Die draußen Gebliebenen hatten eine ganze Zeit vor der Höhle gestanden und über Jurii und Karssawina gescherzt; dann zerstreuten sie sich am Ufer.
Die Männer zündeten sich ihre Zigaretten an, warfen die Streichhölzer ins Wasser und beobachteten nachlässig, wie der Rauch breite, glatte Kreise zog. Im Grase schritt Lyda leise singend hin und her und machte, die Finger um die Taille legend, halb unbewußt einige Pas mit ihren niedlichen Füßchen. Ljalja pflückte Blumen und warf sie dann Rjäsanzew zu; er fühlte, wie ihn ihre Augen küßten.
„Trinken wir doch lieber was,“ sagte Iwanow zu Ssanin.
„Das ist eine gute Idee,“ meinte dieser entzückt. „Gehen wir.“
Sie stiegen zum Boot hinunter, öffneten die Bierflaschen und machten es sich bequem.
„Ihr gewissenlosen Säufer!“ rief Ljalja, und warf ein Bündel Gras, das sie rasch am Ufer ausgerissen hatte, auf sie hinab.
„Im Gegenteil, das ist vorzüglich!“ schrie Iwanow. Und scherzend fuhr er fort: „Ich kann es durchaus nicht begreifen, warum die Menschen gegen den Alkohol ankämpfen. Meiner Meinung nach lebt überhaupt nur der Betrunkene so, wie es sich gehört.“
„Oder wie ein Tier,“ ließ sich Nowikow vom Ufer her vernehmen.
„Und doch, — — nur der Betrunkene tut, was er will,“ rief Ssanin zu ihm herauf. „Er möchte singen, gut, er singt; will er tanzen, tanzt er; kurz, er schämt sich seiner Freude und Heiterkeit durchaus nicht.“
„Manchmal prügelt er sich auch, oder prügelt andere,“ bemerkte trocken Rjäsanzew.
„Kommt auch vor! Aber das ist’s eben, die Leute verstehen nicht, zu trinken; sie werden gleich gehässig.“
„Und du schlägst dich im betrunkenen Zustande nicht?“
„Nein,“ meinte Ssanin. „Eher im nüchternen. Im Rausch bin ich der beste Kerl von der Welt, wahrscheinlich, weil ich viele Gemeinheiten vergesse.“
„Nicht alle Menschen haben einen so liebenswürdigen Charakter,“ warf Rjäsanzew ein. „Die meisten wirklich nicht.“
„Und wenn schon — was geht mich das an?“ Mit seinem frohen Lächeln führte Ssanin das Glas zum Mund.
„Nein, man darf nicht so sprechen, wie du,“ erklärte Nowikow scharf.
„Warum denn nicht? ... Und wenn es doch einmal die Wahrheit ist? ...“
„Eine schöne Wahrheit,“ Ljalja schlug vor Schreck die Hände zusammen.
„Die beste und schönste, die ich kenne,“ erwiderte Iwanow für Ssanin.
Lyda, die bis dahin laut gesungen hatte, brach das Gespräch verdrießlich ab. Sie versuchte es auf ein anderes Thema zu lenken.
„Die beiden Herrschaften beeilen sich auch nicht.“
„Wozu hätten sie es nötig? ...“ warf Iwanow hin. „Man soll sich überhaupt niemals beeilen.“
„Und dann die Heldin ohne Furcht, — — und natürlich ohne Tadel!“ bemerkte Lyda in sarkastischem Ton.
Tanarow platzte mit lautem Lachen heraus, weil diese letzten Worte grade seine eigenen Gedanken kreuzten; doch sofort wurde er verlegen. Lyda blickte auf ihn, umfaßte wieder ihre Taille und wiegte sich elastisch hin und her.
„Vielleicht sind sie dort sehr vergnügt,“ fügte sie hinzu und zuckte die Achseln.
„Sssst,“ unterbrach sie Rjäsanzew. Ein dumpfes Grollen ertönte aus dem schwarzen Loch.
„Ein Schuß,“ rief Nowikow.
„Was bedeutet das? ...“ fragte Ljalja mit ängstlicher Stimme und klammerte sich an den Aermel ihres Bräutigams.
„Aengstige dich nicht! Sollte es auch ein Wolf sein, so sind sie doch um diese Zeit nicht gefährlich.“ Rjäsanzew suchte sie zu beruhigen, innerlich auf Jurii und seinen kindischen Einfall ärgerlich.
„Und über zwei Menschen werden sie gewiß nicht herfallen,“ brummte Iwanow gleichgültig.
„Eh, um Gotteswillen!“ Schawrow, der junge Student war ganz außer sich.
Lyda empfand diese Aufregung als eine unberechtigte Störung.
„Aber sie werden ja schon kommen,“ sagte sie und schürzte verächtlich die Lippen.
Da tauchten mit einem Mal Jurii und Karssawina aus der Finsternis auf. Er verlöschte die Kerze und lächelte allen liebenswürdig und unentschieden zu, weil er noch nicht wußte, wie sie sich zu seinem Einfall verhielten.
Er war von oben bis unten mit gelbem Lehm befleckt und auch die Schulter Karssawinas, mit der sie die Wand gestreift hatte, war beschmutzt.
„Nun, was war? ...“ fragte gleichgültig Semionow, der sich die ganze Zeit über scheinbar um nichts gekümmert hatte.
„Ziemlich originell und ganz hübsch,“ gab Jurii unentschlossen, wie um sich zu rechtfertigen, zur Antwort. „Nur reichen die Gänge nicht weit hinein. Aber irgend ein Holzgestell fault da seinem Ende entgegen.“
„Und haben Sie den Schuß gehört?“ fragte lebhaft und mit den Augen blinkend Karssawina.
„Wozu die Heldentaten berichten? ... Meine Herrschaften, das ganze Bier ist schon ausgetrunken und unsere Seelen sind also in genügendem Maße erquickt worden. Fahren wir los!“ schrie Iwanow.
Als das Boot wieder die Mitte des Flusses erreichte, war der Mond schon aufgegangen. Die Luft war wunderbar still und durchsichtig. ImHimmel und im Wasser, über und unter ihnen, prangten, goldenen Feuerhäufchen gleich, die Sterne, und es schien, daß das Boot zwischen zwei unendlichen, erleuchteten Lufttiefen dahinglitt.
Der Wald an den Uferseiten und sein Schatten, der nicht bis in das Wasser fiel, war düster und geheimnisvoll. Eine Nachtigall begann zu schlagen. Und wenn alle schwiegen, so war es, als ob nicht ein Vogel sänge, sondern irgendein vernunftbegabtes, in seinem Glücke nachdenkliches Wesen.
„Wie schön,“ sagte Ljalja, die Augen hebend und legte ihren Kopf auf die runde Schulter Karssawinas, deren Wärme sie durchdrang.
Dann schwieg man wieder lange und lauschte. Das Schlagen der Nachtigall erfüllte den Wald, hallte trillernd über den tiefsinnigen Strom und zog über die Wiesen dahin, wo lauschig Gräser und Blumen in den monddurchleuchteten Nebel starrten.
„Wovon singt sie?“ fragte Ljalja wieder. Wie unbeabsichtigt fiel ihr Arm mit der Handfläche nach unten auf die Kniee Rjäsanzews. Sie fühlte, wie dieses harte, starke Knie unter ihrer zarten Hand erbebte, und sie wurde froh und erschrak gleichzeitig über diese Bewegung.
„Von der Liebe natürlich!“ erwiderte halb scherzhaft, halb im Ernst Rjäsanzew; er bedeckte sachte Ljaljas Hand, die vertrauensvoll auf seinem Knie lag, mit der seinen.
„In einer solchen Nacht möchte man nicht über Gutes, nicht über Böses nachdenken,“ sprach Lyda vor sich hin und gab damit nur ihren eigenenGedanken lauten Ausdruck. Sie dachte daran, ob sie gut oder schlecht handle, das bange und verlockende Spiel mit Sarudin zu genießen. Als sie auf sein Gesicht blickte, das im Mondenschein noch hübscher und mannhafter erschien, fühlte sie plötzlich die gleiche bekannte, süße Schwäche, die bange Willenlosigkeit ihr ganzes Wesen durchfluten und mit sich fortreißen.
„Sondern über etwas ganz anderes,“ setzte Iwanow ihre Gedanken fort.
Ssanin lächelte zu diesen Worten, wendete aber seine Augen nicht von der Brust und dem weißen, im Mondenschein schimmernden Halse Karssawinas, die ihm gegenübersaß. Auf den ovalen Ausschnitt ihres Kleides fiel plötzlich ein dunkler Schatten von einer der vorspringenden Uferstellen her; sobald jedoch das Boot, immer den glänzenden Silberstreifen hinter sich, wieder über beleuchtete Wellen glitt, kam es Ssanin vor, als ob dieser Ausschnitt heller, weiter und freier geworden wäre.
Karssawina warf ihren breiten Strohhut beiseite, und während sie ihre Brust noch höher hob, begann sie zu singen; ihre Stimme war hübsch und klar, wenn auch nicht groß.
Es war ein kleinrussisches Volkslied, so weich und traurig, wie all diese Lieder.
„Aeußerst gefühlvoll,“ murmelte Iwanow gähnend.
„Es ist schön,“ sagte Ssanin.
Als Karssawina endete, klatschten alle Beifall; es schallte scharf in den dunklen Wald hinein und den Fluß hinab.
„Singe nochSinotschka!“ bat Ljalja „oder, besser, trage deine eigenen Gedichte vor.“
„Sind Sie etwa auch Dichterin? ... Welche Menge von Talenten kann doch der liebe Gott einem einzigen Menschen zukommen lassen, wenn er es gut mit ihm meint!“
„Ist das denn schlimm? ...“ Aus Karssawinas Frage klang ein verlegenes Scherzen.
„Nein im Gegenteil, es ist sehr gut,“ sagte Ssanin mit ehrlicher Bewunderung.
„Wenn, sagen wir, das betreffende Mädchen nebenbei jung und schön ist, so kann es nichts schaden,“ stimmte ihm Iwanow bei.
„Trage doch vor, Sinotschka,“ bat Ljalja ganz zärtlich und voll Liebe.
Karssawina blickte verlegen lächelnd über das Wasser und begann, ohne sich zu zieren, mit derselben lauten und klaren Stimme.
Liebster, mein Liebster, nie sollst du es wissenWie mich mein Herz dir entgegentreibt;Will meine träumenden Augen verschließen,Daß tief mein Geheimnis verborgen bleibt.Niemand auf Erden soll es erraten,Nur Tage der Trauer haben’s gekannt,Nur schweigende Nächte durften es ahnen,Nur Sterne, die golden am Himmel gebrannt.Und nur die zitternden, blinkenden NetzeDer Zweige, die stillen Märchen gelauscht.Wissen’s und werden’s doch nimmer verraten,Wie meine Liebe mich glühend durchrauscht.
Liebster, mein Liebster, nie sollst du es wissenWie mich mein Herz dir entgegentreibt;Will meine träumenden Augen verschließen,Daß tief mein Geheimnis verborgen bleibt.Niemand auf Erden soll es erraten,Nur Tage der Trauer haben’s gekannt,Nur schweigende Nächte durften es ahnen,Nur Sterne, die golden am Himmel gebrannt.Und nur die zitternden, blinkenden NetzeDer Zweige, die stillen Märchen gelauscht.Wissen’s und werden’s doch nimmer verraten,Wie meine Liebe mich glühend durchrauscht.
Liebster, mein Liebster, nie sollst du es wissenWie mich mein Herz dir entgegentreibt;Will meine träumenden Augen verschließen,Daß tief mein Geheimnis verborgen bleibt.
Liebster, mein Liebster, nie sollst du es wissen
Wie mich mein Herz dir entgegentreibt;
Will meine träumenden Augen verschließen,
Daß tief mein Geheimnis verborgen bleibt.
Niemand auf Erden soll es erraten,Nur Tage der Trauer haben’s gekannt,Nur schweigende Nächte durften es ahnen,Nur Sterne, die golden am Himmel gebrannt.
Niemand auf Erden soll es erraten,
Nur Tage der Trauer haben’s gekannt,
Nur schweigende Nächte durften es ahnen,
Nur Sterne, die golden am Himmel gebrannt.
Und nur die zitternden, blinkenden NetzeDer Zweige, die stillen Märchen gelauscht.Wissen’s und werden’s doch nimmer verraten,Wie meine Liebe mich glühend durchrauscht.
Und nur die zitternden, blinkenden Netze
Der Zweige, die stillen Märchen gelauscht.
Wissen’s und werden’s doch nimmer verraten,
Wie meine Liebe mich glühend durchrauscht.
Alle gerieten wieder in Entzücken und klatschten voller Begeisterung Beifall; nicht, weil sie dieses Gedicht so gut fanden, sondern weil sie sich alle selbst gut und frei fühlten und nach Liebe, Glück und Sehnsucht verlangten.
Man schwieg, man sah über das Wasser, lächelte vor sich hin.
Plötzlich rief Iwanow so laut und in so tiefem Baß, daß alle erschreckt zusammenfuhren:
„Nacht, ... Tag ... und Sinaida Pawlownas Augen! ... Seid großmütig und teilt mir mit, ob ich nicht dieser Glücksvogel bin.“
„Das kannst du auch von mir zu hören bekommen,“ erwiderte Ssanin. „Du gewiß nicht.“
„Oh, weh mir,“ heulte Iwanow.
„Sind meine Verse schlecht?“ fragte Karssawina Jurii.
Jurii fand eigentlich, daß sie nicht sehr originell und hundert anderen ähnlich seien. Aber Karssawina war so schön und sah ihn mit ihren schwarzen, schüchternen Augen so reizend an, daß er ein ernstes Gesicht machte und ihr antwortete:
„Mir schienen sie klangvoll und schön.“
Karssawina lächelte ihm zu, selbst verwundert, daß ihr sein Lob so angenehm war.
„Du kennst meine Sina noch nicht,“ rief Ljalja voll Entzücken ihrem Bruder zu. „Sie ist selbst so klangvoll und schön.“
„Schaut mal an!“ meinte Iwanow erstaunt.
„Ihre Stimme ist klangvoll und schön, sie selbst ist eine Schönheit, ihre Verse sind klangvoll und schön, und selbst ihr Name ist klangvoll und schön.“ Ljalja umarmte sie und drückte ihren Körper an den Karssawinas.
„Uebrigens, auch ich habe nichts dagegen einzuwenden,“ erklärte Iwanow. Karssawina errötete und lächelte doch zufrieden vor sich hin.
„Es ist Zeit, nach Hause zu kommen,“ sagte Lyda plötzlich schroff; es berührte sie unangenehm, daß alle Karssawina lobten.
Ssanin fragte sie: „Und willst du nichts singen? ...“
„Nein,“ antwortete Lyda in gereiztem Ton, „ich bin nicht in Stimmung.“
Rjäsanzew erinnerte sich, daß er am nächsten Tage sehr früh aufstehen und ins Krankenhaus gehen mußte; dann hatte er zu einer Sektion zu fahren. Darum stimmte er Lyda bei und drang ebenfalls darauf, sich ein wenig zu beeilen.
Aber alle anderen bedauerten es, weiterfahren zu müssen; sie schienen durch die Verse Karssawinas noch immer mit diesem Flecken verbunden zu sein.
Als man später im Wagen nach Hause fuhr, verspürte niemand mehr den Wunsch, sich zu unterhalten; in sich gekehrt saßen sie in den Kremsern, keiner konnte der schweren Ermattung Herr werden, die sie alle bedrückte. Man fühlte das Steppengras, jetzt unsichtbar, über die Stiefel streichen; hin und wieder haftete das Auge an den grauen Staubwolken, die die Wagen hinter ihnen aufwirbelten. Und weiter dehnten sich die Felder unendlich aus, ganz verschwommen im bläulichen Glanze des Mondlichts, ohne dem Auge einen Anhaltspunkt zu geben. Gleichmäßig schlugen die Hufe der Pferde auf den Boden; es war das einzige Geräusch, das die Dunkelheit durchbrach.
Drei Tage darauf kehrte Lyda spät abends heim; sie war wie zerschlagen, müde und unglücklich. In ihren Gliedern lag eine erstarrte Mattigkeit, die sie niederzog; die träge Abspannung in ihrem Denken war so stark, daß es ihr Mühe machte, auch nur einen Gedanken zu formen. Sie verstand sich und begriff doch wieder nichts; in manchen Augenblicken schien sie sich selber fremd zu werden.
Als sie endlich in ihr Zimmer gekommen war, blieb sie jäh stehen, faltete die Hände, und sah, langsam erblassend, zu Boden. Mit einem Mal zerriß etwas in ihrem Hirn und erst jetzt erfaßte sie mit Entsetzen, das sich sofort in physischem Widerwillen auslöste, was eigentlich mit ihr vorgegangen war, als sie sich Sarudin hingab. Seit diesem Augenblick, den nichts mehr gut machen konnte, war ihr in dem dummen, eitlen Offizier, mit dem sie keine geistigen Beziehungen verbanden, eine Macht entstanden, der sie sich auf keine Weise mehr entziehen konnte.
Sie war rechtlos geworden; jetzt durfte er nach Belieben mit ihr schalten. Sie konnte sich nicht mehr weigern, ihn zu besuchen, sobald er es verlangte; nun hatte es aufgehört, daß sie mit ihm nach ihrer Laune spielte, einmal sich seinen Küssen hingab, dann wieder ihn beiseite schob und auslachte. Seinen gröbsten Zärtlichkeiten mußte sie willenlos und demütig wie eine Sklavin gehorchen.
Wie alles abgelaufen war, suchte sie vergebensin der Erinnerung festzuhalten; alles verschwamm in der brennenden Hitze, die sie ergriffen hatte. Wie immer hatten sich ihr seine Zärtlichkeiten zuerst untergeordnet, wie immer waren sie ihr angenehm und doch bange gewesen und nur mit einemmal schien ihr ein blasser Nebel in den Kopf zu steigen, worin jede Klarheit und Ueberlegung versank. Plötzlich befand sich in ihr nur ein glühender Wunsch, der sie in einen Abgrund von Begierden und Erregungen zog. Der Boden schwoll unter ihren Füßen an, ihr Körper wurde kraftlos und unterwürfig, die drängenden, furchtbaren Blicke Sarudins klammerten sich an ihn und dann erzitterten ihre nackten Beine schamlos und qualvoll unter der rohen Berührung zweier grober Hände. Alles in ihr schob sich diesen Händen entgegen; in ihr lebte nur noch der eine Wunsch, — — der Neugierde, dem Schmerze und der Wollust zu folgen.
Lyda erbebte unter der Erinnerung, hob langsam ihre Schultern in die Höhe und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. Schwankend ging sie auf das Fenster zu, öffnete es und blickte fast ohne Bewußtsein auf den Mond, der über dem Garten stand.
Die trübe Stimmung drückte sie zu Boden; es war eine sonderbare Mischung von häßlicher Begierde und sehnsüchtigem Stolze, die sie bei dem Gedanken beschlich, daß sie ihr ganzes Leben mit einem Hohlkopf befleckt hatte und daß ihre Erniedrigung nur sinnlos und zufällig gewesen war. Etwas Drohendes erhob sich vor ihr; sie suchte es vergebens durch trotzige Verachtung zu zerstreuen.
... wir sind eben zusammengetroffen und ich bin mit ihm mitgelaufen, dachte sie, und mit schmerzlicher Wollust wiederholte sie sich das Wort „mitgelaufen“ ... Ich wollte es und darum gab ich mich ihm hin. Aber doch wurde ich glücklich; es war ja so ... es wurde ihr unmöglich, diese Gedankenreihe zu Ende zu führen.
Lyda schrak zusammen und reckte sich, indem sie die geballten Hände nach vorn streckte. Dann strich sie mit den geöffneten Handflächen durch die Luft, als wenn sie alles von sich fortschieben wollte.
Mit Ueberwindung trat sie vom Fenster zurück und begann sich zu entkleiden; sie löste mechanisch die Bänder der Röcke und ließ sie gleich dort, wo sie stand, zur Erde fallen.
— — — Warum auch nicht, dachte sie, das Leben ist nun einmal so.
Sie erschauerte unter dem frischen Luftzug, der weich ihre Schultern berührte.
— — — Was hätte ich gewonnen, wenn ich wirklich die legitime Ehe abwartete. Was kann sie viel für mich sein. Es ist ja im Grunde ganz gleichgültig. Ich bin dumm, daß ich dem, was geschah, irgend eine Bedeutung beimesse ... Dummheiten!
Am Ende dieser Gedanken schien ihr wirklich, daß es sich nur um Kleinlichkeiten handle. Vom nächsten Tage an würde alle Unruhe ein Ende haben; sie hatte in diesem Spiel gewonnen, sie war jetzt frei wie ein Vogel.
Gefällt es mir, so lieb ich ihn,Und hab ich’s satt, so ist’s vorbei.
Gefällt es mir, so lieb ich ihn,Und hab ich’s satt, so ist’s vorbei.
Gefällt es mir, so lieb ich ihn,Und hab ich’s satt, so ist’s vorbei.
Gefällt es mir, so lieb ich ihn,
Und hab ich’s satt, so ist’s vorbei.
Und dem Klange ihrer Stimme lauschend,dachte sie mit Vergnügen, daß sie doch viel besser singe, als Karssawina.
— — — Ja, das sind alles nur Dummheiten. Wenn es mir paßt, so gebe ich mich dem Teufel hin ..., sie gab ihren Gedanken einen endgültigen Stoß, dessen Rücksichtslosigkeit sie selbst erstaunte. Mit einem gleich schroffen, körperlichen Ruck richtete sie sich auf, verschränkte, wie zum Halt, ihre Arme hinter dem Kopf und reckte sich so stark, daß es ihre Brust erschütterte.
„Schläfst du noch nicht, Lyda?“ fragte die Stimme ihres Bruders hinter dem Fenster.
Lyda erzitterte schreckhaft, lächelte aber sofort, schlug um ihre Schultern ein großes Tuch und lief ans Fenster.
„Wie hast du mich erschreckt,“ sagte sie.
Ssanin trat auf sie zu und stützte den Ellenbogen auf das Fensterbrett; seine Augen blinkten, und er lächelte.
„Es war aber doch umsonst,“ erklärte er heiter und leise.
Lyda wandte fragend den Kopf.
„Ohne Tuch sähst du viel hübscher aus.“ Er sprach mit bedeutungsvoller Stimme. Lyda jedoch verstand ihn nicht und wandte sich ihm erstaunt zu; gleichzeitig aber wickelte sie sich instinktiv noch fester in ihr Tuch. Verlegen lehnte sie ihre Brust an das Fensterbrett und beugte sich heraus; sie wurde noch verlegener, als Ssanin plötzlich leise spöttisch auflachte und sein heißer Atem ihre Wange streifte.
„Du bist eine Schönheit, Liebste,“ sagte er unvermittelt.
Lyda schaute rasch auf ihn hin und erschrakvor dem Ausdruck seines Gesichts. Hastig wendete sie sich zum Garten, und sie fühlte es bis in die äußersten Nervenenden, daß Ssanin sie ganz besonders anblickte. Das machte auf sie einen so entsetzlichen Eindruck, daß es ihr in der Brust kalt wurde und ihr Herz schmerzhaft erbebte. Doch sie überwand sich und lächelte.
„Ich weiß.“ Sie hatte das Gefühl, als wäre sie gezwungen, ihn so und nicht anders anzulächeln. Um es zu vermeiden, lehnte sie sich noch weiter aus dem Fenster. Dabei glitten das Hemd und Tuch herunter, und der obere Teil ihrer weißen und unfaßbar zarten Brust, unter den Strahlen des Mondes noch zarter und weißer, wurde sichtbar.
„Die Menschen errichten stets eine chinesische Mauer zwischen sich und dem Glück.“ Ssanins unnatürlich leise Stimme schluchzte fast vor Erregung und Lyda erstarrte noch mehr unter ihren Lauten.
„Wieso?“ fragte sie tonlos, ohne die Augen von dem dunklen Garten abzuwenden, in der Furcht, seinem Blick zu begegnen.
Sie fühlte mit Sicherheit, daß in dem Augenblick, wo sie ihn ansehe, etwas Furchtbares geschehen würde, etwas, dessen Möglichkeit sie nicht einmal in Gedanken fassen konnte.
Und zur selben Zeit wußte sie schon, daß alles so kommen mußte. Sie ängstigte sich, sie hatte eine widerwärtige Empfindung und doch war es ihr gleichzeitig interessant. Ihr Kopf glühte und sie sah nichts mehr vor sich. Mit Abscheu und Verlangen spürte sie auf der Wange das heiße Atmen ihres Bruders, das ihr Haar an derSchläfe bewegte und in ihr das Gefühl erweckte, als ob unter dem Tuche Ameisen ihren nackten Körper herunterliefen.
„Ganz einfach!“ erwiderte Ssanin, doch seine Stimme riß mit einem Male ab.
Lyda fuhr es wie ein Blitz durch den ganzen Körper; sie richtete sich auf und ohne zu wissen, was sie tat, neigte sie sich zum Tisch hinüber und löschte die Lampe aus.
„Zeit schlafen zu gehen,“ sie zog das Fenster zu.
Als die Lampe erloschen war, wurde es draußen nur heller, die Gestalt Ssanins und sein Gesicht traten unter dem Licht des Mondes noch stärker hervor. Er stand im hohen, taubedeckten Gras und lachte.
Lyda ging vom Fenster zurück und ließ sich fast ohne Bewußtsein auf das Bett nieder. Alles schwankte und klopfte in ihr und ihre Gedanken verwirrten sich. Sie hörte die Schritte des Bruders, der mit seinen Füßen das Gras beiseite schob, und sie suchte mit ihrer Hand das Schlagen ihres Herzens zu unterdrücken.
— — — Bin ich denn wirklich verrückt geworden, dachte sie mit Widerwillen. Wie ekelhaft ist das alles. Ein Satz, zufällig gesprochen und ich bin schon ... Was ist das? ... Erotomanie? Bin ich denn wirklich so verdorben? ... Wie tief muß man fallen, um so zu denken ...
Und plötzlich weinte Lyda, den Kopf in die Kissen gedrückt, still und bitter auf. Sie fühlte sich gedemütigt und unglücklich und verstand dochden Grund ihrer Tränen nicht. Sie weinte, weil sie mit der Hingabe an Sarudin ihren frühern Stolz zerbrochen hatte und weil der verletzende Blick ihres Bruders immer noch an ihr nagte. Früher hatte er es nicht gewagt, sie so anzusehen; jetzt tat er es; — denn er hielt sie für eine Gefallene. Doch am stärksten beherrschte sie das Gefühl, wie schmerzhaft und erniedrigend es ist, eine Frau zu sein, und daß sie immer, solange sie jung und schön bleibt, ihre besten Kräfte darauf verwenden muß, sich den Männern hinzugeben. Ihr ganzes Leben gipfelte nur darin, ihnen Genuß zu bereiten, und sie konnte doch nur erwarten, von ihnen um so mehr verachtet zu werden, je mehr sie ihnen von diesem Genuß zuteil werden ließ.
— — — Woher kam diese Herrschaft der Männer? ... Lyda starrte mit angespanntem Blick in die Finsternis, bis ihr die Augen schmerzten. — — — Werde ich denn wirklich kein besseres Leben mehr sehen? ... Ihr junger, kräftiger Körper gab ihr eindringlich die Antwort. Er rief ihr zu, daß sie vor allem das Recht habe, vom Leben zu nehmen, was ihr angenehm und notwendig sei, ein Recht, alles mit diesem lebendigen, kraftvollen Körper zu wagen. Der Körper bin ich und ich bin frei, sang es in ihr, in einer monotonen, einschläfernden Melodie. Doch plötzlich verfing sich dieser Satz in einem verwickelten Netz von Gedanken, versuchte sich aus den Maschen zu reißen und fiel kraftlos und trübselig zu Boden nieder.
Jurii Swaroschitsch beschäftigte sich seit langem mit Malerei; er liebte sie und opferte ihr seine ganze freie Zeit. Einmal hatte er davon geträumt, Kunstmaler zu werden. Zuerst hinderte ihn Geldmangel an der Ausführung seiner Pläne, später kam die Parteitätigkeit dazwischen, schließlich griff er nur hin und wieder einmal zu Pinsel und Palette.
Da ihm jede Schulung fehlte, brachte ihm seine Kunst nur Unzufriedenheit und Enttäuschung. Jedesmal, wenn die Arbeit plötzlich nicht mehr weiter gehen wollte, erregte sich Jurii furchtbar und litt tagelang unter dem Bewußtsein seiner künstlerischen Unzulänglichkeit. Gelang ihm aber wirklich einmal ein Werk, so geriet er in träumerisches Nachdenken; dann fraß der Gedanke an ihm, daß sein ganzes Arbeiten zwecklos sei und ihm doch kein Glück bringen könne.
Von Karssawina war Jurii entzückt.
Er liebte solche hochgewachsenen und vollen Frauen mit den reinen Stimmen und etwas sentimentalen Augen. Aber alles, was er von Karssawinas Reinheit und seelischer Feinheit empfand, war nur durch ihre Schönheit, ihr zärtliches Wesen in ihm hervorgerufen worden. Aus irgend einem Grunde jedoch wollte er sich das selbst nicht eingestehen und suchte sich mit aller Mühe zu überzeugen, daß ihm nicht die Schultern, die Brust und die Augen dieses Mädchens gefielen, sondern ihre Jungfräulichkeit und Unberührtheit.Zwar hätte er nicht leugnen können, daß ihn gerade diese jungfräuliche Unberührtheit in Erregung versetzte; trotzdem schienen ihm seine Gedanken in dieser Gestalt edler und besser. Doch schon vom ersten Abend an entstand in ihm ganz langsam die unklare Gier, welche er von früher her kannte, die ihm aber bis jetzt noch nicht zum Bewußtsein gekommen war, Karssawina ihrer Reinheit zu berauben. Es waren Gedanken, wie sie stets in ihm auftauchten, wenn er auffallend schönen Mädchen begegnete.
Diesmal aber schlugen sie einen besonderen, eigenartigen Weg ein. Je mehr er sich mit Karssawina beschäftigte und ihr blühendes Leben vor Augen sah, um so dringender wurde er von dem Wunsche gepackt, das Symbol dieses Lebens zu malen.
Kaum war die Idee in ihm aufgetaucht, als er sich auch schon voll Begeisterung auf sie stürzte, ganz berauscht von ihr und fest überzeugt, sie dieses Mal bis zu Ende durchführen zu können.
Er spannte sich eine große Leinwand auf und machte sich mit fieberhafter Eile, als befürchtete er, sich zu verspäten, an das Bild. Sowie er die ersten Pinselstriche hingeklatscht hatte und auf der Leinwand strahlende, saftige Flecken erschienen, bebte er am ganzen Körper vor Begeisterung und Kraft; sein zukünftiges Werk stand in allen Einzelheiten leicht und interessant vor seinen Augen.
Je weiter die Arbeit vorschritt, um so stärkere technische Schwierigkeiten, die ihm unüberwindlich erschienen, ergaben sich. Was ihm die Phantasie hell und kraftvoll vorgespiegelt hatte, wurdeauf der Leinwand schwach und flach. Auch die Einzelheiten, die ihn zuerst so stark anzogen, lockten ihn jetzt nicht mehr; sie verwirrten ihn nur und blendeten ihn.
Jurii hielt sich nicht länger bei den Details auf und begann statt ihrer die Striche breit und nachlässig anzulegen. Allmählich trat ein oberflächlich hingeworfenes, graues Frauenzimmer hervor, ohne jede Originalität; alles matt und schwerfällig. Jurii trat ein paar Schritte zurück, eine Zeitlang starrte er abwesend auf die bunte Fläche. Dann sah er plötzlich ein, daß sein Bild nichts Persönliches ausdrückte, sondern einfach die Kartons von Much nachahmte; selbst seine Idee war nur banal gewesen.
Ihm wurde matt und traurig zumute.
Hätte er nicht geglaubt, daß Weinen beschämend sei, so wären ihm jetzt die Tränen gekommen. Am liebsten würde er den Kopf in die Hände vergraben haben, schluchzend und über irgend etwas klagend, nur nicht über seine eigene Kraftlosigkeit. Doch so saß er nur finster vor seinem Bilde und dachte, daß sich das Leben selbst langweilig und schwächlich abrolle und nichts mehr enthalte, was ihn anregen könne. Und plötzlich überfiel ihn geradezu mit Entsetzen der Gedanke, daß er vielleicht dazu verurteilt sei, noch viele Jahre in diesem Neste zuzubringen.
— — — Dann besser der Tod, dachte Jurii und ein Kälteschauer überlief ihn. Und unter der Anspannung, in der sich sein Hirn befand, setzte sich dieser Gedanke sofort in den Wunsch um, den Tod zu malen.
Jurii griff zum Messer und begann mit einerGehässigkeit, die ihn selbst empörte, sein „Leben“ abzuschaben. Gleichzeitig aber ärgerte es ihn, daß dieses Bild, an welchem er mit solcher Begeisterung gemalt hatte, jetzt nur mit Mühe von der Leinwand verschwinden wollte.
Die Farben lösten sich nur wie unwillig, das Messer schmierte, sprang ab und machte jedesmal zu Juriis größter Wut einige Risse in den Grund. Dann stellte es sich heraus, daß die neuen Kohlenstriche nicht auf der öligen Unterlage sitzen wollten, und dies verursachte ihm wiederum geradezu körperliche Schmerzen.
Er griff zum Pinsel und begann sofort Braun aufzusetzen, verlor aber gleich wieder alle Energie und malte langsam, nachlässig, unter schwerem und trübem Nachsinnen weiter.
Das Bild, das er jetzt im Kopfe hatte, verlor nicht, sondern gewann geradezu durch die Oberflächlichkeit der Pinselführung und den matten, schleppenden Ton der Farben. Dazu war die ursprüngliche Idee des Todes wie von selbst geschwunden, das Motiv wurde unter Juriis Pinsel zu einer Darstellung des Greisentums. Er malte es in der Gestalt einer abgerackerten, knochigen, alten Frau, die auf einem ausgetretenen Wege, einen Sarg auf dem Rücken, in grauer, trauriger Dämmerung dahinschleicht.
Man rief Jurii zum Mittagessen, aber er ließ sich nicht aufhalten, sondern malte ununterbrochen weiter. Später kam auch Nowikow und begann ein Gespräch mit ihm, doch er hörte ebensowenig hin, blieb stetig bei seiner Arbeit und gab ihm keine Antwort.
Nowikow ließ sich aufseufzend auf dem Divan nieder; er war es ganz zufrieden, schweigen und denken zu können. Zu Jurii war er nur gekommen, weil er es nicht ertragen konnte, allein zu Hause zu sein.
Die Ablehnung Lydas quälte ihn sehr; aber er war sich selbst nicht klar, ob er sich ihrer mehr schämte oder an ihr seelisch verkümmerte. Die Klatschereien über Lyda und Sarudin waren ihm noch nicht zu Ohren gekommen, trotzdem sie schon überall in der Stadt aufstiegen. Daher war er auf niemanden eifersüchtig, sondern litt nur unter der Zerstörung seines Traumes, der ihm eine Zeitlang nahe und glänzend erschienen war, so daß er sich bereits voll seinem Glück hingegeben hatte.
Obgleich er, während er auf Juriis Bild starrte, darüber nachsann, wie jetzt auch sein Leben verderben und alt werden mußte, kam ihm nicht einen Augenblick lang der Gedanke, daß er sterben könne. Er begriff nur, daß es nunmehr, seitdem er sein persönliches Leben aufgegeben hatte, seine Pflicht sei, für andere Menschen zu leben. So war ihm bereits unklar der Gedanke aufgetaucht, hier alles stehen und liegen zu lassen und nach Petersburg zu fahren, wo er wieder die Beziehungen zur Partei anknüpfen konnte. Von dort bis zum Tode war es nicht weit.
Schon das Bewußtsein, daß ihm diese Idee, die ihm erhaben und schön dünkte, ganz allein gehöre, gab ihm Trost. Sein eigenes Bild umrahmte sich vor seinen Augen mit einer lichten, schwermütigen Glorie, und durch den unwillkürlichen leisen Vorwurf gegen Lyda, der sich darinzeigte, wurde er so tief gerührt, daß ihn fast ein trockenes Weinen ergriff.
Allmählich wurde ihm das Nachdenken langweilig. Jurii malte ununterbrochen fort und schenkte ihm keine Aufmerksamkeit. Nowikow erhob sich mit seiner angeborenen Bequemlichkeit und trat auf ihn zu.
Vorläufig fehlte dem Bilde noch jede tiefere Ausführung, aber gerade deswegen machten seine grellen Andeutungen auf Nowikow einen tiefen Eindruck. Ihm schien das Bild wunderbar. Er öffnete ein wenig den Mund und blickte mit naiver, unverhohlener Begeisterung auf Jurii.
„Nun was?“ fragte Jurii zur Seite blickend.
Nowikow sagte einfach und begeistert: „Sehr ... gut!“
In diesem Augenblick fühlte sich Jurii ganz als Genie, das mit Verachtung auf sein Werk herabblickt. Er seufzte gefühlvoll auf, warf den Pinsel hin, so daß die Sofaecke bespritzt wurde und trat zur Seite, ohne das Bild nur mit einem Blick zu streifen.
„Eh, Bruder,“ sagte er. Beinahe hätte er sich und Nowikow in diesem Augenblick die trübe Erkenntnis eingestanden, die einen Moment von der Freude am Erfolge durchbrochen worden war, daß er doch nicht imstande sei, die Skizze ernsthaft auszuführen. Statt dessen aber meinte er nur wegwerfend:
„Das nützt doch alles nichts.“
Nowikow wollte das für eine Pose Juriis halten, aber in dieser Minute gab ihm sein eigener, enttäuschungsvoller Gram einen Stich durch das Herz und er dachte: Wahr. Sehr wahr. Dochwenige Sekunden später erwiderte er ganz ohne Ueberlegung:
„Was meinst du, es nützt nicht?“
Jurii konnte diese Frage nicht gleich beantworten und schwieg; auch Nowikow blickte nur noch einmal flüchtig auf das Bild und legte sich dann auf den Divan.
„Weißt du, Bruder,“ begann er, „sogar deinen Artikel im „Süden“ habe ich gelesen. Er ist ganz gut.“
„Hol ihn der Teufel,“ rief Jurii mit einer Erbitterung, die ihm völlig unverständlich war; er erinnerte sich plötzlich der Worte Semionows. Dann fuhr er fort: „Was erreicht man mit dem allem? ... Man wird weiter rauben, hinrichten und Gewalttätigkeiten begehen. Mit Artikeln ist da gar nichts zu machen; es tut mir leid, daß ich ihn überhaupt geschrieben habe. Was ist nun schon? ... Einige Idioten werden ihn lesen. Welchen Zweck hat das? ... Und schließlich, was geht es mich an. Weswegen soll ich mit dem Kopf die Wände einrennen?“
Vor den Augen Juriis zogen die ersten Jahre seiner Parteitätigkeit vorüber. Die geheimen Zusammenkünfte, die Propaganda, die Gefahr und die Mißerfolge, der heiße Enthusiasmus und die völlige Apathie gerade jener Schichten, für die er kämpfen wollte. Er ging im Zimmer auf und ab und machte eine wegwerfende Handbewegung.
Nowikow brauste plötzlich auf.
„Von dem Standpunkt aus lohnte es sich überhaupt nicht, irgend was zu tun.“ Und sich Ssanins erinnernd, fügte er hinzu: „Egoisten seid ihr alle! Weiter nichts.“
„Ja, es verlohnt sich in Wirklichkeit nicht, etwas zu tun,“ setzte Jurii zu sprechen ein; er befand sich plötzlich, unter dem Einfluß der gleichen Erinnerung und der matten Dämmerung, die schon ganz sachte alles im Zimmer zum Erblassen brachte, in einer glühenden, aufrichtigen Stimmung. Während er fortfuhr, schien er sich immer mehr zu erregen:
„Wollen wir wirklich über die Menschheit sprechen, so sage, was bedeuten denn alle unsere Bemühungen. Diese Konstitutionen, diese Revolutionen, — und wir können uns doch noch nicht einmal annähernd die Perspektive vorstellen, die die Menschheit in der Zukunft entlang laufen wird. Vielleicht, vielleicht liegen gerade in der Freiheit, von der wir träumen, die ersten Keime der Zersetzung? Vielleicht, nachdem der Mensch sein Ideal erreicht haben wird, geht es wieder mit ihm rückwärts, und schließlich läuft er von neuem auf allen Vieren ... Und dann wird die ganze Geschichte von vorne anfangen. Oder denkt man auch nur an sich selber. Sage doch,“ — schrie er plötzlich schmerzlich auf, — „was kann ich im allerbesten Fall erreichen? ... Natürlich, ich kann mit meinen Talenten und Taten, wenn alles gut geht, Ruhm einsammeln. Ich kann mich an der Ehrerbietung von allerlei Volk besaufen ... Sehr schön, von solchen, die noch niedriger stehen, als ich, also gerade die, welche ich noch nicht einmal achten kann. Deren Anerkennung mir in der Wirklichkeit nicht einen Pfifferling wert sein sollte. Und so ... leben, leben bis zum Ende! ... Weiter nichts! Und war ich noch so bedeutend, —am Ende wird mir der Lorbeerkranz an den kahlen Schädel wachsen, daß es mir nur Ekel hervorruft.“
„So? ... Vor dir selbst? ...“ fragte Nowikow mit gemachtem Spott, völlig unklar, warum er eigentlich fragte und woher ihm die Lust zum Spotten kam.
Aber Jurii achtete garnicht darauf. Er fuhr, voll Trauer in seinen Worten, fort, zu reden, ohne zu merken, mit welcher Befriedigung er ihnen lauschte; sie schienen ihm prachtvoll und eindringlich und riefen in ihm ein eigensinniges, erhebendes Gefühl hervor.
„Und schlimmstenfalls bleibe ich ein unbekanntes Genie, ein lächerlicher Schwärmer, wert als Objekt für Witzblätter zu dienen, ein Mensch ohne Sinn und Verstand. Keinem zu Nutzen ...“
Nowikow fiel ihm ins Wort. Er wünschte sich seine eigenen Gedanken wegreden zu können, wenn er auch fühlte, wie zwecklos dieses Gerede war.
„Aha! — — — Niemandem nützlich, sagst du! Du merkst also selbst, das heißt, du gestehst ...“
„Welch ein komischer Kerl du bist,“ unterbrach ihn seinerseits Jurii. „Meinst du wirklich, daß ich mir nicht ganz klar bin, wofür man leben und was man glauben könnte? ... Vielleicht würde ich mich mit Freuden kreuzigen lassen, wenn ich nur wüßte, daß mein Tod die Welt retten wird. Aber so, was ich auch tun mag, an der Endsumme, die einmal die Geschichte ziehen muß, ändere ich verdammt wenig. Ach, garnichts, und der ganze Nutzen, den ich bringen kann, —— — Ihr redet ja immer vom Nutzen, — — — das ist ja alles so gering, so nichtig, — — — und wenn ich überhaupt nicht wäre, die Welt hätte keinen Jota Nachteil davon. Aber es gehört sich nun einmal so, und ich muß für diesen Wert, geringer als ein Jota, leben und leiden und qualvoll auf meinen Tod warten. — — — Als anständiger Mensch, — — —“
Es fiel Jurii garnicht auf, daß er allmählich auf ein anderes Thema übergegangen war und zuletzt nicht mehr auf Nowikows Worte antwortete, sondern zu sich selbst sprach, zu seinen eigenen, sonderbaren und unbestimmten Empfindungen. In diesem Augenblick erinnerte er sich wieder Semionows Reden über den Tod und ein kaltes, widerwärtiges Grauen lief ihm den Rücken herunter.
„Weißt du, diese Unvermeidlichkeit quält mich,“ sagte er still und vertrauensvoll, indem er mechanisch durch das dunkel gewordene Fenster schaute. „Ich weiß, daß alles ganz natürlich ist, daß es dagegen gar kein Ankämpfen gibt, — — aber doch, es ist entsetzlich und abscheulich.“
Nowikow verstand, daß in diesen Worten etwas Richtiges liegen mochte; er wurde noch trübseliger. Dennoch zwang er sich, ruhig und nüchtern zu erwidern: „Der Tod ist eine nützliche, physiologische Erscheinung.“
— — Welch ein Narr ist das, dachte wütend Jurii; aufgeregt gab er ihm zur Antwort:
„Ach mein Gott, was geht es mich im Grunde an, ob unser Tod jemandem Nutzen bringt oder nicht. Alles Unsinn!“
„Und deine Kreuzigung? ...“
„Das ist eine ganz andere Sache,“ antworteteer unentschlossen und mit einemmal ernüchtert.
„Du widersprichst dir selbst,“ bemerkte Nowikow; er fühlte seine Ueberlegenheit, war aber doch großmütig genug, Jurii in diesem Augenblick nicht anzusehen.
Jurii fing diesen Ton auf. Er war empört und erhitzte sich aufs äußerste über Nowikows Ruhe. Wild fuhr er sich mit seinen Händen durch die widerspenstigen, schwarzen Haare, und schrie wütend:
„Ich widerspreche mir überhaupt nicht. Das ist ganz klar. Es ist ein großer Unterschied, ob ich selbst nach meinem eigenen Wunsche sterbe ...“
„Ganz egal ist es, mein Lieber.“ Nowikow fuhr in seinem überlegenen Ton fort, ohne aufzublicken. „Was euch kränkt, — — — ihr wollt eben alle Feuerwerk und Applaus haben. Egoismus, mein Lieber, das ist alles.“
„Und wenn schon, das ändert an der Sache nichts.“
Das Gespräch verwickelte sich. Jurii merkte, daß etwas nicht in Ordnung war, er konnte aber nicht mehr den Faden herausfinden, der ihm noch eine Minute vorher, so straff gespannt wie eine Saite schien. Aergerlich rannte er im Zimmer auf und ab und dachte wie immer in solchen Fällen, um sich selbst zu beruhigen: Es kann einfach nichts Vernünftiges herauskommen, wenn die Stimmung nicht klappt. Mal spricht man so klar, daß einem alles wie selbstverständlich vor den Augen liegt, und ein anderes Mal wieder ist es einem, als ob die Zunge im Munde festgebunden wäre. Alles platzt dann so ungeschicktund grob heraus, ja, das kommt schon vor.
Sie schwiegen beide eine Weile. Jurii lief immer noch im Zimmer umher, dann blieb er kurze Zeit vor dem Fenster stehen. Er starrte hinaus. Plötzlich wendete er sich um und griff zur Mütze.
„Gehen wir etwas spazieren,“ sagte er hastig.
„Gut, gehen wir!“ Nowikow willigte mit der geheimen Hoffnung ein, daß ihnen der Zufall vielleicht Lyda Ssanina in den Weg führen werde.
Sie gingen den Boulevard hinauf und hinunter, ohne Bekannten zu begegnen und lauschten interesselos der Musikkapelle, die wie gewöhnlich im Stadtgarten spielte. Jedesmal setzte sie mit falschen Intonationen ein, kam im Takt immer mehr auseinander, sodaß man hätte glauben können, die Musiker versuchten im Spiel einander zuvorzukommen; trotz alldem klang aber die Melodie von ferne zart und traurig. Stets dieselben Spaziergänger kamen an ihnen vorüber, flirteten miteinander und ihr Lachen, ihre aufgeregten, heißen Stimmen paßten nicht zu der stillen, traurigen Musik, dem stillen, traurigen Abend; sie versetzten Jurii in eine verdrießliche, gehässige Stimmung.
Als sie wieder einmal am Ende des Boulevard angelangt waren und gerade umkehren wollten, trat Ssanin an sie heran und begrüßtesie vergnügt. Doch er gefiel Jurii offensichtlich nicht und so wollte das Gespräch nicht recht in Fluß kommen. Mit einemmal verletzte es auch Jurii, daß Ssanin alles, was ihm vor die Augen kam, mit seinem leichten Spott übergoß; jedes Wort klang ihm schmerzhaft in den Ohren. Seine Stimmung veränderte sich auch nicht, als Iwanow auf sie zukam und sich ihnen ebenfalls mit lauter Fröhlichkeit anschloß.
„Wo wollen Sie denn hin?“ fragte Nowikow den Lehrer, um dadurch dessen Fragen zuvorzukommen.
„Ich will meine Freunde freihalten,“ erwiderte dieser lachend, zog eine Flasche Wodka aus der Tasche und zeigte sie mit feierlicher Miene im Kreise herum. Ssanin stimmte sofort in das Lachen ein.
Jurii erschien das Lachen und der Wodka wiederum unnatürlich und platt; widerwillig wendete er den Kopf ab. Trotzdem es Ssanin bemerkte, ging er nicht darauf ein und behielt ruhig sein vergnügtes Lächeln bei. Iwanow jedoch machte eine zweideutige Miene und sagte in gedehntem Baß:
„Ich danke dir, Herr, daß ich nicht bin, wie diese Zöllner.“
Jurii errötete: — Der muß natürlich auch noch seinen Senf drauf geben, dachte er verächtlich, zuckte mit den Schultern und trat zur Seite.
„Nowikow, du unbewußter Pharisäer, so komme du wenigstens mit uns mit,“ drang Iwanow in ihn.
„Um welches Teufels willen? ...“
„Nun, um einen zu nehmen.“
Nowikow gab nicht gleich eine Antwort, sondern überblickte mit gleichgültigen Mienen den Boulevard; es schmerzte ihn, daß er Lyda nirgends erblickte.
„Lyda sitzt zu Hause und büßt ihre Sünden,“ bemerkte Ssanin lächelnd.
„Dummheiten,“ murmelte verlegen Nowikow, „ich habe einen Kranken.“
„Der auch ohne deine Hilfe verrecken wird,“ fiel ihm Iwanow ins Wort. „Uebrigens können wir uns auch ebenso ohne deine Hilfe dem Wodka widmen.“
— und uns besaufen! Und das ist noch das beste, dachte Nowikow bitter. Laut sagte er: „Nun gut, gehen wir!“
Sie verabschiedeten sich flüchtig von Jurii und schritten fort; er hörte noch von weitem den groben Baß Iwanows und das harmlos-zärtliche Lachen Ssanins.
Er ging wieder, ganz mit seinen Gedanken beschäftigt, den Boulevard hinunter, bis ihn Frauenstimmen anriefen. Sina Karssawina und die Lehrerin Dubowa saßen auf einer der Boulevardbänke, und ihre Figuren in dunklen Kleidern und ohne Hüte, aber mit Büchern unter den Armen, waren in dem tiefen Schatten kaum erkennbar.
Rasch und erfreut trat er auf sie zu.
„Woher kommen Sie?“ fragte er, sie begrüßend.
„Wir waren in der Bibliothek,“ gab Karssawina zur Antwort.
Dubowa rückte schweigend zur Seite, sodaß an ihrer Seite Platz wurde; aber trotzdem Juriiwünschte, sich an Karssawinas Seite zu setzen, wagte er es nicht recht und ließ sich neben der häßlichen Lehrerin nieder.
„Warum machen Sie ein so ärgerliches, wütendes Gesicht?“ fragte Dubowa, wobei sie ihre schmalen und trockenen Lippen gewohnheitsmäßig mißmutig aneinanderpreßte.
„Sieht es denn so aus? Es ist heiter genug und denn, ich glaube, es ist hier tatsächlich etwas langweilig.“
„Vielleicht liegt’s an Ihnen?“ erwiderte spöttisch Dubowa.
„Und verstehen Sie, hier was anzufangen?“
„Ja, ich habe keine Zeit zu greinen!“
„Ich auch nicht.“
„Na, dann quietschen Sie eben,“ — scherzte Dubowa.
„Das ist nun einmal mein Leben. Ich habe sogar das Lachen verlernt.“
In seiner Stimme lag eine so bittere Nuance, daß die Mädchen unwillkürlich stille wurden.
Auch Jurii schwieg; dann lächelte er: „Ein Freund von mir sagte einmal, daß mein Leben sehr erstaunlich sei.“
„In welchem Sinne?“
„Ich lebe, wie man nicht leben soll,“ antwortete er bestimmt, ohne daß er zuvor von einem Menschen derartiges gehört hätte.
Jurii hielt sein ganzes Leben für mißraten und sich selbst für einen außerordentlich unglücklichen Menschen. Darin verbarg sich für ihn eine traurige Genugtuung, und es machte ihm Vergnügen, sich über sein Leben und die Menschenzu beklagen. Zu Männern sprach er niemals davon, weil er instinktiv fühlte, daß sie ihm nicht glauben würden. Aber Frauen und besonders jungen und schönen Mädchen erzählte er gern und lange von sich. Er war hübsch und sprach schön, und die Frauen hatten mit ihm stets das Mitleid, das mit Verliebtheit durchsetzt ist.
Auch diesmal, im Scherz begonnen, ging Jurii leicht in den gewohnten, sentimentalen Ton über und redete viel über sein Leben. Nach seinen Worten mußte man glauben, daß er, ein Mensch von ungeheurer Kraft und bedeutender Veranlagung, an dem Milieu und den Umständen zerbrochen war und daß man ihn auch in der Partei nicht verstanden hatte. Wenn aus ihm nicht ein Volksführer, sondern ein Student wurde, der aus irgend einem nichtigen Anlaß verschickt worden war, so trug daran nur eine fatale Zufälligkeit und menschliche Dummheit, nicht er selber, die Schuld.
Jurii kam, wie allen Menschen mit großer Eigenliebe, niemals der Gedanke in den Kopf, daß diese Auffassung keineswegs außerordentliche Kraft beweise und daß jeder geniale Mensch von gleichen Zufälligkeiten und Personen umgeben ist. Ihm schien, daß nur ihn allein ein schweres, unüberwindliches Schicksal verfolge.
Doch da alles, was er erzählte, voller Farben und Leben war, machte es auf die Mädchen den Eindruck, als ob es wirklich der Wahrheit ähnlich sei. Sie glaubten seinen Worten, bemitleideten ihn und wurden mit ihm traurig.
Die Musik spielte ebenso ungleichmäßig und sentimental wie vorher, der Abend war finsterund nachdenklich, und ihnen allen wurde es träumerisch befangen zumute.
Als Jurii schwieg, richtete Dubowa eine Frage an ihn, die eigentlich nur den eigenen Gedanken, wie langweilig und eintönig ihr Leben sei, und wie bald sie alt würde, ohne Liebe und Glück gekostet zu haben, beantwortete.
„Sagen Sie, Jurii Nikolajewitsch, ist Ihnen niemals der Gedanke an Selbstmord gekommen?“
„Weshalb fragen Sie mich danach?“
„So!“
Alle schwiegen. Jurii vergaß die Antwort.
„Sie waren also im Komitee?“[1]fragte Karssawina voller Neugierde.
„Ja,“ antwortete Jurii kurz und wie gezwungen; das Eingeständnis war ihm aber doch angenehm, weil er glaubte, daß es ihm in den Augen des hübschen Mädchens ein neues, geheimnisvolles Interesse verleihen würde.
Und der Eindruck, den diese kurze Bejahung auf Karssawina und Dubowa machte, war so stark, daß sie beide in Schweigen verfielen und nur hin und wieder einen fast ehrerbietigen Blick über Jurii streifen ließen. Er fühlte sich von dieser guten Stimmung zärtlich geliebkost; um sie nicht zu stören, vermied er jede Bewegung und saß andächtig neben den Mädchen. Die Luft um sie wurde von der Sehnsucht, die sich aus ihnen allen drängte, durchsättigt und schien sich schwerer um sie zu legen, in leise Kreise getrieben, vonden fern herüberschallenden Melodien. Endlich erhob sich Karssawina, sah mit freudig glänzenden Augen, in denen sie mühsam ihre unbewußte Erregung zurückhielt, auf Jurii und Dubowa und rief ihnen zu: „Gehen wir, Herrschaften, gehen wir doch, es wird spät. Wir verbummeln uns ja hier.“ Und wieder glücklich lachend, fügte sie hinzu: „Jurii Nikolajewitsch, diesmal aber sind Sie Schuld!“
Jurii neigte fröhlich den Kopf, trat an ihre Seite und wartete, indem er ebenfalls ohne Grund in ihr leises freies Lachen einstimmte, auf Dubowa, die etwas schwerfälliger aufstand und erst die Bücher in ihrem Arm zurechtschob, ehe sie sich ihnen anschloß.
Jurii begleitete die Mädchen nach Haus. Unterwegs sprachen sie lebhaft und lachten viel; die traurige Stimmung war verflogen.
„Welch ein netter Kerl ist er,“ sagte Karssawina, als Jurii fortging.
„Sieh, sieh, verlieb dich nicht!“ Dubowa drohte mit den Fingern.
„Nun, was dir gleich in den Kopf kommt,“ rief Karssawina mit verborgenem, instinktivem Schrecken.
Jurii kam in leichter und freudiger Erregung nach Hause.
Er blickte auf das begonnene Bild, empfand nichts Sonderliches dabei und legte sich vergnügt schlafen.
Und in der Nacht träumte er wollüstige und sonnige Bilder, träumte er von jungen und schönen Frauen.