Das Zeitwort.
(Bezügliche Zeitwörter.)
Theodorbewohntemit seinen Eltern eine Villa in der Stadt. Erzählteetwa zwölf Jahre. Ihmgefieldas Leben in der Stadt außerordentlich. Das Leben auf dem Landekannteer gar nicht, denn er hatte noch nie ein Dorfbesucht.
Eines Tages aber sagte sein Vater zu ihm: „Theodor, heute werden wir eine kleine Reise unternehmen. Ziehe Deine Sonntagskleider an. Hänge Deine Botanisirtrommel um. NimmDein Spazierstöckchen und stecke Dein Notizbuch zu Dir. Wir werden heute unsern alten Onkel überraschen, der ein großes Bauergut besitzt. Das Leben und Treiben auf diesem Gute wird Dir gewiß Vergnügen bereiten.“
Nach etwa zwei Stunden sahen Vater und Sohn das betreffende Dorf im Thale liegen. Bald war des Onkels Besitzthum vollends erreicht. Freundlich begrüßten sie den Alten. Herzlich hieß dieser die Gäste willkommen.
Nachdem ein gutes Frühstück eingenommen war, verließ Theodor das Zimmer. Er wollte dem Hofe einen Besuch abstatten. Aber welches Leben entdeckte er hier! Welch buntes Treiben gewahrten seine Augen! Bunte Tauben pickten ihr Frühstück von der Erde auf. Eine alte Gans führte ihre Jungen dem nahen Teiche zu. Der Pfauhahn schlug ein Rad mit seinem Schweife. Schwalben bauten Nester unter das Dach. Junge Schweine durchwühlten den Düngerhaufen. Ammi, der Haushund, jagte den alten Kater über den Hof. Der Kettenhund bewachte eifrig das Thor und wollte seine Kette zersprengen, wenn er einen fremden Menschen gewahrte.
Hier schirrte ein Knecht die Pferde ein und bespannte dann den Wagen. Ein anderer führte ein schmuckes Füllen aus. Ein dritter wetzte die Sense. Dort, auf einer Tenne, drasch man Getreide. Auf einer andern reinigte man Korn. Auf einer dritten siebte man Weizen.
Auch die Kuhställe boten viel Unterhaltendes. Die Großmagd fütterte die Kühe. Die Mittelmagd streute ihnen frisches Stroh unter. Die Kleinmagd melkte die Ziege. Ein Ziegenböcklein neckte unaufhörlich seinen Nachbar, ein scheckiges Kälbchen. Eine Heerde Kaninchen knapperte frische Krautblätter. Oben im Hühnerstalle saßen zwei Hühner und legten Eier.
Theodor durchstreifte jetzt auch den Garten. Wohin er sein Auge richtete, entdeckte er auch hier immer neue Bilder. Undso gewährte ihm das Landleben außerordentlich viel Freuden. Zuletzt wußte er nicht, sollte er das Stadt- oder das Landleben mehr loben.
(Unbezügliche Zeitwörter.)
Die Waffenruhen. Die Kanonenschweigen. Ihre Mündungengähnenstumm in die Nacht hinaus. Die Reitersitzen ab. Kein Säbel blitzt mehr im Sonnenglanze. Keine Flintenkugel heult und summt und zischt mehr durch die Luft. Die Soldaten hungern und dursten. Die Müdigkeit aber ist mächtiger als Hunger und Durst, und so liegen sie umher und schlafen. Nur der Wachtposten steht und lugt aufmerksam nach dem Schlachtfelde.
Dort sitzt freilich noch Mancher und blutet. Dort liegt noch Mancher und stöhnt und jammert. Wohl lächelt der Sieg, wohl duftet schon der Siegeskranz, aber die Schmerzen der Wunden wüthen immer ärger und ärger und lassen keine Freude aufkommen. Viele der Armen wachen und wimmern die ganze Nacht, ohne daß ihnen Hilfe werden kann. Ihre Hoffnung auf Rettung schwindet endlich. Hunderte verscheiden noch. Die Zahl der Todten wächst mit jeder Stunde.
Alle Aerzte sind beschäftigt, die Verwundeten zu verbinden. Ein Wagen nach dem andern fährt vor den Lazarethen vor, die Unglücklichen herbeizubringen. Die Sanitätssoldaten schwitzen bei ihrer anstrengenden Arbeit. Ganze Reihen mit Tragen, auf denen Verwundete liegen, kommen daher. Ja, das Elend nach einer Schlacht ist groß. Millionen jubeln und Tausende bluten!
(Bezügliche und unbezüglich gebrauchte Zeitwörter.)
Eines Morgens trat der Direktor in die Arbeitsräume seines Institutes. Er wollte sehen, ob sich alle Schüler nützlichbeschäftigten. In dem einen Zimmer saßen Knaben, in dem andern Mädchen. Ein Blick über die Knaben hinweg sagte ihm, daß alle thätig waren. Waltherschrieb, Günthermalte, Bertholdzeichnete, Thomas rechnete, Ewald pappte, Rudolph schnitzte, Just heftete und Valentin las.
Ebenso regsam ging es in der Mädchenklasse zu. Sophie nähte, Fanny strickte, Elfriede stickte, Olga häkelte, Rosalie flechtete, Susanne lernte auswendig, Ottilie studirte in einem Buche, Helene sang und Jenny wiederholte eifrig.
Von hier ging der Direktor in die Küche, denn auch hier waren Mädchen beschäftigt. Er fand alle bei ihrer Arbeit. Lottchen kochte, Anna röstete, Louise bratete und Doris wusch auf.
Eine Stunde später durchschritt der Direktor die Räume noch einmal, um sich nun genauer zu überzeugen, worauf sich denn eigentlich die verschiedenen Thätigkeiten seiner Schüler erstreckt hätten. Da fand er denn Folgendes: Waltherschrieb einen Brief, Günthermalte eine Landschaft, Bertholdzeichnete einen Esel, Thomas rechnete ein großes Divisionsexempel, Ewald pappte sich eine Mappe, Rudolph schnitzte ein Federkästchen, Just heftete ein Schreibebuch und Valentin las ein lustiges Märchen.
In der Mädchenklasse sah er, daß Sophie eine Schürze nähte, Fanny einen Strumpf strickte, Elfriede ein Paar Schuhe stickte, Olga eine Börse häkelte, Rosalie einen Klingelzug flocht, Susanne ein Gedicht lernte, Ottilie die Pflanzenklassen studirte, Helene die Wacht am Rheine sang und Jenny die Reformationsgeschichte wiederholte.
Als der Direktor in die Küche gehen wollte, kam ihm seine Frau entgegen. „Nun“, sagte er zu dieser, „was haben denn Deine kleinen Köchinnen heute geschafft?“
„Lottchen“, erwiderte die Direktorin, „hat Suppe gekocht, Anna Kirschen geröstet, Louise ein Hühnchen gebraten und DorisSchüsseln und Teller aufgewaschen, denn das müssen die Mädchen auch lernen.“
Der Direktor war mit dem Fleiße der Schüler sehr zufrieden und sprach ihnen sein Lob aus.
(Unpersönliche Zeitwörter.)
In einem einsamen Felsenthale stand eine kleine, ärmliche Hütte. Darin saßen an einem schwülen Sommertage die Bewohner derselben, eine arme Bergmannsfamilie, bei ihrem Abendbrode.
„Eswirdwol heute Abend nochregnen“, sagte der Vater. „Esumwölktsich nach Sonnenuntergang zu.“
„Leicht möglich“, erwiderte die Mutter, „es hat schon lange mit Regen gedroht.“
„Es wird wol gar ein Gewitter geben“, sagte einige Minuten später der älteste Knabe. „Es blitzt schon und — höre ich recht — es donnert auch bereits in der Ferne.“
Daraufhin ging der Vater hinaus, um nach dem Himmel zu sehen. „Es kann ein hartes Gewitter kommen“, meinte er bei seiner Rückkehr. „Es tost und braust gewaltig in der Ferne. Und oben in den Tannen rauscht und heult es, als ob das wüthende Heer im Anzuge wäre.“
Binnen einer Viertelstunde stand das Gewitter über dem Thale und ein furchtbarer Sturm brach los. „Hört nur“, sagte die Mutter bänglich, „wie es draußen tobt und saust und wirthschaftet! Es gießt wie mit Gießkannen! Hu! wie es den Hausgiebel peitscht und wie es an die Fenster schlägt! Still! Krachte es nicht jetzt auf dem Dache?“
Alle lauschten. „Der Sturm wird einen Balken losgelöst haben“, sagte der Vater. „Hört nur auch, wie es in den altenSchindeln rasselt und hämmert und klappert! Das Dach wird morgen gut aussehen.“
Kaum hatte der Vater diese Worte gesprochen, zuckte ein mächtiger Blitz durch die Nacht und gleich darauf folgte ein furchtbarer Schlag. „Jetzt hat es sicher eingeschlagen“, rief der zehnjährige Gotthelf entsetzt.
„Sei nur ruhig, mein Sohn“, tröstete die Mutter, „es täuscht dies auch oft.“
„Horch!“ versetzte bald darauf der ältere Knabe. „Es läutet drüben auf der Kapelle. Es muß irgendwo brennen!“
„Es schlägt vielleicht bloß zehn Uhr“, entgegnete der Vater.
„Nein, nein“, sagte jener wieder, „ich höre es ganz deutlich, daß es stürmt.“
Wieder gebot jetzt die Mutter, aufzuhorchen. „War mir’s doch“, sagte sie, „als ob es draußen unter den Fenstern wimmere! Ja, ja, ganz sicher! Es wimmert und weint und schluchzt! Horcht! Jetzt klopft es an die Thür! Wer mag das sein?“
Der Vater eilte hinaus und brachte einen Bettler mit seinem jammernden Kinde herein. Der Arme hatte sich verirrt und bat um Obdach für diese Nacht, was ihm gern gewährt wurde.
Es wetterte, schloßte und hagelte wohl noch eine Stunde fort. Erst gegen Mitternacht verzog sich das Gewitter und ließ die armen Leute zur Ruhe gehen.
(Abwandlung der Zeitwörter nach den Personen.)
„Ichspielegern Soldaten“, sagte Bruno, als eine Anzahl Knaben beriethen, womit man sich unterhalten wolle. „Aber ich weiß schon“, wendete er sich an Karl, „Duspielstlieber Jagd. Und Otto dort hat auch keine Lust dazu. Erspieltam liebsten Räuber.“
„Nun, wißt Ihr was“, sagte Otto, „damit Jeder freie Wahl hat, theilen wir uns in drei Gruppen. Wir spielen Räuber und Ihr dort spielt Soldaten.“
„Und die Uebrigen?“ fragte Bruno.
„Sie spielen Jagd“, sagte Otto.
„Was soll denn aber die kleine Marie dort spielen?“ fragte Robert.
„Sie spielt einstweilen mit ihrer Puppe“, versetzte Arno.
„Und das kleine Suschen?“ fragte Robert wieder.
„Es spielt natürlich mit der Marie“, erwiderte Arno.
„Du lachst, Otto?“ fragte plötzlich Arno.
„Ich lache“, versetzte Otto, „weil Emil dort solch schnurrige Grimassen macht. Sieh nur hin, er lacht selbst über sich.“
„Ach so“, sagte Arno, „ich glaubte, Du lachtest über mich.“
Das Spielen begann. Die Kinder hatten sich in drei Gruppen getheilt und überall ging es lustig zu. Da auf einmal entstand bei der einen Partei ein helles Gelächter.
„Ihr lacht doch nicht etwa über uns hier?“ rief Arno hinüber.
„Nein“, rief Otto zurück, „wir lachen wieder über den Emil, den kleinen Kobold.“
„Und was lachen denn die fremden Kinder dort drüben, die gar nicht zu unserer Gesellschaft gehören?“ fuhr Arno fort.
„Ach, so laß sie doch“, sagte Otto. „Sie lachen, weil wir lachen, und das kann uns durchaus nicht stören.“
Nachdem die Kinder eine Stunde gespielt hatten, fingen sie zum Schlusse auch noch an zu singen. Besonders war es ein Liedchen, das sie gern immer und immer wieder sangen. In demselben kam der Vers mit vor:
Ich singe, du singest, er singt!Wie herrlich ein Liedchen doch klingt!Was immer die Tage auch bringen,Wir singen, ihr singet, sie singen.
Ich singe, du singest, er singt!Wie herrlich ein Liedchen doch klingt!Was immer die Tage auch bringen,Wir singen, ihr singet, sie singen.
Ich singe, du singest, er singt!Wie herrlich ein Liedchen doch klingt!Was immer die Tage auch bringen,Wir singen, ihr singet, sie singen.
Ich singe, du singest, er singt!
Wie herrlich ein Liedchen doch klingt!
Was immer die Tage auch bringen,
Wir singen, ihr singet, sie singen.
(Abwandlung des Zeitwortes nach der Zeit.)
„Was machst Du denn da?“ fragte Bernhard, als er zu Horst ins Zimmer trat.
„Ich zeichne“, erwiderte Horst.
„Womit hast Du Dich denn gestern Nachmittag beschäftigt, Horst?“ fragte Bernhard wieder.
„Ich habeauchgezeichnet“, gab Horst zur Antwort.
„Ich glaubte, Du hättest Klavier gespielt, als ich vorbeiging“, sagte Bernhard.
„Nein, da hast Du Dich getäuscht, Bernhard“, erwiderte Horst. „Ich zeichnete.“
„Sicher aber arbeitetest Du nicht mehr“, sagte Bernhard, „als es abends neun Uhr geschlagen hatte, denn um diese Zeit, sah ich kein Licht mehr in Deinem Zimmer.“
„Allerdings“, entgegnete Horst. „Als es neun Uhr schlug, erholte ich mich im Garten. Ich hatte da meine Landschaft fertig gezeichnet.“
„Was wirst Du denn morgen vornehmen?“ fragte Bernhard weiter.
„Ich werde wieder zeichnen und zwar einen Affenkampf“, antwortete Horst.
„Und wann gedenkst Du damit fertig zu sein?“ sagte Bernhard.
„Ich werde dieses Bild hoffentlich schon nächsten Sonntag fertig gezeichnet haben“, meinte Horst. „Aber, sage mir, Bernhard“, fuhr er fort, „was treibst Du denn jetzt, während der Ferien?“
„Ich schreibe, ich lese, ich turne, ich bade und so weiter“, erwiderte Bernhard.
„Womit vertriebst Du Dir denn gestern die Zeit?“ fragte Horst wieder.
„Mit Allerhand“, sagte Bernhard. „Ich habe gemalt, an meiner Festung gebaut und einen Luftballon gefertigt.“
„Und was machtest Du vorgestern“, fuhr Horst fort, „als das fürchterliche Gewitter kam?“
„Was sollte ich thun?“ erwiderte Bernhard. „Ich ging in der Stube auf und ab, ich stellte meine Soldaten auf, ich hörte auf die herrlichen Donnerschläge und sah nach den prächtigen Blitzen. Als das Gewitter vorüber war, lobte mich mein Vater, denn ich hatte nicht die geringste Furcht gezeigt; ich hatte gespielt wie immer und hatte sogar meinen kleinen Geschwistern noch Muth zugesprochen.“
„Wollte nicht Dein Vater verreisen?“ fragte Horst weiter. „Was wirst Du denn dann anfangen, wenn Du allein bist?“
„Ich werde fleißig spazieren gehen und werde auch meinen Onkel einmal besuchen“, sagte Bernhard.
„Wolltest Du nicht auch Deine Tante in Berlin einmal besuchen?“ versetzte Horst wieder.
„Dies Jahr noch nicht“, entgegnete Bernhard. „Uebers Jahr aber werde ich mir so viel Geld gespart haben, daß ich diese Reise unternehmen kann.“
(Die Aussageweise.)
Ich stand um sechs Uhr auf.Ich glaubte,es regne, es war indeß blos der Wind, der an den Giebel blies. Wennes wirklich geregnet hätte, würde ich michauch geärgert haben. Mein Vater sagte nämlich gestern Abend noch: „Kinder! Morgen früh zeitig aus den Federn! Ja nicht verschlafen! Ihr sollt mit mir in die Heidelbeeren gehen.“
„Ach, wäre doch nur ein schöner Morgen!“ dachten wir in unserer Freude. „Schiene doch die Sonne morgen früh rechtklar und freundlich hernieder!“ sagte Bruder Johannes beim Zubettgehen noch.
Der Morgen war schön. Wir alle hofften, im Walde einige frohe Stunden zu verleben. Wir hätten schon um sieben Uhr aufbrechen können, wäre Eduard nicht so saumselig mit seinem Anziehen gewesen.
„Jetzt die Botanisirtrommel auf den Rücken und vorwärts!“ befahl endlich der Vater.
Wie lustig hüpften wir dahin! Wie freuten wir uns auf das Frühstück mit blauen Beeren! „Wären wir nur schon dort!“ sagte Johannes wiederholt unterwegs.
Endlich langten wir im Walde an. Zu unsern Füßen stand der saftige Frühstückstisch. Man glaubte, einen mit schwarzen Perlen gestickten grünen Teppich zu erblicken. Wir würden sofort an die süße Arbeit gegangen sein, hätte nicht der Vater jetzt gerufen: „Halt! Erst fünf Minuten abkühlen!“ — Wie sehnsüchtig blickten wir alle nach den herrlichen Beeren hin! „Daß doch die fünf Minuten schon um wären!“ wünschten wir alle.
Endlich begann der Schmaus. Jeder aß nach Herzenslust. Ich meinte anfänglich, ich äße die meisten Beeren, aber Eduard war doch noch fleißiger. Er sagte auch scherzend: „Wenn es möglich wäre, äße ich einen ganzen Scheffel voll!“
Nach etwa einer Stunde mochte der Vater meinen, wir könnten nun genug haben. „Jetzt Schicht!“ befahl er. „Alle her zu mir! Keine Beere mehr anrühren!“
Wir gehorchten. Johannes aber sagte mit einem tiefen Seufzer: „Ach, hätte ich nur noch fünf Minuten zulangen dürfen!“ Der Vater hatte dies gehört und erwiderte: „Wollte doch Monsieur Johannes einsehen, daß allzuviel ungesund ist!“
(Mittelwort der Gegenwart.)
Es war einreizenderJulitag. Auf den weithin sichdehnendenWiesen lagduftendesHeu. Singende Schnitter mähten mit ihren blitzenden Sensen die wogenden Kornfelder. Hier trabten wiehernde Rosse mit einem leeren, rasselnden Erntewagen daher. Dort fuhr ein anderer, die goldglänzenden Garben hochaufgethürmt, langsam und mit schwankender Bewegung der Scheune zu. Ueberall sah man eifrig arbeitende und emsig schaffende Landleute mit glühenden Gesichtern und schweißtriefenden Stirnen.
An den noch grünenden Hügeln weideten blökende Heerden mit lieblich tönenden Glocken. In dieses anheimelnde Geläute mischte sich das jodelnde Lied und die knallende Peitsche der Hirten. Aus dem unzählige Früchte bergenden Walde erklangen die jubelnden Stimmen der eifrig pflückenden Heidelbeergänger.
Um die bunt leuchtenden Blumen auf den Rainen und an dem murmelnden Bache tanzten flatternde Falter, schwirrten schillernde Käfer, summten Honig suchende Bienen.
Ueber dem Allen aber schwebte am lachenden Himmel die trillernde Lerche, den allliebenden Schöpfer preisend, dessen segnende Hand die nährenden und erquickenden Gaben alle gespendet.
(Mittelwort der Vergangenheit.)
An einemvielbegangenenFeldwege stand eingezimmertesHolzkreuz mit demgekreuzigtenHeilande. Das aus Kupfer getriebene, bemalte Bild zeigte hier und da durchlöcherte Stellen. Die beschädigten Theile rührten von den Geschossen einer unlängst hier geschlagenen Schlacht her.
Vor diesem entstellten und zersplitterten Krucifixe lag einverwundeter Krieger. Sein abgezehrtes Gesicht zeugte von entsetzlichen Qualen. Sein umflortes Auge ließ auf einen baldigen Tod schließen. Der zerfetzte und beschmutzte Waffenrock, die verbogene Säbelscheide, der eingedrückte Feldkessel und der unverschlossene Tornister mit dem geleerten Brodbeutel vollendeten das Bild des Jammers.
Die abgemagerten Hände des gänzlich entkräfteten Kriegers falteten sich zum Gebete. Er hob den halbgebrochenen Blick zum sonnenbeleuchteten Kreuze empor. Seine erblaßte, vom Schmerze umzuckte Lippe lallte nur noch abgebrochene Worte. „Meine Mutter!“ war sein letzter Ausruf. Das erloschene Auge schloß sich und der tapfere Krieger war eine Leiche.
(Mittelwort der Zukunft.)
Diezu stürmendeSchanze lag auf einer bedeutenden Anhöhe. Die dabeizu überwindendenHindernisse sahen drohend aus. Das zum Angriffe zu ordnende deutsche Heer schaute nicht ohne Besorgniß nach den zu übersteigenden Wällen empor. Das zu verwendende Geschütz und die zu benutzenden Sturmleitern standen bereit. Die zu verschießenden Bomben lagen hochaufgethürmt.
Jetzt wurden die zu besetzenden Punkte bezeichnet und die Orte der zu grabenden Minen erwählt. Der commandirende General war der Ansicht, das zu eröffnende Feuer müsse gleich mit allem Nachdrucke gegeben und das zu verwendende Pulver dürfe gleich anfänglich nicht geschont werden, damit die zu besiegende Schanzenmannschaft einen heilsamen Schrecken bekäme.
Der Kampf begann. Die Kugeln durchwühlten die zu erringenden Wälle. Die zu beseitigenden Palissaden stürzten von den schweren Geschossen und füllten die zu übersteigenden Gräben.
Endlich erfolgte der Sturm. Der zu überwältigende Feindwehrte sich tapfer. Die zunächst zu erobernden Vorwälle feuerten mörderisch. Aber umsonst. Der zu vollführende Befehl der Deutschen hieß: „Siegen oder sterben!“ Binnen einer Stunde war die zu nehmende Schanze in deutschen Händen.
(Leideform.)
Die Mittagsglockewirdgeläutet. Der Tischwirdgedeckt. Wir setzen uns daran. Das Gebetwirdgesprochen. Messer, Gabeln, Löffel und die Zähnewerdenin Bewegung gesetzt. Fleisch, Gemüse und Brod werden gegessen. Das liebe Brod! Es wird sowohl an der Tafel des Kaisers als am Tische des Bettlers genossen. Wohl des Tages dreimal wird Brod von uns gegessen. Wie selten aber denken wir daran, wie es erzeugt wird, wie viel Hände dabei in Thätigkeit gesetzt und wie viel Schweißtropfen dabei vergossen werden.
Zuerst muß der Acker gedüngt werden. Dann wird er gepflügt und geeggt. Darauf wird er von der Hand des Landmannes mit Samen bestreut. Erdklöse, die durch ein abermaliges Eggen nicht zerkleinert worden sind, werden nicht selten jetzt noch durch eine Walze zermalmt.
Durch geheimnißvolle Kräfte wird nun der Keim in dem Korn entwickelt. Die Saat geht auf. Durch Sonnenschein und Regen wird sie von Tag zu Tag größer gezogen. Die Halme werden kräftiger. Nach mehreren Wochen werden die Aehren angesetzt. Sie blühen. Durch den Blütenstaub wird das Korn befruchtet. Es entwickelt sich. Bald darauf werden die Halme von der Sonne gebleicht und die Fruchtkörnchen gehärtet.
Jetzt wird das Korn gemäht und in die Scheune gebracht. Hier werden die Garben ausgedroschen, die Körner gesiebt, gereinigt und in die Mühle gebracht. Dort werden sie gemahlen und somit in Mehl verwandelt. Das Mehl wird dem Bäckerüberliefert und von diesem in einen Backtrog geschüttet. Hierauf wird es mit Wasser und Sauerteig vermengt und zu einem Teige geknetet. Dieser Teig wird nun eine Zeit lang der Gährung überlassen.
Ist die Gährung erfolgt, wird der Teig zu Kugeln geformt und diese werden in den heißen Backofen geschoben. Damit die Brode Glanz bekommen, werden sie mit Wasser überstrichen. Sind sie gebacken, werden sie endlich in die frische Luft gestellt, damit sie abkühlen. Jetzt erst ist das Brod fertig.
Daß doch kein Bissen Brod gegessen werden möchte ohne den Gedanken, daß es vom lieben Gott gegeben wird und daß unzählige Schweißtropfen vergossen werden müssen, ehe wir es auf unsern Tisch bekommen.
(Wiederholung der Formen des Zeitwortes.)
„Du mußt Dich nun ernstlich entschließen“, sagte ein Vater zu seinem Sohne, „was Du einmal werden willst. Du zählst bereits vierzehn Jahre und kannst nun wissen, welche Berufsart Dich am meisten anspricht.“
„Ich will die Gärtnerei erlernen“, erwiderte August, „da kann man doch immer im Freien arbeiten, schalten und walten.“
Der Vater erklärte sich damit einverstanden und brachte den Knaben zu einem Lehrherrn. Bald aber kam August wieder nach Hause und klagte, er müsse zu viel hacken, graben, harken und sich bücken und überhaupt zu viel arbeiten. Er wolle lieber Jäger werden, da könne er den grünen Wald durchstreifen, das muntere Wild verfolgen, auf weichem Moose ruhen; und wenn es auch einmal regne oder schneie oder stürme, das sei schon zu ertragen und solle ihn nicht verdrießen.
Der Vater ließ sich bewegen und bald studirte August in einem Forsthause.
Allein auch das Leben im Walde gefiel ihm nicht lange. Es war ihm unbequem, daß er früh zeitig aufstehen, seinem Herrn die Stiefel putzen und wichsen und die Kleider klopfen und bürsten mußte. Er beschloß jetzt, ein Fischer zu werden. „Ein Fischer“, dachte er, „kann alle Tage auf den klaren Wellen umhergondeln. Er braucht nur das Netz auszuwerfen oder die Angelschnur in das Wasser zu halten, und die Fische fangen sich von selbst.“
So wanderte August zu einem Fischer in die Lehre. Sehr bald indeß verdroß ihn auch diese Beschäftigung. Daß er rudern, steuern, Netze stricken und flicken und oft im Wasser waten müsse, hatte er sich nicht gedacht. Jetzt bat er seinen Vater, ein Koch werden zu dürfen. „Ein Koch kann Tag für Tag etwas Gutes essen und trinken“, meinte er. „Er kann nie vom Hunger geplagt werden. Er steht stets vor dem Feuer und kann nie frieren. Er braucht sich auch nicht sonderlich zu mühen und zu plagen, denn das Essen kocht ja ganz allein.“
Was aber geschah? Schon nach vier Wochen kehrte August klagend und jammernd auch aus dieser Lehre zurück. Jetzt hatte ihm wieder nicht gefallen, daß er Kartoffeln schälen, Möhren schaben, Gurken hobeln, Pfeffer stoßen, Kaffee mahlen, Geflügel rupfen mußte und dergleichen.
Da aber tadelte ihn sein Vater aufs ernstlichste und sagte: „Wenn Du so fortfährst und keine Lasten ertragen lernen willst, wirst Du es zu nichts bringen und Du wirst schließlich zu den Taugenichtsen gezählt werden. Darum gehe jetzt auf der Stelle wieder zu Deinem letzten Lehrherrn, bitte ihn um Verzeihung, lerne arbeiten und gehorchen und die kleinen Unannehmlichkeiten geduldig hinnehmen. Niemals aber vergiß, daß jeder Beruf seine Lust und seine Last mit sich führt.“
(Das Hilfszeitwort.)
„Ich binsehr böse, daß Du in meinem Schränkchengewesen bist“, sagte Laura zu ihrem Bruder Paul, der etwas naschhaft war. „Ich hattesechs Aepfel darin und habe nur noch drei Stück. Ich werde auch nicht eher wieder gut werden, bis ich von Dir das Versprechen habe, daß Du mir drei andere schenken werdest. Und das wirst Du doch thun? Wir Schwestern sind nie in Eure Schränke gegangen. Ihr dagegen seid schon oft in den unserigen gewesen.“
„Nun gut“, sagte Paul, „wenn der Onkel seine Obsternte gehalten haben wird und ich bei ihm gewesen sein werde, sollst Du Deine drei Aepfel wieder haben. Ich wurde durch einen plötzlichen Aepfelappetit in Deinen Schrank verleitet. Seitdem ich aber überzeugt worden bin, daß Du das übel genommen hast und böse auf mich bist, thut es mir leid! Also magst Du nur einige Tage Geduld haben und guter Hoffnung sein. Der Verlust soll Dir reichlich ersetzt werden.“
„Ich habe immer Vertrauen zu Dir gehabt“, erwiderte Laura, „und bin von Dir in Bezug auf ein Versprechen noch nie getäuscht worden. Du wirst gewiß auch diesmal ein Mann von Wort sein.“
Die Obsternte hatte stattgefunden. Paul war bei dem Onkel gewesen. Laura wurde befriedigt. Sie konnte mit dem Ausgleiche sehr zufrieden sein, denn ihr Aepfelverlust war dreifach ersetzt worden.
„Nicht wahr“, sagte Paul lachend zu ihr, „nun bist Du nicht mehr böse und wir sind wieder gute Leute?“
„Aller Grimm, den ich in mir gehabt habe“, scherzte Laura „soll für immer getödtet sein. Du hast es ja auch nur zu gut gewußt, lieber Paul, daß ich es gar nicht so böse gemeint haben konnte. Ich würde auch wieder gut gewesen sein, wenn ich die Aepfel nicht ersetzt bekommen hätte.“