Chapter 7

Brunhilde staunte über solche Kraft und war bitter, denn sie war besiegt zum ersten Mal, besiegt von Gunther, — so glaubte sie nämlich.Ja, wenn es Siegfried gewesen wäre, dachte sie, wie froh wäre ich dann! Wie gerne hätte sie ihm den Sieggegönnt. Aber da sie nun Gunther folgen sollte, sagte sie: Nein, ich kann noch nicht, ich muß erst meine Freunde sehen.Und sie schickte Boten nach allen Seiten, daß die Ritter ihres Landes kämen.Das bedeutet nichts Gutes, sprach Hagen; die Königin will uns nicht folgen; den Krieg will sie mit uns. Warum läßt sie sonst diese Ritter kommen?Da kann ich helfen, sprach Siegfried; ich gehe und komme bald zurück mit tausend starken Helden.Bleib nicht zu lange, sprach Gunther; und Siegfriedzog ab.In einem Schifflein zog er durch das Meer; und das Schifflein flog wie der Wind. Aber den Schiffer konnte niemand sehen; Siegfried segelte in seiner Tarn-Kappe.— Nach einem Tage und einer Nacht kam er in das Nibelungen-Land.Dort stand eine einsame Burg auf einem hohen Berge.Dahin lenkte Siegfried seine Schritteund klopfte dort an eine Thür. Innen schlief ein Riese; der bewachte die Thüre, und neben ihm lagen seine Waffen.Werpocht? rief der Riese.Ein Ritter! antwortete Siegfried. Öffne!Der Riese stand auf, zog seine Rüstung an,hobden Helm auf seinen Kopf, öffnete die Thür und schlug mit einerEisen-Stangenach Siegfried.Dieser zog sein Schwert und schlug so gewaltig auf den Riesen, daß es durch den ganzen Berg schallte und daß auch der Zwerg Alberich erwachte.Er rüstete sich und lief an die Thüre und kam in dem Augenblicke, als Siegfried den Riesen band.Nun begann Siegfried mit Alberich zu kämpfen; erzupfteihn an dem langen Barte, und der Zwerg schrie laut vor Schmerz. — Siegfried band den Zwerg, sowie er den Riesen gebunden hatte.Wer bist du? rief der Zwerg.Dein Herr! rief Siegfried. Treuloser Bösewicht, kennst du mich nicht besser? Vor Jahren war ich hier und habe den Berg erobert und dich und alle Nibelungen.Wahrlich, du bist Siegfried! rief der Zwerg. Und nachdem Siegfried ihn losgebunden hatte, lief er zurück in den Berg, wo die Nibelungen auf ihren Betten lagen, und er rief:Auf, ihr Helden! Eilt zu Siegfried, Euerm Herrn! — undim Nustanden tausend Nibelungen wohlgerüstet da. Alberich führte sie hinaus zu Siegfried.Siegfried zog mit ihnen ab und kam am nächsten Tage zurück zu seinen Freunden auf der Isenburg. Brunhilde sah die Riesen underklärte, sie wäre bereit, mit Gunther zu gehen.Bald waren alle wieder auf dem Schiffe und auf der Fahrt nach Worms.Es war eine freudige Fahrt; mit Tanz und Gesang und Spielverkürztensie die Zeit. Neun Tage waren sie gefahren und sie näherten sich Burgund. Gunther bat Siegfried, nach Worms voraus zu reiten, sein Glück und seine Ankunft zu verkünden.Wie glücklich war Siegfried, als er diesenAuftraghörte. Seine Ungeduld, seineSehnsuchtwuchsen, je näher er Worms kam, wo Krimhilde ihn sehnsuchtsvoll erwartete.Mit vierundzwanzig Rittern ritt er auf Worms zu. Aber bald hörte er aus dem Schlosse lautes Klagen und Weinen, denn die Frauen hatten ihn ohne Gunther kommen sehen.Als aber Siegfried im Schlosse stand, inmitten der Frauen, als er ihnen erzählte, daß Gunther ihm folge mit seiner Braut Brunhilde, — da verwandelte sich das Weinen in Freude und inJubel, und Krimhilde rief:O, edler Ritter, dürfte ich euch nur mein Gold geben,als Boten-Lohn! Aber wie könnte ich euch solches nuranbieten?Und hätte ich dreißig Länder, erwiderte Siegfried, so wäre ich nicht zu stolz, aus eurer Hand das kleinste Geschenk anzunehmen.Da ließ Krimhilde vier und zwanzig goldeneSpangenmit Edel-Steinen bringen und gab sie Siegfried. Dieser aber verteilte sie wieder unter Krimhildens Mädchen.Nun laßt uns an den Strom gehen, sprach Siegfried, die Freunde zu empfangen.Und bald bewegte sich ein langer Zug zum Rhein. Und da die Sonne schien, glitzerte alles von Gold und Juwelen. Hochzu Rosseaber saßen viele Burgunder-Frauen im feinsten Schmucke, und tapfere Ritter führten die Pferde der Edel-Frauen; Orteweinbegleitetedie Königin Ute, Siegfried aber führte Krimhildens Pferd am Zügel.So kamen sie an den Rhein, und bald landeten die Schiffe.An Gunthers Hand stieg Brunhilde aus dem Schiffe, und ihnen folgten viele Frauen und tapfere Ritter.Krimhilde eilte auf Brunhilde zu und hieß sie willkommen mit Kuß und Umarmung.Da sprach wohl mancher Ritter: Nie habe ich zwei Frauen von solcher Schönheit zusammen gesehen.Doch die Kenner sagten: Krimhilde ist die schönere. — Bald darauf bewegte sich der Zug jubelnd zum Palaste des Königs.Gunther hatte versprochen, dem tapfern Siegfried seine Schwester Krimhilde zum Weibe zu geben für seine Hülfe im Kampfe; und bevor sie sich niedersetzten zum Hochzeits-Mahle, erinnerte Siegfried König Gunther an sein Versprechen.Was ich geschworen, will ich halten, sprach Gunther und ließ Krimhilde kommen.Und als sie vor ihm stand in einem Ring von Helden, und als er mit ihr von einem Ritter sprach, den er für siegewählt, da errötete sie und ihr Herz klopfte gewaltig, denn sie ahnte, daß der Bruder von Siegfried sprach; und da sagte sie leise und verschämt:Bruder, ich gehorche. Da küßte Siegfried vor allen Rittern seine schöne Braut.Bald saßen sie bei Tische. Doch Brunhilde schien nicht glücklich zu sein! Warumbißsie die Lippen zusammen? Warum blickten die Augen baldtrübe, bald zornig?Ihrgegenübersaß Siegfried undnebenihm Krimhilde, die liebliche Krimhilde! Und Thränen der Eifersucht, der bitteren, wilden Eifersuchtstürztenaus Brunhildens Augen.Warum weinst du? sprach Gunther zärtlich und besorgt.Auch du solltest weinen, antwortete schnell Brunhilde, über das Unglück deiner königlichen Schwester, die du erniedrigt und an einen Vasallen vergeben hast.Später wirst du alleserfahren, sprach Gunther darauf.Nach der Tafel begannen die Kampf-Spiele. Brunhilde sah die Schilde, die Schwerter, die Lanzen, und die alte Kampf-Lust erwachte wieder in ihr. Und als des Abends Brunhilde ganz allein war mit Gunther, kam er in große Not: sie nahm ihren Gürtel, band Gunthers Hände und Füße,trugihn zu einem Nagel und hängte ihn an die Wand im Zimmer.Sein Bitten half nichts, er mußte hängen bleiben bis an den lichten Morgen. Da hatte sieMitleidmit ihm und band ihn wieder los. Gunther kam zu Siegfried und klagte seinLeid.Da sprach Siegfried: Laß mich wieder mit ihr kämpfen; mir soll sie nicht widerstehen; in meiner Tarn-Kappe werde ich sie besiegen.Und wenn du sie töten würdest, es wäre mir nicht leid; denn sie ist ein schreckliches Weib.Noch einmal zog Siegfried seine Tarn-Kappe an, noch einmal besiegte er Brunhilde, nahm ihr Ring und Gürtel ab und ging. Ring und Gürtel aber schenkte er seiner holden Krimhilde. Hätte er es nicht getan, es wäre weiser und besser gewesen.Noch vierzehn Tage dauerte das Hochzeits-Fest; länger konnte Siegfried nicht bleiben; nach Hause mußte er nun ziehen, wo ihn sein Vater schmerzlich erwartete, und wo seine Mutter täglich weinte um den Sohn, den sie verloren glaubte.Wie herzlich küßten die glücklichen Eltern Krimhilde, ihres geliebten Sohnes Weib, als sie ankam. Wieviele Freuden-Thränen weinten sie, als ihr glücklicher Helden-Sohn vor ihnen stand!Sigismund ließ seinen Sohn zum König krönen; denn er selbst wollte nun ruhen.Zehn Jahre lang genossen Siegfried und Krimhilde das reinste Glück und sie hatten auch einen Sohn; den nannten sie Gunther.Auch König Gunther hatte einen Sohn, den hatte er Siegfried genannt; der war seine einzige Freude; denn in Brunhildens Herz herrschten Eifersucht und Haß, und oft fragte sie: Warum kommt Siegfried nie an unsern Hof?Er wohnt zu fern von hier, war Gunthersgewöhnliche Antwort.Aber ist Siegfried nicht dein Vasall, und muß der Vasall nicht tun, was sein Herr ihm befiehlt? fragte dann Brunhilde.Dann lachte Gunther und antwortete nicht. Aber sie wollte Siegfried wieder sehen; er mußte kommen, und darum sagte sie eines Tages gar freundlich:Ach Gunther, wiesehneich mich nach deiner Schwester! Wie oft denke ich an die glücklichen Tage, da ich dich gewann, und da Krimhilde sich mit Siegfriedvermählte. O, laß sie kommen! Laß sie recht bald kommen! — zur nächstenSonnen-Wende!Und Gunther war schwach genug, ihr zu glauben und zugehorchen. Dreißig Ritter schickte er ab. Diese kamenin drei Wochen nach Norwegen, wo Siegfried und Krimhilde gerade wohnten.Krimhilde lag auf dem Ruhe-Bette. Da kamen ihre Mädchen in das Zimmer und brachten die freudige Botschaft: Fremde Ritter sind gekommen und sie sehen aus wie Burgunder!Der starke Siegfried hörte Gunthers Einladung und antwortete, daß er in zwölf Tagen kommen wollte mit seinem Vater Sigismund und mit Krimhilde.Die Botenkehrtenzurück und meldeten, was sie gehört.Ist Krimhilde noch so schön? war Brunhildens erste Frage.Sie wird kommen, und du wirst sie sehen, antworteten die Boten, und sie zeigten auch die kostbaren Geschenke, die sie von Siegfried erhalten hatten.Da sprach Hagen: Siegfried könnte sein ganzes Leben lang geben und würde immer noch reich sein, denn er besitzt den Nibelungen-Schatz. Ich selber möchte den wohl besitzen!Nun machte man große Vorbereitungen in Worms zum Empfange der Gäste. Gunther ging zu Brunhilde und sprach: Wie einst meine Schwester dich empfing, als du in dieses Land kamst, so will ich, daß du nun Krimhilde empfängst.Das thue ich gerne, erwiderte sie.Sie kommen morgen, sprach Gunther, geh' und bereite dich nun.Brunhilde kam den Gästen entgegen in großerPracht. Die Königinnen küßten einander. Nie zuvor hatte man in Worms Feste gesehen, wie sie nun gefeiert wurden. Von allen Teilen des Burgunder-Landes kamen die Ritter gezogen. Zehn Tage lang ertönte in der Stadt der festliche Klang der Glocken und dazwischen in den Kampf-Spielen das Schlagen der Schwerter, das Stoßen der Lanzen. Selbst die Königin Brunhilde schien ihren Kummer zu vergessen im Geräusch und in der Freude des Festes.Doch das Unglück kam schnell.Am elften Tage waren die beiden Königinnen zusammen und sahen dem Kampf-Spiele zu. Da sprach Krimhilde, voll Freude und Stolz auf Siegfried sehend:Sieh' nur, Schwester, sieh' auf Siegfried! Habe ich nicht einen Mann, der wohlverdienteHerr zu sein über alle Länder?Bist du allein auf der Welt mit deinem Siegfried? erwiderte Brunhildegereizt.Harmlos sprach Krimhilde weiter: Aber so sieh' doch nur, Brunhilde, wie schön und stattlich er ist!Mag sein, sagte Brunhilde; und er ist doch nur Gunthers Vasall.Nicht Vasall, liebe Schwester, GunthersGenosseist er und ein König wie Gunther, sprach Krimhilde noch immer harmlos.Nein, er ist Gunthers Vasall! rief Brunhilde. Dashat er mir selber gesagt, als er mit deinem Bruder nach Island kam.Glaubst du, daß der stolze König von Burgund seine Schwester einem Vasallen giebt? Drum, liebe Schwester, lasse den Streit und wisse: er ist kein Vasall.Den Streit laß' ich nicht! rief Brunhilde. Siegfried ist ein Vasall, und von heute an wird er mir besser dienen, als bisher!Das wird er nicht, rief Krimhilde, denn Siegfried ist ein König, und er ist werter, als mein Bruder Gunther!Duüberhebstdich! schrie Brunhilde.Erweistman dir so große Ehren wie mir?Nein; weil ich bescheidener bin, als du, sprach jetzt Krimhilde. Aber du sollst heute noch sehen, daß ich vor dir in die Kirche gehen kann.Und sie stand auf, ging zu ihren Mädchen und befahl ihnen, ihr die schönsten und reichsten Kleider anzulegen. Dann ging sie mit ihnen zur Kirche. Alle wunderten sich, daß die beiden Königinnen nicht, wiesonst, zusammen zur Kirche gingen. Vor der Kirche aber stand Brunhilde und erwartete Krimhilde.Halt! rief sie, als Krimhilde nahte. Geh' nicht in die Kirche vor mir, der Königin.Sieh', stolze Brunhilde, sprach jetzt Krimhilde, wenn du schweigen könntest, das wäre dir besser, dann müßtest du nicht die bittere Wahrheit hören. Und nun will ich es dir auch sagen: Es war nicht Gunther, der mit dirkämpfte, es war mein Gemahl, der dich zweimal besiegte! Und damit du wissest, ich spreche die Wahrheit, so schaue! Erkennst du diesen Ring und diesen Gürtel als dein? Im Kampfe hat Siegfried dir beide genommen, und mir gab er sie dann zum Geschenke. Brunhilde war starr vor Schrecken und sie konnte nicht hindern, daß Krimhilde vor ihr eintrat in die Kirche.Da war Musik und Gesang in der Kirche; aber eine saß da und hörte nichts davon, — es war Brunhilde.Und da sie wieder in ihrem Palaste war, fand sie noch keine Ruhe, und sammelte ihre treuesten Ritter und bat unter Thränen: Overschafft mirRache, Rache an Siegfried!Doch diese schwiegen, denn wer konnte mit Siegfried kämpfen? Da sprach Hagen: Meine Königin, warum weinet ihr?O Hagen, rief die Königin, ich binbeschimpft! Siegfried hat mich beschimpft!So soll er sterben; und können wir ihn nicht töten mit Kraft, so tun wir es mitList!Nein, sprach da jung Gieselher, das darf nimmermehr geschehen.Nein, sprach auch Gunther, sein Blut darf nicht fließen, so vieles habe ich Siegfried zu danken.Zuletzt aber willigte er ein in Hagens teuflischen Plan.Zwei und dreißig Boten ritten ein in Worms und brachten eine neue Kriegs-Erklärung von den Sachsen-KönigenLüdeger und Lüdegast. Doch dieses alles war nurScheinund die Boten waren nicht Sachsen, sondern es waren Burgunder, gekleidet wie Sachsen, und man wollte Siegfried töten auf dem Kriegs-Zuge.Als Siegfried auch von dem Kriege gehört hatte, bot er Gunther seine Hülfe an und ging und rüstete seine Nibelungen.Hagen aber ging zu Krimhilde, um Abschied von ihr zu nehmen, wie er sagte; in Wahrheit aber wollte er von ihr ein Geheimnis erfahren.Hagen, sprach Krimhilde, euch vertraue ich meine Sorge. Ihr seid ein alter Freund, ich weiß es. O,vergeltetes nicht an mir und hasset mich nicht für das, was ich eurer Königin getan.Euch hassen, Königin Krimhilde? Wie könnte ich das! Und Siegfried? — Wahrlich, keinen in der Welt liebe ich mehr, als euern tapfern Siegfried. Ich will ihm dienen, wo ich kann.O, dank euch, edler Hagen, sprach Krimhilde. Seht, jetzt geht er wieder in den Krieg gegen die Sachsen, darum fürchte ich, es könnte ihm ein Leidgeschehen.Was braucht ihr zu fürchten? sagte Hagen listig. Siegfried kann im Kriege nicht fallen. Ist er nicht unverwundbar?Ach ja, erwiederte ängstlich Krimhilde, — als er den Lind-Drachen tötete, da badete er im heißen Blute, und seine Haut wurde hart wie Horn.Und was fürchtest du nun? fragte Hagen.Aber ein Linden-Blatt fiel auf seine linke Schulter; dahin drang kein Blut, und hier ist er leicht zu verwunden. Darum fürchte ich.Da sprach der Falsche froh: Es ist wahrlich gut, daß ihr mir das sagtet. Nähet ein kleines Kreuz auf sein Gewand, genau über jeneStelle, damit ich ihn beschützen kann.Das will ich, sagte Krimhilde froh. — Dank, edler Freund! Tausend Dank!Hagen ging. Er wußte genug. Der Kriegs-Zug war nun nicht mehr nötig und anstatt des Kriegesveranstalteteman eine Jagd.O,geh'[IV-2]nicht zur Jagd, sprach Krimhilde, als Siegfried von ihr Abschied nahm. O geh' nicht; ich fürchte, du möchtest nimmer wiederkehren.Ich komme bald zu dir zurück; — und was könnte mir geschehen! Bin ich denn nicht unter Freunden?O geh' nicht, bat sie, denn ein Traum hat mich gewarnt. Zwei wilde Schweine verfolgten dich über eine Heide, und alle Blumen waren rot von Blut. —Es ist ein Traum, sprach er, nur ein Traum. Und sie sprach weiter: Dann stürzten zwei Berge zusammen, und du warst darunter begraben.Er lächelte, küßte sie und ging; Krimhilde aber war sehr traurig.Sie hatten schon den ganzen Tag gejagt; da sprachein Knecht zu Siegfried. Herr, hört ihr das Horn blasen? Wir müssen zum Abend-Brot eilen.Geh' nur, sprach Siegfried; ich aber will erst den Bären fangen, den ich dort sehe. Er sprang vom Pferde, verfolgte den Bären, fing ihn und band ihn fest an seinen Sattel und ritt zurück zur Gesellschaft. Hier band er den Bären los; dieser lief in das Zelt und warf alles um. Die Burgunder flohen erschrocken davon. Siegfried aber folgte dem Bären, tötete ihn und kehrte zurück.Da saßen die Helden auf dem grünenRasenund speisten, was die Diener brachten. Da sprach Siegfried:Ich sehe hier genug zum Essen; doch warum bringen die Diener keinen Wein?Hagen ist schuld daran, sprach König Gunther; er will uns verdursten lassen.Ich hatte geglaubt, wir würden imSpessartjagen; darum sandte ich dorthin den Wein, sprach Hagen.Und einer der Ritter sagte: Warum essen wir nicht näher beim Rhein? Dort ist wenigstens Wasser genug.Wasser ist auch hier, sprach Hagen, eine Quelle voll guten Wassers; lasset uns zur Quelle gehen.Oder besser noch, rief Siegfried, wir wollen dahin um die Wette laufen.Siegfried lief in seiner vollen Rüstung; Gunther und Hagen aber hatten die ihrige abgelegt, und als sie an den Brunnen kamen, stand Siegfried da und wartete und ließ Gunther zuerst trinken.Während dessenaber legte er selbst seine Rüstung ab; dann stieg auch er hinab, um zu trinken.Da entfernte Hagen schnell Siegfried's Waffen, und als Siegfried sich bückte, spähte jener nach dem Kreuze auf der Schulter, nahm den Speer und warf ihn mit aller Kraft bis tief in die Brust.Siegfried schrie laut auf, und der starke Hagen floh vor dem verwundeten Siegfried.Dieser sprang auf; der Speer ragte weit hervor aus der Schulter; er suchte seine Waffen, aber fand nur den Schild. Den warf der todwunde Mann auf Hagen, daß er zu Boden fiel; aber Siegfried war bleich geworden und sank auf den grünen Rasen.Die Burgunder standen um den sterbenden Helden und weinten.Warum weint ihr? sprach Hagen. Freuet euch, jetzt sind wir aller Sorgen frei; ich habe ihn mit gutemBedachteerschlagen![IV-3]O Gunther, sprach Siegfried, sorget für mein Weib, sie.... Mehr konnte er nicht sprechen. Der tapfere Held hatte geendet und alle Blumen ringsum waren rot vom Blute.Nun legten sie SiegfriedsLeicheauf einen Schild und trugen ihn nach Worms. Es war spät in der Nacht, als sie ankamen, und Hagen ließ Siegfrieds Leiche vor Krimhildens Thüre legen.Am Morgen ganz früh da läuteten die Glocken zur Kirche, und Krimhilde weckte ihre Dienerin, daß sie mitihr zur Kirche ginge. Ach, Königin, rief das Mädchen, hier liegt ein toter Ritter!Mein Siegfried! schrie da Krimhilde und fielohnmächtigneben die Leiche, und sie erwachte wieder und rief: Siegfried! Siegfried! und brach dann in lauten Jammer aus, und mit ihr klagten der alte Sigismund und alle ihre Freunde.Siegfrieds Ritter kamen, den Tod ihres Herrn zu rächen. Doch Krimhilde sprach:Vergießet kein Blut, Gott selbst wird uns rächen.Ein Sarg wurde geschmiedet von Gold und von Silber; Siegfried wurde hineingelegt und in die Kirche getragen. Krimhilde folgte und auch Gunther, seine Brüder und Hagen.Als die Brüder den großen Jammer der Schwester sahen, da erfaßteReueihr Herz.Schwester, sprachen sie, wir haben ihn nicht getötet; dieSchächerhaben es getan.O, ich kenne die Schächer! rief Krimhilde, — kommt her und berühret die Leiche!Alle taten so; und als Hagen kam, da begann die Wunde zu fließen.O, ich wußte es, ich wußte es! — er ist der Mörder! schrie Krimhilde.Tröste dich, Schwester, sprach da jung Giselher, ich will dirersetzenmit meiner Liebe, was Siegfried dir gewesen.Siegfried ersetzen? rief sie und fiel nieder neben dieLeiche; und drei Tage und drei Nächte blieb sie da; und Tag und Nacht kamen auch die Armen, zu singen und zu beten, und Krimhilde ließ Geld verteilen an alle, welche kamen.Am vierten Tage wurde der Sarg geschlossen und zu Grabe getragen.Der Zudrang des Volkes war groß und dasSchluchzentönte lauter, als das Läuten der Glocken und das Singen der Priester.Noch einmal muß ich ihn sehen, schrie plötzlich Krimhilde, — o, noch einmal!Man mußte den Sarg wiedererbrechen. Da umschlang sie den schönen Kopf des Toten und küßte ihn und weinte und wollte ihn nicht lassen. Manrißsie zuletzt mit Gewalt vom Sarge und brachte sie in die Burg. Hier lag sie besinnungslos bis zum nächsten Tage.Der alte König Sigismund brach auf; Krimhilde aber wollte nicht wieder nach Xanten; nahe bei Siegfrieds Grab baute sie für sich eine Wohnung; und mit vollen Händen teilte sie Gold vom Nibelungen-Schatze unter die Armen. Das war ihre einzige Freude.Herr Meister: Mehr dachte ich für heute nicht zu geben, — und ich fürchte schon, daß dieses zu viel war.Bella: O nein, Herr Meister. Jetzt bin ich erst begierig nach dem, was nun folgt; denn es kann doch so nicht enden!Herr Meister: Nein. Dieses war noch nicht die Hälfte. Es folgt nun ein sehr poetischer und interessanter Teil, worin wir besonders viel hören über den bösen Hagen und auch über Krimhilde. Sie wird König Etzel's Gattin und so weiter, und so weiter. Alles dieses ein anderes Mal, nicht heute.Louis: Wie schade! Ich hätte Ihnen die ganze Nacht zuhören mögen, Fräulein Martha.Martha Meister: Das ist ja ein großes Kompliment für Vaters Erzählung; ich danke Ihnen in seinem Namen und in meinem eignen.Bella: Aber was für eine Frau diese Brunhilde war! Das wär'[IV-4]eine Frau für Louis!Louis: So? Wünschen Sie mir wirklich solch' ein Weib? O, Bella, Bella! — Die Damen sind heute zu grausam mit mir. — Denken Sie nur, Martha, meine eigne Schwester sagte mir vor Abend: Louis, Du bist doch eigentlich gar nichts. Du bist weder ein Mann, noch ein Kind; und kleine Knaben sind so unmanierlich, weißt Du? so roh. — Nun bitte ich Sie, beste Frau Meister, sagen Sie mir doch, sehe ich aus wie ein kleiner, roher, häßlicher, unmanierlicher Junge? Sehen Sie einmal, ich bin beinahe so groß, wie Herr Meister.Frau Meister: Ihr müßt nicht lachen, Ihr jungen Damen. — Louis, Sie sind ein ganzer Mann.Louis: Ich danke Ihnen, Frau Meister!Gretchen: Ha, ha, ha! Sie amüsieren mich sehr, Herr Louis. Ha, ha, ha!Otto: Darf ich Dir einen Rat geben, Louis?Louis: Nun, Bruder Otto?Otto:Widersprichnie den Damen.Louis: Hm — Ja, Du hältst es immer mit ihnen.Otto: Und darum geht es mir auch immer so gut.Bella: Das ist recht! Respekt soll man haben, Respekt vor uns!Herr Meister: Haben Sie es gehört, mein guter Freund Louis? Wir müssen unsfügenin unser Schicksal; wir kämpfenumsonstdagegen an. Eine neue Zeit ist gekommen. Die früher Herren waren, sie werden nun Sklaven und die Sklavinnen werden zu Herrinnen.Bella: Die Frauen — Sklavinnen? Das ist wohl nur Phantasie, Herr Meister!Herr Meister: Keine Phantasie, mein Fräulein, sondernWirklichkeit.Gretchen: Aber, Papa, war denn das Weib eine Sklavin bei Griechen oder Römern?Herr Meister: Nein, mein Kind, sie war nicht Sklavin, aber sie war die erste Dienerin des Mannes. Was schön und was wahr ist, das haben uns wohl die Völker desAltertumsgelehrt; aber das Weib zu ehren, — nicht. Es war erst ein christlicher Dichter, welcher sang: »Ehret die Frauen, sie flechten und weben himmlische Rosen ins irdische Leben.«Gretchen: Willst Du damit sagen, Papa, daß erst mit dem Christentume eine bessere Zeit für die Frauen begonnen hat?Herr Meister: Ganz recht, das will ich. Es war ein Weib, das Jesus Christus geboren hatte, und darum verehrte man Maria. Und später, als das Christentum sich mehr und mehr ausbreitete, waren es christliche Ritter und christliche Minne-Sänger, welche die Frauen verehrten, wie es nie ein Volk des Altertums getan hatte. Ich kenne keinen Dichter des Altertums, der so schön von den Frauen gesungen hat, wie Walter von der Vogelweide:[IV-5]»Durhsüeßetund geblüemet sint die reinen frouwen:eß wart nie niht sô wünneclîches an ze schouwenin lüften noch ûf erden noch in allen grüenen ouwen.Liljen unde rôsen bluomen, swâ die liuhtenin meien touwen dur daß gras, und kleiner vogele sanc,daß ist gein solher wünnebernden fröide kranc,swâ man siht schœne frouwen. daß kan trüeben muoterfiuhten,Und leschet alleß trûren an der selben stunt,sô lieblîch lache in liebe ir süeßer rôter muntund strâle ûß spilnden ougen schieße in mannes herzengrunt.«Bella: Das ist freilich sehr schön und sehrschmeichelhaft für uns. Aber, Herr Meister, haben im Mittel-Alter alle Menschen die Frauen so geehrt, oder waren es nur die Minne-Sänger, die so von uns dachten?Herr Meister: Es waren allerdings nur die Ritter und die Minne-Sänger, also die feineren Klassen der Gesellschaft, die den Wert der Frauen erkannten. Vergoldet nicht die Sonne zuerst dieSpitzender Berge,bevor ihr herrlicher Schein auch hinab in dasTal[IV-6]dringt? — Auch für die Frauen der unteren Klassen begann bald dieErlösung— durch Dr. Martin Luther.Bella: O, Herr Meister, ich sehe schon, Sie wollen uns zeigen, daß das Heil für die Frauen aus Deutschland kommt, wie so vieles andere, was die Menschen beglückt hat.Herr Meister: Nein, mein Fräulein, daran habe ich allerdings nicht gedacht. Aber ich wollte Ihnen zeigen, daß das Heil der Frauen immer aus dem Norden kam.Gretchen: Papa, hat denn auch die Befreiung der Frauen etwas mit der Geographie zu tun?Herr Meister: Sehr viel, mein Kind. Ist nicht das Weib im Norden, sagen wir z.B. in Deutschland oder in England, geachteter, als im Süden: in Griechenland, in Italien, in der Türkei? Und ist das nicht ganz natürlich?Im Süden ist die Natur freundlich mit dem Menschen und giebt ihm alles, wie eine gütige Mutter. Dort ist die Sonne warm, die Luft mild, und derErdbodenist reich. Die Natur giebt dem Manne im Süden mit leichter MüheNahrungundSchutz, darumbedarfder Mann im Süden des Weibes und des Hauses nicht so sehr, wie der Mann im Norden.Aber wie war es früher im Norden. Der Mann kam abends aus dem Walde, und die Kälte des Winters war strenge. Er hatte gejagt oder die Bäume des Forstes gefällt; und nun war er hungrig und müde.So erreichte er sein Heim. Da aber stand sein Weib an der Thüre und erwartete ihn mit liebendem Blicke, mit offenem Arme. Sie nimmt ihm die Waffen ab, sie führt ihn zum Herde an das erwärmende Feuer und dann zum reichlichen Mahle, das sie bereitet.Dem Manne wird wohl, er fühlt sich glücklich und er weiß, daß er dieses seinem treuen Weibe zu danken hat; er erkennt den Wert ihrer Wohltat — und ehrt und liebt das Weib.Was die Natur im Norden dem Manneversagthat, das giebt ihm reichlich das Weib.Wundern Sie sich nun, daß die rohen Germanen das Weib höherschätzten, als die kultivierten Römer? Wundern Sie sich nun, daß die Minne-Sänger, diese Dichter des Nordens, im Weibe das Symbol alles Guten und Schönen sahen, während die Troubadours, diese Dichter des Südens, im Weibe nur die Geliebte des Mannes erblickten? Und wundern Sie sich nun, Bella, daß auch ein Germane in der neuen Zeit uns das höchste Ideal eines Weibes gegeben hat?Gretchen: Und von welchem Manne sprichst Du, Papa?Herr Meister: VonGoethe[IV-7].Frau Meister: Ich dachte es.Martha:Goethe[IV-8], Papa?Goethe[IV-9], meinst Du?Herr Meister: Ja, liebe Martha; und denkst Du nicht, mein liebes Weibchen, daß unsere TöchterGoethes[IV-10]»Iphigenie« oft und recht oft, und gut und recht gut studieren sollten?Frau Meister: Gewiß, Wilhelm, ich denke wie Du; und ich denke auch, daß alle jungen Damen dasselbe tun sollten. Es würde uns allen sehr lieb sein, wenn Du jetzt ein wenig über dieses wundervolle Werk erzählen wolltest.Herr Meister: Wenn Du es wünschest, gerne. Sie haben von Tantalus gelesen, meine Freunde, nicht wahr? — Nun wohl. — Tantalus war der Sohn des Zeus und der Pluto und wohnte in seiner Burg am Berge Sipylus.Unter allen Königen war er der stärkste und reichste; denn er hatte so viele Länder, daß man sie in drei Tagen nicht durchwandern konnte, und darin hatte er viele Herden von Schafen undRindern.Bei den Menschen war er überall beliebt und bei den Göttern so sehr, daß sie ihn oft einluden, im Olymp an ihrer Tafel mit ihnen zu speisen, und ihn oft um seine Meinung fragten; denn sie kannten seine Weisheit.Daher wurde Tantalus sehr stolz und dachte von sich sehr hoch und mehr, als recht war; denn was ich bin, so dachte er, bin ich durch mich selbst, durch meine eigene Kraft, durch meine eigenen Taten; und am Ende sind die ewigen Götter nicht mehr, als ich bin, vielleicht nicht einmal so viel. — So sprach er und verübte eineabscheulicheTat, um dieAllwissenheitder Götter zu prüfen.Dann aber waren die Götter erzürnt und stürzten ihnvon der göttlichen Tafel tief hinab in die Unterwelt und straften ihn fürchterlich.Und auch dieNachkommendieses Tantalus waren stark, klug, nobel, aber oft auch stolz und übermütig. Aus dieser Familie stammte Agamemnon.Er warFeldherrder Griechen, als sie nach Troja zogen, und seine Tochter Iphigenie war der Göttin Diana geopfert worden. So dachten die Griechen, Agamemnon und Klytemnestra, seine Gattin.Diana aber, die Göttin, hatte Mitleid mit der herrlichen Iphigenie gehabt und hatte sie in einer Wolke auf die Insel Tauris gebracht.Hierweiltesie in einem Tempel als die Priesterin der Göttin Diana zum Heile vieler Menschen. Denn der König Thoas, ein ernster, roher Mann, wurde freundlicher, da er die schöne, milde Jungfrau sah; er folgte ihrem Worte und wurde milder gegen seine Diener und gegen sein Volk. Alles war besser geworden in dem Lande von dem Tage an, da Iphigenie darin weilte.Wenn früher Männer aus fremden Ländern nach Tauris gekommen waren, so wurden sie getötet; nun aber war man gut gegen sie und sandte sie in die Heimat zurück.Iphigenie aber ward nicht froh im fremden Lande und unter fremden Menschen und sie sehnte sich zurück in die teure Heimat, zu ihrem Vater, zu ihrer Mutter, zu ihrer Schwester, zu ihrem Bruder Orest, der noch klein war, da sie ihn verlassen hatte. Und oft stand sie amMeere, sah weit hinaus und grüßte die Meeres-Wellen, die vielleicht hinzogen nach ihrer lieben Heimat.An einem Tage aber war der König zum Tempel gekommen, um Iphigenie zu seiner Gattin zu nehmen; denn er war weib- und kinderlos geworden.Sie aber sagte zu ihm: Ich ehre dich, o König, wie einen zweiten Vater, wie einen Freund; doch dein Weib vermag ich nicht zu werden, denn meine Heimat ist es, nach der ich mich sehne.Der König aber war über solche Worte unzufrieden und sprach: Wohlan, es sei also: Kommt einGliedaus deiner Familie, dich heimzuführen, so magst du gehen; wo nicht, so werde mein Weib. — Doch wahrlich, es beginnen von diesem Tage an wieder die alten Sitten meines Volkes!Und der König ging in seinem Zorne undgebot: Man höre nicht mehr auf das Wort jener Priesterin. Man opfere, wie früher, alle Fremden, die diese Insel betreten, und man beginne sofort mit den zweien, die man vor kurzem an der Küste gefunden.Der eine dieser Gefangenen aber kam durch denHain. Er war ein Grieche, und nach vielen Jahren zum ersten Male hörte Iphigenie wieder die Laute ihrer geliebten Mutter-Sprache. Und sie hörte auch, daß Troja gefallen, daß ihr Vater heimgekommen und durch die Hand seiner eigenen Gattin ermordet sei; denn sie hatte es nicht vergessen können, daß er Iphigenie hatte tötenlassen; — und Iphigenie hörte mehr; sie hörte, daß Orest, ihr Bruder, wieder die eigene Mutter getötet hätte, um den Vater zu rächen.Ach, Unglück über Unglück war gekommen über ihr Haus, und nun sollte sie das Schrecklichste tun: Sie selbst sollte ihren Bruder opfern; denn Orest, ihr Bruder, stand nun vor ihr; er war der zweite der Gefangenen; er selbst hatte ihr jene fürchterlicheKundeaus der Heimat gebracht.Wie groß ihre Freude war, den Bruder zu sehen, den heißgeliebten, den lang vermißten, so groß war auch ihr Schmerz über alles, was sie gehört und über das Übel, das den Bruder befallen hatte; — denn er fiel oft in denfürchterlichster Wahnsinndurch den Gedanken an seine unmenschliche Tat.Aber Iphigenie wollte ihm Hülfe bringen; ja, sie mußte den beiden folgen; denn ihr Bruder war mit seinem Freunde Pylades gekommen, dasGötterbildder Diana aus dem Tempel zuentführen.Iphigenie wollte ihnen helfen und mit ihnen entfliehen. Sie konnte ihre Freiheit wieder gewinnen, sie konnte die Heimat und Elektra, ihre teure Schwester, wieder sehen und bei dem geliebten Bruder leben.Das alles wollte und konnte sie nun erreichen. Wie glücklich sie war!Doch ach! — durfte sie es tun? War Thoas, der König, nicht ihr väterlicher Freund, ihr Wohlthäter? — Undankbar wollte sie nimmer sein! Niemals wollte sieunrecht tun, niemals, selbst dann nicht, wenn sie die Heimat nie wieder sehen sollte, — die Heimat, die ihr so teuer war; lügen wollte sie nicht, selbst wenn der Bruder unglücklich werden sollte.Sie glaubte an das Gute, Edle in den Menschen, und so ging sie zu Thoas, dem König, und sagte ihm den Plan,offenbarteihm alles und bat ihn, sie zu retten, sie und den Bruder und dessen Freund; sie bat ihn, eine Tat zu tun, so groß und so edel, wie diese.Langezauderteder König. Es ward ihm schwer, sich von ihr, dem geliebten Weibe, zu trennen; es ward ihm schwer, die beiden Griechen, seine Feinde, ungehindert ziehen zu lassen.Aber das Wort Iphigeniens und ihrWesenwaren so mächtig, daß der König hörte und die großeTat[IV-11]vollbrachte. — Sieschiedvon ihm in Freundschaft; ihr Bruder ward geheilt vom Wahnsinn und war wieder froh.So wirkt ein Weib. Kultur, milde Sitten, Wohlfahrt und Glück bringt sie dem Lande; sie macht glücklich, edel und groß alle, die in ihrer Nähe sind; dem Kranken und allen Unglücklichen bringt sie Heilung und neue Lust zum Leben.So groß ist die göttliche Kraft des Weibes. Sie wirkt gutes durch den Ton ihrer Stimme, durch den Blick ihres Auges, durch ihr ganzes Wesen; aber dann nur kann sie es vollbringen, wenn ihr Herz rein, wenn ihre Seele groß, wenn sie ist, was sie sein soll: EinePriesterin im Hause und eine Förderin des Guten und Schönen auf Erden.Martha: Papa!Herr Meister: Meine Tochter!Martha: Von heute an will ichGoethe[IV-12]lieben um seiner »Iphigenie« willen.Herr Meister: Das thue nur, meine Tochter, Du thust recht. — Aber Mama, wir bedürfen nun auch des Materiellen. Wo sind die schönen Früchte, die uns die Herren Parks so freundlich gesandt haben?Frau Meister: Martha wird so gut sein, sie uns zu reichen.Herr Meister: Aber, Herr Otto, wie geht es Ihrem Herrn Bruder, dem Doktor?Otto: Er sagte mir, daß er vielleicht noch kommen würde, wenn auch spät.Gretchen: Louis, können Sie gutRätsel lösen?Louis: O ja.Gretchen: Nun, was ist das?

Brunhilde staunte über solche Kraft und war bitter, denn sie war besiegt zum ersten Mal, besiegt von Gunther, — so glaubte sie nämlich.

Ja, wenn es Siegfried gewesen wäre, dachte sie, wie froh wäre ich dann! Wie gerne hätte sie ihm den Sieggegönnt. Aber da sie nun Gunther folgen sollte, sagte sie: Nein, ich kann noch nicht, ich muß erst meine Freunde sehen.

Und sie schickte Boten nach allen Seiten, daß die Ritter ihres Landes kämen.

Das bedeutet nichts Gutes, sprach Hagen; die Königin will uns nicht folgen; den Krieg will sie mit uns. Warum läßt sie sonst diese Ritter kommen?

Da kann ich helfen, sprach Siegfried; ich gehe und komme bald zurück mit tausend starken Helden.

Bleib nicht zu lange, sprach Gunther; und Siegfriedzog ab.

In einem Schifflein zog er durch das Meer; und das Schifflein flog wie der Wind. Aber den Schiffer konnte niemand sehen; Siegfried segelte in seiner Tarn-Kappe.— Nach einem Tage und einer Nacht kam er in das Nibelungen-Land.

Dort stand eine einsame Burg auf einem hohen Berge.Dahin lenkte Siegfried seine Schritteund klopfte dort an eine Thür. Innen schlief ein Riese; der bewachte die Thüre, und neben ihm lagen seine Waffen.

Werpocht? rief der Riese.

Ein Ritter! antwortete Siegfried. Öffne!

Der Riese stand auf, zog seine Rüstung an,hobden Helm auf seinen Kopf, öffnete die Thür und schlug mit einerEisen-Stangenach Siegfried.

Dieser zog sein Schwert und schlug so gewaltig auf den Riesen, daß es durch den ganzen Berg schallte und daß auch der Zwerg Alberich erwachte.

Er rüstete sich und lief an die Thüre und kam in dem Augenblicke, als Siegfried den Riesen band.

Nun begann Siegfried mit Alberich zu kämpfen; erzupfteihn an dem langen Barte, und der Zwerg schrie laut vor Schmerz. — Siegfried band den Zwerg, sowie er den Riesen gebunden hatte.

Wer bist du? rief der Zwerg.

Dein Herr! rief Siegfried. Treuloser Bösewicht, kennst du mich nicht besser? Vor Jahren war ich hier und habe den Berg erobert und dich und alle Nibelungen.

Wahrlich, du bist Siegfried! rief der Zwerg. Und nachdem Siegfried ihn losgebunden hatte, lief er zurück in den Berg, wo die Nibelungen auf ihren Betten lagen, und er rief:

Auf, ihr Helden! Eilt zu Siegfried, Euerm Herrn! — undim Nustanden tausend Nibelungen wohlgerüstet da. Alberich führte sie hinaus zu Siegfried.

Siegfried zog mit ihnen ab und kam am nächsten Tage zurück zu seinen Freunden auf der Isenburg. Brunhilde sah die Riesen underklärte, sie wäre bereit, mit Gunther zu gehen.

Bald waren alle wieder auf dem Schiffe und auf der Fahrt nach Worms.

Es war eine freudige Fahrt; mit Tanz und Gesang und Spielverkürztensie die Zeit. Neun Tage waren sie gefahren und sie näherten sich Burgund. Gunther bat Siegfried, nach Worms voraus zu reiten, sein Glück und seine Ankunft zu verkünden.

Wie glücklich war Siegfried, als er diesenAuftraghörte. Seine Ungeduld, seineSehnsuchtwuchsen, je näher er Worms kam, wo Krimhilde ihn sehnsuchtsvoll erwartete.

Mit vierundzwanzig Rittern ritt er auf Worms zu. Aber bald hörte er aus dem Schlosse lautes Klagen und Weinen, denn die Frauen hatten ihn ohne Gunther kommen sehen.

Als aber Siegfried im Schlosse stand, inmitten der Frauen, als er ihnen erzählte, daß Gunther ihm folge mit seiner Braut Brunhilde, — da verwandelte sich das Weinen in Freude und inJubel, und Krimhilde rief:

O, edler Ritter, dürfte ich euch nur mein Gold geben,als Boten-Lohn! Aber wie könnte ich euch solches nuranbieten?

Und hätte ich dreißig Länder, erwiderte Siegfried, so wäre ich nicht zu stolz, aus eurer Hand das kleinste Geschenk anzunehmen.

Da ließ Krimhilde vier und zwanzig goldeneSpangenmit Edel-Steinen bringen und gab sie Siegfried. Dieser aber verteilte sie wieder unter Krimhildens Mädchen.

Nun laßt uns an den Strom gehen, sprach Siegfried, die Freunde zu empfangen.

Und bald bewegte sich ein langer Zug zum Rhein. Und da die Sonne schien, glitzerte alles von Gold und Juwelen. Hochzu Rosseaber saßen viele Burgunder-Frauen im feinsten Schmucke, und tapfere Ritter führten die Pferde der Edel-Frauen; Orteweinbegleitetedie Königin Ute, Siegfried aber führte Krimhildens Pferd am Zügel.

So kamen sie an den Rhein, und bald landeten die Schiffe.

An Gunthers Hand stieg Brunhilde aus dem Schiffe, und ihnen folgten viele Frauen und tapfere Ritter.

Krimhilde eilte auf Brunhilde zu und hieß sie willkommen mit Kuß und Umarmung.

Da sprach wohl mancher Ritter: Nie habe ich zwei Frauen von solcher Schönheit zusammen gesehen.

Doch die Kenner sagten: Krimhilde ist die schönere. — Bald darauf bewegte sich der Zug jubelnd zum Palaste des Königs.

Gunther hatte versprochen, dem tapfern Siegfried seine Schwester Krimhilde zum Weibe zu geben für seine Hülfe im Kampfe; und bevor sie sich niedersetzten zum Hochzeits-Mahle, erinnerte Siegfried König Gunther an sein Versprechen.

Was ich geschworen, will ich halten, sprach Gunther und ließ Krimhilde kommen.

Und als sie vor ihm stand in einem Ring von Helden, und als er mit ihr von einem Ritter sprach, den er für siegewählt, da errötete sie und ihr Herz klopfte gewaltig, denn sie ahnte, daß der Bruder von Siegfried sprach; und da sagte sie leise und verschämt:

Bruder, ich gehorche. Da küßte Siegfried vor allen Rittern seine schöne Braut.

Bald saßen sie bei Tische. Doch Brunhilde schien nicht glücklich zu sein! Warumbißsie die Lippen zusammen? Warum blickten die Augen baldtrübe, bald zornig?

Ihrgegenübersaß Siegfried undnebenihm Krimhilde, die liebliche Krimhilde! Und Thränen der Eifersucht, der bitteren, wilden Eifersuchtstürztenaus Brunhildens Augen.

Warum weinst du? sprach Gunther zärtlich und besorgt.

Auch du solltest weinen, antwortete schnell Brunhilde, über das Unglück deiner königlichen Schwester, die du erniedrigt und an einen Vasallen vergeben hast.

Später wirst du alleserfahren, sprach Gunther darauf.

Nach der Tafel begannen die Kampf-Spiele. Brunhilde sah die Schilde, die Schwerter, die Lanzen, und die alte Kampf-Lust erwachte wieder in ihr. Und als des Abends Brunhilde ganz allein war mit Gunther, kam er in große Not: sie nahm ihren Gürtel, band Gunthers Hände und Füße,trugihn zu einem Nagel und hängte ihn an die Wand im Zimmer.

Sein Bitten half nichts, er mußte hängen bleiben bis an den lichten Morgen. Da hatte sieMitleidmit ihm und band ihn wieder los. Gunther kam zu Siegfried und klagte seinLeid.

Da sprach Siegfried: Laß mich wieder mit ihr kämpfen; mir soll sie nicht widerstehen; in meiner Tarn-Kappe werde ich sie besiegen.

Und wenn du sie töten würdest, es wäre mir nicht leid; denn sie ist ein schreckliches Weib.

Noch einmal zog Siegfried seine Tarn-Kappe an, noch einmal besiegte er Brunhilde, nahm ihr Ring und Gürtel ab und ging. Ring und Gürtel aber schenkte er seiner holden Krimhilde. Hätte er es nicht getan, es wäre weiser und besser gewesen.

Noch vierzehn Tage dauerte das Hochzeits-Fest; länger konnte Siegfried nicht bleiben; nach Hause mußte er nun ziehen, wo ihn sein Vater schmerzlich erwartete, und wo seine Mutter täglich weinte um den Sohn, den sie verloren glaubte.

Wie herzlich küßten die glücklichen Eltern Krimhilde, ihres geliebten Sohnes Weib, als sie ankam. Wieviele Freuden-Thränen weinten sie, als ihr glücklicher Helden-Sohn vor ihnen stand!

Sigismund ließ seinen Sohn zum König krönen; denn er selbst wollte nun ruhen.

Zehn Jahre lang genossen Siegfried und Krimhilde das reinste Glück und sie hatten auch einen Sohn; den nannten sie Gunther.

Auch König Gunther hatte einen Sohn, den hatte er Siegfried genannt; der war seine einzige Freude; denn in Brunhildens Herz herrschten Eifersucht und Haß, und oft fragte sie: Warum kommt Siegfried nie an unsern Hof?

Er wohnt zu fern von hier, war Gunthersgewöhnliche Antwort.

Aber ist Siegfried nicht dein Vasall, und muß der Vasall nicht tun, was sein Herr ihm befiehlt? fragte dann Brunhilde.

Dann lachte Gunther und antwortete nicht. Aber sie wollte Siegfried wieder sehen; er mußte kommen, und darum sagte sie eines Tages gar freundlich:

Ach Gunther, wiesehneich mich nach deiner Schwester! Wie oft denke ich an die glücklichen Tage, da ich dich gewann, und da Krimhilde sich mit Siegfriedvermählte. O, laß sie kommen! Laß sie recht bald kommen! — zur nächstenSonnen-Wende!

Und Gunther war schwach genug, ihr zu glauben und zugehorchen. Dreißig Ritter schickte er ab. Diese kamenin drei Wochen nach Norwegen, wo Siegfried und Krimhilde gerade wohnten.

Krimhilde lag auf dem Ruhe-Bette. Da kamen ihre Mädchen in das Zimmer und brachten die freudige Botschaft: Fremde Ritter sind gekommen und sie sehen aus wie Burgunder!

Der starke Siegfried hörte Gunthers Einladung und antwortete, daß er in zwölf Tagen kommen wollte mit seinem Vater Sigismund und mit Krimhilde.

Die Botenkehrtenzurück und meldeten, was sie gehört.

Ist Krimhilde noch so schön? war Brunhildens erste Frage.

Sie wird kommen, und du wirst sie sehen, antworteten die Boten, und sie zeigten auch die kostbaren Geschenke, die sie von Siegfried erhalten hatten.

Da sprach Hagen: Siegfried könnte sein ganzes Leben lang geben und würde immer noch reich sein, denn er besitzt den Nibelungen-Schatz. Ich selber möchte den wohl besitzen!

Nun machte man große Vorbereitungen in Worms zum Empfange der Gäste. Gunther ging zu Brunhilde und sprach: Wie einst meine Schwester dich empfing, als du in dieses Land kamst, so will ich, daß du nun Krimhilde empfängst.

Das thue ich gerne, erwiderte sie.

Sie kommen morgen, sprach Gunther, geh' und bereite dich nun.

Brunhilde kam den Gästen entgegen in großerPracht. Die Königinnen küßten einander. Nie zuvor hatte man in Worms Feste gesehen, wie sie nun gefeiert wurden. Von allen Teilen des Burgunder-Landes kamen die Ritter gezogen. Zehn Tage lang ertönte in der Stadt der festliche Klang der Glocken und dazwischen in den Kampf-Spielen das Schlagen der Schwerter, das Stoßen der Lanzen. Selbst die Königin Brunhilde schien ihren Kummer zu vergessen im Geräusch und in der Freude des Festes.

Doch das Unglück kam schnell.

Am elften Tage waren die beiden Königinnen zusammen und sahen dem Kampf-Spiele zu. Da sprach Krimhilde, voll Freude und Stolz auf Siegfried sehend:

Sieh' nur, Schwester, sieh' auf Siegfried! Habe ich nicht einen Mann, der wohlverdienteHerr zu sein über alle Länder?

Bist du allein auf der Welt mit deinem Siegfried? erwiderte Brunhildegereizt.

Harmlos sprach Krimhilde weiter: Aber so sieh' doch nur, Brunhilde, wie schön und stattlich er ist!

Mag sein, sagte Brunhilde; und er ist doch nur Gunthers Vasall.

Nicht Vasall, liebe Schwester, GunthersGenosseist er und ein König wie Gunther, sprach Krimhilde noch immer harmlos.

Nein, er ist Gunthers Vasall! rief Brunhilde. Dashat er mir selber gesagt, als er mit deinem Bruder nach Island kam.

Glaubst du, daß der stolze König von Burgund seine Schwester einem Vasallen giebt? Drum, liebe Schwester, lasse den Streit und wisse: er ist kein Vasall.

Den Streit laß' ich nicht! rief Brunhilde. Siegfried ist ein Vasall, und von heute an wird er mir besser dienen, als bisher!

Das wird er nicht, rief Krimhilde, denn Siegfried ist ein König, und er ist werter, als mein Bruder Gunther!

Duüberhebstdich! schrie Brunhilde.Erweistman dir so große Ehren wie mir?

Nein; weil ich bescheidener bin, als du, sprach jetzt Krimhilde. Aber du sollst heute noch sehen, daß ich vor dir in die Kirche gehen kann.

Und sie stand auf, ging zu ihren Mädchen und befahl ihnen, ihr die schönsten und reichsten Kleider anzulegen. Dann ging sie mit ihnen zur Kirche. Alle wunderten sich, daß die beiden Königinnen nicht, wiesonst, zusammen zur Kirche gingen. Vor der Kirche aber stand Brunhilde und erwartete Krimhilde.

Halt! rief sie, als Krimhilde nahte. Geh' nicht in die Kirche vor mir, der Königin.

Sieh', stolze Brunhilde, sprach jetzt Krimhilde, wenn du schweigen könntest, das wäre dir besser, dann müßtest du nicht die bittere Wahrheit hören. Und nun will ich es dir auch sagen: Es war nicht Gunther, der mit dirkämpfte, es war mein Gemahl, der dich zweimal besiegte! Und damit du wissest, ich spreche die Wahrheit, so schaue! Erkennst du diesen Ring und diesen Gürtel als dein? Im Kampfe hat Siegfried dir beide genommen, und mir gab er sie dann zum Geschenke. Brunhilde war starr vor Schrecken und sie konnte nicht hindern, daß Krimhilde vor ihr eintrat in die Kirche.

Da war Musik und Gesang in der Kirche; aber eine saß da und hörte nichts davon, — es war Brunhilde.

Und da sie wieder in ihrem Palaste war, fand sie noch keine Ruhe, und sammelte ihre treuesten Ritter und bat unter Thränen: Overschafft mirRache, Rache an Siegfried!

Doch diese schwiegen, denn wer konnte mit Siegfried kämpfen? Da sprach Hagen: Meine Königin, warum weinet ihr?

O Hagen, rief die Königin, ich binbeschimpft! Siegfried hat mich beschimpft!

So soll er sterben; und können wir ihn nicht töten mit Kraft, so tun wir es mitList!

Nein, sprach da jung Gieselher, das darf nimmermehr geschehen.

Nein, sprach auch Gunther, sein Blut darf nicht fließen, so vieles habe ich Siegfried zu danken.

Zuletzt aber willigte er ein in Hagens teuflischen Plan.

Zwei und dreißig Boten ritten ein in Worms und brachten eine neue Kriegs-Erklärung von den Sachsen-KönigenLüdeger und Lüdegast. Doch dieses alles war nurScheinund die Boten waren nicht Sachsen, sondern es waren Burgunder, gekleidet wie Sachsen, und man wollte Siegfried töten auf dem Kriegs-Zuge.

Als Siegfried auch von dem Kriege gehört hatte, bot er Gunther seine Hülfe an und ging und rüstete seine Nibelungen.

Hagen aber ging zu Krimhilde, um Abschied von ihr zu nehmen, wie er sagte; in Wahrheit aber wollte er von ihr ein Geheimnis erfahren.

Hagen, sprach Krimhilde, euch vertraue ich meine Sorge. Ihr seid ein alter Freund, ich weiß es. O,vergeltetes nicht an mir und hasset mich nicht für das, was ich eurer Königin getan.

Euch hassen, Königin Krimhilde? Wie könnte ich das! Und Siegfried? — Wahrlich, keinen in der Welt liebe ich mehr, als euern tapfern Siegfried. Ich will ihm dienen, wo ich kann.

O, dank euch, edler Hagen, sprach Krimhilde. Seht, jetzt geht er wieder in den Krieg gegen die Sachsen, darum fürchte ich, es könnte ihm ein Leidgeschehen.

Was braucht ihr zu fürchten? sagte Hagen listig. Siegfried kann im Kriege nicht fallen. Ist er nicht unverwundbar?

Ach ja, erwiederte ängstlich Krimhilde, — als er den Lind-Drachen tötete, da badete er im heißen Blute, und seine Haut wurde hart wie Horn.

Und was fürchtest du nun? fragte Hagen.

Aber ein Linden-Blatt fiel auf seine linke Schulter; dahin drang kein Blut, und hier ist er leicht zu verwunden. Darum fürchte ich.

Da sprach der Falsche froh: Es ist wahrlich gut, daß ihr mir das sagtet. Nähet ein kleines Kreuz auf sein Gewand, genau über jeneStelle, damit ich ihn beschützen kann.

Das will ich, sagte Krimhilde froh. — Dank, edler Freund! Tausend Dank!

Hagen ging. Er wußte genug. Der Kriegs-Zug war nun nicht mehr nötig und anstatt des Kriegesveranstalteteman eine Jagd.

O,geh'[IV-2]nicht zur Jagd, sprach Krimhilde, als Siegfried von ihr Abschied nahm. O geh' nicht; ich fürchte, du möchtest nimmer wiederkehren.

Ich komme bald zu dir zurück; — und was könnte mir geschehen! Bin ich denn nicht unter Freunden?

O geh' nicht, bat sie, denn ein Traum hat mich gewarnt. Zwei wilde Schweine verfolgten dich über eine Heide, und alle Blumen waren rot von Blut. —

Es ist ein Traum, sprach er, nur ein Traum. Und sie sprach weiter: Dann stürzten zwei Berge zusammen, und du warst darunter begraben.

Er lächelte, küßte sie und ging; Krimhilde aber war sehr traurig.

Sie hatten schon den ganzen Tag gejagt; da sprachein Knecht zu Siegfried. Herr, hört ihr das Horn blasen? Wir müssen zum Abend-Brot eilen.

Geh' nur, sprach Siegfried; ich aber will erst den Bären fangen, den ich dort sehe. Er sprang vom Pferde, verfolgte den Bären, fing ihn und band ihn fest an seinen Sattel und ritt zurück zur Gesellschaft. Hier band er den Bären los; dieser lief in das Zelt und warf alles um. Die Burgunder flohen erschrocken davon. Siegfried aber folgte dem Bären, tötete ihn und kehrte zurück.

Da saßen die Helden auf dem grünenRasenund speisten, was die Diener brachten. Da sprach Siegfried:

Ich sehe hier genug zum Essen; doch warum bringen die Diener keinen Wein?

Hagen ist schuld daran, sprach König Gunther; er will uns verdursten lassen.

Ich hatte geglaubt, wir würden imSpessartjagen; darum sandte ich dorthin den Wein, sprach Hagen.

Und einer der Ritter sagte: Warum essen wir nicht näher beim Rhein? Dort ist wenigstens Wasser genug.

Wasser ist auch hier, sprach Hagen, eine Quelle voll guten Wassers; lasset uns zur Quelle gehen.

Oder besser noch, rief Siegfried, wir wollen dahin um die Wette laufen.

Siegfried lief in seiner vollen Rüstung; Gunther und Hagen aber hatten die ihrige abgelegt, und als sie an den Brunnen kamen, stand Siegfried da und wartete und ließ Gunther zuerst trinken.

Während dessenaber legte er selbst seine Rüstung ab; dann stieg auch er hinab, um zu trinken.

Da entfernte Hagen schnell Siegfried's Waffen, und als Siegfried sich bückte, spähte jener nach dem Kreuze auf der Schulter, nahm den Speer und warf ihn mit aller Kraft bis tief in die Brust.

Siegfried schrie laut auf, und der starke Hagen floh vor dem verwundeten Siegfried.

Dieser sprang auf; der Speer ragte weit hervor aus der Schulter; er suchte seine Waffen, aber fand nur den Schild. Den warf der todwunde Mann auf Hagen, daß er zu Boden fiel; aber Siegfried war bleich geworden und sank auf den grünen Rasen.

Die Burgunder standen um den sterbenden Helden und weinten.

Warum weint ihr? sprach Hagen. Freuet euch, jetzt sind wir aller Sorgen frei; ich habe ihn mit gutemBedachteerschlagen![IV-3]

O Gunther, sprach Siegfried, sorget für mein Weib, sie.... Mehr konnte er nicht sprechen. Der tapfere Held hatte geendet und alle Blumen ringsum waren rot vom Blute.

Nun legten sie SiegfriedsLeicheauf einen Schild und trugen ihn nach Worms. Es war spät in der Nacht, als sie ankamen, und Hagen ließ Siegfrieds Leiche vor Krimhildens Thüre legen.

Am Morgen ganz früh da läuteten die Glocken zur Kirche, und Krimhilde weckte ihre Dienerin, daß sie mitihr zur Kirche ginge. Ach, Königin, rief das Mädchen, hier liegt ein toter Ritter!

Mein Siegfried! schrie da Krimhilde und fielohnmächtigneben die Leiche, und sie erwachte wieder und rief: Siegfried! Siegfried! und brach dann in lauten Jammer aus, und mit ihr klagten der alte Sigismund und alle ihre Freunde.

Siegfrieds Ritter kamen, den Tod ihres Herrn zu rächen. Doch Krimhilde sprach:Vergießet kein Blut, Gott selbst wird uns rächen.

Ein Sarg wurde geschmiedet von Gold und von Silber; Siegfried wurde hineingelegt und in die Kirche getragen. Krimhilde folgte und auch Gunther, seine Brüder und Hagen.

Als die Brüder den großen Jammer der Schwester sahen, da erfaßteReueihr Herz.

Schwester, sprachen sie, wir haben ihn nicht getötet; dieSchächerhaben es getan.

O, ich kenne die Schächer! rief Krimhilde, — kommt her und berühret die Leiche!

Alle taten so; und als Hagen kam, da begann die Wunde zu fließen.

O, ich wußte es, ich wußte es! — er ist der Mörder! schrie Krimhilde.

Tröste dich, Schwester, sprach da jung Giselher, ich will dirersetzenmit meiner Liebe, was Siegfried dir gewesen.

Siegfried ersetzen? rief sie und fiel nieder neben dieLeiche; und drei Tage und drei Nächte blieb sie da; und Tag und Nacht kamen auch die Armen, zu singen und zu beten, und Krimhilde ließ Geld verteilen an alle, welche kamen.

Am vierten Tage wurde der Sarg geschlossen und zu Grabe getragen.

Der Zudrang des Volkes war groß und dasSchluchzentönte lauter, als das Läuten der Glocken und das Singen der Priester.

Noch einmal muß ich ihn sehen, schrie plötzlich Krimhilde, — o, noch einmal!

Man mußte den Sarg wiedererbrechen. Da umschlang sie den schönen Kopf des Toten und küßte ihn und weinte und wollte ihn nicht lassen. Manrißsie zuletzt mit Gewalt vom Sarge und brachte sie in die Burg. Hier lag sie besinnungslos bis zum nächsten Tage.

Der alte König Sigismund brach auf; Krimhilde aber wollte nicht wieder nach Xanten; nahe bei Siegfrieds Grab baute sie für sich eine Wohnung; und mit vollen Händen teilte sie Gold vom Nibelungen-Schatze unter die Armen. Das war ihre einzige Freude.

Herr Meister: Mehr dachte ich für heute nicht zu geben, — und ich fürchte schon, daß dieses zu viel war.

Bella: O nein, Herr Meister. Jetzt bin ich erst begierig nach dem, was nun folgt; denn es kann doch so nicht enden!

Herr Meister: Nein. Dieses war noch nicht die Hälfte. Es folgt nun ein sehr poetischer und interessanter Teil, worin wir besonders viel hören über den bösen Hagen und auch über Krimhilde. Sie wird König Etzel's Gattin und so weiter, und so weiter. Alles dieses ein anderes Mal, nicht heute.

Louis: Wie schade! Ich hätte Ihnen die ganze Nacht zuhören mögen, Fräulein Martha.

Martha Meister: Das ist ja ein großes Kompliment für Vaters Erzählung; ich danke Ihnen in seinem Namen und in meinem eignen.

Bella: Aber was für eine Frau diese Brunhilde war! Das wär'[IV-4]eine Frau für Louis!

Louis: So? Wünschen Sie mir wirklich solch' ein Weib? O, Bella, Bella! — Die Damen sind heute zu grausam mit mir. — Denken Sie nur, Martha, meine eigne Schwester sagte mir vor Abend: Louis, Du bist doch eigentlich gar nichts. Du bist weder ein Mann, noch ein Kind; und kleine Knaben sind so unmanierlich, weißt Du? so roh. — Nun bitte ich Sie, beste Frau Meister, sagen Sie mir doch, sehe ich aus wie ein kleiner, roher, häßlicher, unmanierlicher Junge? Sehen Sie einmal, ich bin beinahe so groß, wie Herr Meister.

Frau Meister: Ihr müßt nicht lachen, Ihr jungen Damen. — Louis, Sie sind ein ganzer Mann.

Louis: Ich danke Ihnen, Frau Meister!

Gretchen: Ha, ha, ha! Sie amüsieren mich sehr, Herr Louis. Ha, ha, ha!

Otto: Darf ich Dir einen Rat geben, Louis?

Louis: Nun, Bruder Otto?

Otto:Widersprichnie den Damen.

Louis: Hm — Ja, Du hältst es immer mit ihnen.

Otto: Und darum geht es mir auch immer so gut.

Bella: Das ist recht! Respekt soll man haben, Respekt vor uns!

Herr Meister: Haben Sie es gehört, mein guter Freund Louis? Wir müssen unsfügenin unser Schicksal; wir kämpfenumsonstdagegen an. Eine neue Zeit ist gekommen. Die früher Herren waren, sie werden nun Sklaven und die Sklavinnen werden zu Herrinnen.

Bella: Die Frauen — Sklavinnen? Das ist wohl nur Phantasie, Herr Meister!

Herr Meister: Keine Phantasie, mein Fräulein, sondernWirklichkeit.

Gretchen: Aber, Papa, war denn das Weib eine Sklavin bei Griechen oder Römern?

Herr Meister: Nein, mein Kind, sie war nicht Sklavin, aber sie war die erste Dienerin des Mannes. Was schön und was wahr ist, das haben uns wohl die Völker desAltertumsgelehrt; aber das Weib zu ehren, — nicht. Es war erst ein christlicher Dichter, welcher sang: »Ehret die Frauen, sie flechten und weben himmlische Rosen ins irdische Leben.«

Gretchen: Willst Du damit sagen, Papa, daß erst mit dem Christentume eine bessere Zeit für die Frauen begonnen hat?

Herr Meister: Ganz recht, das will ich. Es war ein Weib, das Jesus Christus geboren hatte, und darum verehrte man Maria. Und später, als das Christentum sich mehr und mehr ausbreitete, waren es christliche Ritter und christliche Minne-Sänger, welche die Frauen verehrten, wie es nie ein Volk des Altertums getan hatte. Ich kenne keinen Dichter des Altertums, der so schön von den Frauen gesungen hat, wie Walter von der Vogelweide:

[IV-5]»Durhsüeßetund geblüemet sint die reinen frouwen:eß wart nie niht sô wünneclîches an ze schouwenin lüften noch ûf erden noch in allen grüenen ouwen.Liljen unde rôsen bluomen, swâ die liuhtenin meien touwen dur daß gras, und kleiner vogele sanc,daß ist gein solher wünnebernden fröide kranc,swâ man siht schœne frouwen. daß kan trüeben muoterfiuhten,Und leschet alleß trûren an der selben stunt,sô lieblîch lache in liebe ir süeßer rôter muntund strâle ûß spilnden ougen schieße in mannes herzengrunt.«

Bella: Das ist freilich sehr schön und sehrschmeichelhaft für uns. Aber, Herr Meister, haben im Mittel-Alter alle Menschen die Frauen so geehrt, oder waren es nur die Minne-Sänger, die so von uns dachten?

Herr Meister: Es waren allerdings nur die Ritter und die Minne-Sänger, also die feineren Klassen der Gesellschaft, die den Wert der Frauen erkannten. Vergoldet nicht die Sonne zuerst dieSpitzender Berge,bevor ihr herrlicher Schein auch hinab in dasTal[IV-6]dringt? — Auch für die Frauen der unteren Klassen begann bald dieErlösung— durch Dr. Martin Luther.

Bella: O, Herr Meister, ich sehe schon, Sie wollen uns zeigen, daß das Heil für die Frauen aus Deutschland kommt, wie so vieles andere, was die Menschen beglückt hat.

Herr Meister: Nein, mein Fräulein, daran habe ich allerdings nicht gedacht. Aber ich wollte Ihnen zeigen, daß das Heil der Frauen immer aus dem Norden kam.

Gretchen: Papa, hat denn auch die Befreiung der Frauen etwas mit der Geographie zu tun?

Herr Meister: Sehr viel, mein Kind. Ist nicht das Weib im Norden, sagen wir z.B. in Deutschland oder in England, geachteter, als im Süden: in Griechenland, in Italien, in der Türkei? Und ist das nicht ganz natürlich?

Im Süden ist die Natur freundlich mit dem Menschen und giebt ihm alles, wie eine gütige Mutter. Dort ist die Sonne warm, die Luft mild, und derErdbodenist reich. Die Natur giebt dem Manne im Süden mit leichter MüheNahrungundSchutz, darumbedarfder Mann im Süden des Weibes und des Hauses nicht so sehr, wie der Mann im Norden.

Aber wie war es früher im Norden. Der Mann kam abends aus dem Walde, und die Kälte des Winters war strenge. Er hatte gejagt oder die Bäume des Forstes gefällt; und nun war er hungrig und müde.

So erreichte er sein Heim. Da aber stand sein Weib an der Thüre und erwartete ihn mit liebendem Blicke, mit offenem Arme. Sie nimmt ihm die Waffen ab, sie führt ihn zum Herde an das erwärmende Feuer und dann zum reichlichen Mahle, das sie bereitet.

Dem Manne wird wohl, er fühlt sich glücklich und er weiß, daß er dieses seinem treuen Weibe zu danken hat; er erkennt den Wert ihrer Wohltat — und ehrt und liebt das Weib.

Was die Natur im Norden dem Manneversagthat, das giebt ihm reichlich das Weib.

Wundern Sie sich nun, daß die rohen Germanen das Weib höherschätzten, als die kultivierten Römer? Wundern Sie sich nun, daß die Minne-Sänger, diese Dichter des Nordens, im Weibe das Symbol alles Guten und Schönen sahen, während die Troubadours, diese Dichter des Südens, im Weibe nur die Geliebte des Mannes erblickten? Und wundern Sie sich nun, Bella, daß auch ein Germane in der neuen Zeit uns das höchste Ideal eines Weibes gegeben hat?

Gretchen: Und von welchem Manne sprichst Du, Papa?

Herr Meister: VonGoethe[IV-7].

Frau Meister: Ich dachte es.

Martha:Goethe[IV-8], Papa?Goethe[IV-9], meinst Du?

Herr Meister: Ja, liebe Martha; und denkst Du nicht, mein liebes Weibchen, daß unsere TöchterGoethes[IV-10]»Iphigenie« oft und recht oft, und gut und recht gut studieren sollten?

Frau Meister: Gewiß, Wilhelm, ich denke wie Du; und ich denke auch, daß alle jungen Damen dasselbe tun sollten. Es würde uns allen sehr lieb sein, wenn Du jetzt ein wenig über dieses wundervolle Werk erzählen wolltest.

Herr Meister: Wenn Du es wünschest, gerne. Sie haben von Tantalus gelesen, meine Freunde, nicht wahr? — Nun wohl. — Tantalus war der Sohn des Zeus und der Pluto und wohnte in seiner Burg am Berge Sipylus.

Unter allen Königen war er der stärkste und reichste; denn er hatte so viele Länder, daß man sie in drei Tagen nicht durchwandern konnte, und darin hatte er viele Herden von Schafen undRindern.

Bei den Menschen war er überall beliebt und bei den Göttern so sehr, daß sie ihn oft einluden, im Olymp an ihrer Tafel mit ihnen zu speisen, und ihn oft um seine Meinung fragten; denn sie kannten seine Weisheit.

Daher wurde Tantalus sehr stolz und dachte von sich sehr hoch und mehr, als recht war; denn was ich bin, so dachte er, bin ich durch mich selbst, durch meine eigene Kraft, durch meine eigenen Taten; und am Ende sind die ewigen Götter nicht mehr, als ich bin, vielleicht nicht einmal so viel. — So sprach er und verübte eineabscheulicheTat, um dieAllwissenheitder Götter zu prüfen.

Dann aber waren die Götter erzürnt und stürzten ihnvon der göttlichen Tafel tief hinab in die Unterwelt und straften ihn fürchterlich.

Und auch dieNachkommendieses Tantalus waren stark, klug, nobel, aber oft auch stolz und übermütig. Aus dieser Familie stammte Agamemnon.

Er warFeldherrder Griechen, als sie nach Troja zogen, und seine Tochter Iphigenie war der Göttin Diana geopfert worden. So dachten die Griechen, Agamemnon und Klytemnestra, seine Gattin.

Diana aber, die Göttin, hatte Mitleid mit der herrlichen Iphigenie gehabt und hatte sie in einer Wolke auf die Insel Tauris gebracht.

Hierweiltesie in einem Tempel als die Priesterin der Göttin Diana zum Heile vieler Menschen. Denn der König Thoas, ein ernster, roher Mann, wurde freundlicher, da er die schöne, milde Jungfrau sah; er folgte ihrem Worte und wurde milder gegen seine Diener und gegen sein Volk. Alles war besser geworden in dem Lande von dem Tage an, da Iphigenie darin weilte.

Wenn früher Männer aus fremden Ländern nach Tauris gekommen waren, so wurden sie getötet; nun aber war man gut gegen sie und sandte sie in die Heimat zurück.

Iphigenie aber ward nicht froh im fremden Lande und unter fremden Menschen und sie sehnte sich zurück in die teure Heimat, zu ihrem Vater, zu ihrer Mutter, zu ihrer Schwester, zu ihrem Bruder Orest, der noch klein war, da sie ihn verlassen hatte. Und oft stand sie amMeere, sah weit hinaus und grüßte die Meeres-Wellen, die vielleicht hinzogen nach ihrer lieben Heimat.

An einem Tage aber war der König zum Tempel gekommen, um Iphigenie zu seiner Gattin zu nehmen; denn er war weib- und kinderlos geworden.

Sie aber sagte zu ihm: Ich ehre dich, o König, wie einen zweiten Vater, wie einen Freund; doch dein Weib vermag ich nicht zu werden, denn meine Heimat ist es, nach der ich mich sehne.

Der König aber war über solche Worte unzufrieden und sprach: Wohlan, es sei also: Kommt einGliedaus deiner Familie, dich heimzuführen, so magst du gehen; wo nicht, so werde mein Weib. — Doch wahrlich, es beginnen von diesem Tage an wieder die alten Sitten meines Volkes!

Und der König ging in seinem Zorne undgebot: Man höre nicht mehr auf das Wort jener Priesterin. Man opfere, wie früher, alle Fremden, die diese Insel betreten, und man beginne sofort mit den zweien, die man vor kurzem an der Küste gefunden.

Der eine dieser Gefangenen aber kam durch denHain. Er war ein Grieche, und nach vielen Jahren zum ersten Male hörte Iphigenie wieder die Laute ihrer geliebten Mutter-Sprache. Und sie hörte auch, daß Troja gefallen, daß ihr Vater heimgekommen und durch die Hand seiner eigenen Gattin ermordet sei; denn sie hatte es nicht vergessen können, daß er Iphigenie hatte tötenlassen; — und Iphigenie hörte mehr; sie hörte, daß Orest, ihr Bruder, wieder die eigene Mutter getötet hätte, um den Vater zu rächen.

Ach, Unglück über Unglück war gekommen über ihr Haus, und nun sollte sie das Schrecklichste tun: Sie selbst sollte ihren Bruder opfern; denn Orest, ihr Bruder, stand nun vor ihr; er war der zweite der Gefangenen; er selbst hatte ihr jene fürchterlicheKundeaus der Heimat gebracht.

Wie groß ihre Freude war, den Bruder zu sehen, den heißgeliebten, den lang vermißten, so groß war auch ihr Schmerz über alles, was sie gehört und über das Übel, das den Bruder befallen hatte; — denn er fiel oft in denfürchterlichster Wahnsinndurch den Gedanken an seine unmenschliche Tat.

Aber Iphigenie wollte ihm Hülfe bringen; ja, sie mußte den beiden folgen; denn ihr Bruder war mit seinem Freunde Pylades gekommen, dasGötterbildder Diana aus dem Tempel zuentführen.

Iphigenie wollte ihnen helfen und mit ihnen entfliehen. Sie konnte ihre Freiheit wieder gewinnen, sie konnte die Heimat und Elektra, ihre teure Schwester, wieder sehen und bei dem geliebten Bruder leben.

Das alles wollte und konnte sie nun erreichen. Wie glücklich sie war!

Doch ach! — durfte sie es tun? War Thoas, der König, nicht ihr väterlicher Freund, ihr Wohlthäter? — Undankbar wollte sie nimmer sein! Niemals wollte sieunrecht tun, niemals, selbst dann nicht, wenn sie die Heimat nie wieder sehen sollte, — die Heimat, die ihr so teuer war; lügen wollte sie nicht, selbst wenn der Bruder unglücklich werden sollte.

Sie glaubte an das Gute, Edle in den Menschen, und so ging sie zu Thoas, dem König, und sagte ihm den Plan,offenbarteihm alles und bat ihn, sie zu retten, sie und den Bruder und dessen Freund; sie bat ihn, eine Tat zu tun, so groß und so edel, wie diese.

Langezauderteder König. Es ward ihm schwer, sich von ihr, dem geliebten Weibe, zu trennen; es ward ihm schwer, die beiden Griechen, seine Feinde, ungehindert ziehen zu lassen.

Aber das Wort Iphigeniens und ihrWesenwaren so mächtig, daß der König hörte und die großeTat[IV-11]vollbrachte. — Sieschiedvon ihm in Freundschaft; ihr Bruder ward geheilt vom Wahnsinn und war wieder froh.

So wirkt ein Weib. Kultur, milde Sitten, Wohlfahrt und Glück bringt sie dem Lande; sie macht glücklich, edel und groß alle, die in ihrer Nähe sind; dem Kranken und allen Unglücklichen bringt sie Heilung und neue Lust zum Leben.

So groß ist die göttliche Kraft des Weibes. Sie wirkt gutes durch den Ton ihrer Stimme, durch den Blick ihres Auges, durch ihr ganzes Wesen; aber dann nur kann sie es vollbringen, wenn ihr Herz rein, wenn ihre Seele groß, wenn sie ist, was sie sein soll: EinePriesterin im Hause und eine Förderin des Guten und Schönen auf Erden.

Martha: Papa!

Herr Meister: Meine Tochter!

Martha: Von heute an will ichGoethe[IV-12]lieben um seiner »Iphigenie« willen.

Herr Meister: Das thue nur, meine Tochter, Du thust recht. — Aber Mama, wir bedürfen nun auch des Materiellen. Wo sind die schönen Früchte, die uns die Herren Parks so freundlich gesandt haben?

Frau Meister: Martha wird so gut sein, sie uns zu reichen.

Herr Meister: Aber, Herr Otto, wie geht es Ihrem Herrn Bruder, dem Doktor?

Otto: Er sagte mir, daß er vielleicht noch kommen würde, wenn auch spät.

Gretchen: Louis, können Sie gutRätsel lösen?

Louis: O ja.

Gretchen: Nun, was ist das?


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