Am frühen Morgen, als die Sonne noch schräg und weich niederstrahlte, gingen Iwanow und Ssanin zur Stadt hinaus.
Der Tau glänzte unter der Sonne und funkelte in vielen Feuerchen; im Schatten wurde das Gras unter ihm silbergrau. An den Seiten des Weges gingen entlang den dürren, alten Weiden Pilger zum Kloster; ihre roten und weißen Kopftücher, Bastschuhe, Röcke und Hemden leuchteten bunt in den Lichtbüscheln, die durch die Zaunspalten hindurchdrangen.
Vom Kloster her wurden die Glocken geläutet. In der Morgenruhe klang ihr kräftiger Ton wie ausgewaschen; in besonderer Reinheit dröhnte er über die freiliegende Steppe, flog wahrscheinlich bis an die stillen Wälder heran, die wie eine Fata Morgana dicht am Rand des Horizonts blau schimmerten. Auf dem Wege klang scharfund abgebrochen die Glocke eines zurückfahrenden Dreigespanns; laut schallten die derben, geschäftlich klingenden Stimmen der Pilger dazwischen.
„Wir sind früh aus den Federn gekrochen,“ meinte Iwanow.
Ssanin schaute sich fröhlich um. „Wahrhaftig, wir haben Zeit, den Tag abzuwarten.“
Sie setzten sich unterhalb eines Zaunes gerade auf den Sand und zogen mit Genuß den Zigarettenrauch ein. Die Bauern, die hinter ihren Wagen zur Stadt gingen, sahen sich nach ihnen um, die Dirnen und Frauen, die in leeren Karren hin- und hergeschleudert wurden, lachten laut und zeigten mit fröhlich spöttischen Augen auf die beiden. Iwanow schenkte ihnen keine Aufmerksamkeit, aber Ssanin nickte ihnen vergnügt zu. Der ganze Weg leuchtete unter dem klangvollen weiblichen Lachen auf.
Es wurde heiß.
Endlich trat der Verkäufer eines Schnapsmonopolladens auf die Steintreppe hinaus, ein hochgewachsener Mann in Hemdärmeln. Schlüsselrasselnd öffnete er die Tür. Ein Weib mit rotem Kopftuch schlüpfte hinter ihm hinein.
„Ah, die Bahn ist uns schon frei gemacht,“ begrüßte Iwanow das Ereignis.
Sie gingen hinein und kauften Wodka, dann bei demselben Weib im roten Kopftuch grüne Gurken.
„Oho, Freund, du bist wohl reich geworden,“ meinte Iwanow, als Ssanin die Börse aus der Tasche zog.
„Ein Vorschuß,“ lachte dieser. „Zur großenSchande meiner Mutter habe ich mich bei einem Versicherungsagenten als Schreiber vermietet. Habe mit einem Schlag ein Kapital und die mütterliche Verachtung erworben.“
„Jetzt wird es sich doch bedeutend bequemer gehen,“ meinte Iwanow, als sie wieder auf den Weg hinaustraten.
„Und wie, wenn wir noch die Stiefel ausziehen wollten.“
„Kann man machen!“
Die beiden zogen die Stiefel aus und gingen barfuß.
Die Füße versanken tief im warmen Sand; sie wurden nach dem Druck der engen Stiefel angenehm erfrischt. Der Sand schob sich zwischen die Zehen, rieb aber den Fuß nicht, sondern schien ihn im Gegenteil zu liebkosen.
„Famos,“ rief Ssanin voll Freude.
Die Sonne strahlte immer stärker und stärker.
Vor ihnen stiegen ferne Dünste auf, alles schien sich blau und durchsichtig aufzulösen. An den Telegraphenpfählen, die neben den Gleisen einer Bahn plötzlich über ihren Weg liefen, sang der Draht, darauf saßen Schwalben und zwitscherten kokett zu ihnen herab. Ein Zug mit blauen, gelben und grünen Waggons sauste über die Böschung. An den Fenstern und auf den Plattformen sahen sie verschlafene, zerdrückte Gesichter; er tauchte auf und verschwand. Auf der hintersten Plattform standen zwei Mädchen in hellen Hüten, mit frischen neckischen Gesichtern, die der Morgenwind angeregt hatte. Mit ihren Augen begleiteten sie unverwandt die fröhlichen barfüßigen Männer. Ssanin lächelte ihnen zuund tanzte ein paar Walzerpas auf dem Sande, daß seine nackten Fersen in der Sonne aufglänzten.
Sie kamen an einer Wiese vorbei, wo das Gras feucht und dicht war; es war ebenso angenehm und vergnüglich, sie mit bloßen Füßen zu durchlaufen.
„Wunderschön,“ sagte Iwanow.
„Tatsache, es liegt gar keine Notwendigkeit vor, zu sterben,“ gab Ssanin zurück.
Iwanow warf ihm einen Seitenblick zu; es schien ihm, daß sich Ssanin bei diesen Worten Sarudins erinnern müßte, obgleich bereits einige Zeit seit der Beerdigung Sarudins vergangen war. Aber Ssanin erinnerte sich offenbar an nichts; das berührte Iwanow zwar eigentümlich, gefiel ihm aber trotzdem.
Hinter der Wiese setzte wieder die Landstraße ein, wieder mit Wagen, Bauern und lachenden Weibern überfüllt. Dann kamen Bäume und Schilf, das unter Sonnenstrahlen glänzende Wasser wurde sichtbar und endlich der Klosterberg, von dem wie ein goldener Stern das Kreuz herabstrahlte.
Am Ufer lagen bunte Boote; Bauern, in Westen und farbige Blusen gekleidet, saßen herum; nach langem, fröhlichen Feilschen mieteten Ssanin und Iwanow von ihnen ein Boot.
Iwanow nahm die Ruder zur Hand, Ssanin setzte sich an das Steuer und das Boot glitt leicht und schnell am Ufer entlang, bald im Schatten verschwindend, dann im Licht aufleuchtend, hinter ihm zogen die Silberwellen glatte Streifen.Iwanow ruderte schnell und geschickt mit häufigen gleichmäßigen Schlägen, unter denen das Boot erzitterte und sich dann wieder keuchend anhob. Manchmal streiften die Ruder knackend die dichten Zweige und diese schwankten lange und nachdenklich über der dunklen Tiefe des Ufers. Ssanin legte sich manchmal stark auf das Steuerruder, so daß das Wasser mit freudigem Geräusch quirlte und aufschäumte. Einmal drängte sich das Boot jäh in eine schmale Wasserstraße, zwischen überhängende Büsche, wo es kühl und dunkel war. Das Wasser war hier von vollendeter Klarheit. Bis in die Tiefe von zwei Metern konnte man darin Haufen gelber Steine sehen und die Rudel rotflossiger Fische, die herdenweise hin- und herzogen.
Iwanow meinte: „Das wäre auch die allergeeignetste Stelle.“ Seine Stimme hallte lustig wieder. Knirschend stieß das Boot ans Ufer; mit einem übertriebenen Satz sprang Iwanow hinaus.
„Auf der Erde das ganze Menschengeschlecht,“ sang er mit mächtigem Baß, von dem die Luft aufgerührt wurde und dröhnte. Lachend sprang Ssanin hinter ihm aus dem Boot und lief schnell, während er bis an die Kniee im hohen, satten Ufergras versank, die Böschung hinauf.
„Eine bessere wäre weiß Gott nicht zu finden,“ rief er.
„Und wozu auch lange suchen,“ schrie Iwanow von unten zurück und holte aus dem Boote Wodka, Brot und einen Packen Kleinigkeiten. Alles das brachte er an einen kleinen Hügel,unter der Krone eines breiten Baumes, und breitete es auf dem Grase aus.
„Nun, sei bei Lucullus zu Gaste.“
„Und laß es dir schmecken wie er,“ endete Ssanin.
„Nichts ist vollkommen,“ sagte Iwanow in scherzhaftem Aerger, „das Gläschen haben wir doch vergessen.“
„Schade! Wirklich schade. Na, wir wollen nicht trauern. Wir machen uns eins.“
Und ohne an etwas anderes zu denken, als daß sein Körper Licht, Wärme, das Grüne und seine eigenen leichten Bewegungen genießen konnte, kletterte er auf einen Baum, wählte sich einen grünen, weichen Zweig und begann an ihm herumzuschnitzen. Das saftige Holz gab dem Messer leicht nach und weiße duftende Späne schütteten sich auf das grüne Gras. Iwanow schob sich auf dem Rücken zurecht, hob den Kopf und blickte zu ihm herauf; in dieser Lage ging der Atem so leicht und bequem, daß er die ganze Zeit über vergnügt vor sich hin schmunzelte. Als der Zweig auf das Gras hinunterfiel, sprang Ssanin mit einem kurzen Satze ab und höhlte dann aus dem Holz ein Gläschen aus, wobei er sich Mühe gab, nicht die Rinde zu verletzen. So wurde es auch eben und hübsch.
„Bruder, ich will nachher baden,“ sagte Iwanow, während er Ssanins Arbeit aufmerksam verfolgte.
„Das ist eine gute Idee,“ Ssanin warf das fertige Gläschen in die Luft und fing es wieder auf.
Sie setzten sich aufs Gras, begannen mit AppetitWodka zu trinken und grüne, saftige Gurken zu essen.
„Ich halte es nicht länger aus,“ sagte Iwanow. „Meine Seele schreit danach.“ Er konnte nicht schwimmen und ging daher an der flachsten, durchsichtigsten Stelle, wo der ebene sandige Boden noch gut sichtbar war, ins Wasser. Ohne Eile kleidete sich Ssanin aus, sah zu Iwanow hinüber, sprang im Laufschritt ins Wasser, warf sich mit einem Aufschrei in die Wellen und schwamm quer über den Fluß.
„Du ersäufst,“ schrie Iwanow. „Sicher, — du ersäufst!“
„I wo,“ gab Ssanin fauchend und lachend zurück. „Unterzugehen, Bruder, das verstehe ich nicht!“
Ihre lustigen Stimmen schwebten weit und freudig über den hellen Fluß und die grüne Wiese fort. Später gingen sie heraus und wälzten sich nackt im weichen, feuchten Grase.
„Herrlich,“ sagte Iwanow, indem er seinen breiten Rücken mit den darauf glänzenden Wassertropfen der Sonne zuwendete.
„Schlagen wir hier unsere Zelte auf,“ rief Iwanow.
„Ach, hol sie doch der Teufel, es ist auch ohne Hütten schön. Mir hängen verschiedene Hütten schon lang zum Halse heraus.“
„Hoha, trik brik!“ brüllte Iwanow und machte groteske lustige Tanzschritte.
Ssanin stellte sich ihm gegenüber auf, lachte aus vollem Halse und begann ähnliche Pas.
Ihre nackten Körper glänzten in der Sonneund die Muskeln gingen schnell und kräftig unter der gespannten Haut.
„Uff,“ Iwanow keuchte.
Ssanin tanzte noch eine Weile allein, stand dann Kopf und schloß mit einem eleganten Salto mortale.
„Komm her, sonst trinke ich dir den ganzen Wodka aus,“ rief ihm Iwanow zu.
Nachdem sie sich angekleidet hatten, legten sie sich wieder zum Essen hin und tranken den Wodka zu Ende.
„Jetzt wäre kaltes Bier geradezu wun—derbar —,“ sagte Iwanow träumerisch.
„Fahren wir los ... gelt? ...“
Sie liefen um die Wette zum Boot herunter, sprangen beide fast gleichzeitig hinein, schaukelten und fuhren kräftig davon.
„Es ist schwül,“ sagte Ssanin, indem er sich auf dem Boden des Bootes lagerte und vor der Sonne die Augen zusammenkniff.
„Wir werden Regen bekommen ... Geh doch ans Steuer, zum Teufel.“
„Ih, du wirst auch alleine fertig.“
Iwanow spritzte mit dem Ruder auf ihn und helle zarte Tropfen, durch und durch von der Sonne durchflutet, stieben wie ein Wassersturz umher.
„Auch dafür, Freund, nun sei bedankt,“ sang Ssanin.
Als sie an einer grünen Insel vorbeifuhren, hörten sie lustige Rufe, Wasserplätschern, und klingendes, fröhliches Frauenlachen. Es war ein Feiertag und sehr viele Leute waren aus der Stadt gekommen, um sich zu erholen und zu baden.
„Mädchen baden,“ sagte Iwanow.
„Wollen mal hinschauen,“ meinte Ssanin.
„Sie werden’s merken.“
„Nein, wir legen hier an und schleichen durch das Schilf.“
„Ach, laß sie doch,“ sagte Iwanow, errötete aber dabei.
„Gehen wir doch. Man soll nichts versäumen.“
„Aber das ist nicht anständig,“ Iwanow zuckte scherzend die Achseln.
„Weshalb denn nicht?“
„Wahrscheinlich sind das noch sehr jungfräuliche, junge Damen. Das schickt sich doch wirklich nicht.“
„Du Dummkopf,“ rief Ssanin lachend, „dabei möchtest du es selber gern.“
„Ja, wenn es junge Mädchen sind, gewiß, interessant wäre es schon.“
„Nun, so gehen wir also.“
„Aber laß doch.“
„Pfui,“ rief Ssanin. „Es gibt doch keinen Mann, der nicht eine hübsche nackte Frau ganz gern ansähe. Und sicher gibt es auch keinen, der nicht wenigstens einmal im Leben, und wenn auch nur verstohlen, eine gesehen hätte.“
„Das ist wahr ... Aber wenn du so urteilst, dann solltest du einfach, geradezu hingehen. Siehst du, du versteckst dich doch!“
„So ist es viel verlockender, mein Freund,“ bemerkte Ssanin lustig.
„Das mag dich zwar sehr gelüsten, aber ich rate dir, halte dein Fleisch davon zurück.“
„Etwa von wegen der Keuschheit? ...“
„Vielleicht!“
„Dummheit — — vielleicht! Ein Vielleicht gibt’s dabei gewiß nicht. Einen anderen Zweck könnte es überhaupt nicht geben.“
„Nun schön.“
„Siehst du, aber diese Keuschheit steckt doch nicht in uns.“
„So dich dein Auge verlockt, reiße es aus,“ sagte Iwanow.
„Schmeiße doch nicht mit solchem Blödsinn um dich, wie dieser Swaroschitsch. Gab dir Gott ein Auge, so hast du nicht nötig, es auszureißen.“
Iwanow zuckte lächelnd die Achseln.
„Also Bruder,“ — Ssanin steuerte das Boot zum Ufer, „wenn du beim Anblick einer nackten Frau gar keine Erregung empfändest, dann wärst du wirklich ein keuscher Mensch. Und ich wäre der erste, der deine Keuschheit bewunderte. Zwar würde ich es dir nicht nachmachen, wahrscheinlich sogar würde ich dich ins Irrenhaus bringen. Aber solange in dir noch all die Triebe vorhanden sind und nach außen drängen und du sie dann nur gewaltsam wie einen Hund an der Kette zurückhalten mußt, dann ist deine ganze Keuschheit keinen Pfifferling wert.“
„Das stimmt schon. Aber wenn ein Mensch sich nicht selbst zurückhalten wollte, so könnte man unter Umständen recht viel Unheil anrichten.“
„Was für Unheil? Wenn auch die Wollust mitunter Böses mit sich bringt, so ist sie gewiß nicht selbst, für sich, daran schuld.“
„Richtig, richtig, erkläre nicht erst weiter.“
„Nun, also gehn wir!“
„War ich denn dagegen? ...“
„Ein Dummkopf bist du. Tritt doch leiser auf,“ sagte Ssanin lächelnd.
Sie schlichen fast auf dem Bauch über das duftende Gras hinweg und schoben das rauschende Schilf mit den Händen vor sich auseinander.
„Sieh doch, Bruder,“ rief Iwanow hitzig.
Es mußten Mädchen aus der besseren Gesellschaft sein, die dort badeten; man konnte es an den farbigen Röcken, Blusen und Hüten erkennen, die auf dem Grase lagerten. Die einen waren im Wasser, plätscherten, bespritzten einander und das Wasser berieselte weich ihre zarten Schultern, Arme und Brüste. Eine von ihnen, hochgewachsen, ganz von Sonnenlicht durchtränkt, stand rosig und zart am Ufer und lachte. Von diesem Lachen erzitterte fröhlich ihr rosiger Leib und die mädchenhaften Brüste. Sie schien im Sonnenlicht ganz durchsichtig.
„Oh, Bruder,“ sagte Ssanin mit ernstem Entzücken.
Iwanow wich erschrocken zurück.
„Was hast du? ...“
„Ruhig, das ist Karssawina.“
„Wirklich? ... und ich habe sie gar nicht erkannt. Aber nein, wie wundervoll sie ist.“
„Tja,“ Iwanow lächelte breit und gierig.
Sie wurden gehört, vielleicht auch gesehen. Ein Schrei und Lachen erscholl; Karssawina stürzte sich erschrocken, geschmeidig ihnen entgegen und warf sich ins durchsichtige Wasser. Auf der Oberfläche blieb nur ihr rosiges Gesicht mit den glänzenden Augen.
Glücklich und aufgeregt liefen Ssanin undIwanow voller Hast, obgleich sie sich immer wieder im Schilf verwickelten, zurück.
„Ach, es ist herrlich auf der Welt,“ rief Ssanin, reckte und streckte sich breit und sang laut:
Räuberschiffe ziehn, die schnellenVon den Inseln mutig fort,Scharf durchschneiden sie die WellenStjenka Rjasin trägt ihr Bord.
Räuberschiffe ziehn, die schnellenVon den Inseln mutig fort,Scharf durchschneiden sie die WellenStjenka Rjasin trägt ihr Bord.
Räuberschiffe ziehn, die schnellenVon den Inseln mutig fort,Scharf durchschneiden sie die WellenStjenka Rjasin trägt ihr Bord.
Räuberschiffe ziehn, die schnellen
Von den Inseln mutig fort,
Scharf durchschneiden sie die Wellen
Stjenka Rjasin trägt ihr Bord.
Hinter den grünen Bäumen hörte man noch lange das eilige, verwirrte Gelächter der Frauen, die beschämt und doch belustigt waren.
„Ein Gewitter kommt!“ Iwanow schaute auf den Himmel, als sie zum Boot zurückgekehrt waren. Die Bäume wurden schon dunkel und ihre Schatten glitten schnell über die grüne Wiese.
„Ehe, Bruder, laufe nur!“
„Wohin, — dem Gewitter läuft doch keiner davon,“ schrie Ssanin zurück.
Leise und windlos rückte die Wolke immer näher heran; ganz plötzlich war ihre Farbe zu einem schweren Bleigrau geworden. Alles verfiel in stille Betäubung, schien duftiger und dunkler.
„Das wird uns bis auf die Haut begießen,“ meinte Iwanow. „Stecken wir uns aus Kummer eine Zigarette an.“
Ein schwaches Feuerchen blitzte auf. In dem schwachen gelben Licht unter der drückenden Finsternis, die von oben immer tiefer herunterwuchtete, lag etwas Seltsames.
Ein scharfer Windstoß stieß heran, drehte sich lärmend und riß das Feuerchen fort. Am Boot zerschellte ein schwerer Tropfen, ein anderer sprang Ssanin auf die Stirn. Und mit einem Mal trommelte es über den Blättern und klatschteauf das Wasser. Alles wurde im Augenblick schwarz; der Regen goß wie mit Eimern und übertönte mit seinem wunderbaren, breiten Schall alle Laute ringsherum.
„Auch das ist schön,“ sagte Ssanin, während er die Schultern hin und her rieb, an denen das nasse Hemd ankleben wollte.
„Schlecht gerade nicht,“ erwiderte Iwanow. Dabei saß er aber wie ein begossener Pudel da.
Die Wolke wurde nicht leichter, doch der Regen schwächte sich ebenso schnell wieder ab, wie er gekommen war, bespritzte nur noch unregelmäßig das nasse Laub, die Menschen und das Wasser, auf dessen Oberfläche er wie mit stählernen Nägeln wieder in die Höhe sprang. In der Luft lag es düster und irgendwo hinter dem Wald zuckte ein Blitz.
„Nun, nach Hause ... Wie? ...“
„Ganz egal ... Meinetwegen auch nach Hause!“
Sie fuhren auf die breite Fläche des Flusses hinaus, über dem eine plumpe Wolke in düsterem niedrigem Klumpen herabhing. Die Blitze zuckten immer häufiger und grelle Feuer zerschnitten den schwarzen Himmel. Es hatte völlig zu regnen aufgehört. In der Luft wurde es trocken; es begann erregend nach dem Gewitter zu riechen. Schwarze zottige Vögel flogen dicht an der Oberfläche des Wassers entlang. Die Bäume standen dunkel und unbeweglich und hoben sich deutlich gegen den bleiernen Himmel ab.
„Uff, uff,“ schrie Iwanow.
Als sie über den Sand schritten, der von Regenfestgestampft worden war, blieb hinter ihnen alles dunkel und schweigsam zurück.
„Nun wird es erst losgehen.“
Die Wolke senkte sich immer tiefer herab; sie drückte ihren unheimlichen, weißgrauen Leib fast gegen die Erde.
Aber plötzlich brach der Wind wieder mit neuer Kraft durch, wirbelte den Staub und die Blätter in die Höhe, der ganze Himmel zerriß unter furchtbarem Krachen, Glänzen, Wiederdröhnen in zwei Hälften.
„Oho ho ho ho, ...“ rief Ssanin und strengte sich an, das Gerassel zu übertönen, das alles umher betäubte.
Doch er konnte selbst seine Stimme nicht hören.
Als sie über das Feld hinauskamen, herrschte vollständige Finsternis. Nur wenn der Blitz zuckte, hoben sich ihre scharfen, dunklen Gestalten vom glatten Sande ab und zeigten in der schwarzen Luft eigentümlich hastig abgeschnittene Formen. Alles um sie dröhnte und krächzte.
„Oh, ah, oh,“ schrie Ssanin wieder.
„Was?“ rief Iwanow aus allen Kräften zurück.
Ein Blitz funkelte und er sah ein glückliches Gesicht mit strahlenden Augen.
Iwanow konnte die Antwort nicht verstehen. Er fürchtete sich ein wenig vor dem Gewitter. Als es wieder einmal aufblitzte, breitete Ssanin die Arme aus, sein ganzes Wesen strömte in dem Gefühl von Kraft und Leben über. Aus voller Kehle stieß er gedehnte und glückliche Rufe aus; dem Donner, der mit wütendem Brüllen, Krachenund Dröhnen den Himmel von einem Ende der mächtigen Freiheit zum anderen durchrollte, jubelte er seine Freude entgegen.
Die Sonne schien hell wie im Frühling, aber es lag ein herbstlicher Zug in der unfaßbar sanftmütigen Stille, die zwischen den Bäumen, um welche schon gelbe absterbende Farben leuchteten, schwebte. In ihr tönten die einsamen Vogelstimmen wehmütig abgebrochen und grell klang das Summen der großen Insekten, die unheimlich über ihrem vergehenden Reichtum schwirrten, wo es nicht Blumen und Gräser mehr gab und nur das Unkraut hoch und wild aufschoß.
Jurii schlenderte langsam die Gartenwege entlang und schaute mit weitaufgerissenen, in tiefem Nachdenken erstarrten Augen auf alles hin, auf den Himmel, auf die gelben und grünen Blätter, die stillen Gartenwege und das gläserne Wasser, als wenn er all dies zum letzten Mal sehen sollte und es nun fest in sein Gedächtnis einprägen mußte, um es niemals mehr zu vergessen.
Trübsal umzog weich sein Herz, aber ihr Ursprung war ihm selbst nicht klar. Immer schien es ihm so, daß sich ein wunderbares Ereignis, welches sein konnte und doch niemals war und nie mehr kommen wird, mit jedem Augenblick von ihm weiter und weiter entfernte.
Ein schmerzliches Gefühl flüsterte ihm zu,daß alles nur durch seine eigene Schuld geschehen wäre. Vielleicht war es die Jugend und ihr junges Glück, das er nicht aufzugreifen verstand, und das nun nicht mehr wiederkehrte, vielleicht die gewaltige, menschheitsbefreiende Tätigkeit, die ihm aus den Fingern geglitten war, obgleich er sie eine Zeitlang in ihrem Kernpunkte hatte mitergreifen können. Doch wie es gekommen war, konnte Jurii nicht fassen. Er war überzeugt, daß er in der Tiefe seines Wesens Kräfte barg, die für das Zersprengen ganzer Weltklippen ausreichen würden und einen Geist, der so ferne Horizonte zu umschließen vermochte, wie nur irgend einer in der Welt. Woher er diese Sicherheit nahm, hätte er nicht erklären können; er würde sich auch geschämt haben, sie zu einem Menschen, selbst dem Allernächsten zu äußern. Aber die Sicherheit blieb bestehen. Auch zu Zeiten, wo er klar fühlte, wie schnell er ermüdete, wie vieles er nicht wagte, wie er in Wirklichkeit nur von einem Winkel aus über das Leben nachgrübeln konnte, war er ihrer sicher.
... Was gibt es auch viel, dachte Jurii, ins Wasser blickend, in dem sich die verkehrten Ufer mit gelben und roten Spitzen besetzt widerspiegelten.
... Vielleicht ist das auch noch das Schönste und Klügste ... In diesem Augenblick schien ihm das Bild eines Menschen verlockend schön, der voll Geist und Verständnis abseits vom Leben steht und das sinnlose Treiben der dem Tode Geweihten betrachtet.
Aber er merkte bald, daß in diesem Gedanken etwas Leeres lag. Und aus dieser Leerestieg der Wunsch empor, daß es jetzt jemanden gäbe, der sieht und versteht, wie schön sich Jurii Swaroschitsch in der Pose eines über dem Leben Stehenden ausnimmt. Bald ertappte er sich jedoch wieder bei dieser Selbstgefälligkeit und fühlte sich bitter beschämt.
Da begann er, um den schweren Druck, der auf seinem Bewußtsein lastete, loszuwerden, sich zum tausendsten Mal zu sagen, daß der breite und scheinbar so grandiose Strom des Lebens, wer auch an seinen Irrläufen Schuld trage, schließlich doch schwach und dumpf in das schwarze Loch des Todes hineinstürze. Dort gibt es keine Wertschätzung mehr, keine Ueberlegung, wie und wozu der Mensch lebe.
... Ist es nicht ganz gleich, ob ich als ein Volkstribun sterbe, als der größte Gelehrte, der tiefsinnigste Schriftsteller oder als ein leer herumlaufender von Trübsal geplagter russischer Intelligenzler. Alles derselbe Unsinn, dachte Jurii mit trüber Schwermut und ging nach Hause.
In dem durchsichtigen Schweigen des neuen Tages, durch das nur die eigenen Gedanken deutlich hervortönten und in dem man das langsame, unabwendbare Absterben des Vergangenen in jedem Nerv empfand, war ihm immer schwerer zumute.
... Da läuft Ljalja, dachte Jurii, als er etwas Rosiges und Lustiges hinter den grünen und gelben Büschen flimmern sah. Die glückliche Ljalka lebt wie ein Falter mit dem heutigen Tage, braucht nichts, verlangt nichts, als ihr Glück, ach, wenn ich auch so leben könnte.
Doch dieser Gedanke glitt nur über die Oberfläche; er stieß ihn selbst von sich. Sein Geist, seine Trübsal, die Qualen, unter welchen er so schmerzlich litt, schienen ihm eine ungewöhnliche Seltenheit und Kostbarkeit, die er ganz gewiß nicht gegen das Schmetterlingsleben Ljaljas eintauschen mochte.
„Jura, Jura,“ schrie Ljalja mit klangvoll singender Stimme, obgleich sie nur in einer Entfernung von drei Schritten vor ihm stand. Schweigsam, ganz mit dem Lächeln eines mutwilligen Geheimniskrämers reichte sie ihm ein schmales, rosiges Kuvert.
„Von wem?“ fragte Jurii unfreundlich.
„Von Sinotschka Karssawina, Täubchen,“ erklärte Ljalja feierlich, gleichzeitig in mysteriösem Ton; sie drohte ihm mit dem Finger.
Jurii errötete furchtbar. Ihm schien in diesem Ueberreichen von parfümierten Briefchen in rosigem Kuvert etwas Abgeschmacktes zu liegen, durch das er sich selbst nur als glücklicher Empfänger bis zu einem gewissen Grade lächerlich machte. Doch mit einem Ruck riß er sich zusammen, einem Igel gleich steckte er aber noch immer nach allen Seiten stechende Nadeln heraus. Ljalja, die neben ihm herlief, bemerkte nichts. Mit dem eigenartigen Entzücken, mit dem sentimentale Schwestern an den Liebesaffären ihrer geliebten Brüder teilnehmen, begann sie ihm zuzutuscheln, wie sehr sie Karssawina liebe und wie sie sich darauf freue, daß er sie einmal heiraten wird.
Das unglückselige Wort „heiraten“ spiegelte sich auf Jurii in neuem Erröten und zornblitzendenAugen wieder. Der echte Provinz-Roman mit rosigen Zettelchen, den Schwestern als Vermittlerinnen, mit der legitimen Ehe, der Wirtschaft, dem Weibchen, den Kindern, stand gerade in der abgeschmacktesten, waschlappigsten, pflaumenweichsten Zuckersyrupform, die er am meisten verabscheute, vor ihm.
„Ach, laß doch bitte, was für dummes Zeug,“ wehrte er fast erbittert Ljalja ab. Seine Bewegungen waren so grob, daß sie sich gekränkt fühlte.
„Was für Komödie spielst du? ... Bist du wirklich verliebt, was schadet es denn,“ schmollte sie. Mit unbewußter weiblicher Rachsucht traf sie ihn gerade an der empfindlichsten Stelle, indem sie hinzufügte: „Ich kann nicht begreifen, weswegen ihr alle aus euch die großartigsten Helden machen wollt.“
Sie schwenkte ihr rosiges Kleid herum, zeigte verächtlich die durchbrochenen Strümpfchen und schritt wie eine erzürnte Prinzessin ins Haus.
Jurii sah ihr noch wütender nach, errötete noch mehr und riß das Kuvert auf.
... Jurii Nikolajewitsch, wenn Sie wollen und können, so kommen Sie heute ins Kloster. Ich werde mit meiner Tante dort sein. Sie ist bei der Beichte und kommt nicht aus der Kirche heraus. Mir ist entsetzlich langweilig, ich möchte über vieles mit Ihnen sprechen. Kommen Sie doch. Es ist vielleicht nicht richtig, daß ich Ihnen schreibe, aber kommen müssen Sie doch! ...
Jurii vergaß an alles, was er bisher gedacht hatte und las den letzten Satz mit sonderbarer Aufregung, geradezu in physischer Freude. Indem einen kurzen Satz spiegelte sich das junge, reine Mädchen, das zuversichtlich und naiv das Geheimnis seiner Liebe äußert, ungemein deutlich wieder. Als ob sie nun zu ihm kommen müsse, machtlos, schüchtern, liebend; sie kann nicht mehr kämpfen, weiß nicht mehr, was geschieht, sie fühlt nur, daß sie sich ganz seinen Armen hingeben muß. Die unerwartete Nähe der Entscheidung durchschüttelte seinen ganzen Körper, brachte ihn zu ergreifendem Beben. Einfach und unvermeidlich fühlte er jetzt ihre dürstende Jugend, ihren reinen Körper, der sich vor ihm zum ersten Mal entblößen würde, den Duft der weiblichen Haare, die erschreckten, glücklichen Augen, mit Tränen, die wie Tauperlen erglänzten. Der Versuch, ironisch zu lächeln, gelang ihm nicht, alles ging in einem solchen Schwung gierigen Glückes unter, daß er sich vorkam, als flatterte er wie ein Vogel über die Wipfel des Gartens empor zum blauen, sonnendurchtränkten, freien Raum.
Den ganzen Tag war sein Herz licht; er empfand in seinem Körper eine so starke Kraft, daß ihm jede Bewegung vollen, frischen Genuß bereitete. Gegen Abend nahm er eine Droschke, um nicht durch den Sand laufen zu müssen, und fuhr zum Kloster hinaus; unbewußt schämte er sich vor der ganzen Welt und lächelte ihr doch zu. An der Anlegestelle stieg er ins Boot und ein kräftiger Bauer ruderte ihn flink zum Kloster hinüber. Jurii konnte immer noch nicht verstehen, was er eigentlich durchlebte. Erst als das Boot aus der Wirrnis der engen Gänge auf die breite Wasserfläche hinausschoß und der Fluß ihm denfeuchten Duft der Tiefe weich ins Gesicht atmete, empfand er mit voller Seele, daß er glücklich war und daß ihm das rosige parfümierte Kuvert dieses Glück gebracht hatte.
... Und ist es im Grunde genommen nicht ganz gleich ... Jurii hielt es doch für nötig, Karssawina in Gedanken zu verteidigen. Sie lebt doch in einem solchen Kreis. Ein kleinstädtischer Roman, gut, mag es auch ein solcher werden.
Mit rhythmischem Gekräusel lief das Wasser neben dem Boot einher und beleckte seine Ränder. Der grüne Berg, mit seinem breiten, eigenartigen Atmen von der Dämmerung und Feuchtigkeit des Waldes geschwängert, wuchs ihm schnell entgegen. Der Sand rasselte, lärmend sprang die hinter dem Boot vergleitende Welle noch einmal auf und zurück. Jurii stieg aus dem Boot, gab mit einem Gefühl der Beschämung dem Bootsmann einen halben Rubel und schritt den Bergpfad hinauf.
Stiller Abend ging schon durch den Wald; seine Schatten legten sich um den Berg. Von der Erde hoben sich nachdenklich ernste Nebel, die gelben Blätter waren in der Dämmerung unsichtbar geworden, der Wald schien wieder sommerlich grün und dicht. Oben in der Klosterumfriedung war es noch ruhiger und rein wie in einer Kirche. Die Pappeln standen würdig und streng wie bei einem Gebet; unter ihnen gingen wie lautlose Abendschatten lange, schwarze Mönche auf und nieder. In den dunklen Oeffnungen der Kirchentüren flimmerten kleine Flämmchen vor den Heiligenbildern; ein unfaßbar zarter Geruch wandte sich herum, und mankonnte nicht verstehen, ob es nach altem Weihrauch oder nach verwelkenden Pappelblättern roch.
„Ah, guten Tag, Swaroschitsch,“ brüllte jemand hinter ihm.
Jurii blickte sich rasch um und sah Schawrow, Iwanow, Ssanin und Pjotr Iliitsch. Sie kamen in dunklem, lärmvollem Haufen über den Hof, und die schwarzen Mönche schauten unruhig auf sie hin; selbst die Pappeln schienen ihre gebetartige Unbeweglichkeit, durch den plötzlichen Lärm und die Bewegung verwirrt, eingebüßt zu haben.
„Wir haben Großes vor,“ erklärte Schawrow und trat als erster an Jurii, der ihm besondere Achtung einflößte, heran. Durch seine runden Brillengläser blickte er ihm freundlich in die Augen.
„Das ist ja ganz nett,“ murmelte Jurii gezwungen.
„Vielleicht beteiligen Sie sich daran.“
„Nein, danke bestens ... ich bin nicht allein hier.“ Jurii trat ungeduldig einen Schritt zurück.
„Na, was denn,“ versetzte Iwanow mit herber Gutmütigkeit und packte ihn unter dem Arm. „Kommen Sie doch mit uns!“
Jurii stemmte sich unfreundlich gegen den Boden, und so zogen sie sich eine Weile etwas lächerlich nach verschiedenen Richtungen hin und her.
„Nein, bei Gott, es geht nicht! Vielleicht komme ich später noch zu Ihnen heran,“ wiederholte Jurii, mehr und mehr in seinen überreiztenTon verfallend. Ihm kam diese freundschaftliche Aufdringlichkeit unangebracht und taktlos vor.
„Nun gut,“ Iwanow, der nichts bemerkt hatte, ließ ihn los. „Also werden wir Sie erwarten. Kommen Sie doch!“
„Schön, schön ...“
Sie gingen aus der Umfriedung fort, sie lachten, schlenkerten mit den Armen; dann wurde es rings herum wieder ehrfurchtsvoll still wie bei einem Gebet. Jurii nahm die Mütze ab und trat mit einer Mischung von Spott und Schüchternheit in die Kirche.
Gleich nachdem er eine der dunklen Kolonnen umbogen hatte, sah er in der Dämmerung Karssawina in ihrem grauen Jackett und einem runden Strohhut, der ihr das Aussehen einer Gymnasiastin gab, vor sich auftauchen. Das Herz zitterte ihm, und dieses Zittern war dem Erschrecken eines Vogels und dem Beben einer Katze vor dem Sprung gleichermaßen ähnlich. Alles an ihr erschien ihm so reizvoll, daß er es auf der Zunge als angenehmen Geschmack zu verspüren glaubte; ihr Jackett, wie der Hut und die schwarzen Haare, die auf dem Nacken in einer Spirale verschlungen waren. Das gab ihr das Aussehen einer Gymnasiastin; bei einem so reifen, erwachsenen Mädchen wirkte es fast rührend.
Sie fühlte Juriis Nähe, sah sich um und ihre schwarzen Augen spiegelten, trotzdem sie bescheiden ernst blieben, in ihren Tiefen die erschrockene Freude wieder.
„Guten Tag,“ sagte er mit gedämpfter und doch zu lauter Stimme, im Augenblick unschlüssig,ob es sich hier schicke, ihr die Hand zu reichen oder nicht. Die benachbarten Beterinnen blickten sich nach ihnen um und verwirrten Jurii mit ihren dunklen pergamentfarbenen Gesichtern noch mehr.
Er errötete. Karssawina, die seine Verlegenheit gleichsam mitfühlte, kam ihm mit mütterlichem Gefühl zu Hilfe. Sie lächelte ganz leise und drohte ihm zärtlich mit verliebten Augen.
Jurii war selig und wurde mäuschenstill.
Sie schaute nicht mehr auf ihn und bekreuzigte sich oft, aber Jurii wußte während der ganzen Zeit, daß sie seine Nähe empfand. Diese ungreifbaren Regungen spannten zwischen sie ein geheimes elastisches Band ein, welches das Herz schlagen und ersterben ließ, und alles um sie geheimnisvoll und wunderbar veränderte.
Dem Diakon auf der Kanzel, dem Aufleuchten der Lichter, den betenden und singenden Menschen, den schweren Seufzern und den einsam dröhnenden Schritten am Eingang sah Jurii mit wichtigen und strengen Augen zu. In dieser Stille hörte er deutlich sein kleines Herz, das sich leicht und fröhlich gegen die schwere Stimmung der Kirche auflehnen wollte.
Er stand ohne Bewegung, blickte auf den weißen Hals unter den schwarzen Haaren, auf die weiche Biegung der Taille, die sich unter dem grauen Jackett herausfühlen ließ, und es wurde ihm manchmal so gut, daß der Schlag des Herzens seine ganze Brust durchfloß. Er wünschte so zu stehen, daß ihn alle sähen ... Und obgleich er an nichts glaubte, weder an das Singen, noch das Lesen der Bibelsprüche, noch an die Lämpchenvor den Heiligenbildern, fühlte er doch auch nichts anderes als gutmütige Freundlichkeit für sie. Er bekam selbst Mut, seine Stimmung zu analysieren und mit der trübseligen Gehässigkeit des Morgens, der sie vollständig unähnlich war, zu vergleichen.
... Also kann man doch glücklich sein, fragte er sich innerlich lächelnd und gab sich sofort die ernste Antwort: Sicherlich! Alles, was ich über den Tod dachte, die Sinnlosigkeit des Lebens, das Fehlen eines vernünftigen Zweckes im Leben, das mag alles ganz wahr und vernünftig sein, aber glücklich kann man trotzdem werden. Ich bin glücklich! Und gerade dank diesem wunderbaren Mädchen, von dem ich vor kurzem noch keine Ahnung hatte.
Ihm stieg die komische Idee in den Kopf, wie sie sich einst, als sie noch kleine, lächerliche Kinder waren, irgendwo hätten begegnen, sich anblicken, sich wieder trennen können, ohne zu wissen, daß sie einmal füreinander das allerteuerste auf der Welt sein, sich einander lieb haben werden und daß sie für ihn alle Geheimnisse ihres Körpers enthüllen wird.
Der letzte Gedanke schloß sich ganz unerwartet an, er wurde von ihm fast beschämt. Gleichzeitig aber fühlte er sich so gut und frei, daß er bis in die Haarwurzeln errötete; er fürchtete sich lange, sie wieder anzublicken.
Karssawina, die da in Gedanken von ihm entkleidet wurde, stand lieblich und rein vor ihm und betete ohne Worte zu Gott, daß Jurii sie so innig und zart lieben möge wie sie ihn.
Wahrscheinlich teilte sich von ihr auch Juriieine reinigende Welle mit, denn die schamlosen Gedanken glitten mit einem Mal von ihm fort; in seiner Seele wurde es klar und friedlich.
Tränen der Rührung und der Liebe traten warm in seine Augen. Er hob die Blicke, sah das Gold des Heiligenstockes, welches in den Kerzenfeuern Funken sprühte, darüber die zwei Arme des Kreuzes, die sich ihm bei jedem Blick tiefer zusenkten; in Gedanken rief er mit längst vergessener innerlicher Spannung: Gott, wenn du existierst, so lasse es sein, daß dieses Mädchen mich liebt, und daß ich sie immer lieben werde so wie jetzt.
Er schämte sich dieser Gefühlsaufwallung ein wenig, aber diesmal lächelte er nur herablassend über sich.
... Das ist doch nur so ... dachte er.
„Gehen wir hinaus,“ raunte ihm Karssawina zu; sie flüsterte es, aber es klang fast wie ein Seufzer.
Sie gingen gravitätisch, mit Frieden in der Seele, als ob sie die leise singenden und laut lesenden Stimmen, Seufzer und das Flimmern der Lichter mit sich forttragen wollten, auf die Terrasse hinaus. Sie gingen nebeneinander längs der Einfriedung und traten dann durch die alte Pforte auf den Bergabhang. Hier war niemand; die alte weiße Mauer mit dem Türmchen, an dem der Putz herunterhing, trennte sie von all den Menschen.
Unter ihren Füßen kräuselten sich längs des Abhangs die Wipfel der Eichen, und weit unten erglänzte eben und glatt wie geschliffenes Glas der Fluß. Die grünen Felder und Wiesen dehntensich hinter dem dunklen Horizont weit in die Ferne hinein.
Schweigend schritten sie bis an den Rand des Abhanges und blieben unschlüssig, was sie anfangen sollten, stehen. Sie fürchteten sich vor etwas und wagten es nicht. Es schien, daß sie niemals die Kraft finden würden, es zu sagen und zu tun. Doch Karssawina hob den Kopf, und es kam dann ganz unvermutet und einfach, daß ihre Lippen Juriis Lippen trafen. Sie wurde leichenblaß, schrak auf und erstarrte dann. Jurii umarmte sie schweigend; er fühlte zum ersten Mal ihren warmen, biegsamen Körper in seinen Armen.
Um sie wurde es still. Ihnen schien die ganze Welt in dieser feierlichen, gespannten Stille zu ersterben.
In ihren Ohren gellte etwas; Jurii kam es vor, daß irgendwo eine unsichtbare, unhörbare Glocke gebieterisch ihre Begegnungsstunde schlug.
Plötzlich riß sich Karssawina los, lächelte ihm noch einmal zu und lief fort. „Die Tante wird mich suchen, warten Sie eine Weile, ich komme wieder ...“
Jurii konnte sich später niemals erinnern, ob sie ihm diese Worte mit einer klingenden fröhlichen Stimme, die im dunklen Walde widerhallte, zurief oder ob ihm der warme Abendwind nur ein abgebrochenes, gleitendes Flüstern zutrug.
Er setzte sich aufs Gras und fuhr mit der Hand durch die Haare.
... Wie töricht und wundervoll schön das doch alles ist, dachte er mit seligem Lächeln. Er schloß die Augen, zuckte die Achseln und warf indiesem Augenblick alle seine früheren Gedanken, Zweifel und Leiden von sich.
Karssawina lief in die Pforte hinein und blieb noch einmal stehen. Ihr Herz pochte ungestüm und ihr Gesicht brannte. Sie drückte ihre Hand fest auf die wogende linke Brust und lehnte sich für einen Moment an die Wand.
Dann öffnete sie die Augen, schaute verwundert umher, atmete leicht auf, raffte den schwarzen Rock und lief mit schnellen Füßchen nach dem Gasthaus. Noch aus der Ferne rief sie der alten dunklen Tante, die auf den Steinstufen saß und sie erwartete, zu:
„Da bin ich schon, Tantchen, da bin ich ja schon.“
Zuerst wurde die Ferne dunkel, dann der Fluß im Nebelgehänge; von den weitabgelegenen Wiesen erscholl das verhallende Wiehern der Pferde; mit einem Mal leuchteten auch die Hirtenfeuer auf.
Jurii saß noch immer auf dem Abhang und wartete auf Karssawina; mechanisch zählte er die Scheiterhaufen auf den Wiesen.
Eins, zwei, drei ... nein, noch einer, ganz hinten, kaum sichtbar am Horizont. Wie ein kleiner Stern. Und dort sitzen jetzt erwachsene Menschen, Bauern, die auf die Nachtweide hinauszogen, kochen auf dem Felde Kartoffeln, sprechen miteinander. Der Scheiterhaufen brennt lustig,lodert auf, zischt, und man hört, wie die Pferde schnauben. Vom Abhang aus sahen die Feuer wie einzelne Funken aus ... Nur noch eine geringe Bewegung und sie mußten ganz erlöschen.
Es wurde Jurii schwer, über irgend etwas nachzusinnen, als könne er bei dem Klang seines triumphierenden Denkens, die eigenen Gedanken nicht hören. Er saß lange, ohne sich zu rühren, er spürte, wie sich in seinem Körper Elastizität und Kraft ansammelte, als bereite er sich zu etwas vor, dessen man nicht bewußt werden dürfe. Immer noch fühlte er den ersten Druck des jungen, noch vom dünnen Stoff verhüllten Körpers und der halbgeöffneten, frischen Lippen. Von Zeit zu Zeit sagte er sich mit Schrecken: Aber gleich muß sie ja kommen.
Sein Herz erzitterte, dann starb es leise ab. Aber um so mehr spannte sich jeder Nerv in ihm, sein Körper wurde frisch und drängend.
So saß er, nur mit der einen Erwartung vollgesogen am Abhange und lauschte, ohne es zu wissen, dem fernen Wiehern der Pferde, dem Schreien der Gänse hinter dem Fluß und den tausenden verschwimmenden Lauten des Waldes und des Abends, die wie Saiten hoch über der Erde bebten.
Als er endlich ungleichmäßig rasche Schritte und das Rauschen eines Kleides hörte, wußte er, ohne sich umzuwenden, daß sie es war. Sein ganzer Körper glühte und zitterte, und doch schien er von dem entscheidenden Augenblick geängstigt, jede Fähigkeit, sich zu bewegen, verloren zu haben. Plötzlich wandte er sich scharf um, sicher, gerade das Richtige zu tun, schloß sie in die Arme undtrug sie mit unbekannter Kraft und Zuversichtlichkeit über das Gras hinunter.
„Wir werden hinfallen,“ flüsterte sie; Glück und Scham erstickten sie fast.
Wieder preßte Jurii ihren Körper in seinen Armen zusammen; bald kam sie ihm groß und üppig wie eine Frau, bald winzig und zerbrechlich wie ein kleines Mädchen vor. Durch das Kleid fühlte seine Hand ihre Beine; er erschrak, als ihm die Berührung in sein Bewußtsein trat.
Unten zwischen den Bäumen war es dunkel; nur von oben fiel blasses Dämmerlicht über den Rand des Abhangs, der den hellen Himmel abschnitt. Jurii legte das Mädchen auf das Gras nieder und setzte sich neben sie. Bei dem matten Licht fand er ihre heißen, weichen Lippen und zehrte mit verlangenden, zähen Küssen, die ihren drängenden Körper wie mit weißglühendem Eisen durchbrannten, an ihnen.
Es war ein Augenblick völligen Wahnsinns, in dem nur noch eine übermächtige tierische Kraft in ihnen gebot. Karssawina widerstrebte nicht und zitterte nur, als Juriis Hand schüchtern und frech, wie es noch niemals zuvor geschehen war,ihre Röcke hochschob.
„Du liebst mich? ... Wirklich?“ fragte sie ihn mit abgerissener Stimme. Das Flüstern ihrer in der Finsternis unsichtbaren Lippen war seltsam wie die leichten, geheimnisvollen Laute des Waldes.
Aber plötzlich fragte sich Jurii mit Entsetzen: Was tue ich denn hier? ... Eisige Klarheit durchströmte das flammende Gehirn, alles wurde mit einem Mal kalt und leer, wurde blaß und hell wieein Wintertag, in dem es kein Leben und keine Kraft mehr gibt.
Sie öffnete halb die hellgewordenen Augen und streckte sich ihm mit trüber, unruhiger Frage entgegen. Doch plötzlich sah sie ebenfalls alles mit raschen, weitgeöffneten Augen vor sich, fühlte seine Blicke sich tief in ihren Körper bohren, und unter unerträglicher Scham erglühend, schlug sie rasch das Kleid herunter und setzte sich aufrecht hin.
Ein qualvolles Durcheinander von Gefühlen durchstürmte Jurii. Jetzt stehen zu bleiben, schien ihm unmöglich, als mache er sich dadurch lächerlich. Ratlos und ohne Besinnung suchte er wieder auf sie einzudringen und sie niederzuwerfen, aber sie wehrte sich ebenso ratlos und ohne Besinnung dagegen. Das kurze, ohnmächtige Balgen, das Jurii trotz des entsetzlichen, hoffnungslosen Bewußtseins seiner lächerlichen und abstoßenden Lage fortsetzte, war in der Tat nur lächerlich und abstoßend. Doch fast in dem Augenblick, als ihr Widerstand versagte und sie von neuem bereit war, sich ihm hinzugeben, ließ er wieder von ihr ab. Karssawina atmete kurz und abgebrochen, wie gehetzt. Es entstand eine auswegslose, schwere Pause; dann sagte er plötzlich:
„Verzeihen Sie mir ... ich bin ... wie verrückt ...“
Sie atmete häufiger; er begriff, daß er das nicht sagen durfte, daß es sie verletzen mußte ... Schweiß bedeckte seinen ohnmächtigen Körper, und wieder murmelten seine Lippen fast wider seinen Willen etwas von dem, was er heute gesehen hatte, über seine Gefühle zu ihr, über jeneGedanken und Zweifel, von denen er immer erfüllt war und durch die er, selbst fortgerissen, auch sie so oft hinriß. Doch in diesen Minuten schien ihm alles, was er sagte, ungeschickt, gebunden, leblos, seine Stimme klang falsch und schließlich brach er ab, plötzlich selber verlangend, daß sie fortginge und dadurch dieser unerträglichen, lächerlichen Situation, wenn auch nur für kurze Zeit, ein Ende mache.
Wahrscheinlich durchlebte sie dasselbe, denn für einen Augenblick hielt sie ihr Atmen an. Dann flüsterte sie, schüchtern und bittend:
„Ich habe keine Zeit mehr. Ich muß gehen.“
... Was tun, ... was tun, fragte sich Jurii; er wurde am ganzen Körper kalt. Sie standen auf, schauten aber einander nicht an. Mit der letzten Bemühung, noch einmal alles zurückzurufen, umarmte sie Jurii schwächlich. Da erwachte in ihr wieder eine mütterliche Regung, als ob sie sich plötzlich als die Stärkere fühle; weich schmiegte sie sich an ihn und lächelte ihm mit aufmunterndem, lieblichem Lächeln gerade in die Augen.
„Auf Wiedersehen, kommen Sie morgen!“ sagte sie.
Sie küßte ihn so zärtlich, so stark, daß Juriis Kopf schwindelte und ein Gefühl der Ehrfurcht seine ratlose Seele erwärmte.
Als sie fortging, lauschte Jurii lange auf das Rauschen ihrer Schritte, suchte sich dann seine Mütze auf, die voll Erde und Blätter war, schüttelte sie aus, setzte sie auf und ging ins Gastzimmer hinauf, dem Pfad weit ausweichend, über den Karssawina kommen mußte.
... Ja, dachte er, als er durch die Dunkelheit schritt, war es denn unbedingt nötig, dieses reine Mädchen zu beschmutzen. Unser Zusammensein unbewußt ebenso abzuschließen, wie es jeder Normalmensch an meiner Stelle getan hätte. Gott, mein Gott ... Das wäre abscheulich gewesen. Es war gut, daß ich dessen nicht fähig war ... Und wie widerwärtig doch all das ist. Mit einem Mal, ohne ein Wort, wie ein Tier. Er empfand jetzt nur Ekel über das, was ihn noch kurz vorher mit solcher Kraft und solchem Glück erfüllt hatte.
Doch trotzdem bohrten und rissen unausgelöste Spannungen weiter in seinem fruchtlosen Gram und riefen schwere, dumpfe Scham in ihm hervor. Selbst seine Arme und Beine schlenkerten, wie es ihm vorkam, ungelenker als sonst; seine Mütze mußte wie eine Narrenkappe auf seinem Kopfe sitzen.
„Bin ich denn wirklich noch fähig, weiter zu leben,“ fragte er sich in plötzlicher Verzweiflung.