Die Mar.Blutwallungen, denen sich Krämpfe zugesellen, Anschwellungen der Blutdrüsen mit Milch- oder Blutfluss, schmerzhaftes Herzklopfen mit Atembeklemmungen und dergleichen krankhafte Zustände, die die nächtliche Ruhe zur nächtlichen Pein umwandeln können, führt der Volkglaube, einen Grund für solche Wirkungen suchend, auf Bedrückungen nächtlicher Quälgeister, auf die Maren zurück. Heutigentags ist man über die Erscheinung und die Volkauffassung völlig im klaren. Viele gelehrte Erklärungversuche vertragen kaum mehr eine Erörterung, wie z. B. jeneA. Hennes: »Die Nachtgespenster sind abergläubige Entstellungen derGestirne, deren Strahlen überall hindringen und den stärksten Einfluss auf die Nachtruhe der Menschen üben, indem ihre Helligkeit dieselbe oft stört oder vereitelt. In den wandernden und irrenden Nachtmaren .... erkennt man ohnehin (?!) die in Tiergestalt gedachten, ruhelos hinziehenden Sterne.« Henne verkennt und überschätzt den Einfluss der Sternenwelt auf die Nachtruhe des Menschen. Der Mondsüchtige oder der Nachtwandler ist mit dem Margeplagten nicht zu verwechseln. Die Mar verhindert eben die Beweglichkeit, sie legt den Leib des Schlafenden lahm, die Sterne aber und der Mond beeinflussen in einer anderen, entgegengesetzten Weise den Schläfer.In neuester Zeit wird wieder von einigen Gelehrten die uralte Ansicht eifrig verfochten, die Gestalt der Nachtmar verdanke dem Traumleben ihre Entstehung und ihr Dasein.1Diese Auffassung ist zum Teil richtig; der nächtliche Quälgeist ist aber auch bei den meisten Völkern mit den Waldgeistern oder vielleicht eigentlich mit den Windgeistern innig verwandt, doch erscheint nebenher, zumal bei den Slaven, die Mar auch als der Geist eines Verstorbenen, der eine neue Geburt durchgemacht hat d. h. aus der unbekannten Geisterwelt oder, wie die modernen Spiritistenbehaupten, aus der vierten Dimension, in einen lebenden menschlichen Leib hineingefahren sei und den Besessenen zu unheimlichen Taten dränge. »Bezeichnend ist hierbei die Vorstellung«, sagt mit Bezug daraufF. Liebrecht, »dass die auf ungewöhnlichem Wege auf Erden Anlangenden (oder Zurückkehrenden) nicht nach ihrer Heimat gefragt sein wollen, als ob sie die Erinnerung daran mieden, indem durch eine derartige Frage eine unwiderstehliche Sehnsucht nach derselben erweckt und sie so zur Heimkehr veranlasst werden könnten«. Einen Beleg dafür lernen wir beim Vilenglauben kennen,2einen weiteren erhalten wir gleich bezüglich der Mora.Wenn irgend ein Glaube allen Völkern der Erde zu allen Zeiten und unter allen Zonen gemeinsam war und ist, so ist es der Marglaube. Der südslavische weist unbedeutende Eigentümlichkeiten auf, es wäre denn eine, dass er besonders tief im Volkgemüte noch gegenwärtig eingewurzelt ist.DieMar(nach anderer Schreibung:Mahr) heisst bei den Serben in Serbien, Montenegro, Dalmatien, bei den Bulgaren und Slovenen allgemeinmora, daneben unter den Chrowotenmuraund in Slavonien und in Bosnientmora. Falls das ‘t’ in tmora nicht als parasitisch, sondern als thematisch angenommen werden sollte, so würde uns gerade diese Form eine erwünschte Aufklärung des rätselhaften Wortes geben. Es würde vontema(tmica,tama= Dunkelheit) abzuleiten und mit ‘die im Dunkeln wandelnde’ zu übersetzen sein. In Südbulgarien nennt man die Mora auchlamia. Der Name ist dem Griechischen entlehnt. Die Montenegrer sagen liebervještica(Hexe) als Mora. Ausnahmweise nennt das Volk die Mora auchVila, doch ist diese Bezeichnung dann nur als Schimpfwort aufzufassen, nicht aber als ein eigentlicher Name. Das Wort Mora ist dem Bauer schrecklich auszusprechen, darum umschreibt er es gewöhnlich mitnoćnica(Nachtfahre, Nachtfrau, domina nocturna). Wenn sich bei einem Manne die Brustwarzen verhärten und ihm dies Schmerzen bereitet, so glaubt man, Noćnice saugen an seinen Brüsten nächtlich (Serbien, Slavonien). Verschiedene Namen für ein Wesen bilden sich im Volkglauben mit der Zeit zu neuen, verschiedenen Wesen aus. So unterscheidet man im Savelande unter den Serben schon zwischen Mora und Noćnica. Die Mora sauge die kleinen Kinder aus, die Noćnica schlage sie, so dass der Oberleib eines geplagten Kindes gleichsam mit blauen Striemen bedeckt erscheine.Die Slovenen in Steiermark kennen neben der Mora noch einen männlichen Quälgeist:vedomec, der, wie ich nach den einschlägigen Mitteilungen und Erhebungen schliessen muss, dem deutschen Volkglaubenentlehnt ist und unseremAlpin allen Stücken entspricht. Nur der Name ist slavisch. Im übrigen sind die Moren bei den Südslaven nur wirkliche menschliche Wesen, und zwar ausschliesslich weiblichen Geschlechts. (Nach südslavischem Sprachgebrauche zählen Frauenzimmer freilich nicht zu den Menschen.)Die Mora bei den Südslaven beschränkt sich nicht, wie die Mar bei den Deutschen, aufs Milchtrinken, sondern saugt regelmässig dem Menschen Blut aus.Ohne eigenes Zutun wird das Menschenkind zur Mora. Der verderbliche Geist nimmt vom Menschen Besitz und zwingt zu seinen Diensten den besessenen Leib, der schliesslich oft für den fremden Geist zu büssen hat. In Bosnien und im Herzogtum sagt man: ‘Eine Mora kann nur ein Mädchen sein, und zwar eines, dessen Mutter schlimm gewesen, z. B. die den Teufel anrief (vragala), wenn sie im Hause ihre Kinder züchtigte, die sich falsch zu verschwören pflegte und schamlos war, zu Gott nicht betete und in der Kirche keine Beichte ablegte.’3In einer Dorfgeschichte des DalmatersVuletić, »Die Mädchenhöhle«, erzählt ein Mädchen: »Ich hatte eine Tante namens Ännchen, die war als Mora zur Welt gekommen, das heisst, in einem blutigroten Hemdchen. Zu ihrem Unglück hatte sich damals niemand gefunden, der von der Spitze des Daches in die Welt hinausgeschrien hätte: ‘Es ist eine kleine, rote Hindin in einem roten Hemdchen geboren worden’(rodila se crvena košutica u crvenoj košuljici). Dies wäre ihre Erlösung gewesen. Während ihrer Mädchenzeit wurde sie im ganzen Dorfe verfolgt; die Dorfleute waren fahl und blass, als ob das Fieber alle plagte, und oft sah man morgens das Mädchen zerkratzt in die Häuser kommen mit der Bitte: ‘Gevatter, gib mir ein Körnchen Salz!’« — Allgemein gilt es, dass Kinder weiblichen Geschlechts, die mit einem sogen. Glückhäubchen, in der Lika sagt man »in einem Bettchen« (posteljica) oder einem blauen Hemdchen (modra košuljica) geboren werden, als Moren die Menschen quälen müssen. Solche Mädchen sähen bei Nacht ebenso gut wie Katzen.Der Volkglaube setzt die Moren in engere Beziehung zu den Hexen, doch gehen die Meinungen in Einzelheiten stark auseinander. Die Beziehungen sind jüngeren Ursprungs. Manche glauben, die Mora sei eine Hexe (vještica), die ihr Tun bereut und das Gelübde getan habe, keinen Menschen mehr auszufressen, sondern die Leute bloss nächtlich im Schlaf zu bedrücken und ihnen den Atem zu benehmen. Andere wieder glauben, die Mora sei ein heiratfähiges Mädchen, das nach der Verheiratung eine Hexe werden soll. Im Herzögischen glaubt man ferner, Moren wären von Hexen geborene Mädchen, die diesen ihr ganzes Treiben ablernen,doch während ihrer Mädchenzeit das Zauberwerk nicht ausüben können und vor ihrer Verheiratung niemandem das Herz ausweiden dürfen. In dem Augenblicke aber, wo bei der Trauung der Mora der Kranz aufgesetzt wird, verwandle sich die Mora zu einer Hexe. Auf Curzola und den übrigen Inseln behauptet man dagegen, die Mora sei keine unverheiratete Hexe, vielmehr gebe es sowohl verheiratete als unverheiratete Moren, auch könne nie eine Mora zu einer Hexe werden. Im allgemeinen seien die Moren an dem zerkratzten Gesichte, die Hexen aber an den Hitzbläschen und Wimmerln im Gesichte erkennbar (Insel Brazza).Moren vermögen gleich dem Teufel und den Hexen jede mögliche Gestalt anzunehmen, nur nicht die eines Schafes oder einer Biene. Dank ihrer Verwandlungfähigkeit kann die Mora durch die allerkleinsten Ritzen hindurchschlüpfen. Die Mora steht nicht leicht ab von ihrem auserkorenen Opfer. Sie pflegt es z. B. in der Gestalt eines Pferdes oder eines Hundes zu begleiten. Es ist vielleicht kein Zufall, dass der Volkglaube sie ein Pferd von weisser Farbe sein lässt. Auch die Pest in Pferdegestalt ist von weisser Farbe.Nächtlich bedrückt eine Mora den Schläfer meist in Menschengestalt, oder als Henne, oder als ein Hund, oder als eine Schlange, oder als eine Schlinge, oder als ein Zwirnfaden, den man nicht erfassen kann. Die Mora wirft über den Menschen vorerst einen tiefen Schlaf, doch raubt sie ihm das Bewusstsein nicht. Hat einmal eine Mora bei einem Menschen süsses Blut entdeckt, so verliebt sie sich in ihn und weicht nicht mehr von ihm. Mag er im Schlafe noch so ächzen und stöhnen, die Mora wehrt ihm das Erwachen.In Chrowotien glaubt man, die Mora habe Füsse von dieser Form. Um sich vor den Heimsuchungen der Mora zu schützen, zeichnet man sich auf die Brustwarzen (sise) ihre »Pratzen« (šape) auf, dann lässt sie einen in Ruhe. Ich vermag diesen Zug bei den übrigen Südslaven nicht nachzuweisen und wage die Vermutung, er sei dem Volkglauben der eingewanderten Schwaben entlehnt (Drudenfuss). Die Mora wälzt sich einem auf die Brust und benimmt einem den Atem. Es sei erwähnt, dass der südslavische Bauer mit Vorliebe auf dem Rücken liegend schläft und die Hände unters Haupt, gleichsam als ein Kissen, legt. Auch bei den deutschen Bauern beobachtete ich vorwiegend diese Lage, während der bürgerliche Deutsche die Seitenlage bevorzugt und wohl daher auch seltener über Alpdrücken zu klagen hat.Hauptsächlich wird die Mora als Quälerin der Wiegenkinder gefürchtet. Dass ein Kind von einer Mora ausgesaugt wird, erkennt man an den angeschwollenen Brüsten, die Feuchtigkeit absondern. Die Ausscheidungen wäscht man weg und reibt die Geschwulst mit Knoblauch ein; denn die Moren vertragen gleich den Hexen keinen Knoblauch.In Bosnien legt die Mutter ihr säugendes Kind nicht eher in die Wiege, als bis sie es mit einer Schere dreimal bekreuzigt hat. Die Schere verbirgt sie unters Kopfpölsterchen, sonst schadet dem Kinde eine Hexe, oder es wird von einer Mora erwürgt (da ga ne bi umorila tmora). Um Kinder vor der Mora und sonst vor Krankheitgeistern zu bewahren, räuchert man abends die Bettchen mit einem alten Stück Schuhleder aus, das man auf glühende Kohlen legt; denn man glaubt, dass Unholde solchen Gestank scheuen. Gewiss ist es, dass Motten und Gelsen ferne bleiben (Serbien, Bulgarien).Die Flüche und Beschwörungen, die man gegen Krankheitgeister sonst ausstösst, wendet man in kürzeren Fassungen auch gegen die Moren an.4Im Vergleich zu den vielen Bannformeln in meinem Buche über Volkglauben lehren uns die speziellen Moraverfluchungen kaum etwas Neues, bis auf einige wenige belanglose Wendungen.Als besonders wirksame Abwehr gegen die Mora gilt in Bosnien und dem Herzogtum folgender Zaubersegen (basna) den man vor dem Schlafengehen dreimal singend aufzusagen hat (iskantati):Mora, lezi doma!Mora, leg dich daheim nieder!doma su ti puti,daheim sind dir die Wegezemlja ti je uzda,die Erde ist dir ein Zaum,Bog te prokleo!Gott möge dich verfluchen!5Sveti Jovan sapeo,der hl. Johannes in Fesseln schlagen,sveti Videlare,der hl. Videlar,koji po moru hogjašeso da auf dem Meer einherschritti brodove vozaše:und die Schiffe geleitete:sveži mori moći,Bind der Mar die Gewalten,10sveži tatu ruke,bind dem Dieb die Hände,sveži vuku zube,bind dem Wolf die Zähne,da vuk ne ujede,auf dass der Wolf nicht beisse,da tat ne ukrade!auf dass der Dieb nicht bestehle!Okani se mora i vještica,Lass ab von Maren und Hexen,15pogani gjavolica!von den unreinen Teufelinnen!Ne ću ih se okaniti,Nicht eher lasse ich von ihnen ab,dok ih ne doćeramals bis ich sie dahin gejagtna dubove grane,auf der Eiche Äste,na granama reske,auf den Ästen die Blütenbüschel,20na reskama kaplje,auf den Büscheln die Tautropfen,na volu dlake,auf dem Ochsen das Haar,na pijevcu repušina!auf dem Hahn ein grosser Schweif!Amin!Amen!Man bannt so die Mar in einen Baum der Wildnis, denn als eine böse Baumseele gehört sie dahin, woher sie gekommen.Ein weiteres Beispiel mag ausreichen. Wer von einer Mora geplagt wird, pflegt vor dem Schlafengehen folgendes Gebet aufzusagen:Mora bora, ne prelaziprek ovoga bjela dvora,e su na njem tvrdi ključiod našega Siodora5Siodora i Todorai Marije i Matijei sestrice Levantije,koja nema pristupišta,prek ovoga bjela dvora,10ni kamena kamenica,ni vjetrušna vjetruština,ni nametna nametnicani udova udovicani maćiona maćionica;15dokle ne bi pribrojilana nebu zvijezde,na gori listovena moru pijesakna kućki dlake,20na kozi runjena ovci vunena vuni dlake.A kad bi to prebrojila,vratilom se opasala,25zaštikalom poštapila,ušla u jajsku ljusku,utopila se u morsku pućinu,trinka joj trakuli,vragu joj glava,30sve joj koze vrag odnio,mleko joj se ne sirilo,nego rekla: jaoh!jaoh joj dala Lena plenai Marija Magdalena! Amin!Mora (bora) überschreit’ nichtdieses weissen Hofes Schwelle;denn an ihm sind feste Schlüsselvon unserem Siodorus,Siodorus, Theodorusund Maria und Matthiasund der Schwester Levantija,der allda kein Eintritt zustehtüber dieses Hofes Schwelle;keiner Steinhex, sie versteiner’,keiner Windhex, sie verwehe,keiner Plaghex, sei geplagt sie,keiner Witwe, zweimal Witwe,keiner magischen Magierin,eh sie nicht zu End gezählt hätt:am Himmel alle Sterne,im Hochgebirg die Blätter,die Sandkörner im Meer,auf der Hindin das Haar,auf der Ziege die Zoten,auf dem Schaf die Wolle,auf der Wolle die Haare.Und sollt’ sie dies zu Ende zählen,gürt’ sie sich mit einem Webbaum,Webstuhlnagel sei ihr Stecken,sie fahre in eine Eierschale hinein,sie soll in der Meerflut ersaufen;ihr Eingeweide dem Bandwurm,ihr Kopf falle dem Teufel zu,der Teufel hol’ ihr alle Ziegen;ihre Milch soll sich nicht verkäsen;sie soll vielmehr schreien: o weh!o weh! bescher’ ihr Lena plenaund Maria Magdalena! Amen!(Aus Grbalj in Dalmatien.)Das Wort ‘bora’ im 1. Vers mag vielleicht den Wind Bora bezeichnen, doch ist es möglicherweise hier nur ein bedeutungloses Füllsel. Die Namen in Vers 4–7 beziehen sich wahrscheinlich auf die Heiligenbilder, die an den Wänden der Stube hängen. Lena plena in Vers 33 ist wohl von der lateinischen Unterschrift eines Bildes entnommen:Sa. Helena plena (amoris Christi). Katholische Bilder sind bei Altgläubigen in Dalmatien nichts Ungewöhnliches.Der Glaube an die gute Wirkung solcher Bannsprüche und Gebete ist nicht gross, denn man nimmt noch zu mancherlei anderen Abwehrmittelnseine Zuflucht. Als bestes, doch schwer durchführbares Mittel gilt, die Mora gründlich durchzubläuen oder gar zu verbrennen. Manches als Mora verdächtigte Frauenzimmer wurde von erbitterten Leuten auf Kohlenglut gesetzt, so dass sie böse Brandwunden davontrug. Man glaubt nämlich, dass die einmal angebrannte Mora nie wiederkommen werde. Mitunter genügt es, dass man irgend ein Kleidungstück der Mora vom Leib reisst und als Pfand zurückbehält. Um es zurückzubekommen, muss sie sich zu jeder Bedingung bequemen. In Montenegro pflegen die Leute, die von einer Mora gedrückt und gewürgt werden, vor dem Schlafengehen einen gewebten Leibgürtel der Länge nach über die Decke auszubreiten. Wenn die Mora zur Heimsuchung erscheint, so zieht sie sich vor dem hegenden Band wieder zurück oder glaubt, eine andere Mora sei ihr zuvorgekommen und habe sich als Band über den Schläfer gemacht. Im »Bergkranz« spricht Serdar Janko zu Wolf Mićanović, der sich berühmt, ihn habe noch niemals eine Mora gedrückt (pritisla): »Mir aber ist sie zur Last geworden. Stets trage ich Kren bei mir und Dornenstacheln im Kleidersaume eingenäht; doch gibt es kein zuverlässigeres Gegenmittel gegen sie (die Mora) als das, wenn man sich zu Bette begibt, über die Kleider einen Gürtel der Länge nach zu legen« (pas pružit ozgo svrh haljina).Wen die Mora drückt, der braucht nur vor dem Schlafengehen hinter die Türe einen Birkenrutenbesen mit dem Stil nach unten zu stellen, und er wird vor der Mora Ruhe haben. Es lebte im Jahre 1866 zu Požega in Slavonien ein Kürschnergeselle, ein starker Fresser, dem aber das Vielessen schlecht bekam, denn ihn plagte die Mora. Sobald er nachts das Licht ausgelöscht hatte und sich niederlegte, kam die Mora durch die nicht verschliessbare Türe ins Zimmer hinein und sprang auf den Gesellen hinauf. Vor Entsetzen getraute er sich nicht sich zu rühren. Deutlich hörte er die Mora atmen und sich räuspern, doch sonst tat sie ihm nichts zu Leide an. Alle Zaubermittel halfen nichts gegen das Übel. Da riet ihm jemand, er solle ein Freitagkind, das vor Moren gefeit sei, bitten, dass es mit ihm in einem Bette übernachte und die Mora mit einer Schere durchschneide. Die Wahl fiel auf mich. Wir waren in der Florianigasse benachbart. Ich war völlig furchtlos, weil man mir frühzeitig eingeredet hatte, ich könnte weder je Geister sehen, noch vermöchten Unholde mir auch nur das Geringste anzuhaben. So sass ich denn mit der schweren Kürschnerschere in beiden Händen auf dem Bette an der Wand, während der Geselle ausgestreckt im Bette neben mir lag. Auf einmal hörten wir den Besen umfallen und die Tür aufgehen. Ein Satz, und die Mora lag auf dem Gesellen. Er fing zu ächzen an und bat mich himmelhoch in die Mora hineinzuschneiden. Die Schere war aber für meine Knabenhände zu schwer, und so gab ich der Mora nur einen Stich in den Leib.Sie sprang im Nu mit einem fürchterlichen Geheul auf und verkroch sich unterm Bette. Nun kamen die Leute herbeigerannt, machten Licht und fanden einen grossen Hund aus der Nachbarschaft vor. Der Geselle schlug ihn halbtot. Am nächsten Tag gab es einen furchtbaren Auftritt zwischen dem Eigentümer des Hundes und dem Gesellen, worauf letzterer sein Ränzlein schnürte und nach Miholjac wanderte.In Dalmatien sagt man, es sei angezeigt, falls einen nachts eine Mora drücke, mit dem Fingernagel in die Wand oder ins Bettgestelle zu kratzen; denn danach werde man am nächsten Morgen die Mora an ihrem zerkratzten Gesichte (ogrančana) erkennen. Ein moslimisches Mädchen in einem Dorfe bei Derventa in Bosnien, das eine Hexe war, liebte einen jungen Mann, ohne Gegenliebe zu finden. Um sich an ihm zu rächen, kam sie in der Nacht als Mora zu ihm. Er jedoch schlief nicht und erfasste sie bei ihren roten Haaren. Alle ihre Bitten, er möge darüber schweigen, nützten ihr nichts, denn er verriet es dem ganzen Orte. Das Mädchen konnte sich an ihm nicht rächen, da er ihr Haar in Händen gehabt und ihr gedroht hatte, ihr das Haar bei nächster Gelegenheit abzuschneiden. Sie heiratete später einen anderen, blieb kinderlos und soll noch jetzt leben. — Wenn es dem Geplagten glückt, der auf ihm lastenden Mora das Hemd vom Leibe herunterzureissen, so werfe er es hinter die Türe mit den Worten: »Komm morgen, ich werde dir Brot und Salz geben!« Die Mora muss sich am nächsten Tag in ihrer wahren Menschengestalt einstellen und um Brot und Salz bitten. Es hat sich dadurch schon öfters ereignet, dass Weiber, die arglos in der Nachbarschaft Brot und Salz ausborgen wollten, tüchtige Schläge davontrugen, weil man sie für Moren oder Hexen gehalten hat. Der Herzogländler glaubt, gegen die Mora sei das beste Mittel, man binde sich vor dem Schlafengehen einen Faden um die grosse Zehe; denn da erwache man, sobald sich die Mora auf einen wälzt. Man sage ihr: »Komm morgen und verlang ein Salz von mir!« Am nächsten Morgen haue man die Mora windelweich durch, und man wird zeitlebens vor ihr Ruhe haben.Die Mora-Sagen erzählen ferner immer mit unwesentlichen Abweichungen dieselbe Geschichte von der wunderbaren Errettung eines Geplagten, der sich nicht einmal durch Flucht zu helfen vermochte, wenn ihm nicht ein Zufall Erlösung brachte. Als typisch darf aber nachfolgende Fassung angesehen werden:Es war einmal ein Mann, den plagte derart die Mora (morila mora), dass er schliesslich gar nicht mehr einschlafen konnte. Das Leben daheim ward ihm zu Leid, und er bestieg sein weisses Ross und ritt davon in die Welt hinaus ganz ohne Plan und ohne Ziel. Seine Flucht blieb aber vergeblich, denn wo immer er sich auf der Reise zur Ruhe begab, fiel auch schon gleich die Mora über ihn her. So immer weiter durch dieWelt wandernd, kehrte er einmal zu Nacht bei einem Schneider ein. Als nach dem Nachtessen der Schneider seine Arbeit wieder vornahm und zu nähen anfing, klagte ihm der Gast sein Leid, wie ihn die Mora heimsuche und plage. »Weisst du was«, sagte er, »während du hier nähst, will ich mich mal auf ein Weilchen niederlegen und zu schlafen versuchen«, deckte sich mit seinem Lodenrock zu und streckte sich aus. Kaum hatte er zum Schlafe die Augen geschlossen, fing ihn die Mora zu drücken an, und er hub zu schreien und sich zu wehren an. Als der Schneider dies hörte, hob er die Kerze, um zu sehen, wie sich sein Gast abplage; als er jedoch hinschaute, erblickte er, wie sich ein weisses Haar mit der Schnelligkeit einer Schlange über den Lodenrock hinbewegte, mit welchem sich der Schläfer zugedeckt hatte. Zufällig hielt der Schneider seine schwere Tuchschere in der Hand, fuhr damit auf den Rock zu und schnitt jenes Haar durch. Sobald sich das Haar zu bewegen aufgehört, beruhigte sich der Schläfer und schlief ruhig bis zum nächsten Tag, als die Sonne schon hoch aufgestiegen war. Als er erwachte, dankte er Gott für den gesunden Schlaf und die gegönnte Erholung und lief gleich in den Stall zum Ross, um es abzuwarten. Da hatte man es! Liegt nicht das Ross im Stall tot ausgestreckt? Als ihm nun der Schneider erzählte, wie er das Haar auf dem Lodenrock durchgeschnitten habe, ersahen beide, dass die Mora, die den Wanderer so gequält hatte, niemand andres als das Ross gewesen sei.Man würde irren, wollte man annehmen, das sei nur eine Schauersage, ersonnen zur Unterhaltung. Das Volk glaubt unverbrüchlich fest an die Wahrheit der Erscheinung und an den Wert der Gegenmittel. Noch in der unmittelbarsten Gegenwart betrachtet der südslavische Bauer die Mora als seinen bitteren Feind, den er bekämpfen müsse; an die Säuberung seiner ungesunden Wohnstätte, an die Beschaffung zuträglicher Nahrung, an Mässigkeit und zweckdienliche Bekleidung denkt er weitaus weniger. Zwei gutbezeugte Fälle aus der jüngsten Vergangenheit sollen zur Beleuchtung des Volkglaubens an die Mora dienen. Die Belege liessen sich leicht vermehren.Manda Lučić in Ramanovci erzählte meiner Mutter (im J. 1887): »Vor vier Jahren erkrankte mein Kind. Ich beklagte mich bei den Weibern, dass es fortwährend kränkle, grosse Brüste bekomme, und wie ihm Milch aus den Brüsten fliesse. Die Weiber sagten mir: ‘Dein Kind wird von einer Tmora ausgesaugt. Nimm du einen Wälger (eine längliche Walze aus Holz zum Auswalgen von Mehlspeisteig,oklagija) und pass nachts auf; sobald das Kind zu ächzen anfängt, spring du zur Wiege hin und drück das Wälgerholz darüber. So wirst du die Mora auf dem Kinde erwischen.’ Mein Lukas setzt sich abends in den Ofenwinkel und wartet ab. Auf einmal gegen Mitternacht bemerkt er, wie sich etwasdurchs geschlossene Fenster ins Zimmer einschleicht und zur Wiege hinzieht. Als er merkte, dass es schon auf der Wiege liege, sprang er aus dem Ofenwinkel hervor und drückte mit dem Wälger auf die Wiege nieder und fing just jenes Weib ein, das er in Verdacht hatte. Nun schlug er sie mit dem Wälgerholz braun und blau, bis sie ihn zu bitten anfing: ‘Liebster Gevatter, schlag mich nicht tot, ich werde das nimmermehr tun!’ (Kume dragi nemoj me ubiti, ne ću to više nikada raditi!) Dann schlug er sie nicht weiter, und unser Kind wurde frisch und gesund. Jetzt ist es fünf Jahre alt, im sechsten.«Manda Šuperina in Suljkovci erzählte meiner Mutter: »In unserem Dorfe lebten ein Mann und ein Weib, die hatten ein einziges Kind, zu dem allnächtlich eine Mora (tmora) kam, die das Kind aussaugte. Er klagte sein Herzeleid einem Weibe, das Kind könnte ihm sterben, da es von der Mora ausgesaugt werde. Riet ihm das Weib: ‘Nimm einen Sack, wend ihn auf die Kehrseite um, leg dich nachts deinem Weib zu Füssen, deck dich mit dem umgewendeten Sack zu und hüt dich einzuschlafen. Wenn du nachts das Kind wirst ächzen hören, springst du hurtig auf und packst fest den Gegenstand an, selbst wenn es ein lebendes Geschöpf sein sollte, und lässt es um keinen Preis aus.’ Der Mann tat so und fing eine Glucke auf dem Kinde ein. Er hub an, sein Weib zu wecken, sie hin und her zu drehen, aber er konnte sie durchaus nicht erwecken, weil die Vila einen Schlaf auf sie geworfen hatte. Nun nahm er ein Zündhölzchen und wollte die Kerze anzünden, doch die Henne blies das Hölzchen aus. So ging er denn zu seinem Bruder ins Schlafkämmerchen (kiljer) hinaus, weckte ihn auf und hiess ihn ein Licht anstecken, damit sie sähen, was er für eine Henne gefangen. Da sahen sie richtig eine Henne, versengten ihr alle Federn auf dem Kopfe und schleuderten sie mit aller Wucht in den Türwinkel. Die Henne präuchte wie ein leeres Fass. Als sie merkten, sie habe genug bekommen, packten sie sie und warfen sie auf einen Steinhaufen vors Haus. In der Frühe hörten sie, Baba Marga (die alte Margarete) in der Nachbarschaft liege im Sterben, gestern sei sie noch frisch und gesund gewesen. Der Mann ging zu ihr, sah, dass ihr Kopf wie gebraten und ihr Leib zerschlagen sei, und sprach zu ihr: ‘Gelt, du wirst nimmer mein Kind aussaugen kommen!’ (jel de da ne ćeš moje dite više sisati!) Das Weib starb noch am selben Tage, das Kind des Mannes genas aber vollkommen.«1Man vergleiche die endlos gelehrte StudieW. H. Roschers, Ephialtes. Eine pathologisch-mythologische Abhandlung über die Alpträume und Alpdämonen des klassischen Altertums. Leipzig 1900 und Dr.M. HöflersStudie über Krankheitdämonen, Arch. f. Religionwissenschaft, hrsg. vonTh. Achelis. II. (1899). S. 86–164. Beide Abhandlungen erschliessen naturwissenschaftlich den Völkerglauben. Vrgl. mein Referat: Die Volkkunde in den Jahren 1897–1902. S. 113–115.2Volkglaube und religiöser Brauch der Südslaven. Münster in Westfalen 1890.3Am Urquell I. (1890). S. 103 f.4In Bulgarien, wie es scheint, durchwegs. Man vergleiche den Bannspruch z. B. imSbornik za narodni umotvorenija, nauka i knižninaVIII. (Sofia 1892) II. S. 155 f. und sonst öfters.
Die Mar.Blutwallungen, denen sich Krämpfe zugesellen, Anschwellungen der Blutdrüsen mit Milch- oder Blutfluss, schmerzhaftes Herzklopfen mit Atembeklemmungen und dergleichen krankhafte Zustände, die die nächtliche Ruhe zur nächtlichen Pein umwandeln können, führt der Volkglaube, einen Grund für solche Wirkungen suchend, auf Bedrückungen nächtlicher Quälgeister, auf die Maren zurück. Heutigentags ist man über die Erscheinung und die Volkauffassung völlig im klaren. Viele gelehrte Erklärungversuche vertragen kaum mehr eine Erörterung, wie z. B. jeneA. Hennes: »Die Nachtgespenster sind abergläubige Entstellungen derGestirne, deren Strahlen überall hindringen und den stärksten Einfluss auf die Nachtruhe der Menschen üben, indem ihre Helligkeit dieselbe oft stört oder vereitelt. In den wandernden und irrenden Nachtmaren .... erkennt man ohnehin (?!) die in Tiergestalt gedachten, ruhelos hinziehenden Sterne.« Henne verkennt und überschätzt den Einfluss der Sternenwelt auf die Nachtruhe des Menschen. Der Mondsüchtige oder der Nachtwandler ist mit dem Margeplagten nicht zu verwechseln. Die Mar verhindert eben die Beweglichkeit, sie legt den Leib des Schlafenden lahm, die Sterne aber und der Mond beeinflussen in einer anderen, entgegengesetzten Weise den Schläfer.In neuester Zeit wird wieder von einigen Gelehrten die uralte Ansicht eifrig verfochten, die Gestalt der Nachtmar verdanke dem Traumleben ihre Entstehung und ihr Dasein.1Diese Auffassung ist zum Teil richtig; der nächtliche Quälgeist ist aber auch bei den meisten Völkern mit den Waldgeistern oder vielleicht eigentlich mit den Windgeistern innig verwandt, doch erscheint nebenher, zumal bei den Slaven, die Mar auch als der Geist eines Verstorbenen, der eine neue Geburt durchgemacht hat d. h. aus der unbekannten Geisterwelt oder, wie die modernen Spiritistenbehaupten, aus der vierten Dimension, in einen lebenden menschlichen Leib hineingefahren sei und den Besessenen zu unheimlichen Taten dränge. »Bezeichnend ist hierbei die Vorstellung«, sagt mit Bezug daraufF. Liebrecht, »dass die auf ungewöhnlichem Wege auf Erden Anlangenden (oder Zurückkehrenden) nicht nach ihrer Heimat gefragt sein wollen, als ob sie die Erinnerung daran mieden, indem durch eine derartige Frage eine unwiderstehliche Sehnsucht nach derselben erweckt und sie so zur Heimkehr veranlasst werden könnten«. Einen Beleg dafür lernen wir beim Vilenglauben kennen,2einen weiteren erhalten wir gleich bezüglich der Mora.Wenn irgend ein Glaube allen Völkern der Erde zu allen Zeiten und unter allen Zonen gemeinsam war und ist, so ist es der Marglaube. Der südslavische weist unbedeutende Eigentümlichkeiten auf, es wäre denn eine, dass er besonders tief im Volkgemüte noch gegenwärtig eingewurzelt ist.DieMar(nach anderer Schreibung:Mahr) heisst bei den Serben in Serbien, Montenegro, Dalmatien, bei den Bulgaren und Slovenen allgemeinmora, daneben unter den Chrowotenmuraund in Slavonien und in Bosnientmora. Falls das ‘t’ in tmora nicht als parasitisch, sondern als thematisch angenommen werden sollte, so würde uns gerade diese Form eine erwünschte Aufklärung des rätselhaften Wortes geben. Es würde vontema(tmica,tama= Dunkelheit) abzuleiten und mit ‘die im Dunkeln wandelnde’ zu übersetzen sein. In Südbulgarien nennt man die Mora auchlamia. Der Name ist dem Griechischen entlehnt. Die Montenegrer sagen liebervještica(Hexe) als Mora. Ausnahmweise nennt das Volk die Mora auchVila, doch ist diese Bezeichnung dann nur als Schimpfwort aufzufassen, nicht aber als ein eigentlicher Name. Das Wort Mora ist dem Bauer schrecklich auszusprechen, darum umschreibt er es gewöhnlich mitnoćnica(Nachtfahre, Nachtfrau, domina nocturna). Wenn sich bei einem Manne die Brustwarzen verhärten und ihm dies Schmerzen bereitet, so glaubt man, Noćnice saugen an seinen Brüsten nächtlich (Serbien, Slavonien). Verschiedene Namen für ein Wesen bilden sich im Volkglauben mit der Zeit zu neuen, verschiedenen Wesen aus. So unterscheidet man im Savelande unter den Serben schon zwischen Mora und Noćnica. Die Mora sauge die kleinen Kinder aus, die Noćnica schlage sie, so dass der Oberleib eines geplagten Kindes gleichsam mit blauen Striemen bedeckt erscheine.Die Slovenen in Steiermark kennen neben der Mora noch einen männlichen Quälgeist:vedomec, der, wie ich nach den einschlägigen Mitteilungen und Erhebungen schliessen muss, dem deutschen Volkglaubenentlehnt ist und unseremAlpin allen Stücken entspricht. Nur der Name ist slavisch. Im übrigen sind die Moren bei den Südslaven nur wirkliche menschliche Wesen, und zwar ausschliesslich weiblichen Geschlechts. (Nach südslavischem Sprachgebrauche zählen Frauenzimmer freilich nicht zu den Menschen.)Die Mora bei den Südslaven beschränkt sich nicht, wie die Mar bei den Deutschen, aufs Milchtrinken, sondern saugt regelmässig dem Menschen Blut aus.Ohne eigenes Zutun wird das Menschenkind zur Mora. Der verderbliche Geist nimmt vom Menschen Besitz und zwingt zu seinen Diensten den besessenen Leib, der schliesslich oft für den fremden Geist zu büssen hat. In Bosnien und im Herzogtum sagt man: ‘Eine Mora kann nur ein Mädchen sein, und zwar eines, dessen Mutter schlimm gewesen, z. B. die den Teufel anrief (vragala), wenn sie im Hause ihre Kinder züchtigte, die sich falsch zu verschwören pflegte und schamlos war, zu Gott nicht betete und in der Kirche keine Beichte ablegte.’3In einer Dorfgeschichte des DalmatersVuletić, »Die Mädchenhöhle«, erzählt ein Mädchen: »Ich hatte eine Tante namens Ännchen, die war als Mora zur Welt gekommen, das heisst, in einem blutigroten Hemdchen. Zu ihrem Unglück hatte sich damals niemand gefunden, der von der Spitze des Daches in die Welt hinausgeschrien hätte: ‘Es ist eine kleine, rote Hindin in einem roten Hemdchen geboren worden’(rodila se crvena košutica u crvenoj košuljici). Dies wäre ihre Erlösung gewesen. Während ihrer Mädchenzeit wurde sie im ganzen Dorfe verfolgt; die Dorfleute waren fahl und blass, als ob das Fieber alle plagte, und oft sah man morgens das Mädchen zerkratzt in die Häuser kommen mit der Bitte: ‘Gevatter, gib mir ein Körnchen Salz!’« — Allgemein gilt es, dass Kinder weiblichen Geschlechts, die mit einem sogen. Glückhäubchen, in der Lika sagt man »in einem Bettchen« (posteljica) oder einem blauen Hemdchen (modra košuljica) geboren werden, als Moren die Menschen quälen müssen. Solche Mädchen sähen bei Nacht ebenso gut wie Katzen.Der Volkglaube setzt die Moren in engere Beziehung zu den Hexen, doch gehen die Meinungen in Einzelheiten stark auseinander. Die Beziehungen sind jüngeren Ursprungs. Manche glauben, die Mora sei eine Hexe (vještica), die ihr Tun bereut und das Gelübde getan habe, keinen Menschen mehr auszufressen, sondern die Leute bloss nächtlich im Schlaf zu bedrücken und ihnen den Atem zu benehmen. Andere wieder glauben, die Mora sei ein heiratfähiges Mädchen, das nach der Verheiratung eine Hexe werden soll. Im Herzögischen glaubt man ferner, Moren wären von Hexen geborene Mädchen, die diesen ihr ganzes Treiben ablernen,doch während ihrer Mädchenzeit das Zauberwerk nicht ausüben können und vor ihrer Verheiratung niemandem das Herz ausweiden dürfen. In dem Augenblicke aber, wo bei der Trauung der Mora der Kranz aufgesetzt wird, verwandle sich die Mora zu einer Hexe. Auf Curzola und den übrigen Inseln behauptet man dagegen, die Mora sei keine unverheiratete Hexe, vielmehr gebe es sowohl verheiratete als unverheiratete Moren, auch könne nie eine Mora zu einer Hexe werden. Im allgemeinen seien die Moren an dem zerkratzten Gesichte, die Hexen aber an den Hitzbläschen und Wimmerln im Gesichte erkennbar (Insel Brazza).Moren vermögen gleich dem Teufel und den Hexen jede mögliche Gestalt anzunehmen, nur nicht die eines Schafes oder einer Biene. Dank ihrer Verwandlungfähigkeit kann die Mora durch die allerkleinsten Ritzen hindurchschlüpfen. Die Mora steht nicht leicht ab von ihrem auserkorenen Opfer. Sie pflegt es z. B. in der Gestalt eines Pferdes oder eines Hundes zu begleiten. Es ist vielleicht kein Zufall, dass der Volkglaube sie ein Pferd von weisser Farbe sein lässt. Auch die Pest in Pferdegestalt ist von weisser Farbe.Nächtlich bedrückt eine Mora den Schläfer meist in Menschengestalt, oder als Henne, oder als ein Hund, oder als eine Schlange, oder als eine Schlinge, oder als ein Zwirnfaden, den man nicht erfassen kann. Die Mora wirft über den Menschen vorerst einen tiefen Schlaf, doch raubt sie ihm das Bewusstsein nicht. Hat einmal eine Mora bei einem Menschen süsses Blut entdeckt, so verliebt sie sich in ihn und weicht nicht mehr von ihm. Mag er im Schlafe noch so ächzen und stöhnen, die Mora wehrt ihm das Erwachen.In Chrowotien glaubt man, die Mora habe Füsse von dieser Form. Um sich vor den Heimsuchungen der Mora zu schützen, zeichnet man sich auf die Brustwarzen (sise) ihre »Pratzen« (šape) auf, dann lässt sie einen in Ruhe. Ich vermag diesen Zug bei den übrigen Südslaven nicht nachzuweisen und wage die Vermutung, er sei dem Volkglauben der eingewanderten Schwaben entlehnt (Drudenfuss). Die Mora wälzt sich einem auf die Brust und benimmt einem den Atem. Es sei erwähnt, dass der südslavische Bauer mit Vorliebe auf dem Rücken liegend schläft und die Hände unters Haupt, gleichsam als ein Kissen, legt. Auch bei den deutschen Bauern beobachtete ich vorwiegend diese Lage, während der bürgerliche Deutsche die Seitenlage bevorzugt und wohl daher auch seltener über Alpdrücken zu klagen hat.Hauptsächlich wird die Mora als Quälerin der Wiegenkinder gefürchtet. Dass ein Kind von einer Mora ausgesaugt wird, erkennt man an den angeschwollenen Brüsten, die Feuchtigkeit absondern. Die Ausscheidungen wäscht man weg und reibt die Geschwulst mit Knoblauch ein; denn die Moren vertragen gleich den Hexen keinen Knoblauch.In Bosnien legt die Mutter ihr säugendes Kind nicht eher in die Wiege, als bis sie es mit einer Schere dreimal bekreuzigt hat. Die Schere verbirgt sie unters Kopfpölsterchen, sonst schadet dem Kinde eine Hexe, oder es wird von einer Mora erwürgt (da ga ne bi umorila tmora). Um Kinder vor der Mora und sonst vor Krankheitgeistern zu bewahren, räuchert man abends die Bettchen mit einem alten Stück Schuhleder aus, das man auf glühende Kohlen legt; denn man glaubt, dass Unholde solchen Gestank scheuen. Gewiss ist es, dass Motten und Gelsen ferne bleiben (Serbien, Bulgarien).Die Flüche und Beschwörungen, die man gegen Krankheitgeister sonst ausstösst, wendet man in kürzeren Fassungen auch gegen die Moren an.4Im Vergleich zu den vielen Bannformeln in meinem Buche über Volkglauben lehren uns die speziellen Moraverfluchungen kaum etwas Neues, bis auf einige wenige belanglose Wendungen.Als besonders wirksame Abwehr gegen die Mora gilt in Bosnien und dem Herzogtum folgender Zaubersegen (basna) den man vor dem Schlafengehen dreimal singend aufzusagen hat (iskantati):Mora, lezi doma!Mora, leg dich daheim nieder!doma su ti puti,daheim sind dir die Wegezemlja ti je uzda,die Erde ist dir ein Zaum,Bog te prokleo!Gott möge dich verfluchen!5Sveti Jovan sapeo,der hl. Johannes in Fesseln schlagen,sveti Videlare,der hl. Videlar,koji po moru hogjašeso da auf dem Meer einherschritti brodove vozaše:und die Schiffe geleitete:sveži mori moći,Bind der Mar die Gewalten,10sveži tatu ruke,bind dem Dieb die Hände,sveži vuku zube,bind dem Wolf die Zähne,da vuk ne ujede,auf dass der Wolf nicht beisse,da tat ne ukrade!auf dass der Dieb nicht bestehle!Okani se mora i vještica,Lass ab von Maren und Hexen,15pogani gjavolica!von den unreinen Teufelinnen!Ne ću ih se okaniti,Nicht eher lasse ich von ihnen ab,dok ih ne doćeramals bis ich sie dahin gejagtna dubove grane,auf der Eiche Äste,na granama reske,auf den Ästen die Blütenbüschel,20na reskama kaplje,auf den Büscheln die Tautropfen,na volu dlake,auf dem Ochsen das Haar,na pijevcu repušina!auf dem Hahn ein grosser Schweif!Amin!Amen!Man bannt so die Mar in einen Baum der Wildnis, denn als eine böse Baumseele gehört sie dahin, woher sie gekommen.Ein weiteres Beispiel mag ausreichen. Wer von einer Mora geplagt wird, pflegt vor dem Schlafengehen folgendes Gebet aufzusagen:Mora bora, ne prelaziprek ovoga bjela dvora,e su na njem tvrdi ključiod našega Siodora5Siodora i Todorai Marije i Matijei sestrice Levantije,koja nema pristupišta,prek ovoga bjela dvora,10ni kamena kamenica,ni vjetrušna vjetruština,ni nametna nametnicani udova udovicani maćiona maćionica;15dokle ne bi pribrojilana nebu zvijezde,na gori listovena moru pijesakna kućki dlake,20na kozi runjena ovci vunena vuni dlake.A kad bi to prebrojila,vratilom se opasala,25zaštikalom poštapila,ušla u jajsku ljusku,utopila se u morsku pućinu,trinka joj trakuli,vragu joj glava,30sve joj koze vrag odnio,mleko joj se ne sirilo,nego rekla: jaoh!jaoh joj dala Lena plenai Marija Magdalena! Amin!Mora (bora) überschreit’ nichtdieses weissen Hofes Schwelle;denn an ihm sind feste Schlüsselvon unserem Siodorus,Siodorus, Theodorusund Maria und Matthiasund der Schwester Levantija,der allda kein Eintritt zustehtüber dieses Hofes Schwelle;keiner Steinhex, sie versteiner’,keiner Windhex, sie verwehe,keiner Plaghex, sei geplagt sie,keiner Witwe, zweimal Witwe,keiner magischen Magierin,eh sie nicht zu End gezählt hätt:am Himmel alle Sterne,im Hochgebirg die Blätter,die Sandkörner im Meer,auf der Hindin das Haar,auf der Ziege die Zoten,auf dem Schaf die Wolle,auf der Wolle die Haare.Und sollt’ sie dies zu Ende zählen,gürt’ sie sich mit einem Webbaum,Webstuhlnagel sei ihr Stecken,sie fahre in eine Eierschale hinein,sie soll in der Meerflut ersaufen;ihr Eingeweide dem Bandwurm,ihr Kopf falle dem Teufel zu,der Teufel hol’ ihr alle Ziegen;ihre Milch soll sich nicht verkäsen;sie soll vielmehr schreien: o weh!o weh! bescher’ ihr Lena plenaund Maria Magdalena! Amen!(Aus Grbalj in Dalmatien.)Das Wort ‘bora’ im 1. Vers mag vielleicht den Wind Bora bezeichnen, doch ist es möglicherweise hier nur ein bedeutungloses Füllsel. Die Namen in Vers 4–7 beziehen sich wahrscheinlich auf die Heiligenbilder, die an den Wänden der Stube hängen. Lena plena in Vers 33 ist wohl von der lateinischen Unterschrift eines Bildes entnommen:Sa. Helena plena (amoris Christi). Katholische Bilder sind bei Altgläubigen in Dalmatien nichts Ungewöhnliches.Der Glaube an die gute Wirkung solcher Bannsprüche und Gebete ist nicht gross, denn man nimmt noch zu mancherlei anderen Abwehrmittelnseine Zuflucht. Als bestes, doch schwer durchführbares Mittel gilt, die Mora gründlich durchzubläuen oder gar zu verbrennen. Manches als Mora verdächtigte Frauenzimmer wurde von erbitterten Leuten auf Kohlenglut gesetzt, so dass sie böse Brandwunden davontrug. Man glaubt nämlich, dass die einmal angebrannte Mora nie wiederkommen werde. Mitunter genügt es, dass man irgend ein Kleidungstück der Mora vom Leib reisst und als Pfand zurückbehält. Um es zurückzubekommen, muss sie sich zu jeder Bedingung bequemen. In Montenegro pflegen die Leute, die von einer Mora gedrückt und gewürgt werden, vor dem Schlafengehen einen gewebten Leibgürtel der Länge nach über die Decke auszubreiten. Wenn die Mora zur Heimsuchung erscheint, so zieht sie sich vor dem hegenden Band wieder zurück oder glaubt, eine andere Mora sei ihr zuvorgekommen und habe sich als Band über den Schläfer gemacht. Im »Bergkranz« spricht Serdar Janko zu Wolf Mićanović, der sich berühmt, ihn habe noch niemals eine Mora gedrückt (pritisla): »Mir aber ist sie zur Last geworden. Stets trage ich Kren bei mir und Dornenstacheln im Kleidersaume eingenäht; doch gibt es kein zuverlässigeres Gegenmittel gegen sie (die Mora) als das, wenn man sich zu Bette begibt, über die Kleider einen Gürtel der Länge nach zu legen« (pas pružit ozgo svrh haljina).Wen die Mora drückt, der braucht nur vor dem Schlafengehen hinter die Türe einen Birkenrutenbesen mit dem Stil nach unten zu stellen, und er wird vor der Mora Ruhe haben. Es lebte im Jahre 1866 zu Požega in Slavonien ein Kürschnergeselle, ein starker Fresser, dem aber das Vielessen schlecht bekam, denn ihn plagte die Mora. Sobald er nachts das Licht ausgelöscht hatte und sich niederlegte, kam die Mora durch die nicht verschliessbare Türe ins Zimmer hinein und sprang auf den Gesellen hinauf. Vor Entsetzen getraute er sich nicht sich zu rühren. Deutlich hörte er die Mora atmen und sich räuspern, doch sonst tat sie ihm nichts zu Leide an. Alle Zaubermittel halfen nichts gegen das Übel. Da riet ihm jemand, er solle ein Freitagkind, das vor Moren gefeit sei, bitten, dass es mit ihm in einem Bette übernachte und die Mora mit einer Schere durchschneide. Die Wahl fiel auf mich. Wir waren in der Florianigasse benachbart. Ich war völlig furchtlos, weil man mir frühzeitig eingeredet hatte, ich könnte weder je Geister sehen, noch vermöchten Unholde mir auch nur das Geringste anzuhaben. So sass ich denn mit der schweren Kürschnerschere in beiden Händen auf dem Bette an der Wand, während der Geselle ausgestreckt im Bette neben mir lag. Auf einmal hörten wir den Besen umfallen und die Tür aufgehen. Ein Satz, und die Mora lag auf dem Gesellen. Er fing zu ächzen an und bat mich himmelhoch in die Mora hineinzuschneiden. Die Schere war aber für meine Knabenhände zu schwer, und so gab ich der Mora nur einen Stich in den Leib.Sie sprang im Nu mit einem fürchterlichen Geheul auf und verkroch sich unterm Bette. Nun kamen die Leute herbeigerannt, machten Licht und fanden einen grossen Hund aus der Nachbarschaft vor. Der Geselle schlug ihn halbtot. Am nächsten Tag gab es einen furchtbaren Auftritt zwischen dem Eigentümer des Hundes und dem Gesellen, worauf letzterer sein Ränzlein schnürte und nach Miholjac wanderte.In Dalmatien sagt man, es sei angezeigt, falls einen nachts eine Mora drücke, mit dem Fingernagel in die Wand oder ins Bettgestelle zu kratzen; denn danach werde man am nächsten Morgen die Mora an ihrem zerkratzten Gesichte (ogrančana) erkennen. Ein moslimisches Mädchen in einem Dorfe bei Derventa in Bosnien, das eine Hexe war, liebte einen jungen Mann, ohne Gegenliebe zu finden. Um sich an ihm zu rächen, kam sie in der Nacht als Mora zu ihm. Er jedoch schlief nicht und erfasste sie bei ihren roten Haaren. Alle ihre Bitten, er möge darüber schweigen, nützten ihr nichts, denn er verriet es dem ganzen Orte. Das Mädchen konnte sich an ihm nicht rächen, da er ihr Haar in Händen gehabt und ihr gedroht hatte, ihr das Haar bei nächster Gelegenheit abzuschneiden. Sie heiratete später einen anderen, blieb kinderlos und soll noch jetzt leben. — Wenn es dem Geplagten glückt, der auf ihm lastenden Mora das Hemd vom Leibe herunterzureissen, so werfe er es hinter die Türe mit den Worten: »Komm morgen, ich werde dir Brot und Salz geben!« Die Mora muss sich am nächsten Tag in ihrer wahren Menschengestalt einstellen und um Brot und Salz bitten. Es hat sich dadurch schon öfters ereignet, dass Weiber, die arglos in der Nachbarschaft Brot und Salz ausborgen wollten, tüchtige Schläge davontrugen, weil man sie für Moren oder Hexen gehalten hat. Der Herzogländler glaubt, gegen die Mora sei das beste Mittel, man binde sich vor dem Schlafengehen einen Faden um die grosse Zehe; denn da erwache man, sobald sich die Mora auf einen wälzt. Man sage ihr: »Komm morgen und verlang ein Salz von mir!« Am nächsten Morgen haue man die Mora windelweich durch, und man wird zeitlebens vor ihr Ruhe haben.Die Mora-Sagen erzählen ferner immer mit unwesentlichen Abweichungen dieselbe Geschichte von der wunderbaren Errettung eines Geplagten, der sich nicht einmal durch Flucht zu helfen vermochte, wenn ihm nicht ein Zufall Erlösung brachte. Als typisch darf aber nachfolgende Fassung angesehen werden:Es war einmal ein Mann, den plagte derart die Mora (morila mora), dass er schliesslich gar nicht mehr einschlafen konnte. Das Leben daheim ward ihm zu Leid, und er bestieg sein weisses Ross und ritt davon in die Welt hinaus ganz ohne Plan und ohne Ziel. Seine Flucht blieb aber vergeblich, denn wo immer er sich auf der Reise zur Ruhe begab, fiel auch schon gleich die Mora über ihn her. So immer weiter durch dieWelt wandernd, kehrte er einmal zu Nacht bei einem Schneider ein. Als nach dem Nachtessen der Schneider seine Arbeit wieder vornahm und zu nähen anfing, klagte ihm der Gast sein Leid, wie ihn die Mora heimsuche und plage. »Weisst du was«, sagte er, »während du hier nähst, will ich mich mal auf ein Weilchen niederlegen und zu schlafen versuchen«, deckte sich mit seinem Lodenrock zu und streckte sich aus. Kaum hatte er zum Schlafe die Augen geschlossen, fing ihn die Mora zu drücken an, und er hub zu schreien und sich zu wehren an. Als der Schneider dies hörte, hob er die Kerze, um zu sehen, wie sich sein Gast abplage; als er jedoch hinschaute, erblickte er, wie sich ein weisses Haar mit der Schnelligkeit einer Schlange über den Lodenrock hinbewegte, mit welchem sich der Schläfer zugedeckt hatte. Zufällig hielt der Schneider seine schwere Tuchschere in der Hand, fuhr damit auf den Rock zu und schnitt jenes Haar durch. Sobald sich das Haar zu bewegen aufgehört, beruhigte sich der Schläfer und schlief ruhig bis zum nächsten Tag, als die Sonne schon hoch aufgestiegen war. Als er erwachte, dankte er Gott für den gesunden Schlaf und die gegönnte Erholung und lief gleich in den Stall zum Ross, um es abzuwarten. Da hatte man es! Liegt nicht das Ross im Stall tot ausgestreckt? Als ihm nun der Schneider erzählte, wie er das Haar auf dem Lodenrock durchgeschnitten habe, ersahen beide, dass die Mora, die den Wanderer so gequält hatte, niemand andres als das Ross gewesen sei.Man würde irren, wollte man annehmen, das sei nur eine Schauersage, ersonnen zur Unterhaltung. Das Volk glaubt unverbrüchlich fest an die Wahrheit der Erscheinung und an den Wert der Gegenmittel. Noch in der unmittelbarsten Gegenwart betrachtet der südslavische Bauer die Mora als seinen bitteren Feind, den er bekämpfen müsse; an die Säuberung seiner ungesunden Wohnstätte, an die Beschaffung zuträglicher Nahrung, an Mässigkeit und zweckdienliche Bekleidung denkt er weitaus weniger. Zwei gutbezeugte Fälle aus der jüngsten Vergangenheit sollen zur Beleuchtung des Volkglaubens an die Mora dienen. Die Belege liessen sich leicht vermehren.Manda Lučić in Ramanovci erzählte meiner Mutter (im J. 1887): »Vor vier Jahren erkrankte mein Kind. Ich beklagte mich bei den Weibern, dass es fortwährend kränkle, grosse Brüste bekomme, und wie ihm Milch aus den Brüsten fliesse. Die Weiber sagten mir: ‘Dein Kind wird von einer Tmora ausgesaugt. Nimm du einen Wälger (eine längliche Walze aus Holz zum Auswalgen von Mehlspeisteig,oklagija) und pass nachts auf; sobald das Kind zu ächzen anfängt, spring du zur Wiege hin und drück das Wälgerholz darüber. So wirst du die Mora auf dem Kinde erwischen.’ Mein Lukas setzt sich abends in den Ofenwinkel und wartet ab. Auf einmal gegen Mitternacht bemerkt er, wie sich etwasdurchs geschlossene Fenster ins Zimmer einschleicht und zur Wiege hinzieht. Als er merkte, dass es schon auf der Wiege liege, sprang er aus dem Ofenwinkel hervor und drückte mit dem Wälger auf die Wiege nieder und fing just jenes Weib ein, das er in Verdacht hatte. Nun schlug er sie mit dem Wälgerholz braun und blau, bis sie ihn zu bitten anfing: ‘Liebster Gevatter, schlag mich nicht tot, ich werde das nimmermehr tun!’ (Kume dragi nemoj me ubiti, ne ću to više nikada raditi!) Dann schlug er sie nicht weiter, und unser Kind wurde frisch und gesund. Jetzt ist es fünf Jahre alt, im sechsten.«Manda Šuperina in Suljkovci erzählte meiner Mutter: »In unserem Dorfe lebten ein Mann und ein Weib, die hatten ein einziges Kind, zu dem allnächtlich eine Mora (tmora) kam, die das Kind aussaugte. Er klagte sein Herzeleid einem Weibe, das Kind könnte ihm sterben, da es von der Mora ausgesaugt werde. Riet ihm das Weib: ‘Nimm einen Sack, wend ihn auf die Kehrseite um, leg dich nachts deinem Weib zu Füssen, deck dich mit dem umgewendeten Sack zu und hüt dich einzuschlafen. Wenn du nachts das Kind wirst ächzen hören, springst du hurtig auf und packst fest den Gegenstand an, selbst wenn es ein lebendes Geschöpf sein sollte, und lässt es um keinen Preis aus.’ Der Mann tat so und fing eine Glucke auf dem Kinde ein. Er hub an, sein Weib zu wecken, sie hin und her zu drehen, aber er konnte sie durchaus nicht erwecken, weil die Vila einen Schlaf auf sie geworfen hatte. Nun nahm er ein Zündhölzchen und wollte die Kerze anzünden, doch die Henne blies das Hölzchen aus. So ging er denn zu seinem Bruder ins Schlafkämmerchen (kiljer) hinaus, weckte ihn auf und hiess ihn ein Licht anstecken, damit sie sähen, was er für eine Henne gefangen. Da sahen sie richtig eine Henne, versengten ihr alle Federn auf dem Kopfe und schleuderten sie mit aller Wucht in den Türwinkel. Die Henne präuchte wie ein leeres Fass. Als sie merkten, sie habe genug bekommen, packten sie sie und warfen sie auf einen Steinhaufen vors Haus. In der Frühe hörten sie, Baba Marga (die alte Margarete) in der Nachbarschaft liege im Sterben, gestern sei sie noch frisch und gesund gewesen. Der Mann ging zu ihr, sah, dass ihr Kopf wie gebraten und ihr Leib zerschlagen sei, und sprach zu ihr: ‘Gelt, du wirst nimmer mein Kind aussaugen kommen!’ (jel de da ne ćeš moje dite više sisati!) Das Weib starb noch am selben Tage, das Kind des Mannes genas aber vollkommen.«1Man vergleiche die endlos gelehrte StudieW. H. Roschers, Ephialtes. Eine pathologisch-mythologische Abhandlung über die Alpträume und Alpdämonen des klassischen Altertums. Leipzig 1900 und Dr.M. HöflersStudie über Krankheitdämonen, Arch. f. Religionwissenschaft, hrsg. vonTh. Achelis. II. (1899). S. 86–164. Beide Abhandlungen erschliessen naturwissenschaftlich den Völkerglauben. Vrgl. mein Referat: Die Volkkunde in den Jahren 1897–1902. S. 113–115.2Volkglaube und religiöser Brauch der Südslaven. Münster in Westfalen 1890.3Am Urquell I. (1890). S. 103 f.4In Bulgarien, wie es scheint, durchwegs. Man vergleiche den Bannspruch z. B. imSbornik za narodni umotvorenija, nauka i knižninaVIII. (Sofia 1892) II. S. 155 f. und sonst öfters.
Die Mar.Blutwallungen, denen sich Krämpfe zugesellen, Anschwellungen der Blutdrüsen mit Milch- oder Blutfluss, schmerzhaftes Herzklopfen mit Atembeklemmungen und dergleichen krankhafte Zustände, die die nächtliche Ruhe zur nächtlichen Pein umwandeln können, führt der Volkglaube, einen Grund für solche Wirkungen suchend, auf Bedrückungen nächtlicher Quälgeister, auf die Maren zurück. Heutigentags ist man über die Erscheinung und die Volkauffassung völlig im klaren. Viele gelehrte Erklärungversuche vertragen kaum mehr eine Erörterung, wie z. B. jeneA. Hennes: »Die Nachtgespenster sind abergläubige Entstellungen derGestirne, deren Strahlen überall hindringen und den stärksten Einfluss auf die Nachtruhe der Menschen üben, indem ihre Helligkeit dieselbe oft stört oder vereitelt. In den wandernden und irrenden Nachtmaren .... erkennt man ohnehin (?!) die in Tiergestalt gedachten, ruhelos hinziehenden Sterne.« Henne verkennt und überschätzt den Einfluss der Sternenwelt auf die Nachtruhe des Menschen. Der Mondsüchtige oder der Nachtwandler ist mit dem Margeplagten nicht zu verwechseln. Die Mar verhindert eben die Beweglichkeit, sie legt den Leib des Schlafenden lahm, die Sterne aber und der Mond beeinflussen in einer anderen, entgegengesetzten Weise den Schläfer.In neuester Zeit wird wieder von einigen Gelehrten die uralte Ansicht eifrig verfochten, die Gestalt der Nachtmar verdanke dem Traumleben ihre Entstehung und ihr Dasein.1Diese Auffassung ist zum Teil richtig; der nächtliche Quälgeist ist aber auch bei den meisten Völkern mit den Waldgeistern oder vielleicht eigentlich mit den Windgeistern innig verwandt, doch erscheint nebenher, zumal bei den Slaven, die Mar auch als der Geist eines Verstorbenen, der eine neue Geburt durchgemacht hat d. h. aus der unbekannten Geisterwelt oder, wie die modernen Spiritistenbehaupten, aus der vierten Dimension, in einen lebenden menschlichen Leib hineingefahren sei und den Besessenen zu unheimlichen Taten dränge. »Bezeichnend ist hierbei die Vorstellung«, sagt mit Bezug daraufF. Liebrecht, »dass die auf ungewöhnlichem Wege auf Erden Anlangenden (oder Zurückkehrenden) nicht nach ihrer Heimat gefragt sein wollen, als ob sie die Erinnerung daran mieden, indem durch eine derartige Frage eine unwiderstehliche Sehnsucht nach derselben erweckt und sie so zur Heimkehr veranlasst werden könnten«. Einen Beleg dafür lernen wir beim Vilenglauben kennen,2einen weiteren erhalten wir gleich bezüglich der Mora.Wenn irgend ein Glaube allen Völkern der Erde zu allen Zeiten und unter allen Zonen gemeinsam war und ist, so ist es der Marglaube. Der südslavische weist unbedeutende Eigentümlichkeiten auf, es wäre denn eine, dass er besonders tief im Volkgemüte noch gegenwärtig eingewurzelt ist.DieMar(nach anderer Schreibung:Mahr) heisst bei den Serben in Serbien, Montenegro, Dalmatien, bei den Bulgaren und Slovenen allgemeinmora, daneben unter den Chrowotenmuraund in Slavonien und in Bosnientmora. Falls das ‘t’ in tmora nicht als parasitisch, sondern als thematisch angenommen werden sollte, so würde uns gerade diese Form eine erwünschte Aufklärung des rätselhaften Wortes geben. Es würde vontema(tmica,tama= Dunkelheit) abzuleiten und mit ‘die im Dunkeln wandelnde’ zu übersetzen sein. In Südbulgarien nennt man die Mora auchlamia. Der Name ist dem Griechischen entlehnt. Die Montenegrer sagen liebervještica(Hexe) als Mora. Ausnahmweise nennt das Volk die Mora auchVila, doch ist diese Bezeichnung dann nur als Schimpfwort aufzufassen, nicht aber als ein eigentlicher Name. Das Wort Mora ist dem Bauer schrecklich auszusprechen, darum umschreibt er es gewöhnlich mitnoćnica(Nachtfahre, Nachtfrau, domina nocturna). Wenn sich bei einem Manne die Brustwarzen verhärten und ihm dies Schmerzen bereitet, so glaubt man, Noćnice saugen an seinen Brüsten nächtlich (Serbien, Slavonien). Verschiedene Namen für ein Wesen bilden sich im Volkglauben mit der Zeit zu neuen, verschiedenen Wesen aus. So unterscheidet man im Savelande unter den Serben schon zwischen Mora und Noćnica. Die Mora sauge die kleinen Kinder aus, die Noćnica schlage sie, so dass der Oberleib eines geplagten Kindes gleichsam mit blauen Striemen bedeckt erscheine.Die Slovenen in Steiermark kennen neben der Mora noch einen männlichen Quälgeist:vedomec, der, wie ich nach den einschlägigen Mitteilungen und Erhebungen schliessen muss, dem deutschen Volkglaubenentlehnt ist und unseremAlpin allen Stücken entspricht. Nur der Name ist slavisch. Im übrigen sind die Moren bei den Südslaven nur wirkliche menschliche Wesen, und zwar ausschliesslich weiblichen Geschlechts. (Nach südslavischem Sprachgebrauche zählen Frauenzimmer freilich nicht zu den Menschen.)Die Mora bei den Südslaven beschränkt sich nicht, wie die Mar bei den Deutschen, aufs Milchtrinken, sondern saugt regelmässig dem Menschen Blut aus.Ohne eigenes Zutun wird das Menschenkind zur Mora. Der verderbliche Geist nimmt vom Menschen Besitz und zwingt zu seinen Diensten den besessenen Leib, der schliesslich oft für den fremden Geist zu büssen hat. In Bosnien und im Herzogtum sagt man: ‘Eine Mora kann nur ein Mädchen sein, und zwar eines, dessen Mutter schlimm gewesen, z. B. die den Teufel anrief (vragala), wenn sie im Hause ihre Kinder züchtigte, die sich falsch zu verschwören pflegte und schamlos war, zu Gott nicht betete und in der Kirche keine Beichte ablegte.’3In einer Dorfgeschichte des DalmatersVuletić, »Die Mädchenhöhle«, erzählt ein Mädchen: »Ich hatte eine Tante namens Ännchen, die war als Mora zur Welt gekommen, das heisst, in einem blutigroten Hemdchen. Zu ihrem Unglück hatte sich damals niemand gefunden, der von der Spitze des Daches in die Welt hinausgeschrien hätte: ‘Es ist eine kleine, rote Hindin in einem roten Hemdchen geboren worden’(rodila se crvena košutica u crvenoj košuljici). Dies wäre ihre Erlösung gewesen. Während ihrer Mädchenzeit wurde sie im ganzen Dorfe verfolgt; die Dorfleute waren fahl und blass, als ob das Fieber alle plagte, und oft sah man morgens das Mädchen zerkratzt in die Häuser kommen mit der Bitte: ‘Gevatter, gib mir ein Körnchen Salz!’« — Allgemein gilt es, dass Kinder weiblichen Geschlechts, die mit einem sogen. Glückhäubchen, in der Lika sagt man »in einem Bettchen« (posteljica) oder einem blauen Hemdchen (modra košuljica) geboren werden, als Moren die Menschen quälen müssen. Solche Mädchen sähen bei Nacht ebenso gut wie Katzen.Der Volkglaube setzt die Moren in engere Beziehung zu den Hexen, doch gehen die Meinungen in Einzelheiten stark auseinander. Die Beziehungen sind jüngeren Ursprungs. Manche glauben, die Mora sei eine Hexe (vještica), die ihr Tun bereut und das Gelübde getan habe, keinen Menschen mehr auszufressen, sondern die Leute bloss nächtlich im Schlaf zu bedrücken und ihnen den Atem zu benehmen. Andere wieder glauben, die Mora sei ein heiratfähiges Mädchen, das nach der Verheiratung eine Hexe werden soll. Im Herzögischen glaubt man ferner, Moren wären von Hexen geborene Mädchen, die diesen ihr ganzes Treiben ablernen,doch während ihrer Mädchenzeit das Zauberwerk nicht ausüben können und vor ihrer Verheiratung niemandem das Herz ausweiden dürfen. In dem Augenblicke aber, wo bei der Trauung der Mora der Kranz aufgesetzt wird, verwandle sich die Mora zu einer Hexe. Auf Curzola und den übrigen Inseln behauptet man dagegen, die Mora sei keine unverheiratete Hexe, vielmehr gebe es sowohl verheiratete als unverheiratete Moren, auch könne nie eine Mora zu einer Hexe werden. Im allgemeinen seien die Moren an dem zerkratzten Gesichte, die Hexen aber an den Hitzbläschen und Wimmerln im Gesichte erkennbar (Insel Brazza).Moren vermögen gleich dem Teufel und den Hexen jede mögliche Gestalt anzunehmen, nur nicht die eines Schafes oder einer Biene. Dank ihrer Verwandlungfähigkeit kann die Mora durch die allerkleinsten Ritzen hindurchschlüpfen. Die Mora steht nicht leicht ab von ihrem auserkorenen Opfer. Sie pflegt es z. B. in der Gestalt eines Pferdes oder eines Hundes zu begleiten. Es ist vielleicht kein Zufall, dass der Volkglaube sie ein Pferd von weisser Farbe sein lässt. Auch die Pest in Pferdegestalt ist von weisser Farbe.Nächtlich bedrückt eine Mora den Schläfer meist in Menschengestalt, oder als Henne, oder als ein Hund, oder als eine Schlange, oder als eine Schlinge, oder als ein Zwirnfaden, den man nicht erfassen kann. Die Mora wirft über den Menschen vorerst einen tiefen Schlaf, doch raubt sie ihm das Bewusstsein nicht. Hat einmal eine Mora bei einem Menschen süsses Blut entdeckt, so verliebt sie sich in ihn und weicht nicht mehr von ihm. Mag er im Schlafe noch so ächzen und stöhnen, die Mora wehrt ihm das Erwachen.In Chrowotien glaubt man, die Mora habe Füsse von dieser Form. Um sich vor den Heimsuchungen der Mora zu schützen, zeichnet man sich auf die Brustwarzen (sise) ihre »Pratzen« (šape) auf, dann lässt sie einen in Ruhe. Ich vermag diesen Zug bei den übrigen Südslaven nicht nachzuweisen und wage die Vermutung, er sei dem Volkglauben der eingewanderten Schwaben entlehnt (Drudenfuss). Die Mora wälzt sich einem auf die Brust und benimmt einem den Atem. Es sei erwähnt, dass der südslavische Bauer mit Vorliebe auf dem Rücken liegend schläft und die Hände unters Haupt, gleichsam als ein Kissen, legt. Auch bei den deutschen Bauern beobachtete ich vorwiegend diese Lage, während der bürgerliche Deutsche die Seitenlage bevorzugt und wohl daher auch seltener über Alpdrücken zu klagen hat.Hauptsächlich wird die Mora als Quälerin der Wiegenkinder gefürchtet. Dass ein Kind von einer Mora ausgesaugt wird, erkennt man an den angeschwollenen Brüsten, die Feuchtigkeit absondern. Die Ausscheidungen wäscht man weg und reibt die Geschwulst mit Knoblauch ein; denn die Moren vertragen gleich den Hexen keinen Knoblauch.In Bosnien legt die Mutter ihr säugendes Kind nicht eher in die Wiege, als bis sie es mit einer Schere dreimal bekreuzigt hat. Die Schere verbirgt sie unters Kopfpölsterchen, sonst schadet dem Kinde eine Hexe, oder es wird von einer Mora erwürgt (da ga ne bi umorila tmora). Um Kinder vor der Mora und sonst vor Krankheitgeistern zu bewahren, räuchert man abends die Bettchen mit einem alten Stück Schuhleder aus, das man auf glühende Kohlen legt; denn man glaubt, dass Unholde solchen Gestank scheuen. Gewiss ist es, dass Motten und Gelsen ferne bleiben (Serbien, Bulgarien).Die Flüche und Beschwörungen, die man gegen Krankheitgeister sonst ausstösst, wendet man in kürzeren Fassungen auch gegen die Moren an.4Im Vergleich zu den vielen Bannformeln in meinem Buche über Volkglauben lehren uns die speziellen Moraverfluchungen kaum etwas Neues, bis auf einige wenige belanglose Wendungen.Als besonders wirksame Abwehr gegen die Mora gilt in Bosnien und dem Herzogtum folgender Zaubersegen (basna) den man vor dem Schlafengehen dreimal singend aufzusagen hat (iskantati):Mora, lezi doma!Mora, leg dich daheim nieder!doma su ti puti,daheim sind dir die Wegezemlja ti je uzda,die Erde ist dir ein Zaum,Bog te prokleo!Gott möge dich verfluchen!5Sveti Jovan sapeo,der hl. Johannes in Fesseln schlagen,sveti Videlare,der hl. Videlar,koji po moru hogjašeso da auf dem Meer einherschritti brodove vozaše:und die Schiffe geleitete:sveži mori moći,Bind der Mar die Gewalten,10sveži tatu ruke,bind dem Dieb die Hände,sveži vuku zube,bind dem Wolf die Zähne,da vuk ne ujede,auf dass der Wolf nicht beisse,da tat ne ukrade!auf dass der Dieb nicht bestehle!Okani se mora i vještica,Lass ab von Maren und Hexen,15pogani gjavolica!von den unreinen Teufelinnen!Ne ću ih se okaniti,Nicht eher lasse ich von ihnen ab,dok ih ne doćeramals bis ich sie dahin gejagtna dubove grane,auf der Eiche Äste,na granama reske,auf den Ästen die Blütenbüschel,20na reskama kaplje,auf den Büscheln die Tautropfen,na volu dlake,auf dem Ochsen das Haar,na pijevcu repušina!auf dem Hahn ein grosser Schweif!Amin!Amen!Man bannt so die Mar in einen Baum der Wildnis, denn als eine böse Baumseele gehört sie dahin, woher sie gekommen.Ein weiteres Beispiel mag ausreichen. Wer von einer Mora geplagt wird, pflegt vor dem Schlafengehen folgendes Gebet aufzusagen:Mora bora, ne prelaziprek ovoga bjela dvora,e su na njem tvrdi ključiod našega Siodora5Siodora i Todorai Marije i Matijei sestrice Levantije,koja nema pristupišta,prek ovoga bjela dvora,10ni kamena kamenica,ni vjetrušna vjetruština,ni nametna nametnicani udova udovicani maćiona maćionica;15dokle ne bi pribrojilana nebu zvijezde,na gori listovena moru pijesakna kućki dlake,20na kozi runjena ovci vunena vuni dlake.A kad bi to prebrojila,vratilom se opasala,25zaštikalom poštapila,ušla u jajsku ljusku,utopila se u morsku pućinu,trinka joj trakuli,vragu joj glava,30sve joj koze vrag odnio,mleko joj se ne sirilo,nego rekla: jaoh!jaoh joj dala Lena plenai Marija Magdalena! Amin!Mora (bora) überschreit’ nichtdieses weissen Hofes Schwelle;denn an ihm sind feste Schlüsselvon unserem Siodorus,Siodorus, Theodorusund Maria und Matthiasund der Schwester Levantija,der allda kein Eintritt zustehtüber dieses Hofes Schwelle;keiner Steinhex, sie versteiner’,keiner Windhex, sie verwehe,keiner Plaghex, sei geplagt sie,keiner Witwe, zweimal Witwe,keiner magischen Magierin,eh sie nicht zu End gezählt hätt:am Himmel alle Sterne,im Hochgebirg die Blätter,die Sandkörner im Meer,auf der Hindin das Haar,auf der Ziege die Zoten,auf dem Schaf die Wolle,auf der Wolle die Haare.Und sollt’ sie dies zu Ende zählen,gürt’ sie sich mit einem Webbaum,Webstuhlnagel sei ihr Stecken,sie fahre in eine Eierschale hinein,sie soll in der Meerflut ersaufen;ihr Eingeweide dem Bandwurm,ihr Kopf falle dem Teufel zu,der Teufel hol’ ihr alle Ziegen;ihre Milch soll sich nicht verkäsen;sie soll vielmehr schreien: o weh!o weh! bescher’ ihr Lena plenaund Maria Magdalena! Amen!(Aus Grbalj in Dalmatien.)Das Wort ‘bora’ im 1. Vers mag vielleicht den Wind Bora bezeichnen, doch ist es möglicherweise hier nur ein bedeutungloses Füllsel. Die Namen in Vers 4–7 beziehen sich wahrscheinlich auf die Heiligenbilder, die an den Wänden der Stube hängen. Lena plena in Vers 33 ist wohl von der lateinischen Unterschrift eines Bildes entnommen:Sa. Helena plena (amoris Christi). Katholische Bilder sind bei Altgläubigen in Dalmatien nichts Ungewöhnliches.Der Glaube an die gute Wirkung solcher Bannsprüche und Gebete ist nicht gross, denn man nimmt noch zu mancherlei anderen Abwehrmittelnseine Zuflucht. Als bestes, doch schwer durchführbares Mittel gilt, die Mora gründlich durchzubläuen oder gar zu verbrennen. Manches als Mora verdächtigte Frauenzimmer wurde von erbitterten Leuten auf Kohlenglut gesetzt, so dass sie böse Brandwunden davontrug. Man glaubt nämlich, dass die einmal angebrannte Mora nie wiederkommen werde. Mitunter genügt es, dass man irgend ein Kleidungstück der Mora vom Leib reisst und als Pfand zurückbehält. Um es zurückzubekommen, muss sie sich zu jeder Bedingung bequemen. In Montenegro pflegen die Leute, die von einer Mora gedrückt und gewürgt werden, vor dem Schlafengehen einen gewebten Leibgürtel der Länge nach über die Decke auszubreiten. Wenn die Mora zur Heimsuchung erscheint, so zieht sie sich vor dem hegenden Band wieder zurück oder glaubt, eine andere Mora sei ihr zuvorgekommen und habe sich als Band über den Schläfer gemacht. Im »Bergkranz« spricht Serdar Janko zu Wolf Mićanović, der sich berühmt, ihn habe noch niemals eine Mora gedrückt (pritisla): »Mir aber ist sie zur Last geworden. Stets trage ich Kren bei mir und Dornenstacheln im Kleidersaume eingenäht; doch gibt es kein zuverlässigeres Gegenmittel gegen sie (die Mora) als das, wenn man sich zu Bette begibt, über die Kleider einen Gürtel der Länge nach zu legen« (pas pružit ozgo svrh haljina).Wen die Mora drückt, der braucht nur vor dem Schlafengehen hinter die Türe einen Birkenrutenbesen mit dem Stil nach unten zu stellen, und er wird vor der Mora Ruhe haben. Es lebte im Jahre 1866 zu Požega in Slavonien ein Kürschnergeselle, ein starker Fresser, dem aber das Vielessen schlecht bekam, denn ihn plagte die Mora. Sobald er nachts das Licht ausgelöscht hatte und sich niederlegte, kam die Mora durch die nicht verschliessbare Türe ins Zimmer hinein und sprang auf den Gesellen hinauf. Vor Entsetzen getraute er sich nicht sich zu rühren. Deutlich hörte er die Mora atmen und sich räuspern, doch sonst tat sie ihm nichts zu Leide an. Alle Zaubermittel halfen nichts gegen das Übel. Da riet ihm jemand, er solle ein Freitagkind, das vor Moren gefeit sei, bitten, dass es mit ihm in einem Bette übernachte und die Mora mit einer Schere durchschneide. Die Wahl fiel auf mich. Wir waren in der Florianigasse benachbart. Ich war völlig furchtlos, weil man mir frühzeitig eingeredet hatte, ich könnte weder je Geister sehen, noch vermöchten Unholde mir auch nur das Geringste anzuhaben. So sass ich denn mit der schweren Kürschnerschere in beiden Händen auf dem Bette an der Wand, während der Geselle ausgestreckt im Bette neben mir lag. Auf einmal hörten wir den Besen umfallen und die Tür aufgehen. Ein Satz, und die Mora lag auf dem Gesellen. Er fing zu ächzen an und bat mich himmelhoch in die Mora hineinzuschneiden. Die Schere war aber für meine Knabenhände zu schwer, und so gab ich der Mora nur einen Stich in den Leib.Sie sprang im Nu mit einem fürchterlichen Geheul auf und verkroch sich unterm Bette. Nun kamen die Leute herbeigerannt, machten Licht und fanden einen grossen Hund aus der Nachbarschaft vor. Der Geselle schlug ihn halbtot. Am nächsten Tag gab es einen furchtbaren Auftritt zwischen dem Eigentümer des Hundes und dem Gesellen, worauf letzterer sein Ränzlein schnürte und nach Miholjac wanderte.In Dalmatien sagt man, es sei angezeigt, falls einen nachts eine Mora drücke, mit dem Fingernagel in die Wand oder ins Bettgestelle zu kratzen; denn danach werde man am nächsten Morgen die Mora an ihrem zerkratzten Gesichte (ogrančana) erkennen. Ein moslimisches Mädchen in einem Dorfe bei Derventa in Bosnien, das eine Hexe war, liebte einen jungen Mann, ohne Gegenliebe zu finden. Um sich an ihm zu rächen, kam sie in der Nacht als Mora zu ihm. Er jedoch schlief nicht und erfasste sie bei ihren roten Haaren. Alle ihre Bitten, er möge darüber schweigen, nützten ihr nichts, denn er verriet es dem ganzen Orte. Das Mädchen konnte sich an ihm nicht rächen, da er ihr Haar in Händen gehabt und ihr gedroht hatte, ihr das Haar bei nächster Gelegenheit abzuschneiden. Sie heiratete später einen anderen, blieb kinderlos und soll noch jetzt leben. — Wenn es dem Geplagten glückt, der auf ihm lastenden Mora das Hemd vom Leibe herunterzureissen, so werfe er es hinter die Türe mit den Worten: »Komm morgen, ich werde dir Brot und Salz geben!« Die Mora muss sich am nächsten Tag in ihrer wahren Menschengestalt einstellen und um Brot und Salz bitten. Es hat sich dadurch schon öfters ereignet, dass Weiber, die arglos in der Nachbarschaft Brot und Salz ausborgen wollten, tüchtige Schläge davontrugen, weil man sie für Moren oder Hexen gehalten hat. Der Herzogländler glaubt, gegen die Mora sei das beste Mittel, man binde sich vor dem Schlafengehen einen Faden um die grosse Zehe; denn da erwache man, sobald sich die Mora auf einen wälzt. Man sage ihr: »Komm morgen und verlang ein Salz von mir!« Am nächsten Morgen haue man die Mora windelweich durch, und man wird zeitlebens vor ihr Ruhe haben.Die Mora-Sagen erzählen ferner immer mit unwesentlichen Abweichungen dieselbe Geschichte von der wunderbaren Errettung eines Geplagten, der sich nicht einmal durch Flucht zu helfen vermochte, wenn ihm nicht ein Zufall Erlösung brachte. Als typisch darf aber nachfolgende Fassung angesehen werden:Es war einmal ein Mann, den plagte derart die Mora (morila mora), dass er schliesslich gar nicht mehr einschlafen konnte. Das Leben daheim ward ihm zu Leid, und er bestieg sein weisses Ross und ritt davon in die Welt hinaus ganz ohne Plan und ohne Ziel. Seine Flucht blieb aber vergeblich, denn wo immer er sich auf der Reise zur Ruhe begab, fiel auch schon gleich die Mora über ihn her. So immer weiter durch dieWelt wandernd, kehrte er einmal zu Nacht bei einem Schneider ein. Als nach dem Nachtessen der Schneider seine Arbeit wieder vornahm und zu nähen anfing, klagte ihm der Gast sein Leid, wie ihn die Mora heimsuche und plage. »Weisst du was«, sagte er, »während du hier nähst, will ich mich mal auf ein Weilchen niederlegen und zu schlafen versuchen«, deckte sich mit seinem Lodenrock zu und streckte sich aus. Kaum hatte er zum Schlafe die Augen geschlossen, fing ihn die Mora zu drücken an, und er hub zu schreien und sich zu wehren an. Als der Schneider dies hörte, hob er die Kerze, um zu sehen, wie sich sein Gast abplage; als er jedoch hinschaute, erblickte er, wie sich ein weisses Haar mit der Schnelligkeit einer Schlange über den Lodenrock hinbewegte, mit welchem sich der Schläfer zugedeckt hatte. Zufällig hielt der Schneider seine schwere Tuchschere in der Hand, fuhr damit auf den Rock zu und schnitt jenes Haar durch. Sobald sich das Haar zu bewegen aufgehört, beruhigte sich der Schläfer und schlief ruhig bis zum nächsten Tag, als die Sonne schon hoch aufgestiegen war. Als er erwachte, dankte er Gott für den gesunden Schlaf und die gegönnte Erholung und lief gleich in den Stall zum Ross, um es abzuwarten. Da hatte man es! Liegt nicht das Ross im Stall tot ausgestreckt? Als ihm nun der Schneider erzählte, wie er das Haar auf dem Lodenrock durchgeschnitten habe, ersahen beide, dass die Mora, die den Wanderer so gequält hatte, niemand andres als das Ross gewesen sei.Man würde irren, wollte man annehmen, das sei nur eine Schauersage, ersonnen zur Unterhaltung. Das Volk glaubt unverbrüchlich fest an die Wahrheit der Erscheinung und an den Wert der Gegenmittel. Noch in der unmittelbarsten Gegenwart betrachtet der südslavische Bauer die Mora als seinen bitteren Feind, den er bekämpfen müsse; an die Säuberung seiner ungesunden Wohnstätte, an die Beschaffung zuträglicher Nahrung, an Mässigkeit und zweckdienliche Bekleidung denkt er weitaus weniger. Zwei gutbezeugte Fälle aus der jüngsten Vergangenheit sollen zur Beleuchtung des Volkglaubens an die Mora dienen. Die Belege liessen sich leicht vermehren.Manda Lučić in Ramanovci erzählte meiner Mutter (im J. 1887): »Vor vier Jahren erkrankte mein Kind. Ich beklagte mich bei den Weibern, dass es fortwährend kränkle, grosse Brüste bekomme, und wie ihm Milch aus den Brüsten fliesse. Die Weiber sagten mir: ‘Dein Kind wird von einer Tmora ausgesaugt. Nimm du einen Wälger (eine längliche Walze aus Holz zum Auswalgen von Mehlspeisteig,oklagija) und pass nachts auf; sobald das Kind zu ächzen anfängt, spring du zur Wiege hin und drück das Wälgerholz darüber. So wirst du die Mora auf dem Kinde erwischen.’ Mein Lukas setzt sich abends in den Ofenwinkel und wartet ab. Auf einmal gegen Mitternacht bemerkt er, wie sich etwasdurchs geschlossene Fenster ins Zimmer einschleicht und zur Wiege hinzieht. Als er merkte, dass es schon auf der Wiege liege, sprang er aus dem Ofenwinkel hervor und drückte mit dem Wälger auf die Wiege nieder und fing just jenes Weib ein, das er in Verdacht hatte. Nun schlug er sie mit dem Wälgerholz braun und blau, bis sie ihn zu bitten anfing: ‘Liebster Gevatter, schlag mich nicht tot, ich werde das nimmermehr tun!’ (Kume dragi nemoj me ubiti, ne ću to više nikada raditi!) Dann schlug er sie nicht weiter, und unser Kind wurde frisch und gesund. Jetzt ist es fünf Jahre alt, im sechsten.«Manda Šuperina in Suljkovci erzählte meiner Mutter: »In unserem Dorfe lebten ein Mann und ein Weib, die hatten ein einziges Kind, zu dem allnächtlich eine Mora (tmora) kam, die das Kind aussaugte. Er klagte sein Herzeleid einem Weibe, das Kind könnte ihm sterben, da es von der Mora ausgesaugt werde. Riet ihm das Weib: ‘Nimm einen Sack, wend ihn auf die Kehrseite um, leg dich nachts deinem Weib zu Füssen, deck dich mit dem umgewendeten Sack zu und hüt dich einzuschlafen. Wenn du nachts das Kind wirst ächzen hören, springst du hurtig auf und packst fest den Gegenstand an, selbst wenn es ein lebendes Geschöpf sein sollte, und lässt es um keinen Preis aus.’ Der Mann tat so und fing eine Glucke auf dem Kinde ein. Er hub an, sein Weib zu wecken, sie hin und her zu drehen, aber er konnte sie durchaus nicht erwecken, weil die Vila einen Schlaf auf sie geworfen hatte. Nun nahm er ein Zündhölzchen und wollte die Kerze anzünden, doch die Henne blies das Hölzchen aus. So ging er denn zu seinem Bruder ins Schlafkämmerchen (kiljer) hinaus, weckte ihn auf und hiess ihn ein Licht anstecken, damit sie sähen, was er für eine Henne gefangen. Da sahen sie richtig eine Henne, versengten ihr alle Federn auf dem Kopfe und schleuderten sie mit aller Wucht in den Türwinkel. Die Henne präuchte wie ein leeres Fass. Als sie merkten, sie habe genug bekommen, packten sie sie und warfen sie auf einen Steinhaufen vors Haus. In der Frühe hörten sie, Baba Marga (die alte Margarete) in der Nachbarschaft liege im Sterben, gestern sei sie noch frisch und gesund gewesen. Der Mann ging zu ihr, sah, dass ihr Kopf wie gebraten und ihr Leib zerschlagen sei, und sprach zu ihr: ‘Gelt, du wirst nimmer mein Kind aussaugen kommen!’ (jel de da ne ćeš moje dite više sisati!) Das Weib starb noch am selben Tage, das Kind des Mannes genas aber vollkommen.«1Man vergleiche die endlos gelehrte StudieW. H. Roschers, Ephialtes. Eine pathologisch-mythologische Abhandlung über die Alpträume und Alpdämonen des klassischen Altertums. Leipzig 1900 und Dr.M. HöflersStudie über Krankheitdämonen, Arch. f. Religionwissenschaft, hrsg. vonTh. Achelis. II. (1899). S. 86–164. Beide Abhandlungen erschliessen naturwissenschaftlich den Völkerglauben. Vrgl. mein Referat: Die Volkkunde in den Jahren 1897–1902. S. 113–115.2Volkglaube und religiöser Brauch der Südslaven. Münster in Westfalen 1890.3Am Urquell I. (1890). S. 103 f.4In Bulgarien, wie es scheint, durchwegs. Man vergleiche den Bannspruch z. B. imSbornik za narodni umotvorenija, nauka i knižninaVIII. (Sofia 1892) II. S. 155 f. und sonst öfters.
Die Mar.
Blutwallungen, denen sich Krämpfe zugesellen, Anschwellungen der Blutdrüsen mit Milch- oder Blutfluss, schmerzhaftes Herzklopfen mit Atembeklemmungen und dergleichen krankhafte Zustände, die die nächtliche Ruhe zur nächtlichen Pein umwandeln können, führt der Volkglaube, einen Grund für solche Wirkungen suchend, auf Bedrückungen nächtlicher Quälgeister, auf die Maren zurück. Heutigentags ist man über die Erscheinung und die Volkauffassung völlig im klaren. Viele gelehrte Erklärungversuche vertragen kaum mehr eine Erörterung, wie z. B. jeneA. Hennes: »Die Nachtgespenster sind abergläubige Entstellungen derGestirne, deren Strahlen überall hindringen und den stärksten Einfluss auf die Nachtruhe der Menschen üben, indem ihre Helligkeit dieselbe oft stört oder vereitelt. In den wandernden und irrenden Nachtmaren .... erkennt man ohnehin (?!) die in Tiergestalt gedachten, ruhelos hinziehenden Sterne.« Henne verkennt und überschätzt den Einfluss der Sternenwelt auf die Nachtruhe des Menschen. Der Mondsüchtige oder der Nachtwandler ist mit dem Margeplagten nicht zu verwechseln. Die Mar verhindert eben die Beweglichkeit, sie legt den Leib des Schlafenden lahm, die Sterne aber und der Mond beeinflussen in einer anderen, entgegengesetzten Weise den Schläfer.In neuester Zeit wird wieder von einigen Gelehrten die uralte Ansicht eifrig verfochten, die Gestalt der Nachtmar verdanke dem Traumleben ihre Entstehung und ihr Dasein.1Diese Auffassung ist zum Teil richtig; der nächtliche Quälgeist ist aber auch bei den meisten Völkern mit den Waldgeistern oder vielleicht eigentlich mit den Windgeistern innig verwandt, doch erscheint nebenher, zumal bei den Slaven, die Mar auch als der Geist eines Verstorbenen, der eine neue Geburt durchgemacht hat d. h. aus der unbekannten Geisterwelt oder, wie die modernen Spiritistenbehaupten, aus der vierten Dimension, in einen lebenden menschlichen Leib hineingefahren sei und den Besessenen zu unheimlichen Taten dränge. »Bezeichnend ist hierbei die Vorstellung«, sagt mit Bezug daraufF. Liebrecht, »dass die auf ungewöhnlichem Wege auf Erden Anlangenden (oder Zurückkehrenden) nicht nach ihrer Heimat gefragt sein wollen, als ob sie die Erinnerung daran mieden, indem durch eine derartige Frage eine unwiderstehliche Sehnsucht nach derselben erweckt und sie so zur Heimkehr veranlasst werden könnten«. Einen Beleg dafür lernen wir beim Vilenglauben kennen,2einen weiteren erhalten wir gleich bezüglich der Mora.Wenn irgend ein Glaube allen Völkern der Erde zu allen Zeiten und unter allen Zonen gemeinsam war und ist, so ist es der Marglaube. Der südslavische weist unbedeutende Eigentümlichkeiten auf, es wäre denn eine, dass er besonders tief im Volkgemüte noch gegenwärtig eingewurzelt ist.DieMar(nach anderer Schreibung:Mahr) heisst bei den Serben in Serbien, Montenegro, Dalmatien, bei den Bulgaren und Slovenen allgemeinmora, daneben unter den Chrowotenmuraund in Slavonien und in Bosnientmora. Falls das ‘t’ in tmora nicht als parasitisch, sondern als thematisch angenommen werden sollte, so würde uns gerade diese Form eine erwünschte Aufklärung des rätselhaften Wortes geben. Es würde vontema(tmica,tama= Dunkelheit) abzuleiten und mit ‘die im Dunkeln wandelnde’ zu übersetzen sein. In Südbulgarien nennt man die Mora auchlamia. Der Name ist dem Griechischen entlehnt. Die Montenegrer sagen liebervještica(Hexe) als Mora. Ausnahmweise nennt das Volk die Mora auchVila, doch ist diese Bezeichnung dann nur als Schimpfwort aufzufassen, nicht aber als ein eigentlicher Name. Das Wort Mora ist dem Bauer schrecklich auszusprechen, darum umschreibt er es gewöhnlich mitnoćnica(Nachtfahre, Nachtfrau, domina nocturna). Wenn sich bei einem Manne die Brustwarzen verhärten und ihm dies Schmerzen bereitet, so glaubt man, Noćnice saugen an seinen Brüsten nächtlich (Serbien, Slavonien). Verschiedene Namen für ein Wesen bilden sich im Volkglauben mit der Zeit zu neuen, verschiedenen Wesen aus. So unterscheidet man im Savelande unter den Serben schon zwischen Mora und Noćnica. Die Mora sauge die kleinen Kinder aus, die Noćnica schlage sie, so dass der Oberleib eines geplagten Kindes gleichsam mit blauen Striemen bedeckt erscheine.Die Slovenen in Steiermark kennen neben der Mora noch einen männlichen Quälgeist:vedomec, der, wie ich nach den einschlägigen Mitteilungen und Erhebungen schliessen muss, dem deutschen Volkglaubenentlehnt ist und unseremAlpin allen Stücken entspricht. Nur der Name ist slavisch. Im übrigen sind die Moren bei den Südslaven nur wirkliche menschliche Wesen, und zwar ausschliesslich weiblichen Geschlechts. (Nach südslavischem Sprachgebrauche zählen Frauenzimmer freilich nicht zu den Menschen.)Die Mora bei den Südslaven beschränkt sich nicht, wie die Mar bei den Deutschen, aufs Milchtrinken, sondern saugt regelmässig dem Menschen Blut aus.Ohne eigenes Zutun wird das Menschenkind zur Mora. Der verderbliche Geist nimmt vom Menschen Besitz und zwingt zu seinen Diensten den besessenen Leib, der schliesslich oft für den fremden Geist zu büssen hat. In Bosnien und im Herzogtum sagt man: ‘Eine Mora kann nur ein Mädchen sein, und zwar eines, dessen Mutter schlimm gewesen, z. B. die den Teufel anrief (vragala), wenn sie im Hause ihre Kinder züchtigte, die sich falsch zu verschwören pflegte und schamlos war, zu Gott nicht betete und in der Kirche keine Beichte ablegte.’3In einer Dorfgeschichte des DalmatersVuletić, »Die Mädchenhöhle«, erzählt ein Mädchen: »Ich hatte eine Tante namens Ännchen, die war als Mora zur Welt gekommen, das heisst, in einem blutigroten Hemdchen. Zu ihrem Unglück hatte sich damals niemand gefunden, der von der Spitze des Daches in die Welt hinausgeschrien hätte: ‘Es ist eine kleine, rote Hindin in einem roten Hemdchen geboren worden’(rodila se crvena košutica u crvenoj košuljici). Dies wäre ihre Erlösung gewesen. Während ihrer Mädchenzeit wurde sie im ganzen Dorfe verfolgt; die Dorfleute waren fahl und blass, als ob das Fieber alle plagte, und oft sah man morgens das Mädchen zerkratzt in die Häuser kommen mit der Bitte: ‘Gevatter, gib mir ein Körnchen Salz!’« — Allgemein gilt es, dass Kinder weiblichen Geschlechts, die mit einem sogen. Glückhäubchen, in der Lika sagt man »in einem Bettchen« (posteljica) oder einem blauen Hemdchen (modra košuljica) geboren werden, als Moren die Menschen quälen müssen. Solche Mädchen sähen bei Nacht ebenso gut wie Katzen.Der Volkglaube setzt die Moren in engere Beziehung zu den Hexen, doch gehen die Meinungen in Einzelheiten stark auseinander. Die Beziehungen sind jüngeren Ursprungs. Manche glauben, die Mora sei eine Hexe (vještica), die ihr Tun bereut und das Gelübde getan habe, keinen Menschen mehr auszufressen, sondern die Leute bloss nächtlich im Schlaf zu bedrücken und ihnen den Atem zu benehmen. Andere wieder glauben, die Mora sei ein heiratfähiges Mädchen, das nach der Verheiratung eine Hexe werden soll. Im Herzögischen glaubt man ferner, Moren wären von Hexen geborene Mädchen, die diesen ihr ganzes Treiben ablernen,doch während ihrer Mädchenzeit das Zauberwerk nicht ausüben können und vor ihrer Verheiratung niemandem das Herz ausweiden dürfen. In dem Augenblicke aber, wo bei der Trauung der Mora der Kranz aufgesetzt wird, verwandle sich die Mora zu einer Hexe. Auf Curzola und den übrigen Inseln behauptet man dagegen, die Mora sei keine unverheiratete Hexe, vielmehr gebe es sowohl verheiratete als unverheiratete Moren, auch könne nie eine Mora zu einer Hexe werden. Im allgemeinen seien die Moren an dem zerkratzten Gesichte, die Hexen aber an den Hitzbläschen und Wimmerln im Gesichte erkennbar (Insel Brazza).Moren vermögen gleich dem Teufel und den Hexen jede mögliche Gestalt anzunehmen, nur nicht die eines Schafes oder einer Biene. Dank ihrer Verwandlungfähigkeit kann die Mora durch die allerkleinsten Ritzen hindurchschlüpfen. Die Mora steht nicht leicht ab von ihrem auserkorenen Opfer. Sie pflegt es z. B. in der Gestalt eines Pferdes oder eines Hundes zu begleiten. Es ist vielleicht kein Zufall, dass der Volkglaube sie ein Pferd von weisser Farbe sein lässt. Auch die Pest in Pferdegestalt ist von weisser Farbe.Nächtlich bedrückt eine Mora den Schläfer meist in Menschengestalt, oder als Henne, oder als ein Hund, oder als eine Schlange, oder als eine Schlinge, oder als ein Zwirnfaden, den man nicht erfassen kann. Die Mora wirft über den Menschen vorerst einen tiefen Schlaf, doch raubt sie ihm das Bewusstsein nicht. Hat einmal eine Mora bei einem Menschen süsses Blut entdeckt, so verliebt sie sich in ihn und weicht nicht mehr von ihm. Mag er im Schlafe noch so ächzen und stöhnen, die Mora wehrt ihm das Erwachen.In Chrowotien glaubt man, die Mora habe Füsse von dieser Form. Um sich vor den Heimsuchungen der Mora zu schützen, zeichnet man sich auf die Brustwarzen (sise) ihre »Pratzen« (šape) auf, dann lässt sie einen in Ruhe. Ich vermag diesen Zug bei den übrigen Südslaven nicht nachzuweisen und wage die Vermutung, er sei dem Volkglauben der eingewanderten Schwaben entlehnt (Drudenfuss). Die Mora wälzt sich einem auf die Brust und benimmt einem den Atem. Es sei erwähnt, dass der südslavische Bauer mit Vorliebe auf dem Rücken liegend schläft und die Hände unters Haupt, gleichsam als ein Kissen, legt. Auch bei den deutschen Bauern beobachtete ich vorwiegend diese Lage, während der bürgerliche Deutsche die Seitenlage bevorzugt und wohl daher auch seltener über Alpdrücken zu klagen hat.Hauptsächlich wird die Mora als Quälerin der Wiegenkinder gefürchtet. Dass ein Kind von einer Mora ausgesaugt wird, erkennt man an den angeschwollenen Brüsten, die Feuchtigkeit absondern. Die Ausscheidungen wäscht man weg und reibt die Geschwulst mit Knoblauch ein; denn die Moren vertragen gleich den Hexen keinen Knoblauch.In Bosnien legt die Mutter ihr säugendes Kind nicht eher in die Wiege, als bis sie es mit einer Schere dreimal bekreuzigt hat. Die Schere verbirgt sie unters Kopfpölsterchen, sonst schadet dem Kinde eine Hexe, oder es wird von einer Mora erwürgt (da ga ne bi umorila tmora). Um Kinder vor der Mora und sonst vor Krankheitgeistern zu bewahren, räuchert man abends die Bettchen mit einem alten Stück Schuhleder aus, das man auf glühende Kohlen legt; denn man glaubt, dass Unholde solchen Gestank scheuen. Gewiss ist es, dass Motten und Gelsen ferne bleiben (Serbien, Bulgarien).Die Flüche und Beschwörungen, die man gegen Krankheitgeister sonst ausstösst, wendet man in kürzeren Fassungen auch gegen die Moren an.4Im Vergleich zu den vielen Bannformeln in meinem Buche über Volkglauben lehren uns die speziellen Moraverfluchungen kaum etwas Neues, bis auf einige wenige belanglose Wendungen.Als besonders wirksame Abwehr gegen die Mora gilt in Bosnien und dem Herzogtum folgender Zaubersegen (basna) den man vor dem Schlafengehen dreimal singend aufzusagen hat (iskantati):Mora, lezi doma!Mora, leg dich daheim nieder!doma su ti puti,daheim sind dir die Wegezemlja ti je uzda,die Erde ist dir ein Zaum,Bog te prokleo!Gott möge dich verfluchen!5Sveti Jovan sapeo,der hl. Johannes in Fesseln schlagen,sveti Videlare,der hl. Videlar,koji po moru hogjašeso da auf dem Meer einherschritti brodove vozaše:und die Schiffe geleitete:sveži mori moći,Bind der Mar die Gewalten,10sveži tatu ruke,bind dem Dieb die Hände,sveži vuku zube,bind dem Wolf die Zähne,da vuk ne ujede,auf dass der Wolf nicht beisse,da tat ne ukrade!auf dass der Dieb nicht bestehle!Okani se mora i vještica,Lass ab von Maren und Hexen,15pogani gjavolica!von den unreinen Teufelinnen!Ne ću ih se okaniti,Nicht eher lasse ich von ihnen ab,dok ih ne doćeramals bis ich sie dahin gejagtna dubove grane,auf der Eiche Äste,na granama reske,auf den Ästen die Blütenbüschel,20na reskama kaplje,auf den Büscheln die Tautropfen,na volu dlake,auf dem Ochsen das Haar,na pijevcu repušina!auf dem Hahn ein grosser Schweif!Amin!Amen!Man bannt so die Mar in einen Baum der Wildnis, denn als eine böse Baumseele gehört sie dahin, woher sie gekommen.Ein weiteres Beispiel mag ausreichen. Wer von einer Mora geplagt wird, pflegt vor dem Schlafengehen folgendes Gebet aufzusagen:Mora bora, ne prelaziprek ovoga bjela dvora,e su na njem tvrdi ključiod našega Siodora5Siodora i Todorai Marije i Matijei sestrice Levantije,koja nema pristupišta,prek ovoga bjela dvora,10ni kamena kamenica,ni vjetrušna vjetruština,ni nametna nametnicani udova udovicani maćiona maćionica;15dokle ne bi pribrojilana nebu zvijezde,na gori listovena moru pijesakna kućki dlake,20na kozi runjena ovci vunena vuni dlake.A kad bi to prebrojila,vratilom se opasala,25zaštikalom poštapila,ušla u jajsku ljusku,utopila se u morsku pućinu,trinka joj trakuli,vragu joj glava,30sve joj koze vrag odnio,mleko joj se ne sirilo,nego rekla: jaoh!jaoh joj dala Lena plenai Marija Magdalena! Amin!Mora (bora) überschreit’ nichtdieses weissen Hofes Schwelle;denn an ihm sind feste Schlüsselvon unserem Siodorus,Siodorus, Theodorusund Maria und Matthiasund der Schwester Levantija,der allda kein Eintritt zustehtüber dieses Hofes Schwelle;keiner Steinhex, sie versteiner’,keiner Windhex, sie verwehe,keiner Plaghex, sei geplagt sie,keiner Witwe, zweimal Witwe,keiner magischen Magierin,eh sie nicht zu End gezählt hätt:am Himmel alle Sterne,im Hochgebirg die Blätter,die Sandkörner im Meer,auf der Hindin das Haar,auf der Ziege die Zoten,auf dem Schaf die Wolle,auf der Wolle die Haare.Und sollt’ sie dies zu Ende zählen,gürt’ sie sich mit einem Webbaum,Webstuhlnagel sei ihr Stecken,sie fahre in eine Eierschale hinein,sie soll in der Meerflut ersaufen;ihr Eingeweide dem Bandwurm,ihr Kopf falle dem Teufel zu,der Teufel hol’ ihr alle Ziegen;ihre Milch soll sich nicht verkäsen;sie soll vielmehr schreien: o weh!o weh! bescher’ ihr Lena plenaund Maria Magdalena! Amen!(Aus Grbalj in Dalmatien.)Das Wort ‘bora’ im 1. Vers mag vielleicht den Wind Bora bezeichnen, doch ist es möglicherweise hier nur ein bedeutungloses Füllsel. Die Namen in Vers 4–7 beziehen sich wahrscheinlich auf die Heiligenbilder, die an den Wänden der Stube hängen. Lena plena in Vers 33 ist wohl von der lateinischen Unterschrift eines Bildes entnommen:Sa. Helena plena (amoris Christi). Katholische Bilder sind bei Altgläubigen in Dalmatien nichts Ungewöhnliches.Der Glaube an die gute Wirkung solcher Bannsprüche und Gebete ist nicht gross, denn man nimmt noch zu mancherlei anderen Abwehrmittelnseine Zuflucht. Als bestes, doch schwer durchführbares Mittel gilt, die Mora gründlich durchzubläuen oder gar zu verbrennen. Manches als Mora verdächtigte Frauenzimmer wurde von erbitterten Leuten auf Kohlenglut gesetzt, so dass sie böse Brandwunden davontrug. Man glaubt nämlich, dass die einmal angebrannte Mora nie wiederkommen werde. Mitunter genügt es, dass man irgend ein Kleidungstück der Mora vom Leib reisst und als Pfand zurückbehält. Um es zurückzubekommen, muss sie sich zu jeder Bedingung bequemen. In Montenegro pflegen die Leute, die von einer Mora gedrückt und gewürgt werden, vor dem Schlafengehen einen gewebten Leibgürtel der Länge nach über die Decke auszubreiten. Wenn die Mora zur Heimsuchung erscheint, so zieht sie sich vor dem hegenden Band wieder zurück oder glaubt, eine andere Mora sei ihr zuvorgekommen und habe sich als Band über den Schläfer gemacht. Im »Bergkranz« spricht Serdar Janko zu Wolf Mićanović, der sich berühmt, ihn habe noch niemals eine Mora gedrückt (pritisla): »Mir aber ist sie zur Last geworden. Stets trage ich Kren bei mir und Dornenstacheln im Kleidersaume eingenäht; doch gibt es kein zuverlässigeres Gegenmittel gegen sie (die Mora) als das, wenn man sich zu Bette begibt, über die Kleider einen Gürtel der Länge nach zu legen« (pas pružit ozgo svrh haljina).Wen die Mora drückt, der braucht nur vor dem Schlafengehen hinter die Türe einen Birkenrutenbesen mit dem Stil nach unten zu stellen, und er wird vor der Mora Ruhe haben. Es lebte im Jahre 1866 zu Požega in Slavonien ein Kürschnergeselle, ein starker Fresser, dem aber das Vielessen schlecht bekam, denn ihn plagte die Mora. Sobald er nachts das Licht ausgelöscht hatte und sich niederlegte, kam die Mora durch die nicht verschliessbare Türe ins Zimmer hinein und sprang auf den Gesellen hinauf. Vor Entsetzen getraute er sich nicht sich zu rühren. Deutlich hörte er die Mora atmen und sich räuspern, doch sonst tat sie ihm nichts zu Leide an. Alle Zaubermittel halfen nichts gegen das Übel. Da riet ihm jemand, er solle ein Freitagkind, das vor Moren gefeit sei, bitten, dass es mit ihm in einem Bette übernachte und die Mora mit einer Schere durchschneide. Die Wahl fiel auf mich. Wir waren in der Florianigasse benachbart. Ich war völlig furchtlos, weil man mir frühzeitig eingeredet hatte, ich könnte weder je Geister sehen, noch vermöchten Unholde mir auch nur das Geringste anzuhaben. So sass ich denn mit der schweren Kürschnerschere in beiden Händen auf dem Bette an der Wand, während der Geselle ausgestreckt im Bette neben mir lag. Auf einmal hörten wir den Besen umfallen und die Tür aufgehen. Ein Satz, und die Mora lag auf dem Gesellen. Er fing zu ächzen an und bat mich himmelhoch in die Mora hineinzuschneiden. Die Schere war aber für meine Knabenhände zu schwer, und so gab ich der Mora nur einen Stich in den Leib.Sie sprang im Nu mit einem fürchterlichen Geheul auf und verkroch sich unterm Bette. Nun kamen die Leute herbeigerannt, machten Licht und fanden einen grossen Hund aus der Nachbarschaft vor. Der Geselle schlug ihn halbtot. Am nächsten Tag gab es einen furchtbaren Auftritt zwischen dem Eigentümer des Hundes und dem Gesellen, worauf letzterer sein Ränzlein schnürte und nach Miholjac wanderte.In Dalmatien sagt man, es sei angezeigt, falls einen nachts eine Mora drücke, mit dem Fingernagel in die Wand oder ins Bettgestelle zu kratzen; denn danach werde man am nächsten Morgen die Mora an ihrem zerkratzten Gesichte (ogrančana) erkennen. Ein moslimisches Mädchen in einem Dorfe bei Derventa in Bosnien, das eine Hexe war, liebte einen jungen Mann, ohne Gegenliebe zu finden. Um sich an ihm zu rächen, kam sie in der Nacht als Mora zu ihm. Er jedoch schlief nicht und erfasste sie bei ihren roten Haaren. Alle ihre Bitten, er möge darüber schweigen, nützten ihr nichts, denn er verriet es dem ganzen Orte. Das Mädchen konnte sich an ihm nicht rächen, da er ihr Haar in Händen gehabt und ihr gedroht hatte, ihr das Haar bei nächster Gelegenheit abzuschneiden. Sie heiratete später einen anderen, blieb kinderlos und soll noch jetzt leben. — Wenn es dem Geplagten glückt, der auf ihm lastenden Mora das Hemd vom Leibe herunterzureissen, so werfe er es hinter die Türe mit den Worten: »Komm morgen, ich werde dir Brot und Salz geben!« Die Mora muss sich am nächsten Tag in ihrer wahren Menschengestalt einstellen und um Brot und Salz bitten. Es hat sich dadurch schon öfters ereignet, dass Weiber, die arglos in der Nachbarschaft Brot und Salz ausborgen wollten, tüchtige Schläge davontrugen, weil man sie für Moren oder Hexen gehalten hat. Der Herzogländler glaubt, gegen die Mora sei das beste Mittel, man binde sich vor dem Schlafengehen einen Faden um die grosse Zehe; denn da erwache man, sobald sich die Mora auf einen wälzt. Man sage ihr: »Komm morgen und verlang ein Salz von mir!« Am nächsten Morgen haue man die Mora windelweich durch, und man wird zeitlebens vor ihr Ruhe haben.Die Mora-Sagen erzählen ferner immer mit unwesentlichen Abweichungen dieselbe Geschichte von der wunderbaren Errettung eines Geplagten, der sich nicht einmal durch Flucht zu helfen vermochte, wenn ihm nicht ein Zufall Erlösung brachte. Als typisch darf aber nachfolgende Fassung angesehen werden:Es war einmal ein Mann, den plagte derart die Mora (morila mora), dass er schliesslich gar nicht mehr einschlafen konnte. Das Leben daheim ward ihm zu Leid, und er bestieg sein weisses Ross und ritt davon in die Welt hinaus ganz ohne Plan und ohne Ziel. Seine Flucht blieb aber vergeblich, denn wo immer er sich auf der Reise zur Ruhe begab, fiel auch schon gleich die Mora über ihn her. So immer weiter durch dieWelt wandernd, kehrte er einmal zu Nacht bei einem Schneider ein. Als nach dem Nachtessen der Schneider seine Arbeit wieder vornahm und zu nähen anfing, klagte ihm der Gast sein Leid, wie ihn die Mora heimsuche und plage. »Weisst du was«, sagte er, »während du hier nähst, will ich mich mal auf ein Weilchen niederlegen und zu schlafen versuchen«, deckte sich mit seinem Lodenrock zu und streckte sich aus. Kaum hatte er zum Schlafe die Augen geschlossen, fing ihn die Mora zu drücken an, und er hub zu schreien und sich zu wehren an. Als der Schneider dies hörte, hob er die Kerze, um zu sehen, wie sich sein Gast abplage; als er jedoch hinschaute, erblickte er, wie sich ein weisses Haar mit der Schnelligkeit einer Schlange über den Lodenrock hinbewegte, mit welchem sich der Schläfer zugedeckt hatte. Zufällig hielt der Schneider seine schwere Tuchschere in der Hand, fuhr damit auf den Rock zu und schnitt jenes Haar durch. Sobald sich das Haar zu bewegen aufgehört, beruhigte sich der Schläfer und schlief ruhig bis zum nächsten Tag, als die Sonne schon hoch aufgestiegen war. Als er erwachte, dankte er Gott für den gesunden Schlaf und die gegönnte Erholung und lief gleich in den Stall zum Ross, um es abzuwarten. Da hatte man es! Liegt nicht das Ross im Stall tot ausgestreckt? Als ihm nun der Schneider erzählte, wie er das Haar auf dem Lodenrock durchgeschnitten habe, ersahen beide, dass die Mora, die den Wanderer so gequält hatte, niemand andres als das Ross gewesen sei.Man würde irren, wollte man annehmen, das sei nur eine Schauersage, ersonnen zur Unterhaltung. Das Volk glaubt unverbrüchlich fest an die Wahrheit der Erscheinung und an den Wert der Gegenmittel. Noch in der unmittelbarsten Gegenwart betrachtet der südslavische Bauer die Mora als seinen bitteren Feind, den er bekämpfen müsse; an die Säuberung seiner ungesunden Wohnstätte, an die Beschaffung zuträglicher Nahrung, an Mässigkeit und zweckdienliche Bekleidung denkt er weitaus weniger. Zwei gutbezeugte Fälle aus der jüngsten Vergangenheit sollen zur Beleuchtung des Volkglaubens an die Mora dienen. Die Belege liessen sich leicht vermehren.Manda Lučić in Ramanovci erzählte meiner Mutter (im J. 1887): »Vor vier Jahren erkrankte mein Kind. Ich beklagte mich bei den Weibern, dass es fortwährend kränkle, grosse Brüste bekomme, und wie ihm Milch aus den Brüsten fliesse. Die Weiber sagten mir: ‘Dein Kind wird von einer Tmora ausgesaugt. Nimm du einen Wälger (eine längliche Walze aus Holz zum Auswalgen von Mehlspeisteig,oklagija) und pass nachts auf; sobald das Kind zu ächzen anfängt, spring du zur Wiege hin und drück das Wälgerholz darüber. So wirst du die Mora auf dem Kinde erwischen.’ Mein Lukas setzt sich abends in den Ofenwinkel und wartet ab. Auf einmal gegen Mitternacht bemerkt er, wie sich etwasdurchs geschlossene Fenster ins Zimmer einschleicht und zur Wiege hinzieht. Als er merkte, dass es schon auf der Wiege liege, sprang er aus dem Ofenwinkel hervor und drückte mit dem Wälger auf die Wiege nieder und fing just jenes Weib ein, das er in Verdacht hatte. Nun schlug er sie mit dem Wälgerholz braun und blau, bis sie ihn zu bitten anfing: ‘Liebster Gevatter, schlag mich nicht tot, ich werde das nimmermehr tun!’ (Kume dragi nemoj me ubiti, ne ću to više nikada raditi!) Dann schlug er sie nicht weiter, und unser Kind wurde frisch und gesund. Jetzt ist es fünf Jahre alt, im sechsten.«Manda Šuperina in Suljkovci erzählte meiner Mutter: »In unserem Dorfe lebten ein Mann und ein Weib, die hatten ein einziges Kind, zu dem allnächtlich eine Mora (tmora) kam, die das Kind aussaugte. Er klagte sein Herzeleid einem Weibe, das Kind könnte ihm sterben, da es von der Mora ausgesaugt werde. Riet ihm das Weib: ‘Nimm einen Sack, wend ihn auf die Kehrseite um, leg dich nachts deinem Weib zu Füssen, deck dich mit dem umgewendeten Sack zu und hüt dich einzuschlafen. Wenn du nachts das Kind wirst ächzen hören, springst du hurtig auf und packst fest den Gegenstand an, selbst wenn es ein lebendes Geschöpf sein sollte, und lässt es um keinen Preis aus.’ Der Mann tat so und fing eine Glucke auf dem Kinde ein. Er hub an, sein Weib zu wecken, sie hin und her zu drehen, aber er konnte sie durchaus nicht erwecken, weil die Vila einen Schlaf auf sie geworfen hatte. Nun nahm er ein Zündhölzchen und wollte die Kerze anzünden, doch die Henne blies das Hölzchen aus. So ging er denn zu seinem Bruder ins Schlafkämmerchen (kiljer) hinaus, weckte ihn auf und hiess ihn ein Licht anstecken, damit sie sähen, was er für eine Henne gefangen. Da sahen sie richtig eine Henne, versengten ihr alle Federn auf dem Kopfe und schleuderten sie mit aller Wucht in den Türwinkel. Die Henne präuchte wie ein leeres Fass. Als sie merkten, sie habe genug bekommen, packten sie sie und warfen sie auf einen Steinhaufen vors Haus. In der Frühe hörten sie, Baba Marga (die alte Margarete) in der Nachbarschaft liege im Sterben, gestern sei sie noch frisch und gesund gewesen. Der Mann ging zu ihr, sah, dass ihr Kopf wie gebraten und ihr Leib zerschlagen sei, und sprach zu ihr: ‘Gelt, du wirst nimmer mein Kind aussaugen kommen!’ (jel de da ne ćeš moje dite više sisati!) Das Weib starb noch am selben Tage, das Kind des Mannes genas aber vollkommen.«
Blutwallungen, denen sich Krämpfe zugesellen, Anschwellungen der Blutdrüsen mit Milch- oder Blutfluss, schmerzhaftes Herzklopfen mit Atembeklemmungen und dergleichen krankhafte Zustände, die die nächtliche Ruhe zur nächtlichen Pein umwandeln können, führt der Volkglaube, einen Grund für solche Wirkungen suchend, auf Bedrückungen nächtlicher Quälgeister, auf die Maren zurück. Heutigentags ist man über die Erscheinung und die Volkauffassung völlig im klaren. Viele gelehrte Erklärungversuche vertragen kaum mehr eine Erörterung, wie z. B. jeneA. Hennes: »Die Nachtgespenster sind abergläubige Entstellungen derGestirne, deren Strahlen überall hindringen und den stärksten Einfluss auf die Nachtruhe der Menschen üben, indem ihre Helligkeit dieselbe oft stört oder vereitelt. In den wandernden und irrenden Nachtmaren .... erkennt man ohnehin (?!) die in Tiergestalt gedachten, ruhelos hinziehenden Sterne.« Henne verkennt und überschätzt den Einfluss der Sternenwelt auf die Nachtruhe des Menschen. Der Mondsüchtige oder der Nachtwandler ist mit dem Margeplagten nicht zu verwechseln. Die Mar verhindert eben die Beweglichkeit, sie legt den Leib des Schlafenden lahm, die Sterne aber und der Mond beeinflussen in einer anderen, entgegengesetzten Weise den Schläfer.
In neuester Zeit wird wieder von einigen Gelehrten die uralte Ansicht eifrig verfochten, die Gestalt der Nachtmar verdanke dem Traumleben ihre Entstehung und ihr Dasein.1Diese Auffassung ist zum Teil richtig; der nächtliche Quälgeist ist aber auch bei den meisten Völkern mit den Waldgeistern oder vielleicht eigentlich mit den Windgeistern innig verwandt, doch erscheint nebenher, zumal bei den Slaven, die Mar auch als der Geist eines Verstorbenen, der eine neue Geburt durchgemacht hat d. h. aus der unbekannten Geisterwelt oder, wie die modernen Spiritistenbehaupten, aus der vierten Dimension, in einen lebenden menschlichen Leib hineingefahren sei und den Besessenen zu unheimlichen Taten dränge. »Bezeichnend ist hierbei die Vorstellung«, sagt mit Bezug daraufF. Liebrecht, »dass die auf ungewöhnlichem Wege auf Erden Anlangenden (oder Zurückkehrenden) nicht nach ihrer Heimat gefragt sein wollen, als ob sie die Erinnerung daran mieden, indem durch eine derartige Frage eine unwiderstehliche Sehnsucht nach derselben erweckt und sie so zur Heimkehr veranlasst werden könnten«. Einen Beleg dafür lernen wir beim Vilenglauben kennen,2einen weiteren erhalten wir gleich bezüglich der Mora.
Wenn irgend ein Glaube allen Völkern der Erde zu allen Zeiten und unter allen Zonen gemeinsam war und ist, so ist es der Marglaube. Der südslavische weist unbedeutende Eigentümlichkeiten auf, es wäre denn eine, dass er besonders tief im Volkgemüte noch gegenwärtig eingewurzelt ist.
DieMar(nach anderer Schreibung:Mahr) heisst bei den Serben in Serbien, Montenegro, Dalmatien, bei den Bulgaren und Slovenen allgemeinmora, daneben unter den Chrowotenmuraund in Slavonien und in Bosnientmora. Falls das ‘t’ in tmora nicht als parasitisch, sondern als thematisch angenommen werden sollte, so würde uns gerade diese Form eine erwünschte Aufklärung des rätselhaften Wortes geben. Es würde vontema(tmica,tama= Dunkelheit) abzuleiten und mit ‘die im Dunkeln wandelnde’ zu übersetzen sein. In Südbulgarien nennt man die Mora auchlamia. Der Name ist dem Griechischen entlehnt. Die Montenegrer sagen liebervještica(Hexe) als Mora. Ausnahmweise nennt das Volk die Mora auchVila, doch ist diese Bezeichnung dann nur als Schimpfwort aufzufassen, nicht aber als ein eigentlicher Name. Das Wort Mora ist dem Bauer schrecklich auszusprechen, darum umschreibt er es gewöhnlich mitnoćnica(Nachtfahre, Nachtfrau, domina nocturna). Wenn sich bei einem Manne die Brustwarzen verhärten und ihm dies Schmerzen bereitet, so glaubt man, Noćnice saugen an seinen Brüsten nächtlich (Serbien, Slavonien). Verschiedene Namen für ein Wesen bilden sich im Volkglauben mit der Zeit zu neuen, verschiedenen Wesen aus. So unterscheidet man im Savelande unter den Serben schon zwischen Mora und Noćnica. Die Mora sauge die kleinen Kinder aus, die Noćnica schlage sie, so dass der Oberleib eines geplagten Kindes gleichsam mit blauen Striemen bedeckt erscheine.
Die Slovenen in Steiermark kennen neben der Mora noch einen männlichen Quälgeist:vedomec, der, wie ich nach den einschlägigen Mitteilungen und Erhebungen schliessen muss, dem deutschen Volkglaubenentlehnt ist und unseremAlpin allen Stücken entspricht. Nur der Name ist slavisch. Im übrigen sind die Moren bei den Südslaven nur wirkliche menschliche Wesen, und zwar ausschliesslich weiblichen Geschlechts. (Nach südslavischem Sprachgebrauche zählen Frauenzimmer freilich nicht zu den Menschen.)
Die Mora bei den Südslaven beschränkt sich nicht, wie die Mar bei den Deutschen, aufs Milchtrinken, sondern saugt regelmässig dem Menschen Blut aus.
Ohne eigenes Zutun wird das Menschenkind zur Mora. Der verderbliche Geist nimmt vom Menschen Besitz und zwingt zu seinen Diensten den besessenen Leib, der schliesslich oft für den fremden Geist zu büssen hat. In Bosnien und im Herzogtum sagt man: ‘Eine Mora kann nur ein Mädchen sein, und zwar eines, dessen Mutter schlimm gewesen, z. B. die den Teufel anrief (vragala), wenn sie im Hause ihre Kinder züchtigte, die sich falsch zu verschwören pflegte und schamlos war, zu Gott nicht betete und in der Kirche keine Beichte ablegte.’3In einer Dorfgeschichte des DalmatersVuletić, »Die Mädchenhöhle«, erzählt ein Mädchen: »Ich hatte eine Tante namens Ännchen, die war als Mora zur Welt gekommen, das heisst, in einem blutigroten Hemdchen. Zu ihrem Unglück hatte sich damals niemand gefunden, der von der Spitze des Daches in die Welt hinausgeschrien hätte: ‘Es ist eine kleine, rote Hindin in einem roten Hemdchen geboren worden’(rodila se crvena košutica u crvenoj košuljici). Dies wäre ihre Erlösung gewesen. Während ihrer Mädchenzeit wurde sie im ganzen Dorfe verfolgt; die Dorfleute waren fahl und blass, als ob das Fieber alle plagte, und oft sah man morgens das Mädchen zerkratzt in die Häuser kommen mit der Bitte: ‘Gevatter, gib mir ein Körnchen Salz!’« — Allgemein gilt es, dass Kinder weiblichen Geschlechts, die mit einem sogen. Glückhäubchen, in der Lika sagt man »in einem Bettchen« (posteljica) oder einem blauen Hemdchen (modra košuljica) geboren werden, als Moren die Menschen quälen müssen. Solche Mädchen sähen bei Nacht ebenso gut wie Katzen.
Der Volkglaube setzt die Moren in engere Beziehung zu den Hexen, doch gehen die Meinungen in Einzelheiten stark auseinander. Die Beziehungen sind jüngeren Ursprungs. Manche glauben, die Mora sei eine Hexe (vještica), die ihr Tun bereut und das Gelübde getan habe, keinen Menschen mehr auszufressen, sondern die Leute bloss nächtlich im Schlaf zu bedrücken und ihnen den Atem zu benehmen. Andere wieder glauben, die Mora sei ein heiratfähiges Mädchen, das nach der Verheiratung eine Hexe werden soll. Im Herzögischen glaubt man ferner, Moren wären von Hexen geborene Mädchen, die diesen ihr ganzes Treiben ablernen,doch während ihrer Mädchenzeit das Zauberwerk nicht ausüben können und vor ihrer Verheiratung niemandem das Herz ausweiden dürfen. In dem Augenblicke aber, wo bei der Trauung der Mora der Kranz aufgesetzt wird, verwandle sich die Mora zu einer Hexe. Auf Curzola und den übrigen Inseln behauptet man dagegen, die Mora sei keine unverheiratete Hexe, vielmehr gebe es sowohl verheiratete als unverheiratete Moren, auch könne nie eine Mora zu einer Hexe werden. Im allgemeinen seien die Moren an dem zerkratzten Gesichte, die Hexen aber an den Hitzbläschen und Wimmerln im Gesichte erkennbar (Insel Brazza).
Moren vermögen gleich dem Teufel und den Hexen jede mögliche Gestalt anzunehmen, nur nicht die eines Schafes oder einer Biene. Dank ihrer Verwandlungfähigkeit kann die Mora durch die allerkleinsten Ritzen hindurchschlüpfen. Die Mora steht nicht leicht ab von ihrem auserkorenen Opfer. Sie pflegt es z. B. in der Gestalt eines Pferdes oder eines Hundes zu begleiten. Es ist vielleicht kein Zufall, dass der Volkglaube sie ein Pferd von weisser Farbe sein lässt. Auch die Pest in Pferdegestalt ist von weisser Farbe.
Nächtlich bedrückt eine Mora den Schläfer meist in Menschengestalt, oder als Henne, oder als ein Hund, oder als eine Schlange, oder als eine Schlinge, oder als ein Zwirnfaden, den man nicht erfassen kann. Die Mora wirft über den Menschen vorerst einen tiefen Schlaf, doch raubt sie ihm das Bewusstsein nicht. Hat einmal eine Mora bei einem Menschen süsses Blut entdeckt, so verliebt sie sich in ihn und weicht nicht mehr von ihm. Mag er im Schlafe noch so ächzen und stöhnen, die Mora wehrt ihm das Erwachen.
In Chrowotien glaubt man, die Mora habe Füsse von dieser Form. Um sich vor den Heimsuchungen der Mora zu schützen, zeichnet man sich auf die Brustwarzen (sise) ihre »Pratzen« (šape) auf, dann lässt sie einen in Ruhe. Ich vermag diesen Zug bei den übrigen Südslaven nicht nachzuweisen und wage die Vermutung, er sei dem Volkglauben der eingewanderten Schwaben entlehnt (Drudenfuss). Die Mora wälzt sich einem auf die Brust und benimmt einem den Atem. Es sei erwähnt, dass der südslavische Bauer mit Vorliebe auf dem Rücken liegend schläft und die Hände unters Haupt, gleichsam als ein Kissen, legt. Auch bei den deutschen Bauern beobachtete ich vorwiegend diese Lage, während der bürgerliche Deutsche die Seitenlage bevorzugt und wohl daher auch seltener über Alpdrücken zu klagen hat.
Hauptsächlich wird die Mora als Quälerin der Wiegenkinder gefürchtet. Dass ein Kind von einer Mora ausgesaugt wird, erkennt man an den angeschwollenen Brüsten, die Feuchtigkeit absondern. Die Ausscheidungen wäscht man weg und reibt die Geschwulst mit Knoblauch ein; denn die Moren vertragen gleich den Hexen keinen Knoblauch.In Bosnien legt die Mutter ihr säugendes Kind nicht eher in die Wiege, als bis sie es mit einer Schere dreimal bekreuzigt hat. Die Schere verbirgt sie unters Kopfpölsterchen, sonst schadet dem Kinde eine Hexe, oder es wird von einer Mora erwürgt (da ga ne bi umorila tmora). Um Kinder vor der Mora und sonst vor Krankheitgeistern zu bewahren, räuchert man abends die Bettchen mit einem alten Stück Schuhleder aus, das man auf glühende Kohlen legt; denn man glaubt, dass Unholde solchen Gestank scheuen. Gewiss ist es, dass Motten und Gelsen ferne bleiben (Serbien, Bulgarien).
Die Flüche und Beschwörungen, die man gegen Krankheitgeister sonst ausstösst, wendet man in kürzeren Fassungen auch gegen die Moren an.4Im Vergleich zu den vielen Bannformeln in meinem Buche über Volkglauben lehren uns die speziellen Moraverfluchungen kaum etwas Neues, bis auf einige wenige belanglose Wendungen.
Als besonders wirksame Abwehr gegen die Mora gilt in Bosnien und dem Herzogtum folgender Zaubersegen (basna) den man vor dem Schlafengehen dreimal singend aufzusagen hat (iskantati):
Mora, lezi doma!Mora, leg dich daheim nieder!doma su ti puti,daheim sind dir die Wegezemlja ti je uzda,die Erde ist dir ein Zaum,Bog te prokleo!Gott möge dich verfluchen!5Sveti Jovan sapeo,der hl. Johannes in Fesseln schlagen,sveti Videlare,der hl. Videlar,koji po moru hogjašeso da auf dem Meer einherschritti brodove vozaše:und die Schiffe geleitete:sveži mori moći,Bind der Mar die Gewalten,10sveži tatu ruke,bind dem Dieb die Hände,sveži vuku zube,bind dem Wolf die Zähne,da vuk ne ujede,auf dass der Wolf nicht beisse,da tat ne ukrade!auf dass der Dieb nicht bestehle!Okani se mora i vještica,Lass ab von Maren und Hexen,15pogani gjavolica!von den unreinen Teufelinnen!Ne ću ih se okaniti,Nicht eher lasse ich von ihnen ab,dok ih ne doćeramals bis ich sie dahin gejagtna dubove grane,auf der Eiche Äste,na granama reske,auf den Ästen die Blütenbüschel,20na reskama kaplje,auf den Büscheln die Tautropfen,na volu dlake,auf dem Ochsen das Haar,na pijevcu repušina!auf dem Hahn ein grosser Schweif!Amin!Amen!
Mora, lezi doma!
Mora, leg dich daheim nieder!
doma su ti puti,
daheim sind dir die Wege
zemlja ti je uzda,
die Erde ist dir ein Zaum,
Bog te prokleo!
Gott möge dich verfluchen!
Sveti Jovan sapeo,
der hl. Johannes in Fesseln schlagen,
sveti Videlare,
der hl. Videlar,
koji po moru hogjaše
so da auf dem Meer einherschritt
i brodove vozaše:
und die Schiffe geleitete:
sveži mori moći,
Bind der Mar die Gewalten,
sveži tatu ruke,
bind dem Dieb die Hände,
sveži vuku zube,
bind dem Wolf die Zähne,
da vuk ne ujede,
auf dass der Wolf nicht beisse,
da tat ne ukrade!
auf dass der Dieb nicht bestehle!
Okani se mora i vještica,
Lass ab von Maren und Hexen,
pogani gjavolica!
von den unreinen Teufelinnen!
Ne ću ih se okaniti,
Nicht eher lasse ich von ihnen ab,
dok ih ne doćeram
als bis ich sie dahin gejagt
na dubove grane,
auf der Eiche Äste,
na granama reske,
auf den Ästen die Blütenbüschel,
na reskama kaplje,
auf den Büscheln die Tautropfen,
na volu dlake,
auf dem Ochsen das Haar,
na pijevcu repušina!
auf dem Hahn ein grosser Schweif!
Amin!
Amen!
Man bannt so die Mar in einen Baum der Wildnis, denn als eine böse Baumseele gehört sie dahin, woher sie gekommen.
Ein weiteres Beispiel mag ausreichen. Wer von einer Mora geplagt wird, pflegt vor dem Schlafengehen folgendes Gebet aufzusagen:
Mora bora, ne prelaziprek ovoga bjela dvora,e su na njem tvrdi ključiod našega Siodora5Siodora i Todorai Marije i Matijei sestrice Levantije,koja nema pristupišta,prek ovoga bjela dvora,10ni kamena kamenica,ni vjetrušna vjetruština,ni nametna nametnicani udova udovicani maćiona maćionica;15dokle ne bi pribrojilana nebu zvijezde,na gori listovena moru pijesakna kućki dlake,20na kozi runjena ovci vunena vuni dlake.A kad bi to prebrojila,vratilom se opasala,25zaštikalom poštapila,ušla u jajsku ljusku,utopila se u morsku pućinu,trinka joj trakuli,vragu joj glava,30sve joj koze vrag odnio,mleko joj se ne sirilo,nego rekla: jaoh!jaoh joj dala Lena plenai Marija Magdalena! Amin!Mora (bora) überschreit’ nichtdieses weissen Hofes Schwelle;denn an ihm sind feste Schlüsselvon unserem Siodorus,Siodorus, Theodorusund Maria und Matthiasund der Schwester Levantija,der allda kein Eintritt zustehtüber dieses Hofes Schwelle;keiner Steinhex, sie versteiner’,keiner Windhex, sie verwehe,keiner Plaghex, sei geplagt sie,keiner Witwe, zweimal Witwe,keiner magischen Magierin,eh sie nicht zu End gezählt hätt:am Himmel alle Sterne,im Hochgebirg die Blätter,die Sandkörner im Meer,auf der Hindin das Haar,auf der Ziege die Zoten,auf dem Schaf die Wolle,auf der Wolle die Haare.Und sollt’ sie dies zu Ende zählen,gürt’ sie sich mit einem Webbaum,Webstuhlnagel sei ihr Stecken,sie fahre in eine Eierschale hinein,sie soll in der Meerflut ersaufen;ihr Eingeweide dem Bandwurm,ihr Kopf falle dem Teufel zu,der Teufel hol’ ihr alle Ziegen;ihre Milch soll sich nicht verkäsen;sie soll vielmehr schreien: o weh!o weh! bescher’ ihr Lena plenaund Maria Magdalena! Amen!(Aus Grbalj in Dalmatien.)
Mora bora, ne prelaziprek ovoga bjela dvora,e su na njem tvrdi ključiod našega Siodora5Siodora i Todorai Marije i Matijei sestrice Levantije,koja nema pristupišta,prek ovoga bjela dvora,10ni kamena kamenica,ni vjetrušna vjetruština,ni nametna nametnicani udova udovicani maćiona maćionica;15dokle ne bi pribrojilana nebu zvijezde,na gori listovena moru pijesakna kućki dlake,20na kozi runjena ovci vunena vuni dlake.A kad bi to prebrojila,vratilom se opasala,25zaštikalom poštapila,ušla u jajsku ljusku,utopila se u morsku pućinu,trinka joj trakuli,vragu joj glava,30sve joj koze vrag odnio,mleko joj se ne sirilo,nego rekla: jaoh!jaoh joj dala Lena plenai Marija Magdalena! Amin!
Mora bora, ne prelaziprek ovoga bjela dvora,e su na njem tvrdi ključiod našega Siodora5Siodora i Todorai Marije i Matijei sestrice Levantije,koja nema pristupišta,prek ovoga bjela dvora,10ni kamena kamenica,ni vjetrušna vjetruština,ni nametna nametnicani udova udovicani maćiona maćionica;15dokle ne bi pribrojilana nebu zvijezde,na gori listovena moru pijesakna kućki dlake,20na kozi runjena ovci vunena vuni dlake.A kad bi to prebrojila,vratilom se opasala,25zaštikalom poštapila,ušla u jajsku ljusku,utopila se u morsku pućinu,trinka joj trakuli,vragu joj glava,30sve joj koze vrag odnio,mleko joj se ne sirilo,nego rekla: jaoh!jaoh joj dala Lena plenai Marija Magdalena! Amin!
Mora bora, ne prelaziprek ovoga bjela dvora,e su na njem tvrdi ključiod našega Siodora5Siodora i Todorai Marije i Matijei sestrice Levantije,koja nema pristupišta,prek ovoga bjela dvora,10ni kamena kamenica,ni vjetrušna vjetruština,ni nametna nametnicani udova udovicani maćiona maćionica;15dokle ne bi pribrojilana nebu zvijezde,na gori listovena moru pijesakna kućki dlake,20na kozi runjena ovci vunena vuni dlake.
Mora bora, ne prelazi
prek ovoga bjela dvora,
e su na njem tvrdi ključi
od našega Siodora
5Siodora i Todora
i Marije i Matije
i sestrice Levantije,
koja nema pristupišta,
prek ovoga bjela dvora,
10ni kamena kamenica,
ni vjetrušna vjetruština,
ni nametna nametnica
ni udova udovica
ni maćiona maćionica;
15dokle ne bi pribrojila
na nebu zvijezde,
na gori listove
na moru pijesak
na kućki dlake,
20na kozi runje
na ovci vune
na vuni dlake.
A kad bi to prebrojila,vratilom se opasala,25zaštikalom poštapila,ušla u jajsku ljusku,utopila se u morsku pućinu,trinka joj trakuli,vragu joj glava,30sve joj koze vrag odnio,mleko joj se ne sirilo,nego rekla: jaoh!jaoh joj dala Lena plenai Marija Magdalena! Amin!
A kad bi to prebrojila,
vratilom se opasala,
25zaštikalom poštapila,
ušla u jajsku ljusku,
utopila se u morsku pućinu,
trinka joj trakuli,
vragu joj glava,
30sve joj koze vrag odnio,
mleko joj se ne sirilo,
nego rekla: jaoh!
jaoh joj dala Lena plena
i Marija Magdalena! Amin!
Mora (bora) überschreit’ nichtdieses weissen Hofes Schwelle;denn an ihm sind feste Schlüsselvon unserem Siodorus,Siodorus, Theodorusund Maria und Matthiasund der Schwester Levantija,der allda kein Eintritt zustehtüber dieses Hofes Schwelle;keiner Steinhex, sie versteiner’,keiner Windhex, sie verwehe,keiner Plaghex, sei geplagt sie,keiner Witwe, zweimal Witwe,keiner magischen Magierin,eh sie nicht zu End gezählt hätt:am Himmel alle Sterne,im Hochgebirg die Blätter,die Sandkörner im Meer,auf der Hindin das Haar,auf der Ziege die Zoten,auf dem Schaf die Wolle,auf der Wolle die Haare.Und sollt’ sie dies zu Ende zählen,gürt’ sie sich mit einem Webbaum,Webstuhlnagel sei ihr Stecken,sie fahre in eine Eierschale hinein,sie soll in der Meerflut ersaufen;ihr Eingeweide dem Bandwurm,ihr Kopf falle dem Teufel zu,der Teufel hol’ ihr alle Ziegen;ihre Milch soll sich nicht verkäsen;sie soll vielmehr schreien: o weh!o weh! bescher’ ihr Lena plenaund Maria Magdalena! Amen!(Aus Grbalj in Dalmatien.)
Mora (bora) überschreit’ nichtdieses weissen Hofes Schwelle;denn an ihm sind feste Schlüsselvon unserem Siodorus,Siodorus, Theodorusund Maria und Matthiasund der Schwester Levantija,der allda kein Eintritt zustehtüber dieses Hofes Schwelle;keiner Steinhex, sie versteiner’,keiner Windhex, sie verwehe,keiner Plaghex, sei geplagt sie,keiner Witwe, zweimal Witwe,keiner magischen Magierin,eh sie nicht zu End gezählt hätt:am Himmel alle Sterne,im Hochgebirg die Blätter,die Sandkörner im Meer,auf der Hindin das Haar,auf der Ziege die Zoten,auf dem Schaf die Wolle,auf der Wolle die Haare.Und sollt’ sie dies zu Ende zählen,gürt’ sie sich mit einem Webbaum,Webstuhlnagel sei ihr Stecken,sie fahre in eine Eierschale hinein,sie soll in der Meerflut ersaufen;ihr Eingeweide dem Bandwurm,ihr Kopf falle dem Teufel zu,der Teufel hol’ ihr alle Ziegen;ihre Milch soll sich nicht verkäsen;sie soll vielmehr schreien: o weh!o weh! bescher’ ihr Lena plenaund Maria Magdalena! Amen!(Aus Grbalj in Dalmatien.)
Mora (bora) überschreit’ nichtdieses weissen Hofes Schwelle;denn an ihm sind feste Schlüsselvon unserem Siodorus,Siodorus, Theodorusund Maria und Matthiasund der Schwester Levantija,der allda kein Eintritt zustehtüber dieses Hofes Schwelle;keiner Steinhex, sie versteiner’,keiner Windhex, sie verwehe,keiner Plaghex, sei geplagt sie,keiner Witwe, zweimal Witwe,keiner magischen Magierin,eh sie nicht zu End gezählt hätt:am Himmel alle Sterne,im Hochgebirg die Blätter,die Sandkörner im Meer,auf der Hindin das Haar,auf der Ziege die Zoten,auf dem Schaf die Wolle,auf der Wolle die Haare.
Mora (bora) überschreit’ nicht
dieses weissen Hofes Schwelle;
denn an ihm sind feste Schlüssel
von unserem Siodorus,
Siodorus, Theodorus
und Maria und Matthias
und der Schwester Levantija,
der allda kein Eintritt zusteht
über dieses Hofes Schwelle;
keiner Steinhex, sie versteiner’,
keiner Windhex, sie verwehe,
keiner Plaghex, sei geplagt sie,
keiner Witwe, zweimal Witwe,
keiner magischen Magierin,
eh sie nicht zu End gezählt hätt:
am Himmel alle Sterne,
im Hochgebirg die Blätter,
die Sandkörner im Meer,
auf der Hindin das Haar,
auf der Ziege die Zoten,
auf dem Schaf die Wolle,
auf der Wolle die Haare.
Und sollt’ sie dies zu Ende zählen,gürt’ sie sich mit einem Webbaum,Webstuhlnagel sei ihr Stecken,sie fahre in eine Eierschale hinein,sie soll in der Meerflut ersaufen;ihr Eingeweide dem Bandwurm,ihr Kopf falle dem Teufel zu,der Teufel hol’ ihr alle Ziegen;ihre Milch soll sich nicht verkäsen;sie soll vielmehr schreien: o weh!o weh! bescher’ ihr Lena plenaund Maria Magdalena! Amen!
Und sollt’ sie dies zu Ende zählen,
gürt’ sie sich mit einem Webbaum,
Webstuhlnagel sei ihr Stecken,
sie fahre in eine Eierschale hinein,
sie soll in der Meerflut ersaufen;
ihr Eingeweide dem Bandwurm,
ihr Kopf falle dem Teufel zu,
der Teufel hol’ ihr alle Ziegen;
ihre Milch soll sich nicht verkäsen;
sie soll vielmehr schreien: o weh!
o weh! bescher’ ihr Lena plena
und Maria Magdalena! Amen!
(Aus Grbalj in Dalmatien.)
(Aus Grbalj in Dalmatien.)
Das Wort ‘bora’ im 1. Vers mag vielleicht den Wind Bora bezeichnen, doch ist es möglicherweise hier nur ein bedeutungloses Füllsel. Die Namen in Vers 4–7 beziehen sich wahrscheinlich auf die Heiligenbilder, die an den Wänden der Stube hängen. Lena plena in Vers 33 ist wohl von der lateinischen Unterschrift eines Bildes entnommen:Sa. Helena plena (amoris Christi). Katholische Bilder sind bei Altgläubigen in Dalmatien nichts Ungewöhnliches.
Der Glaube an die gute Wirkung solcher Bannsprüche und Gebete ist nicht gross, denn man nimmt noch zu mancherlei anderen Abwehrmittelnseine Zuflucht. Als bestes, doch schwer durchführbares Mittel gilt, die Mora gründlich durchzubläuen oder gar zu verbrennen. Manches als Mora verdächtigte Frauenzimmer wurde von erbitterten Leuten auf Kohlenglut gesetzt, so dass sie böse Brandwunden davontrug. Man glaubt nämlich, dass die einmal angebrannte Mora nie wiederkommen werde. Mitunter genügt es, dass man irgend ein Kleidungstück der Mora vom Leib reisst und als Pfand zurückbehält. Um es zurückzubekommen, muss sie sich zu jeder Bedingung bequemen. In Montenegro pflegen die Leute, die von einer Mora gedrückt und gewürgt werden, vor dem Schlafengehen einen gewebten Leibgürtel der Länge nach über die Decke auszubreiten. Wenn die Mora zur Heimsuchung erscheint, so zieht sie sich vor dem hegenden Band wieder zurück oder glaubt, eine andere Mora sei ihr zuvorgekommen und habe sich als Band über den Schläfer gemacht. Im »Bergkranz« spricht Serdar Janko zu Wolf Mićanović, der sich berühmt, ihn habe noch niemals eine Mora gedrückt (pritisla): »Mir aber ist sie zur Last geworden. Stets trage ich Kren bei mir und Dornenstacheln im Kleidersaume eingenäht; doch gibt es kein zuverlässigeres Gegenmittel gegen sie (die Mora) als das, wenn man sich zu Bette begibt, über die Kleider einen Gürtel der Länge nach zu legen« (pas pružit ozgo svrh haljina).
Wen die Mora drückt, der braucht nur vor dem Schlafengehen hinter die Türe einen Birkenrutenbesen mit dem Stil nach unten zu stellen, und er wird vor der Mora Ruhe haben. Es lebte im Jahre 1866 zu Požega in Slavonien ein Kürschnergeselle, ein starker Fresser, dem aber das Vielessen schlecht bekam, denn ihn plagte die Mora. Sobald er nachts das Licht ausgelöscht hatte und sich niederlegte, kam die Mora durch die nicht verschliessbare Türe ins Zimmer hinein und sprang auf den Gesellen hinauf. Vor Entsetzen getraute er sich nicht sich zu rühren. Deutlich hörte er die Mora atmen und sich räuspern, doch sonst tat sie ihm nichts zu Leide an. Alle Zaubermittel halfen nichts gegen das Übel. Da riet ihm jemand, er solle ein Freitagkind, das vor Moren gefeit sei, bitten, dass es mit ihm in einem Bette übernachte und die Mora mit einer Schere durchschneide. Die Wahl fiel auf mich. Wir waren in der Florianigasse benachbart. Ich war völlig furchtlos, weil man mir frühzeitig eingeredet hatte, ich könnte weder je Geister sehen, noch vermöchten Unholde mir auch nur das Geringste anzuhaben. So sass ich denn mit der schweren Kürschnerschere in beiden Händen auf dem Bette an der Wand, während der Geselle ausgestreckt im Bette neben mir lag. Auf einmal hörten wir den Besen umfallen und die Tür aufgehen. Ein Satz, und die Mora lag auf dem Gesellen. Er fing zu ächzen an und bat mich himmelhoch in die Mora hineinzuschneiden. Die Schere war aber für meine Knabenhände zu schwer, und so gab ich der Mora nur einen Stich in den Leib.Sie sprang im Nu mit einem fürchterlichen Geheul auf und verkroch sich unterm Bette. Nun kamen die Leute herbeigerannt, machten Licht und fanden einen grossen Hund aus der Nachbarschaft vor. Der Geselle schlug ihn halbtot. Am nächsten Tag gab es einen furchtbaren Auftritt zwischen dem Eigentümer des Hundes und dem Gesellen, worauf letzterer sein Ränzlein schnürte und nach Miholjac wanderte.
In Dalmatien sagt man, es sei angezeigt, falls einen nachts eine Mora drücke, mit dem Fingernagel in die Wand oder ins Bettgestelle zu kratzen; denn danach werde man am nächsten Morgen die Mora an ihrem zerkratzten Gesichte (ogrančana) erkennen. Ein moslimisches Mädchen in einem Dorfe bei Derventa in Bosnien, das eine Hexe war, liebte einen jungen Mann, ohne Gegenliebe zu finden. Um sich an ihm zu rächen, kam sie in der Nacht als Mora zu ihm. Er jedoch schlief nicht und erfasste sie bei ihren roten Haaren. Alle ihre Bitten, er möge darüber schweigen, nützten ihr nichts, denn er verriet es dem ganzen Orte. Das Mädchen konnte sich an ihm nicht rächen, da er ihr Haar in Händen gehabt und ihr gedroht hatte, ihr das Haar bei nächster Gelegenheit abzuschneiden. Sie heiratete später einen anderen, blieb kinderlos und soll noch jetzt leben. — Wenn es dem Geplagten glückt, der auf ihm lastenden Mora das Hemd vom Leibe herunterzureissen, so werfe er es hinter die Türe mit den Worten: »Komm morgen, ich werde dir Brot und Salz geben!« Die Mora muss sich am nächsten Tag in ihrer wahren Menschengestalt einstellen und um Brot und Salz bitten. Es hat sich dadurch schon öfters ereignet, dass Weiber, die arglos in der Nachbarschaft Brot und Salz ausborgen wollten, tüchtige Schläge davontrugen, weil man sie für Moren oder Hexen gehalten hat. Der Herzogländler glaubt, gegen die Mora sei das beste Mittel, man binde sich vor dem Schlafengehen einen Faden um die grosse Zehe; denn da erwache man, sobald sich die Mora auf einen wälzt. Man sage ihr: »Komm morgen und verlang ein Salz von mir!« Am nächsten Morgen haue man die Mora windelweich durch, und man wird zeitlebens vor ihr Ruhe haben.
Die Mora-Sagen erzählen ferner immer mit unwesentlichen Abweichungen dieselbe Geschichte von der wunderbaren Errettung eines Geplagten, der sich nicht einmal durch Flucht zu helfen vermochte, wenn ihm nicht ein Zufall Erlösung brachte. Als typisch darf aber nachfolgende Fassung angesehen werden:
Es war einmal ein Mann, den plagte derart die Mora (morila mora), dass er schliesslich gar nicht mehr einschlafen konnte. Das Leben daheim ward ihm zu Leid, und er bestieg sein weisses Ross und ritt davon in die Welt hinaus ganz ohne Plan und ohne Ziel. Seine Flucht blieb aber vergeblich, denn wo immer er sich auf der Reise zur Ruhe begab, fiel auch schon gleich die Mora über ihn her. So immer weiter durch dieWelt wandernd, kehrte er einmal zu Nacht bei einem Schneider ein. Als nach dem Nachtessen der Schneider seine Arbeit wieder vornahm und zu nähen anfing, klagte ihm der Gast sein Leid, wie ihn die Mora heimsuche und plage. »Weisst du was«, sagte er, »während du hier nähst, will ich mich mal auf ein Weilchen niederlegen und zu schlafen versuchen«, deckte sich mit seinem Lodenrock zu und streckte sich aus. Kaum hatte er zum Schlafe die Augen geschlossen, fing ihn die Mora zu drücken an, und er hub zu schreien und sich zu wehren an. Als der Schneider dies hörte, hob er die Kerze, um zu sehen, wie sich sein Gast abplage; als er jedoch hinschaute, erblickte er, wie sich ein weisses Haar mit der Schnelligkeit einer Schlange über den Lodenrock hinbewegte, mit welchem sich der Schläfer zugedeckt hatte. Zufällig hielt der Schneider seine schwere Tuchschere in der Hand, fuhr damit auf den Rock zu und schnitt jenes Haar durch. Sobald sich das Haar zu bewegen aufgehört, beruhigte sich der Schläfer und schlief ruhig bis zum nächsten Tag, als die Sonne schon hoch aufgestiegen war. Als er erwachte, dankte er Gott für den gesunden Schlaf und die gegönnte Erholung und lief gleich in den Stall zum Ross, um es abzuwarten. Da hatte man es! Liegt nicht das Ross im Stall tot ausgestreckt? Als ihm nun der Schneider erzählte, wie er das Haar auf dem Lodenrock durchgeschnitten habe, ersahen beide, dass die Mora, die den Wanderer so gequält hatte, niemand andres als das Ross gewesen sei.
Man würde irren, wollte man annehmen, das sei nur eine Schauersage, ersonnen zur Unterhaltung. Das Volk glaubt unverbrüchlich fest an die Wahrheit der Erscheinung und an den Wert der Gegenmittel. Noch in der unmittelbarsten Gegenwart betrachtet der südslavische Bauer die Mora als seinen bitteren Feind, den er bekämpfen müsse; an die Säuberung seiner ungesunden Wohnstätte, an die Beschaffung zuträglicher Nahrung, an Mässigkeit und zweckdienliche Bekleidung denkt er weitaus weniger. Zwei gutbezeugte Fälle aus der jüngsten Vergangenheit sollen zur Beleuchtung des Volkglaubens an die Mora dienen. Die Belege liessen sich leicht vermehren.
Manda Lučić in Ramanovci erzählte meiner Mutter (im J. 1887): »Vor vier Jahren erkrankte mein Kind. Ich beklagte mich bei den Weibern, dass es fortwährend kränkle, grosse Brüste bekomme, und wie ihm Milch aus den Brüsten fliesse. Die Weiber sagten mir: ‘Dein Kind wird von einer Tmora ausgesaugt. Nimm du einen Wälger (eine längliche Walze aus Holz zum Auswalgen von Mehlspeisteig,oklagija) und pass nachts auf; sobald das Kind zu ächzen anfängt, spring du zur Wiege hin und drück das Wälgerholz darüber. So wirst du die Mora auf dem Kinde erwischen.’ Mein Lukas setzt sich abends in den Ofenwinkel und wartet ab. Auf einmal gegen Mitternacht bemerkt er, wie sich etwasdurchs geschlossene Fenster ins Zimmer einschleicht und zur Wiege hinzieht. Als er merkte, dass es schon auf der Wiege liege, sprang er aus dem Ofenwinkel hervor und drückte mit dem Wälger auf die Wiege nieder und fing just jenes Weib ein, das er in Verdacht hatte. Nun schlug er sie mit dem Wälgerholz braun und blau, bis sie ihn zu bitten anfing: ‘Liebster Gevatter, schlag mich nicht tot, ich werde das nimmermehr tun!’ (Kume dragi nemoj me ubiti, ne ću to više nikada raditi!) Dann schlug er sie nicht weiter, und unser Kind wurde frisch und gesund. Jetzt ist es fünf Jahre alt, im sechsten.«
Manda Šuperina in Suljkovci erzählte meiner Mutter: »In unserem Dorfe lebten ein Mann und ein Weib, die hatten ein einziges Kind, zu dem allnächtlich eine Mora (tmora) kam, die das Kind aussaugte. Er klagte sein Herzeleid einem Weibe, das Kind könnte ihm sterben, da es von der Mora ausgesaugt werde. Riet ihm das Weib: ‘Nimm einen Sack, wend ihn auf die Kehrseite um, leg dich nachts deinem Weib zu Füssen, deck dich mit dem umgewendeten Sack zu und hüt dich einzuschlafen. Wenn du nachts das Kind wirst ächzen hören, springst du hurtig auf und packst fest den Gegenstand an, selbst wenn es ein lebendes Geschöpf sein sollte, und lässt es um keinen Preis aus.’ Der Mann tat so und fing eine Glucke auf dem Kinde ein. Er hub an, sein Weib zu wecken, sie hin und her zu drehen, aber er konnte sie durchaus nicht erwecken, weil die Vila einen Schlaf auf sie geworfen hatte. Nun nahm er ein Zündhölzchen und wollte die Kerze anzünden, doch die Henne blies das Hölzchen aus. So ging er denn zu seinem Bruder ins Schlafkämmerchen (kiljer) hinaus, weckte ihn auf und hiess ihn ein Licht anstecken, damit sie sähen, was er für eine Henne gefangen. Da sahen sie richtig eine Henne, versengten ihr alle Federn auf dem Kopfe und schleuderten sie mit aller Wucht in den Türwinkel. Die Henne präuchte wie ein leeres Fass. Als sie merkten, sie habe genug bekommen, packten sie sie und warfen sie auf einen Steinhaufen vors Haus. In der Frühe hörten sie, Baba Marga (die alte Margarete) in der Nachbarschaft liege im Sterben, gestern sei sie noch frisch und gesund gewesen. Der Mann ging zu ihr, sah, dass ihr Kopf wie gebraten und ihr Leib zerschlagen sei, und sprach zu ihr: ‘Gelt, du wirst nimmer mein Kind aussaugen kommen!’ (jel de da ne ćeš moje dite više sisati!) Das Weib starb noch am selben Tage, das Kind des Mannes genas aber vollkommen.«
1Man vergleiche die endlos gelehrte StudieW. H. Roschers, Ephialtes. Eine pathologisch-mythologische Abhandlung über die Alpträume und Alpdämonen des klassischen Altertums. Leipzig 1900 und Dr.M. HöflersStudie über Krankheitdämonen, Arch. f. Religionwissenschaft, hrsg. vonTh. Achelis. II. (1899). S. 86–164. Beide Abhandlungen erschliessen naturwissenschaftlich den Völkerglauben. Vrgl. mein Referat: Die Volkkunde in den Jahren 1897–1902. S. 113–115.2Volkglaube und religiöser Brauch der Südslaven. Münster in Westfalen 1890.3Am Urquell I. (1890). S. 103 f.4In Bulgarien, wie es scheint, durchwegs. Man vergleiche den Bannspruch z. B. imSbornik za narodni umotvorenija, nauka i knižninaVIII. (Sofia 1892) II. S. 155 f. und sonst öfters.
1Man vergleiche die endlos gelehrte StudieW. H. Roschers, Ephialtes. Eine pathologisch-mythologische Abhandlung über die Alpträume und Alpdämonen des klassischen Altertums. Leipzig 1900 und Dr.M. HöflersStudie über Krankheitdämonen, Arch. f. Religionwissenschaft, hrsg. vonTh. Achelis. II. (1899). S. 86–164. Beide Abhandlungen erschliessen naturwissenschaftlich den Völkerglauben. Vrgl. mein Referat: Die Volkkunde in den Jahren 1897–1902. S. 113–115.
2Volkglaube und religiöser Brauch der Südslaven. Münster in Westfalen 1890.
3Am Urquell I. (1890). S. 103 f.
4In Bulgarien, wie es scheint, durchwegs. Man vergleiche den Bannspruch z. B. imSbornik za narodni umotvorenija, nauka i knižninaVIII. (Sofia 1892) II. S. 155 f. und sonst öfters.