Ihr konntet ganz der Mann sein, der Ihr seid,Bei mindrem Eifer, es zu sein.
Ihr konntet ganz der Mann sein, der Ihr seid,Bei mindrem Eifer, es zu sein.
Ihr konntet ganz der Mann sein, der Ihr seid,Bei mindrem Eifer, es zu sein.
Ihr konntet ganz der Mann sein, der Ihr seid,
Bei mindrem Eifer, es zu sein.
Wie es überaus klug und doch schon leicht greisenhaft drollig ist, wenn der gute Menenius, der dazukommt, meint:
Nun, nun, Ihr wart zu rauh, etwas zu rauh;Kehrt um und macht es gut.
Nun, nun, Ihr wart zu rauh, etwas zu rauh;Kehrt um und macht es gut.
Nun, nun, Ihr wart zu rauh, etwas zu rauh;Kehrt um und macht es gut.
Nun, nun, Ihr wart zu rauh, etwas zu rauh;
Kehrt um und macht es gut.
Daß die Sache besser nicht geschehen wäre, sieht Coriolan allenfalls ein, aber es ist eben so gekommen, und er weiß nichts andres, als sich dreinzufinden; hängt sie! Nun, wenn der Mann nur erst einsieht, daß etwas besser hätte gemacht werden können; den Weg, es wieder gutzumachen, wird die Frau schon finden. So geht sie einen kühnen Schritt weiter in der Klugheit und erinnert ihn daran, wie er selbst auf dem Gebiet seiner Meisterschaft immer gesagt habe, die Kriegslist sei erlaubt. Warum nicht auch die List im Frieden? Und nun nimmt sie ihn ganz als ihr Kind, das sie zu unterrichten hat, und gibt ihm genaue Unterweisung, bis auf Gebärden und Mienen, wie er um Verzeihung zu bitten habe. Menenius ist ganz entzückt; er kostet gern voraus, der Psycholog und Feinschmecker; er kennt doch seine Römer; nichts macht sie glücklicher, als wenn man bittender Weise zu ihnen spricht; und nun gar, wenn Coriolan, der ihr Kriegsheld und ihr Schimpfheld ist, sich vor ihnen demütigt! Coriolan steht schweigend da und kämpft den letzten Kampf mit sich; sein Verstand ist überzeugt. Und wie dann Cominius dazu kommt und die Gefahr schildert, und wie die andern zu dem reden, als sei Coriolan schon gefügig, und wie Cominius zeigt, daß er an diese Möglichkeit nie geglaubt, nie gedacht hätte, da gibt Coriolan gerade nach; er sieht ein, er ist hier derVertreter der guten Sache; damit er tun kann, was er geredet hat, muß er seine Rede zurücknehmen.
Wohl, ich tu’s.Wär’ nur dies Stück Mensch hier bedroht, der Kloß,Der Marcius heißt, sie möchten mich zerreibenUnd in die Winde streu’n.
Wohl, ich tu’s.Wär’ nur dies Stück Mensch hier bedroht, der Kloß,Der Marcius heißt, sie möchten mich zerreibenUnd in die Winde streu’n.
Wohl, ich tu’s.Wär’ nur dies Stück Mensch hier bedroht, der Kloß,Der Marcius heißt, sie möchten mich zerreibenUnd in die Winde streu’n.
Wohl, ich tu’s.
Wär’ nur dies Stück Mensch hier bedroht, der Kloß,
Der Marcius heißt, sie möchten mich zerreiben
Und in die Winde streu’n.
Aber die Sache will’s, und so preßt er sich zusammen und will das Unmögliche vollbringen.
Aber es graut uns, wenn wir mit ansehen, was es ihn kostet, wie er sich quält und sich krümmt und sich beschimpft und im ehrlichen Versuch, das Allerschwerste einzustudieren, fast groteske Gesichter schneidet; wie er schließlich nur noch als folgsames Kind zur Mutter redet:
Sei ruhig, Mutter.Ich geh’ schon auf den Markt; schilt nicht mehr, Mutter.
Sei ruhig, Mutter.Ich geh’ schon auf den Markt; schilt nicht mehr, Mutter.
Sei ruhig, Mutter.Ich geh’ schon auf den Markt; schilt nicht mehr, Mutter.
Sei ruhig, Mutter.
Ich geh’ schon auf den Markt; schilt nicht mehr, Mutter.
Und nun, in schneidendster Kürze die furchtbare Wendung. Wie hat sie bitten, beschwören, begründen können, wie hat sie die ganze Autorität einer römischen Mutter geltend gemacht, solange er ungebärdig vor ihr stand, als einer, der die große Sache seines Lebens verdorben hatte, so daß sie nichts mehr vor sich sah als dies eine Mittel. Schimpfliche Verstellung und Demütigung für einen Augenblick; nun sei’s drum! Der Verstand ist so gern bereit, zum Letzten hinzustreben und aus einem Berg, der dazwischen trotzt, eine Stufe zu machen. Aber jetzt, wo er ganz nachgibt und gar nicht mehr widerstrebt, empfindet sie ein solches Leid in ihm, daß sie innerlich zusammenbricht und an alles nicht mehr glaubt, was sie gesagt hat. Sie kennt doch ihren Sohn! Weiß, wie es ist, wie es wird, wenn er sich Gewalt antut. Sie kann nichts mehr sagen: „Tu, was du willst“, bringt sie noch heraus und geht.
Sie sieht in der Einsamkeit, in die sie sich zurückzieht, gewiß voraus, was nun auf dem Marktplatz der Männer vor sich geht. Inzwischen haben die Volkstribunen nicht geruht, haben die Zünfte organisiert, um ihren nunbevorstehenden endgültigen Richterspruch zu einmütiger Annahme und sofortiger Vollstreckung zu bringen. Es soll Coriolan, dem Volksverächter, den Hals kosten, und das Mittel, jede freundliche Wendung zu verhindern, kennen die Gewitzten: ihr Feind hat dafür gesorgt, daß seine schwache Stelle nicht unbekannt blieb:
Reizt ihn sogleich zum Zorn...... Braust er erst auf,So bringt ihn nichts zur Mäßigung.
Reizt ihn sogleich zum Zorn...... Braust er erst auf,So bringt ihn nichts zur Mäßigung.
Reizt ihn sogleich zum Zorn...... Braust er erst auf,So bringt ihn nichts zur Mäßigung.
Reizt ihn sogleich zum Zorn...
... Braust er erst auf,
So bringt ihn nichts zur Mäßigung.
Coriolan kommt, von den Getreuen geleitet; sehr unruhig redet Menenius immer auf ihn ein, vor allem ruhig zu sein. Er kommt denn auch ganz in der beschlossenen Haltung sanfter Nachgiebigkeit. Wenn nur der wohlmeinende alte Menenius, um’s vollends gutzumachen, nicht anfinge, von seinen Heldentaten und Wunden zu den Bürgern zu reden! Da kommt doch sofort der Zorn wieder über ihn; vor denen da, jetzt, davon Rühmens machen! Wenn nur überhaupt Augen und Ohren nicht wären! Aber was nützt aller Vorsatz des Verstandes, wenn diese Volkstribunen auf seine Sinne wirken, wenn er sie nicht riechen kann? Und schon richtet er sich auf und stellt sie zur Rede: Was? ihn erst zum Consul wählen und ihm dann das Amt nehmen? Das ist aber nur ein Augenblick des Vergessens; sowie ihm bedeutet wird, er habe jetzt Rede zu stehen, fügt er sich wieder in die vorgesetzte Rolle. Und so beginnt die Anklage gegen ihn; und er hört das Wort Verräter. Da geht es ihm genau wie Sir Launcelot in Malorys englischem Artusroman; wie hat der seinen König schonen und sogar feig scheinen können, der Held; aber sowie er das Wort Verräter hört, muß er sich wappnen und kämpfen. Coriolan wollte mild, versöhnlich, bittender Weise reden; aber nun ist’s aus. Er hat sich ja nicht vorgestellt, wie es sein wird. Sagen hätte er schließlich alles gekonnt, sich selber zwingen; aber mit anhören, sich gefallen lassen? Ein Edler geht, ohne Fesseln, freiwillig, in Ruhe und Fügsamkeit zum Schaffot; aberwenn ihm der Henker die Hand auf die Schulter legt, zuckt er. Jetzt schreit Coriolan alles, alles hinaus; und die Erinnerung an das Versprechen, das er der Mutter gegeben hat, hilft nun nichts mehr. Das Wort Verräter in den Ohren zu haben, diese Gesellen als Richter vor sich zu haben, reißt alle Dämme ein; er bricht aufs furchtbarste los:
Ich will nichts weiter wissen.Ihr Urteil sei Tod vom Tarpejischen Felsen,Landflüchtig Elend, Schinden, Qual im Kerker,Bei einem Korn des Tags, — nicht wollt’ ich mirErkaufen ihre Gnade um ein gut WortNoch hemmen meinen Trotz um all ihr Gut,Kriegt ich’s um einen Gruß zum guten Morgen.
Ich will nichts weiter wissen.Ihr Urteil sei Tod vom Tarpejischen Felsen,Landflüchtig Elend, Schinden, Qual im Kerker,Bei einem Korn des Tags, — nicht wollt’ ich mirErkaufen ihre Gnade um ein gut WortNoch hemmen meinen Trotz um all ihr Gut,Kriegt ich’s um einen Gruß zum guten Morgen.
Ich will nichts weiter wissen.Ihr Urteil sei Tod vom Tarpejischen Felsen,Landflüchtig Elend, Schinden, Qual im Kerker,Bei einem Korn des Tags, — nicht wollt’ ich mirErkaufen ihre Gnade um ein gut WortNoch hemmen meinen Trotz um all ihr Gut,Kriegt ich’s um einen Gruß zum guten Morgen.
Ich will nichts weiter wissen.
Ihr Urteil sei Tod vom Tarpejischen Felsen,
Landflüchtig Elend, Schinden, Qual im Kerker,
Bei einem Korn des Tags, — nicht wollt’ ich mir
Erkaufen ihre Gnade um ein gut Wort
Noch hemmen meinen Trotz um all ihr Gut,
Kriegt ich’s um einen Gruß zum guten Morgen.
Nein, er ist nicht der Mann dazu, jetzt ist nicht die Zeit dazu, planvoll zu leben; es gilt nur der Augenblick. Wer ein Ganzer ist, kann nicht an der einen Stelle einen Lenker, einen Vergewaltiger haben, der den andern in ihm mit Prinzipien und Vorsätzen beim Kragen nimmt und vorwärts schiebt. Das Vaterland ist zerrissen; nicht mehr ein einiger Stand herrscht, sondern Parteien mit ihrem Geschwätz ringen mit einander. Er allein ist noch ein Ganzer; er ist allein: ihn, den man Verräter zu nennen wagt, hat man verraten, als man dem Aufruhr nachgegeben hat.
So wird ihm denn das Urteil gesprochen, diesmal nicht tobend gebrüllt, sondern in politischer Erwägung vorbereitet: Verbannung. Er aber steht, fortgerissen vom Zorn, von einem Zorn aber, der in nichts aus den Gierwünschen einer Person, der nur aus einer Gesinnung hervorgeht, fortgerissen und unerschüttert da. Bei diesem Anblick, empfinde ich, geht es uns gar nicht mehr um den großen geschichtlichen Moment, um den entscheidenden politischen Gegensatz, noch weniger um politische Analogien zwischen damals und heute, die falsch wären; es geht um den ewigen Streit der vereinzelten tapfern Hoheit gegen die massenhafte Niedrigkeit, der so alt ist wie die Welt steht. UnserHerz jauchzt bei seiner herrlich kühnen Antwort, wir begreifen wie zum ersten Mal, daß für gewisse Augenblicke der liebe Gott unsrer Zunge die Fülle der Schimpfworte, die zugleich zorniger Angriff und humoristisches Spiel, Ausgleichung der Tat und Gleichnis des Geistes sind, zur Entladung gegeben hat, wir sind dankbar, daß Shakespeares Sprache diese Barocküppigkeit der alles überschwemmenden Flut zur Verfügung hat; denn dieser Katarakt Coriolans kommt doch aus einer tieferen Seelenfülle als das Wasserleitungsplatzen des Badearztes Stockmann, des Volksfeindes Ibsens; sie haben den Bann über ihn ausgesprochen und nun biegt er sich langgereckt zu ihnen vor und spricht:
Ihr bellend Hundepack! des Hauch ich hasseWie fauler Moore Stank,...ich verbann’ euch!Hier bleibtmit eurem zagen Hin und Her!Beim leisesten Gerücht beb’ euer Herz!...Bleib euch nur stets die Macht,Den, der euch schirmt, zu bannen, bis zuletztEuer stumpfer Sinn, der nicht glaubt, bis er fühlt,Nicht einen übrig läßt als nur euch selbst,Die eure eignen Feinde!...
Ihr bellend Hundepack! des Hauch ich hasseWie fauler Moore Stank,...ich verbann’ euch!Hier bleibtmit eurem zagen Hin und Her!Beim leisesten Gerücht beb’ euer Herz!...Bleib euch nur stets die Macht,Den, der euch schirmt, zu bannen, bis zuletztEuer stumpfer Sinn, der nicht glaubt, bis er fühlt,Nicht einen übrig läßt als nur euch selbst,Die eure eignen Feinde!...
Ihr bellend Hundepack! des Hauch ich hasseWie fauler Moore Stank,...ich verbann’ euch!Hier bleibtmit eurem zagen Hin und Her!Beim leisesten Gerücht beb’ euer Herz!...Bleib euch nur stets die Macht,Den, der euch schirmt, zu bannen, bis zuletztEuer stumpfer Sinn, der nicht glaubt, bis er fühlt,Nicht einen übrig läßt als nur euch selbst,Die eure eignen Feinde!...
Ihr bellend Hundepack! des Hauch ich hasse
Wie fauler Moore Stank,...
ich verbann’ euch!
Hier bleibtmit eurem zagen Hin und Her!
Beim leisesten Gerücht beb’ euer Herz!...
Bleib euch nur stets die Macht,
Den, der euch schirmt, zu bannen, bis zuletzt
Euer stumpfer Sinn, der nicht glaubt, bis er fühlt,
Nicht einen übrig läßt als nur euch selbst,
Die eure eignen Feinde!...
Rom, dieses Rom, ist in sich selbst gebannt; Coriolan hat das Gefühl, nur das, was ist, ausgesprochen zu haben; und er, der einzige, der zum echten Rom steht, um das zu leben es sich lohnt, wandert nun in die Fremde. Er geht, und sie jauchzen hinter ihm her: Der Volksfeind ist fort, ist fort! Verbannt haben wir unsern Feind, er ist fort! Die Mützen fliegen in die Höhe; daß sie vor kurzem ihm als dem Befreier aus höchster Not zugejubelt haben, wissen sie nicht mehr.
Shakespeare wäre aber nicht Shakespeare, wenn wir das Verhältnis der Patrizier zu den Plebejern nur von dieser einen Seite kennen lernten, nur so, wie der Repräsentantdes Patriziats, der Patrizier, wie sie sein sollten, es auffaßt. Wohl steht der Held auch für die innere Handlung in der Mitte; von ihm aus sind die Vorgänge gesehen, die Geschehnisse und die Gestalten gruppiert, von ihm aus die Stimmung und Sympathie gewoben; dann aber zuckt unten aus dem Dunkel der namenlosen Menge einmal ein Licht auf, und wir sehen in andrer Beleuchtung die Dinge, die Coriolan nicht sieht, und hören die uralte Klage der Armen. Unter den Aufrührern will einer eine Rede halten und hebt zu den Plebejern an: „Ein Wort, gute Bürger“, da ruft einer aus der Menge grell dazwischen: „Wir gelten für arme Bürger, die Patrizier für gute!“ Reichtum macht gut! Und die da droben wissen es auch gar wohl: unsere Armut brauchen sie nicht bloß, weil sie Überfluß brauchen; sie brauchen sie als Gegenstück, um ihres Selbstbewußtseins willen; sie haben die Distanz nötig. Wären sie grade so reich, wie sie jetzt sind, gäbe es aber dabei uns Arme nicht, was hätten sie dann von ihrem Reichtum?
„Die Magerkeit, die uns drückt, das Bild unsres Elends ist für sie ein Inventarium aller einzelnen Stücke ihres Überflusses; unser Leiden ist ein Gewinn für sie.“
„Die Magerkeit, die uns drückt, das Bild unsres Elends ist für sie ein Inventarium aller einzelnen Stücke ihres Überflusses; unser Leiden ist ein Gewinn für sie.“
Was das Opfer leidet, das ist der Gewinn und die Wonne der andern — haben wir so etwas nicht schon einmal, in ganz anderm Zusammenhang gehört? Ist das nicht der gerade in der Barockdichtung, wo das feste Dogma seelenhaft spielerisch von der Empfindung umrankt und umjauchzt wird, immer wiederkehrende Ausdruck für die Heilswahrheit des Christentums? Sind nicht die Armen dieses Opferlamm und ihr Blut und Wunden ein Hochgewinn für die Reichen?
Aber auch abgesehen von so abgründlich feiner Psychologie, die mit einem raschen Griff das letzte Geheimnis des Privilegs entblößt, kommen die rein sozialen Klagen der Unterdrückten so stark heraus, daß wir wieder einmal merken: so ein Dramatiker sieht und empfindet zweiseitig; würdeer von allem Anfang an und immer Licht und Schatten gerecht verteilen, so wäre es nicht im entferntesten so berückend als wie er’s macht: mit ganzer Inbrunst, wie ein tief Befangener, der einen Seite verschrieben, und dann, mit einem Mal, und nur immer für einen Augenblick, drüben, drunten, bei den andern.
Als Menenius Agrippa die Plebejer besänftigt und ihnen sagt, wie wohlwollend die Patrizier Sorge für sie tragen, da erwidert einer aus dem Volk in Worten, — nun, der Zensor behütet uns heute davor, entsprechende zu lesen oder zu vernehmen:
„Für uns Sorge tragen! — Ja, fürwahr! — Sie haben noch niemals für uns gesorgt: sie leiden es, daß wir verhungern, wenn ihre Speicher vollgepfropft sind von Getreide; geben Gesetze wegen des Wuchers, mit denen sie den Wucherern auf die Sprünge helfen; heben täglich eine heilsame Einrichtung gegen die Reichen auf und setzen täglich mehr lästige Verordnungen fest, um die Armen zu fesseln und zu hemmen. Wenn uns der Krieg nicht aufzehrt, so werden sie’s tun. — Und das ist die ganze Liebe, die sie für uns haben.“
„Für uns Sorge tragen! — Ja, fürwahr! — Sie haben noch niemals für uns gesorgt: sie leiden es, daß wir verhungern, wenn ihre Speicher vollgepfropft sind von Getreide; geben Gesetze wegen des Wuchers, mit denen sie den Wucherern auf die Sprünge helfen; heben täglich eine heilsame Einrichtung gegen die Reichen auf und setzen täglich mehr lästige Verordnungen fest, um die Armen zu fesseln und zu hemmen. Wenn uns der Krieg nicht aufzehrt, so werden sie’s tun. — Und das ist die ganze Liebe, die sie für uns haben.“
Ich weiß, was ich tue, wenn ich immer wieder den Blick von der Sache selbst auf ihren Urheber, wenn ich ihn hier von der Tragödie Coriolans auf ihren Dichter ablenke; denn ich möchte dieses mein Staunen auf alle, die mich hören, übertragen: woher hat der Unergründliche das alles gewußt? Über Rom wie über unsre Zustände verrät er uns Dinge, enthüllt er uns verborgene Zusammenhänge, die wir erst seit, erst im Gefolge der französischen Revolution zu wissen anfangen. Und wenn zum Beispiel Mommsen imstande war, uns ein Bild der Kämpfe zwischen Patriziern und Plebejern zu geben, das eine gewisse Farbigkeit, Lebendigkeit und Glaubhaftigkeit hat, so haben ihn eben die Kämpfe der modernen Demokratie dazu in Stand gesetzt; für diesen Anblick hat er aber ein gehörigesLösegeld zahlen müssen: für das Wesentliche, eben für das, was Shakespeare als Tragödie dargestellt hat, hat er keinen Blick gehabt: er hat nicht gewußt, daß der Kriegs- und Adels- und Herrschergeist einmal ein Amt, eine Aufgabe, eine Würde und eine Hoheit gehabt hat; er hat die hohe Sendung, den seelischen Rang und das gute Gewissen dieser ritterlichen Zeiten nicht gekannt; und so hat er gräßlich banal von dem Kampf Coriolans in seiner Vaterstadt und gegen sie liberalisierend gemeint, diese Geschichte öffne den Einblick „in die tiefe sittliche und politische Schändlichkeit dieser ständischen Kämpfe“. Das ist, wie wenn man das Rittertum nach den Raubrittern, den Raubritter Götz nach dem Schinderhannes und den Schinderhannes nach irgend einem Dutzendmenschen aus unsrer großstädtischen Verbrecherklasse beurteilen wollte. Jakob Burckhardt und Nietzsche haben kommen müssen, um den Zusammenhang zwischen der politischen und sozialen und der Geistesgeschichte erst wieder herzustellen. Was sie aber aus der Betrachtung der Renaissance, indem sie Kunst, Geist, privates und öffentliches Leben zusammen nahmen, gelernt haben, das hat Shakespeare der Renaissancemensch lebendig gewußt: daß, was heutigen Tags — auch für ihn schon genugsam heutigen Tags — in Verfall und Entwürdigung Rest, Gespenst und Schmach ist, einst groß, würdig, geweiht und notwendig war.
In der ganzen modernen Geschichte weiß ich keinen, der Shakespeares Coriolan in dem tiefen Grunde, wo das Wesen sich aus dem Elementaren aufbaut, so nah käme wie ein Mann, der einer der größten Revolutionäre aller Zeiten war, der Vertreter der Plebejer, obwohl ein Mann des Adels in jeder Hinsicht, der Graf Mirabeau, der tolle leidenschaftliche Feuerkopf, der doch zugleich — wie Coriolan der größte Soldat — so er der größte Politiker seines Volkes ist. Von äußerlichen Analogien stimmt nichts; die Zeiten und die Lagerung der sozialen und der psychischen Schichtenzu einander haben sich geändert; die Ähnlichkeit liegt im elementar Wesentlichen: eine Leidenschaft so starker Art, wie sie sonst den Menschen verzerrt und verzettelt; hier aber der Ausdruck nur der unabänderlichen Festigkeit eines Kernes; ein Temperament, wie es sonst die persönlich Gierigen haben, hier aber Sprache und Gewand der Gesinnung und Sachlichkeit. Die entgegengesetzte Stellung, die die beiden zu haben scheinen, darf uns gar nicht täuschen: schon dieses Coriolan nächster Bruder, Shakespeares Cassius, hat sich in einen Revolutionär und zugleich Politiker gewandelt. Alle drei, Coriolan, Cassius und Mirabeau sind innerlich und in der explosiven Art ihrer Äußerung geeint: sie gehören, wie Mirabeau es einmal ausdrückt, zu den „starken Seelen, welche die Freiheit im Naturzustand wild und im zivilisierten stolz macht“, und immer wieder kommt es zu solchen Gegensätzen ihrer stolzen Natur zur Umgebung, daß sie in den Naturzustand zurückfallen und wild werden. Und die beiden, die hier zusammengestellt werden, Coriolan und Mirabeau, gehen doch auch in ihren äußeren Schicksalen einen guten Schritt zusammen; nicht bloß die großen Menschen, auch die Zeiten und die politischen und sozialen Zustände ändern zwar die Gewänder und Masken, bleiben sich im Kern aber gleich. Auch Mirabeau, abgesehen davon, daß er als tief Unsittlicher gilt — die Heuchelei und Verbannung aufdiesemGebiet ist eine moderne Neuerung —, und daß von seiner Nötigung, die unbändige Kraft der Seele und des Leibes in Geschlecht und Erotik zu üben und zu verschwenden, Coriolan, der Sohn einer keuschen und harten Welt, keinen Zug hat, auch Mirabeau ist bis auf den heutigen Tag, gerade bei denen, deren politischer Führer er heute noch sein müßte, als Landes- und Volksverräter, als Verräter seiner Sache in Acht und Bann getan wie Coriolan.
Nun aber geht die Parallele nicht weiter, denn Coriolan erlebte seine Verbannung und sollte weiter leben. Er warein politischer Feind der Zustände, die die Plebejer durch Aufruhr ertrotzt und die Patrizier in Nachgiebigkeit zugestanden hatten; er stand allein zwischen den Parteien, niemand wagte es, in diesem Augenblick ihm zur Seite zu treten und den Kampf aufzunehmen; und so benutzten seine Todfeinde, die Volkstribunen, ihre Macht und verwiesen ihn als Verräter des Landes. Nun aber, nach seiner Verbannung, macht er sich äußerlich ohne Zweifel wirklich zum Verräter, zum Feind seines Landes. Wie zeigt ihn uns Shakespeare in dieser Situation? Warum geht er zu den Volskern und zieht mit ihnen kriegerisch vor die Tore Roms?
Wenn dieser Mann Coriolan sein Leben überblickt, dann war es seit langen Jahren immer so, daß er zwei Feinde hatte, mit deren einem er in einer Gemeinschaft des Zorns und Ekels zusammen wohnen mußte, während er den andern ritterlich auf Tod und Leben bekämpfte. Für die Idee Roms hat er dies beides getan: mit den zufälligen, in mannigfacher Abstufung erbärmlichen Menschenexemplaren, die sich Römer nannten, nicht bloß zusammengehaust, sondern sie immer wieder geführt und fast gewalttätig mit seinem kriegerischen Feuer erfüllt und in den Kampf getrieben, in den Kampf eben gegen Tullus Aufidius und seine Mannen. Den aber, Tullus Aufidius, den Feldherrn der Volsker, darf er achten, indem er mit ihm ficht, er sieht ihn als einen Ebenbürtigen, als den Ebenbürtigen an, als seinen Zweiten in der Welt; sie gehören zu feindlichen Völkern und stehn im Wettstreit um den Heldenruhm: ihrer Natur nach Zusammengehörige, die von den Verhältnissen zur Feindschaft bestimmt sind; Coriolan und die Bewohner Roms sind ihrer Natur nach tief Getrennte, die von den Verhältnissen zum Zusammenhalten bestimmt sind. Nun sind diese Bande zerrissen worden, von den Römern selbst; und ihre Verbindung mit der Idee Roms, die nur durch Coriolan geschlossen wurde, in dem sie verkörpert ist, haben sie auch gesprengt.
Tief drunten, in Coriolans innerster Notwendigkeit also ruht der Seelenzwang, um der Idee Roms willen Krieg zu führen gegen die Römer. Aber Menschen von Coriolans Art, die sich so stolz auf sich selber verlassen und so aus dem Grunde leben, in denen alles Geistige zur Natur und wie zum Trieb geworden ist, leben ihr Leben, sie leben nicht ihre Motive. Sie handeln nicht nach Prinzipien, mit Plänen, zu Zielen; sie stehen im Augenblick. Daß er für Rom kämpft, wo er auch kämpft, ob er auch gegen die Römer kämpft, das weiß der Zornige jetzt nicht. Er weiß nur, daß Rom ihn ausgestoßen hat, daß Rom sein Feind ist, gegen den er äußersten Krieg zu führen hat, und daß einer, den er achtet, einer seinesgleichen gerade schon wieder angefangen hat, den kaum erloschenen Krieg gegen Rom aufzunehmen. Die Römer haben ihren Feldherrn vertrieben, obwohl der große Feldherr Tullus Aufidius ihnen droht; nun sollen sie sehen, diese führerlose Herde, wie sie allein fertig werden, wenn zwei Helden gegen sie anrücken. Coriolan ist mit den Wurzeln aus seinem Boden gerissen worden; da er voller Kraft und Zorn und Leben ist, bleibt nur übrig, zu sterben oder diesem Leben einen neuen Sinn zu schaffen. Seine Stadt hat mit ihm Ehre und Ruhm verstoßen und hat das Regiment den Krämern, den Pfuschern und Neidlingen ausgeliefert; er geht zu Roms Feind, zu Tullus Aufidius. Rache muß geübt werden; die, die ihn strafen und vernichten wollten, müssen gestraft und unschädlich gemacht werden; daran hängt jetzt sein Leben, daß er über die triumphiert, die ihn wie einen räudigen Hund fortgejagt haben — die Hunde! hängt sie! —, daß er als Sieger Rom zu seinen Füßen sieht.
Es gibt eine schöne Erzählung von Aaron Bernstein, die von dem Schicksal eines starken, heldischen Jünglings in der jüdischen Enge eines Landstädtchens berichtet. Da kommt ein wohlweiser Schwätzer vor, der gern zu allem seine talmudisch zugespitzten Sprüchlein macht; und ineiner bestimmten Situation gibt er seinem Publikum das Rätsel auf: Warum ist Mendel Gibbor, der starke Mendel, so traurig? Aber siehe da, wie der Starke sich wieder sehen läßt, ist er wider Erwarten gar nicht traurig: es ist fast so etwas wie Lustigkeit in ihm; diese starken Naturen sind unberechenbar. So ähnlich könnte es uns gehn, wenn wir jetzt Coriolan nach allem, was wir gesehen und über seine Verfassung und Lage gesagt haben, nach der Ausstoßung beim Abschied von der Mutter, der Frau, den Freunden sehen. Er ist gar nicht zornig, der Zornige! Irgendwo in ihm ruht der Zorn und nährt sich; was in die Erscheinung tritt, ist gefaßte Gemächlichkeit und liebevoller Trost an die Teilnehmenden! Er hat sich ausgetobt und ist ruhig, mit einem liebenswürdigen Anflug von Humor; und vor allem: wie kann er zornig sein, da es nun seine Mutter an seiner Statt ist und da er überdies den Schmerz seines zarten, zagen Weibes sieht! Mutter Volumnia weiß gar nichts mehr davon, daß sie je mit ihrem Sohn unzufrieden war; es ist alles so gekommen, wie es ihre Klugheit widerraten, wie es eine tiefere Stimme in ihr aber unabweisbar vorhergesagt hat. Ihr ganzer Zorn gilt denen, die ihren edeln Sohn, auf den sie nie so stolz war, wie in diesem Augenblick, vertreiben. Coriolan hat nichts zu tun, als sie zu beruhigen. Für sich braucht er nichts mehr, keinen Zuspruch, keine Hilfe, kein Wüten und vor allem keine Begleitung. Er ist ganz gefaßt; etwas in ihm hat schon den Entschluß gefaßt. Daß er frische, ungebrochene Kraft in sich spürt, spricht er aus; und im übrigen:
Solang ich atm’ in dieser Welt, sollt ihrStets von mir hören, und nie andrer Art,Als je mir eigen war.
Solang ich atm’ in dieser Welt, sollt ihrStets von mir hören, und nie andrer Art,Als je mir eigen war.
Solang ich atm’ in dieser Welt, sollt ihrStets von mir hören, und nie andrer Art,Als je mir eigen war.
Solang ich atm’ in dieser Welt, sollt ihr
Stets von mir hören, und nie andrer Art,
Als je mir eigen war.
Wie er aber nun weg ist, wie die beiden Frauen durch die Straßen Roms zurückgehen, und die beiden Tribunen ihnen, sehr gegen ihren Willen, in die Arme laufen, da wird auch Virginia, Coriolans stilles, ängstlich-schüchternesWeib, tapfer; den armen zurückgelassenen Frauen bleibt nichts als die Zunge; aber mit ihren leidenschaftlichen Worten und Wünschen sagen sie triumphierend voraus, was dann geschieht: daß Coriolan mit dem Schwert in der Hand seine römischen Feinde zu strafen kommt. Wie anders wird diesen Frauen die Wirklichkeit aussehen als ihr Wunsch! Sie können nur ohnmächtig und ohne Vorstellungskraft wünschen, Coriolans Feinde möchten gestraft werden; er aber wird’s tun, auf dem Wege, den die Wirklichkeit bietet, auf keinem andern; und mehr und mehr wird auch der Zorn, der jetzt noch schlummert, in ihm gegen die erwachen und wachsen, die hätten mannhaft zu ihm stehen sollen und ihn allein gelassen haben.
Als armer Mann verkleidet tritt er in Antium in das Haus seines Todfeindes Aufidius. Jeder Einwohner dieser Stadt hat Grund, ihn niederzuschlagen. Aber er fürchtet nichts; alle Gefühle hat er tief drunten geborgen, oben in ihm lebt nur die Verwunderung über diese seltsame Welt und ihre Wandlungen:
Ich hasse meine Wiege, liebe nunDie Feindesstadt!
Ich hasse meine Wiege, liebe nunDie Feindesstadt!
Ich hasse meine Wiege, liebe nunDie Feindesstadt!
Ich hasse meine Wiege, liebe nun
Die Feindesstadt!
Für ihn gibt’s nun nichts zu tun; es ist fast, als ob bloß sein Körper da wäre; nachdem er seinen Entschluß, es zu wagen, gefaßt hat, ist alles Tullus Aufidius anheimgegeben; er selber ist in der Sache nichts weiter wert. Schlägt der ihn gleich nieder, so hat er recht; kann er im Vaterlandsfeind aber den Ebenbürtigen erkennen, ist da in Antium eine solche Stätte des Adels und des verstehenden Edelmuts, daß Platz für zwei solche Gleiche ist, dann ist er, wo er jetzt hingehört: dann dient er entschlossen den Volskern gegen Rom.
Einen Gentleman, einen Adelsmann nennt er sich, wie der Diener den Zerlumpten fragt, wer er sei; und es ist so, wie der Diener höhnisch hinzufügt: „aber ein armer“! Auch in Lumpen ein Adliger, auch als Landesverräter ein Ritter, das ist Coriolan.
Und dann steht er dem Feind gegenüber und offenbart sich ihm kühn. In diesem Augenblick kommt, für uns wie für ihn, zum ersten Mal klar heraus, was ihn über diese Schwelle gebracht hat: er spieltVa banque. Irgendwie weiterleben und warten, bis die etwa da drinnen in Rom sich anders besinnen und ihn gnädig zurückberufen, das kann er nicht. Entweder — oder. Entweder ist Tullus Aufidius zu dem Großen, Herrlichen imstande, dessen er sich von ihm versieht; dann auf zur Rache! Oder er, der Heimatlose, ist allein und waffenlos in die Stadt, in das Lager, in das Haus des Todfeinds gegangen: dann hat er den Tod gefunden, den er sucht.
Der Römer bietet sich dem Feinde seines Vaterlands als Bundesgenossen an: Coriolan übt Verrat! Die Worte klingen, als bezeichneten sie eine ärgste, eine viel schlimmere Vergewaltigung des Edlen gegen sich selbst, als er sie früher zweimal versucht hat; zuerst, als er Consul werden wollte, das war fast harmlos gegen das Zweite, das sich daraus ergab, den furchtbar gescheiterten Versuch, den reuigen Sünder vorzustellen und Verachteten Achtung vorzumachen. Das hat ihn in die Verbannung getrieben; ist er jetzt bei der dritten, der äußersten Gewalttat gegen sich selbst? Sicher ist, damals litt er gräßlich darunter, daß er sich anders geben sollte, als er ist; jetzt ist er seinem eignen Gefühl von sich selbst nach in höchster Lust mit sich eins. Das offenbart sich uns in der Ruhe, der Größe, der Freiheit seiner Rede. Wer so dasteht, wie der Mann in diesem Moment, und sich Aug in Auge dem Tode stellt, wer Tage und Nächte einsam gewandert ist, mit keinem andern Gedanken als diesem Ziele zu, vor dem er jetzt steht, dem ist Rom, Vaterland und alles, was Namen führt, wie Kleid und Schuppen abgefallen, er steht nackt da in der Natur seines Heldentums und seiner ungebrochenen Kampflust, als einer, der voller Leben ist und zu sterben bereit ist. Ja, in diesem Augenblick lebt kein Rom in ihm, hatkeine Mutter ihn geboren; er hat kein Vaterland, ist losgelöst von allem, wovon der Mensch sich nur freimachen kann, ohne aufzuhören, er selbst zu sein; und wüßten wir das nur, daß alles andre als eines, dem wir uns ergeben, in jedem Augenblick frei von uns gewählt und ergriffen wird, wie viel inniger, wie viel mehr wir selbst würden wir unsrer Sache uns hingeben! Er hat nur noch dies eine: seine heldische Natur; ein Schwert hat er und weiß einen Feind. So steht er vor dem Mann, der ihm zum Tod oder zu seiner allein noch gebliebenen Bestimmung helfen soll, und spricht:
Nicht in der Hoffnung,— Verkenn mich nicht — mein Leben zu erhalten;Scheut’ ich den Tod, wohl keinen in der WeltHätt’ ich geflohn wie dich; nein, bloß aus Trotz,Um völlig quitt zu sein mit den Verbannern,Steh’ ich vor dir nun da...Denn — ich kämpfe gegenMein krankes Vaterland mit der ErbittrungVon allen Höllengeistern. Doch wofernDu es nicht wagst und, mehr das Glück zu proben,Satt bist, so hör’s mit einem Wort: auch ichBin fortzuleben herzlich müd und bieteDie Kehle dir und deinem alten Grimm...
Nicht in der Hoffnung,— Verkenn mich nicht — mein Leben zu erhalten;Scheut’ ich den Tod, wohl keinen in der WeltHätt’ ich geflohn wie dich; nein, bloß aus Trotz,Um völlig quitt zu sein mit den Verbannern,Steh’ ich vor dir nun da...Denn — ich kämpfe gegenMein krankes Vaterland mit der ErbittrungVon allen Höllengeistern. Doch wofernDu es nicht wagst und, mehr das Glück zu proben,Satt bist, so hör’s mit einem Wort: auch ichBin fortzuleben herzlich müd und bieteDie Kehle dir und deinem alten Grimm...
Nicht in der Hoffnung,— Verkenn mich nicht — mein Leben zu erhalten;Scheut’ ich den Tod, wohl keinen in der WeltHätt’ ich geflohn wie dich; nein, bloß aus Trotz,Um völlig quitt zu sein mit den Verbannern,Steh’ ich vor dir nun da...Denn — ich kämpfe gegenMein krankes Vaterland mit der ErbittrungVon allen Höllengeistern. Doch wofernDu es nicht wagst und, mehr das Glück zu proben,Satt bist, so hör’s mit einem Wort: auch ichBin fortzuleben herzlich müd und bieteDie Kehle dir und deinem alten Grimm...
Nicht in der Hoffnung,
— Verkenn mich nicht — mein Leben zu erhalten;
Scheut’ ich den Tod, wohl keinen in der Welt
Hätt’ ich geflohn wie dich; nein, bloß aus Trotz,
Um völlig quitt zu sein mit den Verbannern,
Steh’ ich vor dir nun da...
Denn — ich kämpfe gegen
Mein krankes Vaterland mit der Erbittrung
Von allen Höllengeistern. Doch wofern
Du es nicht wagst und, mehr das Glück zu proben,
Satt bist, so hör’s mit einem Wort: auch ich
Bin fortzuleben herzlich müd und biete
Die Kehle dir und deinem alten Grimm...
Man braucht gar noch nicht in Betracht zu ziehen, daß Aufidius und sein Volk ein hohes Interesse daran haben, ihren furchtbaren Feind in ihren Dienst zu ziehen, Roms Helden und den Führer der gekränkten und auf ihre Stunde harrenden Adelspartei als Feldherrn im Kampf gegen Rom zu gewinnen; all solche Erwägungen kommen später entscheidend zur Geltung; für jetzt ist Aufidius von diesem tragischen Geschick und dieser tragischen Größe menschlich erschüttert:
Mein Marcius —bricht er aus —Und hätten wir nichts gegen Rom, als daßEs dich verbannt, wir wollten alle musternVom zwölften Jahr zum siebzigsten und wütendIns tiefste Mark des undankbaren RomsWie kühne Flut einbrechen.
Mein Marcius —bricht er aus —Und hätten wir nichts gegen Rom, als daßEs dich verbannt, wir wollten alle musternVom zwölften Jahr zum siebzigsten und wütendIns tiefste Mark des undankbaren RomsWie kühne Flut einbrechen.
Mein Marcius —bricht er aus —Und hätten wir nichts gegen Rom, als daßEs dich verbannt, wir wollten alle musternVom zwölften Jahr zum siebzigsten und wütendIns tiefste Mark des undankbaren RomsWie kühne Flut einbrechen.
Mein Marcius —
bricht er aus —
Und hätten wir nichts gegen Rom, als daß
Es dich verbannt, wir wollten alle mustern
Vom zwölften Jahr zum siebzigsten und wütend
Ins tiefste Mark des undankbaren Roms
Wie kühne Flut einbrechen.
Wie wäre es gegangen, wenn nicht die hohe Erschütterung, wenn die niedrigen Elemente die Entscheidung hätten treffen sollen und wider einander gestritten hätten: kluge Politik und eingefressener Haß? Keine leichte Wahl; und so sind denn auch diesmal die Interesse- und Haßpolitiker in Rom, die beiden Volkstribunen beim ersten Eintreffen der Nachricht nicht gleich einig. Der eine meint: sehr wahrscheinlich; das leuchtet ihm erschrecklich ein; der andre aber glaubt’s nicht; er glaubt nicht daran, daß die Klugheit über den Haß gesiegt habe:
Er und Aufidius sind nicht mehr versöhnbar,Als wie der ungeheu’rste Widerspruch.
Er und Aufidius sind nicht mehr versöhnbar,Als wie der ungeheu’rste Widerspruch.
Er und Aufidius sind nicht mehr versöhnbar,Als wie der ungeheu’rste Widerspruch.
Er und Aufidius sind nicht mehr versöhnbar,
Als wie der ungeheu’rste Widerspruch.
Was da in Antium zwischen den beiden Helden vorging, war nicht das Wahrscheinliche, wie die Niedrigkeit nachrechnete, und war nicht das Unmögliche, das die andere Niedrigkeit aus dem eigenen Hasse erschloß; es war das Überwältigende.
Und schon kommt Coriolan wie ein Wetterstrahl schnell und zündend bis vor die Tore Roms, ganz in Rache eingehüllt, er weiß von nichts anderm mehr, hat keinen Gedanken, kein Ziel, keine Vorstellung des Nachher; „eine Art von Nichts“ nennt er sich, und damit wissen wir schon, wie er sich bei den Volskern vereinsamt, unter Feinden und ganz fehl am Ort vorkommen würde, wenn er zur Besinnung käme. Nicht einmal einen Namen hat er mehr; Cajus Marcius? er darf nicht daran denken, zu welchem Geschlecht er gehört, wo er gegen die Stadt seiner Väter, seiner Mutter, seiner Frau und seines Sohnes zieht; Coriolan? das ist der Name, der Schimpf und Hohn für seine, ach ja, für seine Freunde in sich birgt. So fühlter sich als einen aus der Menschheit Gestoßenen, Namenlosen,
Bis er sich selbst geschmiedet einen NamenIm Brande Roms.
Bis er sich selbst geschmiedet einen NamenIm Brande Roms.
Bis er sich selbst geschmiedet einen NamenIm Brande Roms.
Bis er sich selbst geschmiedet einen Namen
Im Brande Roms.
Rom, die Stadt der Plebejer und der feigen Patrizier, die zugesehen haben, wie sein Held und Retter ausgetrieben wurde, soll brennen.
Wie haben da inzwischen die Stimmungen gewechselt; wie sieht’s da jetzt aus! Wie die Boten die furchtbaren Nachrichten immer bedrohlicher bringen, ist die erste Wirkung eine innerpolitische: wie erheben die Patrizier, die sich ehrlich für Coriolans Freunde halten, deren Sache er geführt hat, die ihn aus Politik allein gelassen hatten, wie erheben sie das Haupt; was für eine kühne Sprache findet nun der bedächtige Menenius Agrippa! Ihr habt’s schön gemacht! Ihr seid schuld! Derlei bekommen nun die Tribunen mit derbem Schimpf und Spott zu hören. Und die Volkstribunen lassen die Ohren hängen und werden immer kleinlauter; und das Volk kommt in Angst; dem ist jetzt, als ob es gleich sehr ungern in Coriolans Verbannung gewilligt hätte. Coriolans Fluch, der den innern Zustand des Volks und seiner politischen Führer beschrieben hatte, will äußerlich in Erfüllung gehen. Aber dann, wie die Gefahr immer entsetzlicher wird, klingt aus den bösen, aufgebrachten Reden der Patrizier doch auch schon die Angst durch, und es kommt dahin, daß angesichts der Gefahr der Parteistreit zurücktritt: die Stadt muß gerettet werden. Aber wie? Zu verteidigen ist da nichts, wenn Coriolan vor den Toren steht, statt als Schützer auf den Wällen. Er muß zurückgerufen werden; er muß gebeten werden, abzuziehen; er muß um Schonung angefleht werden.
Der Konsul Cominius versucht’s; umsonst. Coriolan weiß nichts andres als: Rom muß brennen. Hängt sie! hatte er, wie gewohnt, einmal unwillig vor sich hingebrummt;und die Mutter, um ihn freundschaftlich mahnend zur Besinnung zu bringen, hatte ironisch fortgesetzt: Und brennt sie! Nun soll Ernst daraus werden; Coriolan hat den roten Blick und sieht nichts mehr vor sich als Flammen. Cominius erinnert ihn wohl an seine nächsten Freunde und Angehörigen; er aber ist in der Verfassung des Würgengels, der keine Schonung, keine Unterscheidung mehr kennt:
TorheitWär’s, kränkenden Gestank nicht zu verbrennenUm ein, zwei Körner willen.
TorheitWär’s, kränkenden Gestank nicht zu verbrennenUm ein, zwei Körner willen.
TorheitWär’s, kränkenden Gestank nicht zu verbrennenUm ein, zwei Körner willen.
Torheit
Wär’s, kränkenden Gestank nicht zu verbrennen
Um ein, zwei Körner willen.
Und der alte Menenius ächzt, wie er das hört: Eins von den Körnern bin ich; und seine Mutter, sein Weib, sein Kind! Für diese Volkstribunen sollen wir mitverbrannt werden!
Er will’s aber, auch weil diese alten Männer, die Volksvertreter, jetzt so verschüchtert und manierlich bitten können, versuchen, ob ihm nicht glückt, was der Feldherr Cominius nicht über Coriolan vermocht hat. Er ist ein Pfiffiger, der alte Mann, und eitel dazu, und mit so einer Art physiologischer Psychologie redet er sich ein, man müsse nur den rechten Augenblick wählen, vielleicht habe Coriolan nüchtern vor dem Frühstück abgelehnt, was er ihm nach dem Mittagessen gutgelaunt bewilligen würde.
Aber da urteilt die kleine feine Klugheit — oder die Angst, die sich etwas einreden möchte, woran sie selbst nicht glaubt; die vehemente Glut des ungestümen Mannes Coriolan zwingt noch mehr unter sich als die Funktionen des Leibs. Er hat ein für allemal den Befehl gegeben, keinen aus Rom mehr vorzulassen; die da drin — alle! — sind schuld, daß er nun nicht mehr kann, wie er will, selbst wenn er umkehren wollte. Jetzt geht’s nicht mehr bloß um die Rache; die Ehre verlangt’s, daß er denen Treue hält, in deren Dienst er getreten ist. So schickt er auch den Menenius heim, der trotz aller Abweisung nicht weichen wollte und dem er in den Weg gelaufen ist:
Weib, Mutter, Kind, sind fremd mir. Meine PflichtIst andern dienstbar. Hab’ ich schon zur RacheBesondres Recht, liegt die Vergebung dochIm Volskerherzen.
Weib, Mutter, Kind, sind fremd mir. Meine PflichtIst andern dienstbar. Hab’ ich schon zur RacheBesondres Recht, liegt die Vergebung dochIm Volskerherzen.
Weib, Mutter, Kind, sind fremd mir. Meine PflichtIst andern dienstbar. Hab’ ich schon zur RacheBesondres Recht, liegt die Vergebung dochIm Volskerherzen.
Weib, Mutter, Kind, sind fremd mir. Meine Pflicht
Ist andern dienstbar. Hab’ ich schon zur Rache
Besondres Recht, liegt die Vergebung doch
Im Volskerherzen.
Da ist der Zwiespalt; darum kann er nicht denken, sich nicht zureden lassen; das ist jetzt seine Härte. Er ist nie ein Mann des Triebs und der Laune gewesen; so sehr ihn die Leidenschaft verdüstern, umdunkeln kann, sie ist nie ohne Gesinnung in ihm; aber haben sie ihn nicht vaterlandslos und zum Landsknecht, zu fremden Landes Knecht gemacht? Er kann nicht mehr wie er — gar nicht will — — sie sollen’s büßen.
Eine so hohe Stimmung, die aus der erhabenen Öde gänzlicher Beziehungslosigkeit kam, wie Coriolan, als er zuerst vor Aufidius stand, sie hatte, kann nicht dauern, wenn der Mann erst, sei’s auch um dieser Stimmung willen, in die mannigfachen Bindungen des Lebens wieder eingegangen ist. Jetzt zerfällt Coriolan schon lange wieder in die obern und untern Bezirke, in das, was er denkt und sagt, um bei dem zu verharren, was er als den neuen Coriolan in die Welt getrotzt hat, und in jenes andre, was von innen erwacht, von außen alt und neu ihn mit vertrauten Stimmen ruft und was er, solange es irgend geht, nicht hochkommen läßt.
Daß das kein Zustand ist, in dem der Edle bleiben kann, daß seine Verhärtung wegschmelzen muß, sowie gegen die künstliche Macht der Soldatentreue eine natürliche und ideale Macht ausrückt und unsäglich seelenvoll zu ihm spricht, das fühlen wir voraus.
Und so sind wir bereitet zu einer der strahlendsten, innigsten, höchsten Szenen der gesamten dramatischen Literatur. Die Frauen kommen: seine Mutter; sein zartes, unkriegerisches Weib, sein „holdes Schweigen“, Virgilia die Sanfte, die neben ihm, dem Rauhen steht, wie Desdemona neben Othello; und den Knaben bringen sie mit, der seinEbenbild ist. Und dazu bringen sie ihm, was mit Cominius dem Feldherrn und dem klugen Staatsmann Menenius Agrippa nicht mitgekommen war: das Vaterland.
Sie kommen in Trauergewändern. Sie beugen sich, sie blicken zum Erbarmen auf ihn; sie knien hin; sie kommen näher. Sonst wohl, wenn einer aufs tiefste erschüttert ist, braucht bloß das Wort, das das Erlebnis ausdrückt, noch dazuzukommen, und schon fließen unhemmbar die Tränen. Der starke Coriolan macht’s umgekehrt; er klammert sich an Aufidius, der bei ihm im Zelt ist, und wiederholt dem und sich selbst alles in Worten, was seine Sinne gewahren, was auf sein Herz eindringen will; die Worte der Beschreibung sollen sich verbinden mit Worten des Gelöbnisses — vor sich selbst und dem Oberfeldherrn der Volsker —, sollen ihn binden: nein, er wird nicht nachgeben. Und schnell, die Sprache ist dazu da, verwandelt er alles, was wie Trotz, Eigensinn, Gebundenheit aussehen könnte, in Gesinnung, in Freiheit, in das Prinzip der völlig ungebundenen, individualistischen Selbstherrlichkeit; gewaltsam, mit Worten, will er sich an den Ursprung des neuen Coriolan, des Namenlosen, an die Stimmung der weltverneinenden Öde anbinden; was geht ihn noch das Vaterland an? muß er, ein Mann, ein Ausgetriebener, ein vom Schicksal Adoptierter, noch Weib und Mutter kennen?
Laß die VolskerRom pflügen und Italien eggen, nieFolg’ ich wie’n Gänslein dem Instinkt; ich stehe,Als wär’ der Mensch Urheber seiner selbstUnd keinem sonst verwandt.
Laß die VolskerRom pflügen und Italien eggen, nieFolg’ ich wie’n Gänslein dem Instinkt; ich stehe,Als wär’ der Mensch Urheber seiner selbstUnd keinem sonst verwandt.
Laß die VolskerRom pflügen und Italien eggen, nieFolg’ ich wie’n Gänslein dem Instinkt; ich stehe,Als wär’ der Mensch Urheber seiner selbstUnd keinem sonst verwandt.
Laß die Volsker
Rom pflügen und Italien eggen, nie
Folg’ ich wie’n Gänslein dem Instinkt; ich stehe,
Als wär’ der Mensch Urheber seiner selbst
Und keinem sonst verwandt.
Aber dann klingt die Stimme seines Weibs: Mein Herr und Gatte! und die Mutter blickt ihn stumm an; da will er zwar im Öffentlichen ganz unnachgiebig bleiben; aber dies holde, lang entbehrte Weib wird er doch küssen dürfen; der Mutter den Gruß der Ehrerbietung zollen? Daserlaubt die Sache; und Aufidius geht’s ja wohl nichts an. Er preßt Virgilia ans Herz; er beugt das Knie vor der Mutter.
Da heißt sie ihn aufstehn. Und dann beugt sie die stolzen, steifen Knie, und kniet vor ihm hin auf dem harten Stein, und spricht dabei bitter, scharf, mit einer Stimme, die noch härter als Stein ist, von der „Huldigung neuer Art“,
die bisher ganz falsch verteiltWar zwischen Kind und Eltern.
die bisher ganz falsch verteiltWar zwischen Kind und Eltern.
die bisher ganz falsch verteiltWar zwischen Kind und Eltern.
die bisher ganz falsch verteilt
War zwischen Kind und Eltern.
Die Welt ist ja verkehrt worden; man muß sich danach richten und muß auf seine alten Tage umlernen: der Römer kämpft jetzt gegen die eigne Stadt, die Weib, Kind und Mutter birgt; so ist ja wohl auch das Grundprinzip der Republik, die Familie und die Oberherrschaft der Eltern aufgehoben: die Mutter, die den frühverstorbenen Vater vertritt, bittet das Kind!
Wie ist diese große Frau immer dieselbe, und wie wechseln die Situationen und damit ihre äußere Stellung zum Sohn! Das erste Mal die herbe Unzufriedenheit, mit Angst gepaart, und die klug unbedenklichen Ratschläge, an deren Befolgung sie im geheimsten nicht zu glauben vermag; dann, wie er in der Tat gegen all ihren Rat und Unterricht und gegen seinen Vorsatz dem Willen seiner Seele gefolgt ist und schrankenlos seine Wahrheit herausgerufen hat, der Stolz, die Liebe, der Haß gegen seine Feinde in Rom, der Wunsch, er möchte sie ausrotten; und jetzt der letzte Versuch, die Stadt vor seinem tauben Grimm zu retten. Und immer um Roms, immer zugleich um seinetwillen, in dem Rom sich verkörpern soll!
Und sie hebt zu bitten an; dem Inhalt nicht nur, auch der Disposition nach getreu nach dem Bericht Plutarchs; wer aber Shakespeares Seelen- und Sprachgewalt an einem ganz großen, wunderbaren Beispiel kennen lernen will, der soll diese Rede Volumnias in Plutarchs und in Shakespeares Fassung neben einander halten.
Sie hält ihm, auf ihre Trauerkleider weisend, die Situation vor, die er kennt; das ist ihre stärkste Waffe, daß sie ihm nichts sagt, was er sich nicht selbst sagt. Vorhin hat er sich noch stark machen können, indem er, was seine gerührten Blicke sahen, in Worte versteckte; jetzt wickeln ihm die Worte einer Stärkeren, Redegewaltigeren nicht bloß seine Eindrücke wieder aus der Umhüllung aus, sie drehen ihm das Herz in der Brust herum. Was wird das Los dieser Frauen sein, wie die mörderische Schlacht auch ausgehe? Wenn er besiegt als Gefangener nach Rom kommt? Wenn er Rom in Trümmer gelegt hat? Und Frau, Kind und Mutter in den Tod getrieben? Ja, in den Tod!
Denn ich, ich, Sohn, denk’ nicht zu warten, bisDer Krieg entschieden — —
Denn ich, ich, Sohn, denk’ nicht zu warten, bisDer Krieg entschieden — —
Denn ich, ich, Sohn, denk’ nicht zu warten, bisDer Krieg entschieden — —
Denn ich, ich, Sohn, denk’ nicht zu warten, bis
Der Krieg entschieden — —
über den Leib seiner Mutter hinweg wird er zum Angriff auf Rom schreiten müssen.
Und Virgilia, die schon früher gezeigt hat, wie ihr im Augenblick der Entscheidung Sprache und Tapferkeit kommt, fällt ein und erklärt für sich, schnell, kurz, eh’ die Tränen quellen, dasselbe; und der kleine Bursch, sein Sohn, redet drein:
Mich soll er nicht treten;Ich lauf’ fort, bis ich größer bin, dann fecht’ ich!
Mich soll er nicht treten;Ich lauf’ fort, bis ich größer bin, dann fecht’ ich!
Mich soll er nicht treten;Ich lauf’ fort, bis ich größer bin, dann fecht’ ich!
Mich soll er nicht treten;
Ich lauf’ fort, bis ich größer bin, dann fecht’ ich!
Das soll ein Mensch mit anhören, von Mutter, Frau und Kind? Er steht auf und will gehn. Die alte Römerin aber hält ihn fest. Die Mutter hat gesprochen und hat nichts mehr zu sagen. Sie hat ihm die Naturnotwendigkeit der Umkehr gemeldet; jetzt spricht die Politikerin und zeigt ihm die Möglichkeit, den Ausweg. Römer und Volsker sollen einen dauernden Frieden schließen; das soll sein großer Ruhm sein: die beiden Völker zu versöhnen. — Und das Höchste und Letzte, was auf einen edeln Mann wirkt, fügt sie hinzu:
Hältst du es ehrenhaft für einen Edlen,Der Kränkung stets zu denken?
Hältst du es ehrenhaft für einen Edlen,Der Kränkung stets zu denken?
Hältst du es ehrenhaft für einen Edlen,Der Kränkung stets zu denken?
Hältst du es ehrenhaft für einen Edlen,
Der Kränkung stets zu denken?
Er schweigt, schweigt immer noch, er kehrt sich ab, er kämpft furchtbar.
Und wiederum knien die Frauen. Und nun umtönt ihn nur noch ein Wort, in immer neuen Wendungen: Rom!
Und endlich hat die Mutter, hat die Sprecherin des Vaterlands, das mehr und andres ist als die zufällig gerade lebenden und sich vergehenden Einwohner, als alle Gemeinheit einer beliebigen Summe, sie hat gesiegt.
O Mutter, Mutter!
O Mutter, Mutter!
O Mutter, Mutter!
O Mutter, Mutter!
Mit diesem Wehruf gibt er nach. Was dann fieberhaft aus ihm redet, zu Aufidius, daß der’s doch einsehen müsse, daß es nun zu einem günstigen Frieden kommen werde, und alle Ausrufe der Erregung und Entzückung, das ist nicht er selbst. Einer in ihm kennt sein Geschick, ahnt gar den Weg schon, auf dem es kommen kann.
Es kommt durch Aufidius. Einmal, als der Mann sich dem Manne gestellt, zu Tod oder Blutbrüderschaft, war über den die große Überwältigung gekommen. Zu mehr, zu einer Wiederholung und Umkehrung ist er nicht imstande. Zudem war das Verhältnis nicht so geworden, wie er sich’s gedacht: neben dieser überragenden Natur, neben Cajus Marcius Coriolanus ist er für seine eignen Landsleute immer nur der Zweite gewesen, und die Eifersucht hat schon an ihm genagt. Was da gekommen ist, was diesen „Coriolan“, der nun alles wieder vergessen und Römer werden will, so ergreift, was geht’s ihn an? Zu ihm hat Rom nicht gesprochen; seine Mutter ist Volumnia nicht. Verschärft ist da, was in Jahren des Krieges zwischen ihnen war: Feindschaft auf Leben und Tod. Es ist kein Krieg; aber der Feind ist in seiner Gewalt.
Es fällt ihm leicht, gegen den „zwiefachen Verräter“ eine Verschwörung zustandezubringen. In dem aber, den sie so nennen, ist kein Funke böses Gewissen und kein Hader mit sich selbst. Seltsame Stille ist in ihm eingezogen. Nicht die unheimlich auf einen Punkt gespannte Gefaßtheitvon ehedem; eine fast wohlige Entspannung scheint es zu sein. Wie süß ist es, zumal für diesen adligen Mann, in dem Unbändigkeit und Sachlichkeit so persönlich beisammen sind, sich überwinden zu lassen, sich gefangen zu geben; wie verwunderlich wieder, daß sich noch einmal alles umgekehrt hat und daß er, der Kriegsmann, jetzt die beiden Völker, denen er nun beiden angehört, zu einer dauernden, zu einer neuen Art Frieden bringen soll. Wie traumbefangen, wie einer, der leise auftritt, um das Schicksal und sich selbst nicht zu wecken, tut er alles, was die neue Pflicht ihm auferlegt. Die Zeit des Zorns scheint ganz für ihn vorbei; er geht vor, als könne noch alles sehr gut werden. Er verläßt die Volsker nicht; er denkt nicht daran, sich in Rom vor ihnen zu bergen; keineswegs verrät er sie im groben Sinne; er verhandelt mit den Römern als der Mann, der zur Vermittlung berufen ist, aber er geht davon aus, daß Rom wehrlos und daß er der Volskergeneral ist: was er den Volskern bringt, ist eine Demütigung Roms, freilich nicht die Vernichtung; es ist ein Vergleich, der Frieden für immer stiften soll. Er ist nicht mehr ein Kind seiner Zeit; er geht vor, als sehe er Möglichkeiten, an die sonst keiner glaubt; aber es sind nicht seine Gesichte, es ist ihm von sanftem, festem Zwang auferlegt worden wie in tiefe Schlafbetäubung hinein; er bewegt sich wie in seliger Zeitlosigkeit oder wie in ferner Zukunft wiedergeboren oder wie einer, der schon im Schatten des Todes steht. Es geht zu Ende mit ihm: sein Schicksal war entschieden, als er sich Roms Feinden verbündet und, ohne daß er’s wußte, sein Herz in Rom gelassen hatte. Damals hatte er sich Tullus Aufidius zum Tode gestellt; Aufidius und der Tod sind jetzt da.
Volumnia konnte als Retterin und Erlöserin Roms, als Mutter Coriolans, von Jubelrufen umbraust, in Rom einziehen; bald darauf wird Coriolan bei den Volskern, denen er den Friedensvertrag gebracht hat, von der Scharder Verschworenen, die Tullus Aufidius führt, ermordet. Er war ihnen zu gefährlich, war auch ihnen zu groß, stand unter ihnen erst recht als ein Fremder da. Er war aus Rom und damit aus der Welt gebannt; als einer, den die Welt gebraucht hätte, den die Welt nicht dulden konnte, liegt er nun tot zu Boden. Sowie er nicht mehr auf den Füßen steht, sowie sein Schritt ihnen nicht mehr in den Ohren weh tut und seine stolze Sprache, sowie sie in dem Leichnam, der da liegt, nur das Bildnis des Helden vor sich haben, dieses adligen, stolzen, wunderschönen Mannes, da erkennen sie, daß ein Großer gefallen, der Kleinheit dieser Welt zum Opfer gefallen ist. Unter den Klängen eines strahlenden Totenmarsches wird sein Leichnam aufgehoben und fortgetragen.
Diese Totenmusik, das Heldenleben, wie es Shakespeare gestaltet hat, ist wirklich zu Rhythmen und Melodien geworden in der Coriolan-Ouvertüre Beethovens, die freilich durch äußern Zufall zu irgend einem andern Drama Coriolan komponiert wurde, in Wahrheit aber ganz Geist vom Geiste Shakespeares ist, der in diesem Römerdrama — ich wiederhole die Worte — in die Seele der Geschichte hineingeleuchtet hat, indem er die Geschichte einer Seele gab.