Wie?
Er wiederholte die Frage.
Heut ist Seifer bei mir gewesen: er sagte, es ist auf die fünfte Bastion gezogen.
Bestimmt?
Wenn ich es sage, ist es jedenfalls bestimmt; übrigens, der Teufel weiß! es kommt ihm auf eine Lüge nicht an. Wie ist's, werden Sie Porter trinken? sagte der Train-Offizier, immer aus dem Zelte heraus.
Ich trinke, sagte Koselzow.
Trinken Sie mit, Ossip Ignatjewitsch? fuhr die Stimme im Zelt fort, jedenfalls zu dem schlafenden Kommissionär gewandt. Sie haben genug geschlafen, – es ist bald fünf Uhr.
Was lassen Sie mich nicht in Ruh! ... Ich schlafe nicht, antwortete eine faule, dünne Stimme.
Nun, so stehen Sie auf! Ich langweile mich ohne Sie.
Und der Train-Offizier ging zu den Gästen.
Gieb von dem Porter von Ssimferopol! schrie er.
Der Bursche kam, wie es Wolodja schien, mit Stolz in die Hütte, holte den Porter unter der Bank hervor, und stieß dabei Wolodja.
Die Flasche Porter war bereits ausgetrunken, und das Gespräch dauerte noch in der früheren Weise fort, als die Vorhänge des Zeltes auseinandergeschlagen wurden, und ein kleiner, frischer Mann in einem blauen Schlafrock mit Quasten und in einer Dienstmütze mit rotem Rand und Kokarde aus ihm hervortrat. Er drehte sich beim Eintreten seinen kleinen schwarzen Schnurrbart undbeantwortete, indem er immer nach einem Punkt des Teppichs starrte, mit einer kaum bemerklichen Bewegung der Schulter den Gruß der Offiziere.
Laßt mich auch ein Gläschen trinken! sagte er, indem er sich an den Tisch setzte. Sie kommen wohl aus Petersburg, junger Mann? sagte er, sich freundlich zu Wolodja wendend.
Ja, ich gehe nach Sewastopol.
Haben Sie selber darum gebeten?
Ja.
Ich begreife nicht, was Sie davon haben, meine Herren! fuhr der Kommissionär fort. Ich würde jetzt, glaube ich, gern zu Fuß nach Petersburg gehen, wenn man mich fortließe. Ich habe, bei Gott, dies verfluchte Leben satt!
Was fehlt Ihnen hier? fragte der ältere Koselzow, sich zu ihm wendend: wennSiehier kein gutes Leben führen!
Der Kommissionär sah ihn an und wandte sich ab.
Diese Gefahren, Entbehrungen, man kann nichts bekommen ... fuhr er fort, zu Wolodja gewandt. Und was Sie davon haben, begreife ich entschieden nicht, meine Herren! Wenn Sie noch irgend welche Vorteile davon hätten, aber so! Ist es etwa gut, in Ihren Jahren, plötzlich fürs ganze Leben zum Krüppel zu werden?
Der eine macht Geschäfte, der andere dient derEhre halber ... mischte sich im Tone des Unwillens der ältere Koselzow wieder ein.
Schöne Ehre, wenn man nichts zu essen hat, sagte der Kommissionär mit verächtlichem Lachen, zu dem Train-Offizier gewandt, der auch darüber lachte.
Stell' sie auf »Lucia«, wir hören zu, sagte er und zeigte auf eine Spieldose. Ich höre sie gern.
Ist er ein guter Mensch, dieser Wassilij Michajlytsch? fragte Wolodja seinen Bruder, als sie, bereits in der Dämmerung, die Hütte verließen und nach Sewastopol weiter fuhren.
Es geht an, aber er ist ein schrecklicher Geizhals! Und diesen Kommissionär kann ich nicht ausstehen ... Den prügele ich noch einmal durch.
Wolodja war zwar nicht in schlechter Stimmung, als er, bereits bei Anbruch der Nacht, zu der großen, über die Bucht führenden Brücke kam, fühlte aber eine gewisse Beklommenheit im Herzen. Alles, was er sah und hörte, wich sehr ab von den früheren, eben erst verlassenen Eindrücken: dem hellen, getäfelten Prüfungssaal, dem lustigen, harmlosen Lachen der Kameraden, der neuen Uniform, dem geliebten Zaren, den er sieben Jahre hindurch gesehen und der sie Kinder genannt, alser mit Thränen in den Augen von ihnen Abschied nahm – so wenig glich alles seinen schönen, buntschillernden, hochherzigen Träumen.
Nun, sieh, wir sind an Ort und Stelle! sagte der ältere Bruder, als sie zur Michajlow-Batterie kamen und aus dem Fuhrwerk stiegen. Wenn man uns über die Brücke läßt, gehen wir sogleich in die Nikolajew-Kaserne. Dort bleibst du bis morgen früh; und ich werde zum Regiment gehen, um zu erfahren, wo deine Batterie steht; morgen werde ich dich abholen.
Warum denn? gehen wir lieber zusammen, meinte Wolodja. Ich werde mit dir auf die Bastion gehen. Es ist ja jetzt ganz gleich: ich muß mich daran gewöhnen. Wenndugehst, kann ich es auch.
Besser ist es, du gehst nicht.
Aber ich bitte dich! So werde ich wenigstens kennen lernen, wie ...
Ich rate dir, geh nicht; aber willst du ...
Der Himmel war wolkenfrei und dunkel; die Sterne und die unaufhörlich leuchtenden Feuer der Bomben und Schüsse glänzten hell in der Finsternis. Das große, weiße Gebäude der Batterie und der Anfang der Brücke traten aus der Dunkelheit hervor. Buchstäblich jede Sekunde erschütterten einige Gewehrschüsse und Explosionen, entweder schnell aufeinander folgend oder zusammen, lauter und deutlicher die Luft. DiesemGetöse folgte, wie eine Begleitung, das dumpfe Brausen der Bucht. Vom Meere her wehte ein schwacher Wind und trug Feuchtigkeit daher. Die Brüder gingen an die Brücke. Ein Landwehrmann schlug schwerfällig mit dem Gewehr auf und rief:
Wer da?
Soldat.
Ist verboten, durchzulassen.
Was? wir müssen ...
Fragen Sie den Offizier.
Der Offizier, der auf einem Ackerfeld sitzend geschlummert hatte, erhob sich und befahl, sie durchzulassen.
Dorthin ist es erlaubt, aber nicht von dorther. Wo wollt ihr hin? Alle auf einmal! schrie er den mit Schanzkörben beladenen Regimentsfuhrwerken zu, die sich vor der Brücke zusammengedrängt hatten.
Die Brüder stiegen zum ersten Ponton nieder und stießen auf Soldaten, die in lauter Unterhaltung von der anderen Seite her kamen.
Wenn er das Geld zur Ausrüstung bekommen hat, dann hat er nichts mehr zu fordern.
Ach Brüderchen! sagte eine andere Stimme, wenn man auf die Nordseite hinübergeht, da sieht man die Welt, bei Gott! Eine ganz andere Luft!
Schwatz' nur immer zu! ... sagte der erste, vor kurzem kam so eine Verfluchte herübergeflogen; zwei Matrosen hat sie die Beine weggerissen ...
Die Brüder gingen über das erste Ponton und blieben, ihr Fuhrwerk erwartend, auf dem zweiten stehen, das stellenweise bereits überschwemmt war. Der Wind, der landeinwärts schwach erschien, war hier sehr stark und reißend; die Brücke schaukelte, und die Wellen, die mit Geräusch an die Balken schlugen und an den Ankern und Tauen sich brachen, überschwemmten die Bretter des Pontons. Rechts rauschte und dunkelte in verräterischen Nebel gehüllt die See und hob sich durch einen schweren Streif von dem gestirnten lichtgrau strahlenden Horizont ab; in der Ferne glänzten Lichter auf der feindlichen Flotte. Links zeigten sich die schwarzen Maste eines unserer Schiffe, und man hörte die Wellen an seinen Bord anschlagen. Ein Dampfer ward sichtbar, der geräuschvoll und schnell von der Nordseite herankam. Das Feuer einer in seiner Nähe platzenden Bombe erhellte auf einen Augenblick die auf dem Verdeck hoch aufgeschichteten Schanzkörbe, die beiden Leute, die oben standen, und den weißen Schaum und den Sprühregen der von dem Dampfer durchschnittenen grünlichen Wellen. Am Rande der Brücke saß, mit den Füßen im Wasser, ein Mann im bloßen Hemd und machte etwas auf dem Ponton. Vor ihnen, über Sewastopol, ließ sich das frühere Feuer hören, und immer lauter drangen von da schreckliche Töne herüber. Eine hoch aufspritzende Welle ergoß sichüber die rechte Brückenseite und machte Wolodjas Füße naß; zwei Soldaten gingen, im Wasser watend, an ihm vorbei. Plötzlich beleuchtete etwas unter Krachen die Brücke, das vorn auf ihr fahrende Fuhrwerk und einen Reiter, und die Bombensplitter fielen, mit Pfeifen Schaum aufwerfend, ins Wasser.
Ah, Michajlo Ssemjonytsch! sagte der Reiter, indem er sein Pferd vor dem älteren Koselzow hielt: sind Sie schon vollständig wieder hergestellt?
Wie Sie sehen. Wohin führt Sie Gott?
Auf die Nordseite, nach Patronen: ich vertrete ja jetzt den Regimentsadjutanten ... Sturm erwarten wir von Stunde zu Stunde.
Und wo ist Marzow?
Gestern ist ihm ein Fuß fortgerissen worden ... Er schlief in der Stadt im Zimmer ... Sie kennen ihn wohl?
Das Regiment steht auf der Fünften, nicht wahr?
Ja, es ist an Stelle des M.-Regimentes dorthin gekommen. Gehen Sie nach dem Verbandort: dort finden Sie welche von uns, die werden Sie führen.
Nun, und mein Quartier auf der Seestraße, ist das unbeschädigt?
I, mein Lieber! Schon längst ganz von Bomben zertrümmert ... Sie erkennen jetzt Sewastopolnicht mehr wieder: keine Seele von einem Frauenzimmer, keinen Gastwirt, keine Musik giebt es mehr. Gestern ist der letzte Ausschank fortgezogen. Jetzt ist es schrecklich öde ... Leben Sie wohl!
Und der Offizier ritt im Trabe weiter.
Wolodja wurde plötzlich ganz trübselig zu Mut: es schien ihm immer, als ob augenblicklich eine Kanonenkugel oder ein Bombensplitter geflogen kommen und ihn gerade an den Kopf treffen müßte.
Dieser feuchte Nebel, alle diese Stimmen, besonders das grollende Plätschern der Wellen, schienen ihm zu sagen, er solle nicht weiter gehen, es harre seiner hier nichts Gutes, sein Fuß würde nie wieder den Boden jenseits der Bucht betreten, er möchte auf der Stelle umkehren und fliehen – weit, weit von diesem furchtbaren Orte des Todes. »Aber vielleicht ist es schon zu spät, vielleicht ist es schon so beschlossen,« dachte er und erbebte, teils über diesen Gedanken, teils, weil ihm das Wasser durch die Stiefel drang und seine Füße feucht machte.
»Herr! werde ich wirklich fallen, – gerade ich? Herr, erbarme dich meiner!« murmelte er flüsternd und bekreuzte sich.
Nun, gehen wir, Wolodja! sagte der ältere Bruder, als ihr Fuhrwerk auf die Brücke gekommen war. Hast du die Bombe gesehen?
Auf der Brücke begegneten den Brüdern Wagenmit Verwundeten, mit Schanzkörben, und einer mit Möbeln, den eine Frau führte. Auf der andern Seite der Bucht wurden sie von niemand zurückgehalten.
Die Brüder hielten sich instinktiv dicht an die Wand der Nikolajew-Batterie und kamen, indem sie schweigend auf die Töne der hier über ihren Köpfen platzenden Bomben und das Brausen der niederfallenden Sprengstücke hörten, zu dem Platz der Batterie, wo das Heiligenbild stand. Hier erfuhren sie, daß die fünfte leichte, der Wolodja zugeteilt war, in der Korabelnaja stand, und beschlossen, trotz der Gefahr, zum ältern Bruder auf die fünfte Bastion übernachten zu gehen und von dort, am folgenden Tage, nach der Batterie. Sie bogen in den Flur ein, schritten über die Beine schlafender Soldaten, die längs der ganzen Batteriewand lagen, hinweg und kamen endlich zum Verbandplatz.
Sie traten in das erste Zimmer, das voll von Pritschen war, auf denen Verwundete lagen, und das von einem beklemmenden, widerwärtigen Lazarettgeruch erfüllt war, und trafen zwei barmherzige Schwestern, die ihnen entgegenkamen.
Die eine, eine Frau von ungefähr fünfzig Jahren, mit dunklen Augen und strengen Gesichtszügen, trug Binden und Charpie, und erteilte einem jungen Burschen, einem Feldscher, der hinter ihr ging, ihre Befehle; die andere, ein sehr hübsches Mädchen von ungefähr zwanzig Jahren, mit einem zarten, blonden Gesichtchen, das außerordentlich reizvoll in seiner Hilflosigkeit unter dem weißen Häubchen hervorsah, ging, die Hände in den Schürzentaschen, neben der Alten und schien zu fürchten, sie könnte hinter ihr zurückbleiben.
Koselzow wandte sich an sie mit der Frage, ob sie nicht wüßten, wo Marzow liege, der gestern ein Bein verloren habe.
Er ist wohl vom P.-Regiment? fragte die Alte, ist er ein Verwandter von Ihnen?
Nein, ein Kamerad.
Führen Sie die Herren, sagte sie zu der jungen Schwester französisch, ... hierherum, und sie ging selbst mit dem Feldscher auf den Verwundeten zu.
Gehen wir nur ... was zauderst du? rief Koselzow zu Wolodja, der die Augenbrauen mit einem Ausdruck des Schmerzes in die Höhe zog und nicht die Kraft hatte, seinen Blick von den Verwundeten abzuwenden. Gehen wir nur!
Wolodja ging mit dem Bruder, sah sich aber immer um und wiederholte unbewußt:
Ach, mein Gott! Ach, mein Gott!
Sie sind gewiß noch nicht lange hier? fragte die Schwester Koselzow, indem sie auf Wolodjawies, der Ach! rufend und seufzend im Zwischengange hinter ihnen schritt.
Er ist soeben erst angekommen.
Die hübsche Schwester sah Wolodja an und brach plötzlich in Thränen aus. »Mein Gott, mein Gott! wann wird das alles ein Ende haben,« sagte sie in verzweifelndem Tone. Sie kamen in den Krankensaal der Offiziere. Marzow lag auf dem Rücken, die sehnigen, bis zu den Ellbogen entblößten Arme über den Kopf lang ausgestreckt, in seinem gelben Gesicht malte sich der Ausdruck eines Menschen, der die Zähne zusammenpreßt, um vor Schmerz nicht zu schreien. Das gesunde Bein, mit einem Strumpfe bekleidet, war unter der Decke hervorgestreckt, und man sah, wie er krampfhaft die Zehen hin- und herbewegte.
Nun, wie geht es Ihnen? fragte die Schwester, indem sie mit ihren dünnen zarten Fingern – an dem einen bemerkte Wolodja einen Ring – seinen etwas kahlen Kopf in die Höhe hob und das Kissen zurechtrückte. Kameraden von Ihnen sind gekommen, Sie zu besuchen.
Natürlich habe ich Schmerzen! sagte er ärgerlich. Lassen Sie's nur, so ist's gut! ... Die Zehen im Strumpfe bewegten sich noch schneller. Guten Tag! Wie heißen Sie? Entschuldigen Sie, sprach er zu Koselzow gewandt ... Ach, ja, Sie müssen verzeihen, – hier vergißt man alles, fuhr er fort, als dieser ihm seinen Namen gesagt hatte.Habe ich nicht mit dir zusammen gewohnt? fügte er hinzu, indem er, ohne jeglichen Ausdruck der Freude, Wolodja fragend ansah.
Das ist mein Bruder, er ist heute von Petersburg gekommen.
Hm! ... Ich habe mir die volle Pension verdient ... sagte er mit gerunzelter Stirn. Ach, was für Schmerzen! ... Ja, es wäre am besten, wenn's bald zu Ende wäre ...
Er zog die Beine in die Höhe, bewegte die Zehen mit vermehrter Schnelligkeit hin und her und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen.
Wir müssen ihn verlassen, sagte flüsternd die Schwester, mit Thränen in den Augen, er befindet sich schon sehr schlecht.
Noch auf der Nordseite hatten die Brüder beschlossen, auf die fünfte Bastion zu gehen; als sie aber die Nikolajew-Batterie verließen, beschlossen sie, – als ob sie sich verabredet hätten, sich keiner unnützen Gefahr anzusetzen, ohne daß sie nur ein Wort miteinander darüber gesprochen hatten, – jeder einzeln zu gehen.
Aber ... wie wirst du dich zurechtfinden, Wolodja? sagte der Ältere. Übrigens kann dich Nikolajew nach der Korabelnaja begleiten, ich werde allein gehen und morgen bei dir sein.
Weiter wurde kein Wort gesprochen bei diesem letzten Abschied der beiden Brüder.
Der Kanonendonner dauerte mit der früheren Stärke fort, aber die Katharinenstraße, durch die Wolodja mit dem ihm schweigend folgenden Nikolajew ging, war still und öde. In der Dunkelheit sah er nur die breite Straße, mit den weißen, an vielen Stellen zertrümmerten Mauern großer Häuser, und das Steintrottoir, auf dem er ging; bisweilen trafen sie Soldaten und Offiziere. Er ging auf der linken Seite der Straße und sah bei dem Schein eines hellen Feuers, das hinter einer Mauer brannte, die längs des Trottoirs gepflanzten Akazien mit ihren grünen Pfählen und ihren verkümmerten, bestaubten Blättern. Deutlich hörte er seine Schritte und die Nikolajews, der hinter ihm ging und schwer atmete. Er dachte an nichts. Die hübsche Schwester, Marzows Bein mit den beweglichen Zehen unter dem Strumpf, die Dunkelheit und die mannigfachen Formen des Todes zogen traurig an seinem Geiste vorüber. Seine ganze junge, eindrucksfähige Seele krampfte und preßte sich zusammen unter dem Einflusse des Gefühls der Verlassenheit und der allgemeinen Gleichgültigkeit gegen sein Schicksal in der Gefahr! »Ich kann getötet werden, Qualen erdulden, leiden, und niemand weint um mich.« Und all das statt des thatenreichen und bewunderten Lebens einesHelden, das er sich so herrlich ausgemalt hatte. Näher und näher platzten und pfiffen die Bomben. Nikolajew seufzte noch häufiger, ohne jedoch das Schweigen zu unterbrechen. Als er über die Brücke ging, die nach der Korabelnaja führte, sah Wolodja, wie unweit von ihm etwas pfeifend in die Bucht flog, auf eine Sekunde die blauen Wellen purpurrot beleuchtete und dann mit Schaum wieder in die Höhe flog.
Sieh, sie ist nicht erstickt! ... rief heiser Nikolajew.
Ja, antwortete er ganz unwillkürlich und sich selbst unerwartet mit dünner, piepsender Stimme.
Sie begegneten Tragbahren mit Verwundeten und wiederum Regimentswagen mit Schanzkörben. Auf der Korabelnaja trafen sie ein Regiment, und Reiter ritten vorüber. Einer von ihnen war ein Offizier in Begleitung eines Kosaken. Er ritt im Trab, als er aber Wolodja bemerkte, hielt er neben ihm, sah ihm ins Gesicht, wandte um, gab dem Pferde einen Schlag und ritt davon. »Allein, allein; es ist allen ganz gleichgültig, ob ich da bin oder nicht,« dachte der Jüngling und hatte ernstlich Lust zu weinen.
Er schritt bergauf, an einer weißen Mauer vorüber, und kam in eine Straße zerstörter, unaufhörlich von Bomben beleuchteter Häuschen. Da stieß er auf ein betrunkenes, zerlumptes Weib,das mit einem Matrosen aus einem Pförtchen herauskam.
Denn, w–w–wenn er ein Ehrenm–m–mann w–wäre, – lallte sie –pardon, Ew. Wohlgeboren, Herr Offizier!
Dem armen Jüngling ward das Herz immer mehr und mehr bedrückt; und am schwarzen Horizont flammten immer häufiger Blitze auf, und immer häufiger pfiffen und krachten Bomben in seiner Nähe. Nikolajew seufzte auf und begann plötzlich, wie es Wolodja schien, mit bestürzter, gepreßter Stimme:
Und da haben sie sich beeilt, das Gouvernement zu verlassen! Hierher, nur hierher! ... Das verlohnt sich gerade!
Warum nicht, der Bruder ist ja jetzt wieder gesund, antwortete Wolodja, in der Hoffnung, wenigstens durch ein Gespräch das schreckliche Gefühl, das ihn beherrschte, zu verscheuchen.
Gesund ... Schöne Gesundheit, wenn er ganz und gar krank ist!? Auch wer wirklich gesund ist, thäte am besten, in solcher Zeit im Lazarett zu leben. Giebt's hier etwa viel Freude? Entweder wird einem das Bein oder der Arm abgerissen – das ist alles! Ein Unglück ist schnell geschehen! Hier, in der Stadt, ist es noch nicht so wie auf der Bastion, dort geht es wahrhaft schrecklich zu. Wenn man geht, thut man weiter nichts, als beten. Sieh, die Bestie, wie sie an einem vorbeihuscht!fügte er hinzu, und richtete seine Aufmerksamkeit auf einen nahe vorbeisausenden Bombensplitter. Jetzt hat man mir befohlen, fuhr Nikolajew fort, Ew. Wohlgeboren zu führen. Wie's unsereinem geht, das weiß man ja: was befohlen wird, muß man ausführen; da überläßt man dem ersten besten Soldaten den Wagen, und das Bündel ist offen. Aber du geh, geh mit; und was an Sachen verloren geht – Nikolajew, steh dafür ein!
Noch einige Schritte weiter, und sie kamen auf einen Platz. Nikolajew schwieg und seufzte.
Da steht Ihre Artillerie, Ew. Wohlgeboren! sagte er plötzlich, fragen Sie den Posten, er wird Ihnen den Weg zeigen.
Als Wolodja einige Schritte weiter gegangen war, hörte er die Seufzertöne Nikolajews nicht mehr hinter sich.
Er fühlte sich plötzlich vollständig, ganz und gar allein. Dieses Bewußtsein der Vereinsamung in der Gefahr vor dem Tode, wie er glaubte, lag ihm wie ein entsetzlich schwerer, kalter Stein auf der Brust. Er blieb mitten auf dem Platze stehen und schaute sich um, ob ihn nicht jemand sehe, griff sich an den Kopf, sprach vor sich hin und dachte mit Entsetzen: »Herr Gott! Bin ich denn ein Feigling, ein elender, abscheulicher, niedriger Feigling – gilt es nicht das Vaterland, den Zaren, für den ich gestern noch mit Wonne zu sterben wähnte? Nein, ich bin ein unglückliches, bejammernswertes Geschöpf!« Und mit einem wahren Gefühl der Verzweiflung und der Enttäuschung über sich selbst, fragte Wolodja den Posten nach dem Hause des Batteriekommandeurs und ging in der Richtung, die er ihm wies.
Die Wohnung des Batteriekommandeurs, die ihm der Posten gezeigt hatte, war ein kleines, zweistöckige Haus, mit dem Eingange vom Hofe her. Durch das mit Papier verklebte Fenster schimmerte das schwache Licht einer Kerze. Der Bursche saß auf der Außentreppe und rauchte seine Pfeife. Er ging dem Batteriekommandeur Meldung zu machen und führte Wolodja ins Zimmer. Im Zimmer standen, zwischen zwei Fenstern, unter einem zerbrochenen Spiegel, ein mit amtlichen Papieren über und über bedeckter Tisch, einige Stühle und eine eiserne Bettstelle mit reiner Bettwäsche und einem kleinen Teppich davor.
Dicht an der Thür stand ein hübscher Mann mit starkem Schnurrbart – der Feldwebel, mit dem Seitengewehr und einem Mantel, auf dem ein Kreuz und die Medaille für den ungarischen Feldzug hingen. In der Mitte des Zimmers ging ein kleiner, etwa vierzigjähriger Stabsoffizier, mit einer verbundenen, geschwollenen Backe, in einem dünnen, alten Mantel hin und her.
Ich habe die Ehre, mich zu melden, zur fünften Leichten kommandiert, Fähnrich Koselzow II! sagte Wolodja seine eingelernte Phrase her, als er ins Zimmer trat.
Der Batteriekommandeur beantwortete kühl seinen Gruß und forderte Wolodja, ohne ihm die Hand zu geben, auf, sich zu setzen.
Wolodja ließ sich schüchtern auf einen Stuhl neben dem Schreibtisch nieder und spielte mit einer Schere, die ihm in die Hand fiel. Der Batteriekommandeur ging, mit gesenktem Kopf, die Hände auf dem Rücken, unaufhörlich, ohne ein Wort zu sprechen, im Zimmer auf und nieder, mit dem Aussehen eines Menschen, der sich etwas in Erinnerung rufen will, und warf nur von Zeit zu Zeit einen Blick auf die Hände, die mit der Schere spielten.
Der Batteriekommandeur war ein ziemlich beleibter Mann mit einer großen Glatze auf dem Wirbel, einem dichten Schnauzer, der gerade heruntergekämmt war und den Mund bedeckte, und mit freundlichen grauen Augen; er hatte schöne, reine, rundliche Hände, seine Beine waren stark nach außen gekehrt, er trat mit Zuversicht und einer gewissen Stutzerhaftigkeit auf, die andeutete, daß der Batteriekommandeur nicht gerade schüchtern war.
Ja, sagte er und blieb vor dem Feldwebel stehen, der Geschützmannschaft wird man von morgen ab noch einen Topf zugeben müssen, sie werden zu schlecht behandelt. Was meinst du?
Gewiß, man kann ihnen noch was geben, Euer Hochwohlgeboren! Jetzt ist der Hafer billiger geworden, antwortete der Feldwebel und bewegte dabei die Finger an den Händen, die er an den Nähten hielt, die aber offenbar gern seine Rede mit ihrer Gebärde unterstützten. Gestern hat mir auch unser Fourageur Frantschuk vom Train ein Schreiben geschickt, Euer Hochwohlgeboren, wir müßten unbedingt dort Ochsen kaufen, meint er. Es heißt, sie sollen billig sein. Wenn Sie befehlen?
Nun ja, kaufen wir: er hat das Geld. Und der Batteriekommandeur begann wieder im Zimmer auf und nieder zu gehen. – Und wo sind Ihre Sachen? fragte er plötzlich Wolodja und blieb vor ihm stehen.
Den armen Wolodja hatte der Gedanke, daß er ein Feigling sei, so niedergedrückt, daß er in jedem Augenblick, in jedem Wort Verachtung gegen sich, als einen kläglichen Feigling, sah. Es war ihm, als hätte der Batteriekommandeur schon sein Geheimnis durchschaut und spotte seiner. Er antwortete verlegen, die Sachen seien auf der Grafßkaja und der Bruder hätte versprochen, sie ihm morgen zu schicken.
Der Oberst aber hörte kaum auf ihn und fragte, zu dem Feldwebel gewandt:
Wo werden wir den Fähnrich unterbringen?
Den Fähnrich? sagte der Feldwebel, und machte Wolodja noch mehr verlegen durch den flüchtigen Blick, den er ihm zuwarf und der gewissermaßen die Frage ausdrückte: »Was ist das für ein Fähnrich?« – Ja, unten, Euer Hochwohlgeboren, beim Stabskapitän können Seine Wohlgeboren sich einquartieren, fuhr er fort, nachdem er ein wenig nachgedacht hatte; der Stabskapitän sind jetzt auf der Bastion, so daß seine Pritsche leer steht.
Beliebt es Ihnen einstweilen so? fragte der Batteriekommandeur. Sie müssen, denk' ich, müde sein; morgen werden wir es besser einrichten.
Wolodja stand auf und verbeugte sich.
Ist Ihnen nicht Thee gefällig? fragte der Batteriekommandeur, als er bereits bis zur Thür gegangen war. Man kann eine Theemaschine aufstellen.
Wolodja verbeugte sich und ging hinaus. Der Bursche des Obersten begleitete ihn nach unten und führte ihn in ein kahles, schmutziges Zimmer, in dem allerlei Gerümpel umherlag und ein eisernes Bett ohne Wäsche und Decke stand. Auf dem Bett, mit einem dicken Mantel zugedeckt, schlief jemand in einem rosa Hemd.
Wolodja hielt ihn für einen gemeinen Soldaten.
Peter Nikolajewitsch! rief der Offiziersbursche, indem er den Schläfer an der Schulter rüttelte. Hier werden sich der Fähnrich hinlegen ... Dasist unser Junker, fügte er, zum Fähnrich gewandt, hinzu.
Ach, lassen Sie sich nicht stören, bitte! sagte Wolodja; aber der Junker, ein hochgewachsener, stattlicher junger Mann mit hübschen, aber sehr dummen Zügen, stand vom Bett auf, warf sich den Mantel um und ging, augenscheinlich noch halb im Schlafe, aus dem Zimmer.
Schadet nichts, ich werde mich draußen hinlegen, brummte er.
Als Wolodja mit seinen Gedanken allein geblieben war, war sein erstes Gefühl die Angst vor dem wirren, trostlosen Zustand, in dem sich sein Gemüt befand. Er hatte den Wunsch, einzuschlafen und alles ringsumher, vor allem aber sich selbst, zu vergessen. Er löschte das Licht, legte sich auf das Bett und zog seinen Mantel über den Kopf, um sich zu schützen gegen die Angst vor der Dunkelheit, die ihm seit frühester Jugend anhaftete. Plötzlich aber fiel ihm ein, es könnte eine Bombe geflogen kommen, das Dach durchschlagen und ihn töten ... Er horchte auf; gerade über ihm erklangen die Schritte des Batteriekommandeurs.
»Übrigens, wenn eine geflogen kommt – dachte er – trifft sie erst oben und dann mich – alsowenigstens nicht mich allein.« Dieser Gedanke beruhigte ihn ein wenig, er war im Begriff, einzuschlummern. »Wie aber, wenn plötzlich in der Nacht Sewastopol genommen wird, und die Franzosen hier eindringen? Womit werde ich mich verteidigen?« Er stand wieder auf und ging im Zimmer auf und nieder. Die Angst vor der wirklichen Gefahr hatte die geheimnisvolle Angst vor der Finsternis verschlungen. Außer einem Sattel und einem Ssamowar war im Zimmer nichts Festes. »Ich bin ein Elender, ein Feigling, ein abscheulicher Feigling,« dachte er plötzlich, und wieder überkam ihn das drückende Gefühl der Verachtung, des Abscheus sogar vor sich selbst. Er legte sich wieder hin und gab sich Mühe, nichts zu denken. Da tauchten unwillkürlich die Eindrücke des Tages in seiner Phantasie wieder auf, begleitet von ununterbrochenen Tönen, die die Scheiben in dem einzigen Fenster klirren machten, und erinnerten ihn wieder an die Gefahr. Bald phantasierte er von Verwundeten und von Blut, bald von Bomben und Splittern, die ins Zimmer fliegen, bald von der hübschen, barmherzigen Schwester, die ihm, dem Sterbenden, einen Verband anlegt und über ihn weint, bald von seiner Mutter, die in der Kreisstadt an seiner Seite geht und inbrünstig unter Thränen vor dem wunderthätigen Bilde betet, und wieder scheint ihm der Schlaf unmöglich. Plötzlich trat der Gedanke an Gott, den Allmächtigen, der alles wirken und jedes Gebet erhören kann, klar vor seine Seele. Er kniete nieder, bekreuzte sich und faltete die Hände, ganz so, wie man ihn in der Kindheit beten gelehrt hatte. Diese Gebärde versetzte ihn mit einem Schlage in eine längst vergangene, tröstliche Stimmung.
»Wenn ich sterben muß, wenn es sein muß, daß ich vergehe, laß es geschehen, Herr – dachte er – laß es schnell geschehen! ... Bedarf es aber der Tapferkeit, bedarf es der Standhaftigkeit, die ich nicht habe, so gieb sie mir, schütze mich vor Schmach und Schande, die ich nicht ertragen kann, lehre mich, was ich zu thun habe, um Deinen Willen zu erfüllen.«
Seine kindliche, eingeschüchterte, geängstigte Seele ward plötzlich von Mannesmut erfüllt. Sie wurde heller und sah neue, weite, lichte Horizonte. Noch vieles dachte und empfand er in diesem kurzen Augenblick, den diese Stimmung währte; er schlief bald ruhig und furchtlos ein, mitten unter den Tönen des fortdauernden Getöses des Bombardements und des Klirrens der Scheiben.
Großer Gott! Nur du allein hast gehört und kennst die einfältigen, aber inbrünstigen und verzweifelten Gebete der Unwissenheit und irrenden Reue, die Bitten um Heilung des Körpers und Erleuchtung der Seele, die zu dir von diesem schrecklichen Orte des Todes emporgestiegen sind, aus dem Herzen des Generals, der eben an das Georgskreuz gedacht hat und mit Bangen Deine Nähe ahnt, wie des einfachen Soldaten, der sich auf dem nackten Boden der Nikolajew-Batterie wälzt und Dich bittet, ihm im Jenseits Belohnung zu gewähren für alle Leiden! ...
Der ältere Koselzow hatte auf der Straße einen Soldaten seines Regiments getroffen und ging zusammen mit ihm geradewegs nach der fünften Bastion.
Halten Sie sich an die Mauer, Euer Wohlgeboren! sagte der Soldat.
Weshalb?
Es ist gefährlich, Euer Wohlgeboren: sehen Sie, da fliegt sie schon hinüber! sagte der Soldat, indem er auf den pfeifenden Ton einer Kanonenkugel horchte, die auf dem trockenen Weg auf der anderen Seite der Straße einschlug.
Koselzow ging, ohne auf den Soldaten zu hören, kühn in der Mitte der Straße.
Es waren dieselben Straßen, dasselbe sogar noch häufigere Feuern, dasselbe Stöhnen, Vorübertragen von Verwundeten und dieselben Batterien, Brustwehren und Laufgräben, wie im Frühjahr, da er in Sewastopol gewesen; aber das alles war jetzt noch trauriger und zugleich energischer: es gab noch mehr durchgeschlagene Dächer, Licht in den Fenstern war gar nicht mehr sichtbar, außer in Kuschtschins Hause (dem Lazarett), Frauen sah man gar nicht mehr auf der Straße, auf allem lag nicht mehr der frühere Charakter des Alltäglichen und der Sorglosigkeit, sondern der Stempel einer bangen Erwartung und Müdigkeit.
Aber da ist schon der letzte Laufgraben, da tönt auch die Stimme eines Soldaten vom P.-Regiment, der seinen früheren Hauptmann erkannt hat; da steht auch das dritte Bataillon in der Dunkelheit, an die Wand gelehnt, bisweilen auf einen Augenblick durch Schüsse beleuchtet und seine Gegenwart nur durch gedämpftes Murmeln und das Klirren der Gewehre verratend.
Wo ist der Regimentskommandeur? fragte Koselzow.
In der Blindage, Euer Wohlgeboren, bei den Seeleuten, antwortete ein dienstfertiger Soldat. Bitte, ich werde Sie führen.
Von Laufgraben zu Laufgraben führte der Soldat Koselzow zu einem kleinen Graben in einem Laufgraben. Im Graben saß ein Matrose, der seine Pfeife rauchte; hinter ihm war eine Thür sichtbar, durch deren Spalt Licht schimmerte.
Darf man eintreten?
Werde Sie sogleich melden! und der Soldat trat zur Thür ein.
Drinnen sprachen zwei Stimmen.
Wenn Preußen die Neutralität bewahrt, sagte die eine Stimme, so wird auch Österreich ...
Ach was, Österreich, sagte die andere, wenn die slavischen Völker ... Laß eintreten.
Koselzow war nie in dieser Blindage gewesen. Sie frappierte ihn durch ihren Luxus. Der Fußboden war getäfelt, an der Thür hielt eine spanische Wand den Wind ab. Zwei Betten waren an den Wänden aufgestellt; in einer Ecke stand ein großes Bild der Gottesmutter in goldenen Gewändern, und vor ihm brannte eine rosa Lampe. Auf dem einen Bett schlief ein Marineoffizier, vollständig angekleidet; auf dem andern saßen vor einem Tisch, auf dem zwei halbvolle Flaschen Wein standen, der neue Regimentskommandeur im Gespräch mit seinem Adjutanten. Obgleich Koselzow durchaus kein Feigling war und sich weder der Behörde, noch dem Regimentskommandeur gegenüber einer Schuld bewußt war, wurde er doch zaghaft bei dem Anblick des Hauptmanns, der vor kurzem noch sein Kamerad gewesen war; so stolz erhob sich dieser Hauptmann, um ihn auszufragen. »Sonderbar, dachte Koselzow, während er seinen Kommandeur ansah, sieben Wochen sind es erst, daß er das Regiment bekommen hat, und wie deutlich spricht schon aus allem, was ihn umgiebt, aus seinerKleidung, aus seinem Gebahren, aus seinem Blick, die Würde des Regimentskommandeurs. Vor kurzem – dachte er – hat dieser Batteriechef noch mit uns gezecht, an Wochentagen ein dunkles Zitzhemd getragen, das länger rein hält, nie jemand zu sich eingeladen, und immer und ewig Klops und Quarkpiroggen gegessen, und jetzt? ... Und im Blick dieser Ausdruck kalten Hochmuts, der zu sagen scheint: wenn ich auch dein Kamerad bin, weil ich Regimentskommandeur neuer Schule bin, glaube nur, ich weiß, wie gern du dein halbes Leben hingäbest, um an meiner Stelle zu sein!«
Sie haben sich recht lange kurieren lassen, sagte der Oberst zu Koselzow und sah ihn kühl an.
Ich bin krank gewesen, Oberst! Die Wunde ist jetzt noch nicht ganz geschlossen.
So sind Sie unnütz gekommen, sagte der Oberst und betrachtete mißtrauisch die volle Gestalt des Offiziers. Sie können aber doch den Dienst versehen?
Gewiß kann ich das!
Nun, ich freue mich sehr. So übernehmen Sie vom Fähnrich Sajzow die neunte Kompagnie – Ihre frühere; sogleich werden Sie die Ordre erhalten.
Zu Befehl!
Wollen Sie die Güte haben, wenn Sie fortgehen, den Regimentsadjutanten zu mir zu schicken, schloß der Regimentskommandeur, und gab durcheine leichte Verbeugung zu verstehen, daß die Audienz beendet sei.
Während Koselzow aus der Blindage herausging, brummte er etwas vor sich hin und zog die Schultern hoch, als bereite ihm etwas Schmerz, Unbehagen oder Ärger – Ärger nicht über den Regimentskommandeur (der hatte ihm keinen Grund gegeben); er war mit sich selbst, mit allem, was um ihn her vorging, unzufrieden.
Bevor Koselzow sich zu seinen Regimentskameraden begab, ging er, seine Kompagnie zu begrüßen und zu sehen, wo sie stand. Die aus Schanzkörben gebildeten Brustwehren, die Anlage der Laufgräben, die Kanonen, an denen er vorbeikam, sogar die Splitter der Bomben, über die er unterwegs stolperte, – das alles, unaufhörlich durch das Feuer der Schüsse erhellt, war ihm bekannt; das alles hatte sich vor drei Monaten, im Verlauf der vierzehn Tage, die er ununterbrochen auf derselben Bastion zugebracht, seinem Gedächtnisse lebhaft eingeprägt. Obwohl viel Schreckliches in der Erinnerung lag, hatte sie doch auch den großen Zauber des Vergangenen, und er sah mit Vergnügen, als wären die hier zugebrachten vierzehn Tage angenehme gewesen, die bekannten Orte und Gegenstände wieder. DieKompagnie lag an der Verteidigungswand, bei der sechsten Bastion.
Koselzow ging in eine lange, vom Eingange her vollständig offene Blindage, in der, wie man ihm sagte, die neunte Kompagnie stand. In der ganzen Blindage war buchstäblich kein Fuß breit Platz: so voll war sie vom Eingang ab von Soldaten. Auf der einen Seite brannte ein kurzes Talglicht. Das Licht hielt, liegend, ein Soldat und beleuchtete ein Buch, das ein anderer buchstabierend las. Um das Licht waren in dem trüben Halbdunkel der Blindage erhobene Köpfe sichtbar, die gespannt dem Leser zuhörten. Das Buch war ein ABC-Buch. Als Koselzow in die Blindage eintrat, hörte er folgendes:
»Ge–bet nach Be–en–di–gung des Un–terrichts. Ich dan–ke Dir Schöp–fer ...«
Putzt doch das Licht! rief eine Stimme. Das Buch ist prächtig ... »Mein ... Gott ...« fuhr der Vorleser fort.
Als Koselzow nach dem Feldwebel fragte, verstummte der Vorleser, die Soldaten gerieten in Bewegung, husteten, schnäuzten sich, wie stets nach einem anhaltenden Schweigen. Der Feldwebel erhob sich, seinen Mantel zuknöpfend, von seinem Platz in der Nähe des Vorlesers und kam, über die Füße und auf den Füßen derer, die nicht Zeit hatten, sie wegzuziehen, schreitend, an den Offizier heran.
Guten Tag, Brüderchen! Ist das alles unsere Kompagnie?
Wir wünschen Gesundheit! Wir gratulieren zur Ankunft, antwortete der Feldwebel, indem er heiter und freundlich Koselzow ansah. – Hat sich Ihr Befinden gebessert? Nun Gott sei Dank. Wir haben uns sehr nach Ihnen gesehnt.
Man sah gleich, daß Koselzow bei der Kompagnie beliebt war.
Im Hintergrunde der Blindage ließen sich Stimmen hören: der frühere Kompagniekommandeur ist wieder da, der verwundet war, Koselzow, Michail Ssemjonytsch ist wieder da u. dgl.; einige gingen sogar auf ihn zu, der Trommler begrüßte ihn.
Guten Tag, Obantschuck? sagte Koselzow. Unversehrt? ... Wünsch' euch Gesundheit, Kinder, rief er darauf mit erhobener Stimme.
Wir wünschen Ihnen Gesundheit! tönte es tosend in der Blindage.
Wie geht's euch, Kinder?
Schlecht, Euer Wohlgeboren; der Franzose hat die Oberhand, – er schießt so bös von den Schanzen her – und damit basta, ins Feld wagt er sich nicht.
Vielleicht giebt's Gott, zu meinem Glück, daß sie auch ins Feld kommen, Kinder! erwiderte Koselzow. Ich bin ja nicht das erstemal bei euch: wir werden sie wieder ausklopfen.
An uns soll's nicht fehlen, Euer Wohlgeboren! antworteten einige Stimmen.
Na, aber sie sind tapfer! sagte eine Stimme.
Furchtbar tapfer! sagte der Trommler nicht laut, aber so, daß es hörbar war, zu einem anderen Soldaten gewandt, als wenn er vor diesem die Worte des Kompagnieführers rechtfertigen und ihn überzeugen wollte, daß in diesen Worten nichts Prahlerisches und Unwahrscheinliches liege.
Von den Soldaten ging Koselzow in die Kaserne der Verteidigungstruppen zu den Offizieren, seinen Kameraden.
In dem großen Zimmer der Kaserne waren eine Menge Leute: Marine-, Artillerie- und Infanterieoffiziere. Die einen schliefen, andere unterhielten sich, auf dem Pulverkasten und der Lafette einer Festungskanone sitzend; die dritten bildeten im Alkoven eine große und laute Gruppe, sie saßen auf der Diele auf zwei ausbreiteten Filzmänteln, tranken Porter und spielten Karten.
Ah, Koselzow, Koselzow ... Gut, daß du gekommen bist. Brav! ... Was macht die Wunde? ließ sich von verschiedenen Seiten hören. Auch hier konnte man sehen, daß man ihn gern hatte und sich über seine Ankunft freute.
Koselzow schüttelte seinen Bekannten die Handund gesellte sich zu der lauten Gruppe, die aus mehreren Offizieren bestand, die Karten spielten. Es waren auch Bekannte von ihm darunter. Ein hübscher, magerer, brünetter Mann mit einer langen, hageren Nase und einem starken Schnauzbart, der lang von den Wangen herabhing, hielt die Bank mit seinen weißen, hageren Fingern, auf einem der Finger trug er einen großen goldenen Siegelring mit einem Wappen. Er legte die Karten gerade vor sich hin, ohne Sorgfalt, er war offenbar erregt und wollte nur sorglos erscheinen. Neben ihm zur Rechten war, auf den Ellbogen gestützt, ein grauköpfiger Major hingestreckt, setzte mit erheuchelter Kaltblütigkeit immer einen halben Rubel und zahlte sofort aus. Zur linken Hand saß kauernd ein hübscher junger Offizier mit schweißigem Gesicht, lächelte gezwungen und scherzte. Wenn seine Karte dran war, bewegte er unaufhörlich die eine Hand in seiner leeren Hosentasche. Er spielte um hohen Einsatz, aber offenbar nicht mehr um Tausende, was den hübschen, brünetten Herrn wurmte. Ein kahlköpfiger Offizier mit riesiger Nase und großem Mund, ein hagerer und blasser Mann, ging im Zimmer auf und nieder, hielt einen großen Haufen Banknoten in der Hand, spielte immer mit barem Geldeva banqueund gewann immer.
Koselzow trank einen Schnaps und setzte sich zu den Spielern.
Setzen Sie doch, Michail Ssemjonytsch! sagte der Bankhalter zu ihm. Geld, meine ich, müssen Sie die Menge mitgebracht haben.
Wie soll ich zu Geld kommen? Im Gegenteil, ich habe das letzte in der Stadt gelassen.
Wie? Sie haben doch gewiß jemanden in Ssimferopol aufsitzen lassen.
Wahrhaftig, ich habe nicht viel, sagte Koselzow, aber er wünschte offenbar nicht, daß man ihm glaube, knöpfte den Rock auf und nahm die alten Karten zur Hand.
Ein Versuch kann nicht schaden. Man muß das Schicksal versuchen! Jedes Tierchen hat sein Plaisierchen! ... Sie müssen nur eins trinken, sich Mut zu machen.
Er trank ein zweites Gläschen Schnaps und etwas Porter, und hatte in kurzer Zeit seine letzten drei Rubel verspielt.
Der kleine schweißige Offizier war mit hundertfünfzig Rubel in der Kreide.
Nein, es will nicht glücken, sagte er und griff nachlässig nach einer neuen Karte.
Wollen Sie einsetzen, sagte der Bankhalter zu ihm, hielt einen Augenblick inne und sah ihn an.
Gestatten Sie mir, morgen zu setzen, antwortete der schweißige Offizier, erhob sich und bewegte noch lebhafter seine Hand in der leeren Tasche.
Hm ... brummte der Bankhalter, warf sich ärgerlich nach rechts und nach links und führte dieTaille zu Ende. – Aber nein, so geht's nicht, sagte er und legte die Karten hin. Ich passe. So geht's nicht, Sachar Iwanytsch, fügte er hinzu. Wir haben auf bar gespielt und nicht auf Kreide.
Wie, zweifeln Sie an mir? ... Merkwürdig, wahrhaftig!
Von wem wünschen Sie Geld? brummte der Major, der etwa acht Rubel gewonnen hatte. Ich habe schon mehr als zwanzig Rubel gesetzt, und habe gewonnen, aber ich bekomme nichts.
Woher soll ich denn zahlen, sagte der Bankhalter, wenn kein Geld auf dem Tische ist.
Was kümmert das mich? schrie der Major und erhob sich, ich spiele mit Ihnen und nicht mit dem da.
Der schweißige Offizier wurde plötzlich hitzig.
Ich sage, ich bezahle morgen – wie können Sie es wagen, mir Grobheiten zu sagen.
Ich sage, was ich will! So handelt man nicht, wissen Sie's nun? schrie der Major.
Lassen Sie gut sein, Fjodor Fjodorytsch, begannen alle und hielten den Major zurück.
Aber senken wir schnell den Vorhang über dieses Schauspiel. Morgen, heute schon wird vielleicht jeder dieser Menschen heiter und stolz dem Tode entgegengehen und standhaft und ruhig sterben; aber der einzige Lebenstrost in diesen, auch die kühlste Einbildungskraft entsetzenden Verhältnissen des Mangels alles Menschlichen und der Aussichtslosigkeit einer Besserung, der einzige Trost ist Vergessen, Vernichtung des Bewußtseins. Auf dem Grunde der Seele eines jeden ruht der edle Funke, der einen Helden aus ihm macht; aber dieser Funke hört auf hell zu glimmen – kommt die entscheidende Stunde, dann lodert er flammend auf und beleuchtet große Thaten.
Am folgenden Tage dauerte das Bombardement mit gleicher Stärke fort. Gegen elf Uhr morgens saß Wolodja Koselzow in dem Kreise der Batterieoffiziere; er hatte sich schon ein wenig an sie gewöhnt und betrachtete die neuen Gesichter, beobachtete, fragte und erzählte. Das bescheidene, in gewissem Sinne auf Gelehrsamkeit Anspruch machende Gespräch der Artillerieoffiziere flößte ihm Achtung ein und gefiel ihm. Das schamhafte, unschuldige und hübsche Äußere Wolodjas machte ihm die Offiziere geneigt. Der älteste Offizier in der Batterie, ein Kapitän, ein Mann von kleiner Gestalt und rötlichem Haar mit einem Schopf und glattgekämmten Schläfen, in den alten Überlieferungen der Artillerie aufgewachsen, ein Ritter der Damen und sozusagen ein Gelehrter, fragte Wolodja nach seinen Kenntnissen in der Artillerie und nach neuen Erfindungen, spöttelte liebenswürdigüber sein hübsches Gesichtchen und ging mit ihm im allgemeinen wie ein Vater mit seinem Sohne um, was Wolodja sehr wohl that. Der Unterleutnant Djadjenko, ein junger Offizier, der mit kleinrussischem Accent sprach, in einem zerrissenen Mantel und mit zerzaustem Haar, sprach zwar sehr laut, suchte immer eine Gelegenheit, giftig zu sein und hatte eckige Bewegungen, gefiel aber trotzdem Wolodja, der unter dieser herben Außenseite natürlich einen sehr prächtigen und guten Menschen sah. Djadjenko bot Wolodja fortwährend seine Dienste an und setzte ihm auseinander, daß alle Geschütze in Sewastopol nicht regelrecht aufgestellt seien. Leutnant Tschernowizkij mit den hochgezogenen Brauen gefiel Wolodja nicht, er war zwar höflicher als die anderen und trug einen ziemlich sauberen, wenn auch nicht neuen, doch aber sorgfältig geflickten Rock und ließ auf seiner Atlasweste eine goldene Kette sehen. Er wurde nicht müde zu fragen, was der Kaiser und der Kriegsminister machen, und erzählte ihm unaufhörlich mit erkünstelter Begeisterung von den Heldenthaten vor Sewastopol, klagte darüber, daß es so wenig Patrioten gebe und ließ überhaupt viel Wissen, Geist und edles Empfinden durchblicken; aber es berührte doch alles Wolodja unangenehm und unnatürlich. Vor allem bemerkte er, daß die übrigen Offiziere mit Tschernowizkij fast gar nicht sprachen. Der Junker Wlang, den er gesterngeweckt hatte, war ebenfalls da. Er sprach nichts, sondern saß bescheiden in einer Ecke und lachte, wenn etwas Spaßhaftes erzählt und dabei etwas vergessen wurde, dessen er sich erinnerte, reichte Branntwein herum und machte für alle Offiziere Cigaretten. Mochte das bescheidene, höfliche Betragen Wolodjas, der mit ihm gerade so verkehrte, wie mit den Offizieren, und ihn nicht wie einen Knaben behandelte, oder sein angenehmes Äußere »Wlanga«, wie ihn die Soldaten nannten, indem sie seinen Namen zu einem Femininum umbildeten, fesseln, er konnte seine gutmütigen, großen Augen von dem Gesicht des neuen Offiziers nicht abwenden, indem er alle seine Wünsche zu erraten und ihnen zuvorzukommen suchte, und sich ununterbrochen in einer Extase der Verliebtheit befand, die natürlich von den Offizieren bemerkt und verspottet wurde.
Vor dem Mittagessen wurde ein Stabskapitän von der Bastion abgelöst und schloß sich ihrer Gesellschaft an. Stabskapitän Kraut war ein blonder, hübscher, fescher Offizier mit großem rötlichen Schnurrbart und Backenbart; er sprach das Russische vortrefflich, aber zu regelrecht und schön für einen Russen. Im Dienst und im Leben war er ganz wie in seiner Sprache: im Dienst ausgezeichnet, ein vortrefflicher Kamerad, der zuverlässigste Mann in Geldangelegenheiten, aber einfach als Mensch, und gerade deshalb, weil alles in einem gewissenSinne gut an ihm war, fehlte ihm etwas. Wie alle russischen Deutschen war er, ein sonderbarer Gegensatz zu den »idealen« Deutschen, im höchsten Grade »praktisch«.
Da erscheint unser Held! rief der Kapitän, als Kraut, die Arme schwenkend und mit den Sporen klirrend, ins Zimmer kam.
Was wünschen Sie, Thee oder Schnaps?
Ich habe schon befohlen, den Ssamowar aufzustellen, antwortete er. Aber einen Schnaps kann man inzwischen schon genehmigen, denn der erfreut des Menschen Herz. Freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen; ich bitte Sie, uns Freund und Gönner zu sein, sagte er zu Wolodja, der aufgestanden war und sich vor ihm verneigte. Stabskapitän Kraut ... Der Feuerwerker hat mir auf der Bastion gesagt, daß Sie schon gestern angekommen sind.
Ich danke Ihnen sehr für Ihr Bett; ich habe die Nacht darauf geschlafen.
Aber auch gut? ... Ein Fuß ist abgebrochen, und beim Belagerungszustande findet sich niemand, ihn auszubessern, – man muß was unterlegen.
Nun, wie war's, haben Sie glücklichen Tagesdienst gehabt? fragte Djadjenko.
Ja, es war weiter nichts; nur Skworzow hat was abbekommen, auch eine Lafette mußte ausgebessert werden: ihre Wand ist in tausend Stücke geschossen worden.
Er erhob sich von seinem Platz und begann hin- und herzugehen: es war ihm anzumerken, daß er sich unter dem Einflusse der angenehmen Stimmung eines Menschen befand, der soeben einer Gefahr entronnen ist.
Na, Dmitrij Gawrilytsch, sagte er und klopfte dem Kapitän auf die Knie. Wie geht's, Väterchen? Noch keine Antwort auf den Vorschlag zur Beförderung?
Noch nichts.
Es kommt auch nichts, begann Djadjenko, ich habe es Ihnen vorher klar gemacht.
Warum denn nicht?
Warum? weil die Relation nicht so abgefaßt ist.
Ach Sie, Sie sind ein Streithahn, ein rechter Streithahn! sagte Kraut und lächelte fröhlich. Ein echter, hartnäckiger Chacholl (Spitzname für die Kleinrussen), aber Ihnen zum Possen wird der Leutnant herauskommen.
Nein, er wird nicht herauskommen.
Wlang! bringen Sie mir doch meine Pfeife her und stopfen Sie sie mir, sagte er zu dem Junker gewandt, der sofort bereitwillig nach der Pfeife lief.
Kraut brachte Leben in die Gesellschaft. Er erzählte vom Bombardement, fragte, was in seiner Abwesenheit geschehen war und plauderte mit allen.
Na, wie haben Sie sich bei uns schon eingerichtet? fragte Kraut Wolodja. Verzeihen Sie, wie ist Ihr Vor- und Vatersname? Bei uns in der Artillerie ist es einmal so Sitte ... Haben Sie schon ein Reitpferd angeschafft?
Nein, sagte Wolodja, ich weiß nicht, was werden wird. Ich habe dem Kapitän gesagt ... ich habe kein Pferd, ich habe aber auch kein Geld, so lange ich nicht Zehr- und Reisegelder bekomme.
Apollon Sergjeitsch? – er brachte mit den Lippen einen Laut hervor, der starken Zweifel ausdrückte und sah den Kapitän an, – kaum!
Je nun, schlägt er's ab, ist's auch kein Unglück, sagte der Kapitän, hier braucht man eigentlich kein Pferd, aber man kann's immerhin versuchen, ich will heute fragen.
Wie, kennen Sie ihn nicht? mischte sich Djadjenko ein, etwas anderes kann er abschlagen, aber Ihnen wird er keineswegs ... Wollen Sie wetten?
Na ja, Sie müssen natürlich immer widersprechen.
Ich widerspreche, weil ich weiß: in anderen Dingen ist er geizig, aber ein Pferd giebt er, er hat ja auch keinen Vorteil von der Ablehnung.
Gewiß hat er Vorteil davon, wenn ihm hierder Hafer acht Rubel zu stehen kommt, sagte Kraut. Man hat Vorteil, wenn man keine überflüssigen Pferde hält.
Bitten Sie um den Staar, Wladimir Ssemjonytsch, sagte Wlang, der mit Krauts Pfeifchen zurückkam, ein ausgezeichnetes Pferd!
Mit dem Sie in Ssoroki in den Graben gefallen sind, Wlanga, hm? bemerkte der Stabskapitän.
Nein, aber was sprechen Sie da, acht Rubel der Hafer, fuhr Djadjenko fort im Streit, wo er seine Rechnung mit zehneinhalb macht? ... Natürlich, hat er keinen Vorteil davon.
Das wäre schön, wenn ihm nicht noch was übrig bliebe! Wenn Sie, so Gott will, Batteriekommandeur sind, so geben Sie kein Pferd, nach der Stadt zu reiten.
Wenn ich Batteriekommandeur bin, Väterchen, soll jedes Pferd vier Maß Futter haben, ich werde keine Gelder zusammenscharren, haben Sie keine Sorge.
Wer's erlebt, wird's sehen ... sagte der Stabskapitän. Und Sie werden ebenso handeln, und Sie auch, wenn Sie eine Batterie kommandieren werden, fügte er hinzu und zeigte auf Wolodja.
Warum glauben Sie, Friedrich Christianytsch, daß auch Sie Profit machen wollen? mischte sich Tschernowizkij ein. Vielleicht haben Sie Vermögen, wozu sollten Sie Vorteil suchen?
Nicht doch, ich halte ... Verzeihen Sie mir, Kapitän, sagte Wolodja und wurde bis über die Ohren rot, ich halte das für unehrenhaft.
Aha, wie heikel er ist! sagte Kraut.
Das ist ganz gleich: ich meine nur, wenn es nicht mein Geld ist, darf ich's auch nicht nehmen.
Und ich sage Ihnen nur so viel, junger Mann, begann der Stabskapitän in ernsterem Ton, Sie müssen wissen, wenn Sie eine Batterie kommandieren, wenn Sie da Ihre Sache gut machen, dann ist alles in Ordnung; in die Ernährung der Truppen mischt sich der Batteriekommandeur nicht: das wird in der Artillerie von altersher so gehalten. Sind Sie ein schlechter Wirt, so behalten Sie nichts übrig. Hier müssen Sie Ausgaben machen, im Widerspruch mit Ihren Verhältnissen, für Hufbeschlag – das ist eins (er bog einen Finger ein), für die Apotheke – das ist zwei (er bog einen zweiten Finger ein), für die Kanzlei, drei, für Handpferde an die fünfhundert zahlen, Väterchen – das ist vier, Sie müssen den Soldaten neue Kragen geben, Kohlen brauchen Sie viel, Tisch für die Offiziere müssen Sie halten. Sind Sie Batteriekommandeur, so müssen Sie anständig leben, Sie müssen einen Wagen haben, einen Pelz und noch zwei, drei, zehn andere Dinge ... Was ist da viel zu reden!
Die Hauptsache aber, fiel der Kapitän ein, der die ganze Zeit geschwiegen hatte, die Hauptsache, Wladimir Ssemjonytsch, ist die: stellen Sie sich vor, ein Mensch, wie ich zum Beispiel, dient zwanzig Jahre, erst für zwei-, dann für dreihundert Rubel Gehalt; soll man ihm für seinen Dienst nicht wenigstens ein Stück Brot im Alter geben?
Ach, was soll das! begann wieder der Stabskapitän, urteilen Sie nicht voreilig, kommt Zeit, kommt Rat, leisten Sie nur Ihren Dienst.
Wolodja überkam eine schreckliche Scham, weil er so unüberlegt gesprochen hatte, er brummte etwas in den Bart und dann hörte er weiter schweigend zu, wie Djadjenko im höchsten Eifer wieder zu streiten begann und das Entgegengesetzte behauptete.
Der Streit wurde durch den Eintritt des Hauptmannsburschen unterbrochen, der zum Essen rief.
Aber sagen Sie heute Appollon Sergjeewitsch, er solle Wein geben, sagte Tschernowizkij zum Kapitän und knöpfte sich den Rock zu. Was knausert er? Sind wir erst tot, kriegt keiner was!
Sagen Sie's ihm selbst.
Das geht nicht. Sie sind der älteste Offizier. Alles muß seine Ordnung haben.
In dem Zimmer, in dem sich Tags zuvor Wolodja beim Obersten gemeldet hatte, war derTisch von der Wand abgerückt und mit einem schmutzigen Tischtuch bedeckt. Diesmal gab ihm der Batteriekommandeur die Hand und fragte ihn über Petersburg und seine Reise aus.
Nun, meine Herren, wer Branntwein trinkt, den bitte ich zuzugreifen. Die Fähnriche trinken keinen, fügte er lächelnd hinzu.
Überhaupt zeigte sich der Batteriekommandeur heute durchaus nicht so mürrisch, wie Tags zuvor: er hatte im Gegenteil das Benehmen eines guten, gastfreien Wirts und eines älteren Kameraden unter den Offizieren. Aber trotzdem bezeigten ihm alle Offiziere die größte Achtung, vom alten Kapitän an bis zum Fähnrich Djadjenko, die sich darin kundgab, wie sie mit einem höflichen Blick auf den Kommandeur sprachen und wie sie einer nach dem andern zögernd herantraten und den Schnaps tranken.
Das Mittagessen bestand aus einer großen Schüssel Kohlsuppe, in der fette Stücke Rindfleisch schwammen, und die mit einer ungeheuren Menge von Pfeffer und Lorbeerblättern gewürzt war, aus polnischen Zrazy mit Senf und aus Kaldaunen mit nicht ganz frischer Butter. Servietten gab es nicht, die Löffel waren aus Blech und Holz, Gläser gab es zwei, und auf dem Tische stand eine Karaffe Wasser mit abgebrochenem Halse; aber das Mittagmahl war recht heiter: die Unterhaltung verstummte keinen Augenblick. Zuerst war von demTreffen bei Inkermann die Rede, an dem die Batterie teilgenommen hatte, und jeder erzählte seine Eindrücke und sprach seine Meinung über die Ursache des Mißerfolges aus und verstummte, sobald der Batteriekommandeur selbst zu sprechen begann; dann ging das Gespräch ungezwungen auf die Unzulänglichkeit des Kalibers der leichten Geschütze über, zu den neuen leichteren Kanonen, und Wolodja hatte dabei Gelegenheit, seine Kenntnisse in der Artillerie zu zeigen. Aber bei der gegenwärtigen, entsetzlichen Lage Sewastopols blieb das Gespräch nicht stehen, als ob jeder viel zu sehr an diesen Gegenstand dachte, als daß er noch darüber sprechen sollte. Auch von den Pflichten des Dienstes, die Wolodja auf sich nehmen sollte, war zu seinem Erstaunen und Verdruß gar nicht die Rede, als ob er nach Sewastopol gekommen wäre, nur um über die leichteren Geschütze zu plaudern und bei dem Batteriekommandeur Mittag zu speisen. Während des Essens fiel unweit des Hauses, in dem sie saßen, eine Bombe nieder. Der Fußboden und die Wände zitterten, wie von einem Erdbeben, und die Fenster wurden vom Pulverdampf verdunkelt.
Das haben Sie wohl in Petersburg nicht gesehen, hier sind solche Überraschungen häufig, sagte der Batteriekommandeur. Wlang, sehen Sie nach, wo sie geplatzt ist.
Wlang sah nach und meldete: auf dem Platze,und weiter war von der Bombe nicht mehr die Rede.
Kurz vor Ende des Mittagessens kam ein alter Batterieschreiber ins Zimmer mit drei versiegelten Briefen und übergab sie dem Batteriekommandeur.
Das hier ist sehr dringlich, soeben hat es ein Kosak vom Oberbefehlshaber der Artillerie überbracht.
Alle Offiziere blickten mit ungeduldiger Erwartung auf die in solchen Dingen geübten Finger des Batteriekommandeurs, die das Siegel erbrachen und das »sehr dringliche« Schriftstück herauszogen. »Was kann das wohl sein?« stellte sich jeder die Frage. Es konnte der Befehl zum Ausmarsch aus Sewastopol sein, um auszuruhen, es konnte aber auch die Beorderung der ganzen Batterie auf die Bastionen sein.
Wieder! sprach der Batteriekommandeur und warf zornig das Papier auf den Tisch.
Was enthält es, Apollon Ssergjeewitsch? fragte der älteste Offizier.
Man verlangt einen Offizier mit Bedienungsmannschaft für eine Mörserbatterie ... Ich habe im ganzen nicht mehr als vier Offiziere, und meine Bedienungsmannschaft ist nicht vollzählig, brummte der Batteriekommandeur, und da verlangt man noch das! Aber einer muß gehen, meine Herren, rief er nach einem kurzen Schweigen. Der Befehl lautet, um sieben Uhr auf der Schanze sein ...Den Feldwebel herschicken! Wer geht, meine Herren? entscheiden Sie, wiederholte er.
Nun, Sie sind ja noch nirgends gewesen, sagte Tschernowizkij auf Wolodja zeigend.
Der Batteriekommandeur antwortete nichts.
Ja, ich gehe gern, sagte Wolodja und fühlte, wie ihm kalter Schweiß auf dem Rücken und am Halse hervortrat.
Nein, weshalb! fiel der Kapitän ein. Natürlich wird sich niemand weigern, aber es ist kein Grund, sich selbst anzubieten; da es uns Apollon Ssergjeewitsch freistellt, so wollen wir losen, wie wir es damals gethan haben.
Alle waren einverstanden. Kraut schnitt Papierstreifen, rollte sie zusammen und warf sie in eine Mütze. Der Kapitän scherzte dabei und entschloß sich sogar bei dieser Gelegenheit, den Oberst um Branntwein zu bitten, »um tapfer zu bleiben«, wie er sich ausdrückte. Djadjenko saß finster da, Wolodja lächelte, Tschernowizkij behauptete, es werde bestimmt ihn treffen. Kraut war vollständig ruhig.
Wolodja ließ man zuerst wählen. Er nahm einen Papierstreifen, der war sehr lang; da fiel es ihm ein, einen andern zu wählen, – er zog einen zweiten, kleineren und dünneren, entfaltete ihn und las: »gehen«.
Ich! sagte er seufzend.
Nun, mit Gott. So bekommen Sie bald IhreFeuertaufe, sagte der Kommandeur, indem er mit einem gutmütigen Lächeln dem Fähnrich in das verlegene Gesicht sah, machen Sie sich nur bald fertig. Und damit Sie sich nicht langweilen, wird Wlang als Feuerwerker mit Ihnen gehen.
Wlang war mit diesem Befehl außerordentlich zufrieden, er machte sich schnell fertig, um Wolodja zu helfen, und redete ihm zu, das Bett, den Pelz, eine alte Nummer der »Vaterländischen Annalen«, die Spiritusmaschine zum Kaffeekochen und andere unwichtige Dinge mitzunehmen. Der Kapitän riet Wolodja, zunächst im »Handbuch«[E]den Abschnitt über das Schießen aus Mörsern zu lesen und sich die Schießtabellen herauszuschreiben. Wolodja ging sofort ans Werk und bemerkte zu seiner Verwunderung und Freude, daß, obwohl das Gefühl der Furcht vor der Gefahr und noch mehr davor, sich feig zu erweisen, ihn noch immer ein wenig beunruhigte, dies doch nicht in dem Grade der Fall war, wie am Abend vorher. Zum Teil lag das an den Eindrücken des Tages und seiner Thätigkeit, zum Teil, und zwar zum größeren Teil daran, daß die Furcht, wie jedes starke Gefühl, nicht lange in gleichem Grade dauern kann. Miteinem Worte, er war schon so weit, daß er den Furchthöhepunkt hinter sich hatte. In der siebenten Stunde, da sich eben die Sonne hinter der Nikolajewkaserne verbarg, kam der Feldwebel zu ihm mit der Meldung, die Leute seien bereit und warten.