Nach wenigen Jahren wurde er nun selbstLandgrafim Thüringer-Lande. Darüber aber war niemand glücklicher, als Elisabeth. Denn nun konnte sieGutes[III-8]tun[III-9], soviel sie wollte, und niemand konnte sie mehr hindern.Häufiger, als früher, ging sie nun zu den Unglücklichen, und wenn sie dieHüttenverlassen hatte, war es den Armen, als wäre ihnen ein Engel erschienen, so reich waren ihre Gaben, so beglückend ihre Worte und so freundlich war ihr Auge; und überall im Lande sprach man von derLandgräfinElisabeth und überall hatte sie Freunde.Aber da waren auch einige, die böses von ihr sprachen zu ihrem Gemahl, demLandgrafen. — Es war Hungers-Not im Lande, und das Brot war wenig und teuer; und sie sagten, es wäre wahrlich nicht recht, daß dieLandgräfinso oft zu den Armen gehe und so reichlich Brotverschenke.DerLandgrafaber wollte nicht hören auf ihre Worte und sagte nichts zu seiner Gemahlin.Aber einmal war er aus der Wartburg geritten; undda er wieder auf dem Wege heimwärts war, sah er aus demWald-Pfadedie Landgräfin kommen, welcher eine Dienerin folgte. — Und derLandgrafdachte: Unter dem weiten Mantel trägt sie wieder Brot für die Armen, und wir selbst haben doch so wenig in dieser teuern Zeit, — und er rief ihr zu: Laß doch sehen, was du unter dem Mantelträgst! — O, rief sie, stotternd vor Angst, — o — es sind — Rosen!In dieser Jahres-Zeit Rosen, Elisabeth? — Unmöglich! — Komm', laß doch sehen! — Und da sie zitternd ihren Mantel zurückschlug, war sie selbst erstaunt, denn wahrlich — es waren Rosen.Und derLandgrafund Elisabeth lebten manche Jahre glücklich zusammen und hatten schöne und gute Kinder. Da kam er eines Tages ernst nach Hause und sprach: Elisabeth, ich habe einst gelobt nach dem Grabe desHeilandszuwallfahrenmit meinenMannen, und nun ist die Zeit gekommen, daß ich mein Wort erfülle.Mußt du, sprach sie mitwehmütigemHerzen, so gehe. Aber da sie allein war, mußte sie bitterlich weinen; und da der Tag des Abschiedes kam, konnte sie nicht von ihm lassen; und viele Meilen wanderte sie mit ihm, auf seinen Arm gestützt.Da endlich sprach er zu ihr: Nun, mein teures, liebes Weib, gehe zurück zur Burg.So schwer war es ihr noch niemals geworden, zu tun, was ihr Gemahl ihr gebot und ihrWehwar so tief, daß die härtesten Ritter mit ihr weinten.Sie kam zur Burg zurück. Es war ein harter Tag für sie. — Aber ein Tag folgte, der noch härter war; das war der Tag, da man ihr die traurige Botschaft brachte, daß ihr Gemahl im Kampfe gefallen war.Da war das Licht der Sonne ihr nicht mehr golden; und der zarten Blümchen Schönheit sah sie nicht mehr und hörte nicht mehr auf den lieblichen Sang der Vögel, und die Landschaft und die ganze Welt schien ihr schwarz. Da war keine Freude mehr für sie auf dieser Erde.Und der Bruder ihres Gemahls kam auf die Burg und machte sich zum Herrn des Landes undvertriebdie Witwe seines Bruders.Es war finstere Mitternacht, da er siehinausstießvor das Burg-Thor. Der Regen fiel in Strömen; aus schwarzen Wolken zuckte der Blitz; der Donner rollte fürchterlich durch die Berge und greulich heulte der Sturm.Elisabeth ging den schmalen Pfad den Berg hinab. Auf schwachem Arme trug sie das jüngste Kind, an der linken Hand führte sie das zweite, und ihr ältestes Söhnlein mußte dieFackeltragen, um den schlüpfrigen Weg zu beleuchten.Und zuletzt kam sie an den Fuß des Berges und nach Eisenach. In der Stadt, wo sie einst Gaben gespendet, mußte sie nun selbst um milde Gaben bitten; doch niemand wollte der Unglücklichen einObdachgewähren; und still ertrug sie die Not um ihres Heilands willen,der so viel mehr gelitten hatte für die Menschheit; — und sie ertrug alles mit Geduld, bis sich der Landgraf ihrer wiedererbarmteund sie zurückrief; aber sie wollte nicht mehr zurück in die Burg.Deutschlands großer Kaiser, FriedrichII., flehte sie an, daß sie seine Gemahlin würde; — aber ihr Herz gehörte dem einen, der nicht mehr bei ihr war; ihm wollte sie treu bleiben.Eines nur hatte sie erbeten für sich: Das Gnaden-Brot bis an ihr Ende, und da gab man ihr die Stadt Marburg. Hier lebte sie im Kloster als Nonne, überallSegenverbreitend bis eines Tages ihr Wunsch erfüllt war.Ihr Geist war zu ihm hinüber gegangen in jene selige Welt.Vierundzwanzig Jahre war sie alt, da lag sie im Sarge, wie ein Engel zu schauen.Der Kaiser selbst und die Edelsten des Reiches trugen denSargzu Grabe.Wie damals, so spricht man noch heute im Thüringer-Lande von der heiligen Elisabeth.Martha Parks: Ich höre Dir so gerne zu, Martha; Du auch, Albert?Dr.Albert: Ja, Schwester, mir geht es wie Dir.Herr Meister: Es ist schade, daß Louis es nicht gehört hat. Er hat großes Interesse für solche Erzählungen.Bella: Ja, das ist auch wahr; wo ist Louis? Ist er noch nicht zurück? — Sie lächeln, Herr Doktor! —Ah — da ist ein Komplott im Werke gegen uns. — Gretchen, merke, was ich Dir sage, und der Herr Doktor weiß auch darum. Was ist es, Herr Doktor? Sagen Sie es mir, ich bitte. Sie sind immer so gut.Dr.Albert: Mein verehrtes Fräulein, ich danke Ihnen für Ihre gute Meinung, und ich versichere Sie, daß ich mich bemühen werde, mir dieselbe zu erhalten. Aber ich bitte Sie, mich für einige Momente zu entschuldigen, da ich Ihnen von Tannhäuser erzählen möchte; und wenn ich das jetzt nicht thue, dann werde ich es vergessen.Gretchen: Ist das derselbe Tannhäuser, der in Richard Wagners Oper vorkommt?Dr.Albert: Es ist derselbe. Wenn Sie auf der Wartburg stehen und hinaus sehen in die Landschaft, dann sehen Sie den Venus-Berg, als den schönsten unter allen anderen. In diesem Berge ist die Frau Venus, die schönste Frau auf Erden, und Tannhäuser, der tapfere Ritter, wohnte im schönen, weiten Palaste bei ihr. Was sein Herzbegehrte, wurde ihm erfüllt; und dennoch war er nicht glücklich, und sprach zu Frau Venus:Hohe Frau, nun laßt mich gehen! Ich will nach Rom zum Papste und ihn bitten, daß er meine vielen Sünden mir vergebe.Sie bat ihn: Bleibet hier, mein Ritter, bleibet bei mir. Hier ist es wahrlich schön, tausendmal schöner, als unter den Menschen da oben. Tannhäuser schüttelte traurig sein Haupt und sagte: Ich kann nicht, ich kannnicht, beste Frau. Und sie kniete nieder vor ihm und blickte ihn an mit ihren schönen Augen und flehte.Nein, o nein, sagte er; ich kann nicht.Sie hing sich an seinen Hals und weinte. Da riß er sich los und eilte hinaus; — und im Pilger-Kleide und mit dem Stabe in der Hand, wanderte er barfuß und barhaupt manchen Tag und kam nach Rom.An demselben Tage aber war eine große Prozession; und Tannhäuser, der Ritter, fiel auf die Kniee vor dem Papste und rief:Vergebet mir, o Vater, meine vielen Sünden!Und es sprach der Papst: Dein Blick ist scheu, mein Sohn, und deine Wangen sind so hohl, sag an: Was hast du böses getan?Und der Ritter sagte: O Vater, vergebt mir; ich wohnte im Berge bei Frau Venus.Der Papst aber sprach darauf: Wohntest du da? — Wahrlich, so wie dieserStabin meiner Hand nie blühen kann, so kann ich dir solche Sünde nicht vergeben; — du bist verdammt hier und imJenseits.Und Tannhäuser ging traurig und mit gesenktem Kopfe aus der heiligen Stadt.Am nächsten Tage aber brachte man den Stab vor den Papst. Zu seinem großen Erstaunen sah er Blüten am trocknen Holze.Eilig sandte der Papst Männer aus, den Ritter zu suchen; aber keiner konnte ihn finden, denn er war schon wieder zurück gegangen zum Berge.Da stand Frau Venus wartend. Freudig rief sie aus, ihn mit offnen Armen empfangend: Mein Ritter, mein Ritter! ich wußte, ihr kämet zurück!Martha Parks: Nun Albert, weiter!Dr.Albert: Mehr, meine kleine Martha —Bella: O, Herr Doktor; was ist das?Otto: Das ist Trompeten-Schall.Herr Meister: Gretchen, höre! Ist das nicht wirklich ein Signal der Ritter?Gretchen: Wirklich, Papa.Martha Parks: O Albert, kommt jetzt der Tannhäuser?Louis: Nein, aber sein Page.Bella: Das ist Louis! Das ist Louis im Ritter-Harnisch.Gretchen: Ich glaube, Bella, jetzt wird Dir alles klar werden.Louis: Ludwig, der Page, bittet die hohen Herrschaften, Ritter sowie Ritter-Damen, zur Tafel zu kommen. — Ritter Meister wird das Burg-Fräulein Martha Parks zu Tische führen; der Ritter Albert das Ritter-Fräulein Martha Meister; Ritter Otto das Ritter-Fräulein Bella, und der Page Ludwig selbst des edlen Ritters Meister schöne Tochter Margaretha; und folgende Speisen werden sie laben:1) Eine guteFleischbrühe.2) Reis.3) Fische, Aal und Salat.4) WilderSchweinskopfmit saurer Sauce.5) Ochsen-Fleisch, nach anglo-sächsischer Weise mit Pickeln.6)Schinkenvom jungen Schwein, in Burgunder-Wein gekocht.7)Allerlei Geflügel.8)Braten von Wildbretmit sauern Kirschen.9) Kuchen:TurmkuchenundBaumkuchen.10) Nürnberger Pfeffer- undHonigkuchenin der Form von Frauen und Rittern.11) Waffeln und Eisen-Kuchen.12) Und Wein, viel Wein.Dr.Albert: Halt, Page, blase noch nicht zum Marsche! Ich sehe, die Herrschaften stehen verwundert und neugierig.Bella: O nein, Herr Doktor; wir sind nicht neugierig, wir sind niemals neugierig. Nicht wahr, Gretchen?Gretchen: O nein, niemals!Dr.Albert: Aber Sie möchten wohl gerne wissen, was alles dieses zu bedeuten habe; nun, ich werde es Ihnen sagen. — Sie wissen ja, Louis studiert jetzt deutsche Geschichte — und bei den Rittern hat er begonnen.Otto: Und bei einem sehr praktischen Teile, glaube ich.Dr.Albert: Beim Essen und Trinken! Nun sind unsere Eltern nach dem Westen gereist, und Louis spielt den Herrn der Burg, wie er sagt.Otto: Das bedauert aber keiner mehr, als der Koch.Martha Meister: Unser armer Koch!Dr.Albert: Der ist in Verzweiflung und meint, solch' ein Mahl habe er noch niezubereitet, und er habe doch schon manchen Tag gekocht.Gretchen: Das will ich gerne glauben.Dr.Albert: Aber Louis hat seinen Willen und — sein Ritter-Mahl.Louis: Und die Herrschaften werden ein feines Mahl haben.Martha Meister: Jedenfalls ein originelles.Dr.Albert: Und nun in den Speise-Saal. Vorwärts! — Page, blase zum Marsch!Louis: Sehr wohl. —Dr.Albert: Setzen wir uns zur Tafel.Martha Meister: Aber hier ist es wirklich, wie in einem Ritter-Saale: Helme, Panzer, Schilde, Lanzen. Gehört das alles dem Ritter Louis?Bella: Du mußt nicht Ritter sagen, Martha. Louis ist noch kein Ritter; er ist noch Page.Martha Meister: In meinen Augen ist er bereits ein Ritter.Louis: Ich danke Ihnen, mein Fräulein; und ich werde für Sie kämpfen gegen Drachen und wilde Tiere und böse Feinde; und werde Ihr Lebenverteidigenmit meinem Blute.Martha Meister: Und ich werde Sie bewundern.Louis: Alles, was Sie hier sehen an Waffen, hat mein Bruder für mich in Europagesammelt. Das ist eine kostbareSammlung: Gefällt sie Ihnen, Herr Meister?Gretchen: Und wie schön diese Tafel geordnet und mit Blumengeschmücktist!Otto: Das ist Schwester Marthas Werk.Bella: Du hast auch davon gewußt, Martha; — o, Du kleineHeuchlerin!Martha Parks: Siehst Du nun, Louis, daß ich schweigen kann?Louis: O ja, das hast Du von mir gelernt, Martha.Dr.Albert: Louis, Deine Suppe wird kalt!Louis: Hm, hm; ich spreche wieder zu viel. Nicht wahr?Bella: Ich meine, Herr Doktor, es sei ganz schön, bei Tische zu sprechen. Die Franzosen wissen gewiß sehr gut, wie manspeisensoll, und sie sprechen sehr viel, wenn Sie essen.Martha Meister: Die Franzosen plaudern mir zu viel bei Tische. — Ich halte es mit den Engländern; die sind ernst bei Tafel und beginnen mit Gebet; und so machen wir es auch zu Hause. — Was denken Sie, Herr Doktor?Dr.Albert: Ich halte es mit den Deutschen. Viele von ihnen beginnen das Mahl mit Gebet und plaudern während des Essens ganz angenehm. Bruder Otto abermacht es, wie der Engländer: Er speist, er hört und bedient seine Dame.Otto: Nicht so, Albert; ich speise weder wie ein Engländer, noch wie ein Deutscher, noch wie ein Franzose; sondern wie ein wahrer Amerikaner; das heißt: Ich nehme das Beste von allen, und bin ich, wie jetzt, im Kreise guter Freunde und an der Seite einer Dame, wie Fräulein Bella, und habe ich vor mir gute Speisen und feine Weine und höre ich eine leichte und angenehmeUnterhaltung, — dann befinde ich mich recht komfortabel, recht behaglich.Herr Meister: Sie erinnern mich an den großen deutschenSchauspielerBeckmann.Fritz Beckmann war einer der besten Schauspieler in Berlin und war sehr witzig und sehr komisch. — Wegen seines guten Humors hatte er viele Freunde.Einer von ihnen war Herr Hagen. Eines Abends gab Herr Hagen eine große Gesellschaft. Bei Tische hatte Herr Beckmann seinen Sitz zwischen den beiden Töchtern des Hauses: Anna Hagen und Carolina Hagen.Herr Beckmann sprach lange Zeit kein Wort, sondern lächelte immer. Darüber wunderte man sich, und Fräulein Carolina fragte ihn: Warum so still, heute Abend, Herr Beckmann? Sind Sie nicht wohl?O nein, mein Fräulein. Mir ist sehr wohl zu Mut in der Tat. Denn zwischen A. Hagen und C. Hagen sitze ich mit B. Hagen (Behagen = Komfort).Louis: Bravo, Herr Meister, bravo!Bella: Aber, Louis, ich habe keine Gabel.Martha Parks: Ich auch nicht, der Diener hat die Gabeln vergessen.Louis: O nein, liebe Martha, das hat der Diener nicht. Aber Ritter und Ritter-Fräulein haben keine Gabeln zum Essen nötig.Bella: So? Aber womit haben sie denn das Fleisch gegessen? Nicht mit den bloßen Fingern, will ich hoffen.Louis: Nein, mein Fräulein; nicht mit den bloßen Fingern, sondern mit kleinen Hölzern, so wie diese sind, die neben Ihren Tellern liegen.Gretchen: Ja, ich habe mich im Stillen über diese Hölzchen gewundert.Martha Meister: Aber damit, Herr Louis, können wir nicht essen.Louis: Aber die Ritter-Fräulein konnten es früher. Gabeln kamen erst vor drei hundert Jahren aus Italien nach Deutschland, und erst später, im Jahre 1608, brachte Thomas Congate die ersten Gabeln nach England. — Und in einem französischen Kloster zankten sich die Mönche über die Einführung der Gabel. Die älteren Mönche hielten den Gebrauch der Gabel fürsündhaft, während die jüngern die Gabeln für erlaubt hielten.Gretchen: O, wie gelehrt Sie sind, Herr Louis!Martha Meister: Sie studieren wohl recht viel, Herr Louis?Louis: Hm, ja.Bella: Das muß ich aber auch an Anna nachCöln[III-10]schreiben.Louis: Ja, tun Sie das. So. — Jetzt sollen Sie auch moderne Gabeln haben. Johann, bring' Gabeln!Gretchen: Ich möchte Ihnen ein Rätsel geben. Wer ist der größte Tyrann?Bella: Louis?Gretchen: O nein, Bella!Martha Parks: Napoleon?Gretchen: Nein.Otto: Cäsar?Gretchen: Nein!Dr.Albert: Wallenstein?Gretchen: Nein!Herr Meister: Nero?Gretchen: Nein!Louis: Aber wer denn, Fräulein Gretchen?Gretchen: Der Magen.Martha Parks: Der Magen?Louis: Das innere Organ hier im Centrum meines Körpers?Gretchen: Ganz recht; — denn der Magenherrschtmit bitterer Strenge über alle Menschen zu Wasser und zu Lande.Dr.Albert: Und zu Wasser tyrannisiert er oft fürchterlich.Gretchen: Und er herrschte zu allen Zeiten.Louis: Das ist wahr.Gretchen: Und nimmt keine Kultur an und ist gegen Damen ebenso grausam, wie gegen Männer; und alle erkennen seineHerrschaftan.Otto: Sie haben recht, Fräulein, der Magen ist der größte Tyrann.Martha Parks: Ich will Euch auch ein Rätsel geben; soll ich?Dr.Albert: Nun, Schwesterchen, laß hören!Martha Parks: Welcher Ring ist nicht rund?Louis: Aber alle Ringe sind rund!Martha Parks: O, ich wußte, daß niemand es raten würde.Otto: Nun, Martha?Martha Parks: Der He — ring.Alle: Bravo, Martha, bravo!Louis: Das war wirklich gut, teuerstes Schwesterchen. — Johann, bring' Champagner: — Albert, kennst Du Papas Anekdote? Einmal sagte Papa im Hotel zum Kellner: Bringen Sie mir eine Flasche Wein!Oui. — Sie sprechen französisch? —Yes. — Auch englisch? — Ja.Otto: Meine Herrschaften, hier kommt der Champagner. Das erste Glas sei für den Burg-Herrn! Meine Damen und meine Herren! Louis, der Amerikaner und Deutsche, der Gesellschafter und Historiker, der Page und Burg-Herr, — Louis, der alles ist und alles kann — Louis soll leben — hoch! hoch! hoch!Dr.Albert: Komm', Louis, stoß' an. Laß' die Gläser klingen. — Ah, das gab einen guten Ton!Herr Meister: Ich stoße mit Ihnen an, Louis. Auf Ihr Wohl!Louis: Auf Ihr Wohl, Herr Meister! und Fräulein Martha, Sie haben kein Glas?Martha Meister: Ich trinke niemals Wein.Otto: Prosit, Bruder Louis!Louis: Prosit, Bruder Otto, und auf Ihr Wohl, Fräulein Bella!Bella:Wohl bekomm's, Herr Louis!Louis: Deine Gesundheit, liebes Schwesterchen!Martha Parks: Gesundheit, Bruder Louis!Louis: Fräulein Gretchen, jetzt habe ich die Runde gemacht und nun bleibe ich wieder bei Ihnen und stoße mit Ihnen noch einmal an.Gretchen: Otto will sprechen! hören Sie, Louis!Otto: Meine Herrschaften! Wir trinken Kaffee und Thee aus den Tassen und stoßen nicht an; wir trinken Wasser aus unseren Gläsern und stoßen niemals an; aber trinken wir Wein, dann stoßen wir an. — Warum tun wir das beim Wein allein? Warum?Herr Meister: Ich habe niemals darüber nachgedacht, Herr Otto.Otto: Nun wohl. Man erzählt sich:Einmal saß ein Weiser mit seinen Schülern beim Weine. — Meister, sagte einJünger, wenn wir mit dir trinken, dann sind unsere fünf Sinne angenehmbeschäftigt. An unserm ganzen Körper fühlen wir den Effekt des Weines; unsere Zunge schmeckt den Wein, unsere Nase riecht ihn und das Auge sieht ihn mitWohlgefallen; unser Ohr aber hört die hohen Worte der Weisheit, die du sprichst in der Begeisterung durch den Wein. —Und wieder einmal saßen die Jünger zusammen beim Weine; aber der Meister war nicht bei ihnen. — Da sagte derselbe Schüler: Ach, heutegenießennur vier Sinne den Wein; denn wir hören nicht die weisen Worte unseres Meisters.So laßt uns denn, rief da ein anderer Schüler, die Gläser zusammen stoßen und rufen: Heil unserm Meister! — Sie taten so; sie hörten das Klingen der Gläser; und von diesem Tage an stoßen die Menschen an, wenn sie Wein trinken, und denken des Freundes oder der Freunde.Herr Meister: Das ist eine feine Erklärung.Bella: Und eine philosophische.Dr.Albert: Jetzt will ich Ihnen noch eine Anekdote erzählen; dann ist die Tafelaufgehobenundwir begeben uns indas Musik-Zimmer.In einem Hotel in Jena saß einst ein alter Herr in einer Ecke am Tische und trank Wein. — Der Wein aber war dem Herrn zu stark, und er mischte ihn darum mit Wasser.In demselben Hotel, in einer andern Ecke, saßen drei Studenten am Tische. Auch sie tranken Wein; aber siemischten ihn nicht mit Wasser; und sie lachten über den alten Mann, der seinen Wein verdünnte.Endlich stand ein Student auf, trat vor den alten Mann und sprach: Herr, wissen Sie auch, daß Sie eine große Sündebegehen, die edle Gottes-Gabe, den Wein, mit Wasser zu verdünnen? Sprachs und setzte sich. Der alte Mann aber stand auf und sprach:Wasser allein macht stumm,Dasbeweisenim Wasser die Fische.Wein allein macht dumm,Das beweisen die Herren am Tische.Und da ich nun keines von beiden will sein,So vermische mit Wasser ich meinen Wein.Sprach's und ging hinaus. Die Studenten aber warenmäuschenstill; denn sie wußten jetzt, wer dieser alte Herr war. Es war —Goethe[III-11].Otto: Das war gut.Dr.Albert: Wenn Siebelieben, meine Damen, so gehen wir in das Musik-Zimmer. GesegneteMahlzeit!Alle: Gesegnete Mahlzeit!Martha Meister: Der Herr Doktor ist wohl so freundlich und singt uns eins von seinen Studenten-Liedern vor.Dr.Albert: Mit Vergnügen, mein Fräulein. Wollen Sie die Güte haben, mich zu begleiten.Dr.Albert (singt):Krambambuli, das ist der TitelDes Tranks,der sich bei uns bewährt;Es ist ein ganz probates Mittel,Wenn uns was Böseswiderfährt.Des Abends spät, des Morgens frühTrink ich mein Glas Krambambuli.Krambimbambambuli, Krambambuli!Bin ich imWirtshausabgestiegen,Gleich einem großen Kavalier,Dann laß' ich Brot und Braten liegenUnd greife nach demPfropfenzieh'r.Dann bläst derSchwagerTantrantiZu einem Glas Krambambuli.Krambimbambambuli, Krambambuli!Braust mir's im Kopf, reißt mich's im Magen,Hab' ich zum Essenkeine Lust;Wenn mich die bösenSchnupfenplagen,Hab' ich Katarrh auf meiner Brust:Was kümmern mich die Medici?Ich trink' mein Glas Krambambuli.Krambimbambambuli, Krambambuli!Wär' ich zum großen Herrn geboren,Wie Kaiser Maximilian,Wär' mir ein Ordenauserkoren,Ich hängte die Devise dran:"Toujours fidèle et sans souci,C'est l'ordre du Krambambuli!"Krambimbambambuli, Krambambuli!Ist mir meinWechsel ausgeblieben,Hat mich das Spiellabétgemacht,Hat mir mein Mädchen abgeschrieben,Ein'nTrauerbriefdie Post gebracht:Dann trink' ich aus MelancholieEin volles Glas Krambambuli.Krambimbambambuli, Krambambuli!Und hat derBurschkein Geld imBeutel,So pumpt er die Philister anUnd denkt: »Es ist doch alleseitel,Vom Burschen bis zum Bettelmann!«Denn das ist die PhilosophieIm Geiste des Krambambuli.Krambimbambambuli, Krambambuli!Soll ich für Ehr' und Freiheit fechten,FürBurschenwohldenSchlägerziehn,GleichblinktderStahlin meiner Rechten,Ein Freund wird mir zur Seite stehn;Zu ihm sprech' ich: »Mon cher ami,Zuvor ein Glas Krambambuli!«Krambimbambambuli, Krambambuli!Alle: Bravo, bravo!Louis: Das gefällt mir, das muß ich auch lernen.Bella: Sagen Sie, Herr Doktor, waren Sie auch einmal im Carcer?Dr.Albert: Darüber, mein liebes Fräulein, darüber müssen Sie mich nicht fragen; denn diese Frage möchte ich Ihnen nicht beantworten. Aber wenn Sie mich fragen, wie das Innere eines Carcers ist, — das will ich Ihnen wohl sagen.Gretchen: Da ist es wohl recht finster und schaurig; so habe ich es mir immer gedacht.Dr.Albert: Im Gegenteil, mein Fräulein. Der deutsche Student lebt leicht und frei und froh, für ihn giebt es nichts Schauriges; doch, vielleicht das Examen am Ende, — sonst ist allesheiter, — auch seine Gefängnisse; auch darin macht er sich das Leben froh, empfängt Besuche und tut oft, was er will.Ich habe einen Carcer gesehen, der wirklich schön war. Jeder Student, der in demselben gesessen hatte, hat etwas zur Verschönerungbeigetragen. Viele haben Bilder an die Wände gemalt, und einige dieser Bilder waren recht schön.Ich erinnere mich eines Bildes: Es ist ein Vulkan. Darauf sitzt ein Student und raucht und bläst aus seiner langen Pfeife furchtbaren Rauch. Der Professor aber, durch den er in den Carcer gekommen war, rennt davon aus Furcht.Louis: Das gefällt mir auch.Otto: Soweit, meine Damen, sind wir unserm Programm treu geblieben. Sollen wir es auch ferner?Alle: O, gewiß.Otto: Nun wohl; dann bitte ich, von jetzt an mir zu folgen. Unsere Wagen sindangespannt, um uns an meine Yacht zu bringen. Wir werden dann eine Fahrt in die Bai unternehmen.Martha Parks: Ja, und Musik haben wir auch.Bella: O, ist das nicht herrlich, Gretchen? — Aber —Gretchen: Aber was ist Dir denn, Bella? Du wirst ja so scheu?Bella: O nichts, nichts. Ich dachte gerade an einen Traum, den ich einmal gehabt habe.Louis: O, heute giebt es keinen Sturm und keine großen Fische mit hundert Köpfen. Ich erinnere mich Ihres Traumes sehr gut.Otto: Nein, Fräulein Bella. Ich verspreche es Ihnen. Wir haben eine herrliche Fahrt bei Vollmond, und ich bin der Kapitän.Louis: Vorwärts denn, meine Herrschaften. Vorwärts! Zur See! Zum Vergnügen!
Nach wenigen Jahren wurde er nun selbstLandgrafim Thüringer-Lande. Darüber aber war niemand glücklicher, als Elisabeth. Denn nun konnte sieGutes[III-8]tun[III-9], soviel sie wollte, und niemand konnte sie mehr hindern.
Häufiger, als früher, ging sie nun zu den Unglücklichen, und wenn sie dieHüttenverlassen hatte, war es den Armen, als wäre ihnen ein Engel erschienen, so reich waren ihre Gaben, so beglückend ihre Worte und so freundlich war ihr Auge; und überall im Lande sprach man von derLandgräfinElisabeth und überall hatte sie Freunde.
Aber da waren auch einige, die böses von ihr sprachen zu ihrem Gemahl, demLandgrafen. — Es war Hungers-Not im Lande, und das Brot war wenig und teuer; und sie sagten, es wäre wahrlich nicht recht, daß dieLandgräfinso oft zu den Armen gehe und so reichlich Brotverschenke.
DerLandgrafaber wollte nicht hören auf ihre Worte und sagte nichts zu seiner Gemahlin.
Aber einmal war er aus der Wartburg geritten; undda er wieder auf dem Wege heimwärts war, sah er aus demWald-Pfadedie Landgräfin kommen, welcher eine Dienerin folgte. — Und derLandgrafdachte: Unter dem weiten Mantel trägt sie wieder Brot für die Armen, und wir selbst haben doch so wenig in dieser teuern Zeit, — und er rief ihr zu: Laß doch sehen, was du unter dem Mantelträgst! — O, rief sie, stotternd vor Angst, — o — es sind — Rosen!
In dieser Jahres-Zeit Rosen, Elisabeth? — Unmöglich! — Komm', laß doch sehen! — Und da sie zitternd ihren Mantel zurückschlug, war sie selbst erstaunt, denn wahrlich — es waren Rosen.
Und derLandgrafund Elisabeth lebten manche Jahre glücklich zusammen und hatten schöne und gute Kinder. Da kam er eines Tages ernst nach Hause und sprach: Elisabeth, ich habe einst gelobt nach dem Grabe desHeilandszuwallfahrenmit meinenMannen, und nun ist die Zeit gekommen, daß ich mein Wort erfülle.
Mußt du, sprach sie mitwehmütigemHerzen, so gehe. Aber da sie allein war, mußte sie bitterlich weinen; und da der Tag des Abschiedes kam, konnte sie nicht von ihm lassen; und viele Meilen wanderte sie mit ihm, auf seinen Arm gestützt.
Da endlich sprach er zu ihr: Nun, mein teures, liebes Weib, gehe zurück zur Burg.
So schwer war es ihr noch niemals geworden, zu tun, was ihr Gemahl ihr gebot und ihrWehwar so tief, daß die härtesten Ritter mit ihr weinten.
Sie kam zur Burg zurück. Es war ein harter Tag für sie. — Aber ein Tag folgte, der noch härter war; das war der Tag, da man ihr die traurige Botschaft brachte, daß ihr Gemahl im Kampfe gefallen war.
Da war das Licht der Sonne ihr nicht mehr golden; und der zarten Blümchen Schönheit sah sie nicht mehr und hörte nicht mehr auf den lieblichen Sang der Vögel, und die Landschaft und die ganze Welt schien ihr schwarz. Da war keine Freude mehr für sie auf dieser Erde.
Und der Bruder ihres Gemahls kam auf die Burg und machte sich zum Herrn des Landes undvertriebdie Witwe seines Bruders.
Es war finstere Mitternacht, da er siehinausstießvor das Burg-Thor. Der Regen fiel in Strömen; aus schwarzen Wolken zuckte der Blitz; der Donner rollte fürchterlich durch die Berge und greulich heulte der Sturm.
Elisabeth ging den schmalen Pfad den Berg hinab. Auf schwachem Arme trug sie das jüngste Kind, an der linken Hand führte sie das zweite, und ihr ältestes Söhnlein mußte dieFackeltragen, um den schlüpfrigen Weg zu beleuchten.
Und zuletzt kam sie an den Fuß des Berges und nach Eisenach. In der Stadt, wo sie einst Gaben gespendet, mußte sie nun selbst um milde Gaben bitten; doch niemand wollte der Unglücklichen einObdachgewähren; und still ertrug sie die Not um ihres Heilands willen,der so viel mehr gelitten hatte für die Menschheit; — und sie ertrug alles mit Geduld, bis sich der Landgraf ihrer wiedererbarmteund sie zurückrief; aber sie wollte nicht mehr zurück in die Burg.
Deutschlands großer Kaiser, FriedrichII., flehte sie an, daß sie seine Gemahlin würde; — aber ihr Herz gehörte dem einen, der nicht mehr bei ihr war; ihm wollte sie treu bleiben.
Eines nur hatte sie erbeten für sich: Das Gnaden-Brot bis an ihr Ende, und da gab man ihr die Stadt Marburg. Hier lebte sie im Kloster als Nonne, überallSegenverbreitend bis eines Tages ihr Wunsch erfüllt war.
Ihr Geist war zu ihm hinüber gegangen in jene selige Welt.
Vierundzwanzig Jahre war sie alt, da lag sie im Sarge, wie ein Engel zu schauen.
Der Kaiser selbst und die Edelsten des Reiches trugen denSargzu Grabe.
Wie damals, so spricht man noch heute im Thüringer-Lande von der heiligen Elisabeth.
Martha Parks: Ich höre Dir so gerne zu, Martha; Du auch, Albert?
Dr.Albert: Ja, Schwester, mir geht es wie Dir.
Herr Meister: Es ist schade, daß Louis es nicht gehört hat. Er hat großes Interesse für solche Erzählungen.
Bella: Ja, das ist auch wahr; wo ist Louis? Ist er noch nicht zurück? — Sie lächeln, Herr Doktor! —Ah — da ist ein Komplott im Werke gegen uns. — Gretchen, merke, was ich Dir sage, und der Herr Doktor weiß auch darum. Was ist es, Herr Doktor? Sagen Sie es mir, ich bitte. Sie sind immer so gut.
Dr.Albert: Mein verehrtes Fräulein, ich danke Ihnen für Ihre gute Meinung, und ich versichere Sie, daß ich mich bemühen werde, mir dieselbe zu erhalten. Aber ich bitte Sie, mich für einige Momente zu entschuldigen, da ich Ihnen von Tannhäuser erzählen möchte; und wenn ich das jetzt nicht thue, dann werde ich es vergessen.
Gretchen: Ist das derselbe Tannhäuser, der in Richard Wagners Oper vorkommt?
Dr.Albert: Es ist derselbe. Wenn Sie auf der Wartburg stehen und hinaus sehen in die Landschaft, dann sehen Sie den Venus-Berg, als den schönsten unter allen anderen. In diesem Berge ist die Frau Venus, die schönste Frau auf Erden, und Tannhäuser, der tapfere Ritter, wohnte im schönen, weiten Palaste bei ihr. Was sein Herzbegehrte, wurde ihm erfüllt; und dennoch war er nicht glücklich, und sprach zu Frau Venus:
Hohe Frau, nun laßt mich gehen! Ich will nach Rom zum Papste und ihn bitten, daß er meine vielen Sünden mir vergebe.
Sie bat ihn: Bleibet hier, mein Ritter, bleibet bei mir. Hier ist es wahrlich schön, tausendmal schöner, als unter den Menschen da oben. Tannhäuser schüttelte traurig sein Haupt und sagte: Ich kann nicht, ich kannnicht, beste Frau. Und sie kniete nieder vor ihm und blickte ihn an mit ihren schönen Augen und flehte.
Nein, o nein, sagte er; ich kann nicht.
Sie hing sich an seinen Hals und weinte. Da riß er sich los und eilte hinaus; — und im Pilger-Kleide und mit dem Stabe in der Hand, wanderte er barfuß und barhaupt manchen Tag und kam nach Rom.
An demselben Tage aber war eine große Prozession; und Tannhäuser, der Ritter, fiel auf die Kniee vor dem Papste und rief:
Vergebet mir, o Vater, meine vielen Sünden!
Und es sprach der Papst: Dein Blick ist scheu, mein Sohn, und deine Wangen sind so hohl, sag an: Was hast du böses getan?
Und der Ritter sagte: O Vater, vergebt mir; ich wohnte im Berge bei Frau Venus.
Der Papst aber sprach darauf: Wohntest du da? — Wahrlich, so wie dieserStabin meiner Hand nie blühen kann, so kann ich dir solche Sünde nicht vergeben; — du bist verdammt hier und imJenseits.
Und Tannhäuser ging traurig und mit gesenktem Kopfe aus der heiligen Stadt.
Am nächsten Tage aber brachte man den Stab vor den Papst. Zu seinem großen Erstaunen sah er Blüten am trocknen Holze.
Eilig sandte der Papst Männer aus, den Ritter zu suchen; aber keiner konnte ihn finden, denn er war schon wieder zurück gegangen zum Berge.
Da stand Frau Venus wartend. Freudig rief sie aus, ihn mit offnen Armen empfangend: Mein Ritter, mein Ritter! ich wußte, ihr kämet zurück!
Martha Parks: Nun Albert, weiter!
Dr.Albert: Mehr, meine kleine Martha —
Bella: O, Herr Doktor; was ist das?
Otto: Das ist Trompeten-Schall.
Herr Meister: Gretchen, höre! Ist das nicht wirklich ein Signal der Ritter?
Gretchen: Wirklich, Papa.
Martha Parks: O Albert, kommt jetzt der Tannhäuser?
Louis: Nein, aber sein Page.
Bella: Das ist Louis! Das ist Louis im Ritter-Harnisch.
Gretchen: Ich glaube, Bella, jetzt wird Dir alles klar werden.
Louis: Ludwig, der Page, bittet die hohen Herrschaften, Ritter sowie Ritter-Damen, zur Tafel zu kommen. — Ritter Meister wird das Burg-Fräulein Martha Parks zu Tische führen; der Ritter Albert das Ritter-Fräulein Martha Meister; Ritter Otto das Ritter-Fräulein Bella, und der Page Ludwig selbst des edlen Ritters Meister schöne Tochter Margaretha; und folgende Speisen werden sie laben:
1) Eine guteFleischbrühe.
2) Reis.
3) Fische, Aal und Salat.
4) WilderSchweinskopfmit saurer Sauce.
5) Ochsen-Fleisch, nach anglo-sächsischer Weise mit Pickeln.
6)Schinkenvom jungen Schwein, in Burgunder-Wein gekocht.
7)Allerlei Geflügel.
8)Braten von Wildbretmit sauern Kirschen.
9) Kuchen:TurmkuchenundBaumkuchen.
10) Nürnberger Pfeffer- undHonigkuchenin der Form von Frauen und Rittern.
11) Waffeln und Eisen-Kuchen.
12) Und Wein, viel Wein.
Dr.Albert: Halt, Page, blase noch nicht zum Marsche! Ich sehe, die Herrschaften stehen verwundert und neugierig.
Bella: O nein, Herr Doktor; wir sind nicht neugierig, wir sind niemals neugierig. Nicht wahr, Gretchen?
Gretchen: O nein, niemals!
Dr.Albert: Aber Sie möchten wohl gerne wissen, was alles dieses zu bedeuten habe; nun, ich werde es Ihnen sagen. — Sie wissen ja, Louis studiert jetzt deutsche Geschichte — und bei den Rittern hat er begonnen.
Otto: Und bei einem sehr praktischen Teile, glaube ich.
Dr.Albert: Beim Essen und Trinken! Nun sind unsere Eltern nach dem Westen gereist, und Louis spielt den Herrn der Burg, wie er sagt.
Otto: Das bedauert aber keiner mehr, als der Koch.
Martha Meister: Unser armer Koch!
Dr.Albert: Der ist in Verzweiflung und meint, solch' ein Mahl habe er noch niezubereitet, und er habe doch schon manchen Tag gekocht.
Gretchen: Das will ich gerne glauben.
Dr.Albert: Aber Louis hat seinen Willen und — sein Ritter-Mahl.
Louis: Und die Herrschaften werden ein feines Mahl haben.
Martha Meister: Jedenfalls ein originelles.
Dr.Albert: Und nun in den Speise-Saal. Vorwärts! — Page, blase zum Marsch!
Louis: Sehr wohl. —
Dr.Albert: Setzen wir uns zur Tafel.
Martha Meister: Aber hier ist es wirklich, wie in einem Ritter-Saale: Helme, Panzer, Schilde, Lanzen. Gehört das alles dem Ritter Louis?
Bella: Du mußt nicht Ritter sagen, Martha. Louis ist noch kein Ritter; er ist noch Page.
Martha Meister: In meinen Augen ist er bereits ein Ritter.
Louis: Ich danke Ihnen, mein Fräulein; und ich werde für Sie kämpfen gegen Drachen und wilde Tiere und böse Feinde; und werde Ihr Lebenverteidigenmit meinem Blute.
Martha Meister: Und ich werde Sie bewundern.
Louis: Alles, was Sie hier sehen an Waffen, hat mein Bruder für mich in Europagesammelt. Das ist eine kostbareSammlung: Gefällt sie Ihnen, Herr Meister?
Gretchen: Und wie schön diese Tafel geordnet und mit Blumengeschmücktist!
Otto: Das ist Schwester Marthas Werk.
Bella: Du hast auch davon gewußt, Martha; — o, Du kleineHeuchlerin!
Martha Parks: Siehst Du nun, Louis, daß ich schweigen kann?
Louis: O ja, das hast Du von mir gelernt, Martha.
Dr.Albert: Louis, Deine Suppe wird kalt!
Louis: Hm, hm; ich spreche wieder zu viel. Nicht wahr?
Bella: Ich meine, Herr Doktor, es sei ganz schön, bei Tische zu sprechen. Die Franzosen wissen gewiß sehr gut, wie manspeisensoll, und sie sprechen sehr viel, wenn Sie essen.
Martha Meister: Die Franzosen plaudern mir zu viel bei Tische. — Ich halte es mit den Engländern; die sind ernst bei Tafel und beginnen mit Gebet; und so machen wir es auch zu Hause. — Was denken Sie, Herr Doktor?
Dr.Albert: Ich halte es mit den Deutschen. Viele von ihnen beginnen das Mahl mit Gebet und plaudern während des Essens ganz angenehm. Bruder Otto abermacht es, wie der Engländer: Er speist, er hört und bedient seine Dame.
Otto: Nicht so, Albert; ich speise weder wie ein Engländer, noch wie ein Deutscher, noch wie ein Franzose; sondern wie ein wahrer Amerikaner; das heißt: Ich nehme das Beste von allen, und bin ich, wie jetzt, im Kreise guter Freunde und an der Seite einer Dame, wie Fräulein Bella, und habe ich vor mir gute Speisen und feine Weine und höre ich eine leichte und angenehmeUnterhaltung, — dann befinde ich mich recht komfortabel, recht behaglich.
Herr Meister: Sie erinnern mich an den großen deutschenSchauspielerBeckmann.
Fritz Beckmann war einer der besten Schauspieler in Berlin und war sehr witzig und sehr komisch. — Wegen seines guten Humors hatte er viele Freunde.
Einer von ihnen war Herr Hagen. Eines Abends gab Herr Hagen eine große Gesellschaft. Bei Tische hatte Herr Beckmann seinen Sitz zwischen den beiden Töchtern des Hauses: Anna Hagen und Carolina Hagen.
Herr Beckmann sprach lange Zeit kein Wort, sondern lächelte immer. Darüber wunderte man sich, und Fräulein Carolina fragte ihn: Warum so still, heute Abend, Herr Beckmann? Sind Sie nicht wohl?
O nein, mein Fräulein. Mir ist sehr wohl zu Mut in der Tat. Denn zwischen A. Hagen und C. Hagen sitze ich mit B. Hagen (Behagen = Komfort).
Louis: Bravo, Herr Meister, bravo!
Bella: Aber, Louis, ich habe keine Gabel.
Martha Parks: Ich auch nicht, der Diener hat die Gabeln vergessen.
Louis: O nein, liebe Martha, das hat der Diener nicht. Aber Ritter und Ritter-Fräulein haben keine Gabeln zum Essen nötig.
Bella: So? Aber womit haben sie denn das Fleisch gegessen? Nicht mit den bloßen Fingern, will ich hoffen.
Louis: Nein, mein Fräulein; nicht mit den bloßen Fingern, sondern mit kleinen Hölzern, so wie diese sind, die neben Ihren Tellern liegen.
Gretchen: Ja, ich habe mich im Stillen über diese Hölzchen gewundert.
Martha Meister: Aber damit, Herr Louis, können wir nicht essen.
Louis: Aber die Ritter-Fräulein konnten es früher. Gabeln kamen erst vor drei hundert Jahren aus Italien nach Deutschland, und erst später, im Jahre 1608, brachte Thomas Congate die ersten Gabeln nach England. — Und in einem französischen Kloster zankten sich die Mönche über die Einführung der Gabel. Die älteren Mönche hielten den Gebrauch der Gabel fürsündhaft, während die jüngern die Gabeln für erlaubt hielten.
Gretchen: O, wie gelehrt Sie sind, Herr Louis!
Martha Meister: Sie studieren wohl recht viel, Herr Louis?
Louis: Hm, ja.
Bella: Das muß ich aber auch an Anna nachCöln[III-10]schreiben.
Louis: Ja, tun Sie das. So. — Jetzt sollen Sie auch moderne Gabeln haben. Johann, bring' Gabeln!
Gretchen: Ich möchte Ihnen ein Rätsel geben. Wer ist der größte Tyrann?
Bella: Louis?
Gretchen: O nein, Bella!
Martha Parks: Napoleon?
Gretchen: Nein.
Otto: Cäsar?
Gretchen: Nein!
Dr.Albert: Wallenstein?
Gretchen: Nein!
Herr Meister: Nero?
Gretchen: Nein!
Louis: Aber wer denn, Fräulein Gretchen?
Gretchen: Der Magen.
Martha Parks: Der Magen?
Louis: Das innere Organ hier im Centrum meines Körpers?
Gretchen: Ganz recht; — denn der Magenherrschtmit bitterer Strenge über alle Menschen zu Wasser und zu Lande.
Dr.Albert: Und zu Wasser tyrannisiert er oft fürchterlich.
Gretchen: Und er herrschte zu allen Zeiten.
Louis: Das ist wahr.
Gretchen: Und nimmt keine Kultur an und ist gegen Damen ebenso grausam, wie gegen Männer; und alle erkennen seineHerrschaftan.
Otto: Sie haben recht, Fräulein, der Magen ist der größte Tyrann.
Martha Parks: Ich will Euch auch ein Rätsel geben; soll ich?
Dr.Albert: Nun, Schwesterchen, laß hören!
Martha Parks: Welcher Ring ist nicht rund?
Louis: Aber alle Ringe sind rund!
Martha Parks: O, ich wußte, daß niemand es raten würde.
Otto: Nun, Martha?
Martha Parks: Der He — ring.
Alle: Bravo, Martha, bravo!
Louis: Das war wirklich gut, teuerstes Schwesterchen. — Johann, bring' Champagner: — Albert, kennst Du Papas Anekdote? Einmal sagte Papa im Hotel zum Kellner: Bringen Sie mir eine Flasche Wein!Oui. — Sie sprechen französisch? —Yes. — Auch englisch? — Ja.
Otto: Meine Herrschaften, hier kommt der Champagner. Das erste Glas sei für den Burg-Herrn! Meine Damen und meine Herren! Louis, der Amerikaner und Deutsche, der Gesellschafter und Historiker, der Page und Burg-Herr, — Louis, der alles ist und alles kann — Louis soll leben — hoch! hoch! hoch!
Dr.Albert: Komm', Louis, stoß' an. Laß' die Gläser klingen. — Ah, das gab einen guten Ton!
Herr Meister: Ich stoße mit Ihnen an, Louis. Auf Ihr Wohl!
Louis: Auf Ihr Wohl, Herr Meister! und Fräulein Martha, Sie haben kein Glas?
Martha Meister: Ich trinke niemals Wein.
Otto: Prosit, Bruder Louis!
Louis: Prosit, Bruder Otto, und auf Ihr Wohl, Fräulein Bella!
Bella:Wohl bekomm's, Herr Louis!
Louis: Deine Gesundheit, liebes Schwesterchen!
Martha Parks: Gesundheit, Bruder Louis!
Louis: Fräulein Gretchen, jetzt habe ich die Runde gemacht und nun bleibe ich wieder bei Ihnen und stoße mit Ihnen noch einmal an.
Gretchen: Otto will sprechen! hören Sie, Louis!
Otto: Meine Herrschaften! Wir trinken Kaffee und Thee aus den Tassen und stoßen nicht an; wir trinken Wasser aus unseren Gläsern und stoßen niemals an; aber trinken wir Wein, dann stoßen wir an. — Warum tun wir das beim Wein allein? Warum?
Herr Meister: Ich habe niemals darüber nachgedacht, Herr Otto.
Otto: Nun wohl. Man erzählt sich:
Einmal saß ein Weiser mit seinen Schülern beim Weine. — Meister, sagte einJünger, wenn wir mit dir trinken, dann sind unsere fünf Sinne angenehmbeschäftigt. An unserm ganzen Körper fühlen wir den Effekt des Weines; unsere Zunge schmeckt den Wein, unsere Nase riecht ihn und das Auge sieht ihn mitWohlgefallen; unser Ohr aber hört die hohen Worte der Weisheit, die du sprichst in der Begeisterung durch den Wein. —
Und wieder einmal saßen die Jünger zusammen beim Weine; aber der Meister war nicht bei ihnen. — Da sagte derselbe Schüler: Ach, heutegenießennur vier Sinne den Wein; denn wir hören nicht die weisen Worte unseres Meisters.
So laßt uns denn, rief da ein anderer Schüler, die Gläser zusammen stoßen und rufen: Heil unserm Meister! — Sie taten so; sie hörten das Klingen der Gläser; und von diesem Tage an stoßen die Menschen an, wenn sie Wein trinken, und denken des Freundes oder der Freunde.
Herr Meister: Das ist eine feine Erklärung.
Bella: Und eine philosophische.
Dr.Albert: Jetzt will ich Ihnen noch eine Anekdote erzählen; dann ist die Tafelaufgehobenundwir begeben uns indas Musik-Zimmer.
In einem Hotel in Jena saß einst ein alter Herr in einer Ecke am Tische und trank Wein. — Der Wein aber war dem Herrn zu stark, und er mischte ihn darum mit Wasser.
In demselben Hotel, in einer andern Ecke, saßen drei Studenten am Tische. Auch sie tranken Wein; aber siemischten ihn nicht mit Wasser; und sie lachten über den alten Mann, der seinen Wein verdünnte.
Endlich stand ein Student auf, trat vor den alten Mann und sprach: Herr, wissen Sie auch, daß Sie eine große Sündebegehen, die edle Gottes-Gabe, den Wein, mit Wasser zu verdünnen? Sprachs und setzte sich. Der alte Mann aber stand auf und sprach:
Wasser allein macht stumm,Dasbeweisenim Wasser die Fische.Wein allein macht dumm,Das beweisen die Herren am Tische.Und da ich nun keines von beiden will sein,So vermische mit Wasser ich meinen Wein.
Wasser allein macht stumm,Dasbeweisenim Wasser die Fische.Wein allein macht dumm,Das beweisen die Herren am Tische.Und da ich nun keines von beiden will sein,So vermische mit Wasser ich meinen Wein.
Sprach's und ging hinaus. Die Studenten aber warenmäuschenstill; denn sie wußten jetzt, wer dieser alte Herr war. Es war —Goethe[III-11].
Otto: Das war gut.
Dr.Albert: Wenn Siebelieben, meine Damen, so gehen wir in das Musik-Zimmer. GesegneteMahlzeit!
Alle: Gesegnete Mahlzeit!
Martha Meister: Der Herr Doktor ist wohl so freundlich und singt uns eins von seinen Studenten-Liedern vor.
Dr.Albert: Mit Vergnügen, mein Fräulein. Wollen Sie die Güte haben, mich zu begleiten.
Dr.Albert (singt):
Krambambuli, das ist der TitelDes Tranks,der sich bei uns bewährt;Es ist ein ganz probates Mittel,Wenn uns was Böseswiderfährt.Des Abends spät, des Morgens frühTrink ich mein Glas Krambambuli.Krambimbambambuli, Krambambuli!Bin ich imWirtshausabgestiegen,Gleich einem großen Kavalier,Dann laß' ich Brot und Braten liegenUnd greife nach demPfropfenzieh'r.Dann bläst derSchwagerTantrantiZu einem Glas Krambambuli.Krambimbambambuli, Krambambuli!Braust mir's im Kopf, reißt mich's im Magen,Hab' ich zum Essenkeine Lust;Wenn mich die bösenSchnupfenplagen,Hab' ich Katarrh auf meiner Brust:Was kümmern mich die Medici?Ich trink' mein Glas Krambambuli.Krambimbambambuli, Krambambuli!Wär' ich zum großen Herrn geboren,Wie Kaiser Maximilian,Wär' mir ein Ordenauserkoren,Ich hängte die Devise dran:"Toujours fidèle et sans souci,C'est l'ordre du Krambambuli!"Krambimbambambuli, Krambambuli!Ist mir meinWechsel ausgeblieben,Hat mich das Spiellabétgemacht,Hat mir mein Mädchen abgeschrieben,Ein'nTrauerbriefdie Post gebracht:Dann trink' ich aus MelancholieEin volles Glas Krambambuli.Krambimbambambuli, Krambambuli!Und hat derBurschkein Geld imBeutel,So pumpt er die Philister anUnd denkt: »Es ist doch alleseitel,Vom Burschen bis zum Bettelmann!«Denn das ist die PhilosophieIm Geiste des Krambambuli.Krambimbambambuli, Krambambuli!Soll ich für Ehr' und Freiheit fechten,FürBurschenwohldenSchlägerziehn,GleichblinktderStahlin meiner Rechten,Ein Freund wird mir zur Seite stehn;Zu ihm sprech' ich: »Mon cher ami,Zuvor ein Glas Krambambuli!«Krambimbambambuli, Krambambuli!
Krambambuli, das ist der TitelDes Tranks,der sich bei uns bewährt;Es ist ein ganz probates Mittel,Wenn uns was Böseswiderfährt.Des Abends spät, des Morgens frühTrink ich mein Glas Krambambuli.Krambimbambambuli, Krambambuli!
Bin ich imWirtshausabgestiegen,Gleich einem großen Kavalier,Dann laß' ich Brot und Braten liegenUnd greife nach demPfropfenzieh'r.Dann bläst derSchwagerTantrantiZu einem Glas Krambambuli.Krambimbambambuli, Krambambuli!
Braust mir's im Kopf, reißt mich's im Magen,Hab' ich zum Essenkeine Lust;Wenn mich die bösenSchnupfenplagen,Hab' ich Katarrh auf meiner Brust:Was kümmern mich die Medici?Ich trink' mein Glas Krambambuli.Krambimbambambuli, Krambambuli!
Wär' ich zum großen Herrn geboren,Wie Kaiser Maximilian,Wär' mir ein Ordenauserkoren,Ich hängte die Devise dran:"Toujours fidèle et sans souci,C'est l'ordre du Krambambuli!"Krambimbambambuli, Krambambuli!
Ist mir meinWechsel ausgeblieben,Hat mich das Spiellabétgemacht,Hat mir mein Mädchen abgeschrieben,Ein'nTrauerbriefdie Post gebracht:Dann trink' ich aus MelancholieEin volles Glas Krambambuli.Krambimbambambuli, Krambambuli!
Und hat derBurschkein Geld imBeutel,So pumpt er die Philister anUnd denkt: »Es ist doch alleseitel,Vom Burschen bis zum Bettelmann!«Denn das ist die PhilosophieIm Geiste des Krambambuli.Krambimbambambuli, Krambambuli!
Soll ich für Ehr' und Freiheit fechten,FürBurschenwohldenSchlägerziehn,GleichblinktderStahlin meiner Rechten,Ein Freund wird mir zur Seite stehn;Zu ihm sprech' ich: »Mon cher ami,Zuvor ein Glas Krambambuli!«Krambimbambambuli, Krambambuli!
Alle: Bravo, bravo!
Louis: Das gefällt mir, das muß ich auch lernen.
Bella: Sagen Sie, Herr Doktor, waren Sie auch einmal im Carcer?
Dr.Albert: Darüber, mein liebes Fräulein, darüber müssen Sie mich nicht fragen; denn diese Frage möchte ich Ihnen nicht beantworten. Aber wenn Sie mich fragen, wie das Innere eines Carcers ist, — das will ich Ihnen wohl sagen.
Gretchen: Da ist es wohl recht finster und schaurig; so habe ich es mir immer gedacht.
Dr.Albert: Im Gegenteil, mein Fräulein. Der deutsche Student lebt leicht und frei und froh, für ihn giebt es nichts Schauriges; doch, vielleicht das Examen am Ende, — sonst ist allesheiter, — auch seine Gefängnisse; auch darin macht er sich das Leben froh, empfängt Besuche und tut oft, was er will.
Ich habe einen Carcer gesehen, der wirklich schön war. Jeder Student, der in demselben gesessen hatte, hat etwas zur Verschönerungbeigetragen. Viele haben Bilder an die Wände gemalt, und einige dieser Bilder waren recht schön.
Ich erinnere mich eines Bildes: Es ist ein Vulkan. Darauf sitzt ein Student und raucht und bläst aus seiner langen Pfeife furchtbaren Rauch. Der Professor aber, durch den er in den Carcer gekommen war, rennt davon aus Furcht.
Louis: Das gefällt mir auch.
Otto: Soweit, meine Damen, sind wir unserm Programm treu geblieben. Sollen wir es auch ferner?
Alle: O, gewiß.
Otto: Nun wohl; dann bitte ich, von jetzt an mir zu folgen. Unsere Wagen sindangespannt, um uns an meine Yacht zu bringen. Wir werden dann eine Fahrt in die Bai unternehmen.
Martha Parks: Ja, und Musik haben wir auch.
Bella: O, ist das nicht herrlich, Gretchen? — Aber —
Gretchen: Aber was ist Dir denn, Bella? Du wirst ja so scheu?
Bella: O nichts, nichts. Ich dachte gerade an einen Traum, den ich einmal gehabt habe.
Louis: O, heute giebt es keinen Sturm und keine großen Fische mit hundert Köpfen. Ich erinnere mich Ihres Traumes sehr gut.
Otto: Nein, Fräulein Bella. Ich verspreche es Ihnen. Wir haben eine herrliche Fahrt bei Vollmond, und ich bin der Kapitän.
Louis: Vorwärts denn, meine Herrschaften. Vorwärts! Zur See! Zum Vergnügen!