Ist dies das verheißne Ende?Ist’s jenes Grauens Bild?Sink und vergeh!
Ist dies das verheißne Ende?Ist’s jenes Grauens Bild?Sink und vergeh!
Ist dies das verheißne Ende?Ist’s jenes Grauens Bild?Sink und vergeh!
Ist dies das verheißne Ende?
Ist’s jenes Grauens Bild?
Sink und vergeh!
Und wie Lear sterben will, flüstert Kent der Vielgetreue, der seinem Herrn gleich nachsterben wird — der zehnte und letzte Tote in diesem Stück —, ängstlich, bange, daß Lear doch ja nicht in dieses Leben hier noch einmal zurückkehre:
Quält seinen Geist nicht, laßt ihn ziehn! Der haßt ihn,Der auf die Folter dieser zähen WeltIhn länger spannen will.
Quält seinen Geist nicht, laßt ihn ziehn! Der haßt ihn,Der auf die Folter dieser zähen WeltIhn länger spannen will.
Quält seinen Geist nicht, laßt ihn ziehn! Der haßt ihn,Der auf die Folter dieser zähen WeltIhn länger spannen will.
Quält seinen Geist nicht, laßt ihn ziehn! Der haßt ihn,
Der auf die Folter dieser zähen Welt
Ihn länger spannen will.
Man sagt, dieses Stück entstamme Shakespeares bitterster, pessimistischer Periode; der Untergang des Guten mit dem Bösen, durch das Böse werde darin gezeigt. Das ist wahr und nicht wahr; gezeigt wird, wie die böse Lust sich der Menschen bemächtigt, ihr angeboren Gutes unterdrückt und überwächst; wie dieses Schlechte Zustände und einen Nährboden schafft, wo auch das Gute nicht mehr gedeihen kann; und wie der Versuch der Umkehr, der Rettung, der Heilung zu spät kommen mag. Nirgends mehr als hier führt der Dichter das, was die Menschen einander antun, mit dem, was er zeigt, und mit dem, was er die Gestalten aussprechen läßt, nicht auf den dunklen Ratschluß der Götter, sondern auf die Verkehrtheit der Menschen, das Mythologische auf das Soziale, das Soziale auf die Seele zurück; die Äußerungen der Deutung gerade für die Beziehung zwischen Charakter und Schicksal sind mannigfach abgestuft und untereinander entgegengesetzt; nie äußert sich der Dichter, immer die bestimmte Gestalt nach Maßgabe ihres Charakters und der wechselnden Situation und Stimmung. Jeder, möchte man fast sagen, hat jedesmal recht. Shakespeare geht hier so wenig wie je von einer Idee aus; es ist nicht eine Fabelum der Darstellung eines Gedankens willen erfunden oder umgestaltet, es sind auch nicht die zwei Fabeln um einer Abstraktion willen zusammengefügt worden. Er erfüllt die rohe Skizze der überlieferten äußeren Tatsachen mit Leben, mit Seele, mit innerster Wahrheit. Ein Geschehnis wird berichtet; seht her, ruft der Dichter, ich zeige euch, wie’s dabei im Innern der Menschen zuging; warum sie tun mußten, was sie taten. Wie’s Herder gesagt hat, ein Stück unsäglich reiche, breite, innige Menschenwelt ist „zu einem Vater- und Kinder-, Königs- und Narren- und Bettler- und Elend-Ganzen zusammen geordnet“, eben um dieses Ganzen, um der gegenseitigen Beleuchtung der einzelnen Teile und Vorgänge und Gestalten willen. Shakespeare hat kein Stück geschrieben, wo wir so extensiv und intensiv in der Fülle leben wie im König Lear; Zymbelin freilich geht noch mehr ins Breite und Bunte, aber nicht annähernd so ins Tiefste, und wie mager wird selbst die Fabel des Hamlet gegen dieses Ineinander des Mannigfaltigen: Lears Verhältnis zu den Töchtern — Cordelia zwischen den zwei Freiern — Lear und Kent — Lear und sein Narr, den der Dichter, so innig lieb er ihn hat, im dritten Akt verschwinden läßt, weil nun Edgar an seine Stelle tritt — Gloster und seine Söhne — Edgars mannigfaltigste Schicksale und Begegnungen — das in seiner Körperlichkeit strahlend schöne, morallose, kraftvolle Naturkind Edmund und seine Beziehungen zu Lears Töchtern — Gloster und Cornwall — Cornwall und der Knecht — Albanien und seine Frau — Edgars und Edmunds Kampf — und all das und mehr in breiter Entladung und nie als dekorativer Auftritt, immer als Gestalt und Handlung gewordenes Innere; und welche Kühnheit und Sicherheit, die beiden Greise, Lear und Gloster mit ihren wesensgleichen und doch äußerlich so verschiedenen Erlebnissen neben- und miteinander agieren zu lassen! In eine solche Fülle des äußeren und inneren Lebens, der Qual und derinständigen Not und des über Elend und Wahnwitz und tiefsten Hinabsturz sieghaft empordringenden Geistes, in einen so mannigfach variierten und gesteigerten Gegensatz von Affektwut und friedfertig ergebener Demutsabgeschiedenheit, von sklavischem Herrentum und freier Armut, von Reichtum und Entblößtheit kommen wir hinein, daß wir, wenn mit einem Mal das Wort „Shakespeare“ an unser Ohr schlägt, erstaunt uns besinnen, daß all diese ausgedehnte Welt Werk eines einzelnen Menschen, eines der vielen Stücke dieses Dichters ist.
Shakespeares Gestalten sind nicht bloß feurig aus produktiver Kraft geflossen; sie haben von ihrem Schöpfer solche Zeugungskraft aufgenommen, als wären sie lebendige Wesen. Kaum ein besseres Beispiel wüßte ich dafür, wie Shakespeares Gestalten sich in der Erinnerung nachträglich lebendig verwandeln können, als die Gestalt Lears. Das Sentenziöse, Sprichwörtliche, das mit dem Bilde dieses alten Mannes sich verbunden und zu neuen Dichtungen geführt hat, ist aus Shakespeares Stück, mehr durch Weglassung als durch Hinzufügung, erwachsen, bezeichnet aber nicht eigentlich seinen Inhalt und Sinn; am schönsten hat Goethe es in seinem Spruchgedicht geformt:
Ein alter Mann ist stets ein König Lear! —Was Hand in Hand mitwirkte, stritt,Ist längst vorbeigegangen;Was mit und an dir liebte, litt,Hat sich wo anders angehangen.Die Jugend ist um ihretwillen hier,Es wäre törig, zu verlangen:Komm, ältele du mit mir!
Ein alter Mann ist stets ein König Lear! —Was Hand in Hand mitwirkte, stritt,Ist längst vorbeigegangen;Was mit und an dir liebte, litt,Hat sich wo anders angehangen.Die Jugend ist um ihretwillen hier,Es wäre törig, zu verlangen:Komm, ältele du mit mir!
Ein alter Mann ist stets ein König Lear! —Was Hand in Hand mitwirkte, stritt,Ist längst vorbeigegangen;Was mit und an dir liebte, litt,Hat sich wo anders angehangen.Die Jugend ist um ihretwillen hier,Es wäre törig, zu verlangen:Komm, ältele du mit mir!
Ein alter Mann ist stets ein König Lear! —
Was Hand in Hand mitwirkte, stritt,
Ist längst vorbeigegangen;
Was mit und an dir liebte, litt,
Hat sich wo anders angehangen.
Die Jugend ist um ihretwillen hier,
Es wäre törig, zu verlangen:
Komm, ältele du mit mir!
Die weise, gefaßte Heiterkeit dieser Schlußwendung ist ganz goethisch, ein Trieb, der Shakespeares Dichtung erst in Weimar zugewachsen ist. Zwar zeigt uns Shakespeare gleich zu Beginn in Cordelias Verhältnis zu dem alten Vater und zu ihrer jungen Liebe mehr als in Lears Verhältniszu den andern Töchtern, daß, wer alt wird, sich gar nicht erst zurückzuziehen braucht: mitten unter denen, für die er Sorge trägt, ist er einsam. Aber Lear hat ganz andere, schwerere Dinge zu lernen als dieses, und wenn er es schließlich bis zu der Demut bringt, vor der eignen Tochter hinzuknien, so tut es wahrhaftig nicht der alte Mann, der der Jugend huldigt, sondern der König und Vater, der im Alter hat lernen müssen, was er sein Leben lang versäumt hat. Und so ist zum Ganzen dieser Identifikation Lears mit dem Alter zu sagen: Nachträglich, wenn die Gesamtstimmung Lear sich mit unserm eignen Gemüts- und Erfahrungsleben verbindet, beim Rückblick auf diesen Mann, dem sich die Kinder, alle drei, entziehen, gegen den sich der nicht mehr junge, aber jüngere Freund, der Graf Kent auflehnt, dessen Altersgenosse Gloster nur für ihn eintritt, um gräßliche Strafe zu finden, der fühlt, daß ihn niemand mehr braucht, daß er allen im Wege ist und irgendwohin in die Ecke gefegt werden soll, der schließlich vor den Menschen nicht als seinen Verfolgern, sondern als lieblos Abgewandten und Belästigten in Wettersturm und Wahnsinn flieht, so in der auslassenden und zusammenrückenden Erinnerung empfinden wir wohl, daß Lear das Bild der Altersvereinsamung ist. Aber in dem Stück selbst weist nicht der kleinste Einzelzug und keine einzige Äußerung darauf hin, daß der Dichter auf dieses Typische sein Licht und seine Wärme sammeln will. Die Dichtung sträubt sich nicht dagegen, daß wir diese Stimmung mitbringen oder mitfortnehmen oder später um Lears Bild ranken; was Shakespeare aber darstellt, ist ein sehr besonderer Fall nicht dieses Allgemeingültigen, das vom Alter handelt, sondern eines ganz andern. Shakespeare hat solche Allgemeinheiten und darum Mannigfaltigkeiten wie Alter, Freundschaft, Liebe, Weib nicht auf die Linie einer Regel gebracht, und für ihn ist ein alter Mann so wenig ohne weiteres ein König Lear, wie er ein Shylock oder Siwardoder Lafeu oder Bruder Lorenzo ist, oder wie das Weib eine Cleopatra oder Cressida ist. Und viel mehr als mit den alten Männern, die man sonst noch bei Shakespeare findet, gehört König Lear mit dem jungen Richard II. zusammen. Denn wollen wir schließlich doch ein Wort haben, um das Individuum dieses Stückes einer Gattung einzureihen, so sagen wir: auch hier geht es um das Problem der Macht. Macht in ihrer Verbindung mit Willkür, Gier, Affektwut und Brunst bildet für Shakespeare in der Tat eine Kategorie der Zusammengehörigkeit. Wir halten schon lange bei diesem Problem der Macht: wir hatten es in Maß für Maß zwischen Lachen und Weinen; in düster dämonischer Art in Macbeth; in innigster Gestalt hier im König Lear. In großartig geschichtlichem Rahmen, wo denn die Verbindung zwischen Machtgier und Brunst, die wir in Maß für Maß wie im Lear hatten, sich uns noch einmal als ein Prinzip, das eine Welt beherrscht, weit und stark darstellen wird, werden wir’s, in unmittelbarem Anschluß der Handlung an Julius Cäsar, das nächste Mal in Antonius und Cleopatra haben.