Der junge Rekrut bog, da er es noch nicht gewohnt war, bei jeder Kugel den Kopf beiseite und reckte den Hals, und auch das rief bei den Soldaten Gelächter hervor. »Wie, ist das eine Bekannte von dir, daß du sie grüßest?« sagten sie zu ihm. Auch Welentschuk, der immer außerordentlich gleichmütig war in Gefahren, befand sich jetzt in erregtem Zustand: es kränkte ihn offenbar, daß wir nicht mit Kartätschen nach der Richtung schossen, wo die Gewehrkugeln hergeflogenkamen. Er wiederholte mehrere Male mit verdrießlicher Stimme: »Solleruns so ungestraft schlagen? Wenn man dorthin ein Geschütz richten wollte und eine Kartätsche hinüberblasen, dann würde er schon stumm werden.«
In der That, es war Zeit, das zu thun: ich gab Befehl, die letzte Granate zu werfen und Kartätschen zu laden.
Kartätschen! rief Antonow und trat munter im Rauch mit dem Stückputzer an das Geschütz heran, kaum daß die Ladung heraus war.
In diesem Augenblick hörte ich ein wenig hinter mir den raschen summenden Laut einer Gewehrkugel, der plötzlich mit einem trockenen Schlag abriß. Mein Herz krampfte sich zusammen. »Es scheint jemand von den Unsrigen getroffen zu haben,« dachte ich, scheute mich indessen zurückzublicken, unter dem Eindruck einer beängstigenden Ahnung. Wirklich hörte man nach diesem Laut das schwere Fallen eines Körpers und »oh–oh oh oh–oi!« – das herzzerreißende Stöhnen eines Verwundeten. »Getroffen, Kameraden!« sagte mühsam eine Stimme, die ich erkannte. Es war Welentschuk. Er lag auf dem Rücken zwischen dem Protzkasten und dem Geschütz. Der Ranzen, den er getragen hatte, war nach der Seite geschleudert. Seine Stirn war ganz blutig, und über das rechte Auge und die Nase floß ein dichter roter Strom. Er hatte eine Wunde im Leibe, aber es war fastkein Blut daran; die Stirn hatte er sich beim Fallen an einen Baumstumpf zerschlagen.
Alles das ward mir viel später erst klar; im ersten Augenblick sah ich nur eine deutliche Masse und, wie mir schien, furchtbar viel Blut.
Keiner von den Soldaten, die das Geschütz geladen hatten, sprach ein Wort. Nur der junge Rekrut brummte etwas vor sich hin wie: »Sieh mal dieses Blut,« und Antonow ächzte mit düsterer Miene ärgerlich; aber an allem war zu erkennen, daß der Gedanke an den Tod allen durch die Seele zog. Alle gingen mit noch größerer Geschäftigkeit ans Werk. Das Geschütz war in einem Augenblick geladen, und der Wagenführer, der die Kartätschen brachte, ging zwei, drei Schritte um die Stelle herum, an der der Verwundete lag und fort und fort stöhnte.
Jeder, der einmal in einer Schlacht gewesen ist, hat gewiß das seltsame, wenn auch nicht logische und doch starke Gefühl des Abscheus vor einer Stelle empfunden, an der ein Mensch getötet oder verwundet wurde. Diesem Gefühl erlagen sichtlich im ersten Augenblick meine Soldaten, als es galt, Welentschuk aufzuheben und ihn auf den Wagen zu laden, der herangekommen war. Tschikin näherte sich ärgerlich dem Verwundeten, faßte ihn,ohne auf sein stärker werdendes Geschrei zu achten, unter der Achsel und hob ihn auf. – »Was steht ihr da, greift an,« schrie er, und schnell umringten den Verwundeten an die zehn Mann, Helfer, die kaum noch nötig waren. Aber sie hatten ihn kaum von der Stelle gebracht, als Welentschuk entsetzlich zu schreien und um sich zu schlagen begann.
Was schreist du wie ein Hase? sagte Antonow und packte ihn derb am Bein, willst du nicht, lassen wir dich liegen.
Und der Verwundete verstummte wirklich und sagte nur von Zeit zu Zeit: »Ach, das ist mein Tod! Ah – ach Kameraden!«
Als sie ihn aber auf den Wagen gelegt hatten, hörte er sogar auf zu ächzen, und ich hörte, daß er mit leiser, aber deutlicher Stimme zu den Kameraden sprach – wahrscheinlich nahm er Abschied von ihnen.
Im Gefecht sieht niemand gern einen Verwundeten, und instinktiv beeilte ich mich, von diesem Schauspiel fortzukommen, befahl, ihn so schnell als möglich auf den Verbandplatz zu bringen, und ging zu den Geschützen; nach einigen Minuten aber sagte man mir, Welentschuk wünsche mich zu sprechen, und ich ging auf den Wagen zu.
Der Verwundete lag auf dem Boden des Wagens und hielt sich mit beiden Händen am Rand. Sein gesundes, breites Gesicht hatte sich in wenigen Sekunden vollständig verändert. Es war, als ober abgemagert und um einige Jahre älter geworden wäre; seine Lippen waren dünn, blaß und mit sichtbarer Anstrengung zusammengepreßt; an die Stelle des unstäten und stumpfen Ausdrucks seiner Augen war ein heller, ruhiger Glanz getreten, und auf der blutbefleckten Stirn und Nase lagen schon die Züge des Todes.
Obgleich ihm auch die kleinste Bewegung unbeschreibliche Schmerzen verursachte, bat er, man möchte von seinem linken Bein sein Geldtscheres[P]abnehmen.
[P]Tscheres ist ein Beutelchen in der Form eines kleinen Gürtels, den die Soldaten gewöhnlich unterhalb des Knies tragen.
Ein entsetzlich niederdrückendes Gefühl rief der Anblick seines nackten, weißen und gesunden Beines in mir hervor, als man ihm den Stiefel abzog und den Tscheres losband.
Drei Moneten sind drin und ein halber Rubel, sagte er mir in dem Augenblick, wo ich den Tscheres in die Hand nahm. Sie werden schon so gut sein, sie aufzubewahren.
Der Wagen hatte sich in Bewegung gesetzt, aber er ließ ihn halten.
Ich habe dem Leutnant Sulimowskij einen Mantel gearbeitet, und Sie haben mir zwei Moneten gegeben. Für anderthalb habe ich Knöpfe gekauft, und den halben Rubel habe ich im Beutel liegen mitsamt den Knöpfen. Geben Sie sie zurück.
Schön, schön, sagte ich, werde nur gesund, Kamerad.
Er antwortete mir nicht, der Wagen setzte sich in Bewegung, und er begann wieder mit entsetzlichster, herzzerreißender Stimme zu stöhnen und zu ächzen. Als hätte er nun, nachdem die weltlichen Dinge geordnet waren, keine Ursache mehr, sich zu überwinden, hielt er jetzt diese Erleichterung, die er sich schaffte, für erlaubt.
Ei, wohin? ... Zurück! Wo willst du hin? rief ich den Rekruten an, der seine Reservelunte unter den Arm genommen hatte und mit einem Stöckchen in der Hand mit größter Kaltblütigkeit dem Wagen folgte, auf dem der Verwundete fortgeführt wurde.
Der Rekrut aber warf mir nur einen trägen Blick zu, brummte etwas vor sich hin und ging weiter, so daß ich einen Soldaten hinschicken mußte, um ihn zurückzubringen. Er nahm sein rotes Mützchen ab, lächelte tölpelhaft und sah mich an.
Wo hast du hinwollen? fragte ich.
Ins Lager.
Warum das?
Wie? ... Welentschuk ist verwundet, sagte er wieder lächelnd.
Was geht das dich an? Du hast hierzubleiben.
Er sah mich erstaunt an, dann drehte er sich kaltblütig um, setzte seine Mütze auf und ging auf seinen Platz.
* * * * *
Der Kampf war im allgemeinen ein glücklicher. Die Kosaken hatten, wie es hieß, einen vortrefflichen Angriff gemacht und drei Tataren eingebracht; die Infanterie hatte sich mit Holz versorgt und zählte im ganzen sechs Verwundete; bei der Artillerie war der Mannschaft nur der eine, Welentschuk, und zwei Pferde verloren gegangen. Dafür hatte man etwa drei Werst Waldes ausgeholzt und den Platz so gesäubert, daß man ihn nicht wieder erkannte; an der Stelle des dichten Waldsaums, den man früher dort gesehen hatte, öffnete sich eine ungeheure Wiesenfläche, bedeckt von rauchenden Wachtfeuern, von Kavallerie und Infanterie, die sich auf das Lager zu bewegte. Obgleich der Feind nicht aufhörte, uns mit Geschütz- und Gewehrfeuer zu verfolgen, bis an das Flüßchen und den Kirchhof, den wir des Morgens durchschritten hatten, vollzog sich der Rückzug glücklich. Meine Gedanken waren schon bei der Kohlsuppe und der Hammelrippe mit Grütze, die meiner im Lager harrten, als die Nachricht kam, der General habe befohlen, am Flüßchen eine Schanze aufzuschütten und bis morgen das dritte Bataillondes K.-Regiments und den Zug der vierten Batterie dort lagern zu lassen. Die Wagen mit dem Holz und den Verwundeten, die Kosaken, die Artillerie, das Fußvolk mit den Gewehren und dem Holz über den Schultern – alles zog mit Lärmen und Gesang an uns vorüber. Auf allen Gesichtern lag Begeisterung und Freude, wie sie die überstandene Gefahr und die Erwartung der Ruhe hervorgerufen hatten. Nur wir und das dritte Bataillon mußten auf diese angenehmen Gefühle noch bis morgen warten.
Während wir, die Artilleristen, um die Geschütze beschäftigt waren, während wir die Protzkasten, die Pulverkasten aufstellten und den Pferden die Fußstricke lösten, hatte die Infanterie schon die Gewehre zusammengestellt, die Wachtfeuer hergerichtet, aus Ästen und Maisstroh Hütten gebaut und angefangen die Grütze zu kochen.
Es begann zu dämmern. Am Himmel zogen blauweiße Wolken hin. Die Dunkelheit hatte sich in einen feinen feuchten Nebel verwandelt und netzte den Boden und die Mäntel der Soldaten; der Gesichtskreis wurde enger, und die ganze Umgegend hüllte sich in düstere Schatten. Die Feuchtigkeit, die ich durch die Stiefel hindurch und im Nacken fühlte, die ununterbrochene Bewegung unddas nie verstummende Gespräch, an dem ich keinen Anteil nahm, der lehmige Boden, auf dem meine Füße ausglitten und der leere Magen brachten mich in die drückendste, unangenehmste Stimmung, nach einem Tage physischer und moralischer Ermattung. Welentschuk wollte mir nicht aus dem Sinn. Die ganze einfache Geschichte eines Soldatenlebens drängte sich unabweislich meiner Phantasie auf.
Seine letzten Augenblicke waren ebenso klar und ruhig gewesen wie sein ganzes Leben. Er hatte zu ehrlich und einfach gelebt, als daß sein einfältiger Glaube an ein zukünftiges, himmlisches Dasein in dem entscheidenden Augenblicke hätte schwanken können.
Grüß Gott, sagte Nikolajew, indem er auf mich zutrat, wollen Sie sich gefälligst zum Kapitän bemühen, er bittet Sie, mit ihm Thee zu trinken.
Ich drängte mich, so gut es ging, zwischen den zusammengestellten Gewehren und Wachtfeuern hindurch, ging, Nikolajew folgend, zu Bolchow und dachte mit Vergnügen an das Glas heißen Thees und an die fröhliche Unterhaltung, die meine düsteren Gedanken vertreiben würden.
Gefunden? ertönte Bolchows Stimme aus der Maishütte, in der ein Flämmchen schimmerte.
Ich habe ihn hergebracht, Euer Wohlgeboren, antwortete Nikolajew in tiefem Baß.
Bolchow saß im Zelt auf einem trockenen Filzmantel mit aufgeknöpftem Rock und ohne seine Pelzmütze. Neben ihm brodelte ein Ssamowar und stand eine Trommel mit allerlei Imbiß. In dem Fußboden steckte ein Bajonett mit einem Licht.
Wie? sagte er mit Stolz und ließ seinen Blick über seinen gemütlichen Haushalt schweifen. In der That war es in dem Zelt so hübsch, daß ich beim Thee der Feuchtigkeit, der Dunkelheit und des verwundeten Welentschuk ganz vergaß. Wir kamen in ein Gespräch über Moskau, über Dinge, die in gar keiner Beziehung zum Kriege und zum Kaukasus standen.
Nach einem jener Augenblicke des Schweigens, die bisweilen selbst die belebtesten Unterhaltungen unterbrechen, sah mich Bolchow lächelnd an.
Ich muß glauben, unser Gespräch von heute morgen ist Ihnen sehr sonderbar vorgekommen? sagte er.
Oh nein, warum das? Es schien mir nur, als seien Sie allzu offenherzig. Es giebt eben Dinge, die wir alle wissen, von denen man aber nie sprechen darf.
Warum nicht? Wenn es irgend eine Möglichkeit gäbe, dieses Leben selbst mit dem abgeschmacktesten und ärmlichsten Leben, nur ohne Gefahr und ohne den Dienst, zu vertauschen, ich würde mir's keinen Augenblick überlegen.
Warum gehen Sie nicht nach Rußland? sagte ich.
Warum? wiederholte er. O, wie lange habe ich schon daran gedacht. Ich kann jetzt nicht eher nach Rußland zurück, als bis ich den Wladimirorden, den Annenorden um den Hals und den Majorsrang bekommen, wie ich es erwartete, als ich herging.
Warum aber, wenn Sie sich, wie Sie sagen, für den hiesigen Dienst untauglich fühlen?
Wenn ich mich aber noch weniger fähig fühlte, nach Rußland so zurückzukehren, wie ich hergekommen bin? Das ist auch eine von den Überlieferungen, die in Rußland von Mund zu Mund gehen, denen Passek, Sljepzow und Andere Dauer gegeben haben, daß man nur nach dem Kaukasus zu gehen braucht, um mit Belohnungen überschüttet zu werden. Und von uns erwarten und verlangen das alle; und ich bin nun zwei Jahre hier, habe zwei Expeditionen mitgemacht und habe nichts bekommen. Aber ich besitze doch soviel Eigenliebe, daß ich um keinen Preis von hier fortgehe, ehe ich Major bin, den Wladimir- und den Annenorden um den Hals bekomme. Ich habe mich schon so in diesen Gedanken hineingelebt, daß es mich wurmt, wenn Gnilokischkin eine Auszeichnung bekommt, und ich nicht. Und dann, wie soll ich in Rußland meinem Starosten, dem Kaufmann Kotjelnikow, dem ich mein Getreide verkaufe, meiner Tante in Moskau und all den Herren vor die Augen treten, wenn ich nach zweijährigem Diensteim Kaukasus ohne jede Auszeichnung zurückkomme? Freilich mag ich von diesen Herrschaften nichts wissen, und sie werden sich gewiß auch sehr wenig um mich kümmern; aber der Mensch ist nun einmal so beschaffen, daß ich von ihnen nichts wissen mag, und doch um ihretwillen meine schönsten Jahre vergeude, all mein Lebensglück, all meine Zukunft zerstöre.
In diesem Augenblick klang von draußen die Stimme des Bataillonskommandeurs herein:
Mit wem plaudern Sie, Nikolaj Fjodorowitsch?
Bolchow nannte meinen Namen, und gleich darauf kamen drei Offiziere in die Hütte gekrochen: der Major Kirssanow, der Adjutant seines Bataillons und der Kompagniekommandeur Trossenko.
Kirssanow war ein kleiner, wohlbeleibter Mann mit einem kleinen Schnurrbart, roten Wangen und verschwommenen kleinen Augen. Diese kleinen Augen waren der hervorstechendste Zug in seiner Physiognomie. Wenn er lachte, so sah man nur zwei feuchte, glänzende Sternchen, und diese Sternchen nahmen zugleich mit den gespannten Lippen und dem langgereckten Halse einen höchst sonderbaren Ausdruck von Blödigkeit an. Kirssanow hatte im Regiment die beste Aufführung und Haltung. Die Untergebenen schalten ihn nicht, die Vorgesetzten achteten ihn, obgleich die allgemeine Meinung über ihn war, er sei nicht weit her. Er verstand seinen Dienst, war pünktlich und eifrig, war immer bei Gelde, besaß eine Kalesche und einen Koch und verstand auf sehr natürliche Weise den Stolzen zu spielen.
Wovon sprechen Sie, Nikolaj Fjodorowitsch? sagte er beim Eintreten.
Wir sprechen von den Annehmlichkeiten des hiesigen Dienstes.
Aber in diesem Augenblick hatte Kirssanow mich – einen Junker – bemerkt, darum fragte er, um mich seine Bedeutung fühlen zu lassen, als hätte er Bolchows Antwort nicht gehört, mit einem Blicke auf die Trommel:
Wie, sind Sie müde, Nikolaj Fjodorowitsch?
Nein, wir waren ja ... wollte Bolchow beginnen.
Aber die Würde des Bataillonskommandeurs erforderte wahrscheinlich, daß er wieder unterbreche und eine neue Frage stellte:
Es war doch ein prächtiges Gefecht heute?
Der Bataillonsadjutant war ein junger Fähnrich, der vor kurzem noch Junker gewesen war, ein bescheidener und stiller junger Mann mit einem verschämten und gutmütig freundlichen Gesicht. Ich hatte ihn früher schon bei Bolchow gesehen. Der junge Mann besuchte ihn häufig, er machte seineVerbeugung, setzte sich in die Ecke, schwieg stundenlang, drehte sich Cigaretten und rauchte sie, dann erhob er sich wieder, verbeugte sich und ging. Es war der Typus eines armen, russischen jungen Edelmanns, der die militärische Laufbahn als die einzige seiner Bildung entsprechende gewählt hatte und seinen Offiziersberuf höher stellte als alles in der Welt – ein gutmütiger und liebenswürdiger Typus, trotz der von ihm unzertrennlichen lächerlichen Eigentümlichkeiten: des Tabaksbeutels, des Schlafrocks, der Guitarre, des Schnurrbartbürstchens, ohne die wir uns ihn nicht vorstellen können. Im Regiment erzählte man von ihm, er prahle damit, daß er gegen seinen Burschen gerecht, aber streng sei. – »Ich strafe selten, pflegte er zu sagen, aber wenn's dazu kommt, dann wehe.« Und als sein betrunkener Bursche ihm einmal alles gestohlen hatte und noch seinen Herrn zu schimpfen begonnen, habe er ihn auf die Hauptwache gebracht und Befehl gegeben, alles zu seiner Bestrafung vorzubereiten, sei aber bei dem Anblick der Vorbereitungen so verlegen geworden, daß er nur die Worte hervorbringen konnte: »Na, siehst du ... ich könnte doch ...« dann sei er ganz fassungslos nach Hause gerannt, und scheue sich von dieser Stunde an, seinem Tschernow in die Augen zu sehen. Die Kameraden ließen ihm keine Ruhe und neckten ihn damit, und ich habe oftmals gehört, wie der gute Junge sich verteidigte und,bis über die Ohren errötend, versicherte, das gerade Gegenteil sei wahr.
Die dritte Person, Kapitän Trossenko, war ein alter Kaukasier in der ganzen Bedeutung dieses Wortes, d. h. ein Mensch, für den die Kompagnie, die er kommandierte, zur Familie, die Festung, in der der Stab lag, zur Heimat und die Spielleute zur einzigen Freude seines Lebens geworden sind – ein Mensch, für den alles, was nicht der Kaukasus ist, unbeachtenswert, ja kaum glaubwürdig ist; alles aber, was Kaukasus war, zerfiel in zwei Hälften, unsere und nicht unsere: die eine liebte er, die andere haßte er mit aller Kraft seiner Seele, und was die Hauptsache war, er war ein Mensch von erprobter, ruhiger Tapferkeit, von seltener Güte im Umgang mit seinen Kameraden und Untergebenen und von verzweifelter Gradheit, ja sogar Keckheit im Verkehr mit den ihm aus irgend einem Grunde verhaßten Adjutanten und Bonjours. Als er in die Hütte trat, stieß er beinahe mit dem Kopf das Dach durch, dann ließ er sich schnell nieder und setzte sich auf die Erde.
Nun, wie? sagte er; da bemerkte er plötzlich mein ihm unbekanntes Gesicht, stockte und heftete seinen trüben Blick unverwandt auf mich.
Worüber also haben Sie geplaudert? fragte der Major, zog seine Uhr und sah nach ihr, obgleich er, wie ich fest überzeugt bin, gar nicht das Bedürfnis hatte, das zu thun.
Ja, er hat mich gefragt, weshalb ich hier diene ...
Selbstverständlich will sich Nikolaj Fjodorowitsch hier auszeichnen, und dann geht's nach Haus.
Und Sie, Abram Iljitsch, sagen Sie mir, weshalb dienen Sie im Kaukasus?
Ich, wissen Sie, weil wir erstens alle die Pflicht haben zu dienen. Hm? fügte er hinzu, obgleich alle schwiegen. – Gestern bekam ich einen Brief aus Rußland, fuhr er fort. Er hatte offenbar den Wunsch, den Gesprächsgegenstand zu wechseln. Man schreibt mir ... man stellt mir so sonderbare Fragen.
Was für Fragen denn? fragte Bolchow.
Er lachte.
Wahrhaftig, sonderbare Fragen ... Man schreibt mir, ob es Eifersucht geben kann ohne Liebe? ... Hm? fragte er und ließ seine Blicke über uns hinschweifen.
Ei was, sagte Bolchow lächelnd.
In Rußland, müssen Sie wissen, da ist es schön, fuhr er fort, als ob seine Phrasen ganz natürlich eine aus der anderen folgten. – Als ich im Jahre 52 in Tambow war, wurde ich überall wie ein Flügeladjutant aufgenommen. Wollen Sie mir glauben, auf dem Ball beim Gouverneur, wie ich eintrat, wissen Sie ... ich wurde sehr gut aufgenommen. Die Frau Gouverneurin selber, müssen Sie wissen, unterhielt sich mit mir und fragtemich aus über den Kaukasus und alle ... was ich nicht alles wußte! ... Meinen goldenen Säbel besah man, wie eine Rarität, dann fragte man mich: wofür ich den Säbel bekommen habe, wofür den Annen-, wofür den Wladimirorden, – und ich erzählte ihnen alles Mögliche ... Hm? ... Sehen Sie, das ist das Schöne am Kaukasus, Nikolaj Fjodorowitsch, fuhr er fort, ohne eine Antwort abzuwarten. Dort sieht man uns Kaukasier hoch an. Ein junger Mann, müssen Sie wissen, der Stabsoffizier ist, der den Annen- und Wladimirorden hat – das will viel heißen in Rußland ... Hm?
Und Sie haben auch ein bißchen aufgeschnitten, meine ich, Abram Iljitsch? sagte Bolchow.
Hi–hi–hi, lachte er mit seinem dummen Lachen. Ja wissen Sie, das gehört dazu. Und wie vortrefflich habe ich die zwei Monate gegessen und getrunken.
Ei was, schön ist's dort in Rußland? sagte Trossenko; er fragte nach Rußland, wie man nach China oder Japan fragt.
Das will ich meinen, was wir dort in zwei Monaten Champagner getrunken haben, furchtbar!
Was Sie sagen! Sie haben gewiß Limonade getrunken. Ich würde schon loslegen, damit die Leute wüßten, wie die Kaukasier trinken! Ich würde den Ruf schon wahr machen. Ich würdezeigen, wie man trinkt ... Was, Bolchow? fügte er hinzu.
Du bist ja doch schon zehn Jahre im Kaukasus, Onkelchen, sagte Bolchow, denkst du noch, was Jermolow gesagt hat? ... Abram Iljitsch aber ist erst sechs ...
Warum nicht gar! zehn? ... Es werden bald sechzehn.
Laß doch Salvai bringen, Bolchow, es ist feucht, brr ... Was? fügte er lächelnd hinzu. Wir trinken, Major!
Der Major aber war schon das erste Mal, als der alte Kapitän sich an ihn wandte, ärgerlich gewesen. Jetzt wurde er sichtlich böse und suchte in seiner eignen Würde Zuflucht. Er summte ein Liedchen vor sich hin und sah wieder nach der Uhr.
Ich komme sowieso niemals wieder hin, fuhr Trossenko fort, ohne dem schmollenden Major Aufmerksamkeit zu schenken. Ich hab's verlernt, russisch zu gehen und zu sprechen. Was für ein Wundertier ist da gekommen? werden die Leute sagen. Asien wird es heißen. Nicht wahr, Nikolaj Fjodorowitsch? Was sollte ich auch in Rußland? Mir ist's gleich, einmal wird man doch totgeschossen. Dann werden die Leute fragen: Wo ist Trossenko? Totgeschossen. Was werden Sie dann mit der achten Kompagnie anfangen, he? fügte er hinzu, immer zu dem Major gewandt.
Man schicke den Dienstthuenden vom Bataillon! schrie Kirssanow, ohne dem Kapitän zu antworten, obwohl er, wie ich auch diesmal überzeugt war, gar nicht nötig hatte, irgend einen Befehl zu erteilen.
Und Sie, junger Mann, meine ich, sind jetzt froh, daß Sie doppeltes Gehalt haben? sagte der Major nach einigen Minuten des Schweigens zu dem Bataillonsadjutanten.
Gewiß, sehr.
Ich finde, unser Gehalt ist jetzt sehr groß, Nikolaj Fjodorowitsch, fuhr er fort. Ein junger Mann kann dabei sehr anständig leben und sich sogar manchen Luxus gestatten.
Nein, wahrhaftig, Abram Iljitsch, sagte schüchtern der Adjutant, wenn's auch das Doppelte ist, es ist doch nur so ... man muß doch ein Pferd halten ...
Was sagen Sie mir da, junger Mann! Ich war selbst Fähnrich und weiß das. Glauben Sie, wenn man haushälterisch lebt, geht's sehr gut. Lassen Sie uns rechnen, fügte er hinzu und bog den kleinen Finger der linken Hand ein.
Wir nehmen das Gehalt immer voraus, da haben Sie die Rechnung! sagte Trossenko und leerte dabei ein Glas Schnaps.
Nun, was wollen Sie damit sagen ... wie?
In diesem Augenblick schob sich ein weißer Kopf mit einer plattgedrückten Nase durch die Öffnungder Hütte, und eine scharfe Stimme sagte mit deutscher Betonung:
Sind Sie da, Abram Iljitsch? Der Dienstthuende sucht Sie.
Treten Sie ein, Kraft! sagte Bolchow.
Eine lange Gestalt in Generalstabsuniform kam durch die Thür gekrochen und drückte allen mit besonderer Herzlichkeit die Hand.
Ei, lieber Kapitän, auch Sie hier? sagte er zu Trossenko gewandt.
Der neue Gast kroch trotz der Dunkelheit zu ihm hin und küßte ihn, wie mir schien, zu seiner größten Verwunderung und Unzufriedenheit, auf den Mund.
»Das ist ein Deutscher, der ein guter Kamerad sein will,« dachte ich.
Meine Vermutung bestätigte sich bald. Kapitän Kraft bat um Schnaps, nannte ihn »Branntwein«, krächzte furchtbar und warf den Kopf zurück, während er das Glas leerte.
Nun, meine Herren, was sind wir heute in den Ebnen der Tschetschnja herumkutschiert ... hatte er eben begonnen; als er aber den dienstthuenden Offizier erblickte, wurde er sofort still und ließ den Major erst seine Befehle geben.
Haben Sie die Vorpostenkette besichtigt?
Zu Befehl, Herr Major.
Sind die gedeckten Posten ausgesandt?
Zu Befehl, Herr Major.
So geben Sie dem Kompagniekommandeur den Befehl, so vorsichtig als möglich zu sein.
Zu Befehl, Herr Major.
Der Major kniff die Augen zusammen und versank in ein tiefes Nachsinnen.
Und sagen Sie den Leuten, daß sie jetzt ihre Grütze kochen können.
Sie kochen sie schon.
Schön, Sie können gehen.
Nun, wir waren dabei, zu berechnen, was ein Offizier braucht, fuhr der Major fort und wandte sich mit einem leutseligen Lächeln zu uns. Rechnen wir.
Sie brauchen einen Waffenrock und eine Hose, richtig?
Richtig, nehmen wir an: fünfzig Rubel auf zwei Jahre, im Jahr also fünfundzwanzig Rubel für die Kleidung; dann kommt Essen, täglich zwei Abas ... richtig?
Richtig, das ist sogar viel.
Nun, ich will es ansetzen ... Dann kommt das Pferd mit Sattel zur Remonte 30 Rubel – das ist alles. Das macht im ganzen 25 und 120 und 30 = 175, bleibt Ihnen immer noch für Luxusausgaben, für Thee und Zucker, für Tabak20 Rubel. – Sehen Sie nun? ... Habe ich recht, Nikolaj Fjodorowitsch?
Nein, Abram Iljitsch, verzeihen Sie! sagte schüchtern der Adjutant. Nichts bleibt für Thee und Zucker übrig. Sie setzen ein Paar auf zwei Jahre an. Aber hier auf unseren Kriegszügen kann man ja gar nicht genug Beinkleider haben ... Und Stiefel? ... Ich brauche ja fast jeden Monat ein Paar auf. Dann erst Wäsche, Hemden, Handtücher, Fußlappen, das muß man doch alles bezahlen. Und wenn man's zusammenrechnet, bleibt nichts übrig. Das ist bei Gott so, Abram Iljitsch.
Ja, Fußlappen sind ein vorzügliches Tragen, sagte plötzlich Kraft nach einer minutenlangen Pause, und sprach das Wort »Fußlappen« mit besonders liebevollem Ton. Sehen Sie, das ist einfach, russisch.
Ich will Ihnen was sagen, bemerkte Trossenko. Rechnen Sie, wie Sie wollen, es kommt immer darauf hinaus, daß unsereiner die Zähne in den Kasten legen muß. In Wirklichkeit aber leben wir alle, trinken unseren Thee, rauchen unseren Tabak und trinken unseren Schnaps. Dient so lange wie ich, fuhr er fort, an den Fähnrich gewandt, dann lernt Ihr auch, wie man leben muß. Wissen Sie denn, meine Herren, wie er mit dem Burschen umgeht?
Und Trossenko erzählte uns die ganze Geschichtevon dem Fähnrich und seinem Burschen, obgleich wir sie alle schon tausendmal gehört hatten, und lachte sich halb tot dabei.
Warum schaust du denn wie eine Rose aus, Bruderherz? fuhr er fort zum Fähnrich gewandt, der ganz rot geworden war und schwitzte und lächelte, daß es ein Erbarmen war, ihn anzusehen. – Thut nichts, Bruderherz, ich war ebenso wie du, und jetzt siehst du, was ich für ein Kerl geworden bin. Laß doch mal so einen Jüngling aus Rußland herkommen – wir haben ja viele gesehen – Krämpfe kriegt er und Reißen; ich aber habe mich hier eingesessen – ich habe hier mein Häuschen, mein Bett, alles. Siehst du ...
Dabei trank er noch ein Gläschen Schnaps.
He? fügte er hinzu und sah Kraft unverwandt in die Augen.
Sehen Sie, das acht' ich hoch! Das ist ein echter, alter Kaukasier! Geben Sie mir Ihre Hand!
Und Kraft stieß uns alle fort, drängte sich zu Trossenko durch, ergriff seine Hand und schüttelte sie mit besonderer Liebe.
Ja, wir können sagen, wir haben hier alles kennen gelernt, fuhr er fort. – Im Jahre 45 ... Sie waren ja auch dabei, Kapitän? Denken Sie noch, die Nacht vom 12. auf den 13., wie wir bis an die Knie im Schmutz Nachtlager hielten, und den Tag darauf die Verschanzung stürmten?Ich war damals beim Höchstkommandierenden, und wir nahmen an einem Tage 15 Schanzen. Erinnern Sie sich noch, Kapitän?
Trossenko machte mit dem Kopf ein Zeichen der Zustimmung, streckte die Unterlippe vor und kniff die Augen zusammen.
Sehen Sie doch ... begann Kraft mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit zum Major gewandt und machte mit den Händen ungeschickte Bewegungen ...
Der Major aber, der diese Erzählung wohl schon öfter gehört hatte, sah plötzlich seinen Nachbar mit so matten, stumpfen Augen an, daß Kraft sich von ihm abwandte und sich mir zukehrte, indem er abwechselnd bald den einen, bald den anderen von uns ansah. Trossenko aber sah er während der ganzen Erzählung nicht mit einem Blicke an.
Sehen Sie also, wie wir des Morgens auszogen, sagt der Höchstkommandierende zu mir: »Kraft, nimm diese Schanze.« Sie wissen, wie's im Dienst ist, da giebt's keine Erörterungen – Hand an die Mütze: »Zu Befehl, Euer Erlaucht!« und marsch! Wie wir zu der ersten Schanze kamen, wandte ich mich um und sagte zu den Soldaten: »Kinder, ohne Furcht, Augen offen! Wer zurückbleibt, den haue ich mit eigner Hand in Stücke.« Mit dem russischen Soldaten, wissen Sie, muß man geradezu reden. Plötzlich kommt eine Granate ... Ich sehe – ein Mann, ein zweiter, ein dritter ... Dann kommen Gewehrkugeln ... sch, sch, sch! ... »Vorwärts, Kinder, sage ich, mir nach!« Wie wir herangekommen waren, wissen Sie, und hinsehen, bemerke ich, wie nennt man das ... wissen Sie ... wie heißt das? – und der Erzähler fuchtelte mit den Händen durch die Luft und suchte nach dem Wort.
Ein Graben, sagte Bolchow vor.
Nein, ach, wie heißt es doch? Du lieber Gott, wie heißt es doch? ... Ein Graben! sagte er schnell. Also ... Gewehr in die Balance ... urra! ta–ra–ta–ta–ta! Keine Spur vom Feind ... Wissen Sie, alles war überrascht. Also ... schön. Wir gehen weiter – zweite Schanze. Das war ein ganz ander Ding. Uns war schon das Herz heiß geworden, wissen Sie. Wir kommen heran, schauen, ich sehe – eine zweite Schanze: weiter geht's nicht. Da – wie nennt man das – nun wie heißt das ... Ach! wie ...
Wieder ein Graben, sagte ich vor.
Keineswegs, fuhr er beherzt fort, kein Graben, sondern ... Nun Gott, wie heißt denn das? – und er machte mit der Hand eine linkische Bewegung. – Ach, du lieber Gott, wie ...
Er quälte sich offenbar so sehr, daß man unwillkürlich den Wunsch hatte, ihm vorzusagen.
Ein Fluß vielleicht? sagte Bolchow.
Nein, einfach ein Graben. Aber kaum sindwir da, wollen Sie's glauben, geht ein solches Feuer los, ein Höllenfeuer ...
In diesem Augenblick fragte draußen jemand nach mir. Es war Maksimow. Und da mir, nachdem ich die abwechselungsreiche Geschichte von den zwei Schanzen gehört hatte, noch dreizehn geblieben waren, war ich froh, diese Gelegenheit ergreifen zu können, um zu meinem Zuge zurückzugehen. Trossenko ging mit mir zusammen hinaus.
Alles erlogen, sagte er mir, als wir einige Schritte von der Hütte entfernt waren. Er ist gar nicht auf den Schanzen gewesen ... – Und Trossenko lachte so herzlich, daß auch mich das Lachen überkam.
Es war schon dunkle Nacht, und nur die Wachtfeuer beleuchteten mit mattem Schein das Lager, als ich, nach der Stallzeit, zu meinen Soldaten herankam. Ein großer Baumstamm lag glimmend auf den Kohlen. Um ihn herum saßen drei Mann: Antonow, der über dem Feuer einen kleinen Kessel drehte, in dem aufgeweichter Zwieback mit Fett kochte, Shdanow, der nachdenklich mit einem Zweige die Asche aufscharrte, und Tschikin mit seinem ewig feuerlosen Pfeifchen. Die anderen hatten sich schon zur Ruhe gelagert: die einenunter dem Pulverkasten, die anderen auf Heu, noch andere um die Wachtfeuer herum. Bei dem matten Lichte der Kohlen unterschied ich die mir bekannten Rücken, Füße und Köpfe; unter den letzten war auch der kleine Rekrut, er lag dicht am Feuer und schien schon zu schlafen. Antonow machte mir Platz. Ich setzte mich neben ihn und rauchte eine Cigarette an. Der Geruch des Nebels und des qualmenden feuchten Holzes erfüllte ringsum die Luft und biß in die Augen, und noch immer tröpfelte feuchter Nebel von dem tiefdunklen Himmel.
Neben uns hörten wir das gleichmäßige Schnarchen, das Knistern der Reiser im Feuer, flüchtiges Gespräch und von Zeit zu Zeit das Klirren der Gewehre der Infanterie. Ringsumher loderten die Wachtfeuer und beleuchteten im nahen Umkreis die schwarzen Schatten der Soldaten. Bei den nächstgelegenen Wachtfeuern unterschied ich an hellbeleuchteten Stellen die Gestalten nackter Soldaten, die ihre Hemden über der Flamme hin- und herschwenkten. Viele von den Leuten schliefen noch nicht und bewegten sich in einem Umkreis von fünfzehn Quadratfaden plaudernd hin und her; aber die düstere, dumpfe Nacht gab dieser ganzen Bewegung ihren eignen, geheimnisvollen Klang, als fühlte jeder die düstere Stille und scheute sich, ihre friedliche Harmonie anzutasten. Wenn ich ein Wort sprach, fühlte ich, daß meineStimme anders klinge. In den Gesichtern der Soldaten, die um das Feuer herumlagen, las ich dieselbe Stimmung. Ich dachte, sie hätten bis zu meiner Ankunft von dem verwundeten Kameraden gesprochen; aber keineswegs. Tschikin hatte von dem Eintreffen seiner Sachen in Tiflis und von den Schulknaben der Stadt erzählt.
Ich habe immer und überall, besonders im Kaukasus, bei unseren Soldaten einen besonderen Takt beobachtet – in der Zeit der Gefahr alles zu unterdrücken und zu vermeiden, was unvorteilhaft auf den Geist der Kameraden einwirken könnte. Der Geist des russischen Soldaten beruht nicht, wie die Tapferkeit der südlichen Völker, auf einer schnell entflammten und erkaltenden Begeisterung: er ist ebenso schwer zu entflammen, wie geneigt den Mut sinken zu lassen. Er bedarf keiner Effekte, keiner Reden, keines Kriegsgeschreis, keiner Lieder und Trommelwirbel; er bedarf vielmehr der Ruhe, der Ordnung, der Vermeidung alles Erkünstelten. Bei dem russischen, bei dem echt russischen Soldaten wird man nie Prahlerei, Bravour, den Wunsch, sich im Augenblick der Gefahr zu betäuben, zu erregen wahrnehmen. Im Gegenteil. Bescheidenheit, Schlichtheit und die Fähigkeit, in der Gefahr etwas ganz anderes zu sehen als die Gefahr, bilden die unterscheidenden Merkmale seines Charakters. Ich habe einen Soldaten gesehen, der am Bein verwundet war unddem im ersten Augenblick nur der zerfetzte neue Pelz leid that; einen Reiter, der unter dem Pferde hervorkroch, das ihm unter dem Leibe erschossen worden war, und der den Gurt abschnallte, um den Sattel herunterzunehmen. Wer erinnert sich nicht des Vorfalls bei der Belagerung von Gergebel, wo im Laboratorium das Zündrohr einer gefüllten Bombe Feuer fing, und der Feuerwerker zwei Soldaten befahl, die Bombe zu ergreifen, mit ihr davonzurennen und sie in den Graben zu werfen, und die Soldaten sie nicht in nächster Nähe bei dem Zelt des Obersten niederwarfen, das am Rande des Grabens stand, sondern weiter forttrugen, um die Herren nicht zu wecken, die im Zelte schliefen, und beide in Stücke zerrissen wurden? Ich erinnere mich noch, es war im Feldzuge 1852, wie einer der jungen Soldaten zu einem anderen während des Kampfes sagte, der Zug würde wohl kaum hier wieder fortkommen, und wie der ganze Zug wütend über ihn herfiel wegen der dummen Redensarten, die sie nicht einmal wiederholen wollten. Und so hörten jetzt, wo jedem Welentschuk hätte im Sinne liegen müssen, und wo jeden Augenblick die heranschleichenden Tataren auf uns hätten feuern können, alle der lebendigen Erzählung Tschikins zu, und niemand gedachte mit einem Worte des heutigen Gefechts, noch der bevorstehenden Gefahr, noch des Verwundeten. Als ob das weiß Gott wie lange hinter uns läge, odergar nie gewesen wäre. Mir aber schien es, als wären ihre Gesichter nur finsterer als gewöhnlich. Sie hörten nicht allzu aufmerksam auf Tschikins Erzählung hin, und Tschikin fühlte sogar, daß man ihm nicht zuhörte, sprach aber immer ruhig weiter.
Da trat Maksimow an das Wachtfeuer heran und setzte sich neben mir nieder. Tschikin machte ihm Platz, hörte auf zu sprechen und begann wieder sein Pfeifchen zu schmauchen.
Die Infanteristen haben nach Schnaps ins Lager geschickt, sagte Maksimow nach ziemlich langem Schweigen, sie sind eben zurückgekommen. – Er spie ins Feuer. – Ein Unteroffizier hat erzählt, sie haben unsern Verwundeten gesehen.
Wie, lebt er noch? fragte Antonow und drehte das Kesselchen herum.
Nein, er ist tot.
Der junge Rekrut erhob plötzlich seinen kleinen Kopf mit dem roten Mützchen über das Feuer empor, sah einen Augenblick Maksimow und mich aufmerksam an, dann ließ er ihn schnell sinken und hüllte sich in seinen Mantel.
Siehst du, nicht umsonst ist der Tod heut früh zu ihm gekommen, wie ich ihn im Park wecken wollte, sagte Antonow.
Leeres Geschwätz, sagte Shdanow und drehte den glimmenden Baumstamm um; alle verstummten.
Mitten durch die allgemeine Stille ertöntehinter uns im Lager ein Schuß. Unsere Trommler meldeten sich und schlugen den Zapfenstreich. Als der letzte Wirbel verklungen war, erhob sich zuerst Shdanow und zog seine Mütze. Wir alle folgten seinem Beispiel.
Durch die tiefe Stille der Nacht erklang der harmonische Chor der Männerstimmen:
»Vater unser, der du bist im Himmel, geheiliget sei dein Name, zu uns komme dein Reich, dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden; unser täglich Brot gieb uns heut, und vergieb uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern; führe uns nicht in Versuchung und erlöse uns von dem Übel.«
So ist auch einer von uns im Jahre 45 an derselben Stelle verwundet worden ... sagte Antonow, als wir die Mütze aufgesetzt und uns wieder um das Feuer gelagert hatten. Zwei Tage haben wir ihn auf dem Geschütz herumgefahren, weißt du noch, Shdanow, den Schewtschenko? Dann haben wir ihn unter einem Baum niedergelassen.
In diesem Augenblick kam ein Gemeiner von der Infanterie mit mächtigem Backen- und Schnauzbart, mit Gewehr und Lanze auf unser Wachtfeuer zu.
Gebt mir doch Feuer, Landsleute, das Pfeifchen anzurauchen, sagte er.
Ei nun, rauchen Sie's nur an, an Feuer fehlt's nicht, bemerkte Tschikin.
Ihr sprecht gewiß von Dargi, Landsmann, wandte sich der Infanterist an Antonow.
Vom Jahre 45, von Dargi, antwortete Antonow.
Der Infanterist schüttelte den Kopf, kniff die Augen zusammen und hockte neben uns nieder.
Ja, da ging es hoch her! bemerkte er.
Warum aber habt ihr ihn liegen lassen? fragte ihn Antonow.
Er hatte furchtbare Schmerzen im Leib. Wenn wir stille standen, ging's, wenn wir uns aber vom Fleck rührten, da schrie er furchtbar auf. Er beschwor uns bei Gott, wir sollten ihn liegen lassen, aber es war doch ein Jammer. Na, alseruns dann auf den Leib rückte, drei von unserer Geschützmannschaft tötete, und wir unsere Batterie mit Mühe hielten ... 's war eine Not, wir glaubten kaum mit dem Geschütz davonzukommen. Es war ein Schmutz.
Das Schlimmste war, daß es am Fuß des Indierbergs schmutzig war, bemerkte einer der Soldaten.
Ja, da wurde ihm auch noch viel schlimmer! Anoschenka, – es war ein alter Feuerwerker – Anoschenka und ich dachten: was sollen wir thun, leben kann er nicht, und beschwört uns bei Gott – lassen wir ihn also hier liegen. Und so thaten wir auch. Ein Baum wuchs da mit großen breitenÄsten. Wir nahmen ihn, legten ihm geweichten Zwieback hin – Shdanow hatte welche mit – lehnten ihn an den Baum, zogen ihm ein reines Hemd an, nahmen Abschied von ihm, wie sich's gehört, und ließen ihn so liegen.
Und war's ein tüchtiger Soldat?
Je nun, ein guter Soldat, bemerkte Shdanow.
Und was mit ihm geschehen sein mag, weiß Gott, fuhr Antonow fort. Dort sind gar viele von den Kameraden geblieben!
In Dargi? fragte der Infanterist, dabei erhob er sich, kratzte seine Pfeife aus, kniff wieder die Augen zusammen und wiegte den Kopf hin und her. Da ging es hoch her!
Damit ging er von uns.
Giebt's in unserer Batterie noch viele Soldaten, die bei Dargi gewesen sind? fragte ich.
Viele? Shdanow, ich, Pazan, der jetzt auf Urlaub ist, und etwa noch sechs Mann. Mehr werden's nicht sein.
Ei was, unser Pazan bummelt auf Urlaub? sagte Tschikin, streckte die Beine und legte sich mit dem Kopf auf einen Klotz. Es muß bald ein Jahr sein, daß er fort ist.
Hast du Jahresurlaub genommen? fragte ich Shdanow.
Nein, ich habe keinen genommen, antwortete er unwillig.
Es ist schön, Urlaub nehmen, sagte Antonow,wenn man aus reichem Hause ist, oder wenn man selbst die Kraft hat zu arbeiten; da ist es ja angenehm, und zu Hause freut man sich mit dir.
Was soll man gehen, wenn man zwei Brüder hat? fuhr Shdanow fort. Sie haben Mühe, sich selbst zu ernähren, nicht noch unsereinen zu füttern. Man ist eine schlechte Hilfe, wenn man schon 25 Jahre gedient hat. Und wer weiß, ob sie noch leben?
Hast du denn nicht geschrieben? fragte ich.
Ei gewiß! Zwei Briefe habe ich fortgeschickt, aber Antworten schicken sie nicht! Ob sie gestorben sind, ob sie so nicht schreiben, weil sie nämlich selbst in Armut leben – wie soll ich da hin?
Ist es lange her, daß du geschrieben hast?
Als ich von Dargi kam, das war der letzte Brief.
Du solltest uns das Lied von der Birke singen, sagte Shdanow zu Antonow, der in diesem Augenblick, die Ellbogen auf die Knie gestützt, ein Liedchen vor sich hinsummte.
Antonow stimmte »Die Birke« an.
Siehst du, das ist das Lieblingslied von Onkel Shdanow, sagte mir Tschikin leise und zog mich am Mantel. Manchmal, wenn Philipp Antonytsch es spielt, da weint er wohl gar.
Shdanow saß zuerst ganz unbeweglich da, dieAugen auf die glimmenden Kohlen geheftet, und sein Gesicht sah im Schimmer des rötlichen Lichts außerordentlich düster aus; dann begannen seine Kinnbacken unter den Ohren sich immer schneller und schneller zu bewegen und endlich erhob er sich, breitete seinen Mantel aus und legte sich im Schatten hinter dem Wachtfeuer nieder.
War es, weil er sich hin- und herwälzte und ächzte, während er sich schlafen legte, war es Welentschuks Tod und dieses traurige Wetter, das mich so stimmte, genug, ich glaubte wirklich, daß er weine.
Der untere Teil des Baumstamms, der sich in Kohle verwandelt hatte, flackerte von Zeit zu Zeit auf, beleuchtete die Gestalt Antonows mit seinem grauen Schnurrbart, mit der roten Fratze und dem Orden auf dem umgehängten Mantel, und Stiefel, Kopf und Rücken eines anderen. Von oben fiel noch immer der trübe Nebel herab, die Luft war noch immer von dem Duft der Feuchtigkeit und des Rauchs erfüllt, ringsumher waren noch immer die hellen Punkte der verlöschenden Wachtfeuer zu sehen und durch die allgemeine Stille die Klänge des schwermütigen Liedes zu hören, das Antonow sang; und wenn es auf einen Augenblick verstummte, antworteten ihm die Klänge der schwachen nächtlichen Bewegung des Lagers, des Schnarchens und Waffengeklirrs der Wachtposten und des leisen Gesprächs.
Zweite Ablösung vor, Makatjuk und Shdanow! kommandierte Maksimow.
Antonow hörte auf zu singen, Shdanow erhob sich, seufzte, schritt über den Baum hinweg und ging zu den Geschützen.
15. Juni 1855.