Drum spielt der Dichter,Als lenke Orpheus Bäume, Felsen, Fluten,Weil nichts so stöckisch, hart und voll von Wut,Das nicht Musik auf eine Zeit verwandelt.Der Mann, der nicht Musik hat in ihm selbst.Den nicht die Eintracht süßer Töne rührt.Taugt zu Verrat, zu Räuberei und Tücken.Die Regung seines Sinns ist dumpf wie Nacht,Sein Trachten düster wie der Erebus.Trau keinem solchen!
Drum spielt der Dichter,Als lenke Orpheus Bäume, Felsen, Fluten,Weil nichts so stöckisch, hart und voll von Wut,Das nicht Musik auf eine Zeit verwandelt.Der Mann, der nicht Musik hat in ihm selbst.Den nicht die Eintracht süßer Töne rührt.Taugt zu Verrat, zu Räuberei und Tücken.Die Regung seines Sinns ist dumpf wie Nacht,Sein Trachten düster wie der Erebus.Trau keinem solchen!
Drum spielt der Dichter,Als lenke Orpheus Bäume, Felsen, Fluten,Weil nichts so stöckisch, hart und voll von Wut,Das nicht Musik auf eine Zeit verwandelt.Der Mann, der nicht Musik hat in ihm selbst.Den nicht die Eintracht süßer Töne rührt.Taugt zu Verrat, zu Räuberei und Tücken.Die Regung seines Sinns ist dumpf wie Nacht,Sein Trachten düster wie der Erebus.Trau keinem solchen!
Drum spielt der Dichter,
Als lenke Orpheus Bäume, Felsen, Fluten,
Weil nichts so stöckisch, hart und voll von Wut,
Das nicht Musik auf eine Zeit verwandelt.
Der Mann, der nicht Musik hat in ihm selbst.
Den nicht die Eintracht süßer Töne rührt.
Taugt zu Verrat, zu Räuberei und Tücken.
Die Regung seines Sinns ist dumpf wie Nacht,
Sein Trachten düster wie der Erebus.
Trau keinem solchen!
Das sagt, das singt in dem Nachspiel, dem Finale, dem fünften Akt, der nur aus einer einzigen Szene besteht, der Liebende, der sie aus dem düstern Reich entführt, emporgehoben hat, zu Shylocks Tochter. Shylock ist weg, sein Name wird nicht mehr genannt, auf all das greuliche Erlebnis mit ihm wird nur von ferne, wie huschend hingedeutet; alles, was ihn angeht, ist aufgelöst ins Allgemeine. In dieser Form aber wird das wahre, wird das tiefste und letzte Gericht über ihn gehalten. Nicht im Gerichtssaal des Dogen von Venedig, nicht in Porzias Juristenverkleidung, nicht in der Welt der Masken, wo’s Konventionen,Paragraphen, Judentaufen gibt, sondern in der Mondnacht, in der Natur, im Reich der Geister und der Hoffnung, wo auch die Gewöhnlichen sich über die Schranke ihres Alltags geschwungen haben, wird dem Hoffnungslosen das endgiltige Urteil gesprochen. Shylock ist der harte, der stöckische, der wütige Mann, auf keinen wie ihn passen diese Ausdrücke dumpf, düster, er ist volleraffectionsund darumtreasons,stratagems,spoils, er ist der Mann, „der nicht Musik hat in ihm selbst“. Das Urteil, das wahre, jenseits aller vergänglich geschichtlichen Einkleidungen, lautet, daß er ist, der er ist, und daß er bleibt, was er so geworden ist, daß Wandlung nicht mehr möglich ist. Er ist ein Mann nur von Verstand und Trieben und also, mit Spinozas Unterscheidung gesagt, ein in sich gebundener, stöckischer Knecht, kein mit seines Gleichen verbundener Freier; in sich gebunden und doch zugleich in sich, mit sich zerfallen; denn die höhere Sphäre, die erst zur Einheit ruft, die aus dem Verstand die Ratio, die Beschauung und Weisheit, den universalen Geist, aus den Trieben die Emotion, das Gefühl, die Empfindungsseligkeit zu machen vermag, die die Gier in die Sehnsucht, die Wut ins Heroische wandelt, die fehlt völlig. Die andern haben wohl zumeist das eine Element gemeinen Trieblebens, das Shylock fehlt: gemeine Genußsucht, Beziehung aufs Glück in niedriger Gestalt; sie aber sind wie im freien Feld des Werdegangs, sind Repräsentanten der Jugend, und selbst von so unterer Stufe aus ist ihnen wie ihrem Volke keine Entwicklung abgeschnitten; der alte Shylock aber ist in die Ecke gesetzt, der große Bann ist über ihn ausgesprochen, es gibt keinen Fortgang für ihn. Die andern alle, selbst der melancholische Antonio, den die Einsamkeit auch gefährlich angeweht hat, können noch irgendwie zur Heiterkeit kommen, zu der Lust, die Erlösung und Gemeinschaft ist; Shylocks böses Lachen ist der Ausdruck seiner gänzlichen Absonderung und Verstoßung, des gräßlichenWiderspruchs, in dem er zur Welt steht und den er in der Welt gewahrt.
Wie ist nun dieser Sinn, diese innere Handlung, die zwischen den Sphären und Personen waltet, in die äußere Handlung, die von einer Verkoppelung zweier Novellen stammt, umgesetzt worden? Wie drückt sich die zwischen Licht und Finsternis in allen Schatten und Farben sich ergehende Stimmung in der Folge der Szenen aus? In welchen Vorgängen tritt die Beziehung der vier Hauptgestalten — Shylock, Antonio, Bassanio und Porzia — und der Nebengestalten zu einander und zum Grundmotiv hervor?
Die erste Szene des Stücks führt uns in eine Straße Venedigs. Nehmen wir die Szenen in Belmont — in Porzias Haus und Garten — für sich, so spielen alle venezianischen Szenen mit Ausnahme der großen Gerichtsszene und einer winzigen Szene zwischen Shylock und seiner Tochter auf öffentlichen Straßen und freien Plätzen. Freie Luft und Licht weht durch dieses Stück; aber auch die dunkle, scharfe Silhouette Shylocks hebt sich von dieser Freiheit ab; in der Öffentlichkeit geschieht sein Keifen, Wüten und tückisches Mordplanen. In dem ersten Bild haben wir den alternden, männlichen Junggesellen Antonio mit seinen jugendlichen Kameraden. Lust zu Heiterkeit und zu Festen äußert sich; aus Antonio aber vor allem Schwermut, die so wenig Einzelgründe für sich kennt, wie Shylocks allgemeiner Haß mehr braucht als Auslösungen; Antonio sieht ja die Welt, er lebt ja in ihr; die scherzhaft geäußerte, unglaubliche Vermutung, er sei verliebt und darum gedrückt, wird mit einem Pfui zurückgewiesen; verliebt? nein, das paßt nicht zu ihm. So wie er über alle Welt Handel treibt, so hat er Sympathie zu aller Welt, und Trauer kommt zu ihm aus aller Welt; aber an eines vermag er sich nicht zu schenken. Bassanio sein Freund vermag es und muß es: er liebt Porzia, die Schöne, die Tugendreiche, die Erbin, die Herrin von Belmont; von allen vierHimmelsrichtungen segeln die Freier an ihre Küste; wie eine Mythosgestalt steht sie in dieser ersten Beschreibung, ehe wir sie kennen lernen, da; um sie glücklich zu werben, dürfte er hoffen, wenn er nur die Mittel hätte, den Zug zu ihr würdig auszurüsten. Antonio ist fabelhaft reich, aber knapp an Geld; was er hat, der Großhändler, schwimmt auf hoher See; der Kredit also muß in Bewegung gesetzt werden; denn helfen will er. Schon also sind für unsere Erwartung die drei Kreise beisammen: Antonio und Bassanio — Porzia — der Geldverleiher.
Die zweite Szene führt dann in das andere Reich, nach Belmont; Heiterbucht dürften wir den Namen für Porzias Landschaft übersetzen. Da ist gleich die Mischung, die für Shakespeares romantische Spiele so bezeichnend ist wie für den Geist unsrer deutschen Frühromantiker: heiter geistreich und märchenhaft innig. Mit Witz wird geplaudert; das Fabelhafte, daß Freier aus aller Welt gekommen sind, ist Anlaß, daß die beiden Mädchen, die so munter zu einander gesellt sind, Porzia und ihre Gesellschafterin Nerissa, den Neapolitaner, den Pfalzgrafen, den Franzosen, den Engländer, den Schotten, den immer betrunkenen Deutschen aus Sachsenland überlegen ironisch mustern. Erst andeutend hören wir von der Bestimmung des Vaters, von der Kästchenwahl; hören und teilen Nerissas Hoffnung, daß diese Wahl Porzia den Gatten sichert, der sie wahrhaft liebt und der sie verdient; und ebenso leise deutet sich ihre Neigung zu Bassanio, die Erwartung, er möge zur Werbung kommen, an.
Der Schauplatz verwandelt sich: wir sind wieder in Venedig. Da haben wir die andre Werbung, die Werbung um Shylock. Mit dem Wucherer, mit dem Geldjuden lassen sich die Vornehmen ein, Bassanio und Antonio. Der ganze furchtbare Gegensatz tut sich auf und wird dann von Shylock mit einer schnellen Leichtigkeit überbrückt, die zeigt, welches Talent auch er zu Spiel und Ironie hätte, wenn er nichtin die Finsternis gebannt wäre, wo er schmiedet, unheimliche Pläne schmiedet; seine infernalische Phantasie und Schlauheit, die ohne jede eigne Heiterkeit an einen Scherz, ja an eine Anwandlung von Großmut glauben läßt, bringt es zustande, daß der Vertrag unterschrieben, daß der Schein ausgestellt wird.
Und nun wieder nach Belmont! Jetzt sehen wir, was es mit den Kästchen auf sich hat: der Mann, der für Porzia, dies edle Frauenbild, bestimmt ist, soll sich auf das, was dem Manne zukommt, aufs rechte Wählen, auf die rechte Entscheidung verstehen; und wer sich da nicht bewährt, soll nie wieder um eine Frau werben dürfen. Der erste Bewerber zeigt sich uns, der Prinz von Marokko: sein kriegerisch renommistisch bombastisches Wesen und Porzias überlegen höfliche Ironie und Gelassenheit, die getrost darauf baut, daß ihr SchicksalihrSchicksal sein werde, begegnen einander.
Sofort aber wird das wieder abgebrochen, und in Venedig, in den nächsten vier Szenen, beginnt eine neue Handlungsreihe, in der es um Shylocks Schicksal geht. Keine Spur menschlichen Verhältnisses ist durch das Geldgeschäft zwischen Shylock und Antonios Kreis angesponnen worden; niemand hat menschliche Beziehungen zu Shylock. Nicht Lanzelot Gobbo, sein Diener, der junge Kerl aus dem Volk mit dem derben Mutterwitz; er verläßt den knausrigen Herrn, geht ins Lager Bassanios über und hilft bei der Entführung der Tochter. Nicht Jessika, diese Tochter: die Schlauheit, die Verstellungskunst hat sie vom Vater geerbt; die Lieblosigkeit, die er gegen sie und ihre Mutter gewiß nicht, wohl aber gegen die ganze Christenwelt übt, hat sie auch überkommen: aber sie wendet sie gegen ihn und liebt, jung, leichtfertig und sehnsüchtig, niedrig und schwärmerisch zugleich, einen Jüngling aus dem andern Reich. Ein Fest bereiten sie wieder vor, diese Übermütigen; Shylocks ganze Abneigung gegen die Heiterkeit dieser Renaissancemenschen, dieser Christen, gegen ihre Maskeraden und Tollheiten und den Lärm, den sie Musik nennen, drückt sich aus; und gerade zu diesem heiteren Fest trägt Jessika die Fackel und flieht von der Stätte des Hasses und der Gier zu zweckloser, spielerisch-farbiger, berauschter, gliederlösender Freude und Liebeslust. Und in derselben Nacht bricht Bassanio zur Fahrt übers Meer, zur Werbung auf.
Nun wieder Belmont. Der Marokkaner trifft seine Wahl. Gold, Silber und Blei, so geht’s abwärts, wenn man auf die Fassung, das Material der Kästchen sieht; aber er achtet nicht darauf, daß die Steigerung umgekehrt ist, wenn man auf den Inhalt der Sprüche hört. Wir vernehmen’s: Gold — „Wer mich erwählt, gewinnt, was mancher Mann begehrt“, es trifft die Wirklichkeit, besagt aber nichts über die Würdigkeit des begehrend Wählenden. Das aber wählt er und bekommt zur Antwort, der prunkende, protzige Fürst: Es ist nicht alles Gold, was glänzt.
Verwandlung: Venedig. Shylocks Verzweiflung über Tochter und Geld und Juwelen lernen wir im Bericht kennen. Was für eine Wirklichkeit, grell, häßlich, mit aller Gewaltsamkeit der Realität gestopft, gegen die heiter flüchtige, wie immaterielle Phantasiewelt in Belmont. Dort wie hier hat einer das Gold erwählt; dort wie hier ein geschlagener Mann; aber welche Unvergleichlichkeit! Schon bangt uns um Antonio, aus dessen Kreis der Räuber kam, der Jessika samt Shylocks Schätzen gestohlen hat:
Daß nur Antonio nicht den Tag versäumt,Sonst wird er hiefür zahlen.
Daß nur Antonio nicht den Tag versäumt,Sonst wird er hiefür zahlen.
Daß nur Antonio nicht den Tag versäumt,Sonst wird er hiefür zahlen.
Daß nur Antonio nicht den Tag versäumt,
Sonst wird er hiefür zahlen.
Eine Wolke kommt näher; es laufen Gerüchte um, dem Antonio sei ein Schiff untergegangen. Und zugleich steigert sich die seelische Bedeutung des schwermütigen Mannes für uns; wir erfahren, daß er sein ganzes Herz an Bassanio gehängt hat; daß ihm das Liebesglück des Freundes repräsentativ ist, wie sonst nur dem Liebenden sein eigenes Glück; in einer strahlenden und doch dunkeln Abendbeleuchtung steht er da.
Und hier, die Augen voller Tränen, wandt’ erSich abwärts, reichte seine Hand zurück,Und als ergriff’ ihn wunderbare Rührung,Drückt’ er Bassanios Hand; so schieden sie.
Und hier, die Augen voller Tränen, wandt’ erSich abwärts, reichte seine Hand zurück,Und als ergriff’ ihn wunderbare Rührung,Drückt’ er Bassanios Hand; so schieden sie.
Und hier, die Augen voller Tränen, wandt’ erSich abwärts, reichte seine Hand zurück,Und als ergriff’ ihn wunderbare Rührung,Drückt’ er Bassanios Hand; so schieden sie.
Und hier, die Augen voller Tränen, wandt’ er
Sich abwärts, reichte seine Hand zurück,
Und als ergriff’ ihn wunderbare Rührung,
Drückt’ er Bassanios Hand; so schieden sie.
Wir sind gespannt; aber der Dichter bricht ab. Wir müssen mit ihm rasch übers Meer, nach Belmont, zur Kästchenwahl. Der Prinz von Arragonien trifft seine Wahl. Silber: „Wer mich erwählt, bekommt so viel, als er verdient.“ Wir sind schon höher oben; schon ist eine Beziehung da zwischen Entscheidung und innerem Wesen des Wählenden; bedächte der Prinz nur, daß wer seines eigenen Verdienstes selber sicher sein will, es ermessen muß an seiner eigenen Hingabe und Opferfähigkeit! Denn freilich, was das Urteil über den Wert der andern angeht, was haben wir eher zu fragen, als ob sie ihr Amt verdienen? Da sagt er in einer der sentenziösen Reden, die in Porzias Reich an ihrer Stelle sind, schon prachtvolle Dinge; im Objektiven, im Kritischen paßt er hierher:
O würden Güter, Rang und Ämter nichtVerderbter Weis’ erlangt, und würde EhreDurch das Verdienst des Eigners rein erkauft:Wie mancher deckte dann sein bloßes Haupt!Wie manchem, der befiehlt, würde befohlen!Wie viel des Pöbels würde ausgesondertAus reiner Ehre Saat! Und wie viel EhreGelesen aus der Spreu, dem Raub der Zeit,Um neu zu glänzen!...Ich halt’ es mit Verdienst!
O würden Güter, Rang und Ämter nichtVerderbter Weis’ erlangt, und würde EhreDurch das Verdienst des Eigners rein erkauft:Wie mancher deckte dann sein bloßes Haupt!Wie manchem, der befiehlt, würde befohlen!Wie viel des Pöbels würde ausgesondertAus reiner Ehre Saat! Und wie viel EhreGelesen aus der Spreu, dem Raub der Zeit,Um neu zu glänzen!...Ich halt’ es mit Verdienst!
O würden Güter, Rang und Ämter nichtVerderbter Weis’ erlangt, und würde EhreDurch das Verdienst des Eigners rein erkauft:Wie mancher deckte dann sein bloßes Haupt!Wie manchem, der befiehlt, würde befohlen!Wie viel des Pöbels würde ausgesondertAus reiner Ehre Saat! Und wie viel EhreGelesen aus der Spreu, dem Raub der Zeit,Um neu zu glänzen!...Ich halt’ es mit Verdienst!
O würden Güter, Rang und Ämter nicht
Verderbter Weis’ erlangt, und würde Ehre
Durch das Verdienst des Eigners rein erkauft:
Wie mancher deckte dann sein bloßes Haupt!
Wie manchem, der befiehlt, würde befohlen!
Wie viel des Pöbels würde ausgesondert
Aus reiner Ehre Saat! Und wie viel Ehre
Gelesen aus der Spreu, dem Raub der Zeit,
Um neu zu glänzen!...
Ich halt’ es mit Verdienst!
Und so wählt er als Selbstgerechter, wie mancher Mann, der sich nur darum für würdig hält und nur so zur Entscheidung schreitet, daß er sich besser weiß als die meisten andern. So aber kann Porzia nie die Seine werden; so darf er nie um ein Weib freien. Er geht; und nun wird Bassanio gemeldet; und wir sind begierig, Antonios Freund von uns aus nah kennen zu lernen; noch haben wir ihn kaumim Ernste gesehen. Ist er der, dem Porzia zuteil werden darf? Ist er der, um dessentwillen die Gefahr Antonio näher und näher rücken darf?
So kehren wir nach Venedig zurück; wir kennen nun schon den Aufbau des Stücks: der Kreis, in dessen Mitte Shylock sich bäumt, soll erst durch Bassanio zu Porzias Reich in Beziehung gesetzt werden, bis diese zur Rettung verkleidet aufbrechen muß, um den Unhold zu überwinden. Einstweilen werden die einen und die andern Dinge getrennt von einander fortgeführt und jeweils wieder abgebrochen. Heiter ernst, sinnig bedeutsam geht es in Belmont zu; mit Wirklichkeiten so nah gequält, wie dort mit Märchenhaftem ins Ferne und Allgemeine entrückt, sind wir auf den Straßen Venedigs. Jetzt hören wir — zu Beginn des dritten Aktes — Schreckhaftes von Antonios Verlusten; zugleich aber, nun wir ahnen, was kommen kann, reckt sich Shylock gewaltig in die Höhe: hier, an dieser Stelle, spricht der Jude, der Nichts-als-Jude, der Repräsentant seines Volkes, der Erbe, der alle Unterdrückung, Mißhandlung, Beschimpfung und Schmach in seinem vergifteten Blute kochen fühlt. Und dazu der neue Grund: seine Tochter, seine Dukaten; und die neue, o, gewiß, seit der Jugendzeit die erste Hoffnung für diesen Mann, die nichts mit Besitzgier zu tun hat: die Rache, mit der er phantastisch gespielt hat, könnte zu wirklichem Ernst werden! Und in einander verfilzt empfindet der Unselige den fast körperlichen Schmerz bei Tubals Nachrichten von der Tochter und das Jauchzen seines Herzens bei den Mitteilungen über Antonios gefährdete Lage; und schon empfinden wir voraus, wie er das Messer, das ihm jetzt durchs Herz fährt — Antonio aber hat es gewetzt, Antonio ist ihm der Führer des Kreises, aus dem Lorenzo kam —, wie er es wollüstig grausam gegen Antonio wenden wird. Das Traurigste an diesem aus der Welt, aus Licht und Sonne der Gemeinschaft und der Achtung verstoßenen Mann ist doch vielleicht, daß er auch ausseinem eigenen Herzen gestoßen ist, daß er in seinen eigenen Motiven nicht eindeutig, nicht sicher ist. Sein Verstand kennt sich in seinen Trieben nicht aus, sie mißleiten einander gegenseitig, er steht keineswegs immer rein in der Rache; er hegt den gewinnsüchtigen Nebengedanken: Wenn Antonio — durch juridischen Mord — aus dem Wege geräumt ist, „so kann ich Handel treiben, wie ich will“.
Und wieder die Verwandlung, wieder hin nach Belmont, und diesmal ganz besonders von Nacht zu Licht. Das ist die große Bassanioszene. Beide, Porzia und Bassanio, erleben jetzt ihre Steigerung ins Hohe. Sie haben wir bisher fast nur von der anmutig klaren, neckisch heiteren Seite kennen gelernt; und in der Art, wie ihre Liebe sich jetzt von vornherein verrät, fehlt das dunkle, trübende Element der Leidenschaft: die herzliche Innigkeit äußert sich in der Form des hellen Geistes; das Wunderseltene geschieht, daß Wärme und Licht beisammen sind. So drückt sich denn in all diesen Belmontszenen die Handlung in der Form der schönen, zur Wohlredenheit gewandelten Sprache aus; immer, wenn Shakespeare die höchste Sphäre gestaltet, werden wir nicht mehr durch ausbrechende Natur bis ins Mark hinein erschüttert, der Trieb geht in Geist, die Aktion in Sprache, die Sprache in Musik über. So tritt denn auch hier diese letzte Steigerung hinzu; während Bassanio in inniger Versenkung, kaum hoffend, daß er der Berufene sei, im vollen Gefühl der repräsentativen Bedeutung des Augenblicks, mit sich zu Rate geht, wohin er seine Entscheidung schlagen soll, ertönt auf Porzias Geheiß im Hintergrund Musik, und eine Frauenstimme, vom Chor begleitet, singt ein Lied.
Sagt, woher stammt Liebeslust?Aus dem Haupte, aus der Brust?
Sagt, woher stammt Liebeslust?Aus dem Haupte, aus der Brust?
Sagt, woher stammt Liebeslust?Aus dem Haupte, aus der Brust?
Sagt, woher stammt Liebeslust?
Aus dem Haupte, aus der Brust?
Eben die Frage, die Porzia aufgibt. Wir müssen sie aber noch in Shakespeares Original vernehmen; Schlegel hat hier nicht alles zum Ausdruck bringen können:
Tell me, where is fancy bred,Or in the heart or in the head?
Tell me, where is fancy bred,Or in the heart or in the head?
Tell me, where is fancy bred,Or in the heart or in the head?
Tell me, where is fancy bred,
Or in the heart or in the head?
Fancy: die Einheit von Liebe, Lust, Laune und Phantasie — das ist das Reich, in dem wir bei Porzia sind.
Man macht, da es so überaus schön wäre, diese entscheidende Stelle in deutscher Schönheit ohne Minderung des Sinns zu vernehmen, den Versuch, den Beginn dieses Lieds von der Wiege der Liebe sich von dem modernen Verbesserer Schlegels, von Gundolf singen zu lassen, der mit feierlich abweisender Gebärde so anspruchsvoll auftritt, — und fällt in den Abgrund:
Sagt, woher die Liebelei,Aus dem Hirn oder Herzen sei?
Sagt, woher die Liebelei,Aus dem Hirn oder Herzen sei?
Sagt, woher die Liebelei,Aus dem Hirn oder Herzen sei?
Sagt, woher die Liebelei,
Aus dem Hirn oder Herzen sei?
Ich würde diese kümmerlich-kecke Verballhornung, die gleich kläglich am Inhalt wie an der Stimmung wie sogar am Rhythmus scheitert, nicht anführen, wäre es mir so ähnlich nicht beinahe jedesmal gegangen, wenn ich Grund hatte, mich nach einer Verbesserung Schlegels umzusehen: oft hatte Gundolf dann, was Schlegel schlecht oder ungenügend gemacht hatte, zufrieden stehen lassen; hatte er auch Anstoß genommen, so war seine Fassung eine Verschlechterung.
Von Tönen gewiegt, von Liebesphantasiegeist umklungen geht Bassanio an seine Entscheidung. Er spricht seine große Rede von der Echtheit und dem Schein. Der Schein herrscht in der Welt: im Recht wie im Gottesdienst; das Laster tritt als Tugend auf, die Falschheit putzt sich als Schönheit aus. So verwirft er das lockend schimmernde Gold; das Silber ebenfalls, das ihm — den Münzverhältnissen der Zeit entsprechend — vor allem der Vertreter des feilen Geldes, „gemeiner bleicher Botenläufer von Mann zu Mann“ ist. Er wählt das Blei, dessen Inschrift wir kennen: „Wer mich erwählt, der gibt und wagt sein Alles dran.“ Goldnes und silbernes Kästchen verheißen Gewinnen und Erlangen; das bleierne fordert Hingabe und wagemutigesOpfer. Die Liebe wird dem gewonnen, der gebend wagt, der sich tapfer verliert.
Und nun das holde Liebesglück, und das Gegenspiel auf einer, wenn schon niedrigeren, doch immer anmutigen Stufe: Graziano und Nerissa werden ein Paar; Bassanio empfängt Porzias Ring mit dem Gebot, ihn nie von der Hand zu geben. Dann kommen die andern Freunde aus Venedig; Lorenzo gibt Shylocks Tochter, Jessika das schöne Heidenkind, Porzia in Obhut; und es ragt nun die Sphäre der gräßlichen Wutwirklichkeit in Fancys Reich: die Nachrichten aus Venedig sind da; Antonio ist ruiniert, alle Schiffe auf allen Meeren gescheitert; der Schein ist verfallen; Shylock will sein Recht, will kein Geld mehr, selbst wenn man es hätte; Bassanio eilt — in argem Schuldgefühl — mit Porzias reichen Mitteln zu Hilfe. Vorher haben sie sich — wir Zuschauer sind nicht dabei, es ist keine Zeit mehr zu Festen — in Eile vermählt.
Der Schauplatz verwandelt sich: Antonio, der schon von Shylock ins Gefängnis geworfen ist, hat sich vom Schließer zu ihm führen lassen, um ihn um Aufschub, Geduld, um Gnade zu bitten. Nichts da; er will den Schein.
Du nanntest Hund mich, eh’ du Grund gehabt;Bin ich ein Hund, so meide meine Zähne.
Du nanntest Hund mich, eh’ du Grund gehabt;Bin ich ein Hund, so meide meine Zähne.
Du nanntest Hund mich, eh’ du Grund gehabt;Bin ich ein Hund, so meide meine Zähne.
Du nanntest Hund mich, eh’ du Grund gehabt;
Bin ich ein Hund, so meide meine Zähne.
Antonio faßt sich dann; er weiß, das Recht muß seinen Lauf haben; was sollte aus der großen Handelsstadt Venedig werden, wenn die Fremden nicht die Gewähr hätten: hier wird streng nach dem geschriebenen Recht, nach dem Wortlaut der Verträge gerichtet? Und überdies: lebenssatt war er schon immer; sei’s drum! Ihm liegt nur noch daran, daß der Freund sieht: er tritt bis zum letzten, mit seinem Leben, für ihn ein. Nun, wo die Not da ist, kann auch er der ziellos melancholische, passive Mann, sich einem einzigen, dem Freunde, hingeben.
Wir sind — ich wage es zu sagen — in einer wohligen Spannung. Selbst wenn wir nicht jeden Teil des Stückesaus dem Ganzen heraus empfingen, zum Beginn und zur Mitte schon das Ende dazu nähmen, selbst wenn wir wären, wie wir uns immer wieder spielend anstellen: solche, die den Verlauf allererst kennen lernen, — selbst dann wüßten wir aus der immer, regelmäßig dazwischen tretenden Einkehr in Porzias Reich: das Äußerste darf, kann nicht geschehen; Traum, Geist und Spiel müssen zur rechten Zeit kommen und die Wirklichkeit der Affekte verscheuchen; das Wort muß kommen, die menschliche Rede, die Redelichkeit — wie man im Mittelalter die Ratio nannte —, und muß sieghaft über dem Trieb, dem Schein, dem Buchstaben stehen. Und schon sind wir wieder in Belmont und von sanfter, heiterer Hoffnung erfüllt: Porzia mit Nerissa bricht in Männerkleidung auf nach Venedig. Und auch nachher noch bleiben wir eine Szene weiter in Belmont; wir kommen in Porzias Garten; wir hören aus dem Mund der erwachenden und wachsenden Jessika, die aus dem nächtigen Haus ins Reich des Lichts verpflanzt worden ist, Porzias höchstes Lob:
Die arme rohe WeltHat ihres Gleichen nicht.
Die arme rohe WeltHat ihres Gleichen nicht.
Die arme rohe WeltHat ihres Gleichen nicht.
Die arme rohe Welt
Hat ihres Gleichen nicht.
Und zugleich — wohl zu beachten — wird die Gelegenheit benutzt, um von Lanzelot Gobbo in derbem Spaß die äußerliche Bekehrung zum Christentum verspotten zu lassen.
Und nun nach Venedig in den Gerichtssaal, zu der einen großen Szene, die den vierten Akt füllt; denn das ganz kurze Nachspiel, das zum Finale überleitet, schließt, ohne daß Zeit dazwischen liegt, an die Gerichtsszene an.
Eine gewaltiger aufgebaute Szene kennt die dramatische Literatur nicht; sie wäre nur mit einem vollendeten Satz Beethovens, etwa aus einem der letzten Quartette, zu vergleichen. Die Dissonanz wird zu einem fast unerträglichen Gipfel geführt, und in all diese scharfen, gehackten, schneidenden Rufe einer trotz allem fast gerechtfertigtenHäßlichkeit kommt die Engelsstimme in Porzias Kavatine von der Gnade.
Kaum ist der junge berühmte Rechtsgelehrte aufgetreten, hören wir aus seinem Mund die in ihrem Widerspruch seltsam starken Worte:
Dann muß Gnad’ der Jud’ ergehen lassen.
Dann muß Gnad’ der Jud’ ergehen lassen.
Dann muß Gnad’ der Jud’ ergehen lassen.
Dann muß Gnad’ der Jud’ ergehen lassen.
Shylock kennt kein solches Muß, und mit der Verstandeslogik der Herzensdummheit fragt er, was oder wer ihn zwingen solle, vom Recht zu lassen.
So aber war’s nicht gemeint; o nein, da hast du schon recht; äußerlich kann dich nichts zur Gnade zwingen. Gnade ist eine Gabe; man ist begnadet, wenn man Gnade üben kann.
Die Art der Gnade weiß von keinem Zwang,Sie träufelt wie des Himmels milder RegenZur Erde unter ihr, zwiefach gesegnet:Sie segnet den, der gibt, und den, der nimmt...
Die Art der Gnade weiß von keinem Zwang,Sie träufelt wie des Himmels milder RegenZur Erde unter ihr, zwiefach gesegnet:Sie segnet den, der gibt, und den, der nimmt...
Die Art der Gnade weiß von keinem Zwang,Sie träufelt wie des Himmels milder RegenZur Erde unter ihr, zwiefach gesegnet:Sie segnet den, der gibt, und den, der nimmt...
Die Art der Gnade weiß von keinem Zwang,
Sie träufelt wie des Himmels milder Regen
Zur Erde unter ihr, zwiefach gesegnet:
Sie segnet den, der gibt, und den, der nimmt...
Das Mystische in der augustinischen Gnadenwahl erklingt in wonnig freier Anwendung aus dieser Rede (ganz verkehrt von Horn, Shakespeare darum zum Verfechter einer theologischen Lehre zu machen!):
Darum, Jude,Suchst du um Recht schon an, erwäge dies,Daß nach dem Lauf des Rechtes unser keinerZum Heile käm’: wir beten all um Gnade,Und dies Gebet muß uns der GnadeTatenAuchübenlehren.
Darum, Jude,Suchst du um Recht schon an, erwäge dies,Daß nach dem Lauf des Rechtes unser keinerZum Heile käm’: wir beten all um Gnade,Und dies Gebet muß uns der GnadeTatenAuchübenlehren.
Darum, Jude,Suchst du um Recht schon an, erwäge dies,Daß nach dem Lauf des Rechtes unser keinerZum Heile käm’: wir beten all um Gnade,Und dies Gebet muß uns der GnadeTatenAuchübenlehren.
Darum, Jude,
Suchst du um Recht schon an, erwäge dies,
Daß nach dem Lauf des Rechtes unser keiner
Zum Heile käm’: wir beten all um Gnade,
Und dies Gebet muß uns der GnadeTaten
Auchübenlehren.
Porzia selbst mit ihrem Geist anmutiger Natur ist solch eine Begnadete, wie Shylock ein Enterbter ist; und Bassanio hat sie erringen dürfen, weil er die Entscheidung getroffen hat, zu geben, von Herzen zu geben, und sein Alles dran zu wagen.
Aber gleich hebt wieder die Hölle an, die Pein ist kaum mehr zu ertragen; das scharfgewetzte Messer bohrt sich gegen uns wie gegen Antonio; und er, um dessen Leben es geht, spricht aus, was wir empfinden:
Von ganzem Herzen bitt’ ich das Gericht,Den Spruch zu tun.
Von ganzem Herzen bitt’ ich das Gericht,Den Spruch zu tun.
Von ganzem Herzen bitt’ ich das Gericht,Den Spruch zu tun.
Von ganzem Herzen bitt’ ich das Gericht,
Den Spruch zu tun.
Das Arge gipfelt sich zum Ärgsten, wie in einem der falschen Schlüsse bei Beethoven oder Bruckner, bis endlich bei den Worten Porzias
Ist eine Wage da, das Fleisch zu wägen?
Ist eine Wage da, das Fleisch zu wägen?
Ist eine Wage da, das Fleisch zu wägen?
Ist eine Wage da, das Fleisch zu wägen?
die Melodie der Teufelei mitten in sich selbst umbiegt und sich, obwohl sie ihre Tonfolge beibehält, rhythmisch verwandelt; denn hier, bei diesem von Porzia auf die Spitze getriebenen Recht, spüren wir: da spielt überlegener Geist mit dem, der im wütigen Ernst und doch dabei im kalten Formalismus des Rechts über die Grenzen des Menschenmöglichen zu gehen vermag: der Teufel der Buchstabengrausamkeit soll an sich selbst scheitern, soll durch sich besiegt werden: dem Rechtsanspruch soll sein Recht werden; der Frauengeist, der hier mit der männischen Wut ringt, die die Maske männlicher Logik angenommen hat, trägt diese nämliche Maske virtuos; aber so wie hinter Shylocks Logik der Haß steckt, so birgt sich in des Rechtsgelehrten Logik Porzias frauenhafte Liebesentscheidung. Und schon hier, vor der letzten glücklichen Wendung, taucht leise, von fern, durchs Gewittergrollen hindurch, die Stimme des Scherzes, der neckischen Lustigkeit auf.
Antonio nimmt mit herzergreifenden Worten seinen Abschied von Bassanio, für dessen Glück er jetzt geopfert werden soll: Empfehlt mich Eurem edlen Weib...
Da wird in einem kurzen Quintett ein aus Ernst und Spiel wunderbar gemischtes Zwischensätzchen eingelegt: Bassanio und Graziano beteuern in leidenschaftlichem Ausdruck der Freundschaft, vor der, wo der Freund in Gefahr ist, alles, alles andre versinken muß, sie würden Leben, Weib und alle Welt opfern, um Antonio zu retten; Porzia und Nerissa — der Richter und der Schreiber — machen heiter böse Bemerkungen dazu, wie nur sie selbst und wir sie verstehen, und Shylock, dessen Ghettoseele nichts über die Familiegeht, fügt seine Stimme ein mit Haß und Verachtung gegen solche Christenmänner und Christenehen und mit seinem Jammer um die Tochter, die in jenes Lager gelaufen ist.
Und dann kommt die große Wendung, durch Heiterkeit vorbereitet, und sie ist Heiterkeit, wie sie der Liebe entstammt: ein Pfund Fleisch, nicht mehr, kein Tröpfchen Blut.
Wundervoll, wie der überlegene Intellekt Shylocks gleich versteht, was er in der Sprache des Gemüts so gar nicht begriffen hatte: der Interpretation seines eignen Gesetzes fügt er sich sofort; mit seinem Schein und dessen Wortlaut hatte er Antonio in die Schlinge gelockt; jetzt hat ein Geist, der noch heller ist als seiner, das Opfer aus der Schlinge befreit. Sein Geld möchte er noch haben; er begehrt es kleinlaut; wie er’s nicht bekommen kann, will er nichts als nach Hause gehn. Er hat morden wollen und darf am Leben bleiben; bleibt auch vor Entblößung bewahrt; daß er zur Taufe gezwungen wird, ist eine Konzession dieser Gestalten Shakespeares oder auch des Dichters selbst an die Zeit, seinen Spaßmacher aber hat er schon im voraus darüber spotten lassen; und von der ganz andern Taufe mit heilig seligem Geist, auf die es dem Dichter ankommt, vernehmen wir erst im Finale. In der Art aber, wie Shylock abgeht und aus dem Stück verschwindet, liegt Größe: nichts hier von äußerlicher Tragik, nichts von Mord und Totschlag oder Selbstmord oder auch nur einer jammervoll pathetischen Rede: er ist vernichtet, ist völlig zu nichts geworden und geht still nach Hause. Er ist nicht wohl; wir glauben es ihm; er wird dahinsterben.
Wenn der Erlöser in die Hölle herniederstiege, oder wenn bei einem Erwachen der Menschen die Uhren alle den Tag ankündigten, die Sonne aber wollte nicht kommen und Nacht lagerte lange Stunden lang, man vermeint, für immer über der Erde, und nun dränge überwältigend der erste Lichtstrahl hervor: von der Art ist das Gefühl der Erleichterung, das uns und die Venezianer bei Porzias Richterspruch überkommt. Da brauchen wir wahrlich nicht als erheiterndes Nachspiel den ernsthaften Streit der juristischen Doktoren über das Recht, das diese Frau gesprochen hat; die Heiterkeit, Amor,amor dei intellectualishat hier zu Recht erkannt. Die Heiterkeit ist damit, daß zwei Frauen aus fernem Land kamen und den Graus verjagten, daß die Männer, gar noch die eigenen Männer, nichts merkten, auf die Bühne getreten; was soll der Streit, ob tragisch oder komisch? Hier wird dargestellt, auf welchen Geistes Wegen unter Menschen die Tragik zu Lust wird. Wie haben sich alle Elemente der zuvor so getrennten Handlung an dieser Gerichtsstätte aufs schönste, aufs ungezwungenste vereinigt! Infancy, in Lust und Liebe und Laune hat sich nun alles Düstere und Lastende aufgelöst; und Laune, Leichtsinn und Neckerei, im Verein mit Verklärung und Liebe, bilden darum den Schluß. Noch im Gerichtssaal und dann sofort nachher auf der Straße leiten Porzia und Nerissa die lustige Art ein, wie sie sich ihren Männern zu erkennen geben wollen: ein bißchen müssen die doch im Ernst dafür gestraft werden, daß sie in leidenschaftlicher Inbrunst bereit waren, ihr Alles, diesmal aber nicht bloß ihr Eigen, auch ihre Frauen daran zu wagen, um den Freund zu erretten. So müssen sie den Rettern, die kein anderes Zeichen der Dankbarkeit annehmen, die Ringe, die sie von ihren Frauen haben und nie von der Hand lassen sollen, schenken. Der letzte Satz der Symphonie wird so vorbereitet, der ein wundersames Scherzo ist,ein Scherzo molto cantabile e serafico.Sweet Shakespeare, der süße, der holde Dichter hat ihn gedichtet. Nach dieser befreienden Erlösung war nur eine Steigerung noch möglich: mit dem letzten Sinn des Stückes in den verschwimmenden Duft des Allgemeinen, in die Einheit von Seele und Geist, von Herz und Kopf, von Geist und Natur. Von diesem Naturgeistgefühl sind wir nun in der Gartenlandschaft vonBelmont sofort umfangen; wir sind in der höchsten, reinsten Geistersphäre. Nacht; Mondschein; Musik ertönt. Lorenzo und Jessika walten als Gäste der noch abwesenden Gebieterin im Haus. Von beider Sinn ist in dieser Landschaft des Geistes wie ein einengender Reifen gesprungen; sie waren leichtfertig bis zur Frivolität; die Leichtigkeit haben sie bewahrt und das Spielerische, aber nun sind sie der erniedrigenden Umgebung der Zwecke und Mittelchen ledig, sie brauchen nicht mehr gegen die Gemeinheit reagieren; sie sind schwärmerisch und begeistert geworden. In der Art der Wechselgesänge des Volks, mit Erinnerungen an die heitere Fabelwelt der antiken Mythologie sprechen sie einander im Duett jugendlich frei und leicht ihre Liebe und Freude zu, und dann kommt von Lorenzos Lippen der wundervolle Hymnus auf die Musik; Herder hat nichts Schöneres und Tieferes seinen „Stimmen der Völker in Liedern“ als Motto mitgeben können:
Wie süß das Mondlicht auf dem Hügel schläft!Hier sitzen wir und lassen die MusikZum Ohre schlüpfen; Nacht und sanfte Stille,Sie werden Tasten süßer Harmonie.Komm, Jessika! Sieh, wie die HimmelsflurIst eingelegt mit Scheiben lichten Goldes!Auch nicht der kleinste Kreis, den du da siehst;Der nicht im Schwunge wie ein Engel singtUnd einstimmt in den Chor der Cherubim.So voller Harmonie unsterblich unsre Seelen,Nur wir, dieweil dies Kotkleid SterblichkeitSie grob umschließt, wir können sie nicht hören.
Wie süß das Mondlicht auf dem Hügel schläft!Hier sitzen wir und lassen die MusikZum Ohre schlüpfen; Nacht und sanfte Stille,Sie werden Tasten süßer Harmonie.Komm, Jessika! Sieh, wie die HimmelsflurIst eingelegt mit Scheiben lichten Goldes!Auch nicht der kleinste Kreis, den du da siehst;Der nicht im Schwunge wie ein Engel singtUnd einstimmt in den Chor der Cherubim.So voller Harmonie unsterblich unsre Seelen,Nur wir, dieweil dies Kotkleid SterblichkeitSie grob umschließt, wir können sie nicht hören.
Wie süß das Mondlicht auf dem Hügel schläft!Hier sitzen wir und lassen die MusikZum Ohre schlüpfen; Nacht und sanfte Stille,Sie werden Tasten süßer Harmonie.Komm, Jessika! Sieh, wie die HimmelsflurIst eingelegt mit Scheiben lichten Goldes!Auch nicht der kleinste Kreis, den du da siehst;Der nicht im Schwunge wie ein Engel singtUnd einstimmt in den Chor der Cherubim.So voller Harmonie unsterblich unsre Seelen,Nur wir, dieweil dies Kotkleid SterblichkeitSie grob umschließt, wir können sie nicht hören.
Wie süß das Mondlicht auf dem Hügel schläft!
Hier sitzen wir und lassen die Musik
Zum Ohre schlüpfen; Nacht und sanfte Stille,
Sie werden Tasten süßer Harmonie.
Komm, Jessika! Sieh, wie die Himmelsflur
Ist eingelegt mit Scheiben lichten Goldes!
Auch nicht der kleinste Kreis, den du da siehst;
Der nicht im Schwunge wie ein Engel singt
Und einstimmt in den Chor der Cherubim.
So voller Harmonie unsterblich unsre Seelen,
Nur wir, dieweil dies Kotkleid Sterblichkeit
Sie grob umschließt, wir können sie nicht hören.
Ich habe es unternehmen müssen, an dieser entscheidenden Stelle, die zum Gipfel der Dichtung führt, die überlieferte Übersetzung, die falsch ist, zu ändern, und habe für den Zweck dieser Darstellung keine Scheu getragen, zu tun, was ich in einer Übersetzung des zusammenhängenden Dichtwerks vermiede: ich habe an einer Stelle denKommentar verdeutlichend in die Übersetzung gelegt und habe mir nichts daraus gemacht, daß dieser Vers dabei einen Fuß zuviel bekommen hat[1].
Wir Menschen, so also tönt es uns aus diesem Hymnus entgegen, wir Menschen in unserm unsterblichen Teil haben Teil an der Harmonie der Sphären, an der Himmelsmusik, in der Weltgeist und Natur eins sind; unser Leib aber, der die Seele ins Gefängnis des kotigen Lebens und irdischen Todes einsperrt, läßt uns die Harmonie draußen und in uns drinnen nicht hören.
Aber: Komm, Jessika! Dieser Zuruf des Liebenden an Shylocks Tochter in diesem Ewigkeitszusammenhang, dieser Ruf zum gemeinsamen Aufstieg
— Komm, hebe dich zu höhern Sphären —
— Komm, hebe dich zu höhern Sphären —
— Komm, hebe dich zu höhern Sphären —
— Komm, hebe dich zu höhern Sphären —
ist mir die ergreifend schönste Stelle der ganzen Dichtung. Das ist Jessikas wahre Taufe im Geist; das ist der Aufstieg der Tochter Shylocks aus der Entwürdigung des Ghetto, im Flug über alle geschichtlich relativen Stufen hinweg, zur Höhe der vom Geist beflügelten, im Geist einigen Menschheit. Wie sie noch auf den Straßen Venedigs war und nur im Maskenfest die glühende Fackel der Liebe schwang, da war noch Schlacke genug in ihr wie in ihrem fröhlich-leichtsinnigen Liebsten; aber jetzt sind sie in Belmont, sind drüben, sind droben: da ist keine Rede mehr von Assimilation und solchen Nebengedanken aus der Relativität und Anpassung; sie ist von Shylock weg zu Porzia gebracht worden: mit Lorenzo zusammen ist sie in das Reich der Freiheit und des Geistes aufgenommen worden.
Und nun folgt eben die Stelle von dem Manne, der, solange er in seinen Kotleib eingesperrt ist, drunten und draußen bleiben muß, von dem Manne, der nicht Musikhat in ihm selbst, der also, wir haben es jetzt eben vernommen, nicht am Himmel, am Ewigen, an der Unsterblichkeit im Leben schon teil hat.
Wie man diese Worte, die durch ihren Anschluß an die Stelle von der Sphärenmusik der Himmelsgestirne und unsterblichen Seelen so klar sein sollten, nicht hat verstehen können, wie sie nicht zur Erkenntnis des wahren Sinns und Zusammenhangs der Dichtung geleitet haben, ist schwer zu fassen. Aber selbst Friedrich Theodor Vischer, gewiß nicht der erste beste, aber freilich eine tragikomische Mischung aus Dichter, freiem Denker und Philister, nimmt die Worte als gelegentlich eingeflochtene Sentenz zum Lob der Musik, so nach Art von „Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang...“ und fügt, zu seinen Hörern gewandt, schnurrig-knurrig hinzu: „Ist wohl etwas stark, und Sie könnten vielleicht auch sagen ungerecht, aber desto unzweifelhafter ist damit seine große Liebe zur Musik dargetan.“ Ach ja —!
Während die Musik immer weiterspielt, treten im Hintergrund Porzia und Nerissa auf. Porzia sieht zwischen den Bäumen das Licht vom Hause her schimmern und spricht als erstes Wort, das wir bei ihrer Rückkehr von der Rettungsreise von ihr hören, einen der sinnend seelenvollen Sätze, die den Kern der Dichtung treffen; denn so wortgewaltig in dem Teil der Dichtung, der um Shylock herum die Triebe zur Handlung bringt, die Leidenschaften auftreten, so handlungsmächtig und handlungdeutend sind in Porzias Teil die Worte; sie sagt:
Das Licht, das wir da sehen, brennt im Saal:Wie weit die kleine Kerze Schimmer wirft!So scheint die gute Tat in arger Welt.
Das Licht, das wir da sehen, brennt im Saal:Wie weit die kleine Kerze Schimmer wirft!So scheint die gute Tat in arger Welt.
Das Licht, das wir da sehen, brennt im Saal:Wie weit die kleine Kerze Schimmer wirft!So scheint die gute Tat in arger Welt.
Das Licht, das wir da sehen, brennt im Saal:
Wie weit die kleine Kerze Schimmer wirft!
So scheint die gute Tat in arger Welt.
Sie waren, so wähnte man bisher im Haus, auf einer Wallfahrt, um für ihre Männer, die nach Venedig zur fast unmöglichen Rettung des Freundes gefahren waren, zu beten. Wir aber wissen: nicht die Männer haben helfen können,und nicht aufs Gebet hin hat der Himmel geholfen, sondern durch die Geistestat dieser jungen Frau.
Wir beten all um Gnade,Und dies Gebet muß uns der Gnade TatenAuch üben lehren.
Wir beten all um Gnade,Und dies Gebet muß uns der Gnade TatenAuch üben lehren.
Wir beten all um Gnade,Und dies Gebet muß uns der Gnade TatenAuch üben lehren.
Wir beten all um Gnade,
Und dies Gebet muß uns der Gnade Taten
Auch üben lehren.
Die Art aber, wie das nun bekannt wird, was sie Großes getan hat, führt zu keiner Ruhmesverherrlichung und zu einer Beschämung der Männer nur in neckischem Spiel. Wir sind in dem Geisterreich der Freiheit, wo Seele und anmutiger, nur durch die Grazie in Schranken gehaltener Witz beisammen sind, und wir brauchen die lässig frohe Abspannung nach der hohen Spannung so nötig. Die bekommen wir in dem Nachspiel mit den Ringen; hier ist der fortwährende Doppelsinn der Reden nicht tragische Ironie, sondern Lust: wir Zuschauer sind ja eingeweiht und lassen die Männer da droben vergnüglich eine Weile zappeln. So wird denn keck genug — die Gatten mußten sich ja um Antonios willen vor ihrer Liebesvereinigung trennen — mit dem Liebesakt Scherz getrieben: nie kommst du in mein Bett, bis ich den Ring habe (ich hab’ ihn ja schon); oder gar: ich nehme den Richter in mein Bett (freilich, ich bin’s ja selber).
Noch ein tieferer Sinn aber scheint mir in der Heiterkeit und der Art, wie hoher Geist sich hier auf den Wegen fröhlichen Spieles dem Alltag nähert, zu liegen: wie könnten die andern alle, die noch gar kein Recht auf dieses Reich haben, die alle noch fehlbare oder oberflächliche und übermütig-verwegene Menschen sind, die nichts zur Rettung gewußt haben, wie könnten sie gedemütigt sein von der Hoheit dieser Frau, in der Natur und Geist sich zur Schönheit verbunden haben! Aber des Höllengrauses wird nun höchstens noch mit leisen Hindeutungen gedacht: es wird alles in Freude und Liebe und Spiel, infancyverwandelt.
Sofern wir reif sind für die Landung in Belmont, wo bohrend tiefgreifende Losungen und Spaltungen ausunsrer wie Shakespeares Zeit keine Geltung haben, reif für seine feste Härte und hochfliegende Liebe, so bringt uns kaum ein andres Stück Shakespeares zu so persönlicher Dankbarkeit gegen den Dichter, der recht von Herzen nachsichtig und gütig gegen uns allesamt gewesen ist, gleichviel, wer wir sind. Wir empfinden dann: hat er Bassanio, Antonio, Lorenzo, Jessika, Graziano und Menschen noch minderen Grades eingelassen, so hat er auch uns die Pforte nicht zugesperrt. Wir sind es, wir, denen Shylocks Wut und Marterschrei nachtönt, wir sind es, die weiter leben, gedeihen und wachsen müssen wie dürfen, obwohl der Alte an uns verdorben ist und an uns, wie ein verwundetes Tier, das sich verkrochen hat, dahinstirbt, wir sind all diese Gut-Schlechten, Lustigen, Schwermütigen, Wankenden, Wandelbaren; wir — ob Männer ob Frauen, ob Juden ob Christen, zumal aber das junge Volk — wir dürfen in Arbeit und Spiel unser selbst harren und auf das Reich hoffen, das Reich der gebundenen und losgelassenen Seelen, der Schönheit und Freiheit, der Gnade und Harmonie.
Komm, Jessika!
[1]Nachträglich sehe ich mit Vergnügen, daß auch der zuverlässige Shakespearephilolog Conrad Hense (dem es übrigens offenbar umgekehrt geht wie nach Lessings Epigramm Klopstock: er wird mehr gelesen als — zitiert, von den Fachgenossen nämlich) die Stelle richtig übersetzt und auch sonst meiner Auffassung recht nahe kommt.
[1]Nachträglich sehe ich mit Vergnügen, daß auch der zuverlässige Shakespearephilolog Conrad Hense (dem es übrigens offenbar umgekehrt geht wie nach Lessings Epigramm Klopstock: er wird mehr gelesen als — zitiert, von den Fachgenossen nämlich) die Stelle richtig übersetzt und auch sonst meiner Auffassung recht nahe kommt.
[1]Nachträglich sehe ich mit Vergnügen, daß auch der zuverlässige Shakespearephilolog Conrad Hense (dem es übrigens offenbar umgekehrt geht wie nach Lessings Epigramm Klopstock: er wird mehr gelesen als — zitiert, von den Fachgenossen nämlich) die Stelle richtig übersetzt und auch sonst meiner Auffassung recht nahe kommt.