Mili bože, čuda velikoga!Gdje pogibe devet za jednoga!Da z bog koga, ne bi ni žalio,Neg z bog Soke, lijepe djevojke,5Koja muti na nebu oblake,Kamo l ne bi na zemlji junake!»Lieber Gott, o grosses Wunder! Wie da neun für Einen umkamen! Wär’ es noch um jemands Rechten wegen, tät’s mir gar nicht leid, doch um Sokas, des schönen Mädchens wegen, die am Himmel die Wolken trübt (verwirrt), wie sollte sie nicht erst der Helden Sinn verwirren!«61Bei der Wandlung der Wolkenvilen zu Hexen behauptete sich ihre Beziehung auf die Fruchtbarkeit und den Segen, doch in schlimmer Bedeutung. Die Wolkenvilen wurden zu Wetterhexen. Über die Vorstellungen des Volkes in Bezug auf die Wetterhexen haben wir ziemlich genaue Kunde.Wenn sich der Himmel verfinstert und alle Anzeichen auf ein nahendes Hagelwetter schliessen lassen, so muss man mit geweihten Glocken läuten, um dadurch die Hexen zu verscheuchen, ferner muss man sein Gewehr mit Pulver laden und statt der Bleikugeln, wie üblich, soll man Köpfe von Nägeln, mit denen einem Füllen das Hufeisen angeheftet gewesen, auf das Pulver geben und damit in die Luft schiessen. Die Hexe fällt darauf unfehlbar aus den Wolken auf die Erde herab.Das Schiesspulver muss in der Kirche eingesegnet werden. Ebenso muss das Gewehr geweiht sein. Man braucht die Hexe gar nicht einmal von Angesicht zu sehen, es genügt, dass man sie dahinsausen hört. Schiesst man auch nur blind in die Luft hinein, so muss die Hexe schon allein vom Dampf des geweihten Pulvers ersticken.Wenn ein Hagelwetter droht, oder selbst wenn es schon hagelt, legen alte Weiber geweihtes Öl, Lorbeerblätter und Wermutkraut aufs Herdfeuer. An manchen Orten nimmt man einen halbzerschlagenen Topf, füllt ihn mit Glutkohle an, legt darauf eingesegnetes Öl, Lorbeerblätterund Wermutkraut, zieht damit ums ganze Haus herum und lässt den Rauch gegen die Wolken aufsteigen. Dieser Rauch stinkt dermassen schrecklich den Hexen zu, dass sie aus den Wolken herabfallen. Unser Gewährmann erzählt, dass er als Kind bei Hagelwetter rasch einen Sessel aus dem Hause unter den freien Himmel tragen und umstürzen musste, damit sich die Hexen an den aufragenden Stuhlbeinen das Genick brechen, wenn sie aus der Luft herunterpurzeln. Das Hinaustragen von Hausgeräten bei Ungewitter ist im ganzen Süden Brauch. Besonders trägt man, wie ich selbst als Knabe oft mit angesehen und auch mitgeholfen, alle grösseren Schneide- und Hackwerkzeuge in den Hof, damit sich der Hagel (oder die Hexen) daran schneiden.Wenn Blitze aus einer Wolke in eine andere fahren, so sagt man im Küstenlande: »Das ist ein Eichhörnchen, sie versammeln sich, sie versammeln sich« (Ono je viverica, kupe se, kupe). Wenn es zu donnern und zu hageln anfängt, schiessen die Bauern in die Wolken, um die Hexen zu verscheuchen und sprechen dazu folgende Bannsprüche:Biži, biži irudica,»Fliehe, fliehe, Herodias —mater ti je poganica,Deine Mutter ist eine Heidin, —od boga prokleta,von Gott verflucht —krstitelja krvlju sapeta!mit des Gekreuzigten Blute gefesselt.«Oder man ruft:Sveta Bare,»Heilige Barbara,Razmakni oblake!schiebe die Wolken auseinander.Sveta Luce,Heilige Lucia,Ukaži nam sunce!zeig’ uns die Sonne!«Die Schnelligkeit, mit welcher der Blitz aus einer Wolke in die andere schlägt, scheint der Südslave hier zu vergleichen mit dem blitzschnellen Forthuschen eines Eichhörnchens, das von Ast zu Ast schneller als ihm das Auge folgen kann, dahinspringt. Ich wage aber noch eine andere Vermutung. Das Eichhörnchen, das auf Bäumen haust, mochte einst dem gläubigen Volke als die in dem Baume hausende Vila erschienen sein. Es fände in unserem Falle demnach eine Vermengung der Baum- und Wolkenvilen statt.Mannhardtführt in seinem Werke Baumk. d. G. S. 508 an, dass man zu Bräunrode am Harz im Osterfeuer, das man zur Abwehr gegen schwere Gewitter anzündete, ein Eichhörnchen zu verbrennen pflegte. Auch in Köln herrschte dieselbe Sitte.Sehr merkwürdig ist die Anrufung derHerodias, des Herodes Tochter, deren Tanz Johannes des Täufers Enthauptung herbeigeführt. »Im Mittelalter wähnte man, Herodias sei verwünscht worden, in Gesellschaft der bösen und teuflischen Geister umzuwandern. Sie wird an die Spitze des wütenden Heeres oder der nächtlichen Hexenfahrten gestellt, nebendie heidnische Diana, neben Holda und Perahta, oder an deren Platz.«Grimm, aus dem ich diese Worte anführe, teilt eine reiche Auswahl von Belegstellen aus mittelalterlichen Dichtern mit. (D. M. S. 260–265, vrgl. ferner S. 599, 885, 1008 und 1011 undW. L. Schwartz, Prähist. anthrop. Stud. S. 461–3.) Man ersieht aus der einfachen Tatsache, dass der NameHerodiasbei den Südslaven Eingang gefunden, wie sich der Glaube an die Vile als Wetterhexen nicht ganz allein aus sich selbst, sondern auch durch fremden Einfluss, durch eine Literatur, allmählich entwickelt hat.Es würde zu weit führen, wollte ich hier den Glauben an die hl. Barbara unter den Südslaven eingehend erläutern. Ihr Festtag ist dem Südslaven, besonders den Altgläubigen, der Tag der Zaubereienκατ’ ἐξοχήν.S. M. Ljubiša(Pripovijesti S. 32) lässt eine alte Bäuerin an ihren Sohn, der sich über ihren Glauben erlustigt, folgende Zurechtweisung richten: »Morgen ist der Tag der hl. MärtyrerinVarvara, die ihr Blut für den Glauben vergossen hat, und es blieb von Alters her der Brauch bestehen, dass wir an diesem Tagevaricekochen (d. h. Feldfrucht zu Brei kochen).« Sie zählt nun auf, was sie alles aus der gekochten Frucht (dem Brei), sobald sich die abgekühlt, herausprophezeien kann. Sie leitet das WortvarnicevonBarbara(Varvara) ab. Der Name Varvara lautet in abgekürzter FormVara. Der Stamm ist derselbe, welcher invreloQuelle,vretiquellen, kochen begegnet.Varicaist also das, was man mischt, umrührt und kocht, der Brei.Warum man die hl.Luciagerade als diejenige anruft, die der Sonne zum Siege über die drohenden Wetterwolken verhelfen kann, ergibt sich schon aus dem Namen. Sie ist ja das Licht selbst. (Über die Personifikation der hl.Luciaals Wintersonnenwende. Vrgl.Mannhardt, Wald und Feldkulte, S. 186. Anm.)Die Hagelwetter verursachen die Hexen nur aus Bosheit und Rachsucht. Wenn eine Hexe gegen jemand einen Hass trägt und sich an ihm rächen will, so kommt sie nachts zu ihm ins Haus und setzt sich hinter den Ofen. Dort rührt sie mit einem Kochlöffel so lange ein Wasser um, das sie aus einer Quelle von irgend einem grossen Felsen her mitgebracht, bis es im Hause zu hageln, zu donnern und blitzen anfängt und sich ein so gewaltiger Nebel entwickelt, dass man es nimmer aushalten kann und die Fenster zu öffnen gezwungen ist. Dann aber schlägt der Hagel neun Pfarreien in der Runde alles nieder und verursacht einen unermesslichen Schaden. Man kann sich in einem solchen Falle nicht anders helfen, als indem man die Hexe demütigst um Verzeihung bittet. Eine Hexe ist nämlich allezeit sehr mächtig und stark. (Aus Zagorje.)Parallelen und ausreichende Erläuterungen vrgl. beiGrimm, D. M. S. 1040 ff. u.K. SimrockHdb. d. d. M. III, S. 452.Schlussbemerkung.Wenn wir einen kurzen Rückblick auf die gegebene Darstellung des südslavischen Hexenglaubens werfen, so erkennen wir hier urälteste und allgemein verbreitete Anschauungen der Völker über Wald- und Feldgeister und Zauberweiber. Mit kleinen, fast unscheinbaren Variationen begegnet man ja demselben Glauben bei allen verwandten Völkern, bei dem einen Volke mehr, bei dem anderen weniger durch andere Vorstellungkreise durchkreuzt und verwischt. Mit dem Überhandnehmen des Christentums musste notwendigerweise der alte Glaube an die wohltätigen Schutzgeister der Wälder und Auen, an die Luftgeister eine wesentlich andere Gestalt annehmen, und sich in böse Dämonen, im Gegensatze zu der einen Gottheit des Christentums, umwandeln. Mit dem Hinschwinden des geistigen Glaubens übertrug das Volk die nun modifizierten Vorstellungen auf eine einzige Kategorie von Wesen höherer Art, auf die zauberkundigen Frauen, die vještice, denen man ehedem allgemein grosse Verehrung zollte.Vergleicht man nach den bisherigen Auseinandersetzungen den südslavischen Hexenglauben mit dem abendländischen, vorzüglich mit dem deutschen und italienischen, aus welchem die Südslaven so viele Elemente entlehnt haben, so fällt es zunächst auf, dass in allen den Sagen eines Hexenmeisters gar keine Erwähnung geschieht. Ferner ist dem Teufelglauben eine sehr untergeordnete Stellung eingeräumt. In den deutschen und italienischen Hexenprozessen spielt der Teufel eine sehr grosse Rolle. Die Hexen verschreiben sich ihm mit Leib und Seele unter Hersagung besonderer Schwurformeln. Davon ist keine Rede im südslavischen Hexenglauben. Merkwürdigerweise wird den Hexen bei den Südslaven die Gabe der Weissagung in keiner Sage zugeschrieben. Die Weissagung erschien und erscheint noch heutigen Tags den Südslaven als nichts Verächtliches, geschweige denn Hassenswertes. An gewissen Festtagen im Jahre, z. B. am Tage der hl. Barbara und zu Weihnachten, weissagen noch gegenwärtig Frauen und Männer, die Frauen z. B. aus Fruchtkörnern, dieMänneraus dem Flug der Vögel oder aus den Eingeweiden und Schulterstücken der für den Festtag geschlachteten Tiere.62Bei den Südslaven gab es offenbar ursprünglich keineswegs wie bei den Italienern und Deutschen einen besonderen Stand der Priesterinnen, Weissagerinnen und Ärztinnen. Das streng demokratisch-separatistische System der Hausgemeinschaft (zadruga), der Phratrie (bratstvo) und der Phyle (pleme), das die Südslaven als uraltes Erbstück noch bis auf die Jetztzeit zum Teil festgehalten, bot der Entwicklung von Priesterinnen-Kollegien nicht geringe Hemmnisse. Zudem nahm und nimmt das Weib im Volksleben der Südslaven eine ganz untergeordneteStellung ein. Dem Weibe, das man sich wie irgend einen Gegenstand von ihren Eltern und Verwandten kaufte, konnte man unmöglich eine höhere geistige Befähigung einräumen, die sie über den Mann gestellt hätte. Infolgedessen konnten die Hexenprozesse des Abendlandes auf dem Balkan keinen günstigen Boden haben. In Steiermark, Istrien und Chrowotien, wo das Deutschtum festere Wurzeln gefasst, fanden zahlreiche Hexenprozesse statt. Daselbst wurden auch Hexen verbrannt.63In den Gesetzbüchern der serbischen Könige kommen dagegen gar keine Bestimmungen gegen Hexen vor. Die mittelalterliche Dämonologie des Abendlandes fand hier keinen rechten Eingang. Auch die türkische Herrschaft war ihr nicht günstig. Was die Südslaven von den Türken an Hexen- und Zauberglauben angenommen, kommt in zweiter Reihe hier in Betracht. Anders im Küstenlande, wo italienische Kultur das Slaventum durchdrang. Im Gesetzbuche der freien GemeindePoljica(poljički štatut) aus dem Ende des 14. Jahrhunderts steht eine Verordnung gegen die Hexen, Zauber- und Teufelweiber. § LXXXVIII lautet: »Ako bi se istinom našla koja višćica ali čarovnica ali vražarica, od prvoga obnašašća ima sefruštati; ako li se veće nadje ima se sažgati« (edit.MesićArkiv V, S. 302 f.) (Wenn sich in Wahrheit irgend eine Hexe oder eine Zauberin oder ein Teufelweib fände, so hat man sie gleich nach der ersten Entdeckung zu foltern; hat man den Beweis erlangt, so muss man sie verbrennen.)Fruštatiist das italienischefrustarepeitschen, mit Ruten hauen. Französisch heisst die Folterpoultre,poutre, ursprünglichpoledrus, davon das deutscheFolter. »Es war der Marterbalken, auf welchem der Angeschuldigte reiten musste.« (Vrgl.Grimm, D. M. S. 1029.) Volktümlich wurde unter den Südslaven diese Massregel nie.Die Mittel, durch welche das Volk die Macht der bösen Frauen zu bannen sucht, sind zum grössten Teil Überbleibsel aus dem alten Heidentume. Die Gerte, die ehedem von einem segenspendenden Genius bewohnt zu sein schien, ward nun der Aufenthalt eines bösen Dämons, mit dessen Hilfe man die Kraft des Geistes in der Hexe zu bannen glaubte. Schliesslich verlosch im Volkbewusstsein auch die wahre Bedeutung der Gerte, und man gebraucht sie nur als ein überkommenes Erbstück aus der Väter Zeit, ohne sich mehr über die ursprüngliche Vorstellung Rechenschaft ablegen zu können. So offenbart sich im Hexenglauben ein Stück Entwicklunggeschichte der Menschheit, ein langwieriger Kampf zwischen altem und neuem Glauben, ein Kampf, der noch lange nicht ausgekämpft ist.64Joseph Hansen,65Havelock Ellis66und Dr.Iwan Bloch67wiesen nach, dass der Hexenglaube seinen Ursprung aus dem Geschlechtleben ableite und dass der Geschlechttrieb allezeit in irgend einer Form mit der Zauberei verknüpft ist. Dieser Teil des Glauben entzieht sich einer Besprechung in diesem Buche, das Leser in den weitesten Kreisen finden soll, aber er bleibt darum nicht ohne Behandlung. Ein breiter Raum in denAnthropophyteia68ist ihm ständig gewidmet.
Mili bože, čuda velikoga!Gdje pogibe devet za jednoga!Da z bog koga, ne bi ni žalio,Neg z bog Soke, lijepe djevojke,5Koja muti na nebu oblake,Kamo l ne bi na zemlji junake!»Lieber Gott, o grosses Wunder! Wie da neun für Einen umkamen! Wär’ es noch um jemands Rechten wegen, tät’s mir gar nicht leid, doch um Sokas, des schönen Mädchens wegen, die am Himmel die Wolken trübt (verwirrt), wie sollte sie nicht erst der Helden Sinn verwirren!«61Bei der Wandlung der Wolkenvilen zu Hexen behauptete sich ihre Beziehung auf die Fruchtbarkeit und den Segen, doch in schlimmer Bedeutung. Die Wolkenvilen wurden zu Wetterhexen. Über die Vorstellungen des Volkes in Bezug auf die Wetterhexen haben wir ziemlich genaue Kunde.Wenn sich der Himmel verfinstert und alle Anzeichen auf ein nahendes Hagelwetter schliessen lassen, so muss man mit geweihten Glocken läuten, um dadurch die Hexen zu verscheuchen, ferner muss man sein Gewehr mit Pulver laden und statt der Bleikugeln, wie üblich, soll man Köpfe von Nägeln, mit denen einem Füllen das Hufeisen angeheftet gewesen, auf das Pulver geben und damit in die Luft schiessen. Die Hexe fällt darauf unfehlbar aus den Wolken auf die Erde herab.Das Schiesspulver muss in der Kirche eingesegnet werden. Ebenso muss das Gewehr geweiht sein. Man braucht die Hexe gar nicht einmal von Angesicht zu sehen, es genügt, dass man sie dahinsausen hört. Schiesst man auch nur blind in die Luft hinein, so muss die Hexe schon allein vom Dampf des geweihten Pulvers ersticken.Wenn ein Hagelwetter droht, oder selbst wenn es schon hagelt, legen alte Weiber geweihtes Öl, Lorbeerblätter und Wermutkraut aufs Herdfeuer. An manchen Orten nimmt man einen halbzerschlagenen Topf, füllt ihn mit Glutkohle an, legt darauf eingesegnetes Öl, Lorbeerblätterund Wermutkraut, zieht damit ums ganze Haus herum und lässt den Rauch gegen die Wolken aufsteigen. Dieser Rauch stinkt dermassen schrecklich den Hexen zu, dass sie aus den Wolken herabfallen. Unser Gewährmann erzählt, dass er als Kind bei Hagelwetter rasch einen Sessel aus dem Hause unter den freien Himmel tragen und umstürzen musste, damit sich die Hexen an den aufragenden Stuhlbeinen das Genick brechen, wenn sie aus der Luft herunterpurzeln. Das Hinaustragen von Hausgeräten bei Ungewitter ist im ganzen Süden Brauch. Besonders trägt man, wie ich selbst als Knabe oft mit angesehen und auch mitgeholfen, alle grösseren Schneide- und Hackwerkzeuge in den Hof, damit sich der Hagel (oder die Hexen) daran schneiden.Wenn Blitze aus einer Wolke in eine andere fahren, so sagt man im Küstenlande: »Das ist ein Eichhörnchen, sie versammeln sich, sie versammeln sich« (Ono je viverica, kupe se, kupe). Wenn es zu donnern und zu hageln anfängt, schiessen die Bauern in die Wolken, um die Hexen zu verscheuchen und sprechen dazu folgende Bannsprüche:Biži, biži irudica,»Fliehe, fliehe, Herodias —mater ti je poganica,Deine Mutter ist eine Heidin, —od boga prokleta,von Gott verflucht —krstitelja krvlju sapeta!mit des Gekreuzigten Blute gefesselt.«Oder man ruft:Sveta Bare,»Heilige Barbara,Razmakni oblake!schiebe die Wolken auseinander.Sveta Luce,Heilige Lucia,Ukaži nam sunce!zeig’ uns die Sonne!«Die Schnelligkeit, mit welcher der Blitz aus einer Wolke in die andere schlägt, scheint der Südslave hier zu vergleichen mit dem blitzschnellen Forthuschen eines Eichhörnchens, das von Ast zu Ast schneller als ihm das Auge folgen kann, dahinspringt. Ich wage aber noch eine andere Vermutung. Das Eichhörnchen, das auf Bäumen haust, mochte einst dem gläubigen Volke als die in dem Baume hausende Vila erschienen sein. Es fände in unserem Falle demnach eine Vermengung der Baum- und Wolkenvilen statt.Mannhardtführt in seinem Werke Baumk. d. G. S. 508 an, dass man zu Bräunrode am Harz im Osterfeuer, das man zur Abwehr gegen schwere Gewitter anzündete, ein Eichhörnchen zu verbrennen pflegte. Auch in Köln herrschte dieselbe Sitte.Sehr merkwürdig ist die Anrufung derHerodias, des Herodes Tochter, deren Tanz Johannes des Täufers Enthauptung herbeigeführt. »Im Mittelalter wähnte man, Herodias sei verwünscht worden, in Gesellschaft der bösen und teuflischen Geister umzuwandern. Sie wird an die Spitze des wütenden Heeres oder der nächtlichen Hexenfahrten gestellt, nebendie heidnische Diana, neben Holda und Perahta, oder an deren Platz.«Grimm, aus dem ich diese Worte anführe, teilt eine reiche Auswahl von Belegstellen aus mittelalterlichen Dichtern mit. (D. M. S. 260–265, vrgl. ferner S. 599, 885, 1008 und 1011 undW. L. Schwartz, Prähist. anthrop. Stud. S. 461–3.) Man ersieht aus der einfachen Tatsache, dass der NameHerodiasbei den Südslaven Eingang gefunden, wie sich der Glaube an die Vile als Wetterhexen nicht ganz allein aus sich selbst, sondern auch durch fremden Einfluss, durch eine Literatur, allmählich entwickelt hat.Es würde zu weit führen, wollte ich hier den Glauben an die hl. Barbara unter den Südslaven eingehend erläutern. Ihr Festtag ist dem Südslaven, besonders den Altgläubigen, der Tag der Zaubereienκατ’ ἐξοχήν.S. M. Ljubiša(Pripovijesti S. 32) lässt eine alte Bäuerin an ihren Sohn, der sich über ihren Glauben erlustigt, folgende Zurechtweisung richten: »Morgen ist der Tag der hl. MärtyrerinVarvara, die ihr Blut für den Glauben vergossen hat, und es blieb von Alters her der Brauch bestehen, dass wir an diesem Tagevaricekochen (d. h. Feldfrucht zu Brei kochen).« Sie zählt nun auf, was sie alles aus der gekochten Frucht (dem Brei), sobald sich die abgekühlt, herausprophezeien kann. Sie leitet das WortvarnicevonBarbara(Varvara) ab. Der Name Varvara lautet in abgekürzter FormVara. Der Stamm ist derselbe, welcher invreloQuelle,vretiquellen, kochen begegnet.Varicaist also das, was man mischt, umrührt und kocht, der Brei.Warum man die hl.Luciagerade als diejenige anruft, die der Sonne zum Siege über die drohenden Wetterwolken verhelfen kann, ergibt sich schon aus dem Namen. Sie ist ja das Licht selbst. (Über die Personifikation der hl.Luciaals Wintersonnenwende. Vrgl.Mannhardt, Wald und Feldkulte, S. 186. Anm.)Die Hagelwetter verursachen die Hexen nur aus Bosheit und Rachsucht. Wenn eine Hexe gegen jemand einen Hass trägt und sich an ihm rächen will, so kommt sie nachts zu ihm ins Haus und setzt sich hinter den Ofen. Dort rührt sie mit einem Kochlöffel so lange ein Wasser um, das sie aus einer Quelle von irgend einem grossen Felsen her mitgebracht, bis es im Hause zu hageln, zu donnern und blitzen anfängt und sich ein so gewaltiger Nebel entwickelt, dass man es nimmer aushalten kann und die Fenster zu öffnen gezwungen ist. Dann aber schlägt der Hagel neun Pfarreien in der Runde alles nieder und verursacht einen unermesslichen Schaden. Man kann sich in einem solchen Falle nicht anders helfen, als indem man die Hexe demütigst um Verzeihung bittet. Eine Hexe ist nämlich allezeit sehr mächtig und stark. (Aus Zagorje.)Parallelen und ausreichende Erläuterungen vrgl. beiGrimm, D. M. S. 1040 ff. u.K. SimrockHdb. d. d. M. III, S. 452.Schlussbemerkung.Wenn wir einen kurzen Rückblick auf die gegebene Darstellung des südslavischen Hexenglaubens werfen, so erkennen wir hier urälteste und allgemein verbreitete Anschauungen der Völker über Wald- und Feldgeister und Zauberweiber. Mit kleinen, fast unscheinbaren Variationen begegnet man ja demselben Glauben bei allen verwandten Völkern, bei dem einen Volke mehr, bei dem anderen weniger durch andere Vorstellungkreise durchkreuzt und verwischt. Mit dem Überhandnehmen des Christentums musste notwendigerweise der alte Glaube an die wohltätigen Schutzgeister der Wälder und Auen, an die Luftgeister eine wesentlich andere Gestalt annehmen, und sich in böse Dämonen, im Gegensatze zu der einen Gottheit des Christentums, umwandeln. Mit dem Hinschwinden des geistigen Glaubens übertrug das Volk die nun modifizierten Vorstellungen auf eine einzige Kategorie von Wesen höherer Art, auf die zauberkundigen Frauen, die vještice, denen man ehedem allgemein grosse Verehrung zollte.Vergleicht man nach den bisherigen Auseinandersetzungen den südslavischen Hexenglauben mit dem abendländischen, vorzüglich mit dem deutschen und italienischen, aus welchem die Südslaven so viele Elemente entlehnt haben, so fällt es zunächst auf, dass in allen den Sagen eines Hexenmeisters gar keine Erwähnung geschieht. Ferner ist dem Teufelglauben eine sehr untergeordnete Stellung eingeräumt. In den deutschen und italienischen Hexenprozessen spielt der Teufel eine sehr grosse Rolle. Die Hexen verschreiben sich ihm mit Leib und Seele unter Hersagung besonderer Schwurformeln. Davon ist keine Rede im südslavischen Hexenglauben. Merkwürdigerweise wird den Hexen bei den Südslaven die Gabe der Weissagung in keiner Sage zugeschrieben. Die Weissagung erschien und erscheint noch heutigen Tags den Südslaven als nichts Verächtliches, geschweige denn Hassenswertes. An gewissen Festtagen im Jahre, z. B. am Tage der hl. Barbara und zu Weihnachten, weissagen noch gegenwärtig Frauen und Männer, die Frauen z. B. aus Fruchtkörnern, dieMänneraus dem Flug der Vögel oder aus den Eingeweiden und Schulterstücken der für den Festtag geschlachteten Tiere.62Bei den Südslaven gab es offenbar ursprünglich keineswegs wie bei den Italienern und Deutschen einen besonderen Stand der Priesterinnen, Weissagerinnen und Ärztinnen. Das streng demokratisch-separatistische System der Hausgemeinschaft (zadruga), der Phratrie (bratstvo) und der Phyle (pleme), das die Südslaven als uraltes Erbstück noch bis auf die Jetztzeit zum Teil festgehalten, bot der Entwicklung von Priesterinnen-Kollegien nicht geringe Hemmnisse. Zudem nahm und nimmt das Weib im Volksleben der Südslaven eine ganz untergeordneteStellung ein. Dem Weibe, das man sich wie irgend einen Gegenstand von ihren Eltern und Verwandten kaufte, konnte man unmöglich eine höhere geistige Befähigung einräumen, die sie über den Mann gestellt hätte. Infolgedessen konnten die Hexenprozesse des Abendlandes auf dem Balkan keinen günstigen Boden haben. In Steiermark, Istrien und Chrowotien, wo das Deutschtum festere Wurzeln gefasst, fanden zahlreiche Hexenprozesse statt. Daselbst wurden auch Hexen verbrannt.63In den Gesetzbüchern der serbischen Könige kommen dagegen gar keine Bestimmungen gegen Hexen vor. Die mittelalterliche Dämonologie des Abendlandes fand hier keinen rechten Eingang. Auch die türkische Herrschaft war ihr nicht günstig. Was die Südslaven von den Türken an Hexen- und Zauberglauben angenommen, kommt in zweiter Reihe hier in Betracht. Anders im Küstenlande, wo italienische Kultur das Slaventum durchdrang. Im Gesetzbuche der freien GemeindePoljica(poljički štatut) aus dem Ende des 14. Jahrhunderts steht eine Verordnung gegen die Hexen, Zauber- und Teufelweiber. § LXXXVIII lautet: »Ako bi se istinom našla koja višćica ali čarovnica ali vražarica, od prvoga obnašašća ima sefruštati; ako li se veće nadje ima se sažgati« (edit.MesićArkiv V, S. 302 f.) (Wenn sich in Wahrheit irgend eine Hexe oder eine Zauberin oder ein Teufelweib fände, so hat man sie gleich nach der ersten Entdeckung zu foltern; hat man den Beweis erlangt, so muss man sie verbrennen.)Fruštatiist das italienischefrustarepeitschen, mit Ruten hauen. Französisch heisst die Folterpoultre,poutre, ursprünglichpoledrus, davon das deutscheFolter. »Es war der Marterbalken, auf welchem der Angeschuldigte reiten musste.« (Vrgl.Grimm, D. M. S. 1029.) Volktümlich wurde unter den Südslaven diese Massregel nie.Die Mittel, durch welche das Volk die Macht der bösen Frauen zu bannen sucht, sind zum grössten Teil Überbleibsel aus dem alten Heidentume. Die Gerte, die ehedem von einem segenspendenden Genius bewohnt zu sein schien, ward nun der Aufenthalt eines bösen Dämons, mit dessen Hilfe man die Kraft des Geistes in der Hexe zu bannen glaubte. Schliesslich verlosch im Volkbewusstsein auch die wahre Bedeutung der Gerte, und man gebraucht sie nur als ein überkommenes Erbstück aus der Väter Zeit, ohne sich mehr über die ursprüngliche Vorstellung Rechenschaft ablegen zu können. So offenbart sich im Hexenglauben ein Stück Entwicklunggeschichte der Menschheit, ein langwieriger Kampf zwischen altem und neuem Glauben, ein Kampf, der noch lange nicht ausgekämpft ist.64Joseph Hansen,65Havelock Ellis66und Dr.Iwan Bloch67wiesen nach, dass der Hexenglaube seinen Ursprung aus dem Geschlechtleben ableite und dass der Geschlechttrieb allezeit in irgend einer Form mit der Zauberei verknüpft ist. Dieser Teil des Glauben entzieht sich einer Besprechung in diesem Buche, das Leser in den weitesten Kreisen finden soll, aber er bleibt darum nicht ohne Behandlung. Ein breiter Raum in denAnthropophyteia68ist ihm ständig gewidmet.
Mili bože, čuda velikoga!Gdje pogibe devet za jednoga!Da z bog koga, ne bi ni žalio,Neg z bog Soke, lijepe djevojke,5Koja muti na nebu oblake,Kamo l ne bi na zemlji junake!»Lieber Gott, o grosses Wunder! Wie da neun für Einen umkamen! Wär’ es noch um jemands Rechten wegen, tät’s mir gar nicht leid, doch um Sokas, des schönen Mädchens wegen, die am Himmel die Wolken trübt (verwirrt), wie sollte sie nicht erst der Helden Sinn verwirren!«61Bei der Wandlung der Wolkenvilen zu Hexen behauptete sich ihre Beziehung auf die Fruchtbarkeit und den Segen, doch in schlimmer Bedeutung. Die Wolkenvilen wurden zu Wetterhexen. Über die Vorstellungen des Volkes in Bezug auf die Wetterhexen haben wir ziemlich genaue Kunde.Wenn sich der Himmel verfinstert und alle Anzeichen auf ein nahendes Hagelwetter schliessen lassen, so muss man mit geweihten Glocken läuten, um dadurch die Hexen zu verscheuchen, ferner muss man sein Gewehr mit Pulver laden und statt der Bleikugeln, wie üblich, soll man Köpfe von Nägeln, mit denen einem Füllen das Hufeisen angeheftet gewesen, auf das Pulver geben und damit in die Luft schiessen. Die Hexe fällt darauf unfehlbar aus den Wolken auf die Erde herab.Das Schiesspulver muss in der Kirche eingesegnet werden. Ebenso muss das Gewehr geweiht sein. Man braucht die Hexe gar nicht einmal von Angesicht zu sehen, es genügt, dass man sie dahinsausen hört. Schiesst man auch nur blind in die Luft hinein, so muss die Hexe schon allein vom Dampf des geweihten Pulvers ersticken.Wenn ein Hagelwetter droht, oder selbst wenn es schon hagelt, legen alte Weiber geweihtes Öl, Lorbeerblätter und Wermutkraut aufs Herdfeuer. An manchen Orten nimmt man einen halbzerschlagenen Topf, füllt ihn mit Glutkohle an, legt darauf eingesegnetes Öl, Lorbeerblätterund Wermutkraut, zieht damit ums ganze Haus herum und lässt den Rauch gegen die Wolken aufsteigen. Dieser Rauch stinkt dermassen schrecklich den Hexen zu, dass sie aus den Wolken herabfallen. Unser Gewährmann erzählt, dass er als Kind bei Hagelwetter rasch einen Sessel aus dem Hause unter den freien Himmel tragen und umstürzen musste, damit sich die Hexen an den aufragenden Stuhlbeinen das Genick brechen, wenn sie aus der Luft herunterpurzeln. Das Hinaustragen von Hausgeräten bei Ungewitter ist im ganzen Süden Brauch. Besonders trägt man, wie ich selbst als Knabe oft mit angesehen und auch mitgeholfen, alle grösseren Schneide- und Hackwerkzeuge in den Hof, damit sich der Hagel (oder die Hexen) daran schneiden.Wenn Blitze aus einer Wolke in eine andere fahren, so sagt man im Küstenlande: »Das ist ein Eichhörnchen, sie versammeln sich, sie versammeln sich« (Ono je viverica, kupe se, kupe). Wenn es zu donnern und zu hageln anfängt, schiessen die Bauern in die Wolken, um die Hexen zu verscheuchen und sprechen dazu folgende Bannsprüche:Biži, biži irudica,»Fliehe, fliehe, Herodias —mater ti je poganica,Deine Mutter ist eine Heidin, —od boga prokleta,von Gott verflucht —krstitelja krvlju sapeta!mit des Gekreuzigten Blute gefesselt.«Oder man ruft:Sveta Bare,»Heilige Barbara,Razmakni oblake!schiebe die Wolken auseinander.Sveta Luce,Heilige Lucia,Ukaži nam sunce!zeig’ uns die Sonne!«Die Schnelligkeit, mit welcher der Blitz aus einer Wolke in die andere schlägt, scheint der Südslave hier zu vergleichen mit dem blitzschnellen Forthuschen eines Eichhörnchens, das von Ast zu Ast schneller als ihm das Auge folgen kann, dahinspringt. Ich wage aber noch eine andere Vermutung. Das Eichhörnchen, das auf Bäumen haust, mochte einst dem gläubigen Volke als die in dem Baume hausende Vila erschienen sein. Es fände in unserem Falle demnach eine Vermengung der Baum- und Wolkenvilen statt.Mannhardtführt in seinem Werke Baumk. d. G. S. 508 an, dass man zu Bräunrode am Harz im Osterfeuer, das man zur Abwehr gegen schwere Gewitter anzündete, ein Eichhörnchen zu verbrennen pflegte. Auch in Köln herrschte dieselbe Sitte.Sehr merkwürdig ist die Anrufung derHerodias, des Herodes Tochter, deren Tanz Johannes des Täufers Enthauptung herbeigeführt. »Im Mittelalter wähnte man, Herodias sei verwünscht worden, in Gesellschaft der bösen und teuflischen Geister umzuwandern. Sie wird an die Spitze des wütenden Heeres oder der nächtlichen Hexenfahrten gestellt, nebendie heidnische Diana, neben Holda und Perahta, oder an deren Platz.«Grimm, aus dem ich diese Worte anführe, teilt eine reiche Auswahl von Belegstellen aus mittelalterlichen Dichtern mit. (D. M. S. 260–265, vrgl. ferner S. 599, 885, 1008 und 1011 undW. L. Schwartz, Prähist. anthrop. Stud. S. 461–3.) Man ersieht aus der einfachen Tatsache, dass der NameHerodiasbei den Südslaven Eingang gefunden, wie sich der Glaube an die Vile als Wetterhexen nicht ganz allein aus sich selbst, sondern auch durch fremden Einfluss, durch eine Literatur, allmählich entwickelt hat.Es würde zu weit führen, wollte ich hier den Glauben an die hl. Barbara unter den Südslaven eingehend erläutern. Ihr Festtag ist dem Südslaven, besonders den Altgläubigen, der Tag der Zaubereienκατ’ ἐξοχήν.S. M. Ljubiša(Pripovijesti S. 32) lässt eine alte Bäuerin an ihren Sohn, der sich über ihren Glauben erlustigt, folgende Zurechtweisung richten: »Morgen ist der Tag der hl. MärtyrerinVarvara, die ihr Blut für den Glauben vergossen hat, und es blieb von Alters her der Brauch bestehen, dass wir an diesem Tagevaricekochen (d. h. Feldfrucht zu Brei kochen).« Sie zählt nun auf, was sie alles aus der gekochten Frucht (dem Brei), sobald sich die abgekühlt, herausprophezeien kann. Sie leitet das WortvarnicevonBarbara(Varvara) ab. Der Name Varvara lautet in abgekürzter FormVara. Der Stamm ist derselbe, welcher invreloQuelle,vretiquellen, kochen begegnet.Varicaist also das, was man mischt, umrührt und kocht, der Brei.Warum man die hl.Luciagerade als diejenige anruft, die der Sonne zum Siege über die drohenden Wetterwolken verhelfen kann, ergibt sich schon aus dem Namen. Sie ist ja das Licht selbst. (Über die Personifikation der hl.Luciaals Wintersonnenwende. Vrgl.Mannhardt, Wald und Feldkulte, S. 186. Anm.)Die Hagelwetter verursachen die Hexen nur aus Bosheit und Rachsucht. Wenn eine Hexe gegen jemand einen Hass trägt und sich an ihm rächen will, so kommt sie nachts zu ihm ins Haus und setzt sich hinter den Ofen. Dort rührt sie mit einem Kochlöffel so lange ein Wasser um, das sie aus einer Quelle von irgend einem grossen Felsen her mitgebracht, bis es im Hause zu hageln, zu donnern und blitzen anfängt und sich ein so gewaltiger Nebel entwickelt, dass man es nimmer aushalten kann und die Fenster zu öffnen gezwungen ist. Dann aber schlägt der Hagel neun Pfarreien in der Runde alles nieder und verursacht einen unermesslichen Schaden. Man kann sich in einem solchen Falle nicht anders helfen, als indem man die Hexe demütigst um Verzeihung bittet. Eine Hexe ist nämlich allezeit sehr mächtig und stark. (Aus Zagorje.)Parallelen und ausreichende Erläuterungen vrgl. beiGrimm, D. M. S. 1040 ff. u.K. SimrockHdb. d. d. M. III, S. 452.Schlussbemerkung.Wenn wir einen kurzen Rückblick auf die gegebene Darstellung des südslavischen Hexenglaubens werfen, so erkennen wir hier urälteste und allgemein verbreitete Anschauungen der Völker über Wald- und Feldgeister und Zauberweiber. Mit kleinen, fast unscheinbaren Variationen begegnet man ja demselben Glauben bei allen verwandten Völkern, bei dem einen Volke mehr, bei dem anderen weniger durch andere Vorstellungkreise durchkreuzt und verwischt. Mit dem Überhandnehmen des Christentums musste notwendigerweise der alte Glaube an die wohltätigen Schutzgeister der Wälder und Auen, an die Luftgeister eine wesentlich andere Gestalt annehmen, und sich in böse Dämonen, im Gegensatze zu der einen Gottheit des Christentums, umwandeln. Mit dem Hinschwinden des geistigen Glaubens übertrug das Volk die nun modifizierten Vorstellungen auf eine einzige Kategorie von Wesen höherer Art, auf die zauberkundigen Frauen, die vještice, denen man ehedem allgemein grosse Verehrung zollte.Vergleicht man nach den bisherigen Auseinandersetzungen den südslavischen Hexenglauben mit dem abendländischen, vorzüglich mit dem deutschen und italienischen, aus welchem die Südslaven so viele Elemente entlehnt haben, so fällt es zunächst auf, dass in allen den Sagen eines Hexenmeisters gar keine Erwähnung geschieht. Ferner ist dem Teufelglauben eine sehr untergeordnete Stellung eingeräumt. In den deutschen und italienischen Hexenprozessen spielt der Teufel eine sehr grosse Rolle. Die Hexen verschreiben sich ihm mit Leib und Seele unter Hersagung besonderer Schwurformeln. Davon ist keine Rede im südslavischen Hexenglauben. Merkwürdigerweise wird den Hexen bei den Südslaven die Gabe der Weissagung in keiner Sage zugeschrieben. Die Weissagung erschien und erscheint noch heutigen Tags den Südslaven als nichts Verächtliches, geschweige denn Hassenswertes. An gewissen Festtagen im Jahre, z. B. am Tage der hl. Barbara und zu Weihnachten, weissagen noch gegenwärtig Frauen und Männer, die Frauen z. B. aus Fruchtkörnern, dieMänneraus dem Flug der Vögel oder aus den Eingeweiden und Schulterstücken der für den Festtag geschlachteten Tiere.62Bei den Südslaven gab es offenbar ursprünglich keineswegs wie bei den Italienern und Deutschen einen besonderen Stand der Priesterinnen, Weissagerinnen und Ärztinnen. Das streng demokratisch-separatistische System der Hausgemeinschaft (zadruga), der Phratrie (bratstvo) und der Phyle (pleme), das die Südslaven als uraltes Erbstück noch bis auf die Jetztzeit zum Teil festgehalten, bot der Entwicklung von Priesterinnen-Kollegien nicht geringe Hemmnisse. Zudem nahm und nimmt das Weib im Volksleben der Südslaven eine ganz untergeordneteStellung ein. Dem Weibe, das man sich wie irgend einen Gegenstand von ihren Eltern und Verwandten kaufte, konnte man unmöglich eine höhere geistige Befähigung einräumen, die sie über den Mann gestellt hätte. Infolgedessen konnten die Hexenprozesse des Abendlandes auf dem Balkan keinen günstigen Boden haben. In Steiermark, Istrien und Chrowotien, wo das Deutschtum festere Wurzeln gefasst, fanden zahlreiche Hexenprozesse statt. Daselbst wurden auch Hexen verbrannt.63In den Gesetzbüchern der serbischen Könige kommen dagegen gar keine Bestimmungen gegen Hexen vor. Die mittelalterliche Dämonologie des Abendlandes fand hier keinen rechten Eingang. Auch die türkische Herrschaft war ihr nicht günstig. Was die Südslaven von den Türken an Hexen- und Zauberglauben angenommen, kommt in zweiter Reihe hier in Betracht. Anders im Küstenlande, wo italienische Kultur das Slaventum durchdrang. Im Gesetzbuche der freien GemeindePoljica(poljički štatut) aus dem Ende des 14. Jahrhunderts steht eine Verordnung gegen die Hexen, Zauber- und Teufelweiber. § LXXXVIII lautet: »Ako bi se istinom našla koja višćica ali čarovnica ali vražarica, od prvoga obnašašća ima sefruštati; ako li se veće nadje ima se sažgati« (edit.MesićArkiv V, S. 302 f.) (Wenn sich in Wahrheit irgend eine Hexe oder eine Zauberin oder ein Teufelweib fände, so hat man sie gleich nach der ersten Entdeckung zu foltern; hat man den Beweis erlangt, so muss man sie verbrennen.)Fruštatiist das italienischefrustarepeitschen, mit Ruten hauen. Französisch heisst die Folterpoultre,poutre, ursprünglichpoledrus, davon das deutscheFolter. »Es war der Marterbalken, auf welchem der Angeschuldigte reiten musste.« (Vrgl.Grimm, D. M. S. 1029.) Volktümlich wurde unter den Südslaven diese Massregel nie.Die Mittel, durch welche das Volk die Macht der bösen Frauen zu bannen sucht, sind zum grössten Teil Überbleibsel aus dem alten Heidentume. Die Gerte, die ehedem von einem segenspendenden Genius bewohnt zu sein schien, ward nun der Aufenthalt eines bösen Dämons, mit dessen Hilfe man die Kraft des Geistes in der Hexe zu bannen glaubte. Schliesslich verlosch im Volkbewusstsein auch die wahre Bedeutung der Gerte, und man gebraucht sie nur als ein überkommenes Erbstück aus der Väter Zeit, ohne sich mehr über die ursprüngliche Vorstellung Rechenschaft ablegen zu können. So offenbart sich im Hexenglauben ein Stück Entwicklunggeschichte der Menschheit, ein langwieriger Kampf zwischen altem und neuem Glauben, ein Kampf, der noch lange nicht ausgekämpft ist.64Joseph Hansen,65Havelock Ellis66und Dr.Iwan Bloch67wiesen nach, dass der Hexenglaube seinen Ursprung aus dem Geschlechtleben ableite und dass der Geschlechttrieb allezeit in irgend einer Form mit der Zauberei verknüpft ist. Dieser Teil des Glauben entzieht sich einer Besprechung in diesem Buche, das Leser in den weitesten Kreisen finden soll, aber er bleibt darum nicht ohne Behandlung. Ein breiter Raum in denAnthropophyteia68ist ihm ständig gewidmet.
Mili bože, čuda velikoga!Gdje pogibe devet za jednoga!Da z bog koga, ne bi ni žalio,Neg z bog Soke, lijepe djevojke,5Koja muti na nebu oblake,Kamo l ne bi na zemlji junake!»Lieber Gott, o grosses Wunder! Wie da neun für Einen umkamen! Wär’ es noch um jemands Rechten wegen, tät’s mir gar nicht leid, doch um Sokas, des schönen Mädchens wegen, die am Himmel die Wolken trübt (verwirrt), wie sollte sie nicht erst der Helden Sinn verwirren!«61Bei der Wandlung der Wolkenvilen zu Hexen behauptete sich ihre Beziehung auf die Fruchtbarkeit und den Segen, doch in schlimmer Bedeutung. Die Wolkenvilen wurden zu Wetterhexen. Über die Vorstellungen des Volkes in Bezug auf die Wetterhexen haben wir ziemlich genaue Kunde.Wenn sich der Himmel verfinstert und alle Anzeichen auf ein nahendes Hagelwetter schliessen lassen, so muss man mit geweihten Glocken läuten, um dadurch die Hexen zu verscheuchen, ferner muss man sein Gewehr mit Pulver laden und statt der Bleikugeln, wie üblich, soll man Köpfe von Nägeln, mit denen einem Füllen das Hufeisen angeheftet gewesen, auf das Pulver geben und damit in die Luft schiessen. Die Hexe fällt darauf unfehlbar aus den Wolken auf die Erde herab.Das Schiesspulver muss in der Kirche eingesegnet werden. Ebenso muss das Gewehr geweiht sein. Man braucht die Hexe gar nicht einmal von Angesicht zu sehen, es genügt, dass man sie dahinsausen hört. Schiesst man auch nur blind in die Luft hinein, so muss die Hexe schon allein vom Dampf des geweihten Pulvers ersticken.Wenn ein Hagelwetter droht, oder selbst wenn es schon hagelt, legen alte Weiber geweihtes Öl, Lorbeerblätter und Wermutkraut aufs Herdfeuer. An manchen Orten nimmt man einen halbzerschlagenen Topf, füllt ihn mit Glutkohle an, legt darauf eingesegnetes Öl, Lorbeerblätterund Wermutkraut, zieht damit ums ganze Haus herum und lässt den Rauch gegen die Wolken aufsteigen. Dieser Rauch stinkt dermassen schrecklich den Hexen zu, dass sie aus den Wolken herabfallen. Unser Gewährmann erzählt, dass er als Kind bei Hagelwetter rasch einen Sessel aus dem Hause unter den freien Himmel tragen und umstürzen musste, damit sich die Hexen an den aufragenden Stuhlbeinen das Genick brechen, wenn sie aus der Luft herunterpurzeln. Das Hinaustragen von Hausgeräten bei Ungewitter ist im ganzen Süden Brauch. Besonders trägt man, wie ich selbst als Knabe oft mit angesehen und auch mitgeholfen, alle grösseren Schneide- und Hackwerkzeuge in den Hof, damit sich der Hagel (oder die Hexen) daran schneiden.Wenn Blitze aus einer Wolke in eine andere fahren, so sagt man im Küstenlande: »Das ist ein Eichhörnchen, sie versammeln sich, sie versammeln sich« (Ono je viverica, kupe se, kupe). Wenn es zu donnern und zu hageln anfängt, schiessen die Bauern in die Wolken, um die Hexen zu verscheuchen und sprechen dazu folgende Bannsprüche:Biži, biži irudica,»Fliehe, fliehe, Herodias —mater ti je poganica,Deine Mutter ist eine Heidin, —od boga prokleta,von Gott verflucht —krstitelja krvlju sapeta!mit des Gekreuzigten Blute gefesselt.«Oder man ruft:Sveta Bare,»Heilige Barbara,Razmakni oblake!schiebe die Wolken auseinander.Sveta Luce,Heilige Lucia,Ukaži nam sunce!zeig’ uns die Sonne!«Die Schnelligkeit, mit welcher der Blitz aus einer Wolke in die andere schlägt, scheint der Südslave hier zu vergleichen mit dem blitzschnellen Forthuschen eines Eichhörnchens, das von Ast zu Ast schneller als ihm das Auge folgen kann, dahinspringt. Ich wage aber noch eine andere Vermutung. Das Eichhörnchen, das auf Bäumen haust, mochte einst dem gläubigen Volke als die in dem Baume hausende Vila erschienen sein. Es fände in unserem Falle demnach eine Vermengung der Baum- und Wolkenvilen statt.Mannhardtführt in seinem Werke Baumk. d. G. S. 508 an, dass man zu Bräunrode am Harz im Osterfeuer, das man zur Abwehr gegen schwere Gewitter anzündete, ein Eichhörnchen zu verbrennen pflegte. Auch in Köln herrschte dieselbe Sitte.Sehr merkwürdig ist die Anrufung derHerodias, des Herodes Tochter, deren Tanz Johannes des Täufers Enthauptung herbeigeführt. »Im Mittelalter wähnte man, Herodias sei verwünscht worden, in Gesellschaft der bösen und teuflischen Geister umzuwandern. Sie wird an die Spitze des wütenden Heeres oder der nächtlichen Hexenfahrten gestellt, nebendie heidnische Diana, neben Holda und Perahta, oder an deren Platz.«Grimm, aus dem ich diese Worte anführe, teilt eine reiche Auswahl von Belegstellen aus mittelalterlichen Dichtern mit. (D. M. S. 260–265, vrgl. ferner S. 599, 885, 1008 und 1011 undW. L. Schwartz, Prähist. anthrop. Stud. S. 461–3.) Man ersieht aus der einfachen Tatsache, dass der NameHerodiasbei den Südslaven Eingang gefunden, wie sich der Glaube an die Vile als Wetterhexen nicht ganz allein aus sich selbst, sondern auch durch fremden Einfluss, durch eine Literatur, allmählich entwickelt hat.Es würde zu weit führen, wollte ich hier den Glauben an die hl. Barbara unter den Südslaven eingehend erläutern. Ihr Festtag ist dem Südslaven, besonders den Altgläubigen, der Tag der Zaubereienκατ’ ἐξοχήν.S. M. Ljubiša(Pripovijesti S. 32) lässt eine alte Bäuerin an ihren Sohn, der sich über ihren Glauben erlustigt, folgende Zurechtweisung richten: »Morgen ist der Tag der hl. MärtyrerinVarvara, die ihr Blut für den Glauben vergossen hat, und es blieb von Alters her der Brauch bestehen, dass wir an diesem Tagevaricekochen (d. h. Feldfrucht zu Brei kochen).« Sie zählt nun auf, was sie alles aus der gekochten Frucht (dem Brei), sobald sich die abgekühlt, herausprophezeien kann. Sie leitet das WortvarnicevonBarbara(Varvara) ab. Der Name Varvara lautet in abgekürzter FormVara. Der Stamm ist derselbe, welcher invreloQuelle,vretiquellen, kochen begegnet.Varicaist also das, was man mischt, umrührt und kocht, der Brei.Warum man die hl.Luciagerade als diejenige anruft, die der Sonne zum Siege über die drohenden Wetterwolken verhelfen kann, ergibt sich schon aus dem Namen. Sie ist ja das Licht selbst. (Über die Personifikation der hl.Luciaals Wintersonnenwende. Vrgl.Mannhardt, Wald und Feldkulte, S. 186. Anm.)Die Hagelwetter verursachen die Hexen nur aus Bosheit und Rachsucht. Wenn eine Hexe gegen jemand einen Hass trägt und sich an ihm rächen will, so kommt sie nachts zu ihm ins Haus und setzt sich hinter den Ofen. Dort rührt sie mit einem Kochlöffel so lange ein Wasser um, das sie aus einer Quelle von irgend einem grossen Felsen her mitgebracht, bis es im Hause zu hageln, zu donnern und blitzen anfängt und sich ein so gewaltiger Nebel entwickelt, dass man es nimmer aushalten kann und die Fenster zu öffnen gezwungen ist. Dann aber schlägt der Hagel neun Pfarreien in der Runde alles nieder und verursacht einen unermesslichen Schaden. Man kann sich in einem solchen Falle nicht anders helfen, als indem man die Hexe demütigst um Verzeihung bittet. Eine Hexe ist nämlich allezeit sehr mächtig und stark. (Aus Zagorje.)Parallelen und ausreichende Erläuterungen vrgl. beiGrimm, D. M. S. 1040 ff. u.K. SimrockHdb. d. d. M. III, S. 452.Schlussbemerkung.Wenn wir einen kurzen Rückblick auf die gegebene Darstellung des südslavischen Hexenglaubens werfen, so erkennen wir hier urälteste und allgemein verbreitete Anschauungen der Völker über Wald- und Feldgeister und Zauberweiber. Mit kleinen, fast unscheinbaren Variationen begegnet man ja demselben Glauben bei allen verwandten Völkern, bei dem einen Volke mehr, bei dem anderen weniger durch andere Vorstellungkreise durchkreuzt und verwischt. Mit dem Überhandnehmen des Christentums musste notwendigerweise der alte Glaube an die wohltätigen Schutzgeister der Wälder und Auen, an die Luftgeister eine wesentlich andere Gestalt annehmen, und sich in böse Dämonen, im Gegensatze zu der einen Gottheit des Christentums, umwandeln. Mit dem Hinschwinden des geistigen Glaubens übertrug das Volk die nun modifizierten Vorstellungen auf eine einzige Kategorie von Wesen höherer Art, auf die zauberkundigen Frauen, die vještice, denen man ehedem allgemein grosse Verehrung zollte.Vergleicht man nach den bisherigen Auseinandersetzungen den südslavischen Hexenglauben mit dem abendländischen, vorzüglich mit dem deutschen und italienischen, aus welchem die Südslaven so viele Elemente entlehnt haben, so fällt es zunächst auf, dass in allen den Sagen eines Hexenmeisters gar keine Erwähnung geschieht. Ferner ist dem Teufelglauben eine sehr untergeordnete Stellung eingeräumt. In den deutschen und italienischen Hexenprozessen spielt der Teufel eine sehr grosse Rolle. Die Hexen verschreiben sich ihm mit Leib und Seele unter Hersagung besonderer Schwurformeln. Davon ist keine Rede im südslavischen Hexenglauben. Merkwürdigerweise wird den Hexen bei den Südslaven die Gabe der Weissagung in keiner Sage zugeschrieben. Die Weissagung erschien und erscheint noch heutigen Tags den Südslaven als nichts Verächtliches, geschweige denn Hassenswertes. An gewissen Festtagen im Jahre, z. B. am Tage der hl. Barbara und zu Weihnachten, weissagen noch gegenwärtig Frauen und Männer, die Frauen z. B. aus Fruchtkörnern, dieMänneraus dem Flug der Vögel oder aus den Eingeweiden und Schulterstücken der für den Festtag geschlachteten Tiere.62Bei den Südslaven gab es offenbar ursprünglich keineswegs wie bei den Italienern und Deutschen einen besonderen Stand der Priesterinnen, Weissagerinnen und Ärztinnen. Das streng demokratisch-separatistische System der Hausgemeinschaft (zadruga), der Phratrie (bratstvo) und der Phyle (pleme), das die Südslaven als uraltes Erbstück noch bis auf die Jetztzeit zum Teil festgehalten, bot der Entwicklung von Priesterinnen-Kollegien nicht geringe Hemmnisse. Zudem nahm und nimmt das Weib im Volksleben der Südslaven eine ganz untergeordneteStellung ein. Dem Weibe, das man sich wie irgend einen Gegenstand von ihren Eltern und Verwandten kaufte, konnte man unmöglich eine höhere geistige Befähigung einräumen, die sie über den Mann gestellt hätte. Infolgedessen konnten die Hexenprozesse des Abendlandes auf dem Balkan keinen günstigen Boden haben. In Steiermark, Istrien und Chrowotien, wo das Deutschtum festere Wurzeln gefasst, fanden zahlreiche Hexenprozesse statt. Daselbst wurden auch Hexen verbrannt.63In den Gesetzbüchern der serbischen Könige kommen dagegen gar keine Bestimmungen gegen Hexen vor. Die mittelalterliche Dämonologie des Abendlandes fand hier keinen rechten Eingang. Auch die türkische Herrschaft war ihr nicht günstig. Was die Südslaven von den Türken an Hexen- und Zauberglauben angenommen, kommt in zweiter Reihe hier in Betracht. Anders im Küstenlande, wo italienische Kultur das Slaventum durchdrang. Im Gesetzbuche der freien GemeindePoljica(poljički štatut) aus dem Ende des 14. Jahrhunderts steht eine Verordnung gegen die Hexen, Zauber- und Teufelweiber. § LXXXVIII lautet: »Ako bi se istinom našla koja višćica ali čarovnica ali vražarica, od prvoga obnašašća ima sefruštati; ako li se veće nadje ima se sažgati« (edit.MesićArkiv V, S. 302 f.) (Wenn sich in Wahrheit irgend eine Hexe oder eine Zauberin oder ein Teufelweib fände, so hat man sie gleich nach der ersten Entdeckung zu foltern; hat man den Beweis erlangt, so muss man sie verbrennen.)Fruštatiist das italienischefrustarepeitschen, mit Ruten hauen. Französisch heisst die Folterpoultre,poutre, ursprünglichpoledrus, davon das deutscheFolter. »Es war der Marterbalken, auf welchem der Angeschuldigte reiten musste.« (Vrgl.Grimm, D. M. S. 1029.) Volktümlich wurde unter den Südslaven diese Massregel nie.Die Mittel, durch welche das Volk die Macht der bösen Frauen zu bannen sucht, sind zum grössten Teil Überbleibsel aus dem alten Heidentume. Die Gerte, die ehedem von einem segenspendenden Genius bewohnt zu sein schien, ward nun der Aufenthalt eines bösen Dämons, mit dessen Hilfe man die Kraft des Geistes in der Hexe zu bannen glaubte. Schliesslich verlosch im Volkbewusstsein auch die wahre Bedeutung der Gerte, und man gebraucht sie nur als ein überkommenes Erbstück aus der Väter Zeit, ohne sich mehr über die ursprüngliche Vorstellung Rechenschaft ablegen zu können. So offenbart sich im Hexenglauben ein Stück Entwicklunggeschichte der Menschheit, ein langwieriger Kampf zwischen altem und neuem Glauben, ein Kampf, der noch lange nicht ausgekämpft ist.64Joseph Hansen,65Havelock Ellis66und Dr.Iwan Bloch67wiesen nach, dass der Hexenglaube seinen Ursprung aus dem Geschlechtleben ableite und dass der Geschlechttrieb allezeit in irgend einer Form mit der Zauberei verknüpft ist. Dieser Teil des Glauben entzieht sich einer Besprechung in diesem Buche, das Leser in den weitesten Kreisen finden soll, aber er bleibt darum nicht ohne Behandlung. Ein breiter Raum in denAnthropophyteia68ist ihm ständig gewidmet.
Mili bože, čuda velikoga!Gdje pogibe devet za jednoga!Da z bog koga, ne bi ni žalio,Neg z bog Soke, lijepe djevojke,5Koja muti na nebu oblake,Kamo l ne bi na zemlji junake!»Lieber Gott, o grosses Wunder! Wie da neun für Einen umkamen! Wär’ es noch um jemands Rechten wegen, tät’s mir gar nicht leid, doch um Sokas, des schönen Mädchens wegen, die am Himmel die Wolken trübt (verwirrt), wie sollte sie nicht erst der Helden Sinn verwirren!«61Bei der Wandlung der Wolkenvilen zu Hexen behauptete sich ihre Beziehung auf die Fruchtbarkeit und den Segen, doch in schlimmer Bedeutung. Die Wolkenvilen wurden zu Wetterhexen. Über die Vorstellungen des Volkes in Bezug auf die Wetterhexen haben wir ziemlich genaue Kunde.Wenn sich der Himmel verfinstert und alle Anzeichen auf ein nahendes Hagelwetter schliessen lassen, so muss man mit geweihten Glocken läuten, um dadurch die Hexen zu verscheuchen, ferner muss man sein Gewehr mit Pulver laden und statt der Bleikugeln, wie üblich, soll man Köpfe von Nägeln, mit denen einem Füllen das Hufeisen angeheftet gewesen, auf das Pulver geben und damit in die Luft schiessen. Die Hexe fällt darauf unfehlbar aus den Wolken auf die Erde herab.Das Schiesspulver muss in der Kirche eingesegnet werden. Ebenso muss das Gewehr geweiht sein. Man braucht die Hexe gar nicht einmal von Angesicht zu sehen, es genügt, dass man sie dahinsausen hört. Schiesst man auch nur blind in die Luft hinein, so muss die Hexe schon allein vom Dampf des geweihten Pulvers ersticken.Wenn ein Hagelwetter droht, oder selbst wenn es schon hagelt, legen alte Weiber geweihtes Öl, Lorbeerblätter und Wermutkraut aufs Herdfeuer. An manchen Orten nimmt man einen halbzerschlagenen Topf, füllt ihn mit Glutkohle an, legt darauf eingesegnetes Öl, Lorbeerblätterund Wermutkraut, zieht damit ums ganze Haus herum und lässt den Rauch gegen die Wolken aufsteigen. Dieser Rauch stinkt dermassen schrecklich den Hexen zu, dass sie aus den Wolken herabfallen. Unser Gewährmann erzählt, dass er als Kind bei Hagelwetter rasch einen Sessel aus dem Hause unter den freien Himmel tragen und umstürzen musste, damit sich die Hexen an den aufragenden Stuhlbeinen das Genick brechen, wenn sie aus der Luft herunterpurzeln. Das Hinaustragen von Hausgeräten bei Ungewitter ist im ganzen Süden Brauch. Besonders trägt man, wie ich selbst als Knabe oft mit angesehen und auch mitgeholfen, alle grösseren Schneide- und Hackwerkzeuge in den Hof, damit sich der Hagel (oder die Hexen) daran schneiden.Wenn Blitze aus einer Wolke in eine andere fahren, so sagt man im Küstenlande: »Das ist ein Eichhörnchen, sie versammeln sich, sie versammeln sich« (Ono je viverica, kupe se, kupe). Wenn es zu donnern und zu hageln anfängt, schiessen die Bauern in die Wolken, um die Hexen zu verscheuchen und sprechen dazu folgende Bannsprüche:Biži, biži irudica,»Fliehe, fliehe, Herodias —mater ti je poganica,Deine Mutter ist eine Heidin, —od boga prokleta,von Gott verflucht —krstitelja krvlju sapeta!mit des Gekreuzigten Blute gefesselt.«Oder man ruft:Sveta Bare,»Heilige Barbara,Razmakni oblake!schiebe die Wolken auseinander.Sveta Luce,Heilige Lucia,Ukaži nam sunce!zeig’ uns die Sonne!«Die Schnelligkeit, mit welcher der Blitz aus einer Wolke in die andere schlägt, scheint der Südslave hier zu vergleichen mit dem blitzschnellen Forthuschen eines Eichhörnchens, das von Ast zu Ast schneller als ihm das Auge folgen kann, dahinspringt. Ich wage aber noch eine andere Vermutung. Das Eichhörnchen, das auf Bäumen haust, mochte einst dem gläubigen Volke als die in dem Baume hausende Vila erschienen sein. Es fände in unserem Falle demnach eine Vermengung der Baum- und Wolkenvilen statt.Mannhardtführt in seinem Werke Baumk. d. G. S. 508 an, dass man zu Bräunrode am Harz im Osterfeuer, das man zur Abwehr gegen schwere Gewitter anzündete, ein Eichhörnchen zu verbrennen pflegte. Auch in Köln herrschte dieselbe Sitte.Sehr merkwürdig ist die Anrufung derHerodias, des Herodes Tochter, deren Tanz Johannes des Täufers Enthauptung herbeigeführt. »Im Mittelalter wähnte man, Herodias sei verwünscht worden, in Gesellschaft der bösen und teuflischen Geister umzuwandern. Sie wird an die Spitze des wütenden Heeres oder der nächtlichen Hexenfahrten gestellt, nebendie heidnische Diana, neben Holda und Perahta, oder an deren Platz.«Grimm, aus dem ich diese Worte anführe, teilt eine reiche Auswahl von Belegstellen aus mittelalterlichen Dichtern mit. (D. M. S. 260–265, vrgl. ferner S. 599, 885, 1008 und 1011 undW. L. Schwartz, Prähist. anthrop. Stud. S. 461–3.) Man ersieht aus der einfachen Tatsache, dass der NameHerodiasbei den Südslaven Eingang gefunden, wie sich der Glaube an die Vile als Wetterhexen nicht ganz allein aus sich selbst, sondern auch durch fremden Einfluss, durch eine Literatur, allmählich entwickelt hat.Es würde zu weit führen, wollte ich hier den Glauben an die hl. Barbara unter den Südslaven eingehend erläutern. Ihr Festtag ist dem Südslaven, besonders den Altgläubigen, der Tag der Zaubereienκατ’ ἐξοχήν.S. M. Ljubiša(Pripovijesti S. 32) lässt eine alte Bäuerin an ihren Sohn, der sich über ihren Glauben erlustigt, folgende Zurechtweisung richten: »Morgen ist der Tag der hl. MärtyrerinVarvara, die ihr Blut für den Glauben vergossen hat, und es blieb von Alters her der Brauch bestehen, dass wir an diesem Tagevaricekochen (d. h. Feldfrucht zu Brei kochen).« Sie zählt nun auf, was sie alles aus der gekochten Frucht (dem Brei), sobald sich die abgekühlt, herausprophezeien kann. Sie leitet das WortvarnicevonBarbara(Varvara) ab. Der Name Varvara lautet in abgekürzter FormVara. Der Stamm ist derselbe, welcher invreloQuelle,vretiquellen, kochen begegnet.Varicaist also das, was man mischt, umrührt und kocht, der Brei.Warum man die hl.Luciagerade als diejenige anruft, die der Sonne zum Siege über die drohenden Wetterwolken verhelfen kann, ergibt sich schon aus dem Namen. Sie ist ja das Licht selbst. (Über die Personifikation der hl.Luciaals Wintersonnenwende. Vrgl.Mannhardt, Wald und Feldkulte, S. 186. Anm.)Die Hagelwetter verursachen die Hexen nur aus Bosheit und Rachsucht. Wenn eine Hexe gegen jemand einen Hass trägt und sich an ihm rächen will, so kommt sie nachts zu ihm ins Haus und setzt sich hinter den Ofen. Dort rührt sie mit einem Kochlöffel so lange ein Wasser um, das sie aus einer Quelle von irgend einem grossen Felsen her mitgebracht, bis es im Hause zu hageln, zu donnern und blitzen anfängt und sich ein so gewaltiger Nebel entwickelt, dass man es nimmer aushalten kann und die Fenster zu öffnen gezwungen ist. Dann aber schlägt der Hagel neun Pfarreien in der Runde alles nieder und verursacht einen unermesslichen Schaden. Man kann sich in einem solchen Falle nicht anders helfen, als indem man die Hexe demütigst um Verzeihung bittet. Eine Hexe ist nämlich allezeit sehr mächtig und stark. (Aus Zagorje.)Parallelen und ausreichende Erläuterungen vrgl. beiGrimm, D. M. S. 1040 ff. u.K. SimrockHdb. d. d. M. III, S. 452.Schlussbemerkung.Wenn wir einen kurzen Rückblick auf die gegebene Darstellung des südslavischen Hexenglaubens werfen, so erkennen wir hier urälteste und allgemein verbreitete Anschauungen der Völker über Wald- und Feldgeister und Zauberweiber. Mit kleinen, fast unscheinbaren Variationen begegnet man ja demselben Glauben bei allen verwandten Völkern, bei dem einen Volke mehr, bei dem anderen weniger durch andere Vorstellungkreise durchkreuzt und verwischt. Mit dem Überhandnehmen des Christentums musste notwendigerweise der alte Glaube an die wohltätigen Schutzgeister der Wälder und Auen, an die Luftgeister eine wesentlich andere Gestalt annehmen, und sich in böse Dämonen, im Gegensatze zu der einen Gottheit des Christentums, umwandeln. Mit dem Hinschwinden des geistigen Glaubens übertrug das Volk die nun modifizierten Vorstellungen auf eine einzige Kategorie von Wesen höherer Art, auf die zauberkundigen Frauen, die vještice, denen man ehedem allgemein grosse Verehrung zollte.Vergleicht man nach den bisherigen Auseinandersetzungen den südslavischen Hexenglauben mit dem abendländischen, vorzüglich mit dem deutschen und italienischen, aus welchem die Südslaven so viele Elemente entlehnt haben, so fällt es zunächst auf, dass in allen den Sagen eines Hexenmeisters gar keine Erwähnung geschieht. Ferner ist dem Teufelglauben eine sehr untergeordnete Stellung eingeräumt. In den deutschen und italienischen Hexenprozessen spielt der Teufel eine sehr grosse Rolle. Die Hexen verschreiben sich ihm mit Leib und Seele unter Hersagung besonderer Schwurformeln. Davon ist keine Rede im südslavischen Hexenglauben. Merkwürdigerweise wird den Hexen bei den Südslaven die Gabe der Weissagung in keiner Sage zugeschrieben. Die Weissagung erschien und erscheint noch heutigen Tags den Südslaven als nichts Verächtliches, geschweige denn Hassenswertes. An gewissen Festtagen im Jahre, z. B. am Tage der hl. Barbara und zu Weihnachten, weissagen noch gegenwärtig Frauen und Männer, die Frauen z. B. aus Fruchtkörnern, dieMänneraus dem Flug der Vögel oder aus den Eingeweiden und Schulterstücken der für den Festtag geschlachteten Tiere.62Bei den Südslaven gab es offenbar ursprünglich keineswegs wie bei den Italienern und Deutschen einen besonderen Stand der Priesterinnen, Weissagerinnen und Ärztinnen. Das streng demokratisch-separatistische System der Hausgemeinschaft (zadruga), der Phratrie (bratstvo) und der Phyle (pleme), das die Südslaven als uraltes Erbstück noch bis auf die Jetztzeit zum Teil festgehalten, bot der Entwicklung von Priesterinnen-Kollegien nicht geringe Hemmnisse. Zudem nahm und nimmt das Weib im Volksleben der Südslaven eine ganz untergeordneteStellung ein. Dem Weibe, das man sich wie irgend einen Gegenstand von ihren Eltern und Verwandten kaufte, konnte man unmöglich eine höhere geistige Befähigung einräumen, die sie über den Mann gestellt hätte. Infolgedessen konnten die Hexenprozesse des Abendlandes auf dem Balkan keinen günstigen Boden haben. In Steiermark, Istrien und Chrowotien, wo das Deutschtum festere Wurzeln gefasst, fanden zahlreiche Hexenprozesse statt. Daselbst wurden auch Hexen verbrannt.63In den Gesetzbüchern der serbischen Könige kommen dagegen gar keine Bestimmungen gegen Hexen vor. Die mittelalterliche Dämonologie des Abendlandes fand hier keinen rechten Eingang. Auch die türkische Herrschaft war ihr nicht günstig. Was die Südslaven von den Türken an Hexen- und Zauberglauben angenommen, kommt in zweiter Reihe hier in Betracht. Anders im Küstenlande, wo italienische Kultur das Slaventum durchdrang. Im Gesetzbuche der freien GemeindePoljica(poljički štatut) aus dem Ende des 14. Jahrhunderts steht eine Verordnung gegen die Hexen, Zauber- und Teufelweiber. § LXXXVIII lautet: »Ako bi se istinom našla koja višćica ali čarovnica ali vražarica, od prvoga obnašašća ima sefruštati; ako li se veće nadje ima se sažgati« (edit.MesićArkiv V, S. 302 f.) (Wenn sich in Wahrheit irgend eine Hexe oder eine Zauberin oder ein Teufelweib fände, so hat man sie gleich nach der ersten Entdeckung zu foltern; hat man den Beweis erlangt, so muss man sie verbrennen.)Fruštatiist das italienischefrustarepeitschen, mit Ruten hauen. Französisch heisst die Folterpoultre,poutre, ursprünglichpoledrus, davon das deutscheFolter. »Es war der Marterbalken, auf welchem der Angeschuldigte reiten musste.« (Vrgl.Grimm, D. M. S. 1029.) Volktümlich wurde unter den Südslaven diese Massregel nie.Die Mittel, durch welche das Volk die Macht der bösen Frauen zu bannen sucht, sind zum grössten Teil Überbleibsel aus dem alten Heidentume. Die Gerte, die ehedem von einem segenspendenden Genius bewohnt zu sein schien, ward nun der Aufenthalt eines bösen Dämons, mit dessen Hilfe man die Kraft des Geistes in der Hexe zu bannen glaubte. Schliesslich verlosch im Volkbewusstsein auch die wahre Bedeutung der Gerte, und man gebraucht sie nur als ein überkommenes Erbstück aus der Väter Zeit, ohne sich mehr über die ursprüngliche Vorstellung Rechenschaft ablegen zu können. So offenbart sich im Hexenglauben ein Stück Entwicklunggeschichte der Menschheit, ein langwieriger Kampf zwischen altem und neuem Glauben, ein Kampf, der noch lange nicht ausgekämpft ist.64Joseph Hansen,65Havelock Ellis66und Dr.Iwan Bloch67wiesen nach, dass der Hexenglaube seinen Ursprung aus dem Geschlechtleben ableite und dass der Geschlechttrieb allezeit in irgend einer Form mit der Zauberei verknüpft ist. Dieser Teil des Glauben entzieht sich einer Besprechung in diesem Buche, das Leser in den weitesten Kreisen finden soll, aber er bleibt darum nicht ohne Behandlung. Ein breiter Raum in denAnthropophyteia68ist ihm ständig gewidmet.
Mili bože, čuda velikoga!Gdje pogibe devet za jednoga!Da z bog koga, ne bi ni žalio,Neg z bog Soke, lijepe djevojke,5Koja muti na nebu oblake,Kamo l ne bi na zemlji junake!»Lieber Gott, o grosses Wunder! Wie da neun für Einen umkamen! Wär’ es noch um jemands Rechten wegen, tät’s mir gar nicht leid, doch um Sokas, des schönen Mädchens wegen, die am Himmel die Wolken trübt (verwirrt), wie sollte sie nicht erst der Helden Sinn verwirren!«61Bei der Wandlung der Wolkenvilen zu Hexen behauptete sich ihre Beziehung auf die Fruchtbarkeit und den Segen, doch in schlimmer Bedeutung. Die Wolkenvilen wurden zu Wetterhexen. Über die Vorstellungen des Volkes in Bezug auf die Wetterhexen haben wir ziemlich genaue Kunde.Wenn sich der Himmel verfinstert und alle Anzeichen auf ein nahendes Hagelwetter schliessen lassen, so muss man mit geweihten Glocken läuten, um dadurch die Hexen zu verscheuchen, ferner muss man sein Gewehr mit Pulver laden und statt der Bleikugeln, wie üblich, soll man Köpfe von Nägeln, mit denen einem Füllen das Hufeisen angeheftet gewesen, auf das Pulver geben und damit in die Luft schiessen. Die Hexe fällt darauf unfehlbar aus den Wolken auf die Erde herab.Das Schiesspulver muss in der Kirche eingesegnet werden. Ebenso muss das Gewehr geweiht sein. Man braucht die Hexe gar nicht einmal von Angesicht zu sehen, es genügt, dass man sie dahinsausen hört. Schiesst man auch nur blind in die Luft hinein, so muss die Hexe schon allein vom Dampf des geweihten Pulvers ersticken.Wenn ein Hagelwetter droht, oder selbst wenn es schon hagelt, legen alte Weiber geweihtes Öl, Lorbeerblätter und Wermutkraut aufs Herdfeuer. An manchen Orten nimmt man einen halbzerschlagenen Topf, füllt ihn mit Glutkohle an, legt darauf eingesegnetes Öl, Lorbeerblätterund Wermutkraut, zieht damit ums ganze Haus herum und lässt den Rauch gegen die Wolken aufsteigen. Dieser Rauch stinkt dermassen schrecklich den Hexen zu, dass sie aus den Wolken herabfallen. Unser Gewährmann erzählt, dass er als Kind bei Hagelwetter rasch einen Sessel aus dem Hause unter den freien Himmel tragen und umstürzen musste, damit sich die Hexen an den aufragenden Stuhlbeinen das Genick brechen, wenn sie aus der Luft herunterpurzeln. Das Hinaustragen von Hausgeräten bei Ungewitter ist im ganzen Süden Brauch. Besonders trägt man, wie ich selbst als Knabe oft mit angesehen und auch mitgeholfen, alle grösseren Schneide- und Hackwerkzeuge in den Hof, damit sich der Hagel (oder die Hexen) daran schneiden.Wenn Blitze aus einer Wolke in eine andere fahren, so sagt man im Küstenlande: »Das ist ein Eichhörnchen, sie versammeln sich, sie versammeln sich« (Ono je viverica, kupe se, kupe). Wenn es zu donnern und zu hageln anfängt, schiessen die Bauern in die Wolken, um die Hexen zu verscheuchen und sprechen dazu folgende Bannsprüche:Biži, biži irudica,»Fliehe, fliehe, Herodias —mater ti je poganica,Deine Mutter ist eine Heidin, —od boga prokleta,von Gott verflucht —krstitelja krvlju sapeta!mit des Gekreuzigten Blute gefesselt.«Oder man ruft:Sveta Bare,»Heilige Barbara,Razmakni oblake!schiebe die Wolken auseinander.Sveta Luce,Heilige Lucia,Ukaži nam sunce!zeig’ uns die Sonne!«Die Schnelligkeit, mit welcher der Blitz aus einer Wolke in die andere schlägt, scheint der Südslave hier zu vergleichen mit dem blitzschnellen Forthuschen eines Eichhörnchens, das von Ast zu Ast schneller als ihm das Auge folgen kann, dahinspringt. Ich wage aber noch eine andere Vermutung. Das Eichhörnchen, das auf Bäumen haust, mochte einst dem gläubigen Volke als die in dem Baume hausende Vila erschienen sein. Es fände in unserem Falle demnach eine Vermengung der Baum- und Wolkenvilen statt.Mannhardtführt in seinem Werke Baumk. d. G. S. 508 an, dass man zu Bräunrode am Harz im Osterfeuer, das man zur Abwehr gegen schwere Gewitter anzündete, ein Eichhörnchen zu verbrennen pflegte. Auch in Köln herrschte dieselbe Sitte.Sehr merkwürdig ist die Anrufung derHerodias, des Herodes Tochter, deren Tanz Johannes des Täufers Enthauptung herbeigeführt. »Im Mittelalter wähnte man, Herodias sei verwünscht worden, in Gesellschaft der bösen und teuflischen Geister umzuwandern. Sie wird an die Spitze des wütenden Heeres oder der nächtlichen Hexenfahrten gestellt, nebendie heidnische Diana, neben Holda und Perahta, oder an deren Platz.«Grimm, aus dem ich diese Worte anführe, teilt eine reiche Auswahl von Belegstellen aus mittelalterlichen Dichtern mit. (D. M. S. 260–265, vrgl. ferner S. 599, 885, 1008 und 1011 undW. L. Schwartz, Prähist. anthrop. Stud. S. 461–3.) Man ersieht aus der einfachen Tatsache, dass der NameHerodiasbei den Südslaven Eingang gefunden, wie sich der Glaube an die Vile als Wetterhexen nicht ganz allein aus sich selbst, sondern auch durch fremden Einfluss, durch eine Literatur, allmählich entwickelt hat.Es würde zu weit führen, wollte ich hier den Glauben an die hl. Barbara unter den Südslaven eingehend erläutern. Ihr Festtag ist dem Südslaven, besonders den Altgläubigen, der Tag der Zaubereienκατ’ ἐξοχήν.S. M. Ljubiša(Pripovijesti S. 32) lässt eine alte Bäuerin an ihren Sohn, der sich über ihren Glauben erlustigt, folgende Zurechtweisung richten: »Morgen ist der Tag der hl. MärtyrerinVarvara, die ihr Blut für den Glauben vergossen hat, und es blieb von Alters her der Brauch bestehen, dass wir an diesem Tagevaricekochen (d. h. Feldfrucht zu Brei kochen).« Sie zählt nun auf, was sie alles aus der gekochten Frucht (dem Brei), sobald sich die abgekühlt, herausprophezeien kann. Sie leitet das WortvarnicevonBarbara(Varvara) ab. Der Name Varvara lautet in abgekürzter FormVara. Der Stamm ist derselbe, welcher invreloQuelle,vretiquellen, kochen begegnet.Varicaist also das, was man mischt, umrührt und kocht, der Brei.Warum man die hl.Luciagerade als diejenige anruft, die der Sonne zum Siege über die drohenden Wetterwolken verhelfen kann, ergibt sich schon aus dem Namen. Sie ist ja das Licht selbst. (Über die Personifikation der hl.Luciaals Wintersonnenwende. Vrgl.Mannhardt, Wald und Feldkulte, S. 186. Anm.)Die Hagelwetter verursachen die Hexen nur aus Bosheit und Rachsucht. Wenn eine Hexe gegen jemand einen Hass trägt und sich an ihm rächen will, so kommt sie nachts zu ihm ins Haus und setzt sich hinter den Ofen. Dort rührt sie mit einem Kochlöffel so lange ein Wasser um, das sie aus einer Quelle von irgend einem grossen Felsen her mitgebracht, bis es im Hause zu hageln, zu donnern und blitzen anfängt und sich ein so gewaltiger Nebel entwickelt, dass man es nimmer aushalten kann und die Fenster zu öffnen gezwungen ist. Dann aber schlägt der Hagel neun Pfarreien in der Runde alles nieder und verursacht einen unermesslichen Schaden. Man kann sich in einem solchen Falle nicht anders helfen, als indem man die Hexe demütigst um Verzeihung bittet. Eine Hexe ist nämlich allezeit sehr mächtig und stark. (Aus Zagorje.)Parallelen und ausreichende Erläuterungen vrgl. beiGrimm, D. M. S. 1040 ff. u.K. SimrockHdb. d. d. M. III, S. 452.Schlussbemerkung.Wenn wir einen kurzen Rückblick auf die gegebene Darstellung des südslavischen Hexenglaubens werfen, so erkennen wir hier urälteste und allgemein verbreitete Anschauungen der Völker über Wald- und Feldgeister und Zauberweiber. Mit kleinen, fast unscheinbaren Variationen begegnet man ja demselben Glauben bei allen verwandten Völkern, bei dem einen Volke mehr, bei dem anderen weniger durch andere Vorstellungkreise durchkreuzt und verwischt. Mit dem Überhandnehmen des Christentums musste notwendigerweise der alte Glaube an die wohltätigen Schutzgeister der Wälder und Auen, an die Luftgeister eine wesentlich andere Gestalt annehmen, und sich in böse Dämonen, im Gegensatze zu der einen Gottheit des Christentums, umwandeln. Mit dem Hinschwinden des geistigen Glaubens übertrug das Volk die nun modifizierten Vorstellungen auf eine einzige Kategorie von Wesen höherer Art, auf die zauberkundigen Frauen, die vještice, denen man ehedem allgemein grosse Verehrung zollte.Vergleicht man nach den bisherigen Auseinandersetzungen den südslavischen Hexenglauben mit dem abendländischen, vorzüglich mit dem deutschen und italienischen, aus welchem die Südslaven so viele Elemente entlehnt haben, so fällt es zunächst auf, dass in allen den Sagen eines Hexenmeisters gar keine Erwähnung geschieht. Ferner ist dem Teufelglauben eine sehr untergeordnete Stellung eingeräumt. In den deutschen und italienischen Hexenprozessen spielt der Teufel eine sehr grosse Rolle. Die Hexen verschreiben sich ihm mit Leib und Seele unter Hersagung besonderer Schwurformeln. Davon ist keine Rede im südslavischen Hexenglauben. Merkwürdigerweise wird den Hexen bei den Südslaven die Gabe der Weissagung in keiner Sage zugeschrieben. Die Weissagung erschien und erscheint noch heutigen Tags den Südslaven als nichts Verächtliches, geschweige denn Hassenswertes. An gewissen Festtagen im Jahre, z. B. am Tage der hl. Barbara und zu Weihnachten, weissagen noch gegenwärtig Frauen und Männer, die Frauen z. B. aus Fruchtkörnern, dieMänneraus dem Flug der Vögel oder aus den Eingeweiden und Schulterstücken der für den Festtag geschlachteten Tiere.62Bei den Südslaven gab es offenbar ursprünglich keineswegs wie bei den Italienern und Deutschen einen besonderen Stand der Priesterinnen, Weissagerinnen und Ärztinnen. Das streng demokratisch-separatistische System der Hausgemeinschaft (zadruga), der Phratrie (bratstvo) und der Phyle (pleme), das die Südslaven als uraltes Erbstück noch bis auf die Jetztzeit zum Teil festgehalten, bot der Entwicklung von Priesterinnen-Kollegien nicht geringe Hemmnisse. Zudem nahm und nimmt das Weib im Volksleben der Südslaven eine ganz untergeordneteStellung ein. Dem Weibe, das man sich wie irgend einen Gegenstand von ihren Eltern und Verwandten kaufte, konnte man unmöglich eine höhere geistige Befähigung einräumen, die sie über den Mann gestellt hätte. Infolgedessen konnten die Hexenprozesse des Abendlandes auf dem Balkan keinen günstigen Boden haben. In Steiermark, Istrien und Chrowotien, wo das Deutschtum festere Wurzeln gefasst, fanden zahlreiche Hexenprozesse statt. Daselbst wurden auch Hexen verbrannt.63In den Gesetzbüchern der serbischen Könige kommen dagegen gar keine Bestimmungen gegen Hexen vor. Die mittelalterliche Dämonologie des Abendlandes fand hier keinen rechten Eingang. Auch die türkische Herrschaft war ihr nicht günstig. Was die Südslaven von den Türken an Hexen- und Zauberglauben angenommen, kommt in zweiter Reihe hier in Betracht. Anders im Küstenlande, wo italienische Kultur das Slaventum durchdrang. Im Gesetzbuche der freien GemeindePoljica(poljički štatut) aus dem Ende des 14. Jahrhunderts steht eine Verordnung gegen die Hexen, Zauber- und Teufelweiber. § LXXXVIII lautet: »Ako bi se istinom našla koja višćica ali čarovnica ali vražarica, od prvoga obnašašća ima sefruštati; ako li se veće nadje ima se sažgati« (edit.MesićArkiv V, S. 302 f.) (Wenn sich in Wahrheit irgend eine Hexe oder eine Zauberin oder ein Teufelweib fände, so hat man sie gleich nach der ersten Entdeckung zu foltern; hat man den Beweis erlangt, so muss man sie verbrennen.)Fruštatiist das italienischefrustarepeitschen, mit Ruten hauen. Französisch heisst die Folterpoultre,poutre, ursprünglichpoledrus, davon das deutscheFolter. »Es war der Marterbalken, auf welchem der Angeschuldigte reiten musste.« (Vrgl.Grimm, D. M. S. 1029.) Volktümlich wurde unter den Südslaven diese Massregel nie.Die Mittel, durch welche das Volk die Macht der bösen Frauen zu bannen sucht, sind zum grössten Teil Überbleibsel aus dem alten Heidentume. Die Gerte, die ehedem von einem segenspendenden Genius bewohnt zu sein schien, ward nun der Aufenthalt eines bösen Dämons, mit dessen Hilfe man die Kraft des Geistes in der Hexe zu bannen glaubte. Schliesslich verlosch im Volkbewusstsein auch die wahre Bedeutung der Gerte, und man gebraucht sie nur als ein überkommenes Erbstück aus der Väter Zeit, ohne sich mehr über die ursprüngliche Vorstellung Rechenschaft ablegen zu können. So offenbart sich im Hexenglauben ein Stück Entwicklunggeschichte der Menschheit, ein langwieriger Kampf zwischen altem und neuem Glauben, ein Kampf, der noch lange nicht ausgekämpft ist.64Joseph Hansen,65Havelock Ellis66und Dr.Iwan Bloch67wiesen nach, dass der Hexenglaube seinen Ursprung aus dem Geschlechtleben ableite und dass der Geschlechttrieb allezeit in irgend einer Form mit der Zauberei verknüpft ist. Dieser Teil des Glauben entzieht sich einer Besprechung in diesem Buche, das Leser in den weitesten Kreisen finden soll, aber er bleibt darum nicht ohne Behandlung. Ein breiter Raum in denAnthropophyteia68ist ihm ständig gewidmet.
Mili bože, čuda velikoga!Gdje pogibe devet za jednoga!Da z bog koga, ne bi ni žalio,Neg z bog Soke, lijepe djevojke,5Koja muti na nebu oblake,Kamo l ne bi na zemlji junake!»Lieber Gott, o grosses Wunder! Wie da neun für Einen umkamen! Wär’ es noch um jemands Rechten wegen, tät’s mir gar nicht leid, doch um Sokas, des schönen Mädchens wegen, die am Himmel die Wolken trübt (verwirrt), wie sollte sie nicht erst der Helden Sinn verwirren!«61
Mili bože, čuda velikoga!Gdje pogibe devet za jednoga!Da z bog koga, ne bi ni žalio,Neg z bog Soke, lijepe djevojke,5Koja muti na nebu oblake,Kamo l ne bi na zemlji junake!
Mili bože, čuda velikoga!Gdje pogibe devet za jednoga!Da z bog koga, ne bi ni žalio,Neg z bog Soke, lijepe djevojke,5Koja muti na nebu oblake,Kamo l ne bi na zemlji junake!
Mili bože, čuda velikoga!
Gdje pogibe devet za jednoga!
Da z bog koga, ne bi ni žalio,
Neg z bog Soke, lijepe djevojke,
5Koja muti na nebu oblake,
Kamo l ne bi na zemlji junake!
Bei der Wandlung der Wolkenvilen zu Hexen behauptete sich ihre Beziehung auf die Fruchtbarkeit und den Segen, doch in schlimmer Bedeutung. Die Wolkenvilen wurden zu Wetterhexen. Über die Vorstellungen des Volkes in Bezug auf die Wetterhexen haben wir ziemlich genaue Kunde.
Wenn sich der Himmel verfinstert und alle Anzeichen auf ein nahendes Hagelwetter schliessen lassen, so muss man mit geweihten Glocken läuten, um dadurch die Hexen zu verscheuchen, ferner muss man sein Gewehr mit Pulver laden und statt der Bleikugeln, wie üblich, soll man Köpfe von Nägeln, mit denen einem Füllen das Hufeisen angeheftet gewesen, auf das Pulver geben und damit in die Luft schiessen. Die Hexe fällt darauf unfehlbar aus den Wolken auf die Erde herab.
Das Schiesspulver muss in der Kirche eingesegnet werden. Ebenso muss das Gewehr geweiht sein. Man braucht die Hexe gar nicht einmal von Angesicht zu sehen, es genügt, dass man sie dahinsausen hört. Schiesst man auch nur blind in die Luft hinein, so muss die Hexe schon allein vom Dampf des geweihten Pulvers ersticken.
Wenn ein Hagelwetter droht, oder selbst wenn es schon hagelt, legen alte Weiber geweihtes Öl, Lorbeerblätter und Wermutkraut aufs Herdfeuer. An manchen Orten nimmt man einen halbzerschlagenen Topf, füllt ihn mit Glutkohle an, legt darauf eingesegnetes Öl, Lorbeerblätterund Wermutkraut, zieht damit ums ganze Haus herum und lässt den Rauch gegen die Wolken aufsteigen. Dieser Rauch stinkt dermassen schrecklich den Hexen zu, dass sie aus den Wolken herabfallen. Unser Gewährmann erzählt, dass er als Kind bei Hagelwetter rasch einen Sessel aus dem Hause unter den freien Himmel tragen und umstürzen musste, damit sich die Hexen an den aufragenden Stuhlbeinen das Genick brechen, wenn sie aus der Luft herunterpurzeln. Das Hinaustragen von Hausgeräten bei Ungewitter ist im ganzen Süden Brauch. Besonders trägt man, wie ich selbst als Knabe oft mit angesehen und auch mitgeholfen, alle grösseren Schneide- und Hackwerkzeuge in den Hof, damit sich der Hagel (oder die Hexen) daran schneiden.
Wenn Blitze aus einer Wolke in eine andere fahren, so sagt man im Küstenlande: »Das ist ein Eichhörnchen, sie versammeln sich, sie versammeln sich« (Ono je viverica, kupe se, kupe). Wenn es zu donnern und zu hageln anfängt, schiessen die Bauern in die Wolken, um die Hexen zu verscheuchen und sprechen dazu folgende Bannsprüche:
Biži, biži irudica,»Fliehe, fliehe, Herodias —mater ti je poganica,Deine Mutter ist eine Heidin, —od boga prokleta,von Gott verflucht —krstitelja krvlju sapeta!mit des Gekreuzigten Blute gefesselt.«
Biži, biži irudica,
»Fliehe, fliehe, Herodias —
mater ti je poganica,
Deine Mutter ist eine Heidin, —
od boga prokleta,
von Gott verflucht —
krstitelja krvlju sapeta!
mit des Gekreuzigten Blute gefesselt.«
Oder man ruft:
Sveta Bare,»Heilige Barbara,Razmakni oblake!schiebe die Wolken auseinander.Sveta Luce,Heilige Lucia,Ukaži nam sunce!zeig’ uns die Sonne!«
Sveta Bare,
»Heilige Barbara,
Razmakni oblake!
schiebe die Wolken auseinander.
Sveta Luce,
Heilige Lucia,
Ukaži nam sunce!
zeig’ uns die Sonne!«
Die Schnelligkeit, mit welcher der Blitz aus einer Wolke in die andere schlägt, scheint der Südslave hier zu vergleichen mit dem blitzschnellen Forthuschen eines Eichhörnchens, das von Ast zu Ast schneller als ihm das Auge folgen kann, dahinspringt. Ich wage aber noch eine andere Vermutung. Das Eichhörnchen, das auf Bäumen haust, mochte einst dem gläubigen Volke als die in dem Baume hausende Vila erschienen sein. Es fände in unserem Falle demnach eine Vermengung der Baum- und Wolkenvilen statt.Mannhardtführt in seinem Werke Baumk. d. G. S. 508 an, dass man zu Bräunrode am Harz im Osterfeuer, das man zur Abwehr gegen schwere Gewitter anzündete, ein Eichhörnchen zu verbrennen pflegte. Auch in Köln herrschte dieselbe Sitte.
Sehr merkwürdig ist die Anrufung derHerodias, des Herodes Tochter, deren Tanz Johannes des Täufers Enthauptung herbeigeführt. »Im Mittelalter wähnte man, Herodias sei verwünscht worden, in Gesellschaft der bösen und teuflischen Geister umzuwandern. Sie wird an die Spitze des wütenden Heeres oder der nächtlichen Hexenfahrten gestellt, nebendie heidnische Diana, neben Holda und Perahta, oder an deren Platz.«Grimm, aus dem ich diese Worte anführe, teilt eine reiche Auswahl von Belegstellen aus mittelalterlichen Dichtern mit. (D. M. S. 260–265, vrgl. ferner S. 599, 885, 1008 und 1011 undW. L. Schwartz, Prähist. anthrop. Stud. S. 461–3.) Man ersieht aus der einfachen Tatsache, dass der NameHerodiasbei den Südslaven Eingang gefunden, wie sich der Glaube an die Vile als Wetterhexen nicht ganz allein aus sich selbst, sondern auch durch fremden Einfluss, durch eine Literatur, allmählich entwickelt hat.
Es würde zu weit führen, wollte ich hier den Glauben an die hl. Barbara unter den Südslaven eingehend erläutern. Ihr Festtag ist dem Südslaven, besonders den Altgläubigen, der Tag der Zaubereienκατ’ ἐξοχήν.S. M. Ljubiša(Pripovijesti S. 32) lässt eine alte Bäuerin an ihren Sohn, der sich über ihren Glauben erlustigt, folgende Zurechtweisung richten: »Morgen ist der Tag der hl. MärtyrerinVarvara, die ihr Blut für den Glauben vergossen hat, und es blieb von Alters her der Brauch bestehen, dass wir an diesem Tagevaricekochen (d. h. Feldfrucht zu Brei kochen).« Sie zählt nun auf, was sie alles aus der gekochten Frucht (dem Brei), sobald sich die abgekühlt, herausprophezeien kann. Sie leitet das WortvarnicevonBarbara(Varvara) ab. Der Name Varvara lautet in abgekürzter FormVara. Der Stamm ist derselbe, welcher invreloQuelle,vretiquellen, kochen begegnet.Varicaist also das, was man mischt, umrührt und kocht, der Brei.
Warum man die hl.Luciagerade als diejenige anruft, die der Sonne zum Siege über die drohenden Wetterwolken verhelfen kann, ergibt sich schon aus dem Namen. Sie ist ja das Licht selbst. (Über die Personifikation der hl.Luciaals Wintersonnenwende. Vrgl.Mannhardt, Wald und Feldkulte, S. 186. Anm.)
Die Hagelwetter verursachen die Hexen nur aus Bosheit und Rachsucht. Wenn eine Hexe gegen jemand einen Hass trägt und sich an ihm rächen will, so kommt sie nachts zu ihm ins Haus und setzt sich hinter den Ofen. Dort rührt sie mit einem Kochlöffel so lange ein Wasser um, das sie aus einer Quelle von irgend einem grossen Felsen her mitgebracht, bis es im Hause zu hageln, zu donnern und blitzen anfängt und sich ein so gewaltiger Nebel entwickelt, dass man es nimmer aushalten kann und die Fenster zu öffnen gezwungen ist. Dann aber schlägt der Hagel neun Pfarreien in der Runde alles nieder und verursacht einen unermesslichen Schaden. Man kann sich in einem solchen Falle nicht anders helfen, als indem man die Hexe demütigst um Verzeihung bittet. Eine Hexe ist nämlich allezeit sehr mächtig und stark. (Aus Zagorje.)
Parallelen und ausreichende Erläuterungen vrgl. beiGrimm, D. M. S. 1040 ff. u.K. SimrockHdb. d. d. M. III, S. 452.
Schlussbemerkung.Wenn wir einen kurzen Rückblick auf die gegebene Darstellung des südslavischen Hexenglaubens werfen, so erkennen wir hier urälteste und allgemein verbreitete Anschauungen der Völker über Wald- und Feldgeister und Zauberweiber. Mit kleinen, fast unscheinbaren Variationen begegnet man ja demselben Glauben bei allen verwandten Völkern, bei dem einen Volke mehr, bei dem anderen weniger durch andere Vorstellungkreise durchkreuzt und verwischt. Mit dem Überhandnehmen des Christentums musste notwendigerweise der alte Glaube an die wohltätigen Schutzgeister der Wälder und Auen, an die Luftgeister eine wesentlich andere Gestalt annehmen, und sich in böse Dämonen, im Gegensatze zu der einen Gottheit des Christentums, umwandeln. Mit dem Hinschwinden des geistigen Glaubens übertrug das Volk die nun modifizierten Vorstellungen auf eine einzige Kategorie von Wesen höherer Art, auf die zauberkundigen Frauen, die vještice, denen man ehedem allgemein grosse Verehrung zollte.
Vergleicht man nach den bisherigen Auseinandersetzungen den südslavischen Hexenglauben mit dem abendländischen, vorzüglich mit dem deutschen und italienischen, aus welchem die Südslaven so viele Elemente entlehnt haben, so fällt es zunächst auf, dass in allen den Sagen eines Hexenmeisters gar keine Erwähnung geschieht. Ferner ist dem Teufelglauben eine sehr untergeordnete Stellung eingeräumt. In den deutschen und italienischen Hexenprozessen spielt der Teufel eine sehr grosse Rolle. Die Hexen verschreiben sich ihm mit Leib und Seele unter Hersagung besonderer Schwurformeln. Davon ist keine Rede im südslavischen Hexenglauben. Merkwürdigerweise wird den Hexen bei den Südslaven die Gabe der Weissagung in keiner Sage zugeschrieben. Die Weissagung erschien und erscheint noch heutigen Tags den Südslaven als nichts Verächtliches, geschweige denn Hassenswertes. An gewissen Festtagen im Jahre, z. B. am Tage der hl. Barbara und zu Weihnachten, weissagen noch gegenwärtig Frauen und Männer, die Frauen z. B. aus Fruchtkörnern, dieMänneraus dem Flug der Vögel oder aus den Eingeweiden und Schulterstücken der für den Festtag geschlachteten Tiere.62Bei den Südslaven gab es offenbar ursprünglich keineswegs wie bei den Italienern und Deutschen einen besonderen Stand der Priesterinnen, Weissagerinnen und Ärztinnen. Das streng demokratisch-separatistische System der Hausgemeinschaft (zadruga), der Phratrie (bratstvo) und der Phyle (pleme), das die Südslaven als uraltes Erbstück noch bis auf die Jetztzeit zum Teil festgehalten, bot der Entwicklung von Priesterinnen-Kollegien nicht geringe Hemmnisse. Zudem nahm und nimmt das Weib im Volksleben der Südslaven eine ganz untergeordneteStellung ein. Dem Weibe, das man sich wie irgend einen Gegenstand von ihren Eltern und Verwandten kaufte, konnte man unmöglich eine höhere geistige Befähigung einräumen, die sie über den Mann gestellt hätte. Infolgedessen konnten die Hexenprozesse des Abendlandes auf dem Balkan keinen günstigen Boden haben. In Steiermark, Istrien und Chrowotien, wo das Deutschtum festere Wurzeln gefasst, fanden zahlreiche Hexenprozesse statt. Daselbst wurden auch Hexen verbrannt.63In den Gesetzbüchern der serbischen Könige kommen dagegen gar keine Bestimmungen gegen Hexen vor. Die mittelalterliche Dämonologie des Abendlandes fand hier keinen rechten Eingang. Auch die türkische Herrschaft war ihr nicht günstig. Was die Südslaven von den Türken an Hexen- und Zauberglauben angenommen, kommt in zweiter Reihe hier in Betracht. Anders im Küstenlande, wo italienische Kultur das Slaventum durchdrang. Im Gesetzbuche der freien GemeindePoljica(poljički štatut) aus dem Ende des 14. Jahrhunderts steht eine Verordnung gegen die Hexen, Zauber- und Teufelweiber. § LXXXVIII lautet: »Ako bi se istinom našla koja višćica ali čarovnica ali vražarica, od prvoga obnašašća ima sefruštati; ako li se veće nadje ima se sažgati« (edit.MesićArkiv V, S. 302 f.) (Wenn sich in Wahrheit irgend eine Hexe oder eine Zauberin oder ein Teufelweib fände, so hat man sie gleich nach der ersten Entdeckung zu foltern; hat man den Beweis erlangt, so muss man sie verbrennen.)Fruštatiist das italienischefrustarepeitschen, mit Ruten hauen. Französisch heisst die Folterpoultre,poutre, ursprünglichpoledrus, davon das deutscheFolter. »Es war der Marterbalken, auf welchem der Angeschuldigte reiten musste.« (Vrgl.Grimm, D. M. S. 1029.) Volktümlich wurde unter den Südslaven diese Massregel nie.
Die Mittel, durch welche das Volk die Macht der bösen Frauen zu bannen sucht, sind zum grössten Teil Überbleibsel aus dem alten Heidentume. Die Gerte, die ehedem von einem segenspendenden Genius bewohnt zu sein schien, ward nun der Aufenthalt eines bösen Dämons, mit dessen Hilfe man die Kraft des Geistes in der Hexe zu bannen glaubte. Schliesslich verlosch im Volkbewusstsein auch die wahre Bedeutung der Gerte, und man gebraucht sie nur als ein überkommenes Erbstück aus der Väter Zeit, ohne sich mehr über die ursprüngliche Vorstellung Rechenschaft ablegen zu können. So offenbart sich im Hexenglauben ein Stück Entwicklunggeschichte der Menschheit, ein langwieriger Kampf zwischen altem und neuem Glauben, ein Kampf, der noch lange nicht ausgekämpft ist.64
Joseph Hansen,65Havelock Ellis66und Dr.Iwan Bloch67wiesen nach, dass der Hexenglaube seinen Ursprung aus dem Geschlechtleben ableite und dass der Geschlechttrieb allezeit in irgend einer Form mit der Zauberei verknüpft ist. Dieser Teil des Glauben entzieht sich einer Besprechung in diesem Buche, das Leser in den weitesten Kreisen finden soll, aber er bleibt darum nicht ohne Behandlung. Ein breiter Raum in denAnthropophyteia68ist ihm ständig gewidmet.