Fußnoten:[475]die Witz,fem.wie im Mhd., der Verstand.[476]durch, die Ausgaben haben als Druckfehler: »durch solche«.[477]Oleum Bapolium,Oleum popoleum, Pappelöl, aus den Knospen der Pappel bereitet als schmerzstillendes Mittel.[478]schmirben, mhd.smirwen, schmieren.[479]gerade, gerade gewachsen.[480]verwiesen, wie im Mhd.verwisen, hinausgewiesen, verbannt, heimatlos.[481]in ihre, zu ihrer.[482]Puppaper, niedersächsisch(?) Puppenspieler, der mit Puppen sein Affenspiel treibt.[483]Haftenmacher, der Hefteln und Stecknadeln macht.[484]Spengler, Gürtler, Klempner.
[475]die Witz,fem.wie im Mhd., der Verstand.
[475]die Witz,fem.wie im Mhd., der Verstand.
[476]durch, die Ausgaben haben als Druckfehler: »durch solche«.
[476]durch, die Ausgaben haben als Druckfehler: »durch solche«.
[477]Oleum Bapolium,Oleum popoleum, Pappelöl, aus den Knospen der Pappel bereitet als schmerzstillendes Mittel.
[477]Oleum Bapolium,Oleum popoleum, Pappelöl, aus den Knospen der Pappel bereitet als schmerzstillendes Mittel.
[478]schmirben, mhd.smirwen, schmieren.
[478]schmirben, mhd.smirwen, schmieren.
[479]gerade, gerade gewachsen.
[479]gerade, gerade gewachsen.
[480]verwiesen, wie im Mhd.verwisen, hinausgewiesen, verbannt, heimatlos.
[480]verwiesen, wie im Mhd.verwisen, hinausgewiesen, verbannt, heimatlos.
[481]in ihre, zu ihrer.
[481]in ihre, zu ihrer.
[482]Puppaper, niedersächsisch(?) Puppenspieler, der mit Puppen sein Affenspiel treibt.
[482]Puppaper, niedersächsisch(?) Puppenspieler, der mit Puppen sein Affenspiel treibt.
[483]Haftenmacher, der Hefteln und Stecknadeln macht.
[483]Haftenmacher, der Hefteln und Stecknadeln macht.
[484]Spengler, Gürtler, Klempner.
[484]Spengler, Gürtler, Klempner.
Seines blinden Schwähers, der Schwiegermutter und seines Weibes wird Springinsfeld nacheinander wieder los.
Seines blinden Schwähers, der Schwiegermutter und seines Weibes wird Springinsfeld nacheinander wieder los.
»Wiewol ich dieses Possens halber noch lang hernach grandige[485]Grillen im Capitolio hatte, so war meine Leirerin dannoch so verschmitzt, listig und freundlich, daß sie mir endlich dieselbe nach und nach vertriebe, dann sie sagte, wann mir ja so viel daran gelegen wäre, so wolte sie mir gern vergönnen, ja selbst die Anstalt darzu machen, daß mir anderwärts eine Jungfrauschaft gleichsam wie im Raub zu theil werden müste; aber das junge Rabenaas übertrieb[486]und hielte mich so streng, daß ich anderer wol vergaß. Und eben diese ists, die mich gelernet hat, kein Tuch mehr zu einem Weib vor mich zu kaufen, wann gleich alle Tag Jahrmarkt wäre. Sie brachte es endlich auch dahin, daß ich beinahe der Knecht, sie und ihre Eltern aber die Herren über mich waren, unangesehen ich so viel mit meiner Geigen, dem Taschenspiel und anderer Kurzweil zuwegen brachte, daß ich ein fettes Maulfutter und faule Täge ohne sie hätte haben mögen. Ueberdas plagte mich die Eifersucht auch nicht wenig, weil ich vielmal mit meinen Augen sehen muste, daß sie sich viel ausgelassener und geiler gegen den Kerlen heraus ließe, als die Ehrbarkeit einerfrommen Leirerin zuließe. Daß ich aber solches alles erduldete und mich endlich ganz und gar drein ergeben konte, war die Ursach, daß ich meinem Alter nicht trauete, besorgende, dessen herannahende Gebrechlichkeit möchte mich etwan in eine Krankheit werfen, in deren ich alsdann von aller Welt verlassen sein würde, wann ich diß mein ehrlich Weib und ihre ehrbare Freundschaft vorn Kopf stieße, welche gleichwol bei 300 Reichsthalern, das ich nur wuste, in Geld beisammen hatten, solches auf dergleichen Nothfall anzuwenden. Ja, was mehr ist, ich ließe endlich mein Weib als ein junges geiles Ding grasen gehen, wo es wolte, weil ich selbst nit viel mehr möchte, und machte mir hingegen die faule Täg mit Essen und Trinken zu nutz. Endlich verhartet ich in diesem Spenglerleben[487], darin wir gar verträulich mit einander zu hausen anfiengen, daß ich zuletzt keiner Ehrbarkeit mehr achtete.«
»Indessen haben wir Unter- und Oberösterreich, das Ländlin der Ens, das Erzbisthum Salzburg und ein gut Theil von Baiern durchstrichen, alwo mir mein Schwähervatter an einem Schlagfluß erstickt. Die Mutter folgt ihm hernach und ließe uns fünf ellende Krüppel zu versorgen. Der älteste Sohn wolte Herr vor sich selbst sein und das Almosen allein suchen; das ließen ich und mein Weib gern geschehen. Zu den übrigen vieren aber hatten wir zweinzig Meister vor einen; es waren aber nur starke Bettlerinnen, die solche zu sich nahmen, das Almosen mit ihrer Armseligkeit einzutreiben. Wir ließen sie ihnen auch gern folgen, weil wir bedacht waren, unser Nahrung nicht mehr unter dem Schein ellender Bettler, sonder durch unser Saitenspiel zu gewinnen, welches reputierlicher zu sein schiene und meinem Weib, wie ich darvor halte, auch besser zuschlug.«
»Derowegen ließe ich mich und sie ein wenig besser kleiden, nämlich auf die Mode, wie Leirergesindel aufzuziehen pflegt; auch bekam ich zu meiner Gaukeltaschen etliche Puppen, damit ich hin und wieder den Bauren ums Geld ein angenehme Kurzweil machte, dann wir fiengen an und zohen nur den Jahrmärkten und Kirchweihen nach, welches unser Geld nach und nach ziemlich vermehrte. Wir saßen einsmals bei einanderim Schatten an einem lustigen Gestad eines stillen vorüberfließenden Wassers, nicht nur zu ruhen, sonder auch zu essen und zu trinken, was wir mit uns trugen. Da machten wir Anschläg, wie wir auch einen Puppaperkram mit einem Glückhafen, Trillstern[488], Würfel- und Riemenspiel[489]aufrichten wolten, um unsern Gewinn damit zu vermehren, dann wir hielten darvor, wann eins nit abgieng[490], so gieng doch das ander. Unter solchem Gespräch sahe ich an dem Schatten oder Gegenschein eines Baums im Wasser etwas auf der Zwickgabel[491]liegen, das ich gleichwol auf dem Baum selbst nicht sehen konte. Solches wiese ich meinem Weib wunderswegen. Als sie solches betrachtet und die Zwickgabel gemerkt, worauf solches lag, klettert sie auf den Baum und holet herunter, was wir im Wasser gesehen hatten. Ich sahe ihr gar eben zu und wurde gewahr, daß sie in demselben Augenblick verschwand, als sie das Ding, dessen Schatten wir im Wasser gesehen, in die Hand genommen hatte. Doch sahe ich noch wol ihre Gestalt im Wasser, wie sie nämlich den Baum wieder herunter kletterte und ein kleines Vogelnest in der Hand hielte, das sie vom Baum herunter genommen hatte. Ich fragte sie, was sie für ein Vogelnest hätte. Sie hingegen fragte mich, ob ich sie dann sehe. Ich antwortet: Auf dem Baum sehe ich dich selbst nicht, aber wol deine Gestalt im Wasser.«
»Es ist gut, sagte sie, wann ich hinunter komm, so wirstu sehen, was ich habe.«
»Es kam mir gar verwunderlich vor, daß ich mein Weib solte reden hören, die ich doch nicht sahe, und noch seltzamer wars, daß ich ihren Schatten an der Sonnen wandlen sahe und sie selbst nicht. Und da sie sich besser zu mir in den Schatten näherte, so daß sie selbst keinen Schatten mehr warf, weil sie sich nunmehr außerhalb dem Sonnenschein im Schatten befand, konte ich gar nichts mehr von ihr merken, außer daß ich ein kleines Geräusch vernahm, das sie beides mit ihren Fußtritten und ihrer Kleidung machte, welches mir vorkam, als wann ein Gespenst um mich herummer gewesen wäre. Sie setzte sich zu mir und gab mir das Nest in die Hand.Sobald ich dasselbige empfangen, sahe ich sie wiederum, hingegen aber sie mich nicht. Solches probierten wir oft mit einander und befanden jedesmal, daß dasjenige, so das Nest in Händen hatte, ganz unsichtbar war. Darauf wickelt sie das Nestlein in ein Nastüchel, damit der Stein oder das Kraut oder Wurzel, welches sich im Nest befande und solche Würkung an sich hatt, nicht heraus fallen solte und etwan verloren würde, und nachdem sie solches neben sich gelegt, sahen wir einander wiederum wie zuvor, ehe sie auf den Baum gestiegen. Das Nestnastüchel sahen wir nit, konten es aber an demjenigen Ort wol fühlen, wohin sie es gelegt hatte.«
»Ich muste mich über diese Sach, wie leicht zu gedenken, nicht wenig verwundern, als warvon ich mein Lebtage niemalen nichts gesehen noch gehöret. Hingegen erzählte mir mein Weib, ihre Eltern hätten vielmal von einem Kerl gesagt, der ein solches Nest gehabt und sich durch dessen Kraft und Würkung ganz reich gemacht hätte; er wäre nämlich an Ort und Ende hingangen, da viel Geld und Guts gelegen, das hätte er unsichtbarer Weis hinweg geholet und ihm dardurch einen großen Schatz gesamlet; wann ich derowegen wolte, so könte ich durch diß Kleinod unserer Armuth auch zu Hülf kommen. Ich antwortet: Diß Ding ist mislich und gefährlich, und möchte sich leicht schicken, daß sich irgends einer fände, der mehr als andere Leut sehen könte, durch welchen alsdann einer ertappt und endlich an seinen allerbesten Hals aufgehenkt werden möchte. Ehe ich mich in eine solche Gefahr begeben und allererst in meinen alten Tagen wiederum aufs Stehlen legen wolte, so wolte ich ehender das Nest verbrennen.«
»Sobald ich diß gesagt und mein Weib solches gehöret hatte, erwischte sie das Nest, gieng etwas von mir und sagte: Du albere alte Hundsfutt, du bist weder meiner noch dieses Kleinods werth, und es wäre auch immer schad, wann du anderster als in Armuth und Bettelei dein Leben zubringen soltest. Gedenke nur nicht, daß du mich die Tage deines Lebens mehr sehen, noch dessen, was mir diß Nest eintragen wird, genießen sollest.«
»Ich hingegen bat sie, wiewol ich sie nit sahe, sie wolte sich doch in keine Gefahr gehen, sonder sich mit deme genügen lassen, was wir täglich vermittelst unsers Saitenspiels von ehrlichen Leuten erhielten, dabei wir gleichwol keinen Hungerleiden dörften. Sie antwortet: Ja, ja, du alter Hosenscheißer, gehei dich[492]nur hin, und brühe[493]deine Mutter! &c.«
Fußnoten:[485]grandig, heftig, außerordentlich.[486]übertreiben, übermäßig in Anspruch nehmen.[487]Spenglerleben, ein faules Vagabundenleben, wie es die bettelhaften Spengler führen. Vgl. Spengler, schwäbisch, soviel wie träges Gähnen.[488]Trillstern, Drehscheibe, eine Art Roulette.[489]Riemenspiel,Riemenstechen, ein derartig künstlich zusammengerollter Riemen, daß jemand, der hindurchstechen will, stets vorbeisticht.[490]abgehen, einschlagen, gelingen.[491]Zwickgabel, gabelförmiger Zweig.[492]sich geheien, sich quälen, sich abmühen, dann auch in der Bedeutung: sich packen.[493]brühen, necken, foppen.
[485]grandig, heftig, außerordentlich.
[485]grandig, heftig, außerordentlich.
[486]übertreiben, übermäßig in Anspruch nehmen.
[486]übertreiben, übermäßig in Anspruch nehmen.
[487]Spenglerleben, ein faules Vagabundenleben, wie es die bettelhaften Spengler führen. Vgl. Spengler, schwäbisch, soviel wie träges Gähnen.
[487]Spenglerleben, ein faules Vagabundenleben, wie es die bettelhaften Spengler führen. Vgl. Spengler, schwäbisch, soviel wie träges Gähnen.
[488]Trillstern, Drehscheibe, eine Art Roulette.
[488]Trillstern, Drehscheibe, eine Art Roulette.
[489]Riemenspiel,Riemenstechen, ein derartig künstlich zusammengerollter Riemen, daß jemand, der hindurchstechen will, stets vorbeisticht.
[489]Riemenspiel,Riemenstechen, ein derartig künstlich zusammengerollter Riemen, daß jemand, der hindurchstechen will, stets vorbeisticht.
[490]abgehen, einschlagen, gelingen.
[490]abgehen, einschlagen, gelingen.
[491]Zwickgabel, gabelförmiger Zweig.
[491]Zwickgabel, gabelförmiger Zweig.
[492]sich geheien, sich quälen, sich abmühen, dann auch in der Bedeutung: sich packen.
[492]sich geheien, sich quälen, sich abmühen, dann auch in der Bedeutung: sich packen.
[493]brühen, necken, foppen.
[493]brühen, necken, foppen.
Was die Leirerin vor lustige Diebsgriff und an anderen Possen angestellt, wie sie ein unsichtbarer Poltergeist, ihr Mann aber wieder ein Soldat gegen dem Türken wird.
Was die Leirerin vor lustige Diebsgriff und an anderen Possen angestellt, wie sie ein unsichtbarer Poltergeist, ihr Mann aber wieder ein Soldat gegen dem Türken wird.
»Als ich nun mein leichtfertig Weib weder mehr hören noch sehen konte, schrie ich ihr gleichwol nach, sie solt ihren Bündl oder Pack auch mitnehmen, welchen sie bei mir liegen lassen; dann ich wuste wol, daß sie kein Geld darinnen, sonder unser Baarschaft in ihrer Brust vernähet hatte. Demnach gieng ich den nächsten Weg gegen der Hauptstadt desselbigen Landes, und wiewol ihr Nam fast geistlich[494]tönet, so gieng ich doch hinein, meine Nahrung mit dem Ton meiner weltlichen Schalmei und Geigen darin zu suchen.«
»Damals fanden sich venetianische Werber daselbsten, welche mich dingten, daß ich ihnen mit meinem Saitenspiel und anderen kurzweilig und verwunderlichen Gaukelpossen einen Zulauf machen solte. Sie gaben mir neben Essen und Trinken alle Tag einen halben Reichsthaler, und da sie sahen, daß ich ihnen besser zuschlug als sonst drei Spielleut oder einige andere Lockvögel, die sie auf ihren Herd hätten wünschen mögen, andere zu fangen, überredeten sie mich, daß ich Geld nahm und mich stellete, als wann ich mich auch hätte unterhalten lassen. Und dieses machte, daß ich ihrer noch viel, die sonst nicht angangen wären, durch mein Zusprechen in ihre Kriegsdienste verstrickte. Unser Thun und Lassen war nichts anders als Fressen, Saufen, Tanzen, Singen, Springen und sich sonst lustig zu machen, wie es dann pflegt herzugehen, wo man Volk annimt. Aber dieses Henkermal bekam uns hernach in Candia wie dem Hund das Gras, der wol büßet, was er gefressen.«
»Als ich einsmals ganz allein auf dem Platz daselbsten stund, das schöne Bild auf der Säulen[495]allda betrachtete und sonsthin nirgends gedachte, wurde ich gewahr, daß mir etwas Schweres in Hosensack hinunter rollete, welches ein Gerappel machte, daß ich daraus wol hören konte, daß es Reichsthaler waren. Da ich nun die Hand in Sack steckte und ein Handvoll Thaler griffe, höret ich zugleich meines Weibs Stimm, die sagte zu mir: Du alter Hosenscheißer, was verwunderst du dich über diß paar Dutzet Thaler? Ich gib sie dir, damit du wissest, daß ich deren noch mehr habe, auf daß du dich zu grämen Ursach habest, um willen du dich meines Glücks nicht theilhaftig gemacht. Vor dißmal gehe hin und versaufe diese, auf daß du deines Ellends ein wenig vergessen mögest!«
»Ich sagte, sie solte doch mehr mit mir reden, mir meinen Fehler vergeben und Reguln vorschreiben, wie ich mich gegen ihr verhalten und die Versöhnung wieder erlangen solte; aber sie ließe sich gegen mir ferners weder hören noch sehen. Derowegen gieng ich in meine Herberg und zechte beides mit den Werbern und ihren Neugeworbenen im Brantwein biß in den Mittag hinein, bei welchem Imbis wir von unserem Wirth Zeitung bekamen, daß einem reichen Herrn in der Stadt viel Gold und Silber von Geld und Kleinodien ausgefischt worden wären, darunter sich tausend Reichsthaler und tausend doppelte Ducaten eines Schlags befanden. Ich spitzte die Ohren gewaltig, nahm ein Abtrittel aufs Secret, als hätte ich sonst was thun wollen, beschaute aber nur meine Thaler, deren 30 waren, und sahe ihnen an, daß mein ehelichs Weib obbemeldten reichen Zug gethan; sahe mich derowegen wol vor, damit ich keinen darvon ausgabe und mich nicht etwan selbst dardurch in Argwohn, Gefahr und Noth brächte. Aber was that mein Weib, das junge Rabenaas? Sie hat nicht nur mir, sonder bei hundert Personen unterschiedlichen Stands von ihren gestohlenen Thalern hin und wieder dem einen drei, dem andern vier, fünf, sechs, auch mehr in die Säcke gesteckt. Was nun reich, ehrlich und fromm war, das brachte das Geld seinem rechten Herrn wieder; was aber arm, gewissenlos und meines gleichen gewesen, hat ohne Zweifel sowol als ich behalten, wases in seinem Sack gefunden. Und ich kan nit ersinnen, warum sie diß gethan haben muß, es habe sich dann diese Vettel mit so schwerem Geld nicht schleppen mögen. Doch kan auch wol sein, daß sie solches per Spaß gethan, um etwas anzustellen, darüber sich die Leute zu verwundern hätten; dann als es gegen Abend kam, da das Volk aus der Salve[496]gieng und hin und wieder auf dem Platz stunde, seind bei zweihundert derselbigen Thaler von oben herunter geworfen, von den Leuten aufgelesen und mehrentheils ihrem Herrn zugestellt worden. Dieses verursachte, daß des Herrn unschuldig Gesind, welches Diebstahls halber im Verdacht und deswegen befängnußt war, wiederum auf freien Fuß gestellt wurde; und hoffte der bestohlene Herr, seine doppelte Ducaten würden auch wie die Thaler wieder hervorkommen; aber es geschahe nicht, dann das holde Gold ist viel schwerer als das Silber, und Sol[497]ist nicht so beweglich oder leichtveränderlich wie Luna.«
»Den andern Tag wurde bei einem großen Herrn ein stattlich Banquet gehalten, darbei sich viel andere große Herren und ansehenlich Frauenzimmer befanden. Diese saßen alle in einem schönen großen Saal und hatten die vier beste Spielleut in der ganzen Stadt bei sich. Da es nun bei dem Confect auch an einen Tanz gehen solte, ließe sich unversehens bei den Spielleuten auch eine Leir hören, mit großem Schrecken aller deren, die im Saal waren. Die erste, die ausrissen, waren die Spielleut selbst, als welche das Geschnarr zunächst bei ihnen gehöret und doch niemand gesehen hatten. Ihnen folgten die übrige mit großer Forcht, und ihr Gedräng wurde desto heftiger, weil sie in dem Winkel, darin die Spielleute gesessen, ein gählings Gelächter noch mehrers erschreckte, also daß wenig gefehlet, daß nicht etliche unter der Thüren erdruckt wären worden. Nachdem nun jedermänniglich den Saal erzähltermaßen geraumt hatte, sahen etliche, so vor der Thür stehen zu bleiben und von fernen in Saal zu schauen das Herz behalten, wie bißweilen ein paar Sessel, bißweilen ein paar silberner Tischbecher, Platten und ander Geschirr mit einander herum tanzten; und obgleich diß Spiegelgefecht zeitlich ein End nahm, so hatte jedoch noch lang niemand das Herz, in den Saal zu gehen, unangesehen man Geistliche und Soldaten geholet, dasGespenst entweder mit Gebet oder mit Waffen abzutreiben; den Morgen frühe aber, als man wieder in den Saal kam, und nicht ein einziger Leffel, geschweige etwas anders von Silbergeschirr nicht mangelte, ohnangesehen die ganze Tafel damit überstellet war, stärkte diese Begebenheit den Wahn des gemeinen unbesonnenen Pöfels dergestalten, daß diejenige lucke[498]Klügling, die gestern wegen der seltzamen Geschicht mit dem gestohlnen Geld gesagt hatten: So recht! so muß der Hagel in die größte Häufen schlagen, damit das Geld auch wieder unter den gemeinen Mann komme! anjetzo sich nicht scheueten, zu lästern und zu sagen: Also muß der Teufel einen Spielmann abgeben, wo man der Armen Schweiß verschwendet.«
»Noch eins muß ich erzählen, das meine andere und viel ärgere Courage als die erste Unholde meines Darvorhaltens aus lauter Rach angestellt. Sie hatte kurz zuvor einer Abtissin auf einem großen und reichen Stift zu Gefallen ihre Leir gestimmt, um derselben ein Liedlein, und zwar ein geistlichs, aufzuspielen, der Hoffnung, etwan einen halben oder ganzen Creutzer zur Verehrung zu erhalten; aber an Statt daß diese hören und ihre milde Hand aufthun solte, thät sie etwas zu streng und scharf den Mund auf und ließe hingegen mein guts Weibchen eine Predigt hören, die ihr eben so verdrüßlich als unverdaulich fiele; dann sie war eines solchen Inhalts, damit man die allerleichtfertigste Weibspersonen zu erschrecken und zur Besserung ihres Lebens zu zwingen und anzufrischen pfleget. Ach, die gute Abtissin mags wol gut gemeinet und ihr etwan eingebildet haben, sie hätte irgends eine Laienschwester zu capiteln vor sich! Ach nein, sie hatte ein ander Daus-Es[499], eine Schlang oder wol gar einen halben Teufel, deren Zung ich öfters schärpfer als ein zweischneidig Schwerd befunden habe.«
»Potz Herget, Gnad Frau, sehet ihr mich dann vor eine Hur an? antwortet sie ihr; ihr müst wissen, daß ich meinen ehrlichen Mann habe, und daß wir nicht all Nonnen oder reich sein oder unser Brod bei guten faulen Tägen essen können Hat euch Gott mehr als mich beseligt, so dankt ihm darum, und wolt ihr mir seinetwillen kein Almosen geben, so laßt mich im übrigen auch ungestiegelfritzt![500]Wer weiß, wann vielleichtnicht so viel Almosen gegeben worden wären, ob nicht mehr Leirerinn als Nonnen gefunden würden &c.«
»Mit solchen und mehr Worten schnurret sie damals darvon. Jetzunder aber hatte man auf dem Land und in der Stadt von sonst nichts zu sagen als von der Abtissin und einem Poltergeist, der sie so Tags so Nachts unaufhörlich plage, welches sonst niemand als mein Weib war. Das Erste, das sie ihr that, war, daß sie ihr die Ring des Nachts von den Fingern und die Kleider vom Bett hinweg nahm und solches in die Pfisterei[501]trug. Dem Becken[502]steckte sie die Ring an seinen Finger und legte der gnädigen Frauen Habit zu dessen Füßen, ohne daß sie dieselbe Nacht jemand gehöret oder gemerkt hätte. Und solches hat sie ohn Zweifel durch den Hauptschlüssel zuwege gebracht, den sie beim Kopf kriegt, weil er ungefähr um dieselbe Zeit verloren worden. Was nun hierdurch gleich in der Erste der guten Abtissin vor ein Verdacht zugewachsen, kan man leicht erachten. Man redete noch von vielen Sachen, damit sich das Gespenst mit der Abtissin vexirt, worwider weder Weihwasser, Agnus Dei[503]noch andere Sachen nichts helfen wolten, darvon man aber die Wahrheit außerhalb dem Kloster nicht wol erfahren konte.«
»Indessen hatten meine Werber die Anzahl ihrer Mannschaft zusammen gebracht, und indem ich vermeinte, ich dörfte zuruck bleiben, sihe, da befand sich der Betrieger selbst betrogen, und muste der gute Springinsfeld eben sowol als die andere um die Candische Gruben springen, die er andern durch sein Zusprechen gegraben hatte, doch daß ich die Stell eines Corporals zu Fuß bedienen solte.«
Fußnoten:[494]fast geistlich: München.[495]Das Bild auf der Säulen, die Marianische Säule auf dem Schrannenplatz, von Kurfürst MaximilianI.zum Gedächtniß der Prager Schlacht 1638 errichtet.[496]Salve(regina), Gesang am Schluß des Abendgottesdienstes.[497]Sol, die Sonne,Luna, der Mond, als Zeichen der edeln Metalle.[498]luck,lucker, locker.[499]Daus-Es.Siehe oben S. 24.[500]ungestiegelfritzt, wie ungestriegelt.[501]Pfisterei, Klosterbäckerei (pistorium).[502]Beck, Bäcker.[503]Agnus Dei, Gotteslamm, ein Medaillon von Wachs, dem das Lamm mit der Siegesfahne aufgedrückt ist, von einem Papste geweiht und deshalb natürlich wunderthätig.
[494]fast geistlich: München.
[494]fast geistlich: München.
[495]Das Bild auf der Säulen, die Marianische Säule auf dem Schrannenplatz, von Kurfürst MaximilianI.zum Gedächtniß der Prager Schlacht 1638 errichtet.
[495]Das Bild auf der Säulen, die Marianische Säule auf dem Schrannenplatz, von Kurfürst MaximilianI.zum Gedächtniß der Prager Schlacht 1638 errichtet.
[496]Salve(regina), Gesang am Schluß des Abendgottesdienstes.
[496]Salve(regina), Gesang am Schluß des Abendgottesdienstes.
[497]Sol, die Sonne,Luna, der Mond, als Zeichen der edeln Metalle.
[497]Sol, die Sonne,Luna, der Mond, als Zeichen der edeln Metalle.
[498]luck,lucker, locker.
[498]luck,lucker, locker.
[499]Daus-Es.Siehe oben S. 24.
[499]Daus-Es.Siehe oben S. 24.
[500]ungestiegelfritzt, wie ungestriegelt.
[500]ungestiegelfritzt, wie ungestriegelt.
[501]Pfisterei, Klosterbäckerei (pistorium).
[501]Pfisterei, Klosterbäckerei (pistorium).
[502]Beck, Bäcker.
[502]Beck, Bäcker.
[503]Agnus Dei, Gotteslamm, ein Medaillon von Wachs, dem das Lamm mit der Siegesfahne aufgedrückt ist, von einem Papste geweiht und deshalb natürlich wunderthätig.
[503]Agnus Dei, Gotteslamm, ein Medaillon von Wachs, dem das Lamm mit der Siegesfahne aufgedrückt ist, von einem Papste geweiht und deshalb natürlich wunderthätig.
Was und wie Springinsfeld in Candia kriegt, auch wie er wieder in Teutschland kam.
Was und wie Springinsfeld in Candia kriegt, auch wie er wieder in Teutschland kam.
»Also nahmen wir, die wir unser Leben verkauft hatten und dannoch zu Erhaltung desselbigen ritterlich zu fechten gedachten,unsern Weg über den Zirlberg[504]auf Inspruck, folgends über den Brenner auf Trient und dann ferners nach Treviso, alwo wir alle ganz neu gekleidet und von dannen vollends nach Venedig geschickt, daselbst armirt und, nachdem wir ein paar Tag ausgeruhet, zu Schiff gebracht und nach Candia geführt wurden; in welchem ellendem Anblick[505]wir auch glücklich anlangten. Man ließe uns nicht lang feiren oder viel Schimmel unter den Füßen wachsen, dann gleich den andern Tag fielen wir aus und wiesen, was wir konten oder vermochten, unseren armseligen Steinhaufen beschützen zu helfen. Und dasselbe erste mal glückte es mir selbsten so wol, daß ich drei Türken mit meiner halben Pique spießte, welches mich so leicht und gering ankame, daß ich mir noch bis auf diese Stund einbilden muß, die armen Schelmen seien alle drei krank gewesen. Aber Beute zu machen, war ferne von mir, weil wir sich gleich wieder heim retiriren musten. Den andern Tag gieng es noch toller her, und ich brachte auch zween Männer mehr als den vorigen um, doch solche Tropfen, von welchen ich nicht glaubte, daß sie alle fünfe ein einzige Ducat vermöcht haben; dann mich dunkte, sie seien solche Gesellen gewesen, dergleichen es oft bei uns auch geben hat, die nämlich mit Darsetzung ihres Lebens die, so Thaler hatten, beschützen, bewachen und noch darzu mit ihren arbeitsamen Händen und ritterlichen Fäusten die Ehr der erhaltenen Ueberwindung erobern und ihnen noch drüberhin beides die Ehr, die Beut und die Belohnung darvon überlassen musten; dann mir wurden niemal kein Beg oder Beglerbeg[506], viel weniger gar ein Bassa[507]unter denjenigen zu sehen, die vorhanden waren, ihr Blut an das christliche zu setzen. Doch mag wol sein, daß der Antreiber hinter den Troupen von solchem Stoff mehr gewesen seien als der Anführer vornen an der Spitzen.«
»Solche Art zu kriegen machte mich unwillig und verursachte, daß ich mitten in Candia der Schweden erkantliche[508]Manier loben muste, die ihre ohnedle[509]Soldaten, sie wären gleich fremder oder heimischer Nation gewesen, höcher als ihre edle und doch ohnkriegbare Landsleut ästimirt; wannenhero siedann auch so großes Glück gehabt haben. Doch ließe ich mich ein als den andern Weg zu allem demjenigen gebrauchen, was einem redlichen Soldaten zustehet. Ich folgte auf der Erden wie ein ehrlicher Landsknecht, und unter derselbigen beflisse ich mich, auch die Künste der Maulwürfe zu übertreffen, und erwarbe doch nichts anders darmit als bißweilen eine geringe Verehrung. Und als kaum der zehende Mann von denen mehr lebte, die mit mir aus Teutschland kommen waren, wurde der ellende Springinsfeld über den noch ellenderen Rest seiner kranken Cameraden zu einem Sergiant gemacht, gleichsam als wann sein abgematter Leib und achzender Geist hierdurch wieder in die vorige Kräfte und Courage hätte gesetzt werden können.«
»Hierdurch nun bekame ich Ursach, mich noch besser abzumerglen. Ich half die noch wenig übrige Roß fressen und verrichtet hingegen selbst größere als Roßarbeit. Indem mich nun in solchem Zustand kein feindlicher Musquetenschuß fällen oder ein türkischer Säbel verwunden konte, sihe, so schlug mir ein Stein aus einer springenden Minen so unbarmherzig an meinen einen Fuß, daß mir das Gebein in den Waden wie Sägmehl darvon zermalmet wurde und man mir den Schenkel alsobalden biß über das Knie hinweg nehmen muste. Aber diß Unglück kam nicht allein, dann als ich dort lag als ein soldatischer Patient, mich an meinem Schaden curirn zu lassen, bekam ich noch darzu die rothe Ruhr mit einem großen Hauptwehe, warvon mir der Kopf eben so sehr mit Fabeln[510], als mein Liegerstatt mit Unlust[511]erfüllt wurde.«
»Nichts gesünder war mir damals, als daß mir Hoch und Nieder Zeugnus gab, ich wäre ein Ausbund von einem guten Soldaten gewesen; dann auf solches Lob wurden auch andere Medicamenten nicht gesparet, wiewol die Venetianer ihre Soldaten so wol als ihre Besem pflegen hinzuwerfen, wann sie solche ausgebraucht haben. Aber ich genosse[512]auch anderer ehrlicher Kerl, die noch lebten und das Ihrig thäten, damit sie kein Exempel hätten, das sie träg und verdrossen machen möchte. Als nun solche auch so dünn wurden, daß wir auf die Letzte kaum einen oder zween, die ihr völlige Gesundheit entweder bißhero erhalten oder doch wieder erholet hatten, auf die Posten thun konten, sihe, da wurde es unversehens Friede, als wirbeinahe in letzten Zügen lagen. Nach unserer Abführung, und nachdem ich viel Ungelegenheit auf dem Meer ausgestanden, langten wir endlich zu Venedig wieder an. Viel von uns und unter denselben ich auch, die da verhofft hatten, dorten mit Lorberkränzen bekrönet und mit Gold überschüttet zu werden, wurden in das Lazareth daselbst logirt, alwo ich mich behelfen muste, biß ich gleichwol wieder heil wurde und auf meinem hölzernen Bein herummer stelzen konte.«
»Folgends bekam ich meinen ehrlichen Abschied und etwas wenigs an Geld, dann ich wurde nit so wol bezahlt, als wann ich den redlichen Holländern in Ostindia gedient gehabt hätte. Hingegen wurde mir zugelassen, daß ich von ehrlichen Leuten eine Steuer zur Wegzehrung bettlen dorfte, und dergestalt completiret ich die Zahl meiner Ducaten, die ich noch habe, weil mir mancher Signor und manche andächtige Matron vor den Kirchen ziemlich reichlich mittheilten. Ich bedorfte vor keinen Soldaten aus Candia zu bettlen, dann man kante uns ohne das, sintemal wir fast alle, was übrig verblieben von uns, unsere Haar verloren hatten, sehr mager und ausgehungert und so schwarz aussahen wie die allerschwärzste Zigeuner. Weilen mir dann nun das Bettlen so wol zuschlug, trieb ichs fort, biß ich von Venedig wieder in Teutschland ankam, der Hoffnung, mein Weib wiederum anzutreffen und sie damit zu freuen[513], daß ich das Handwerk so wol gelernet und auch einen guten Werkzeug darzu, nämlich meinen Stelzfuß mitbrächte; dann ich gedachte: diß Ding kan ihr nicht übel gefallen, weil sie selbst aus dem vornehmlichsten Stammen der Erzbettler entsprossen.«
Fußnoten:[504]Zirlberg, Tirol, im Oberinnthal, mit der steilen Martinswand.[505]derellende Anblick, bezieht sich auf den »armseligen Steinhaufen«.[506]Beg,Bei, Herr, Titel höherer Beamten und vornehmer Fremden;Beglerbeg,Beilerbei, Titel der Statthalter, welche sich drei Roßschweife vortragen lassen.[507]Bassa, Pascha.[508]erkantlich, erkenntlich, dankbar für geleistete Dienste.[509]ohnedel, unadelich.[510]Fabeln, Fieberphantasien.[511]Unlust, Schmuz.[512]genießen,cum genet. pers., von jemand Hülfe erhalten.[513]freuen,trans.wie im Mhd., erfreuen.
[504]Zirlberg, Tirol, im Oberinnthal, mit der steilen Martinswand.
[504]Zirlberg, Tirol, im Oberinnthal, mit der steilen Martinswand.
[505]derellende Anblick, bezieht sich auf den »armseligen Steinhaufen«.
[505]derellende Anblick, bezieht sich auf den »armseligen Steinhaufen«.
[506]Beg,Bei, Herr, Titel höherer Beamten und vornehmer Fremden;Beglerbeg,Beilerbei, Titel der Statthalter, welche sich drei Roßschweife vortragen lassen.
[506]Beg,Bei, Herr, Titel höherer Beamten und vornehmer Fremden;Beglerbeg,Beilerbei, Titel der Statthalter, welche sich drei Roßschweife vortragen lassen.
[507]Bassa, Pascha.
[507]Bassa, Pascha.
[508]erkantlich, erkenntlich, dankbar für geleistete Dienste.
[508]erkantlich, erkenntlich, dankbar für geleistete Dienste.
[509]ohnedel, unadelich.
[509]ohnedel, unadelich.
[510]Fabeln, Fieberphantasien.
[510]Fabeln, Fieberphantasien.
[511]Unlust, Schmuz.
[511]Unlust, Schmuz.
[512]genießen,cum genet. pers., von jemand Hülfe erhalten.
[512]genießen,cum genet. pers., von jemand Hülfe erhalten.
[513]freuen,trans.wie im Mhd., erfreuen.
[513]freuen,trans.wie im Mhd., erfreuen.
Was die Leirerin weiters vor Possen angestellt, und wie sie endlich ihren Lohn bekommen habe.
Was die Leirerin weiters vor Possen angestellt, und wie sie endlich ihren Lohn bekommen habe.
»Damit ich dann solches mein liebs Weibchen desto ehender wieder antreffen möchte, so gesellete ich mich zu allerhand Störern[514], Landläufern und solchen Leuten, bei welcher Gattungsie die meiste Zeit ihres Lebens zugebracht. Bei denselben fragte ich fleißig nach, konte aber weder Stumpf noch Stiel von ihr erfahren. Endlich kam ich auch in diejenige Stadt, darinnen ich etwan hiebevor in die venetianische Kriegsdienste kommen; daselbst gab ich mich meinem Wirth zu erkennen und erzählte ihm, wie mirs seithero in Candia gangen, der mir dann als ein guter alter Teutscher und zeitungsbegieriger Mann gar andächtig zuhörete. Und als ich hingegen auch fragte, was sich seithero meiner Abwesenheit Guts bei ihnen zugetragen, kam er unter andern auch auf das Gespenst, das hiebevor die Abtisse so visierlich[515]geplagt und vexirt, welches aber nunmehr wieder allerdings aufgehört hätte, also daß man darvor halte, dasselbe Gespenst sei eben dasjenige wunderbarliche Weibsbilde gewesen, deren Körper neulich ohnweit von hinnen verbrant worden wäre. Weilen dann nun diß eben dasjenig war, was ich zu wissen verlangte, so spitzte ich nit allein die Ohren, sonder bat auch, er wolte mir doch die Histori ohnschwer[516]erzählen.«
»Darauf fuhre der Wirth in seiner Rede fort und sagte: Eben damals, als die Abtissin von dem Gespenst so gequält und allerdings in einen Argwohn gebracht wurde, als buhle sie mit ihrem Pistor[517], trugen sich andere dergleichen Possen mehr beides hier in der Stadt und auf dem Lande zu, also daß theils Leute vermeinten, es wäre dem Teufel selbst verhängt[518]worden, diese Gegend zu plagen. Theils kamen die Speisen vom Feur, anderen ihre Geschirr voll Wein oder Bier, dem dritten sein Geld, dem vierten seine Kleider, ja sogar etlichen die Ringe von den Fingern hinweg, welche Sachen man hernach doch anderwärts in andern Häusern und auch bei andern Personen ohne ihr Wissen, daß sie es hatten, wieder mehrentheils gefunden, woraus jeder Verständiger leicht schlosse, daß der ehrlichen Abtisse auch Unrecht geschehen wäre. Dann das war folgender Zeit gar nichts Neues mehr, daß einer der andern Person nächtlicher Zeit die Kleider hinweg genommen und andere darvor hingelegt worden, ohne daß man wissen konte, wie solches zugangen und beschehen wäre. Es hielte ohnlängst hernach ein Freiherr nicht weit von hinnenBeilager, warbei es wo nit fürstlich, jedoch gräflich hergieng; bei welchem hochzeitlichem Ehrenfest der Braut ihr herrlicher Schmuck und Kleidung, damit sie denselben Tag geprangt hatte, samt dem Nachtzeug hinweg genommen und hingegen ein schlecht Weiberkleid voller Läuse, wie es die Soldatenweiber zu tragen pflegen, darvor hingelegt wurde, welches viel vor ein Zeichen hielten einer künftigen unglückseligen Ehe. Aber diese Wahrsager gaben damit nur ihre Unwissenheit zu erkennen.«
»Den nächst hierauf folgenden Maimonat spazierte ein Beckenknecht auf einen Sonntag in einen etwan drei Meil von hier entlegenen Wald, des Willens, Vogelnester zu suchen und junge Vögel auszunehmen; dieser war beides von Angesicht und Leibsproportion ein schöner ansehnlicher Jüngling und darneben fromm und gottsförchtig. Wie er nun an einem Wässerlein hinauf schliche und sich hin und wieder umschauete, wurde er eines Weibsbilds gewahr, die sich in demselbigen Wasser badet. Er vermeinte, es wäre irgends eine Dirn aus dem Flecken, darin er damals dienete; derowegen ließe er sich durch den Fürwitz bereden, daß er sich niedersetzte; zu verharren, biß sie sich anlegte, damit er sie an den Kleidern kennen und alsdann etwas an ihr, um daß er sie nackend gesehen, zu vexieren haben möchte. Es gieng wie er gedachte, aber doch etwas anders, dann nachdem diese Dame aus dem Wasser gestiegen, legte sie keine Baurnjuppe an, sondern ein ganz silbern Stück[519]mit guldenen Blumen. Hernach setzte sie sich nieder, kämpelt und zöpfte ihre Haar, legte köstliche Perlein und andere Kleinodien um den Hals und zierte ihren Kopf dergestalt mit dergleichen Geschmuck, daß sie einer Fürstin gleichsahe. Der gute Beckenknecht hatte ihr bißhero mit Forcht und Verwunderung zugesehen, und weil er sich vor ihrer ansehenlichen Gestalt entsetzte, wolte er darvon gehen und sich stellen, als wann er sie gar nicht gesehen hätte. Weil er aber gar zu nahe bei ihr war, also daß sie ihn sehen muste, schrie sie ihm zu und sagte: Höret, junger Gesell, seid ihr dann so grob und unhöflich, daß ihr nicht zu einer Jungfrauen gehen dorft?«
»Der Beck wandte sich um, zog seinen Hut ab und sagte: Gnädigs Fräulein, ich gedachte, es gezieme sich nit, daß einunadelicher Mensch, wie ich bin, sich zu einem solchen ansehnlichen Frauenzimmer nähere.«
»Das müßt ihr nicht sagen, antwortet die Dame, dann es ist ja ein Mensch des andern werth, und überdas hab ich schon etlich hundert Jahr allhier auf euch gewartet. Sintemal es dann nun Gott einmal geschickt hat, daß wir diese lang gewünschte Stund erlebt haben, so bitt ich euch um Gottes willen, ihr wollet euch zu mir niedersetzen und vernehmen, was ich mit euch zu reden habe.«
»Dem Beckenknecht war anfangs bang, weil er sorgte, es wäre ein teufelischer Betrug, dardurch er zum Hexenhandwerk verführt werden solt. Als er sie aber Gott nennen hörete, setzte er sich ohne Scheu zu ihr nieder; sie aber fieng folgender Gestalt an zu reden.«
»Mein allerliebster und werthister Herzfreund, ja nach dem lieben Gott mein einiger Trost, mein einzige Hoffnung und mein einzige Zuversicht, euer lieber Nam ist Jacob und euer Vatterland heißt Allendorf; ich aber bin Minolanda, der Melusinen Schwester Tochter, die mich mit dem Ritter von Staufenberg[520]erzeugt und dergestalt verflucht hat, daß ich von meiner Geburt an biß an Jüngsten Tag in diesem Wald verbleiben muß, es seie dann Sach, daß ihr mich zu euerer Herkunft zu euerm Ehegemahl erwählen und dardurch von solcher Verfluchung erlösen werdet; doch mit diesem ausdrucklichen Vorbehalt und Geding, daß ihr euch wie bißher vor allen Dingen der Tugend und Gottesforcht befleißigen, aller anderer Weibsbilder müßig gehen und diesen unsern Heurath ein ganz Jahr lang verschwiegen halten sollet. Darum so sehet nun, was euch zu thun ist! Werdet ihr mich ehelichen und diese Ding halten, so werde ich nicht allein erlöst, sonder wie ein ander Mensch auch Kinder zeugen und zu seiner Zeit seliglich aus dieser Welt abscheiden, ihr aber werdet der reichst und glückseligst Mann auf Erden werden; wann ihr mich aber verschmähet, so muß ich, wie ihr bereits gehöret habt, biß an Jüngsten Tag hier verbleiben und werde alsdann über euere Unbarmherzigkeit ewiglich Rach schreien; das Glück aber, so ihr alsdann euer Lebtag haben werdet, werden auch die Allerunglückseligste nicht mit euch theilen wollen.«
»Der Beckenknecht, der sowol die Geschichte oder Fabul der Melusinä als des Ritters von Staufenberg gelesen und noch viel mehr dergleichen Märlin von verfluchten Jungfrauen gehöret hatte, glaubt alles, was ihm gesagt worden; derohalben besonne er sich nicht lang, sonder gab das Jawort von sich und bestätiget solche Ehe mit oft wiederholtem Beischlaf. Sie aber gab ihm nach verrichter Arbeit etliche Ducaten und nahm ein güldenes Kreuzlein, mit Diamanten besetzt und mit Heiligthum[521]gefüllt, von ihrem Hals, das sie ihm gleichfalls zustellte, damit er nicht sorgen solte, er hätte vielleicht mit einem Teufelsgespenst zu thun. Und zum Beschluß wurde abgeredet, daß sie ihn fürderhin die meiste Nächte in seiner Schlafkammer besuchen wolte, worauf sie vor seinen Augen verschwunden.«
»Es waren kaum vier Wochen vergangen, als dem Beckenknecht bei der Sach anfieng zu grausen; und indem ihm sein Gewissen sagte, es könte mit dieser heimlichen und wunderbarlichen Ehe nicht recht hergehen, da ereignete sich eine Gelegenheit, mit deren er hieher kam und seinem Beichtvatter alle Geschichte außerhalb der Beicht vertraute. Als dieser verstunde, was diese Meerfein[522]oder Minolanda, wie sie sich genennet, vor einen Habit anhatte, und sich darbei erinnerte, daß eben ein solcher einer vornehmen Fräulin bei ihrem Beilager entwendet worden, gedachte er der Sach ferner nach und begehret auch das Kreuzlin zu sehen, so ihm seine Beischläferin verehrt hatte. Als er solches sahe, überredet er den Beckenknecht, daß ers ihm nur ein einzige halbe Stund ließe, selbiges einem Jubilierer[523]zu weisen, um zu vernehmen, ob das Gold auch just[524]und die Steine auch gut wären; er aber verfügte sich sogleich damit zu obengemeldter Frauen, die zu allem Glück hier war, und als sie solches vor das ihrig erkante, wurde der Anschlag gemacht, wie diese Melusina beim Kopf bekommen werden möchte; worzu der geängstigte Beckenknecht seinen Willen gab und alle mögliche Hülf zu thun versprach.«
»Diesem nach wurden den dritten Abend zwölf beherzte Männer mit Partisanen geschickt, die in des Becken Kammerum Mitternacht stürmten und Thüren und Läden wol in acht nahmen, damit, als solche eröffnet, niemand hinaus entrinnen könte. So bald solches geschahe, und auch zugleich zween mit Fackeln in das Zimmer getreten waren, sagte der Becker zu ihnen: Sie ist schon nit mehr da.«
»Er hatte aber das Maul kaum zugethan, da hatte er ein Messer mit einem silbern Heft in der Brust stecken; und ehe man solches recht wahrgenommen, da stak einem andern, der eine Fackel trug, eins im Herzen, darvon derselbige alsobald todt darnieder fiele. Einer von den Bewehrten ermaße, aus welcher Gegend diese Stich herkommen waren, sprang derowegen zuruck und führte einen solchen starken Streich gegen demselben Winkel zu, daß er damit der so unselig als unsichtbarn Melusinen die Brust bis auf den Nabel herunter aufspielte[525]. Ja dieser Streich war von solchen Kräften, daß man nit allein die vielgedachte Melusina selbst dort todt liegen, sonder ihr auch Lung und Leber samt dem Ingeweid in ihrem Leib und das Herz noch zapplen sehen konte. Ihr Hals hieng voller Kleinodien, die Finger staken voll köstlicher Ring, und der Kopf war gleichsam in Gold und Perlen eingehüllet. Sonst hatte sie nur ein Hemd, ein doppeltafften Unterrock und ein Paar seidener Strümpfe an; aber ihr silbern Stück, das sie auch verrathen, lag unter dem Hauptkissen.«
»Der Becker lebte noch, biß er gebeicht und communicirt hatte; er starb aber hernach mit großer Reu und Leid und verwundert sich, daß so gar kein Geld bei seiner Schläferin gefunden worden, dessen sie doch ein Ueberfluß gehabt hätte. Sie ist ohngefähr aus ihrem Angesicht vor 20 Jahr alt geschätzt, und ihr Körper als einer Zauberin verbrant, der Beck aber mit obgemeldten Fackeltrager in ein Grab gelegt worden. Wie man noch vor seinem Abschied erfuhr, so hatte das Mensch beinahe eine österreichische Sprach gehabt.«