet, hier wirst du vertrauensvoll aufgenommen.« Ich machte die seltsame Erfahrung, daß überall, wo Menschen aufeinander angewiesen sind, namentlich dort, wo ihr Ehrgeiz durch die Verhältnisse etwas beschnitten wird, ein sympathisches Zusammenleben möglich ist. Ein Faktotum befand sich in Mount Eden, der auf mathematischem Gebiet ein Genie geworden war.

Zum zweitenmal Zuchthäusler

Zum zweitenmal Zuchthäusler.

Fast alle waren außerordentlich deutschfreundlich. Sie bildeten sich ein, daß Deutschland den Krieg gewönne und daß dann endlich die Zuchthäuser geöffnet würden. Nach dem Bild, das ihnendie Zeitungen von dem deutschen Volk entwarfen, konnten sie es sich nicht anders vorstellen, als daß die Deutschen eine besondere Wesensverwandtschaft mit ihnen empfinden würden. »Graf, wenn Deutschland den Krieg gewinnt, dann vergiß nur deine Freunde hier nicht.« Sie baten sich bestimmte Posten aus, fast alle in der Verwaltung. Sie bildeten sich ernsthaft ein, ein siegreiches Deutschland werde, um die an uns Kriegsgefangenen begangene Ungerechtigkeit zu sühnen, mich zum Gouverneur von Neuseeland machen, und ich sollte sie dann begnadigen, weil sie sich ja nur gegen englische und nicht gegen deutsche Gesetze vergangen hätten. Sie erwiesen mir allerlei Aufmerksamkeiten, steckten mir unter anderm Zeitschriften zu, die an diesem Ort nur an Verbrecher, aber nicht an Kriegsgefangene ausgegeben wurden.

Die Zellen wurden peinlich sauber gehalten, so daß man sie nicht einmal mit seinem eigenen Schuhzeug betreten durfte. So saß ich mit meinen Filzpantoffeln auf der einzigen Sitzgelegenheit, dem Bett, und sah mir die Gelegenheit an. Bestand irgendeine Möglichkeit, zu entkommen? Ich vertiefte mich in Fluchtgedanken. Auch empfand ich das Bedürfnis, festzustellen, wie es draußen vor dem Fenster aussähe. Dieses war etwa drei Meter über dem Fußboden. Ich stieg also auf das Kopfende der Bettstelle, aber kaum bekam ich ein bißchen Blick, so brach das wacklige Ding zusammen. Das Bett war entzwei, aber den Blick wollte ich mir nicht nehmen lassen. Ich benutzte also das Bett als Leiter und schaute durch das eiserne Gitter hinaus. Da sah ich ein Spatzenpärchen, das war da auch zu Haus und nistete. Um die Zeit zu vertreiben, versuchte ich den Spatz zu fangen, der die Spätzin füttern wollte. Ich legte mich also auf Anstand, aber der Sperling flog weg, als ich zugriff, und ließ mir nur eine Schwanzfeder in der Hand. Draußen am Gitter befanden sich Spinnweben. Ich holte mir eine Spinne herein, die sollte mir ein Spinnennetz machen. Jetzt hatte ich Beschäftigung. Ich sah zu, wie die Spinne arbeitete. Dann wollte ich gerne wissen, wieviel Spinnweben eine Spinne hat, tat sie in eine Streichholzschachtel und zog die Fäden heraus und war erstaunt, welchen Ballen Spinnweben ich schließlich in der Hand hielt. Der Spinne war es peinlich, daß ich den Rest herausholte. Dann kletterte ich wieder hinauf, ob da etwas anderes zu sehen wäre. Ich fand noch andere Spinnen und bekam so verschiedene Sorten von Spinngeweben. Wie ich das ausstudiert hatte, brachte ich die Spinnen von einem Netz ins andere undstellte fest, daß sie sich da nicht bewegen konnten. Die kleinere Spinne bewältigte in ihrem Netz die größere Spinne, die bewegungslos darin saß, weil sie fremd war. Ich wußte immer noch nicht, wie lange ich Zuchthaus hatte. Aber macht mit mir, was ihr wollt, ich treibe Naturgeschichte!

Als wir drei Tage da waren, kam der Marineminister Hall Thompson, dem ich unseren kräftigen Protest gegen diese Behandlung von Kriegsgefangenen aussprach, die zudem nicht als entwichene Gefangene im englischen Gebiet, sondern auf hoher See als frische Kombattanten ergriffen worden wären. Er sagte: »I shall do my best for you«. Der Engländer schlägt niemals eine Bitte offen ab, er läßt immer wieder Hoffnungen wachwerden, aber zieht die Erfüllung in die Länge. Deutsche Ehrlichkeit ist mir lieber als diese kalte, glatte Höflichkeit. Später kam auch der Justizminister Mr. Wilford. »Haben Sie irgendwelche Klagen in der Unterbringung?«

»Selbstverständlich, ich gehöre nicht in ein Zuchthaus.«

»Das bestreite ich nicht, aber welches sind Ihre Eindrücke über die Unterbringung vom Standpunkt des Sträflings aus gesehen? Dafür bin ich verantwortlich.«

Ich sage: »Über die Sauberkeit und die gute Verpflegung als solche bin ich überrascht, aber auch gegen das besteingerichtete Zuchthaus muß ich protestieren.«

»Well, I shall see, what I can do for you.«

Endlich, nach 21 Tagen, durften wir das Zuchthaus verlassen. Um die Ausreißer ungefährlicher zu machen, wurden wir nun auf verschiedene Lager verteilt. Kircheiß und ich kamen nach River Island bei Lyttleton, in der kalten Zone Neuseelands, auf Fort Jervois, das einmal gegen die Russen gebaut worden ist. Das war der einsamste Punkt Neuseelands, den sie hatten ausfindig machen können.

Unsere Wohnräume dort waren von einem Bretterzaun umgeben, der uns von dem Fortshof trennte. Auf der Bretterwand befand sich eine Laufplanke für einen Wachtposten. Auch der ganze Himmel war uns mit Stacheldraht überzogen worden, damit wir nicht eines Nachts Flügel bekämen und fortflögen. Das Ganze war ein regelrechter Käfig. Fünfundvierzig Mann taten nichts weiter, als daß sie uns bewachten.

Unser Lagerkommandant war Major Leeming, ein echter Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle, ein Tasmanier. Er fühlte sich selber als halber Gefangener auf dem öden Inselchenund war bald unser dritter Mann beim Skat, den wir ihm beibrachten, um die langen Abende zu füllen. Mir fiel auf, daß die Menschen auf dieser frostigen Südinsel eine vornehmere Art hatten als die Auckländer. Unser neuer Generalstäbler war Oberst Chaffee, der früher Preisboxer gewesen war, mit einem Klappauge, das ihm einmal bei einem Boxmatch eingeschlagen worden war. Er zeigte sich so gründlich, daß er jegliche Änderung, und wenn es auch nur die eines Schilderhauses war, als Generalstabsaufgabe behandelte.

Die 119 Tage auf diesem Schloß am Meer waren bitter für einen Seemann. Er sieht dort immer das Wasser um sich, seine Heimat, sieht die Segelschiffe vorbeigleiten, die ihn an die vollen Segel seines »Seeadlers« erinnern, und es zieht ihn mächtig hinaus auf das Meer, zu den Kameraden. Dazu der endlose Stubenarrest, der nach den internationalen Abmachungen nicht länger als acht Tage hätte dauern dürfen!

So kamen wir darauf, Fluchtmöglichkeiten auszudenken. Ich fand folgendes heraus. Die Insel hatte eine Anlegebrücke, zu der vom Fort eine Zugbrücke führte, die hochgezogen den Zutritt versperrte. Der Orkan hatte einmal diese Brücke zerschlagen, und sie wurde nun ausgebessert. Gleichzeitig wurde der Fortshof geteert und die leeren Teertonnen standen herum. Eines Tages rollte zufällig ein solches Faß ins Meer, es trieb in das Fahrwasser und bei Ebbe hinaus auf die See. Da sehe ich, wie ein kleiner Küstenschoner kommt und die Tonne herausholt.

Nun wurde ich aufmerksam und stieß ein zweites Faß hinab, dem es wie dem ersten erging. Nun war mein Plan fertig.

Während der Mittagspause der Arbeiter machte ich von einer Tonne den Deckel los, schlug zwei große Nägel in Boden und Deckel und bog sie in Haken um. Ein kleiner, alter Bootsanker, der dalag, kam mir auch zupaß. Ich dachte: Du tust von außen die Fischleine in das Spundloch, nimmst Proviant und Wasser hinein, ziehst den Anker an der Leine vor und machst das Faß dicht, bindest den Deckel an den beiden Nägeln unten und oben an. Dann läßt du dich im Augenblick, wo aus Lyttleton ein kleiner Segler ausfährt, ins Wasser fallen und treibst an dem Fort vorbei, legst dich so, daß das Spundloch nach oben ist. Dann wollte ich mich verankern und warten, bis das Fahrzeug kam und das wertvolle Treibgut aufnahm. Hätte mich der Schiffer hochgezogen und an Deck geheißt, so hätte ich innen das Tau aufgeschnitten, den Deckel geöffnet und wäre wie der Teufel aus dem Kasten, mit demMesser bewaffnet, Herr der Situation geworden. Die verblüfften drei Mann Besatzung hätten mich in die Südseeinseln fahren müssen und dort hätte ich mich von Insel zu Insel geschippert, bis ich eine Möglichkeit fand, als freier Mann zu leben.

Das herzliche Verhältnis, das uns mit Leeming verband

»... Das herzliche Verhältnis, das uns mit Leeming verband, schloß die Möglichkeit aus, sein Vertrauen zu mißbrauchen.«

Diesen Fluchtgedanken wollte ich erst ausführen, wenn Major Leeming, der Familienzuwachs erwartete, in Urlaub gegangen wäre. Denn die Gerichtsverhandlung gegen Oberstleutnant Turner, die wir in der Zeitung lasen, belehrte uns darüber, daß eine Flucht unserem Kommandanten Stellung und Charge kostete. Das herzliche Verhältnis, das uns mit Leeming verband, schloß die Möglichkeit aus, sein Vertrauen zu mißbrauchen. Aber jetzt ging er wirklich bald in Storchferien und wurde vertreten von Leutnant Gilmore, den seine Leute den »little Napoleon« nannten, und der stark in Militarismus arbeitete, so klein sein Operationsfeld auch war. Eines Morgens ließ Gilmore mir die leeren Tabaksdosen wegnehmen; er hatte wohl gelesen, daß wir in Motuihi aus Marmeladenbüchsen Handbomben gefertigt hatten. Ich schickte den Feldwebel, der die Dosen holen sollte, wieder weg, da kam Gilmore selbst, und ich sagte ihm: »Well, wenn Sie glauben, ich machte aus leeren Tabaksbüchsen Unterseeboote, dann ist es besser, Sie holen sie weg, aber anderseits ist es auch besser, Sie entfernen sich aus diesem Raum, denn Sie sind uns unsympathisch.« Er hatte es nämlich bisher nicht für nötig befunden, sich uns vorzustellen. Ich brannte darauf, diesem Mann den bewußten Streich zu spielen.

Als Leeming in Urlaub gehen wollte, war gerade die Zeitder großen deutschen Märzoffensive von 1918. Alles zitterte vor Aufregung. Kircheiß hatte aus einem kleinen Handatlas eine Riesenkarte an die Wand der Messe übertragen. Der Respekt vor Deutschland war groß. Selbst Gilmore legte etwas das Napoleonische ab und fragte uns oft über Deutschland. Wir dachten alle, in drei Monaten wäre der Krieg zu Ende, und unser heldenmütiges Vaterland vermöchte es, siegreich der Welt zu trotzen. Es waren stolze, nie wiederkehrende Augenblicke. Wie liebte man dies Land daheim! Heißer gedenkt man seiner nie, als wenn man Verbannung ihm zuliebe erträgt und dazu den Gram, nicht dabei sein zu können, wo es um sein letztes Schicksal geht.

So kam also die Woche heran, in welcher nicht Leeming, sondern Gilmore die Verantwortung für uns tragen sollte. Da wurde Kircheiß infolge des Zugwindes auf dem Fort krank; ein Arzt stellte bedenkliche Anzeichen fest und bemerkte bei dieser Gelegenheit über unsere und der Wachthabenden Unterbringung: »No pigs could live there.« (Nicht mal Schweine könnten hier leben.) Wenn diese Äußerung auch übertrieben war, so hieß es doch eines Tages: »Es geht wieder heim nach Motuihi«. Nun war mein Plan gescheitert, aber die Aussicht des Wiedersehens mit den Freunden belebte uns. Napoleon brachte uns über Wellington nach Motuihi zurück. Er hatte gehört, ich beabsichtigte ein Buch zu schreiben, worin er auch vorkäme. Darum ging er mir jetzt um den Bart, schenkte mir sogar in Wellington einen Rasierquast und Kircheiß eine Tabakspfeife. Er hat sich auch immer mehr als ein ganz guter Kerl herausgestellt.

In Motuihi herrschte große Freude, daß wir wieder da wären, nur einige, darunter der polnische Doktor, waren ziemlich gekränkt, weshalb mir der Doktor gleich mit einer Pulle Schum entgegenkam, damit ich nichts von unserem kleinen Geschäftchen verriete. Die Leute, die vergeblich auf die Theateraufführung gewartet, und besonders die, welche die Rollen auswendig gelernt hatten, waren auch verschnupft, aber nicht bösartig, denn sie waren ja durch ein Stück Seemannsleben entschädigt worden. Die Reserveoffiziere waren verstimmt, daß ich Egidy statt ihrer mitgenommen hatte. Sie hätten so gerne wenigstens einmal die Kraft fürs Vaterland eingesetzt.

Meine »Moa«-Kameraden blieben in fremde Lager verteilt. Nun traten die übrigen Kadetten an mich heran in der Hoffnung, daß etwas Neues unternommen würde; sie wären ja nun die einzigen,die in Frage kämen. Nach zwei Tagen schon berichteten sie, ein Segeltuchboot hätten sie fertig, Benzin und Proviant wäre verstaut, ob ich die Reise nicht leiten wollte? Ich stimmte zu unter der Bedingung, daß ich die Möglichkeiten vorher genau prüfen könnte.

119 Tage Festungshaft verbüßt

(Phot. R. Hofmann, Kassel.)

119 Tage Festungshaft verbüßt.

Unserem neuen Kommandanten, Major Shofield, war nicht mehr gestattet ein Motorboot zu halten. Der Proviant-Schlepper »Lady Roberts«, der wöchentlich zweimal kam, war mit einer großen Kanone versehen und dauernd mit Wachen besetzt, damit er nicht überfallen werden könnte. Wenn wir ausgingen, mußten wir uns immer in einem Wachthaus anmelden und bei der Heimkehr zurückmelden. Um sechs Uhr mußte alles oben auf dem Hügel sein. Ferner wurde um die Wohngebäude ein großer Stacheldrahtzaun gezogen, der allerdings erst kurz vor dem Waffenstillstand fertig wurde. Nachts wurden Kircheiß und ich alle zwei Stunden abgeleuchtet, ob wir auch noch da wären. Nun, da hätte ich auch einen anderen ins Bett packen können, wenn es darauf angekommen wäre. Große Bogenlampen umstanden den Drahtverhau.

Obwohl also unsere letzte Flucht den Scharfsinn der neuseeländischen Behörden ungemein befruchtet hatte, gab es indes immer wieder neue Pläne zur Abreise. Als ich zwei Monate da war, kam ich auf den Gedanken, den Gouverneur Dr. Schultz als Vertrauten zu benutzen, da er der einzige war, der über die ganze Insel gehen durfte. Wir anderen hatten einen bedeutend eingeschränkteren Weg. Der Gouverneur zeigte sich bereit, an der nächsten Flucht teilzunehmen, als gewöhnlicher Matrose wie jeder andere. Er spähte nun die Insel unter dem Gesichtspunkte des Entkommens ab. Zunächst legte er ein Proviantlager an, indem er jeden Tag auf seinem Spaziergang Erbsen, Bohnen, Reis in Dosen mitnahm und an einem stillen Platze vergrub. In einigen Wochen war ein hübsches Magazin entstanden. Die Kadetten hatten unter dem Vorwand, sich Klappstühle anzufertigen, ein Faltboot gebaut.

Wie sollten wir aber vom Lande wegkommen? Nach langem Hin und Her gerieten wir auf den Gedanken, uns ein Versteck auf der Insel zu bauen. Der Gouverneur hatte im Wald ein verlassenes Bachbett gefunden. In diese Höhlung sollte die Erde, die beim Graben unseres Unterstandes sich aufhäufte, gefüllt werden, so daß sie nicht auffiel. Ein herkulisch gebauter deutscher Bäcker, der dem Gouverneur als Bedienung beigegeben war und gleich ihm sich außerhalb des Drahtverhaues bewegen durfte, baute nachts den Unterstand, zimmerte Kojen darin, packte den Proviant, das Faltboot, eine Lampe und viel Petroleum dort hinein.

Wenn alles fertig war, wollten wir zum Golfspiel, das uns ab und zu erlaubt wurde, die Umzäunung verlassen. Der Unterstand befand sich von dem Golfplatz nicht weit entfernt. Dann wollten wir auf einmal verschwinden und uns in dem Unterstand versteckt halten.

In unseren Holzbaracken, einer früheren Quarantänestation, befanden sich in jedem Zimmer große Taue, damit man sich, wenn es brannte, aus dem Fenster lassen könnte. Diese Taue wollten wir beiseite schaffen, sie an der Klippe festbinden, in ihrer Nähe auch einige Messer und dergleichen liegen lassen, damit es aussähe, als ob wir dort die Insel verlassen hätten. Dann wollten wir ein bis zwei Wochen im Unterstand ausharren, bis sich unsere Verfolger müde gejagt hätten. Wir hatten vernommen, daß der Verteidigungsminister dem Lagerkommandanten telephoniert hatte, er möchte aufpassen, es gäbe Leute in Neuseeland, die mich befreien wollten.

Unser täglicher Blick auf den Ragnitoto

(Phot. R. Hofmann, Kassel.)

Unser täglicher Blick auf den Ragnitoto.

Den Eingang der Höhle hatten wir folgendermaßen gemacht. Aus der Erde wurde ein genaues Viereck herausgestochen, so daß es nicht brach. Diese Erde wurde auf einem ebenso großen, durchlöcherten Stück Brett mit dünnem Draht und Leim festgemacht, damit sie zusammenhielt. Unten am Brett war ein Handgriff befestigt, so daß die Luke von innen auf- und zugemacht werden konnte. Wenn wir nachts aus unserer Höhle herausgingen, sollte es nur auf Strümpfen geschehen, damit keine grobe Spur entstünde. Wir konnten dort kochen, der Wasserlauf war nicht weit ab. Man hätte uns also vergeblich überall nachgesetzt. In einer schönen Mondscheinnacht wollten wir dann abfahren. Wir hatten uns eine Browningpistole verschafft und aus einem Petroleumbehälter einen Flammenwerfer hergestellt. Fechtrappiere, Beile und das einzige noch vorhandene Zeißglas hatten wir gleichfalls mit.

Wie sollten wir aber zu einem Schiffe kommen? Dafür hatten wir uns mit einem Lagerinsassen verabredet. Der sollte uns ein Lichtsignal geben. Wenn ein roter Lampenschirm abends an seinem Fenster einmal verschwand, dann hieß das: Sie suchen euch nicht mehr auf der Insel. Dann wollten wir eine schöne, stille Mondscheinnacht abwarten, in der die Segler still liegen. Wirwürden hinrudern und mit unseren sechs Mann ein Schiff nehmen.

Häuptlingstochter der Waikato

(Phot. R. Hofmann, Kassel.)

Häuptlingstochter der Waikato.

Wenn der Waffenstillstand drei Wochen später gekommen wäre, hätte er uns nicht mehr im Lager angetroffen. Später haben wir den Neuseeländern unsern Plan erzählt. Da haben sie mit Hunderten von Maoris den Unterstand gesucht, aber nicht finden können.

Nach dem Waffenstillstand haben wir noch vier Monate in Narrow Neck gefangen gesessen, durften aber jetzt Besuche empfangen. Da kam eines Tages eine Häuptlingsfrau der Maoris vom Stamm der Waikato, die sich 1860/61 durch ihren heldenhaften Freiheitskrieg gegen die Engländer einen Namen in der Geschichte gemacht haben. Auch ließen sie sich im Weltkrieg nicht in die englischen Aushebungslisten eintragen. Die eingeborene Dame, Frau Kaihau, betrat meine Kabine und überreichte mir einen langen Brief, in Maorisprache geschrieben, etwa folgenden Inhalts:

»Ich komme zu Dir, Du großer Häuptling, und überreiche Dir zur ferneren Erhaltung der alten Überlieferung die Matte des großen Häuptlings Wai-Tete.«

Gleichzeitig holte sie unter ihrem Kleid eine Matte hervor, die sie sich untergebunden hatte, um diesen Gegenstand vor der englischen Wache zu verbergen.

Mein Erstaunen war groß, ich stoße Kircheiß an, aber auch dieser zuckt mit den Achseln und kann mir keine Erklärung geben. Glücklicherweise war eine deutsche Dame anwesend, die schon längere Zeit auf Neuseeland lebte und mit den ehrwürdigen Sitten der Eingeborenen vertraut war. Sie erklärte mir, ich sei eben im Begriff, die größte Ehrung zu empfangen, welche Maoris einem Mann erweisen könnten. Mittlerweile fing die Häuptlingsfrau an, im Raum herumzutanzen. Mit großer Geschwindigkeit undwilder Kraft tanzte sie »Haka-Haka«. Nachdem sie den Tanz beendigt hatte, holte sie einen grünen Stein hervor, den es nur in Neuseeland gibt. Diesen überreichte sie mir zusammen mit der Matte. Ich fragte sie:

»Bin ich denn nun Häuptling der Maori?«

»Gewiß sind Sie Häuptling. Sie dürfen sich jetzt ›Wai-Tete‹ d. h. ›Heiliges Wasser‹ nennen, und der Geist unseres verehrten Helden lebt in Ihnen fort. Auch diesen Stein darf nur der Inhaber der Häuptlingswürde tragen.«

Der Geist dieses verehrten Helden lebt in Ihnen fort

»... Der Geist dieses verehrten Helden lebt in Ihnen fort.«

Ich drückte der Maorifrau dankbar die Hand. Beim Abschied bat sie mich dringend, Matte und Stein gut zu verstecken. Ich habe diese rührende Ehrung für Deutschland angenommen und erhielt auch die Erlaubnis, Matte und Stein mit mir in mein Vaterland auszuführen, in der sicheren Hoffnung, daß ich einmal zurückkehren würde. An einem Sonntagnachmittag ließ ich mich,noch immer hinter Stacheldraht, heimlich in der Häuptlingstracht der Maori photographieren. Es fehlte freilich die Tätowierung und die volle Kriegsbemalung, welche zu einem richtigen Helden gehört.

Es fehlte freilich die Tätowierung

(Phot. R. Hofmann, Kassel.)

»... Es fehlte freilich die Tätowierung.«

Als endlich unsere Befreiung herannahte, besuchte mich vor der Abreise die Vorstandsdame der »Soldiers Mothers League« und wünschte mir im Auftrag der Mütter von 80 000 Soldaten eine gute Reise, da die Söhne, die bei uns gefangen gewesen wären, gesund zu ihren Müttern heimgekehrt wären. Es sei deshalb ihre Pflicht, zu Gott zu beten, daß auch meine Mutter mich wieder gesund in ihre Arme schließen könnte.

So verließ ich den Weltteil unserer Antipoden, der mir mehr als ein Abenteuer bereitet hatte, und betrat Ende Juli 1919 deutschen Boden, um wieder Dienst zu tun im Vaterland und in seiner Marine, die, beide niedergebrochen unter einem ungeheuren Schicksal, heute mehr als je Männer brauchen, welche unverzagt ihre Pflicht tun und den Mut nicht sinken lassen.

So verließ ich den Weltteil unserer Antipoden

»... So verließ ich den Weltteil unserer Antipoden.«(Der englische Dampfer trägt Schutzfarben gegen deutsche U-Boote.)

Mein Vater hat meine Heimkehr noch erlebt. Der alte Kämpfer ist am 3. September 1919 aus der Freude des Wiedersehens sanft in die Ewigkeit hinübergegangen. Bis zuletzt glaubte er an sein Deutschland.

Am 3. Januar 1920 sind alle meine Leute mit einer Ausnahme heimgekehrt. Ihr Zeug war wohl von der Tropensonne geblichen und vom Salzwasser zerfressen, aber ohne Flecken auf ihrer Ehre und auf ihrem Vaterlandsgefühl kamen sie heim. Nur einer der besten und liebsten Kameraden fehlte, unser Arzt Dr. Pietzsch, der sich schon vor der »Seeadlerfahrt« nur für die gefährlichsten Kommandos zur Verfügung gestellt hatte, weil es sein sehnlichster Wunsch war, vor dem Feind zu sein. Nicht der erwartete Soldaten- oder Seemannstod aber hat ihn weggenommen, sondern ein Herzschlag beendete sein Leben, als er Deutschlands Zusammenbruch erfuhr. Die chilenische Behörde und das dortige Offizierkorps haben ihm eine würdevolle Totenfeier gehalten.

Die Besatzungen der »Cäcilie« und der »Moa«

Die Besatzungen der »Cäcilie« und der »Moa« auf der Heimfahrt.

In mein geliebtes Vaterland zurückgekehrt, finde ich so vieles verwandelt vor und anders, als man erhofft hat. Dabei tritt mir immer eins in Erinnerung: Ich denke an meine gute Mutti, wie ich einmal vor ihrem Krankenbett saß, als selbst die Ärzte die Hoffnung aufgegeben hatten. Da kam einem erst zum Bewußtsein, wie lieb man sie hatte. Man sah plötzlich ein, was man versäumt hatte, und was man alles hätte tun sollen. Genau so geht es mir heute, wo ich mein Deutschland so krank vorfinde. Niemals habe ich mein Vaterland so lieb gehabt wie jetzt. Was möchte man alles tun, um helfen zu können! Die Erkenntnis, daß vieles versäumtwurde, erwacht, und der Entschluß, daß jeder an seiner Stelle mitwirke, damit es besser werde. Und so betrachte ich es jetzt als meine Hauptaufgabe, zunächst für meine herrlichen Jungs zu sorgen und zu zeigen, daß man ihr alter Kamerad ist. Wenn man damals auch die Hand war, die sie führte, heute darf man die Hand der Liebe sein, die für sie sorgt. Wenn man den deutschen Landsleuten von ihren Taten erzählt, so werden die Herzen der Hörer aufgeschlossen, und die alte Devise lebt: Einer für alle, alle für einen.

Euch, lieben Landsleute, möchte ich zurufen: Kiekt in de Sünn, un nich in ’t Musloch, wo’ so düster is. Nehmt euch meine Jungs zum Beispiel. Als ihre Heimat auf dem Korallenriff zerschmettert wurde, eins ließ sich nicht zum Wrack schlagen: Ihr alter deutscher Geist und Mut. Wenn auch die paar Planken im Großen Ozean vernichtet wurden und uns diese Heimat bis zum Hals im Wasser stand und keine Hilfe ringsum zu erwarten schien, so war doch der letzte Ruf aus unserm »Seeadler« einstimmig von vorn bis hinten: »De Eikbom, de steit noch!«

Die Waterkant ist verödet, der Engländer macht alle Seeleute brotlos, nimmt uns nicht nur die Schiffe, die wir hatten, sondern wir müssen neue bauen, um sie unsern Zwingherrn abzuliefern. Aber das alles soll uns nicht entmutigen. Baut Schiffe, und tretet alle gerade jetzt erst recht ein in den Flottenverein! Jetzt braucht der Baum Stützen! Jetzt gibt’s nichts mehr zu genießen im Flottenverein, keine Festfeiern, Reden und Lustreisen — aber jetzt gerade soll seine Mitgliederzahl wachsen wie nie zuvor.

Mein Freund, der Geschichtsprofessor Fritz Kern, früher in Kiel und der Marine auch nach ihrem Niederbruch mit seinem Herzen und seiner Feder treu, schrieb mir am Jahrestag von Skagerrak: Das deutsche Volk hat immer durch die tiefsten Wasser waten müssen. Unsere Geschichte ist eine Kette von Zusammenbrüchen und Wiedererhebungen. Auch unser Reich zur See haben wir wie kein anderes Volk immer wieder neu aufbauen müssen. Aber unser Land kann nicht atmen ohne den frischen Anhauch der See; das Volk muß im Kerker vermodern, wenn ihm Türen und Fenster »na See to« künstlich zugesperrt bleiben. Halten wir der See die Treue, gerade jetzt, da ihre Wellen leer und trostlos an die deutsche Küste schlagen! Ihr Ruf an uns tönt fort, und wenn nach der alten Schiffersage, die du mir einmal erzähltest, GorchFock und seine Kameraden über dem stählernen Sarg der »Wiesbaden« heute ihre »Musterung auf dem Meeresgrund« abhalten, die gefallenen Sieger, und um sie versammelt die Toten der alten Hansa, dann rauscht es aus der Walhalla der Nordsee zu uns und unsern Kindern herauf wie ein deutsches Gebet: »Seefahrt tut not.«

Unseres Volkes Wohlfahrt wird sich wieder erheben, wenn es einig ist. Niemand hoffe auf Hilfe oder Gnade von außen, aber jeder glaube an den künftigen deutschen Willen und den künftigen deutschen Weg. Wenn unser Volk erst sich selber gefunden hat, dann, ihr jungen Land- und Seeadler, wachsen die Schwingen!

Heute, da alles verloren ging, was uns Seedeutschen die zweite Heimat bedeutete, Schiffe, Kolonien und ein stolzes, freies Gefühl unter der deutschen Flagge auf allen Meeren, ist uns nur eins geblieben, die deutsche Scholle. Möchte aus ihr eine kräftige junge Eiche aufwachsen, die das ganze Volk unter ihrem Schatten vereint! Möchten ihre Schößlinge wieder als Mastbäume auf deutschen Schiffen ragen! Die Sehnsucht nach dem verlorenen Meer weht durch das deutsche Land.

Op Weddersehn!

Die Flagge S. M. S. »Seeadler«

Die Flagge S. M. S. »Seeadler«.

Kommandant Kaptlt. Graf v. LucknerI. Offizier Leutn. d. R. KlingNavig.- u. Art.-Offizier Leutn. d. R. KircheißAdjutant u. Prisenoffizier Leutn. d. R. PriesAssistenzarzt Dr. PietschSteuermann LüdemannBootsmann Ernst DreyerZimmermann Gustav DreyerSteuermannsmaat Harzmeyer"            Permien"            BahrsSignalmaat FriebelObermatrose Barten"          Feldmann"          Erdmann"          Kawohl"          Stührk"          Röhling"          Reichenbach"          Ratzlaff"          Sprengel"          Kohlenberg"          Zemke"          Hugo Schmidt"          Segelitz"          Foth"          Seidler"          Draheim"          Silla"          Otto Schulz"          Sliwa"          Sörensen"          LindenauI. Koch LohansII. Koch HeitmannObermatrose Robert Schulz"          Pfrang"          Hank"          Kolberg"          Piwczyk"          Harms"          WehnerObersignalgast LangkopfMatrose Esch"       Walter Schmidt"       MathiesZimmermannsgast ThiemeObermechanikersgast PascholdMotorpersonalLeitender Ingenieur KrauseObermaschinistenmaat Jacob"                 Sottmann"                 Frühling"                 Schaumann"                 Hugo SchultzOberheizer Hanke"         Pallaske"         Henning"         Sachse"         Datzmann"         PahlandFunkentelegraphisches PersonalF. T.-Maat Otto SchmidtOber-F. T.-Gast Renz"             Hühmer


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