12

Die kleine Leopoldine bat um etwas zu essen. Ach, das nette kleine Geschöpf, ein Marienkäferchen auf einem Fuhrwerk. Sie sprach mit einem singenden Tonfall, in einer merkwürdigen Sprache von Drontheim, der Vater mußte es sich bisweilen übersetzen lassen. Sie hatte dieselben Züge wie die Jungen, die braunen Augen und die länglichen Wangen, die alle drei Kinder von der Mutter geerbt hatten; die Kinder waren der Mutter Kinder, und das war gut so! Isak war seinem Töchterchen gegenüber ein wenig schüchtern, angesichts ihrer kleinen Schuhe, der langen dünnen Wollstrümpfe und des kurzen Kleides! Als sie den fremden Vater begrüßte, hatte sie sich verneigt und ihm ein winziges Händchen hingereicht.

Im Walde angekommen, rasteten sie und aßen, das Pferd bekam sein Futter, und Leopoldine hüpfte mit ihrem Brot in der Hand im Heidekraut umher.

Du hast dich nicht sehr verändert, sagte Inger, indem sie ihren Mann betrachtete. — Isak sah auf die Seite und antwortete: So, meinst du? Aber du bist sehr vornehm geworden! — Haha! Nein, ich bin jetzt alt, erwiderte sie so recht scherzhaft. — Es war offenbar, Isak fühlte sich nicht recht sicher, er blieb zurückhaltend, war wie verschüchtert. Wie alt war wohl seine Frau? Sie konnte nicht jünger als dreißig sein — das heißt, sie konnte nicht mehr sein, unmöglich. Und obgleich Isak aß, riß er doch ein Zweiglein Heidekraut ab und kaute auch daran. Was, ißt du auch Heidekraut? rief Inger lachend. Isak warf das Heidekraut weg und steckte einen Bissen in den Mund, dann ging er hin und hob das Pferd vorne in die Höhe. Inger folgte diesem Auftritt mit Erstaunen, sie sah, daß das Pferd auf zwei Beinen stand. — Warum tust du das? fragte sie. — Es ist so zutraulich, sagte er von dem Pferd und ließ es wieder los. Warum hatte er das nur getan? Er hatte wohl eine mächtige Lust dazuverspürt. Vielleicht hatte er seine Verlegenheit dahinter verbergen wollen.

Dann brachen sie wieder auf, und alle drei gingen eine Strecke zu Fuß. Eine Ansiedlung kam in Sicht. Was ist das? fragte Inger. — Das ist Bredes Grundstück, er hat es gekauft. — Brede? — Und es heißt Breidablick! Es sind große Moore da, aber wenig Wald. — Als sie an Breidablick vorbei waren, sprachen sie weiter darüber, Isak aber hatte gesehen, daß Bredes Wagen unter freiem Himmel stand.

Doch jetzt wurde das Kind schläfrig, da nahm der Vater es fürsorglich auf den Arm und trug es. Sie wanderten weiter, Leopoldine war bald eingeschlafen, und Inger sagte: Nun legen wir sie in dem Fell auf den Wagen, dann kann sie schlafen, solange sie will. — Sie wird da so sehr gerüttelt, meinte der Vater und wollte sie lieber tragen. Sie kommen über das Moor und in den Wald hinein, und Ptro sagt Inger. Sie hält das Pferd an, nimmt Isak das Kind ab und sagt, er solle die Kiste und die Nähmaschine zusammenrücken, dann könne Leopoldine hinten im Wagen liegen. Da wird sie gar nicht geschüttelt und gerüttelt, was ist das für Unsinn! — Isak tut, wie sie sagt, hüllt seine kleine Tochter in das Fell und schiebt ihr seine Jacke unter den Kopf. Dann fahren sie weiter.

Der Mann und die Frau gehen zu Fuß und reden von Verschiedenem. Die Sonne scheint bis spät am Abend, und das Wetter ist warm. Oline — wo schläft sie für gewöhnlich? fragt Inger. — In der Kammer. — So, und die Buben? — Die liegen in ihrem eigenen Bett in der Stube. Es sind zwei Bettladen in der Stube, noch genau so wie damals, als du fortgegangen bist. — Ich betrachte dich immerfort, sagt Inger, du siehst genau so aus wie früher. Und allerlei Lasten haben deine Schultern durchs Ödland heraufgetragen, aber sie sind darumnicht schwächer geworden. — O nein. Aber was ich sagen wollte: ist es dir in allen den Jahren erträglich gegangen? — Oh, Isak war ganz bewegt, bei dieser Frage zitterte ihm die Stimme. Inger antwortete, ja, sie könne nicht klagen.

Es kam zu einer gefühlvollen Aussprache zwischen ihnen, und Isak fragte, ob sie nicht müde sei und lieber fahren wolle. — Nein, danke, antwortete Inger. Aber ich weiß nicht, was mit mir ist, seit sich die Seekrankheit ganz verzogen hat, bin ich immerfort hungrig. — Möchtest du noch etwas essen? — Ja, wenn ich uns nicht zu sehr aufhalte. O diese Inger, sie selbst war wohl nicht hungrig, aber sie gönnte Isak noch etwas, er hatte ja seine letzte Mahlzeit mit dem Heidekrautstengel unterbrochen.

Da der Abend warm und hell war und sie noch einen weiten Weg vor sich hatten, fingen sie wieder an zu essen.

Inger holte ein Paket aus ihrer Kiste heraus und sagte: Ich habe ein paar Sachen für die kleinen Buben. Komm, wir wollen zu dem Gebüsch hinübergehen, da ist es sonnig. — Sie setzten sich unter das Gebüsch, und Inger zeigte die Sachen für die Jungen: hübsche Hosenträger mit Schnallen daran, Schreibbücher mit Vorschriften darin, für jeden einen Bleistift, ein Taschenmesser für jeden. Für sich selbst hatte sie ein ausgezeichnetes Buch. Hier sieh, mein Name steht darauf, es ist ein Andachtsbuch. Sie hatte es von dem Direktor zur Erinnerung bekommen. Isak bewunderte alles mit leisen Worten. Sie zeigte auch eine Anzahl Kragen, die Leopoldine gehörten, und Isak gab sie ein schwarzes, wie Seide glänzendes Halstuch. — Soll ich das haben? fragte er. — Ja, das bekommst du. — Isak nahm es vorsichtig in die Hand und strich darüber hin. — Ist es nicht hübsch? — Ach, hübsch! Damit könnte ich in der ganzen Welt umherreisen! Aber seine Finger waren so rauh, daß sie an der merkwürdigen Seide überall hängen blieben.

Jetzt hatte Inger nichts mehr vorzuweisen, aber als sie wieder zusammenpackte, saß sie so, daß ihre Waden in den rotgestreiften Strümpfen zum Vorschein kamen. — Hm! Das sind wohl Stadtstrümpfe? fragte er. — Ja, es ist Garn aus der Stadt, aber ich habe sie selbst geknüpft — gestrickt, wie wir dort sagten. Es sind ganz lange Strümpfe, bis über die Knie, sieh her ... Kurz darauf hörte sie sich selbst flüstern: Du — du bist noch ganz derselbe — wie früher!

Eine Weile später fuhren sie weiter, Inger sitzt jetzt droben und lenkt das Pferd. Ich habe auch ein Paket Kaffee mitgebracht, sagt sie, aber heute abend kannst du ihn nicht mehr versuchen, denn er ist noch nicht gebrannt. — Du sollst dich auch nicht damit plagen, erwidert er.

Wieder nach einer Weile ist die Sonne untergegangen, und es wird kühl. Inger will absteigen und gehen. Sie decken Leopoldine dichter mit dem Fell zu und lächeln darüber, daß sie so lange schlafen kann. Dann unterhalten sich Mann und Frau wieder im Weitergehen. Es ist ein wahres Vergnügen, Inger jetzt sprechen zu hören, niemand hätte besser sprechen können, als Inger jetzt sprach.

Haben wir nicht vier Kühe? fragt sie. — O nein, wir haben jetzt mehr, antwortet er stolz, wir haben acht. —AchtKühe! — Ja, wenn man den Stier mitrechnet. — Habt ihr Butter verkauft? — O ja, und Eier. — Haben wir denn auch Hühner? — Ja, das versteht sich. Und ein Schwein. — Inger muß sich über die Maßen verwundern, sie kann das Gehörte kaum fassen und hält einen Augenblick das Pferd an: Ptro! Und Isak ist stolz und legt es darauf an, sie ganz zu überwältigen. Der Geißler, sagt er, du weißt, der Geißler, der ist vor kurzem hier gewesen. — So? — Ja, und er hat uns einen Kupferberg abgekauft. — So, was ist denn das, einKupferberg? — Ein Berg aus Kupfer. Er liegt droben im Gebirge an der ganzen Nordseite des Sees. — So. Und das ist etwas, für das du eine Bezahlung bekommen hast? — Jawohl, der Geißler ist nicht der Mann, der nicht bezahlt. — Was hast du bekommen? — Hm. Du wirst es nicht glauben wollen, aber es sind zweihundert Taler. — Die hast du bekommen! ruft Inger und hält wieder einen Augenblick das Pferd an: Ptro! — Habe ich bekommen, jawohl. Und den Hof habe ich auch längst bezahlt. — Ach, du bist großartig!

Es war in Wahrheit ein Vergnügen, Inger in Verwunderung zu setzen und sie zu einer reichen Frau zu machen; deshalb fügte Isak noch hinzu, daß er auch weder beim Kaufmann noch bei sonst jemand Schulden stehen habe. Und er habe nicht allein Geißlers zweihundert Taler noch unberührt daliegen, sondern noch mehr, noch hundertsechzig Taler darüber. Sie hätten also allen Grund, Gott dankbar zu sein. Sie sprachen noch weiter von Geißler, und Inger konnte Aufklärung über das geben, was er für ihre Freilassung getan hatte. Es war doch nicht alles so glatt gegangen; er hatte lange damit zu tun gehabt und war sehr oft beim Direktor gewesen. Geißler hatte auch ein Schreiben an die Staatsräte selbst oder an einige andere von der Behörde geschickt, aber das hatte er hinter dem Rücken des Direktors getan, und als der Direktor das erfuhr, war er böse geworden und hatte sich gekränkt gefühlt, was ja auch nicht anders zu erwarten gewesen war. Aber Geißler hatte sich dadurch nicht einschüchtern lassen, er verlangte ein neues Verhör und ein neues Gerichtsverfahren und alles miteinander. Und da hatte der König unterschreiben müssen.

Der frühere Lensmann Geißler war für diese beiden Menschen immer ein guter Herr gewesen, und sie hatten sich oft besonnen, aus welchem Grunde er es wohl getan haben mochte, er hatte alles miteinander um den einfachen Dank getan, es war nicht zu begreifen. Inger hatte in Drontheim mit ihm gesprochen, war aber dadurch nicht klüger geworden. Alle andern in der Gemeinde sind ihm ganz einerlei, ausgenommen wir, erklärte Inger. — Hat er das gesagt? — Ja, er ist wütend auf die Gemeinde hier. Und er werde es ihr schon noch zeigen! sagte er. — So. — Und sie würden es schon noch bereuen, daß sie ihn verloren hätten, sagte er.

Jetzt kamen sie aus dem Wald heraus, und da lag Sellanraa vor ihnen. Es waren mehr Gebäude als früher, die Häuser waren hübsch angestrichen; Inger kannte sich nicht mehr aus und hielt jäh an: Du willst doch nicht sagen, daß das da — daß das da bei uns ist! rief sie aus.

Die kleine Leopoldine erwachte endlich und richtete sich auf. Sie war ganz ausgeruht, wurde heruntergehoben, durfte zu Fuß gehen! Gehen wir dorthin? fragte sie. — Ja, ist es nicht schön?

Drüben am Haus bewegten sich kleine Gestalten; das waren Eleseus und Sivert, die Ausguck hielten, nun kamen sie dahergelaufen. Inger schien plötzlich erkältet zu sein, sie hatte heftigen Husten und Schnupfen. Ja, die Erkältung zog ihr sogar in die Augen, sie standen voll Wasser. Man erkältet sich so leicht an Bord, ganz nasse Augen bekommt man vor lauter Schnupfen.

Aber als die kleinen Burschen näher herankamen, hielten sie mitten in ihrem Lauf inne und starrten nur noch. Wie ihre Mutter aussah, das hatten sie vergessen, und ihre kleine Schwester hatten sie ja noch nie gesehen. Aber der Vater — ihn erkannten sie erst wieder, als er ganz nahe herangekommen war. Er hatte sich seinen großen Bart abgeschnitten.

Nun ist alles gut. Isak sät seinen Hafer, eggt ihn und führt die Walze darüber. Leopoldine kommt heraus und will auf der Walze sitzen. Was, auf einer Walze sitzen — sie ist so klein und kennt so was gar nicht, ihre Brüder wissen es besser, es ist ja kein Sitz auf Vaters Walze.

Aber den Vater freut es, daß die kleine Leopoldine zu ihm herkommt und schon so zutraulich ist; er redet mit ihr und sagt, sie müsse vorsichtig auf den Acker treten, damit sie nicht die Schuhe voll Erde bekomme. Ja, und was seh ich, du hast wahrhaftig heute ein blaues Kleid an! Laß mich sehen, ja gewiß, es ist blau. Und einen Gürtel hast du daran und alles miteinander. Kannst du dich an das große Schiff erinnern, auf dem du hergefahren bist? Hast du die Maschine darin gesehen? Ja, jetzt geh nur mit deinen Brüdern hinein, dann spielen sie mit dir.

Seit Oline abgezogen ist, hat Inger ihre alte Arbeit in Haus und Stall wieder übernommen. Sie übertreibt es vielleicht ein wenig mit der Reinlichkeit und Ordnung, um zu zeigen, daß die Dinge jetzt eine andere Art bekommen sollen, und es war auch merkwürdig, welche große Veränderung bald mit allem vorging, sogar die Glasscheiben in der Viehgamme wurden gewaschen und die Stände gescheuert.

Aber das war nur in den ersten Tagen, in der ersten Woche so, dann ließ Inger nach. Eigentlich war es nicht nötig, im Stall alles so blitzblank zu machen, die Zeit konnte besser angewendet werden. Inger hatte in der Stadt viel gelernt, und dieses Wissen sollte ihr nun zugute kommen. Sie nahm wieder Spinnrad und Webstuhl in Gebrauch, und wahrlich, sie war noch geschickter und flinker geworden, etwas zu flink, hui! besonders für Isak, wenn er ihr zusah; er begriff nicht, daß ein Mensches lernen konnte, so mit seinen Fingern umzugehen, diese langen, hübschen Finger an Ingers großer Hand! Aber mittendrin gab Inger die eine Arbeit auf und machte sich an eine andere. Jawohl, sie hatte jetzt verschiedenes mehr zu besorgen als früher und in größerem Umfang, vielleicht war sie auch nicht ganz so geduldigen Herzens wie einst, etwas Unruhe hatte sich ihr wohl ins Herz geschlichen.

Gleich zuerst waren da die Blumen, die sie mitgebracht hatte, es waren Knollen und Ableger, kleine Leben, an die auch gedacht werden mußte. Die Fenster waren zu klein dafür, die Gesimse zu schmal, man konnte da keine Blumentöpfe aufstellen, sie hatte auch keine Töpfe, und Isak mußte ihr ganz kleine Kästen für Begonien, Fuchsien und Rosen anfertigen. Und überdies genügte auch ein Fenster nicht, was war ein Fenster für eine ganze Stube!

Und außerdem, sagte Inger, habe ich auch kein Bügeleisen. Ich sollte ein Bügeleisen zum Plätten haben, wenn ich Kleider und Anzüge nähe; niemand kann im Nähen etwas Ordentliches leisten, wenn er nicht eine Art Plätteisen hat.

Isak versprach, den Schmied im Dorfe zu veranlassen, ein recht gutes Bügeleisen zu schmieden. Oh, Isak wollte alles tun, wollte immer nur tun, was Inger verlangte; denn das merkte er wohl, Inger hatte sehr viel gelernt und war außerordentlich tüchtig geworden. Auch ihre Sprache war eine andere geworden, eine bessere, gewähltere. Sie rief ihn jetzt nie mehr mit den alten Worten: Komm herein und iß! sondern sie sagte: Bitte zum Essen! Alles war anders geworden. In den alten Tagen hatte er höchstens gesagt: Ja, und noch eine gute Weile weitergearbeitet, ehe er hineinging. Jetzt antwortete er: Ja, danke, und kam sofort. Die Liebe macht den Klugen dumm, manchmal antwortete Isak: Danke, danke! Ja,gewiß war alles anders geworden, aber wurde es nicht allmählich ein wenig zu vornehm? Wenn Isak in der Muttersprache der Landwirtschaft redete undMistsagte, sagte IngerDung, der Kinder wegen.

Sie war sehr sorgfältig mit den Kindern, unterrichtete sie in allem und brachte sie vorwärts; die kleinwinzige Leopoldine machte Fortschritte im Häkeln und die Buben im Schreiben und in anderen Schulfächern, sie würden also nicht ganz unvorbereitet in die Dorfschule kommen. Besonders Eleseus war recht tüchtig geworden, der kleine Sivert dagegen war, geradeheraus gesagt, nichts Besonderes, nur ein Spaßvogel, ein Wildfang, er wagte es sogar, an der Nähmaschine seiner Mutter ein wenig zu drehen und hatte mit seinem Taschenmesser auch schon am Tisch und an den Stühlen herumgeschnitzelt. Jetzt war ihm schon mit der Wegnahme des Taschenmessers gedroht worden.

Übrigens hatten die Kinder alle Tiere des Hofes zur Unterhaltung, und Eleseus hatte außerdem noch seinen farbigen Bleistift. Er gebrauchte ihn sehr vorsichtig und lieh ihn dem Bruder nur höchst ungern; mit der Zeit waren indes alle Wände mit Zeichnungen bedeckt, und der Bleistift wurde bedenklich kleiner. Schließlich sah sich Eleseus gezwungen, Sivert auf Ration zu setzen und ihm den Bleistift nur noch am Sonntag zu einer Zeichnung zu leihen. Das war nun nicht nach Siverts eigenem Wunsch, aber Eleseus war nicht der Mann, der sich etwas abhandeln ließ. Nicht gerade, weil Eleseus der Stärkere gewesen wäre, aber er hatte längere Arme und konnte sich bei Streitigkeiten besser herauswinden.

Aber dieser Sivert! Ab und zu fand er ein Schneehuhnnest im Walde, einmal redete er von einem Mäusenest und machte sich groß damit, wieder einmal faselte er von einer Forelle im Fluß, die so groß sei wie ein Mensch; aber es war die reine Erfindung von ihm, erwar nicht ganz frei davon, zu schwarz weiß zu sagen, aber sonst war er ein guter Kerl. Als die Katze Junge bekam, war er es, der ihr Milch brachte, weil sie Eleseus zu wütend anzischte, und Sivert wurde nicht müde, in die unruhige Kiste hineinzuschauen, diese Heimstätte, wo es von kleinen Pfoten wimmelte.

Und dann die Hühner, die er täglich beobachtete! Da war der große Hahn mit seinem Kamm und seiner Federnpracht, die Hühner, die umherliefen und gackerten und Sand aufpickten und nach dem Eierlegen plötzlich ungeheuer verletzt zu schreien anfingen. Da war auch der große Widder. Der kleine Sivert war jetzt im Vergleich zu früher sehr belesen, konnte aber doch nicht von dem Widder sagen: Gott, welch eine römische Nase er hat! Nein, das konnte er nicht. Aber Sivert konnte das, was besser war: er kannte den Widder von klein auf, wo er noch ein kleines Lamm gewesen war; er liebte ihn und war eins mit ihm, wie mit einem Verwandten, einem Mitgeschöpf. Einmal war ein geheimnisvoller Ureindruck durch seine Sinne geflattert, und das war ein Augenblick, den Sivert nie mehr vergaß. Der Widder war draußen auf der Wiese und weidete, plötzlich warf er den Kopf zurück und fraß nicht mehr, blieb nur stehen und starrte geradeaus. Sivert sah unwillkürlich in dieselbe Richtung. — Nein, nichts Merkwürdiges! Aber da fühlte Sivert etwas Merkwürdiges in seinem Innern. Es ist fast, als sehe er in den Garten Eden hinein! dachte Sivert.

Von den Kühen hatten die Kinder auch jeder zwei für sich, große, schwer schreitende Tiere, gutmütige, freundliche Tiere, die sich von den kleinen Menschenkindern jeden Augenblick einholen und streicheln ließen. Dann war da das Schwein, weiß und peinlich sauber mit seiner Person, wenn es gut gehalten wurde, das auf jeden Ton horchte, ein Komiker, gierig auf sein Futter aus, dabei kitzlig und scheu wie ein junges Mädchen. Und dann derBock — es war immer ein alter Ziegenbock auf Sellanraa; wenn der eine das Leben lassen mußte, rückte ein anderer an seine Stelle. Aber etwas so Bockmäßiges im Gesicht wie ein Bock! Gerade in diesen Tagen hatte er auf sehr viele Geißen aufzupassen; bisweilen jedoch wurde er seiner ganzen Gesellschaft überdrüssig und legte sich, grüblerisch und langbärtig wie er war, auf den Boden, ein Vater Abraham! Und dann plötzlich richtete er sich wieder auf die Knie auf und trottete den Geißen nach. Wo er ging, hinterließ er eine Wolke von scharfem Geruch.

Das tägliche Leben auf dem Hofe geht weiter. Wenn ein seltenes Mal ein Wanderer, der über das Gebirge will, vorbeikommt und fragt: Und euch geht es wohl gut?, da antwortet Isak und antwortet Inger: Ja, danke für die Nachfrage!

Isak schafft und schafft, und für jede einzelne Arbeit zieht er den Kalender zu Rat, er gibt auf den Mondwechsel acht und richtet sich nach den Wetterzeichen, schafft, schafft.

Nun hat er ja durch das Ödland einen einigermaßen ordentlichen Weg hergestellt, so daß er mit Wagen und Pferd bis ins Dorf hinunterfahren kann, aber meist geht er lieber schwerbeladen zu Fuß, und da trägt er dann Ziegenkäse oder Felle oder Birkenrinde, Butter und Eier, lauter Waren, die er verkauft, und für die er andere Waren einholt. Nein, im Sommer fährt er nicht oft, weil der Weg von Breidablick bis vollends hinunter sehr schlecht ist. Er hat Brede Olsen aufgefordert, beim Herstellen des Weges mit Hand anzulegen, und Brede hat es wohl auch versprochen, aber nie Wort gehalten. Nun will Isak ihn nicht noch einmal darum bitten. Lieber trägt er schwere Lasten auf seinem Rücken. Inger sagt dann: Ich verstehe gar nicht, wie du das kannst! Du hältst alles aus! Ja, er hielt alles aus. Er hatte Stiefel, die waren so abenteuerlich dick und schwer, unter den Sohlen ganzmit Eisen beschlagen, sogar die Schnürriemen waren mit Nietnägeln angeheftet — schon das, daß ein Mann in solchen Stiefeln gehen konnte, war etwas Merkwürdiges!

Als er nun wieder einmal ins Dorf hinuntergeht, trifft er an mehreren Stellen kleine Gruppen von Arbeitern. Sie mauern steinerne Grundpfeiler ein und stellen Telegraphenstangen auf. Die Leute sind teilweise aus der Gemeinde, Brede Olsen ist auch dabei, obgleich er sich hier niedergelassen hat, um Ackerbau zu treiben. Daß er Zeit übrig hat! denkt Isak.

Der Aufseher fragt Isak, ob er Telegraphenstangen verkaufen wolle. — Nein. — Auch nicht gegen gute Bezahlung? — Nein. — Oh, Isak ging es jetzt rascher von der Hand, er konnte nun schneller antworten. Wenn er jetzt Stangen verkaufte, bekam er nur etwas mehr Geld, einige Taler mehr, aber er hatte keinen Wald mehr, was für ein Vorteil war dann dabei? Nun kommt der Ingenieur selbst herbei und wiederholt sein Verlangen; aber Isak schlägt es auch ihm ab. — Wir haben Stangen genug, sagte der Ingenieur, aber es wäre uns nur bequemer, sie in deinem Walde zu holen und die lange Herbeischaffung zu sparen. — Ich habe selbst zuwenig Stangen und Stämme, erwiderte Isak; ich wollte mir übrigens ein kleines Sägewerk einrichten, denn ich habe keine Scheune und keine Wirtschaftsgebäude.

Jetzt mischt Brede Olsen sich darein und sagt: Wenn ich du wäre, würde ich die Stangen verkaufen, Isak. — Da blitzten die Augen des geduldigen Isak Brede wahrhaftig scharf an, und er erwiderte: Ja, das glaube ich schon. — Wieso? fragte Brede. — Aber ich bin eben nicht du, sagte Isak.

Einige von den Arbeitern kicherten ein wenig über diese Antwort.

Jawohl, Isak hatte einen besonderen Grund, seinen Nachbar etwas zurückzuweisen, gerade heute hatte ernämlich drei Schafe auf Breidablicks Grundstück gesehen, und das eine davon hatte Isak wiedererkannt, das mit den flachen Ohren, das Oline im Tauschhandel weggegeben hatte. Meinethalben mag Brede das Schaf behalten, dachte er da und ging seines Weges weiter, meinethalben können Brede und seine Frau sich an dem Schaf bereichern!

Und ganz richtig. Das Sägewerk hatte er auch immer im Kopf. O ja, schon im Winter, als der Boden fest war, hatte er die große Kreissäge und die notwendigen Beschläge, die ihm der Kaufmann von Drontheim hatte kommen lassen, heraufgeschafft. Nun lagen diese Maschinenteile mit Leinöl bestrichen, um sie gegen Rost zu schützen, in seinem Schuppen. Einige von den Balken zum Sperrwerk hatte er auch schon herbeigefahren, er hätte mit dem Aufrichten des Gebäudes jeden Tag anfangen können, schob es aber noch hinaus. Was war das? Er begriff es nicht, nahmen seine Kräfte etwa allmählich ab? Andere würden sich nicht darüber wundern, aber ihm selbst kam es ganz unglaublich vor. War er schwindlig geworden? Früher war er vor keiner Arbeit zurückgescheut, hatte er sich denn verändert, seit er das Mahlhaus über einem ebenso großen Wasserfall errichtet hatte? Er konnte sich ja Hilfe vom Dorf nehmen, aber nun wollte er es erst einmal wieder allein versuchen und in den nächsten Tagen damit anfangen; Inger sollte ein wenig mit Hand anlegen.

Er sprach mit Inger darüber. Hm, sagte er, wenn du einmal ein paar Stunden Zeit übrig hast, könntest du mir bei dem Sägewerk helfen. — Inger überlegte. Ja, wenn ich es einrichten kann, sagte sie. So, du willst ein Sägewerk bauen? — Ja, das ist meine Absicht. Ich habe es mir jetzt genau überlegt. — Ist es schwieriger als das Mahlhaus? — Viel schwieriger, zehnmal schwieriger, prahlte er. Was denkst du denn? Da muß alles bisaufs aller-, allergenaueste ineinanderpassen, und die große Kreissäge muß in der Mitte laufen. — Wenn du es nur zustande bringst, Isak, entgegnete Inger in ihrer Gedankenlosigkeit. — Isak fühlte sich von diesen Worten gekränkt und erwiderte: Das wird sich ja zeigen. — Kannst du nicht einen in dieser Sache kundigen Mann zu Hilfe nehmen? — Nein. — Nun, dann wirst du es auch nicht zustande bringen, sagte sie und hielt nicht mit ihrer Meinung zurück.

Isak hob langsam die Hand an seinen Kopf, es war, als hebe ein Bär die Tatze auf. — Gerade das fürchte ich ja, daß ich es nicht fertigbringe, sagte er, deshalb sollst du, die es versteht, ja auch Hand mit anlegen, sagte er. — Jawohl, da hatte der Bär getroffen, aber er errang keinen Sieg damit. Inger warf den Kopf zurück, wurde widerspenstig und schlug es ab, beim Sägewerk zu helfen. — So, sagte Isak. — Ja, soll ich vielleicht im Fluß stehen und meine Gesundheit aufs Spiel setzen? Und wer soll mit der Maschine nähen und das Vieh und den Haushalt und alles miteinander versorgen? — Nein, nein, sagte Isak.

Ach, aber es handelte sich ja nur um die vier Eckbalken und die zwei Mittelbalken auf den beiden Langseiten, nur dazu hätte sie ihm helfen sollen, sonst zu nichts! War denn Inger im tiefsten Innern während ihres langen Stadtlebens so zimperlich geworden?

Jawohl, Inger hatte sich sehr verändert und dachte nicht mehr beständig an ihr gemeinsames Beste, sondern an sich selbst. Wohl hatte sie Kardätschen und Spinnrad und Webstuhl wieder in Gebrauch genommen, aber sie saß viel lieber an ihrer Nähmaschine, und als der Schlosser ihr ein Bügeleisen geschmiedet hatte, war sie fertig ausgerüstet, um sich im Schneidern als regelrecht ausgebildet zu zeigen. Das war ihr Beruf. Zuerst nähte sie ein paar Kleider für die kleine Leopoldine. Isak gefielensie, und er lobte sie vielleicht ein wenig zu sehr; Inger deutete an, das sei noch gar nichts im Vergleich zu dem, was sie könne. — Aber sie sind zu kurz, sagte Isak. — So werden sie in der Stadt getragen, sagte Inger, das verstehst du eben nicht. — Isak war also zu weit gegangen, und er stellte Inger dafür ein Stück Tuch zu eigenem Gebrauch in Aussicht. — Tuch zu einem Mantel? fragte Inger. — Ja, oder wozu du es sonst willst. — Inger entschied sich zu Tuch für einen Mantel und beschrieb Isak, wie es sein sollte.

Aber als sie den Mantel fertig hatte, mußte sie auch jemand haben, dem sie sich darin zeigen konnte; sie begleitete deshalb die beiden Jungen ins Dorf, als sie dort in die Schule gebracht wurden. Und diese Reise war nicht von geringem Nutzen, sie hinterließ Spuren.

Zuerst kamen sie an Breidablick vorüber, da kam die Frau mit ihren Kindern heraus und starrte die Vorüberfahrenden an. Inger und ihre beiden kleinen Jungen saßen auf dem Wagen, und sie fuhren wie Herrenleute, die beiden Jungen kamen wahrhaftig in die Schule, und Inger hatte einen Tuchmantel an! Bei diesem Anblick ging der Frau auf Breidablick ein Stich durchs Herz, den Mantel konnte sie entbehren, sie war gottlob nicht eitel, aber sie hatte selbst Kinder, das große Mädchen Barbro, Helge, den Zweitältesten, und Katrine, alle schulpflichtig. Natürlich waren die beiden älteren im Dorf schon in der Schule gewesen, aber als die Familie aufs Moor und auf dieses abgelegene Breidablick heraufzog, mußten ja die Kinder wieder Heiden werden.

Hast du Lebensmittel für deine Buben mit? fragte die Frau. — Lebensmittel, jawohl. Siehst du die Kiste da nicht? Das ist mein Reisekoffer, den ich mitgebracht habe, und der ist ganz mit Lebensmitteln angefüllt. — Was hast du mitgenommen? — Was ich mitgenommen habe? Speck und Fleisch fürs Mittagessen und Butter und Brotund Käse für die anderen Mahlzeiten. — Ja, ihr habt es großartig da droben, sagte die Frau, und ihre armen bleichwangigen Kinder sperrten Augen und Ohren auf, als diese herrlichen Sachen aufgezählt wurden. — Wo willst du sie unterbringen? fragte die Frau weiter. — Beim Schmied. — So, sagte die Frau. Ja, die meinigen sollen jetzt auch wieder in die Schule, und sie werden beim Lensmann wohnen. — So, sagte Inger. — Ja, oder beim Doktor oder beim Pfarrer. Brede ist eben mit allen den Großen so gut bekannt, daher kommt es. — Da strich Inger ihren Mantel zurecht und schob etliche schwarzseidene Fransen vorteilhaft hervor. — Wo hast du den Mantel gekauft? fragte die Frau. Hast du ihn mitgebracht? — Ich habe ihn selbst genäht. — Ja, es ist, wie ich sage, ihr da droben sitzt bis über die Ohren in Geld und Herrlichkeit.

Als Inger weiterfuhr, war ihr froh zumute, und sie war recht hochmütig, und als sie ins Dorf kam, ließ sie das ein wenig zu sehr hervortreten, jedenfalls nahm die Frau Lensmann Heyerdahl Ärgernis daran, daß sie in einem Mantel ankam. Sie sagte, die Frau auf Sellanraa vergesse offenbar, wer sie sei; ob sie denn vergessen habe, woher sie nach sechsjähriger Abwesenheit gekommen war? Aber Inger hatte nun jedenfalls ihren Mantel gezeigt, und weder die Frau des Kaufmanns noch die Frau des Schmieds noch die Frau des Schullehrers würden etwas dagegen gehabt haben, wenn sie selbst einen solchen Mantel besessen hätten; aber kommt Zeit, kommt Rat.

Es dauerte gar nicht lange, bis Inger Kundschaft bekam. Einige Weiber von der andern Seite des Gebirges kamen aus Neugier. Oline hatte wohl gegen ihren Willen allerlei von Inger erzählt, und die nun kamen, brachten Nachrichten von Ingers Heimatort mit; dafür wurde ihnen aufgewartet, und sie durften die Nähmaschine sehen. Junge Mädchen kamen zu zwei und zwei von derGemeinde an der Küste herauf und berieten sich mit Inger: es war Herbst, sie hatten zu einem neuen Kleid gespart, und nun konnte ihnen Inger über die Mode in der Welt draußen Auskunft geben, ja ab und zu auch den Stoff zuschneiden. Bei diesen Besuchen lebte Inger auf, sie blühte förmlich, war freundlich und hilfreich und dabei so tüchtig in ihrem Fach, daß sie aus freier Hand zuschneiden konnte; bisweilen nähte sie auch lange Säume auf ihrer Maschine ganz umsonst und gab dann den jungen Mädchen den Stoff zurück mit den herrlich scherzhaften Worten: So, die Knöpfe kannst du jetzt selbst annähen!

Später, im Herbst, wurde Inger sogar gebeten, ins Dorf herunterzukommen und für die Großen zu nähen. Aber das konnte sie nicht, sie hatte ihre Familie und das Vieh und die häuslichen Pflichten, und sie hatte kein Dienstmädchen. Was hatte sie nicht? Ein Dienstmädchen!

Sie sagte zu Isak: Wenn ich eine Hilfe hätte, könnte ich ruhiger an meiner Näharbeit bleiben. — Isak verstand nicht, was sie meinte. Hilfe? fragte er. — Ja, Hilfe im Hause, ein Dienstmädchen. — Da drehte sich wohl alles im Kreise vor Isak, denn er lachte ein wenig in seinen roten Bart und hielt es für Spaß: Jawohl, wir sollten ein Dienstmädchen haben, sagte er. — Das haben alle Hausfrauen in der Stadt, versetzte Inger. — Ach so, sagte Isak.

Seht, er war vielleicht nicht besonders froh und freundlich gestimmt, nicht gut aufgelegt, denn nun hatte er mit dem Bau seines Sägewerks angefangen, und es war nicht schnell vorwärtsgegangen; er konnte nicht mit der einen Hand den Pfosten halten, ihn mit der andern wagerecht leiten und zugleich die Schräghölzer befestigen. Aber als dann die Jungen wieder von der Schule heimkamen, ging es besser, die guten Jungen waren ihm eine große Hilfe. Sivert besonders war merkwürdig gewandtbeim Einschlagen der Nägel, aber Eleseus war tüchtiger beim Loten mit der Schnur. Nach Verlauf von einer Woche hatten Isak und die Jungen wirklich die Pfosten aufgerichtet und mit Schräghölzern so dick wie Balken stark befestigt. Eine große Arbeit war bewältigt.

Es ging — alles ging. Aber woher es auch kommen mochte, Isak war jetzt an den Abenden oft müde. Es handelte sich ja nicht nur darum, ein Sägewerk zu bauen und damit Punktum, alles andere mußte auch getan werden. Das Heu war unter Dach, aber das Korn stand noch draußen und färbte sich allmählich golden, bald mußte es geschnitten und untergebracht werden, und auch die Kartoffelernte stand vor der Tür. — Aber Isak hatte eine ausgezeichnete Hilfe an seinen Jungen. Er bedankte sich indes nicht bei ihnen, das war nicht Sitte unter Leuten wie er und die Seinen, aber er war ungeheuer zufrieden mit ihnen. Ab und zu, jedoch nur selten einmal, setzten sie sich wohl auch mitten in der Arbeit zusammen und unterhielten sich miteinander, und da konnte der Vater sich im Ernst mit den Jungen darüber beraten, was sie zuerst und was nachher tun wollten. Das waren stolze Augenblicke für Eleseus und Sivert, und sie lernten dabei wohl zu überlegen, ehe sie redeten, um nicht unrecht zu bekommen. — Es wäre doch schlimm, wenn wir das Sägewerk nicht unter Dach brächten, ehe die Herbststürme einsetzen, sagte der Vater.

Wenn nur Inger noch wie in den alten Tagen gewesen wäre! Aber Ingers Gesundheit war wohl eben leider nicht mehr so gut wie früher, was ja auch nach der langen Einsperrung nicht anders zu erwarten war. Daß ihr Sinn sich verändert hatte, war eine Sache für sich, ach, sie war jetzt so viel weniger nachdenklich, war gleichsam oberflächlicher, leichtsinniger. Von dem Kinde, das sie umgebracht hatte, sagte sie: Ich bin eine recht dumme Person gewesen, wir hätten sie operieren und ihren Mundzunähen lassen können, dann hätte ich nicht nötig gehabt, sie zu erwürgen. Und niemals ging sie hinaus in den Wald an ein kleines Grab, wo sie einstmals die Erde mit den Händen zusammengescharrt und ein kleines Kreuz darauf gesetzt hatte.

Aber Inger war keine unmenschliche Mutter, sie sorgte treulich für ihre anderen Kinder, hielt sie in Ordnung, nähte für sie und konnte bis spät in die Nacht hinein aufsitzen, um ihre Kleider zu flicken. Es war ihr höchster Traum, daß etwas Rechtes aus ihnen werden sollte.

Dann wurde das Korn eingefahren, dann wurden die Kartoffeln herausgehackt, und dann wurde es Winter. Ach nein, das Sägewerk kam nicht unter Dach im Herbst! Aber da war nun nichts zu machen, es ging ja auch nicht ums Leben, und bis zum Sommer kam wohl Zeit und Rat.

Und im Winter kam die gewohnte Arbeit an die Reihe, Holz wurde gefahren, die Wirtschaftsgeräte und die Fuhrwerke wurden hergerichtet, Inger versorgte das Haus, schaffte und nähte, und die Jungen waren wieder für lange Zeit in der Schule. Seit mehreren Jahren schon hatten sie miteinander ein Paar Schneeschuhe gehabt, und dies eine Paar hatte für beide genügt, solange sie daheim gewesen waren. Da hatte der eine gewartet, solange der andere lief, oder der eine stellte sich hinter dem andern auf. Oh, es war gut gegangen, etwas Schöneres hatten sie sich gar nicht vorstellen können, sie waren unschuldig. Aber drunten im Dorf waren die Verhältnisse größer, in der Schule wimmelte es von Schneeschuhen, ja, es zeigte sich, daß sogar die Kinder auf Breidablick jedes ein eigenes Paar hatte. Da mußte schließlichIsak ein neues Paar für Eleseus machen, und Sivert durfte die alten behalten.

Isak tat mehr, er kaufte den Jungen Winteranzüge und unzerreißbare Stiefel. Aber als dies getan war, ging Isak zum Kaufmann und bestellte einen Ring. — Einen Ring? fragte der Kaufmann. — Ja, einen Fingerring. Ich bin so hoffärtig geworden, daß ich meiner Frau einen Fingerring schenken will. — Soll es ein silberner oder ein goldener sein oder nur einer aus Messing, der im Goldbad gewesen ist? — Es soll ein silberner sein. — Der Kaufmann überlegte lange, dann sagte er: Wenn du das tun willst, Isak, und wenn du deiner Frau einen Ring verehren willst, den sie zeigen kann — so kaufe ihr einen goldenen Ring. — Was? sagte Isak laut. Aber im innersten Herzen hatte er wohl selbst an einen goldenen Ring gedacht.

Sie besprachen es nach allen Richtungen und einigten sich schließlich über Größe und Preis des Ringes; aber noch immer überlegte Isak und schüttelte den Kopf und meinte, das sei doch ein teures Stück; aber der Kaufmann wollte eben durchaus einen echt goldenen Ring bestellen. Als Isak heimwärts wanderte, war er eigentlich froh über seinen Entschluß, aber zugleich entsetzte er sich über die Ausgaben, zu denen einen die Liebe bringen konnte.

Es war ein richtiger Schneewinter, und als gegen Neujahr eine gute Bahn war, fingen die Leute aus dem Dorf an, Telegraphenstangen über die Moore heraufzufahren und sie in gewissen Abständen voneinander abzuladen. Sie fuhren mit vielen Pferden an Breidablick vorüber, kamen auch an Sellanraa vorbei — schließlich trafen sie mit anderen Pferden zusammen, die von jenseits des Gebirges Stangen herauffuhren, und da war die ganze Linie vollständig.

So verging ein Tag um den andern ohne große Ereignisse. Was hätte geschehen sollen? Im Frühling begann man mit dem Aufstellen der Telegraphenstangen, Brede Olsen war auch wieder dabei, obgleich er die Frühjahrsarbeit auf seinem Hofe hätte besorgen sollen. Daß er Zeit dazu hat! fragte sich Isak wieder.

Isak selbst hatte kaum Ruhe zum Essen und Schlafen, er konnte kaum alles zur rechten Zeit fertigbringen, seine Felder waren jetzt recht groß geworden.

Aber dann vor der Erntezeit brachte er das Sägewerk unter Dach und konnte sich nun an das Einsetzen der Säge machen. Seht, es war kein Wunderwerk von einem Holzbau, den er fertiggebracht hatte, aber der Bau war riesenstark und stand nun da und war von großem Nutzen. Die Säge ging, die Säge schnitt, Isak hatte seine Augen gebraucht, wenn er drunten im Dorf in der Sägemühle gewesen war, und hatte sich alles wohl gemerkt. Es war eine herzlich kleine Sägemühle, die er da errichtet hatte, aber er war zufrieden mit ihr, er hieb die Jahreszahl über der Tür ein und setzte sein Hauszeichen darunter.

Und in diesem Sommer ereignete sich nun doch mehr als gewöhnlich auf Sellanraa.

Die Telegraphenarbeiter waren jetzt so weit heraufgekommen, daß die erste Gruppe eines Abends an dem Hofe anklopfte und um Obdach bat. Die Leute durften in der Scheune schlafen. Als die Tage vergingen, kam auch die zweite Gruppe, und alle fanden Obdach auf Sellanraa. Die Linie wurde am Hof vorbei weiter hinaufgeführt, aber die Leute kamen trotzdem noch auf den Hof, um da zu übernachten. Und an einem Samstagabend erschien der Ingenieur, um die Löhne auszuzahlen.

Als Eleseus den Ingenieur sah, bekam er Herzklopfen, und er schlich sich zur Tür hinaus, um nicht nach dem farbigen Bleistift gefragt zu werden. Ach, das war einböser Augenblick, und Sivert kam auch nicht heraus, an dem er ein wenig eine Stütze hätte haben können! Wie ein bleiches Gespenst glitt Eleseus um die Hausecke; endlich traf er die Mutter. Eleseus bat sie gleich, sie möchte Sivert herausschicken, er konnte sich nicht anders helfen.

Sivert nahm die Sache weniger schwer, er hatte ja auch nicht die große Schuld auf sich liegen. Die Brüder setzten sich in ziemlicher Entfernung nieder, und Eleseus sagte: Wenn du es auf dich nehmen würdest! — Ich? sagte Sivert. — Denn du bist soviel kleiner, dir würde er nichts tun. — Sivert überlegte, er sah, daß der Bruder in großer Not war, und es schmeichelte ihm auch, daß Eleseus ihn brauchte. — Ich könnte dir vielleicht eine Handreichung tun, sagte er altklug. — Du mußt es tun! rief Eleseus und drückte einfach seinem Bruder das Stückchen, das noch von dem farbigen Bleistift übrig war, in die Hand. Es soll dir gehören, sagte er.

Sie wollten miteinander wieder hineingehen, aber Eleseus sagte, er habe noch etwas am Sägewerk zu tun oder vielmehr im Mahlhaus, etwas, was er nachsehen müsse, es gehe nicht so schnell, er werde kaum vor einer guten Weile fertig sein. Sivert ging allein hinein.

Da saß der Ingenieur mit Silbergeld und Banknoten vor sich und zahlte die Löhne aus. Als das geschehen war, setzte ihm Inger einen Topf Milch nebst Glas vor, und er war dankbar dafür. Er trank. Dann plauderte er mit der kleinen Leopoldine, und als er die Zeichnungen an den Wänden sah, fragte er gleich, wer denn der Meister sei, der sie gemacht habe. Bist du es? fragte er Sivert. Der Ingenieur wollte sich wohl bei der Mutter für die Gastfreundschaft dankbar erweisen. Er erfreute die Mutter, indem er die Zeichnungen lobte, und Inger gab eine gute Erklärung. Ihre Buben hätten die Zeichnungen gemacht, beide Buben; bis sie heimgekommen und dafür gesorgt habe, hätten die Kinder kein Papier gehabt unddeshalb die Wände bekritzelt, nun habe sie das Herz nicht, es abzuwaschen. — Laß es nur stehen, sagte der Ingenieur. Papier? sagte er und legte eine Menge großer Bogen auf den Tisch. Da, zeichnet nur weiter, bis ich das nächste Mal wiederkomme! Wie steht es denn mit Bleistiften? — Da trat Sivert ganz einfach mit dem Bleistiftstümpfchen vor und zeigte, wie klein es war. Und siehe, er bekam einen neuen, noch ungespitzten farbigen Bleistift! Zeichnet nur drauflos! Aber macht lieber das Pferd rot und den Bock blau. Nicht wahr, du hast noch kein blaues Pferd gesehen?

Dann ging der Ingenieur wieder fort.

Am selben Abend kam ein Mann vom Dorf herauf mit einem Ranzen auf dem Rücken. Er gab einige Flaschen für die Arbeiter ab und entfernte sich dann wieder. Aber nachdem er gegangen war, blieb es nicht mehr so still auf Sellanraa; die Ziehharmonika ertönte, es wurde laut gesprochen und gesungen und auf dem Hofplatz getanzt. Einer der Arbeiter forderte Inger zu einem kleinen Drehum auf, und Inger — ja, wer verstand sich auf sie? Sie kicherte und tanzte wahrhaftig ein paarmal im Kreise herum. Als dies getan war, wollten die andern auch mit ihr tanzen, und da tanzte sie recht flott mit.

Wer verstand sich auf Inger! Hier tanzte sie nun vielleicht ihren ersten seligen Tanz in ihrem Leben; man riß sich um sie, dreißig Männer waren hinter ihr her, sie war allein, die einzige, die gewählt werden konnte, keine andere stach sie aus. Und wie flott diese riesenhaften Telegraphenarbeiter sie vom Boden aufhoben! Warum nicht tanzen? Eleseus und Sivert schliefen schon drinnen in der Kammer wie Säcke trotz des Tumultes auf dem Hofe, die kleine Leopoldine aber war noch auf und stand dabei und sah mit großen verwunderten Augen den Sprüngen der Mutter zu.

Isak war indessen die ganze Zeit nach dem Abendessendraußen auf dem Feld gewesen. Als er wieder hereinkam, um zu Bett zu gehen, wurde ihm aus einer Flasche zu trinken angeboten, und er trank auch ein wenig. Er setzte sich, nahm Leopoldine auf den Schoß und sah dem Tanzen zu. Da kannst du dich ordentlich herumschwingen! sagte er gutmütig zu Inger. Da kannst du wahrlich die Füße regen!

Aber nach einer Weile hörte der Musikant auf zu spielen, und der Tanz war vorbei. Die Arbeiter machten sich nun fertig, den noch übrigen Teil der Nacht und den ganzen nächsten Tag im Dorf zu verbringen und erst am Montagmorgen wiederzukommen. Bald lag Sellanraa wieder ganz still da, nur ein paar ältere Männer blieben zurück und legten sich in der Scheune schlafen.

Isak sah sich nach Inger um, damit sie hineingehe und Leopoldine zu Bett bringe; als er sie dann nirgends erblickte, ging er hinein und legte das Kind zu Bett. Und er selbst ging auch zur Ruhe.

Gegen Morgen erwachte er, aber Inger war nicht da. Ist sie im Stall? dachte er. Dann stand er auf und ging in den Stall. Inger? fragte er. Keine Antwort. Die Kühe drehten die Köpfe und sahen ihn an. Alles war still. Aus alter Gewohnheit zählte er das Vieh, zählte auch das Kleinvieh, das eine Mutterschaf blieb so gern die Nacht über draußen — jetzt war es wieder draußen geblieben. Inger? fragte er wieder. Auch jetzt keine Antwort. Sie ist doch sicher nicht ganz mit hinunter ins Dorf gegangen, dachte er.

Die Sommernacht war hell und warm; Isak blieb eine Weile unter der Haustür sitzen, dann stand er auf und ging in den Wald, um nach dem Mutterschaf zu sehen. Er fand Inger. Inger hier? Ja, Inger und noch einer. Sie saßen im Heidekraut, Inger ließ seine Schildmütze auf ihrem Zeigefinger tanzen, sie sprachen miteinander, Inger war wieder umworben.

Isak ging leise zu ihnen hin. Inger wendete sich um und sah ihn. Da wurde sie weiß wie ein Leintuch, der Kopf sank ihr auf die Brust, sie ließ die Mütze fallen, war vernichtet. — Hm! Weißt du, daß das Mutterschaf wieder fehlt? sagte Isak. Aber das weißt du natürlich nicht, sagte er.

Der junge Telegraphenarbeiter hob seine Mütze auf und verzog sich seitwärts in die Büsche. Ich muß wohl den anderen nachgehen, sagte er. Ja, gute Nacht, sagte er und ging. Niemand erwiderte seinen Gruß.

So, du sitzest hier? sagte Isak. Mußt du hier sitzen?

Er wendete sich heimwärts, und Inger richtete sich auf die Knie auf; sie kam auf die Füße und ging ihm nach. So gingen sie dahin, der Mann voraus, die Frau hinterdrein, Tandem. Sie kamen heim.

Inger hatte wohl indessen Zeit gehabt, sich zu fassen. Und sie faßte sich: Ich wollte gerade nach dem Mutterschaf sehen, sagte sie, denn ich hatte gesehen, daß es nicht da war. Dann kam der Mann, er hat mir beim Suchen geholfen. Wir hatten uns kaum hingesetzt gehabt, als du kamst. Wo willst du jetzt hin?

Ich? Ich muß wohl nach dem Tier sehen.

Nein, jetzt sollst du zu Bett gehen. Und wenn noch jemand suchen soll, so werde ich es tun. Geh du nur zur Ruhe, du kannst sie notwendig brauchen. Im übrigen kann das Schaf auch draußen übernachten, das hat es schon öfters getan.

Ja, um von Raubtieren aufgefressen zu werden, sagte Isak und ging.

Nein, du darfst nicht! rief sie und holte ihn ein. Du brauchst Schlaf, ich will gehen.

Isak ließ sich überreden. Aber er wollte auch nichts davon hören, daß Inger noch nach dem Schaf suchen sollte, und so gingen beide hinein.

Inger sah sofort nach den Kindern. Sie ging in die Kammer, trat an das Bett und tat, als sei sie aus den erlaubtesten Gründen draußen gewesen, ja, sie war nicht ganz frei davon, mit Isak ein wenig zu liebäugeln, wie wenn sie von ihm noch eine ganz andere Zuneigung erwartete, als ihr an dem ganzen Abend entgegengebracht worden war — denn jetzt hatte er ja eine volle Erklärung, meinte sie. Aber nein, danke! Isak war nicht so leicht herumzubringen, er hätte es am liebsten gesehen, wenn sie so recht betrübt gewesen wäre und nicht gewußt hätte, was sie vor Reue tun sollte. Das hätte er am liebsten gesehen. Was war denn das, daß sie im Wald draußen etwas zusammengesunken war, das ärmliche bißchen Schrecken, als er sie im Wald entdeckt hatte — was half das, wenn es so schnell wieder verflog!

Am nächsten Tag, der doch ein Sonntag war, zeigte sich Isak noch durchaus nicht versöhnt, er wanderte draußen umher, sah nach seinem Sägewerk und seiner Mühle und betrachtete seine Felder, teils mit den Kindern, teils allein. Als Inger sich einmal anzuschließen versuchte, ging Isak gleich seines Wegs und sagte: Ich muß an den Fluß hinauf und nach etwas sehen. Irgend etwas nagte offenbar an ihm, aber er trug es in der Stille und donnerte nicht los. Oh, Isak war ein Großer, zum Beispiel Israel, dem das gelobte Land wohl verheißen war, der jedoch darum betrogen worden war, aber dennoch gläubig blieb.

Am Montag war die Stimmung bedeutend leichter, und als die Tage vergingen, begann der ärgerliche Eindruck von jener Nacht sich allmählich zu verwischen. Die Zeit macht gar vieles wieder gut, mit Spucke und Lappen, mit Schlaf und Essen heilt sie alle Wunden. Isak war nicht zum schlimmsten dabei gefahren, er hatte nicht einmal Gewißheit, ob ihm Unrecht angetan worden war, außerdem hatte er an vieles andre zu denken, denn jetzt fing die Ernte an. Und schließlich war ja die Telegraphenlinie bald fertig, dann würde es wohl wieder ruhig auf dem Hof werden. Eine breite helle Straße zog sich nun durch den Laubwald hin, in ihrer Mitte standen die Stangen mit Drähten bis ganz hinauf aufs Gebirge.

Am nächsten Samstag, an dem die letzte Lohnauszahlung stattfand, richtete es Isak so ein, daß er von zu Hause abwesend war; er wollte es selbst so. Er ging mit Butter und Käse ins Dorf hinunter und kam erst in der Nacht zum Montag wieder zurück. Die Arbeiter hatten da alle miteinander die Scheune verlassen, beinahe alle, der letzte Mann schwankte mit einem Sack auf dem Rücken eben zum Hof hinaus, beinahe der letzte Mann. Daß es doch noch nicht ganz sicher war, erriet Isak an einer Eßkiste, die noch in der Scheune stand; wo der Eigentümer war, wußte er nicht, wollte es auch nicht wissen, aber eine Schildmütze lag als anstößiger Beweis auf der Eßkiste.

Isak schleuderte die Eßkiste auf den Hofplatz hinaus, und die Mütze flog hinterdrein, dann schloß er die Scheune ab, ging in den Stall und guckte durchs Fenster hinaus. Mag die Kiste da stehen und die Mütze da liegen bleiben, dachte er wohl; es ist mir einerlei, wem sie gehören, es ist eine schlechte Kiste, und ich verachte sie, dachte er wohl. Aber wenn er jetzt seine Eßkiste holen will, dann wird Isak hinausgehen und ihn ein wenig am Arm nehmen, daß er blau und grün wird. Und wo der Weg zum Hof hinausgeht, das soll er auch erfahren!

Damit verließ Isak das Fenster im Pferdestall und ging zu den Kühen hinein und sah von dort aus zum Fenster hinaus und fand keine Ruhe. Die Kiste war mit einem Strick zusammengeschnürt, der jämmerliche Kerl hatte nicht einmal ein Schloß daran; der Strick war aufgegangen — hatte Isak wohl die Kiste zu fest angepackt? Woher es auch kommen mochte, aber Isak war nicht mehr so ganz sicher, ob er auch recht gehandelt habe. Bei seinemGang durchs Dorf hatte er nach seinem neuen Reolpflug gefragt, einem besonders starken zum Umroden von Ödland, den er bestellt hatte; oh, eine ausgezeichnete Maschine, eine Gottesgabe, ja, und diese war eben angekommen! Da war es ihm gewesen, als komme Segen mit ihr in sein Haus. Die höhere Macht, die die Schritte der Menschen lenkt, war vielleicht jetzt nahe und sah ihm zu, ob er den Segen verdiene oder nicht; Isak war immer mit den höheren Mächten beschäftigt, ja, in einer Herbstnacht hatte er im Walde draußen Gott mit eigenen Augen gesehen; das war vor allem ein merkwürdiger Anblick gewesen.

Isak ging auf den Hofplatz hinaus und blieb bei der fremden Kiste stehen. Noch überlegte er, ja, er schob seinen Hut schief und kratzte sich am Kopfe, dabei sah er ganz keck und flott aus, wie ein Spanier sah er aus. Aber dann mußte er ungefähr so gedacht haben: Ach, da stehe ich und bin weit davon entfernt, ein prächtiger, ausgezeichneter Mensch zu sein, ich bin ein Hund! Dann schnürte er den Strick um die Kiste fest zu, hob die Mütze auf und trug beides wieder in die Scheune hinein. Nun war es getan.

Als er wieder aus der Scheune heraustrat und sich nach der Mühle wandte, weg von seinem Hause, weg von allem, da stand Inger nicht am Fenster, nein. Nun wohl, mag sie stehen, wo sie will, übrigens war sie wohl in ihrem Bett, wo hätte sie sonst sein sollen? Aber in den alten Tagen, in den ersten unschuldigen Jahren auf der Ansiedlung, da hatte Inger keine Ruhe gehabt, sondern war aufgeblieben und hatte auf ihn gewartet, wenn er auf dem Heimweg vom Dorfe war. Das war jetzt anders geworden, alles war anders geworden. Auch als er ihr den Ring gab — ach, hätte etwas mehr mißglückt sein können? Isak war übermäßig bescheiden gewesen und weit entfernt, von einem echt goldenen Ring zu sprechen. Esist nichts Besonderes, hatte er gesagt, steck ihn einmal an den Finger und probier, ob er dir paßt. — Ist das Gold? fragte sie. — Ja, aber er ist nicht sehr breit, versetzte er. — Doch! hätte sie erwidern sollen, sie sagte indes: Nein, aber gerade recht. — Du kannst ihn ja jetzt behalten wie sonst eine Kleinigkeit, sagte er schließlich niedergeschlagen.

Aber Inger war doch dankbar für den Ring, sie trug ihn an der rechten Hand und ließ ihn funkeln, wenn sie nähte; ab und zu durften ihn die Mädchen anprobieren und ihn eine Weile am Finger behalten, wenn sie bei ihr waren und sie wegen eines neuen Kleides um Rat fragten. Begriff denn Isak nicht, daß sie ungeheuer stolz auf den Ring war! ...

Aber es war sehr einsam, da in der Mühle zu sitzen und die ganze lange Nacht dem Brausen des Sturzbaches zuzuhören. Isak hatte nichts Unrechtes getan und brauchte sich nicht zu verstecken, er ging also von der Mühle fort, heimwärts, in sein Haus. —

Und nun wurde Isak ganz beschämt, wahrlich beschämt und froh. Brede Olsen saß da, der Nachbar, niemand anderer, er saß da und trank Kaffee. Ja, Inger war auf, die beiden saßen nur beieinander und tranken Kaffee. Da ist Isak! sagte Inger in freundlichem Ton, indem sie aufstand und ihm auch eine Schale Kaffee einschenkte. Guten Abend! sagte Brede ebenso freundlich.

Isak merkte wohl, daß Brede bei dem Abschiedsfest der Telegraphenarbeiter mit dabei gewesen war; er sah übernächtigt aus, aber das tat nichts, er war fröhlich und freundlich. Natürlich tat er ein wenig groß: Eigentlich habe er keine Zeit zu dieser Telegraphenarbeit, denn er habe ja seinen Hof, aber er habe nicht nein sagen können, der Ingenieur sei so sehr in ihn gedrungen. Und dann habe es ja auch dazu geführt, daß Brede nun die Inspektorstelle über die Linie übernehmen müsse. Es sei nicht wegen der Bezahlung, sagte Brede, er könnte imDorf drunten viel mehr verdienen, aber er habe nicht ungefällig sein wollen. Nun habe man ihm eine kleine glänzende Maschine an der Wand angebracht, die sei ganz unterhaltend, fast ein Telegraph selbst.

Isak konnte mit dem besten Willen über diesen Prahlhans und Faulpelz nicht böse sein, dafür fühlte er sich zu erleichtert, als er an diesem Abend anstatt eines Fremden seinen Nachbar in seinem Hause vorfand. Isak hatte das Gleichgewicht des Bauern, dessen einfache Gefühle, dessen Handfestigkeit, dessen Langsamkeit; er stimmte Brede zu und nickte zu seiner Oberflächlichkeit. Hast du nicht noch eine Schale Kaffee für Brede? fragte er Inger. Und Inger schenkte ein.

Übrigens erzählte Inger, der Ingenieur sei ein ganz ausgezeichnet freundlicher Herr. Er habe sich die Zeichnungen und das Geschriebene der Kinder angesehen und habe dann gesagt, er wolle Eleseus zu sich nehmen. — Zu sich nehmen? fragte Isak. — Ja, mit in die Stadt. Er solle für ihn schreiben, solle Schreiber auf seinem Büro werden, so sehr hätten ihm Eleseus' Zeichnungen und das Geschriebene gefallen. — So, sagte Isak. — Ja, was meinst du dazu? Er will ihn auch dort konfirmieren lassen. Das sind doch schöne Aussichten, nicht wahr? — Das meine ich auch, sagte Brede. Und soweit kenne ich den Ingenieur, wenn der schon so etwas sagt, dann meint er es auch. — Wir haben hier auf der Ansiedlung keinen Eleseus, den wir entbehren könnten, sagte Isak.

Nach diesen Worten wurde es eine Weile ganz still und unbehaglich in der Stube. Natürlich war Isak nicht der Mann, mit dem sich reden ließ. — Wenn nun aber der Junge selbst vorwärtskommen will, und wenn er das Genie hat, etwas Rechtes zu werden! sagte Inger schließlich. — Wieder Stille. Doch nun sagte Brede lächelnd: Wenn doch der Ingenieur eines von meinen Kindern nehmen wollte! Ich habe genug Kinder. Aber das älteste ist die Barbro, und das ist ein Mädchen. — Ja, ja, die Barbro ist recht und gut, sagte Inger, um höflich zu sein. — O ja, daran fehlt es nicht, stimmte Brede bei, die Barbro ist ein tüchtiges Mädchen, sie kommt jetzt zum Lensmann in Dienst. — Zum Lensmann? — Ja, ich habe es durchaus versprechen müssen. Die Frau Lensmann hat mir gar keine Ruhe gelassen.

Es war jetzt schon gegen Morgen, und Brede rüstete sich zum Aufbruch. — Ich habe noch meine Mütze und meine Eßkiste in eurer Scheune stehen, sagte er. Wenn nicht etwa die Burschen alles miteinander mitgenommen haben, fügte er scherzhaft hinzu.

Und die Zeit verging.

Ja, natürlich kam Eleseus in die Stadt, Inger setzte es durch. Nachdem er ein Jahr dort gewesen war, wurde er konfirmiert, dann blieb er fest auf dem Büro des Ingenieurs und wurde immer tüchtiger im Schreiben. Oh, was waren das für Briefe, die er heimschickte, bisweilen mit roter und blauer Tinte geschrieben, die reinen Gemälde! Und wie die Sprache darin, die Sätze! Ab und zu bat Eleseus um Geld, bat um Unterstützung: er brauchte Geld zu einer Taschenuhr samt Kette, damit er am Morgen nicht zu lange schlief; dann zu einer Pfeife und Tabak, wie es die andern jungen Schreiber in der Stadt hatten; dann zu etwas, das er Taschengeld nannte; dann zu etwas, das Abendschule hieß, wo er Zeichnen und Turnen und andere für seinen Stand und seine Stellung notwendige Dinge lernte. Alles in allem war Eleseus in einer Stellung in der Stadt nicht billig zu haben.

Taschengeld? fragte Isak. Ist das Geld, das man in der Tasche hat? — Ja, das muß wohl so sein, man tut es wohl, damit man nicht ganz leer daherkommt. Und es ist ja gar nicht so viel, ein Taler ab und zu. — Ganz richtig, ein Taler hier und ein Taler dort, antwortete Isak zornig. Aber er war zornig, weil Eleseus ihm fehlte und er ihn daheim haben wollte. Aber schließlich werden es viele Taler, fuhr er fort. Ich kann das nicht leisten, du mußt ihm schreiben, daß er nichts mehr bekommt. — So, na ja, sagte Inger beleidigt. — Der Sivert, was bekommt denn der als Taschengeld? fragte Isak. — Inger erwiderte: Du bist nie in einer Stadt gewesen und verstehst das nicht, der Sivert braucht kein Taschengeld. Und im übrigen kommt der Sivert nicht zu kurz, wenn sein Oheim Sivert einmal stirbt. — Das weißt du nicht. — Doch, das weiß ich.

Und das war gewissermaßen richtig, der Oheim Sivert hatte sich dahin ausgesprochen, daß Klein-Sivert ihn beerben solle. Oheim Sivert hatte an Eleseus' Prahlerei und Vornehmtuerei in der Stadt Anstoß genommen, er hatte genickt und die Lippen zusammengekniffen und gesagt, ein Schwestersohn, der nach ihm genannt sei — nach dem Oheim Sivert — brauche keineswegs zu verhungern. Aber was besaß der Oheim Sivert wohl? Besaß er neben seinem vernachlässigten Hof und seinem Bootsschuppen auch noch einen so großen Haufen Geld, wie man allgemein annahm? Niemand wußte es. Und dazu kam noch, daß Oheim Sivert ein eigensinniger Mensch war, er verlangte, Klein-Sivert solle zu ihm kommen und bei ihm bleiben. Oheim Sivert betrachtete das als Ehrensache: er wollte Klein-Sivert zu sich nehmen, wie der Ingenieur Eleseus zu sich genommen hatte. Aber wie sollte Klein-Sivert von zu Hause wegkommen? Das war unmöglich. Er war des Vaters einzige Hilfe. Außerdem hatte der Junge auch keine große Lust, zu dem Oheim zu gehen,dem berühmten Bezirkskassierer; er war schon einmal dort gewesen, aber dann lieber wieder heimgegangen. Er war jetzt konfirmiert, reckte und streckte sich und wuchs heran, feiner Flaum sproßte ihm auf den Wangen, und er hatte starke Hände mit Schwielen daran. Er schaffte wie ein Mann.

Isak hätte ohne Siverts Hilfe niemals die neue Scheune aufrichten können, aber jetzt stand sie mit der Einfahrtsbrücke und den Luken und allem ebenso groß da wie die Pfarrscheune selbst. Natürlich war sie nur aus Fachwerk mit Bretterverschalung, aber besonders solid gebaut mit eisernen Klammern an den Ecken und mit zolldicken Brettern aus der eigenen Sägemühle verschalt. Ja, und da hatte Klein-Sivert mehr als einen Nagel eingeschlagen und hatte die schweren Balken fürs Sparrenwerk aufgehoben, daß er fast darunter umgesunken war. Sivert verstand sich ausgezeichnet mit seinem Vater und arbeitete ständig an seiner Seite, er war von des Vaters Art. Und er war nicht so fein und so verwöhnt, sondern ging nur jedesmal, ehe er sich auf den Weg zur Kirche machte, auf die Halde hinauf und rieb sich mit ein wenig Rainfarn ab, um einen guten Geruch an sich zu haben. Da fing wahrlich die kleine Leopoldine an, größere Ansprüche zu machen, was man ja auch nicht anders erwarten konnte, da sie ein Mädchen und dazu die einzige Tochter war. Jetzt im Sommer hatte sie ihre abendliche Grütze nicht ohne Sirup darauf essen können, nein, das gewann sie nicht über sich. Und sie leistete auch nicht viel bei der Arbeit.

Inger hatte den Gedanken an ein Dienstmädchen nicht aufgegeben, und jeden Frühling hatte sie aufs neue davon angefangen, aber jedesmal war Isak unnachgiebig geblieben. Wieviel mehr Kleider hätte sie zuschneiden können, wieviel mehr nähen und feine Stoffe weben und gestickte Pantoffeln fertigbringen, wenn sie Zeit gehabthätte! Aber eigentlich zeigte sich Isak gar nicht mehr so unnachgiebig wie früher, wenn er auch noch brummte. Hoho, beim erstenmal hatte er eine lange Rede gehalten, nicht aus Rechtsgefühl und Verständigkeit, auch nicht aus Hochmut, sondern leider nur aus Schwäche, aus Wut. Aber jetzt war es, als habe er etwas nachgegeben, und als schäme er sich.

Wenn ich Hilfe im Haus haben soll, so ist jetzt die Zeit dazu, sagte Inger. Denn später ist Leopoldine größer und kann dies und jenes tun. — Hilfe? fragte Isak, wobei sollst du dir denn helfen lassen? — Wobei ich mir helfen lassen will? Läßt du dir etwa nicht helfen? Wozu ist denn Sivert da?

Was sollte Isak auf solchen Unverstand entgegnen? Er sagte: Ja, ja, wenn du eine Magd bekommst, dann werdet ihr wohl pflügen und ernten und den Hof besorgen. Dann können Sivert und ich unserer Wege gehen.

Wie das auch sein mag, entgegnete Inger, jedenfalls könnte ich jetzt Barbro als Magd bekommen, sie hat ihrem Vater darüber geschrieben. — Welche Barbro? fragte Isak. Etwa Bredes Barbro? — Ja, sie ist in Bergen. — Bredes Barbro will ich nicht hier in meinem Hause haben, sagte er. Wen du auch sonst nehmen magst, fügte er hinzu.

Er wies also nicht jede andere zurück.

Seht, in Barbro von Breidablick hatte Isak kein Vertrauen; sie war unbeständig und oberflächlich wie der Vater — vielleicht auch wie die Mutter —, war flüchtigen Sinnes, ohne Ausdauer. Beim Lensmann war sie nicht lange geblieben, nur ein Jahr; als sie dann konfirmiert war, kam sie zum Kaufmann, blieb aber auch da nur ein Jahr. Dann war sie erweckt und fromm geworden, und als die Heilsarmee ins Dorf kam, trat sie in diese ein, bekam eine rote Binde um den Arm und eine Gitarre in die Hände. In dieser Ausstaffierung reiste sie auf derJacht des Kaufmanns nach Bergen. Das war im vorigen Jahr gewesen, und jetzt eben hatte sie ihre Photographie heim nach Breidablick geschickt; Isak hatte sie gesehen: ein fremdes Fräulein mit gekräuseltem Haar und einer langen Uhrkette über die Brust herunter. Die Eltern waren stolz auf ihre kleine Barbro und zeigten das Bild jedem, der an Breidablick vorbeikam; es war großartig, wie sie sich herausgemacht hatte, und sie hatte keine rote Binde mehr um den Arm und keine Gitarre mehr in den Händen.

Ich habe es mitgenommen und es der Frau des Lensmanns gezeigt, die erkannte sie gar nicht wieder, sagte Brede. — Bleibt sie in Bergen? fragte Isak mißtrauisch. — Sie bleibt in Bergen, solange sie dort ihr Brot verdient, antwortete Brede. Wenn sie nicht lieber nach Christiania reist, setzte er hinzu. Was soll sie hier daheim! Sie hat jetzt eine neue Stelle, ist Haushälterin bei zwei Junggesellen, feinen Kontorherren. Und was sie für einen großen Lohn hat! — Wieviel? fragte Isak. — Das gibt sie in ihrem Brief nicht genau an. Aber daß er etwas Ungeheures ist gegen hier im Dorf, das merke ich daran, daß sie Weihnachtsgeschenke und viele andere Geschenke bekommen hat, ohne daß am Lohn etwas abgezogen worden wäre. — So, sagt Isak. — Ja, du möchtest sie wohl nicht als Magd haben? fragte Brede. — Ich? entfuhr es Isak. — Nein, hehe, ich hab' nur so gefragt. Denn die Barbro soll nur bleiben, wo sie ist. Aber was ich sagen wollte: Du hast nichts Besonderes am Telegraphen droben bemerkt? — Am Telegraphen? Nein. — Ach nein, es ist nicht oft etwas in Unordnung daran, seit ich ihn übernommen habe. Und dann habe ich ja meine eigene Maschine an der Wand, die mir's anzeigt, wenn etwas daran fehlt. In den nächsten Tagen muß ich aber einmal die Linie abschreiten und nachsehen. Ich habe eben viel zuviel zu tun und zu besorgen, ein einziger Mannkann das nicht alles leisten. Aber da ich nun einmal Inspektor hier bin und dies öffentliche Amt habe, muß ich ihm eben auch nachkommen, solange ich es habe. — Isak fragte: Du denkst doch nicht daran, es aufzugeben? — Ich weiß nicht, antwortete Brede, ich bin noch nicht entschlossen. Aber man läßt mir keine Ruhe, ich soll wieder ins Dorf hinunterkommen. — Wer läßt dir keine Ruhe? fragte Isak. — Alle miteinander. Der Lensmann möchte mich wieder als Gerichtsdiener, dem Doktor fehle ich zum Überlandfahren, und die Frau Pfarrer hätte mich schon mehr als einmal zur Hilfe haben wollen, wenn nur nicht der Weg so weit wäre. Nun, wie war es denn, Isak, hast du wirklich so viel Geld für deinen Berg bekommen? — Ja, das ist nicht gelogen, antwortete Isak. — Aber was wollte denn der Geißler damit? Nun liegt er da. Das ist doch etwas Merkwürdiges. Jetzt ist ein Jahr ums andere darüber hingegangen. — Isak hatte selbst oft über dieses Rätsel nachgegrübelt, er hatte auch mit dem Lensmann darüber geredet, hatte nach Geißlers Adresse gefragt, um ihm zu schreiben. Gewiß war die Sache merkwürdig. — Ich weiß nichts, sagte Isak.

Brede verbarg nicht, daß ihn dieser Handel mit dem Berg sehr interessiere: Es heißt, es seien noch mehrere Berge wie die deinigen droben in der Allmende, sagte er; da können große Dinge drin sein, wir aber gehen hier umher wie die stummen Tiere und sehen es nicht. Ich habe mich nun entschlossen, an einem Tag einmal hinaufzugehen und da zu untersuchen. — Ach so, du verstehst dich auf Felsen und Gesteinsarten? fragte Isak. — Ja, ein wenig schon, und ich habe auch andere darüber befragt. Und wie es auch sein mag, so muß ich irgend etwas für mich finden, ich kann mit all den Meinen nicht von dem Hofe hier leben. Zum Kuckuck, das ist einfach unmöglich. Bei dir ist es ganz anders, du hast lauter Wald und guten Ackerboden. Bei mir ist nichts als Moor. —Moor ist guter Boden, sagte Isak kurz. Ich habe selbst Moor. — Es ist ganz unmöglich, es auszutrocknen, erwiderte Brede ...

Aber es war nicht unmöglich, das Moor auszutrocknen. Als Isak an diesem Tag weiter hinunterkam, stieß er auf neue Ansiedlungen. Zwei lagen weiter unten, dem Dorfe zu, aber eine war hoch droben zwischen Breidablick und Sellanraa — oh, es wurde allmählich im Ödland gearbeitet, in Isaks erster Zeit lag es ganz menschenleer da. Und diese drei Ansiedler waren von auswärts, es schienen Leute mit Verstand zu sein; das erste, was sie taten, war nicht, Geld aufzunehmen und sich ein Haus zu bauen, sie kamen in einem Jahr her, zogen Gräben und verschwanden wieder, genau wie wenn sie gestorben wären. Das war die richtige Art: Gräben ziehen, pflügen, säen. Axel Ström war jetzt Isaks nächster Nachbar, ein tüchtiger Mann, Junggeselle, von Geburt ein Helgeländer; er hatte Isaks neuen Reolpflug entlehnt, um seinen Moorboden damit umzupflügen, und erst im zweiten Jahr hatte er sich einen Heuschuppen und eine Gamme errichtet und sich ein paar Stück Vieh angeschafft. Sein Besitztum hieß Maaneland, Mondland, weil der Mond so schön darauf schien. Er hatte keine eigene Frauensperson zur Hilfe, und Hilfe im Sommer war an diesem abgelegenen Ort nur schwer zu haben, aber wie er seine Arbeit einteilte und ausführte, das war ganz und gar die richtige Art. Oder hätte er etwa wie Brede zuerst ein Haus bauen und dann mit seiner Familie und vielen kleinen Kindern ins Ödland kommen sollen, ohne Vieh oder Äcker, von denen er leben konnte? Was verstand Brede Olsen vom Entwässern des Moores oder Urbarmachen des Ödlandes?

Brede Olsen verstand es, die Zeit mit Lappalien zu vergeuden; da kam er wirklich eines Tages an Sellanraa vorüber und wollte hinauf auf die Berge, um nach edlenMetallen zu suchen! Am Abend kehrte er zurück, hatte aber nichts Bestimmtes gefunden. Nur ein paar Anzeichen, sagte er und nickte dazu. Er wollte den Gang bald noch einmal machen und wollte auch die Berge nach Schweden zu untersuchen.

Und ganz richtig, Brede kam wieder. Er hatte wohl Geschmack daran gewonnen, er schob es auf die Telegraphenlinie, er müsse sie nachsehen. Indessen versorgten Frau und Kinder den Hof daheim oder ließen alles ungetan liegen. Isak bekam Bredes Besuche bald satt, und er ging aus dem Hause, wenn er kam. Dann schwätzten Inger und Brede herzlich miteinander. Was konnten sie nur zu schwätzen haben? Oh, Brede war oft im Dorf drunten und wußte immer etwas Neues von den Großen dort, Inger aber hatte ihrerseits ihre berühmte Reise nach Drontheim und ihren Aufenthalt, von dem sie erzählen konnte. In den Jahren, die sie fortgewesen war, hatte sie schwätzen gelernt, sie fing mit jedermann gleich eine Unterhaltung an. Nein, sie war nicht mehr dieselbe treuherzige, rechtschaffene Inger von früher.

Immer noch kamen Frauen und Mädchen nach Sellanraa, um sich Kleider zuschneiden oder im Handumdrehen wohl auch einen langen Saum auf der Maschine nähen zu lassen, und Inger unterhielt sie gut dabei. Auch Oline kam wieder, sie konnte es wahrscheinlich nicht aushalten, wegzubleiben, denn sie kam sowohl im Frühjahr als im Herbst, aalglatt, butterweich und falsch. — Ich mußte einmal sehen, wie es bei euch steht, sagte sie jedesmal. Und ich habe so Heimweh nach den kleinen Knaben, sagte sie, ich habe sie so in mein Herz geschlossen, die lieben Engel, die sie damals waren. Ja, ja, jetzt sind es große Burschen; aber es ist ganz merkwürdig, ich muß immer daran denken, wie sie noch so klein waren und ich für sie zu sorgen hatte. Und ihr baut und baut und macht den Hof zu einer ganzen Stadt. Werdet ihr aucheine Glocke auf dem neuen Scheunendach anbringen, gerade wie im Pfarrhaus?

Als Oline wieder einmal auf Sellanraa ankam, brachte sie eine andere Frau mit, und die beiden Frauen und Inger hatten einen guten Tag zusammen. Je mehr Menschen Inger um sich herumsitzen hatte, desto besser und desto schneller hantierte sie mit der Schere und nähte auf der Maschine; sie tat groß, schwang ihre Schere oder das Plätteisen. Das erinnerte sie an die Zeit in der Anstalt, wo sie so viele gewesen waren. Inger verbarg durchaus nicht, wo sie ihre Kunst und ihr Wissen her hatte, von Drontheim hatte sie's. Es war, als habe sie nicht auf gewöhnliche Weise dort eine Strafe abgesessen, sondern als sei sie in der Lehre gewesen: Schneidern, Weben, Färben und Schreiben, in all dem hatte sie Unterricht in Drontheim gehabt. Von der Anstalt redete sie mit einem gewissen Heimatgefühl, es waren so viele Leute dagewesen: Vorsteher und Aufsichtsbeamte und Wächter; als sie damals wieder heimgekommen war, sei es sehr einsam für sie gewesen, und es sei ihr überaus hart gefallen, sich von dem Gesellschaftsleben, an das sie nun gewohnt gewesen, zurückzuziehen. Sie tat sogar, als habe sie sich erkältet, weil sie in der rauhen Luft draußen gewesen war, ja, noch jahrelang nach ihrer Rückkehr sei es ihr nicht gut bekommen, in Wind und Wetter draußen zu sein. Zu der Arbeit außer dem Hause müßte sie eigentlich eine Magd haben. — Ja, aber Herrgott im Himmel, sagte Oline, du mit deiner Gelehrsamkeit und mit deinem großen Haus, du müßtest doch eine Magd halten können!

Es war recht angenehm, auf Verständnis zu stoßen, und Inger widersprach Oline nicht. Sie rasselte mit ihrer Maschine, daß es dröhnte, und ließ den Ring an ihrem Finger funkeln.

Nun siehst du selbst, sagte Oline zu der andern Frau, ist es nicht wahr, daß Inger einen goldenen Ring bekommen hat? — Wollt ihr ihn sehen? fragte Inger und zog ihn ab. Oline griff danach, sie schien nicht ganz sicher zu sein und untersuchte den Ring, wie ein Affe eine Nuß untersucht: sah auch nach dem Stempel: Ja, es ist, wie ich sagte, diese Inger mit all ihrem Reichtum und all ihren Mitteln. — Die andere Frau nahm den Ring mit Ehrfurcht in die Hand und lächelte demütig. — Du darfst ihn eine Weile anbehalten, sagte Inger. Steck ihn nur an, er geht nicht entzwei!


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