Neunte Szene

Nachher wird's doch nichts — — —

Zarncke

Und jetzt wollen Sie?

Biegler

Als Steinmetz will ich auch nicht. Nich als Steinmetz. — Wenn ich bloß 'ne Arbeitsstelle hätte, als Schleifer oder beim Flaschenzug, wo keiner was fragt.

Zarncke

Ich werd' mit dem Polier sprechen. Wenn ich drauf besteh' — Sie können auch als Steinmetz eintreten.

Biegler(verängstigt)

Nein, nein, nein ... dann kommt's 'raus ... dann is wieder alles ... Bloß auf den Werkplatz will ich ... Bloß w—wenn ich den — Klippelschlag hören kann. Bloß von weitem.

Zarncke

Sie waren wohl einguterSteinmetz?

Biegler

Ach!(Zuckt die Achseln)

Zarncke(voll wärmerer Anteilnahme)

Hm.(Es klopft)Herein.

Die Vorigen.Lore(mit einem Teller, worauf Butterbrot)

Lore

Verzeihung, Herr Zarncke, Fräulein Mariechen hat befohlen.

Zarncke

Essen Sie.

Biegler

(gierig nach dem Teller sehend)

Danke! Ich hab' — keinen — Hunger.

Lore(leise, mitleidig)

Essen Sie nur.

Biegler

(blickt sich scheu um, will ein Butterbrot nehmen, sieht Zarncke fragend an)

Zarncke

Ja, ja, Sie dürfen.

Biegler

(dreht sich der Wand zu und schlingt das Butterbrot herunter)

Zarncke

Du, Lore, hol mal das Wasserglas.

Lore

(holt das Wasserglas vom Nähtisch)

Zarncke(Rotwein eingießend)

Bring ihm das. — Übrigens: wie trägt's denn der Vater?

Lore

Gott, Herr Zarncke, er schimpft ... Ja, was ich fragen wollte: darf er den Dienst noch tun, bis ein Nachfolger da ist?

Zarncke

(mit einem Blick nach Biegler hin)

Nachfolger hab' ich schon.

Lore(dem Blick folgend)

Ach so.

Zarncke

Gefällt er dir?

Lore

Ach, is 'n armer Mensch!

Zarncke

Sag's nicht, wie du ihn hier gefunden hast.

Lore

Nein, nein.(Stellt das Glas neben Biegler, ab)

Biegler.Zarncke

Biegler

(würgt eiligst den letzten Bissen hinunter und stellt sich in Positur)

Zarncke

Sie dürfen auch 'n Schluck von dem Wein trinken.

Biegler

Ja.(Äugt zweifelnd nach dem Glase)

Zarncke

Haben Sie keinen Durst?

Biegler

Erst geben Sie mir — Wein zu trinken, und dann nehmen Sie michdochnich. Hä.

Zarncke

Erst trinken Sie mal.

Biegler

(dreht sich der Wand zu und trinkt zögernd, verstohlen)

Zarncke

Auf den SteinmetzplatzwollenSie. Aber gewissermaßen im verborgenen. So daß keiner was erfährt, daß Sie keinem Rede zu stehen brauchen — hä?

Biegler

So was Schönes gibt's ja nich.

Zarncke

Vielleichtdoch. Wollen Sie Wächter werden bei mir auf'm Platz?

Biegler

(in staunendem Nicht-glauben-wollen)

Herr Zarncke!

Zarncke

Na?

Biegler

Das is doch 'n Vertrauensposten.

Zarncke

Ja, das is es.

Biegler

Da müssen manche sogar Kaution stellen.

Zarncke(bejahend)

Hm ... Und wenn Sie Mittags ausgeschlafen haben, können Sie unter den Arbeitern mithelfen ... da fragt Sie keiner ... Na?

Biegler

Wird ja nicht lange dauern —

Zarncke

Das wird ganz von Ihnen abhängen.

Biegler

Dann kommen die Schutzleute — und recherchieren ... Und dann is aus.

Zarncke

Sie wissen doch, daß solange der Verein die Fürsorge für Sie übernimmt, die Polizei sich mit Ihnen nichts zu schaffen macht.

Biegler(fatalistisch)

Die Schutzleute — kommen doch.

Zarncke

Zu mir nicht ...

Biegler

Die Schutzleute kommen doch.

Zarncke

So hören Sie doch. Hierher kommt kein Schutzmann recherchieren. Das hab' ich mir ein für allemal verbeten. Und daß die Herren vom Verein, wenndiekommen, Sie nicht verraten werden, das können Sie sich doch denken. ... Na?

Biegler

Das wär' ja ein solches Glück, wie man sich gar nich —(Es klopft)

Zarncke

(geht zur Tür und öffnet sie)

Die Vorigen.Jenisch

Zarncke(ihm den Eintritt versperrend)

Was gibt's?

Jenisch(vom Hausflur her)

Verzeihung, Herr Zarncke — die Polizei is da — wegen —

Biegler

(zuckt heftig in die Höhe und macht eine unwillkürliche Bewegung, als wolle er sich verstecken)

Zarncke

Is gut. Soll 'n Augenblick warten. Komme gleich.(Schlägt die Türe zu)

Biegler.Zarncke

Zarncke

Na ruhig, ruhig, ruhig!

Biegler(sich wild umschauend)

Die Schutzleute kommen überall — die —

Zarncke

Unsinn! Diese Nacht is eingebrochen worden bei mir. Deshalb kommen sie. Und eben deshalb sollen Sie auch Nachtwächter werden. Verstanden?

Biegler(würgend)

Herr Zarncke — ich muß — ich — dank' Ihnen auch schön fürs Glas Wein ... ich ... kann nich in Dienst ... ich muß — wieder weg.

Zarncke(schüttelt den Kopf)

Ja, zwingen kann ich Sie nich ...(Nach einem Schweigen)Haben Sie denn andere Arbeit in Aussicht?

Biegler(verneint)

Zarncke

Wer nicht Arbeit hat von euch, wird abgeschoben von der Polizei ... Unbarmherzig ... Wissen Sie das?

Biegler(bejaht)

Zarncke

Na und dann?

Biegler(zuckt die Achseln)

Zarncke

Schließlich zieht der Verein auch noch seine Hand von Ihnen — und was dann?

Biegler(zuckt die Achseln)

Zarncke

(plötzlich seinen Ton ändernd)

Nu komm mal her, min Sähn. Komm, komm, komm, komm.(Zieht ihn nach vorne)Bienchen hast du doch keine?

Biegler(schüttelt den Kopf)

Zarncke

Na dann setz dir mal.(Zieht ihn in einen Stuhl)Du bist nu man büschen verbiestert, min Sähn ... Wat dir da im Kopp spukt, das will ich gar nich wissen ... Is auch ganz egal. Nu laß man schon büschen sorgen für dich.(Strenge)Und jetzt geschieht folgendes: Du kriegst mal zuerst 'n Anzug von mir ...

Biegler

(an sich niedersehend, freudig)

Ja, ja, ja, ja.

Zarncke

Du, du hast ja gar nich mal 'n Hemde an!

Biegler(eifrig, voll Ehrgefühl)

Jawohl — hab' ich.(Reißt, um das Hemde zu zeigen, die Strickweste auf)Da!(Beschämt)Bloß — Kragen hab' ich nich.

Zarncke

Also das kriegste alles auch. Und 'n warmen Mantel. Denn Nachts is noch kalt ... Und dann kriegst du 'ne Pfeife und 'ne Schnarre. Und die Kontrolluhren, die bis zum Abend ankommen, die erklär' ich dir. Wohnen tust du drüben im Sägewerk. Und essen tust du in der Kantine bei der Lore, die dir das Butterbrot gebracht hat. Verstehste?

Biegler(wie vorhin)

Ja, ja, ja, ja.

Zarncke

Und nun kümmerst du dich um Dodt und Deiwel nich mehr. Und so wollen wir langsam wieder 'n Menschen aus dir machen. Hä?

Biegler(nickt willenlos)

Zarncke

Na also.

(Der Vorhang fällt)

Der Werkplatz. Links dasWohnhausmit vorspringenderVerandaund einem Balkon darüber, zu dem aus dem oberen Stockwerk eine Glastür führt. Zu ebener Erde ein Fenster. Rechts dieKantinemit einer Tür in der Seitenwand und einem nach der Rampe zu gerichteten Fenster, vor dem eine Bank steht. Hinter der Kantine, ein wenig vorspringend, dasMagazin, mit einer Tür und einer daneben angebrachten Glocke. — Im Hintergrunde rechtwinklig zum Magazin ein offener, von Holzpfeilern getragenerSchuppen, der sich mit seiner Hinterwand an die senkrechte Erhöhung lehnt, welche den hinteren Teil des Werkplatzes bildet und zu der in der Mitte des Hintergrundes eine schmale Treppe emporführt. Links von der Treppe mehrere hochaufgestapelte Steinblöcke, welche die Höhe des hinteren Teiles übersteigen. Über einem der Stapel einKran. Eine schmaleFeldbahnzum Transport der Blöcke führt an den Stapeln, der Treppe und dem Schuppen vorüber quer über die Bühne. Blöcke liegen überall verstreut. An den Wänden des Schuppens und der Häuser stehen und hängen, wo nur ein Platz sich findet, Gipsmodelle: Figuren, Reliefs, Ornamentstücke. Die Veranda ist mit Schlingpflanzen bewachsen, ein Baum neigt sich über ihr Dach. Das Kantinenfenster schmücken Blumentöpfe. DenProspektbildet eine großstädtische Häuserreihe, die jenseits der am Werkplatz entlangführenden Straße gedacht ist. Ein Kirchturm ragt aus der Ferne herüber

(Beim Aufgehen des Vorhangs zeigt der Platz ein überaus reiches Arbeitsleben. Vor den Blöcken arbeitenSteinmetzenoderBildhauer, die ersteren mit blauer Schürze, die letzteren mit langem, weißgrauem Kittel und Papier- oder sog. Raffaelmütze bekleidet. Der Kran ist im Gange. Niedrige Wagen transportieren Blöcke vorüber. HilfeleistendeArbeiterin beliebigem Werktagsanzug. Mittagsstimmung)

Vorne rechtsGöttlingkin Steinmetzentracht vor einem Blocke — ein Gipsmodell daneben. Der PolierWilligan einem anderen Blocke, messend. Unter den Arbeitern, die sich hinten zu schaffen machen,Lohmann,Sprengel,Struve

Göttlingk

(stämmig, mittelgroß, Stiernacken, blonder, schön geringelter Schnauzbart, Haar in geschniegeltem Bogen in die Stirn heruntergestrichen. Spielt den Kraftmenschen, großsprecherisch, übermütig, brutaler Charmeur. Er arbeitet mit Meißel und Klippel und singt dazu)

Na — nun kommt auch noch die Sonne angekrochen. He, ihr Zitronenschleifer da hinten, hab' ich euch nich gesagt, ihr sollt mir den Block in den Schuppen schaffen? — Lohmann, Sprengel, ihr andern, immer 'ran!

Willig

Du, Göttlingk, schnauz hier nicht so viel. Sag's lieber mir.

Göttlingk

Du hast mir gar nischt zu befehlen, mein Sohn.

Willig

Und du hast denen nischt zu befehlen.

Göttlingk

Wenn sie so dumm sind und gehorchen.(Lohmann, Sprengel und ein dritter Arbeiter sind nach vorn gekommen)Da, wie sie anhampeln! Hab du sie man so an der Strippe wie ich.(Befehlshaberisch)Also nu los!

Lohmann

Warten Sie man bißchen, hochgeborner Herr. Zehn Finger hat jeder zu verlieren.(Stemmt ein Brecheisen ein)

Göttlingk

Brecheisen weg! Ihr werd't mir die Kanten abstoßen.

Sprengel

Ohne Brecheisen geht's nich.

Göttlingk

So? Hä! Wenn ihr man stramme Kerls wärt, ihr Volk ...(Faßt mit an)Uno—due—tre!(Der Block rückt weiter)Na, geht's oder nich?

Lohmann

Ja, wenn Sie so scheen ausländsch kommandieren! Sagst du zum Hund »kusch«, dann kuscht er. Bloß weil er's Franzesch so gern hat.

Göttlingk

Noch mal:uno—due—tre!(Der Block rückt wieder)Ja, ja, Kerlchens. Grips im Kopp und Marks in de Knochen. Das ist die Hauptsache.

Lohmann

Und 's Messer im Sack nich zu vergessen.

Göttlingk

Lassen Sie man mein Messer in Ruh, mein alter Sohn.(Zieht ein Dolchmesser aus einer Lederhülse, die er am Leibgurt unter dem Kittel befestigt hat)Das is dreikantig geschliffen.Das schlupft(schnalzt, das Messer vorstoßend, mit den Lippen)wie 'n Küßchen ... Tut gar nich weh. Will einer probieren?

Willig

(der mißbilligend zugehört hat)

Du — Göttlingk!

Göttlingk(zu ihm herübertretend)

Hä?

Lohmann(hinter ihm her, ingrimmig)

So 'n Paradehengst!(Die andern lachen)

Willig

Mach dich nich immer mit den Kerls gemein. Laß sie ihre Arbeit verrichten. Und damit gut!

Göttlingk(großspurig)

Pöh! Ich bin nu mal so 'ne leutselige Natur.

Willig

Mußte immer Bewunderer haben?

Göttlingk

(wendet sich lachend zum Stein zurück und kommandiert weiter)

Die Vorigen.Zarncke(ist aus der Veranda getreten)

Zarncke

Polier!

Willig(respektvoll)

Herr Zarncke.

Zarncke

Is was zu melden?

Willig

Nein, Herr Zarncke.

Zarncke

Was tut der Kran da?

Willig

Er holt die Quadern fürs Sägewerk.

Zarncke

Bis morgen abend muß auch der Oberkirchner Block dort an der Treppe 'runtergeschafft werden, damit er Montag in Arbeit genommen werden kann.

Willig

Sehr wohl, Herr Zarncke.

Zarncke

Wie is die Verteilung heute?

Willig

Elf Steinmetzen auf'm Platz, fünfzehn draußen auf'm Bau, vier Bildhauer auf'm Platz, sechs auf'm Bau.

Zarncke

Wo is der Göttlingk heute?

Willig

Da is er ja.

Göttlingk

(den Stein betrachtend, dessen senkrechte mit Ornamenten bedeckte Seite jetzt oben liegt)

Donnerschock!Per Bacco!Den ganzen Dreckplatz soll der Deiwel holen! Du, Polier, komm mal her.

Zarncke

Was schimpfen Sie denn heute so wild um sich, Göttlingk?

Göttlingk

(lüftet einigermaßen verlegen die Mütze)

Verzeihung, Herr Zarncke, aber das soll wirklich der Deibel holen. Wie ich den Block drehen lass', da seh' ich, daß von gestern auf heute eine fremde Hand daran 'rumgemurkst hat.

Zarncke

(stutzt, ein Verdacht steigt in ihm auf)

Ach, Sie werden sich täuschen.(Tritt hinzu)

Göttlingk

Weil mir das schon einmal passiert war, hab' ich mir zu Feierabend immer 'n Zeichen gemacht ... Da, bitte!

Zarncke(den Stein betrachtend)

Von dem Blaustrich an?

Göttlingk

Jawohl.

Zarncke(nachdenklich, lächelnd)

Hm. So! — Das is aber nich schlecht gemacht. Da ist Schwung drin. Wenn sich die Heinzelmännchen extra für Sie bemühen, Göttlingk!

Göttlingk

Wenn ich das Heinzelmännchen treff', dann gibt's eins zwischen de Rippen ... Was is das für'n Nachtwächter, der Kerl, der jetzt Nachmittags hier 'rumschleicht, wenn er so was zulassen kann? ... Das ist schlimmer wie Einbruch.

Zarncke(der abzulenken sucht)

Was hat denn der Nachtwächter damit zu tun? Wenn's finster is, kann man nich arbeiten.

Willig

Verzeihung, Herr Zarncke. Um fünfe, da is es schon lang hell.

Zarncke(beruhigend)

Ich werd' den Mann hernach mal fragen.

Göttlingk(murmelnd)

Das besorg' ich schon selber.

Zarncke

(mit Willig nach vorne kommend)

Sagen Sie mal, Polier, wie macht sich der Nachtwächter im übrigen auf'm Platz?

Willig

Der Mann ist fügsam und ordentlich und kann sich an Fleiß nicht genug tun. Aber — schwach, Herr Zarncke.

Zarncke

Tja!

Willig

Und dann — 'n bißchen sonderbar.

Zarncke

Inwiefern?(Ringsum ertönen Mittagssignale)

Willig

Er hält sich immer abseits. Gibt kaum Antwort. Manche fangen ihn schon zu verulken an.

Zarncke

Dulden Sie das nich, Willig!

Willig

Ja, da kann ich nich viel machen, Herr Zarncke.

Zarncke

Warum läutet denn der Eichholz nich Mittag? Eichholz!

Willig(zur Kantinentür laufend)

Eichholz!

Die Vorigen.Eichholz

Eichholz(angeheitert)

Haben bloß zu befehlen, Herr Zarncke! Wie der Blitz bin ich da — ja!(Läutet die Glocke, die am Magazin hängt)

Zarncke(sieht kopfschüttelnd zu)

Willig

Er is jetzt immer im halben Dusel.

Eichholz(sich umschauend)

Na — schläft der — faule Hund — noch?

Zarncke

Möchten Sie nu mal den Frauen das Tor aufschließen?

Eichholz(brummend nach links)

Willig

Nu geht er noch in die Destille!

Zarncke

Is das ein Elend!

Die Vorigen.Mehrere Frauen.SpäterLore

(Sämtliche Arbeiter haben ihre Werkzeuge niedergelegt, einzelne gehen zu den Wasserleitungshähnen, die im Schuppen angebracht sind und waschen sich. Andere holen dicke Butterstullen und Blechkannen hervor und beginnen zu essen. Frauen kommen von links mit Eßkörben und begrüßen ihre Männer. Einzelne haben auch ihre Kinder mitgebracht, die sich mit den Eltern um den Eßkorb gruppieren)

Zarncke

(begrüßt eines und das andere, teilt Bonbons aus, wünscht den Frauen »Guten Tag« und spricht einige Worte zu den Männern)

Lore

(erscheint in der Tür der Kantine und geht zu verschiedenen der Bildhauer und Steinmetzen)

Bitte zu Mittag. — Bitte zu Tisch. — Zu Tisch möcht' ich bitten.(Lauter)Wem kann ich Bier 'rausschicken?

Einzelne Stimmen

Hier. Ich. — Mir eins.

Lore(zählt die Stimmen)

Göttlingk

(betrachtet murrend seinen Block)

Lore

(an ihn herantretend, leise zaghaft)

Kommst nich auch, Eduard?

Göttlingk(sich umschauend, unwirsch)Hab' ich dir nicht gesagt, du sollst mich nich »du« nennen auf'm Platz?

LoreVerzeih! Ich hab' vergessen.(Zur Kantine ab)

(Verschiedene Bildhauer und Steinmetzen gehn zur Kantine, darunter Göttlingk)

Zarncke

Gehn Sie auch zu Tisch, Willig. Übrigens hören Sie mal: Mit dem Struve steht's schlecht. Den wird uns das Kriminal bald abholen.

Willig(achselzuckend)

Ja.

Zarncke

Ach, schicken Sie ihn mir mal, — ja?

Willig(rufend)

Struve!

(Struve steht von einem hinteren Steine auf, wo er unbemerkt gesessen hat. Willig spricht im Vorbeigehn zu ihm und weist nach vorne, dann geht er in die Kantine ab)

Die VorigenohneWillig.Struve(nach vorne kommend)

Struve

(Mann in den Vierzigern. Ergrauendes Haar, blank und gelockt. Bartstoppeln. Verschmitzte Äuglein. Ein Zug drolliger Heuchelei um die Mundwinkel. Arbeitskleidung mit wollenem Halstuch und Holzpantinen. Trägt einen Deckelnapf in der einen, eine faustdicke Butterstulle mit Taschenmesser in der andern Hand. Bei dem Versuch, die Mütze abzunehmen, fällt ihm das Butterbrot auf die Erde)

Zarncke

Sachte, sachte! Nu is die janze Pastete in den Sand gefallen.

Struve

(das Butterbrot an den Hosen abwischend)

Das macht nichts, Herr Zarncke. »Mit ne Ladung Sand — schmeckt selbst 'n alter Strohsack pikant,« sagten wir immer uf de hohe Schule.

Zarncke

Na, nu werden Sie ja bald wieder drinsitzen in Ihre hohe Schule.

Struve

Ja, Herr Zarncke, was kann man machen?

Zarncke

Mensch, wenn's mir nich so leid täte um Sie —

Struve

Nu haben Se man guten Mut, Herr Zarncke ... Mir hat's auch mal leid getan. Aber nu is schon egal.

Zarncke(leise)

Na, sind Sie's nu gewesen oder nich?

Struve

Herr Zarncke, wenn ich gleich hier meinen Totenschein in die Hand nehm' —

Zarncke(lachend)

So 'n Halunke wie Sie! ... Sie wissen doch, die Untersuchung geht weiter?

Struve

Ja, die Polente schnüffelt ja alle Tage hier 'rum.

Zarncke

Sagen Sie mal, können Sie nu wirklich keinen Zeugen dafür beibringen, wo Sie in den Stunden des Einbruchs gewesen sind?

Struve

Was man so nennt: einen Aal-ibi, Herr Zarncke?

Zarncke

Jawohl.

Struve

Ja, sehn Sie mal, was 'n wirklich reeller Aal-ibi is — der kost't nich unter fünfzig Mark. Wo soll ich fünfzig Mark hernehmen, Herr Zarncke?

Zarncke(lachend)

So?

Struve

So 'ne Brieder, die schon wegen Meineid verschütt jejangen sind, die tun's auch billiger ... Meechens auch. Aber die kriegen's vor Gerichte hernach mit die Heulerei ... Nee, das sind alles keine reelle Sachen.

Zarncke

Na, und wenn sie Sie nu gleich mitnehmen?

Struve

»Der Gerechte muß viel leiden,« so steht in de Psalmen geschrieben.

Zarncke

Hören Se auf mit Ihre dämliche Muckerei. Glaubt Ihnen ja doch keiner ... Mensch, Mensch, wie hau' ich Sie nu 'raus?

Struve

Hätten gar nicht anzeigen müssen. Sehn Se, nu sitzen Se drin, Herr Zarncke.

Zarncke(lacht)

Marie(das Fenster öffnend)

Vaterchen, kommst nich zu Tisch?

Zarncke

Gleich, Miezelchen ... Also ich werd' mal nachdenken. Vielleicht fällt mir noch was ein.

Struve

Ganz wie Sie meinen, Herr Zarncke.

Zarncke

Ulkiges Huhn! ... Hier haben Sie 'ne Zigarre.(Ab)

Struve

Danke, Herr Zarncke.(Die Zigarre einsteckend)Ja, ja. Sie rüsten sich wider die Seele des Gerechten und —(sieht, daß Zarncke inzwischen weggegangen ist)Ach so!(Setzt sich auf den vordersten Block, kratzt an seinem Butterbrot und fängt an zu essen)

Struve. Lohmann.Sprengel,ein dritter Arbeiter, die essend auf dem Block hinter ihm sitzen

Lohmann

Na, wie lange werden sie dich deinen Knast Brot noch 'runterfuttern lassen, Struve, ehe sie dich inlochen?

Struve(achselzuckend)

Ja.

Lohmann

Nachher gibt's zu Mittag wieder »Rumfutsch« und »blauen Heinerich«. Ei weh.

Struve

Kindersch, babbelt nich von so hohe Sachen. Das versteht ihr nich.

Sprengel

Der tut sich noch dicke auf sein Zuchthaus.

Struve

Nu ob. Da kommt ihr noch lange nich rin. Da sind bloßfeineLeute drin. Ja.

Die Anderen(lachen)

Lohmann

Drum heißt es auch die hohe Schule.

Struve

Jawoll. Da lernt man was. Hast du überhaupt 'ne Kleiderbürschte? Die hat mir der Staat immer franko geliefert. Aus lauter persönlicher Hochachtung ... Oder gar 'ne Zahnbürschte? Aber ich — siehste! ... Kiek dir mal an, wie der Dreck an dir 'rumklebt ... Aberwirmachen dort zu Mittag immer Toi—lette. Und Handtuch tragen wir immer auf'n Arm, da laufen wir den janzen Tag mit 'rum. Vor lauter Feinheit. Ja.

Die Anderen(lachen)

Struve

Überhaupt, was bist du hier? Und was bin ich hier? Und was sind wir alle hier? ... Dreck sind wir. Hoch über dir kommen erst die Steinmetzen ... und da hoch drüber die Bildhauer. Und dennnochhöher der Polier ... Unddenngar erst ... ach! Dort hab' ich immer in de erschte Klasse gearbeit't ... Weiße Binde hab' ich tragen dürfen. Tischältster bin ich gewesen. Das is mehr wie der Polier. Das is wie 'n Jeneral ... Das kannste alleswerden, wenn de ins Zuchthaus kommst ... Karri—ere kannste machen. Ja.

Lohmann(singt spottend)

Liebes Kind, nu weine nich,Mittags jibt's den blauen Heinerich;Stehst du mit dem Schien auf du und du,Kriegste auch 'n halben Hering zu.

Liebes Kind, nu weine nich,Mittags jibt's den blauen Heinerich;Stehst du mit dem Schien auf du und du,Kriegste auch 'n halben Hering zu.

Struve

Nu ja. Verdient euch mal erst 'n halben Schwimmling. Ihr geht hier zur Lore und schnauzt: Hering — aber 'n milchernen — mit Zwiebel — viel Zwiebel ... janzen Berg Zwiebel, und dann schmeckt er noch nich mal ... Ich sag' euch: ... wollt ihr 'n wirklichen duften, leckern Schwimmling, da müßt ihr in de Anstaltsküche kommen. Die verstehn det Jeheimnis ... Da kitzelt euch die Schnauze von — noch Abends beis Einschlafen. So viel scheener ist da alles. Ja.

Lohmann

Wenn da alles so viel scheener is, wat machste denn nich wieder hin?

Sprengel

Da hastdudoch freien Angtree.

Struve

Kindersch, ick werd' euch mal was erzählen: Dicht an de große Außenmauer in Waldheim — da steht nämlich 'ne alte Linde ... Und von de Fisintation aus, was nämlich der Arbeitssaal is, da siehste 'n janzes kleines Stückschen von ... Und von'n Spazierhof aus, wo du immer sechs Schritt hintern Vordermann herzoddelst,(stolz)bloß nicht wir von de erste Klasse, wir jingen natierlichimmer zu zweie — wenn du da — und du huppst in die Höh', dann siehst wieder 'n andern Stückschen — so sechzig bis achtzig Blätter, wodran du immer jenau wissen kannst, was für Jahreszeit is ... Und nun hat uns immer und ewig der Deibel geplagt, daß wir auch mal denjanzenLindenbaum sehen wollten, denn der soll nämlich der scheenste Lindenbaum sein, wo's auf de Welt überhaupt jibt. Das soll schon in de Geschichtsbicher stehn ... Na, und wo nu endlich der Tag da is von de Entlassung, und wo einem das Herz bis in'n Kopp 'raufbummert — und wo nu das innere Tor aufjeschlossen wird — na, da is er nu — und da is er 'n janz jemeiner oller, ekliger Lindenbaum. Na — und so war denn hernach alles — janze Freiheit.

Lohmann

Nu — wenn du das nu schon weißt? —

Struve

Was hilft da viel — wissen. Der Mensch is 'n dämliches Vieh. Wie ich 's zweite Mal drinsaß, da war der olle, dämliche Lindenbaum noch viel scheener geworden.

Die Anderen(lachen)

Sprengel

Ja, wenn's so is.

Struve

Überhaupt — ihr Schafsköppe mit eure sogenannte Freiheit! — Geschunden! hin und her geschmissen! Liegste im Sonnenschein uf ne scheene Planke, kriegste den Holzbock in de Waden; haste keene Arbeit, kannste jehn den Chausseegraben austapezieren. Willste mal geradaus — jeder Mensch will mal geradaus — und als dir kommtnu 'ne verschlossene Tür in de Quere — und du willstdochgeradaus, dann stecken sie dir ins Kittchen. Das heißt nu Freiheit. Kindersch, ick hust' auf eure Freiheit. Seine Ordnung muß der Mensch haben. Seine Ordnung hat der Mensch bloß allein im Zuchthaus.

Die Anderen(lachen)

Struve

Mir hat überhaupt bloßeinsgefehlt. Dann wär' ich auch janz komplett jlücklich gewesen.

Sprengel

Das war wohl eene Braut?

Struve

Ne.

Lohmann

ZweiBrauten?

Struve

Ne.

Lohmann

Na was denn sonst?

Struve(träumerisch)

Das war 'n Rasierspiegel ... Wenn ichdennoch hätt' gehabt — —

Die Vorigen.Biegler(von rechts)

Biegler

(in anständiger Arbeitskleidung. Sein Bart ist gestutzt, sein Aussehen gebessert, aber sein Benehmen noch scheu und unumgänglich, voll immer neu aufflackernden Mißtrauens. Er setzt sich auf die Bank vor das Kantinenfenster)

Lohmann

Kiekt mal den da! ... Wasisdas eigentlich für 'ne Sorte? Redentuter nich, »guten Tag«sagter nich.

Biegler

(gewahrend, daß man sich mit ihm beschäftigt, unfreundlich, dumpf)

Guten Tag.

Struve

Na sagt ja.

Lohmann

War auch danach. Guten Tag, hochwohlgeborener Herr Nachtrat! ... Kommen der Herr Dunkelmann 'n bißchen de Sonne revindieren?

Sprengel

Mensch, nu red doch was!

Biegler

Was soll ich reden?

Sprengel

Mach doch 'n Witz.

Biegler

Ich weiß keinen Witz.

Lohmann

Der Kerl is trocken wie Galgenholz.

Struve

Nu sag bloß, Mensch, wie amesierste dir nu so die lange Nacht über? Putzte de Sterne blank? Ziepste dir an de Barthaare? Wirfste de Meechens, wo auf de Straße vorbeigehn, Klamotten auf'n Kopp? ... Irgend was muß der Mensch doch zu tun haben de lange Nacht über!

Biegler

Ach, ich hab' immer zu tun.

Lohmann

Tranig is das Luder.

Sprengel

Wat huckste da uf de Banke? Warum jehste nich ze Mittag?

Biegler

Jetzt essen doch die — Steinmetzen. Da kann ich doch nich auch essen.

Lohmann

Nu dann komm doch mal her so lang ... Na — los!

Biegler(erhebt sich zögernd)

Was soll ich bei euch?

Sprengel

Trink mal aus meine Buddel. Prost.

Biegler

Danke. Ich trinke keinen Schnaps.

Lohmann

Ach, du bist wohl auch so 'n Pinkelinker? So 'n Pumpengenie?

Biegler

Sonst habt ihr nichts zu wollen von mir?

Sprengel

Nu huck dir doch mal erst dal.(Zieht ihn auf den Block nieder)

Lohmann(weiterrückend)

Setzen Sie sich ruhig in die Sonne, verehrte Schattenpflanze.

(Lachen)

Biegler

Ich tu' dir doch nichts, warum uzt du mir?

Lohmann

Ich uz' dir doch gar nich. Ich schmeichel' mir bloß so an dir ran.

Struve

Sag mal, Mensch, was biste vorher gewesen? Eh' du hier Nachtwächter wurdst?

Biegler(erschreckend)

Ich? — Ich bin Arbeiter.

Lohmann

Kirschenpflücker vor de Wintermonate — hä?

Struve

Du kommst mir nämlich so bekannt vor, weißte.

Biegler(angstvoll)

Ich — dir? Nee — daß ich nich —

Struve

Nich, als ob ich dir kennen tu'. Aber du hast so 'ne Art ... Bei uns in Waldheim da hatten wir so 'n paar. Wir nennten se immer »de blamierten Förschten«. — Du, wo liegt denn dein Förschtentum?

Lohmann

Markgraf von Brandenburg, Fürstbischof von Moabit, Edler Herr von und zu Sonnenburg.

Biegler(zuckt zusammen)

Lohmann

Du plinkst ja immer so mit 'n rechten Vorderarm.

Sprengel

Laß ihm man in Ruh. Das is 'n guter Kerl ... der is bloß verschüchtert.

Lohmann(gutmütig)

Ich mach' ja auch bloß 'n Witz.

Struve

Da — willste 'ne Zijarre?

Biegler(verblüfft)

Wieso — gibst — du mir —?

Struve

Kannst nehmen ... die is jut ... die hat mir der Alte vorher geschonken.

Biegler

(noch immer verwundert, sein Gesicht erhellt sich)

Na, denn dank' schön ... Ich werd' mir denn auch später — revanschieren.

Lohmann

(ihn auf die Schulter klopfend)

Na, meinen wir's denn nu so beese?

Biegler(mit glücklichem Gesicht)

Nee! Wahrhaftigen Gott nich!

Lohmann

Na siehste!(Nach links weisend, wo Eichholz sichtbar wird)Aber vor dem Alten nimm dir in acht. Der is dir nich jrien.

Die Vorigen.Eichholz

Eichholz(vollends angetrunken)

Ich bin ein Mann — hochgeehrt, — ich brauch' nich — Kartoffelsuppe aus'n Steinguttopp — fressen! Morjen, die Gesellschaft! Morjen, die hochgeehrte Gesellschaft!(Biegler bemerkend)Was? — Was will der Hund? Der schmalbauchige Hund? M — M — Mantel hat er ihm geschenkt — mit blanke Knöppe — wie 'n Offezier! Was is der Kerl überhaupt? Wo kommt der verhungerte Kerl her?

Lohmann

Das geht dir jar nischt an. Wenn er man seine Pflicht tut.

Eichholz

Pflicht tut? Hähähä! Der is bloß zum Rausfuttern hier. Der is hier auf Eichelmast wie de Nuck-Nuck-Schweinchen. Wann hab' ich mal blanke Knöppe gekriegt? Kerl, durch was für Pfiffe und Kniffe bist du auf den Posten gekommen? Zieh mal vom Leder, du Hund!

Biegler

Lassen Sie mich in Ruh. Ich habe mit Ihnen nichts zu tun.

Eichholz

Was krauchste immer bei meine Tochter 'rum? Dir jibt se 'n Porzellanteller. Du wirst noch mal — platzen— wie 'n Bovist. Und dann wird man an dem Gestanke erkennen, wer du bist. Mensch, ich hab' 'ne Faust wie 'ne Ramme!(Dringt auf ihn ein)

Biegler(stößt ihn fort)

Eichholz(zurücktaumelnd)

Was — hauen — tust du mir alten Mann?

Die Vorigen.Göttlingkundandere BildhauerundSteinmetzen

Göttlingk

Was is hier los?

Eichholz(keuchend)

H—h—hauen — m—m—ir—!

Göttlingk

Wer hat den alten Mann gehauen?

Struve

Is ja alles Blech!

Göttlingk

Werd' ich nu bald Antwort kriegen?

Lohmann(kleinlaut)

Hier hat überhaupt keiner gehauen.

Eichholz(mit erhobener Faust)

Der Hund! — der verhungerte —(Einige der Umstehenden führen ihn nach hinten)

Göttlingk

Sieh mal an! ... Kommen Sie mal ran, Sie! ... Na?

Biegler

Ich tu' hier, was ich zu tun habe. Sie gehn mich nischt an.

Göttlingk

Das werd' ich Ihnen mal gleich beweisen. Eins — zwei —(pfeift)

Struve(leise)

Da geh man schon. — Jegen den Großschnauz kommste nich auf.

Lohmann(leise)

Der sticht mit's dreikant'ge Messer.

Göttlingk

Wenn ich »drei« sag' —

Biegler(blaß, schwer atmend)

Sie können — ja auch zu mir kommen.

Göttlingk(pfeifend)

Ich warte.

Biegler(in Erregung, zitternd)

Da lassen — sich man — die Zeit — nich lang werden.

Die Anderen(lachen)

Göttlingk(in Wut)

Wer riskiert hier zu lachen? ... Soll ich meine Pfeife mit euch stoppen, Kerls?(Das Lederfutteral nach vorne ziehend)Soll ich euch mal die Hühneraugen barbieren?(Da Lohmann, Sprengel, Struve sich vor Biegler gestellt haben)Aus dem Weg hier!

Lohmann(sich umschauend)

Wo is denn der Polier?

Göttlingk

Jetzt bin ich hier der Polier.(Wild)Aus dem Weg hier — oder —

Biegler(vortretend)

Laßt man. Wegen mir soll hier keiner Ungelegenheiten haben. —

Göttlingk(befriedigt)

Na, da hätten wir ja das Gewächse.(Setzt sich, raucht)Immer parieren, Kinderchen.

Biegler

Also ich wär' ja nu da.

Göttlingk

Das seh' ich. Was den alten Knackstiebel betrifft, den wollen wir mal auf sich beruhen lassen. Aber wir haben noch 'n Hühnchen zu pflücken, wir beide. Sie sind doch der neue, krumme Kerl von Nachtwächter?

Biegler

Neu bin ich hier ... Krumm bin ich wohl auch.

Göttlingk(auflachend)

Und Nachtwächter auch?

Biegler

Ja.

Göttlingk

Dann kieken sich mal hier diesen Block an. Na — soll ich Sie bei den Ohren nehmen?

Biegler(stammelnd)

Was — is — denn — mit dem Block?

Göttlingk

Sie sind verantwortlich für das, was hier über Nacht geschieht. Ich frag' Sie: Wer hat da an meinem Block rumgemurkst?

Biegler(sehr bestürzt)

Das —

Göttlingk

Na?

Biegler

Das — weiß ich — doch — nich.

Göttlingk

Seht euch mal das böse Gewissen an.

Struve(leise)

Nu sei doch frech! Schmeiß ihm doch Staub ins Gesichte.

Die Vorigen. Frau Homeyer. Marie

Frau Homeyer

(geht quer über den Platz zu der Gruppe hin)

Göttlingk

(sich rasch vom Wüterich in den Schwerenöter verwandelnd)

Oi, da kommt ja hoher Besuch, feiner Besuch, pikefeiner Besuch. Nu, mein süßes, strammes Frau Homeyerchen, mein —

Frau Homeyer(ihn abwehrend)

Man wird schließlich nich mal mehr unbelästigt auf den Platz kommen können.

Göttlingk

Aber Kindchen, Puppechen! Sie waren doch sonst nich so. Ich hab' Ihnen doch manches liebe Mal in Ihren warmen, sanften Oberarm gekniffen.

Frau Homeyer

Und haben immer noch von mir auf die Finger gekriegt.

Göttlingk

Aber gelächelt haben Sie dazu — so sieß!(Schmachtend)Ach, wie so sieß!

Frau Homeyer

Ach, Sie sollten sich was schämen. Dort vor der Tür steht das Fräulein. Das will Sie sprechen.

Göttlingk

Das Fräulein — mich? — Mich — das —? So! Na! Sie, Nachtwächter, Sie können abrutschen. Aber Sie werden mir noch Rede stehn. Verstanden? —

Lohmann(leise)

Hab man keine Bange vor dem!

Struve(leise)

Und wenn du für irgend was 'n Zeugen brauchst, ick beschwör' alles ... Unbesehn.

Biegler

Ich dank' euch schön.

Göttlingk

(dreht eitel seinen Schnurrbart)

Na, bin ich nu nobel genug fürs Fräulein?(Geht nach vorne links)

Frau Homeyer

(schaut verliebt hinter ihm her, einer der Steinmetzen umfaßt sie von hinten, sie schlägt nach ihm, die andern lachen, sie geht nach links)

Biegler(nach der Kantine ab)

Marie. Göttlingk.Die anderen im Hintergrund

Marie

(ist bebend die Stufen heruntergestiegen und streicht sich, wie um sich Mut zu machen, mit der Hand übers Gesicht)

Göttlingk

(linkisch, mit durchbrechender Frechheit)

Mahlzeit, Fräulein.

Marie(tonlos)

Gesegnete Mahlzeit!

Göttlingk

Möchte mir die ergebenste Frage erlauben, womit ich dem Fräulein dienen kann?

Marie

Herr Göttlingk, Sie sind lange weg gewesen.

Göttlingk

Jawohl, bißchen de Welt besehen. Aber nu bin ich schon lange wieder da.

Marie

Das freut mich, daß Sie wieder da sind, Herr Göttlingk.

Göttlingk

Nu, das is ja höchst schmeichelhaft für mich. Danke schön.

Marie(rasch, ängstlich)

Nein, nein, der Lore wegen.

Göttlingk

Der Lore wegen. Ach so ... Na, das geht so seinen Weg.

Marie

Was für 'n Weg, Herr Göttlingk?

Göttlingk

Wissen Sie was, Fräulein Mariechen? Beunruhigen Sie sich darüber nicht. Da sind Sie viel zu fein zu. — Das sind solche Geschichten.

Marie

Sie wissen wohl gar nicht, Herr Göttlingk, wie lieb Sie die Lore hat?

Göttlingk

Mädchen mit 'n Kind hat einen immer lieb. Dafür sorgt schon der liebe Gott.

Marie(ihn bestürzt anstarrend)

Herr Göttlingk, so schlecht können Sie doch gar nicht sein. Wenn die andern auch sagen, Sie seien gewalttätig und — Ich habe Sie immer für einen guten und edeln Menschen gehalten.

Göttlingk

Na, macht sich!

Marie

Und ich weiß, aus Ihrem Singen spricht ein weiches Herz. Ich habe Ihnen immer mit Freuden zugehört.

Göttlingk

So? Na, ich hab' auch sozusagen immer extra für Sie gesungen, Fräulein Mariechen.

Marie(tödlich erschrocken)

Wieso — für — mich?

Göttlingk

Nu, weil ich schon weiß, daß Sie dann immer 's Fenster aufmachen. Also müssen Sie's doch gerne haben. Ich tu' immer, was Sie gerne haben. Jawohl. Mach' ich.

Marie(außer Fassung)

Es handelt — sich hier — aber gar nicht — um mich.

Göttlingk

(in trumpfender Männlichkeit)

Warum eigentlich nich, Fräulein Mariechen? Warum soll es sich nich auch 'n mal um Sie handeln?

Marie

(sprachlos, ratlos, schließt für einen Augenblick die Augen, dann — da sie Zarnckes Stimme in der Veranda hört, eilt sie hilfesuchend auf ihn zu)

Vaterchen! Vaterchen!

Göttlingk(seinen Schnurrbart drehend)

Sieh mal an! Sieh mal an!(Geht nach hinten)


Back to IndexNext