Chapter 6

Huldreichster Fürst,Betrachtet, fleh’ ich, diesen schuld’gen Mann,Als lebte noch mein Bruder. Fast ist mir,Als habe Ehrlichkeit sein Tun gelenkt,Bis er sein Aug’ auf mich warf. Ist dem so,Laßt ihn nicht sterben. Claudio starb nach Recht,Sofern er wirklich tat, wofür er starb.Doch Angelo — —Sein Tun kam nach ja nicht der bösen AbsichtUnd soll begraben sein als bloße Absicht,Die nicht ans Ziel gelangt. Denken ist frei,Und Absicht bloßes Denken.

Huldreichster Fürst,Betrachtet, fleh’ ich, diesen schuld’gen Mann,Als lebte noch mein Bruder. Fast ist mir,Als habe Ehrlichkeit sein Tun gelenkt,Bis er sein Aug’ auf mich warf. Ist dem so,Laßt ihn nicht sterben. Claudio starb nach Recht,Sofern er wirklich tat, wofür er starb.Doch Angelo — —Sein Tun kam nach ja nicht der bösen AbsichtUnd soll begraben sein als bloße Absicht,Die nicht ans Ziel gelangt. Denken ist frei,Und Absicht bloßes Denken.

Huldreichster Fürst,Betrachtet, fleh’ ich, diesen schuld’gen Mann,Als lebte noch mein Bruder. Fast ist mir,Als habe Ehrlichkeit sein Tun gelenkt,Bis er sein Aug’ auf mich warf. Ist dem so,Laßt ihn nicht sterben. Claudio starb nach Recht,Sofern er wirklich tat, wofür er starb.Doch Angelo — —Sein Tun kam nach ja nicht der bösen AbsichtUnd soll begraben sein als bloße Absicht,Die nicht ans Ziel gelangt. Denken ist frei,Und Absicht bloßes Denken.

Huldreichster Fürst,

Betrachtet, fleh’ ich, diesen schuld’gen Mann,

Als lebte noch mein Bruder. Fast ist mir,

Als habe Ehrlichkeit sein Tun gelenkt,

Bis er sein Aug’ auf mich warf. Ist dem so,

Laßt ihn nicht sterben. Claudio starb nach Recht,

Sofern er wirklich tat, wofür er starb.

Doch Angelo — —

Sein Tun kam nach ja nicht der bösen Absicht

Und soll begraben sein als bloße Absicht,

Die nicht ans Ziel gelangt. Denken ist frei,

Und Absicht bloßes Denken.

Wie sieht man da voller Lust, Lust des Herzens wie auch des unbeschwert spielenden, rasch sich bewegenden, Ernstes bedenkenden Geistes: auch die Milde hat ihren scharfen Juristenverstand, — und wer weiß, ob diese Porzia-ähnliche Gestalt, diese Isabella, die vor unsern Augen so gewachsen und gereift und aus klösterlicher Enge zu Menschenweite und freiem Sinn sich erhoben hat, ob sie, die der reifsten Stufe des Dichters zugehört, nicht auch Shylock, dessen Untat ja auch beim Versuch geblieben ist, Gnade, volle erlösende Gnade erwiesen hätte?

Angelo aber, der jetzt zum ersten Mal ganz und fest in seinem Adel steht — wie vielfältig ist der Mensch! und wie groß der Dichter, der uns die wahrhaft wundervolle Geräumigkeit im Schacht des Menscheninnern, die Wirklichkeit der Niedertracht wie der Seelengröße in diesem nämlichen Menschen erleben läßt — Angelo will den Tod erdulden:

Mich schmerzt’s, daß solche Schmerzen ich bereitet,Und Scham durchdringt so tief mein reuig Herz,Daß Tod mir lieber als die Gnade ist.Verdient so hab’ ich’s, laßt’s dabei bewenden.

Mich schmerzt’s, daß solche Schmerzen ich bereitet,Und Scham durchdringt so tief mein reuig Herz,Daß Tod mir lieber als die Gnade ist.Verdient so hab’ ich’s, laßt’s dabei bewenden.

Mich schmerzt’s, daß solche Schmerzen ich bereitet,Und Scham durchdringt so tief mein reuig Herz,Daß Tod mir lieber als die Gnade ist.Verdient so hab’ ich’s, laßt’s dabei bewenden.

Mich schmerzt’s, daß solche Schmerzen ich bereitet,

Und Scham durchdringt so tief mein reuig Herz,

Daß Tod mir lieber als die Gnade ist.

Verdient so hab’ ich’s, laßt’s dabei bewenden.

In diesem Augenblick kommt des Herzogs Ebenbild und Gehilfe aus dem einfachen Volk, der Kerkermeister, und bringt den vielfachen Mörder Bernardin und eine verhüllte Gestalt.

Dem Mörder, der seit neun Jahren in unverwüstlicher Lebenslust im Gefängnis sitzt, wird von diesem Herzog, der immer noch in der Tracht des Mönchs seines Amtes waltet, Leben und Freiheit geschenkt, weil er keine Todesangst und keine Höllenangst kennt:

He, Kerl, man sagt, du trägst ein störrisch Herz,Das Furcht vor nichts hat jenseits dieser Welt,Und lebest demgemäß. Du bist verurteilt,Doch deine Schuld auf Erden sei verziehn.Wend’ aber so die Gnad’ an, daß du denkstAuf bessre Zukunft.

He, Kerl, man sagt, du trägst ein störrisch Herz,Das Furcht vor nichts hat jenseits dieser Welt,Und lebest demgemäß. Du bist verurteilt,Doch deine Schuld auf Erden sei verziehn.Wend’ aber so die Gnad’ an, daß du denkstAuf bessre Zukunft.

He, Kerl, man sagt, du trägst ein störrisch Herz,Das Furcht vor nichts hat jenseits dieser Welt,Und lebest demgemäß. Du bist verurteilt,Doch deine Schuld auf Erden sei verziehn.Wend’ aber so die Gnad’ an, daß du denkstAuf bessre Zukunft.

He, Kerl, man sagt, du trägst ein störrisch Herz,

Das Furcht vor nichts hat jenseits dieser Welt,

Und lebest demgemäß. Du bist verurteilt,

Doch deine Schuld auf Erden sei verziehn.

Wend’ aber so die Gnad’ an, daß du denkst

Auf bessre Zukunft.

For better times to come: der Fürst, der Harun al Raschid, der Geheimnis und Vermummung liebt, der Dichter, der sich in seinen Gestalten und in der schwebenden Rede hold vielsagender, duftig auf alles weisender Allgemeinheit verbirgt, sie überlassen es jedem, was er dabei empfinden und denken will: ein besseres Leben, das dieser der Freiheit wiedergegebene Mordskerl jetzt beginnen soll; bessere Zustände und Einrichtungen zwischen den Menschen; das dunkle Reich jenseits des Todes.

Da steht noch ein Vermummter; er darf nun in die Klarheit treten: Claudio lebt! Und er, der genießende Phantasiemensch, der alle Gräßlichkeiten des Nichtmehrseins und des Jenseits voraus gekostet hat, hat wahrlich genug ausgestanden, um ferner Leben und Gesellschaft ernster zu nehmen als vordem: er bedarf keiner Strafe mehr.

Was für ein Recht übt dieser Herzog, der vom Thron gestiegen war, damit der Statthalter Angelo die Gesetze wieder wirksam machen sollte! Ein Mörder wird völlig begnadigt; ein zu Unrecht dem Henker Gestohlener in die Freiheit geschickt! Und doch atmen wir alle, seit in diesem Reich er wieder die Lenkung hat, frei und beruhigt die Luft der Reinheit und spüren die Zucht und eine Ordnung, die nicht vom auferlegten Zwang, die von innen kommt und ein Band um geprüfte Menschen schlingt.

Angelo ist nun mit dieser Erscheinung das milde Urteil gesprochen: da er kein Mann der Gnade ist und auch gegen sich selbst schließlich keine Gnade noch Barmherzigkeit geübt hat, da er hart und streng auch gegen sich gewesen ist, soll ihm sein Recht, nichts als sein Recht werden: Gleiches mit Gleichem, Maß für Maß: Claudios Schicksal, so war der Rechtsspruch ergangen, solle sein eigenes werden. So darf er leben und mit dem leidenschaftlichen Weib, das beglückt an ihm hängt, so glücklich sein, wie er nach dieser Prüfung, nach diesem Fall, nach dieser Erziehung vermag. Ein Wilder war er in dieser Welt, und seine angeborene Vornehmheit hatte die Verwilderung mit Starrheit und Strenge bändigen wollen; die Wildheit brach eruptiv durch und riß alle Dämme ein; wie wird er nun werden? wie leben? wie wirken? was wird aus seinem System? aus dem Wortgebäude, das er über der dunklen Schlucht des Triebs errichtet hatte? Er spricht von dem Augenblick an, wo in Claudios Gestalt die Gnade erschienen ist, kein Wort mehr. Der alte Angelo ist vernichtet; die Hoffnung meint zu schauen, er stehe in seiner Wiedergeburt.

Und noch ein Menschenkind schweigt: Isabella. Ein wunderbar zarter Zug, von dem man nur ehrfürchtig reden kann, wie Shakespeare Angelo bei der Rettung und Isabella bei dem Anblick des wiedergeschenkten Bruders und bei der Werbung des Herzogs in wortloser Stille verharren läßt. Der Herzog selbst deutet in verehrender Scheu vor ihrer Menschennatur wie dem Schicksal, das er selber gelenkt, nur leise an, daß er sie bittet, die Seine zu werden; wir haben schon lange gefunden, daß die beiden, der Mehralsmönch und die zum Leben des Menschlichen herangereifte Nonne, ein edles Paar bilden und in ihrer Zusammengehörigkeit und Ergänzung, in Klugheit, Innigkeit, Entsagung und Ironie zu Herrschern in einem Reich milder Weltfrömmigkeit berufen sind.

[1]Auf noch eine Verbindung dieses Stückes mit Bacon hinzuweisen will ich nicht unterlassen. Das juridische Grundmotiv sowohl unsres Dramas wie Einzelzüge erinnern in der Tat — man darf sagen, auffallend — an eine Ausführung in Bacons vorzüglichem Essay „Über Rechtsprechung“: „Wenn Strafgesetze lange in Schlaf gelegen haben oder wenn sie für die Gegenwart nicht mehr passen, sollten sie von klugen Richtern in der Anwendung eingeschränkt werden:Judicis officium est, ut res, ita tempora rerumusw. [Des Richters Amt erstreckt sich auf Dinge wie Zeiten der Dinge.] In Fällen, wo es um Leben und Tod geht, sollten die Richter in der Rechtspflege der Gnade gedenken und ein strenges Auge auf das Beispiel werfen, ein gnädiges aber auf die Person.“ Das sind in der Tat Gesichtspunkte, denen wir genau so beim Herzog und bei Isabella begegnen. — Ich für mein Teil erlaube mir daraus gar nichts zu folgern, — so wenig wie aus der Tatsache, daß der Staatsbeamte Lord Bacon von Verulam, Viscount von St. Albans in seiner Person (personaheißt Maske) etliche Ähnlichkeit mit Lord Angelo aufweist. Solche Indizien sind mir noch kein Beweis dafür, daß der gelehrte Whetstone Bacons Schriften verfaßt hat.

[1]Auf noch eine Verbindung dieses Stückes mit Bacon hinzuweisen will ich nicht unterlassen. Das juridische Grundmotiv sowohl unsres Dramas wie Einzelzüge erinnern in der Tat — man darf sagen, auffallend — an eine Ausführung in Bacons vorzüglichem Essay „Über Rechtsprechung“: „Wenn Strafgesetze lange in Schlaf gelegen haben oder wenn sie für die Gegenwart nicht mehr passen, sollten sie von klugen Richtern in der Anwendung eingeschränkt werden:Judicis officium est, ut res, ita tempora rerumusw. [Des Richters Amt erstreckt sich auf Dinge wie Zeiten der Dinge.] In Fällen, wo es um Leben und Tod geht, sollten die Richter in der Rechtspflege der Gnade gedenken und ein strenges Auge auf das Beispiel werfen, ein gnädiges aber auf die Person.“ Das sind in der Tat Gesichtspunkte, denen wir genau so beim Herzog und bei Isabella begegnen. — Ich für mein Teil erlaube mir daraus gar nichts zu folgern, — so wenig wie aus der Tatsache, daß der Staatsbeamte Lord Bacon von Verulam, Viscount von St. Albans in seiner Person (personaheißt Maske) etliche Ähnlichkeit mit Lord Angelo aufweist. Solche Indizien sind mir noch kein Beweis dafür, daß der gelehrte Whetstone Bacons Schriften verfaßt hat.

[1]Auf noch eine Verbindung dieses Stückes mit Bacon hinzuweisen will ich nicht unterlassen. Das juridische Grundmotiv sowohl unsres Dramas wie Einzelzüge erinnern in der Tat — man darf sagen, auffallend — an eine Ausführung in Bacons vorzüglichem Essay „Über Rechtsprechung“: „Wenn Strafgesetze lange in Schlaf gelegen haben oder wenn sie für die Gegenwart nicht mehr passen, sollten sie von klugen Richtern in der Anwendung eingeschränkt werden:Judicis officium est, ut res, ita tempora rerumusw. [Des Richters Amt erstreckt sich auf Dinge wie Zeiten der Dinge.] In Fällen, wo es um Leben und Tod geht, sollten die Richter in der Rechtspflege der Gnade gedenken und ein strenges Auge auf das Beispiel werfen, ein gnädiges aber auf die Person.“ Das sind in der Tat Gesichtspunkte, denen wir genau so beim Herzog und bei Isabella begegnen. — Ich für mein Teil erlaube mir daraus gar nichts zu folgern, — so wenig wie aus der Tatsache, daß der Staatsbeamte Lord Bacon von Verulam, Viscount von St. Albans in seiner Person (personaheißt Maske) etliche Ähnlichkeit mit Lord Angelo aufweist. Solche Indizien sind mir noch kein Beweis dafür, daß der gelehrte Whetstone Bacons Schriften verfaßt hat.


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