Axel merkt wohl, daß das Wetter im Begriff ist umzuschlagen, der Wind wird immer stärker, aber Axel arbeitet nur eifrig weiter. Die Mittagsstunde ist längst vorbei, aber er hat noch nichts gegessen. Jetzt eben fällt er eine große Föhre, und diese schlägt ihn in ihrem Fall zu Boden. Wie ist das zugegangen? Unglück war unterwegs. Eine Riesenföhre schwankt auf ihrer Wurzel, der Mensch bestimmt ihr eine Seite zum Fallen, der Sturm eine andere. Der Mensch verliert. Es wäre noch angegangen, allein der Schnee deckte den unebenen Boden, Axel trat fehl, sprang auf die Seite und kam mit einem Bein in eine Felsspalte, nun lag er zwischen Felsen eingeklemmt und hatte eine große Föhre über sich.
Jawohl, es hätte trotzdem noch angehen können, allein er lag so ausgesucht verdreht, allerdings, soweit er fühlen konnte, mit ganzen Gliedern, aber schief und ohne eine Möglichkeit, sich unter dem schweren Gewicht hervorzuarbeiten. Nach einer Weile hatte er die eine Hand frei, auf der andern aber liegt er, und er kann die Axt nicht erreichen. Er sieht sich um und überlegt, wie jedes gefangene Tier es auch gemacht hätte, sieht sich um und überlegt und arbeitet und müht sich unter dem Baum ab. Brede muß in einiger Zeit auf dem Rückweg wieder vorbeikommen, denkt er und müht sich ab und atmet schwer.
Im Anfang nimmt Axel die Sache leicht und ist nur ärgerlich, daß er durch diesen Zufall, dieses elende Ungefähr festgehalten ist, er ist keine Spur besorgt für seine Gesundheit und noch weniger für sein Leben. Allerdings fühlt er, daß die Hand, auf der er liegt, allmählich gefühllos wird, und auch das Bein in der Felsenspalte wird kalt und auch gefühllos, aber das geht ja immer noch an. Brede kommt wohl bald.
Aber Brede kommt nicht.
Der Sturm nimmt zu und treibt Axel den Schnee gerade ins Gesicht. Jetzt wird's Ernst! denkt er, ist aber immer noch unbekümmert, ja, es ist beinahe, als ob er sich selbst durch den Schnee zublinzle: Aufgepaßt, jetzt wird's nämlich Ernst! Nach einer langen Weile stößt er einen einzelnen Hilferuf aus. Der ist wohl bei dem Sturm nicht weit zu hören, aber er geht die Linie entlang zu Brede. Axel liegt da mit ganz wertlosen Gedanken: wenn er doch nur die Axt erreichen könnte, dann könnte er sich vielleicht freihacken! Wenn er nur die Hand hervorziehen könnte! Diese lag auf etwas Spitzem, einem Stein, und der bohrte sich langsam und höflich allmählich in den Handrücken ein. Wenn nur dieser verflixte Stein weg gewesen wäre! Aber noch niemals hat jemand von einem Stein einen rührenden Zug berichten können.
Die Zeit vergeht, das Schneetreiben wird schlimmer. Axel wird zugeschneit; er ist ganz hilflos, der Schnee legt sich harmlos und unschuldig auf sein Gesicht, eine Weile schmilzt er, dann wird das Gesicht kalt, und der Schnee schmilzt nicht mehr. Nun wird es wirklich Ernst!
Jetzt stößt er zwei laute Hilferufe aus und horcht dann hinaus.
Nun wird auch seine Axt zugeschneit, er sieht nur noch ein Stückchen Schaft hervorragen. Dort drüben hängt sein Beutel mit dem Mundvorrat; hätte er ihn nur erreichen können, dann hätte er etwas gegessen, einen ordentlichen Happen. Und wenn er schon in seinen Ansprüchen an das Leben so dreist war, so konnte er sich gleich auch seine Jacke herwünschen, denn es wird kalt. Wieder stößt er einen gewaltigen Ruf aus.
Da steht Brede. Er ist stehengeblieben und sieht hinüber zu dem rufenden Mann, er bleibt nur einen Augenblick stehen und sieht hinüber, wie um zu ergründen, was los ist. Komm her und gib mir meine Axt! ruft Axel etwas kläglich. — Brede sieht weg, er hat ergründet, was los ist, jetzt schaut er in die Höhe zu dem Telegraphendraht hinauf und will augenscheinlich anfangen zu pfeifen! War er denn verrückt? — Komm her und gib mir die Axt, ich liege unter einem Baum! wiederholte Axel etwas lauter als vorher. Aber Brede hat sich so sehr gebessert und ist so eifrig in seinem Dienste, daß er nichts sieht als den Telegraphendraht und nur eifrig pfeift. Und wohlgemerkt, munter und rachgierig pfeift er! — So, du willst mich umbringen und mir nicht einmal die Axt reichen! ruft Axel. — Aber jetzt muß Brede offenbar notwendig noch weiter die Linie entlang gehen und nach dem Draht schauen, und er verschwindet im Schneetreiben.
So, na ja! Aber jetzt wäre es doch ein rechter Staatsstreich, wenn Axel sich selbst so weit frei machte, daß erdie Axt erreichen könnte! Er spannt Leib und Brust an, um die ungeheure Last zu heben, die ihn daniederhält, er bewegt den Baum, schüttelt ihn, erreicht aber damit nur, daß noch mehr Schnee auf ihn herabrieselt. Nach einigen vergeblichen Versuchen gibt er es auf.
Es fängt an zu dunkeln. Brede ist gegangen, aber wie weit kann er inzwischen gekommen sein? Nicht sehr weit, Axel ruft wieder und redet dabei von der Leber weg: Willst du mich hier einfach liegenlassen, du Mörder? ruft er. Denkst du nicht an deiner Seelen Seligkeit? Du weißt, du könntest für eine einzige kleine Handreichung eine Kuh von mir bekommen, aber du bist ein Hund, Brede, und du willst mich umbringen! Aber ich werde dich anzeigen, so wahr ich hier liege, merk dir's! Kannst du nicht herkommen und mir die Axt geben?
Stille. Axel strengt sich wieder unter seinem Baume an, hebt ihn ein wenig mit dem Leib und erreicht damit, daß immer noch mehr Schnee auf ihn herunterfällt. Dann ergibt er sich in sein Schicksal und seufzt, matt und schläfrig wird er auch. Sein Vieh steht jetzt in der Gamme und brüllt, es hat seit heute morgen nicht naß und nicht trocken bekommen, Barbro füttert es nicht mehr, sie ist davongelaufen, mit beiden Fingerringen noch dazu. Es wird dunkel, jawohl, es wird Abend, und es wird Nacht, aber das ginge ja noch an, allein es wird auch kalt, sein Bart vereist, seine Augen werden auch bald vereisen, die Jacke dort am Baume würde ihm guttun, und ist es denn möglich, das eine Bein ist bis zur Hüfte wie tot? Alles steht in Gottes Vaterhand! sagt er, er kann augenscheinlich ganz fromm reden, wenn er will. Es wird dunkel, jawohl, er kann auch ohne angezündete Lampe sterben! Er wird ganz weich und gut, und um recht demütig zu sein, lächelt er freundlich und albern ins Unwetter hinein, es ist ja der Schnee des Herrn, der unschuldige Schnee! Ja, er kann es ja auch lassen, Brede anzuzeigen.
Er wird still und immer schläfriger, ganz lahm, als ob er vergiftet wäre, er sieht so viel Weiß vor den Augen, Wälder und Ebenen, große Schwingen, weiße Schleier, weiße Segel, weiß, weiß — was kann das sein? Unsinn, er weiß ganz gut, daß das Schnee ist, er liegt im Freien, es ist kein Wahn, daß er unter einem Baum begraben ist. Dann ruft er wieder aufs Geratewohl, brüllt, da unten im Schnee liegt seine gewaltige haarige Brust und brüllt, es muß bis in die Gamme bei dem Vieh zu hören sein, er brüllt ein ums andere Mal. Du bist ein Schwein, ein Untier! ruft er Brede nach. Hast du bedacht, was du tust, wenn du mich so verkommen läßt? Willst du mir die Axt geben? frag ich. Bist du ein gemeines Vieh oder ein Mensch? Aber Glück zu, wenn es deine Absicht ist, mich hier liegenzulassen —
Er muß geschlafen haben, er liegt ganz steif und leblos da, aber seine Augen stehen offen, zwar mit Eis umrändert, aber offen, er kann nicht damit blinzeln; hat er mit offenen Augen geschlafen? Vielleicht hat er nur ein paar Minuten oder auch eine Stunde geschlummert, Gott weiß es, aber jetzt steht Oline da. Axel hört, daß sie fragt: Im Namen Jesu Christi, lebst du noch? Und weiter fragt sie, warum er da liege, ob er verrückt sei? Jedenfalls steht Oline da.
Ja, Oline hat etwas Witterndes, etwas Schakalartiges, sie taucht auf, wenn ein Unglück um den Weg ist, sie hat eine sehr scharfe Witterung. Wie hätte Oline im Leben vorwärtskommen können, wenn sie nicht so eifrig gewesen wäre und keine so scharfe Witterung gehabt hätte? Jetzt hatte sie also Axels Botschaft erhalten und war trotz ihrer siebzig Jahre über das Gebirge gekommen, um ihm zu helfen. Gestern hat sie der Sturm in Sellanraa festgehalten, heute kam sie nach Maaneland, fand niemand zu Hause, fütterte das Vieh, trat unter dieTür und horchte hinaus, melkte das Vieh, lauschte dann wieder, sie begriff gar nicht —
Da hörte sie rufen und sagte sich: Entweder ist es der Axel oder einer der Unterirdischen, in beiden Fällen ist es der Mühe wert, ein wenig nachzusehen, die ewige Weisheit des Allmächtigen in so viel Unruhe im Walde zu ergründen — und mir tut er nichts, ich bin nicht wert, ihm die Schuhriemen zu lösen —
Hier steht sie nun.
Die Axt? Oline gräbt und gräbt im Schnee und findet die Axt nicht. Sie versucht ohne Axt fertig zu werden und gibt sich Mühe, den Baum, so wie er daliegt, zu heben; aber sie ist wie ein kleines Kind und vermag nur die äußersten Zweige zu schütteln. Sie sucht wieder nach der Axt, es ist finster, aber sie gräbt mit Händen und Füßen. Axel kann nicht deuten, er kann nur sagen, wo die Axt einmal gelegen hatte, aber da ist sie nicht mehr. Wenn es nur nach Sellanraa nicht so weit wäre! sagt Axel. Aber nun fängt Oline an, nach ihrem eigenen Kopf zu suchen, und Axel ruft ihr zu, nein, nein, dort sei sie nicht. — Nein, nein, sagt Oline, ich will nur überall nachsehen. Und was ist denn das? fragt sie. — Hast du sie gefunden? fragt Axel. — Ja, mit des Allmächtigen Beistand erwidert Oline hochtrabend. Aber Axel ist nicht sehr hochgemut, er gibt zu, daß er vielleicht nicht recht bei Verstand sei, er ist beinahe fertig. Und was denn Axel mit der Axt wolle? Er könne sich ja nicht rühren, sie, Oline, müsse ihn loshacken. Oh, Oline habe schon mehr Äxte in der Hand gehabt, habe schon mehr als einmal in ihrem Leben Holz gespalten!
Axel kann nicht gehen, das eine Bein ist ihm bis zur Hälfte wie abgestorben, der Rücken ist ihm wie gerädert, heftige Stiche bringen ihn beinahe zum Heulen, im ganzen genommen fühlt er sich kaum als lebendiger Mensch, ein Teil von ihm liegt immer noch unter dem Baum.Es ist so sonderbar, und ich verstehe es nicht, sagt er. Oline versteht es gut und erklärt das Ganze mit wunderbaren Worten: ja, sie hat einen Menschen vom Tode errettet, und so viel weiß sie, der Allmächtige hat sie als sein geringes Werkzeug gebraucht, er hat keine himmlischen Heerscharen schicken wollen. Ob Axel nicht seinen weisen Ratschluß erkenne? Und wenn der Herr einen Wurm in der Erde hätte zu Hilfe schicken wollen, so hätte er das tun können. — Ja, das weiß ich wohl, aber es ist mir so sonderbar zumut, sagte Axel. — Sonderbar? Er solle nur ein ganz klein wenig warten, sich bewegen, sich vorbeugen und wieder aufrichten, ja, so, immer nur ein wenig auf einmal, seine Gelenke seien eingerostet und abgestorben, er solle seine Jacke anziehen, damit er warm werde. In ihrem ganzen Leben werde sie nun und nimmer den Engel des Herrn vergessen, der sie das letztemal vor die Tür gerufen habe — und da hörte sie Rufe aus dem Walde. Es sei wie in den Tagen des Paradieses gewesen, als mit Posaunen geblasen wurde bei den Mauern von Jericho.
Wunderbar! Aber während dieses Geschwätzes hat Axel Zeit, er übt seine Gelenke und lernt gehen.
Langsam geht's dem Hause zu, Oline ist immer noch der Retter in der Not und stützt Axel. So geht es ganz gut. Als sie ein Stück Weges hinuntergekommen sind, begegnen sie Brede. — Was ist denn das? fragt Brede. Bist du krank? Soll ich dir helfen? sagt er. — Axel schweigt abweisend. Er hat Gott gelobt, sich nicht zu rächen und Brede nicht anzuzeigen, aber weiter ist er nicht gegangen. Und weshalb war Brede nun wieder auf dem Wege bergauf? Hatte er gesehen, daß Oline nach Maaneland gekommen war, und begriffen, daß sie die Hilferufe hören mußte? — So, du bist da, Oline? sagt Brede geschwätzig. Wo hast du ihn gefunden? Unter einem Baum? Ja, ist es nicht sonderbar mit uns Menschen!legt er los. Ich sah eben die Telegraphenlinie nach, da hörte ich rufen. Wer sich sofort auf die Beine machte, das war ich; ich wollte Hilfe leisten, falls es nötig sein sollte. Also du bist es gewesen, Axel? Und du hast unter einem Baum gelegen? — Jawohl, und du hast es gehört und gesehen, als du herunterkamst, aber du bist an mir vorbeigegangen, antwortete Axel. — Gott sei mir Sünder gnädig! ruft Oline über solch schwarze Bosheit. — Brede erklärt, wie es gewesen sei. Dich gesehen? Ich hab' dich gut gesehen. Aber du hättest mich doch rufen können, warum hast du nicht gerufen? Ich sah dich ausgezeichnet, aber ich dachte, du hättest dich ein wenig zum Ausruhen hingelegt. — Willst du den Mund halten! ruft Axel drohend. Du hast mich absichtlich liegenlassen.
Oline sieht ein, daß Brede jetzt nicht eingreifen darf, das würde ihre eigene Unentbehrlichkeit verringern und ihr Rettungswerk nicht mehr ganz vollständig erscheinen lassen. Sie verhinderte Brede, Axel hilfreiche Hand zu reichen, ja, er darf nicht einmal den Rucksack oder die Axt tragen. Oh, in diesem Augenblick ist Oline vollständig auf Axels Seite; wenn sie später einmal zu Brede kommt und hinter einer Schale Kaffee sitzt, wird sie ganz auf seiner Seite sein. — Laß mich doch wenigstens die Axt oder die Schneeschaufel tragen, sagt Brede. — Nein! erwidert Oline an Axels Statt. Die will er selbst tragen. — Brede bleibt dabei: Du hättest mich doch rufen können, Axel. Wir sind doch nicht so verfeindet, daß du mir das Wort nicht hättest gönnen können. Du hast gerufen? So, dann hättest du lauter rufen müssen, du mußt doch wissen, was für ein Schneesturm tobte. Und außerdem hättest du mir mit der Hand winken können. — Ich hatte keine Hand frei, mit der ich hätte winken können, erwidert Axel. Du hast wohl gesehen, daß ich wie gefesselt dalag. — Nein, das hab' ich nicht gesehen. So etwas ist mir doch noch nie vorgekommen! Laß mich doch deine Sachen tragen,hörst du! — Oline sagt: Laß Axel in Frieden! Er ist krank.
Aber jetzt hat auch Axels Hirn sich wieder erholt. Er hat schon früher allerlei von der alten Oline gehört und begreift, daß sie für alle Zukunft teuer und lästig für ihn werden würde, wenn sie die einzige wäre, die ihm das Leben gerettet hatte. Er will den Triumph ein wenig verteilen, Brede darf wirklich den Rucksack und die Werkzeuge tragen, ja, Axel ließ ein Wort fallen, daß ihm das eine Erleichterung sei, daß es ihm wohltue. Allein Oline will sich nicht darein finden, sie zerrt an dem Rucksack und erklärt, daß sie und sonst niemand tragen werde, was zu tragen sei. Die schlaue Einfalt ist im Streit von allen Seiten. Axel steht einen Augenblick ohne Stütze da, und Brede muß wahrhaftig den Rucksack fahren lassen, um Axel zu stützen, obgleich dieser gar nicht mehr wankt.
Und nun geht es in der Weise weiter, daß Brede den schwachen Mann stützt und Oline die Last trägt. Sie schleppt und schleppt und ist voll Grimm und Bosheit. Sie hat sich den geringsten und gröbsten Teil der Arbeit auf dem Heimwege zuschieben lassen müssen! Was, zum Teufel, hatte Brede hier verloren? — Du, Brede, sagte sie. Was muß ich hören? Dein Hof ist dir verkauft worden? — Warum fragst du? erwiderte Brede keck. — Warum ich frage? Ich hab' nicht gewußt, daß das geheimgehalten werden soll. — Unsinn, Oline, du hättest kommen und auf den Hof bieten sollen! — Ich? Du treibst deinen Spott mit einem alten Weibe. — So, bist du denn nicht reich geworden? Es heißt doch, du habest des alten Sivert Goldschrein geerbt, hahaha! — Es stimmte Oline nicht milder, daß sie an das fehlgeschlagene Erbe erinnert wurde. Ja, er, der alte Sivert, hat mir alles Gute gegönnt, das kann man nicht anders sagen, erwidert sie. Aber als er tot war, wurde er all seines irdischen Gutes beraubt. Du weißt es ja auch, Brede, wiees ist, wenn man ausgeplündert wird und kein eigenes Dach mehr über dem Kopf hat. Aber der alte Sivert, der hat jetzt große Säle und Paläste, und du und ich, Brede, wir sind noch auf der Erde, und jedermann wischt die Schuhe an uns ab. — Was gehst denn du mich an, sagt Brede und wendet sich an Axel. Ich bin sehr froh, daß ich gerade vorbeigekommen bin und dir nach Hause helfen kann. Gehe ich dir auch nicht zu schnell? — Nein.
Aber mit Oline streiten, ein Wortgefecht mit Oline! Unmöglich! Niemals gab sie nach, und niemand kam ihr darin gleich, Himmel und Erde zusammenzumischen zu einem einzigen Gebräu von Bosheit und Freundschaft, Gift und Gefasel. Nun muß sie auch noch hören, daß es eigentlich Brede ist, der Axel nach Hause hilft. — Was ich sagen wollte, fing sie an. Hast du eigentlich den großen Herren, die damals auf Sellanraa waren, deine Säcke mit Steinen gezeigt? — Wenn du willst, Axel, so nehme ich dich einfach auf den Rücken und trage dich, sagt Brede. — Nein, erwidert Axel. Aber ich danke dir für den guten Willen.
Unterdessen gehen sie immer weiter, sie sind nun bald zu Hause, und Oline begreift, daß sie keine Zeit verlieren darf, wenn sie noch etwas erreichen will: Es wäre am besten gewesen, Brede, wennduAxel vom Tode errettet hättest, sagt sie. Aber wie war das, Brede, du hast seine Not gesehen und hast seine Hilferufe gehört und bist einfach vorbeigegangen? — Halt nur deinen Mund, Oline! sagt Brede.
Mundhalten wäre nun eigentlich auch das bequemste für sie gewesen, sie watete im Schnee und hatte schwer zu tragen; sie keuchte, aber den Mund hielt sie dennoch nicht. Sie hatte sich einen Trumpf für zuletzt aufgespart, eine gefährliche Sache, sollte sie es wagen? — Und die Barbro, die ist also auf und davon gegangen? fragt sie. — Ja, erwidert Brede leichtfertig. Und dadurch hast dueinen Winterverdienst bekommen. — Aber hier bot sich Oline wieder eine gute Gelegenheit, sie konnte zu verstehen geben, wie sehr sie gesucht sei, begehrt weit herum in ihrer Gemeinde. Sie hätte zwei Plätze, ja eigentlich drei haben können. Im Pfarrhaus wolle man sie auch haben. Und zu gleicher Zeit gab sie etwas zu verstehen, was Axel wohl hören durfte, das konnte nichts schaden: es sei ihr soundso viel für den Winter geboten worden, dazu ein Paar neue Schuhe und das Futter für ein Schaf obendrein. Aber sie wisse, daß sie hier auf Maaneland zu einem besonders guten Mann komme, der sie überreich belohnen werde, und darum komme sie lieber hierher. Nein, Brede solle sich nur keine Sorge machen, bis jetzt habe ja der himmlische Vater eine Tür nach der andern vor ihr aufgetan und sie aufgefordert, einzutreten. Und es sehe ja aus, als ob Gott eine besondere Absicht dabei gehabt habe, als er sie nach Maaneland schickte, denn sie habe heute abend einen Menschen vom Tode errettet.
Jetzt ist Axel ganz ermattet, und sein Bein versagt. Merkwürdig, bis dahin ist es immer besser gegangen, je mehr Wärme und Leben in seine Glieder zurückkehrten, jetzt jedoch hat er Brede dringend nötig, um sich aufrecht halten zu können! Es schien anzufangen, als Oline von ihrem Lohn sprach, und später, als sie ihm wieder das Leben gerettet hatte, da wurde es ganz schlimm. Wollte er ihren Triumph noch einmal herabsetzen? Gott weiß es, aber sein Hirn war jedenfalls wieder ganz in Ordnung. Als sie sich den Häusern nähern, bleibt Axel stehen und sagt: Ich glaube nicht, daß ich bis nach Hause kommen kann. Brede nimmt ihn ohne weiteres auf den Rücken. Und nun geht's weiter, Oline voll Gift und Galle, Axel, so lang er ist, auf Bredes Rücken. Aber wie ist denn das, sollte Barbro nicht ein Kind bekommen? — Ein Kind? stöhnt Brede unter seiner Last. Es ist einäußerst sonderbarer Aufzug, Axel läßt sich bis auf die Türschwelle tragen.
Brede keucht unmäßig. Ja, oder war es etwa kein Kind? fragt Oline. — Hier fällt Axel ein und sagt zu Brede: Ich weiß wirklich nicht, wie ich heute abend hätte heimkommen sollen, wenn du nicht gewesen wärest! Aber er vergißt auch Oline nicht und sagt: Ich danke auch dir, Oline, du bist die erste gewesen, die mich gefunden hat. Ich danke euch allen beiden.
Das war der Abend, an dem Axel gerettet wurde.
In den folgenden Tagen ist Oline schwer dazu zu bringen, von etwas anderem zu reden als von dem großen Ereignis. Axel hat genug zu tun, sie etwas in den Schranken zu halten. Oline kann das Plätzchen in der Stube zeigen, wo sie stand, als der Engel des Herrn sie vor die Tür rief, damit sie die Hilferufe höre; Axel hat wieder anderes zu denken und muß ein Mann sein. Er fängt seine Arbeit im Walde wieder an, und als er mit dem Baumfällen fertig ist, fährt er die Stämme nach Sellanraa in die Sägemühle.
Das ist eine glatte und ebene Winterarbeit: Stämme hinauf und zugeschnittene Bretter herunter! Aber es gilt, sich zu beeilen und vor Neujahr fertig zu werden, bevor der starke Frost einsetzt und das Sägewerk einfriert. Es geht sehr gut, alles wird fertig. Wenn Sivert von Sellanraa gerade leer aus dem Dorf zurückkommt, nimmt auch er einen Stamm auf seinen Schlitten und hilft seinem Nachbar. Die beiden halten dann einen ordentlichen Schwatz zusammen und haben ihre Freude aneinander.
Was gibt's Neues im Dorf? fragt Axel. — Nichts, erwidert Sivert. Es soll ein neuer Ansiedler hierherkommen.
Ein neuer Ansiedler, oh, das war nicht nichts, es war nur Siverts Art zu sprechen. Jedes Jahr kam ein neuer Ansiedler in die Gegend und ließ sich da nieder; es warenjetzt fünf Ansiedlungen unterhalb von Breidablick, oberhalb ging es langsamer mit dem Kolonisieren, obgleich der Boden nach Süden zu überall mehr Ackerkrume und weniger Moorland aufwies. Der Ansiedler, der sich am weitesten hinausgewagt hatte, war Isak, als er Sellanraa gründete, er war der mutigste und klügste. Nach ihm kam Axel Ström. Nun hatte sich also ein neuer Mann angekauft. Der neue Mann sollte eine große Strecke Moorland zum Entwässern und Wald unterhalb Maaneland gekauft haben — es war ja genug da.
Hast du gehört, was für ein Mann es ist? fragt Axel. — Nein, erwidert Sivert. Er kommt mit fertigen Häusern, die er herführen läßt und im Handumdrehen aufstellt. — So, dann hat er also Geld? — Das muß er wohl haben. Er kommt mit Familie, mit einer Frau und drei Kindern. Und er hat Vieh und Pferde. — Ja, dann hat er Geld, sagt Axel. Hast du sonst nichts gehört? — Nein. Er sei dreiunddreißig Jahre alt. — Wie heißt er denn? — Aron, wird behauptet. Seinen Hof hat er Storborg genannt. — So, also Storborg, die große Burg. Ja, ja, das ist nicht klein. — Er ist von der Küste. Es heißt, er sei bis jetzt beim Fischhandel gewesen. — Dann kommt es also darauf an, ob er etwas von der Landwirtschaft versteht, sagt Axel. Hast du sonst nichts von ihm gehört? — Nein. Er hat bar bezahlt, als er den Kaufbrief bekam. Sonst hab' ich nichts gehört. Aber es heißt, er habe ein Heidengeld mit seiner Fischerei verdient. Jetzt wolle er sich hier niederlassen und Handel treiben. Ja, das wird behauptet. — So, er will also Handel treiben!
Das war das allerwichtigste, und die beiden Nachbarn besprachen die Sache nach allen Seiten, während sie dahinfuhren. Es war eine große Neuigkeit, vielleicht die größte in der ganzen Geschichte der Ansiedlung, und es gab viel zu besprechen: Mit wem wollte der neue Ansiedler Handel treiben? Mit den acht Gehöften auf derAllmende? Oder hoffte er auch auf Kunden aus dem Dorfe? Auf jeden Fall würde ein Kaufladen von großer Bedeutung sein, vielleicht vermehrte das auch die Kolonisierung, und die Güter stiegen im Preise, wer konnte es wissen!
Wie sie redeten und der Sache nicht müde wurden! Diese beiden Männer hatten ihre Interessen und ihre Ziele, die ebenso wichtig waren wie die anderer, das Land war ihre Welt, die Arbeit, die Jahreszeiten, die Ernte waren die Abenteuer, die sie erlebten. War dabei nicht auch Spannung? Ho, Spannung genug! Oftmals konnten sie nur kurze Zeit schlafen, oftmals mußten sie über die Mahlzeiten weg arbeiten, sie konnten das ertragen, sie hatten die Gesundheit dazu; sieben Stunden unter einem Föhrenstamm schadete ihnen nichts an Leben und Gesundheit, wenn die Knochen ganz geblieben waren. Ein Leben in einer Welt ohne Weite, ohne Ausblick? So! Aber welch eine Welt von Ausblick bot dieses Storborg mit seinem Handel draußen auf dem Ödland!
Bis Weihnachten wurde darüber geredet ...
Axel hatte einen Brief erhalten, einen großen Brief mit einem Löwen darauf, der war vom Staate: er solle die Telegraphendrähte, die Geräte und das Werkzeug bei Brede Olsen abholen und von Neujahr an die Aufsicht über die Linie übernehmen.
Mit vielen Pferden wird über das Moor gefahren, die Häuser werden dem neuen Ansiedler zugefahren, eine Wagenladung nach der andern, tagelang. An einer Stelle, die später Storborg heißen soll, wird abgeladen; das Anwesen wird auch gewiß einmal sehr groß, vier Mann sind drüben am Hang und brechen Steine zu einer Mauer und zwei Kellern aus.
Es wird gefahren und gefahren. Jeder Balken ist schon genau zugehauen, sie brauchen, wenn der Frühling kommt, nur zusammengefügt werden, das ist fein ausgerechnet; die Balken haben laufende Nummern, und es fehlt keine Tür, kein Fenster, ja nicht eine farbige Glasscheibe für die Veranda. Und eines Tages kommt ein Wagen mit einer hohen Last von Latten daher. Was ist das? Einer von den Ansiedlern unterhalb von Breidablick weiß es; er ist aus dem Süden und hat das schon früher gesehen. Das gibt einen Gartenzaun, sagt er. — Der neue Mann will sich also hier im Ödland einen Garten anlegen, einen großen Garten.
Das schien sich gut anzulassen, noch niemals hatte es einen solchen Verkehr über die Moore gegeben, und viele Pferdebesitzer verdienten ein schönes Geld durch Fuhren, die sie leisteten. Sie besprachen auch die Sache mündlich unter sich: Nun war Aussicht auf zukünftigen Verdienst, der Kaufmann würde seine Waren aus dem In- und Ausland beziehen, und sie mußten mit vielen Pferden von der See heraufgeführt werden.
Es sah aus, als ob alles recht großartig werden würde. Ein junger Aufseher oder Bevollmächtigter war angekommen, der den Fuhrbetrieb leitete, er trieb und drängte und schien nicht Pferde genug auftreiben zu können, obgleich nicht mehr allzu viele Wagenladungen übrig waren. Es sind ja gar nicht so viele Wagenladungen von den Häusern mehr übrig, wurde ihm gesagt. — Ja, aber alle Waren, erwiderte er. — Sivert von Sellanraa kam wieder wie gewöhnlich mit leerem Wagen dahergefahren, und der Aufseher rief ihm zu: Warum kommst du leer? Du hättest doch eine Wagenladung für uns bis Storborg mitnehmen können. — Das hätte ich wohl können, aber ich wußte nichts davon, entgegnete Sivert. — Er ist von Sellanraa, und sie haben dort zwei Pferde, flüsterte jemand dem Aufseher zu. — Ist es wahr, daß ihr zweiPferde habt? fragte dieser. Komm mit beiden her und leiste Fuhren für uns, hier ist Geld zu verdienen. — Ja, das wäre nicht so uneben, meinte Sievert. Aber jetzt gerade haben wir schlecht Zeit! — Hast du keine Zeit, Geld zu verdienen? fragte der Aufseher.
Nein, auf Sellanraa hatten sie nicht immer übrige Zeit, es war da gar zu viel zu tun. Und jetzt hatten sie sogar zum erstenmal Männer zur Hilfe gedingt, zwei schwedische Maurer sprengten Steine zu einem Stall.
Dieser Stall war seit vielen Jahren Isaks großer Gedanke gewesen, die Gamme für das Vieh wurde allmählich zu klein und zu dürftig, ein steinerner Stall mit doppelten Mauern und einer richtigen Dungstätte sollte es werden. Aber es war so vieles, was gemacht werden sollte, das eine zog immer wieder das andere nach sich; jedenfalls hörte das Bauen niemals auf. Isak hatte ein Sägewerk und eine Mühle und einen Sommerstall, warum sollte er nicht auch eine Schmiede haben? Nur eine kleine Schmiede zur Nothilfe, es war ja so weit ins Dorf, wenn der Vorhammer sich bog oder man ein paar neue Hufeisen brauchte. Eine Esse und einen Amboß, warum sollte er die nicht haben? Im ganzen entstanden ja so viele große und kleine Gebäude auf Sellanraa.
Der Hof wird immer größer, wird gewaltig groß, es geht auch nicht mehr ohne Dienstmagd, und Jensine muß ganz dableiben. Ihr Vater, der Schmied, fragt gelegentlich nach ihr, und ob sie nicht bald wieder heimkomme, aber er besteht nicht darauf, er ist sehr nachgiebig und hat wohl eine Absicht dabei. Sellanraa liegt am höchsten in der Allmende und nimmt immer mehr zu, nimmt zu an Häusern und an Grund und Boden, die Menschen sind immer dieselben. Die Lappen kommen jetzt nicht mehr vorbei und spielen sich als Herren in der Ansiedlung auf, das hat längst aufgehört. Die Lappen kommen überhauptnicht mehr oft vorbei, sie machen lieber einen großen Bogen um den Hof herum, jedenfalls kommen sie nicht mehr ins Haus herein, sie bleiben draußen stehen, wenn sie überhaupt stehenbleiben. Die Lappen treiben sich in der Einöde, im Dunkeln herum; wenn sie in Licht und Luft gebracht werden, gehen sie ein wie Maden und Ungeziefer. Ab und zu verschwindet an einer entlegenen Stelle ein Kalb oder ein Lamm, ganz weit draußen, wo Sellanraa aufhört. Dagegen ist nichts zu machen. Natürlich kann Sellanraa das tragen. Und wenn Sivert auch schießen könnte, so hätte er doch keine Flinte, aber er kann nicht schießen, er ist lustig und unkriegerisch, ein großer Schelm. Außerdem ist das Abschießen von Lappen wohl verboten, sagt er.
Sellanraa kann kleine Verluste seines Viehstandes verschmerzen, denn es ist groß und stark, aber es ist nicht ohne Sorgen, ach nein! Inger ist keineswegs das ganze Jahr hindurch mit sich und ihrem Leben zufrieden, nein, sie hat einmal eine große Reise gemacht, und da ist wohl eine Art verderblicher Abgespanntheit über sie gekommen. Die verschwindet und kommt wieder. Sie ist rasch und fleißig wie in ihren besten Tagen, und sie ist eine hübsche und gesunde Frau für ihren Mann, für den Mühlengeist, aber hat sie nicht auch Erinnerungen von Drontheim? Träumt sie niemals? Doch und besonders während des Winters. Da gärt zuweilen eine ganz verfluchte Lebenslust in ihr, und da sie nicht allein tanzen kann, gibt es keinen Ball. Schwere Gedanken und ein Andachtsbuch? Ach ja, jawohl, aber Gott weiß, das andere ist auch schön und herrlich! Sie ist genügsam geworden; die schwedischen Maurer sind jedenfalls fremde Menschen und ungewohnte Stimmen auf dem Hofe, aber es sind ältere und ruhige Männer, die nicht spielen, sondern arbeiten. Aber sie sind doch besser als gar nichts, sie bringen doch etwas Leben mit sich, der eine singt wunderschön, und Inger bleibtbisweilen stehen und hört ihm zu. Der Mann heißt Hjalmar.
Aber damit ist noch nicht alles gut und recht auf Sellanraa. Da ist zum Beispiel die große Enttäuschung mit Eleseus. Von ihm war ein Brief gekommen, daß seine Stelle bei dem Ingenieur aufgehört habe, aber er werde bald eine andere bekommen, er müsse nur warten. Dann kam ein Brief, er könne, während er auf einen hohen Posten in einem Büro warte, nicht von nichts leben, und als ihm von zu Hause ein Hundertkronenschein geschickt wurde, schrieb er zurück, das habe gerade genügt, einige kleine Schulden zu decken. — So, sagte Isak. Aber nun haben wir die Maurer und allerlei Auslagen, frag du nur den Eleseus, ob er nicht lieber heimkommen wolle und uns helfen! — Inger schrieb, aber Eleseus wollte nicht wieder heimkommen, nein, er wollte die Reise nicht unnötig noch einmal machen, lieber wollte er hungern.
Seht, es war wohl in der ganzen Stadt keine hohe Stelle in einem Büro frei, und Eleseus war vielleicht auch nicht Draufgänger genug, sich seinen Weg zu bahnen. Gott weiß, vielleicht war er auch nicht besonders tüchtig. Geschickt und fleißig im Schreiben war er wohl, aber ob er auch klug und gescheit war? Und wenn nicht, wie würde es ihm dann gehen?
Als er mit den zweihundert Kronen von zu Hause in die Stadt zurückkehrte, kam diese sofort mit ihren unbezahlten Rechnungen daher, und nachdem er diese beglichen hatte, mußte er sich einen Stock kaufen, der alte Regenschirmstock tat es nicht mehr. Verschiedene andere Dinge, die er sich anschaffen mußte, lagen auch nahe, eine Pelzmütze für den Winter, wie alle seine Kameraden eine hatten, ein Paar Schlittschuhe, einen silbernen Zahnstocher, um sich damit die Zähne zu stochern und elegant damit zu deuten, wenn man bei einem Gläschen zusammensaß und schwatzte. Und solange er noch reich war, hielt er die andern frei, so gut er konnte; bei seinem Ankunftsfest ließ er mit der größten Sparsamkeit ein halbes Dutzend Bierflaschen aufziehen. — Was, du gibst der Kellnerin zwanzig Öre? wurde er gefragt. Wir geben zehn. — Nur nicht kleinlich sein! sagte Eleseus.
Er war nicht kleinlich, nein, das stand ihm gar nicht an, er stammte von einem großen Hof, ja, von einem Herrenhof, sein Vater, der Markgraf, besaß unendliche Wälder und vier Pferde, dreißig Kühe und drei Mähmaschinen. Eleseus war kein Lügenbeutel, und nicht er hatte die Märe von dem Herrenhof Sellanraa verbreitet, das hatte der Bezirksingenieur seinerzeit getan und in der Stadt damit geprahlt. Aber es war Eleseus nicht gerade zuwider, daß dieses Märchen so halb und halb geglaubt wurde. Da er selber nichts war, konnte er wenigstens der Sohn von jemand sein, das verschaffte ihm Kredit, und er konnte sich durchschlagen. Aber auf die Dauer ging das doch nicht, endlich sollte er doch einmal bezahlen, und da saß er fest. Einer seiner Kameraden verschaffte ihm dann eine Anstellung im Geschäft seines Vaters. Es war ein Laden mit Bauernkundschaft, der die verschiedensten Waren führte; aber es war immerhin besser als gar nichts. Es war recht unangenehm für einen so alten Knaben, mit einem Anfängergehalt in einem Kramladen zu stehen, wenn er sich doch zum Lensmann hatte ausbilden wollen; aber er verdiente wenigstens seinen Lebensunterhalt dabei, es war ein vorläufiger Ausweg, ach, es war eigentlich gar nicht so schlimm. Eleseus war auch hier freundlich und gefällig und war bei den Kunden beliebt. Und er schrieb nach Hause, er sei jetzt zum Handel übergegangen.
Aber das war nun die große Enttäuschung seiner Mutter. Wenn Eleseus hinter einem Ladentisch stand, so war er ja auch nicht mehr als der Ladendiener beim Kaufmannim Dorfe drunten. Früher war er unvergleichlich viel mehr gewesen, außer ihm hatte niemand je das Dorf verlassen und auf einem Büro gearbeitet. Hatte er denn sein großes Ziel aus dem Auge verloren? Inger war nicht so dumm, sie wußte, daß es einen Unterschied gab zwischen dem Gewöhnlichen und dem Ungewöhnlichen, aber sie konnte das vielleicht nicht so genau unterscheiden. Isak war einfältiger und einfacher, er rechnete jetzt immer weniger mit Eleseus, wenn er rechnete; sein ältester Sohn war gewissermaßen aus seinem Gesichtskreis hinausgeglitten, er hörte auf, sich Sellanraa zwischen seinen beiden Söhnen geteilt zu denken, wenn er einmal nicht mehr dasein sollte.
Im Frühjahr kamen Ingenieure und Arbeiter aus Schweden; sie sollten Wege bauen, Baracken errichten, Grundstücke ausebnen, sprengen, Verbindungen mit Lebensmittellieferanten, mit Pferdebesitzern, mit Grundbesitzern an der See abschließen — wozu das alles? Sind wir denn nicht im Ödland, wo alles still und tot ist? Doch, aber jetzt sollte ein Versuchsbetrieb auf dem Kupferberg eröffnet werden.
So, nun wurde also doch etwas aus der Sache, Geißler hatte keine leeren Umtriebe gemacht.
Es waren nicht dieselben großen Herren wie das letztemal, der Landrat fehlte, der Grubenbesitzer fehlte, aber es war der alte Sachverständige und der alte Ingenieur. Sie kauften Isak alle seine gesägten Bretter ab, die er nur entbehren konnte, sie kauften Nahrungsmittel und Getränke und bezahlten gut, dann unterhielten sie sich und waren freundlich und sagten, Sellanraa gefalle ihnen. Eine Seilbahn! sagten sie. Eine Luftbahn vom Berggipfel hinunter an die See, sagten sie. — Über alle Moore weg? fragte Isak, denn er war schwach im Denken. — Ach, da mußten sie lachen! Auf der andern Seite, sagten sie, nicht auf dieser Seite, das würde ja viele Meilen weit sein.Nein, auf der andern Seite des Berges, gleich zum Meer hinunter, da ist starkes Gefälle und gar keine Entfernung. Wir lassen das Erz durch die Luft in eisernen Trögen hinunter, du wirst sehen, es wird großartig! Aber zum Anfang wird das Erz hinuntergefahren, wir bauen einen Weg und lassen es mit den Pferden hinunterfahren — oh, mit wenigstens fünfzig Pferden, auch das wird großartig. Und wir sind auch nicht nur so wenig Leute, wie du hier siehst. Was sind denn wir? Nichts! Von der andern Seite kommen noch mehr; ein ganzer Zug Arbeiter und fertige Baracken und Nahrungsmittel und alle Art von Gerätschaften, wir treffen oben auf der Höhe zusammen. Es kommt Zug in die Sache, Millionen, und das Erz kommt nach Südamerika. — Ist der Landrat nicht mit dabei? fragte Isak. — Was für ein Landrat? Ach der? Nein, der hat verkauft! — Und der Grubenbesitzer? — Der hat auch verkauft. So, du erinnerst dich an sie? Nein, die haben verkauft. Und die von ihnen abgekauft haben, haben wieder verkauft. Jetzt gehört der Kupferberg einer großen Gesellschaft, ungeheuer reichen Leuten. — Wo mag wohl Geißler sein? fragte Isak. — Geißler? Kenne ich nicht. — Der Lensmann Geißler, der damals den Kupferberg verkauft hat. — Ach der! Hat der Geißler geheißen? Gott weiß, wo er hingekommen ist. Erinnerst du dich an den auch noch?
Dann sprengten sie und arbeiteten in den Bergen mit vielen Leuten den ganzen Sommer über, es war ein großer Betrieb. Inger hatte einen ausgedehnten Handel mit Milch und Käse, und sie fand es recht unterhaltend, Handel zu treiben und viele Menschen kommen und gehen zu sehen. Isak schritt mit seinem dröhnenden Gang weit aus und bestellte sein Land, er ließ sich durch nichts stören. Die zwei Maurer und Sivert bauten den Stall. Es wurde ein großer Bau; aber es dauerte lange, bis er aufgerichtet war, es waren zu wenig Mann bei der Arbeit, und Sivertwar außerdem oft nicht dabei, weil er bei der Feldarbeit helfen mußte. Jetzt war es gut, daß sie eine Mähmaschine hatten und drei flinke Frauenzimmer beim Heuwenden.
Alles war gut geworden, das Ödland war zum Leben erwacht, Geld blühte allenthalben.
Seht doch nur den Handelsplatz Storborg, war das nicht ein Geschäft im großen Stil? Dieser Aron mußte doch ein verfluchter Kerl sein, er mußte seinerzeit von der bevorstehenden Grubenarbeit Wind bekommen haben und war sofort heraufgezogen mit seinem Kramladen; er handelte, oh, er handelte wie eine Regierung, ja, wie ein König. Zuallererst verkaufte er allerlei Haushaltungsgegenstände und Arbeiteranzüge; aber die Grubenarbeiter, die Geld haben, sind nicht so sparsam damit, daß sie alle nur das Notwendige kaufen, nein, sie kaufen alles. Besonders an den Sonntagabenden wimmelte es auf dem Handelsplatz Storborg von Käufern, und Aron strich Geld ein; er hatte seinen Ladendiener und seine Frau zur Hilfe hinter dem Ladentisch und verkaufte selbst, was er vermochte, aber es wurde nicht leer in seinem Laden bis tief in die Nacht hinein. Und es zeigte sich, daß die Pferdebesitzer im Dorfe recht behielten, es gab einen gewaltigen Fuhrwerksbetrieb mit Waren hinauf nach Storborg, die Straße mußte an verschiedenen Stellen verlegt und ordentlich instand gesetzt werden, jetzt war es etwas ganz anderes als Isaks schmaler Fußweg durchs Ödland. Aron wurde der reine Wohltäter für die Gegend mit seinem Handel und seiner Straße. Er hieß übrigens nicht Aron, das war nur sein Taufname, er hieß Aronsen, so nannte er sich wenigstens selbst, und so hieß ihn seine Frau. Die Familie tat recht großartig und hielt zwei Dienstmägde und einen Knecht.
Der Grund und Boden auf Storborg blieb vorläufig unbebaut liegen, sie hatten keine Zeit für Landwirtschaft, wer hätte auch im Moor Gräben ziehen wollen! Dafürhatte Aronsen einen Garten mit einem Lattenzaun und mit Johannisbeerensträuchern und Astern und Ebereschen und anderen gepflanzten Bäumen, einen feinen Garten. Es war ein breiter Gang darin, auf dem Aronsen an den Sonntagen auf und ab gehen und eine lange Pfeife rauchen konnte. Im Hintergrund lag die Veranda des Hauses mit roten und gelben und blauen Scheiben. Storborg! Drei kleine hübsche Kinder liefen herum, das Mädchen sollte lernen, Haustochter eines Kaufmanns zu sein, die Söhne sollten selbst die Handelsschaft erlernen; oh, drei Kinder mit einer Zukunft vor sich!
Hätte Aronsen nicht an die Zukunft gedacht, so wäre er überhaupt nicht hierhergekommen. Er hätte bei seiner Fischerei bleiben, und wenn er Glück hatte, auch dabei viel Geld verdienen können; aber das war nicht so vornehm wie ein Handelsgeschäft, es brachte nicht so viel Hochachtung ein, die Hüte flogen da nicht vor einem von den Köpfen. Aronsen hatte seither gerudert, in Zukunft wollte er segeln. Er hatte eine Redensart: bom konstant. Seine Kinder sollten es mehr bom konstant haben, als er es gehabt hatte, sagte er, damit meinte er, sie sollten weniger hart arbeiten müssen.
Und siehe da, die Sache ließ sich gut an, er und seine Frau, ja sogar seine Kinder wurden höflich gegrüßt. Man durfte es nicht gering anschlagen, daß sogar die Kinder gegrüßt wurden. Die Grubenarbeiter kamen vom Berg herunter und hatten seit langer Zeit keine Kinder mehr gesehen. Aronsens Kinder liefen ihnen bis vor den Hof entgegen, und die Arbeiter redeten gleich so freundlich mit ihnen, als hätten sie drei Pudelhunde vor sich. Sie hätten den Kindern gerne Geld geschenkt, weil es aber die Kinder des Kaufmanns waren, spielten sie ihnen statt dessen auf der Mundharmonika vor. Gustaf kam, der junge Wildfang mit dem Hut auf einem Ohre und dem munteren Geplauder, ja er kam herbei und schäkerte einegute Weile mit den Kindern. Die Kinder kannten ihn auch gleich, wenn er ankam, und liefen ihm entgegen, er lud sie sich alle drei auf den Rücken und tanzte mit ihnen herum. Ho! sagte Gustaf und tanzte. Dann nahm er seine Mundharmonika und blies Lieder und Weisen, so schön, daß die beiden Dienstmägde herauskamen und Gustafs Spiel mit nassen Augen zuhörten. Gustaf wußte, was er tat, der ausgelassene Kerl!
Nach einer Weile ging er in den Laden und klimperte mit seinem Geld und füllte seinen ganzen Rucksack mit den verschiedensten Sachen, und als er dann wieder heim in die Berge ging, hatte er einen ganzen kleinen Kramladen bei sich, den er auf Sellanraa auspackte und vorwies. Er hatte Briefpapier mit Blumen darauf und eine neue Pfeife und ein neues Hemd und ein Halstuch mit Fransen dran, hatte Süßigkeiten, die er an die Frauen austeilte; er hatte glänzende Sachen, eine Uhrkette mit einem Kompaß daran, ein Federmesser; ja, er hatte eine Menge Sachen, unter anderem auch Raketen, die er sich für den Sonntag gekauft hatte, um sich und andere damit zu unterhalten. Inger setzte ihm Milch zu trinken vor, und er spaßte mit Leopoldine und hob die kleine Rebekka hoch in die Luft. — Na, steht der Stall bald? fragte er seine Landsleute, die Maurer, und war auch mit diesen gut Freund. — Nein, sie hätten nicht Hilfe genug, sagten die Maurer. — Dann wolle er ihnen helfen, sagte Gustaf zum Spaß. — Das wäre sehr gut, meinte Inger, denn der Stall sollte bis zum Herbst fertig sein, wenn das Vieh nicht mehr draußen bleiben könne.
Nun ließ Gustaf eine Rakete steigen, und nachdem er einmal eine abgebrannt hatte, konnte er auch gleich alle sechse steigen lassen, und die Weiberleute und die Kinder hielten den Atem an vor lauter Verwunderung über dieses Hexenwerk und den Hexenmeister, der es gemacht hatte. Inger hatte noch niemals eine Rakete gesehen, aberdieser sonderbare Blitz erinnerte sie an die große Welt. Was wollte jetzt eine Nähmaschine bedeuten! Und als Gustaf schließlich auch noch die Mundharmonika spielte, wäre ihm Inger am liebsten nachgezogen vor lauter Rührung...
Die Grubenarbeit geht ihren Gang, und das Erz wird mit Pferden an die See hinuntergefahren; ein Dampfschiff ist schon damit beladen worden und nach Südamerika abgedampft, und dafür ist ein neues angekommen. Großer Betrieb. Jedermann, der überhaupt gehen kann, ist im Gebirge gewesen und hat sich die Wunder angeschaut, auch Brede Olsen ist mit seinen Gesteinsproben dort gewesen, ist jedoch abgewiesen worden, weil der Sachverständige wieder nach Schweden abgereist war. An den Sonntagen war große Völkerwanderung aus dem Dorfe, ja sogar Axel Ström, der keine Zeit zu verlieren hat, ist ein paarmal, als er die Linie nachsah, dagewesen. Jetzt gibt es bald niemand mehr, der die Wunder noch nicht gesehen hat. Da zieht wahrhaftig sogar Inger Sellanraa ihre schönen Kleider an, steckt den goldenen Ring an den Finger und geht in die Berge.
Was will sie dort?
Sie will eigentlich gar nichts, sie ist nicht einmal neugierig, zu sehen, wie der Berg geöffnet wird, sie will nur sich sehen lassen. Als Inger sah, daß andere Frauen in die Berge gingen, spürte sie, daß auch sie ihnen nach mußte. Sie hat eine entstellende Narbe an der Oberlippe und hat erwachsene Kinder, aber sie will den andern nach. Es ärgert sie, daß diese jung sind, aber sie will versuchen, es mit ihnen aufzunehmen; sie hat noch nicht angefangen, dick zu werden, sie ist groß und hübsch und sieht gut aus. Natürlich ist sie nicht mehr rot und weiß, und ihre zarte Pfirsichhaut ist schon längst vergangen, aber man würde schon sehen, sie kamen sicher, nickten und sagten: Die ist recht!
Die Arbeiter kommen ihr mit großer Freundlichkeit entgegen, sie haben von Inger manchen Topf Milch erhalten und kennen sie; sie führen sie in den Gruben, in den Baracken, in den Ställen, in der Küche, im Keller, im Vorratshaus umher, die dreistesten unter ihnen rücken ihr auf den Leib und nehmen sie ein wenig in den Arm; aber das macht Inger nichts, das tut ihr wohl. Wenn sie Stufen hinauf- oder hinuntergeht, hebt sie den Rock hoch auf und läßt ihre Waden sehen, aber sie ist ganz gelassen dabei und tut, als ob nichts geschehen wäre. Die ist recht! denken die Arbeiter.
Das alte Ding, sie ist trotz allem rührend: es war leicht zu merken, ein ihr zugeworfener Blick von diesen warmblütigen Mannsleuten kam ihr unerwartet, sie war dankbar dafür und vergalt ihn, es tat ihr ordentlich wohl, in Gefahr zu sein, sie war ein Frauenzimmer wie andere. Sie war wohl aus Mangel an Versuchung bisher ehrbar gewesen.
Das alte Ding!
Gustaf kam auch dazu. Er überließ zwei Mädchen aus dem Dorf einem Kameraden, nur um herbeikommen zu können. Gustaf wußte, was er tat; er schüttelte Inger mit überflüssiger Wärme die Hand zum Gruße, aber er drängte sich nicht auf. — Na, Gustaf, kommst du nicht bald und hilfst uns beim Stallbau? fragte Inger und wird dabei dunkelrot. — Gustaf antwortet, ja, nun komme er bald. Seine Kameraden hören das und sagen, sie kämen nun bald alle miteinander. — Ja, werdet ihr denn nicht den ganzen Winter hier in den Bergen bleiben? fragt Inger. Die Arbeiter antworten zurückhaltend, nein, es sehe nicht danach aus. Gustaf ist kecker, er sagt lachend, sie hätten nun bald alles vorhandene Kupfer herausgekratzt. — Das ist nicht dein Ernst! ruft Inger. — Nein, erwiderten die andern Arbeiter, Gustaf solle sich in acht nehmen, so etwas zu sagen.
Aber Gustaf nahm sich nicht in acht, er sagte lachend noch viel mehr, und was Inger betrifft, so gewann er sie für sich allein, obgleich er nicht zudringlich war. Ein anderer junger Mann spielte die Ziehharmonika, aber das war lange nicht dasselbe, wie wenn Gustaf die Mundharmonika blies. Ein dritter junger Mann, auch ein Tausendsassa, suchte dadurch die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, daß er auswendig ein Lied zur Ziehharmonika sang; aber es war auch das nichts Besonderes, obgleich er eine rollende Stimme hatte. Nach kurzer Zeit hatte Gustaf wahrhaftig Ingers goldenen Ring an seinem kleinen Finger stecken. Und wie war das zugegangen, da er sich doch nicht aufgedrängt hatte? Ei, er drängte sich genügend herzu, aber er machte es in aller Stille, gerade wie sie auch, es ging ohne Worte, sie tat, wie wenn sie es gar nicht merkte, als er sich mit ihrer Hand zu schaffen machte. Als sie dann später in der Barackenküche saß und Kaffee trank, hörte sie draußen etwas Lärm und Streit, und sie begriff, daß dies sozusagen ihr zu Ehren war. Das reizte sie auf, das alte Birkhuhn saß da und lauschte auf ein angenehmes Geräusch.
Wie Inger an jenem Sonntagabend von den Bergen nach Hause kam? Ho, ausgezeichnet, ebenso tugendhaft, wie sie gegangen war, nicht mehr und nicht minder. Viele Männer gaben ihr das Geleite, und die vielen Männer wollten nicht umkehren, solange Gustaf bei ihr war, sie gaben nicht nach, sie wollten nicht nachgeben! Nicht einmal draußen in der großen Welt hatte es Inger so unterhaltend gehabt. — Ob Inger nichts vermisse, fragten sie schließlich. — Vermissen, nein. — Den goldenen Ring! sagten sie. — Nun mußte Gustaf damit herausrücken, er hatte ein ganzes Heer gegen sich. — Es ist gut, daß du ihn gefunden hast, sagte Inger und beeilte sich, von ihrem Gefolge Abschied zu nehmen.
Sie näherte sich Sellanraa und sah die vielen Dächer, dort unten war ihr Heim. Sie erwachte wieder zu der tüchtigen Frau, die sie war; sie geht einen Fußweg am Sommerstall vorbei, um nach dem Vieh zu sehen, und auf dem Wege dahin kommt sie an einer Stelle vorbei, die sie gut kennt: hier lag einmal ein kleines Kind begraben, sie hatte die Erde mit den Händen zusammengescharrt und ein kleines Kreuz darauf gesteckt. Ach, wie lange war das her! Und gleich denkt sie weiter: Ob wohl die Mädchen gemolken und für den Abend alles in Ordnung gebracht haben!
Die Grubenarbeit geht weiter, jawohl, aber es wird gemunkelt, daß der Berg nicht halte, was er versprochen habe. Der Sachkundige, der nach Hause gereist war, kommt wieder und hat noch einen zweiten Sachkundigen bei sich, sie bohren und sprengen und untersuchen gründlich. Was ist denn nicht in Ordnung? Das Kupfer ist fein genug, daran fehlt es nicht, aber die Ader ist dünn, sie nimmt nach Süden an Dicke zu und fängt gerade da, wo die Grenzlinie der Gesellschaft geht, erst an, dick und herrlich zu werden, aber da ist die Allmende. Seht, die ersten Käufer hatten sich wohl nicht viel bei ihrem Kauf gedacht, es war ein Familienrat, Verwandte, die auf Spekulation kauften; sie hatten sich nicht den ganzen Berg gesichert, all die vielen Meilen bis zum nächsten Tale, nein, sie kauften ein Stückchen von Isak Sellanraa und Geißler und verkauften dann wieder.
Und was ist nun zu tun? Die Herren und die Vorarbeiter und die Sachkundigen wissen das sehr gut, sie müssen sofort mit dem Staat verhandeln. Sie schicken also eine Stafette nach Hause mit Briefschaften und Karten und reiten danach selbst zum Lensmann, um Beschlag auf den ganzen Bergzug auf der Südseite des Wassers zu legen. Aber jetzt treffen sie auf allerlei Schwierigkeiten. Das Gesetz steht ihnen im Weg, sie sindAusländer, sie können nicht direkt kaufen. Das wissen sie wohl, da haben sie vorgesorgt. Allein die Südseite des Berges ist bereits verkauft, das haben sie nicht gewußt. — Verkauft? sagen die Herren. — Schon lange, schon seit mehreren Jahren. — Wer hat das Land gekauft? — Geißler. — Was für ein Geißler? Ach der? — Verbrieft und versiegelt, sagt der Lensmann. Es ist kahler Fels, er hat ihn beinahe für nichts bekommen. — Aber zum Kuckuck, was ist denn das für ein Geißler, von dem wir immer wieder hören! Wo ist er? — Gott weiß, wo er ist.
Die Herren mußten eine neue Stafette nach Schweden schicken. Und sie mußten ja auch versuchen, herauszubringen, wer dieser Geißler war. Vorläufig konnten sie nicht mehr mit voller Mannschaft weiterarbeiten lassen.
Nun kam Gustaf hinunter nach Sellanraa; er trug all sein irdisch Gut auf dem Rücken und sagte, nun komme er! Jawohl, Gustaf hatte den Dienst bei der Gesellschaft verlassen, das heißt, er hatte sich am letzten Sonntag etwas zu offenherzig über den Kupferberg geäußert, seine Worte waren dem Vorarbeiter und dem Ingenieur hinterbracht worden, und Gustaf hatte den Abschied erhalten. Glückliche Reise, und außerdem war es vielleicht gerade das, was er gewollt hatte: nun erweckte es keinen Verdacht, wenn er nach Sellanraa ging. Er bekam sofort Arbeit beim Stallbau.
Sie mauern und mauern, und als kurz darauf noch ein Mann von den Bergen kommt, findet auch er einen Platz bei der Arbeit; nun konnten zwei Schichten gemacht werden, und die Arbeit ging rasch von der Hand. Der Stall würde bis zum Herbst doch noch fertig werden.
Aber ein Arbeiter nach dem andern kam von den Bergen herunter, allen war aufgekündigt worden, und sie zogen wieder heim nach Schweden. Der Versuchsbetrieb sollte aufhören. Im Dorfe drunten ging es wie ein Seufzerdurch alle Menschen; seht, sie waren so töricht, sie begriffen nicht, daß ein Probebetrieb ein Betrieb auf Probe ist, aber das war es. Mißmut und schlimme Ahnungen ergriffen die Menschen im Dorfe, das Geld wurde seltener, die Löhne wurden herabgesetzt, der Handelsplatz Storborg verödete. Was sollte das alles bedeuten? Nun war doch alles so schön im Gang, Aronsen hatte sich eine Flaggenstange und eine Flagge angeschafft, er hatte sich für den Winter ein Eisbärfell für seinen Familienschlitten gekauft und die ganze Familie mit großartigen Kleidern ausstaffiert. Das waren ja nur Kleinigkeiten, aber es waren auch große Dinge geschehen: zwei neue Ansiedler hatten sich Rodeland in der Gegend gekauft, hoch oben zwischen Maaneland und Sellanraa, das war keine unbedeutende Sache für diese kleine abgelegene Welt. Die beiden Ansiedler hatten ihre Gammen errichtet, hatten gerodet und Moore entwässert, es waren fleißige Leute, sie waren in kurzer Zeit weit gekommen. Den ganzen Sommer über hatten sie ihre Nahrungsmittel in Storborg gekauft, aber als sie das letztemal kamen, war fast nichts mehr zu haben. Waren — was sollte Aronsen mit Waren, wenn der Grubenbetrieb aufgehört hatte? Nun hatte er beinahe keine Waren mehr, er hatte nur Geld. Von allen Leuten in der Gegend war vielleicht Aronsen der mißmutigste; er hatte sich mit seinem Überschlag gar zu sehr verrechnet. Als ihm geraten wurde, sein Land zu bebauen und bis bessere Zeiten kämen, davon zu leben, antwortete er: Das Land bebauen? Dazu bin ich mit den Meinen nicht hierhergekommen.
Zuletzt hielt es Aronsen nicht mehr aus, er wollte selbst hinauf zu den Gruben und einmal nach der Sache sehen. Es war an einem Sonntag. Als er nach Sellanraa kam, wollte er Isak mit hinaufnehmen; aber Isak hatte noch keinen Fuß ins Gebirge gesetzt, seit dort der Betrieb angefangen hatte, er gedieh am besten auf seiner Halde.Inger mußte sich ins Mittel legen. Kannst du denn nicht mit Aronsen gehen, wenn er dich darum bittet, sagte sie. Sieh einmal an, Inger hatte wohl nichts dagegen, wenn Isak eine Weile von zu Hause weg war! Es war Sonntag, sie wollte ihn wohl gerne ein paar Stunden los sein. So ging Isak also mit.
Sie sahen allerlei Neues auf dem Berge, Isak kannte sich in dieser neuen Stadt von Baracken und Wagenschuppen und gähnenden Gruben gar nicht mehr aus. Der Ingenieur selbst führte sie herum. Vielleicht war dem guten Ingenieur zurzeit nicht so ganz leicht zumute, aber er versuchte, der schweren Stimmung, die auf der ganzen Gegend und auf der Gemeinde lastete, entgegenzuarbeiten. Da war nun eine gute Gelegenheit, der Markgraf von Sellanraa selbst und der Kaufmann von Storborg waren auf dem Platze.
Der Ingenieur erklärte die Gesteinsarten: Kies, Kupferkies, der enthielt Kupfer, Eisen und Schwefel. Ja, er wußte bis aufs Tüpfelchen, was der Berg enthielt, er enthielt sogar ein wenig Silber und Gold. Man trieb nicht Bergbau, ohne seine Sache zu können. Aber soll das nun aufhören? fragte Aronsen. — Aufhören? wiederholte der Ingenieur erstaunt. Damit wäre Südamerika nicht gedient. Mit dem Versuchsbetrieb würde nun eine Weile Schluß gemacht, sie hätten ja jetzt gesehen, was vorhanden war, jetzt würde erst die Luftbahn gebaut, und dann erst werde es in dem Gebirge nach Süden zu losgehen. Isak wisse wohl nicht, wo dieser Geißler hingekommen sei? — Nein. — Na, er werde schon zu finden sein. Dann gehe es erst recht im Ernst los. Was, aufhören!
Isak ist in Verwunderung und Bewegung geraten über eine kleine Maschine, die mit dem Fuß getreten wird; er erkennt sofort, was das ist; das ist ja eine kleineSchmiede, die auf einem Karren geführt und überall aufgestellt werden kann. — Was kostet eine solche Maschine? fragt Isak. — Diese? Die Feldesse? Oh, die kostet nicht viel. Sie hätten mehrere solche, aber sie hätten ganz andere Maschinen und Einrichtungen drunten an der See, ungeheure Maschinen. Isak werde wohl begreifen, daß man solchen tiefen Tälern und Abgründen in den Bergen nicht mit Nägeln zu Leibe gehen könne, hahaha.
Sie gehen weiter, und der Ingenieur erzählt, daß er in den nächsten Tagen nach Schweden abzureisen gedenke. — Aber Ihr kommt doch wieder? fragt Aronsen. — Natürlich. Der Ingenieur war sich nichts bewußt, weshalb ihn die Regierung oder die Polizei zu Hause festsetzen könnte. Isak richtete es so ein, daß sie noch einmal vor die kleine Schmiede zu stehen kamen. Wieviel kann solch eine Esse kosten? fragt er. — Kosten. Das wußte der Ingenieur wahrhaftig nicht mehr. Sie kostet ja wohl einiges Geld, aber bei einem so großen Betrieb kommt das gar nicht in Betracht. Der prächtige Ingenieur, vielleicht war ihm jetzt gerade nicht ganz leicht zu Sinn, aber er wahrte den Schein und tat großartig bis zuletzt. Ob Isak eine Feldesse brauchen könne? Dann solle er nur diese nehmen. Seine Gesellschaft sei mächtig genug, sie schenke ihm die Feldesse!
Eine Stunde später wandern Isak und Aronsen wieder nach Hause. Aronsen ist ruhiger geworden und hat ein wenig Hoffnung geschöpft, Isak schreitet den Berg hinunter mit der kostbaren Feldesse auf dem Rücken. Der alte Prahm war es gewöhnt, Lasten zu tragen! Der Ingenieur hatte angeboten, am nächsten Tag das Kleinod durch einen Mann nach Sellanraa zu schicken, aber Isak dankte und sagte, das sei nicht nötig. Er dachte, wie die zu Hause sich verwundern würden, wenn er mit einer Schmiede auf dem Rücken ankam!
Aber es war Isak, der sich verwundern mußte, als er heimkam.
Dort kam gerade ein Pferd mit einer ganz sonderbaren Wagenladung auf den Hof gefahren. Der Kutscher war ein Mann aus dem Dorfe, aber nebenher schritt ein Herr, den Isak verwundert anstarrte: es war Geißler.
Isak hätte sich auch sonst noch über das eine oder andere verwundern können, aber er war nicht dazu geschaffen, an viele Dinge auf einmal zu denken. Wo ist Inger? fragte er nur, als er an der Küchentür vorbeikam, denn er dachte daran, daß Geißler ordentlich bewirtet werden müsse.
Inger? Sie war in die Beeren gegangen, war in den Beeren gewesen, seit Isak auf den Berg gestiegen war, sie mit Gustaf, dem Schweden. Das alte Ding, sie war so toll und verliebt; es ging zwar dem Herbst und dem Winter zu, aber sie fühlte wieder Sommerhitze in sich, ihr Herz blühte! Komm und zeig mir, wo Multebeeren wachsen, sagte Gustaf. Wer hätte da widerstehen können! Sie lief in ihre Kammer und war einige Minuten lang ernst und fromm; aber er stand draußen und wartete, die Welt war ihr dicht auf den Fersen; sie ordnete ihre Haare, beschaute sich nach allen Seiten im Spiegel und ging dann wieder hinaus. Was weiter, wer hätte das auch nicht getan! Die Frauen können den einen Mann nicht von dem andern unterscheiden, nicht immer, nicht oft. —
Sie gehen also in die Beeren und pflücken, pflücken Multebeeren auf dem Moor, sie steigen von einem Erdhaufen auf den andern, sie hebt ihre Röcke in die Höhe und läßt ihre schönen Waden sehen. Rundum ist es still,das Schneehuhn hat schon große Junge und zischt nicht mehr, es gibt weiche Plätzchen im Gebüsch auf dem Moor. Sie sind noch nicht eine Stunde gegangen, und schon ruhen sie aus. Inger sagt: Bist du so einer! Ach, sie ist so schwach ihm gegenüber, sie lächelt verlegen, denn sie ist sehr verliebt; ach, wie ist doch Verliebtsein süß und bitter zugleich! Schick und Brauch verlangen wohl, sich zu wehren. Ja, um endlich doch nachzugeben. Inger ist sehr verliebt, sterblich und ohne Gnade verliebt, sie will ihm wohl und ist nur gut und herzlich gegen ihn.
Das alte Ding!
Wenn der Stall fertig ist, dann gehst du fort, sagt sie. — Nein, er gehe nicht fort. Natürlich müsse er einmal fortgehen, aber nicht schon in einer Woche. — Wollen wir nicht heimgehen? fragt sie. — Nein.
Sie pflücken Beeren, und nach einer Weile finden sie wieder weiche Plätzchen im Gebüsch, und Inger sagt: Du bist verrückt, Gustaf! Die Stunden vergehen, jetzt sind sie wohl im Gebüsch eingeschlafen. Sind sie eingeschlafen? Das ist ausgezeichnet, mitten im Ödland, in Eden. Da setzt sich Inger auf und horcht und sagt: Ich meine, ich höre weit drüben auf dem Weg einen Wagen fahren.
Die Sonne sinkt; während sie heimgehen, werden die Heidehügel im Schatten dunkler. Sie kommen noch an vielen geschützten Stellen vorbei, Gustaf sieht sie, und Inger sieht sie wohl auch, aber sie meint die ganze Zeit, es fahre jemand vor ihnen her. Aber sich auf dem ganzen Heimweg gegen einen närrischen hübschen Jungen wehren müssen? Inger ist sehr schwach, sie lächelt nur und sagt: Nein, so einen wie dich hab' ich doch noch nie gesehen!
Inger kommt allein nach Hause. Es ist gut, daß sie jetzt kommt, großartig ist es, eine Minute später wäre nicht so gut gewesen. Isak ist gerade mit seiner Schmiedeund mit Aronsen in den Hof getreten, und ein Pferd mit einem Wagen hält auch eben vor der Tür.
Guten Tag! sagt Geißler und begrüßt dann auch Inger.
Da stehen diese Menschen und schauen einander an. Es könnte nicht besser passen.
Geißler ist wiedergekommen. Er ist einige Jahre weggewesen, aber jetzt ist er wieder da, etwas älter und grauer, aber lebhaft wie immer, und jetzt ist er fein gekleidet, trägt eine weiße Weste und eine goldene Kette. Der Teufel versteht diesen Mann!
Hat er Kunde erhalten, daß jetzt auf dem Kupferberg etwas vor sich ging, und wollte er die Sache untersuchen? Gut, hier war er. Er sieht hell wach aus, mustert Häuser und Felder, indem er den Kopf sachte hin und her dreht und die Blicke wandern läßt; er sieht große Veränderungen, der Markgraf hat seine Herrschaft erweitert. Geißler nickt befriedigt.
Was schleppst du denn da herbei? fragte er Isak. Das ist ja eine ganze Pferdelast! sagt er. — Eine Schmiedeesse, erklärt Isak. Die wird mir hier auf der Ansiedlung manches liebe Mal zugute kommen, sagt er und heißt Sellanraa immer noch eine Ansiedlung. — Wo hast du sie her? — Der Ingenieur droben auf dem Berg hat sie mir geschenkt. — Ist auf dem Berg ein Ingenieur? fragt Geißler, wie wenn er es nicht wüßte.
Sollte Geißler hinter dem Ingenieur auf dem Berg zurückstehen? Ich habe gehört, daß du dir eine Mähmaschine gekauft hast, jetzt habe ich dir dazu einen Heurechen mitgebracht, sagt er und deutet auf den Wagen. Da stand die Maschine, rot und blau, ein unmäßig großer Kamm, ein Heurechen, der von einem Pferd gezogen wurde. Sie hoben die Maschine vom Wagen und betrachteten sie, Isak spannte sich vor und versuchte sie auf der nackten Erde. Der Mund stand ihm offen vor Verwunderung. Ein Wunder nach dem andern war nach Sellanraa gekommen.
Sie sprachen über den Kupferberg, über das Bergwerk. Sie haben dort eifrig nach Euch gefragt, sagt Isak. — Wer hat gefragt? — Der Ingenieur und alle die Herren. Sie müßten Euch unbedingt auffinden, sagten sie. Ach, Isak machte sicher zuviel aus der Sache, Geißler vertrug das vielleicht nicht, er machte einen steifen Nacken und sagte: Da bin ich, wenn sie etwas von mir wollen.
Den Tag darauf kamen die beiden Stafetten aus Schweden zurück, und mit ihnen kamen zwei von den Eigentümern des Bergwerks; sie waren zu Pferd, vornehme, dicke Herren und allem Anschein nach steinreich. Sie hielten auf Sellanraa fast nicht an, sondern erkundigten sich nur vom Pferd aus nach dem Wege und ritten weiter nach dem Berge zu. Sie taten, als ob sie Geißler gar nicht sähen, obgleich er ganz in der Nähe stand. Die Stafetten mit den beladenen Packpferden ruhten eine Stunde aus, unterhielten sich mit den Maurern, die am Stall arbeiteten, erfuhren, daß der alte Herr mit der weißen Weste und der goldenen Kette Geißler sei, und dann zogen auch sie weiter. Aber die eine der Stafetten kam noch am selben Abend wieder auf den Hof herunter mit der mündlichen Botschaft, Geißler solle zu den Herren hinaufkommen. Hier bin ich, wenn sie etwas von mir wollen, ließ Geißler antworten.
Geißler war großartig geworden, er dachte vielleicht, er habe die ganze Welt in der Tasche, oder fand er eine mündliche Botschaft gar zu nachlässig? Aber wie ging es zu, daß er gerade in dem Augenblick nach Sellanraa kam, wo man ihn brauchte? War er denn allwissend? Na, als die Herren auf dem Berge diese Antwort bekamen, mußten sie sich wohl oder übel nach Sellanraa herabbemühen. Der Ingenieur und die beiden Sachverständigen kamen mit.
Aber es waren noch allerlei Wendungen und Winkelzüge notwendig, ehe die Zusammenkunft zustande kam. Das versprach nicht viel Gutes, Geißler tat ungeheuer großartig.
Die Herren waren jetzt recht höflich, sie baten Geißler, zu entschuldigen, daß sie gestern nach ihm geschickt hätten, sie seien von der Reise sehr ermüdet gewesen. Geißler war auch wieder höflich, er erwiderte, auch er sei von seiner Reise ermüdet gewesen, sonst wäre er hinaufgekommen. Ja, aber nun zur Sache: Ob er den Berg auf der Südseite des Wassers verkaufen wolle? — Sind die Herren selbst Käufer oder spreche ich mit Zwischenhändlern? — Das war die reine Bosheit von Geißlers Seite, er mußte doch sehen, daß diese vornehmen und dicken Herren keine Zwischenhändler sein konnten. Dann ging es weiter: Der Preis? fragten sie. — Ja, der Preis! sagte auch Geißler und überlegte. Zwei Millionen, sagte er dann. — Ach so, sagten die Herren und lächelten. — Aber Geißler lächelte nicht.
Der Ingenieur und die Sachverständigen hatten so obenhin den Berg untersucht, hatten einige Löcher gebohrt und gesprengt, und das Ergebnis lautete also: Das Vorkommen des Kupfers war auf Eruptionen zurückzuführen, die Kupferfunde waren sehr ungleich verteilt, nach der vorläufigen Untersuchung waren sie am mächtigsten an der Grenze zwischen dem Eigentum der Gesellschaft und dem von Geißler, weiterhin nahmen sie wieder ab. Auf der letzten halben Meile kam kein abbauwürdiger Kupferkies mehr vor.
Geißler hörte diesem Bericht mit der größten Gleichgültigkeit zu. Er zog einige Dokumente aus der Tasche, die er aufmerksam durchsah, aber es waren keine Karten, und Gott weiß, ob sie überhaupt den Kupferberg betrafen. — Es ist nur nicht tief genug gebohrt worden, sagte er, als ob er das aus seinen Papieren entnehme.Das gaben die Herren sofort zu; aber der Ingenieur fragte, wie Geißler das wissen könne, er habe ja überhaupt gar nicht gebohrt. — Da lächelte Geißler, als ob er mindestens ein paar hundert Meter tief in den Erdball hineingebohrt, aber dann die Bohrlöcher unkenntlich gemacht habe.
Bis Mittag redeten sie hin und her, dann schauten die Herren auf ihre Uhren. Geißler war mit seinen Ansprüchen bis auf eine Viertelmillion heruntergegangen, aber weiter herunter ging er nicht um Haaresbreite. Nein, sie mußten ihn ernstlich verletzt haben, sie gingen von der Anschauung aus, daß er gerne verkaufen würde, daß er genötigt sei zu verkaufen; aber das war er nicht, hoho, konnten sie denn nicht sehen, daß er beinahe ebenso vornehm und großartig war wie sie? — Fünfzehn- bis zwanzigtausend seien auch eine schöne Summe, meinten die Herren. — Geißler sagte: Dagegen sei nichts einzuwenden, wenn man das Geld gerade nötig habe, aber zweihundertundfünfzigtausend seien mehr. — Da sagte einer von den Herren, und er sagte das, um Geißler gleichsam niederzudrücken: Eben fällt mir ein, wir sollen Sie von Frau Geißlers Verwandten in Schweden grüßen. — Danke! sagte Geißler. — Apropos! sagte der andere Herr, da dies nichts genützt hatte. Eine Viertelmillion! Es ist doch aber kein Gold, sondern Kupferkies. — Geißler nickte. Ja, es ist Kupferkies.
Da wurden die Herren alle miteinander ungeduldig, fünf Uhrendeckel sprangen auf und klappten wieder zu, und jetzt war keine Zeit mehr zum Scherzen, jetzt war Mittag. Die Herren verlangten kein Essen auf Sellanraa, sie ritten zurück zu den Gruben und speisten dort ihr eigenes Essen.
So verlief diese Zusammenkunft.
Geißler blieb allein zurück.
Was waren das wohl für Überlegungen, die ihn bewegten? Vielleicht gar keine, vielleicht war es ihm gleichgültig, und er überlegte gar nicht. O nein, er überlegte, aber er ließ keinerlei Unruhe merken. Nach dem Mittagessen sagte er zu Isak: Ich wollte eigentlich einen weiten Gang über meinen Berg machen und hätte wie das letztemal Sivert gerne mitgenommen. — Isak sagte augenblicklich zu. — Nein, er hat anderes zu tun, erklärte Geißler. — Er soll sofort mit Euch gehen, sagte Isak und rief Sivert von seiner Maurerarbeit ab. — Aber Geißler hob die Hand und sagte kurz: Nein!
Er trieb sich auf dem ganzen Hof herum, kam auch mehrere Male wieder bei den Maurern vorbei und unterhielt sich da lebhaft mit ihnen. Daß er das konnte, wo ihn doch eben erst so etwas Wichtiges in Anspruch genommen hatte! Oh, vielleicht hatte er solange in unsicheren Verhältnissen gelebt, daß eigentlich für ihn gar nichts mehr auf dem Spiele zu stehen schien, einen schwindelnden Sturz würde er auf keinen Fall tun.
Hier stand er nun vor einem reinen Glücksfall. Nachdem er das kleine Grubenstück an die Verwandten seiner Frau verkauft hatte, ging er stracks hin und kaufte den ganzen übrigen Berg; warum hatte er das getan? Wollte er die jetzigen Eigentümer dadurch ärgern, daß er ihr nächster Nachbar wurde? Ursprünglich hatte er wohl nur auf der Südseite des Wassers, da, wohin die Grubenstadt kommen mußte, wenn je ein Bergwerk errichtet wurde, einen Streifen haben wollen; Eigentümer des ganzen Berges aber wurde er, weil ihn dies beinahe nichts kostete, und weil er sich die Mühe einer weitläufigen Grenzabsperrung sparen wollte. Er wurde Bergkönig aus Gleichgültigkeit, ein kleiner Bauplatz für Baracken und Maschinenschuppen wurde zu einem Reiche, das bis hinunter ans Meer ging.
In Schweden ging der erste kleine Grubenteil von Hand zu Hand, und Geißler hielt sich über dessen Schicksal stets unterrichtet. Natürlich hatten die ersten Besitzer dumm gekauft, verrückt dumm, der Familienrat war nicht sachverständig gewesen, und die Herren hatten sich kein genügend großes Stück des Berges gesichert, sie hatten nur einen gewissen Geißler abfinden und sich ihn vom Halse schaffen wollen. Aber die neuen Besitzer waren nicht weniger komische Leute, sie waren gewaltige Männer, die sich einen Scherz erlauben und nur so zum Vergnügen, etwa bei einem Gelage, kaufen konnten, wer weiß! Aber als es nun zu einem Versuchsbetrieb kam und Ernst aus der Sache wurde, standen sie plötzlich vor einer Mauer: Geißler.
Sie sind Kinder! dachte Geißler vielleicht von seiner Höhe herunter, er war sehr mutig und steifnackig geworden. Die Herren hatten allerdings versucht, ihn mit kaltem Wasser zu begießen, sie hatten geglaubt, vor einem Dürftigen zu stehen und deshalb ein Wörtlein von so fünfzehn bis zwanzigtausend fallen lassen. Sie waren Kinder, sie kannten Geißler nicht. Hier stand er.
Die Herren kamen an diesem Tage nicht mehr vom Berg herunter, sie meinten wohl, klug zu handeln, wenn sie sich nicht gar so eifrig zeigten. Am nächsten Morgen kamen sie indes doch, hatten ihr Packpferd bei sich und waren auf der Heimreise. Aber da war Geißler weggegangen.