III. Brutus

III. Brutus

So wie der wütige und gefaßte, der ausbrechende und entschlossene, der kühne Cassius zu Casca gesprochen hat, so — dürfen wir denken — hat er einen nach dem andern gewonnen. Er ist kein Mann des Volks und der Volksrede; er wirkt, indem er die einzelnen erst studiert und dann bearbeitet und erschüttert. Dazu ist er, dessen Natur es so leicht hat, ihr Inneres zur Äußerung zu bringen, und der von der edeln Schamlosigkeit des Künstlers, die innersten Eingeweide bloßzulegen und sich in Ekstase zu zeigen, genug hat, besonders geeignet. Er ist durchaus die Seele der Verschwörung; er aber, wie all die andern, fühlen sich der Aufgabe nicht gewachsen, fühlen ihr Unternehmen nicht gerechtfertigt, wenn nicht die personifizierte Reinheit zu ihnen tritt, ihr Herz und ihr Haupt wird. Das ist Brutus.

Ehe Cassius ihn weckt, ist Brutus zurückgezogen, in sich gekehrt, brütend. Die Zustände, die Ereignisse, die Stimmung in Rom, das alles hat zu ihm gesprochen; und etwas Bestimmtes bohrt und kämpft in ihm. Aber er weiß nicht deutlich, was es ist; er will es nicht wissen. Auch er, er ganz besonders, ist so einer von denen, die aus dem Grunde leben (wir haben früher von ihnen vernommen); er ist einer, der sich nur schwer, nur seufzend entschließt, planvoll aus sich herauszugehn und sich ein Ziel zu stecken. Und auch er ist einer, dem die Zeit etwas aufbürdet, dem er nicht gewachsen ist.

Immer wieder hat man bei Brutus an Hamlet erinnert; man hat recht daran getan. Die Gestalten wie die Stücke sind einander benachbart; Shakespeares ganze Liebe gilt Brutus, wie er offenbar an Hamlet hängt.

Brutus weiß, daß etwas in ihm zu einer großen Entscheidung drängt, daß etwas von außen näher und näher rückt, was er wie einen Eingriff in sein Eigenstes nicht dulden darf. Er weiß, daß das, was abzuwehren ist, das Gemeinwesen angeht,in dem Punkt angeht, wo sein eigenes Herz Roms Herz ist. Das ist der ungeheure Zwiespalt: er ist von Haus aus eine private Natur, die aber ihrer adligen Anlage nach privat zu sein nur ertrüge, wenn draußen die Menschen frei und glücklich wären. Er ist der Politiker, der aus der Philosophie in die Politik kommt; aber aus einer Philosophie, die mit seinem Leben verwachsen ist. Nicht so bloß, daß er mit dem Herzen denkt; so vielmehr, daß sein Denken sich nicht zufrieden gibt, ehe die äußere Wirklichkeit ihm entspricht. Aus einem stillen, sanften, aber zähen Sinnen heraus kommt er zur Aktivität.

Cassius knirscht über den Zwang, über die Änderung auch seiner Stellung im Vergleich zu früher, nicht durch etwas hauptsächlich, was ihm geschieht, dadurch allein schon, daß einer über alle, über ihn auch erhöht sein soll. Brutus kann vor allem den Gedanken, es bereite sich die Tyrannis vor und man könne in Rom die Luft der Freiheit nicht mehr atmen, nicht ertragen. Ihm geht es um die Wiederherstellung. Nicht umsonst erinnert man ihn immer wieder an den, der als sein Ahnherr gilt, an jenen andern Brutus, der den Tarquinius vertrieben hat.

Fortwährend fliegen ihm solche kleine Briefchen zu — Brutus, schläfst du? und dergleichen. Ehrgeiz wecken sie gar nicht in ihm; er hat keinen; sie schmeicheln auch nicht seiner Eitelkeit; aber sie treffen seine Verantwortung; sie sagen ihm, daß es in der Tat um etwas geht, wo der einzelne aufgerufen wird; daß es ans Leben, ans Element des Lebens geht; und vor allem: sie bestärken ihn in seinem Glauben an einen Geist, der in ihm, aber nicht in den Massen lebt, an ein republikanisches Rom, das in Wahrheit gar nicht mehr da ist. Denn — eine entscheidend schwere Verantwortung haben sie mit diesem demagogischen Mittel auf sich genommen — Cassius und seine Mitverschworenen haben all diese Stimmen aus dem Volk arrangiert, um lauter Stacheln ins Fleisch des schwer beweglichen Mannes zu setzen.

Wie dieses Volk in Wahrheit heruntergekommen ist, wie es knetbarer Ton in den Händen der Demagogen ist, das sieht Brutus nicht, aber wir sehen es und wissen, wie Brutus sich täuscht und wie er getäuscht wird.

Er täuscht sich oft und ist das geeignete Objekt dazu, betrogen zu werden. Darin ist er ganz und gar keine Hamletnatur. Er wäre es, wenn ihm so wie Hamlet die Augen über die Welt aufgingen. Nachdem Hamlet erst über seine ursprünglichen Grenzen hinausgetrieben ist, nachdem er auf die schaurigste Art genötigt wurde, sich auf die Welt einzulassen und Menschen zu beobachten, über deren Elendigkeit er sonst am liebsten weggeblickt hätte, entwickelt er Witz, Schärfe, Polemik, Weltkenntnis intuitiver Art; er ist dann einer der Goetheschen Männer des Aperçu, denen ein Fall für tausend gilt. Gerade darum aber, weil Brutus in der Täuschung über die Umgebung lebt, ist er in der ursprünglichen Vornehmheit geblieben, die es für unanständig hält, aus Erfahrungen zu lernen. Ihn gehn die gerade lebenden Römer nichts an, er schaut das Römertum im großen und allgemeinen, ihm ist solche Zusammenfassung und Möglichkeit eine wahrere Wirklichkeit als zufällig vorhandene und zufällig verderbte individuelle Exemplare der Gattung. So kann er tun, was Hamlet nicht vermag: er führt ein hohes, glückliches Privatleben, und er kann sich aus dem Allgemeinen seiner Anschauung und aus der Befriedigung seiner privaten Sphäre heraus zur Tat wenden.

Er ist einer, der aktiv träumt, der seine Denkgebilde, guten Wünsche für die Menschheit und Gesichte hinausprojiziert und draußen leibhaft als Wirklichkeit oder wenigstens Bereitschaft gewahrt, und ist so zugleich ein fühlender Grübler und eine handelnde Natur. Es gibt in der Natur und also auch in Shakespeares Menschenwelt alle Kombinationen von Eigenschaften, die unsre abstrakte Sprache als Gegensätze von einander trennt; Brutus vereinigt Beschaulichkeit und Heroismus.

So vertraut er den Menschen und glaubt an das Gute in ihrer Natur, das bei der Wiederherstellung des Gemeinwesens sich auch ganz wieder aufrichten müsse. Im großen ganzen hat er recht: es ist dabei nur vorauszusetzen, die Republik und republikanische Erziehung wären ohne Zugeständnis schon erkämpft und durchgeführt. Das Absolute hat immer recht, — wenn es rein in sich bleibt und sich nicht auf die Relativitäten einläßt. Sowie es das aber tut, fängt sein schweres Unrecht, sein Irrtum an, und es wird der Doktrinarismus daraus. So kommt es, daß Brutus immer wieder — gegen Cassius’ Rat — in der Politik wie in der Kriegführung entscheidende Fehler macht. Cassius aber und die andern fügen sich ihm, wo es nur irgend geht: aus Ehrfurcht vor seiner Reinheit. Denn was wäre ihr Unternehmen von vornherein und im Ablauf, wenn die republikanische Tugend nicht die Führung hätte!

Von dem Augenblick an, wo Cassius eindringlich, schonungslos zu ihm gesprochen hat, weiß Brutus mit einem Mal oben alles, was bisher in ihm geschwärt und gesonnen hat. Nun muß also entschieden, nun muß die Stimmung zum Wort und damit — für ihn — zum Beschluß und zur Tat werden. Daß nur ja dieses Wort nicht von außen zu ihm kommt; das darf nicht sein! Aus ihm selbst, aus ihm allein muß es hochsteigen. Er bricht, ohne sich irgend entscheidend geäußert zu haben, das Gespräch ab; vereinbart wird nur, sie sehen sich bald wieder, und er weiß: bis dahin wird er mit sich im reinen sein.

Er macht nun alles in der Stille mit sich ab. Schlaf findet er keinen mehr. Irgendwo in ihm ist der Entschluß schon gefaßt, und er erträgt die Zwischenzeit nicht. Es bohrt, es wühlt; er starrt finster ins Leere, wo etwas Furchtbares schon sein sollte; er wird von allem in seiner Umgebung gestört; er verhält sich wie wohl ein Dichter, in dem das Werk fertig wortlos ruht, und der sich scheut, an die Gestaltung zu gehn. Bis dann, in der Schreckensnacht, wo es draußentobt, für ihn die Entscheidung und damit die Ruhe da ist. Was draußen vorgeht, merkt er gar nicht. Aber er ist nun so weit und spricht es sich aus, und damit, daß dieser Mann in nächtlichem Alleinsein in seinem Garten dieses Wort spricht, ist es, als wäre die Tat schon vollbracht:

Es muß durch seinen Tod geschehn.

Es muß durch seinen Tod geschehn.

Es muß durch seinen Tod geschehn.

Es muß durch seinen Tod geschehn.

Im Jahre 1803 hat Goethe den Julius Cäsar in Weimar aufführen lassen, unter anderm auch in der Erwägung, dieser Eindruck könnte für seinen Freund Schiller, der am Tell arbeitete, von Bedeutung sein. Schiller kam denn auch sofort „in die tätigste Stimmung“. Nicht zu leugnen, daß die Hauptsituation im Tell, daß auf der einen Seite eine Verschwörung sich bildet, auf der andern ein einzelner Mann steht, der für sich den Tod des Tyrannen beschließt, von Julius Cäsar vorweggenommen ist. Der Unterschied ist nur der, daß Tell — „Ich lebte still und harmlos“ — durch äußere Vergewaltigung zur Privatrache getrieben wird, daß Brutus aber keinerlei Privatrechnung mit Cäsar zu bereinigen hat, daß er im Gegenteil ihm bis zuletzt menschlich nahesteht und ihn lieb hat. Wenn Schiller etwas der Art zu behandeln gehabt hätte, er hätte sich die Szene zwischen den beiden Freunden nicht entgehen lassen und wir hätten eine neue, noch furchtbarere Arie „Max, bleibe bei mir...“ in die deutsche Literatur bekommen, wozu dann das Duett zwischen Cäsar und Brutus, das der Räuber Moor zur Laute singt, eine Vorübung gewesen wäre. Für den harten, keuschen Shakespeare gibt es nichts der Art. Ein solches Gespräch könnte gar nichts ändern; mit dem Bilde Cäsars, wie er nun geworden ist und mit Notwendigkeit sich weiter verwandeln wird, hat Brutus sich auseinanderzusetzen; es geht ums Gemeinwesen, nichts andres gilt. Erst wenn der Entschluß gefaßt ist, wie Brutus sich den Verschworenen angeschlossen hat, kommt seine Liebe zu Cäsar zu einem erschütternden Ausdruck; aber nicht im entferntesten in der Form des Bedenkens; er liebt Cäsar, indem er ihn opfert.Aber die Tat und ihre Ausführung muß denn auch von diesem Geist der Liebe gefärbt werden; die Liebe zur Person muß sich verwandeln in die Reinheit der Sache:

O könnten wir doch Cäsars Geist erreichenUnd Cäsarn nicht zerstücken! Aber, ach!Cäsar muß für ihn bluten! Edle Freunde,Wir wollen kühn ihn töten, nicht in Wut...

O könnten wir doch Cäsars Geist erreichenUnd Cäsarn nicht zerstücken! Aber, ach!Cäsar muß für ihn bluten! Edle Freunde,Wir wollen kühn ihn töten, nicht in Wut...

O könnten wir doch Cäsars Geist erreichenUnd Cäsarn nicht zerstücken! Aber, ach!Cäsar muß für ihn bluten! Edle Freunde,Wir wollen kühn ihn töten, nicht in Wut...

O könnten wir doch Cäsars Geist erreichen

Und Cäsarn nicht zerstücken! Aber, ach!

Cäsar muß für ihn bluten! Edle Freunde,

Wir wollen kühn ihn töten, nicht in Wut...

Und viel später, im Streit, sagt Cassius sehr wahr zu ihm:

Ich weiß, als du am ärgstenIhn haßtest, liebtest du ihn mehr, als jeDu Cassius geliebt.

Ich weiß, als du am ärgstenIhn haßtest, liebtest du ihn mehr, als jeDu Cassius geliebt.

Ich weiß, als du am ärgstenIhn haßtest, liebtest du ihn mehr, als jeDu Cassius geliebt.

Ich weiß, als du am ärgsten

Ihn haßtest, liebtest du ihn mehr, als je

Du Cassius geliebt.

Ja, so ist es: Haß aus Sachlichkeit und persönliche Liebe kann Brutus in reicher Seele so in einem Punkt vereinigen, wie Antonius echten Schmerz aus Liebe und Politik aus Berechnung.

Daß Brutus aus seiner unterirdischen Besinnung mit dem Beschluß erwacht: Cäsar muß fallen, steht mit seiner ungemeinen Achtung vor Cäsar in genauer Verbindung. In Cäsar, in ihm allein, ist ihm der ganze Geist, den wir heute Cäsarismus nennen, verkörpert. Ein Opfer muß fallen, damit Roms Freiheit wiederersteht; Cäsar muß dieses Opfer sein, weil in ihm, dem überlegenen Staatsmann, der Geist der Gewaltherrschaft konzentriert und nur mit seinem Leben auszurotten ist; damit aber soll es genug sein. Ein einziger Mensch soll getötet werden, damit die Freiheit wieder lebe; gerade das, diese Umkehrung des monarchischen Gedankens, ist es, was Brutus fasziniert. Darin sind Cäsar und Brutus einig: Cäsar ist für sie der König des Reiches; wozu ich berufen bin, muß ich in Wirklichkeit werden, sagt sich Cäsar und strebt nach der Krone; du also, du allein mußt fallen, erwidert Brutus. Wäre es nicht so, wären noch andere gefährlich, könnte man von den Römern erwarten, daß sie nicht sofort zur Freiheit zurückkehrten, wenn ihnen der Untergang Cäsars verkündigt wird, wie wäre dann ihre Tat gerechtfertigt? Wäre dann nicht die Zeit der Republikvorbei? Alle andern, auch Antonius, dürfen am Leben bleiben; sie sind nichts, wenn ihnen das Haupt genommen ist, in dem allein der Königsgedanke lebendige Kraft hatte.

Das ist sein ungeheurer Irrtum. Für Shakespeares Kunst aber, uns mit bis ins Feinste lebendigen Menschen umgehen zu lassen, weiß ich kein leuchtenderes Zeichen als dieses: daß man den Drang verspürt, aus innerster Teilnahme mit seinen Menschen zu rechten. In diesem Moment der Entscheidung wollte ich zu Brutus zu reden versuchen, wollte ihm Dinge sagen, wie ich sie dem großen Tolstoi, wie ich sie manchen russischen Revolutionären gegenüber auf der Zunge hätte: daß man das Absolute denken, aber nicht tun kann. Cassius wird sehr bedenklich bei Brutus’ Worten der Geringschätzung, mit denen er Antonius das Leben schenkt; er versucht auch, dagegen zu streiten; und in der Tat, wenn Brutus von Antonius meint:

Liebt er den Cäsar, so vermag er nichtsAls gegen sich: sich härmen, für ihn sterben.Und das wär’ viel von ihm, weil er der Lust,Der Wüstheit, den Gelagen sich ergibt,

Liebt er den Cäsar, so vermag er nichtsAls gegen sich: sich härmen, für ihn sterben.Und das wär’ viel von ihm, weil er der Lust,Der Wüstheit, den Gelagen sich ergibt,

Liebt er den Cäsar, so vermag er nichtsAls gegen sich: sich härmen, für ihn sterben.Und das wär’ viel von ihm, weil er der Lust,Der Wüstheit, den Gelagen sich ergibt,

Liebt er den Cäsar, so vermag er nichts

Als gegen sich: sich härmen, für ihn sterben.

Und das wär’ viel von ihm, weil er der Lust,

Der Wüstheit, den Gelagen sich ergibt,

so sehen wir gleich nachher, daß er wesentliche Grundzüge des Mannes, sein leicht erregtes Gefühl und seine Liederlichkeit, ganz richtig beurteilt; andere Züge, die wir dann am Werk, am Werk der Vernichtung gegen die Verschwörer sehen werden, gewahrt er aber nicht und sieht vor allem nicht, daß Rom so heruntergekommen ist, daß eine Zeitlang wenigstens Antonius in seiner ganz ändern und niedrigeren Art die Rolle Cäsars spielen kann. Brutus ist kein Staatsmann, kein Rechner; er ist zu gar nichts Schlechtem imstande und ahnt in seinem Studio nicht, daß die Zeiten und die Mittel, sie zu beherrschen, sich arg verändert haben. Er fürchtet Cäsar und nur Cäsar, weil er an ihm Größe und Adel kennen gelernt hat, die nun vom Weg republikanischer Tugend abgeirrt sind; er sieht nicht, daß in der Politik beweglichem Volk gegenüber Größe, Adel, Tugend auch geschauspielertwerden können, besonders von so einer glänzenden Komödiantennatur wie Antonius, der die Wahrheit in den Dienst der Lüge, den echten Schmerz in den Dienst der Politik stellen kann.

Brutus kennt die Welt um so weniger, als alles, was ihn in seiner Sphäre umgibt, rein und edel ist. Wir sehen es auch an den Fernerstehenden: im Umgang mit ihm müssen sie sich von ihrer saubersten Seite zeigen; er sieht immer nur die Sonntagsseite der Menschen, nicht bloß, weil er so rein und ohne den Schmutz des Mißtrauens in den Augen blickt, sondern weil sie im Umgang mit ihm besser sind als sonst; jeglicher hat ja so viele Möglichkeiten! Und der Brutuscäsar, dem er sich als Freund gab, war gewiß auch ein anderer als der Cäsar, wie er sonst mit den Menschen umging; und Brutus mußte ihn von da ab allmählich in anderm Lichte sehen, wo Cäsar so sehr ein öffentliches Leben führte, daß der Unterschied von dem, der in vertrauten Stunden mit ihm sprach, mehr und mehr sichtbar wurde. Brutus hat den Magnetismus des Guten, das Gute anzuziehen; wie hätte er ein solcher Mann zugleich der Betrachtung und der lebendigen Tat, der Schwermut und der Aktion werden können, wenn er nicht das Glück gehabt hätte, seinen Umgang zu finden. Er lebt in einer Atmosphäre der Reinheit: da ist sein Oheim — dann auch sein Schwiegervater — Cato, dessen junger trefflicher Sohn, Portia seine Frau, bis hinab zu seinen Dienern; es ist alles Treue und Ehre, Poesie und Musik, was ihn umgibt.

Sein Weib steht so hoheitsvoll neben ihm, daß er der Schweigsame, der alles mit sich allein abgemacht hat und sogar in diesen produktiven Tagen der letzten Entscheidung hie und da unwirsch geworden ist, ihr schließlich das furchtbare Geheimnis anvertrauen darf. Nur das ist für sie beide wahre Ehe, wenn sie ohne Einschränkung auch geistige Gemeinschaft haben. Was für ein anderes Paar — nicht etwa als Macbeth und seine Frau; nie vermöchte man, Brutusund Portia so wie diese ein Mörderehepaar zu nennen, obwohl sie es dem Wortsinne nach sind —, aber als Cäsar und seine Calpurnia, an deren Liebe wir gewiß eher glauben als an ihre Würde im Verkehr mit einander und gegenseitige Achtung; wie anders auch als Percy und sein Weibchen! Es wird kein Zufall sein, daß Shakespeare jener andern hohen adligen Frau, die ebenbürtig an Geist ihre Frauenseele in den Streit der Männer trägt, ohne Anhalt in den Quellen den Namen Portia gegeben hatte:

Ihr Nam’ ist Porzia, minder nicht an WertAls Catos Tochter, Brutus’ Porzia.

Ihr Nam’ ist Porzia, minder nicht an WertAls Catos Tochter, Brutus’ Porzia.

Ihr Nam’ ist Porzia, minder nicht an WertAls Catos Tochter, Brutus’ Porzia.

Ihr Nam’ ist Porzia, minder nicht an Wert

Als Catos Tochter, Brutus’ Porzia.

Nur sehr ungern entschließt Brutus sich, sie zur Mitwisserin dessen zu machen, was erst geschehen soll; ist es getan, so wird er der erste sein, Rom die Tat zu verkündigen; auch möchte er ihr gegenüber nur schweigen, weil er weiß, daß die Pein um ihrer Liebe zu ihm willen fast über ihre Kraft geht. Denn nie ist innig überwältigender gezeigt worden, wie die männlichste Kraft des Geistes, die so zu Willen wird, daß sie den Körper verwunden und schließlich aus dem Weg räumen kann, mit der weiblichsten Schwäche der Seele und der Physis vereint leben kann; ja, wie sie schließlich in den Tod geht, weil ihre Gemeinschaft mit dem geliebten Manne so groß ist, daß sie sein Schicksal voraus erlebt und sich in Verzweiflung, in einer Stunde der Wut tötet, ehe es sich erfüllt hat — wer ist da ein solcher Virtuos der Abstraktionsanalyse, daß er sich zu entscheiden getraut, ob ihre zerbrechende Frauenseele oder ihr starker Geist über ihrem Ende gewaltet hat?

Daß Brutus und Cassius Männer, ganze Männer sind, zeigen sie es am kraftvollsten in ihrem Ende? Nein, ich gestehe, ihre Männlichkeit leuchtet mir am trefflichsten aus ihrer Haltung nach ihrer Tat hervor. Brutus, den wir immer gesetzt, in sich gekehrt, wie mit einem Druck auf Kopf und Herzen gesehen haben, wird aufgeräumt. Heroische Lust kommt über ihn; er hat die Ehrsucht ermordet; nun stellt er sich vor allem andern selber dem Tode.

Schicksal! wir wollen sehn, was dir beliebt.Wir wissen, daß wir sterben werden...

Schicksal! wir wollen sehn, was dir beliebt.Wir wissen, daß wir sterben werden...

Schicksal! wir wollen sehn, was dir beliebt.Wir wissen, daß wir sterben werden...

Schicksal! wir wollen sehn, was dir beliebt.

Wir wissen, daß wir sterben werden...

Ja sogar, er ist adlig genug und sachlich genug und liebevoll genug, um in dieser Welt, in der Worte nicht im geringsten die Haut ritzen, in der nur Taten töten, unmittelbar nachdem er den Dolch in die Brust seines Freundes gestoßen hat, einen Scherz auf Kosten dieses seines Opfers zu wagen, einen solchen freilich, der ernste Bedeutung hat. Cassius hat gerufen, mit dem Leben sei auch die Todesfurcht zu Ende; Brutus schließt daran an:

Gesteht das ein, und Wohltat ist der Tod.So sind wir Cäsars Freunde, die wir ihmDie Todesfurcht verkürzten...

Gesteht das ein, und Wohltat ist der Tod.So sind wir Cäsars Freunde, die wir ihmDie Todesfurcht verkürzten...

Gesteht das ein, und Wohltat ist der Tod.So sind wir Cäsars Freunde, die wir ihmDie Todesfurcht verkürzten...

Gesteht das ein, und Wohltat ist der Tod.

So sind wir Cäsars Freunde, die wir ihm

Die Todesfurcht verkürzten...

So, so stolz, so selbstbewußt, so freudevoll haben sie nie gelebt wie in dem Augenblick, diese Männer! Sie wissen, sie sind nicht Hinz und Kunz, jetzt eben hat die Geschichte, hat der Geist der Menschheit durch sie gewaltet. Bis in die spätesten Zeiten

Wird man auch unsern Bund, die Männer nennen,Die Freiheit wiedergaben ihrem Land.

Wird man auch unsern Bund, die Männer nennen,Die Freiheit wiedergaben ihrem Land.

Wird man auch unsern Bund, die Männer nennen,Die Freiheit wiedergaben ihrem Land.

Wird man auch unsern Bund, die Männer nennen,

Die Freiheit wiedergaben ihrem Land.

Die Leiche, die da unten zu Füßen der Pompejusstatue liegt, ist ihnen nur noch die Brücke auf dem Weg zur Wiederherstellung. Trunken vor Stolz und Lust — wir hätten nie zuvor geahnt, daß der Stille je berauscht sein könnte — taucht Brutus die Hände, die Arme tief in Cäsars Blut, färbt sein Schwert mit dem echten Farbstoff der Revolution rot und bricht in den Jubelruf aus, den wir nicht übersetzen können:

Peace, freedom, liberty!Friede, Freiheit und immerzu Freiheit!

Peace, freedom, liberty!Friede, Freiheit und immerzu Freiheit!

Peace, freedom, liberty!Friede, Freiheit und immerzu Freiheit!

Peace, freedom, liberty!

Friede, Freiheit und immerzu Freiheit!

Kein Bürgerkrieg mehr; mit der wiedergewonnenen Freiheit soll das weite römische Reich, soll die zivilisierte Menschheit ein Reich des Friedens bilden.

So bis an die äußersten Grenzen gehen konnte nur Shakespeare. Was ist die fassungslose Todesfurcht des romantischen Helden, des Prinzen von Homburg — die überdies, in Liebe und Ehrfurcht vor Deutschlands größtem Dramatiker sei’s gesagt, von Shakespeare stammt — gegen Brutus, der seine Arme bis zu den Ellbogen jauchzend ins Blut seines Ermordeten taucht und doch Brutus bleibt? Und wenn man nun in feuriger Sympathie bei diesen todbereiten Tyrannenmördern ist, die in dem einen Augenblick der Rast, den sie sich gönnen, sich so bis aufs Letzte der Stimmung ihres tatgewordenen Willens hingeben, dann kommt Antonius, von demselben Dichter in dieses nämliche Stück gestellt, und dreht einem das Herz dermaßen im Leibe um, daß man sich in überströmendem Mitgefühl ganz zu ihm und zu Cäsar neigt, daß man Julius Cäsar nicht mehr sieht, wie er sich vor unsern Augen bewegt hat und wie ihn die Verschwörer sehen, sondern wie Marc Anton ihn schildert.


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