Die Russen vor Wien.

Die Russen vor Wien.Die Belagerung von Wien durch die Türken im Jahre 1683 hat auch die serbischen und bulgarischen Dichter im Volke, die ihre Lieder mit Gefiedel auf Guslen begleiten, zur dichterischen Schilderung des weltgeschichtlichen Ereignisses begeistert. Die älteren gedruckten Sammlungen Guslarenlieder bieten so manches Stück dar, das jene Niederlage der Türken vor Wien bald kürzer bald ausführlicher, mehr oder minder in treuer Anlehnung an den tatsächlichen Verlauf des grossen Geschehnisses darstellt. Eine eigentlich dichterische Auffassung der Tragweite des für das gesamte Abendland unendlich bedeutsamen und folgenreichen Sieges des Christentums über den Halbmond fehlt den Guslaren und den Liedern. Selbst der nach volktümlicher Weise dichtende dalmatische FranziskanerAndrija Kačić Miošićist in seiner Besingung (im Jahre 1756) des grossen Völkerkampfes im Grunde genommen aus seiner Schablone des versifizierten prosaischen Berichtes nicht herausgetreten. Der Sieg der vereinigten christlichen Mächte hat eben beim Südslaven mehr den Verstand als das Herz und das Gemüt, diese wahren Quellen der Begeisterung, ergriffen. Der Südslave, namentlich der christliche Serbe in Bosnien, im Herzogland und weiter südlich, war in diesem entscheidenden Kampfe zwischen Orient und Okzident mehr ein müssiger Zuschauer gewesen, dem der Sieg nicht unmittelbar zu Trost und Schutz verholfen. Der moslimische Guslar aber schweigt über diesen Kriegzug der Türken. Sollte er etwa die Erinnerung an die furchtbare Niederschmetterung seiner Glaubengenossen frisch im Gedächtnis der Nachwelt erhalten wollen? Sein Mund verstummte angesichts des über den Sultan »die Sonne des Ostens« hereingebrochenen unheilschwangeren Unsals. Der christliche Guslar in Bosnien und dem Herzögischen musste wieder dagegen bedachtsam seine Schadenfreude vor den Herren des Landes, den Moslimen, verbergen. Das Ereignis wurde immer seltener und seltener besungen, bis die Nachrichten darüber schon nach hundertundfünfzig Jahren in eine märchenhafte Sage ausklangen, die nur noch die Hauptsache, den Entsatz von Wien und die gänzliche Niederwerfung der Türkenherrschaft im Ungarlande festhält, fast alles Beiwerk aber der Dichtung entnimmt.Die geschichtliche Wahrheit tritt zurück, überwuchert vom üppig aufgeschossenen Lianengeranke ungebundener Phantasie.Von dieser Art ist unser Guslarenlied.Man erfährt daraus an geschichtlichen Tatsachen bloss, dass einmal die Stadt Wien an der Donau von einer gewaltigen Türkenmacht belagert und fast eingenommen worden sei und dass sich der ‘Kaiser von Wien’, sein Name wird nicht genannt, durch auswärtige Hilfe, einem aus Norden kommenden Heere, aus der Not befreit hat und dass die Türken eine gründliche Niederlage erfahren. Vom GrafenRüdiger von Starhemberg, vom PolenkönigJohann Sobieski, vom HerzogKarl von Lothringen, vom Fürsten vonWaldeckund den Kurfürsten vonBayernundSachsen, die alle am Befreiungkampfe rühmlichst Anteil genommen, von allen diesen weiss der Guslar nichts. Dafür erzählt er uns ein Märchen, das in einzelnen Zügen eine auffällige Verwandtschaft mit der Fabel des Liedes vomEnde König Bonapartes1aufweist.Gleich dem ‘König Alexius-Nikolaus’ von Russland in jenem Liede, verlegt sich in diesem der ‘Wiener Kaiser’, voll Ergebung in die Schicksalfügung, aufs Weinen. Dem einen wie dem anderen muss der Eidam Hilfe bringen. Des Russenkönigs Eidam ist der Tataren Chan, der seine 100 000 Mann gegen Bonaparte stellt, des Wiener Kaisers Schwiegersohn ist der greise Vater des Russenkaisers Michael,Johannes Moskauer(Mojsković Jovan), der mit 948 000 Mann zum Entsatz Wiens heranrückt. Davon sind, genau betrachtet, nur 900 000 Mann Russen, der Rest Hilftruppen sagenhafter Lehenfürsten oder Bundgenossen, der ‘schwarzen Königin’ (einer der serbischen Sagenwelt auch sonst vertrauten Gestalt), des KönigsLender(vielleicht steckt dahinter ursprünglich der NameLorraine?) und des KönigsŠpanjur, des Spaniers. Trotz dieser ungeheueren Heermacht vermag ‘Kaiser Michael’ ebensowenig als ‘König Nikolaus’ gegen den Feind etwas auszurichten. Beidemal hilft zum Siege das gleiche himmlische Wunder, ein strömender Regen. König Bonapartes Heer vor Petersburg gerät bis zum Hals in Wasser und erfriert stehenden Fusses, dem türkischen Heere vor Wien verdirbt im Regen alle Munition. Es geschieht aber noch ein grösseres Wunder, dasselbe, das auch die Erscheinung in Macbeth Akt IV, Sz. I, anzeigt:»Macbeth geht nicht unter, bis der Waldvon Birnam zu Dunsinans Höhen walltund dich bekämpft.«In unserem Liede bedient sich Kaiser Michael auf den Rat seines Vaters hin einer noch durchdachteren Krieglist, indem er sein Heer auch mit Leinwandwänden umgibt; darauf rufen die Türken beim Anblick des wandelnden Kahlenberges und der weissen Wände verzweifelt aus:’da dringen vor aus dem verfluchten Russland,da dringen gen uns Berge vor und Burgen!’Wie in die hundert anderer Märchenmotive ist auch dieses vom wandelnden Wald ein GemeingutallerVölker und auch den Arabern geläufig2. Es ist leicht möglich, dass gerade dieser Zug durch Shakespeares Werke allgemeinere Verbreitung gewonnen hat. Shakespeare ist bekannter als man glauben mag. Speziell sein Kaufmann von Venedig ist zum internationalen geistigen Eigentum selbst der untersten Volkschichten geworden. Aus Bosnien und Slavonien haben wir von der Geschichte schon mehrere gedruckte Varianten. Der Vermittler für die Bosnier war in erster Reihe, wie sich dies bei einem nahezu literaturlosen Volke von selbst versteht, die mündliche Überlieferung. Auf diesem Wege sind die Bosnier auch mitMaistre Pierre Pathelinbekannt geworden.3Das Guslarenlied, das wir hier mitteilen, singt der betagte GuslarMarko Rajilić, ein Orthodoxer, im DorfePodvidačain Bosnien. Er sagt, er habe es in dieser Fassung vor beiläufig vierzig Jahren (1845) von dem nun längst verstorbenen BauerTanasija(Athanasius)TrkuljaausOvanjskagelernt oder übernommen. Einen Namen oder Titel gab der Guslar selber dem Liede nicht.Vojsku kupi care TatarineDer Zar Tatar der sammelt eine Heermachttri godine, da ćesar ne znadedrei Jahre lang, nichts weiss davon der Kaiser,a četiri, da i ćesar znade.vier Jahre lang, es weiss davon der Kaiser;Vojsku kupi sedam godin dana.wohl sammelt er ein Heer durch sieben Jahre.5Kad je care vojsku sakupioNachdem der Zar das grosse Heer gesammelt,okreće je Beču bijelomeda lässt er’s gegen’s weisse Wien marschierenu proljeće kat se zopca sije.im Lenze, wann der Landmann Hafer aussät.Kada jesu stražnji prolazili,Der letzte Zug vom langen Zug des Heerestu su zopcu konjma naticali.der konnt’ mit reifer Frucht die Pferde füttern.10Kolko j, braćo, polje ispod Beća,O Brüder, das Gefild vor Wien ist mächtig,ne more ga gavran pregrktitikein Rabe kann das Marchfeld überkrächzen,ja kamo li prekasati vuci.geschweige Wölf’ ohn Rasten übertraben.Sve to polje pritisnuli Turci;Dies ganze Feld bedeckten Türkenhorden;konj do konja, Turčin do Turčina,hier Ross an Ross, hier Türk gedrängt an Türken;15sve barjaci kao i oblaci,wie Wolkenflocken flattern zahllos Fahnen.bojna koplja ka i gora crna.Von Kriegerspeeren starrt es wie ein Urwald.Pa su Turci na Beč udarili,Da griffen Wien die Türkenscharen an.polu Beča jesu osvojiliHalb Wien ist schon vom Türkentum erobertdo jabuke i do zlatne rukebis zu dem Apfel und dem goldnen Arme20i do svetog groba Stefanova,und bis zur heiligen Stefangrabesstelledo lijepe Despotove crkve,und bis zur hehren kaiserlichen Kirche.u Ružicu crkvu ulazili.Sie brachen ein auch in die Rosenkirche.Gje su bile crkve i oltariWo ehdem Kirchen stunden und Altäre,ongje jesu džamije munare;dort stehn Moscheen jetzt mit Minareten.25sa munare turski odža vičeEs schreit vom Minaret der türkische Hodža;pa se š njime turadija diče.sein rühmen sich die rohen Türkenhorden.To dotuži u Beču ćesaruLetzt ward des Leids zuviel in Wien dem Kaiser,pa on cvili a suze proljeva.er brach in Tränen aus und jammerklagte.Njemu veli sluga Petrenija:Da sprach zu ihm der Diener Petrenija:30— Svjetla diko u Beču ćesare,— O heller Stolz und Glanz, du Wiener Kaiser!što ti cviliš a suze proljevaš?was soll das Flennen, was das Zährenfliessen?Već ti uzmi divit i kalema,ergreif vielmehr die Tinte und das Schreibrohr,list artije knjige bez jazije;ein Blatt Papier noch rein und unbeschrieben,knjigu piši na svome koljenuund schreib ein Schreiben wohl auf deinem Knie35pa je šalji u kletu Rusijuund schick es ab in das verfluchte Russlanda na ruke Mojsković Jovanu.zu Handen jenes Mojsković Johannes.Otlen će te mio Bog pomoći,Von dorten wird der liebe Gott dir helfen,žarko će te ogrijati sunce,wird dich die heisse Sonne mild erwärmen,otalen će tebi indat doći!von dorten wird zu Teil dir Hilfe werden.40Kat to čuo u Beču ćesare,Als dies der Kaiser wohl zu Wien vernommen,on uzima divit i kalema,so griff er nach der Tinte und dem Schreibrohrlist artije knjige bez jazijeund einem Blatt Papier noch unbeschrieben;knjigu piše na svome koljenuer schrieb den Schreibebrief auf seinem Kniepa je daje slugi Petreniji:und gab ihn hin dem Diener Petrenija:45— Na ti slugo list knjige bijele— Da nimm o Diener hin das weisse Schreibenpa je nosi u kletu Rusijuund trag es fort in das verfluchte Russlanda na ruke Mojsković Jovanuzu Handen jenes Mojsković Johannes,a Jovanu mome prijatelju.ja, Herrn Johannes, meines nächsten Freundes.Njesam njemo svoje ćeri daoDrum gab ich ihm die Tochter mein nicht hin,50što je Jovan meni mio bio,weil mir das Herrchen zu Gesicht gestanden,već sam njemu svoju ćerku dao,nur darum gab ich ihm mein Töchterlein,da mi Jovan u muci pomaže.damit er Hilf’ in schwerer Not mir biete.Nosi knjigu štogogj brže možeš,So trag den Brief so rasch als Füsse tragen,ti ne žali áta ni dukata.schon’ deinen Zelter nicht noch Goldzechine!55Uze djete list knjige bijeleEs nahm das Kind an sich das weisse Schreibenpa je metnu u džepove svojeund tauchte’s tief hinab in seine Taschenpa posjede dobra konja svogaund setzte sich auf seinen guten Zelterpa otisnu u kletu Rusiju.und schob dann ab in das verfluchte Russland.Dok je djete u Rusiju došloEs wechselte an vierzigmal die Zelter60četr’est je promjenilo áta.das Kind, bevor’s in Russland angekommen.Kad je djete u Rusiju došloSobald das Kind in Russland angekommen,knjigu daje Mojsković Jovanu.so gab’s den Brief an Mojsković Johannes.Knjigu štije Mojsković Jovane,Es liest den Brief Herr Mojsković Johannes,knjigu štije, grozne suze lijeer liest den Brief, zerfliesst in grause Tränen,65niza svoje prebijelo licedie Tränen fliessen übers weisse Antlitzi nis svoju prebijelu bradu.und übern schneeig weissen Bart hernieder.Viš njeg stoji care MijailoZu Häupten steht ihm Kaiser Mihajilo;pa govori care Mijailo:da nimmt das Wort der Kaiser Mihajilo:— A moj babo Mojsković Jovane,— Mein trauter Vater Mojsković Johannes!70kakva j knjiga, ot koje li zemlje?was ist das für ein Brief, aus welchem Lande?je li knjiga prebijela došla,was bringt der schneeig weisse Brief für Kunde?da ne pozna mlagji starijega,ehrt etwan nicht den ältren Mann der jüngre?da s uzima trećeg brata djeteherrscht Blutschand unter Gliedgeschwisterkindern?i da s ljube kume s kumovima?ist leicht die Patin ihres Täuflings Buhlin?75Onda veli Mojsković Jovane:Darauf entgegnet Mojsković Johannes:— A moj sine care Mijailo,— O lieber Sohn, du Kaiser Mihajilo!nije bjela meni knjiga došla,Der weisse Brief, der bringt mir keine Kunde,da ne pozna mlagji starijega;dass nicht den ältren Mann der jüngre ehre,ne uzima s trećeg brata djete,dass unter Gliedgeschwistern Schande herrsche,80ne ljube se kume sa kumovma,die Patin ist nicht ihres Täuflings Buhlin;već je knjiga od Beča bijelog,vielmehr vom weissen Wien ist dieses Schreiben,ot ćesara moga prijatelja,es ist von meinem Freund in Wien, vom Kaiser,prijatelja moga, babaluka tvoga.von deinem Grosspapa und meinem Freunde.Turci su mu vrlo dodijaliZu Last ist ihm die Türkennot geworden,85pô mu Beča jesu osvojilisie haben halb sein weisses Wien erobertdo jabuke i do zlatne rukebis zu dem Apfel und dem goldnen Armei do svetog groba Stefanovaund bis zur heiligen Stefangrabesstellei do ljepe Despotove crkve.und bis zur hehren kaiserlichen Kirche.Gje su bile crkve i oltariWo ehdem Kirchen stunden und Altäre90ongje jesu džamije munare;dort stehn Moscheen jetzt mit Minareten;sa munare turski odža vičees schreit vom Minaret der türkische Hodža,i š njime se turadija diče.sein rühmen sich die rohen Türkenhorden.Ćesar nam je knjigu opravio,Der Kaiser hat uns einen Brief gesendet,da mi njemu indat učinimo.wir mögen ihm mit Macht zu Hilfe kommen.95Ja sam sine vrlo ostario,Ich bin, mein Sohn, ich bin schon hoch bei Jahren,ni konja se držati ne mogu,ich kann zu Ross mich nimmer aufrecht halten,ja kamo li da vojujem Beču!wie wagt’ ich’s in den Krieg nach Wien zu ziehen?Onda veli care Mijailo:Drauf spricht zu ihm der Kaiser Mihajilo:— A moj babo Mojsković Jovane,— Mein lieber Vater Mojsković Johannes!100daj ti meni proštenje, blagoslov,so gib du mir zum Abschied deinen Segen,da pokupim po Rusiji vojsku;damit ich mir ein Heer in Russland sammle;ja ć vojevat Beču bijelome,ich zieh gen’s weisse Wien auf einen Kriegzugbabaluku indat učiniti!und bringe meinem Grosspapa die Hilfe.Onda veli Mojsković Jovane!Zur Antwort gibt ihm Mojsković Johannes:105— Ajde sine u sto dobri časâ!— Zu guter Stund’, sei hundertmal gesegnet!Uzmi sine čokan ti u rukeso nimm mein Sohn das Szepter in die Hände,pa izagji gore na Kijevobegib hinauf dich auf die Burg Kijevopa ti uzmi ključe ot Kijevaund nimm die Schlüssel von der Burg Kijevo,pa otključaj aznu i topoveschliess auf die Kammern und die Kriegkanonen,110i probudi mlade čarkadžije;weck auf die jungen Radschlossflintenplänkler,pa opalte do trista lubardi,und schiesset los dreihundert Bombenpöller;po tri puta po trista lubardi,je dreimal voll dreihundert Bombenpöller;nek se skuplja na lubarde vojska;es soll das allarmierte Heer sich sammeln.pa izigji na visoku kuluSodann begib dich auf die hohe Warte115pa opali tri topa velikaund brenne los drei grosse Kriegkanonen,što no s čuju po našoj Rusiji.dass sie in unsrem Russland widerhallen.Nek ustaju na noge rtnjici,Die schnellen Plänkler sollen sich erheben,nek se dižu mladi konjanici,es sollen sich die jungen Reiter rüsten;jer su turci na obraz junaci!denn musterhafte Helden sind die Türken!120Kat to čuo care Mijailo,Als dies der Kaiser Michael vernommen,on uzima čokana u rukeso nahm er gleich das Szepter in die Hände,pa izagje gore na Kijevobegab hinauf sich auf die Burg Kijevo,pa uzima ključe ot Kijevaund nahm die Schlüssel von der Burg Kijevo,pa otključa aznu i topoveschloss auf die Kammern und die Kriegkanonen125i probudi mlade čarkadžije.und weckte auf die jungen Radschlossplänkler.Opališe do trista lubardiSie schossen los dreihundert Bombenpöller.pa izagje na visoku kuluDrauf stieg hinauf er auf die hohe Wartepa opali tri topa velikaund brannte los drei grosse Kriegkanonen;što se čuju baš po svoj Rusiji.es hallt der Schall im ganzen Russland wieder.130Te ustaše na noge rtnjiciDa sprangen auf die Beine auf die Plänkler,podigoše s mladi konjanici.behende fuhren auf die jungen Reiter.Malo vrjeme, za dugo ne biloIn kurzer Frist, es währte gar nicht lange,car Mijajlo vojsku pokupio.hat Kaiser Michael sein Heer beisammen.Njemu veli Mojsković Jovane:Da spricht zu ihm Herr Mojsković Johannes:135— Uzmi sine svu na kalem vojsku,— Mein Kind, verzeichne mir die ganze Heermacht,da ja vigjam kolko imaš vojske,damit ich seh’, wie viel dein Heer betrage,moš vojevat Beču bijelome,ob du für’s weisse Wien bist wohl gerüstet,babaluku indat učiniti!um deinem Grosspapa zu Hilf zu kommen.Uze djete svu na kalem vojskuDas Kind verzeichnete die ganze Heermacht140pa on kaže svome babi dragom:und sprach darauf zu seinem teuren Vater:— Imam babo ja za dosta vojske— Vollkommen reicht das Heer mir aus, mein Vater,po tri puta po trista iljada.von dreimal je dreihunderttausend Kriegern!Onda veli Mojsković Jovane:Darauf entgegnet Mojsković Johannes:— Ajde sine u sto dobri časâ,— Zeuch hin, o Sohn, zu hundert guten Stunden,145Bog ti dao i Bog ti pomogo!beglück dich Gottes Huld und Gottes Hilfe!Navrati se na crnu kraljicu,Kehr ein zur schwarzen Königin am Wege,dužna mi je dvanajst iljad vojske.zwölftausend Krieger ist die Frau mir schuldig;Svrati se sine pa povedi vojskukehr ein mein Sohn und führe mir die Heermachtpa s navrati na Lendera kralja,und halt mir Einkehr auch beim König Lender,150dužan mi je šestnajst iljad vojske.er ist mir sechszehntausend Krieger schuldig;Svrati se sine pa povedi vojskukehr ein mein Sohn und führe mir die Heermachtpa s navrati na Španjura kralja,und halt mir Einkehr auch beim König Španjur,dužan mi je dvajest iljad vojske.er ist mir zwanzigtausend Krieger schuldig;Svrati se sine pa povedi vojsku. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .kehr ein mein Sohn und führe mir die Heermacht. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .155a kad dogješ na tijo Dunavound wann du an der stillen Donau anlangsttu kuriši moste na Dunavuso schlag dort Brücken überm Donaustromepa po suvu svu prevedi vojsku.und führ das Heer hinüber trocknen Fusses.Kraj Dunava ti vojsku zastaviLass Halt das Heer am Donaustrande machen,pa ti sine svu vojsku pričesti.gewähr’ dem ganzen Heer, mein Sohn, die Ölung.160Kom nedoteče vina crljenoga,Sollt’s einem letzt an rotem Weine fehlen,ima dosta studenog Dumava.so fehlt’s ja nicht an kühlem Donaubronnen.Kada pogješ kroz goru pram Beču,Wann du gen Wien gelangst durchs Waldgebirge,zapovjedi ti po vojsci sine:so gib, mein Sohn, Befehl dem ganzen Heere:»Svak za glavu po jelovu granu!«»Ein Tannenreis ans Haupt sich jeder stecke!«165Kad izagješ ti u polje pod Beč,Sobald du in die Wiener March gestiegen,svoju vojsku svu platnom ogradi.umbau dein ganzes Heer mit einer Leinwand.Kad vigjaju to od Beča Turci,Wenn dies von Wien die Türken dann erblicken,reće tada oda Beča Turci:so werden drauf von Wien die Türken sagen:»Eto na nas gora i gradova!«»Da dringen gen uns Berge vor und Burgen!«170lakše ćeš ti Turke predobiti.du wirst die Türken leichter so besiegen.Car Mijajlo vojsku podignuo,Der Kaiser setzt die Heermacht in Bewegung,navrati se na crnu kraljicukehrt ein zur schwarzen Königin am Wege,pa mu dade dvanajst iljad vojske,die Frau, die gibt ihm mit zwölftausend Krieger;pa s navrati na Lendera kraljadrauf hält er Einkehr auch beim König Lender175pa mu dade šesnajst iljad vojske,und dieser gibt ihm sechszehntausend Krieger;pa s navrati na Španjura kraljadann hält er Einkehr auch beim KönigŠpanjur,pa mu dade dvajest iljad vojske.und dieser gibt ihm zwanzigtausend Krieger.Pa kad dogje na tijo DunavoAls er zum stillen Donaustrom gelangte,a kurisa mostov na Dunavu,so schlug er überm Donaustrome Brücken180svu po suvu on prevede vojsku.und führt’ das Heer hinüber trocknen Fusses.Kraj Dunava vojsku ustavio,Er liess das Heer am Donaustrome haltensvu dijete vojsku pričestio.und gab dem ganzen Heer die letzte Ölung.Kom nemade vina crljenogaGebrach’s bei einem just an rotem Weine,doteče mu studenog Dunava.behalf er sich mit kaltem Donaubronnen.185Leže djete sanak boravitiAm kalten Donaustrome unterm Zeltepot šatorom kraj Dunava ladna.dort legte sich das Kind zum Schläfchen nieder,Dovikuje g angjel iz oblaka:da scholl des Engels Stimme aus der Wolke:— Čekaj care dana ponegjelka,— O harre, Kaiser, bis zum nächsten Montag,u ponegjlak kiša udariće,am Montag wird ein Regen niederströmen,190tursku hoće aznu potopiti.die Munition der Türken überschwemmen.Prelako ćeš Turke ti dobiti!Du wirst die Türken spielend leicht besiegen!Djete čeka dana ponegjelka.Es harrt das Kind geduldig bis zum Montag.U ponegjlak kiša udarila,Am Montag fing ein Regen an zu strömen,tursku ona aznu potopila.die Munition der Türken kam ins Wasser.195Car Mijajlo vojsku podignuoDer Kaiser setzt die Heermacht in Bewegungi vojsci je zapovijedio:und lässt dem ganzen Heere gleich gebieten:— Svak za glavu po jelovu granu!— »Ein Tannenreis ans Haupt sich jeder stecke!«Kat s izašli na polje zeleno,Als sie dann in die grüne March gelangten,svu je vojsku platnom ogradio.umbaute er das ganze Heer mit Leinwand.200Kad videše to od Beča Turci,Sobald die Wiener Türken dies erblickten,prokleti su Turci govorili:da sprachen die verfluchten Türkenkerle:— Eto na nas ot klete Rusije,— »Da dringen vor aus dem verfluchten Russland,eto na nas gore i gradova!da dringen gen uns Berge vor und Burgen!«Malo vrjeme, za dugo ne bilo,In kurzer Frist, es währte gar nicht lange,205ispod Beča sva zemlja poječa,erdröhnte unter Wien herum die Erde.i potisnu katana Tatara,Er machte flüchtig den Tatarenreiternaćera ga na studenu vodu.und trieb den Flüchtling in die kühlen Fluten.Tude roblje jeftino bijaše:Nun wurden Sklaven billig feilgeboten:dva Turčina za lulu duvana,zwei Türken wohl um eine Pfeife Knaster,210dvije bule za rešeto šljiva.zwei Türkinnen um einen Reuter Zwetschken.I danas se još znadu točilaDie Türkenschanzen sind noch zu erkennen,kud je vojska careva skočila.die musst’ im Lauf das Kaiserheer berennen.Erläuterungen.Zu Vers 1. Die Bezeichnung ‘Tatarin’ für den Sultan, ‘sunce od istoka’ (Sonne des Ostens), ‘den Nachkommen des Heiligen’, d. h. des Propheten (svečevo kolino) ist eine arge Unrichtigkeit. Sonst wird in den Guslarenliedern der Christen genauer, in den Liedern der Moslimen immer genau unterschieden zwischen dem Sultan und dem Tatar—chan (oder Tataran). Der Sultan wird immerCar(Kaiser), der Kaiser von Österreich meistćesar, seltenercargenannt. Auffällig ist Car für den Herrscher Russlands. Gewöhnlich heisst er in Guslarenliedernkralj moskovski(Moskauer König),kralj od Rusije(Kaiser von Russland),rusinski kralj(russischer Kaiser). Dass zwischenkraljundcarein Rangunterschied bestehe, dessen ist sich der Guslar nicht bewusst.Zu Vers 10 ff. Ich halte mich an den Text und übersetze: Marchfeld. In Wirklichkeit lagerten aber die Türken 200 000 Mann an der Zahl auf dem welligen Hochplateau von Währing (wo noch eine Örtlichkeit den Namen ‘Türkenschanze’ trägt) angefangen in langer Linie bis zu den Wieden. Die Mechitaristenkirche im VII. Bezirk, Neustiftgasse 4, ist gerade an der Stelle erbaut, wo Kara Mustaphas Befehlhaber-Zelt im Jahre 1683 gestanden.Zu Vers 19. ‘Bis zum Apfel und der goldenen Hand.’ Gemeint ist die innere Stadt Wien, jetzt der erste Bezirk. Apfel ist der eiserne Buckel am Tore, Hand bedeutet die Torklinke.Vers 21. Despot, in Erinnerung an den serbischen DespotenBranković. Wenn dieser und der darauffolgende Vers, in welchem einer Rosenkirche (Rosalienkirche) gedacht wird, nicht blosse stereotype Zeilen der Guslarenlieder wären, könnte man an die Burgkapelle denken. Dass die Türken keine Zeit gehabt haben, um Wien herum Moscheen zu erbauen und Minarete zu errichten, braucht nicht erst bewiesen zu werden.Vers 28. Nach der Auffassung des Südslaven, gleichwie des Griechen in der Entstehungzeit der Homerischen Lieder ist das laute Weinen für den Helden keineswegs schimpflich. Überdies ist der Südslave ein wehleidiger Geselle, der sowohl für körperliche als geistige Schmerzen eine geringe Widerstandkraft besitzt. Die grössten Helden, Prinzlein Marko, Mustapha Hasenscharte, fangen oft bei geringfügigen Anlässen zu plärren an, und gerät einer vollends in eines Feindes Kerker hinein, so jammert er so laut, dass es selbst das Burgfräulein im obersten Stock der Warte nicht mehr aushält und nervös wird, wie ein Wiener Schriftsteller, unter dessen Fenster ein Werkelmann ausdauernd leiert. Kaiser Leopold hat beim Ansturm der Türken nicht geweint, vielmehr als ein abendländischer Held trockenen Auges alle Anstalten getroffen, um den Feind zu vernichten.Vers 31. Der Guslar überträgt die Art und Weise des Orientalen beim Schreiben auf den Deutschen. Über Briefe und Briefschreiben bei dem Südslaven vgl.Kraussim ‘Smailagić Meho Ragusa’ 1885. S. 86 zu Vers 129 und S. 142 zu Vers 1584.Vers 35. Kleta R., ‘verflucht’ nennt Petrenija Russland, weil sein Herrscher die Not der bedrängten Christen nicht beachtet.Vers 50 ff. Der Guslar mutet dem Kaiser die Gesinnung eines serbischen Bauern zu, der seine Tochter am liebsten in eine reiche Sippe hinein verkauft, um durch eine solche Verschwägerung sich selber zu sichern. Vgl.Kraussin ‘Sitte und Brauch der Südslaven’, Wien 1885, S. 373.Vers 72 ff. Ehrfurcht vor dem Alter ist bei den Südslaven ein allgemeines sittliches Gebot, s. ‘Krauss, Sitte und Brauch’ S. 603. Über Blutschande vgl. a. a. O. S. 221 ff. Unter den südslavischen Sippen ist die Exogamie seit uralten Zeiten vorherrschend. Als schrecklichste aller Sünden wird Buhlschaft unter Paten betrachtet, vrgl. a. a. O. S.616 ff.Vers 105. ‘In hundert guten Augenblicken.’ Vrgl.Krauss: Sreća. Glück und Schicksal im Volkglauben der Südslaven, Wien 1886, S. 144 ff.Vers 106.čokanvom italienischenciocco, Klotz, Keule, Stock, Feldherrnstab, Szepter.Vers 107. Unser Guslar hältKijevo(Kiew) für den Namen der russischen Kaiserburg, der Guslar des Liedes vom König Bonaparte für den Namen einer Ebene. Die Kenntnisse des südslavischen Bauern über Russland sind eben sehr gering und immer verworren, märchenhaft.Vers 110. čarkadžija der Plänkler, wie in Vers 117 slavischrtnik; vom türkischenčarka; nachDaničić’s Vermutung stammt das türkische Wort aus dem italienischenschermugio, französisch escarmouche, das Scharmützel.Vers 146. Als ‘schwarze Königin’ werden in serbischen Sagen serbische und bosnische Königinnen-Witwen (Jerina) bezeichnet, die das Volk durch Härte und Grausamkeit zur Verzweiflung trieben. Mijat, der Hajduk, erzählt, die Verbrechen der schwarzen Königin hätten ihn von Haus und Hof vertrieben. Auch die nordslavischen Volksagen kennen die blutgetränkte Gestalt einer wunderholden, männersüchtigen, schwarzen Königin.Sacher-Masochhat die bekannte slavische Sage den Deutschen in Novellenform mitgeteilt.Vers 152.Španjur, sonstšpanjugfür ‘Spanier’. Spanier kämpften um das Jahr 1570 im dalmatischen Küstenlande gegen die Türken. Nicht viel mehr als der blosse Name erhielt sich im Volke bis in die Gegenwart. Vrgl. das Guslarenlied beiKraussin: ‘Das Mundschaftrecht des Mannes über die Ehefrau bei den Südslaven’, Wien 1886.Vers 156.Kuriši, vom türkischen kurmak, einrichten, aufstellen.Vers 179.Mostovfür mostove, doch ist gerade beimostdie Mehrzahlmostidie üblichere.Vers 187. Der Engel statt der Vila, die in Wolken fährt. Vrgl.Kraussin: Die vereinigten Königreiche Kroatien und Slavonien, Wien 1889, S. 123 ff. Denselben Guslar, der sonst in solchen Fällen immer Vilen auftreten lässt, an die er ja glaubt, leitet unbewusst das richtige Gefühl, es sei unstatthaft, eine südslavische Vila einem Ausländer aus weiter Fremde und noch dazu im Auslande erscheinen zu lassen.Vers 188. Der gläubige Christ soll durch einen blutigen Kampf den Sonntag nicht entheiligen.Vers 209. Eine Pfeife Tabak verehrt man selbst dem erstbesten Unbekanntenauf dem Wege, wenn er einen darum anspricht. Tabak gedeiht in Bosnien in Überfülle und war vor Einführung des staatlichen Monopols spottwohlfeil zu haben. In Bosnien gedeihen aber auch Zwetschken überreichlich, und daher hatte ein Reuter voll dieses Obstes vor den Zeiten des Eisenbahnverkehrs und ehe sich jüdische Händler einfanden, einen sehr geringen Wert beim Bauer auf dem Gehöfte. Der Guslar will also sagen: Man bekam Sklaven so gut wie geschenkt zu kaufen.Vers 211 f. Seit Jahren ist die letzte Spur der Türkenschanzen weggeräumt worden. Jetzt entstand dort eine der herrlichsten Parkanlagen Wiens. Nur der Name ‘Türkenschanze’ ist der Anlage geblieben.1La fin du roi Bonaparte. Chanson des Guslars orthodoxes de la Bosnie et Hercegovine. Par le Dr.Friedrich S. Krauss. Extrait de la Revue des Traditions populaires t. IV. No. 1 et 3. Paris. Maisonneuve et Ch. Leclerc, 1889. 8o.2Die Belege dazu werden als besonderer Abschnitt in einem anderen meiner Bücher erscheinen.3Meine bosnische Fassung der Schnurre erschien im Jahrbuch der Gesellschaft für Folklore in Paris.

Die Russen vor Wien.Die Belagerung von Wien durch die Türken im Jahre 1683 hat auch die serbischen und bulgarischen Dichter im Volke, die ihre Lieder mit Gefiedel auf Guslen begleiten, zur dichterischen Schilderung des weltgeschichtlichen Ereignisses begeistert. Die älteren gedruckten Sammlungen Guslarenlieder bieten so manches Stück dar, das jene Niederlage der Türken vor Wien bald kürzer bald ausführlicher, mehr oder minder in treuer Anlehnung an den tatsächlichen Verlauf des grossen Geschehnisses darstellt. Eine eigentlich dichterische Auffassung der Tragweite des für das gesamte Abendland unendlich bedeutsamen und folgenreichen Sieges des Christentums über den Halbmond fehlt den Guslaren und den Liedern. Selbst der nach volktümlicher Weise dichtende dalmatische FranziskanerAndrija Kačić Miošićist in seiner Besingung (im Jahre 1756) des grossen Völkerkampfes im Grunde genommen aus seiner Schablone des versifizierten prosaischen Berichtes nicht herausgetreten. Der Sieg der vereinigten christlichen Mächte hat eben beim Südslaven mehr den Verstand als das Herz und das Gemüt, diese wahren Quellen der Begeisterung, ergriffen. Der Südslave, namentlich der christliche Serbe in Bosnien, im Herzogland und weiter südlich, war in diesem entscheidenden Kampfe zwischen Orient und Okzident mehr ein müssiger Zuschauer gewesen, dem der Sieg nicht unmittelbar zu Trost und Schutz verholfen. Der moslimische Guslar aber schweigt über diesen Kriegzug der Türken. Sollte er etwa die Erinnerung an die furchtbare Niederschmetterung seiner Glaubengenossen frisch im Gedächtnis der Nachwelt erhalten wollen? Sein Mund verstummte angesichts des über den Sultan »die Sonne des Ostens« hereingebrochenen unheilschwangeren Unsals. Der christliche Guslar in Bosnien und dem Herzögischen musste wieder dagegen bedachtsam seine Schadenfreude vor den Herren des Landes, den Moslimen, verbergen. Das Ereignis wurde immer seltener und seltener besungen, bis die Nachrichten darüber schon nach hundertundfünfzig Jahren in eine märchenhafte Sage ausklangen, die nur noch die Hauptsache, den Entsatz von Wien und die gänzliche Niederwerfung der Türkenherrschaft im Ungarlande festhält, fast alles Beiwerk aber der Dichtung entnimmt.Die geschichtliche Wahrheit tritt zurück, überwuchert vom üppig aufgeschossenen Lianengeranke ungebundener Phantasie.Von dieser Art ist unser Guslarenlied.Man erfährt daraus an geschichtlichen Tatsachen bloss, dass einmal die Stadt Wien an der Donau von einer gewaltigen Türkenmacht belagert und fast eingenommen worden sei und dass sich der ‘Kaiser von Wien’, sein Name wird nicht genannt, durch auswärtige Hilfe, einem aus Norden kommenden Heere, aus der Not befreit hat und dass die Türken eine gründliche Niederlage erfahren. Vom GrafenRüdiger von Starhemberg, vom PolenkönigJohann Sobieski, vom HerzogKarl von Lothringen, vom Fürsten vonWaldeckund den Kurfürsten vonBayernundSachsen, die alle am Befreiungkampfe rühmlichst Anteil genommen, von allen diesen weiss der Guslar nichts. Dafür erzählt er uns ein Märchen, das in einzelnen Zügen eine auffällige Verwandtschaft mit der Fabel des Liedes vomEnde König Bonapartes1aufweist.Gleich dem ‘König Alexius-Nikolaus’ von Russland in jenem Liede, verlegt sich in diesem der ‘Wiener Kaiser’, voll Ergebung in die Schicksalfügung, aufs Weinen. Dem einen wie dem anderen muss der Eidam Hilfe bringen. Des Russenkönigs Eidam ist der Tataren Chan, der seine 100 000 Mann gegen Bonaparte stellt, des Wiener Kaisers Schwiegersohn ist der greise Vater des Russenkaisers Michael,Johannes Moskauer(Mojsković Jovan), der mit 948 000 Mann zum Entsatz Wiens heranrückt. Davon sind, genau betrachtet, nur 900 000 Mann Russen, der Rest Hilftruppen sagenhafter Lehenfürsten oder Bundgenossen, der ‘schwarzen Königin’ (einer der serbischen Sagenwelt auch sonst vertrauten Gestalt), des KönigsLender(vielleicht steckt dahinter ursprünglich der NameLorraine?) und des KönigsŠpanjur, des Spaniers. Trotz dieser ungeheueren Heermacht vermag ‘Kaiser Michael’ ebensowenig als ‘König Nikolaus’ gegen den Feind etwas auszurichten. Beidemal hilft zum Siege das gleiche himmlische Wunder, ein strömender Regen. König Bonapartes Heer vor Petersburg gerät bis zum Hals in Wasser und erfriert stehenden Fusses, dem türkischen Heere vor Wien verdirbt im Regen alle Munition. Es geschieht aber noch ein grösseres Wunder, dasselbe, das auch die Erscheinung in Macbeth Akt IV, Sz. I, anzeigt:»Macbeth geht nicht unter, bis der Waldvon Birnam zu Dunsinans Höhen walltund dich bekämpft.«In unserem Liede bedient sich Kaiser Michael auf den Rat seines Vaters hin einer noch durchdachteren Krieglist, indem er sein Heer auch mit Leinwandwänden umgibt; darauf rufen die Türken beim Anblick des wandelnden Kahlenberges und der weissen Wände verzweifelt aus:’da dringen vor aus dem verfluchten Russland,da dringen gen uns Berge vor und Burgen!’Wie in die hundert anderer Märchenmotive ist auch dieses vom wandelnden Wald ein GemeingutallerVölker und auch den Arabern geläufig2. Es ist leicht möglich, dass gerade dieser Zug durch Shakespeares Werke allgemeinere Verbreitung gewonnen hat. Shakespeare ist bekannter als man glauben mag. Speziell sein Kaufmann von Venedig ist zum internationalen geistigen Eigentum selbst der untersten Volkschichten geworden. Aus Bosnien und Slavonien haben wir von der Geschichte schon mehrere gedruckte Varianten. Der Vermittler für die Bosnier war in erster Reihe, wie sich dies bei einem nahezu literaturlosen Volke von selbst versteht, die mündliche Überlieferung. Auf diesem Wege sind die Bosnier auch mitMaistre Pierre Pathelinbekannt geworden.3Das Guslarenlied, das wir hier mitteilen, singt der betagte GuslarMarko Rajilić, ein Orthodoxer, im DorfePodvidačain Bosnien. Er sagt, er habe es in dieser Fassung vor beiläufig vierzig Jahren (1845) von dem nun längst verstorbenen BauerTanasija(Athanasius)TrkuljaausOvanjskagelernt oder übernommen. Einen Namen oder Titel gab der Guslar selber dem Liede nicht.Vojsku kupi care TatarineDer Zar Tatar der sammelt eine Heermachttri godine, da ćesar ne znadedrei Jahre lang, nichts weiss davon der Kaiser,a četiri, da i ćesar znade.vier Jahre lang, es weiss davon der Kaiser;Vojsku kupi sedam godin dana.wohl sammelt er ein Heer durch sieben Jahre.5Kad je care vojsku sakupioNachdem der Zar das grosse Heer gesammelt,okreće je Beču bijelomeda lässt er’s gegen’s weisse Wien marschierenu proljeće kat se zopca sije.im Lenze, wann der Landmann Hafer aussät.Kada jesu stražnji prolazili,Der letzte Zug vom langen Zug des Heerestu su zopcu konjma naticali.der konnt’ mit reifer Frucht die Pferde füttern.10Kolko j, braćo, polje ispod Beća,O Brüder, das Gefild vor Wien ist mächtig,ne more ga gavran pregrktitikein Rabe kann das Marchfeld überkrächzen,ja kamo li prekasati vuci.geschweige Wölf’ ohn Rasten übertraben.Sve to polje pritisnuli Turci;Dies ganze Feld bedeckten Türkenhorden;konj do konja, Turčin do Turčina,hier Ross an Ross, hier Türk gedrängt an Türken;15sve barjaci kao i oblaci,wie Wolkenflocken flattern zahllos Fahnen.bojna koplja ka i gora crna.Von Kriegerspeeren starrt es wie ein Urwald.Pa su Turci na Beč udarili,Da griffen Wien die Türkenscharen an.polu Beča jesu osvojiliHalb Wien ist schon vom Türkentum erobertdo jabuke i do zlatne rukebis zu dem Apfel und dem goldnen Arme20i do svetog groba Stefanova,und bis zur heiligen Stefangrabesstelledo lijepe Despotove crkve,und bis zur hehren kaiserlichen Kirche.u Ružicu crkvu ulazili.Sie brachen ein auch in die Rosenkirche.Gje su bile crkve i oltariWo ehdem Kirchen stunden und Altäre,ongje jesu džamije munare;dort stehn Moscheen jetzt mit Minareten.25sa munare turski odža vičeEs schreit vom Minaret der türkische Hodža;pa se š njime turadija diče.sein rühmen sich die rohen Türkenhorden.To dotuži u Beču ćesaruLetzt ward des Leids zuviel in Wien dem Kaiser,pa on cvili a suze proljeva.er brach in Tränen aus und jammerklagte.Njemu veli sluga Petrenija:Da sprach zu ihm der Diener Petrenija:30— Svjetla diko u Beču ćesare,— O heller Stolz und Glanz, du Wiener Kaiser!što ti cviliš a suze proljevaš?was soll das Flennen, was das Zährenfliessen?Već ti uzmi divit i kalema,ergreif vielmehr die Tinte und das Schreibrohr,list artije knjige bez jazije;ein Blatt Papier noch rein und unbeschrieben,knjigu piši na svome koljenuund schreib ein Schreiben wohl auf deinem Knie35pa je šalji u kletu Rusijuund schick es ab in das verfluchte Russlanda na ruke Mojsković Jovanu.zu Handen jenes Mojsković Johannes.Otlen će te mio Bog pomoći,Von dorten wird der liebe Gott dir helfen,žarko će te ogrijati sunce,wird dich die heisse Sonne mild erwärmen,otalen će tebi indat doći!von dorten wird zu Teil dir Hilfe werden.40Kat to čuo u Beču ćesare,Als dies der Kaiser wohl zu Wien vernommen,on uzima divit i kalema,so griff er nach der Tinte und dem Schreibrohrlist artije knjige bez jazijeund einem Blatt Papier noch unbeschrieben;knjigu piše na svome koljenuer schrieb den Schreibebrief auf seinem Kniepa je daje slugi Petreniji:und gab ihn hin dem Diener Petrenija:45— Na ti slugo list knjige bijele— Da nimm o Diener hin das weisse Schreibenpa je nosi u kletu Rusijuund trag es fort in das verfluchte Russlanda na ruke Mojsković Jovanuzu Handen jenes Mojsković Johannes,a Jovanu mome prijatelju.ja, Herrn Johannes, meines nächsten Freundes.Njesam njemo svoje ćeri daoDrum gab ich ihm die Tochter mein nicht hin,50što je Jovan meni mio bio,weil mir das Herrchen zu Gesicht gestanden,već sam njemu svoju ćerku dao,nur darum gab ich ihm mein Töchterlein,da mi Jovan u muci pomaže.damit er Hilf’ in schwerer Not mir biete.Nosi knjigu štogogj brže možeš,So trag den Brief so rasch als Füsse tragen,ti ne žali áta ni dukata.schon’ deinen Zelter nicht noch Goldzechine!55Uze djete list knjige bijeleEs nahm das Kind an sich das weisse Schreibenpa je metnu u džepove svojeund tauchte’s tief hinab in seine Taschenpa posjede dobra konja svogaund setzte sich auf seinen guten Zelterpa otisnu u kletu Rusiju.und schob dann ab in das verfluchte Russland.Dok je djete u Rusiju došloEs wechselte an vierzigmal die Zelter60četr’est je promjenilo áta.das Kind, bevor’s in Russland angekommen.Kad je djete u Rusiju došloSobald das Kind in Russland angekommen,knjigu daje Mojsković Jovanu.so gab’s den Brief an Mojsković Johannes.Knjigu štije Mojsković Jovane,Es liest den Brief Herr Mojsković Johannes,knjigu štije, grozne suze lijeer liest den Brief, zerfliesst in grause Tränen,65niza svoje prebijelo licedie Tränen fliessen übers weisse Antlitzi nis svoju prebijelu bradu.und übern schneeig weissen Bart hernieder.Viš njeg stoji care MijailoZu Häupten steht ihm Kaiser Mihajilo;pa govori care Mijailo:da nimmt das Wort der Kaiser Mihajilo:— A moj babo Mojsković Jovane,— Mein trauter Vater Mojsković Johannes!70kakva j knjiga, ot koje li zemlje?was ist das für ein Brief, aus welchem Lande?je li knjiga prebijela došla,was bringt der schneeig weisse Brief für Kunde?da ne pozna mlagji starijega,ehrt etwan nicht den ältren Mann der jüngre?da s uzima trećeg brata djeteherrscht Blutschand unter Gliedgeschwisterkindern?i da s ljube kume s kumovima?ist leicht die Patin ihres Täuflings Buhlin?75Onda veli Mojsković Jovane:Darauf entgegnet Mojsković Johannes:— A moj sine care Mijailo,— O lieber Sohn, du Kaiser Mihajilo!nije bjela meni knjiga došla,Der weisse Brief, der bringt mir keine Kunde,da ne pozna mlagji starijega;dass nicht den ältren Mann der jüngre ehre,ne uzima s trećeg brata djete,dass unter Gliedgeschwistern Schande herrsche,80ne ljube se kume sa kumovma,die Patin ist nicht ihres Täuflings Buhlin;već je knjiga od Beča bijelog,vielmehr vom weissen Wien ist dieses Schreiben,ot ćesara moga prijatelja,es ist von meinem Freund in Wien, vom Kaiser,prijatelja moga, babaluka tvoga.von deinem Grosspapa und meinem Freunde.Turci su mu vrlo dodijaliZu Last ist ihm die Türkennot geworden,85pô mu Beča jesu osvojilisie haben halb sein weisses Wien erobertdo jabuke i do zlatne rukebis zu dem Apfel und dem goldnen Armei do svetog groba Stefanovaund bis zur heiligen Stefangrabesstellei do ljepe Despotove crkve.und bis zur hehren kaiserlichen Kirche.Gje su bile crkve i oltariWo ehdem Kirchen stunden und Altäre90ongje jesu džamije munare;dort stehn Moscheen jetzt mit Minareten;sa munare turski odža vičees schreit vom Minaret der türkische Hodža,i š njime se turadija diče.sein rühmen sich die rohen Türkenhorden.Ćesar nam je knjigu opravio,Der Kaiser hat uns einen Brief gesendet,da mi njemu indat učinimo.wir mögen ihm mit Macht zu Hilfe kommen.95Ja sam sine vrlo ostario,Ich bin, mein Sohn, ich bin schon hoch bei Jahren,ni konja se držati ne mogu,ich kann zu Ross mich nimmer aufrecht halten,ja kamo li da vojujem Beču!wie wagt’ ich’s in den Krieg nach Wien zu ziehen?Onda veli care Mijailo:Drauf spricht zu ihm der Kaiser Mihajilo:— A moj babo Mojsković Jovane,— Mein lieber Vater Mojsković Johannes!100daj ti meni proštenje, blagoslov,so gib du mir zum Abschied deinen Segen,da pokupim po Rusiji vojsku;damit ich mir ein Heer in Russland sammle;ja ć vojevat Beču bijelome,ich zieh gen’s weisse Wien auf einen Kriegzugbabaluku indat učiniti!und bringe meinem Grosspapa die Hilfe.Onda veli Mojsković Jovane!Zur Antwort gibt ihm Mojsković Johannes:105— Ajde sine u sto dobri časâ!— Zu guter Stund’, sei hundertmal gesegnet!Uzmi sine čokan ti u rukeso nimm mein Sohn das Szepter in die Hände,pa izagji gore na Kijevobegib hinauf dich auf die Burg Kijevopa ti uzmi ključe ot Kijevaund nimm die Schlüssel von der Burg Kijevo,pa otključaj aznu i topoveschliess auf die Kammern und die Kriegkanonen,110i probudi mlade čarkadžije;weck auf die jungen Radschlossflintenplänkler,pa opalte do trista lubardi,und schiesset los dreihundert Bombenpöller;po tri puta po trista lubardi,je dreimal voll dreihundert Bombenpöller;nek se skuplja na lubarde vojska;es soll das allarmierte Heer sich sammeln.pa izigji na visoku kuluSodann begib dich auf die hohe Warte115pa opali tri topa velikaund brenne los drei grosse Kriegkanonen,što no s čuju po našoj Rusiji.dass sie in unsrem Russland widerhallen.Nek ustaju na noge rtnjici,Die schnellen Plänkler sollen sich erheben,nek se dižu mladi konjanici,es sollen sich die jungen Reiter rüsten;jer su turci na obraz junaci!denn musterhafte Helden sind die Türken!120Kat to čuo care Mijailo,Als dies der Kaiser Michael vernommen,on uzima čokana u rukeso nahm er gleich das Szepter in die Hände,pa izagje gore na Kijevobegab hinauf sich auf die Burg Kijevo,pa uzima ključe ot Kijevaund nahm die Schlüssel von der Burg Kijevo,pa otključa aznu i topoveschloss auf die Kammern und die Kriegkanonen125i probudi mlade čarkadžije.und weckte auf die jungen Radschlossplänkler.Opališe do trista lubardiSie schossen los dreihundert Bombenpöller.pa izagje na visoku kuluDrauf stieg hinauf er auf die hohe Wartepa opali tri topa velikaund brannte los drei grosse Kriegkanonen;što se čuju baš po svoj Rusiji.es hallt der Schall im ganzen Russland wieder.130Te ustaše na noge rtnjiciDa sprangen auf die Beine auf die Plänkler,podigoše s mladi konjanici.behende fuhren auf die jungen Reiter.Malo vrjeme, za dugo ne biloIn kurzer Frist, es währte gar nicht lange,car Mijajlo vojsku pokupio.hat Kaiser Michael sein Heer beisammen.Njemu veli Mojsković Jovane:Da spricht zu ihm Herr Mojsković Johannes:135— Uzmi sine svu na kalem vojsku,— Mein Kind, verzeichne mir die ganze Heermacht,da ja vigjam kolko imaš vojske,damit ich seh’, wie viel dein Heer betrage,moš vojevat Beču bijelome,ob du für’s weisse Wien bist wohl gerüstet,babaluku indat učiniti!um deinem Grosspapa zu Hilf zu kommen.Uze djete svu na kalem vojskuDas Kind verzeichnete die ganze Heermacht140pa on kaže svome babi dragom:und sprach darauf zu seinem teuren Vater:— Imam babo ja za dosta vojske— Vollkommen reicht das Heer mir aus, mein Vater,po tri puta po trista iljada.von dreimal je dreihunderttausend Kriegern!Onda veli Mojsković Jovane:Darauf entgegnet Mojsković Johannes:— Ajde sine u sto dobri časâ,— Zeuch hin, o Sohn, zu hundert guten Stunden,145Bog ti dao i Bog ti pomogo!beglück dich Gottes Huld und Gottes Hilfe!Navrati se na crnu kraljicu,Kehr ein zur schwarzen Königin am Wege,dužna mi je dvanajst iljad vojske.zwölftausend Krieger ist die Frau mir schuldig;Svrati se sine pa povedi vojskukehr ein mein Sohn und führe mir die Heermachtpa s navrati na Lendera kralja,und halt mir Einkehr auch beim König Lender,150dužan mi je šestnajst iljad vojske.er ist mir sechszehntausend Krieger schuldig;Svrati se sine pa povedi vojskukehr ein mein Sohn und führe mir die Heermachtpa s navrati na Španjura kralja,und halt mir Einkehr auch beim König Španjur,dužan mi je dvajest iljad vojske.er ist mir zwanzigtausend Krieger schuldig;Svrati se sine pa povedi vojsku. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .kehr ein mein Sohn und führe mir die Heermacht. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .155a kad dogješ na tijo Dunavound wann du an der stillen Donau anlangsttu kuriši moste na Dunavuso schlag dort Brücken überm Donaustromepa po suvu svu prevedi vojsku.und führ das Heer hinüber trocknen Fusses.Kraj Dunava ti vojsku zastaviLass Halt das Heer am Donaustrande machen,pa ti sine svu vojsku pričesti.gewähr’ dem ganzen Heer, mein Sohn, die Ölung.160Kom nedoteče vina crljenoga,Sollt’s einem letzt an rotem Weine fehlen,ima dosta studenog Dumava.so fehlt’s ja nicht an kühlem Donaubronnen.Kada pogješ kroz goru pram Beču,Wann du gen Wien gelangst durchs Waldgebirge,zapovjedi ti po vojsci sine:so gib, mein Sohn, Befehl dem ganzen Heere:»Svak za glavu po jelovu granu!«»Ein Tannenreis ans Haupt sich jeder stecke!«165Kad izagješ ti u polje pod Beč,Sobald du in die Wiener March gestiegen,svoju vojsku svu platnom ogradi.umbau dein ganzes Heer mit einer Leinwand.Kad vigjaju to od Beča Turci,Wenn dies von Wien die Türken dann erblicken,reće tada oda Beča Turci:so werden drauf von Wien die Türken sagen:»Eto na nas gora i gradova!«»Da dringen gen uns Berge vor und Burgen!«170lakše ćeš ti Turke predobiti.du wirst die Türken leichter so besiegen.Car Mijajlo vojsku podignuo,Der Kaiser setzt die Heermacht in Bewegung,navrati se na crnu kraljicukehrt ein zur schwarzen Königin am Wege,pa mu dade dvanajst iljad vojske,die Frau, die gibt ihm mit zwölftausend Krieger;pa s navrati na Lendera kraljadrauf hält er Einkehr auch beim König Lender175pa mu dade šesnajst iljad vojske,und dieser gibt ihm sechszehntausend Krieger;pa s navrati na Španjura kraljadann hält er Einkehr auch beim KönigŠpanjur,pa mu dade dvajest iljad vojske.und dieser gibt ihm zwanzigtausend Krieger.Pa kad dogje na tijo DunavoAls er zum stillen Donaustrom gelangte,a kurisa mostov na Dunavu,so schlug er überm Donaustrome Brücken180svu po suvu on prevede vojsku.und führt’ das Heer hinüber trocknen Fusses.Kraj Dunava vojsku ustavio,Er liess das Heer am Donaustrome haltensvu dijete vojsku pričestio.und gab dem ganzen Heer die letzte Ölung.Kom nemade vina crljenogaGebrach’s bei einem just an rotem Weine,doteče mu studenog Dunava.behalf er sich mit kaltem Donaubronnen.185Leže djete sanak boravitiAm kalten Donaustrome unterm Zeltepot šatorom kraj Dunava ladna.dort legte sich das Kind zum Schläfchen nieder,Dovikuje g angjel iz oblaka:da scholl des Engels Stimme aus der Wolke:— Čekaj care dana ponegjelka,— O harre, Kaiser, bis zum nächsten Montag,u ponegjlak kiša udariće,am Montag wird ein Regen niederströmen,190tursku hoće aznu potopiti.die Munition der Türken überschwemmen.Prelako ćeš Turke ti dobiti!Du wirst die Türken spielend leicht besiegen!Djete čeka dana ponegjelka.Es harrt das Kind geduldig bis zum Montag.U ponegjlak kiša udarila,Am Montag fing ein Regen an zu strömen,tursku ona aznu potopila.die Munition der Türken kam ins Wasser.195Car Mijajlo vojsku podignuoDer Kaiser setzt die Heermacht in Bewegungi vojsci je zapovijedio:und lässt dem ganzen Heere gleich gebieten:— Svak za glavu po jelovu granu!— »Ein Tannenreis ans Haupt sich jeder stecke!«Kat s izašli na polje zeleno,Als sie dann in die grüne March gelangten,svu je vojsku platnom ogradio.umbaute er das ganze Heer mit Leinwand.200Kad videše to od Beča Turci,Sobald die Wiener Türken dies erblickten,prokleti su Turci govorili:da sprachen die verfluchten Türkenkerle:— Eto na nas ot klete Rusije,— »Da dringen vor aus dem verfluchten Russland,eto na nas gore i gradova!da dringen gen uns Berge vor und Burgen!«Malo vrjeme, za dugo ne bilo,In kurzer Frist, es währte gar nicht lange,205ispod Beča sva zemlja poječa,erdröhnte unter Wien herum die Erde.i potisnu katana Tatara,Er machte flüchtig den Tatarenreiternaćera ga na studenu vodu.und trieb den Flüchtling in die kühlen Fluten.Tude roblje jeftino bijaše:Nun wurden Sklaven billig feilgeboten:dva Turčina za lulu duvana,zwei Türken wohl um eine Pfeife Knaster,210dvije bule za rešeto šljiva.zwei Türkinnen um einen Reuter Zwetschken.I danas se još znadu točilaDie Türkenschanzen sind noch zu erkennen,kud je vojska careva skočila.die musst’ im Lauf das Kaiserheer berennen.Erläuterungen.Zu Vers 1. Die Bezeichnung ‘Tatarin’ für den Sultan, ‘sunce od istoka’ (Sonne des Ostens), ‘den Nachkommen des Heiligen’, d. h. des Propheten (svečevo kolino) ist eine arge Unrichtigkeit. Sonst wird in den Guslarenliedern der Christen genauer, in den Liedern der Moslimen immer genau unterschieden zwischen dem Sultan und dem Tatar—chan (oder Tataran). Der Sultan wird immerCar(Kaiser), der Kaiser von Österreich meistćesar, seltenercargenannt. Auffällig ist Car für den Herrscher Russlands. Gewöhnlich heisst er in Guslarenliedernkralj moskovski(Moskauer König),kralj od Rusije(Kaiser von Russland),rusinski kralj(russischer Kaiser). Dass zwischenkraljundcarein Rangunterschied bestehe, dessen ist sich der Guslar nicht bewusst.Zu Vers 10 ff. Ich halte mich an den Text und übersetze: Marchfeld. In Wirklichkeit lagerten aber die Türken 200 000 Mann an der Zahl auf dem welligen Hochplateau von Währing (wo noch eine Örtlichkeit den Namen ‘Türkenschanze’ trägt) angefangen in langer Linie bis zu den Wieden. Die Mechitaristenkirche im VII. Bezirk, Neustiftgasse 4, ist gerade an der Stelle erbaut, wo Kara Mustaphas Befehlhaber-Zelt im Jahre 1683 gestanden.Zu Vers 19. ‘Bis zum Apfel und der goldenen Hand.’ Gemeint ist die innere Stadt Wien, jetzt der erste Bezirk. Apfel ist der eiserne Buckel am Tore, Hand bedeutet die Torklinke.Vers 21. Despot, in Erinnerung an den serbischen DespotenBranković. Wenn dieser und der darauffolgende Vers, in welchem einer Rosenkirche (Rosalienkirche) gedacht wird, nicht blosse stereotype Zeilen der Guslarenlieder wären, könnte man an die Burgkapelle denken. Dass die Türken keine Zeit gehabt haben, um Wien herum Moscheen zu erbauen und Minarete zu errichten, braucht nicht erst bewiesen zu werden.Vers 28. Nach der Auffassung des Südslaven, gleichwie des Griechen in der Entstehungzeit der Homerischen Lieder ist das laute Weinen für den Helden keineswegs schimpflich. Überdies ist der Südslave ein wehleidiger Geselle, der sowohl für körperliche als geistige Schmerzen eine geringe Widerstandkraft besitzt. Die grössten Helden, Prinzlein Marko, Mustapha Hasenscharte, fangen oft bei geringfügigen Anlässen zu plärren an, und gerät einer vollends in eines Feindes Kerker hinein, so jammert er so laut, dass es selbst das Burgfräulein im obersten Stock der Warte nicht mehr aushält und nervös wird, wie ein Wiener Schriftsteller, unter dessen Fenster ein Werkelmann ausdauernd leiert. Kaiser Leopold hat beim Ansturm der Türken nicht geweint, vielmehr als ein abendländischer Held trockenen Auges alle Anstalten getroffen, um den Feind zu vernichten.Vers 31. Der Guslar überträgt die Art und Weise des Orientalen beim Schreiben auf den Deutschen. Über Briefe und Briefschreiben bei dem Südslaven vgl.Kraussim ‘Smailagić Meho Ragusa’ 1885. S. 86 zu Vers 129 und S. 142 zu Vers 1584.Vers 35. Kleta R., ‘verflucht’ nennt Petrenija Russland, weil sein Herrscher die Not der bedrängten Christen nicht beachtet.Vers 50 ff. Der Guslar mutet dem Kaiser die Gesinnung eines serbischen Bauern zu, der seine Tochter am liebsten in eine reiche Sippe hinein verkauft, um durch eine solche Verschwägerung sich selber zu sichern. Vgl.Kraussin ‘Sitte und Brauch der Südslaven’, Wien 1885, S. 373.Vers 72 ff. Ehrfurcht vor dem Alter ist bei den Südslaven ein allgemeines sittliches Gebot, s. ‘Krauss, Sitte und Brauch’ S. 603. Über Blutschande vgl. a. a. O. S. 221 ff. Unter den südslavischen Sippen ist die Exogamie seit uralten Zeiten vorherrschend. Als schrecklichste aller Sünden wird Buhlschaft unter Paten betrachtet, vrgl. a. a. O. S.616 ff.Vers 105. ‘In hundert guten Augenblicken.’ Vrgl.Krauss: Sreća. Glück und Schicksal im Volkglauben der Südslaven, Wien 1886, S. 144 ff.Vers 106.čokanvom italienischenciocco, Klotz, Keule, Stock, Feldherrnstab, Szepter.Vers 107. Unser Guslar hältKijevo(Kiew) für den Namen der russischen Kaiserburg, der Guslar des Liedes vom König Bonaparte für den Namen einer Ebene. Die Kenntnisse des südslavischen Bauern über Russland sind eben sehr gering und immer verworren, märchenhaft.Vers 110. čarkadžija der Plänkler, wie in Vers 117 slavischrtnik; vom türkischenčarka; nachDaničić’s Vermutung stammt das türkische Wort aus dem italienischenschermugio, französisch escarmouche, das Scharmützel.Vers 146. Als ‘schwarze Königin’ werden in serbischen Sagen serbische und bosnische Königinnen-Witwen (Jerina) bezeichnet, die das Volk durch Härte und Grausamkeit zur Verzweiflung trieben. Mijat, der Hajduk, erzählt, die Verbrechen der schwarzen Königin hätten ihn von Haus und Hof vertrieben. Auch die nordslavischen Volksagen kennen die blutgetränkte Gestalt einer wunderholden, männersüchtigen, schwarzen Königin.Sacher-Masochhat die bekannte slavische Sage den Deutschen in Novellenform mitgeteilt.Vers 152.Španjur, sonstšpanjugfür ‘Spanier’. Spanier kämpften um das Jahr 1570 im dalmatischen Küstenlande gegen die Türken. Nicht viel mehr als der blosse Name erhielt sich im Volke bis in die Gegenwart. Vrgl. das Guslarenlied beiKraussin: ‘Das Mundschaftrecht des Mannes über die Ehefrau bei den Südslaven’, Wien 1886.Vers 156.Kuriši, vom türkischen kurmak, einrichten, aufstellen.Vers 179.Mostovfür mostove, doch ist gerade beimostdie Mehrzahlmostidie üblichere.Vers 187. Der Engel statt der Vila, die in Wolken fährt. Vrgl.Kraussin: Die vereinigten Königreiche Kroatien und Slavonien, Wien 1889, S. 123 ff. Denselben Guslar, der sonst in solchen Fällen immer Vilen auftreten lässt, an die er ja glaubt, leitet unbewusst das richtige Gefühl, es sei unstatthaft, eine südslavische Vila einem Ausländer aus weiter Fremde und noch dazu im Auslande erscheinen zu lassen.Vers 188. Der gläubige Christ soll durch einen blutigen Kampf den Sonntag nicht entheiligen.Vers 209. Eine Pfeife Tabak verehrt man selbst dem erstbesten Unbekanntenauf dem Wege, wenn er einen darum anspricht. Tabak gedeiht in Bosnien in Überfülle und war vor Einführung des staatlichen Monopols spottwohlfeil zu haben. In Bosnien gedeihen aber auch Zwetschken überreichlich, und daher hatte ein Reuter voll dieses Obstes vor den Zeiten des Eisenbahnverkehrs und ehe sich jüdische Händler einfanden, einen sehr geringen Wert beim Bauer auf dem Gehöfte. Der Guslar will also sagen: Man bekam Sklaven so gut wie geschenkt zu kaufen.Vers 211 f. Seit Jahren ist die letzte Spur der Türkenschanzen weggeräumt worden. Jetzt entstand dort eine der herrlichsten Parkanlagen Wiens. Nur der Name ‘Türkenschanze’ ist der Anlage geblieben.1La fin du roi Bonaparte. Chanson des Guslars orthodoxes de la Bosnie et Hercegovine. Par le Dr.Friedrich S. Krauss. Extrait de la Revue des Traditions populaires t. IV. No. 1 et 3. Paris. Maisonneuve et Ch. Leclerc, 1889. 8o.2Die Belege dazu werden als besonderer Abschnitt in einem anderen meiner Bücher erscheinen.3Meine bosnische Fassung der Schnurre erschien im Jahrbuch der Gesellschaft für Folklore in Paris.

Die Russen vor Wien.Die Belagerung von Wien durch die Türken im Jahre 1683 hat auch die serbischen und bulgarischen Dichter im Volke, die ihre Lieder mit Gefiedel auf Guslen begleiten, zur dichterischen Schilderung des weltgeschichtlichen Ereignisses begeistert. Die älteren gedruckten Sammlungen Guslarenlieder bieten so manches Stück dar, das jene Niederlage der Türken vor Wien bald kürzer bald ausführlicher, mehr oder minder in treuer Anlehnung an den tatsächlichen Verlauf des grossen Geschehnisses darstellt. Eine eigentlich dichterische Auffassung der Tragweite des für das gesamte Abendland unendlich bedeutsamen und folgenreichen Sieges des Christentums über den Halbmond fehlt den Guslaren und den Liedern. Selbst der nach volktümlicher Weise dichtende dalmatische FranziskanerAndrija Kačić Miošićist in seiner Besingung (im Jahre 1756) des grossen Völkerkampfes im Grunde genommen aus seiner Schablone des versifizierten prosaischen Berichtes nicht herausgetreten. Der Sieg der vereinigten christlichen Mächte hat eben beim Südslaven mehr den Verstand als das Herz und das Gemüt, diese wahren Quellen der Begeisterung, ergriffen. Der Südslave, namentlich der christliche Serbe in Bosnien, im Herzogland und weiter südlich, war in diesem entscheidenden Kampfe zwischen Orient und Okzident mehr ein müssiger Zuschauer gewesen, dem der Sieg nicht unmittelbar zu Trost und Schutz verholfen. Der moslimische Guslar aber schweigt über diesen Kriegzug der Türken. Sollte er etwa die Erinnerung an die furchtbare Niederschmetterung seiner Glaubengenossen frisch im Gedächtnis der Nachwelt erhalten wollen? Sein Mund verstummte angesichts des über den Sultan »die Sonne des Ostens« hereingebrochenen unheilschwangeren Unsals. Der christliche Guslar in Bosnien und dem Herzögischen musste wieder dagegen bedachtsam seine Schadenfreude vor den Herren des Landes, den Moslimen, verbergen. Das Ereignis wurde immer seltener und seltener besungen, bis die Nachrichten darüber schon nach hundertundfünfzig Jahren in eine märchenhafte Sage ausklangen, die nur noch die Hauptsache, den Entsatz von Wien und die gänzliche Niederwerfung der Türkenherrschaft im Ungarlande festhält, fast alles Beiwerk aber der Dichtung entnimmt.Die geschichtliche Wahrheit tritt zurück, überwuchert vom üppig aufgeschossenen Lianengeranke ungebundener Phantasie.Von dieser Art ist unser Guslarenlied.Man erfährt daraus an geschichtlichen Tatsachen bloss, dass einmal die Stadt Wien an der Donau von einer gewaltigen Türkenmacht belagert und fast eingenommen worden sei und dass sich der ‘Kaiser von Wien’, sein Name wird nicht genannt, durch auswärtige Hilfe, einem aus Norden kommenden Heere, aus der Not befreit hat und dass die Türken eine gründliche Niederlage erfahren. Vom GrafenRüdiger von Starhemberg, vom PolenkönigJohann Sobieski, vom HerzogKarl von Lothringen, vom Fürsten vonWaldeckund den Kurfürsten vonBayernundSachsen, die alle am Befreiungkampfe rühmlichst Anteil genommen, von allen diesen weiss der Guslar nichts. Dafür erzählt er uns ein Märchen, das in einzelnen Zügen eine auffällige Verwandtschaft mit der Fabel des Liedes vomEnde König Bonapartes1aufweist.Gleich dem ‘König Alexius-Nikolaus’ von Russland in jenem Liede, verlegt sich in diesem der ‘Wiener Kaiser’, voll Ergebung in die Schicksalfügung, aufs Weinen. Dem einen wie dem anderen muss der Eidam Hilfe bringen. Des Russenkönigs Eidam ist der Tataren Chan, der seine 100 000 Mann gegen Bonaparte stellt, des Wiener Kaisers Schwiegersohn ist der greise Vater des Russenkaisers Michael,Johannes Moskauer(Mojsković Jovan), der mit 948 000 Mann zum Entsatz Wiens heranrückt. Davon sind, genau betrachtet, nur 900 000 Mann Russen, der Rest Hilftruppen sagenhafter Lehenfürsten oder Bundgenossen, der ‘schwarzen Königin’ (einer der serbischen Sagenwelt auch sonst vertrauten Gestalt), des KönigsLender(vielleicht steckt dahinter ursprünglich der NameLorraine?) und des KönigsŠpanjur, des Spaniers. Trotz dieser ungeheueren Heermacht vermag ‘Kaiser Michael’ ebensowenig als ‘König Nikolaus’ gegen den Feind etwas auszurichten. Beidemal hilft zum Siege das gleiche himmlische Wunder, ein strömender Regen. König Bonapartes Heer vor Petersburg gerät bis zum Hals in Wasser und erfriert stehenden Fusses, dem türkischen Heere vor Wien verdirbt im Regen alle Munition. Es geschieht aber noch ein grösseres Wunder, dasselbe, das auch die Erscheinung in Macbeth Akt IV, Sz. I, anzeigt:»Macbeth geht nicht unter, bis der Waldvon Birnam zu Dunsinans Höhen walltund dich bekämpft.«In unserem Liede bedient sich Kaiser Michael auf den Rat seines Vaters hin einer noch durchdachteren Krieglist, indem er sein Heer auch mit Leinwandwänden umgibt; darauf rufen die Türken beim Anblick des wandelnden Kahlenberges und der weissen Wände verzweifelt aus:’da dringen vor aus dem verfluchten Russland,da dringen gen uns Berge vor und Burgen!’Wie in die hundert anderer Märchenmotive ist auch dieses vom wandelnden Wald ein GemeingutallerVölker und auch den Arabern geläufig2. Es ist leicht möglich, dass gerade dieser Zug durch Shakespeares Werke allgemeinere Verbreitung gewonnen hat. Shakespeare ist bekannter als man glauben mag. Speziell sein Kaufmann von Venedig ist zum internationalen geistigen Eigentum selbst der untersten Volkschichten geworden. Aus Bosnien und Slavonien haben wir von der Geschichte schon mehrere gedruckte Varianten. Der Vermittler für die Bosnier war in erster Reihe, wie sich dies bei einem nahezu literaturlosen Volke von selbst versteht, die mündliche Überlieferung. Auf diesem Wege sind die Bosnier auch mitMaistre Pierre Pathelinbekannt geworden.3Das Guslarenlied, das wir hier mitteilen, singt der betagte GuslarMarko Rajilić, ein Orthodoxer, im DorfePodvidačain Bosnien. Er sagt, er habe es in dieser Fassung vor beiläufig vierzig Jahren (1845) von dem nun längst verstorbenen BauerTanasija(Athanasius)TrkuljaausOvanjskagelernt oder übernommen. Einen Namen oder Titel gab der Guslar selber dem Liede nicht.Vojsku kupi care TatarineDer Zar Tatar der sammelt eine Heermachttri godine, da ćesar ne znadedrei Jahre lang, nichts weiss davon der Kaiser,a četiri, da i ćesar znade.vier Jahre lang, es weiss davon der Kaiser;Vojsku kupi sedam godin dana.wohl sammelt er ein Heer durch sieben Jahre.5Kad je care vojsku sakupioNachdem der Zar das grosse Heer gesammelt,okreće je Beču bijelomeda lässt er’s gegen’s weisse Wien marschierenu proljeće kat se zopca sije.im Lenze, wann der Landmann Hafer aussät.Kada jesu stražnji prolazili,Der letzte Zug vom langen Zug des Heerestu su zopcu konjma naticali.der konnt’ mit reifer Frucht die Pferde füttern.10Kolko j, braćo, polje ispod Beća,O Brüder, das Gefild vor Wien ist mächtig,ne more ga gavran pregrktitikein Rabe kann das Marchfeld überkrächzen,ja kamo li prekasati vuci.geschweige Wölf’ ohn Rasten übertraben.Sve to polje pritisnuli Turci;Dies ganze Feld bedeckten Türkenhorden;konj do konja, Turčin do Turčina,hier Ross an Ross, hier Türk gedrängt an Türken;15sve barjaci kao i oblaci,wie Wolkenflocken flattern zahllos Fahnen.bojna koplja ka i gora crna.Von Kriegerspeeren starrt es wie ein Urwald.Pa su Turci na Beč udarili,Da griffen Wien die Türkenscharen an.polu Beča jesu osvojiliHalb Wien ist schon vom Türkentum erobertdo jabuke i do zlatne rukebis zu dem Apfel und dem goldnen Arme20i do svetog groba Stefanova,und bis zur heiligen Stefangrabesstelledo lijepe Despotove crkve,und bis zur hehren kaiserlichen Kirche.u Ružicu crkvu ulazili.Sie brachen ein auch in die Rosenkirche.Gje su bile crkve i oltariWo ehdem Kirchen stunden und Altäre,ongje jesu džamije munare;dort stehn Moscheen jetzt mit Minareten.25sa munare turski odža vičeEs schreit vom Minaret der türkische Hodža;pa se š njime turadija diče.sein rühmen sich die rohen Türkenhorden.To dotuži u Beču ćesaruLetzt ward des Leids zuviel in Wien dem Kaiser,pa on cvili a suze proljeva.er brach in Tränen aus und jammerklagte.Njemu veli sluga Petrenija:Da sprach zu ihm der Diener Petrenija:30— Svjetla diko u Beču ćesare,— O heller Stolz und Glanz, du Wiener Kaiser!što ti cviliš a suze proljevaš?was soll das Flennen, was das Zährenfliessen?Već ti uzmi divit i kalema,ergreif vielmehr die Tinte und das Schreibrohr,list artije knjige bez jazije;ein Blatt Papier noch rein und unbeschrieben,knjigu piši na svome koljenuund schreib ein Schreiben wohl auf deinem Knie35pa je šalji u kletu Rusijuund schick es ab in das verfluchte Russlanda na ruke Mojsković Jovanu.zu Handen jenes Mojsković Johannes.Otlen će te mio Bog pomoći,Von dorten wird der liebe Gott dir helfen,žarko će te ogrijati sunce,wird dich die heisse Sonne mild erwärmen,otalen će tebi indat doći!von dorten wird zu Teil dir Hilfe werden.40Kat to čuo u Beču ćesare,Als dies der Kaiser wohl zu Wien vernommen,on uzima divit i kalema,so griff er nach der Tinte und dem Schreibrohrlist artije knjige bez jazijeund einem Blatt Papier noch unbeschrieben;knjigu piše na svome koljenuer schrieb den Schreibebrief auf seinem Kniepa je daje slugi Petreniji:und gab ihn hin dem Diener Petrenija:45— Na ti slugo list knjige bijele— Da nimm o Diener hin das weisse Schreibenpa je nosi u kletu Rusijuund trag es fort in das verfluchte Russlanda na ruke Mojsković Jovanuzu Handen jenes Mojsković Johannes,a Jovanu mome prijatelju.ja, Herrn Johannes, meines nächsten Freundes.Njesam njemo svoje ćeri daoDrum gab ich ihm die Tochter mein nicht hin,50što je Jovan meni mio bio,weil mir das Herrchen zu Gesicht gestanden,već sam njemu svoju ćerku dao,nur darum gab ich ihm mein Töchterlein,da mi Jovan u muci pomaže.damit er Hilf’ in schwerer Not mir biete.Nosi knjigu štogogj brže možeš,So trag den Brief so rasch als Füsse tragen,ti ne žali áta ni dukata.schon’ deinen Zelter nicht noch Goldzechine!55Uze djete list knjige bijeleEs nahm das Kind an sich das weisse Schreibenpa je metnu u džepove svojeund tauchte’s tief hinab in seine Taschenpa posjede dobra konja svogaund setzte sich auf seinen guten Zelterpa otisnu u kletu Rusiju.und schob dann ab in das verfluchte Russland.Dok je djete u Rusiju došloEs wechselte an vierzigmal die Zelter60četr’est je promjenilo áta.das Kind, bevor’s in Russland angekommen.Kad je djete u Rusiju došloSobald das Kind in Russland angekommen,knjigu daje Mojsković Jovanu.so gab’s den Brief an Mojsković Johannes.Knjigu štije Mojsković Jovane,Es liest den Brief Herr Mojsković Johannes,knjigu štije, grozne suze lijeer liest den Brief, zerfliesst in grause Tränen,65niza svoje prebijelo licedie Tränen fliessen übers weisse Antlitzi nis svoju prebijelu bradu.und übern schneeig weissen Bart hernieder.Viš njeg stoji care MijailoZu Häupten steht ihm Kaiser Mihajilo;pa govori care Mijailo:da nimmt das Wort der Kaiser Mihajilo:— A moj babo Mojsković Jovane,— Mein trauter Vater Mojsković Johannes!70kakva j knjiga, ot koje li zemlje?was ist das für ein Brief, aus welchem Lande?je li knjiga prebijela došla,was bringt der schneeig weisse Brief für Kunde?da ne pozna mlagji starijega,ehrt etwan nicht den ältren Mann der jüngre?da s uzima trećeg brata djeteherrscht Blutschand unter Gliedgeschwisterkindern?i da s ljube kume s kumovima?ist leicht die Patin ihres Täuflings Buhlin?75Onda veli Mojsković Jovane:Darauf entgegnet Mojsković Johannes:— A moj sine care Mijailo,— O lieber Sohn, du Kaiser Mihajilo!nije bjela meni knjiga došla,Der weisse Brief, der bringt mir keine Kunde,da ne pozna mlagji starijega;dass nicht den ältren Mann der jüngre ehre,ne uzima s trećeg brata djete,dass unter Gliedgeschwistern Schande herrsche,80ne ljube se kume sa kumovma,die Patin ist nicht ihres Täuflings Buhlin;već je knjiga od Beča bijelog,vielmehr vom weissen Wien ist dieses Schreiben,ot ćesara moga prijatelja,es ist von meinem Freund in Wien, vom Kaiser,prijatelja moga, babaluka tvoga.von deinem Grosspapa und meinem Freunde.Turci su mu vrlo dodijaliZu Last ist ihm die Türkennot geworden,85pô mu Beča jesu osvojilisie haben halb sein weisses Wien erobertdo jabuke i do zlatne rukebis zu dem Apfel und dem goldnen Armei do svetog groba Stefanovaund bis zur heiligen Stefangrabesstellei do ljepe Despotove crkve.und bis zur hehren kaiserlichen Kirche.Gje su bile crkve i oltariWo ehdem Kirchen stunden und Altäre90ongje jesu džamije munare;dort stehn Moscheen jetzt mit Minareten;sa munare turski odža vičees schreit vom Minaret der türkische Hodža,i š njime se turadija diče.sein rühmen sich die rohen Türkenhorden.Ćesar nam je knjigu opravio,Der Kaiser hat uns einen Brief gesendet,da mi njemu indat učinimo.wir mögen ihm mit Macht zu Hilfe kommen.95Ja sam sine vrlo ostario,Ich bin, mein Sohn, ich bin schon hoch bei Jahren,ni konja se držati ne mogu,ich kann zu Ross mich nimmer aufrecht halten,ja kamo li da vojujem Beču!wie wagt’ ich’s in den Krieg nach Wien zu ziehen?Onda veli care Mijailo:Drauf spricht zu ihm der Kaiser Mihajilo:— A moj babo Mojsković Jovane,— Mein lieber Vater Mojsković Johannes!100daj ti meni proštenje, blagoslov,so gib du mir zum Abschied deinen Segen,da pokupim po Rusiji vojsku;damit ich mir ein Heer in Russland sammle;ja ć vojevat Beču bijelome,ich zieh gen’s weisse Wien auf einen Kriegzugbabaluku indat učiniti!und bringe meinem Grosspapa die Hilfe.Onda veli Mojsković Jovane!Zur Antwort gibt ihm Mojsković Johannes:105— Ajde sine u sto dobri časâ!— Zu guter Stund’, sei hundertmal gesegnet!Uzmi sine čokan ti u rukeso nimm mein Sohn das Szepter in die Hände,pa izagji gore na Kijevobegib hinauf dich auf die Burg Kijevopa ti uzmi ključe ot Kijevaund nimm die Schlüssel von der Burg Kijevo,pa otključaj aznu i topoveschliess auf die Kammern und die Kriegkanonen,110i probudi mlade čarkadžije;weck auf die jungen Radschlossflintenplänkler,pa opalte do trista lubardi,und schiesset los dreihundert Bombenpöller;po tri puta po trista lubardi,je dreimal voll dreihundert Bombenpöller;nek se skuplja na lubarde vojska;es soll das allarmierte Heer sich sammeln.pa izigji na visoku kuluSodann begib dich auf die hohe Warte115pa opali tri topa velikaund brenne los drei grosse Kriegkanonen,što no s čuju po našoj Rusiji.dass sie in unsrem Russland widerhallen.Nek ustaju na noge rtnjici,Die schnellen Plänkler sollen sich erheben,nek se dižu mladi konjanici,es sollen sich die jungen Reiter rüsten;jer su turci na obraz junaci!denn musterhafte Helden sind die Türken!120Kat to čuo care Mijailo,Als dies der Kaiser Michael vernommen,on uzima čokana u rukeso nahm er gleich das Szepter in die Hände,pa izagje gore na Kijevobegab hinauf sich auf die Burg Kijevo,pa uzima ključe ot Kijevaund nahm die Schlüssel von der Burg Kijevo,pa otključa aznu i topoveschloss auf die Kammern und die Kriegkanonen125i probudi mlade čarkadžije.und weckte auf die jungen Radschlossplänkler.Opališe do trista lubardiSie schossen los dreihundert Bombenpöller.pa izagje na visoku kuluDrauf stieg hinauf er auf die hohe Wartepa opali tri topa velikaund brannte los drei grosse Kriegkanonen;što se čuju baš po svoj Rusiji.es hallt der Schall im ganzen Russland wieder.130Te ustaše na noge rtnjiciDa sprangen auf die Beine auf die Plänkler,podigoše s mladi konjanici.behende fuhren auf die jungen Reiter.Malo vrjeme, za dugo ne biloIn kurzer Frist, es währte gar nicht lange,car Mijajlo vojsku pokupio.hat Kaiser Michael sein Heer beisammen.Njemu veli Mojsković Jovane:Da spricht zu ihm Herr Mojsković Johannes:135— Uzmi sine svu na kalem vojsku,— Mein Kind, verzeichne mir die ganze Heermacht,da ja vigjam kolko imaš vojske,damit ich seh’, wie viel dein Heer betrage,moš vojevat Beču bijelome,ob du für’s weisse Wien bist wohl gerüstet,babaluku indat učiniti!um deinem Grosspapa zu Hilf zu kommen.Uze djete svu na kalem vojskuDas Kind verzeichnete die ganze Heermacht140pa on kaže svome babi dragom:und sprach darauf zu seinem teuren Vater:— Imam babo ja za dosta vojske— Vollkommen reicht das Heer mir aus, mein Vater,po tri puta po trista iljada.von dreimal je dreihunderttausend Kriegern!Onda veli Mojsković Jovane:Darauf entgegnet Mojsković Johannes:— Ajde sine u sto dobri časâ,— Zeuch hin, o Sohn, zu hundert guten Stunden,145Bog ti dao i Bog ti pomogo!beglück dich Gottes Huld und Gottes Hilfe!Navrati se na crnu kraljicu,Kehr ein zur schwarzen Königin am Wege,dužna mi je dvanajst iljad vojske.zwölftausend Krieger ist die Frau mir schuldig;Svrati se sine pa povedi vojskukehr ein mein Sohn und führe mir die Heermachtpa s navrati na Lendera kralja,und halt mir Einkehr auch beim König Lender,150dužan mi je šestnajst iljad vojske.er ist mir sechszehntausend Krieger schuldig;Svrati se sine pa povedi vojskukehr ein mein Sohn und führe mir die Heermachtpa s navrati na Španjura kralja,und halt mir Einkehr auch beim König Španjur,dužan mi je dvajest iljad vojske.er ist mir zwanzigtausend Krieger schuldig;Svrati se sine pa povedi vojsku. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .kehr ein mein Sohn und führe mir die Heermacht. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .155a kad dogješ na tijo Dunavound wann du an der stillen Donau anlangsttu kuriši moste na Dunavuso schlag dort Brücken überm Donaustromepa po suvu svu prevedi vojsku.und führ das Heer hinüber trocknen Fusses.Kraj Dunava ti vojsku zastaviLass Halt das Heer am Donaustrande machen,pa ti sine svu vojsku pričesti.gewähr’ dem ganzen Heer, mein Sohn, die Ölung.160Kom nedoteče vina crljenoga,Sollt’s einem letzt an rotem Weine fehlen,ima dosta studenog Dumava.so fehlt’s ja nicht an kühlem Donaubronnen.Kada pogješ kroz goru pram Beču,Wann du gen Wien gelangst durchs Waldgebirge,zapovjedi ti po vojsci sine:so gib, mein Sohn, Befehl dem ganzen Heere:»Svak za glavu po jelovu granu!«»Ein Tannenreis ans Haupt sich jeder stecke!«165Kad izagješ ti u polje pod Beč,Sobald du in die Wiener March gestiegen,svoju vojsku svu platnom ogradi.umbau dein ganzes Heer mit einer Leinwand.Kad vigjaju to od Beča Turci,Wenn dies von Wien die Türken dann erblicken,reće tada oda Beča Turci:so werden drauf von Wien die Türken sagen:»Eto na nas gora i gradova!«»Da dringen gen uns Berge vor und Burgen!«170lakše ćeš ti Turke predobiti.du wirst die Türken leichter so besiegen.Car Mijajlo vojsku podignuo,Der Kaiser setzt die Heermacht in Bewegung,navrati se na crnu kraljicukehrt ein zur schwarzen Königin am Wege,pa mu dade dvanajst iljad vojske,die Frau, die gibt ihm mit zwölftausend Krieger;pa s navrati na Lendera kraljadrauf hält er Einkehr auch beim König Lender175pa mu dade šesnajst iljad vojske,und dieser gibt ihm sechszehntausend Krieger;pa s navrati na Španjura kraljadann hält er Einkehr auch beim KönigŠpanjur,pa mu dade dvajest iljad vojske.und dieser gibt ihm zwanzigtausend Krieger.Pa kad dogje na tijo DunavoAls er zum stillen Donaustrom gelangte,a kurisa mostov na Dunavu,so schlug er überm Donaustrome Brücken180svu po suvu on prevede vojsku.und führt’ das Heer hinüber trocknen Fusses.Kraj Dunava vojsku ustavio,Er liess das Heer am Donaustrome haltensvu dijete vojsku pričestio.und gab dem ganzen Heer die letzte Ölung.Kom nemade vina crljenogaGebrach’s bei einem just an rotem Weine,doteče mu studenog Dunava.behalf er sich mit kaltem Donaubronnen.185Leže djete sanak boravitiAm kalten Donaustrome unterm Zeltepot šatorom kraj Dunava ladna.dort legte sich das Kind zum Schläfchen nieder,Dovikuje g angjel iz oblaka:da scholl des Engels Stimme aus der Wolke:— Čekaj care dana ponegjelka,— O harre, Kaiser, bis zum nächsten Montag,u ponegjlak kiša udariće,am Montag wird ein Regen niederströmen,190tursku hoće aznu potopiti.die Munition der Türken überschwemmen.Prelako ćeš Turke ti dobiti!Du wirst die Türken spielend leicht besiegen!Djete čeka dana ponegjelka.Es harrt das Kind geduldig bis zum Montag.U ponegjlak kiša udarila,Am Montag fing ein Regen an zu strömen,tursku ona aznu potopila.die Munition der Türken kam ins Wasser.195Car Mijajlo vojsku podignuoDer Kaiser setzt die Heermacht in Bewegungi vojsci je zapovijedio:und lässt dem ganzen Heere gleich gebieten:— Svak za glavu po jelovu granu!— »Ein Tannenreis ans Haupt sich jeder stecke!«Kat s izašli na polje zeleno,Als sie dann in die grüne March gelangten,svu je vojsku platnom ogradio.umbaute er das ganze Heer mit Leinwand.200Kad videše to od Beča Turci,Sobald die Wiener Türken dies erblickten,prokleti su Turci govorili:da sprachen die verfluchten Türkenkerle:— Eto na nas ot klete Rusije,— »Da dringen vor aus dem verfluchten Russland,eto na nas gore i gradova!da dringen gen uns Berge vor und Burgen!«Malo vrjeme, za dugo ne bilo,In kurzer Frist, es währte gar nicht lange,205ispod Beča sva zemlja poječa,erdröhnte unter Wien herum die Erde.i potisnu katana Tatara,Er machte flüchtig den Tatarenreiternaćera ga na studenu vodu.und trieb den Flüchtling in die kühlen Fluten.Tude roblje jeftino bijaše:Nun wurden Sklaven billig feilgeboten:dva Turčina za lulu duvana,zwei Türken wohl um eine Pfeife Knaster,210dvije bule za rešeto šljiva.zwei Türkinnen um einen Reuter Zwetschken.I danas se još znadu točilaDie Türkenschanzen sind noch zu erkennen,kud je vojska careva skočila.die musst’ im Lauf das Kaiserheer berennen.Erläuterungen.Zu Vers 1. Die Bezeichnung ‘Tatarin’ für den Sultan, ‘sunce od istoka’ (Sonne des Ostens), ‘den Nachkommen des Heiligen’, d. h. des Propheten (svečevo kolino) ist eine arge Unrichtigkeit. Sonst wird in den Guslarenliedern der Christen genauer, in den Liedern der Moslimen immer genau unterschieden zwischen dem Sultan und dem Tatar—chan (oder Tataran). Der Sultan wird immerCar(Kaiser), der Kaiser von Österreich meistćesar, seltenercargenannt. Auffällig ist Car für den Herrscher Russlands. Gewöhnlich heisst er in Guslarenliedernkralj moskovski(Moskauer König),kralj od Rusije(Kaiser von Russland),rusinski kralj(russischer Kaiser). Dass zwischenkraljundcarein Rangunterschied bestehe, dessen ist sich der Guslar nicht bewusst.Zu Vers 10 ff. Ich halte mich an den Text und übersetze: Marchfeld. In Wirklichkeit lagerten aber die Türken 200 000 Mann an der Zahl auf dem welligen Hochplateau von Währing (wo noch eine Örtlichkeit den Namen ‘Türkenschanze’ trägt) angefangen in langer Linie bis zu den Wieden. Die Mechitaristenkirche im VII. Bezirk, Neustiftgasse 4, ist gerade an der Stelle erbaut, wo Kara Mustaphas Befehlhaber-Zelt im Jahre 1683 gestanden.Zu Vers 19. ‘Bis zum Apfel und der goldenen Hand.’ Gemeint ist die innere Stadt Wien, jetzt der erste Bezirk. Apfel ist der eiserne Buckel am Tore, Hand bedeutet die Torklinke.Vers 21. Despot, in Erinnerung an den serbischen DespotenBranković. Wenn dieser und der darauffolgende Vers, in welchem einer Rosenkirche (Rosalienkirche) gedacht wird, nicht blosse stereotype Zeilen der Guslarenlieder wären, könnte man an die Burgkapelle denken. Dass die Türken keine Zeit gehabt haben, um Wien herum Moscheen zu erbauen und Minarete zu errichten, braucht nicht erst bewiesen zu werden.Vers 28. Nach der Auffassung des Südslaven, gleichwie des Griechen in der Entstehungzeit der Homerischen Lieder ist das laute Weinen für den Helden keineswegs schimpflich. Überdies ist der Südslave ein wehleidiger Geselle, der sowohl für körperliche als geistige Schmerzen eine geringe Widerstandkraft besitzt. Die grössten Helden, Prinzlein Marko, Mustapha Hasenscharte, fangen oft bei geringfügigen Anlässen zu plärren an, und gerät einer vollends in eines Feindes Kerker hinein, so jammert er so laut, dass es selbst das Burgfräulein im obersten Stock der Warte nicht mehr aushält und nervös wird, wie ein Wiener Schriftsteller, unter dessen Fenster ein Werkelmann ausdauernd leiert. Kaiser Leopold hat beim Ansturm der Türken nicht geweint, vielmehr als ein abendländischer Held trockenen Auges alle Anstalten getroffen, um den Feind zu vernichten.Vers 31. Der Guslar überträgt die Art und Weise des Orientalen beim Schreiben auf den Deutschen. Über Briefe und Briefschreiben bei dem Südslaven vgl.Kraussim ‘Smailagić Meho Ragusa’ 1885. S. 86 zu Vers 129 und S. 142 zu Vers 1584.Vers 35. Kleta R., ‘verflucht’ nennt Petrenija Russland, weil sein Herrscher die Not der bedrängten Christen nicht beachtet.Vers 50 ff. Der Guslar mutet dem Kaiser die Gesinnung eines serbischen Bauern zu, der seine Tochter am liebsten in eine reiche Sippe hinein verkauft, um durch eine solche Verschwägerung sich selber zu sichern. Vgl.Kraussin ‘Sitte und Brauch der Südslaven’, Wien 1885, S. 373.Vers 72 ff. Ehrfurcht vor dem Alter ist bei den Südslaven ein allgemeines sittliches Gebot, s. ‘Krauss, Sitte und Brauch’ S. 603. Über Blutschande vgl. a. a. O. S. 221 ff. Unter den südslavischen Sippen ist die Exogamie seit uralten Zeiten vorherrschend. Als schrecklichste aller Sünden wird Buhlschaft unter Paten betrachtet, vrgl. a. a. O. S.616 ff.Vers 105. ‘In hundert guten Augenblicken.’ Vrgl.Krauss: Sreća. Glück und Schicksal im Volkglauben der Südslaven, Wien 1886, S. 144 ff.Vers 106.čokanvom italienischenciocco, Klotz, Keule, Stock, Feldherrnstab, Szepter.Vers 107. Unser Guslar hältKijevo(Kiew) für den Namen der russischen Kaiserburg, der Guslar des Liedes vom König Bonaparte für den Namen einer Ebene. Die Kenntnisse des südslavischen Bauern über Russland sind eben sehr gering und immer verworren, märchenhaft.Vers 110. čarkadžija der Plänkler, wie in Vers 117 slavischrtnik; vom türkischenčarka; nachDaničić’s Vermutung stammt das türkische Wort aus dem italienischenschermugio, französisch escarmouche, das Scharmützel.Vers 146. Als ‘schwarze Königin’ werden in serbischen Sagen serbische und bosnische Königinnen-Witwen (Jerina) bezeichnet, die das Volk durch Härte und Grausamkeit zur Verzweiflung trieben. Mijat, der Hajduk, erzählt, die Verbrechen der schwarzen Königin hätten ihn von Haus und Hof vertrieben. Auch die nordslavischen Volksagen kennen die blutgetränkte Gestalt einer wunderholden, männersüchtigen, schwarzen Königin.Sacher-Masochhat die bekannte slavische Sage den Deutschen in Novellenform mitgeteilt.Vers 152.Španjur, sonstšpanjugfür ‘Spanier’. Spanier kämpften um das Jahr 1570 im dalmatischen Küstenlande gegen die Türken. Nicht viel mehr als der blosse Name erhielt sich im Volke bis in die Gegenwart. Vrgl. das Guslarenlied beiKraussin: ‘Das Mundschaftrecht des Mannes über die Ehefrau bei den Südslaven’, Wien 1886.Vers 156.Kuriši, vom türkischen kurmak, einrichten, aufstellen.Vers 179.Mostovfür mostove, doch ist gerade beimostdie Mehrzahlmostidie üblichere.Vers 187. Der Engel statt der Vila, die in Wolken fährt. Vrgl.Kraussin: Die vereinigten Königreiche Kroatien und Slavonien, Wien 1889, S. 123 ff. Denselben Guslar, der sonst in solchen Fällen immer Vilen auftreten lässt, an die er ja glaubt, leitet unbewusst das richtige Gefühl, es sei unstatthaft, eine südslavische Vila einem Ausländer aus weiter Fremde und noch dazu im Auslande erscheinen zu lassen.Vers 188. Der gläubige Christ soll durch einen blutigen Kampf den Sonntag nicht entheiligen.Vers 209. Eine Pfeife Tabak verehrt man selbst dem erstbesten Unbekanntenauf dem Wege, wenn er einen darum anspricht. Tabak gedeiht in Bosnien in Überfülle und war vor Einführung des staatlichen Monopols spottwohlfeil zu haben. In Bosnien gedeihen aber auch Zwetschken überreichlich, und daher hatte ein Reuter voll dieses Obstes vor den Zeiten des Eisenbahnverkehrs und ehe sich jüdische Händler einfanden, einen sehr geringen Wert beim Bauer auf dem Gehöfte. Der Guslar will also sagen: Man bekam Sklaven so gut wie geschenkt zu kaufen.Vers 211 f. Seit Jahren ist die letzte Spur der Türkenschanzen weggeräumt worden. Jetzt entstand dort eine der herrlichsten Parkanlagen Wiens. Nur der Name ‘Türkenschanze’ ist der Anlage geblieben.1La fin du roi Bonaparte. Chanson des Guslars orthodoxes de la Bosnie et Hercegovine. Par le Dr.Friedrich S. Krauss. Extrait de la Revue des Traditions populaires t. IV. No. 1 et 3. Paris. Maisonneuve et Ch. Leclerc, 1889. 8o.2Die Belege dazu werden als besonderer Abschnitt in einem anderen meiner Bücher erscheinen.3Meine bosnische Fassung der Schnurre erschien im Jahrbuch der Gesellschaft für Folklore in Paris.

Die Russen vor Wien.

Die Belagerung von Wien durch die Türken im Jahre 1683 hat auch die serbischen und bulgarischen Dichter im Volke, die ihre Lieder mit Gefiedel auf Guslen begleiten, zur dichterischen Schilderung des weltgeschichtlichen Ereignisses begeistert. Die älteren gedruckten Sammlungen Guslarenlieder bieten so manches Stück dar, das jene Niederlage der Türken vor Wien bald kürzer bald ausführlicher, mehr oder minder in treuer Anlehnung an den tatsächlichen Verlauf des grossen Geschehnisses darstellt. Eine eigentlich dichterische Auffassung der Tragweite des für das gesamte Abendland unendlich bedeutsamen und folgenreichen Sieges des Christentums über den Halbmond fehlt den Guslaren und den Liedern. Selbst der nach volktümlicher Weise dichtende dalmatische FranziskanerAndrija Kačić Miošićist in seiner Besingung (im Jahre 1756) des grossen Völkerkampfes im Grunde genommen aus seiner Schablone des versifizierten prosaischen Berichtes nicht herausgetreten. Der Sieg der vereinigten christlichen Mächte hat eben beim Südslaven mehr den Verstand als das Herz und das Gemüt, diese wahren Quellen der Begeisterung, ergriffen. Der Südslave, namentlich der christliche Serbe in Bosnien, im Herzogland und weiter südlich, war in diesem entscheidenden Kampfe zwischen Orient und Okzident mehr ein müssiger Zuschauer gewesen, dem der Sieg nicht unmittelbar zu Trost und Schutz verholfen. Der moslimische Guslar aber schweigt über diesen Kriegzug der Türken. Sollte er etwa die Erinnerung an die furchtbare Niederschmetterung seiner Glaubengenossen frisch im Gedächtnis der Nachwelt erhalten wollen? Sein Mund verstummte angesichts des über den Sultan »die Sonne des Ostens« hereingebrochenen unheilschwangeren Unsals. Der christliche Guslar in Bosnien und dem Herzögischen musste wieder dagegen bedachtsam seine Schadenfreude vor den Herren des Landes, den Moslimen, verbergen. Das Ereignis wurde immer seltener und seltener besungen, bis die Nachrichten darüber schon nach hundertundfünfzig Jahren in eine märchenhafte Sage ausklangen, die nur noch die Hauptsache, den Entsatz von Wien und die gänzliche Niederwerfung der Türkenherrschaft im Ungarlande festhält, fast alles Beiwerk aber der Dichtung entnimmt.Die geschichtliche Wahrheit tritt zurück, überwuchert vom üppig aufgeschossenen Lianengeranke ungebundener Phantasie.Von dieser Art ist unser Guslarenlied.Man erfährt daraus an geschichtlichen Tatsachen bloss, dass einmal die Stadt Wien an der Donau von einer gewaltigen Türkenmacht belagert und fast eingenommen worden sei und dass sich der ‘Kaiser von Wien’, sein Name wird nicht genannt, durch auswärtige Hilfe, einem aus Norden kommenden Heere, aus der Not befreit hat und dass die Türken eine gründliche Niederlage erfahren. Vom GrafenRüdiger von Starhemberg, vom PolenkönigJohann Sobieski, vom HerzogKarl von Lothringen, vom Fürsten vonWaldeckund den Kurfürsten vonBayernundSachsen, die alle am Befreiungkampfe rühmlichst Anteil genommen, von allen diesen weiss der Guslar nichts. Dafür erzählt er uns ein Märchen, das in einzelnen Zügen eine auffällige Verwandtschaft mit der Fabel des Liedes vomEnde König Bonapartes1aufweist.Gleich dem ‘König Alexius-Nikolaus’ von Russland in jenem Liede, verlegt sich in diesem der ‘Wiener Kaiser’, voll Ergebung in die Schicksalfügung, aufs Weinen. Dem einen wie dem anderen muss der Eidam Hilfe bringen. Des Russenkönigs Eidam ist der Tataren Chan, der seine 100 000 Mann gegen Bonaparte stellt, des Wiener Kaisers Schwiegersohn ist der greise Vater des Russenkaisers Michael,Johannes Moskauer(Mojsković Jovan), der mit 948 000 Mann zum Entsatz Wiens heranrückt. Davon sind, genau betrachtet, nur 900 000 Mann Russen, der Rest Hilftruppen sagenhafter Lehenfürsten oder Bundgenossen, der ‘schwarzen Königin’ (einer der serbischen Sagenwelt auch sonst vertrauten Gestalt), des KönigsLender(vielleicht steckt dahinter ursprünglich der NameLorraine?) und des KönigsŠpanjur, des Spaniers. Trotz dieser ungeheueren Heermacht vermag ‘Kaiser Michael’ ebensowenig als ‘König Nikolaus’ gegen den Feind etwas auszurichten. Beidemal hilft zum Siege das gleiche himmlische Wunder, ein strömender Regen. König Bonapartes Heer vor Petersburg gerät bis zum Hals in Wasser und erfriert stehenden Fusses, dem türkischen Heere vor Wien verdirbt im Regen alle Munition. Es geschieht aber noch ein grösseres Wunder, dasselbe, das auch die Erscheinung in Macbeth Akt IV, Sz. I, anzeigt:»Macbeth geht nicht unter, bis der Waldvon Birnam zu Dunsinans Höhen walltund dich bekämpft.«In unserem Liede bedient sich Kaiser Michael auf den Rat seines Vaters hin einer noch durchdachteren Krieglist, indem er sein Heer auch mit Leinwandwänden umgibt; darauf rufen die Türken beim Anblick des wandelnden Kahlenberges und der weissen Wände verzweifelt aus:’da dringen vor aus dem verfluchten Russland,da dringen gen uns Berge vor und Burgen!’Wie in die hundert anderer Märchenmotive ist auch dieses vom wandelnden Wald ein GemeingutallerVölker und auch den Arabern geläufig2. Es ist leicht möglich, dass gerade dieser Zug durch Shakespeares Werke allgemeinere Verbreitung gewonnen hat. Shakespeare ist bekannter als man glauben mag. Speziell sein Kaufmann von Venedig ist zum internationalen geistigen Eigentum selbst der untersten Volkschichten geworden. Aus Bosnien und Slavonien haben wir von der Geschichte schon mehrere gedruckte Varianten. Der Vermittler für die Bosnier war in erster Reihe, wie sich dies bei einem nahezu literaturlosen Volke von selbst versteht, die mündliche Überlieferung. Auf diesem Wege sind die Bosnier auch mitMaistre Pierre Pathelinbekannt geworden.3Das Guslarenlied, das wir hier mitteilen, singt der betagte GuslarMarko Rajilić, ein Orthodoxer, im DorfePodvidačain Bosnien. Er sagt, er habe es in dieser Fassung vor beiläufig vierzig Jahren (1845) von dem nun längst verstorbenen BauerTanasija(Athanasius)TrkuljaausOvanjskagelernt oder übernommen. Einen Namen oder Titel gab der Guslar selber dem Liede nicht.Vojsku kupi care TatarineDer Zar Tatar der sammelt eine Heermachttri godine, da ćesar ne znadedrei Jahre lang, nichts weiss davon der Kaiser,a četiri, da i ćesar znade.vier Jahre lang, es weiss davon der Kaiser;Vojsku kupi sedam godin dana.wohl sammelt er ein Heer durch sieben Jahre.5Kad je care vojsku sakupioNachdem der Zar das grosse Heer gesammelt,okreće je Beču bijelomeda lässt er’s gegen’s weisse Wien marschierenu proljeće kat se zopca sije.im Lenze, wann der Landmann Hafer aussät.Kada jesu stražnji prolazili,Der letzte Zug vom langen Zug des Heerestu su zopcu konjma naticali.der konnt’ mit reifer Frucht die Pferde füttern.10Kolko j, braćo, polje ispod Beća,O Brüder, das Gefild vor Wien ist mächtig,ne more ga gavran pregrktitikein Rabe kann das Marchfeld überkrächzen,ja kamo li prekasati vuci.geschweige Wölf’ ohn Rasten übertraben.Sve to polje pritisnuli Turci;Dies ganze Feld bedeckten Türkenhorden;konj do konja, Turčin do Turčina,hier Ross an Ross, hier Türk gedrängt an Türken;15sve barjaci kao i oblaci,wie Wolkenflocken flattern zahllos Fahnen.bojna koplja ka i gora crna.Von Kriegerspeeren starrt es wie ein Urwald.Pa su Turci na Beč udarili,Da griffen Wien die Türkenscharen an.polu Beča jesu osvojiliHalb Wien ist schon vom Türkentum erobertdo jabuke i do zlatne rukebis zu dem Apfel und dem goldnen Arme20i do svetog groba Stefanova,und bis zur heiligen Stefangrabesstelledo lijepe Despotove crkve,und bis zur hehren kaiserlichen Kirche.u Ružicu crkvu ulazili.Sie brachen ein auch in die Rosenkirche.Gje su bile crkve i oltariWo ehdem Kirchen stunden und Altäre,ongje jesu džamije munare;dort stehn Moscheen jetzt mit Minareten.25sa munare turski odža vičeEs schreit vom Minaret der türkische Hodža;pa se š njime turadija diče.sein rühmen sich die rohen Türkenhorden.To dotuži u Beču ćesaruLetzt ward des Leids zuviel in Wien dem Kaiser,pa on cvili a suze proljeva.er brach in Tränen aus und jammerklagte.Njemu veli sluga Petrenija:Da sprach zu ihm der Diener Petrenija:30— Svjetla diko u Beču ćesare,— O heller Stolz und Glanz, du Wiener Kaiser!što ti cviliš a suze proljevaš?was soll das Flennen, was das Zährenfliessen?Već ti uzmi divit i kalema,ergreif vielmehr die Tinte und das Schreibrohr,list artije knjige bez jazije;ein Blatt Papier noch rein und unbeschrieben,knjigu piši na svome koljenuund schreib ein Schreiben wohl auf deinem Knie35pa je šalji u kletu Rusijuund schick es ab in das verfluchte Russlanda na ruke Mojsković Jovanu.zu Handen jenes Mojsković Johannes.Otlen će te mio Bog pomoći,Von dorten wird der liebe Gott dir helfen,žarko će te ogrijati sunce,wird dich die heisse Sonne mild erwärmen,otalen će tebi indat doći!von dorten wird zu Teil dir Hilfe werden.40Kat to čuo u Beču ćesare,Als dies der Kaiser wohl zu Wien vernommen,on uzima divit i kalema,so griff er nach der Tinte und dem Schreibrohrlist artije knjige bez jazijeund einem Blatt Papier noch unbeschrieben;knjigu piše na svome koljenuer schrieb den Schreibebrief auf seinem Kniepa je daje slugi Petreniji:und gab ihn hin dem Diener Petrenija:45— Na ti slugo list knjige bijele— Da nimm o Diener hin das weisse Schreibenpa je nosi u kletu Rusijuund trag es fort in das verfluchte Russlanda na ruke Mojsković Jovanuzu Handen jenes Mojsković Johannes,a Jovanu mome prijatelju.ja, Herrn Johannes, meines nächsten Freundes.Njesam njemo svoje ćeri daoDrum gab ich ihm die Tochter mein nicht hin,50što je Jovan meni mio bio,weil mir das Herrchen zu Gesicht gestanden,već sam njemu svoju ćerku dao,nur darum gab ich ihm mein Töchterlein,da mi Jovan u muci pomaže.damit er Hilf’ in schwerer Not mir biete.Nosi knjigu štogogj brže možeš,So trag den Brief so rasch als Füsse tragen,ti ne žali áta ni dukata.schon’ deinen Zelter nicht noch Goldzechine!55Uze djete list knjige bijeleEs nahm das Kind an sich das weisse Schreibenpa je metnu u džepove svojeund tauchte’s tief hinab in seine Taschenpa posjede dobra konja svogaund setzte sich auf seinen guten Zelterpa otisnu u kletu Rusiju.und schob dann ab in das verfluchte Russland.Dok je djete u Rusiju došloEs wechselte an vierzigmal die Zelter60četr’est je promjenilo áta.das Kind, bevor’s in Russland angekommen.Kad je djete u Rusiju došloSobald das Kind in Russland angekommen,knjigu daje Mojsković Jovanu.so gab’s den Brief an Mojsković Johannes.Knjigu štije Mojsković Jovane,Es liest den Brief Herr Mojsković Johannes,knjigu štije, grozne suze lijeer liest den Brief, zerfliesst in grause Tränen,65niza svoje prebijelo licedie Tränen fliessen übers weisse Antlitzi nis svoju prebijelu bradu.und übern schneeig weissen Bart hernieder.Viš njeg stoji care MijailoZu Häupten steht ihm Kaiser Mihajilo;pa govori care Mijailo:da nimmt das Wort der Kaiser Mihajilo:— A moj babo Mojsković Jovane,— Mein trauter Vater Mojsković Johannes!70kakva j knjiga, ot koje li zemlje?was ist das für ein Brief, aus welchem Lande?je li knjiga prebijela došla,was bringt der schneeig weisse Brief für Kunde?da ne pozna mlagji starijega,ehrt etwan nicht den ältren Mann der jüngre?da s uzima trećeg brata djeteherrscht Blutschand unter Gliedgeschwisterkindern?i da s ljube kume s kumovima?ist leicht die Patin ihres Täuflings Buhlin?75Onda veli Mojsković Jovane:Darauf entgegnet Mojsković Johannes:— A moj sine care Mijailo,— O lieber Sohn, du Kaiser Mihajilo!nije bjela meni knjiga došla,Der weisse Brief, der bringt mir keine Kunde,da ne pozna mlagji starijega;dass nicht den ältren Mann der jüngre ehre,ne uzima s trećeg brata djete,dass unter Gliedgeschwistern Schande herrsche,80ne ljube se kume sa kumovma,die Patin ist nicht ihres Täuflings Buhlin;već je knjiga od Beča bijelog,vielmehr vom weissen Wien ist dieses Schreiben,ot ćesara moga prijatelja,es ist von meinem Freund in Wien, vom Kaiser,prijatelja moga, babaluka tvoga.von deinem Grosspapa und meinem Freunde.Turci su mu vrlo dodijaliZu Last ist ihm die Türkennot geworden,85pô mu Beča jesu osvojilisie haben halb sein weisses Wien erobertdo jabuke i do zlatne rukebis zu dem Apfel und dem goldnen Armei do svetog groba Stefanovaund bis zur heiligen Stefangrabesstellei do ljepe Despotove crkve.und bis zur hehren kaiserlichen Kirche.Gje su bile crkve i oltariWo ehdem Kirchen stunden und Altäre90ongje jesu džamije munare;dort stehn Moscheen jetzt mit Minareten;sa munare turski odža vičees schreit vom Minaret der türkische Hodža,i š njime se turadija diče.sein rühmen sich die rohen Türkenhorden.Ćesar nam je knjigu opravio,Der Kaiser hat uns einen Brief gesendet,da mi njemu indat učinimo.wir mögen ihm mit Macht zu Hilfe kommen.95Ja sam sine vrlo ostario,Ich bin, mein Sohn, ich bin schon hoch bei Jahren,ni konja se držati ne mogu,ich kann zu Ross mich nimmer aufrecht halten,ja kamo li da vojujem Beču!wie wagt’ ich’s in den Krieg nach Wien zu ziehen?Onda veli care Mijailo:Drauf spricht zu ihm der Kaiser Mihajilo:— A moj babo Mojsković Jovane,— Mein lieber Vater Mojsković Johannes!100daj ti meni proštenje, blagoslov,so gib du mir zum Abschied deinen Segen,da pokupim po Rusiji vojsku;damit ich mir ein Heer in Russland sammle;ja ć vojevat Beču bijelome,ich zieh gen’s weisse Wien auf einen Kriegzugbabaluku indat učiniti!und bringe meinem Grosspapa die Hilfe.Onda veli Mojsković Jovane!Zur Antwort gibt ihm Mojsković Johannes:105— Ajde sine u sto dobri časâ!— Zu guter Stund’, sei hundertmal gesegnet!Uzmi sine čokan ti u rukeso nimm mein Sohn das Szepter in die Hände,pa izagji gore na Kijevobegib hinauf dich auf die Burg Kijevopa ti uzmi ključe ot Kijevaund nimm die Schlüssel von der Burg Kijevo,pa otključaj aznu i topoveschliess auf die Kammern und die Kriegkanonen,110i probudi mlade čarkadžije;weck auf die jungen Radschlossflintenplänkler,pa opalte do trista lubardi,und schiesset los dreihundert Bombenpöller;po tri puta po trista lubardi,je dreimal voll dreihundert Bombenpöller;nek se skuplja na lubarde vojska;es soll das allarmierte Heer sich sammeln.pa izigji na visoku kuluSodann begib dich auf die hohe Warte115pa opali tri topa velikaund brenne los drei grosse Kriegkanonen,što no s čuju po našoj Rusiji.dass sie in unsrem Russland widerhallen.Nek ustaju na noge rtnjici,Die schnellen Plänkler sollen sich erheben,nek se dižu mladi konjanici,es sollen sich die jungen Reiter rüsten;jer su turci na obraz junaci!denn musterhafte Helden sind die Türken!120Kat to čuo care Mijailo,Als dies der Kaiser Michael vernommen,on uzima čokana u rukeso nahm er gleich das Szepter in die Hände,pa izagje gore na Kijevobegab hinauf sich auf die Burg Kijevo,pa uzima ključe ot Kijevaund nahm die Schlüssel von der Burg Kijevo,pa otključa aznu i topoveschloss auf die Kammern und die Kriegkanonen125i probudi mlade čarkadžije.und weckte auf die jungen Radschlossplänkler.Opališe do trista lubardiSie schossen los dreihundert Bombenpöller.pa izagje na visoku kuluDrauf stieg hinauf er auf die hohe Wartepa opali tri topa velikaund brannte los drei grosse Kriegkanonen;što se čuju baš po svoj Rusiji.es hallt der Schall im ganzen Russland wieder.130Te ustaše na noge rtnjiciDa sprangen auf die Beine auf die Plänkler,podigoše s mladi konjanici.behende fuhren auf die jungen Reiter.Malo vrjeme, za dugo ne biloIn kurzer Frist, es währte gar nicht lange,car Mijajlo vojsku pokupio.hat Kaiser Michael sein Heer beisammen.Njemu veli Mojsković Jovane:Da spricht zu ihm Herr Mojsković Johannes:135— Uzmi sine svu na kalem vojsku,— Mein Kind, verzeichne mir die ganze Heermacht,da ja vigjam kolko imaš vojske,damit ich seh’, wie viel dein Heer betrage,moš vojevat Beču bijelome,ob du für’s weisse Wien bist wohl gerüstet,babaluku indat učiniti!um deinem Grosspapa zu Hilf zu kommen.Uze djete svu na kalem vojskuDas Kind verzeichnete die ganze Heermacht140pa on kaže svome babi dragom:und sprach darauf zu seinem teuren Vater:— Imam babo ja za dosta vojske— Vollkommen reicht das Heer mir aus, mein Vater,po tri puta po trista iljada.von dreimal je dreihunderttausend Kriegern!Onda veli Mojsković Jovane:Darauf entgegnet Mojsković Johannes:— Ajde sine u sto dobri časâ,— Zeuch hin, o Sohn, zu hundert guten Stunden,145Bog ti dao i Bog ti pomogo!beglück dich Gottes Huld und Gottes Hilfe!Navrati se na crnu kraljicu,Kehr ein zur schwarzen Königin am Wege,dužna mi je dvanajst iljad vojske.zwölftausend Krieger ist die Frau mir schuldig;Svrati se sine pa povedi vojskukehr ein mein Sohn und führe mir die Heermachtpa s navrati na Lendera kralja,und halt mir Einkehr auch beim König Lender,150dužan mi je šestnajst iljad vojske.er ist mir sechszehntausend Krieger schuldig;Svrati se sine pa povedi vojskukehr ein mein Sohn und führe mir die Heermachtpa s navrati na Španjura kralja,und halt mir Einkehr auch beim König Španjur,dužan mi je dvajest iljad vojske.er ist mir zwanzigtausend Krieger schuldig;Svrati se sine pa povedi vojsku. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .kehr ein mein Sohn und führe mir die Heermacht. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .155a kad dogješ na tijo Dunavound wann du an der stillen Donau anlangsttu kuriši moste na Dunavuso schlag dort Brücken überm Donaustromepa po suvu svu prevedi vojsku.und führ das Heer hinüber trocknen Fusses.Kraj Dunava ti vojsku zastaviLass Halt das Heer am Donaustrande machen,pa ti sine svu vojsku pričesti.gewähr’ dem ganzen Heer, mein Sohn, die Ölung.160Kom nedoteče vina crljenoga,Sollt’s einem letzt an rotem Weine fehlen,ima dosta studenog Dumava.so fehlt’s ja nicht an kühlem Donaubronnen.Kada pogješ kroz goru pram Beču,Wann du gen Wien gelangst durchs Waldgebirge,zapovjedi ti po vojsci sine:so gib, mein Sohn, Befehl dem ganzen Heere:»Svak za glavu po jelovu granu!«»Ein Tannenreis ans Haupt sich jeder stecke!«165Kad izagješ ti u polje pod Beč,Sobald du in die Wiener March gestiegen,svoju vojsku svu platnom ogradi.umbau dein ganzes Heer mit einer Leinwand.Kad vigjaju to od Beča Turci,Wenn dies von Wien die Türken dann erblicken,reće tada oda Beča Turci:so werden drauf von Wien die Türken sagen:»Eto na nas gora i gradova!«»Da dringen gen uns Berge vor und Burgen!«170lakše ćeš ti Turke predobiti.du wirst die Türken leichter so besiegen.Car Mijajlo vojsku podignuo,Der Kaiser setzt die Heermacht in Bewegung,navrati se na crnu kraljicukehrt ein zur schwarzen Königin am Wege,pa mu dade dvanajst iljad vojske,die Frau, die gibt ihm mit zwölftausend Krieger;pa s navrati na Lendera kraljadrauf hält er Einkehr auch beim König Lender175pa mu dade šesnajst iljad vojske,und dieser gibt ihm sechszehntausend Krieger;pa s navrati na Španjura kraljadann hält er Einkehr auch beim KönigŠpanjur,pa mu dade dvajest iljad vojske.und dieser gibt ihm zwanzigtausend Krieger.Pa kad dogje na tijo DunavoAls er zum stillen Donaustrom gelangte,a kurisa mostov na Dunavu,so schlug er überm Donaustrome Brücken180svu po suvu on prevede vojsku.und führt’ das Heer hinüber trocknen Fusses.Kraj Dunava vojsku ustavio,Er liess das Heer am Donaustrome haltensvu dijete vojsku pričestio.und gab dem ganzen Heer die letzte Ölung.Kom nemade vina crljenogaGebrach’s bei einem just an rotem Weine,doteče mu studenog Dunava.behalf er sich mit kaltem Donaubronnen.185Leže djete sanak boravitiAm kalten Donaustrome unterm Zeltepot šatorom kraj Dunava ladna.dort legte sich das Kind zum Schläfchen nieder,Dovikuje g angjel iz oblaka:da scholl des Engels Stimme aus der Wolke:— Čekaj care dana ponegjelka,— O harre, Kaiser, bis zum nächsten Montag,u ponegjlak kiša udariće,am Montag wird ein Regen niederströmen,190tursku hoće aznu potopiti.die Munition der Türken überschwemmen.Prelako ćeš Turke ti dobiti!Du wirst die Türken spielend leicht besiegen!Djete čeka dana ponegjelka.Es harrt das Kind geduldig bis zum Montag.U ponegjlak kiša udarila,Am Montag fing ein Regen an zu strömen,tursku ona aznu potopila.die Munition der Türken kam ins Wasser.195Car Mijajlo vojsku podignuoDer Kaiser setzt die Heermacht in Bewegungi vojsci je zapovijedio:und lässt dem ganzen Heere gleich gebieten:— Svak za glavu po jelovu granu!— »Ein Tannenreis ans Haupt sich jeder stecke!«Kat s izašli na polje zeleno,Als sie dann in die grüne March gelangten,svu je vojsku platnom ogradio.umbaute er das ganze Heer mit Leinwand.200Kad videše to od Beča Turci,Sobald die Wiener Türken dies erblickten,prokleti su Turci govorili:da sprachen die verfluchten Türkenkerle:— Eto na nas ot klete Rusije,— »Da dringen vor aus dem verfluchten Russland,eto na nas gore i gradova!da dringen gen uns Berge vor und Burgen!«Malo vrjeme, za dugo ne bilo,In kurzer Frist, es währte gar nicht lange,205ispod Beča sva zemlja poječa,erdröhnte unter Wien herum die Erde.i potisnu katana Tatara,Er machte flüchtig den Tatarenreiternaćera ga na studenu vodu.und trieb den Flüchtling in die kühlen Fluten.Tude roblje jeftino bijaše:Nun wurden Sklaven billig feilgeboten:dva Turčina za lulu duvana,zwei Türken wohl um eine Pfeife Knaster,210dvije bule za rešeto šljiva.zwei Türkinnen um einen Reuter Zwetschken.I danas se još znadu točilaDie Türkenschanzen sind noch zu erkennen,kud je vojska careva skočila.die musst’ im Lauf das Kaiserheer berennen.Erläuterungen.Zu Vers 1. Die Bezeichnung ‘Tatarin’ für den Sultan, ‘sunce od istoka’ (Sonne des Ostens), ‘den Nachkommen des Heiligen’, d. h. des Propheten (svečevo kolino) ist eine arge Unrichtigkeit. Sonst wird in den Guslarenliedern der Christen genauer, in den Liedern der Moslimen immer genau unterschieden zwischen dem Sultan und dem Tatar—chan (oder Tataran). Der Sultan wird immerCar(Kaiser), der Kaiser von Österreich meistćesar, seltenercargenannt. Auffällig ist Car für den Herrscher Russlands. Gewöhnlich heisst er in Guslarenliedernkralj moskovski(Moskauer König),kralj od Rusije(Kaiser von Russland),rusinski kralj(russischer Kaiser). Dass zwischenkraljundcarein Rangunterschied bestehe, dessen ist sich der Guslar nicht bewusst.Zu Vers 10 ff. Ich halte mich an den Text und übersetze: Marchfeld. In Wirklichkeit lagerten aber die Türken 200 000 Mann an der Zahl auf dem welligen Hochplateau von Währing (wo noch eine Örtlichkeit den Namen ‘Türkenschanze’ trägt) angefangen in langer Linie bis zu den Wieden. Die Mechitaristenkirche im VII. Bezirk, Neustiftgasse 4, ist gerade an der Stelle erbaut, wo Kara Mustaphas Befehlhaber-Zelt im Jahre 1683 gestanden.Zu Vers 19. ‘Bis zum Apfel und der goldenen Hand.’ Gemeint ist die innere Stadt Wien, jetzt der erste Bezirk. Apfel ist der eiserne Buckel am Tore, Hand bedeutet die Torklinke.Vers 21. Despot, in Erinnerung an den serbischen DespotenBranković. Wenn dieser und der darauffolgende Vers, in welchem einer Rosenkirche (Rosalienkirche) gedacht wird, nicht blosse stereotype Zeilen der Guslarenlieder wären, könnte man an die Burgkapelle denken. Dass die Türken keine Zeit gehabt haben, um Wien herum Moscheen zu erbauen und Minarete zu errichten, braucht nicht erst bewiesen zu werden.Vers 28. Nach der Auffassung des Südslaven, gleichwie des Griechen in der Entstehungzeit der Homerischen Lieder ist das laute Weinen für den Helden keineswegs schimpflich. Überdies ist der Südslave ein wehleidiger Geselle, der sowohl für körperliche als geistige Schmerzen eine geringe Widerstandkraft besitzt. Die grössten Helden, Prinzlein Marko, Mustapha Hasenscharte, fangen oft bei geringfügigen Anlässen zu plärren an, und gerät einer vollends in eines Feindes Kerker hinein, so jammert er so laut, dass es selbst das Burgfräulein im obersten Stock der Warte nicht mehr aushält und nervös wird, wie ein Wiener Schriftsteller, unter dessen Fenster ein Werkelmann ausdauernd leiert. Kaiser Leopold hat beim Ansturm der Türken nicht geweint, vielmehr als ein abendländischer Held trockenen Auges alle Anstalten getroffen, um den Feind zu vernichten.Vers 31. Der Guslar überträgt die Art und Weise des Orientalen beim Schreiben auf den Deutschen. Über Briefe und Briefschreiben bei dem Südslaven vgl.Kraussim ‘Smailagić Meho Ragusa’ 1885. S. 86 zu Vers 129 und S. 142 zu Vers 1584.Vers 35. Kleta R., ‘verflucht’ nennt Petrenija Russland, weil sein Herrscher die Not der bedrängten Christen nicht beachtet.Vers 50 ff. Der Guslar mutet dem Kaiser die Gesinnung eines serbischen Bauern zu, der seine Tochter am liebsten in eine reiche Sippe hinein verkauft, um durch eine solche Verschwägerung sich selber zu sichern. Vgl.Kraussin ‘Sitte und Brauch der Südslaven’, Wien 1885, S. 373.Vers 72 ff. Ehrfurcht vor dem Alter ist bei den Südslaven ein allgemeines sittliches Gebot, s. ‘Krauss, Sitte und Brauch’ S. 603. Über Blutschande vgl. a. a. O. S. 221 ff. Unter den südslavischen Sippen ist die Exogamie seit uralten Zeiten vorherrschend. Als schrecklichste aller Sünden wird Buhlschaft unter Paten betrachtet, vrgl. a. a. O. S.616 ff.Vers 105. ‘In hundert guten Augenblicken.’ Vrgl.Krauss: Sreća. Glück und Schicksal im Volkglauben der Südslaven, Wien 1886, S. 144 ff.Vers 106.čokanvom italienischenciocco, Klotz, Keule, Stock, Feldherrnstab, Szepter.Vers 107. Unser Guslar hältKijevo(Kiew) für den Namen der russischen Kaiserburg, der Guslar des Liedes vom König Bonaparte für den Namen einer Ebene. Die Kenntnisse des südslavischen Bauern über Russland sind eben sehr gering und immer verworren, märchenhaft.Vers 110. čarkadžija der Plänkler, wie in Vers 117 slavischrtnik; vom türkischenčarka; nachDaničić’s Vermutung stammt das türkische Wort aus dem italienischenschermugio, französisch escarmouche, das Scharmützel.Vers 146. Als ‘schwarze Königin’ werden in serbischen Sagen serbische und bosnische Königinnen-Witwen (Jerina) bezeichnet, die das Volk durch Härte und Grausamkeit zur Verzweiflung trieben. Mijat, der Hajduk, erzählt, die Verbrechen der schwarzen Königin hätten ihn von Haus und Hof vertrieben. Auch die nordslavischen Volksagen kennen die blutgetränkte Gestalt einer wunderholden, männersüchtigen, schwarzen Königin.Sacher-Masochhat die bekannte slavische Sage den Deutschen in Novellenform mitgeteilt.Vers 152.Španjur, sonstšpanjugfür ‘Spanier’. Spanier kämpften um das Jahr 1570 im dalmatischen Küstenlande gegen die Türken. Nicht viel mehr als der blosse Name erhielt sich im Volke bis in die Gegenwart. Vrgl. das Guslarenlied beiKraussin: ‘Das Mundschaftrecht des Mannes über die Ehefrau bei den Südslaven’, Wien 1886.Vers 156.Kuriši, vom türkischen kurmak, einrichten, aufstellen.Vers 179.Mostovfür mostove, doch ist gerade beimostdie Mehrzahlmostidie üblichere.Vers 187. Der Engel statt der Vila, die in Wolken fährt. Vrgl.Kraussin: Die vereinigten Königreiche Kroatien und Slavonien, Wien 1889, S. 123 ff. Denselben Guslar, der sonst in solchen Fällen immer Vilen auftreten lässt, an die er ja glaubt, leitet unbewusst das richtige Gefühl, es sei unstatthaft, eine südslavische Vila einem Ausländer aus weiter Fremde und noch dazu im Auslande erscheinen zu lassen.Vers 188. Der gläubige Christ soll durch einen blutigen Kampf den Sonntag nicht entheiligen.Vers 209. Eine Pfeife Tabak verehrt man selbst dem erstbesten Unbekanntenauf dem Wege, wenn er einen darum anspricht. Tabak gedeiht in Bosnien in Überfülle und war vor Einführung des staatlichen Monopols spottwohlfeil zu haben. In Bosnien gedeihen aber auch Zwetschken überreichlich, und daher hatte ein Reuter voll dieses Obstes vor den Zeiten des Eisenbahnverkehrs und ehe sich jüdische Händler einfanden, einen sehr geringen Wert beim Bauer auf dem Gehöfte. Der Guslar will also sagen: Man bekam Sklaven so gut wie geschenkt zu kaufen.Vers 211 f. Seit Jahren ist die letzte Spur der Türkenschanzen weggeräumt worden. Jetzt entstand dort eine der herrlichsten Parkanlagen Wiens. Nur der Name ‘Türkenschanze’ ist der Anlage geblieben.

Die Belagerung von Wien durch die Türken im Jahre 1683 hat auch die serbischen und bulgarischen Dichter im Volke, die ihre Lieder mit Gefiedel auf Guslen begleiten, zur dichterischen Schilderung des weltgeschichtlichen Ereignisses begeistert. Die älteren gedruckten Sammlungen Guslarenlieder bieten so manches Stück dar, das jene Niederlage der Türken vor Wien bald kürzer bald ausführlicher, mehr oder minder in treuer Anlehnung an den tatsächlichen Verlauf des grossen Geschehnisses darstellt. Eine eigentlich dichterische Auffassung der Tragweite des für das gesamte Abendland unendlich bedeutsamen und folgenreichen Sieges des Christentums über den Halbmond fehlt den Guslaren und den Liedern. Selbst der nach volktümlicher Weise dichtende dalmatische FranziskanerAndrija Kačić Miošićist in seiner Besingung (im Jahre 1756) des grossen Völkerkampfes im Grunde genommen aus seiner Schablone des versifizierten prosaischen Berichtes nicht herausgetreten. Der Sieg der vereinigten christlichen Mächte hat eben beim Südslaven mehr den Verstand als das Herz und das Gemüt, diese wahren Quellen der Begeisterung, ergriffen. Der Südslave, namentlich der christliche Serbe in Bosnien, im Herzogland und weiter südlich, war in diesem entscheidenden Kampfe zwischen Orient und Okzident mehr ein müssiger Zuschauer gewesen, dem der Sieg nicht unmittelbar zu Trost und Schutz verholfen. Der moslimische Guslar aber schweigt über diesen Kriegzug der Türken. Sollte er etwa die Erinnerung an die furchtbare Niederschmetterung seiner Glaubengenossen frisch im Gedächtnis der Nachwelt erhalten wollen? Sein Mund verstummte angesichts des über den Sultan »die Sonne des Ostens« hereingebrochenen unheilschwangeren Unsals. Der christliche Guslar in Bosnien und dem Herzögischen musste wieder dagegen bedachtsam seine Schadenfreude vor den Herren des Landes, den Moslimen, verbergen. Das Ereignis wurde immer seltener und seltener besungen, bis die Nachrichten darüber schon nach hundertundfünfzig Jahren in eine märchenhafte Sage ausklangen, die nur noch die Hauptsache, den Entsatz von Wien und die gänzliche Niederwerfung der Türkenherrschaft im Ungarlande festhält, fast alles Beiwerk aber der Dichtung entnimmt.Die geschichtliche Wahrheit tritt zurück, überwuchert vom üppig aufgeschossenen Lianengeranke ungebundener Phantasie.

Von dieser Art ist unser Guslarenlied.

Man erfährt daraus an geschichtlichen Tatsachen bloss, dass einmal die Stadt Wien an der Donau von einer gewaltigen Türkenmacht belagert und fast eingenommen worden sei und dass sich der ‘Kaiser von Wien’, sein Name wird nicht genannt, durch auswärtige Hilfe, einem aus Norden kommenden Heere, aus der Not befreit hat und dass die Türken eine gründliche Niederlage erfahren. Vom GrafenRüdiger von Starhemberg, vom PolenkönigJohann Sobieski, vom HerzogKarl von Lothringen, vom Fürsten vonWaldeckund den Kurfürsten vonBayernundSachsen, die alle am Befreiungkampfe rühmlichst Anteil genommen, von allen diesen weiss der Guslar nichts. Dafür erzählt er uns ein Märchen, das in einzelnen Zügen eine auffällige Verwandtschaft mit der Fabel des Liedes vomEnde König Bonapartes1aufweist.

Gleich dem ‘König Alexius-Nikolaus’ von Russland in jenem Liede, verlegt sich in diesem der ‘Wiener Kaiser’, voll Ergebung in die Schicksalfügung, aufs Weinen. Dem einen wie dem anderen muss der Eidam Hilfe bringen. Des Russenkönigs Eidam ist der Tataren Chan, der seine 100 000 Mann gegen Bonaparte stellt, des Wiener Kaisers Schwiegersohn ist der greise Vater des Russenkaisers Michael,Johannes Moskauer(Mojsković Jovan), der mit 948 000 Mann zum Entsatz Wiens heranrückt. Davon sind, genau betrachtet, nur 900 000 Mann Russen, der Rest Hilftruppen sagenhafter Lehenfürsten oder Bundgenossen, der ‘schwarzen Königin’ (einer der serbischen Sagenwelt auch sonst vertrauten Gestalt), des KönigsLender(vielleicht steckt dahinter ursprünglich der NameLorraine?) und des KönigsŠpanjur, des Spaniers. Trotz dieser ungeheueren Heermacht vermag ‘Kaiser Michael’ ebensowenig als ‘König Nikolaus’ gegen den Feind etwas auszurichten. Beidemal hilft zum Siege das gleiche himmlische Wunder, ein strömender Regen. König Bonapartes Heer vor Petersburg gerät bis zum Hals in Wasser und erfriert stehenden Fusses, dem türkischen Heere vor Wien verdirbt im Regen alle Munition. Es geschieht aber noch ein grösseres Wunder, dasselbe, das auch die Erscheinung in Macbeth Akt IV, Sz. I, anzeigt:

»Macbeth geht nicht unter, bis der Waldvon Birnam zu Dunsinans Höhen walltund dich bekämpft.«

»Macbeth geht nicht unter, bis der Wald

von Birnam zu Dunsinans Höhen wallt

und dich bekämpft.«

In unserem Liede bedient sich Kaiser Michael auf den Rat seines Vaters hin einer noch durchdachteren Krieglist, indem er sein Heer auch mit Leinwandwänden umgibt; darauf rufen die Türken beim Anblick des wandelnden Kahlenberges und der weissen Wände verzweifelt aus:

’da dringen vor aus dem verfluchten Russland,da dringen gen uns Berge vor und Burgen!’

’da dringen vor aus dem verfluchten Russland,

da dringen gen uns Berge vor und Burgen!’

Wie in die hundert anderer Märchenmotive ist auch dieses vom wandelnden Wald ein GemeingutallerVölker und auch den Arabern geläufig2. Es ist leicht möglich, dass gerade dieser Zug durch Shakespeares Werke allgemeinere Verbreitung gewonnen hat. Shakespeare ist bekannter als man glauben mag. Speziell sein Kaufmann von Venedig ist zum internationalen geistigen Eigentum selbst der untersten Volkschichten geworden. Aus Bosnien und Slavonien haben wir von der Geschichte schon mehrere gedruckte Varianten. Der Vermittler für die Bosnier war in erster Reihe, wie sich dies bei einem nahezu literaturlosen Volke von selbst versteht, die mündliche Überlieferung. Auf diesem Wege sind die Bosnier auch mitMaistre Pierre Pathelinbekannt geworden.3

Das Guslarenlied, das wir hier mitteilen, singt der betagte GuslarMarko Rajilić, ein Orthodoxer, im DorfePodvidačain Bosnien. Er sagt, er habe es in dieser Fassung vor beiläufig vierzig Jahren (1845) von dem nun längst verstorbenen BauerTanasija(Athanasius)TrkuljaausOvanjskagelernt oder übernommen. Einen Namen oder Titel gab der Guslar selber dem Liede nicht.

Vojsku kupi care TatarineDer Zar Tatar der sammelt eine Heermachttri godine, da ćesar ne znadedrei Jahre lang, nichts weiss davon der Kaiser,a četiri, da i ćesar znade.vier Jahre lang, es weiss davon der Kaiser;Vojsku kupi sedam godin dana.wohl sammelt er ein Heer durch sieben Jahre.5Kad je care vojsku sakupioNachdem der Zar das grosse Heer gesammelt,okreće je Beču bijelomeda lässt er’s gegen’s weisse Wien marschierenu proljeće kat se zopca sije.im Lenze, wann der Landmann Hafer aussät.Kada jesu stražnji prolazili,Der letzte Zug vom langen Zug des Heerestu su zopcu konjma naticali.der konnt’ mit reifer Frucht die Pferde füttern.10Kolko j, braćo, polje ispod Beća,O Brüder, das Gefild vor Wien ist mächtig,ne more ga gavran pregrktitikein Rabe kann das Marchfeld überkrächzen,ja kamo li prekasati vuci.geschweige Wölf’ ohn Rasten übertraben.Sve to polje pritisnuli Turci;Dies ganze Feld bedeckten Türkenhorden;konj do konja, Turčin do Turčina,hier Ross an Ross, hier Türk gedrängt an Türken;15sve barjaci kao i oblaci,wie Wolkenflocken flattern zahllos Fahnen.bojna koplja ka i gora crna.Von Kriegerspeeren starrt es wie ein Urwald.Pa su Turci na Beč udarili,Da griffen Wien die Türkenscharen an.polu Beča jesu osvojiliHalb Wien ist schon vom Türkentum erobertdo jabuke i do zlatne rukebis zu dem Apfel und dem goldnen Arme20i do svetog groba Stefanova,und bis zur heiligen Stefangrabesstelledo lijepe Despotove crkve,und bis zur hehren kaiserlichen Kirche.u Ružicu crkvu ulazili.Sie brachen ein auch in die Rosenkirche.Gje su bile crkve i oltariWo ehdem Kirchen stunden und Altäre,ongje jesu džamije munare;dort stehn Moscheen jetzt mit Minareten.25sa munare turski odža vičeEs schreit vom Minaret der türkische Hodža;pa se š njime turadija diče.sein rühmen sich die rohen Türkenhorden.To dotuži u Beču ćesaruLetzt ward des Leids zuviel in Wien dem Kaiser,pa on cvili a suze proljeva.er brach in Tränen aus und jammerklagte.Njemu veli sluga Petrenija:Da sprach zu ihm der Diener Petrenija:30— Svjetla diko u Beču ćesare,— O heller Stolz und Glanz, du Wiener Kaiser!što ti cviliš a suze proljevaš?was soll das Flennen, was das Zährenfliessen?Već ti uzmi divit i kalema,ergreif vielmehr die Tinte und das Schreibrohr,list artije knjige bez jazije;ein Blatt Papier noch rein und unbeschrieben,knjigu piši na svome koljenuund schreib ein Schreiben wohl auf deinem Knie35pa je šalji u kletu Rusijuund schick es ab in das verfluchte Russlanda na ruke Mojsković Jovanu.zu Handen jenes Mojsković Johannes.Otlen će te mio Bog pomoći,Von dorten wird der liebe Gott dir helfen,žarko će te ogrijati sunce,wird dich die heisse Sonne mild erwärmen,otalen će tebi indat doći!von dorten wird zu Teil dir Hilfe werden.40Kat to čuo u Beču ćesare,Als dies der Kaiser wohl zu Wien vernommen,on uzima divit i kalema,so griff er nach der Tinte und dem Schreibrohrlist artije knjige bez jazijeund einem Blatt Papier noch unbeschrieben;knjigu piše na svome koljenuer schrieb den Schreibebrief auf seinem Kniepa je daje slugi Petreniji:und gab ihn hin dem Diener Petrenija:45— Na ti slugo list knjige bijele— Da nimm o Diener hin das weisse Schreibenpa je nosi u kletu Rusijuund trag es fort in das verfluchte Russlanda na ruke Mojsković Jovanuzu Handen jenes Mojsković Johannes,a Jovanu mome prijatelju.ja, Herrn Johannes, meines nächsten Freundes.Njesam njemo svoje ćeri daoDrum gab ich ihm die Tochter mein nicht hin,50što je Jovan meni mio bio,weil mir das Herrchen zu Gesicht gestanden,već sam njemu svoju ćerku dao,nur darum gab ich ihm mein Töchterlein,da mi Jovan u muci pomaže.damit er Hilf’ in schwerer Not mir biete.Nosi knjigu štogogj brže možeš,So trag den Brief so rasch als Füsse tragen,ti ne žali áta ni dukata.schon’ deinen Zelter nicht noch Goldzechine!55Uze djete list knjige bijeleEs nahm das Kind an sich das weisse Schreibenpa je metnu u džepove svojeund tauchte’s tief hinab in seine Taschenpa posjede dobra konja svogaund setzte sich auf seinen guten Zelterpa otisnu u kletu Rusiju.und schob dann ab in das verfluchte Russland.Dok je djete u Rusiju došloEs wechselte an vierzigmal die Zelter60četr’est je promjenilo áta.das Kind, bevor’s in Russland angekommen.Kad je djete u Rusiju došloSobald das Kind in Russland angekommen,knjigu daje Mojsković Jovanu.so gab’s den Brief an Mojsković Johannes.Knjigu štije Mojsković Jovane,Es liest den Brief Herr Mojsković Johannes,knjigu štije, grozne suze lijeer liest den Brief, zerfliesst in grause Tränen,65niza svoje prebijelo licedie Tränen fliessen übers weisse Antlitzi nis svoju prebijelu bradu.und übern schneeig weissen Bart hernieder.Viš njeg stoji care MijailoZu Häupten steht ihm Kaiser Mihajilo;pa govori care Mijailo:da nimmt das Wort der Kaiser Mihajilo:— A moj babo Mojsković Jovane,— Mein trauter Vater Mojsković Johannes!70kakva j knjiga, ot koje li zemlje?was ist das für ein Brief, aus welchem Lande?je li knjiga prebijela došla,was bringt der schneeig weisse Brief für Kunde?da ne pozna mlagji starijega,ehrt etwan nicht den ältren Mann der jüngre?da s uzima trećeg brata djeteherrscht Blutschand unter Gliedgeschwisterkindern?i da s ljube kume s kumovima?ist leicht die Patin ihres Täuflings Buhlin?75Onda veli Mojsković Jovane:Darauf entgegnet Mojsković Johannes:— A moj sine care Mijailo,— O lieber Sohn, du Kaiser Mihajilo!nije bjela meni knjiga došla,Der weisse Brief, der bringt mir keine Kunde,da ne pozna mlagji starijega;dass nicht den ältren Mann der jüngre ehre,ne uzima s trećeg brata djete,dass unter Gliedgeschwistern Schande herrsche,80ne ljube se kume sa kumovma,die Patin ist nicht ihres Täuflings Buhlin;već je knjiga od Beča bijelog,vielmehr vom weissen Wien ist dieses Schreiben,ot ćesara moga prijatelja,es ist von meinem Freund in Wien, vom Kaiser,prijatelja moga, babaluka tvoga.von deinem Grosspapa und meinem Freunde.Turci su mu vrlo dodijaliZu Last ist ihm die Türkennot geworden,85pô mu Beča jesu osvojilisie haben halb sein weisses Wien erobertdo jabuke i do zlatne rukebis zu dem Apfel und dem goldnen Armei do svetog groba Stefanovaund bis zur heiligen Stefangrabesstellei do ljepe Despotove crkve.und bis zur hehren kaiserlichen Kirche.Gje su bile crkve i oltariWo ehdem Kirchen stunden und Altäre90ongje jesu džamije munare;dort stehn Moscheen jetzt mit Minareten;sa munare turski odža vičees schreit vom Minaret der türkische Hodža,i š njime se turadija diče.sein rühmen sich die rohen Türkenhorden.Ćesar nam je knjigu opravio,Der Kaiser hat uns einen Brief gesendet,da mi njemu indat učinimo.wir mögen ihm mit Macht zu Hilfe kommen.95Ja sam sine vrlo ostario,Ich bin, mein Sohn, ich bin schon hoch bei Jahren,ni konja se držati ne mogu,ich kann zu Ross mich nimmer aufrecht halten,ja kamo li da vojujem Beču!wie wagt’ ich’s in den Krieg nach Wien zu ziehen?Onda veli care Mijailo:Drauf spricht zu ihm der Kaiser Mihajilo:— A moj babo Mojsković Jovane,— Mein lieber Vater Mojsković Johannes!100daj ti meni proštenje, blagoslov,so gib du mir zum Abschied deinen Segen,da pokupim po Rusiji vojsku;damit ich mir ein Heer in Russland sammle;ja ć vojevat Beču bijelome,ich zieh gen’s weisse Wien auf einen Kriegzugbabaluku indat učiniti!und bringe meinem Grosspapa die Hilfe.Onda veli Mojsković Jovane!Zur Antwort gibt ihm Mojsković Johannes:105— Ajde sine u sto dobri časâ!— Zu guter Stund’, sei hundertmal gesegnet!Uzmi sine čokan ti u rukeso nimm mein Sohn das Szepter in die Hände,pa izagji gore na Kijevobegib hinauf dich auf die Burg Kijevopa ti uzmi ključe ot Kijevaund nimm die Schlüssel von der Burg Kijevo,pa otključaj aznu i topoveschliess auf die Kammern und die Kriegkanonen,110i probudi mlade čarkadžije;weck auf die jungen Radschlossflintenplänkler,pa opalte do trista lubardi,und schiesset los dreihundert Bombenpöller;po tri puta po trista lubardi,je dreimal voll dreihundert Bombenpöller;nek se skuplja na lubarde vojska;es soll das allarmierte Heer sich sammeln.pa izigji na visoku kuluSodann begib dich auf die hohe Warte115pa opali tri topa velikaund brenne los drei grosse Kriegkanonen,što no s čuju po našoj Rusiji.dass sie in unsrem Russland widerhallen.Nek ustaju na noge rtnjici,Die schnellen Plänkler sollen sich erheben,nek se dižu mladi konjanici,es sollen sich die jungen Reiter rüsten;jer su turci na obraz junaci!denn musterhafte Helden sind die Türken!120Kat to čuo care Mijailo,Als dies der Kaiser Michael vernommen,on uzima čokana u rukeso nahm er gleich das Szepter in die Hände,pa izagje gore na Kijevobegab hinauf sich auf die Burg Kijevo,pa uzima ključe ot Kijevaund nahm die Schlüssel von der Burg Kijevo,pa otključa aznu i topoveschloss auf die Kammern und die Kriegkanonen125i probudi mlade čarkadžije.und weckte auf die jungen Radschlossplänkler.Opališe do trista lubardiSie schossen los dreihundert Bombenpöller.pa izagje na visoku kuluDrauf stieg hinauf er auf die hohe Wartepa opali tri topa velikaund brannte los drei grosse Kriegkanonen;što se čuju baš po svoj Rusiji.es hallt der Schall im ganzen Russland wieder.130Te ustaše na noge rtnjiciDa sprangen auf die Beine auf die Plänkler,podigoše s mladi konjanici.behende fuhren auf die jungen Reiter.Malo vrjeme, za dugo ne biloIn kurzer Frist, es währte gar nicht lange,car Mijajlo vojsku pokupio.hat Kaiser Michael sein Heer beisammen.Njemu veli Mojsković Jovane:Da spricht zu ihm Herr Mojsković Johannes:135— Uzmi sine svu na kalem vojsku,— Mein Kind, verzeichne mir die ganze Heermacht,da ja vigjam kolko imaš vojske,damit ich seh’, wie viel dein Heer betrage,moš vojevat Beču bijelome,ob du für’s weisse Wien bist wohl gerüstet,babaluku indat učiniti!um deinem Grosspapa zu Hilf zu kommen.Uze djete svu na kalem vojskuDas Kind verzeichnete die ganze Heermacht140pa on kaže svome babi dragom:und sprach darauf zu seinem teuren Vater:— Imam babo ja za dosta vojske— Vollkommen reicht das Heer mir aus, mein Vater,po tri puta po trista iljada.von dreimal je dreihunderttausend Kriegern!Onda veli Mojsković Jovane:Darauf entgegnet Mojsković Johannes:— Ajde sine u sto dobri časâ,— Zeuch hin, o Sohn, zu hundert guten Stunden,145Bog ti dao i Bog ti pomogo!beglück dich Gottes Huld und Gottes Hilfe!Navrati se na crnu kraljicu,Kehr ein zur schwarzen Königin am Wege,dužna mi je dvanajst iljad vojske.zwölftausend Krieger ist die Frau mir schuldig;Svrati se sine pa povedi vojskukehr ein mein Sohn und führe mir die Heermachtpa s navrati na Lendera kralja,und halt mir Einkehr auch beim König Lender,150dužan mi je šestnajst iljad vojske.er ist mir sechszehntausend Krieger schuldig;Svrati se sine pa povedi vojskukehr ein mein Sohn und führe mir die Heermachtpa s navrati na Španjura kralja,und halt mir Einkehr auch beim König Španjur,dužan mi je dvajest iljad vojske.er ist mir zwanzigtausend Krieger schuldig;Svrati se sine pa povedi vojsku. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .kehr ein mein Sohn und führe mir die Heermacht. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .155a kad dogješ na tijo Dunavound wann du an der stillen Donau anlangsttu kuriši moste na Dunavuso schlag dort Brücken überm Donaustromepa po suvu svu prevedi vojsku.und führ das Heer hinüber trocknen Fusses.Kraj Dunava ti vojsku zastaviLass Halt das Heer am Donaustrande machen,pa ti sine svu vojsku pričesti.gewähr’ dem ganzen Heer, mein Sohn, die Ölung.160Kom nedoteče vina crljenoga,Sollt’s einem letzt an rotem Weine fehlen,ima dosta studenog Dumava.so fehlt’s ja nicht an kühlem Donaubronnen.Kada pogješ kroz goru pram Beču,Wann du gen Wien gelangst durchs Waldgebirge,zapovjedi ti po vojsci sine:so gib, mein Sohn, Befehl dem ganzen Heere:»Svak za glavu po jelovu granu!«»Ein Tannenreis ans Haupt sich jeder stecke!«165Kad izagješ ti u polje pod Beč,Sobald du in die Wiener March gestiegen,svoju vojsku svu platnom ogradi.umbau dein ganzes Heer mit einer Leinwand.Kad vigjaju to od Beča Turci,Wenn dies von Wien die Türken dann erblicken,reće tada oda Beča Turci:so werden drauf von Wien die Türken sagen:»Eto na nas gora i gradova!«»Da dringen gen uns Berge vor und Burgen!«170lakše ćeš ti Turke predobiti.du wirst die Türken leichter so besiegen.Car Mijajlo vojsku podignuo,Der Kaiser setzt die Heermacht in Bewegung,navrati se na crnu kraljicukehrt ein zur schwarzen Königin am Wege,pa mu dade dvanajst iljad vojske,die Frau, die gibt ihm mit zwölftausend Krieger;pa s navrati na Lendera kraljadrauf hält er Einkehr auch beim König Lender175pa mu dade šesnajst iljad vojske,und dieser gibt ihm sechszehntausend Krieger;pa s navrati na Španjura kraljadann hält er Einkehr auch beim KönigŠpanjur,pa mu dade dvajest iljad vojske.und dieser gibt ihm zwanzigtausend Krieger.Pa kad dogje na tijo DunavoAls er zum stillen Donaustrom gelangte,a kurisa mostov na Dunavu,so schlug er überm Donaustrome Brücken180svu po suvu on prevede vojsku.und führt’ das Heer hinüber trocknen Fusses.Kraj Dunava vojsku ustavio,Er liess das Heer am Donaustrome haltensvu dijete vojsku pričestio.und gab dem ganzen Heer die letzte Ölung.Kom nemade vina crljenogaGebrach’s bei einem just an rotem Weine,doteče mu studenog Dunava.behalf er sich mit kaltem Donaubronnen.185Leže djete sanak boravitiAm kalten Donaustrome unterm Zeltepot šatorom kraj Dunava ladna.dort legte sich das Kind zum Schläfchen nieder,Dovikuje g angjel iz oblaka:da scholl des Engels Stimme aus der Wolke:— Čekaj care dana ponegjelka,— O harre, Kaiser, bis zum nächsten Montag,u ponegjlak kiša udariće,am Montag wird ein Regen niederströmen,190tursku hoće aznu potopiti.die Munition der Türken überschwemmen.Prelako ćeš Turke ti dobiti!Du wirst die Türken spielend leicht besiegen!Djete čeka dana ponegjelka.Es harrt das Kind geduldig bis zum Montag.U ponegjlak kiša udarila,Am Montag fing ein Regen an zu strömen,tursku ona aznu potopila.die Munition der Türken kam ins Wasser.195Car Mijajlo vojsku podignuoDer Kaiser setzt die Heermacht in Bewegungi vojsci je zapovijedio:und lässt dem ganzen Heere gleich gebieten:— Svak za glavu po jelovu granu!— »Ein Tannenreis ans Haupt sich jeder stecke!«Kat s izašli na polje zeleno,Als sie dann in die grüne March gelangten,svu je vojsku platnom ogradio.umbaute er das ganze Heer mit Leinwand.200Kad videše to od Beča Turci,Sobald die Wiener Türken dies erblickten,prokleti su Turci govorili:da sprachen die verfluchten Türkenkerle:— Eto na nas ot klete Rusije,— »Da dringen vor aus dem verfluchten Russland,eto na nas gore i gradova!da dringen gen uns Berge vor und Burgen!«Malo vrjeme, za dugo ne bilo,In kurzer Frist, es währte gar nicht lange,205ispod Beča sva zemlja poječa,erdröhnte unter Wien herum die Erde.i potisnu katana Tatara,Er machte flüchtig den Tatarenreiternaćera ga na studenu vodu.und trieb den Flüchtling in die kühlen Fluten.Tude roblje jeftino bijaše:Nun wurden Sklaven billig feilgeboten:dva Turčina za lulu duvana,zwei Türken wohl um eine Pfeife Knaster,210dvije bule za rešeto šljiva.zwei Türkinnen um einen Reuter Zwetschken.I danas se još znadu točilaDie Türkenschanzen sind noch zu erkennen,kud je vojska careva skočila.die musst’ im Lauf das Kaiserheer berennen.

Vojsku kupi care Tatarine

Der Zar Tatar der sammelt eine Heermacht

tri godine, da ćesar ne znade

drei Jahre lang, nichts weiss davon der Kaiser,

a četiri, da i ćesar znade.

vier Jahre lang, es weiss davon der Kaiser;

Vojsku kupi sedam godin dana.

wohl sammelt er ein Heer durch sieben Jahre.

Kad je care vojsku sakupio

Nachdem der Zar das grosse Heer gesammelt,

okreće je Beču bijelome

da lässt er’s gegen’s weisse Wien marschieren

u proljeće kat se zopca sije.

im Lenze, wann der Landmann Hafer aussät.

Kada jesu stražnji prolazili,

Der letzte Zug vom langen Zug des Heeres

tu su zopcu konjma naticali.

der konnt’ mit reifer Frucht die Pferde füttern.

Kolko j, braćo, polje ispod Beća,

O Brüder, das Gefild vor Wien ist mächtig,

ne more ga gavran pregrktiti

kein Rabe kann das Marchfeld überkrächzen,

ja kamo li prekasati vuci.

geschweige Wölf’ ohn Rasten übertraben.

Sve to polje pritisnuli Turci;

Dies ganze Feld bedeckten Türkenhorden;

konj do konja, Turčin do Turčina,

hier Ross an Ross, hier Türk gedrängt an Türken;

sve barjaci kao i oblaci,

wie Wolkenflocken flattern zahllos Fahnen.

bojna koplja ka i gora crna.

Von Kriegerspeeren starrt es wie ein Urwald.

Pa su Turci na Beč udarili,

Da griffen Wien die Türkenscharen an.

polu Beča jesu osvojili

Halb Wien ist schon vom Türkentum erobert

do jabuke i do zlatne ruke

bis zu dem Apfel und dem goldnen Arme

i do svetog groba Stefanova,

und bis zur heiligen Stefangrabesstelle

do lijepe Despotove crkve,

und bis zur hehren kaiserlichen Kirche.

u Ružicu crkvu ulazili.

Sie brachen ein auch in die Rosenkirche.

Gje su bile crkve i oltari

Wo ehdem Kirchen stunden und Altäre,

ongje jesu džamije munare;

dort stehn Moscheen jetzt mit Minareten.

sa munare turski odža viče

Es schreit vom Minaret der türkische Hodža;

pa se š njime turadija diče.

sein rühmen sich die rohen Türkenhorden.

To dotuži u Beču ćesaru

Letzt ward des Leids zuviel in Wien dem Kaiser,

pa on cvili a suze proljeva.

er brach in Tränen aus und jammerklagte.

Njemu veli sluga Petrenija:

Da sprach zu ihm der Diener Petrenija:

— Svjetla diko u Beču ćesare,

— O heller Stolz und Glanz, du Wiener Kaiser!

što ti cviliš a suze proljevaš?

was soll das Flennen, was das Zährenfliessen?

Već ti uzmi divit i kalema,

ergreif vielmehr die Tinte und das Schreibrohr,

list artije knjige bez jazije;

ein Blatt Papier noch rein und unbeschrieben,

knjigu piši na svome koljenu

und schreib ein Schreiben wohl auf deinem Knie

pa je šalji u kletu Rusiju

und schick es ab in das verfluchte Russland

a na ruke Mojsković Jovanu.

zu Handen jenes Mojsković Johannes.

Otlen će te mio Bog pomoći,

Von dorten wird der liebe Gott dir helfen,

žarko će te ogrijati sunce,

wird dich die heisse Sonne mild erwärmen,

otalen će tebi indat doći!

von dorten wird zu Teil dir Hilfe werden.

Kat to čuo u Beču ćesare,

Als dies der Kaiser wohl zu Wien vernommen,

on uzima divit i kalema,

so griff er nach der Tinte und dem Schreibrohr

list artije knjige bez jazije

und einem Blatt Papier noch unbeschrieben;

knjigu piše na svome koljenu

er schrieb den Schreibebrief auf seinem Knie

pa je daje slugi Petreniji:

und gab ihn hin dem Diener Petrenija:

— Na ti slugo list knjige bijele

— Da nimm o Diener hin das weisse Schreiben

pa je nosi u kletu Rusiju

und trag es fort in das verfluchte Russland

a na ruke Mojsković Jovanu

zu Handen jenes Mojsković Johannes,

a Jovanu mome prijatelju.

ja, Herrn Johannes, meines nächsten Freundes.

Njesam njemo svoje ćeri dao

Drum gab ich ihm die Tochter mein nicht hin,

što je Jovan meni mio bio,

weil mir das Herrchen zu Gesicht gestanden,

već sam njemu svoju ćerku dao,

nur darum gab ich ihm mein Töchterlein,

da mi Jovan u muci pomaže.

damit er Hilf’ in schwerer Not mir biete.

Nosi knjigu štogogj brže možeš,

So trag den Brief so rasch als Füsse tragen,

ti ne žali áta ni dukata.

schon’ deinen Zelter nicht noch Goldzechine!

Uze djete list knjige bijele

Es nahm das Kind an sich das weisse Schreiben

pa je metnu u džepove svoje

und tauchte’s tief hinab in seine Taschen

pa posjede dobra konja svoga

und setzte sich auf seinen guten Zelter

pa otisnu u kletu Rusiju.

und schob dann ab in das verfluchte Russland.

Dok je djete u Rusiju došlo

Es wechselte an vierzigmal die Zelter

četr’est je promjenilo áta.

das Kind, bevor’s in Russland angekommen.

Kad je djete u Rusiju došlo

Sobald das Kind in Russland angekommen,

knjigu daje Mojsković Jovanu.

so gab’s den Brief an Mojsković Johannes.

Knjigu štije Mojsković Jovane,

Es liest den Brief Herr Mojsković Johannes,

knjigu štije, grozne suze lije

er liest den Brief, zerfliesst in grause Tränen,

niza svoje prebijelo lice

die Tränen fliessen übers weisse Antlitz

i nis svoju prebijelu bradu.

und übern schneeig weissen Bart hernieder.

Viš njeg stoji care Mijailo

Zu Häupten steht ihm Kaiser Mihajilo;

pa govori care Mijailo:

da nimmt das Wort der Kaiser Mihajilo:

— A moj babo Mojsković Jovane,

— Mein trauter Vater Mojsković Johannes!

kakva j knjiga, ot koje li zemlje?

was ist das für ein Brief, aus welchem Lande?

je li knjiga prebijela došla,

was bringt der schneeig weisse Brief für Kunde?

da ne pozna mlagji starijega,

ehrt etwan nicht den ältren Mann der jüngre?

da s uzima trećeg brata djete

herrscht Blutschand unter Gliedgeschwisterkindern?

i da s ljube kume s kumovima?

ist leicht die Patin ihres Täuflings Buhlin?

Onda veli Mojsković Jovane:

Darauf entgegnet Mojsković Johannes:

— A moj sine care Mijailo,

— O lieber Sohn, du Kaiser Mihajilo!

nije bjela meni knjiga došla,

Der weisse Brief, der bringt mir keine Kunde,

da ne pozna mlagji starijega;

dass nicht den ältren Mann der jüngre ehre,

ne uzima s trećeg brata djete,

dass unter Gliedgeschwistern Schande herrsche,

ne ljube se kume sa kumovma,

die Patin ist nicht ihres Täuflings Buhlin;

već je knjiga od Beča bijelog,

vielmehr vom weissen Wien ist dieses Schreiben,

ot ćesara moga prijatelja,

es ist von meinem Freund in Wien, vom Kaiser,

prijatelja moga, babaluka tvoga.

von deinem Grosspapa und meinem Freunde.

Turci su mu vrlo dodijali

Zu Last ist ihm die Türkennot geworden,

pô mu Beča jesu osvojili

sie haben halb sein weisses Wien erobert

do jabuke i do zlatne ruke

bis zu dem Apfel und dem goldnen Arme

i do svetog groba Stefanova

und bis zur heiligen Stefangrabesstelle

i do ljepe Despotove crkve.

und bis zur hehren kaiserlichen Kirche.

Gje su bile crkve i oltari

Wo ehdem Kirchen stunden und Altäre

ongje jesu džamije munare;

dort stehn Moscheen jetzt mit Minareten;

sa munare turski odža viče

es schreit vom Minaret der türkische Hodža,

i š njime se turadija diče.

sein rühmen sich die rohen Türkenhorden.

Ćesar nam je knjigu opravio,

Der Kaiser hat uns einen Brief gesendet,

da mi njemu indat učinimo.

wir mögen ihm mit Macht zu Hilfe kommen.

Ja sam sine vrlo ostario,

Ich bin, mein Sohn, ich bin schon hoch bei Jahren,

ni konja se držati ne mogu,

ich kann zu Ross mich nimmer aufrecht halten,

ja kamo li da vojujem Beču!

wie wagt’ ich’s in den Krieg nach Wien zu ziehen?

Onda veli care Mijailo:

Drauf spricht zu ihm der Kaiser Mihajilo:

— A moj babo Mojsković Jovane,

— Mein lieber Vater Mojsković Johannes!

daj ti meni proštenje, blagoslov,

so gib du mir zum Abschied deinen Segen,

da pokupim po Rusiji vojsku;

damit ich mir ein Heer in Russland sammle;

ja ć vojevat Beču bijelome,

ich zieh gen’s weisse Wien auf einen Kriegzug

babaluku indat učiniti!

und bringe meinem Grosspapa die Hilfe.

Onda veli Mojsković Jovane!

Zur Antwort gibt ihm Mojsković Johannes:

— Ajde sine u sto dobri časâ!

— Zu guter Stund’, sei hundertmal gesegnet!

Uzmi sine čokan ti u ruke

so nimm mein Sohn das Szepter in die Hände,

pa izagji gore na Kijevo

begib hinauf dich auf die Burg Kijevo

pa ti uzmi ključe ot Kijeva

und nimm die Schlüssel von der Burg Kijevo,

pa otključaj aznu i topove

schliess auf die Kammern und die Kriegkanonen,

i probudi mlade čarkadžije;

weck auf die jungen Radschlossflintenplänkler,

pa opalte do trista lubardi,

und schiesset los dreihundert Bombenpöller;

po tri puta po trista lubardi,

je dreimal voll dreihundert Bombenpöller;

nek se skuplja na lubarde vojska;

es soll das allarmierte Heer sich sammeln.

pa izigji na visoku kulu

Sodann begib dich auf die hohe Warte

pa opali tri topa velika

und brenne los drei grosse Kriegkanonen,

što no s čuju po našoj Rusiji.

dass sie in unsrem Russland widerhallen.

Nek ustaju na noge rtnjici,

Die schnellen Plänkler sollen sich erheben,

nek se dižu mladi konjanici,

es sollen sich die jungen Reiter rüsten;

jer su turci na obraz junaci!

denn musterhafte Helden sind die Türken!

Kat to čuo care Mijailo,

Als dies der Kaiser Michael vernommen,

on uzima čokana u ruke

so nahm er gleich das Szepter in die Hände,

pa izagje gore na Kijevo

begab hinauf sich auf die Burg Kijevo,

pa uzima ključe ot Kijeva

und nahm die Schlüssel von der Burg Kijevo,

pa otključa aznu i topove

schloss auf die Kammern und die Kriegkanonen

i probudi mlade čarkadžije.

und weckte auf die jungen Radschlossplänkler.

Opališe do trista lubardi

Sie schossen los dreihundert Bombenpöller.

pa izagje na visoku kulu

Drauf stieg hinauf er auf die hohe Warte

pa opali tri topa velika

und brannte los drei grosse Kriegkanonen;

što se čuju baš po svoj Rusiji.

es hallt der Schall im ganzen Russland wieder.

Te ustaše na noge rtnjici

Da sprangen auf die Beine auf die Plänkler,

podigoše s mladi konjanici.

behende fuhren auf die jungen Reiter.

Malo vrjeme, za dugo ne bilo

In kurzer Frist, es währte gar nicht lange,

car Mijajlo vojsku pokupio.

hat Kaiser Michael sein Heer beisammen.

Njemu veli Mojsković Jovane:

Da spricht zu ihm Herr Mojsković Johannes:

— Uzmi sine svu na kalem vojsku,

— Mein Kind, verzeichne mir die ganze Heermacht,

da ja vigjam kolko imaš vojske,

damit ich seh’, wie viel dein Heer betrage,

moš vojevat Beču bijelome,

ob du für’s weisse Wien bist wohl gerüstet,

babaluku indat učiniti!

um deinem Grosspapa zu Hilf zu kommen.

Uze djete svu na kalem vojsku

Das Kind verzeichnete die ganze Heermacht

pa on kaže svome babi dragom:

und sprach darauf zu seinem teuren Vater:

— Imam babo ja za dosta vojske

— Vollkommen reicht das Heer mir aus, mein Vater,

po tri puta po trista iljada.

von dreimal je dreihunderttausend Kriegern!

Onda veli Mojsković Jovane:

Darauf entgegnet Mojsković Johannes:

— Ajde sine u sto dobri časâ,

— Zeuch hin, o Sohn, zu hundert guten Stunden,

Bog ti dao i Bog ti pomogo!

beglück dich Gottes Huld und Gottes Hilfe!

Navrati se na crnu kraljicu,

Kehr ein zur schwarzen Königin am Wege,

dužna mi je dvanajst iljad vojske.

zwölftausend Krieger ist die Frau mir schuldig;

Svrati se sine pa povedi vojsku

kehr ein mein Sohn und führe mir die Heermacht

pa s navrati na Lendera kralja,

und halt mir Einkehr auch beim König Lender,

dužan mi je šestnajst iljad vojske.

er ist mir sechszehntausend Krieger schuldig;

Svrati se sine pa povedi vojsku

kehr ein mein Sohn und führe mir die Heermacht

pa s navrati na Španjura kralja,

und halt mir Einkehr auch beim König Španjur,

dužan mi je dvajest iljad vojske.

er ist mir zwanzigtausend Krieger schuldig;

Svrati se sine pa povedi vojsku

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

kehr ein mein Sohn und führe mir die Heermacht

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

a kad dogješ na tijo Dunavo

und wann du an der stillen Donau anlangst

tu kuriši moste na Dunavu

so schlag dort Brücken überm Donaustrome

pa po suvu svu prevedi vojsku.

und führ das Heer hinüber trocknen Fusses.

Kraj Dunava ti vojsku zastavi

Lass Halt das Heer am Donaustrande machen,

pa ti sine svu vojsku pričesti.

gewähr’ dem ganzen Heer, mein Sohn, die Ölung.

Kom nedoteče vina crljenoga,

Sollt’s einem letzt an rotem Weine fehlen,

ima dosta studenog Dumava.

so fehlt’s ja nicht an kühlem Donaubronnen.

Kada pogješ kroz goru pram Beču,

Wann du gen Wien gelangst durchs Waldgebirge,

zapovjedi ti po vojsci sine:

so gib, mein Sohn, Befehl dem ganzen Heere:

»Svak za glavu po jelovu granu!«

»Ein Tannenreis ans Haupt sich jeder stecke!«

Kad izagješ ti u polje pod Beč,

Sobald du in die Wiener March gestiegen,

svoju vojsku svu platnom ogradi.

umbau dein ganzes Heer mit einer Leinwand.

Kad vigjaju to od Beča Turci,

Wenn dies von Wien die Türken dann erblicken,

reće tada oda Beča Turci:

so werden drauf von Wien die Türken sagen:

»Eto na nas gora i gradova!«

»Da dringen gen uns Berge vor und Burgen!«

lakše ćeš ti Turke predobiti.

du wirst die Türken leichter so besiegen.

Car Mijajlo vojsku podignuo,

Der Kaiser setzt die Heermacht in Bewegung,

navrati se na crnu kraljicu

kehrt ein zur schwarzen Königin am Wege,

pa mu dade dvanajst iljad vojske,

die Frau, die gibt ihm mit zwölftausend Krieger;

pa s navrati na Lendera kralja

drauf hält er Einkehr auch beim König Lender

pa mu dade šesnajst iljad vojske,

und dieser gibt ihm sechszehntausend Krieger;

pa s navrati na Španjura kralja

dann hält er Einkehr auch beim KönigŠpanjur,

pa mu dade dvajest iljad vojske.

und dieser gibt ihm zwanzigtausend Krieger.

Pa kad dogje na tijo Dunavo

Als er zum stillen Donaustrom gelangte,

a kurisa mostov na Dunavu,

so schlug er überm Donaustrome Brücken

svu po suvu on prevede vojsku.

und führt’ das Heer hinüber trocknen Fusses.

Kraj Dunava vojsku ustavio,

Er liess das Heer am Donaustrome halten

svu dijete vojsku pričestio.

und gab dem ganzen Heer die letzte Ölung.

Kom nemade vina crljenoga

Gebrach’s bei einem just an rotem Weine,

doteče mu studenog Dunava.

behalf er sich mit kaltem Donaubronnen.

Leže djete sanak boraviti

Am kalten Donaustrome unterm Zelte

pot šatorom kraj Dunava ladna.

dort legte sich das Kind zum Schläfchen nieder,

Dovikuje g angjel iz oblaka:

da scholl des Engels Stimme aus der Wolke:

— Čekaj care dana ponegjelka,

— O harre, Kaiser, bis zum nächsten Montag,

u ponegjlak kiša udariće,

am Montag wird ein Regen niederströmen,

tursku hoće aznu potopiti.

die Munition der Türken überschwemmen.

Prelako ćeš Turke ti dobiti!

Du wirst die Türken spielend leicht besiegen!

Djete čeka dana ponegjelka.

Es harrt das Kind geduldig bis zum Montag.

U ponegjlak kiša udarila,

Am Montag fing ein Regen an zu strömen,

tursku ona aznu potopila.

die Munition der Türken kam ins Wasser.

Car Mijajlo vojsku podignuo

Der Kaiser setzt die Heermacht in Bewegung

i vojsci je zapovijedio:

und lässt dem ganzen Heere gleich gebieten:

— Svak za glavu po jelovu granu!

— »Ein Tannenreis ans Haupt sich jeder stecke!«

Kat s izašli na polje zeleno,

Als sie dann in die grüne March gelangten,

svu je vojsku platnom ogradio.

umbaute er das ganze Heer mit Leinwand.

Kad videše to od Beča Turci,

Sobald die Wiener Türken dies erblickten,

prokleti su Turci govorili:

da sprachen die verfluchten Türkenkerle:

— Eto na nas ot klete Rusije,

— »Da dringen vor aus dem verfluchten Russland,

eto na nas gore i gradova!

da dringen gen uns Berge vor und Burgen!«

Malo vrjeme, za dugo ne bilo,

In kurzer Frist, es währte gar nicht lange,

ispod Beča sva zemlja poječa,

erdröhnte unter Wien herum die Erde.

i potisnu katana Tatara,

Er machte flüchtig den Tatarenreiter

naćera ga na studenu vodu.

und trieb den Flüchtling in die kühlen Fluten.

Tude roblje jeftino bijaše:

Nun wurden Sklaven billig feilgeboten:

dva Turčina za lulu duvana,

zwei Türken wohl um eine Pfeife Knaster,

dvije bule za rešeto šljiva.

zwei Türkinnen um einen Reuter Zwetschken.

I danas se još znadu točila

Die Türkenschanzen sind noch zu erkennen,

kud je vojska careva skočila.

die musst’ im Lauf das Kaiserheer berennen.

Erläuterungen.Zu Vers 1. Die Bezeichnung ‘Tatarin’ für den Sultan, ‘sunce od istoka’ (Sonne des Ostens), ‘den Nachkommen des Heiligen’, d. h. des Propheten (svečevo kolino) ist eine arge Unrichtigkeit. Sonst wird in den Guslarenliedern der Christen genauer, in den Liedern der Moslimen immer genau unterschieden zwischen dem Sultan und dem Tatar—chan (oder Tataran). Der Sultan wird immerCar(Kaiser), der Kaiser von Österreich meistćesar, seltenercargenannt. Auffällig ist Car für den Herrscher Russlands. Gewöhnlich heisst er in Guslarenliedernkralj moskovski(Moskauer König),kralj od Rusije(Kaiser von Russland),rusinski kralj(russischer Kaiser). Dass zwischenkraljundcarein Rangunterschied bestehe, dessen ist sich der Guslar nicht bewusst.Zu Vers 10 ff. Ich halte mich an den Text und übersetze: Marchfeld. In Wirklichkeit lagerten aber die Türken 200 000 Mann an der Zahl auf dem welligen Hochplateau von Währing (wo noch eine Örtlichkeit den Namen ‘Türkenschanze’ trägt) angefangen in langer Linie bis zu den Wieden. Die Mechitaristenkirche im VII. Bezirk, Neustiftgasse 4, ist gerade an der Stelle erbaut, wo Kara Mustaphas Befehlhaber-Zelt im Jahre 1683 gestanden.Zu Vers 19. ‘Bis zum Apfel und der goldenen Hand.’ Gemeint ist die innere Stadt Wien, jetzt der erste Bezirk. Apfel ist der eiserne Buckel am Tore, Hand bedeutet die Torklinke.Vers 21. Despot, in Erinnerung an den serbischen DespotenBranković. Wenn dieser und der darauffolgende Vers, in welchem einer Rosenkirche (Rosalienkirche) gedacht wird, nicht blosse stereotype Zeilen der Guslarenlieder wären, könnte man an die Burgkapelle denken. Dass die Türken keine Zeit gehabt haben, um Wien herum Moscheen zu erbauen und Minarete zu errichten, braucht nicht erst bewiesen zu werden.Vers 28. Nach der Auffassung des Südslaven, gleichwie des Griechen in der Entstehungzeit der Homerischen Lieder ist das laute Weinen für den Helden keineswegs schimpflich. Überdies ist der Südslave ein wehleidiger Geselle, der sowohl für körperliche als geistige Schmerzen eine geringe Widerstandkraft besitzt. Die grössten Helden, Prinzlein Marko, Mustapha Hasenscharte, fangen oft bei geringfügigen Anlässen zu plärren an, und gerät einer vollends in eines Feindes Kerker hinein, so jammert er so laut, dass es selbst das Burgfräulein im obersten Stock der Warte nicht mehr aushält und nervös wird, wie ein Wiener Schriftsteller, unter dessen Fenster ein Werkelmann ausdauernd leiert. Kaiser Leopold hat beim Ansturm der Türken nicht geweint, vielmehr als ein abendländischer Held trockenen Auges alle Anstalten getroffen, um den Feind zu vernichten.Vers 31. Der Guslar überträgt die Art und Weise des Orientalen beim Schreiben auf den Deutschen. Über Briefe und Briefschreiben bei dem Südslaven vgl.Kraussim ‘Smailagić Meho Ragusa’ 1885. S. 86 zu Vers 129 und S. 142 zu Vers 1584.Vers 35. Kleta R., ‘verflucht’ nennt Petrenija Russland, weil sein Herrscher die Not der bedrängten Christen nicht beachtet.Vers 50 ff. Der Guslar mutet dem Kaiser die Gesinnung eines serbischen Bauern zu, der seine Tochter am liebsten in eine reiche Sippe hinein verkauft, um durch eine solche Verschwägerung sich selber zu sichern. Vgl.Kraussin ‘Sitte und Brauch der Südslaven’, Wien 1885, S. 373.Vers 72 ff. Ehrfurcht vor dem Alter ist bei den Südslaven ein allgemeines sittliches Gebot, s. ‘Krauss, Sitte und Brauch’ S. 603. Über Blutschande vgl. a. a. O. S. 221 ff. Unter den südslavischen Sippen ist die Exogamie seit uralten Zeiten vorherrschend. Als schrecklichste aller Sünden wird Buhlschaft unter Paten betrachtet, vrgl. a. a. O. S.616 ff.Vers 105. ‘In hundert guten Augenblicken.’ Vrgl.Krauss: Sreća. Glück und Schicksal im Volkglauben der Südslaven, Wien 1886, S. 144 ff.Vers 106.čokanvom italienischenciocco, Klotz, Keule, Stock, Feldherrnstab, Szepter.Vers 107. Unser Guslar hältKijevo(Kiew) für den Namen der russischen Kaiserburg, der Guslar des Liedes vom König Bonaparte für den Namen einer Ebene. Die Kenntnisse des südslavischen Bauern über Russland sind eben sehr gering und immer verworren, märchenhaft.Vers 110. čarkadžija der Plänkler, wie in Vers 117 slavischrtnik; vom türkischenčarka; nachDaničić’s Vermutung stammt das türkische Wort aus dem italienischenschermugio, französisch escarmouche, das Scharmützel.Vers 146. Als ‘schwarze Königin’ werden in serbischen Sagen serbische und bosnische Königinnen-Witwen (Jerina) bezeichnet, die das Volk durch Härte und Grausamkeit zur Verzweiflung trieben. Mijat, der Hajduk, erzählt, die Verbrechen der schwarzen Königin hätten ihn von Haus und Hof vertrieben. Auch die nordslavischen Volksagen kennen die blutgetränkte Gestalt einer wunderholden, männersüchtigen, schwarzen Königin.Sacher-Masochhat die bekannte slavische Sage den Deutschen in Novellenform mitgeteilt.Vers 152.Španjur, sonstšpanjugfür ‘Spanier’. Spanier kämpften um das Jahr 1570 im dalmatischen Küstenlande gegen die Türken. Nicht viel mehr als der blosse Name erhielt sich im Volke bis in die Gegenwart. Vrgl. das Guslarenlied beiKraussin: ‘Das Mundschaftrecht des Mannes über die Ehefrau bei den Südslaven’, Wien 1886.Vers 156.Kuriši, vom türkischen kurmak, einrichten, aufstellen.Vers 179.Mostovfür mostove, doch ist gerade beimostdie Mehrzahlmostidie üblichere.Vers 187. Der Engel statt der Vila, die in Wolken fährt. Vrgl.Kraussin: Die vereinigten Königreiche Kroatien und Slavonien, Wien 1889, S. 123 ff. Denselben Guslar, der sonst in solchen Fällen immer Vilen auftreten lässt, an die er ja glaubt, leitet unbewusst das richtige Gefühl, es sei unstatthaft, eine südslavische Vila einem Ausländer aus weiter Fremde und noch dazu im Auslande erscheinen zu lassen.Vers 188. Der gläubige Christ soll durch einen blutigen Kampf den Sonntag nicht entheiligen.Vers 209. Eine Pfeife Tabak verehrt man selbst dem erstbesten Unbekanntenauf dem Wege, wenn er einen darum anspricht. Tabak gedeiht in Bosnien in Überfülle und war vor Einführung des staatlichen Monopols spottwohlfeil zu haben. In Bosnien gedeihen aber auch Zwetschken überreichlich, und daher hatte ein Reuter voll dieses Obstes vor den Zeiten des Eisenbahnverkehrs und ehe sich jüdische Händler einfanden, einen sehr geringen Wert beim Bauer auf dem Gehöfte. Der Guslar will also sagen: Man bekam Sklaven so gut wie geschenkt zu kaufen.Vers 211 f. Seit Jahren ist die letzte Spur der Türkenschanzen weggeräumt worden. Jetzt entstand dort eine der herrlichsten Parkanlagen Wiens. Nur der Name ‘Türkenschanze’ ist der Anlage geblieben.

Erläuterungen.

Zu Vers 1. Die Bezeichnung ‘Tatarin’ für den Sultan, ‘sunce od istoka’ (Sonne des Ostens), ‘den Nachkommen des Heiligen’, d. h. des Propheten (svečevo kolino) ist eine arge Unrichtigkeit. Sonst wird in den Guslarenliedern der Christen genauer, in den Liedern der Moslimen immer genau unterschieden zwischen dem Sultan und dem Tatar—chan (oder Tataran). Der Sultan wird immerCar(Kaiser), der Kaiser von Österreich meistćesar, seltenercargenannt. Auffällig ist Car für den Herrscher Russlands. Gewöhnlich heisst er in Guslarenliedernkralj moskovski(Moskauer König),kralj od Rusije(Kaiser von Russland),rusinski kralj(russischer Kaiser). Dass zwischenkraljundcarein Rangunterschied bestehe, dessen ist sich der Guslar nicht bewusst.Zu Vers 10 ff. Ich halte mich an den Text und übersetze: Marchfeld. In Wirklichkeit lagerten aber die Türken 200 000 Mann an der Zahl auf dem welligen Hochplateau von Währing (wo noch eine Örtlichkeit den Namen ‘Türkenschanze’ trägt) angefangen in langer Linie bis zu den Wieden. Die Mechitaristenkirche im VII. Bezirk, Neustiftgasse 4, ist gerade an der Stelle erbaut, wo Kara Mustaphas Befehlhaber-Zelt im Jahre 1683 gestanden.Zu Vers 19. ‘Bis zum Apfel und der goldenen Hand.’ Gemeint ist die innere Stadt Wien, jetzt der erste Bezirk. Apfel ist der eiserne Buckel am Tore, Hand bedeutet die Torklinke.Vers 21. Despot, in Erinnerung an den serbischen DespotenBranković. Wenn dieser und der darauffolgende Vers, in welchem einer Rosenkirche (Rosalienkirche) gedacht wird, nicht blosse stereotype Zeilen der Guslarenlieder wären, könnte man an die Burgkapelle denken. Dass die Türken keine Zeit gehabt haben, um Wien herum Moscheen zu erbauen und Minarete zu errichten, braucht nicht erst bewiesen zu werden.Vers 28. Nach der Auffassung des Südslaven, gleichwie des Griechen in der Entstehungzeit der Homerischen Lieder ist das laute Weinen für den Helden keineswegs schimpflich. Überdies ist der Südslave ein wehleidiger Geselle, der sowohl für körperliche als geistige Schmerzen eine geringe Widerstandkraft besitzt. Die grössten Helden, Prinzlein Marko, Mustapha Hasenscharte, fangen oft bei geringfügigen Anlässen zu plärren an, und gerät einer vollends in eines Feindes Kerker hinein, so jammert er so laut, dass es selbst das Burgfräulein im obersten Stock der Warte nicht mehr aushält und nervös wird, wie ein Wiener Schriftsteller, unter dessen Fenster ein Werkelmann ausdauernd leiert. Kaiser Leopold hat beim Ansturm der Türken nicht geweint, vielmehr als ein abendländischer Held trockenen Auges alle Anstalten getroffen, um den Feind zu vernichten.Vers 31. Der Guslar überträgt die Art und Weise des Orientalen beim Schreiben auf den Deutschen. Über Briefe und Briefschreiben bei dem Südslaven vgl.Kraussim ‘Smailagić Meho Ragusa’ 1885. S. 86 zu Vers 129 und S. 142 zu Vers 1584.Vers 35. Kleta R., ‘verflucht’ nennt Petrenija Russland, weil sein Herrscher die Not der bedrängten Christen nicht beachtet.Vers 50 ff. Der Guslar mutet dem Kaiser die Gesinnung eines serbischen Bauern zu, der seine Tochter am liebsten in eine reiche Sippe hinein verkauft, um durch eine solche Verschwägerung sich selber zu sichern. Vgl.Kraussin ‘Sitte und Brauch der Südslaven’, Wien 1885, S. 373.Vers 72 ff. Ehrfurcht vor dem Alter ist bei den Südslaven ein allgemeines sittliches Gebot, s. ‘Krauss, Sitte und Brauch’ S. 603. Über Blutschande vgl. a. a. O. S. 221 ff. Unter den südslavischen Sippen ist die Exogamie seit uralten Zeiten vorherrschend. Als schrecklichste aller Sünden wird Buhlschaft unter Paten betrachtet, vrgl. a. a. O. S.616 ff.Vers 105. ‘In hundert guten Augenblicken.’ Vrgl.Krauss: Sreća. Glück und Schicksal im Volkglauben der Südslaven, Wien 1886, S. 144 ff.Vers 106.čokanvom italienischenciocco, Klotz, Keule, Stock, Feldherrnstab, Szepter.Vers 107. Unser Guslar hältKijevo(Kiew) für den Namen der russischen Kaiserburg, der Guslar des Liedes vom König Bonaparte für den Namen einer Ebene. Die Kenntnisse des südslavischen Bauern über Russland sind eben sehr gering und immer verworren, märchenhaft.Vers 110. čarkadžija der Plänkler, wie in Vers 117 slavischrtnik; vom türkischenčarka; nachDaničić’s Vermutung stammt das türkische Wort aus dem italienischenschermugio, französisch escarmouche, das Scharmützel.Vers 146. Als ‘schwarze Königin’ werden in serbischen Sagen serbische und bosnische Königinnen-Witwen (Jerina) bezeichnet, die das Volk durch Härte und Grausamkeit zur Verzweiflung trieben. Mijat, der Hajduk, erzählt, die Verbrechen der schwarzen Königin hätten ihn von Haus und Hof vertrieben. Auch die nordslavischen Volksagen kennen die blutgetränkte Gestalt einer wunderholden, männersüchtigen, schwarzen Königin.Sacher-Masochhat die bekannte slavische Sage den Deutschen in Novellenform mitgeteilt.Vers 152.Španjur, sonstšpanjugfür ‘Spanier’. Spanier kämpften um das Jahr 1570 im dalmatischen Küstenlande gegen die Türken. Nicht viel mehr als der blosse Name erhielt sich im Volke bis in die Gegenwart. Vrgl. das Guslarenlied beiKraussin: ‘Das Mundschaftrecht des Mannes über die Ehefrau bei den Südslaven’, Wien 1886.Vers 156.Kuriši, vom türkischen kurmak, einrichten, aufstellen.Vers 179.Mostovfür mostove, doch ist gerade beimostdie Mehrzahlmostidie üblichere.Vers 187. Der Engel statt der Vila, die in Wolken fährt. Vrgl.Kraussin: Die vereinigten Königreiche Kroatien und Slavonien, Wien 1889, S. 123 ff. Denselben Guslar, der sonst in solchen Fällen immer Vilen auftreten lässt, an die er ja glaubt, leitet unbewusst das richtige Gefühl, es sei unstatthaft, eine südslavische Vila einem Ausländer aus weiter Fremde und noch dazu im Auslande erscheinen zu lassen.Vers 188. Der gläubige Christ soll durch einen blutigen Kampf den Sonntag nicht entheiligen.Vers 209. Eine Pfeife Tabak verehrt man selbst dem erstbesten Unbekanntenauf dem Wege, wenn er einen darum anspricht. Tabak gedeiht in Bosnien in Überfülle und war vor Einführung des staatlichen Monopols spottwohlfeil zu haben. In Bosnien gedeihen aber auch Zwetschken überreichlich, und daher hatte ein Reuter voll dieses Obstes vor den Zeiten des Eisenbahnverkehrs und ehe sich jüdische Händler einfanden, einen sehr geringen Wert beim Bauer auf dem Gehöfte. Der Guslar will also sagen: Man bekam Sklaven so gut wie geschenkt zu kaufen.Vers 211 f. Seit Jahren ist die letzte Spur der Türkenschanzen weggeräumt worden. Jetzt entstand dort eine der herrlichsten Parkanlagen Wiens. Nur der Name ‘Türkenschanze’ ist der Anlage geblieben.

Zu Vers 1. Die Bezeichnung ‘Tatarin’ für den Sultan, ‘sunce od istoka’ (Sonne des Ostens), ‘den Nachkommen des Heiligen’, d. h. des Propheten (svečevo kolino) ist eine arge Unrichtigkeit. Sonst wird in den Guslarenliedern der Christen genauer, in den Liedern der Moslimen immer genau unterschieden zwischen dem Sultan und dem Tatar—chan (oder Tataran). Der Sultan wird immerCar(Kaiser), der Kaiser von Österreich meistćesar, seltenercargenannt. Auffällig ist Car für den Herrscher Russlands. Gewöhnlich heisst er in Guslarenliedernkralj moskovski(Moskauer König),kralj od Rusije(Kaiser von Russland),rusinski kralj(russischer Kaiser). Dass zwischenkraljundcarein Rangunterschied bestehe, dessen ist sich der Guslar nicht bewusst.

Zu Vers 10 ff. Ich halte mich an den Text und übersetze: Marchfeld. In Wirklichkeit lagerten aber die Türken 200 000 Mann an der Zahl auf dem welligen Hochplateau von Währing (wo noch eine Örtlichkeit den Namen ‘Türkenschanze’ trägt) angefangen in langer Linie bis zu den Wieden. Die Mechitaristenkirche im VII. Bezirk, Neustiftgasse 4, ist gerade an der Stelle erbaut, wo Kara Mustaphas Befehlhaber-Zelt im Jahre 1683 gestanden.

Zu Vers 19. ‘Bis zum Apfel und der goldenen Hand.’ Gemeint ist die innere Stadt Wien, jetzt der erste Bezirk. Apfel ist der eiserne Buckel am Tore, Hand bedeutet die Torklinke.

Vers 21. Despot, in Erinnerung an den serbischen DespotenBranković. Wenn dieser und der darauffolgende Vers, in welchem einer Rosenkirche (Rosalienkirche) gedacht wird, nicht blosse stereotype Zeilen der Guslarenlieder wären, könnte man an die Burgkapelle denken. Dass die Türken keine Zeit gehabt haben, um Wien herum Moscheen zu erbauen und Minarete zu errichten, braucht nicht erst bewiesen zu werden.

Vers 28. Nach der Auffassung des Südslaven, gleichwie des Griechen in der Entstehungzeit der Homerischen Lieder ist das laute Weinen für den Helden keineswegs schimpflich. Überdies ist der Südslave ein wehleidiger Geselle, der sowohl für körperliche als geistige Schmerzen eine geringe Widerstandkraft besitzt. Die grössten Helden, Prinzlein Marko, Mustapha Hasenscharte, fangen oft bei geringfügigen Anlässen zu plärren an, und gerät einer vollends in eines Feindes Kerker hinein, so jammert er so laut, dass es selbst das Burgfräulein im obersten Stock der Warte nicht mehr aushält und nervös wird, wie ein Wiener Schriftsteller, unter dessen Fenster ein Werkelmann ausdauernd leiert. Kaiser Leopold hat beim Ansturm der Türken nicht geweint, vielmehr als ein abendländischer Held trockenen Auges alle Anstalten getroffen, um den Feind zu vernichten.

Vers 31. Der Guslar überträgt die Art und Weise des Orientalen beim Schreiben auf den Deutschen. Über Briefe und Briefschreiben bei dem Südslaven vgl.Kraussim ‘Smailagić Meho Ragusa’ 1885. S. 86 zu Vers 129 und S. 142 zu Vers 1584.

Vers 35. Kleta R., ‘verflucht’ nennt Petrenija Russland, weil sein Herrscher die Not der bedrängten Christen nicht beachtet.

Vers 50 ff. Der Guslar mutet dem Kaiser die Gesinnung eines serbischen Bauern zu, der seine Tochter am liebsten in eine reiche Sippe hinein verkauft, um durch eine solche Verschwägerung sich selber zu sichern. Vgl.Kraussin ‘Sitte und Brauch der Südslaven’, Wien 1885, S. 373.

Vers 72 ff. Ehrfurcht vor dem Alter ist bei den Südslaven ein allgemeines sittliches Gebot, s. ‘Krauss, Sitte und Brauch’ S. 603. Über Blutschande vgl. a. a. O. S. 221 ff. Unter den südslavischen Sippen ist die Exogamie seit uralten Zeiten vorherrschend. Als schrecklichste aller Sünden wird Buhlschaft unter Paten betrachtet, vrgl. a. a. O. S.616 ff.

Vers 105. ‘In hundert guten Augenblicken.’ Vrgl.Krauss: Sreća. Glück und Schicksal im Volkglauben der Südslaven, Wien 1886, S. 144 ff.

Vers 106.čokanvom italienischenciocco, Klotz, Keule, Stock, Feldherrnstab, Szepter.

Vers 107. Unser Guslar hältKijevo(Kiew) für den Namen der russischen Kaiserburg, der Guslar des Liedes vom König Bonaparte für den Namen einer Ebene. Die Kenntnisse des südslavischen Bauern über Russland sind eben sehr gering und immer verworren, märchenhaft.

Vers 110. čarkadžija der Plänkler, wie in Vers 117 slavischrtnik; vom türkischenčarka; nachDaničić’s Vermutung stammt das türkische Wort aus dem italienischenschermugio, französisch escarmouche, das Scharmützel.

Vers 146. Als ‘schwarze Königin’ werden in serbischen Sagen serbische und bosnische Königinnen-Witwen (Jerina) bezeichnet, die das Volk durch Härte und Grausamkeit zur Verzweiflung trieben. Mijat, der Hajduk, erzählt, die Verbrechen der schwarzen Königin hätten ihn von Haus und Hof vertrieben. Auch die nordslavischen Volksagen kennen die blutgetränkte Gestalt einer wunderholden, männersüchtigen, schwarzen Königin.Sacher-Masochhat die bekannte slavische Sage den Deutschen in Novellenform mitgeteilt.

Vers 152.Španjur, sonstšpanjugfür ‘Spanier’. Spanier kämpften um das Jahr 1570 im dalmatischen Küstenlande gegen die Türken. Nicht viel mehr als der blosse Name erhielt sich im Volke bis in die Gegenwart. Vrgl. das Guslarenlied beiKraussin: ‘Das Mundschaftrecht des Mannes über die Ehefrau bei den Südslaven’, Wien 1886.

Vers 156.Kuriši, vom türkischen kurmak, einrichten, aufstellen.

Vers 179.Mostovfür mostove, doch ist gerade beimostdie Mehrzahlmostidie üblichere.

Vers 187. Der Engel statt der Vila, die in Wolken fährt. Vrgl.Kraussin: Die vereinigten Königreiche Kroatien und Slavonien, Wien 1889, S. 123 ff. Denselben Guslar, der sonst in solchen Fällen immer Vilen auftreten lässt, an die er ja glaubt, leitet unbewusst das richtige Gefühl, es sei unstatthaft, eine südslavische Vila einem Ausländer aus weiter Fremde und noch dazu im Auslande erscheinen zu lassen.

Vers 188. Der gläubige Christ soll durch einen blutigen Kampf den Sonntag nicht entheiligen.

Vers 209. Eine Pfeife Tabak verehrt man selbst dem erstbesten Unbekanntenauf dem Wege, wenn er einen darum anspricht. Tabak gedeiht in Bosnien in Überfülle und war vor Einführung des staatlichen Monopols spottwohlfeil zu haben. In Bosnien gedeihen aber auch Zwetschken überreichlich, und daher hatte ein Reuter voll dieses Obstes vor den Zeiten des Eisenbahnverkehrs und ehe sich jüdische Händler einfanden, einen sehr geringen Wert beim Bauer auf dem Gehöfte. Der Guslar will also sagen: Man bekam Sklaven so gut wie geschenkt zu kaufen.

Vers 211 f. Seit Jahren ist die letzte Spur der Türkenschanzen weggeräumt worden. Jetzt entstand dort eine der herrlichsten Parkanlagen Wiens. Nur der Name ‘Türkenschanze’ ist der Anlage geblieben.

1La fin du roi Bonaparte. Chanson des Guslars orthodoxes de la Bosnie et Hercegovine. Par le Dr.Friedrich S. Krauss. Extrait de la Revue des Traditions populaires t. IV. No. 1 et 3. Paris. Maisonneuve et Ch. Leclerc, 1889. 8o.2Die Belege dazu werden als besonderer Abschnitt in einem anderen meiner Bücher erscheinen.3Meine bosnische Fassung der Schnurre erschien im Jahrbuch der Gesellschaft für Folklore in Paris.

1La fin du roi Bonaparte. Chanson des Guslars orthodoxes de la Bosnie et Hercegovine. Par le Dr.Friedrich S. Krauss. Extrait de la Revue des Traditions populaires t. IV. No. 1 et 3. Paris. Maisonneuve et Ch. Leclerc, 1889. 8o.

2Die Belege dazu werden als besonderer Abschnitt in einem anderen meiner Bücher erscheinen.

3Meine bosnische Fassung der Schnurre erschien im Jahrbuch der Gesellschaft für Folklore in Paris.


Back to IndexNext