Bald nach der Seeschlacht wurde ich zu besonderer Verwendung abkommandiert, kam nach einiger Zeit wieder zurück und wurde Artillerieoffizier auf dem Hilfskreuzer »Möwe«.
Was hat man nicht alles versucht, ausgedacht und ausgeführt, um die Übermacht des Feindes da und dort zu durchlöchern und den eisernen Ring, mit dem die ganze Welt unser Deutschland umschnürte, ein wenig zu lüften!
In Hamburg sollte wieder einmal mein Leben eine neue Wendung nehmen.
Wir lagen mit der »Möwe« auf der Vulkanwerft und bereiteten uns zu neuen Reisen vor. Eines Abends war ich an Land gegangen zu meinem Freund, dem Reeder Dalström. Wir unterhielten uns bei einer Flasche Schwedenpunsch im bequemen Ledersessel behaglich über meinen Lieblingsplan, nach Kriegsende mal ein paar Monate ein Segelschiff als Kapitän zu fahren, was mir noch nie zuteil geworden war. Da meldet das Dienstmädchen den Adjutanten der »Möwe«. Ärgerlich brumme ich: »Kaum ist man einmal in seinem Element, gleich wird man mit Dienst belämmert.« Es wäre ein dringendes Telegramm vom Admiralstab für mich da. »Was, Admiralstab? Wo de Kloken sitten? Was habe ich mit dem Admiralstab zu tun?«
Ich hätte mich morgen Nachmittag im Admiralstab zu melden.
In gespannter Erwartung geht es nach Berlin. Nirgends hat mein Herz mehr gepuppert, als damals im Vorzimmer des Kapitäns Toussaint in Erwartung der Antwort auf die Frage: Was sollst du im Admiralstab?
Endlich werde ich vorgelassen. »Trauen Sie sich zu,« ... (Was sollte ich mir nicht zutrauen?) ... »ein Segelschiff als Hilfskreuzer durch die englische Blockade zu bringen?«
»Darf ich Ihnen um den Hals fallen?« Das Schiff, das man vor dem Mast als Schiffsjunge und Matrose gefahren, das Schiff, das mein einziges Musloch gewesen war, jetzt als Kapitän fahren und dazu als selbständiges Kriegsschiff! Wie schnell war mein Herzenswunsch erfüllt.
»Was halten Sie für die Hauptsache?«
»Die Hauptsache ist Glück.«
»Na, dann sind Sie Kommandant derPass of Balmaha.«
Die »Pass of Balmaha« war seinerzeit unter amerikanischer Flagge mit Baumwolle nach Archangelsk unterwegs gewesen, von einem englischen Kreuzer aufgegriffen und mit Prisenbesatzung nach Kirkwall zur Untersuchung geschickt, unterwegs aber von einem deutschen Unterseeboot angehalten worden. Der amerikanische Kapitän hoffte, als er das Unterseeboot sieht, sein Schiff als neutrales freizubekommen, verschließt die englische Prisenbesatzung in den Luken und läßt die Waffen über Bord werfen. Unsere U-Bootleute kommen an Bord. »Wo fahren Sie hin?« »Nach Archangelsk.« »Aber das ist doch nicht der Kurs nach Archangelsk. Was habt Ihr an Bord?« »Baumwolle.« »Die können wir auch gebrauchen.« Der deutsche Steuermann wird an Bord geschickt; er soll das Schiff nach Deutschland segeln. Die englische Prisenbesatzung macht unerkannt und unfreiwillig die Reise nach Cuxhaven, statt nach Kirkwall mit und steigt nach viertägiger Hungerkur blaßwangig aus den Luken hervor, zur größten Verblüffung des deutschen Steuermanns — Lamm heißt er —, der ganz allein die deutsche Kriegsmacht an Bord verkörpert hat. So war die »Pass of Balmaha« ein deutsches Schiff geworden, und nun war sie seit heute mein Schiff!
Am schwierigsten war es, meinen Jubel geheim zu halten, was doch durchaus nötig war. Ich trank eine halbe Pulle Portwein ganz allein und hätte mich am liebsten selber umarmt, weil ich keinen anderen hatte. Dann fuhr ich nach Geestemünde, wo unter Leitung von Leutnant Kling das Schiff bereits auf der Tecklenborgschen Werft umgebaut wurde. Dort erfuhr ich Näheres über die Vorgeschichte des Gedankens. In mehreren Eingaben hatte Kling auf den Vorzug des Segelschiffs für Kaperfahrten infolge seiner Unabhängigkeit von Kohlen hingewiesen. Nachdem dieser Vorschlag im Admiralstab gutgeheißen war, hatte man im Hamburger Hafen jenes Dreimastvollschiff ausgewählt, das sozusagen schon an gefangene Engländer gewöhnt war.
Vor allem mußte nun vor den Werftarbeitern verschleiert werden, daß das Schiff ein Hilfskreuzer würde. Es wurde gesagt, wir bauten das Schiff zum Schulschiff um, und ließen durchsickern, das wäre doch eine wunderbare Idee, ein Segelschiff mit einem Motor auszurüsten, um darauf gleichzeitig Motorschüler auszubilden; im übrigen hätte der Krieg gelehrt, daß die Ausbildung der Schiffsjungen ohne Takelage mangelhaft wäre, und so käme man infolge der Erfahrungen immer mehr zum Segelschiff zurück. Das leuchtete den Leuten ein. Die Räume, die für unsere zukünftigen Gefangenen bestimmt waren, erhielten in dicken Buchstaben die Aufschrift: Raum für soundsoviel Schiffsjungen.
Ich selbst durfte nicht als Offizier erscheinen, sondern trat in Geestemünde als Baurat von Eckmann aus dem Reichsmarineamt auf. Ich kam nur gelegentlich hin, um dem Fortgang des Schulschiffes »Walter« zuzusehen. Die Herren von der Tecklenborgschen Werft verwandten auf den Bau außerordentliche Liebe, so daß ich es ihnen vor allem verdanke, daß uns ein so massives Schiff unter die Füße gegeben wurde. Die Komplikationen, die sich beim Einbau des 1000pferdigen Motors ergaben, wurden glänzend überwunden. Eine Öltonnage für 480 Tonnen wurde im Unterraum eingebaut, gleichzeitig Wassertanks für 360 Tonnen frisches Wasser. Das Schiff hatte 1852 Registertonnen, das sind über 5000 Ladungstonnen. Proviant sollte ich für zwei Jahre mitnehmen. Das ganze Zwischendeck stand für die Gefangenen bereit; deswegen war erstaunlich viel Platz für etwa 400 Gefangene da. Für die gefangenen Mannschaften wurden die Räume, wie in der Marine üblich, mit Backregalen, die unter Deck aufgefangen werden konnten, und mit Hängematten ausgestattet. Besondere Sorgfalt wurde darauf verwandt, den gefangenen Kapitänen und Offizieren würdige Räume einzubauen. Unter dem Salon wurden Kabinen geschaffen, jede für zwei bis drei Bewohner, eingerichtet mit Waschtischen und allem Zubehör. Außerdem hatten die Kapitäne eine große Pantry für sich und eine geräumige Messe. Für englischen und französischen Lesestoff für die Gefangenen wurde gesorgt, ein Grammophon mitgenommen und Gesellschaftsspiele. Ein besonderer Raum war vorgesehen für die Bedienung der Kapitäne, die aus ihrem eigenen Personal zu ergänzen war.
Gleichzeitig galt es, unter kundiger Beihilfe die nötigen Papiere herzustellen. Von der Schwierigkeit dieser Arbeit macht man sich nicht leicht einen Begriff.
Zunächst kam es darauf an, ein Schiff zu finden, das unserem künftigen Kreuzer im Alter und Schnitt ungefähr glich. Vor allem sollte es ein Schiff sein, das mit Holzladung fuhr, da diese infolge ihrer Leichtigkeit eine Deckslast gestattet, welche, mit Ketten befestigt, bei einer feindlichen Untersuchung nicht weggeräumt werden kann, den Zutritt zu den Luken verhindert und so das Verstecken eines geheimen Schiffsinhaltes erleichtert. Nach langem Suchen fanden wir den gewünschten Doppelgänger in dem norwegischen Vollschiff »Maletta«, welches zurzeit in Kopenhagen lag und den Feinden unverdächtig war, weil es nach Melbourne gehen sollte. Unsere ganzen Schiffspapiere mußten jetzt nach der »Maletta« gestaltet werden, und nicht nur die Papiere, sondern auch unser Schiff selbst. Barometer und Thermometer wurden aus Norwegen besorgt, ebenso Photographien von Männern und jungen Mädchen, die den Matrosen in die Kojen gehängt wurden. Unser Vorbild, die »Maletta«, hatte in Kopenhagen einen neuen Ankerlichtmotor bekommen; da wir infolgedessen einen ebensolchen auf Deck stellen mußten, schrieben wir ins Logbuch: »In Kopenhagen heute bei Knudsen eine Ankerlichtmaschine bekommen und eingebaut« und setzten auf den Motor ein Schildchen mit dem echt dänischen Namen Knudsen. Nun stimmte alles wieder, wir konnten Rede und Antwort stehen. Viel Hilfe fanden diese Vorarbeiten durch Kapitän Kirchheim, während ich selbst es übernahm, die Leute auszusuchen. Es waren zwei Besatzungen zu unterscheiden, eine wirkliche Gesamtbesatzung, für die uns der Admiralstab 64 Mann genehmigt hatte, und eine für die Maletta-Komödie; diese bestand aus 23 Mann, d. h. aus denjenigen Mitgliedern der Gesamtbesatzung, welche norwegisch sprachen. Jeden Offizier und Mann habe ich persönlich ausgewählt und darf sagen, daß ich mich in keinem geirrt habe. Die Motorbesatzung, welche ausgebildet werden mußte, ohne daß sie ahnte wofür, wurde von der U-Bootsabteilung gestellt. Als Mannschaft holte ich lauter gute Seeleute, die auf Segelschiffen gefahren haben. Ich ging zuerst zu der Matrosendivision und sah mir die Leute an, fragte, wo sie gefahren hätten. Wenn einer lange auf Segelschiffen gewesen war, dann horchte ich auf, überging aber den Mann mit gleichgültiger Miene. Kam ich an einen, der nur auf Dampfern gefahren hatte, dann forschte ich ihn gründlich aus und setzte scheinbar Kreuze in die Liste hinter seinen Namen. Auf diese Weise konnte niemand ahnen, für welches Sonderkommando ich den allmächtigen Befehl vom Admiralstab hatte, daß mir jederMann zu bewilligen wäre, den ich für geeignet hielt. Auch ließ ich mir nicht merken, daß ich nach solchen angelte, welche auf Schweden und Norwegern gefahren hatten. Frühere Steuerleute nahm ich besonders gern. So wurde den Männern durchs Auge ins Herz geschaut und sie genau angesehen.
Alle Ausgewählten wurden sofort auf Urlaub nach Hause geschickt. Dann sind die Leute außer Verbindung mit Kameraden, können nicht fragen und kombinieren. Inzwischen wurde für die 23 Maletta-Leute das Zeug aus Norwegen beschafft, norwegische Landschaftsbilder für die Kajüten, Lexika, Sextanten, Karten, Inventarlisten, Töpfe und Tassen mit norwegischen Stempeln, Bleistifte und Federhalter, norwegisches Geld, Proviant wie Butter und Fleisch, Schuhzeug, kurz alles, worauf das Auge fallen könnte, war »Original«. Es durfte nichts deutsches da sein. Im Salon hängt der norwegische König und »or Dronning«, die Königin, auch der Schwiegervater vons Ganze, King Edward, lächelt milde von der Wand herab. Norwegische Kissen lagen da, mit der Landesflagge drauf, Hardanger Arbeiten, Briefe, die aus Norwegen an mich und meine Leute geschrieben waren, wurden besorgt, weil jeder Seemann die Zigarrenkiste voll Briefe stets mit sich herumschleppt. Ich brauchte Geschäftsbriefe und die Leute Liebesbriefe. Wir mußten damit rechnen, daß unser Schiff dem untersuchenden Feind verdächtig erschien, und er infolgedessen nicht allein die Schiffspapiere, sondern auch die Mannschaft gründlich prüfte. Angenommen, der untersuchende Offizier läßt sich vom Kapitän die Papiere irgendeines Mannes geben und stellt an diesen dann persönlich allerlei Fragen über das Aussehen seines Heimatsortes, wie die größeren Nachbarorte heißen, welche Bahnverbindungen bestehen, wie der Bürgermeister oder Ortsvorsteher heißt, wo sein Bruder, Onkel oder Tante wohnt, auf welchem Schiff er vor drei Jahren war, welche Reise er mit diesem Schiff gemacht hat, oder er läßt sich einen Brief von seinen Angehörigen aus der Zeit geben: Auf jede solche Stichprobe mußten wir vorbereitet und jede verfängliche Möglichkeit aus dem Wege geräumt werden. Auch die Photographien der Leute mußten echte Firmennamen tragen, denn jeder Photograph macht sich auf seinen Werken breit. Wieviel Originalphotos waren zu beschaffen. Ob die Braut schön, war ja egal, denn das ist Geschmackssache; wenn sie nur echt war.
Die schwierigste Arbeit waren die Briefe, da, wie gesagt, ein Seemann das Wenige an Post, was er bekommt, jahrelang aufbewahrt.Die Briefmarken mußten mit Abgangs- und Ankunftsstempeln versehen sein, für Hongkong, Honolulu, Yokohama, wo der Betreffende eben früher gewesen war und Briefe hinbekommen hatte. Kurz und gut, Stempel aus allen Weltteilen waren erforderlich und machten raffinierte Mühe. Dann mußten die Briefe in verschiedenen Graden »alt« gemacht werden. In den norwegischen Papieren und Seefahrtsbüchern, die wir schufen, stand nicht nur, daß jeder von uns jetzt auf »Maletta« fuhr, sondern auch die anderen Schiffe, auf denen er früher gewesen war. Solch alter Seemann, der fährt seine fünfzehn oder zwanzig Jahre, da muß doch alles stimmen. Einer war mal im Lazarett gewesen, einer hatte sich das Bein gebrochen usw. Man mußte in allem sehr gewissenhaft sein. Wenn z. B. Henrik Ohlsens Vater nach dem Buche tot sein soll, so müssen seine Briefe von der Mutter und den zwei Schwestern kommen, die Daten müssen stimmen und aus den Orten, wo er abgemustert war, muß er auch ein paar Andenken haben. Mit deutscher Gründlichkeit konnte man sich nicht genugtun, »Maletta Nr. 2« hieb- und stichfest zu machen.
In Geestemünde wohnte neben mir in Beermanns Hotel ein alter Kapitän von der Schiffsbesichtigungskommission, der interessierte sich für mich, der ich, wie gesagt, als Baurat von Eckmann dort auftrat, und fragte den Baumeister seiner Kommission, ob er mich kenne. Der antwortete, es gäbe keinen Baurat von Eckmann im Reichsmarineamt. »Habe ich das nicht gleich gedacht?« platzt mein Kapitän heraus. »Habe ich ihn nicht immer für einen Spion gehalten? Der Kerl hat ein ganz englisches Gesicht.« Ihm schwillt der Kamm.
Nun will es das Unglück, daß ein unaufmerksamer Beamter aus Berlin zwei Briefe, die ich dringend haben muß, statt unter Deckadresse, wie üblich, unter meinem vollen Namen nach Geestemünde ins Hotel nachschickt. Ich verhandle mit dem Oberkellner, ob er mir die Briefe für meinen Bekannten, den Grafen Luckner, herausgeben will. Er lehnt es ab, der alte Kapitän aber hat alles von ferne gesehen und geht zum Kellner: »Was wollte der Kerl?« »Er wollte die Briefe haben für den Kapitänleutnant Luckner.« — »Ha!«
Ich ahnte von nichts und fahre um sieben Uhr mit dem Zuge nach Bremen als kaiserlicher Kurier im Abteil erster Klasse. Da kommt ein Herr in mein Abteil und fragt nach meinem Ausweis. Ich zeige ihn, er ist ganz verdutzt: »Entschuldigen Sie, wir suchen aber einen Spion aus Geestemünde.«
Ein Todesschreck um mein Schiff durchzuckt mich; sollte der Feind schon durch Agenten den Kreuzer beobachten lassen?
»Hoffentlich kriegen Sie ihn auch.«
»Ja, wir hoffen es. Es ist schon alles besetzt in Richtung Bremen, Hamburg und jenseits.«
»Wo war denn der Kerl?«
»Er ist öfter in Beermanns Hotel gesehen worden.«
»Zum Donnerwetter, fangen Sie ihn ja. Leider hat man bei uns öfter den Falschen gekriegt.«
Ich komme nach Bremen in Hillmanns Hotel. Dort tritt schon wieder ein Herr auf mich zu und fragt nach meinem Ausweis. Ich dachte: »Donnerwetter, was ist denn das mit mir?« und zeige meinen Ausweis. Er erzählt von dem Spion, die Beschreibung sähe mir ähnlich, aber es sähen sich ja so viele Menschen gleich. »Haben Sie Hoffnung, den Kerl zu fassen?« »Wir wissen nur, daß er in Richtung Bremen ist.«
Ich denke, das ist eine ganz verfluchte Sache, gehe ins Trokadero und bestelle mir eine Pulle Wein. Kaum sitze ich hier, kommt ein Offizier mit zwei Mann in Uniform: »Folgen Sie mir, Sie sind verhaftet.« Jetzt werde ich wütend: »Wollen Sie Ihre eigenen Offiziere verhaften?«
»Kommen Sie nur mit, Sie können sich nachher ausweisen.«
Allgemeine Aufregung im Lokal; man wollte mit Stühlen auf mich los. »Haut den Spion!«
Wir kommen zum Hotel. Dort hole ich meinen Ausweis vor. Er zeigt mir den Steckbrief: »englisches Aussehen, kaffeebrauner Mantel, Mütze, Pfeife«. Ich sage: »Unter welchem Namen geht denn der Gesuchte?«
»Unter dem Namen Baurat von Eckmann.«
»Aber das bin ja ich!«
»Na, Sie haben doch eben gesagt, Sie wären Graf Luckner?«
Die Reihe, wütend zu werden, war an ihm, während ich mich sehr erleichtert fühlte und ihn auf die Möglichkeit hinwies, an den Admiralstab zu telefonieren.
Nun galt es, für unsere »Maletta« auch einen Namen zu finden, unter dem sie als Kriegsschiff fahren sollte. Mir wurde die Gnade zuteil, dem Schiff selbst den Namen zu geben. Der machte das meiste Kopfzerbrechen! Ich wollte es erst »Albatros« nennen, weil die Albatrosse mich gerettet hatten, damals, als ich in den Wellen lag. Aber es gab schon einen Minenleger diesesNamens, der an der schwedischen Küste aufgelaufen war. Dann war ich für »Seeteufel«, aber meine Offiziere meinten, es müßte etwas von den weißen, rauschenden Segeln hinein, und so wurde unser Kreuzer »Seeadler« getauft.
Das Schulschiff war gebaut, die Papiere in Ordnung, die Probefahrt auf der Weser gelungen. Nun wurde die Mannschaft vom Urlaub zurückgerufen. Was hatte ich für eine prächtige Besatzung! Der I. Offizier Kling hatte die Filchner-Expedition mitgemacht und verfügte über reiche Erfahrungen. Der Prisenoffizier war ein früherer Mit-Einjähriger von 1,92 Meter Höhe, dem ich zufällig auf einem Dock begegnete. Auf meine Frage: »Willst du mit?« meinte er: »Ist es ein Himmelfahrtskommando?« »Ja!« »Da mache ich mit. Pries heiße ich und Prisen brauchst du, da bin ich doch der Richtige.« Mein Artillerie- und Navigationsoffizier war Leutnant d. R. Kircheiß, ein kluger Kopf und Navigateur ersten Ranges; mein Steuermann Lüdemann, ebenso der Bootsmann, der Zimmermann und der Koch, die drei Pole des Segelschiffes, alterfahrene Leute. Der leitende Ingenieur Krause und sein Personal waren selten hervorragende Menschen. Mit der Mannschaft konnte man, was Tüchtigkeit und Zuverlässigkeitbetrifft, gegen zehnfache Übermacht kämpfen. Es waren alles brave, biedere Seeleute, die ihr Leben jederzeit in die Schanze schlugen, wenn es ihr geliebtes Vaterland galt.
Der leitende Ingenieur Krause und sein Personal
»... Der leitende Ingenieur Krause und sein Personal waren selten hervorragende Menschen.«
Das Schiff war fertig. Da verschwindet es in einer stockdunklen Novembernacht von der Weser und legt sich still draußen in der Nordsee vor Anker. Zu gleicher Zeit sammle ich meine Leute in Wilhelmshaven in dem entlegensten Punkt des Hafens selbst. Bei dem Schein einer spärlich brennenden Laterne prüfe ich an Hand der Papiere, ob alle meine Leute da sind. Alle sind sie zur Stelle. In den kleinen Dampfer, der am Kai liegt, steigen wir ein, und hinaus geht’s, die Jade abwärts. Keiner von meinen Jungs wußte, wohin und wofür. Anfangs vermuten sie, daß es nach Helgoland geht. Wir passieren Helgoland. Die Dünung der Nordsee rollt uns entgegen. Der kleine Dampfer stampft. Die Jungs fragen sich untereinander. »Wo geit dat hen, wo seilt wi hen?« Keine Antwort.
Da plötzlich taucht aus der Dunkelheit ein Segelschiff vor Anker auf.
»Halloh, wat för’n Schip?«
An den fachmännischen Bezeichnungen der Takelage erkennen sie, daß sie alle segelschiffsbefahrene Leute sind. Die Sache scheint ihnen rätselhaft. Als der Dampfer Kurs auf den Segler nimmt, erraten sie, daß sie die Besatzung dafür sind. Schnell entern sie auf und auf allen Mienen sieht man die neugierige Frage. »Wat sall dat?«
Sie kommen an Deck. Keine Geschütze sind zu sehen, statt dessen aber ein großer Motor unten im Schiff.
»Wat is denn hier los?«
Ein Teil der Mannschaft geht nach unten. Dort entdecken sie ihre schönen Wohnräume. Für die Unterbringung der Leute war besonders gesorgt, da man ihnen auf Jahre hinaus die Heimat ersetzen mußte. Keine Hängematten, sondern Kojen, besondere Meßräume für die seemännischen und technischen Unteroffiziere. Der andere Teil der Ankömmlinge ging nach vorn, wo ihnen ihre Wohnräume angewiesen waren. Fix und fertig finden sie ihre Kojen. Erstaunt bleibt jeder vor der seinigen stehen und wird nicht klug, was das alles zu bedeuten hat. Norwegische Landschaften, norwegische Mädchen, die Wände mit norwegischen Flaggen bemalt. Außerdem findet jeder eine volle Seekiste mit Zivilzeug, was bisher wohl noch keinem Seemann begegnet war.
»Mensch, alles norwegisch.Taler du norsk??«
»Ja!«
»Du auch?«
»Ja!«
»Und du?«
»Ja!«
»Da ward wi nich klog ut.«
Auf dem Tisch steht das Leibgericht des Seemannes, Snuten und Poten, und außerdem für jeden Tabak und Pip.
»Dat geiht hier wohl al ganz von sülwst?«
Der gesunde Appetit unterbricht erst mal das Fragen, und nach dem Essen findet ein allgemeines Beschnuppern statt.
Neugierig gehen sie zu den anderen, die in den unteren Räumen ebenso gemütlich wie die oben wohnen, nur hängt unten nichts Norwegisches, dagegen Hindenburg und Ludendorff.
»Kannst dunorsk?«
»Nee!«
»Und du?«
»Nee!«
»Dat is ja puppenlustig! Wat is denn hier bloß los?«
Jetzt beginnt das Kombinieren.
Sonderbar, wenn man in die unteren Räume will, muß man erst durch einen Schrank kriechen, denn der Zugang zu den Räumen der nur deutsch sprechenden Mannschaft besteht aus geheimnisvollen Luken, welche auch einer gewissenhaften Untersuchung des Schiffes verborgen blieben. Um diese Luken für die Augen des Feindes noch mehr zu verschleiern, hatten wir sie in den Fußboden des Ölzeugschrankes, des Besenschrankes usw. geschnitten. Die Schränke wurden groß gewählt, damit im Notfall sich sechs bis sieben Menschen darin sammeln konnten, um gleichzeitig aus dem Schiffsraum hinauszutreten. Alles, was verdächtig war, die zwei alten Kanonen (mehr hatte man uns nicht zubilligen mögen) und das Kriegsmaterial war im Schiffsraum verstaut.
Die Neugierigsten gingen, als sie diese ersten Eindrücke von dem merkwürdigen Schiff gesammelt hatten, nach hinten zur Kajüte, um in Erfahrung zu bringen, für welchen Zweck das Schiff bestimmt wäre. Da wird ihnen zunächst der Befehl mitgeteilt: Anker lichten! Und hinaus geht’s durch die Nordsee in unser Versteck, hinter Amrum, hinter Sylt, die Norderaue rauf, wo uns kein Mensch sehen konnte und die Verbindung mit der Heimat gelöstwar. Hier werden die letzten Vorbereitungen getroffen und den Leuten endlich mitgeteilt, welche Aufgabe unser Schiff hat. Die Holzladung wurde an Deck gestaut. Kunstgerecht schichteten wir sie in achttägiger Arbeit so, daß kein Einblick in das Schiffsinnere möglich war.
Holzladung an Deck
»... Die Holzladung war an Deck gepackt.«
Im Mast oben waren geheimnisvolle Türen, dahinter lagen im Hohlraum des Mastes Pistolen, Handgranaten und Gewehre, ebenso deutsche Marinemützen und -jacken. Die Türen gingen nach innen auf, hatten nach außen keine Angeln und konnten nur durch einen verborgenen Magnetdrücker geöffnet werden.
Nun wurde die Verschleierungsrolle mit der norwegischen Besatzung eingeübt. Jeder bekam seinen norwegischen Namen. Auch mußte jeder genau im Bilde sein über seinen neuen Heimatsort; aus Bädeker und anderen Reisebeschreibungen wurden Erkundigungen eingeholt. Die Photographien wurden ausgehändigt und die vielen Briefe.
Mit allem war man fertig, wir warteten nur auf günstigen Wind zum Auslaufen. Da wird uns auf einmal ein roter Strich durch alles gemacht. Ein drahtloses Telegramm befiehlt uns: »Nichtauslaufen, warten, bis U-Deutschland zurück ist.« Die Sperren der englischen Blockade waren augenblicklich des Handels-U-Bootes wegen doppelt stark besetzt.
Wir warten Tage, Wochen, die »Maletta«, mit der wir unter Aufbietung aller Kräfte bisher hinsichtlich des Aufbaues Schritt gehalten haben, läuft aus Kopenhagen aus, läuft uns davon! Was nun? Der ganze Plan war zerstört. Wir hatten einen Tag vor der »Maletta« abfahren wollen, damit, wenn die englische Blockadebewachung drahtlos in Kopenhagen anfragt, die Antwort kommen mußte: »Stimmt, Schiff ist abgefahren.« Die drahtlose Rückfrage war ja die gefährlichste Klippe, die zu umgehen war, und dieses technische Hilfsmittel der Neuzeit komplizierte unsere Kriegslist am allermeisten.
Der einzige Behelf, den wir nun noch hatten, war Lloyds Register, worin alle Schiffe nach Größe und Eigentümer angegeben sind. Wir konnten danach ein beliebiges Schiff nehmen, aber wir wußten nicht, wo sich dieses Schiff befand. Nach den Vermessungen stimmte mit uns die »Carmoe« überein. Wir mußten sie also nehmen.
Was das heißt, die Schiffspapiere ändern! Name des Reeders, Baudaten, Werft, Länge, Tiefgang und Breite, die verschiedenen Eigentümerangaben, Versicherungsklassen, alle diese Zahlen mußten in zehn verschiedenen Papieren geändert werden, ohne die Druckschrift der Vordrucke zu schädigen. Jetzt ging es mit Tintentod ran an die Arbeit. Dem Leutnant Pries gelang es mit großer Sorgfalt und Liebe. Man konnte ungefähr sagen, es ging an, wenn die Beleuchtung nicht sehr hell war, und dafür konnte man durch Segeltuchbezüge vor den Lichtern sorgen.
Aber was wollte das alles sagen, wenn uns die drahtlose Telegraphie dazwischen kam? Wir wußten ja nicht, wo sich das Schiff befände. Da brachte uns ein Zufall darauf, die neuesten norwegischen Handelsblätter durchzusehen, die wir aus Echtheitsgründen mitgenommen hatten, und wir lasen unter den Schiffsrouten: »Carmoe nach Kirkwall zur Untersuchung eingeschleppt.«!!
Welches Pech! Nun scheint alles vorbei. Pessimismus will sich regen. Neue Papiere können wir nicht herstellen, da die Verbindung mit der Heimat fehlt. Einerlei! Ich bin ein krasser Optimist. Weg mit dem Lloydsregister, es gibt noch ein anderes Register, und das ist besser und versagt nicht, das Liebesregister! Irma hieß mein Sonnenschein, »Irma« soll das Schiff heißen! Das muß gehen!
»Carmoe« wird ausradiert, alle andern Angaben stehengelassen. Das zweimalige Wegradieren des Namens blieb aber mächtig augenfällig; die Buchstaben liefen aus. Der Adjutant sagte: »Wir dürfen den Feind nicht für dumm verkaufen.« Aber was tun? Hier kann nur eine Hand helfen, die gröbste Hand an Bord.
»Schiffszimmermann, bring’ die Axt her und hau die ganzen Bullaugen in der Kajüte ein!«
Der Zimmermann stutzt, er sieht den Zusammenhang nicht. Es tut ihm weh, er weiß nicht, was es bedeuten soll, aber dann schlägt er los.
Nachdem die Bullaugen eingeschlagen, wurden grobe Holzverschläge eingesetzt, wie sie der Seemann nach einem Sturmschaden zum notdürftigen Ersatz einbaut. Nasses Unterzeug wird in der Kajüte aufgehängt und alles durchfeuchtet, selbst die Schiebladen und Matratzen mit Eimern voll Seewasser. Man mußte gründlich sein, es durfte nichts trocken bleiben. Die Schiffspapiere selbst wurden nun sämtlich in nasses Löschpapier gepackt, damit die ganze Tinte gut durchsog bis zur etwaigen feindlichen Untersuchung. Man braucht ja dann dem Engländer nichts zu erklären, dafür waren die zerschlagenen Bullaugen und die Nässe in der Kajüte da. Ausgelaufen war die Tinte nun mal an den radierten Stellen; so sollte sie denn nun vollständig auslaufen. Für diesen zwar kleinen, aber erhabenen Zweck stellte uns der Ozean unbegrenzte und unverdächtige Mengen feuchten Stoffes zur Verfügung.
Wir liegen nun und warten auf Befehl zum Auslaufen. Da, am 19. Dezember kommt ein Torpedoboot nach Norderau, wo wir lagen. Was will denn das? Es kommt heran, geht in der Nähe vor Anker. Wir lagen unter norwegischer Flagge mit dem Neutralitätsabzeichen außenbords.
Das Torpedoboot setzt ein Boot aus, ein Offizier kommt an Bord der »Irma«, in Uniform und Pelz, tiptop. »Wo ist der Kapitän? Ich habe einen Befehl für ihn.«
Wir hatten vollkommenen Zivilbetrieb eingeführt, behaglich und ein wenig schmuddlig, für die norwegische Gruppe war nur norwegisches Kommando, und ich hieß der »Gubben« (Kapitän). Die drei Wochen, die wir da gelegen hatten, waren insofern günstig, als unsere Bärte an Größe und Gestalt zugenommen hatten. Ich gewöhnte mir ordentlich das olle Seemännische wieder an, hatte ein paar große Holzschuhe, dicke, wollene Strümpfe, eine alte norwegische Hose und eine Mütze mit zwei oben zusammengebundenen Ohrenklappen.
Zivilbetrieb
»... Wir hatten vollkommen Zivilbetrieb eingeführt, behaglich und ein wenig schmuddlig.« (Die norwegisch sprechende Besatzung.)
Phlegmatisch antwortete also der Steuermann dem patenten Offizier: »Der Gubben ist achter.«
Der Offizier mit dem Pelzkragen, tadellos, kommt zu mir: »Sind Sie der Kapitän?« Er starrt mich an und schreit: »Luckner ...!!«
»Wat heet hier Luckner, wat is los?«
»Halten Sie mich nicht zum Narren!«
»Herr, können Sie nicht meine Flagge sehen? Ich bin Norweger.«
»Luckner, was haben Sie denn für eine Aufgabe?«
»Ik fohr nimehr bi de Marin, ik fohr Holt for Norwegen, mit de Marin is ’t doch nix mehr.«
»Sie waren doch im Admiralstab? Und um mit Holz zu segeln, dazu braucht man doch nicht beim Admiralstab gewesen zu sein.«
»Na, durch die Minenfelder zu fahren, scheint doch wohl eine Admiralstabsaufgabe geworden zu sein.«
»Ich bitte Sie, haben Sie Vertrauen zu Ihrem Kameraden.«
»Wat heet hier Vertrauen, ik fohr jetzt Holt. Hollen Se dat för en anner Schip?«
Da sagt er: »Machen Sie mich nicht konfus, bereiten Sie mir keine schlaflosen Nächte! Was soll ich mir daraus machen? Wenn mir das Vertrauen geschenkt wird, Ihr Schiff zu sehen, dann können auch Sie mir sagen, was Sie für eine Aufgabe haben.«
»Ik fohr Holt no Norwegen ...«
»Ich habe hier einen Brief abzugeben.«
Ich lade ihn in meine Kajüte und er schaut umher.
»Dat is min neu Landesherr, und dat min Keunigin, de Keunig Edward is ok dor, dat is de Verwandte von min’n Keunig.«
»Luckner«, sagt er, »ich bitte Sie, was soll ich denken, wenn ich von Ihrem Schiff komme! Ich gehe hier weg und soll mir das zusammensetzen, was mir unmöglich ist. Sie können mir glauben, ich halte es geheim.«
»Sollen Sie direkt nach Hause fahren?«
»Nein, ich soll warten in Helgoland.«
Da war also vorgesorgt; gut, daß er warten sollte.
»Setzen Sie sich mal hin, ich werde es Ihnen sagen, ich bin ein deutscher Hilfskreuzer.«
Auf Piratenkurs!
Auf Piratenkurs!
Da sagt er kühl, indem er aufsteht: »Wollen Sie mich für einen Narren halten? Dann danke ich Ihnen und wünsche Ihnen alles Gute.«
Damit geht er kurz zur Tür und läßt mich stehen.
Das war ihm zu viel, als ich ihm das erzählte. Die Wahrheit konnte er nicht vertragen. Ein Segelschiff als Kreuzer? —!
Wie ich den Befehl aufmache, da steht zu lesen: »Auslaufen nach eigenem Ermessen.«
Das war der schönste Augenblick, da ich dies den Leuten bekanntgab.
Jetzt hatten wir uns selbst in der Hand. Freude brauste durch das Schiff. Die bösen Ahnungen, die uns schon durchzogen hatten, wichen, und der sehnsüchtige Wunsch aller war: »Südwestwind komme nur.«
Am 20. Dezember wurden nochmals alle Vorkehrungen getroffen, die Schottenketten und Brassen überholt und die Verschleierungsrolle noch einmal geübt. Wir untersuchten jeden Raum des Oberschiffs bis in den Kohlenkasten, ob nirgends etwas Deutsches vorlugte, und spielten uns gegenseitig den englischen Untersuchungsoffizier vor. Da haben mich die Jungens gehörig ausgequetscht: »Wo haben Sie den Bleistift gekauft?« »Davon habe ich mir ein halbes Dutzend in Christiania besorgt.« »Haben Sie Geschwister?« Die mußte ich alle hersagen. Wir hatten ja alle Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. »Wolf« und »Möwe« hatten so etwas nicht nötig, sie führten an Stelle der Verschleierung Torpedos und Geschütze. Wenn ein feindlicher Hilfskreuzer nahte, während sie unter neutraler Flagge fuhren, dann ließen sie ihn herankommen, hißten die Kriegsflagge, pfefferten ihm einen Torpedo in den Leib oder pengten ihn mit Kanonen hinunter. Wir hatten nichts dergleichen und mußten damit rechnen, bei schlechtem Winde wochenlang in der Blockade zwischen England und Norwegen hin- und herzufahren.
Am 21. Dezember kam leichter Südwestwind auf. Die Anker wurden gelichtet, das Ruder probiert, der Motor angewärmt, undnochmals alles überholt. Der Motor zündete krachend, und wir verließen das enge Fahrwasser der Norderaue. Das Schiff haute auf eine Sandbank auf, denn es war dort bei Hochwasser nur ein Fuß Wasser mehr, als das Schiff Tiefgang hatte. Die Masten zitterten, bewiesen aber beim Auflaufen ihre Stärke. Denn die Werft hatte gewußt, was es heißt, einen tüchtigen »Seeadler« zu bauen.
Die Norderaue hatten wir glücklich passiert, draußen vor der Boje setzten wir Segel. Es war schmuddlige Dezemberluft, naßkalt und unfreundlich; die griesgraue Nordsee frischte langsam auf. Voll standen die Segel, 2600 qm Segelfläche, an den 50 m hohen Masten. Mit voller Fahrt ging es längs der deutschen Küste unter den Klängen von »Deutschland, Deutschland über alles« und des alten Seemannsliedes »La Paloma« dahin.
Von hinten wurde die deutsche Vorpostenkette durchbrochen, die auf Wache lag gegen plötzliche feindliche Angriffe. Wie waren sie überrascht, als sie plötzlich ein Schiff des Friedens durch die graue Wand des Nebels hervortreten sahen.
Deutsche Vorpostenkette
Wir passieren die deutsche Vorpostenkette.
»Ein Segelschiff? wo sall dat hen, wo geit de hen?« Sie vermuteten, daß wir ein deutsches Schiff waren und aus der Heimatkamen. Die Vorpostenboote waren gerade verstärkt, weil die Ablösung für die Weihnachtszeit angekommen war; so standen viele Boote draußen, und trotzdem sie nach Hause wollten und Weihnachten feiern, machten sie sich in ihrer Begeisterung auf und folgten dem vollen Segler. Sie begleiteten uns ein Stück, aber wir gingen mit Segel- und Motorkraft so schnell, daß sie nicht mitkamen. Mancher von den Kameraden, den man gefragt hätte, ob er mitkommen wollte, hätte doch wohl das Weihnachtsfest vorgezogen, statt auf dem alten Windjammer ins Ungewisse zu fahren, in den Himmel oder in die Gefangenschaft. Mensch sei froh, daß du nach Hause darfst, fühl dich doppelt mollig bei dem Gedanken! Was lauerten da für Gefahren in dem trüben Morgen! Minen, feindliche und eigene U-Boote, die einen abschießen konnten, Blockade und feindliche Kreuzer. An alles das dachten wir nicht, sondern Durch!! war unsere Devise. Wohin, war einerlei für uns.
Abends gegen zehn Uhr hatten wir schon Hornsriff. Dann kamen wir längs der dänischen Küste. Um acht Uhr morgens sollten wir vor dem Skagerrak stehen, um für den Feind den Eindruck zu erwecken, daß wir tatsächlich aus einem neutralen Hafen kämen. Da plötzlich springt der Wind um nach Norden. Was tun? Wir können nicht weiter nach Norden. Es bleiben uns nur noch drei Wege offen. Zurück wollten wir nicht, rechts war Land, links lagen die Minenfelder. Land hat keine Lücken. Minen haben Lücken! So war der einzige Weg der nach links. Der resolute Entschluß ist die beste Weisheit. Hart backbord! Alle Mann in Schwimmwesten an Deck! Und das Glück ließ uns die Lücken treffen. Wir haben den Minengürtel durchfahren und kamen unversehrt in die freie Nordsee. Der Wind frischte immer mehr auf. Wir fuhren nicht etwa an der norwegischen Küste, auch nicht in der Mitte, sondern, wer das reinste Gewissen hat, geht dem Feind am nächsten! In Sicht der englischen Küste sausten wir längs.
Wir hatten Glück und der Seemann ist abergläubisch. In jenen Tagen, als ich den »Seeadler« bekam, war ich in Erinnerung an die wunderbare Erhaltung und Unverletzlichkeit von S. M. S. »Kronprinz« und seiner Mannschaft in der Skagerrakschlacht zu unserer Frau Kronprinzessin gegangen mit der Bitte, ob sie nicht auch unser Schutzengel sein wollte auf der weiten, gefahrvollen Fahrt. Während der vielen Vorbereitungsarbeiten hatte man nicht mehr Zeit, an dieses und jenes zu denken. In der Nacht aber,als ich an Bord ging und man der Heimat »Lebewohl« sagen sollte und von ernsten Gedanken bewegt war: Die Leute ahnen nicht, wohin es gehen soll, man ist der einzig Verantwortliche, und man kämpft mit der Frage: »Wird auch alles gelingen?« Dort draußen liegen die Minenfelder und Sperrfahrzeuge, die man durchbrechen soll ..., da, kurz vor der Abfahrt, eilen plötzlich in der dunklen Nacht zwei Ordonnanzen heran mit dem Ruf: »Hofpost.« »Hofpost?« Ein Paket »Eingeschrieben« und »Eilt«, »Potsdam, Marmorpalais.« Der Schlepper hat schon losgeworfen und riß uns von der Heimat ab. In der Kajüte erbrach ich mit aufgeregter Hand das Paket; wie ich das Siegel löste, da hielt ich das Bild unserer Frau Kronprinzessin mit meinem Patenkind, der Prinzessin Alexandrine in Händen. Darunter las ich im trüben Licht der Laterne: »Gott schütze S. M. S. Seeadler!« Wie wohl das tat! Ich empfand eine wundervolle Freude: Jetzt kann kommen, was da will, wir hatten Vertrauen zu allem! Das Bild unserer Frau Kronprinzessin war das einzige, das in der Kajüte hing neben dem dicken Eduard und König Haakon, so, daß wir es jederzeit herabnehmen konnten, wenn uns die Kriegslist zwang, unsern Stolz als Deutsche zu verhüllen. Sie war unser Schutzengel in Sturm und Krieg, nicht nur für uns, sondern auch für die Feinde: Es gab keinen Toten, keinen Verwundeten, auch nicht beim Feind. Als unser Schiff später verloren ging, wurden alle meine Jungs gerettet, und sie haben aus den Trümmern das Bild mit in die Heimat zurückgebracht.
I. K. H. die Kronprinzessin: »Gott schütze S. M. S. ›Seeadler‹.«
Am 23. Dezember kam der Tag, an den sich noch mancher erinnern dürfte, der im Norden Deutschlands lebt, der Tag, an welchem einer der schwersten Stürme unsere Küsten heimsuchte. Auch wir haben die Gewalt dieses Orkans zu spüren bekommen. Der südliche Wind hatte uns bisher ein gutes Stück von der Heimat vorwärtsgebracht, als er unter starkem Fallen des Barometers plötzlich auf Südwest umsprang. Von Stunde zu Stunde frischte er stärker auf und wuchs allmählich zum Sturm. Alle Leinwand war gesetzt bis auf Roils-, Oberbram- und die kleineren Stagsegel. Der Sturm bot die günstige Gelegenheit, um alles aus dem Schiff herauszuholen. Gerade in dieser Nacht, wo es darauf ankam, die Hauptblockaden zu durchbrechen, mußten wir ihn als ein günstiges Geschick ansehen. Mit Sturmsegeln sausten wir längs. Das Schiff lag so schwer über, daß die ganze Leebordwand unter Wasser war. Der Verkehr über Deck war nicht mehrmöglich, sondern die Leute mußten an der Außenbordseite an Strecktauen laufen. Alles stand zum Biegen und Brechen. Die Masten zitterten, das Schiff bebte; Preventerketten wurden zur Verstärkung an die Vor- und Großschoten aufgesetzt. Wir mußten alles wagen, wir konnten es auch, denn wir waren vor keinem Handelsherrn verantwortlich, sondern nur vor unserm obersten Kriegsherrn. Wir mußten den Wind ausnützen, er war ein Geschenk des Himmels. Auch wenn Topp und Takel von oben kam, so war die Gefahr nicht so groß als eine Untersuchung mit unseren schmierigen Papieren. Der Sturm pfeift und heult durch die Takelage. Hier und da brechen Schotenketten von den oberen Segeln; in wenigen Minuten ist die Leinwand aus den Liken gerissen, und ehe man die Segel festmachen kann, sieht man sie als zerfetzte Lappen hoch in der Luft über das Meer hinwegflattern. Wir laufen 15 Meilen Fahrt.
der Tag, an den sich noch mancher erinnern dürfte
»... der Tag, an den sich noch mancher erinnern dürfte«.
Abends 11 Uhr passieren wir die erste Blockade. Alles stiert mit den Gläsern in der Hand durch die Dunkelheit, um ein Blockadeschiff ausfindig zu machen. Die Augenblicke höchster Spannung setzen ein. Kein Schiff zu sehen. Dem Feind war das Fallen des Barometers eine Warnung gewesen, und er hatte es vorgezogen, sich in Lee der Inseln von England in Sicherheit zu bringen. Aber ein Schiff war da, das kühn die Gelegenheit ausnützte,der »Seeadler«. Stampfend durchbrach er die Wogen, ein weißes Kielwasser hinter sich lassend, der Gischt wurde mit aller Kraft auseinandergepeitscht, Motor, Segel und der gute Geist, alles half und schob am Schiff; es war ein wundervolles Gefühl. Immer schwerer wird der Sturm, immer mehr Kraft liegt auf allem, was die Takelage hält und trägt, Pardunen, Wanten und Brassen, alles knarrt und zittert, angespannt wie zu straff gezogene Saiten. Viel kann man nicht mehr geben, aber man wagt!
Auch das Schiff legt sich immer mehr über. Man konnte nicht an Deck stehen, sondern saß auf der Reeling oder gegen die Lichtschächte gelehnt. Die zwei kleinen Hunde, die ich mit an Bord hatte, Piperle und Schnäuzchen, lagen, als ich einmal hinunterkam, auf der Seitenwand der Kajüte, auf einem norwegischen Kissen zusammengepfercht; der Fußboden war ihnen zu schräg. Das starke Überliegen bedeutet aber für ein Segelschiff nicht viel, da es wie ein Stehauf ist, der wieder auf die Füße kommt. Es kann über ein gewisses Maß hinaus nicht gedrückt werden. Der Sturm ist nicht das Gefährliche, sondern die See, und diese konnte uns nicht viel schaden, da wir unter Lee von England fuhren. »Durch« blieb unsere Devise.
Wir fuhren mit brennenden Positionslampen, steuerbord grün und backbord rot: Denn hier ist reines Gewissen, wir wollen ja nur durch. Gewaltig rollt und tobt die See von achtern auf. Hier und da schlagen schwere Brechseen über Deck, die aber infolge des Überliegens des Schiffes wie ein Wasserfall darüber hinbrausen und auf der anderen Seite ins Meer herabstürzen. Die beiden Rudersmänner sind am Steuer festgeschnallt, alles schüttert von dem Druck, der auf der Takelage liegt. Von vier zu vier Stunden durchmessen wir einen Breitengrad. Mit der Uhr in der Hand rechnen wir: Jetzt ist die Sperre passiert, jetzt jene und heute nacht 12 Uhr kriegen wir Hauptsperre zwischen Shetland und Bergen. Noch eine Stunde, wenn wir die erst hinter uns hätten! So oft Wachablösung war, hieß es: Wir haben keinen Engländer gesehen. ½ 12 Uhr, nichts, ¾ 12 Uhr nichts, Mitternacht nichts. Jetzt passieren wir die Hauptsperre, aber was heißt Sperre, wenn niemand da ist? Wir geben noch eine viertel, noch eine halbe Stunde zu: Kein Feind weit und breit! Der Wind war unser Freund. Wir dachten: Der gerade Weg ist der kürzeste; wenn wir den Orkan ausnutzen, durch die Orkneys und Shetlandshindurchgehen, dann haben wir ein paar Meilen gespart. Fahren wir also direkt hindurch!
Im Begriff, den Kurs zu ändern, springt der Wind um acht Strich nach Westnordwest. Das war uns wie ein Finger Gottes: Hier gehst du nicht durch, Seeadler! Und so wurden wir hinaufgeworfen bis Island.
Wir konnten nichts tun, als uns treiben lassen, immer höher hinauf. Lieber in Eis und Schnee stecken bleiben, als zur Shetlandssperre zurück oder in die Nähe von Kirkwall! Naturgewalt ist weniger schlimm als Feindesgewalt, insonderheit seine drahtlosen Rückfragen. Am nächsten Tage fingen wir einen Funkspruch auf, der mitteilte, daß der Orkan daheim Häuser abgedeckt und besonders in Emden und Wilhelmshaven viele Schiffe losgerissen hätte.
Beginnende Vereisung
»Beginnende Vereisung.«
Jetzt begann die bittere Kälte. Wir gerieten aus dem Golfstrom heraus in die Gegend, wo nur eine halbe Stunde Tag war und die Sonne, die um 11 Uhr aufging, um ½ 12 Uhr schon wieder verschwand. Die See wurde immer schwerer, weil sie weiter ausholen konnte, und die Wellen, die über Deck gingen und durch die Ritzen der Ladung liefen, erstarrten in dem grimmigen Frost; das ganze Vorschiff war bald vereist. Das Schlimmste war, daß die Taue vom Eis so verdickten, daß sie nicht mehr durch dieBlöcke gingen. Wir versuchten sie mit Sauerstoffapparaten aufzutauen, aber es half nichts. Die unteren Segel, auf welche das Wasser gespritzt war, standen wie Bretter. Die geheimnisvollen Luken waren zugefroren und die vierzig Menschen unten eingepfercht, die vierundzwanzig oben aber ohne genügende Decken, der Möglichkeit beraubt, zu ihren Kojen zu gehen.
Vierthalb Tage stand man an Deck. Die Spannung erlaubte nicht, ins Bett zu gehen, nur im Kartenhaus habe ich ein bißchen gegessen und geruht. Die Finger konnten wir nicht mehr aufkriegen, der Mund war steif von Kälte. Man rutschte auf dem spiegelblanken Deck umher, das so glatt war, daß man sich nirgends auf den Füßen halten konnte. Wohin man griff, war Eis. Aber eines war noch warm, eines dampfte, vorn und achtern, der Grogkessel. Das surrte und das schnurrte; der Deckel snackerte so mit. Ordentlich Rum hinein, und dann mal her, das tut gut! Wenn einer von draußen hereinkam, konnte er nichts mehr fassen, er preßte das Grogglas zwischen die Hände, ließ sich nichts von dem Duft entgehen, die Dämpfe mußten den Mund erst beweglich machen. Man taute sich tatsächlich daran auf.
Wie dankte man dem, der den Grog erfunden hatte! Wenn ich an die Hamburger Bezeichnung des Grogs als Eisbrecher denke, dort oben habe ich erst die wahre Bedeutung des Wortes empfunden. Denn dort fror alles zusammen, der Dampf der Nase und des Mundes. Es federte alles um das Gesicht umher, wie um ein Walroßmaul. Leute, die daheim mit Grog renommieren, haben ja keine Ahnung davon. So richtig schmeckt er erst, wo die Sonne nicht aufgeht.
Wir mußten das Schiff sich selbst überlassen, konnten kein Tauwerk bedienen. Ein seltsames Gefühl, auf dem erstarrten Fahrzeug nicht mehr Seemann zu sein, sondern als ohnmächtiger Passagier in der Gnade des Himmels zu fahren! Wir überließen uns dem arktischen Klabautermann und durften nur damit rechnen, daß der Wind endlich nördlich umsprang. Er tat uns auch schließlich den Gefallen, und nun kamen wir südlich und wurden mit Axt und Picke der Eislast Herr, um das Schiff wieder zum Manöverieren zu bringen. Wir setzten nun alle Segel und gingen zwischen den Färöer und Island in den Atlantik.
In den Atlantik
»... und gingen zwischen den Färöer und Island in den Atlantik.«(Aufnahme des unerkannten »Seeadlers« von Bord eines feindlichen Schiffes aus, das wir gleich darauf versenkten.)
Der 25. Dezember brach an. Wir fühlten schon alles überstanden, die Blockade durchbrochen, die Eiszeit hinter uns, das freie Meer um uns, Kriegshandwerk vor uns. Da ruft morgens um ½ 10 Uhr, während wir nichts Böses ahnten, der Ausguck von oben: »Dampfer achter aus!«
Was, hier ein Dampfer? Das kann in dieser Gegend nur ein Kreuzer sein. Ich kletterte etwas höher hinauf und gewahre einen großen Hilfskreuzer. Welches Pech nach soviel Glück. Nun kam die Ernstprobe; nun konnten wir uns fürchterlich blamieren.
»Klar zur Verschleierung!« war jetzt das Kommando.
Das bedeutete: Die nicht norwegisch sprechende Besatzung in Uniform klar bei Handwaffen unter Deck, wer nicht Gewehre oderHandgranaten hatte, legte Sprengpatronen an in der Geschoßkammer vorn, mitschiffs im Motorraum und achtern in der Sprengkammer. Dann wurden die Leute unter ihren geheimnisvollen Luken in Gruppen verteilt.
Aber zunächst sollte nicht die Waffe, sondern die Maske sprechen. Noch einmal werden die Jungs versammelt. »Wir haben uns geprüft, als wir durch die Minen gingen, im Sturm, in Eis und Schnee. Jetzt gilt es noch einmal eine Prüfung. Habt ihr Vertrauen zu euch? Bloß nicht aufgeregt scheinen! Backbordwache zur Koje. Steuerbordwache an Deck, denn je weniger wir sind, desto besser. Jeder soll etwas Beschäftigung haben, keiner sich umgucken. Daß mir keiner durchdreht! Selbstbeherrschung und echt norwegischen Benimm!«
Der Kreuzer signalisiert. »Daß ihr mir das Signal nicht etwa zu rasch erkennt, Jungs! So ein Norweger hat bloß alte unscharfe Gläser.«
Unterdessen wird die Kajüte in Empfangszustand gesetzt, Matratzen raus, Schiebladen raus, alle nochmals tüchtig voll Wasser, die Unterbüxen ausgehängt, die Papiere aus dem nassen Löschpapier in der Kajüte »zum Trocknen« ausgelegt, kurz die »nasse Rolle« wird gespielt.
»Un nu, Jeanette, mak di kloar!«
Unsere Hauptstärke nämlich, wodurch wir den Feind in besonderem Maße entwaffnen wollten, war die verschleierte Frau. Gegen Damen ist man artig, besonders der englische Offizier. Und wenn man als Kapitän seine Frau mitnimmt, dann tut man es nur unter Umständen, wo die Hände rein sind, man keine Bannware führt und sicher ist, der Frau keine unangenehmen Lagen zu bereiten. Dazu kam die Seemannssitte; in Norwegen und anderen Ländern ist es im Gegensatz zu Deutschland ganz gebräuchlich, daß der Kapitän auch sin Olsch an Bord hat. Da war ein Matrose von achtzehn Jahren, der das geeignete Gesicht besaß. Keine Ahnung hatte der Mann vor seiner Einschiffung gehabt, daß er diesem Umstand das Kommando auf »Seeadler« zu verdanken hatte. Aber heimlich waren an Land schon für ihn Frauenkostüme und eine blonde Perücke gekauft worden. Alles paßte dem Mann, nichts fehlte an den zugehörigen Formen und Umrissen, nur einen schicklichen Schuh konnten wir nicht kriegen. Schmidt hatte eine solche Nummer von Fuß ... Das war unsere Sorge. Das Kleid mußte also möglichst lang sein, nicht im modernen fußfreien Stil.
»Nu also antrekken!«
Jeanette wurde rasch aufgetakelt, ganz leicht und zart war sie geschminkt, auf die Chaiselongue gepackt, eine Decke über die großenFüße, darauf wurde Schnäuzchen gelegt. Der bellte wenigstens nicht und lag hübsch ruhig, wenn er einen so weichen Platz hatte, während Piperle losgefahren wäre, wenn Fremde kamen.
Die Frau sah recht gut aus. Nun kann man alles verschleiern, nur die Stimme nicht. Aber auch hier wurde Rat gefunden. Bei Zahnschmerzen nämlich kann der Mensch nicht reden. Einen Schal um die Backen, zwischen Zahn- und Backenwand Watte hineingepfropft, naß gemacht, und die Geschwulst war da. Der arme Kerl hat was ausgehalten, die Backe stand infolge der Spannung ganz prall, und es entstand ein wirklich leidendes Gesicht.
Jeanette, aufgetakelt
»... Wir hatten Jeanette nicht zum erstenmal aufgetakelt.«
Wir hatten Jeanette heute nicht zum erstenmal aufgetakelt und von ihrer Schönheit früher schon eine Photographie genommen. Die hing jetzt vergrößert an der Kajütenwand, damit, wenn deruntersuchende feindliche Offizier die Dame vor jeder Indiskretion behüten wollte, er nur zur Wand zu blicken brauchte, wo sie mit der Unterschrift hing:Mange hilsner(viele Grüße) —Din Dagmar, 1914.
Soweit war alles gut. Nun bemerkten wir aber, daß es fürchterlich nach dem Motor roch. Wir hatten ihn ja die ganze Zeit laufen lassen, und der Geruch, welcher infolge der aufgestapelten Holzladung nicht abziehen konnte, lag schwer in der Kajüte. Da konnten wir keine Räucherkerzchen gebrauchen oder kölnisch Wasser, sondern wir haben den Petroleumofen tüchtig schmökern lassen und die Lampe hochgeschraubt, daß sie mit kräftiger Dosis gegen den Motordunst anarbeitete, bis die richtige Mischung entstand. Leider wurde Jeanette dabei ein bißchen verrußt.
Wie ich wieder an Deck kam, war das Signal deutlich zu sehen. Der Engländer hatte auch nicht länger Geduld, sondern schoß uns eine Granate vor den Bug. Das mußten wir verstehen. Wir drehen in aller Gemütlichkeit den Großtopp back, dann kommt der Kreuzer auf. Es ist der 18 000 Tonnen große britische Kreuzer »Avenge«. Alle Geschütze stellen ihre Feuermündungen auf uns ein, alle Gläser sind auf uns gerichtet. Was soll das? Gegen ein Segelschiff, einen friedlichen kleinen Kauffahrer? (Ein deutscher Kreuzer würde seine Geschütze nicht gegen einen Segler gerichtet haben, der dazu noch neutrale Flagge und Neutralitätsabzeichen führte.) Ist das nicht verdächtig? Sind wir verraten? Der Atem stockt. Als der Ozeanriese quer ab von uns ist, wird mit Sprachrohr herübergerufen: »Sie werden untersucht.« Huh, wie durchschauert es einen, wie kalt lief es einem den Buckel herunter! Schnell ging ich in die Kajüte, um mich noch einmal von allem zu überzeugen. Die Unruhe, daß wir möglicherweise doch verraten sein könnten, tobte schwer in mir. In der Kajüte stand Kognak, den mir mein Freund Conrad Jäger, der große Hamburger Weinhändler, mitgegeben hatte für den Fall, daß ich noch einmal ins Examen müßte. Der Fall lag vor. Der Kognak war 100jährig, es war noch ein Napoleon mit seinem »N« darauf. »De Alkohol, de den ollen Napoleon good dohn hett, wenn he mit de Engländers anbunn, de kannst du ok bruken.« Ich korke den Napoleon auf, setze ihn an den Mund. Schon wirkt der Gegenschrecker. Noch einmal gluck gluck und alles, was das Herz bepackt hat, ist fest unterdrückt. Dann der Priem in den Mund ... ich bin kein Gewohnheitspriemer, aber ein alter Kapitän muß Tabak kauen, in dem Vollbartsoll ein wenig Priemsauce stehen ... und nun wieder auf Deck. Meinen Jungs dort schenkte ich auch einen ordentlichen Kognak ein zur Beruhigung. »Jungs, jetzt kommt’s drauf an, die Nerven zusammenreißen! Sich nicht verblüffen lassen! Den Feind, den wir bekämpfen wollen, auf unsern Planken als wohlwollende Neutrale zu begrüßen, ihm mit deutschen Augen unter norwegischer Maske furchtlos ins Gesicht zu sehen. Einer für alle, alle für einen! Spielt ihr eure Rolle, ik speil de oll Kaptein.«
Auch unsere Messe hatte inzwischen ihre Vorbereitung vollendet. Dort stand ein Grammophon: »It is a long way to Tipperary« ... Wir wollten den Feind gleich sympathisch stimmen. Das reine Gewissen guckte ja jetzt aus allen Ecken hervor, aber auch wo man nicht hinsah, mußte man es wenigstens hören. Vor der Messe stand eine Ordonnanz mit einer Pulle Whisky und einem Bierglas. Wir ahnten, daß die Tommys gleich nach der Pantry streben würden. Da konnten sie sofort das Zielwasser nehmen und ihnen die Sehschärfe genommen werden. Wir waren freundliche Leute.
Ein Boot ruderte vom Kreuzer herüber. Unsere Jungs taten vollkommen gleichgültig und machten die Vorleine klar, um das Boot wahrzunehmen. Es kam längsseit mit zwei Offizieren und 15 Mann. Ich schimpfte, als wenn meine Jungs nicht flink genug funktionierten, tüchtig, wie so ein oller Kaptein schimpft, damit sie gleich die norwegische Sprache hörten. Der Offizier, der zuerst an Bord kam, begrüßte mich:
»Happy christmas, captain.«
»I am the captain, mister officer.« (Diese Anrede paßte besser zu mir einfachem Mann, als wenn ich »Sir« gesagt hätte.)
»Happy christmas, captain?«
»O, happy christmas, mister officer!Wenn Sie in meine Kajüte herunterkommen, dann werden Sie sehen, was für ein glückliches Weihnachten wir gehabt haben!«
»Haben Sie den Sturm gehabt?«
»Jawohl, den haben wir gehabt.«
»Poor captain.Wir haben hinter den Inseln gelegen.«
Da dachte ich bei mir: Ja, das haben wir auch gemerkt, wir haben keinen von euch gesehen.
»Ich möchte gern Ihre Papiere sehen,captain.«
Wie wir hinuntergehen (auch der zweite Offizier hatte mir ein »Frohes Weihnachten« in die Hand gedrückt), schnarrt die Platte los: »It is a long way to Tipperary.« Sie freuten sich undsummten mit, denn Sympathieluft wehte ihnen entgegen. Es konnte jeder fühlen: Das Schiff ist gut.
Als sie in die Kajüte eintreten, müssen sie gebückt unter dem nassen Unterzeug hindurch, die »Mischung« macht sie hüsteln. Da stutzt der erste Offizier und sieht Jeanette.
»Your wife?«
»My wife, mister officer.«
Er ist ritterlich, geht auf sie zu mit den Worten: »Verzeihen Sie, daß ich Sie störe, aber wir haben unsere Pflicht zu tun,« worauf Jeanette das eingeübte hohe »All right« flötete. Darauf fallen seine Blicke auf die zerschlagenen Bullaugen und auf all die Nässe in der Kajüte, und er äußert: »Weiß der Himmel, Kapitän, was haben Sie für ein Wetter gehabt!« Worauf ich zu ihm sagte: »Ach, gucken Sie nicht dahin, Mister Officer, das kann mein Zimmermann wieder machen. Was mir aber Sorge macht, das sind meine nassen Papiere.«
»Na, na, Captain, daß Ihre Papiere nicht trocken sein können, wo hier das ganze Schiff eingeschlagen ist, das ist doch selbstverständlich!«
»Ja, für Sie vielleicht, aber wenn ein anderer kommt, der macht mich womöglich verantwortlich. Die Papiere sollen doch schließlich ebensolange halten wie das Schiff.«
»Dann haben Sie ja meine Bescheinigung,« beruhigte er mich, »seien Sie doch froh, daß Ihnen Ihr Schiff nicht ganz und gar zerschlagen ist.«
»Für die Bescheinigung wäre ich allerdings dankbar,« erwiderte ich.
Er nimmt ein Buch aus der Tasche, worin all die Papiere vorgedruckt sind, die er nachzusehen hat. Er hat schon viele Schiffe untersucht und alles Verdächtige eingetragen. S. M. S. »Seeadler« bekommt jetzt auch seine Seite im Buch, hoffentlich mit guten Nummern. Und so, wie er die Papiere aufruft, lege ich sie ihm vor, worauf er immer verständnisvoll nickt. Währenddessen sah sich der andere Offizier den König Eduard an und die schönen Landschaften und verglich respektvoll das Bild meiner Frau mit dem Original. Draußen kicherten die Matrosen und kriegten ihr Zielwasser, der Mann am Grammophon zog immer wieder die Tipperarywalze auf, daß bloß keine Pause dareinkam, ich hörte meine Leute lachen und sprechen, währenddessen schob ich dem Offizier einen Beleg nach dem andern hin: er schaute kaum mehrdarauf und schrieb: »All right, thats all right, captain.« Zwischendurch spuckte ich einmal kräftig in den Salon und reichte weiter: »Here, please, mister officer, please here.« Die Stimmung war überall vorzüglich, es funktionierte buten und binnen.
Wenn der Mann ahnte, daß er auf Bajonettspitzen stand! Denn unten warteten ja meine deutschen Jungs in voller Uniform mit aufgepflanztem Seitengewehr.
Neben mir stand mein Adjutant Pries, der den ersten Steuermann darstellte, eine kolossale, echt norwegische Gestalt. Mit ernstem Gesicht stand er da und spielte seine Rolle hervorragend.
»Where are your Cargo Papers?« fragte der Engländer. Der Steuermann ging langsam hin und holte sie. Denn dazu ist er da. Der Kapitän darf nicht alles selber tun. Pries brachte also unsere einzigen Papiere, in welchen nicht mit Tintentod gearbeitet worden war; darin stand die Ladung genau spezifiziert. Es war bescheinigt, daß sie für die englische Regierung in Australien bestimmt wäre. Unterschrift: »Jack Johnson, british vice-consul.«
»Captain, your papers are all right.«
»Ich freue mich so, daß meine Papiere in Ordnung sind, das sollen sie ja wohl auch!« und da erlebe ich den ersten Versager. In der Freude rutscht mir der Priem weg, ich will ihn stoppen, kann aber nur die Geschwindigkeit abbremsen und fühle, wie er langsam die Speiseröhre hinunterläuft. Ich muß ihn niederkämpfen, damit der Engländer nicht merkt: dem Kapitän wird übel. Wie kann ein alter Norweger seekrank werden! Nun will er das Logbuch sehen, mein Steuermann Lüdemann bringt es heran. Der Engländer sieht es genau durch. Verflixt, daß wir drei Wochen stillgelegen haben! Hiervon hängt dein Schiff ab. Der Mann muß mit Vertrauen erfüllt werden, und nun dieser innere Kampf. Immer rauf und runter in der Speiseröhre. Lieber in Nacht und Eis, als dies erleben. Um mich abzulenken, bemerke ich zu Lüdemann: »Solch einen Kameelhaarüberhang mit Kapuze, wie der Offizier hat, müßten wir auch haben gegen die Kälte.«
»Nein,« sagte der Offizier, »gegen die Nässe.«
Der Engländer beschäftigt sich lange mit dem Logbuch, mit der Vorreise, mit dem Ankerlichtmotor, den wir bekommen haben, und fragte: »Was ist denn hier, warum haben Sie drei Wochen da gelegen?«
Ich, der ich mit dem Priem herumarbeite, fühle das Entsetzen über diese Frage und denke: Nun ist alles zu Ende. Dafällt Lüdemann trocken ein: »Jawohl, wir sind vom Reeder gewarnt worden, nicht auszulaufen wegen der deutschen Hilfskreuzer.« Wie wohl wird mir über die Unerschrockenheit dieses einfachen Mannes. Der Offizier stutzt, wendet sich nach mir um mit der Frage: »Deutsche Hilfskreuzer? Wissen sie etwas über deutsche Streitkräfte?«
»Jawohl,« sag ich, und zu mir selbst: »Jetzt wirst du dem Kerl mal was einschenken.« (Ich fühlte mich auch im Magen etwas beruhigt, seit mein Lüdemann in die Bresche sprang.) »Wissen Sie gar nichts von ›Möwe‹ und ›Seeadler‹? Fünfzehn deutsche Unterseeboote sind außerdem unterwegs, so haben wir vom Reeder gehört. Wir waren doch selber besorgt, weil wir englische Ladung haben. Deshalb sind wir unterrichtet.«
Der andere Offizier hatte es mit einem Male eilig. Er sah auf die Uhr und sagte zu seinem Kameraden: »Well, we are in a hurry(wir haben Eile).« Der untersuchende Offizier erhob sich, klappte die Bücher zu und bemerkte: »Well, captain, your papers are all right.Aber Sie haben ein bis anderthalb Stunden zu warten, bis Sie das Signal zum Weitersegeln bekommen.«
Wie der Offizier hinausgehen will, zeigt er auf Schnäuzchen: »Looks like a german dachshound!« (Der sieht aus wie ein deutscher Dachshund.)
Ich denke: Ach Gott, laß den nur auf Jeanettes Füßen liegen. Wenn du nicht mehr Deutsche gefunden hast als den Dachshund dann ist ja alles gut. Wir kommen auf Deck, die Engländer gehen zu ihrem Boot, ich jage rasch den Priem über die abgelegene Bordwand und fühle mich in jeder Hinsicht erleichtert. Aber die ernstesten Augenblicke standen erst bevor.
»Sie müssen anderthalb Stunden warten!« Während ich die Offiziere nach dem Boot hinbringe, hat ein Pessimist die Worte aufgefangen und sagt vor sich hin: »Na, dann ist alles verloren.« Meine Leute unten im Schiff sitzen unter Kommando von Leutnant Kircheiß in größter Spannung, wie die Untersuchung abläuft, und lauschen auf alles, was sich oben abspielt. Sie fangen das Wort auf: »Alles verloren!« und geben es weiter; von achtern, mittschiffs nach vorn pflanzt der Ruf sich von Mund zu Mund fort. Die sieben Minuten brennende Zündschnur wird angeschlagen, um das Schiff in die Luft zu sprengen. An Deck ahnt man nicht, daß unten im Schiff die Zündschnur glimmt. Im Gegenteil, man ist so befriedigt, daß alles glücklich abgelaufen ist. Mit einem Händedruckverabschiedet sich der feindliche Offizier, nochmals mit der Bemerkung: »Also, Sie warten, bis Signal vom Kreuzer kommt zur Weiterreise.«
Mein erster Offizier Kling mit seiner viereckigen Polarfigur und seinen achtzehn Wörtern Norwegisch, die er mit Kunst anbrachte, drehte dem Feind den Rücken und gab den Matrosen Anweisung für die Takelage. Als die Offiziere im Boot sitzen, entsteht eine peinliche Situation: man kann ein Segelschiff nicht so auf der Stelle halten wie einen Dampfer, der einfach seine Schraube stoppt, sondern es wird immer mit langsamer Fahrt vorausgehen. Das Boot der Engländer, das dicht an unserer Schiffswand liegt, kommt nicht frei, es wird vom Schiff angesogen und treibt nach achtern heraus. Welche ungeahnte Gefahr erhob sich in diesem Augenblick! Wenn der Feind nach hinten ans Heck kam, mußte er die Schraube des Schiffes sehen. Ein Segelschiff mit Propeller, das mußte uns verraten! Davon war nichts vermerkt in unseren Papieren, daß wir einen 1000pferdigen Motor im Leibe hatten!
Jeden Glauben meiner Leser an Geistesgegenwart bei meinem jetzigen Handeln weise ich zurück; Verzweiflung war alles. Ich laufe nach hinten, ergreife ein x-beliebiges Tau und lasse es möglichst ungeschickt über den Köpfen der Feinde hin- und herbaumeln, damit sie besser von der Bordwand freikommen sollten: »Take that rope, mister officer,nehmen Sie dieses Tau!« Die Folge war, daß die Feinde nach oben schauten, um von dem Tauende nicht getroffen zu werden, und dadurch wurden ihre Blicke von unten weggerissen, von der Schraube abgelenkt. Das Boot kommt frei. Der Offizier dankt mir noch einmal für meine Hilfsbereitschaft und ärgerlich, daß seine Leute im Boot nicht schneller von der Bordseite absetzten, ruft er: »I only got fools on my boat.« (Ich hatte nur Narren in meinem Boot.) Ich dachte: »Ja, da hast du recht und bist selbst nicht schlecht zum Narren gehalten.« Aber der Mann hatte nur seine Pflicht erfüllt, und ich wäre wohl an seiner Stelle ebenso hereingefallen. Eine britische Akademie hat freilich hinterher in einer Sitzung über Sprachstudien erklärt, daß der Hereinfall nur möglich gewesen sei infolge der bemerkenswerten britischen Unkenntnis fremder Sprachen.
Wie atmet man auf, daß die Gefahr abgewendet war. Man läuft schnell nach unten, um den Kameraden, die im Heldenkeller, abhängig von unserem Spiel, auf das Gespannteste warten, mitzuteilen,wie befriedigt der Feind abgezogen ist. Als ich mit dem Stiefelabsatz auf die geheimnisvolle Luke trete und rufe: »Macht auf!« erhalte ich keine Antwort. Ich rufe noch einmal: »Macht auf!« Plötzlich höre ich den Ruf: »Flutventile auf, Schieber auf!« Was ist das? Was ist da los? Sind die verrückt geworden? Ich rufe noch einmal, auf die Luke tretend: »Macht auf, alles klar!« Da öffnet einer die Luke und ein verstörtes Gesicht sieht mich an, der Mann läuft weg, und ein Rennen beginnt von achtern, mittschiffs nach vorn. Was ist los? Ich kann nicht verstehen. Endlich erfahre ich: Sie laufen, um die Flutventile zu schließen und die Zündschnur abzuschneiden, die das Schiff in drei Minuten in die Luft sprengen sollte. Wie ist einem da zumute! Die Zündschnur? Angeschlagen? Das Vorkommnis zeigte, wie auch die besten Vorkehrungen im Kriege durch plötzliche Verwirrung zunichte gemacht werden können. Aus dem Schreckensruf »Alles verloren!« hatten die Leute geglaubt, schließen zu müssen, daß wir verraten wären, und im Gedanken an die gefechtsmäßige Haltung des Hilfskreuzers hatten sie zu der Maßnahme gegriffen, die ein Kriegsschiff trifft, um dem Feind nicht in die Hände zu fallen.
Endlich erfahre ich aus dem Wirrwarr heraus diesen Zusammenhang. Man forscht nach, von wem der Ruf gekommen ist: »Alles verloren!« Man findet den Betreffenden, macht ihm Vorwürfe, wie er dazu komme: »Jawohl, ich habe nichts nach unten gerufen, ich habe nur vor mich hin geäußert: Anderthalb Stunden warten, dann ist alles verloren, das bedeutet Anfrage nach Kirkwall, ob ›Irma‹ ausgelaufen ist. ›Irma‹ gibt’s ja nicht.«
Der Mann hatte recht! Die Papiere waren doch in Ordnung gefunden worden, weshalb also anderthalb Stunden warten? Man eilt an Deck; es ist, als wenn einem das Herz zusammengepreßt würde. Man eilt zum Steuermann; auch der vermutet dasselbe. Wir stellen unsere drahtlose Telegraphie ein, deren Antennen unsichtbar in die Taue verkleidet waren. Im Geist hört man schon die Telefunken sausen: »Ist ›Irma‹ ausgelaufen?« Man hat das Signalbuch und das Glas in der Hand, um sofort das Signal, wenn es hochgeht, zu erkennen. Man bedauert, nicht 25 Finger zu haben, um bei jedem Buchstaben einen Finger hineinzukrallen; der Schweiß der Hand drückt sich in die Seiten des Buches. Man stiert auf den Kreuzer, hängt förmlich an der Bordwand: Retten wir unsere Planken? Man spürt jetzt die schlaflosen Nächte, die Kräfte versagen. Die Minuten werden zu Viertelstunden.Da plötzlich geht ein Signal hoch. Man reißt das Glas an die Augen, aber die Hand tattert, man sieht kein Signal, sondern drei, vier Kreuzer flimmern. Mein Adjutant nimmt das Glas; auch er kann nicht sehen. Da nimmt der alte ruhige Lüdemann das Glas, legt es bedächtig auf die Reeling und hält das Signalbuch in der Hand. Man hängt förmlich an seinen Augen. Was sieht er, was wird er sprechen? Die Nerven können nicht mehr, man hat sich zusammengerissen, jetzt ist’s, als wenn alles auseinander fliegt. Endlich hat er das Signal erkannt.
»T M B«
Nachblättern! Was heißt das? Was kann das sein?
»Steuermann, das kann nicht stimmen! Hier steht:Planet. Unsinn! Lesen Sie das Signal noch einmal ab.«
Wieder wird die Geduld auf die Probe gestellt. Man versucht, den Atem anzuhalten, um die Sehschärfe zu erhöhen.