Der Schimmer des Tagesanbruchs liegt gleich einem ungeheuren Tautropfen und schaukelt über der Erde draußen am östlichen Horizont.
Strix ist geflogen und geflogen —
Jetzt gewahrt sie in der Ferne Wald, sie sieht kuppelförmige Kronen und zahllose Anläufe zu Wipfeln — ein mächtiger Hochwald mit einer Wölbung neben der andern rundet sich üppig vor ihr empor.
Was sie eräugt, sind Heidehügel am Horizont, sind Hünengräber und Wachholderbüsche, die Bäume, an die sie gewöhnt ist.
Bald löst die ferne Fata morgana sich auf — und das ungeheure, schwarzgetönte Heidekrautmeer gibt sich zu erkennen.
Noch ein Kilometer — und als die Sonne aufsteigt, wird das Heidekrautmeer zu der großen herrlichen Naturebene der Heide mit dem Porschgrün der Schluchten und dem Violett der Hügelrundungen. Die unzähligen Heidekrauterhöhungen bekommen Form und Fülle, sie treten hervor und werden für Strix zu Reisern und Büschen. Ameisenroter Eisenocker guckt stellenweise hervor, olivenfarbene Mehlbeerenzweige recken sich über trocknen, natterbeschwerten Flechten empor. Der moosähnliche Wolfsfuß, der grüne Pflanzenwurm der Heide, kriecht mit seinen behaarten Ranken über den Sand hin, auf sie zu; sieerkennt das alles wieder von ihren wilden Streifzügen in ihrer Jugend — und sie fliegt hinein in die Heide bis an eine tiefe Schlucht zwischen ein paar hohen, finsteren Hügeln, da läßt sie sich nieder und setzt den Fuß auf den trockenen, knirschenden, mit Renntiermoos bedeckten Boden.
Es durchflutet sie, als sei sie lenztrunken und erfüllt von dem mächtigen Paarungstrieb; ihr wird so munter und leicht, sie wird wild vor Freude ... hier ist noch die Erde in ihrer Ursprünglichkeit, weit und offen mit Mooren und Sümpfen, mit Weide und Porsch und dem Zug der Hügel, der in den Himmel übergeht; ein Überrest Natur von ihrer Natur breitet sich vor ihr aus, mit Ruhe und Großzügigkeit, frei von den vielen Steinhaufen, aus denen immer Rauch und Lärm aufstieg!
Zwischen Heidekraut, so kräftig, daß es in bezug auf Höhe mit den Wachholderbüschen wetteifert, und Strix hoch über dem Kopf zusammenschlägt, watschelt sie den bemoosten, reich mit Porsch bestandenen Abhang hinauf und setzt sich auf den Gipfel eines alten Hünengrabes, das in einsamer Majestät hoch oben auf einem der Hügel thront. Sie sitzt da und keucht nach der Reise und starrt hinaus über ihr neues Heim.
Da hört sie ein Piepsen gerade unter ihren Ständern.
Es ist ein kleines Birkkücken ...
Strix beobachtet mit gespannter Aufmerksamkeit, wie es sich ganz langsam und mit großer Mühe durch das Moos hinaufarbeitet.
Strix hat wohl Lust zu dem Bissen; sie ist hungrig nach der Reise — und schlägt deswegen auf das Kücken nieder.
Da wird der Mooshügel, in dem das Birkkücken sitzt, gleichsamlebendig; es kribbelt und krabbelt um die Fänge der großen Eule herum. Strix will natürlich alles fangen, was kriecht — und sie greift wild und gierig nach alten Seiten um sich.
Endlich meint sie, daß sie genug hat und öffnet vorsichtig die Griffe — da hat sie nur Heidekraut und Moos in den Fängen.
— — —
Eine Birkhenne, die durch das Erscheinen des großen Uhus überrascht wurde, wußte nichts Besseres und Eiligeres zu tun, als ihre kleinen Küchlein in das Moos einzugraben; dort sollten sie stillsitzen, solange der große Fänger ausruhte. Nun hätte ein kleines ungehorsames Junges um ein Haar die ganze Brut in Gefahr gebracht!
Strix nimmt sich ihr Mißgeschick nicht weiter zu Herzen, sie betrachtet das Ereignis als eine Art wohlgemeinten aber schlecht ins Werk gesetzten Willkomm.
Jetzt will sie sich eine Wohnung suchen.
Und sie fliegt eine Wendung nach der andern und stolziert auf ihren unbeholfenen, behosten Fängen, während sie mit rollenden Flügeln zwischen den Heidekrauthügeln herumsucht.
Da hört sie es auf der andern Seite des Hünengrabes brummen. Es ist, als erwache jemand da unten und spräche laut mit sich selbst, während er sich in aller Eile fertig macht.
Das Gebrumme des Reisenden klingt immer mürrischer; Strix fliegt aus Neugier dahin — und sieht eine große Hummel aus einem Fuchsloch herauskrabbeln.
Hu — Hu — Hu! schilt die Hummel und setzt mit einem gierigen und honigerpichten Brummen über den Kopf der Eule hinweg.
Diesmal ist der Willkomm hübsch ins Werk gesetzt, meint Strix! Der Fuchsbau riecht ja freilich ein wenig, ja, er stinkt; aber das ist ja nur heimatlich. Sie watschelt in den Eingang des Loches hinein und scharrt sich eine Vertiefung, einen richtigen Nestraum mit Wölbung und reichlich Platz zum Rühren; hier läßt sie sich nieder.
Reineke kommt früh heute morgen und sehr angegriffen von der Nachtjagd. Er geht halb im Schlaf und hält den großen Uhu für das, waserunter einem Gespenst versteht.
Er ist nur ein kleiner Fuchs, ein Dieb, der sich auf Art der Diebe leicht erschrecken läßt. Sein Körper ist schlaff, die Gesichtshaut sitzt ihm in Falten, die Lefzen hängen herab und seine listigen Lichter haben einen eigenen melancholischen Ausdruck.
Er sieht so aus, als habe er an Nahrungssorgen gelitten — von der Art, die ihren Mann zeichnen und ihn engherzig und hohlwangig machen.
Der Fuchs ist abgelebt — das ist die Sache! Die Eckzähne im Unterkiefer sind bis auf die Höhe der Vorderzähne abgeschliffen, seine Krallen sind eckig und stumpf — er kann nicht mehr fangen.
So kommt es denn aus diesem Anlaß zu keiner Prügelei. „Das Gespenst“ ist standhaft; es hält sich Stunde auf Stunde in dem Bau, und so oft auch Reineke seine Nase hereinsteckt, bekommt er sie mit großen, perlenden Blutstropfen an der Spitze zurück. Schließlich ist die Sache entschieden; der Bau ist besetzt, Strix wohnt da!
Und dann geht Reinecke durch die Hintertür.
— — —
Eine lange Zeit behält Strix ihre Wohnung hier bei dem Heidefuchs, sie sitzt warm in seinem Bau, in Schutz vor Regen und Sturm und geschützt gegen das blendende Tageslicht.
Wenn der Fuchs nach Hause kommt und seine Einquartierung vergessen hat, wenn er sich in der Tür irrt und durch den Haupteingang geht, wie er es sonst immer gewohnt gewesen ist, bläst Strix sich auf und versetzt ihm einen Hieb mit einem ihrer Fänge ... das hilft dann seinem Gedächtnis für eine Woche auf.
Auf der Heide findet Strix Ruhe — der Kampf um ihre Ernährung fordert alle ihre Kräfte.
Sie fängt Regenpfeifer und junge Kuckucks und Brachvögel, wenn sie im August kommen und sich in dem Maße mit Heidelbeeren mästen, daß ihr Bürzel ganz schwarz davon wird. Sie fängt Stachelschweine und frißt sie mit Haut und Haar, und ohne Rücksicht auf die scharfen Stacheln zu nehmen. Sie nimmt auch Fische und Kreuzottern und Nattern. Und wenn der Tag zur Rüste geht und die Sonne hinter den Hügeln versinkt, wenn der Sommerwind sich legt und alles so wunderbar kühl wird, wenn die Blumen nach des Tages Arbeit ihren starken Duft ausatmen und der Schlaf sich schwer über die Landschaft legt, dann fliegt sie umher nach den fernen, einsam gelegenen Höfen und fängt ihre leckerste Speise.
Alle Menschen sind in ihren Steinhöhlen, nur ihre Gewänder —: Frauenhemden und Strümpfe, Socken und Männerhemden, die zum Trocknen hinausgehängt sind, nehmen noch den Kampf mit der Finsternis auf.
Da wimmert und pfeift und schreit es um die Gebäude herum, da heult es in der Nacht, gierig und garstig, während Strix die von den Menschen fett gemachten Ratten kröpft.
Alle ihre Jagdmethoden wendet Strix hier in der Heide an; sie macht Birkhühner und Hasen bange mit ihrem Geheul, schlägt sie in der Luft und im Fluge. Sie entreißt auch andern Raubtieren ihren Raub, wo sie dank ihrer Überrumpelungstaktik ihre Nebenbuhler von hinten überfallen kann.
Eines Abends segelt sie lautlos über die Heide ...
Sie streicht ganz niedrig und folgt den Windungen des Bachlaufes durch den langen, grasgefüllten Talboden. Da hört sie plötzlich unter sich einen klagenden, jammernden Laut und gewahrt nun zwei engverschlungene Gestalten, die sich im Wasser tummeln. Sie schießen in die Tiefe hinab, kommen plötzlich wieder zum Vorschein und treten Wasser, so daß der Bach schäumt.
Es sind zwei Ottern im Kampf.
Nach einer Weile arbeiten sie sich an Land und kämpfen dort weiter ...
Der eine hat einen leckern Fisch im Maul, unddemgilt der Kampf.
Strix schlägt zwischen ihnen nieder und setzt ihren Fang auf den Fisch. Da sitzt sie dann, äugt mit den Lichtern bald den einen, bald den andern an und versetzt ihnen einen Schlag mit dem Flügel, wenn ihre fauchenden Gesichter ihr ein wenig zu nahe kommen.
Dann auf einmal fliegt sie mit der Beute auf!
Da werden die beiden wütenden Gegner im Handumdrehen Busenfreunde, sie springen hoch in die Luft empor, ihr nach.
— — —
Hier auf der Heide liegt ein altes Eichengestrüpp. Es liegt auf einem Hügelabhang, nicht weit von dem Hünengrab, indem sich der Fuchsbau befindet. Das struppige Heidekraut reicht den kleinen, verrenkten Eichenkrüppeln an vielen Stellen weit über den Kopf. Aber die Knirpse sind trotzig — sie krümmen sich zu einer dichten und umfangreichen Krone, indem sie die Zweige wild und heftig um sich schlingen. An den Zweigen wachsen Blätter — und dieser Sonnenschirm benimmt dem Heidekraut den Mut.
Höher hinauf an den Abhängen, wo die Knirpse in Gesellschaft stehen und durch ihr Zusammenhalten Macht gewinnen, muß sich das Heidekraut damit begnügen, eine Verbrämung um die Lichtungen zu bilden.
Und ganz oben auf dem Hügelrücken werden sie zu Bäumen, die fast Manneshöhe erreichen.
Diese Bäume nennen die Heidebauern „Wald!“
Es ist wilder Wald: keine Steige außer denen, die das Wild tritt, finden sich hier. Hier wachsen Zitterespen zwischen Ebereschen. Und Adlerfarne zwischen den Zitterespen. Das Geisblatt duftet. Hier ist Lauberde und Waldboden und Maiblümchen und Schatten hier auf der Heide! Im Frühling kommen hier Anemonen und im Herbst Pilze, und die Eichen tragen kleine, verkrüppelte Eicheln.
Ein Stelldichein für Tiere und Vögel ist dies Gestrüpp — ein Sammelplatz für die Insekten! Sie feiern die Ankunft jedes Warmblütlers und wimmeln ihm tanzend entgegen, wie Wilde bei der Landung eines vornehmen Europäers.
In diesem Gestrüpp schlägt Strix manch einen leckern Raub!
Es ist ein holdseliger Morgen!
Der Kuckuck ruft über die Heide hin, und im Eichengestrüppzwischen blühendem Ginster und dichtbelaubten Ebereschen sitzt der kleine Bluthänfling mit der ziegelroten Brust und singt.
Strix hat sich am Rande des Gestrüpps auf einen alten Grenzwall zwischen einer Gruppe steifer Adlerfarnen und dem rötlichen, zarten Laub der Eichenschößlinge versteckt.
Es gluckert und ruft drinnen im Heidekraut ...
Jetzt schwingt sich eine Lerche mit kraftvollem Morgengezwitscher aus den taufeuchten, dicht benadelten Heidekrautbüschen empor, ruhig und selbstverständlich steigt sie dem Blau entgegen. Strix blinzelt mit dem einen Auge nach der Richtung hin — ja, da gewahrt sie den Ton! Eine Schwalbe bestreicht den Grenzwall längsschiffs und fängt Fliegen gerade über ihrem Kopf wie ein Fischdampfer Heringe im Schleppnetz; sie hört ihre Flügel schwirren. Es wimmelt in den Kräutern um sie herum; allerlei Gewürm eilt Stengel auf Stengel ab, es krabbelt, mißt, klettert und spinnt sich vorwärts.
Da sieht sie auf einmal durch den Ausguck der Laubhütte einen graubraunen Vogel mit gestrecktem Hals undhocherhobenemKopf aus dem Heidekraut herausschreiten. Ein Schwarm von behenden, braunschwarzen Geschöpfen, nicht größer als welke Blätter, brodelt wie ein Ameisenhaufen rings um sie herum. Es ist ein Rebhuhn mit seinen Küchlein.
Das Huhn hüpft in die Höhe und wirft den Kleinen Grashalme hinab, es überholt eine Libelle, die über einen Sandfleck dahinschießt, und zerhackt sie in feine, feine Stücke, und nun wühlt es einen von den Haufen der weißen Ameisen auf ...
Hinter dem Eichenlaub und den Adlerfarnen schießt etwas wie ein großer brauner Pilz auf.
Da verstummt der Hänfling plötzlich in seinem Gesange, die Schwalbe, die dahergestrichen kommt, fängt an zu zwitschern und zu schreien, das Rebhuhn, dem der Wink gegolten hat, stößt ein warnendes Glucksen aus — und alle Blätter bekommen Beine zum Laufen.
Strix verläßt ihr Versteck! Es raschelt in den Adlerfarnen und kracht in den Brombeerranken. Aber sie hat sich zu gut versteckt —: ehe sie sich freimachen konnte, hat die kleine glückliche Familie sich gerettet!
Ein leises Geräusch in einem Moosbüschel dicht neben der Stelle, wo Strix sich niedergelassen hat, macht sie indessen glauben, daß dort vielleicht ein kleines Rebhuhn unter dem Moos versteckt sitzt — und mit einem kräftigen Hieb schließt sie ihren Fang um den Büschel.
Was sie faßt, fühlt sich wie ein Stock an; er rollt unter ihr, — und im nächsten Augenblick erhebt eine große, braune Kreuzotter ihren schuppenrasselnden Leib vor ihr in die Höhe.
Auch sie ist auf Rebhuhnjagd aus!
Die Schlange wohnt hier im Heidegestrüpp längs des alten Grenzwalls und pflegt eine gewisse Jahreseinnahme von ihren Hühnern zu haben.
Vor drei, vier Tagen hat sie eine große Beute gemacht. Da war sie über die Küchlein hergefallen, die noch so klein waren, daß sie keine Kraft in den Ständern hatten. Schon hatte sie zwei umgebracht, sie lagen zerkaut und mit Schleim übergeifert da, aber es war ihr nicht möglich gewesen Ruhe zu finden, um sie zu verschlingen. Wenn sie gerade dabei war, fuhren die rasenden Eltern auf sie ein; der Hahn krähte laut und das Huhn schlug sie mit den Flügeln in die Augen undkratzte sie mit seinen scharfen Krallen. Unablässig hatte sie zischen und mit der Zunge spielen und ausweichen müssen, wie vor Feuer und Rauch.
Endlich war es ihr gelungen, des dritten Küchleins habhaft zu werden; das Kleine lag da und spattelte in den letzten Zügen. Da packte sie es und sauste damit von dannen; sie trug es im Maul hoch erhoben über dem Heidekraut — und ging dann mit ihm in ihre Erdhöhle hinunter. Hier hatte sie es sich in Ruhe und Frieden einverleibt.
Aber das Malheur mit den beiden andern kitzelte ihr noch immer den Gaumen. Hätte sie bekommen, was ihr zukam, die drei Jungen statt des einen, so hätte sie ruhig faulenzen und sich an Nachttau und Tagessonne gütlich tun können. Nun fühlte sie sich nach ein paar Tagen wieder so schlank im Leibe — sie mußte hinaus, sie mußte etwas zu fressen haben!
Im Laufe der Nacht war sie in einem Dutzend Mäuselöchern bis auf den Grund gewesen. Aber nirgends traf sie jemand zu Hause. Dann hatte sie sich am Rande des Eichengestrüpps versteckt, wo sie in ihrem rechtmäßigen Revier lag und lauerte, als sie auf einmal urplötzlich in ihrer Jagd gestört wurde.
Die Schlange ist ein großes, rotbraunes Weibchen mit einem schwarzen Blitzstrahl am Rücken entlang. Sie mißt fast eines Armes Länge und ist stellenweise so beleibt, daß sie beinahe die Dicke eines Handgelenks hat. Als sie sich von dem Griff ihres brutalen Gegners befreit hat, rollt sie sich in einer Spirale zusammen, den flach gedrückten, eigentümlich herzförmigen Kopf klar zum Angriff über dem Gipfel der bebenden Körperringe erhoben.
Sie ist ergrimmt und erregt! Ihre kleinen verräterischen Augen blitzen und funkeln vor List und Bosheit. Ihr breiter Rücken und die Bauchmuskeln arbeiten krampfhaft und wringen und krümmen sich nach der unsanften Behandlung in Strix’ Fängen. Ihr kurzer, rundlicher Schwanz, der gewöhnlich steif wie ein Stock unter ihr zu liegen pflegt, fährt ununterbrochen wie ein tickender Pendel über den Sand hin und her.
Strix erwacht im Handumdrehen aus dem Fangerausch; steif wie ein kalkuttischer Hahn in Ekstase, die Lichter in den Augen der Schlange, dreht sie sich nach ihr hin. Wie von einer plötzlichen Eingebung getrieben, rollt sich die Kreuzotter aus ihrer zusammengewickelten Stellung, um bis an den Ständer der Eule zu gelangen und sich darum herum zu winden; Strix aber befreit sich mit einem Satz rechtzeitig aus den Schlingen. Da wechselt die Schlange die Taktik und richtet sich auf. Mit spielender Zunge und grausam starrenden Augen hängt sie vor Strix,sie siedet wie ein Teekessel und baumelt in der Luft wie ein großes umgekehrtes Fragezeichen.
Strix bläst sich zu doppelter Größe auf; sie sträubt ihre Federn wie ein Stachelschwein seine Stacheln, dann macht sie einen blitzschnellen Ausfall und schlägt mit einem ihrer Flügel nach dem Heidewurm.
Die Schlange stürzt sich auf den Flügel und bohrt ihre stark gekrümmten, nadelspitzen Giftzähne durch die weichen Federn, sie preßt die Zähne bis auf den Grund und läßt in bester Absicht mit ruhig geschlossenen Augen das Gift strömen.
Zum Glück für Strix ist es nur eine der hohlen Posen der Schwanzfedern, die die Schlange füllt — und sie schüttelt sie schnell ab.
Da richtet sich der Heidewurm nochmals auf — und diesmal bis zu zwei Dritteln seiner Länge; er schiebt sich lotrecht in die Höhe und so hoch, wie er nur kommen kann, nur sein kurzer, rundlicher Schwanzstummel ruht vom Afterloch bis zur Spitze als tragendes Fundament auf dem Erdboden. Sein schleimgefüllter, eiterspeiender Rachen ist auf Strix’ Kopf gerichtet, er kocht stark und rasselt mit seinen schuppenförmigen Bauchhäuten, während er schwarze Doppelblitze aus seiner drahtdünnen, tiefgespaltenen Zunge entsendet.
Strix ihrerseits ist auch nicht müßig! Ihre hornartigen Nasenlöcher beben und gellen wie von der Luft aufgeweitete Trompetentrichter, und sie träufeln reichlich während ihres Fauchens und Zischens. Sie wiegt sich elastisch auf den federbehosten Ständern, bereit zu Parade und Ausfall.
Da hat sie plötzlich ein Gefühl, als schlage ein eiskalter Schneeklumpen gegen eins ihrer Augen! Die Schlange ist ihrbeiihrem Ausfall dicht auf den Leib gerückt, ehe Strix sich mit dem Schild ihrer Flügel hat decken können — und nun sticht sie sie gerade unter das Auge in die feinbedaunte, empfindliche Haut des Augenlides. Da sie aber schon einmal, nur vor Sekunden, sich zur Genüge entladen hat, vermag sie — zum Glück für Strix — den Stich nicht mit ihrem Gift nachzufüllen.
Strix empfindet nur einen beißenden, brennenden Schmerz — und bis zur Raserei gereizt, langt sie mit ihrem Fang aus. Und diesmal hat sie die Kralle voll; sie packt die Schlange an ihrer schwächsten Stelle, greift sie um den Halsstengel gerade hinten in den Nacken — und sie breitet die Flügel aus und hebt sich mit ihr in die Luft empor. Gleich einem langenEnde Tau schleppt die Kreuzotter ein Stück am Erdboden hinter ihr drein ...
Vergebens sucht die Schlange sich mit dem Schwanz festzuhaken; die Fahrt ist schon zu schnell, als daß es glücken könnte. Da, als sie merkt, daß der Erdboden unter ihr schwindet, zieht sie schnell ihren geschmeidigen Körper in die Höhe — und nun schlingt sie sich um den Leib ihres fliegenden Widersachers. Die Schlange hat Kräfte — und schwer ist sie! Doch Strix ist gewohnt, mit größeren Lasten umzuspringen. Sie hat ja früher ein junges Zicklein weggeschleppt, und sie hat sich nicht gescheut, mit einem Rehkitz anzubinden, fast täglich kämpft sie mit Birkhühnern und Hasen, die tüchtig um sich beißen und kratzen können; mit der Schlange wird sie schon fertig werden — wenigstens vorläufig noch!
Es ist Strix’ Absicht, sie plötzlich loszulassen, so daß sie herabfällt; von dieser Taktik hat sie die wunderbarsten Erfolge erlebt! So wie die Krähe, die sich der widerspenstigen Muschel gegenüber, die sich nicht bereitwillig öffnen will, zu helfen weiß, indem sie sie in den Schnabel nimmt und über einen großen Stein mit ihr aufsteigt, um sie darauf plötzlich herabfallen zu lassen — so kennt auch StrixihrGesetz der Schwerkraft.
Aber das abscheuliche Gewürm scheint Strix nicht loslassen zu wollen! Immer dichter windet es sich um ihren Leib; sie fühlt seinen naßkalten, geschmeidigen Schwanz sich unablässig unter ihre Daunen hineinbohren und mit seiner stumpfen Spitze überall prickeln.
Mit einem Trotz und Eigensinn, der der großen Bubo eigen ist, hält sie beständig den Hals der Kreuzotter in ihremSchraubenstock fest. Die Schlange windet den Nacken nach allen Richtungen und versucht bald mit heftigem Rucken, bald mit List und Vorsicht den Kopf so weit zu befreien, daß er seine Hauzähne wieder gebrauchen kann. Ihre großen Giftbehälter haben jetzt wieder das Bedürfnis, entleert zu werden; der Notwehrtrieb und die Wildheit, die sie vorhin so stark zapften, haben wieder Überfluß an der tötenden Flüssigkeit geschaffen.
Schon mehrmals ist es der Schlange gelungen, den einen ihrer spitzen, kegelförmigen Giftzähne in der Richtung nach dem Fang der Eule zu winden, aber der Zahn ist abgeprallt an der harten, hornartigen Haut.
Strix wackelt in der Luft. Die Schlange windet und krümmt sich, so daß es durch Strix’ Schenkelbeine zittert; sie schwankt hierhin und dahin, wie ein havarierter Ballon, der mit der Schwere seiner schon von der Erde gefangenen Gondel kämpft.
Aber Strix ist ein alter Uhu; sie läßt sich nicht so leicht erschrecken!
Wie oft hat sie nicht mit einer widerspenstigen Beute ringen müssen. Niemand ergab sich ja gutwillig, niemand wollte aus freien Stücken in ihren roten dampfenden Rachen hinein; selbst der Maulwurf und das angstgelähmte kleine Moorschwein sind, wenn es galt, nicht bange gewesen, sie fühlen zu lassen, daß sie Zähne hatten.
Dann gelingt es ihr, auch ihren andern Fang nutzbar zu machen. Sie umklammert damit den dicken Kreuzotterleib und preßt ihn so, daß die Schlange ihren stinkenden Unrat von sich gibt und der Schlangenbauch unter ihrer Umklammerung aufschwillt.
Da läßt die Kreuzotter los.
Es ist auch höchste Zeit, denn in ihrer Todesangst hat sie sich rund um Strix’ Flügel gerollt, sie preßt den Federfächer zusammen, so daß die eine von Strix’ Tragflächen immer kleiner wird — sie hat schon lange mit den Flügeln schlagen müssen, um nicht in der Luft zu kentern.
Überwunden ist die Schlange jedoch nicht!
Im nächsten Nu fühlt Strix sie um ihre Ständer, und ihre mächtigen Fänge werden jammervoll zusammengeschnürt. Die Schlange wickelt sich rund um sie herum, bis der dicke Teil ihres Körpers in Schlingen und Krümmungen übereinander liegt, wie die Windungen in einer aufgeschossenen Trosse.
Auf diese Weise hat Strix noch nie einen Fang gemacht. Ihr ist zumute, als wenn sie in einem Anfall wahnsinnigen Hungers sich hat verleiten lassen, die Fänge in einen Klumpen Harz zu schlagen, von dem sie sich nie wieder befreien kann — und sie windet und verrückt sie und bohrt in ihrer Verzweiflung ihre langen, pfriemspitzen Krallen, die kleinen Krummsäbel ihrer Fänge, bis auf den Grund in das Fleisch der Kreuzotter. Es quillt heraus und siedet um sie auf.
Da gebiert die Schlange; eines nach dem andern gehen ihr zehn lebende Junge ab!
Aber damit ist auch ihre Lebenskraft erschöpft. Ihr dicker, geschwollener Hinterkörper schwindet an Umfang. Die Windungen in der lebenden Trosse erschlaffen, sie gleiten auseinander und rollen sich ab — eine langes Tauende baumelt leblos herunter.
— — —
Strix aber behielt die Kreuzotter einen ganzen Tag und eineganze Nacht in ihren Fängen; sie saß in ihrer Höhle innerhalb des Fuchsbaus und schlief damit.
Dann kröpfte sie ihre Beute mit gutem Appetit!
Die bisher so eintönige Fläche der braunen Heide zaubert jetzt auf einmal die sieben Farben des Regenbogens vor Augen — und so gewaltsam ist die Blüte, daß gleichsam ein Nebel von Violett von allen Hügeln und Schluchtenrändern aufsteigt. Die Heidebeere wird schwarz, die Preiselbeere wird einmacherot und die Blaubeere tiefblau wie ein Nachthimmel. Auf den kahlen Stellen im Renntiermoos streckt der Bärlapp seine weißlich-gelben Staubfäden in die Höhe, und rings umher an den Ufern des seichten Moors wimmelt es rostrot von rundblätterigem Sonnentau; zu tausenden wimmelt er hier empor, der kleine Insektenfresser — und jede Pflanze klemmt eine schwarze, zusammengedrückte kleine Fliegenleiche in ihrem kleberigen Schoß.
Strix ist aus dem Fuchsbau in das alte Eichengestrüpp übergesiedelt; sie hat versehentlich den rechtmäßigen Inhaber des Baues aufgefressen.
Eines Nachts saß sie auf dem Hünengrabe ... der Donner rollte über die Heide, und die Blitze knatterten; es war so erstickend heiß, daß es ihr den Atem benahm. Das ungemütliche Wetter machte sie wie gewöhnlich reizbar, sie fühlte sich boshaft, grausam und rachgierig.
Da kehrte ihr alter, gutmütiger Wirt heim und schnupperte in aller Unschuld an den kümmerlichen Überresten eines Birkhuhns. Das war ihr Birkhuhn; sie hatte es in der Dämmerstundegeschlagen und gleich bis auf wenige Überbleibsel gekröpft. Der Anblick Reinekes dort bei ihrem Raube schaffte dem Gewitter in ihrem Innern plötzlich Luft — und ohne weiteren nachweisbaren Grund flog sie hinterrücks auf ihn los und schlug ihm ihre acht Krummesser tief zwischen die Rippen. Er riß sich los und sprang auf sie ein; sie aber überspritzte ihn mit Kalk und stieg auf ihren Flügeln in die Luft empor.
Dann war Reineke in seinen Bau geschlichen. Strix hatte ihren Birkhuhnrest verzehrt und sich zum Schlaf in ihre Höhle gesetzt.
Plötzlich aber war er — stöhnend, hustend und röchelnd — vor ihre Eingangstür gekrochen und hatte, gleichsam reuevoll, weil er fehl gegangen, seinen zottigen Kopf vor sie hingelegt.
Sie versetzte ihm einen Schlag mit der Kralle! Er rührte sich nicht. Sie versetzte ihm noch einen. Er schlief noch ebenso fest. —
Da löste sie das weiche Fleisch von seinen stumpfen Zähnen — und kröpfte später weiter, so oft sie Appetit hatte.
Aber eines schönen Nachts fing sein Fleisch an, bitter zu schmecken, und sie konnte nun auch nicht weiter in den Bau hineinkommen. Fliegen und Aasgräber wimmelten in ihre Höhle hinein, und diese ungeladenen Gäste störten sie im Schlafe — so war sie denn ausgezogen.
Tief drinnen im Eichengestrüpp, wo selbst der wilde Westwind nicht imstande ist, hineinzugelangen, wo das Wiesel sein Nest in Gemeinschaft mit Bussard und Turmfalk hat, da wohnt sie. Die kleinen Eichenkrüppel, die die Laubhütte bilden, in der sie sitzt, sind mit Flechten und schwarzgrünem Moos dicht bepelzt.
Oft am Tage, wenn sie erwacht und zwischen dem Flitter des Laubes zum Himmel hinauflugt, der so blau aussieht, geschieht es wohl, daß das Guckloch sich auf einmal verdunkelt, eine Wolke gleitet davor, eine lebende, flimmernde Wolke aus Grau und Blau und Weiß und Flügeln. Bald ist es eine Taubenwolke, bald eine Starwolke mit überstarker, übermütiger Brut! Oder auch der lebende Schneeflug, Wildgänse in einem Keil, zieht mit Gegacker und Geschrei über ihrem Kopf hin.
Wohin geht ihr Flug? — Weit fort, gen Süden, über ferne, sich gelb färbende Wälder.
Da sträubt sie die Federbüsche; sie kann den Lärm der Vogelschar hören, schon lange, bevor sie da sind. Es klingt wie ferner, rollender Donner.
Der Herbst ist im Anmarsch.
Bald wird das Korn von den Feldern eingefahren, und auf den einsamen Heidehöfen heimst die Hungerharke die Überreste ein. Tausende von Feldmäusen, die im Überfluß geschwelgt haben, merken, daß sie arm und ärmer werden. Früher brauchten sie nur an den Halmen hinaufzurennen und die Ähre hinabzubiegen, dann wurde sie mit den Zähnen abgeschnitten und heimgetragen — hinunter in das Mauseloch. Jetzt muß man mühselig nach einer Ähre suchen, lange Wege laufen — und findet man sie, so ist man glücklich, wenn sie nur nicht verschimmelt ist oder nicht schon längst gekeimt hat.
Aber es soll noch schlimmer werden! Die Rolle, die eine Ähre früher gespielt hat, wird bald von einem Korn übernommen.
Die Mäuse huschen zwischen den Stoppeln umher ... siehaben ihre Gänge und Schlupfwinkel über das ganze Feld; es ist gleichsam von ihren Tunneln untergraben. Und ein Loch liegt neben dem andern, schräge geht es hinab und bestimmt guckt es aus der Erde hervor mit einem Kissen aus herausgetragenen Erdklümpchen am Ende ... die Mäuse suchen unablässig nach Körnern. Aber sie sind noch nicht sparsamer geworden, nein, dazu müssen sie mehr Mißgeschick, größeres Unglück erleiden — dann kommt der Schälpflug und wendet das Tischtuch um, so daß die Brocken und sie selbst darunter geraten.
Und nun beginnt die Not — und damit die große, alljährliche Auswanderung. Bei Tag wie bei Nacht, hauptsächlich aber bei Nacht, zieht ein Strom von kleinen Nagetieren aus den Feldern auf die Heide hinüber. Ein einzelner fester Stamm, der ein ordentliches Mauseloch hat, in das kein Regen hineinläuft, und hinreichenden Vorrat, von dem er zehren kann, bleibt an Gräben und Hecken zurück, die übrigen aber wandern und wandern ...
In solchen Tagen bekommt das alte Eichengestrüpp „Eulenbrot“.
Strix nimmt Gottes Gaben in Empfang, lange ehe sie zu ihr hereinkommen. Im Halblicht der Dämmerung fliegt sie weit hinaus auf die Heide und setzt sich, als Granitstein oder Heidehügel vermummt, dort hin und läßt die wandernden Mäuse ganz dicht an sich herankommen. Dann lähmt sie sie, wie sie tausende vor ihnen gelähmt hat — und nun kann sie nur zulangen und in sich hineinstopfen.
— — —
Jetzt ist die Luft rauh und naßkalt und eisige Regenschauergehen nieder — der Schoß der Heide wird blumenleer, wildleer und unfruchtbar. Die Laubhütte wird zu Feuchtigkeit und das Eichengestrüpp bildet ein Bauer aus Zweigen um sie her.
Sie zieht in einen verfallenen Torfschuppen draußen in einem großen Moor und lebt hier eine Weile herrlich und in Freuden von hereinwimmelnden Ratten. Von allen Seiten wittern sie diese einzige warme Behausung mit ihrer Streu und ihrem Dünger.
Ratten sind ein Leckerbissen für Strix! Und doch — recht lange, das fühlt sie, hält sie die Heide nicht aus: wenn sie in den bebenden Heidekrautbüscheln den schwachen Ton eines mächtigen Brausens spürt, steigt das Bild des Waldes in ihrem Innern auf.
Der Wald ist ihr Bereich! Der Wald ist warm und traulich in jedem Wetter ... bei Sonne und Windstille wie bei Sturm und Regen. Selbst die Oktoberstürme verschwinden ja im Walde, und wenn die kalten Regenschauer des Novembers kommen, nimmt er ihnen das Übermütige, so daß man das Plätschern nur weich und sanft empfindet.
Und der Wald fährt fort, sie zu locken, sie zu betören, in ihren Träumen zu spuken.
Ho—o, heult sie, ho—o! Der Wald in Sturm und Nässe, wenn man doch geborgen in seinem hohlen Stamm säße ... ja, dabei bleibt sie: Regenwetter im Walde mit den plaudernden Tropfen ist das Unterhaltendste, was sie sich denken kann!
Und dann eines Nachts macht sie sich auf, mit langem, hastigem Flügelschlagen streicht sie dahin, quer zum Winde.Sie hat es im Gefühl, welchen Weg sie einschlagen soll. Ein Gestank von Schornsteinrauch, ein Strahlen von Licht aus den Steinhöhlen der Menschen stößt sie ab, immer weiter, weiter — in entgegengesetzter Richtung von ihrem früheren Heim und den jetzt so fernen Hochwäldern am innersten Ende der Förde.
Wochenlang streift sie umher, duldet Hunger und leidet unter bösem Wetter, bis plötzlich eines Morgens ein Duft von sonnengesättigter Baumrinde und säuerlichem Waldboden sie an der Nase hinter sich dreinzieht.
Welche Wonne, als sie durch gelb gewordene Kronen jagt und die Moderluft des Laubfalls in ihren Nasenlöchern spürt — es ist, als wenn ein verspäteter, ausharrender Sommerfrischler an einem trübseligen und regenkalten Herbstabend wieder eingefangen wird von dem Lärm seiner geliebten Großstadt.
Es ist spät am Nachmittage.
Das fahle Licht des Wintertages wird noch fahler, die Dämmerung quillt förmlich aus den Wolken herab. Die Luft ist scharf, und der Ostwind, der seit Tagesgrauen geheult hat, nimmt mehr und mehr zu.
Strix sitzt in ihrer warmen Holzhütte tief unten in dem Bauch einer alten Esche ...
Der Wald, den sie vorgefunden hat, liegt tief zwischen Hügeln, und ist der letzte, von den einstmals so zahlreichen Wäldern in dem großen Fördendistrikt. Eine öde Gegend zieht sich zwischen ihm und der Heide hin — und auf der entgegengesetzten Seite, nur eine Meile entfernt, braust das Meer.
Strix schläft am Tage und träumt und sitzt unbeweglich, als sei sie ein großes unverzehrtes Stück von dem Mark des Baumes. Aber selbst im Schlaf hört sie und hat zuverlässige Empfindungen.
Den ganzen Tag hat die Kronenwölbung gebrummt. Ein surrender, orgeltiefer Laut ist von ihr ausgegangen. Es hat so hohl, so dumpf getönt ... das ist der Gesang des Schneegesauses.
Bald ein Menschenalter hat Strix nun gelebt und den Wechsel der Jahreszeiten verfolgt; sie kennt dies Sausen nur zu gut. Es wächst, wird stärker und stärker — und wie es zunimmt,während der Abend zur Rüste geht, werden alle andern Laute gedämpft; ihre Klangfarbe wird ihnen genommen. Selbst die nächsten werden gleichsam von weitem weggezogen und klingen schließlich ganz fern. Das Bum-Bum der großen Wassermühle, das Knurren dieses wunderlichen, von Menschen geliebten Raubtieres, das sie zu hören gewohnt ist, wenn ein Ostwind weht, wird schwächer und schwächer; sie merkt auch kein Fallen von Zweigen mehr, und das Heulen und Knarren der Bäume ist ohne tönenden Schallboden; jegliches Geräusch und Getöse wird gleichsam von Federn aufgefangen.
Der Schneesturm stiefelt über Wald und Heide, über Wiese und Moor hin, verkittet und löscht aus — nur die rinnenden Gewässer liegen wie vorher da, grauschwarz und offen. Über die blanken Eisgürtel auf den stillen Mooren, die sich wie ein Keil in den Wald hineintreiben, gleitet das Gestöber in breiter Schlachtordnung dahin, bis es plötzlich aufgewirbelt und in eine Schneeschlange verwandelt wird, die auf dem Schwanz steht.
Es dunkelt in der Baumtiefe um Strix herum. Ihre lichtstarken Augen können das Spinnengewebe nicht mehr sehen, das von dem Schlackerwetter fortwährend auf und nieder geschaukelt wird. Immer weniger scharf hebt sich der Eingang da oben zu ihrem Hause ab ... die Nacht, die sie so sehr liebt, naht.
Besonnen erklimmt sie die Treppe und sitzt in der Tür und heult: die Erde hat ja die Farbe gewechselt, wie die Bäume die Rinde, die Natur ist verwandelt, ihr alter Bekannter aus dem Wunderland gen Norden, der Winter — das Weißwetter — ist gekommen!Mit einem Satz fliegt sie hinaus und hinab in den Schnee, sie badet sich darin, sie tummelt sich darin wie eine Ente im Wasser!
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Der Schneesturm aber nimmt zu.
Sprung auf Sprung wirft sich das Gestöber gegen den Wald. Es wirbelt vom Waldessaum her, es stiebt aus den Wipfeln herab, es ist, als falle der Himmel in weißen kleinen Stückchen nieder, ununterbrochen ... ein Wolfswetter, das drei Tage und drei Nächte anhält!
In einem solchen Wetter werden alle Raubtiere reizbar; es wird ihnen schwer, Beute zu finden, und sie haben kein Glück beim Fang. Alle Grasfresser suchen ihr Versteck auf; die zanksüchtigen unter ihnen werden friedlich und die streitbaren fügsam, sie erkennen ihre gemeinsame Ohnmacht und halten sich notgedrungen in Ruhe. Den Raubtieren ergeht es umgekehrt. Das Wetter peitscht sie auf, sie empfinden den Hunger doppelt, die Mordlust wird angespornt, und sie spüren einen eigenartig brennenden Durst nach Blut.
Es ist mitten in der Nacht nach dem dritten Tage.
Der Schneesturm hat sich gelegt, und der Wald liegt reifüberpudert und mit großen Schneeklecksen da. Abenteuerlich sieht er aus — großartig phantastisch erscheint er in der Dunkelheit.
Alle Blattknospen in den Windeln, alle Anemonen in der schwarzen Fruchterde, die Puppen, die zu Schmetterlingen werden, die Larven, aus denen sich einstmals beschwingte Insekten entwickeln sollen, sehen ihn — ohne ihn zu sehen — im Traume!
Ja, es ist, als wenn die Erde, auf der der Wald steht, selbst träumt — und der Wald in seinem phantastisch weißen Wetterkleide ist der wundervolle Mitwintertraum der Erde!
Der Vollmond, der rot und groß und flachgedrückt aus dem schneebewölkten Horizont weit hinten zwischen den Hügeln aufgestiegen ist, ward schon längst klein, weißschimmernd und rund. Ein kalter und beißender Atem weht zwischen den Stämmen herein; Strix, die schon stundenlang auf ihren Fangstellen gelauert hat, fühlt den eiskalten Hauch bis auf ihren Körper; mit großen Frosttropfen im Brustbart sitzt sie da.
Dreimal hat sie vergebens im Schnee nach einem Hasen geschlagen. Der Hase hat sie genarrt und sich in eine Dickung gerettet. Dann hat sie es mit einem Wiesel versucht, das am Graben entlang schnürte; aber das Wiesel ist ihr zwischen den Fängen entwischt, ist bis auf den Grund gesunken und ist von da aus durch einen seiner vielen Tunnel unter dem Schnee geschlüpft. Schließlich hat sie sich sogar herabgelassen, auf ein Moorschwein niederzuschlagen — jedoch alles ist vergeblich gewesen.
Sie hat Hunger, einen wahren Wolfshunger, Gekröse wie Magen sind gleich leer, und sie spürt schon die schrecklichen Halluzinationen des Hungers.
Da ist kein Tier zu groß ... wenn sie es sich rühren sieht schlägt sie blindlings drauf los, nur um Beute zu machen!
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Auf der Leeseite des Waldes, wo der eisige Atem fast niemals hingelangt, sitzt auf einem Ast ein reisemüder Adler.
Er hat sich den ganzen Tag durch den Äther gewiegt, hat eine Landschaft nach der andern unter sich wechseln sehen;zuerst vom Meer zu Land, dann von großen steinigen Flecken, wo gleichsam Berg an Berg lag — Städte der Menschen — zu offenen, weitgedehnten Feldern, aus deren schneebedecktem Erdreich nur ein vereinzelter viereckiger Steinhaufen aufragte.
Schließlich war er wieder übers Meer gekommen und hatte schwarze, schwankende Waldessäume erblickt, Zweig hinter Zweig und Baum hinter Baum tauchte am Horizont auf. Er hatte sich beeilt, dahin zu kommen ... dort lag ja Wald, sein lieber Wald!
Im roten Schein des Sonnenuntergangs hatte er sich über den Wipfeln hingearbeitet, war in großen Bogen rund herum gesegelt und hatte sich tiefer und tiefer nach der ruhewinkenden Stätte hinabgesenkt.
Und dann war das Tageslicht entschwunden, die Dämmerung verdichtete sich zwischen den Stämmen und sprang gleichsam aus Rinde und Zweig heraus, sie wimmelte aus den Wipfelzweigen hervor und wirbelte empor wie Wolken von Mücken, den dunklen Fleck der Waldmasse verdoppelnd — die lag da wie ein großes Floß mit Baumstämmen beladen und schwamm auf dem Schnee.
Da strich der Adler durch die Wipfel hinab und nahm schwerfällig einen Ast in Besitz. Er umfaßte ihn gierig, faltete die Flügel zusammen und legte sie hübsch zurecht an dem Körper. Wie gut es tat zu sitzen!
Er sah sich um; er vergewisserte sich, indem er lange den Kopf drehte. Aber alles, was er sah, und alles, was er erlauschte, gehörte zu dem Walde, zu dem lieben alten Bekannten! Dann bewegte er sich seitlich, den Zweig entlang, bis er dicht an den Stamm kam, er schüttelte sich wie ein Pferd nachlangem Ritt, wetzte die Krallen an dem Zweig, putzte die Federn und gähnte müde.
Noch ein paar Bewegungen nach der Seite, um eine Rundung an dem Zweig zu finden, die für seine Fänge paßte, damit er in der Nacht keinen Sitzkrampf darin bekam, dann gähnte er noch einmal, wohl zufrieden — jetzt endlichsaßer — jetzt endlich saß er gut!
Es ist die Gewohnheit des Adlers, ruhig zu schlafen; es ist, als seien diese Vögel mit der Überzeugung geboren, daß sie nichts zu fürchten brauchen. Sie verschlafen Unwetter, Sturmgebrause, Fußtritte und Schüsse.
Der reisemüde Adler schläft und schläft ...
Sein schweres, langgezogenes Schnarchen, das regelmäßig steigt und fällt, wie das eines Menschen, kommt und geht durch den Wald — ein wunderliches, bullerndes Geräusch, das in der klaren Frostluft gleichsam verstärkt wird.
Zuweilen klingt es, als müsse der Riesenvogel von seinem eigenen Geschnarch geweckt werden, das zueinemlangen, bullernden Schnarchen anschwillt und schließlich gleichsam in einem Befreiungsruf endet. Dann hat der Adler im Schlaf den Hals lang gemacht, hat den Kopf geschüttelt — und dadurch wieder Luft in die Nasenlöcher bekommen.
Verschwenderisch liegt der Schnee auf allen Ästen und Zweigen — jedes dünne kleine Reis hat sein Teil abbekommen! Selbst an den Stämmen, die nicht kerzengrade stehen, hat er sich festgekittet; er drängt sich in Borkenrisse, hakt sich ein in dürre Reiser, und liegt als verlorener Klecks auf allen Knorren und Narben.
Oft, wenn sich das Schnarchen des Adlers plötzlich zu einemOrkan steigert, verlieren die aufgetürmten Schneemassen in den Baumkronen das Gleichgewicht; da fallen sie in langen, weißen Spritzern herab und bohren sich mit hohlem, dumpfen Plumpsen in den Bodenschnee.
Der Adler aber schläft mit einem guten Gewissen! Er bedarf der Ruhe, während er sich wieder bis an den Rand mit der mächtigen, unerklärlichen Kraft des Schlafes füllt. Nachtfarben und groß wie ein Auerhahn sitzt er da und läßt sich weder von dem Mond stören, dessen bleiche Lichtstrahlen um seine Augenlider spielen, noch von Klein-Taa, der vorüberkommt. Teils um den fußhohen Schnee zu meiden, teils aus Furcht, seinem alten, halbsteifen Erzeuger wieder zu begegnen, durchjagt Klein-Taa den Wald oben in den Baumkronen.
Plötzlich wird der Adler durch einen Stoß von seinem Ast heruntergetrieben; er hat das Gefühl, als wenn er durch eine drohende Gefahr jäh geweckt wird und sich gleich in die Luft hinausstürzen muß. Ein paar feste Griffe klemmen sich ihm in die Seite, bohren sich in sein Fleisch; er will schlagen, aber eine scharfe Klammer schraubt sich ihm um den Nacken, so daß er, ohne es zu wissen, den Hals ausstrecken muß.
Während dessen flattert er auf einem Flimmern von Flügeln durch die Luft. Schneeklumpen und kleine Lawinen stürzen um ihn herab, bis er in dem fußhohen Schnee am Erdboden endet. Sein Hals und sein Nacken sind schoneinblutiges Fleisch und die Klammer um den Hinterkopf schraubt sich immer dichter zusammen. Der Vogel der Nacht, der Dämon der Finsternis, kämpft mit dem Sohn der Sonne, mit dem König aller Tagvögel — und auf Dämonenart hat der Angreifer seine Stärke in dem Ungewöhnlichen und scheinbar Übernatürlichen.
Da schüttelt sich der Adler; Strix hängt über seinem Rücken wie eine sturmgepeitschte Riesenklette und muß sich ununterbrochen ihrer Flügelarme und Schlagfedern bedienen.
Der Adler kommt auf den Einfall, sich zu rollen, er steigt in die Höhe, wirft sich auf den Rücken, so daß Strix zu unterst kommt, schlägt dann mit den Flügeln, so daß er das Gleichgewicht wieder gewinnt und macht plötzlich einen Satz in die Luft hinauf, wie eine Elster. Aber Strix sitzt fest; sie hat schon früher alle möglichen Purzelbäume geschlagen und noch viel schlimmere, halsbrecherische Schwenkungen mitgemacht.
Der Schnee stiebt auf unter den Flügelschlägen der beiden großen Vögel, er weicht ihnen aus und öffnet willig ihren schwer arbeitenden Körpern seinen Schlund. Da stürzt eine Lawine von dem Baum herab, unter dem sie kämpfen — und begräbt sie.
Lange Zeit sind sie weg; nur eine flackernde Spitze von ein paar Schlagfedern ist sichtbar.
Dann graben sie sich langsam aus der Tiefe heraus und steigen nach dem Untertauchen wieder auf:einVogel scheinbar, miteinemKopf undeinemHals, aber mit vier Flügeln.
Die Natur des Adlers ist wie der helle Tag; er ist mutig und offen und ohne Tücke. Der Adler will seinen Gegner sehen, will ihn vor sich haben, Brust gegen Brust.
Strix aber ist hinterlistig und grausam wie die Finsternis; sie läßt nicht los, was sie hinterrücks gefaßt hat — —
Der Adler hat Schlund und Schnabel voll Schnee bekommen ... es wird ihm schwer zu atmen, aber seine Kräfte und seine Energie sind noch gleich ungeschwächt. Er will den Teufel auf seinem Rücken in den Fängen haben — und er langtmit seinem mächtigen Raubvogelfuß — er hat die Spannweite einer ausgewachsenen Männerhand — nach dem Eulenleib hinauf. Aber die Fänge wühlen in einem Berg von Daunen herum und es gelingt ihnen nicht, etwas anderes als die Haut zu fassen.
Zähe und ebenbürtig, unter lautlosen Kraftgriffen, kollern sich die beiden großen Gesellen im Schnee herum; nur das Blasen ihrer Nasen und das stöhnende, heftige Ringen nach Luft hört man.
Da glückt es dem Adler, während einer jähen Bewegung, seinen langen, spitzgekrümmten Schnabel in den Schenkel seines zottigen Gegners zu bohren; er reißt eine Wunde da hinein, die brennt.
Strix stößt ihr wildestes, unheimlichstes Geheul aus; als sei es eine Eingebung, löst sie ihren Griff aus der linken Seite des zitternden Adlerleibes, führt den freien Fang vor und schlägt beide Fänge um den Nacken des Tagraubvogels zusammen. Ihre langen, pfriemspitzen Krummfänge feiern aufs neue einenTriumpf— ohne jegliche Kraftanstrengung, als glitten sie durch Butter, versinken sie bis auf den Grund in dem Kopf des Gegners.
Der Adler dreht sich herum wie ein mächtiger Mistkäfer ... er weiß nicht mehr, daß er lebt. Aber es währt lange, bis seine Flügel, seine Fänge, seine Unmengen von Muskeln still werden. Strix ist zu hungrig, um darauf zu warten; so bald es möglich ist, beginnt sie unbekümmert ihre wohlverdiente Mahlzeit.
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„Ein herrlicher Auerhahn“, fand Strix. Aber es war ja auch lange her, seit sie Auerhahn bekommen hatte.
Sieben fette Jahre verlebte Strix hier im Westerwald!
Der Wald war gut genug, nicht groß, aber so recht nach ihrem Geschmack. Ein unzulängliches Wegenetz und unzureichende Bahnverbindungen hatten die Forstverwaltung davon abgehalten, den Wald schlagen zu lassen.
Die Gegend war überhaupt nur dünn bevölkert und öde.
Wie man auf einem großen, reich bestellten Gut mit einem Überfluß an schwerem Weizen und tiefgrünen Rübenfeldern plötzlich mitten in aller Üppigkeit auf einen unfruchtbaren, von Unkraut überwucherten Steinplatz stoßen kann, so lag das Land hier um den Westerwald herum. Jahrhunderte schienen daran vorbei gelaufen zu sein; er lag da, gleichsam gefeit gegen die moderne Zivilisation.
Aber das Gefeitsein war nur scheinbar. Langsam aber sicher breiteten sich die Menschen beständig aus! Sie säeten sich über die Landschaft aus wie die Blumen, die sie in ihren Gärten zogen. Strix entdeckte anfangs nur eine vereinzelte, gleichsam verirrte Blume: ein Ansiedlerhaus, frisch ziegelgedeckt, taucht aus einem Heidetal auf, wie eine große scharlachrote Mohnblüte. Dann kam „die Pflanze“ allmählich häufiger vor, sie füllte Flecken und ganze Strecken — und ihr folgten Pflug und Spaten und Entwässerungsrohre und Windmotore, während Moos und Heidekraut den Eindringlingen mehr und mehr Platz machen mußten.
Kaum zehn Jahre bevor Strix nach dem Westerwald kam, hatte man von dem Gipfel seiner Waldhügel über lauter Moore und Heidehöhen, über niedriges Gesträuch und Sümpfe hinausgeschaut; jetzt wurde das Kahle und Eintönige allgemein! Die Buschflecken und Sumpfwasserspiegel verschwanden,die schwarzen Heidehügel schrumpften ein — und Strix sah lange, weiße Wegestreifen sich wie getrockneten Schleim hinter Schnecken die Kreuz und die Quer durch die Landschaft ziehen.
Wie einstmals im dichten Wald ertönte jetzt auch hier der Ruf: hört, sie pflügen, sie graben, sie schaufeln, sie entwässern — der Wasserspiegel wird zu Morast, das Röhricht zu Gras, Inseln und Werder zu landfestem Boden, die Katze geht trocknen Fußes, wo einst der Otter schwamm ...
Regenpfeifer und Brachvögel pfiffen es klagend hinaus, Krickenten und Schnatterenten plapperten es trauernd nach, und dumpf und unheimlich trommelten rauschende Birkhähne es heraus.
Der alte, herrliche Urpelz, den die Erde anhatte — ach, nun waren die Menschen dahinein gekommen!
Es schritt rüstig weiter mit der Zivilisation ... und der Raum, den einst ein alter Fuchs, ein großer Marder oder Uhu inne hatte, um sich darauf zu bewegen, ward kleiner und kleiner.
Und dann eines Tages, als ein armer Edelhirsch, gejagt und verfolgt, sich vor seinen Nachstellern in ein letztes Überbleibsel von Dickung im Westerwald zu retten suchte, stand dort weit hinten auf einem großen Platz, wo die schönste Zierblüte der Kultur, das Wahlvereinsbanner sich entfaltet hatte, ein Reichstagsabgeordneter und befürwortete den Bau einer Lokalbahn.
Da hatte aber Strix den Westerwald schon längst verlassen.