Doch Gott beschloß an deinem Schöpfungstag:Nie soll die Liebe dir vom Antlitz schwinden,Was auch dein Geist, dein Herz ersinnen mag,Dein Blick soll immer Holdes nur verkünden.
Doch Gott beschloß an deinem Schöpfungstag:Nie soll die Liebe dir vom Antlitz schwinden,Was auch dein Geist, dein Herz ersinnen mag,Dein Blick soll immer Holdes nur verkünden.
Doch Gott beschloß an deinem Schöpfungstag:Nie soll die Liebe dir vom Antlitz schwinden,Was auch dein Geist, dein Herz ersinnen mag,Dein Blick soll immer Holdes nur verkünden.
Doch Gott beschloß an deinem Schöpfungstag:
Nie soll die Liebe dir vom Antlitz schwinden,
Was auch dein Geist, dein Herz ersinnen mag,
Dein Blick soll immer Holdes nur verkünden.
Bei diesem Bilde der zum Staunen unvergänglichen Anmut und Liebenswürdigkeit wie nun bei der Schilderung, die den Prinzen Wunderhold mit einem Mal unverhüllt in seiner innern Beschaffenheit zeigt, haben wir ganz das Porträt, das die verratene Liebste in der Romanze am Schluß des Sonettenwerks von dem bezaubernden Manne entwirft; wenn es etwa im 95. Sonett heißt:
O welch ein Schloß das Laster sich erkor,Als es in dir zu wohnen sich entschied!Jedweden Makel deckt der Schönheit Flor,Und schön wird alles, was das Auge sieht.
O welch ein Schloß das Laster sich erkor,Als es in dir zu wohnen sich entschied!Jedweden Makel deckt der Schönheit Flor,Und schön wird alles, was das Auge sieht.
O welch ein Schloß das Laster sich erkor,Als es in dir zu wohnen sich entschied!Jedweden Makel deckt der Schönheit Flor,Und schön wird alles, was das Auge sieht.
O welch ein Schloß das Laster sich erkor,
Als es in dir zu wohnen sich entschied!
Jedweden Makel deckt der Schönheit Flor,
Und schön wird alles, was das Auge sieht.
In tiefster Schwermut wendet sich dann der Dichter von den Zweifeln an dem immer geliebten Freund, dem er ein Mal für alle verfallen ist, weg zur Betrachtung des Todes, dem er sich immer näher fühlt. Eine entsetzliche Vorstellung aber ist ihm jeder Gedanke an die Auflösung, — so grauenhaft wie uns allen, nur daß wir nicht hinblicken, nicht den Schädel unsres guten Freundes aus der Knabenzeit in der Hand wiegen und dabei empfinden, es sei unser eignes kahl gefressenes Gebein. Den Dichter aber lockt es unbezwinglich hinzublicken auf dieses Unfaßbare; und sich, wie er jetzt ist, empfindet er in tiefstem Schauder als denselben, der er bald sein wird, ein maßlos Erniedrigter. Dem Freund ruft er, wie schon mit Grabesstimme zu:Nicht länger klage um mich, als die Totenglocke schallt! Lies meine Verse, aber denke nicht mehr an den Menschen, der sie geschrieben hat! Nenne meinen Namen nicht mehr, liebe mich nicht mehr, wenn ich weg bin! In der Niedrigkeit war ich in dieser Welt, zu allerniedrigsten Würmern geh’ ich, wenn ich ihr entronnen bin. Und noch stärker wird diese ganz und gar düstere Stimmung, in die gar kein Licht fällt, ausgedrückt. Ich werde dieses dunkle Rätsel nicht lösen, aber ich werde es nicht verhehlen: dieser Dichter, ganz weltlich, ganz ohne jede Beimischung etwa religiös-asketischer Umkehr, im Gegenteil, indem er die ganze Welt lichtlos, freudlos, hoffnungslos, sinnlos sieht, nimmt aus dieser Stimmung auch sich den Lebenden und sein Werk nicht aus. Was er getan, geleistet hat, mißt er in dieser Verfassung der Krise offenbar an einem Wollen ganz andrer Art, ganz andren Zieles, das vielleicht auch ganz andern Gebieten angehört; was da ist, ist nichts und schlimmer als nichts. Da, in der direkteren Aussprache dieser Lyrik, ist nicht die in Bitterkeit noch milde Resignation, mit der Prospero seinem Werk und Leben entsagt; da ist Verzweiflung. Wie er in jüngern Jahren von Verschuldung und von Flecken gesprochen hat, so nennt er jetzt seine Leistung Schmach und Schande. Ich habe zugegeben, man kann jene starken Ausdrücke auf sein Schauspielerdasein beziehen, aber will man für jetzt, wo er auf der Höhe seiner dramatischen Produktion steht, auch noch sagen, mit dieser entschlossenen, finstern Verachtung rede er nur von seiner äußern Stellung als Schauspieler und Dramatiker? Nichts unglaublicher als das! Nirgends sind wir im ganzen und einzelnen der Stimmung und dem innersten Wesen von Shakespeares reifsten Dramen so nah wie in diesem Teil der Sonette; nirgends aber in den Bühnenwerken spricht sich uns die Abkehr und Verzweiflung an sich selbst so namenlos schrecklich aus wie hier. Ich habe für diese Äußerungen, für diese in Entschlossenheit gefaßtenAusbrüche keine andre Erklärung als die einer oft fast völligen Umdüsterung, fast müßte man sagen: Umnachtung.
Er verfügt in einem Tone wie letztwillig: sein Name solle vom Freunde da begraben werden, wo sein Leichnam liegen werde, und solle nicht länger am Leben bleiben und ihn und den Freund in Schmach bringen.
Denn ich schäme mich dessen, was ich hervorbringe, und du solltest dich schämen, Dinge zu lieben, die nichts wert sind.
Denn ich schäme mich dessen, was ich hervorbringe, und du solltest dich schämen, Dinge zu lieben, die nichts wert sind.
Doch solange er lebt, soll der Freund ihn lieben! Das bringt uns vielleicht doch der Lösung des Rätsels noch etwas näher. Diese Düsterkeit steht in untrennbarer Verbindung mit den Verfallserscheinungen seiner Körperlichkeit — er ist höchstens ein früher Vierziger —, mit der Todesnähe, auf die er immer wieder zu sprechen kommt und die — vergessen wir das doch nicht! — Wirklichkeit ist. Wir wissen nicht, an welcher Krankheit Shakespeare jung starb, — aber wir wissen, daß er sich mindestens acht bis zehn Jahre vorher vom Tode gezeichnet fühlte.
Da redet er — und es ist sicher dieselbe Zeit, in der über den Dramatiker vom tiefst Menschlichen her zuerst die Krise gekommen war, die wir kennen gelernt haben — den Freund an:
In mir siehst du den Herbst! Gelbe Blätter, oder keine, oder ein paar hängen in frierenden Zweigen, und man kann bei diesem Anblick an einen eingestürzten Chor denken, in dem einst die süßen Vögel sangen.
In mir siehst du den Herbst! Gelbe Blätter, oder keine, oder ein paar hängen in frierenden Zweigen, und man kann bei diesem Anblick an einen eingestürzten Chor denken, in dem einst die süßen Vögel sangen.
Daß sich dieses Bild auf seine Produktion bezieht, daß er diesmal ein Jetzt, wo ihm alles mißraten scheint, mit einem früheren Reichtum vergleicht, wie mit einem Strom, während seinem Gefühl nach jetzt Stocken und Versiegen gekommen ist, hören wir aus dieser Stelle deutlich:
In mir siehst du in Zwielicht düstern Tag,Der nach Sonnuntergang gen Abend bleicht,Den schwarze Nacht gar bald entführen mag,Des Todes Schatten, der von hinnen scheucht.In mir siehst du das Glimmen einer Glut,Die auf der Asche ihrer Jugend endet,Als ihrem Todbett, und bald völlig ruht,Verzehrt von dem, was Nahrung ihr gespendet.
In mir siehst du in Zwielicht düstern Tag,Der nach Sonnuntergang gen Abend bleicht,Den schwarze Nacht gar bald entführen mag,Des Todes Schatten, der von hinnen scheucht.In mir siehst du das Glimmen einer Glut,Die auf der Asche ihrer Jugend endet,Als ihrem Todbett, und bald völlig ruht,Verzehrt von dem, was Nahrung ihr gespendet.
In mir siehst du in Zwielicht düstern Tag,Der nach Sonnuntergang gen Abend bleicht,Den schwarze Nacht gar bald entführen mag,Des Todes Schatten, der von hinnen scheucht.
In mir siehst du in Zwielicht düstern Tag,
Der nach Sonnuntergang gen Abend bleicht,
Den schwarze Nacht gar bald entführen mag,
Des Todes Schatten, der von hinnen scheucht.
In mir siehst du das Glimmen einer Glut,Die auf der Asche ihrer Jugend endet,Als ihrem Todbett, und bald völlig ruht,Verzehrt von dem, was Nahrung ihr gespendet.
In mir siehst du das Glimmen einer Glut,
Die auf der Asche ihrer Jugend endet,
Als ihrem Todbett, und bald völlig ruht,
Verzehrt von dem, was Nahrung ihr gespendet.
Wir haben gehört, was das für ein Feuer ist;desire— die Sehnsucht, das unbändige Wollen, die Leidenschaft; von innerem Feuer ist dieses Dichterlebens Feuer allzu rasch, allzu glühend verzehrt worden. Man sagt, die gewaltigsten, verzehrendsten Waldbrände könnten nur durch Feuer gelöscht werden, das man gegen sie treibt. So will das Feuer dieses Dichters erlöschen: von Flammen verschlungen; und er unterscheidet gut genug den guten und den bösen Engel, das reine Feuer der Seele und der Dichtung und der Schönheitsliebe und aber das brennende, sündhafte Feuer der Triebe. Und — ich wollte die Feder verstauchen und nicht mehr zur Hand nehmen, wenn sie nicht alles heraus ließe, was gesagt werden kann und gesagt sein muß; und ich möchte sie nicht mehr führen, wenn sie nicht zart vom Unnennbaren reden könnte — und ich empfinde, wie der Dichter mit diesem bösen Feuer, das sein reines verzehrt, mit dieser sinnlichen Leidenschaft und Wollust seine Krankheit, seine steigende Kraftlosigkeit und frühes Alter und die Todesnähe in Verbindung bringt; und ich empfinde die Verzweiflung und der Umnachtung nahe Verdüsterung als die nicht bloß seelische, sondern leibliche Folge und Begleiterscheinung des Leidens, das ihn aufrieb. Wie Ekel ist ihm sein Leib, als ob schon jetzt der Tod daran fräße; kein Gedanke soll ihm, diesem Naturding mehr gelten, wenn der Tod sein Werk getan hat. Die Stimmung des Gequälten schwankt; jetzt ist dem Dichter dieser Sonette sein Werk wieder der Grund, auf den er die Unsterblichkeit baut:
Doch sei getrost: wenn jener grimme SpruchOhn’ allen Aufschub mich von hinnen treibt,So trägt mein Leben Frucht in diesem Buch,Das zum Gedächtnis dann noch bei dir bleibt.
Doch sei getrost: wenn jener grimme SpruchOhn’ allen Aufschub mich von hinnen treibt,So trägt mein Leben Frucht in diesem Buch,Das zum Gedächtnis dann noch bei dir bleibt.
Doch sei getrost: wenn jener grimme SpruchOhn’ allen Aufschub mich von hinnen treibt,So trägt mein Leben Frucht in diesem Buch,Das zum Gedächtnis dann noch bei dir bleibt.
Doch sei getrost: wenn jener grimme Spruch
Ohn’ allen Aufschub mich von hinnen treibt,
So trägt mein Leben Frucht in diesem Buch,
Das zum Gedächtnis dann noch bei dir bleibt.
Die Erde soll Erde bekommen, der Geist bleibt dein; nur die Hefe, der Bodensatz des Lebens wird Würmerspeise; der Tod ist ein kläglicher Wicht, der mit seiner Hippe Wertloses an sich reißt und das Beste nicht treffen kann.
Es ist mir, ich möchte beinahe sagen, ein Dogma oder Axiom, daß jeder Dichter im privaten Leben, wie er es von Natur, Körperlichkeit und Menschenumwelt wegen führen muß, die eine Seite seines Wesens zeigt und in seiner Dichtung die andre, und daß man von der einen so wenig wie von der andern ausschließend sagen kann, sie sei die wahre. Es ist wahr, wir haben in der Gesamtheit seiner Dichtungen Shakespeares innerstes Wesen, haben es aber im Höchsten dieser Werke und in den Gestalten, bei denen die Sympathie des Dichters steht, nicht, wie er als Mensch unter Menschen sein kann, sondern wie er, ein anderer Mensch in andrer Umgebung, sein zu können sich sehnt. Ich glaube, die Gelähmtheit Hamlets, die grausig zum Ausdruck kommende Todesfurcht des Sklaven der Sinnenliebe Claudio in Maß für Maß und die zwischen Selbstbewußtsein und schüchterner Demut schwankende, zur Selbstanklage immer bereite Gemütsverfassung des Sonettendichters deuten auf Züge, wie sie der lebendige Shakespeare in jäher Unvermitteltheit neben kühnen und strahlenden von früh auf gehabt haben mag.
Von alledem, was ich hier und früher über Shakespeares Persönlichkeit gesagt habe, habe ich nichts gesucht; ob ich mich sträubte oder willig war, ich habe es alles bei der Begegnung zwischen mir, wie ich bin und auffasse, und diesen Dichtungen, wie sie unverrückbar sind, gefunden. Ich war bereit, den Sonettendichter als Helden dieses Gedichtwerks so von William Shakespeare zu trennen, wie Romeo oder Brutus oder Herr Angelo von ihm zu trennen ist; aber die Lohe des Persönlichen und zutiefst Erlebten schlug immer wieder in das gebändigte Maßder Form und die entrückte Gestaltung hinein. Diese Gedichte sind reinste Lyrik, in demselben Sinne, in dem wir Deutsche diese Gattung von den Großen und Echten unsrer Minnedichter her, von den Dichtern des Volkslieds, von Andreas Gryphius und Paul Fleming, von Günther und Goethe, von Claudius und Hölderlin her kennen: Leben der eigenen Empfindung in Verbindung mit dem eigenen Schicksal, zur Gestalt erhoben und zur Form geprägt.
So haben uns die Sonette schon in das Thema hineingeführt, das uns jetzt zum allerletzten Schluß obliegt: William Shakespeares Persönlichkeit, seine Stellung im Leben. Und ich will von dem letzten Teil der Sonettendichtung, der dem Weibe gilt, das in Shakespeares Leben eine so verhängnisvolle Rolle gespielt hat, von dem Teil, der auch das Endgültige dieses Mannes zur Frage des Lebens, des Leibes, der Seele sagt, nur im Zusammenhang mit seiner persönlichen Existenz sprechen.
Nie mit der geringsten Hinweisung ist in diesen Sonetten von Shakespeares Familie, von seiner Frau, von seinen Kindern die Rede. Sie haben nirgends in seiner Dichtung auch nur das kleinste Plätzchen. Sei auch von ihnen gesagt, was allenfalls zu sagen ist, wenn wir nun vom Schlußteil der Sonette aus den unheimlichen Weg vom Dichter Shakespeare zu William Shakespeare dem Menschen weiterzugehen wagen.