Vorwort.

Ich habe absichtlich die französischen, italienischen, eventuell flämischen Ausdrücke beibehalten, da ich von der Anschauung ausgehe, daß in deutscher Übersetzung die Worte unverständlich werden. –

Meine Ansicht, was eigentlich derpoint d'Angleterreist, habe ichAllan ColeDirektor desSouth KensingtonMuseum nachgebildet. –

Die englischen Spitzen berühre ich nur flüchtig, da sie mir zu wenig bekannt sind – und ihr Unterschied nur eine Geschmackdifferenz der belgischenduchessezu den englischenduchesse-honitonbedeutet. Übertorchon-Clunyund alle die vielen Auvergnespitzen habe ich, was ihre Geschichte anbelangt, zu wenig Material gefunden, künstlerisch haben sie aber fast gar keine Bedeutung, ebensowenig für die Entwicklungsgeschichte der Spitzen, wohl aber ökonomisch. Meine Absicht ist, ein leicht faßliches Handbuch für spitzenliebende Damen zu schreiben – eine Art Nachschlagebuch, da es in dieser Art meines Wissens in deutscher Sprache nichts gibt.

Ich versuche die charakteristischen Merkmale der einzelnen Spitzen hervorzuheben – ihre Verwandtschaft untereinander – und nehme einen so ziemlich neuen Standpunkt insofern ein als ich die große Bedeutung des technischen Verfahrens betone und so lege ich starkes Gewicht auf die innige Verwandtschaft der genuesischen Klöppelspitzen mit den flämischen einerseits undandererseits der Mailänder zu den Brüsselern (Brabanter undpoint d'Angleterreetc.) in ihrer geteilten Ausführungsart.

Ich nehme also Genua, Mailand, Flandern und Brabant als Gattungsbegriffe an.

Andererseits suche ich die Wechselwirkung der Klöppel- und Nadelspitzen der einzelnen Nationen untereinander im Stil und Zeichnung zu betonen.

Natürlich ist das Thema in keiner Weise erschöpft.

Ich habe mich tunlichst aller Anekdoten enthalten.

Ich verweise auf die Werke vonAllan Cole, A. M. S.,Bury Paliser,Dregeretc.

Die Originale der abgebildeten Spitzen befinden sich zum Teil im Besitze der Damen: Frau Anna von Herz-Hertenried, Frau Fanny Kobeck-Steyrer, Frau Löw-Unger und ich spreche diesen Damen hiermit meinen besten Dank für die freundliche Überlassung der Spitzen zum Zwecke der Abbildung aus.

Nichts ist so sehr vom Weibe, für das Weib geschaffen, wie die Spitzen. Nichts kleidet die Frau jeden Alters – ob Kind oder Greisin – besser und lieblicher als die Spitzen. – Nichts aber auch ist in der Arbeit selbst so symbolisch weiblich, wie dieser schönste und edelste Schmuck, dessen Anfertigung hingebende Geduld und rastlosen Fleiß erheischt: Zu stillem, weltfremden Lebenswandel gezwungen, arbeitet und müht sich die Spitzenarbeiterin ihr Lebelang für andere! – Es wäre daher nur zu begreiflich, wenn die Frauen stolz wären auf dieses ihr eigenstes Gebiet, auf welchem sie noch niemals vom Manne überholt wurden, das so originell und künstlerisch hochstehend ist. – Und dennoch ist eben in den letzten Jahrzehnten eine gewisse Stagnation in diesem Zweige echt weiblicher Kunstfertigkeit zu bemerken, deren Grund wohl nicht allein in der Nachahmung durch die Maschine, sondern gewiß auch in tiefergehenden soziologischen und ökonomischen Momenten zu suchen ist.

Ein geistreicher Franzose hat das XIX. Jahrhundert »das Zeitalter des Talmis« genannt – Preßglas, Pakfong, Kunstmarmor und eine Unzahl anderer Imitationstechniken und Pseudomateriale versuchten die Erzeugnisse auf den betreffenden Produktionsgebieten zu überholen, im Preise zu unterbieten, und deren Nachahmungen als Massenartikel breiten Schichten zugänglich zu machen.

Als naturgemäße Reaktion gegen diese mißverständlich demokratischeTendenz sehen wir in eben demselben Jahrhunderte den Sammelgeist wie noch nie erwachen: Edle Bronzen, echte Teppiche, geschliffene Gläser, all die zahllosen Betätigungen längst dahingegangenen Kunstfleißes kamen zu noch nicht dagewesener leidenschaftlicher Würdigung. – Denn der Mensch hat – sei es die Schwäche, sei es den Vorzug, je verfeinerter er wird, desto mehr den Trieb sich aristokratisch von der Masse differenzieren zu wollen und den Besitz von Gegenständen eifrigst anzustreben, die nicht jedermann zugänglich sind und deren Erkenntnis und Genuß allein einen höheren Grad von Kultur voraussetzen. Merkwürdigerweise scheinen die Spitzen von dieser Strömung ausgeschlossen zu sein; wohl hat man noch selten so viele Spitzen getragen wie gerade jetzt; aber die Trägerinnen echter Spitzen sind zu zählen und Frauen, die sich schämen würden, falschen Schmuck anzulegen, schmücken ihre Kleider, ihre Wäsche, ihr Heim in unbegreiflicher Unbekümmertheit mit der Lüge der falschen Spitze! Der moderne Mensch hat offenbar das Verständnis für die Schönheit der echten Spitzen verloren und ist auf diesem Gebiete so ungebildet und abgestumpft, wie kaum einem anderen Kunstzweige gegenüber.

Früher klöppelten und nähten die vornehmen Frauen selbst, sie bildeten ihre Umgebung heran, ein fortwährender Meinungsaustausch bestand, der Ehrgeiz wurde geweckt, die Phantasie angeregt, und in diesem Wettbewerb erwuchsen die reizenden Blüten der alten Spitzenkunst.

Heute unterscheidet die Dame oftmals kaum die Nähespitzen von den Geklöppelten; sie versteht die Technik nicht, und so bleibt sie vor den schönsten Arbeiten gleichgültig. Aber ebenso wie die besten Bewunderer einer Bilder- oder Photographien-Ausstellung stets die Dilettanten sind, und das Publikum eines Pianisten meistens Selbstspielende im Konzertsaal bilden werden, ebenso würde erst dann die Dame die Spitzen voll genießen, wenn sie selbst dilettantisch Spitzen erzeugen würde; keinesfalls würde sie damit der Berufsarbeiterin Konkurrenz machen, sie würde nurmit erhöhter Neugierde den Schöpfungen ihrer ärmeren Schwestern gegenüberstehen. Wahre Freude und wirkliches Interesse kann zweifellos nur da vorhanden sein, wo ein gewisser Grad von Verständnis und Vorbildung für den Gegenstand gegeben ist: Ein derartiges Verständnis müßte sich gerade in unserem Falle sozusagen automatisch verbreiten, denn der Besitzerin und Trägerin von schönen Spitzen genügt es nicht, daß sie allein deren Wert kennt, sie möchte auch das Interesse ihrer Umgebung dafür wecken. – So war es einstens, so ist es heute noch in weit höherem Maße als bei uns zu Lande in Frankreich, in Belgien, in England. –

Es genügt wahrhaftig nicht, daß wir im Inlande künstlerisch und technisch gleich hochstehende Spitzen zu erzeugen vermögen, daß wir von ausländischen Ausstellungen die höchsten Preise heimtragen, wenn das heimische Publikum verständnislos der eigenen Ware gegenübersteht. Zunächst müßte das Publikum verstehen lernen, worin die Schönheit der Spitzen besteht, warum der Preis bei diesen und jenen höher oder niederer ist, so wie es die kleinste und bescheidenste Bourgeoise in Paris versteht, bei ihren Einkäufen in allem und jedem zu differenzieren und zu taxieren, und nie das Gefühl des »Betrogenwerdens« hat, das jeden Einkauf zur Qual macht. Und nicht nur die modernen Spitzen, auch dem ererbten Spitzenschatze wird dann die Dame mit dem angeregten Interesse des annähernden Sachverständnisses gegenüberstehen, sie würde ihn allgemach bewerten, bewundern, und lieben lernen: »Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen« gilt auch hier.

Oft ist durch kleine Mittel viel Gutes zu schaffen: In den Schulen müssen heute noch die kleinen Mädchen obligat einen Strumpf stricken lernen; meistens bleibt es auch der einzige ihres Lebens, denn hier hat die Maschine die anerkannte Meisterschaft davongetragen. Könnte man nicht lieber in derselben Zeit die Grundbegriffe der Spitzenarbeit lehren? Den Ärmeren würdedamit vielleicht die Anregung zu einem späteren Nebenerwerbe, zumindest aber eine praktische Kenntnis mehr gegeben, die ihnen einmal einen bescheidenen, gediegenen, selbstgeschaffenen Luxus erlauben würde. Die Wohlhabenden würden vielleicht den Spitzen ein regeres Interesse bewahren. Man wende nicht ein, daß die Spitzenarbeit dem Auge schädlich sei. Vierzehn und mehrstündige Arbeit im Tage, bei schlechtem Lichte, in elenden dumpfen Stuben, schadet freilich der Gesundheit, und die bleichen Gesichter, die uns in den Spitzenindustriedistrikten begegnen, geben dafür ein trauriges Zeugnis: aber ist es minder schädlich, unter denselben Verhältnissen und demselben Zwange einer unerbittlichen Not, tagein tagaus hinter der Nähmaschine zu sitzen?

Aber sollte der wunde Punkt vielleicht darin bestehen, daß es eben ein Kunstzweig des Weibes für das Weib ist? Der Mann interessiert sich außer kommerziell fast gar nicht mehr dafür; früher trugen die Männer gleich den Frauen Spitzen, aber fast parallel mit dem Aufkommen der Maschinenerzeugungen legten die Männer die Mode des Spitzenjabots ab. – Ist es gesucht, dies in einen Zusammenhang zu bringen? Und soll man es nur damit motivieren, daß der Mann zu jener Zeit ein für allemal mit dem Putze aufhörte? – Ich glaube nicht; denn die gestärkte Wäsche ist, so einfach sie sich ansieht, doch unverhältnismäßig teuer; auch weil sie sich unendlich schnell abnutzt.

Die Kleidung des Mannes ist durchwegs solider und reeller, die Stoffe sind fester und dauerhafter, es wird der Schein gemieden; und so bin ich überzeugt, daß, wenn heute wieder eine Modelaune oder ästhetische Einsicht die Jabots für die Männer aufbrächte, es gewiß keinem eleganten Manne einfiele, Maschinenspitzen dafür zu verwenden. Die mondaine Frau hingegen gibt jährlich viele Perzente ihres Toilettegeldes für etwas Falsches, Unschönes und Undauerhaftes aus, das nach einer Saison verschwinden muß, während die echten Spitzen, wenn auch teurer, den bleibenden Wert haben: in verschiedenster Verwendung könnenein und dieselben Spitzen immer wieder aufleben und verwendet werden. Es gibt Damen, die wahre Schätze an alten Spitzen besitzen, und auf ihren Kleidern nur falsche tragen; sie wenden achselzuckend ein, einmal Tragen könnte zu viel Wertvolles vernichten, kaufen aber deshalb keine modernen echten Spitzen, weil sie zu viel alte besitzen. Die Logik hinkt in diesem Falle. Die modernen Spitzen sollen doch nicht die Erbsammlung vergrößern, und als totes Kapital liegen bleiben, sondern sollen eben, weil sie neu sind, und der Faden noch nicht mürbe und brüchig ist zum wirklichen Kleiderschmucke dienen. Es wird niemand leugnen, daß nichts so gut kleidet, wie echte Spitzen. Weiß ist stets die beste Umrahmung für ein Gesicht, besonders für ein nicht mehr ganz junges. Es löst die scharfen Schatten durch den Lichtreflex auf, der Ton der Haut wird gehoben und belebt, und erscheint durchsichtiger. Es ist oft schwer, besonders an der Winterkleidung, dieser ästhetischen Regel zu folgen. Doch Spitzen lassen sich immer anbringen, nur müssen es echte sein. Es fiele keiner Dame ein, in einem eleganten Hauswesen Porzellan auf den Tisch zu bringen, wie man es auf Bahnhöfen oder Vergnügungs-Etablissements als Massenartikel verwendet; sie nehmen aber auch gewöhnlich nicht ihr altes Meißner oder Wiener Porzellan von der Wand herab in Benutzung, sondern sie verwenden ein geschmackvolles modernes Service, das – wenigstens im Prinzip – kunstgewerblich so hoch steht, daß es in kommenden Tagen, wenn es die vorübergehende Periode des Unmodernseins überwunden hat, würdig seinen Platz neben den Antiquitäten anderer Zeiten ausfüllen wird.

Nun haben die Spitzen eine eigentümliche, nicht genug gewürdigte Eigenschaft: sie werden niemals unmodern, nicht nur objektiv gesprochen, sondern auch subjektiv; sie sind einfach alt oder neu. Das Odium »unmodern« haftet ihnen niemals an. Nehme man Brüsseler Spitzen aus den 40er bis 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, also gewiß keiner guten Stilzeit.Sie werden trotzdem verwendet werden können, ohne dem Kleide den Stempel der Geschmacklosigkeit aufzudrücken. Man versuche das mit einem Gold- oder Juwelenschmucke aus dieser Zeit! Oder selbst mit einem Schirmgriff, einem Retikule oder einer Gürtelschnalle.

Noch eine andere Eigenschaft haben die Spitzen, welche nicht genügend beachtet wird, obwohl sie dem Zuge unserer Zeit so sehr entspricht. Sie sind der individuellste Zierat, den eine Frau haben kann, falls sie ihn nur irgendwie anstrebt. Die exklusivste Mode wird nach einem Vierteljahre zum abgedroschenen, banalen Tragen, daher das rasche Wechseln der sich differenzieren Wollenden, und das Imitieren aus zu vergänglichem Materiale des großen Publikums, das atemlose Hasten nach Neuem; und dabei dreht sich die Mode in einem engen Kreise, hascht nach Altem und kombiniert nur Neues.

Wegen dieser Eigenschaften haben die Porträtmaler von jeher die Spitzen gerne an ihren Modellen verwendet: weil sie nicht dem Wechsel der Mode unterliegen; weil sie dem Gesichte einen milden Reflex geben, der die Schatten zart und verschwommen macht und jene vonLeonardo da Vinciverlangte Beleuchtung des zerstreuten Lichtes unterstützen helfen und schließlich wegen ihres individuellen Gepräges.

Die Handarbeit, also das Kunsthandwerk, hat immer einen eigentümlichen Zauber. Ein Hauch von Seele und Charakter des Erzeugers spricht, ihm selber unbewußt, aus seiner vollendeten Arbeit zu uns. Es ist eine bescheidene und naive Sprache. Das Kunsthandwerk verhält sich zur absoluten Kunst, wie das erlauschte Volkslied zu einer die Aufmerksamkeit voll in Anspruch nehmenden Symphonie.

Kleine Unregelmäßigkeiten, kleine persönliche Züge geben der Arbeit ein reizvolles Gepräge, es liegt etwas wie latentes Gemüt in der Arbeit.

Das Milieu spielt neben der Persönlichkeit auch eine großeRolle. Wie ließe es sich sonst erklären, daß so oft Spitzen von einem Land zum andern importiert wurden, und zwar stets zur möglichst getreuen Nachahmung, weil es sich immer um eine geschäftliche Konkurrenz handelte; daß trotzdem die Art der Spitzen in der neuen Umgebung ihr Ansehen veränderte, falls sie sich als neuer Industriezweig wirklich einbürgerten. So geschah es mit den Venetianer Spitzen im XVII. Jahrhundert, die in Alençon aus Brotneid eingeführt wurden, und bereichert zu den Venetianern alspoints d'Alençonzurückkehrten, um sich wieder inpoints plats de Venise, und Buranospitzen zu wandeln. Zur Zeit, als man noch alle Feinheiten der Spitzen voll würdigte, knüpfte die Tradition an manche Stadt besonders hervorragende Vorzüge; so galt es als ausgemacht, daß die Spitzen vonValenciennesunvergleichlich schöner seien, wenn sie in der Stadt selbst erzeugt waren. Dieselbe Arbeiterin, mit denselben Faden und Klöppeln könnte eine inValenciennesangefangene Arbeit außerhalb der Stadt nicht so schön vollenden, hieß es, und ebenso sprach man vonMalinesund anderen Orten, und ist dies auch nur als ein Märchen hier zu wiederholen, so liegt in ihm, wie in jedem Aberglauben ein Kern Wahrheit; die Sitten und Gebräuche, die Reinlichkeit im allgemeinen, die Zartheit der Hände, der ganze Lebenswandel wird durch diesen Beruf beeinflußt. Auch waren die Spitzen wertvoller, wenn sie als fortlaufende ganz von ein und derselben Person angefertigt waren. So bringtMme. Palisereinen Auszug einer Rechnung vonMme. du Barry: 2 barbes et rayons de vraies Valenciennes, 3 aunes ¾ collet, 4 aunes, grand jabot, le tout de la même main.

Es waren die Einfachsten der Einfachen, die Spitzen arbeiteten. Sie kamen wohl nicht oft aus dem Umkreise ihres Hauses heraus und verstanden nicht viel mehr, als ihre Nadel oder den Klöppel zu führen, ihre Ausbildung war eine einseitige, vom Zeichnen hatten sie keine Ahnung, und doch, dadurch, daß sie von frühester Kindheit geübt wurden, insbesondere die Klöpplerinnen(meistens vom fünften oder sechsten Jahre an) beherrschten sie so sehr das Mechanische ihrer Arbeit, daß diese ganz instinktmäßig vor sich ging und ihnen gar keine Schwierigkeiten bereitete, so daß der Überschuß an Aufmerksamkeit sich in einen gewissen, kaum meßbaren sehr verfeinerten Kunstinstinkt umwandelte, der einem sechsten Sinne gleich ihnen anhaftete. Dies haben die Frauen der Spitzenkaste gemein mit den Menschen der Renaissance, den Japanern und den Italienern des Volkes: das Gefühl für das Schöne, das naiv und unbewußt zum Ausdruck kommt und was es berührt, veredelt.

Der Unterschied liegt durchwegs mehr in der Behandlung durch die Verschiedenartigkeit der Technik und des Materiales bedingt, als in der Abwechslung der Zeichnungen aus ein und derselben Zeit. Bevor derréseaugefunden war, war die freie Entwicklung der Zeichnung immer an gewisse Regeln gebunden.

Die älteren Malines haben oft die fast gleiche Zeichnung wie die alten Brüssler Spitzen, dabei ist ihre Ausführung grundverschieden; ebenso verhält es sich mit Brüssler zuMalines,MalineszuLillesundpoint de FranceundValencienneszu Mailänderspitzen.

Man darf nicht vergessen, daß in jenen Zeiten der Stil in allen Zweigen ein einheitlicher war. Die Ornamente, sei es nun für Brokate, Gläserätzung, Waffen, Leder, Samt, Spitzen, entsprangen alle demselben sehr ausgeprägten Stilgefühle.

Bei den ältesten Spitzen mußte das Ornament in seinen Linien ganz dicht ineinander passen; das heißt, es blieb von Linie zu Linie nicht mehr Zwischenraum, als einebrideüberbrücken konnte.

Das Muster war großzügig und füllte die gegebene Breite der Spitzen voll aus. Häufig ist es ein Hauptstamm, von dem aus sich Zweige ranken und Blumen verästeln und möglichst gleichmäßig über den Raum verteilen.

Eine andere Art der Zeichnung, – ein ornamentalesLabyrinth und ein bandartig verschlungener in seiner Abart muschelartiger Dessin, – war sehr verbreitet, besonders letzterer in jenen Gegenden, wo die Spitzenerzeugung nur bäuerliche Hausindustrie blieb, wie in einem Teile Deutschlands, in Rußland und Skandinavien. Aber hier wurde sie zu einem toten Arm, und die Linien der Zeichnungen werden immer geistloser nachgeahmt, wie es stets mit stagnierenden Gedanken geschieht.

Sehr bezeichnend für diese Art hausbackener Dessin nennen die Italiener diese Spitzenvermicelli. Die oft sehr hübschen Litzenspitzen sind eine bequeme und billigere Nachahmung derselben, und entarteten schließlich in die schrecklichen modernenpoint-laces. Je schöner und vollkommener die Spitzen sich entwickelten, desto mehr trachtete Zeichnung und technische Ausführung miteinander Schritt zu halten. Um dem Zwange des Ineinanderfügens der Linien zu entgehen, machte manbrides, die sich in der weiteren Technik verästelten und noch später eine unregelmäßige, wabenartige Masche bildeten. Es war den Klöpplerinnen vorbehalten, den eigentlichenréseauerfunden zu haben.

Von den flandrischen Spitzen übernahmen denréseaudiepoints d'Alençon, und von denen wieder die Venezianer; erst mit dem Aufkommen des regelmäßigenréseaus, welches der Zeichnung Rückhalt und Stütze gab, konnte sich diese frei entfalten. Es ist die beste Zeit für den Stil der Spitzen. Das Ornament folgte im freien Schwung, ungehemmt durch technische Rücksichten, den Eingebungen der Phantasie, und blieb edel. Man fühlt noch die traditionelle Schulung und das Maßhalten; später erst zersplitterten sich die Ornamente, wurden erfindungsarm und sparsam, was auch teilweise durch die billigere Herstellungsart, insbesondere als die Applikationen aufkamen, bedingt war. So hat die Erfindung desréseauseinen ausschlaggebenden Einfluß auf die Zeichnung und Art der Spitzen genommen. Jetzt erst konnten die leichten, zarten Volants gemacht werden. Die Spitzen individualisierten sich oder besser gesagt, nationalisierten sich. DerZeichner konnte seiner Phantasie mehr Spielraum geben und fand reiche Anregung in den herrschenden heimatlichen Ornamenten, sowie in der Verwendung für die Volkstrachten und häuslichen Gewohnheiten. Geographisch hat aber anfangs Italien mit seinen Spät-Renaissance-Ornamenten lange Zeit die Zeichnungen ganz beeinflußt, sie wurden aber später ganz und gar von dem Versailler Stil der aufeinander folgenden drei Louis verdrängt, der von nun an, besonders in allen größeren Volants zum Ausdrucke kommt. Es ist Decadence, aber reizende Decadence, die nur leider den Übergang zu dem großen Geschmacksverfall bildet. So reizend und erfindungsreich sich diepoints d'Alençon, die Venetianischen undpoints d'Angleterrein ihren abwechslungsvollen Dessins darstellen, so bringen sie doch ein Element hinein, welches eigentlich nicht mehr ganz zur Spitzendarstellung geeignet ist, schwere, zu irdische Gegenstände, die man sich gar nicht anders, als wie in den drei Dimensionen vorstellen kann, Menschen, Musikinstrumente, Gueridons, Vasen, kurz Dinge, die durch ihr Gewicht in Widerspruch mit dem Transparenten und Ätherischen der Spitzen stehen, und was schließlich in dem Mißverständnis der Ornamente derChantillydes XIX. Jahrhunderts endet. Die Blumen sind verkürzt, und mit Voraussetzung der Perspektive dargestellt, außerdem hat man noch die absolute Imitation der Natur im Auge. Diese Spitzen verlieren trotz ihrer großen Prächtigkeit viel dadurch, daß sie bei ihrer Anfertigung durch zu vielerlei Hände gingen, daß die Zeichnung nicht mit der Technik im Einklang steht, und daß mit ihnen die Individualität, das höchste Ziel des Kunsthandwerkes abhanden kommt, denn diese kann nur erreicht werden, wenn sie, in der Hauptsache wenigstens, nur von einer Person gemacht werden. So stehen die flämischen Klöppelspitzen in dieser Beziehung an erster Stelle. Wie die Teilung der Arbeit beiAlençonund Venetianer eintrat, verlor sich die innige Fühlung des Gedankens und der Interpretation, und am schlimmsten in der Beziehung, was geistloseArbeit anbelangt, sind auch die in der Zeichnung zu unterst stehendenChantilly.

Man versteht unter Spitzen eine Arbeit, die entweder durch Hilfe von Nadel oder Klöppel auf einem regelmäßigen Grunde, –réseauundtreillegenannt – gemacht ist, oder eine Arbeit ähnlicher Art, deren Zeichnung sich von einem unregelmäßigen Grunde abhebt. Letztere erscheint dadurch, daß sie unabhängig von einem Grund gemacht ist, freier, doch legt ihr eben diese scheinbare Freiheit mannigfachen Zwang auf.

Die Wirkung der Spitzen als reich, elegant, einfach, weich, durchsichtig und kleidsam hängt von der Anordnung und Verteilung der:fond,toilé,mats,jours,grillé,engrêlure,pied,picots,bridesuntereinander ab, und von der Wahl des Materiales.Charles Blanchat einen ausgezeichneten Vergleich aufgestellt. Die Nadel verhält sich zum Klöppel, wie der Bleistift zum Wischer. Was die Nadel hervorhebt und unterstreicht, verwischt und mildert dagegen der Klöppel. Die Kontur der Nadelspitzen ist stets eine klare, fast harte. Die Klöppelspitzen hingegen haben etwas Weiches, Verträumtes und Mildes. Aber im allgemeinen kann die Technik aller Spitzen am besten mit einer Radierung verglichen werden. Wie die Kunst des Graveurs mit der Radiernadel genau weiß, welche Wirkung mit schiefen, geraden, kurzen oder breiten Strichen, mit Punkten und Kreisen, Wiederholungen, mit Aussparungen und Verdichtungen, mit Licht und Schatten erzielt wird, so weiß auch die Spitzenverfertigerin alle Reichtümer ihrer Technik auszunützen. Hier wird einmatangewendet, hier eingrillé, dort ein Übergang mit einemjour; ein Akzent wird durch das Cordonet gegeben, und einen Kontrast oder einen Ausgleich soll der Fond bilden, und die Wahl des Fadens, der Nadel oder des Klöppels ist wie die Wahl des Papiers und Ätzmittels.

Da wie dort kann man sagen: kleine, sehr kleine Ursachen, große Wirkung. Alle diese kleinen Ursachen mit Takt anzuordnenund richtig zu benützen, führt zur Meisterschaft in dem Fache und bildet die Kunst. Das Wort Spitzen ist selbst nicht sehr alt, ebensowenig wiedentelles, und wurde erst in Anwendung gebracht, als die gezackten Kragen und Manschetten aufkamen; und anfangs gebrauchte man es nicht allein. Man sagte,passement à bord droit. Das Wortpassement, Kante, Borte, wurde bis ins Jahr 1800 meistens gebraucht, und zwar ohne viel Differenzierung für jedweden Kleideraufputz, der als Abschluß dienen konnte, sei es nun eine gold- oder silbergewebte Borte, oder eine Stickerei (mit Perlen besetzt), wenn es nur den Zweck des Besatzes erfüllte oder bortenmäßig benützt werden konnte.

Ein zweites Wort: »Kanten« wurde lange Zeit besonders in Nord- und Nordwest-Deutschland gebraucht, so wie dies noch heute im Holländischen der Ausdruck für Spitzen ist. Ob die Wortepointsoderpointoisvon dem Wort Stich oder dem anschaulichen Begriff der Spitzen, scharfen Zacken herrühren, ist schwer zu entscheiden. Aber eben, weil die Spitzen vielerlei Ursprünge und Abarten hatten, gab es ursprünglich kein einheitliches Wort dafür. Man war früher genauer und umständlicher. Wenn man später unterpointskurzweg Nadelspitzen verstand, so sind unterdentellesnicht ebenso als Gegensatz Klöppelspitzen zu verstehen. Man sagte:

passement dentelépassement à l'aiguillepassement fait au métier.

Passement denteléwar anfangs einfach ein Modeausdruck, als die stark gezackten Kragen und Manschetten, insbesondere die genuesischen, getragen wurden, und entspricht dem »gezähnt, gezackt«. Im Deutschen beschränkte man sich meistens auf die sinngetreue Übersetzung aus dem Französischen. Die spitzenerzeugende Bevölkerung hat die technischen Bezeichnungen fast alle aus dem Flämischen und Plattdeutschen übernommen.

Der Käufer gebrauchte das französische Wort und dessendeutsche Übersetzung. Denn die deutsche Umgangssprache war nach dem dreißigjährigen Kriege gewiß zum Drittel mit französischen Worten untermengt, und es galt als guter Ton, dieses Kauderwelsch zu sprechen, insbesondere die Mode und höfischen Worte, und so finden sich bis heute viele Ausdrücke des Spitzenhandels nur im Französischen und werden unverändert gebraucht:barbe,volants,ruche,à jour,fichu,manchette,jabots,picots,etc.

Was den Ursprung der Spitzen anbelangt – geht es einem wie mit einem Flusse; geht man seinem Ursprunge nach, so entdeckt man, daß er aus vielen kleinen Bächen, Quellen und Zuflüssen entsprungen ist. Manchmal fließen diese lange nebeneinander und erst nach und nach stoßen sie zusammen, um den mächtigen Strom zu bilden. Viele Quellen der Spitzen entspringen im Orient. Damals war das ganze abendländische Kulturleben vom Orient befruchtet. Die Prachtliebe, die Farbenfreudigkeit, stammen aus dem Osten; feine schleierartige Gewebe wurden gleich der Seide erst durch die Kreuzzüge wirklich bekannt. Diese Stoffe wurden bewundert und man versuchte sie der europäischen Tracht anzupassen. Auf den präraffaelitischen Bildern sehen wir die heiligen Frauen mit einem unendlich feinen Schleier auf dem Haupte, demZanzera, und ein Streifen dieses zwischen dem Leinen-Battiste und der Seidengaze stehenden Stoffes umhüllt ihnen keusch Nacken und Busen. Der Rand des »Zanzera« sowohl wie der des hemdartigen Gewandes sind mit einem zarten, erhabenen Ornamente geschmückt, oder auch bloß fein gefältelt; fast könnte man glauben, eine Art Spitzen zu entdecken; es sind jedoch keine, und diese Schleier haben andere Bedeutung. Es ist in bezug auf die Spitzen der Beginn der Jahrhunderte lange währenden Mode des Weiß als Abschluß zur Haut, und zu dieser Verwendung wurden später die meisten Spitzen gemacht.

Andere Quellen wurzeln in den heimischen Zünften Goldstickerei,Posamentiererei und Weberei. Aus diesen entwickelten sich die Guipures. Ferner die Gold- und Silberspitzen, die Klöppelspitzen und wie sie später an jeweiliger Stelle aufgezählt und geschildert werden.

Italien und die Niederlande kämpfen um die Palme, die Spitzen zuerst erzeugt zu haben, diese Frage wird wahrscheinlich niemals unanfechtbar zu Gunsten des einen oder des anderen Landes entschieden werden. Zu viel Chauvinismus trübt die älteren Berichte, und später trat ein so reger Austausch von Land zu Land ein, jedes neue Muster, jeder Fortschritt in der Ausführung, jede Mode und jeder Erfolg verbreiteten sich sofort weit über die Grenzen der eigenen Heimat.

Vermutlich werden die Versuche fast gleichzeitig gemacht worden sein, der Boden war eben reif die Saat aufzunehmen und sprießen zu lassen. Keinesfalls darf man sich vorstellen, als ob die Spitzen plötzlich als eine Art Erfindung entstanden wären, gleichwie Minerva aus dem Haupte Jupiters sprang. Nein, langsam bildeten sich die Spitzen, aus den verschiedenen Zweigen der textilen Künste ihre Motive und Anregungen schöpfend; die Spitzen wurden fortwährend verändert und die Technik erweitert, und als in ihrer Entwicklung ein Stillstand eintrat, – im Anfange des vergangenen Jahrhunderts, – war auch eine gewerbliche Stagnation, ob Ursache oder Wirkung bleibt unentschieden, ihre Begleiterscheinung.

Und deshalb haben zum Beispiel die modernen österreichischen Spitzen den Keim der Lebensfähigkeit in sich, weil sie sich nicht begnügten, zu imitieren, sondern selbständig weiterschufen, an alte Tradition anknüpfend, neue Techniken verwertend. Jedenfalls sind die Näh- und Klöppelspitzen ziemlich gleichzeitig als selbständige – freie – Spitzen gemacht worden; es dürften nur die Vorläufer der Nähspitzen, nämlich die Leinenà jourArbeiten, in der Zeichnung und Wirkungs-Intention auch den Klöppelspitzen, die in der Technik von Posamentiererei und Weberei lernten,zur Anregung gedient haben. Genäht wurde zuerst aber nur der Nützlichkeit wegen, infolgedessen bildete sich die Technik der Nadel am meisten und schnellsten aus. Dem Nützlichen gesellte sich bald der Wunsch nach dem Schönen zu. Nebstbei kam es Tischtuch, Vorhang und Gewand zu statten, wenn die Säume beschwert wurden. Das betreffende Stück benutzte sich besser, es hatte einen schöneren Faltenwurf und der Wind konnte weniger damit herumschlagen, bei feineren Geweben aber verhütete man dadurch, daß die Säume sich aufrollten. So entwickelte sich die Technik immer mehr und es konnten neue Versuche gemacht werden. Die orientalischen Knüpfarbeiten (macramé), die Fransen, das Zusammenziehen der Fäden, bei schütteren Geweben in Gruppen und Büscheln, das Herausziehen der Fäden, das Besetzen mit doppeltem Stoff, das alles bildete sehr hübsche Effekte; Ornamente wurden gebildet, und so waren »à jour« und »punto tirato« da. Die ausgeschnittenen Stellen, – vielleicht wurde manchmal aus der Not eine Tugend gemacht, – wurden mit Rädern und Stäbchen aus Knopflochstich mit spinnetzartigen Mustern gefüllt. Und diese einfachen geometrischen Figuren wurden mit der Zeit und Übung immer komplizierter und da fängt die Grenze an, wo es oftmals schwer zu unterscheiden ist, ob sie noch alspoints coupé,punto tagliatooderpunto tirato, aus der Leinwand gearbeitet sind, oder schon als selbständige Spitzen (punto in aere) behandelt wurden. In Österreich nennt man diese Arbeiten meistens, ohne viel Unterschied zu machen, Reticella oder Ragusaspitzen, was aber weder der allgemein gebräuchliche noch durchaus richtige Ausdruck ist. Die Fischer haben von altersher genetzt, es wurden Stoffe und Borten gewebt, Passements aus Gold und Silber, teils gewebt, teils gestickt. Aus dem Orient kamen Anregungen; das täglich umgehende Leben gab auch solche nicht nur in den textilen Handwerken, sondern auch in Architektur, im Ziselieren der Waffen, überall fand man das Streben durch Licht und Schatten und scharfe Konturenkünstlerische Wirkungen zu erzielen, die nicht auf Farbe und Plastik beruhen. Und so versuchte man mit anderen Mitteln dasselbe, was schließlich in den Spitzen gipfelte.

In alten Zeiten war der mündliche Meinungsaustausch ein großer. Ebenso wie in den Spinnstuben abends, kamen tagsüber Gruppen von Frauen, Mädchen und Mägde zusammen, um in dem Hause einer vornehmen und reichen Frau gemeinsam zu arbeiten. War es nun eine Altardecke, oder die Heiratsausstattung für ein manchmal noch kaum geborenes Kind, an denen sie jahrelang schufen, geschah es in einem Kloster oder Hospiz, immer wurden neue Versuche gemacht, der Ehrgeiz angespornt, Neues zu finden und sich auszuzeichnen. Die Damen, welche die Sachen trugen, oder verschenkten, die bei ihnen angefertigt wurden, beeinflußten und überwachten Geschmack, Schnitt, Muster, Wahl des Materiales. Die Mädchen aus dem Volke brachten Anregungen aus dem Berufsmilieu, dem sie entstammten. Das Fischermädchen, mit dem Netzen vertraut, machte feinen Grund, eine Zeichnung wurde in Stopfstich, »point de reprise« auf das Netz übertragen. So bleibt die Frage, ob die Niederlande mit dem feinsten Flachs, oder Italien mit seinem Ornamenten-Reichtum, die Wiege der Spitzenkunst war, unentschieden. Im allgemeinen behaupten die Autoren, daß man Venedig die Näh-, Belgien die Klöppelspitzen verdanke.

Jedenfalls waren die Venetianer Spitzen im XVI. Jahrhundert hoch berühmt und damals war Venedig in Mode und Luxus die tonangebende Stadt, wie später Paris.

Nebstdem kann man den Einfluß des nahen kirchlichen Rom nie hoch genug einwerten. Die Kirche war ja der Brennpunkt der gesamten abendländischen Künste und Handwerke. Und sie ist allem Neuen auf diesem Gebiete Pate gestanden, wie die Erzeugnisse oftmals ihr bestimmt wurden. Die Liturgie schreibt aber im Dienste des Altars bloß Wachs, Leinwand, Gold und Silber vor, also verhältnismäßig beschränktes Material. So magdas päpstliche Rom naturgemäß das Endziel abertausender Erzeugnisse fleißiger Frauenhände des Nordens gewesen sein, das Schönste und Beste, die Träume resignierter Menschenherzen wurden mit Geduld und heiligem Eifer in Spitzenkunstwerke umgesetzt. – Die mit Saumstickerei beschwerten Leinwandstreifen werden wohl die ersten Spitzen geschmückt und als Altardecke gedient haben. Später erst werden Bettwäsche, Tischzeug und Hemd ähnlichen Zierat erhalten haben. Alter, ebenso wie der geographische Ursprung, sind demnach schwer genau zu bestimmen. Man kann sich nur nach Bildern, Büchern und Rechnungen richten und diese sind nicht immer genaue Anhaltspunkte. Wer wollte wohl die Jahreszahl der Erfindung der Lokomotive nach dem Vorkommen auf Bildern bestimmen wollen?

Aber nichts ist so verwirrend, und das Interesse erlahmend für den Laien – wie die Spitzen nur nach Alter und Landschaft ordnen zu wollen; wissen wir doch aus anderen Kunstzweigen, wie sich Stil und Art verschleppt; wie Möbel in unseren Alpentälern oft um viele Jahrzehnte gegen verkehrsreichere Zentren sich verspäten und z. B. gotische Formen noch bis spät ins neunzehnte Jahrhundert, stets unbehindert von Tagesströmungen, wiederholt wurden und sich zu einer Art Volksstil umgestalteten.

Aus den Jahren 1527 und 1528 stammen die ersten Musterbücher für Nähspitzen; das erste erschien in Köln, das zweite war von dem VenetianerAntonio Taglienteherausgegeben. Dieser sagt selbst, er habe zum Teile schon vorhandene Muster von Meistern gesammelt, zum Teile neue Muster selbst erfunden und gezeichnet; es erscheint daher sehr begreiflich, daß der Auflage dieses Buches eine große Anzahl von Jahren vorausgegangen ist, in denen das Spitzen-Nähen und Klöppeln eine weite Verbreitung gefunden hatte, denn das Bedürfnis nach neuen Mustern ist ein Beweis, daß die alten eine schon zu allgemeine Verbreitung hatten und abgedroschen waren, und daß in Italien und im zivilisierten Europa damals schon das Spitzenerzeugen ein Industriezweig fürviele Gegenden war, und nicht eine bloße Nebenbeschäftigung für die Mußestunden mancher Frauen bildete. Diese ersten Muster zeigen uns zum größten Teile geometrische Figuren, soweit sie für die Nähtechnik gedacht waren.

Punto tiratoist einer der ältesten und primitivsten Vorläufer der Nadelspitzen. Sie sind ganz aus einem groben aber schütteren Leinwandgrund herausgearbeitet. Geschnitten wurde nichts, die Ketten- und Schußfäden wurden in Gruppen und Bündel zusammengezogen und geschoben, mit Zwirn überwickelt und bildeten den Grund eines viereckigen Netzwerkes. Das Muster aber wurde in der Leinwand ausgespart. Naturgemäß erscheint die Zeichnung eckig und hart. Manchmal suchte man dies zu mildern, indem man die Kontur mit einem Leinen- oder Seidenfaden abrundete und allzu schroffe Ecken darunter verschwinden ließ. Das Muster war breit, Tierdarstellungen, wie Einhorn, Drache, Pelikan, Adler, Hirsche und Schlangen waren beliebt, auch Adam und Eva, plumpe Reiter und dergleichen kommen vor. Diese Arbeiten zeigen alle eine gewisse Schablonenhaftigkeit; sie sind meistens nicht breiter als zirka ein Meter (die Breite eines Handwebestuhles) und ein glatter Leinwandstreif schließt sie gegen unten ab; dieser häufig mit einer flachen weißen oder bunten Stickerei versehen. Die groben Klöppel- oder Nähspitzen, die manchmal diesepunto tiratoArbeiten umgeben, sind immer erst später dazugefügt worden.

Diese Tücher, die in ihrer Naivität vielfach an die modernen skandinavischen Hausindustrieerzeugnisse erinnern, dienten hauptsächlichals Altardecken, Tischtücher und auch vielfach zur Zierde des Bettes, in dem diese Streifen unter der Matratze eingebettet wurden und mit ihrem verzierten Teile über den Rand des Bettes heraushingen. Ferner wurden sie noch zu Bett- und Fenstervorhängen und Handtüchern verwendet; für Leibwäsche oder Kleiderschmuck eigneten sie sich nicht.

Große Ähnlichkeit im Dessin mit dempunto tiratohaben die Filetarbeiten, doch sind die letzteren in Geschmack und Ausführung weit verfeinerter. Ihre Technik ist nicht mehr so primitiv und erlaubt ihnen eine genauere und schönere Interpretation der Zeichnung. Die Gestalten, oftmals apokalyptische Tiere, Drachen, Phantasievögel, sind harmonischer und besser in den Proportionen und erscheinen daher nicht so plump. Zuerst wurde ein feines Netz gearbeitet und auf dieses wurde die Zeichnung in einer Art Webe- oder Stopfstich übertragen.

Nach den Ornamenten zu urteilen, wurden diese Tücher meistens für den Altardienst oder eine sonstige kirchliche Verwendung gemacht. Aber auch Bettvorhänge und Tischtücher wurden damit geziert. Es war eine sehr dauerhafte Handarbeit und man findet sie häufig in privaten und öffentlichen Sammlungen. Sie wurde auch farbig ausgeführt. Diese Art von Arbeiten müssen für die gute Wirkung verhältnismäßig wenig Mühe gemacht haben. Sie wurden in neuester Zeit wieder als Dilettantenbeschäftigung nachgemacht und haben als Fensterstores und dergleichen hübsche Verwendung.

Eines ist noch zu erwähnen. In den Filetarbeiten wird zum ersten Mal der Knopflochstich in Anwendung gebracht, auf dem später die ganze Nähspitzentechnik sich aufbaute.

Mit diesen zwei erwähnten Arbeitsgattungen, dempunto tiratound dempunto ricamatohört für lange Zeit das phantastische Tierornament auf. Die unentwickelte Anfangstechnik despunto tagliatoerlaubte dergleichen nicht, sie war, obwohl in der Ausführung edler und mühevoller, doch in der Wahl der Muster beschränkter, und mußte sich mit der Ausführung von geometrischen Figuren begnügen. Es wurden Quadrate, Rhomben und dergleichen aus der Leinwand ausgeschnitten, teilweise ließ man auch in denselben Webefäden stehen und benutzte sie als Basis für das Ornament; doch alle Fäden, sei es nun neu gespannte oder die der Grundleinwand wurden mit Nadelarbeit überzogen, und zwar kamen nur dreierlei Stiche in Anwendung. Zuerst wurde der Rand der ausgeschnittenen Stelle mit Knopflochstich befestigt, dann wurden die Stäbchen, welche vier bis sechs Fäden gebildet hatten, mit einer Art Webestichen überflochten; dünnere Stäbchen aus bloß ein oder zwei Grundfäden wurden einfach überwickelt und endlich noch konnten diese vertikal, horizontal und diagonal laufenden Stäbchen als Speichen zu einer Art Räderwerk dienen, und dieses war wieder aus Knopflochstich gebildet. Auchpicotskamen schon zur Anwendung. Die Stellen der Leinwand, welche ausgespart geblieben waren, wurden nun mit einer flachen, oft grünen, braunen, gelben oder roten Stickerei ausgefüllt, und zwar lief der Stich derselben immer parallel zum Webefaden.

So primitiv diese Art Arbeiten anfangs sind, – sie ließen dem Ornament viel weniger freie Entwicklung, wie die zwei früher besprochenen Arbeiten, – so bilden sie doch die letzte Vorstufe zu den eigentlichen Näh-Spitzen. Mit der Zeit wurde immer mehr Leinwand weggeschnitten und selbständige Fäden gezogen, um das Gerüst für die stets komplizierter werdenden Ornamente zu bilden;endlich begnügte man sich nicht mehr mit den Stäbchen und Festons, man füllte freie Stellen mit dicht aneinander gedrängten Knopflochstichen aus, entwarf die Zeichnung gleich auf Pergament, und so entstand derpunto in aria, die ersten selbständigen Venetianerspitzen. So lange diese Spitzen aus geometrischen Figuren gebildet sind, nennt man sie Reticella, oder auchGreek lace,dentelles grequesund zwar wurde ihnen dieser Name deshalb beigelegt, weil zur Zeit des griechischen Befreiungskrieges die englische Besatzung der ionischen Inseln diese Art Hausindustrie sehr häufig bei der Bevölkerung derselben fand, und man in dem damaligen allgemeinen Griechenenthusiasmus darin Spuren klassischer Kultur zu finden glaubte und ganz vergaß, daß diese Inseln, wie Dalmatien, noch kurz vorher unter der Oberhoheit der venezianischen Republik gestanden hatten und daß diese Spitzen alte italienische Kulturtradition waren, und im Gegensatze zu den Erzeugnissen des Mutterlandes in ihrer Entwicklung über ein Jahrhundert lang stehen geblieben waren, während in der Lagunenstadt die Venetianerspitzen immer herrlicher aus ihren primitiven Anfängen herausreiften und ihren Siegeslauf über die Welt antraten.

Die Venetianer Nadelspitzen entwickelten sich aber in verschiedenen Gattungen: es sind Reticella,gros point de Veniseoder Venetianer Reliefspitzen, in Rosaline, in flache Venetianerspitzen, Coraline und inpoint de Venise à réseauund in Burano. Alle diese Spitzen haben keinenréseaumit Ausnahme der Burano undpoint de Venise à réseau. Gleich nachdem die freien Nadelspitzen, die Reticella, aufkamen, wurden sie für die Mode der Krause benutzt; mit schmalenpunto in aerebesetzte man die Ränder derselben, dann kam die Mode der sogenannten Stuartkragen, für welche etwas breitere Spitzen verwendet wurden. Alle Porträts aus der Zeit zeigen uns Männer und Frauen mit Rüschen, Krausen und Stehkragen, es war eine Zeit, wo man besonders im Nordwesten von Europa sehr viel Schwarztrug und die weißen Spitzen waren das einzig helle und kostbare an der Kleidung; es war die Zeit der Religionskriege, der Einkehr in sich selbst und vielfach des Ernstes und der Heuchelei. Dann kamen die Umlegkragen auf; man sagt Ludwig XIV. hätte als Jüngling so schöne blonde Locken gehabt, daß er die Mode der unbequemen Halskrausen deshalb abschaffte, und nun begann die Herrschaft der Allonge-Perücken, Umlegkragen und Kravatten und große Farbenfreudigkeit drang von dem Süden über Frankreich nach dem Norden. Es ist die Zeit, in welcher die Venetianerspitzen höchste Mode waren. Es gibt wohl keine bessere Bezeichnung für diese, als das Wort pompös. Große schwere Barockzeichnungen, die es meistens verschmähen, sich auf ein und derselben Garnitur zu wiederholen, sind ihnen eigen; erhabene, oftmals auch ganz plastische Blumen erhöhen ihre Wirkung. Es sind stolze, kostbare Spitzen, etwas steif, etwas parvenuehaft paßten sie vorzüglich auch als Schmuck für jene prachtliebenden, herrschsüchtigen Menschen der Nachrenaissance, jener Zeit der raffiniertesten Kultur neben großer Barbarei, und hohen Kunstsinnes neben der Vorliebe für abgeschmackte, öde Poesie. Andere Spitzen sind auch mühsam und kostspielig, aber sie schreien es nicht so laut in die Welt hinaus. Jeder Stich erzählt von den Mühen und dem Golde, das sie kosteten.

Wenn man sich aber den Hintergrund zu diesen prächtigen Spitzen denkt, schwere Samte und Brokate, in satten, leuchtenden Farben, nicht zart und verschwommen, alles kostbar und gediegen, so kann man nur bewundern, wie gut diese Art Spitzen als Krönung zu dem üppigen Geschmacke paßt, wie großartig ihre entschiedenen Linien und ihr selbstbewußtes Aussehen wirken.

Diese Venetianer Reliefspitzen werden immer in Leinwandfäden1ausgeführt; ein Cordonet, aus mehreren Fäden odermanchmal sogar aus Roßhaarunterlage gebildet, wird mit dichten Knopflochstich um die vorher vollendetenMatsundjoursgenäht. Das Eigentümliche an dieser Gattung ist zunächst ihr Relief, ferner die zahlreichenpicots, die das Cordonet zieren, endlich daß fast gar keinebridesin Anwendung kommen. DieMatsoderpleinssind jene Teile in der Zeichnung, welche am meisten der Leinwand gleichen. Sie werden aus ganz dicht aneinandergereihten Maschen gebildet. Diejourswerden aus mannigfachen Zusammenstellungen der Maschen, aber stets lockerer und durchsichtiger gebildet; es gibt deren eine große Auswahl, und um sie zu arbeiten werden die besten und geübtesten Arbeiterinnen verwendet. Die Kelche der Blumen und alle jene Teile des Ornamentes, die sich durch große Leichtigkeit auszeichnen sollen, werden alsjoursbehandelt, außerdem werden oft noch ganz freiliegende Blätter aufgesetzt2, welche die plastische Wirkung sehr steigern und einen hübschen Kontrast zwischen Licht und Schatten erzeugen; unwillkürlich wird man beim Anblicke dieser Meisterwerke an Stuckornamente erinnert. Überdies gibt es wirklich ein interessantes, offenbar vereinzelt dastehendes Beispiel für die Wechselwirkung der Nadelspitzen zu dem Stukko: In der Provinz Ferrara, in der Kirche vonCarpi, sind die Predellen aller Altäre mit Stukkoverzierungen geschmückt, die zum Verwechseln treu die venezianischen Reliefspitzen nachahmen.

Gewiß ist dies schon eine dekadente Kunsterscheinung, aber es wäre dennoch interessant zu erfahren, wieso bloß in Ferrera dergleichen gemacht wurde, und zwar mit hübscher Wirkung.

Diegros point de Venisehaben sich im Laufe der Jahre fast nicht geändert; vor 250 Jahren waren die Dessins und die technische Ausführung nicht anders, und man bleibt heute noch meistens dem hergebrachten historischen Stile treu, es werden Berthe, Volants, Kragen, Manschetten etc. gemacht.

Da die Herstellung unendlich mühsam ist, große Geschicklichkeit, genaues, reines Arbeiten und Geschmack von den Ausführenden verlangt, ist und war sie stets eine der teuersten Spitzen.

Nicht umsonst war sie zu so großer Berühmtheit gelangt, man versucht sie daher auch in einfacher Ausführung zu imitieren oder wenigstens ihre Wirkung im großen und ganzen zu erreichen; so steht die dem Kontinente wenig bekannte irische Technik der Carrikmaccroß unter dem Einflusse der Reliefspitzen. Hier wird die Zeichnung in Battist ausgeschnitten und mit einem groben Cordonet umsäumt oder manchmal noch auf Tüll applikiert.

Auch die irischen Häkelspitzen streben wohl den Effekten der Venezianerspitzen nach.

Obwohl die Fachwissenschaft im allgemeinen der Ansicht zuneigt, daß derpoint de rose, – Rosaline – späteren Datums als die Reliefspitzen ist, mag doch das Gegenteil plausibler scheinen. Der Stil der Zeichnung ist weniger barock und edler, zierlicher und recht verschieden von den Reliefspitzen; meistens ist es ein dichtes, ineinander verschlungenes Astwerk, welches nur hie und da von einer kleinenjour-Blume belebt wird, die schwach –en relief– gearbeitet ist; das Ganze ist viel präziser und eleganter, und obwohl bescheidener in der Wirkung, noch kostbarer wie die Reliefspitzen. Die krause Verworrenheit der Zeichnung zeigt weniger Wucht und Majestät aber mehr Lieblichkeit. Die zahllosen meist unregelmäßigen, nur manchmal rautenförmig angeordnetenbridesrichtig und geschmackvoll zu verteilen erfordert von der Arbeiterin mehr als manuelle Geschicklichkeit, sie erheischt persönlichen Geschmack und künstlerischen Takt. Diepoint de roseverdienen ihren Namen in mehrerlei Beziehung. Die eigentümlichenbrides picotées,3die so charakteristisch für dieRosaline sind, haben die Form von Rosetten. Endlich haben die Rosalines häufig, aber nicht immer, ganz kleine Relief-Röschen, die ziemlich naturgetreu geformt sind. Jedenfalls sind diebrides campanéesdas wesentlichste Kennzeichen derpoint de rose, welche übrigens wegen deren Ähnlichkeit mit den Schneekristallen auch oftmalspoint de neigegenannt wurde.

Eine Schwäche der Rosalines ist, daß sie stets als Volants gearbeitet werden und zwar in oben und unten ganz geraden, einförmigen Linien abgeschlossen sind; daspiedoderengrelurewird nach dem Abschluß als ganz besonders und meistens feiner gearbeitetepicots picotéesgearbeitet und steht nicht in genügendem stilistischen Zusammenhang mit dem eigentlichen Spitzenstreifen.

Rosaline und Reliefspitzen wurden reichlich an Paramenten verwendet, Chorröcke, Altardecken, Kelchdecken, wurden mit ihnen besetzt. Aber auch in der weltlichen Kleidung für Frauen wie Männer fanden sie, so weit ihre Kostbarkeit nicht in Betracht kam, uneingeschränkte Verwertung.

Die flachen venezianischen Spitzen –point plat de Veniseerinnern stark an Klöppelspitzen. Sie sind, wie ihr Name sagt, stets ganz flach, und entbehren sogar das Relief durch das Cordonet. Eine durchgedachte und wohldurchgeführte Zeichnung mit vielen und reichenjoursläßt mehr wie mechanisches Können durchblicken, hübsche zahlreichebrides picotées, die zierlichen dreiteiligen Rosetten wie Eisnadeln, erinnern an denpoint de rose; es sind verhältnismäßig lange Stäbchen, an denen wie zarte Kristalle eine Anzahl anmutigerpicotsangereiht sind, aber immer in Gruppen. Diesebridesund ihre Zeichnung, die increscendounddiminuendoauf- und abschwillt, unterscheidet sich von der Coraline oder den sogenannten eigentlichen Venetianerspitzen. Diese erinnern, wenn auch an eine andere Gattung, ebenfalls an Klöppelspitzen und zwar an die Bändelspitzen und sie bilden das Pendant in Nadelausführung zu den sogenannten Kirchenspitzen. Die Zeichnung hat wenig Bedeutung, sie ist wirr undverschlungen; in ziemlich gleich breiten Streifen windet und schlängelt sie sich gedankenlos dahin, wenige oder gar keinejourstragen dazu bei, ihr ein ziemlich monotones und nicht so kostbares Gepräge wie bei obengenannten Spitzen zu geben. Ihr Reiz besteht hauptsächlich in ihrenbrides picotées,4die eine nicht geschlossene sechseckige Masche bilden und diepicotsstehen einzeln und gleichmäßig verteilt auf denbrides. Diese maschenartigenbridesbilden den Übergang zu den eigentlichen Reseauspitzen, sie sind schon in Reihen parallel zu denpiedsausgeführt. Kunstlos halten sie sich mehr an die Natur und an ihren Namen Coraline knüpft sich die Erzählung, daß sie zuerst von einem verliebten Fischermädchen einem von ihrem Geliebten geschenkten Korallenzweige nachgeahmt wurden.

Tatsächlich haben diese Coraline etwas venetianisch Volkstümliches, sie sind und bleiben wie reizende Naturkinder stets mit ihrer Heimat eng verwachsen und wurden niemals außer im Venetianischen gemacht, während ihre kunstvollen Schwestern, überall, wo je Spitzen erzeugt wurden, gleich schön oder schöner nachgeahmt wurden, hauptsächlich in Belgien und in Frankreich.

Als nun in Venedig durchColbertsSchöpfung – (der französischen Spitzen-Industrie) – die Hauptausfuhr nach Frankreich versiegte und dieses überhaupt die Führung in Modefragen übernahm, trat eine zeitweilige Stagnation in der Pointserzeugung ein, doch die Not lehrte die Venetianer und wie ehemals die Franzosen bei ihnen in die Lehre gegangen waren, so trachteten sie jetzt von ihren Konkurrenten zu lernen und diewichtigsten Neuerungen, insbesondere die Verwertung des Reseaus für die Regeneration ihrer Spitzen zu verwenden. Bald nationalisierten sich diese Alençon-Imitationen wieder, es entstand der sogenanntepoint plat de Venise à réseau. Es waren ganz flach genähte Spitzen, von gar keinem Cordonet umsäumt und hatten einen ähnlichen Maschengrund, wie der Reseau despoint d'Alençon, nur war er stets unregelmäßig und die Maschen fielen nicht in eine Linie, näherten sich mehr dem Viereck und waren verschwommen, doch fiel dies nicht so sehr auf, da der Grund nicht stark in Betracht kam; das Dessin war so groß und breit angelegt, daß nur in kleinen Zwischenräumen verhältnismäßig wenig Platz für denfondblieb; sie haben mit Sedanspitzen viel Ähnlichkeit. Es sind ausgesprochene Rokokkozeichnungen aus Lilien, Muscheln, Blüten und Knospen mit ungraziösen Schnörkeln, die den sogenannten Jesuitenstil an sich tragen.

Die ganzen Arbeiten machen einen flachen, fast geklöppelten Eindruck; das Cordonet, wenn man einen bloß etwas stärkeren Faden so nennen kann, ist ganz platt an der Fläche gearbeitet und ist mit unendlich feinenpicotsgegen denréseaugetrennt. Die sehr feinen Maschen laufen horizontal zum Rand und der Faden ist äußerst fein und das Ornament wird schon so schablonenhaft angewendet, daß man bei einzelnen Formen den natürlichen Ursprung kaum mehr entdecken kann. Ein großer Reichtum anjourszeichnet sie aus, die alle zu beschreiben nicht möglich ist; häufig kehrt ein einziges Ornament wieder.

Es ist überhaupt bemerkenswert, daß ein großes Abwechseln anjoursmeistens mit einer gewissen Korruptheit des Stils Hand in Hand geht, ein Überladen mit Details, welches in allen Kunstgattungen zu verfolgen ist, und die Armut an Gedanken verbergen soll.

Diese flachen Venetianerspitzen mitréseauwurden von der zweiten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts bis zum Ende der venetianischen Republik in Venedig hauptsächlich auf den Laguneninselngemacht. Die politischen Verhältnisse, die immer zunehmende Verarmung und der Verfall in der Lagunenstadt bewirkten, daß die Spitzenindustrie, ein wesentlich von Luxus und Eleganz lebendes Gewerbe, ganz zugrunde ging. Über Europa brausten die Stürme der französischen Revolution überall merkbar nach. Ein demokratischer Geist fegte viele Gebräuche, Mißbräuche und Reichtum weg, doch auch viel guter Geschmack und reizende Gewohnheiten verschwanden damit für immerwährende Zeiten. Auf der Insel Burano fristeten eine Gattung Spitzen kümmerlich ihr Dasein weiter, die armen Fischerfrauen machten unscheinbare Spitzen, die ihre Abkunft von denpoint d'Alençonnicht verleugnen konnten, aber in Stil und Ausführung degeneriert waren und aus groben, ungleichmäßigen Fäden gemacht waren. Im Jahre 1864 schrieb MadameBury-Paliser: »Die Venetianer Spitzen existieren nicht mehr.« Und doch, acht Jahre später wurde dieses verlöschende Flämmchen zu neuem Leuchten entfacht. Es wurde auch mühsam und kunstvoll ins Leben gerufen, durch Mitleid und Wohltat. Im Jahre 1872 brach ein ganz außerordentlich strenger Winter über Oberitalien herein. Die Lagunen waren zugefroren und die Fischer konnten wochenlang nicht ihrem Berufe nachgehen. Die Not war eine unbeschreibliche und rief die öffentliche Teilnahme wach.

Eine Sammlung wurde zum Teil für die ersten Bedürfnisse der Armen verwendet, der Rest wurde in weiser Vorsorge für die Gründung einer Hausindustrie gespart. Man sagt, es hätte damals ein uraltes Mütterchen gelebt, die als einzige den Venetianerspitzenstich noch machen konnte,Ceccia Scarporiolo; sie, halb blind und gelähmt, unterwies die Fischermädchen und lehrte ihnen, was sie wußte, ein Damenkomitee, an dessen Spitze die GräfinAdriano Mercellostand, setzte sich mit ganzer Kraft für dieses Unternehmen ein. Ganz Italien, an seiner Spitze die Königin Margherita, interessierte sich für diese Neuschöpfung in Burano, und bald konnten die ersten, seit langer Zeit wieder inVenedig verfertigten Venetianerspitzen, verkauft werden. Seither ist die Spitzenerzeugung in Venedig wieder eine blühende Einnahmsquelle geworden. Burano blieb unter dem Patronat des Komitees, die Familie Marcello wurde zu einer Art Spitzen-Dynastie und die Buranospitzen sind die besten und schönst gearbeiteten von Venedig, sie gehörten nicht, wie leider die meiste Marktware Venedigs, in die Rubrik Andenken-Verkaufs-Erzeugnisse, die harm- und gedankenlose Hochzeitsreisende, nicht zur Ehre Venedigs, nach Hause bringen.

In Burano werden jetzt wieder alle Gattungen der früheren Venetianerspitzen gepflegt, meistens sind es Spitzen ohneréseau, nur mit einen Grund vonbrides, häufig in gelblicher Farbe, mit Ausnahme derpoints de Burano. Diese sind aber noch immer den Alençon-Spitzen ähnlich, die Muster bleiben dem Stil der drei Louis Frankreichs treu; derréseauhat fast viereckige Maschen.

Derréseauder Burano sieht jedoch niemals den anderenfondsähnlich, es macht immer einen eigentümlichen flockigen, verwaschenen und verzogenen Eindruck, was zum Teile von dem unregelmäßigen Faden herrühren mag. Das Cordonet der Burano ist nur niedergenäht und niemals, wie bei den Alençon mit dem schönen gleichmäßig dichten Knopflochstich überschlungen.

Die Venetianerspitzen gehören historisch Venedig an, aber sie werden überall, wo die edlen Kunstspitzen gemacht werden, mit Erfolg erzeugt, sei es nun in Frankreich, Belgien oder Österreich; Belgien pflegt sehr diese Gattung Spitzen und hat wahrscheinlich einen größeren Umsatz darin, als Italien; man sagt, daß viele, und zwar die beste Ware nach Italien besonders an die Riviera von Belgien geliefert wird, aber auch in Venedig werden belgische Venetianerspitzen verkauft.

Von 1560 bis ungefähr zur Hälfte des XVII. Jahrhunderts exportierten die Venetianer eine ungeheuere Menge Nadelspitzen, sie deckten den ganzen Bedarf Europas, denn nirgends wurden ihre Spitzen so gut nachgeahmt, daß man ihnen nennenswerte Konkurrenz machen konnte.

Die verschiedenen Regenten erließen zahlreiche Erlässe gegen den übertriebenen Luxus, hohe Schutzzölle, strenge Verbote nützen und frommen nicht gegen die Macht der herrschenden Mode. Frankreich stand an der Spitze der importierenden Länder. Für viele Millionen Francs wurden alljährlich Spitzen aus Venedig eingeführt und die Nachfrage steigerte sich noch zusehends unter Louis XIV. Der »roi soleil«liebte in seiner Jugend üppigen Luxus und Glanz, er selbst beeinflußte die Moden und sprach allen Verordnungen seiner Minister Hohn, indem er für sich und seinen Hof den größten Aufwand an Spitzen aller Gattungen trieb, insbesondere aber die Venetianer bevorzugte. Es gab damals kaum ein Kleidungsstück, das nicht aus Spitzen gemacht oder mit Spitzen verziert wurde, breite Umlegkragen,jabots,manschetten,kanons, das sind Spitzenvolants, die aus den Stulpstiefeln hervorsahen, Rosetten an den Schuhen, an denjarretieren, Barben, Hauben, Schürzen, Bett- und Tischzeug, kurz alles war mit Spitzen versehen. In den Feldzügen, im Lager, über Harnischen, im Boudoir, in Kirchen und Klöstern, überall waren Spitzen zu sehen. Wenn man nun bedenkt, daß Frankreich verhältnismäßig wenig Spitzen im Lande produzierte, so begreift man, welch ein wirtschaftlicher Aderlaß dies für Frankreich war, und wie Flandern und Venedig dabei gewannen. Von der Macht der Mode kann man sich einen Begriff machen, wenn man die strengen Gesetze der damaligen Zeiten betrachtet; mit Schmugglern machte man nicht viel Federlesens, man knüpfte sie an den nächstenBaum oder schoß sie nieder, und trotzdem, da der Gewinn verlockend genug war, wurden die Schmuggler nur schlauer und erfindungsreicher, und Ballen von Spitzen fanden ihren Weg über die französische Grenze.

Wenn es kaum eine Kunst oder ein Kunsthandwerk, das durch Jahrhunderte so anonym geblieben ist, wie das der Spitzen gibt, denn überall anders treten uns Namen entgegen, so tritt ausnahmsweise der Name und die GestaltColbertshervor, ein Genie, das seinerzeit im Anfassen der nationalen Wirtschaftspolitik um Jahrzehnte vorauseilte, der nicht nur Altes unterstützte, sondern Neues schuf, der das so wichtige Prinzip erkannte, daß ein Luxus, so lange das Geld im Lande bleibt, und nichts vom Auslande importiert wird, nationalökonomisch nicht schädlich ist, da selbst sinnlose Ausgaben der Reichen das Geld ins Rollen bringen, Industrieen schaffen, die für den Export Bedeutung erlangen können, und das Volk zu großer Regsamkeit anspornen.

Colbertwar mit einem Wort der erste moderne Finanz- und Handelsminister, er war der erste, der mit den nationalen Gütern nicht Raubbau trieb, er wollte nicht nur ernten, sondern säte auch in der Gegenwart für die Zukunft. Ihm hat Frankreich den ersten Impuls für die allen Stürmen trotzende Entwicklung der Industrie zu danken, er gründete oder förderte Manufakturen, wie die Gobelinweberei, Sèvresporzellanerzeugung, er ließ die so kostbaren und damals bloß in Venedig erzeugten Venetianerspiegel in Frankreich erfolgreich nachahmen, und endlich gründete er die Spitzenindustrie.

Colberterkannte gleich, daß auf dem Wege der Verbote die Verhältnisse nicht zu sanieren waren. Mit der Mode mußte gerechnet werden, blieb nur das Geld im Lande, und es war das Beste die Passion für die eigene Heimat auszunutzen.Colbertfaßte seine Sache erfolgreich an. In Frankreich hatte man bis dahin Nadelspitzen kaum fabriziert, doch war die Anfertigung des über alle Länder populärenpoint coupéauch dort eingebürgert;hie und da hatte wohl auch die eine oder andere Spitzen-Matrone auf eigne Faust Venetianerspitzen aber minderwertig imitiert. Er suchte sich nun zur Pflanzstätte seiner Ideen jenen Bezirk Frankreichs aus, der eine relativ gut geschulte weibliche Bevölkerung besaß, und das warAlençon, mit Nachbarschaft, wieAurillac,Argentanetc.

Die Gründung derAlençon-Spitzenindustrie ist deshalb eine sehr bemerkenswerte, weil sie eine vollkommen bureaukratische ist, sie wurde vom Schreibtisch aus diktiert, und mit Erfolg ins Leben gerufen. Im allgemeinen war und ist die Spitzenerzeugung stets eine volkstümliche gewesen, die nur hie und da in den Klöstern Förderung fand, von den Regierungen früher häufig eher gehemmt als unterstützt wurde.Colbertwar der erste, der nationalökonomisch und administrativ wohl durchdachte Gründungen durch Ausbildung von schon existierenden Industrieen durchführte, obwohl er speziell von seiten der Bevölkerung inAlençonanfangs wenig freundliches Entgegenkommen fand. Vor dem Gründungsjahr 1665 hatte eineMme. PerrièreinAlençonvenetianische Spitzen für eigene Rechnung nachgeahmt. Mit ihr und einigen anderen gründeteColbertdie »Manufacture du point de France« wie von nun an alle französischen Spitzen hießen. Die Behauptung, welche die meisten Autoren derMme. Palisernachsprechen, daß die erste Manufaktur inChâteau de LonreybeiAlençonetabliert war, ist nicht haltbar.

Zwei sehr ernste Autoren, wieDuvalundDespierreswidersprechen dieser Annahme und druckten in ihren Werken alte Dokumente als glaubwürdige Beweise ab; abgesehen von diesen Schriften spricht auch noch ein sehr einfacher Gedankengang gegen diese Behauptung. Im Jahre 1665 war die Feudalherrschaft noch in Blüte. Der Adel war noch nicht verarmt, wie später nach der Revolution. Damals, in Reichtum und Ansehen ungebeugt, bewohnten und benutzten die Adeligen ihre Schlösser noch selbst; hatten sie mehrere, so kamen dieselben wohl manches Mal nochzu Lebzeiten des Besitzers in Benutzung einer jüngeren Linie oder einer bevorzugten Maitresse. Ein bußfertiger Bruder oder eine alte Sünderin übertrug oder verschrieb ihre Herrschaft zur Rettung ihrer Seele der Kirche oder einem Kloster, seltener schon wurden Schlösser oder Burgen in Spitäler verwandelt. Doch der Gedanke, ein Schloß in eine Fabrik oder gar in eine Kaserne umzuwandeln, widerspricht ganz und gar dem aristokratischen Geiste jener selbstherrlichen Zeit. Dies blieb der Neuzeit vorbehalten, und leider oft zum Schaden der Ästhetik.

Die Gründung der Gesellschaft derpoints de Franceverteilte sich auf verschiedene Bezirke, wie Reims,Sedan,AurillacundArgentan; und was nun vonAlençon, dem wichtigsten, erzählt wird, gilt mehr oder minder von den anderen auch. Es wurden Gebäude für diesen Zweck eingeräumt und ausgestattet und man ließ Venetianerinnen und Flämländerinnen kommen und Frauen ausAlençonwurden angeworben, die genügende Schulung hatten.

Mit diesem kleinen Stabe hoffteColbertin kurzer Zeit 8000 Arbeiterinnen heranbilden zu können. Darin wurden aber seine Erwartungen getäuscht, denn, so lange die Fabrik als solche unter der zehnjährigen Staatspatronanz stand, brachte man es auf nicht mehr wie 700 Arbeiterinnen, die Bevölkerung, die sich in ihrem Erwerbe bedroht sah, bot Widerstand, es kam häufig zu Ausschreitungen. Es wurde mit den neuen Mustern, die auch Monopol waren, Mißbrauch getrieben, was zwar strenge gestraft wurde aber Hetzereien und Wühlereien zur Tagesordnung machte. Trotzdem hatte die Manufaktur einen großen Erfolg. Louis XIV. erklärte denpoint de Francezur offiziellen Hof-Etiquette, er trug ihn selbst und alles beeilte sich, ihn nachzuahmen.

Diese Fabrik muß man sich als ein Mittelding zwischen einer Fachschule und einer Aktiengesellschaft denken. Nachdem die ersten zehn Jahre verflossen waren, verwandelte sie sich in mehrere Privatunternehmen. Sie hatte aber ungemein befruchtend auf dieallgemeine Spitzenindustrie gewirkt, obwohl man sich in den ersten fünfundzwanzig Jahren darauf beschränkte, die Venetianerspitzen möglichst getreu zu kopieren. Es war jene Gattung mit denbrides picotéesund war vielleicht nur im Relief etwas flacher gehalten. Doch der französische Geschmack kam bald zur Geltung, die Ausführung wurde zierlicher als die italienische und die Zeichnung wurde nach dem tonangebenden Geschmacke modifiziert. Wie aus den Venetianerspitzen derselben Zeit kann man an denAlençonbemerken, daß diebrideswabenartig angeordnet waren, welche einen regelmäßigenréseauahnen ließen. Im Anfange des XVIII. Jahrhunderts wurde der Versuch gemacht, den Klöppel-Reseau mit der Nadel nachzubilden. Es war auch die Konkurrenz, die das herbeiführte, denn die belgischen Spitzen wurden damals am Hofe viel getragen und drohten diepointszu verdrängen. Die flämischen Mädchen werden offenbar die Anleitung dazu gegeben haben. In die Jahre zwischen 1700 und 1717 fallen die wichtigen Neuerungen, die denpoints d'Alençonihr heutiges Ansehen gaben und sie von den venetianischen Spitzen so wesentlich unterscheiden, so daß sie von nun an eine ganz selbständige Gattung wurden. Es sind dies: der eigentliche, feineréseau, der dem Ansehen nach ähnlich wie der der Brüsseler Klöppel-Spitzen (point d'Angleterre) war; der Anfang desréseausder Klöppelspitzen war sechseckig und ist später ein mehr längliches Viereck geworden und wird häufigréseau d'Alençongenannt. Dann wurde gleichzeitig die sogenanntemaille boucléeund diebride tordueodermaille torduegemacht, beides regelmäßige sechseckige Maschen, die nur größer und stärker wie derréseausind. Diebride bouclée à picots, die von den Venetianern entlehnt war, nahm um diese Zeit ab. Diebride boucléewird häufig denArgentansals Spezialität zugeschrieben; jede ihrer sechs Seiten wurde acht bis fünfzehn Mal mit Knopflochstich überzogen, wodurch sich natürlich dieser Grund durch große Dauerhaftigkeit auszeichnete und nebstbei in originellen Kontrast mitdem5feinen eigentlichenréseautrat, der häufig als zweiter Streifen den Rand der Spitzen zierte. Durch die Benützung desréseauswurden auch Zeichnung und Technik der Alençons bedeutend geändert. Von nun an wurden diepoints d'Alençonsnicht mehr in Einem gearbeitet, sondern in kleinen Teilen von verschiedenen Arbeiterinnen, so wie die Brüsseler Spitzen. Jede Arbeiterin war in ihrer Spezialität eingearbeitet, und ein Stück Spitzen ging durch zwölf bis sechzehn verschiedene Hände, bis es fertig war. Diese getrennte Arbeit war in Venedig nicht in Gebrauch gewesen, und ist eine französische Neuerung, die man von den belgischen Klöpplerinnen gelernt hatte. Bei alten Spitzen begnügte man sich mit der Ausführung vonfleurs, welche ausentoilageoderremplisgebildet waren; einebrodeumgab sie und diebridesfüllten den Grund. Nun aber werden die Spitzen häufig in zweierlei Streifen gemacht, Medaillons als »rivière« angeordnet, schlängelten sich durch die Spitzen. Diese Medaillons wurden nun mit zahllosen verschiedenen Stichen ausgefüllt, die manmodesnannte und die dasrempliersetzten, das jetzt zu große Ähnlichkeit mit dem feinenréseauhatte. Eine Eigentümlichkeit der Nomenklatur despoint de Franceoderd'Alençonist, daß er ganz andere Namen für die verschiedenen Teile hat, wie sonst gebräuchlich.


Back to IndexNext