Vater und SohnEine Spielergeschichte

Er sah mich an.»Ich blieb!« sagte er.»Sie blieben?« fragte ich gähnend. »Die Nacht über? Bei dem Mädchen?«»Ich bin eine erbärmliche Seele!« sagte er.»Aber um des Himmels willen! Was dachten Sie sich denn dabei? Waren Sie betrunken?«»Das auch. Zuletzt. Aber vor allen Dingen bin ich nicht weniger widerwärtig und jämmerlich als andere Menschen, das ist die Sache. Sie war ein Mädchen, deren Geschichte ich kannte. Es war mir eine solche Wollust, zügellos zu sein. Können Sie das begreifen? So blieb ich denn. Und in welch ein Meer von Zügellosigkeit wir versanken!«Der abscheuliche Cyniker schüttelte den Kopf über sich selber.»Aber jetzt will ich wieder zu ihr gehen,« fuhr er fort. »Es muß sich noch etwas thun lassen! Hm! Sie meinen, ich sei nicht die geeignete Persönlichkeit dazu? Ich bin vielleicht doch nicht so schlimm wie Sie glauben. Sie denken an die Geschichte von übernacht. BedenkenSie, wenn ich nicht geblieben wäre, so wäre ein anderer gekommen, und bei einem solchen Tausch würde sie voraussichtlich verloren haben. Wenn sie ihren Umgang wählen könnte, glaube ich, würde sie unfehlbar mich wählen, ich bin rücksichtsvoll und habe Verständnis, ich vergesse auch keinen Augenblick, ihr zu widerstehen. Aber das Sonderbare ist, daß gerade dieser Zug an mir sie reizte. Das sagte sie selber. >Du widerstehst mir so herrlich!< sagte sie. Was soll man einem solchen Mädchen gegenüber anfangen? Und dann muß man auch bedenken, daß sie einzig und allein um der Blumen willen in ihrem Herzen so übel zugerichtet ist. Das war der Anfang. Wäre es erlaubt gewesen, Blumen auf den Gräbern zu pflücken, so wäre sie jetzt ein anständiges Mädchen. Aber da faßten wir sie ab, und ich war dabei behilflich! Ich war dabei behilflich!«Er schüttelte von neuem den Kopf und versank in Sinnen.Endlich erwachte er wie aus einem Traum.»Ich habe Sie gewiß aufgehalten. Ich fühleauch selber, daß ich müde bin. Ahnen Sie, wieviel Uhr es ist?«Ich wollte meine Uhr herausziehen. Ich hatte sie nicht bei mir, ich hatte sie zu Hause vergessen.»Danke, es ist auch einerlei,« sagte er und erhob sich, streckte seine Beine und zog seine Beinkleider herunter. »Sehen Sie, da kommt die vornehme Dame zurück, die Trauer ist beendet, das kleine Mädchen trägt keine Blumen mehr. Die Blumen liegen wieder da unten, Rosen und Kamelien; in vier Tagen sind sie verwelkt. Wenn ein kleines Mädchen sich dieser Blumen bemächtigt, um sich ein Paar Schuhe dafür zu kaufen, so glaube ich, es ist kein Unrecht!« —Jetzt sah mich der Mann eine ganze Minute an, trat ganz nahe an mich heran und brach in ein verhaltenes Lachen aus.»Sehen Sie, solche Geschichten muß man erzählen,« sagte er. »Für die findet man willige Ohren. Tausend Dank, verehrter Zuhörer!«Er nahm den Hut ab, verbeugte sich und ging.Ich blieb in einem sehr verdutzten Zustand zurück. Er hatte mich mit einem Schlage in einen Wirbel von Verwirrung versetzt und meinen klaren Verstand ganz umnebelt. Dieses Schwein! Er hatte die Nacht bei dem Mädchen zugebracht! Bei dem Mädchen? Eine verdammte Lügengeschichte! Er hatte mich zum Besten gehabt, seine erschütternde Erzählung war eine Erfindung von einem Ende bis zum andern. Wer aber war denn dieser Erzschelm? Wenn ich ihn noch einmal wieder treffe, so setzt es was! Er hat die Geschichte vielleicht irgendwo gelesen und sie auswendig gelernt, sie gehörte nicht zu den schlechtesten, der Bursche hatte Talent. Hahaha! Weiß Gott, der hat mich an der Nase herumgeführt!Ich ging in großer Verwirrung nach Hause. Ich suchte nach meiner Uhr. Sie lag nicht auf dem Tisch. Ich schlug mich gegen die Stirn: meine Uhr war gestohlen! Natürlich hatte er meine Uhr gestohlen, als er neben mir saß. Ha! Dieser Schlingel!Jetzt blieben mir zwei Auswege. Ichkonnte eine Anzeige machen und meine Uhr in ein paar Tagen von einem Pfandleiher wiederbekommen. Dann wurde der Bursche auch wohl bald hinterher festgenommen. Oder ich konnte schweigen. Das war der zweite Ausweg.Ich schwieg.Vater und SohnEine SpielergeschichteIIm letzten Herbst machte ich eine Reise nach dem Süden, weit nach dem Süden hinab, und kam an einem frühen Morgen mit dem Flußdampfer nach dem Dorf D., einem kleinen Dorf, einem sonderbaren Dorf, versteckt und vergessen, einem Dorf mit einem Dutzend Häuser, einer Kirche, einem Posthause und einer Flaggenstange. Der Ort ist Eingeweihten, Abenteurern und Spielern, feinen Leuten und Vagabunden, bekannt, und während einiger Sommermonate des Jahres herrscht in diesem Krähwinkel Leben und großer Umsatz.Jetzt war Markt im Dorfe, und die Bevölkerung der Umgegend war herbeigekommen; sie trugen Gewänder aus Seide und Pelz mit Gürteln und Schärpen und Geschmeiden, allesnach Stand und Vermögen. Um die Kirche herum standen Reihen von Zelten, wo gekauft und verkauft wurde; eins dieser Zelte war blau, — es war das Zelt des Pavo aus Sinvara.Aber ganz in der Nähe der Kirche, mitten zwischen der Flaggenstange und dem Posthause, lag das Hotel. Das obere Stockwerk war blau, — dort verspielten die Spieler ihr Geld.Man erzählte im Hotel, heute abend würde Pavo ganz sicher kommen. Ich fragte, wer Pavo sei, und man ersah aus dieser Frage, daß ich hier fremd war, sonst kannten alle Pavo. Er war der Mann, der die Bank dreimal gesprengt hatte, sein Vater war der Besitzer des größten Gutes in meilenweitem Umkreis, und Pavo selber hatte bei dem letzten Frühlingsfest sein ganzes Vermögen durchgebracht. Alle Mädchen des Dorfes sprachen von ihm, wenn sie am Abend bei der Pumpe zusammenkamen, und die Frommen beteten für ihn, so oft sie an ihn dachten. Kurz, er war der Spieler und der verlorene Sohn, eine gefallene Größe, ein Ex-Krösus, Pavo aus Sinvara. Er war der Stolz der Stadt und ihre Schande zugleich.Und mit Pavos Zelt hatte es die Bewandtnis, daß seine gute Mutter das Zelt für ihn gekauft, und ihm das Geschäft eingerichtet hatte, um ihn, wenn möglich noch auf den rechten Weg zu bringen. Es hätte ja auch alles gut gehen können, wenn Pavo nur hätte Ernst machen wollen, aber das mißratene Kind hatte schon in der nämlichen Woche sein Zelt mit der blauen Farbe der Spielbank angestrichen, denn sein Sinn war unverändert. Er spielte auch noch immer. Alles, was er hinter dem Ladentisch verdiente, legte er auf den Roulette-Tisch, und in der Regel verließ er die Bank ärmer, als er gekommen war. Sein Zelt hatte eine gute Kundschaft; er verkaufte viele Sachen, weder die Bauern noch die Dorfbewohner gingen an ihm vorüber, alle wollten mit Pavo aus Sinvara handeln. Und seine Mutter verschaffte ihm immer Waren in Hülle und Fülle, sein Zelt war bis an das Dach vollgepfropft.Jetzt, heute abend, sollte er kommen. Das ganze Dorf wußte, daß er kommen würde.IIDie Turmuhr schlug, ich hörte den singenden Schlag, der sich in den übrigen Lärm vom Marktplatz her mischte. Plötzlich klopfte der Hoteldiener an mein Zimmer. Der junge Mann war sehr erregt.»Denken Sie nur,« sagte er, — »der Herr von Sinvara will auch kommen!«Ich hatte nicht um diese Mitteilung gebeten, und ich sagte zu dem Diener, daß besagter Herr mich nichts angehe. Wer war es? Woher kam er? Der Diener zuckte die Achseln und erklärte, der Herr aus Sinvara sei kein anderer als der vornehmste Herr der ganzen Gegend, der reichste Herr, Fürst Yariws Freund und Pavos leiblicher Vater. Undderwürde kommen. Im übrigen sei der Zweck seines Kommens wohl nichts weiter, als daß er sich danach umsehen wollte, wie es mit seinem Sohn stünde; er wollte selber dies verfluchte Roulette sehen, das sein Kind ruinierte und dessen Mutter so viel Kummer bereitete.»Alle diese Nachrichten interessieren michnicht,« antwortete ich dem Diener. »Dagegen habe ich um Thee gebeten. Adieu!«Und dann ging der Diener.Als die Uhr sechs war, entstand große Bewegung im Hotel, der Herr war gekommen. Er ging an der Seite seines Sohnes, Pavo in heller Kleidung, er selber in dunkler. Er war ernsthaft und bestimmt. Die Kirchenglocke läutete, denn schon beim Betreten des Dorfes hatte der Herr der Kirche eine große Summe versprochen, die deren Zukunft völlig sicherte. Er hatte außerdem die Flaggenstange des Posthauses mit einer neuen Flagge bedacht. Aus diesem Grunde war das ganze Dorf in gehobener Stimmung. Die Diener erhielten einen freien Tag, alle Leute waren auf den Straßen, und der Bürgermeister ging in einer funkelnagelneuen Uniform umher.Der Herr von Sinvara war ein würdiger Mann von einigen sechzig Jahren, ein wenig korpulent, ein wenig blaß und aufgeschwemmt von dem stillen Leben, das er führte, aber mit gewichstem Schnurrbart und jungen Augen; er hatte außerdem eine lustige, aufwärts gebogeneNase. Es war allgemein bekannt, daß er Fürst Yariws Freund war, er hatte zwei hohe Orden, trug sie aber selten, weil sein Auftreten auch ohne diese Dekoration höchst respekteinflößend war. Redete er jemand an, so nahm der Angeredete den Hut ab und antwortete.Als er ein Glas Wein getrunken hatte, sah er alle die neugierigen Menschen an, die ihn bis an das Hotel begleitet hatten, und er gab ihnen allen etwas. Ein kleines Mädchen rief er sogar aus dem Haufen heraus und schenkte ihr mit eigener Hand ein Goldstück. Aber das Mädchen war nun freilich nicht so übertrieben klein, auch war sie nicht mehr unter sechzehn, siebzehn Jahre alt.Plötzlich sagt er:»Wo ist die Bank? Ich will dahin.«Pavo, der ganz entzückt über den Einfall des Vaters ist, geht vor ihm her die Treppe hinauf. Alle folgen ihnen.Er wurde dadrinnen mit der größten Aufmerksamkeit empfangen. Das Rad ist in vollem Gange, das Spiel ist sehr lebhaft; ein brünetter Herr, den der Diener Prinz nennt, macht liebenswürdigvor seinem Freund, dem großen Herrn von Sinvara Platz.Im selben Augenblick ruft der Croupier:»Dreizehn!«Er heimst alles Geld ein.Da lagen Haufen von Silber, viele große goldene Münzen und ganze Packen von Papiergeld auf dem Tisch, alles verschwindet in dem eisernen Schubfach der Bank unter dem Tisch. Und es wird von neuem Geld gesetzt, so stillschweigend und ruhig, als sei nichts geschehen. Und doch bedeutete in Wirklichkeit diese Dreizehn einen großen Coup. Aber niemand spricht, das Spiel geht seinen Gang, das Rad saust herum, wird langsamer, steht still: Wieder dreizehn!»Dreizehn!« ruft der Croupier abermals und heimst das Geld ein.Diese beiden Coups haben ihn um viele hundert Goldstücke reicher gemacht, als er war. Und wieder wird gesetzt, der Prinz wirft eine ganze Hand voll Scheine auf den Tisch, ohne sie zu zählen. Niemand spricht, es ist sehr still rings umher, einer der Diener stößt in seiner Erregungein leeres Weinglas gegen den Tisch, ein feines Klirren ertönt und mischt sich in den dumpfen Laut des Rades, das sich dreht.»Erkläre mir doch das Spiel,« sagte der Herr von Sinvara.Und Pavo, der das Spiel aus dem Grunde kennt, teilt ihm alles darüber mit. Der große Mann ist ganz von dem Prinzen in Anspruch genommen. »Er wird sich ruinieren!« behauptet er. Und als sei es sein eigenes Geld, das auf dem Spiel steht, rückt er unruhig auf seinem Stuhl hin und her.»Der Prinz ruiniert sich keineswegs,« entgegnet Pavo. »Er arbeitet nur mit dem Gewinn des Tages. Der versteht zu spielen.«Es verhielt sich wirklich so. Der Prinz hatte viel gewonnen; ein Diener stand fortwährend neben seinem Stuhl, um ihm Wasser zu reichen, sein Taschentuch aufzunehmen, wenn er es fallen ließ, ihm alle möglichen Dienste zu leisten, alles in der Hoffnung auf eine gute Belohnung, sobald das Spiel beendet war.Ein großer, blasser Mann, ein dunkelhaariger Rumänier steht neben ihm. Er spieltums Leben. Infolge der beiden letzten Dreizehn hat er eine ungeheure Summe verloren, da er eigensinnig auf seine eigene, unglückliche Einzelzahl gehalten hat. Er steht halb hinter dem Herrn von Sinvara und streckt die Hand über dessen Schulter, wenn er seinen Einsatz macht. Sein Arm zittert.»Der junge Mann ist verloren!« sagt der Herr.Der Sohn, Pavo, nickt und sagt:»Verloren!«»Bitte ihn, aufzuhalten!« fährt der Vater fort. »Sage es ihm von mir. Warte, ich will es selber thun.«Hierauf entgegnete der Sohn, es sei nicht erlaubt, Ratschläge zu erteilen, — »ebenso wenig,« fügt er verschmitzt hinzu, »ebenso wenig, wie es erlaubt ist, nur als Zuschauer hier zu sitzen.«Der Vater sieht ihn verwundert an. Er begreift nicht, daß in Pavos Herzen schon die Lust rast, sich am Spiel zu beteiligen.»Hier stehen ja so viele andere, die auch nicht spielen!« wendet er ein.»Das sind Spieler, die nur darauf warten, daß die Reihe an sie kommt,« lügt Pavo.Da zieht der Herr von Sinvara mit großer Vorsicht sein Taschenbuch hervor.»So, spiele!« sagt er, — »spiele ein wenig, zeige es mir. Aber ganz niedrig, ungefährlich.«Gleich darauf aber ergreift er den Arm des Sohnes und verlangt Aufklärung über die sonderbare Zahl dreizehn:»Warum gewinnt dreizehn jedesmal? Ist das nicht ein Betrug vom Croupier? Sage ihm das doch!«Er ist gerade im Begriff, sein Taschenbuch wieder einzustecken, als ihm plötzlich ein Gedanke kommt. Er zieht einige Scheine heraus, schiebt sie Pavo hinüber und sagt:»Setze auf dreizehn!«Pavo wendet ein:»Die dreizehn ist zweimal hintereinander herausgekommen.«Der Vater nickt und entgegnet bestimmt:»Ja! Setze auf dreizehn!«Pavo wechselt einen Schein, wirft ein Goldstück auf Nummer dreizehn und lächelt nachsichtig über diese Thorheit.»Verloren!« sagt der Vater. »Versuche es noch einmal. Setze das Doppelte!«Pavo machte keine langen Einwendungen. Dies ist zu komisch. Man wechselt die Plätze am Tisch, Pavo setzt einmal nach dem andern die doppelte Summe, und alle wollen den sonderbaren Spieler, den Herrn von Sinvara sehen. Er selber ist schon sehr interessiert, seine lebhaften Augen folgen den Bewegungen des Rades, er rückt auf dem Stuhle hin und her. Er ballt seine etwas fette Hand, an dem einen Finger trägt er zwei kostbare Ringe.Als der Croupier die Zahl dreiundzwanzig statt der erwünschten dreizehn nennt, ruft er:»Ei was, setze noch einmal auf dreizehn! Setze hundert!«»Aber —«»Setze hundert!«Und Pavo setzt. Das Rad spinnt weiter, der Zeiger rast zwanzig, dreißig Mal über jede Zahl hin, er sucht zwischen allen diesen Chancen, Rot und Schwarz, Gleich und Ungleich, von eins bis siebzehn, von siebzehn bis vierunddreißig, er durchsucht das ganze System, beschnüffelt jede Zahl und bleibt stehen.»Dreizehn!« ruft der Croupier.»Nun, Pavo, hatte ich nicht recht?« sagt der Herr von Sinvara. Und er brüstet sich und läßt alle Umherstehenden hören, was er sagt: »Setze nocheinmal,setze hundert auf dreizehn!«»Das kann nicht dein Ernst sein, Vater. Dreizehn kommt wahrscheinlich den ganzen Abend nicht mehr heraus.«»Setze hundert auf dreizehn!«»Warum willst du das Geld wegwerfen?«Der Herr von Sinvara wurde ungeduldig, er machte eine Bewegung, als wollte er dem Sohn das Geld wegnehmen, beherrschte sich aber und sagte:»Mein Sohn, wenn ich nun die Absicht hätte, die Bank zu sprengen und das abscheuliche Roulette um einer gewissen Ursache willen zu zerstören? Setze hundert auf dreizehn!«Und Pavo setzte abermals. Er wechselte ein Lächeln mit dem Croupier, und der Rumäne lachte laut auf. Das Pharaospiel am Nebentisch hörte gänzlich auf, aller Aufmerksamkeit war auf das Roulette gelenkt.»Dreizehn!«»Was hab' ich gesagt!« rief der Herr von Sinvara. »Da ist das Geld. Wie viel soll hier sein? Zähle es nach!«Pavo war ganz bestürzt.»Dies sind drei und halbes tausend,« sagte er ganz geschlagen. »Du hast im ganzen fünftausend gewonnen.«»Gut, jetzt spiele du! Laß mich sehen, wie du es machst. Setze auf Rot!«Pavo setzte auf Rot und verlor.Der Vater nickte und lächelte den Zuschauern zu.»So also spielst du! Siehst du denn nicht, wohin das führt? Man hat mir erzählt, du habest die Bank dreimal gesprengt, das war gut gemacht. Aber warum hast du alles wieder verloren? Setze aufGerade!«»Wieviel?«»Soviel du willst. Setze sechshundert.«»Sechshundert ist zu viel.«»Ich überlege mir eben, ob du nicht noch mehr setzen sollst. Ja, ich will es! Setze zwölfhundert auf Gerade.«Gerade verlor.Da erhob der Herr von Sinvara seinen fetten Finger drohend und sagte heftig:»Geh, Pavo! Hier haben wir um deinetwillen zwölfhundert verloren. Jetzt entferne dich. Ich wünsche es.«Und Pavo ging. Ich folgte ihm. Er lachte, lachte wie ein Besessener. Ob ich jemals so ein Spiel gesehen hätte? »Er sitzt da und gewinnt Tausende allein auf Grund seiner Dummheit. Gott halte seine Hand gnädig über ihm. Welch ein Einfall von dem guten Mann, Roulette spielen zu wollen!«Pavo redete alle an, die er traf und erklärte ihnen unter lautem Lachen, was für einen Einfall der Vater gehabt habe.Späterhin am Abend hörte ich, der Herr von Sinvara habe neuntausend verloren, ehe er die Bank verließ.IIIEs war zehn Uhr. Ich saß auf dem Balkon des Hotels und rauchte in Gesellschaft des Russen Iljitsch eine Papyrus nach der anderen.Plötzlich ruft der Hoteldiener zu uns herauf, der Herr von Sinvara habe eben nach seinem Sohn geschickt. Ich war gerade im Begriff, ihm einen Verweis wegen seiner Zudringlichkeit zu erteilen, der Russe aber hielt mich zurück. Er war neugierig geworden.»Geben Sie acht,« sagte er. »Wir wollen doch sehen, was jetzt kommt. Er schickt zu nächtlicher Stunde nach Pavo!«Wir saßen eine Weile und rauchten schweigend. Pavo kommt. Der Vater geht ihm bis vor die Hoteltreppe entgegen.»Hör' einmal,« sagt er. »Ich habe neuntausend bei dem verfluchten Roulette verloren. Ich war schon zu Bett gegangen, aber ich konnte nicht einschlafen. Dies Geld peinigt mich, es war genau die Summe, die ich der Kirche gelobt hatte. Ich muß sie zurückgewinnen. Ich finde keine Ruhe, bis ich dies Geld wieder in Händen habe. Ich muß nach der Bank zurück.«Pavo steht stumm da.Selbst Pavo, der gewiegte Spieler ist starr vor Staunen. Er sagt kein Wort.»Was stehst du da!« ruft der Vater aus. »Das Spiel hört ja nicht vor Mitternacht auf, wir haben noch zwei ganze Stunden. Laß uns keine Zeit verlieren.«Und von dannen ging es.»Kommen Sie!« sagte der Russe zu mir. »Lassen Sie uns hineingehen. Dort wird sich etwas ereignen.«Das Spiel war aufgeregter denn je. Wie immer, wenn Mitternacht naht, wurden größere Summen als zu Anfang des Abends gewagt. Der Prinz sitzt noch immer finster und ruhig auf seinem Platz, setzt Geld und gewinnt. Es lagen wohl sechzigtausend vor ihm auf dem Tisch. Er operiert gleichzeitig mit drei Chancen, besorgt alles mit der größten Ruhe, setzt Hände voll Geld, ohne es jedoch zu zählen. Nichts stört ihn, nicht einmal der bleiche, rasende Rumäne, der, nachdem er Dreiviertelstunden regelmäßig und bescheiden gewonnen hat, wieder anfängt zu verlieren. Auch er stapelt sein Geld auf und versucht in jedem freien Augenblick, es zu zählen, es in Haufen zu je eintausend zusammen zu legen, um einenÜberblicküberden Bestand zu behalten; aber er ist zu unruhig, seine Hände zittern, er muß auch die ganze Zeit hindurch das Rad beobachten, und er giebt es schließlich auf zu zählen. Wie dumm er es macht! Er spielt im Quadrat, belegt vier Nummern, hält ununterbrochen diese Zahlen wie ein trotziges Kind, das nichts aufgeben will. Er würde vielleicht lieber ohne einen roten Heller vom Tische gehen, als diese Chance aufgeben.Der Prinz wirft einen Blick auf die Thür, als Vater und Sohn wieder eintreten, er macht auch neben sich Platz. Dann setzt er das Spiel kühl und finster fort, völlig kaltblütig. Er scheint sich eines großen Respekts bei den Spielern zu erfreuen.»Pavo!« sagt der Herr von Sinvara, — »du spielst wie gewöhnlich, was du selber willst. Hier ist Geld. Nicht wahr, du hast am meisten Glück mit Rot, setze also auf Rot.«Pavo erkundigt sich bei seinem Nachbar, einem alten Militär mit einem Arm, und dieser teilt ihm mit, daß Rot sieben Mal hintereinander herausgekommen ist. Deshalb setzt Pavo auf Schwarz.»Gerade — vierundzwanzig — siebzehn zu vierunddreißig — Rot!« meldet der Croupier und streicht das Geld ein.»Du fängst schlecht an, Pavo, setze aber doch nach deinem Kopf,« sagt der Herr von Sinvara enttäuscht. »Wie oft soll ich es sagen? Glaubst du, daß ich das Geld in Scheffeln habe? Jetzt setzest du auf Rot!«Aber Rot verlor. Endlich nach acht Malen kam Rot an die Reihe, traf das Kreuz des Rumänen und brachte ihn wieder auf die Beine. Rasend über sein Unglück, zur Verwegenheit getrieben, hatte er diesmal eine kolossale Summe auf seine vier Zahlen geworfen, und von Trotz verfärbt, war es ihm im Augenblick gleichgültig, ob er gewann oder verlor. Als das Rad stillstand und der Zeiger auf einer von seinen vier Zahlen liegen blieb, rief er instinktmäßig den Diener, der hinter dem Stuhl des Prinzen stand und gab ihm, ohne ein Wort zu sagen, einen Schein. Dann setzte er von neuem mit zitternden Händen.»Pavo!« sagt der Vater wieder, »du hast nun abermals verloren. Du hast gar keinGlück. Ich lasse dich mein Geld durchbringen, und ich thue es um deiner selbst willen. Diese Nacht will ich dich bessern. Pavo, hast du mich verstanden?«Und der durchtriebene Pavo versteht ihn sehr wohl. Er weiß, daß sein guter Vater schon von dem Rausch des Spiels erfaßt ist, und selbst wenn er verliert, ist es ihm doch eine Lust, teilzunehmen. Er durchlebt so heftig wie nur irgend jemand die Qualen des Spiels, bei den großen Chancen stockt sein Blut, er hört seinen eigenen Atem. Ach, das alles versteht Pavo nur zu gut!Plötzlich wird er nachdenklich, er wird aufmerksam, geistesabwesend. Der Croupier macht ihn darauf aufmerksam, daß er — der hochverehrte Spieler — gegen sich selber spielt, und er wundert sich in seinem stillen Sinn über Pavo. Ich selber werde darauf aufmerksam, daß Pavo einmal über das andere Geld zurücknimmt, das er bereits gesetzt hat, gleichsam um es zu retten, ehe das Rad stillsteht. Ist er vernünftig geworden? Fürchtet er das Unglück?Der Russe aber führt mich an ein Sofa am Ende des Saales und fängt an über Pavo zu reden. Ob ich nicht bemerkt habe, daß er plötzlich sein Spiel veränderte? Ach, Pavo war im Grunde klug wie ein Teufel, er verstand sich auf so viel. Der Russe zeigte zu Vater und Sohn hinüber und sagte:»Von den beiden ist der Sohn am geringsten besessen. Pavo hat schon gemerkt, daß die Spielsucht seinen Vater gepackt hat, er will ihn zurückhalten. Es ist sehr komisch, aber er will wirklich versuchen, den Alten zurückzuhalten. Nicht wahr, das ist brillant? Es kann Pavo nicht gleichgültig sein, ob sich der Vater ruiniert.«Wir sitzen dort im Sofa. Am Roulette geht etwas Ungewöhnliches vor sich, alle haben den Herrn von Sinvara und seinen Sohn umringt. Das Pharaospiel hat aufgehört, selbst die drei Bergbauern in den großen, grauen Mänteln mit den Metallgürteln und die alten Zeltkrämer, die unten an der Thür gesessen und unter sich um Weinkannen gespielt haben, stehen auf und mischen sich unter die Menge am Roulettetisch. Wir gehen auch dahin.»Geben Sie jetzt acht!« sagt der Russe. Er ist sehr erregt.Der Herr von Sinvara hatte wieder angefangen mit Nummer dreizehn zu operieren. Er hatte in seinem Eifer selbst das Geld übernommen und den Einsatz persönlich besorgt. Seine fetten Hände wühlten in den Scheinen, zitternd, suchend, das schmutzige Papier umkrallend, eifrig bemüht, es zu zählen und in Haufen zu ordnen. Er spricht nicht und Pavo sitzt schweigend an seiner Seite. Seine Miene ist sehr finster.»Dreizehn!« meldet der Croupier.Der Herr von Sinvara zuckt zusammen, und selbst Pavo sieht ganz blödsinnig aus. Welch Glück heftete sich doch an dies sinnlose Spiel! Der letzte Coup bricht eine große Lücke in die Bank. Der Croupier zahlt die Summe mit ruhigen Bewegungen aus. Diesen Mann setzt nichts mehr in Erstaunen, er hat alle Launen des Hazards gesehen, hat die verzweifeltsten Dinge erlebt. Der Prinz bleibt einen Augenblick fassungslos stehen, gleich darauf packt er all sein Geld zusammen, scheidetdas Geld von dem Papier und stopft alles in seine Taschen. Er verlangt ein Glas Wein, das er in einem Zuge austrinkt, dann steht er auf und schließt mit dem Spiel ab. Beim Hinausgehen verteilt er Scheine nach rechts und links, an alle Diener, die ihm in den Weg kommen.Der Herr von Sinvara aber stößt seinen Sohn gegen den Arm und sieht ihn mit fieberglühenden Augen an.»Siehst du. Siehst du wohl! Willst du mich spielen lehren? Ich spiele euch doch alle unter den Tisch!«Und er lacht kurz und laut auf, zu den erstaunten Zuschauern gewendet. Entzückt über sein Glück wirft er noch eine Summe auf die dreizehn.»Laß das da stehen,« sagt er, — »laß das Geld nur da liegen, sage ich. Dreizehn ist ja doch eine sonderbare Zahl.«Der Croupier aber holt sein Geld mit der Harke weg. Er thut es zögernd, er hätte gewiß gern gesehen, daß die dreizehn noch einmal herausgekommen wäre, um den reichen Spieler zuermuntern, der ja doch früher oder später seine Beute werden muß.Nach vier vergeblichen Versuchen mit der dreizehn geht dem Herrn von Sinvara die Geduld aus. Er redet heftig auf den Sohn ein.»Ich sage dir, Pavo, ich setze nicht mehr auf dreizehn. Ich habe auf dieser dummen Zahl genug verloren.«Er wird immer gereizter, ein Diener mit knarrenden Schuhen wird gebeten, seiner Wege zu gehen, der Rumäne erhält einen bitterbösen Blick, als er einmal versäumt, seinen Gewinn einzuziehen und dadurch das Spiel verzögert. Der Herr von Sinvara fängt auch an, sich über alle die Zuschauer zu beklagen, die ihn fortwährend umstehen. Haben die denn gar nichts weiter zu thun? Er winkt das junge Mädchen aus der Menge heran und sagte:»Habe ichdirnicht vorhin das Goldstück gegeben?«Das Mädchen errötet und macht einen tiefen Knix.»Ja, Herr!« antwortet sie.»Aber warum gehst du denn nicht weg, mein Kind?«Ihr kleiner roter Mund bewegte sich, aber sie schwieg und schlug die Augen nieder. Der Herr von Sinvara sah sie genauer an und reichte ihr noch ein Goldstück.»Hier, nimm das! Komm nach dem Spiel, nach Mitternacht zu mir!«Das kleine Mädchen erglühte über das ganze Gesicht und knixte voller Ehrfurcht. Dann zog sie sich aus der Menge zurück, lächelte allen zu und ging.Der Herr von Sinvara wandte sich wieder dem Spiel zu.»Jetzt sind hier Fliegen an den Fenstern,« sagte er. »Hier ist so viel, was stört. Jagt die Fliegen hinaus!«Sein Geld schwand stark hin. Der Rumäne hatte Glück. Der Herr von Sinvara beobachtete das Glück mit großem Unwillen.»Siehst du denn nicht, daß ich nur noch ein paar elende Scheine habe?« sagte er zu Pavo. »Aber ich gebe es nicht auf, ich verliere alles. So, jetzt setze ich tausend auf Rot, vielleicht ist das meine Farbe.«Rot gewann.»Vielleicht hat Rot wirklich Glück. Ich setze noch einmal. Es ist ein Versuch.«Rot verlor.Da war die Geduld des Herrn von Sinvara erschöpft.»Geh!« schrie er dem Sohn an seiner Seite zu. »Du bringst mir Unglück! Kannst du denn nicht sehen, daß du mich ruinierst? Ich muß Revanche haben, ich will mein Geld wieder haben!« Im selben Augenblick fiel ihm aber ein, welche Rolle er spielen wollte, und er fügte hinzu: »Da siehst du, was ich dir zuliebe thue. — Ich will dich bessern.«»Ich bin belehrt!« murmelte Pavo.»Schweig! du bist nicht belehrt. Du fällst wieder zurück. Ich tue das alles um deinetwillen. Jetzt mach, daß du fortkommst.«Und Pavo erhob sich und ging.IVEs war fast zwölf Uhr.Ein Spieler nach dem andern erhob sich vom Roulettetisch, nur der Rumäne und der einarmigeMilitär hielten noch stand. Der weißbärtige Krieger spielte sehr vorsichtig, setzte einen kleinen Schein, spielte brutal um kleine Münze und gewann. Er hatte fortwährend Glück, aber sein Glück machte ihn nicht kühner.Der Herr von Sinvara operierte auf ganz andere Weise, bei dem geringsten Glücksfall wurde er dummdreist. Er hatte vielleicht alles in allem noch gut tausend übrig, als Pavo ihn verließ. In zwei Zügen hatte er darauf sechshundert gewonnen, die er sofort einsetzte und verlor. Im Grunde schien der Herr beklagenswert und er erregte auch die Sympathie der Umherstehenden. Der Prinz, der als Zuschauer in den Saal zurückgekehrt war, holte eigenhändig ein großes Glas Wein für den Herrn von Sinvara.»Sie haben Unglück!« sagte der Prinz. »Halten Sie für heute abend auf.«Der Prinz setzte sich über die Regeln hinweg und erteilte diesen Rat mit lauter Stimme. Der Herr von Sinvara antwortete nicht, er sah nur auf, geistesabwesend, ganz vom Spiel in Anspruch genommen, und trank den Wein schweigend aus.Und plötzlich schien das Glück sich ihm zuwenden zu wollen, er gewann dreimal, Schlag auf Schlag.»So müssen Sie spielen,« sagt er munter und liebenswürdig zu dem alten Militär. Dieser aber hörte nichts, er ist so in Anspruch genommen von seinem Spiel um den herkömmlichen kleinen Schein. Der Rumäne beobachtet aufmerksam die nervöse Erregung, in der sich der Herr von Sinvara befindet, er wechselt einen Blick mit dem Croupier und zieht seinen letzten Gewinn ein. Auch er beschließt das Spiel.Der Herr von Sinvara ist jetzt ganz blank. Sein Geld beläuft sich auf ein paar hundert, die setzt er auf Schwarz und verliert. Er sieht verwirrt um sich. Er ist sehr blaß geworden.»Zum Teufel mit der schwarzen Farbe!« rast er.Dann besinnt er sich einen Augenblick. Der Croupier läßt ihn nicht aus den Augen; mechanisch bezahlt er dem alten Krieger seinen Schein, mag er gewinnen oder nicht. Der Herr von Sinvara sitzt noch immer regungslos da, er scheint zu überlegen. Warum geht er dennnicht? Er zieht seine beiden Ringe vom Finger, einen nach dem andern, und reicht sie über das Rad hinweg dem Croupier hin. Dieser wirft einen Blick darauf, legt sie ruhig in sein eisernes Schubfach zu anderen Ringen und reicht dem Herrn von Sinvara dreitausend in Gold. Niemand spricht ein Wort. Er hält die schweren Rollen eine ganze Minute in der Hand, er zittert am ganzen Leibe. Plötzlich macht er eine heftige Bewegung, er erhebt sich halb vom Stuhl und setzt die Rollen eine nach der andern auf Schwarz. Die Goldstücke klirren dumpf in den Papierhüllen.Das Rad dreht sich herum, es saust so leicht und lautlos, zögert bald bei dieser, bald bei jener Zahl, hält endlich an.»Rot!«Der Herr von Sinvara springt auf. Er greift sich mit beiden Händen an den Kopf und schreit, stößt einen Ruf aus und verläßt den Tisch.VAm nächsten Morgen konnte die Klatschbase von Hoteldiener mir erzählen, daß der Herrvon Sinvara am vorhergehenden Abend vierundfünfzigtausend beim Roulette verloren habe. Pavo dahingegen war in sein Zelt zurückgekehrt, er, der Diener, habe ihn bei der Pumpe getroffen, er sei barhäuptig dort gegangen und habe laut mit sich selber geschwatzt oder gepredigt. Übrigens könne kein Priester so predigen wie Pavo, wenn ihm das in den Sinn kam. — »Fliehe das Verderben!« hatte er einmal über das andere ausgerufen. »Wende dem Versucher den Rücken! Gieb ihm deinen Finger und er nimmt dein Herz. Bist du so tief gesunken, daß ich — dein verlorener Sohn — dich warnen muß?«Pavo hatte wirklich sehr eindringlich geredet, der Diener meinte, er habe sich die Rede eingeübt, die er dem Vater heute morgen halten wollte.Der durchtriebene Diener steckte seine Nase in alles und wußte überall Bescheid.»Sie wollen heute abreisen?« sagte er zu mir.Ich hatte kein Wort davon im Hotel gesagt und auch nicht um meine Rechnung gebeten.»Woher weißt du das?« fragte ich.»Ich weiß es nicht,« antwortete er. »Sie haben aber die Nachsendung ihrer Briefe im Posthaus bestellt, und Sie haben auch einen Wagen um fünf Uhr nach dem Dampfer bestellt.«Sogar dies hatte er herausgeschnüffelt! Ich hatte ein Gefühl, als würde ich von diesem klugen Menschen ausspioniert und ich fühlte mich sehr von ihm abgestoßen. Ein heftiger Zorn erfaßte mich, ich konnte seinen unverschämten Blick nicht ertragen; er hatte ein paar Augen, die mich durchschauerten wie ein eisiger Zugwind.»Mach, daß du wegkommst, du Hund!« sagte ich.Er stand ganz still. Der unverschämte Mensch rührte sich nicht vom Fleck. Er hielt die beiden Hände hinter seinem Rücken. Woran dachte er, und was machte er mit den beiden Händen auf dem Rücken? Hatte er irgend etwas vor?»Was Sie eben sagten, thut mir sehr leid,« sagte er endlich. Weiter sagte er nichts, aber er starrte mich unverwandt an. Ich trete hinter seinen Rücken, um ausfindig zu machen, was er vorhatte. Er hatte nichts in den Händen,er hielt sie gefaltet und rang sie heftig. Ich trete wieder vor ihn hin. Seine Schultern beben und seine Augen haben sich mit Thränen gefüllt. Ich bereue, ihn ausgescholten zu haben, und ich bin im Begriff, es wieder gut zu machen, als er plötzlich eine Bewegung auf mich zu macht, ein seltsamer Gegenstand blitzt in seiner Hand, ein lächerlich aussehender Thürschlüssel mit zwei Bärten. Er hebt ihn in die Höhe und trifft mein rechtes Handgelenk. Meine Hand sinkt herab, der dumpfe Schlag hat sie lahm gemacht. Ich bin ganz starr über seine Frechheit, ich kann kein Wort sagen und stehe regungslos auf demselben Fleck. Er legt seine Hände wieder auf den Rücken. Nach einer Weile gehe ich an ihm vorüber, auf die Thür zu.»Sie glauben, daß ich Sie noch einmal schlagen will,« sagt er. »Aber das brauchen Sie nicht zu glauben. Gott bewahre!«Ich öffne die Thür mit der linken Hand und erwidere kühl:»Geh und hole meineRechnung!«Der Diener verneigt sich tief vor mir undgeht. Ich höre ihn laut schluchzen, als er zur Thür hinaus ist. — —Ich reiste an jenem Tage nicht; meine Hand schmerzte zu heftig, und ich fühlte mich ziemlich krank. In meinem Handgelenk befanden sich zwei tiefe Löcher. Löcher von blutunterlaufenem, zerquetschtem Fleisch. Die Adern schwellen bis an die Schulter hinauf an. Welche Roheit von einem Diener! Er schien indessen seinenÜberfallsofort zu bereuen, er brachte mir Spiritus für den Arm und legte mir einen Verband um die Wunde; jetzt hinterher konnte niemand behilflicher sein als er. Er sorgte auch dafür, daß in den Nebenzimmern alles still war, nachdem ich mich am Abend zur Ruhe begeben hatte, und dies that er ganz aus eigenem Antrieb. Einen Haufen betrunkener Bauern, die gegen ein Uhr des Nachts vor meinen Fenstern stehen blieben und sangen, jagte er wütend weg. Ich hörte, wie er ihnen Vorwürfe machte, weil sie die nächtliche Ruhe eines kranken, vornehmen Herrn störten, eines Fürsten, der sein Handgelenk verletzt habe.Am nächsten Tage schellte ich zweimal, ohnedaß er kam. Ich war in gereizter Stimmung und sehr krank, ich zog heftig an der Glocke und schellte noch einmal. Endlich sah ich ihn die Straße heraufkommen. Er war ausgewesen. Als er in mein Zimmer kam, konnte ich mich nicht enthalten zu sagen:»Ich habe eine Viertelstunde geschellt. Ich will gern das Doppelte bezahlen, wenn Sie glauben, daß Sie es verdienen. Bringen Sie mir Thee.«Ich sah, wie wehe meine Worte ihm thaten. Er erwiderte nichts, sondern eilte hinaus, um den Thee zu holen. Ich wurde plötzlich ganz gerührt durch seine Geduld und Demut; er hatte vielleicht nie im Leben ein freundliches Wort erhalten, jetzt war ich auch unbillig gewesen. Ich wollte mein Unrecht gleich wieder gut machen. Deswegen sagte ich, als er zurückkam:»Verzeih mir! Ich werde nie so etwas wieder sagen. Ich bin heute auch krank.«Er schien sehr erfreut über meine Freundlichkeit zu sein und entgegnete:»Ich mußte vorhin fortgehen. Ich versichereSie, daß es eine ganz notwendige Besorgung war.«Aber durch meine Freundlichkeit ermuntert, kam sofort die alte Geschwätzigkeit wieder zum Vorschein. Er steckte voller Geschichten und war bereit, mir allerlei aufgespürte Geschichten über Dinge und Leute im Hotel zu erzählen.»Wenn ich es Ihnen erzählen darf,« sagte er, »so hat der Herr von Sinvara in diesem Augenblick einen Mann nach Hause geschickt, um Geld zu holen, viel Geld. Pavo meint, er werde sich am Roulette ruinieren. Seine Ringe hat er noch nicht wieder eingelöst.«»Es ist gut!« sagte ich.»Und das kleine Mädchen, das Sie gestern sahen, ist übernacht bei ihm gewesen. Sie ist aus den Bergen, sie hat sich eine solche Erhöhung sicher nicht träumen lassen. Selbst ihr Vater wollte es nicht glauben.«Gegen Abend saß ich wieder draußen auf dem Balkon und beobachtete den Verkehr unten auf dem Marktplatz. Ich trug die Hand in der Binde. Der Russe lag auf einer Bank neben mir und las in einem Buch. Plötzlichsah er zu mir auf und fragte, ob ich wisse, daß der Herr von Sinvara einen Kurier abgesandt habe, um mehr Geld holen zu lassen. Er habe am Vormittag auch eine Zusammenkunft mit Pavo gehabt. Pavo habe ihm eine Standrede gehalten und der Vater habe ihm recht geben müssen. Aber er wolle sich nichts sagen lassen, er behaupte, er wolle wenigstens sein Geld wieder haben. Ob man sich einbilde, daß er diesem Komplott von Räubern alles in allem dreiundsechzigtausend in blankem Golde überlassen wolle? Dann irre man sich sehr. Er wolle übrigens nicht allein spielen, um nur seinen Verlust wieder zu ersetzen. Die guten Leute, die ihn so bedauert hatten, als er seine Ringe verloren habe, sollten nur wissen, daß er dem ersten besten Bettler einen solchen Ring an jeden Finger schenken könne, ohne dadurch arm zu werden.»Und das ist wahr,« sagte der Russe, — »er ist schon ein so eingefleischter Spieler, daß es ihm nicht in erster Linie um seinen Verlust zu thun ist. Was ihn jetzt anzieht, ist der Reiz, die Spannung, die Qual, diese wilden Erregungen des Blutes.«»Und Pavo? Was hat denn Pavo dazu gesagt?«»Fliehe das Verderben!« hatte Pavo gesagt. »Richte dich wieder auf, Mensch! Nimm dir ein Beispiel an mir!«Pavo hatte eindringlich geredet, seine Stimme war traurig gewesen, und von Zeit zu Zeit hatte er sogar zum Himmel emporgezeigt. Es war ein köstlicher Anblick gewesen, diesen abgefeimten jungen Sünder eine Tugend heucheln zu sehen, deren er längst verlustig war. Er war frech genug, dem Vater die ernsteste Ermahnungsrede zu halten. Der Vater hatte behauptet, er spiele nur um des Sohnes willen, er wollte diesen von dem Laster erretten, und zu dem Zweck würde er nicht sparen. Da war Pavo heftig geworden: er habe sein ganzes Leben lang seine Selbstachtung bewahrt, der Vater dahingegen habe seine Ringe verspielt, seine Kleinodien in aller Beisein verpfändet. Er, Pavo, habe seine Würde aufrecht erhalten, er habe nie eine Anleihe auf sein Zelt gemacht, das stehe unberührt da, er besorge immer sein Geschäft. Schließlich habe Pavo dem Alten mit Fürst Yariw gedroht.»Schweig!« sagte der Vater. »Ich habe mir selber gelobt, dir die Folgen deiner Ausschweifungen zu zeigen, und das werde ich thun. Leb wohl, Pavo!«Und Pavo hatte gehen müssen. Aber er war direkt von dem Vater in die Spielhölle gegangen.»Glauben Sie denn nicht, daß es wirklich die Absicht des Vaters ist, Pavo auf diese Weise wieder auf den rechten Weg zu bringen?« fragte ich den Russen.Er schüttelte den Kopf.»Vielleicht. Aber das wird ihm nicht gelingen. Außerdem ist der Alte ebenso darauf versessen wie der Junge.«Jetzt sprachen alle von dem Herrn von Sinvara und seinem Spiel. Das sei ihm ganz einerlei, meinte er, und er trug den Kopf noch höher als bisher und machte ein fröhliches Gesicht. Hin und wieder ließ er sich zu einem Scherz mit seiner Umgebung herab.»Sie sehen meine Hände an,« sagte er. »Ach ja, ich bin sehr arm geworden, sogar meine Ringe habe ich verspielt! Hahaha!«Er ging nicht mehr in die Bank, jetzt wo er kein Geld mehr hatte, aber er ließ sich von den Dienern über den Gang des Spieles berichten, wer verlor und wer gewann, wieviel gewagt wurde, wer am kühnsten spielte. Der Russe kam am nächsten Tage und erzählte mir, der Herr von Sinvara habe drei Stunden lang zu Gott um Glück gefleht; er wolle nur das verlorene Geld wieder haben, dann wolle er auch aufhalten. Er habe Gott das mit lauter Stimme gelobt und sogar dabei geweint. Der Russe hatte das von dem Hoteldiener gehört, der durch das Schlüsselloch geguckt hatte.VIEs vergingen drei Tage. Meine Hand schmerzte nicht mehr, ich hatte beschlossen, am Abend abzureisen. Ich ging in die Stadt, um einige Angelegenheiten zu ordnen, unter anderem war ich auf der Polizei, um meinen Paß unterschreiben zu lassen. Auf dem Rückwege kam ich an Pavos Zelt vorüber. Ich fing schließlich gegen meinen Willen an, Interesse fürdiesen Mann und seinen Vater zu fassen. Alle Leute sprachen von ihnen, das ganze Hotel war voll von Geschichten über diese beiden Menschen, ich konnte schließlich nicht mehr umhin, ebensoviel wie die anderen an sie zu denken und jeden Tag nach dem Herrn zu fragen.Ich ging in Pavos Zelt. Am vorhergehenden Abend hatte ich gehört, daß er eine große Summe im Pharao gewonnen habe. Er hatte einen fremden Reisenden seiner ganzen Barschaft beraubt, und ihm dann hinterher ein paar Hundert geschenkt, dann hatte er sich dem Roulette zugewandt, stets vom Glück begleitet, und die Bank um ein ganzes Vermögen geschädigt.»Denken Sie nur,« sagte Pavo zu mir, sobald ich sein Zelt betrat, — »denken Sie nur, der Herr von Sinvara, mein Vater, ist eben hier gewesen, um sich Geld zu leihen! Er wollte seine Ringe einlösen. Es fällt mir natürlich nicht im Traum ein, eine solche Dummheit zu begehen. Mein Vater ist sehr gut und es that mir leid, ihm diesen Liebesdienst abschlagen zu müssen. Aber ich habe es um seiner selbstwillen gethan. Ein Sohn muß für die Ehre der Familie sorgen. Es muß meinem Vater klar werden, wohin es führt, wenn man sich in Thorheiten stürzt. Ich finde, daß ich ganz richtig gehandelt habe. Wie denken Sie darüber?«Sein Äußeres stieß mich diesen Augenblick zurück. Er war selbstbewußt und sicher geworden durch das ungeheure Glück des vorhergehenden Abends, das seine Taschen wieder mit Geld gefüllt hatte. Während er sprach, senkte er die Stirn, verbarg sie, tauchte sie unter, als sei sie gebrandmarkt, und seine Augen logen so sonderbar, sobald er sie aufschlug. Aber er hatte den schönsten Hals, den man sich denken konnte, und einen feinen, roten Mund.»Wie denken Sie darüber?« wiederholte er.»Ich habe kein Urteil darüber,« entgegnete ich.»Das heißt,« murmelte er wütend, »Sie verstehen die Rede eines vernünftigen Mannes nicht.«Er zuckte heftig die Achseln und lief vor seinem Ladentisch auf und nieder. Dann stand er still und fragte:»Womit kann ich Ihnen übrigens dienen, da Sie sich die Mühe gemacht haben, mich aufzusuchen?«Ich nannte allerlei, was mir gerade einfiel, wofür ich aber im Grunde keine Verwendung hatte. Als ich das Gewünschte erhalten hatte, entfernte ich mich wieder.Kaum war ich ins Hotel zurückgekehrt, als der Diener auf mich zustürzte und mir erzählte, der Kurier des Herrn von Sinvara sei mit Geld angelangt. Jetzt säße er da, bereit, das Spiel von neuem zu beginnen, sobald die Bank geöffnet werde. Pavo wisse nichts davon. Pavo solle nichts wissen, er, der Diener, habe ausdrücklich eine Bezahlung dafür erhalten, daß er nicht hinlief und es Pavo erzählte.Die Uhr wurde fünf.Sobald der Spielsaal geöffnet wurde, begab sich der Herr von Sinvara dorthin. Er war in erregter Stimmung, er machte die eigentümlichsten Handbewegungen, als versichere er etwas, als gelobe er etwas.Der Prinz und der alte Militär waren auch zugegen, der Rumäne hingegen nicht, einpaar Fremde fingen auch an zu spielen. Zuerst löste der Herr von Sinvara seine Ringe aus.»Ich werde heute abend mit den höchst zulässigen Summen operieren,« sagte er zu dem Croupier, ohne ihn aber anzusehen. Seine Miene war von jetzt an kühl und vornehm.»Möchte Ihr guter Stern Ihnen Glück schenken,« sagte der Croupier, indem er sich verneigte.Das Spiel begann.Der Herr von Sinvara sah entschlossen aus. Er setzte dreimal hintereinander auf Rot und gewann. Dann steckte er sein eigenes Geld in die Tasche und spielte von nun an nur mit dem Gewinn. Er macht ein paar Mal den Versuch mit dreizehn, verliert aber, der Wechsel des Glückes reizt ihn, er setzt noch ein paar Mal auf Rot und gewinnt. Jetzt hat er eine beträchtliche Summe vor sich auf dem Tisch liegen, er spielt ohne Berechnung, ohne Überlegung, er wagt kühn, und um keine Zeit zu verlieren, bereitet er sich schon, ehe das Rad still steht, auf den nächsten Einsatz vor. Er zählt auch nicht, er spielt in Ekstase. SeineAugen fallen auf ein schwarzes Quadrat auf dem Tisch, und er setzt eine große Summe auf dies Quadrat.Schwarz gewinnt. Er gewinnt jetzt unaufhaltsam. Dieses schwarze Quadrat wird eine Goldgrube, aus der er Schätze schöpft, und er nutzt sie aus. Plötzlich besinnt er sich, er hält einen Augenblick inne, er atmet tief auf. Das Rad dreht sich herum, aber der Herr von Sinvara vergißt, seinen Einsatz zu machen, er atmet noch immer tief auf. Sein kleines Mädchen kommt herein. Lächelnd und rosig nähert sie sich ihm. Er bemerkt sie und winkt ihr ab.»Siehst du, du kommst, und ich vergaß zu setzen!« sagt er. Im nächsten Augenblick winkt er sie wieder heran. Das Rad ist stehen geblieben, der Zeiger steht auf Rot, und es war das Glück des Herrn von Sinvara, daß er es diesmal unterlassen hat, auf das schwarze Viereck zu setzen. Er legt einen seiner kostbaren Ringe in die Hand des kleinen Mädchens und flüstert ihr etwas zu. Und das kleine Mädchen wird dunkelrot, schlingt die Arme um ihren eigenen Hals und läuft aus dem Saal hinaus.Aber der Herr von Sinvara setzt das Spiel fort, dummdreist, völlig mechanisch. Er nimmt mehrere Hände voll Geld, viele schwere Rollen und setzt sie auf Rot. Gleich darauf erfaßt ihn eine schreckliche Unsicherheit, er macht eine ängstliche Bewegung mit der Hand, als wolle er die Summe wieder zurückziehen, beherrscht sich aber und läßt sie stehen.Das Rad hält an.»Rot!«»Rot!« wiederholt der Herr von Sinvara. Und er lächelt den Umstehenden wieder triumphierend zu und spricht laut: »WiederRot!Ja, ich hatte eine Ahnung davon!«Von diesem Augenblick an verliert er die Besinnung. Die Uhr wird zehn, mehrere Fremde kommen herein, die eigentlichen Spieler, deren Stunde erst jetzt mit diesem Glockenschlag beginnt. Unter ihnen befindet sich der Rumäne. Ich vergaß meine Reise und rührte mich nicht vom Fleck, ich folgte den Operationen des Herrn von Sinvara mit der größten Spannung. Er selber merkte nichts von allen den neuen Menschen, die ihn umgaben, er ahnte kaum,daß er Mitspieler am Tische hatte. Sein Glück halluciniert ihn, und er arbeitet mit großen Summen auf mehreren Nummern zu gleicher Zeit. Eine Laune, eine plötzliche Eingebung, veranlaßt ihn, eine Hand voll Geld zu nehmen und den höchsten Einsatz auf fünfundzwanzig zu setzen. Drei von den Spielern folgen seinem Beispiel, alle um ihn her flüstern und warten.»Dreizehn!«Verloren. Der Rumäne knirscht die Zähne vor Verzweiflung. Der Herr von Sinvara hat einen neuen Einfall. Er richtet sich halb auf seinem Stuhl auf und setzt die höchste Summe auf Null. Niemand folgt ihm mehr, dies verzweifelte Spiel schreckt alle zurück.»Null!«In dem Getöse, das jetzt entstand, hörte ich den Rumänen fürchterlich fluchen. Gleich darauf kam Pavo zur Thür herein, von dem Hoteldiener gefolgt, der ihn doch benachrichtigt hatte. Pavo ging gleich auf den Stuhl des Vaters zu; ohne etwas zu sagen, packte er ihn bei der Schulter und schüttelte ihn.Er sah auf, erkannte den Sohn und ergabsich sofort. Er begriff, daß ihm kein Widerstand half, er war auch zu angegriffen.»Wie zornig du bist, Pavo,« sagte er nur. Mechanisch zieht er seinen letzten Gewinn ein, sammelt sein Geld und fängt an, seine Taschen zu füllen. Er stopft Gold und Papier zusammen in wilder Unordnung, nimmt dann den letzten Haufen Scheine in die Hand, steht auf und geht mit Pavo.Der Croupier sieht den Davonziehenden mit wütenden Blicken nach; das Spiel gerät ins Stocken — —Später erzählt man im Hotel, der Herr von Sinvara habe nicht nur seinen ganzen Verlust am Roulette vom vorhergehenden Abend wieder eingeholt, sondern außerdem noch eine kleine Summe gewonnen. Man nannte siebenhundert als Reingewinn. Ich freute mich im Stillen darüber, ich gönnte ihm den Sieg. Niemand spielte aus ehrlicherem Herzen als er, und nun würde er dem Roulette sicher für ewige Zeiten den Rücken wenden.

Er sah mich an.

»Ich blieb!« sagte er.

»Sie blieben?« fragte ich gähnend. »Die Nacht über? Bei dem Mädchen?«

»Ich bin eine erbärmliche Seele!« sagte er.

»Aber um des Himmels willen! Was dachten Sie sich denn dabei? Waren Sie betrunken?«

»Das auch. Zuletzt. Aber vor allen Dingen bin ich nicht weniger widerwärtig und jämmerlich als andere Menschen, das ist die Sache. Sie war ein Mädchen, deren Geschichte ich kannte. Es war mir eine solche Wollust, zügellos zu sein. Können Sie das begreifen? So blieb ich denn. Und in welch ein Meer von Zügellosigkeit wir versanken!«

Der abscheuliche Cyniker schüttelte den Kopf über sich selber.

»Aber jetzt will ich wieder zu ihr gehen,« fuhr er fort. »Es muß sich noch etwas thun lassen! Hm! Sie meinen, ich sei nicht die geeignete Persönlichkeit dazu? Ich bin vielleicht doch nicht so schlimm wie Sie glauben. Sie denken an die Geschichte von übernacht. BedenkenSie, wenn ich nicht geblieben wäre, so wäre ein anderer gekommen, und bei einem solchen Tausch würde sie voraussichtlich verloren haben. Wenn sie ihren Umgang wählen könnte, glaube ich, würde sie unfehlbar mich wählen, ich bin rücksichtsvoll und habe Verständnis, ich vergesse auch keinen Augenblick, ihr zu widerstehen. Aber das Sonderbare ist, daß gerade dieser Zug an mir sie reizte. Das sagte sie selber. >Du widerstehst mir so herrlich!< sagte sie. Was soll man einem solchen Mädchen gegenüber anfangen? Und dann muß man auch bedenken, daß sie einzig und allein um der Blumen willen in ihrem Herzen so übel zugerichtet ist. Das war der Anfang. Wäre es erlaubt gewesen, Blumen auf den Gräbern zu pflücken, so wäre sie jetzt ein anständiges Mädchen. Aber da faßten wir sie ab, und ich war dabei behilflich! Ich war dabei behilflich!«

Er schüttelte von neuem den Kopf und versank in Sinnen.

Endlich erwachte er wie aus einem Traum.

»Ich habe Sie gewiß aufgehalten. Ich fühleauch selber, daß ich müde bin. Ahnen Sie, wieviel Uhr es ist?«

Ich wollte meine Uhr herausziehen. Ich hatte sie nicht bei mir, ich hatte sie zu Hause vergessen.

»Danke, es ist auch einerlei,« sagte er und erhob sich, streckte seine Beine und zog seine Beinkleider herunter. »Sehen Sie, da kommt die vornehme Dame zurück, die Trauer ist beendet, das kleine Mädchen trägt keine Blumen mehr. Die Blumen liegen wieder da unten, Rosen und Kamelien; in vier Tagen sind sie verwelkt. Wenn ein kleines Mädchen sich dieser Blumen bemächtigt, um sich ein Paar Schuhe dafür zu kaufen, so glaube ich, es ist kein Unrecht!« —

Jetzt sah mich der Mann eine ganze Minute an, trat ganz nahe an mich heran und brach in ein verhaltenes Lachen aus.

»Sehen Sie, solche Geschichten muß man erzählen,« sagte er. »Für die findet man willige Ohren. Tausend Dank, verehrter Zuhörer!«

Er nahm den Hut ab, verbeugte sich und ging.

Ich blieb in einem sehr verdutzten Zustand zurück. Er hatte mich mit einem Schlage in einen Wirbel von Verwirrung versetzt und meinen klaren Verstand ganz umnebelt. Dieses Schwein! Er hatte die Nacht bei dem Mädchen zugebracht! Bei dem Mädchen? Eine verdammte Lügengeschichte! Er hatte mich zum Besten gehabt, seine erschütternde Erzählung war eine Erfindung von einem Ende bis zum andern. Wer aber war denn dieser Erzschelm? Wenn ich ihn noch einmal wieder treffe, so setzt es was! Er hat die Geschichte vielleicht irgendwo gelesen und sie auswendig gelernt, sie gehörte nicht zu den schlechtesten, der Bursche hatte Talent. Hahaha! Weiß Gott, der hat mich an der Nase herumgeführt!

Ich ging in großer Verwirrung nach Hause. Ich suchte nach meiner Uhr. Sie lag nicht auf dem Tisch. Ich schlug mich gegen die Stirn: meine Uhr war gestohlen! Natürlich hatte er meine Uhr gestohlen, als er neben mir saß. Ha! Dieser Schlingel!

Jetzt blieben mir zwei Auswege. Ichkonnte eine Anzeige machen und meine Uhr in ein paar Tagen von einem Pfandleiher wiederbekommen. Dann wurde der Bursche auch wohl bald hinterher festgenommen. Oder ich konnte schweigen. Das war der zweite Ausweg.

Ich schwieg.

I

Im letzten Herbst machte ich eine Reise nach dem Süden, weit nach dem Süden hinab, und kam an einem frühen Morgen mit dem Flußdampfer nach dem Dorf D., einem kleinen Dorf, einem sonderbaren Dorf, versteckt und vergessen, einem Dorf mit einem Dutzend Häuser, einer Kirche, einem Posthause und einer Flaggenstange. Der Ort ist Eingeweihten, Abenteurern und Spielern, feinen Leuten und Vagabunden, bekannt, und während einiger Sommermonate des Jahres herrscht in diesem Krähwinkel Leben und großer Umsatz.

Jetzt war Markt im Dorfe, und die Bevölkerung der Umgegend war herbeigekommen; sie trugen Gewänder aus Seide und Pelz mit Gürteln und Schärpen und Geschmeiden, allesnach Stand und Vermögen. Um die Kirche herum standen Reihen von Zelten, wo gekauft und verkauft wurde; eins dieser Zelte war blau, — es war das Zelt des Pavo aus Sinvara.

Aber ganz in der Nähe der Kirche, mitten zwischen der Flaggenstange und dem Posthause, lag das Hotel. Das obere Stockwerk war blau, — dort verspielten die Spieler ihr Geld.

Man erzählte im Hotel, heute abend würde Pavo ganz sicher kommen. Ich fragte, wer Pavo sei, und man ersah aus dieser Frage, daß ich hier fremd war, sonst kannten alle Pavo. Er war der Mann, der die Bank dreimal gesprengt hatte, sein Vater war der Besitzer des größten Gutes in meilenweitem Umkreis, und Pavo selber hatte bei dem letzten Frühlingsfest sein ganzes Vermögen durchgebracht. Alle Mädchen des Dorfes sprachen von ihm, wenn sie am Abend bei der Pumpe zusammenkamen, und die Frommen beteten für ihn, so oft sie an ihn dachten. Kurz, er war der Spieler und der verlorene Sohn, eine gefallene Größe, ein Ex-Krösus, Pavo aus Sinvara. Er war der Stolz der Stadt und ihre Schande zugleich.

Und mit Pavos Zelt hatte es die Bewandtnis, daß seine gute Mutter das Zelt für ihn gekauft, und ihm das Geschäft eingerichtet hatte, um ihn, wenn möglich noch auf den rechten Weg zu bringen. Es hätte ja auch alles gut gehen können, wenn Pavo nur hätte Ernst machen wollen, aber das mißratene Kind hatte schon in der nämlichen Woche sein Zelt mit der blauen Farbe der Spielbank angestrichen, denn sein Sinn war unverändert. Er spielte auch noch immer. Alles, was er hinter dem Ladentisch verdiente, legte er auf den Roulette-Tisch, und in der Regel verließ er die Bank ärmer, als er gekommen war. Sein Zelt hatte eine gute Kundschaft; er verkaufte viele Sachen, weder die Bauern noch die Dorfbewohner gingen an ihm vorüber, alle wollten mit Pavo aus Sinvara handeln. Und seine Mutter verschaffte ihm immer Waren in Hülle und Fülle, sein Zelt war bis an das Dach vollgepfropft.

Jetzt, heute abend, sollte er kommen. Das ganze Dorf wußte, daß er kommen würde.

II

Die Turmuhr schlug, ich hörte den singenden Schlag, der sich in den übrigen Lärm vom Marktplatz her mischte. Plötzlich klopfte der Hoteldiener an mein Zimmer. Der junge Mann war sehr erregt.

»Denken Sie nur,« sagte er, — »der Herr von Sinvara will auch kommen!«

Ich hatte nicht um diese Mitteilung gebeten, und ich sagte zu dem Diener, daß besagter Herr mich nichts angehe. Wer war es? Woher kam er? Der Diener zuckte die Achseln und erklärte, der Herr aus Sinvara sei kein anderer als der vornehmste Herr der ganzen Gegend, der reichste Herr, Fürst Yariws Freund und Pavos leiblicher Vater. Undderwürde kommen. Im übrigen sei der Zweck seines Kommens wohl nichts weiter, als daß er sich danach umsehen wollte, wie es mit seinem Sohn stünde; er wollte selber dies verfluchte Roulette sehen, das sein Kind ruinierte und dessen Mutter so viel Kummer bereitete.

»Alle diese Nachrichten interessieren michnicht,« antwortete ich dem Diener. »Dagegen habe ich um Thee gebeten. Adieu!«

Und dann ging der Diener.

Als die Uhr sechs war, entstand große Bewegung im Hotel, der Herr war gekommen. Er ging an der Seite seines Sohnes, Pavo in heller Kleidung, er selber in dunkler. Er war ernsthaft und bestimmt. Die Kirchenglocke läutete, denn schon beim Betreten des Dorfes hatte der Herr der Kirche eine große Summe versprochen, die deren Zukunft völlig sicherte. Er hatte außerdem die Flaggenstange des Posthauses mit einer neuen Flagge bedacht. Aus diesem Grunde war das ganze Dorf in gehobener Stimmung. Die Diener erhielten einen freien Tag, alle Leute waren auf den Straßen, und der Bürgermeister ging in einer funkelnagelneuen Uniform umher.

Der Herr von Sinvara war ein würdiger Mann von einigen sechzig Jahren, ein wenig korpulent, ein wenig blaß und aufgeschwemmt von dem stillen Leben, das er führte, aber mit gewichstem Schnurrbart und jungen Augen; er hatte außerdem eine lustige, aufwärts gebogeneNase. Es war allgemein bekannt, daß er Fürst Yariws Freund war, er hatte zwei hohe Orden, trug sie aber selten, weil sein Auftreten auch ohne diese Dekoration höchst respekteinflößend war. Redete er jemand an, so nahm der Angeredete den Hut ab und antwortete.

Als er ein Glas Wein getrunken hatte, sah er alle die neugierigen Menschen an, die ihn bis an das Hotel begleitet hatten, und er gab ihnen allen etwas. Ein kleines Mädchen rief er sogar aus dem Haufen heraus und schenkte ihr mit eigener Hand ein Goldstück. Aber das Mädchen war nun freilich nicht so übertrieben klein, auch war sie nicht mehr unter sechzehn, siebzehn Jahre alt.

Plötzlich sagt er:

»Wo ist die Bank? Ich will dahin.«

Pavo, der ganz entzückt über den Einfall des Vaters ist, geht vor ihm her die Treppe hinauf. Alle folgen ihnen.

Er wurde dadrinnen mit der größten Aufmerksamkeit empfangen. Das Rad ist in vollem Gange, das Spiel ist sehr lebhaft; ein brünetter Herr, den der Diener Prinz nennt, macht liebenswürdigvor seinem Freund, dem großen Herrn von Sinvara Platz.

Im selben Augenblick ruft der Croupier:

»Dreizehn!«

Er heimst alles Geld ein.

Da lagen Haufen von Silber, viele große goldene Münzen und ganze Packen von Papiergeld auf dem Tisch, alles verschwindet in dem eisernen Schubfach der Bank unter dem Tisch. Und es wird von neuem Geld gesetzt, so stillschweigend und ruhig, als sei nichts geschehen. Und doch bedeutete in Wirklichkeit diese Dreizehn einen großen Coup. Aber niemand spricht, das Spiel geht seinen Gang, das Rad saust herum, wird langsamer, steht still: Wieder dreizehn!

»Dreizehn!« ruft der Croupier abermals und heimst das Geld ein.

Diese beiden Coups haben ihn um viele hundert Goldstücke reicher gemacht, als er war. Und wieder wird gesetzt, der Prinz wirft eine ganze Hand voll Scheine auf den Tisch, ohne sie zu zählen. Niemand spricht, es ist sehr still rings umher, einer der Diener stößt in seiner Erregungein leeres Weinglas gegen den Tisch, ein feines Klirren ertönt und mischt sich in den dumpfen Laut des Rades, das sich dreht.

»Erkläre mir doch das Spiel,« sagte der Herr von Sinvara.

Und Pavo, der das Spiel aus dem Grunde kennt, teilt ihm alles darüber mit. Der große Mann ist ganz von dem Prinzen in Anspruch genommen. »Er wird sich ruinieren!« behauptet er. Und als sei es sein eigenes Geld, das auf dem Spiel steht, rückt er unruhig auf seinem Stuhl hin und her.

»Der Prinz ruiniert sich keineswegs,« entgegnet Pavo. »Er arbeitet nur mit dem Gewinn des Tages. Der versteht zu spielen.«

Es verhielt sich wirklich so. Der Prinz hatte viel gewonnen; ein Diener stand fortwährend neben seinem Stuhl, um ihm Wasser zu reichen, sein Taschentuch aufzunehmen, wenn er es fallen ließ, ihm alle möglichen Dienste zu leisten, alles in der Hoffnung auf eine gute Belohnung, sobald das Spiel beendet war.

Ein großer, blasser Mann, ein dunkelhaariger Rumänier steht neben ihm. Er spieltums Leben. Infolge der beiden letzten Dreizehn hat er eine ungeheure Summe verloren, da er eigensinnig auf seine eigene, unglückliche Einzelzahl gehalten hat. Er steht halb hinter dem Herrn von Sinvara und streckt die Hand über dessen Schulter, wenn er seinen Einsatz macht. Sein Arm zittert.

»Der junge Mann ist verloren!« sagt der Herr.

Der Sohn, Pavo, nickt und sagt:

»Verloren!«

»Bitte ihn, aufzuhalten!« fährt der Vater fort. »Sage es ihm von mir. Warte, ich will es selber thun.«

Hierauf entgegnete der Sohn, es sei nicht erlaubt, Ratschläge zu erteilen, — »ebenso wenig,« fügt er verschmitzt hinzu, »ebenso wenig, wie es erlaubt ist, nur als Zuschauer hier zu sitzen.«

Der Vater sieht ihn verwundert an. Er begreift nicht, daß in Pavos Herzen schon die Lust rast, sich am Spiel zu beteiligen.

»Hier stehen ja so viele andere, die auch nicht spielen!« wendet er ein.

»Das sind Spieler, die nur darauf warten, daß die Reihe an sie kommt,« lügt Pavo.

Da zieht der Herr von Sinvara mit großer Vorsicht sein Taschenbuch hervor.

»So, spiele!« sagt er, — »spiele ein wenig, zeige es mir. Aber ganz niedrig, ungefährlich.«

Gleich darauf aber ergreift er den Arm des Sohnes und verlangt Aufklärung über die sonderbare Zahl dreizehn:

»Warum gewinnt dreizehn jedesmal? Ist das nicht ein Betrug vom Croupier? Sage ihm das doch!«

Er ist gerade im Begriff, sein Taschenbuch wieder einzustecken, als ihm plötzlich ein Gedanke kommt. Er zieht einige Scheine heraus, schiebt sie Pavo hinüber und sagt:

»Setze auf dreizehn!«

Pavo wendet ein:

»Die dreizehn ist zweimal hintereinander herausgekommen.«

Der Vater nickt und entgegnet bestimmt:

»Ja! Setze auf dreizehn!«

Pavo wechselt einen Schein, wirft ein Goldstück auf Nummer dreizehn und lächelt nachsichtig über diese Thorheit.

»Verloren!« sagt der Vater. »Versuche es noch einmal. Setze das Doppelte!«

Pavo machte keine langen Einwendungen. Dies ist zu komisch. Man wechselt die Plätze am Tisch, Pavo setzt einmal nach dem andern die doppelte Summe, und alle wollen den sonderbaren Spieler, den Herrn von Sinvara sehen. Er selber ist schon sehr interessiert, seine lebhaften Augen folgen den Bewegungen des Rades, er rückt auf dem Stuhle hin und her. Er ballt seine etwas fette Hand, an dem einen Finger trägt er zwei kostbare Ringe.

Als der Croupier die Zahl dreiundzwanzig statt der erwünschten dreizehn nennt, ruft er:

»Ei was, setze noch einmal auf dreizehn! Setze hundert!«

»Aber —«

»Setze hundert!«

Und Pavo setzt. Das Rad spinnt weiter, der Zeiger rast zwanzig, dreißig Mal über jede Zahl hin, er sucht zwischen allen diesen Chancen, Rot und Schwarz, Gleich und Ungleich, von eins bis siebzehn, von siebzehn bis vierunddreißig, er durchsucht das ganze System, beschnüffelt jede Zahl und bleibt stehen.

»Dreizehn!« ruft der Croupier.

»Nun, Pavo, hatte ich nicht recht?« sagt der Herr von Sinvara. Und er brüstet sich und läßt alle Umherstehenden hören, was er sagt: »Setze nocheinmal,setze hundert auf dreizehn!«

»Das kann nicht dein Ernst sein, Vater. Dreizehn kommt wahrscheinlich den ganzen Abend nicht mehr heraus.«

»Setze hundert auf dreizehn!«

»Warum willst du das Geld wegwerfen?«

Der Herr von Sinvara wurde ungeduldig, er machte eine Bewegung, als wollte er dem Sohn das Geld wegnehmen, beherrschte sich aber und sagte:

»Mein Sohn, wenn ich nun die Absicht hätte, die Bank zu sprengen und das abscheuliche Roulette um einer gewissen Ursache willen zu zerstören? Setze hundert auf dreizehn!«

Und Pavo setzte abermals. Er wechselte ein Lächeln mit dem Croupier, und der Rumäne lachte laut auf. Das Pharaospiel am Nebentisch hörte gänzlich auf, aller Aufmerksamkeit war auf das Roulette gelenkt.

»Dreizehn!«

»Was hab' ich gesagt!« rief der Herr von Sinvara. »Da ist das Geld. Wie viel soll hier sein? Zähle es nach!«

Pavo war ganz bestürzt.

»Dies sind drei und halbes tausend,« sagte er ganz geschlagen. »Du hast im ganzen fünftausend gewonnen.«

»Gut, jetzt spiele du! Laß mich sehen, wie du es machst. Setze auf Rot!«

Pavo setzte auf Rot und verlor.

Der Vater nickte und lächelte den Zuschauern zu.

»So also spielst du! Siehst du denn nicht, wohin das führt? Man hat mir erzählt, du habest die Bank dreimal gesprengt, das war gut gemacht. Aber warum hast du alles wieder verloren? Setze aufGerade!«

»Wieviel?«

»Soviel du willst. Setze sechshundert.«

»Sechshundert ist zu viel.«

»Ich überlege mir eben, ob du nicht noch mehr setzen sollst. Ja, ich will es! Setze zwölfhundert auf Gerade.«

Gerade verlor.

Da erhob der Herr von Sinvara seinen fetten Finger drohend und sagte heftig:

»Geh, Pavo! Hier haben wir um deinetwillen zwölfhundert verloren. Jetzt entferne dich. Ich wünsche es.«

Und Pavo ging. Ich folgte ihm. Er lachte, lachte wie ein Besessener. Ob ich jemals so ein Spiel gesehen hätte? »Er sitzt da und gewinnt Tausende allein auf Grund seiner Dummheit. Gott halte seine Hand gnädig über ihm. Welch ein Einfall von dem guten Mann, Roulette spielen zu wollen!«

Pavo redete alle an, die er traf und erklärte ihnen unter lautem Lachen, was für einen Einfall der Vater gehabt habe.

Späterhin am Abend hörte ich, der Herr von Sinvara habe neuntausend verloren, ehe er die Bank verließ.

III

Es war zehn Uhr. Ich saß auf dem Balkon des Hotels und rauchte in Gesellschaft des Russen Iljitsch eine Papyrus nach der anderen.Plötzlich ruft der Hoteldiener zu uns herauf, der Herr von Sinvara habe eben nach seinem Sohn geschickt. Ich war gerade im Begriff, ihm einen Verweis wegen seiner Zudringlichkeit zu erteilen, der Russe aber hielt mich zurück. Er war neugierig geworden.

»Geben Sie acht,« sagte er. »Wir wollen doch sehen, was jetzt kommt. Er schickt zu nächtlicher Stunde nach Pavo!«

Wir saßen eine Weile und rauchten schweigend. Pavo kommt. Der Vater geht ihm bis vor die Hoteltreppe entgegen.

»Hör' einmal,« sagt er. »Ich habe neuntausend bei dem verfluchten Roulette verloren. Ich war schon zu Bett gegangen, aber ich konnte nicht einschlafen. Dies Geld peinigt mich, es war genau die Summe, die ich der Kirche gelobt hatte. Ich muß sie zurückgewinnen. Ich finde keine Ruhe, bis ich dies Geld wieder in Händen habe. Ich muß nach der Bank zurück.«

Pavo steht stumm da.

Selbst Pavo, der gewiegte Spieler ist starr vor Staunen. Er sagt kein Wort.

»Was stehst du da!« ruft der Vater aus. »Das Spiel hört ja nicht vor Mitternacht auf, wir haben noch zwei ganze Stunden. Laß uns keine Zeit verlieren.«

Und von dannen ging es.

»Kommen Sie!« sagte der Russe zu mir. »Lassen Sie uns hineingehen. Dort wird sich etwas ereignen.«

Das Spiel war aufgeregter denn je. Wie immer, wenn Mitternacht naht, wurden größere Summen als zu Anfang des Abends gewagt. Der Prinz sitzt noch immer finster und ruhig auf seinem Platz, setzt Geld und gewinnt. Es lagen wohl sechzigtausend vor ihm auf dem Tisch. Er operiert gleichzeitig mit drei Chancen, besorgt alles mit der größten Ruhe, setzt Hände voll Geld, ohne es jedoch zu zählen. Nichts stört ihn, nicht einmal der bleiche, rasende Rumäne, der, nachdem er Dreiviertelstunden regelmäßig und bescheiden gewonnen hat, wieder anfängt zu verlieren. Auch er stapelt sein Geld auf und versucht in jedem freien Augenblick, es zu zählen, es in Haufen zu je eintausend zusammen zu legen, um einenÜberblicküberden Bestand zu behalten; aber er ist zu unruhig, seine Hände zittern, er muß auch die ganze Zeit hindurch das Rad beobachten, und er giebt es schließlich auf zu zählen. Wie dumm er es macht! Er spielt im Quadrat, belegt vier Nummern, hält ununterbrochen diese Zahlen wie ein trotziges Kind, das nichts aufgeben will. Er würde vielleicht lieber ohne einen roten Heller vom Tische gehen, als diese Chance aufgeben.

Der Prinz wirft einen Blick auf die Thür, als Vater und Sohn wieder eintreten, er macht auch neben sich Platz. Dann setzt er das Spiel kühl und finster fort, völlig kaltblütig. Er scheint sich eines großen Respekts bei den Spielern zu erfreuen.

»Pavo!« sagt der Herr von Sinvara, — »du spielst wie gewöhnlich, was du selber willst. Hier ist Geld. Nicht wahr, du hast am meisten Glück mit Rot, setze also auf Rot.«

Pavo erkundigt sich bei seinem Nachbar, einem alten Militär mit einem Arm, und dieser teilt ihm mit, daß Rot sieben Mal hintereinander herausgekommen ist. Deshalb setzt Pavo auf Schwarz.

»Gerade — vierundzwanzig — siebzehn zu vierunddreißig — Rot!« meldet der Croupier und streicht das Geld ein.

»Du fängst schlecht an, Pavo, setze aber doch nach deinem Kopf,« sagt der Herr von Sinvara enttäuscht. »Wie oft soll ich es sagen? Glaubst du, daß ich das Geld in Scheffeln habe? Jetzt setzest du auf Rot!«

Aber Rot verlor. Endlich nach acht Malen kam Rot an die Reihe, traf das Kreuz des Rumänen und brachte ihn wieder auf die Beine. Rasend über sein Unglück, zur Verwegenheit getrieben, hatte er diesmal eine kolossale Summe auf seine vier Zahlen geworfen, und von Trotz verfärbt, war es ihm im Augenblick gleichgültig, ob er gewann oder verlor. Als das Rad stillstand und der Zeiger auf einer von seinen vier Zahlen liegen blieb, rief er instinktmäßig den Diener, der hinter dem Stuhl des Prinzen stand und gab ihm, ohne ein Wort zu sagen, einen Schein. Dann setzte er von neuem mit zitternden Händen.

»Pavo!« sagt der Vater wieder, »du hast nun abermals verloren. Du hast gar keinGlück. Ich lasse dich mein Geld durchbringen, und ich thue es um deiner selbst willen. Diese Nacht will ich dich bessern. Pavo, hast du mich verstanden?«

Und der durchtriebene Pavo versteht ihn sehr wohl. Er weiß, daß sein guter Vater schon von dem Rausch des Spiels erfaßt ist, und selbst wenn er verliert, ist es ihm doch eine Lust, teilzunehmen. Er durchlebt so heftig wie nur irgend jemand die Qualen des Spiels, bei den großen Chancen stockt sein Blut, er hört seinen eigenen Atem. Ach, das alles versteht Pavo nur zu gut!

Plötzlich wird er nachdenklich, er wird aufmerksam, geistesabwesend. Der Croupier macht ihn darauf aufmerksam, daß er — der hochverehrte Spieler — gegen sich selber spielt, und er wundert sich in seinem stillen Sinn über Pavo. Ich selber werde darauf aufmerksam, daß Pavo einmal über das andere Geld zurücknimmt, das er bereits gesetzt hat, gleichsam um es zu retten, ehe das Rad stillsteht. Ist er vernünftig geworden? Fürchtet er das Unglück?

Der Russe aber führt mich an ein Sofa am Ende des Saales und fängt an über Pavo zu reden. Ob ich nicht bemerkt habe, daß er plötzlich sein Spiel veränderte? Ach, Pavo war im Grunde klug wie ein Teufel, er verstand sich auf so viel. Der Russe zeigte zu Vater und Sohn hinüber und sagte:

»Von den beiden ist der Sohn am geringsten besessen. Pavo hat schon gemerkt, daß die Spielsucht seinen Vater gepackt hat, er will ihn zurückhalten. Es ist sehr komisch, aber er will wirklich versuchen, den Alten zurückzuhalten. Nicht wahr, das ist brillant? Es kann Pavo nicht gleichgültig sein, ob sich der Vater ruiniert.«

Wir sitzen dort im Sofa. Am Roulette geht etwas Ungewöhnliches vor sich, alle haben den Herrn von Sinvara und seinen Sohn umringt. Das Pharaospiel hat aufgehört, selbst die drei Bergbauern in den großen, grauen Mänteln mit den Metallgürteln und die alten Zeltkrämer, die unten an der Thür gesessen und unter sich um Weinkannen gespielt haben, stehen auf und mischen sich unter die Menge am Roulettetisch. Wir gehen auch dahin.

»Geben Sie jetzt acht!« sagt der Russe. Er ist sehr erregt.

Der Herr von Sinvara hatte wieder angefangen mit Nummer dreizehn zu operieren. Er hatte in seinem Eifer selbst das Geld übernommen und den Einsatz persönlich besorgt. Seine fetten Hände wühlten in den Scheinen, zitternd, suchend, das schmutzige Papier umkrallend, eifrig bemüht, es zu zählen und in Haufen zu ordnen. Er spricht nicht und Pavo sitzt schweigend an seiner Seite. Seine Miene ist sehr finster.

»Dreizehn!« meldet der Croupier.

Der Herr von Sinvara zuckt zusammen, und selbst Pavo sieht ganz blödsinnig aus. Welch Glück heftete sich doch an dies sinnlose Spiel! Der letzte Coup bricht eine große Lücke in die Bank. Der Croupier zahlt die Summe mit ruhigen Bewegungen aus. Diesen Mann setzt nichts mehr in Erstaunen, er hat alle Launen des Hazards gesehen, hat die verzweifeltsten Dinge erlebt. Der Prinz bleibt einen Augenblick fassungslos stehen, gleich darauf packt er all sein Geld zusammen, scheidetdas Geld von dem Papier und stopft alles in seine Taschen. Er verlangt ein Glas Wein, das er in einem Zuge austrinkt, dann steht er auf und schließt mit dem Spiel ab. Beim Hinausgehen verteilt er Scheine nach rechts und links, an alle Diener, die ihm in den Weg kommen.

Der Herr von Sinvara aber stößt seinen Sohn gegen den Arm und sieht ihn mit fieberglühenden Augen an.

»Siehst du. Siehst du wohl! Willst du mich spielen lehren? Ich spiele euch doch alle unter den Tisch!«

Und er lacht kurz und laut auf, zu den erstaunten Zuschauern gewendet. Entzückt über sein Glück wirft er noch eine Summe auf die dreizehn.

»Laß das da stehen,« sagt er, — »laß das Geld nur da liegen, sage ich. Dreizehn ist ja doch eine sonderbare Zahl.«

Der Croupier aber holt sein Geld mit der Harke weg. Er thut es zögernd, er hätte gewiß gern gesehen, daß die dreizehn noch einmal herausgekommen wäre, um den reichen Spieler zuermuntern, der ja doch früher oder später seine Beute werden muß.

Nach vier vergeblichen Versuchen mit der dreizehn geht dem Herrn von Sinvara die Geduld aus. Er redet heftig auf den Sohn ein.

»Ich sage dir, Pavo, ich setze nicht mehr auf dreizehn. Ich habe auf dieser dummen Zahl genug verloren.«

Er wird immer gereizter, ein Diener mit knarrenden Schuhen wird gebeten, seiner Wege zu gehen, der Rumäne erhält einen bitterbösen Blick, als er einmal versäumt, seinen Gewinn einzuziehen und dadurch das Spiel verzögert. Der Herr von Sinvara fängt auch an, sich über alle die Zuschauer zu beklagen, die ihn fortwährend umstehen. Haben die denn gar nichts weiter zu thun? Er winkt das junge Mädchen aus der Menge heran und sagte:

»Habe ichdirnicht vorhin das Goldstück gegeben?«

Das Mädchen errötet und macht einen tiefen Knix.

»Ja, Herr!« antwortet sie.

»Aber warum gehst du denn nicht weg, mein Kind?«

Ihr kleiner roter Mund bewegte sich, aber sie schwieg und schlug die Augen nieder. Der Herr von Sinvara sah sie genauer an und reichte ihr noch ein Goldstück.

»Hier, nimm das! Komm nach dem Spiel, nach Mitternacht zu mir!«

Das kleine Mädchen erglühte über das ganze Gesicht und knixte voller Ehrfurcht. Dann zog sie sich aus der Menge zurück, lächelte allen zu und ging.

Der Herr von Sinvara wandte sich wieder dem Spiel zu.

»Jetzt sind hier Fliegen an den Fenstern,« sagte er. »Hier ist so viel, was stört. Jagt die Fliegen hinaus!«

Sein Geld schwand stark hin. Der Rumäne hatte Glück. Der Herr von Sinvara beobachtete das Glück mit großem Unwillen.

»Siehst du denn nicht, daß ich nur noch ein paar elende Scheine habe?« sagte er zu Pavo. »Aber ich gebe es nicht auf, ich verliere alles. So, jetzt setze ich tausend auf Rot, vielleicht ist das meine Farbe.«

Rot gewann.

»Vielleicht hat Rot wirklich Glück. Ich setze noch einmal. Es ist ein Versuch.«

Rot verlor.

Da war die Geduld des Herrn von Sinvara erschöpft.

»Geh!« schrie er dem Sohn an seiner Seite zu. »Du bringst mir Unglück! Kannst du denn nicht sehen, daß du mich ruinierst? Ich muß Revanche haben, ich will mein Geld wieder haben!« Im selben Augenblick fiel ihm aber ein, welche Rolle er spielen wollte, und er fügte hinzu: »Da siehst du, was ich dir zuliebe thue. — Ich will dich bessern.«

»Ich bin belehrt!« murmelte Pavo.

»Schweig! du bist nicht belehrt. Du fällst wieder zurück. Ich tue das alles um deinetwillen. Jetzt mach, daß du fortkommst.«

Und Pavo erhob sich und ging.

IV

Es war fast zwölf Uhr.

Ein Spieler nach dem andern erhob sich vom Roulettetisch, nur der Rumäne und der einarmigeMilitär hielten noch stand. Der weißbärtige Krieger spielte sehr vorsichtig, setzte einen kleinen Schein, spielte brutal um kleine Münze und gewann. Er hatte fortwährend Glück, aber sein Glück machte ihn nicht kühner.

Der Herr von Sinvara operierte auf ganz andere Weise, bei dem geringsten Glücksfall wurde er dummdreist. Er hatte vielleicht alles in allem noch gut tausend übrig, als Pavo ihn verließ. In zwei Zügen hatte er darauf sechshundert gewonnen, die er sofort einsetzte und verlor. Im Grunde schien der Herr beklagenswert und er erregte auch die Sympathie der Umherstehenden. Der Prinz, der als Zuschauer in den Saal zurückgekehrt war, holte eigenhändig ein großes Glas Wein für den Herrn von Sinvara.

»Sie haben Unglück!« sagte der Prinz. »Halten Sie für heute abend auf.«

Der Prinz setzte sich über die Regeln hinweg und erteilte diesen Rat mit lauter Stimme. Der Herr von Sinvara antwortete nicht, er sah nur auf, geistesabwesend, ganz vom Spiel in Anspruch genommen, und trank den Wein schweigend aus.

Und plötzlich schien das Glück sich ihm zuwenden zu wollen, er gewann dreimal, Schlag auf Schlag.

»So müssen Sie spielen,« sagt er munter und liebenswürdig zu dem alten Militär. Dieser aber hörte nichts, er ist so in Anspruch genommen von seinem Spiel um den herkömmlichen kleinen Schein. Der Rumäne beobachtet aufmerksam die nervöse Erregung, in der sich der Herr von Sinvara befindet, er wechselt einen Blick mit dem Croupier und zieht seinen letzten Gewinn ein. Auch er beschließt das Spiel.

Der Herr von Sinvara ist jetzt ganz blank. Sein Geld beläuft sich auf ein paar hundert, die setzt er auf Schwarz und verliert. Er sieht verwirrt um sich. Er ist sehr blaß geworden.

»Zum Teufel mit der schwarzen Farbe!« rast er.

Dann besinnt er sich einen Augenblick. Der Croupier läßt ihn nicht aus den Augen; mechanisch bezahlt er dem alten Krieger seinen Schein, mag er gewinnen oder nicht. Der Herr von Sinvara sitzt noch immer regungslos da, er scheint zu überlegen. Warum geht er dennnicht? Er zieht seine beiden Ringe vom Finger, einen nach dem andern, und reicht sie über das Rad hinweg dem Croupier hin. Dieser wirft einen Blick darauf, legt sie ruhig in sein eisernes Schubfach zu anderen Ringen und reicht dem Herrn von Sinvara dreitausend in Gold. Niemand spricht ein Wort. Er hält die schweren Rollen eine ganze Minute in der Hand, er zittert am ganzen Leibe. Plötzlich macht er eine heftige Bewegung, er erhebt sich halb vom Stuhl und setzt die Rollen eine nach der andern auf Schwarz. Die Goldstücke klirren dumpf in den Papierhüllen.

Das Rad dreht sich herum, es saust so leicht und lautlos, zögert bald bei dieser, bald bei jener Zahl, hält endlich an.

»Rot!«

Der Herr von Sinvara springt auf. Er greift sich mit beiden Händen an den Kopf und schreit, stößt einen Ruf aus und verläßt den Tisch.

V

Am nächsten Morgen konnte die Klatschbase von Hoteldiener mir erzählen, daß der Herrvon Sinvara am vorhergehenden Abend vierundfünfzigtausend beim Roulette verloren habe. Pavo dahingegen war in sein Zelt zurückgekehrt, er, der Diener, habe ihn bei der Pumpe getroffen, er sei barhäuptig dort gegangen und habe laut mit sich selber geschwatzt oder gepredigt. Übrigens könne kein Priester so predigen wie Pavo, wenn ihm das in den Sinn kam. — »Fliehe das Verderben!« hatte er einmal über das andere ausgerufen. »Wende dem Versucher den Rücken! Gieb ihm deinen Finger und er nimmt dein Herz. Bist du so tief gesunken, daß ich — dein verlorener Sohn — dich warnen muß?«

Pavo hatte wirklich sehr eindringlich geredet, der Diener meinte, er habe sich die Rede eingeübt, die er dem Vater heute morgen halten wollte.

Der durchtriebene Diener steckte seine Nase in alles und wußte überall Bescheid.

»Sie wollen heute abreisen?« sagte er zu mir.

Ich hatte kein Wort davon im Hotel gesagt und auch nicht um meine Rechnung gebeten.

»Woher weißt du das?« fragte ich.

»Ich weiß es nicht,« antwortete er. »Sie haben aber die Nachsendung ihrer Briefe im Posthaus bestellt, und Sie haben auch einen Wagen um fünf Uhr nach dem Dampfer bestellt.«

Sogar dies hatte er herausgeschnüffelt! Ich hatte ein Gefühl, als würde ich von diesem klugen Menschen ausspioniert und ich fühlte mich sehr von ihm abgestoßen. Ein heftiger Zorn erfaßte mich, ich konnte seinen unverschämten Blick nicht ertragen; er hatte ein paar Augen, die mich durchschauerten wie ein eisiger Zugwind.

»Mach, daß du wegkommst, du Hund!« sagte ich.

Er stand ganz still. Der unverschämte Mensch rührte sich nicht vom Fleck. Er hielt die beiden Hände hinter seinem Rücken. Woran dachte er, und was machte er mit den beiden Händen auf dem Rücken? Hatte er irgend etwas vor?

»Was Sie eben sagten, thut mir sehr leid,« sagte er endlich. Weiter sagte er nichts, aber er starrte mich unverwandt an. Ich trete hinter seinen Rücken, um ausfindig zu machen, was er vorhatte. Er hatte nichts in den Händen,er hielt sie gefaltet und rang sie heftig. Ich trete wieder vor ihn hin. Seine Schultern beben und seine Augen haben sich mit Thränen gefüllt. Ich bereue, ihn ausgescholten zu haben, und ich bin im Begriff, es wieder gut zu machen, als er plötzlich eine Bewegung auf mich zu macht, ein seltsamer Gegenstand blitzt in seiner Hand, ein lächerlich aussehender Thürschlüssel mit zwei Bärten. Er hebt ihn in die Höhe und trifft mein rechtes Handgelenk. Meine Hand sinkt herab, der dumpfe Schlag hat sie lahm gemacht. Ich bin ganz starr über seine Frechheit, ich kann kein Wort sagen und stehe regungslos auf demselben Fleck. Er legt seine Hände wieder auf den Rücken. Nach einer Weile gehe ich an ihm vorüber, auf die Thür zu.

»Sie glauben, daß ich Sie noch einmal schlagen will,« sagt er. »Aber das brauchen Sie nicht zu glauben. Gott bewahre!«

Ich öffne die Thür mit der linken Hand und erwidere kühl:

»Geh und hole meineRechnung!«

Der Diener verneigt sich tief vor mir undgeht. Ich höre ihn laut schluchzen, als er zur Thür hinaus ist. — —

Ich reiste an jenem Tage nicht; meine Hand schmerzte zu heftig, und ich fühlte mich ziemlich krank. In meinem Handgelenk befanden sich zwei tiefe Löcher. Löcher von blutunterlaufenem, zerquetschtem Fleisch. Die Adern schwellen bis an die Schulter hinauf an. Welche Roheit von einem Diener! Er schien indessen seinenÜberfallsofort zu bereuen, er brachte mir Spiritus für den Arm und legte mir einen Verband um die Wunde; jetzt hinterher konnte niemand behilflicher sein als er. Er sorgte auch dafür, daß in den Nebenzimmern alles still war, nachdem ich mich am Abend zur Ruhe begeben hatte, und dies that er ganz aus eigenem Antrieb. Einen Haufen betrunkener Bauern, die gegen ein Uhr des Nachts vor meinen Fenstern stehen blieben und sangen, jagte er wütend weg. Ich hörte, wie er ihnen Vorwürfe machte, weil sie die nächtliche Ruhe eines kranken, vornehmen Herrn störten, eines Fürsten, der sein Handgelenk verletzt habe.

Am nächsten Tage schellte ich zweimal, ohnedaß er kam. Ich war in gereizter Stimmung und sehr krank, ich zog heftig an der Glocke und schellte noch einmal. Endlich sah ich ihn die Straße heraufkommen. Er war ausgewesen. Als er in mein Zimmer kam, konnte ich mich nicht enthalten zu sagen:

»Ich habe eine Viertelstunde geschellt. Ich will gern das Doppelte bezahlen, wenn Sie glauben, daß Sie es verdienen. Bringen Sie mir Thee.«

Ich sah, wie wehe meine Worte ihm thaten. Er erwiderte nichts, sondern eilte hinaus, um den Thee zu holen. Ich wurde plötzlich ganz gerührt durch seine Geduld und Demut; er hatte vielleicht nie im Leben ein freundliches Wort erhalten, jetzt war ich auch unbillig gewesen. Ich wollte mein Unrecht gleich wieder gut machen. Deswegen sagte ich, als er zurückkam:

»Verzeih mir! Ich werde nie so etwas wieder sagen. Ich bin heute auch krank.«

Er schien sehr erfreut über meine Freundlichkeit zu sein und entgegnete:

»Ich mußte vorhin fortgehen. Ich versichereSie, daß es eine ganz notwendige Besorgung war.«

Aber durch meine Freundlichkeit ermuntert, kam sofort die alte Geschwätzigkeit wieder zum Vorschein. Er steckte voller Geschichten und war bereit, mir allerlei aufgespürte Geschichten über Dinge und Leute im Hotel zu erzählen.

»Wenn ich es Ihnen erzählen darf,« sagte er, »so hat der Herr von Sinvara in diesem Augenblick einen Mann nach Hause geschickt, um Geld zu holen, viel Geld. Pavo meint, er werde sich am Roulette ruinieren. Seine Ringe hat er noch nicht wieder eingelöst.«

»Es ist gut!« sagte ich.

»Und das kleine Mädchen, das Sie gestern sahen, ist übernacht bei ihm gewesen. Sie ist aus den Bergen, sie hat sich eine solche Erhöhung sicher nicht träumen lassen. Selbst ihr Vater wollte es nicht glauben.«

Gegen Abend saß ich wieder draußen auf dem Balkon und beobachtete den Verkehr unten auf dem Marktplatz. Ich trug die Hand in der Binde. Der Russe lag auf einer Bank neben mir und las in einem Buch. Plötzlichsah er zu mir auf und fragte, ob ich wisse, daß der Herr von Sinvara einen Kurier abgesandt habe, um mehr Geld holen zu lassen. Er habe am Vormittag auch eine Zusammenkunft mit Pavo gehabt. Pavo habe ihm eine Standrede gehalten und der Vater habe ihm recht geben müssen. Aber er wolle sich nichts sagen lassen, er behaupte, er wolle wenigstens sein Geld wieder haben. Ob man sich einbilde, daß er diesem Komplott von Räubern alles in allem dreiundsechzigtausend in blankem Golde überlassen wolle? Dann irre man sich sehr. Er wolle übrigens nicht allein spielen, um nur seinen Verlust wieder zu ersetzen. Die guten Leute, die ihn so bedauert hatten, als er seine Ringe verloren habe, sollten nur wissen, daß er dem ersten besten Bettler einen solchen Ring an jeden Finger schenken könne, ohne dadurch arm zu werden.

»Und das ist wahr,« sagte der Russe, — »er ist schon ein so eingefleischter Spieler, daß es ihm nicht in erster Linie um seinen Verlust zu thun ist. Was ihn jetzt anzieht, ist der Reiz, die Spannung, die Qual, diese wilden Erregungen des Blutes.«

»Und Pavo? Was hat denn Pavo dazu gesagt?«

»Fliehe das Verderben!« hatte Pavo gesagt. »Richte dich wieder auf, Mensch! Nimm dir ein Beispiel an mir!«

Pavo hatte eindringlich geredet, seine Stimme war traurig gewesen, und von Zeit zu Zeit hatte er sogar zum Himmel emporgezeigt. Es war ein köstlicher Anblick gewesen, diesen abgefeimten jungen Sünder eine Tugend heucheln zu sehen, deren er längst verlustig war. Er war frech genug, dem Vater die ernsteste Ermahnungsrede zu halten. Der Vater hatte behauptet, er spiele nur um des Sohnes willen, er wollte diesen von dem Laster erretten, und zu dem Zweck würde er nicht sparen. Da war Pavo heftig geworden: er habe sein ganzes Leben lang seine Selbstachtung bewahrt, der Vater dahingegen habe seine Ringe verspielt, seine Kleinodien in aller Beisein verpfändet. Er, Pavo, habe seine Würde aufrecht erhalten, er habe nie eine Anleihe auf sein Zelt gemacht, das stehe unberührt da, er besorge immer sein Geschäft. Schließlich habe Pavo dem Alten mit Fürst Yariw gedroht.

»Schweig!« sagte der Vater. »Ich habe mir selber gelobt, dir die Folgen deiner Ausschweifungen zu zeigen, und das werde ich thun. Leb wohl, Pavo!«

Und Pavo hatte gehen müssen. Aber er war direkt von dem Vater in die Spielhölle gegangen.

»Glauben Sie denn nicht, daß es wirklich die Absicht des Vaters ist, Pavo auf diese Weise wieder auf den rechten Weg zu bringen?« fragte ich den Russen.

Er schüttelte den Kopf.

»Vielleicht. Aber das wird ihm nicht gelingen. Außerdem ist der Alte ebenso darauf versessen wie der Junge.«

Jetzt sprachen alle von dem Herrn von Sinvara und seinem Spiel. Das sei ihm ganz einerlei, meinte er, und er trug den Kopf noch höher als bisher und machte ein fröhliches Gesicht. Hin und wieder ließ er sich zu einem Scherz mit seiner Umgebung herab.

»Sie sehen meine Hände an,« sagte er. »Ach ja, ich bin sehr arm geworden, sogar meine Ringe habe ich verspielt! Hahaha!«

Er ging nicht mehr in die Bank, jetzt wo er kein Geld mehr hatte, aber er ließ sich von den Dienern über den Gang des Spieles berichten, wer verlor und wer gewann, wieviel gewagt wurde, wer am kühnsten spielte. Der Russe kam am nächsten Tage und erzählte mir, der Herr von Sinvara habe drei Stunden lang zu Gott um Glück gefleht; er wolle nur das verlorene Geld wieder haben, dann wolle er auch aufhalten. Er habe Gott das mit lauter Stimme gelobt und sogar dabei geweint. Der Russe hatte das von dem Hoteldiener gehört, der durch das Schlüsselloch geguckt hatte.

VI

Es vergingen drei Tage. Meine Hand schmerzte nicht mehr, ich hatte beschlossen, am Abend abzureisen. Ich ging in die Stadt, um einige Angelegenheiten zu ordnen, unter anderem war ich auf der Polizei, um meinen Paß unterschreiben zu lassen. Auf dem Rückwege kam ich an Pavos Zelt vorüber. Ich fing schließlich gegen meinen Willen an, Interesse fürdiesen Mann und seinen Vater zu fassen. Alle Leute sprachen von ihnen, das ganze Hotel war voll von Geschichten über diese beiden Menschen, ich konnte schließlich nicht mehr umhin, ebensoviel wie die anderen an sie zu denken und jeden Tag nach dem Herrn zu fragen.

Ich ging in Pavos Zelt. Am vorhergehenden Abend hatte ich gehört, daß er eine große Summe im Pharao gewonnen habe. Er hatte einen fremden Reisenden seiner ganzen Barschaft beraubt, und ihm dann hinterher ein paar Hundert geschenkt, dann hatte er sich dem Roulette zugewandt, stets vom Glück begleitet, und die Bank um ein ganzes Vermögen geschädigt.

»Denken Sie nur,« sagte Pavo zu mir, sobald ich sein Zelt betrat, — »denken Sie nur, der Herr von Sinvara, mein Vater, ist eben hier gewesen, um sich Geld zu leihen! Er wollte seine Ringe einlösen. Es fällt mir natürlich nicht im Traum ein, eine solche Dummheit zu begehen. Mein Vater ist sehr gut und es that mir leid, ihm diesen Liebesdienst abschlagen zu müssen. Aber ich habe es um seiner selbstwillen gethan. Ein Sohn muß für die Ehre der Familie sorgen. Es muß meinem Vater klar werden, wohin es führt, wenn man sich in Thorheiten stürzt. Ich finde, daß ich ganz richtig gehandelt habe. Wie denken Sie darüber?«

Sein Äußeres stieß mich diesen Augenblick zurück. Er war selbstbewußt und sicher geworden durch das ungeheure Glück des vorhergehenden Abends, das seine Taschen wieder mit Geld gefüllt hatte. Während er sprach, senkte er die Stirn, verbarg sie, tauchte sie unter, als sei sie gebrandmarkt, und seine Augen logen so sonderbar, sobald er sie aufschlug. Aber er hatte den schönsten Hals, den man sich denken konnte, und einen feinen, roten Mund.

»Wie denken Sie darüber?« wiederholte er.

»Ich habe kein Urteil darüber,« entgegnete ich.

»Das heißt,« murmelte er wütend, »Sie verstehen die Rede eines vernünftigen Mannes nicht.«

Er zuckte heftig die Achseln und lief vor seinem Ladentisch auf und nieder. Dann stand er still und fragte:

»Womit kann ich Ihnen übrigens dienen, da Sie sich die Mühe gemacht haben, mich aufzusuchen?«

Ich nannte allerlei, was mir gerade einfiel, wofür ich aber im Grunde keine Verwendung hatte. Als ich das Gewünschte erhalten hatte, entfernte ich mich wieder.

Kaum war ich ins Hotel zurückgekehrt, als der Diener auf mich zustürzte und mir erzählte, der Kurier des Herrn von Sinvara sei mit Geld angelangt. Jetzt säße er da, bereit, das Spiel von neuem zu beginnen, sobald die Bank geöffnet werde. Pavo wisse nichts davon. Pavo solle nichts wissen, er, der Diener, habe ausdrücklich eine Bezahlung dafür erhalten, daß er nicht hinlief und es Pavo erzählte.

Die Uhr wurde fünf.

Sobald der Spielsaal geöffnet wurde, begab sich der Herr von Sinvara dorthin. Er war in erregter Stimmung, er machte die eigentümlichsten Handbewegungen, als versichere er etwas, als gelobe er etwas.

Der Prinz und der alte Militär waren auch zugegen, der Rumäne hingegen nicht, einpaar Fremde fingen auch an zu spielen. Zuerst löste der Herr von Sinvara seine Ringe aus.

»Ich werde heute abend mit den höchst zulässigen Summen operieren,« sagte er zu dem Croupier, ohne ihn aber anzusehen. Seine Miene war von jetzt an kühl und vornehm.

»Möchte Ihr guter Stern Ihnen Glück schenken,« sagte der Croupier, indem er sich verneigte.

Das Spiel begann.

Der Herr von Sinvara sah entschlossen aus. Er setzte dreimal hintereinander auf Rot und gewann. Dann steckte er sein eigenes Geld in die Tasche und spielte von nun an nur mit dem Gewinn. Er macht ein paar Mal den Versuch mit dreizehn, verliert aber, der Wechsel des Glückes reizt ihn, er setzt noch ein paar Mal auf Rot und gewinnt. Jetzt hat er eine beträchtliche Summe vor sich auf dem Tisch liegen, er spielt ohne Berechnung, ohne Überlegung, er wagt kühn, und um keine Zeit zu verlieren, bereitet er sich schon, ehe das Rad still steht, auf den nächsten Einsatz vor. Er zählt auch nicht, er spielt in Ekstase. SeineAugen fallen auf ein schwarzes Quadrat auf dem Tisch, und er setzt eine große Summe auf dies Quadrat.

Schwarz gewinnt. Er gewinnt jetzt unaufhaltsam. Dieses schwarze Quadrat wird eine Goldgrube, aus der er Schätze schöpft, und er nutzt sie aus. Plötzlich besinnt er sich, er hält einen Augenblick inne, er atmet tief auf. Das Rad dreht sich herum, aber der Herr von Sinvara vergißt, seinen Einsatz zu machen, er atmet noch immer tief auf. Sein kleines Mädchen kommt herein. Lächelnd und rosig nähert sie sich ihm. Er bemerkt sie und winkt ihr ab.

»Siehst du, du kommst, und ich vergaß zu setzen!« sagt er. Im nächsten Augenblick winkt er sie wieder heran. Das Rad ist stehen geblieben, der Zeiger steht auf Rot, und es war das Glück des Herrn von Sinvara, daß er es diesmal unterlassen hat, auf das schwarze Viereck zu setzen. Er legt einen seiner kostbaren Ringe in die Hand des kleinen Mädchens und flüstert ihr etwas zu. Und das kleine Mädchen wird dunkelrot, schlingt die Arme um ihren eigenen Hals und läuft aus dem Saal hinaus.

Aber der Herr von Sinvara setzt das Spiel fort, dummdreist, völlig mechanisch. Er nimmt mehrere Hände voll Geld, viele schwere Rollen und setzt sie auf Rot. Gleich darauf erfaßt ihn eine schreckliche Unsicherheit, er macht eine ängstliche Bewegung mit der Hand, als wolle er die Summe wieder zurückziehen, beherrscht sich aber und läßt sie stehen.

Das Rad hält an.

»Rot!«

»Rot!« wiederholt der Herr von Sinvara. Und er lächelt den Umstehenden wieder triumphierend zu und spricht laut: »WiederRot!Ja, ich hatte eine Ahnung davon!«

Von diesem Augenblick an verliert er die Besinnung. Die Uhr wird zehn, mehrere Fremde kommen herein, die eigentlichen Spieler, deren Stunde erst jetzt mit diesem Glockenschlag beginnt. Unter ihnen befindet sich der Rumäne. Ich vergaß meine Reise und rührte mich nicht vom Fleck, ich folgte den Operationen des Herrn von Sinvara mit der größten Spannung. Er selber merkte nichts von allen den neuen Menschen, die ihn umgaben, er ahnte kaum,daß er Mitspieler am Tische hatte. Sein Glück halluciniert ihn, und er arbeitet mit großen Summen auf mehreren Nummern zu gleicher Zeit. Eine Laune, eine plötzliche Eingebung, veranlaßt ihn, eine Hand voll Geld zu nehmen und den höchsten Einsatz auf fünfundzwanzig zu setzen. Drei von den Spielern folgen seinem Beispiel, alle um ihn her flüstern und warten.

»Dreizehn!«

Verloren. Der Rumäne knirscht die Zähne vor Verzweiflung. Der Herr von Sinvara hat einen neuen Einfall. Er richtet sich halb auf seinem Stuhl auf und setzt die höchste Summe auf Null. Niemand folgt ihm mehr, dies verzweifelte Spiel schreckt alle zurück.

»Null!«

In dem Getöse, das jetzt entstand, hörte ich den Rumänen fürchterlich fluchen. Gleich darauf kam Pavo zur Thür herein, von dem Hoteldiener gefolgt, der ihn doch benachrichtigt hatte. Pavo ging gleich auf den Stuhl des Vaters zu; ohne etwas zu sagen, packte er ihn bei der Schulter und schüttelte ihn.

Er sah auf, erkannte den Sohn und ergabsich sofort. Er begriff, daß ihm kein Widerstand half, er war auch zu angegriffen.

»Wie zornig du bist, Pavo,« sagte er nur. Mechanisch zieht er seinen letzten Gewinn ein, sammelt sein Geld und fängt an, seine Taschen zu füllen. Er stopft Gold und Papier zusammen in wilder Unordnung, nimmt dann den letzten Haufen Scheine in die Hand, steht auf und geht mit Pavo.

Der Croupier sieht den Davonziehenden mit wütenden Blicken nach; das Spiel gerät ins Stocken — —

Später erzählt man im Hotel, der Herr von Sinvara habe nicht nur seinen ganzen Verlust am Roulette vom vorhergehenden Abend wieder eingeholt, sondern außerdem noch eine kleine Summe gewonnen. Man nannte siebenhundert als Reingewinn. Ich freute mich im Stillen darüber, ich gönnte ihm den Sieg. Niemand spielte aus ehrlicherem Herzen als er, und nun würde er dem Roulette sicher für ewige Zeiten den Rücken wenden.


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