Sektion 5 KopfV.Martha: Aber, — das ist ja englisch, und ich dachte, Anna schriebe deutsche Briefe!Bella: Das tut sie auch, Martha — siehst Du, hier beginnt der deutsche Teil, und so hübsch schreibt sie, ich habe ihn schon zwei mal ganz alleine für mich gelesen und ich möchte ihn wieder und wieder hören. Ach, bitte, süßes Gretchen, lies ihn doch einmal laut vor, ich weiß, Martha, es wird Dir viel Vergnügen machen, alles zu hören, was meine liebe, gute Schwester Anna schreibt. Willst Du, Gretchen, ja?Gretchen: Gewiß, Bella, gerne; wo soll ich beginnen?Bella: Hier, siehst Du?Gretchen: Also .... Entschuldige mich, teure Bella, daß ich meinen Brief auf englisch begonnen habe; ich schreibe jetzt so gerne englisch und höre es so gerne. Wenn ich auf der Straße gehe und höre hinter mir englisch sprechen, dann beginnt mein Herz so laut zu pochen, und ich muß mich umsehen und möchte jeden umarmen, aus dessen Munde ich den trauten Ton der englischen Sprachevernehme, — ich habeHeimweh.Ach, Schwester, das Heimweh ist eine traurige Krankheit! Das Herz tut einem so weh, daß man glaubt, es müsse brechen, und die Menschen scheinen uns alle so kalt, so herzlos zu sein, und man möchte immer allein sein und immer weinen. — Auch fürchtet man immer, man würde Vater und Mutter und Schwester und Freunde niemals wiedersehen, und allerlei traurige Gedanken kommen; — aber warum habt Ihr mich auch so lieb, daß ich immer an Euch denken muß! — Des Nachts träume ich oft, ich sei wieder bei Euch daheim, und alles wäre wieder wie früher; dann ist alles so schön, und ich bin so glücklich. Aber wenn ich dann aufwache, und die fremdenWändesehe, dann muß ich weinen.Ich habe heute einen neuen Hut; unsere liebe, teure Freundin hat ihn selbstangefertigt: Blaues Band und eine große weiße Feder aus Paris; ich sehe immer in den Spiegel und freue mich und denke: Was würde wohl Bella von meinem Hute sagen? — Ich bekomme auch ein neues Kleid von blauer Seide; blaue Seide, weißt Du, habe ich so gern.Was hier nun weiter folgt, liebe Bella, habe ich zusammen mit Frau Dr. Stellen geschrieben; und Du mußt erraten, welche Teile von meiner Freundin und welche von mir kommen. Ob das wohl schwer zu erraten ist?(Aus meinem Tage-Buche. Seite 37.)3 Uhr 35 Minuten morgens.Das war eine lange, lange Fahrt! Ich bin froh, daß unser Hotel so nahe beimBahnhofeist. Mein Zimmer ist freundlich und bereits hell vom Lichte des kommenden Tages; ich öffne das Fenster und trinke die frische, wohlthätige Morgen-Luft. Ein langer Streifen, rot wie köstliches Gold, zieht sich am fernen Horizont entlang, und prächtiger und immer prächtiger wird der Farben-Glanz, bis sie selbst erscheint — die Sonne in ihrer vollen, majestätischen Schönheit. — Gewiß, so schön mag sie gewesen sein am ersten Tage der Schöpfung.Ihr Anblick macht mich wieder frisch, und ich vergesse auf einige Minuten, wie müde ich bin.Vor mir liegt die Stadt noch schlafend. Wie lieblich sie aussieht, beschienen vom Morgen-Rot! Solche Häuser habe ich niemals gesehen; sie erinnern an eine Zeit, die längstdahingeschwunden. DieDächersind alt und spitz und haben viele Türmchen. Eine alte Burg steht oben auf dem Berge, und ringsum liegt die Stadt. Zwei Türme von großer Schönheit stehen am Thore vor mir. Von der nahen Kirche kündet gerade die Glocke die vierte Stunde an. Männer kommen; ihre Schritte schallen laut durch die stille Straße; die Männer gehen zur Arbeit, und ich gehe zur Ruhe. Was soll ich Dir wünschen: Gute Nacht oder Guten Morgen?(Zwei Tage später.)»Lebe wohl, du alte, gute Stadt; einst warst du schön und stolz; — Ruinen und Erinnerungen sind dir geblieben, — doch auch diese sind noch schön! Ich will oft an dich denken. Lebe wohl, du gute, alte Stadt! Ich muß weiter!«Weißt Du, liebe Bella, in welcher Stadt ich das geschrieben habe? — Ein großer Maler lebte hier; er war der größte Maler Deutschlands und lebte gleichzeitig mit Raphael. — Raphael hat ihm persönlich einmal geschrieben und ihm aus Hochachtung ein selbst gemaltes Bild gesandt. Das Haus, in dem er wohnte, steht noch; es ist groß und wohlerhalten. DerKünstlerhatte eine schöne Frau, aber diese war sehr böse gegen den armen D.... — Halt! Fast hätte ich den Namen genannt! Kennst Du, Bella, die Stadt noch nicht?Viele alte Kirchen sind dort, und eine derselben ist besonders schön. Ihr Portal ist wunderbar. Wenn Du in die Kirche trittst, so findest DuKunstwerkevon jenem Maler und auch das Sakraments-Häuschen von Adam Krafft.Nicht weit von dieser Kirche findest Du auch dasDenkmaleines Schuhmachers. Ja, Bella, eines Schuhmachers. Aber das Denkmal hat man ihm gesetzt für seine Verse.H... S.... war ein Schuh-Macher und Poet dazu.Und auf dem Markte steht ein Brunnen von seltener Schönheit. Oh, Du weißt nun, ich spreche von der Stadt Nürnberg, von Albrecht Dürer und von Hans Sachs.(Aus dem Tage-Buche. Seite 82.)ImPalmengarten.»Hier ist es herrlich! — ist es im Paradiese wohl schöner gewesen? — So viele Menschen sind hier und alle scheinen einander zu kennen; die Herren grüßen sohöflichund schwingen die Hüte so hoch, und die Damen verbeugen sich graziös und lächeln so freundlich; hier sind gewiß alle recht glücklich. Lachend und plaudernd promeniert man unter den Klängen der heiteren Musik auf breiten, sandigen Gängen zwischen Feldern der lieblichsten und kostbarsten Blumen. — Wie hier die Zeit doch so schnell vergeht! Schon sinket die Sonne undscheidenderglänzt sie in einem Meere der lieblichsten und süßesten Farben, mich dünkt, ich hätte sie nie zuvor so herrlich gesehen. — Noch einen letzten Blick wirft sie auf alles —; das Scheiden tut ihr recht leid, denn die Erde ist heute so schön. Die endlosen Felder von Weizen und Korn gleichen dem Meere, wenn linde Winde es leise im Sommer am Abenderregen; dieHügelsind mit dem lieblichen Grüne des Weines bedeckt, und an den Bäumen schimmern im reichlichenLaubedie goldgelben Früchte.Die Schatten werden tiefer, und die Nacht sinkt herab. In den Lüften summen dieKäfer, und Feuer-Würmchenleuchten aus dem Grase hervor. Lieder klingen aus der Ferne von Burschen und Mädeln, die freudig vom Felde kehren zu den heimischen Hütten.«—Bin ich nicht eine gute, sentimentale Deutsche geworden? Ach, Du würdest es auch werden, meine teuerste Bella, wenn Du hier wärest, denn die Natur ist hier ganz anders.Ein Sonnen-Untergang hier ist mild und freundlich, bei Euch ist er brillant; einem Sonnen-Untergang in Deutschland muß man mit Freude zusehen, einen solchen in Amerika bewundern. Ich sehe, wie Du über mich lachst, aber das mußt Du nicht tun.Nun, liebe Bella, hast Du erraten, wo ich jetzt bin? Ein wenig leichter will ich es Dir machen: Es ist eine große Stadt, und ein großer Poet wurde dort geboren, dessen Mutter einst sehr schön war. Ich habe auch das Haus gesehen und dasStübchenunter dem Dache, wo er geträumt und gedichtet hat. Noch jetzt befinden sich in einem der Zimmer folgende Worte von seiner Hand:»Und wer derDichtkunstStimme nichtvernimmt,Ist ein Barbar, er sei auch, wer er sei.«Kennst Du den Poeten, und weißt Du den Namen der Stadt? — Frankfurt am Main undGoethe[V-1].(Aus demTagebuche. Seite 117.)»Ehrfurchtsvollbetritt mein Fuß diesenPfad, der aufwärts führt zwischen grünenden Hecken. Zur Rechtenund zur Linken ruhen die Müden der Erde unter Blumen; aber vor mir, oben, steht von Marmor ein Tempel. Da bleibe ich stehen, und heilige, erhabene Scheu bewegt meine Seele; denn hier ruhen drei Fürsten: Der eine gebot, undSterblichehörten auf sein Wort; die zwei andern aber herrschten im Reiche des Geistes, sie waren Könige im Lande der Poesie. — Vereint, wie sie waren im Leben, sind sie es nun im Tode. Ihr Geist aber wirkt noch heute und wird wirken, so lange das Gute und Schönenoch[V-2]Wert hat auf Erden.«Weißt Du, teure Bella, in welcher Stadt wir waren? Die beiden größten unter den Poeten des modernen Deutschlands lebten hier. Ich war in ihren Häusern und ich glaube, daß die Deutscheneinstmalsdiese Stadt so hoch preisen werden, wie die Griechen es taten mit Athen, und solltest Du den Namen »Weimar« nennen, so hast Du auch die Stadt erraten.(Aus meinemTagebuche. Seite 166.)»Wie gut man in deutschen Eisen-Bahnen schreiben kann! Ich glaube, sie fahren so langsam, um denFremdendas Land zu zeigen. Das ganze Land erscheint mir wie ein großer Park, wohlgepflegtund in schöner Ordnung gehalten. Wiese und Feld und Wald und Flurwechseln ab; und überall, auf den Bergen wie in den Thälern, erblickt man Städte und Dörfer. Dassieht prächtig aus. Wie lachende Augen, so glänzen aus den weißen, reinlichen Häusern die klaren Fenster, und aus der Mitte der Dörfer heben sich von den Kirchen, himmelwärtsdeutend, dieschlankenTürme. Der Zug hält — eine Station!«Hier, liebe Bella, habe ich Dir vieles zu sagen. Also, der Zug hatte gehalten, — da hörten wir vom nahen Dorfe Musik und Jubel, und wir fragten einen von denBauern, welche neugierig bei dem Zuge standen und uns eben so anstaunten, wie wir sie: Was bedeutet denn der Jubel im Dorfe? — Heute haben wir Kirmes, sagte der eine. Kirmes? fragte ich. Was ist Kirmes, Herr Doktor?.. UndDr.Stellen antwortete: Kirmes ist der Bauern größtes Fest in dem Jahre. Da giebt es Wett-Rennen zu Pferde und dann Tanz, und wer weiß, was sonst noch mehr. — Weißt Du was, Frauchen? Wir könnten hier eigentlich bleiben und mit Fräulein Anna einmal Kirmes feiern.War das nicht schön vom Herrn Doktor? Und bald fuhren wir in einem Bauern-Wagen hinein in das reinliche Dorf. Ich sah immer von einer Seite auf die andere und konnte mich nicht genug wundern über die niedlichen Häuser.Wir waren in einer andern Welt, in einer ältern Welt.Unter der Linde in der Mitte des Dorfes, auf einem runden, freien Platze,da ging es lustig her. Da unter dem freien Himmel tanzten die Burschen und die Mädel; und wie sie hüpften und wie sie sprangen undwie siejauchztenvor Freude! — Doch alles ging in Ordnung zu. O, so komisch sahen die Burschen aus in ihren bunten Westen und in ihren langen, schwarzen Röcken; auf ihren Köpfen standen die hohen, altmodischen, seidenen Hüte. Jeder Bursche hatte an dem Hute einen Strauß von bunten Blumen und ein langes seidenes Band. Blumen und Band hatte derSchatzihm gegeben, und Rock und Hut waren vom Großvater geerbt, denn auch der Großvater hatte mit der Großmutter die Kirmes so getanzt.Als der Tanz beginnen sollte, winkte der Bursche mit der Hand und zu ihm kam sein Schatz. O, liebe Bella, ich wünsche, Du hättest gesehen, wie sie tanzten, seineWangeruhte an der ihren und beider Augen drehten sich zum Himmel vorWonne. O, es war zu komisch — aber wir durften nicht lachen, denn den Leuten war es Ernst.Und, liebe Bella, — aber das mußt Du niemandem wieder sagen — ich selbst habe zwei mal mitgetanzt; und wenn ich an Frau Dr. Stellen vorüber kam, und wenn sie sah, wie ich meinen »Schatz« so innig fest hielt und die Augen auf nach oben wandte, dann lachte sie mir laut und herzlich zu. Das war köstlicherSpaß!Als die Bauern hörten, daß wir aus Amerika kämen, traten viele zu uns und fragten, ob wir den Bruder nicht gesehen hätten oder die Schwester, oder ihren Onkel, oder ihre Tante; sie wären doch auch in Amerika. Auch fragten sie uns, ob wir Eisen-Bahnen hätten und ob eswahr wäre, daß man in Amerika alle Tage Fleisch essen könnte und Butter auf dem Brote; und zuletzt fragten sie, in welchem Monate die Kirmes bei uns in Amerika gefeiert würde.Die Leute sind noch sehr naiv, nicht wahr? — Aber sie sind gut. Es sind treue, brave Menschen, und zufrieden mit ihrem Loose und voll Poesie und Musik.Wir blieben über Nacht in dem Dorfe, schlafen aber konnte ich nicht, denn kaum hatte die Dorf-Uhr langsam und phlegmatisch zehn geschlagen, da ertönte ein mächtiges Horn, und ein Mann mit einem großen Hunde und einem langenSpießeging durch die Straßen und sang, so laut er nur vermochte:»Hört ihr Herren und laßt euch sagen:Die Glocke hat zehn geschlagen.Nehmt in achtdas Feuer und Licht,Daß niemandem Schade geschicht.«Und jede Stunde machte der Mann die Runde und jede Stunde ließ er an allen Ecken seinen Gesang ertönen, bis die Uhr drei schlug. Da sang er folgendes:»Hört ihr Herren und laßt euch sagen:Die Glocke hat drei geschlagen!Der Tag vertreibet die finstere Nacht,Ihr lieben Christen, seid munter und wachMan weiß ja nicht, wenn der liebe Gott kommtUnd uns in seiner Gnade wegnimmt.Drum wachet alle Stund' undlobetGott den Herrn.«Dann war es still im Dorfe und ermüdet schlief ich endlich ein und schlief recht lange und erwachte, als die Sonne hoch am Himmel stand. — Weißt Du, liebe Schwester, was Spinn-Stuben-Lieder sind?Dieselben Bauern-Mädchen, die so froh und lustig sind, wenn die Kirmes kommt, sind ernst und fleißig zu allen anderen Zeiten des Jahres; und im Winter am Abend kommen oft viele zusammen in einem Hause und jede bringt ihr Spinn-Rad mit. Da sitzen sie im Kreise und spinnen und erzählen Märchen und singen — Lieder, das sind Spinn-Stuben-Lieder.Als wir aus dem Dorfe fahren wollten, sah ich zwei Kinder, es waren zwei Knaben. So schön habe ich noch niemals Knaben gesehen; der eine von ihnen war zwei und der andere drei Jahre alt. Ah, Bella, Bella, welche Augen! Welche Locken-Köpfe! Jetzt weiß ich, daß Raphael seine Cherubim-Köpfe auf Erden gesehen hat. — Ich werde sie niemals vergessen.Nun aber, Schwester, will ich kein Wort mehr schreiben und nur sagen: Lebe wohl und grüße alle Freunde tausendmal von mir. Vergiß auch nicht, Louis zu grüßen von DeinerDich ewig liebenden SchwesterAnna.Nachschrift: Und vergiß auch nicht, meinem lieben, kleinen Kanarien-Vogel ordentlich Hanf-Samen zu geben, und küsse ihn für mich und sage, daß ich recht oft an ihn denke und daß er brav sein soll in seinem kleinen Hause.Bella: Solch' einen Brief kann ich nicht schreiben! Hier, Martha, sind die Lieder. Willst Du einige singen? — Du bist nun müde, Gretchen, nicht wahr?Gretchen: Das ist ein langer Brief.Martha: Ich werde mit diesem Liede anfangen:1.Ein Sträußchen am Hute,Den Stab in der Hand,Zieht rastlos der WandrerVon Lande zu Land.Er sieht so manch' Städtchen,Sieht manch' schönen Ort, —Doch fort muß er wieder,Muß weiter fort.Da sieht er am WegeEin Häuschen steh'n,Das war ja umgebenVon Blumen so schön.da tut's ihm gefallen[V-3],Da sehnt er sich hin, —Doch fort muß er wieder,Muß weiter ziehn.Ein freundliches MädchenDas redet ihn an:Ein herzlich Willkommen,Du Wanders-Mann!Sie blickt ihm in's Auge,Sie reicht ihm die Hand —Doch fort muß er wiederIn ein anderes Land.2.Mein Schatz ist nicht hier,Ist über die Höh'.Ich darf nicht dran denken,Sonst tut's Herz mir so weh!Gretchen: Das ist ganz niedlich, Martha. Was ist das andere?3.Martha:Blau blüht ein Blümelein,Das heißt »Vergiß-nicht-mein«.Dies Blümchen leg' an's HerzUnddenke mein.Blau ist der Treue Schein,Blau ist das Auge dein.Das Blümlein pfleg' auch du,Wo du auch weilst.Der über Sternen thront,Der deine Liebe lohnt,Der sieht herab auf dich,Denkst du an mich.Louis:Bravo, bravissimo! Da capo!Martha Parks: Guten Tag, Martha! Guten Tag, Gretchen und Bella! Ha, ha, ha!Bella: Ach — bin ich erschrocken!Gretchen: Und ich, und sieh einmal Martha an.Louis: Ich bitte Sie tausend mal um Vergebung; das wollte ich nicht, ich wollte Sie wirklich nicht erschrecken!Martha Parks: Nein, das wollten wir nicht; so böse sind wir nicht; nicht so, Louis? — Wir klopften, einmal, zweimal; und da hörten wir niemanden »Herein« rufen, und da nahm Louis mich bei der Hand —Louis: Und da sind wir. Sie sind wohl recht böse auf mich, nicht wahr? Aber ich bin froh, daß ich gekommen bin; denn vor der Thüre hätte ich das wunderschöne Lied nicht hören können.Martha Parks: Wie schön Ihr singen könnt!Bella: Das war ein Lied von Anna; sie hat es mir aus Köln geschickt mit vielen Grüßen an alle Freunde und einem besondern Gruße an Louis.Louis: So? Nun, das freut mich recht sehr; auch einen Gruß an mich; ich danke Ihnen, Fräulein Bella, und geht es Ihrer Schwester Anna gut in Deutschland?Bella: O ja; sie schrieb mir einen langen Brief. Sie können ihn lesen, wenn Sie wollen. Nehmen Sie ihn nur mit nach Hause; Sie werden lange Zeit dazu gebrauchen, und ich glaube, er wird Sie interessieren.Louis: Sie sind sehr gütig, mein Fräulein.Martha Meister: Wir haben Sie ja so lange nicht gesehen, Herr Louis!Gretchen: Und Ihre Herren Brüder auch nicht!Bella: Sie sind doch alle wohl?Louis: O ja; danke, meine Damen, recht wohl.Martha Parks: Meine Brüder gehen immer auf die ..... die ....., was ist es, Louis? Wohin geht Ihr?Louis:Auf die Jagd.Martha Parks: Ja, auf die Jagd und lassen mich alleine, und ich bin dann traurig. Das ist gar nicht schön von ihnen, nicht wahr?Louis: Nun werden wir nicht mehr so oft gehen, liebe Schwester.Gretchen: Schießen Ihre Herren Brüder so gut, wie Sie?Louis: O ja; oft besser. Albert nimmt einen Silber-Dollar aus der Westen-Tasche und wirft ihn mit der linken Hand in die Luft; mit der rechten Hand schießt er dann sein Pistol ab und trifft den Dollar. — Sagen Sie, Fräulein Bella, haben Sie schon Münchhausens Jagd-Abenteuer gelesen? Nein? Nun, meine Damen, dann will ich Ihnen etwas erzählen, das Ihnen gefallen soll.Der Baron von Münchhausen war einmal auf der Jagd. Da kam einHirschdurch den Wald gerannt. Schnell nahm der Baron die Flinte von der Schulter. Aber — o weh! — er hatte keine Kugel mehr. Danahm er vom Boden einen Kirschen-Stein auf, steckte ihn in die Flinte,zielte,drückte abund traf das Tier mitten auf den Kopf zwischen das schöneGeweih. Der Hirsch fiel, stand aber im nächsten Momente wieder auf den Beinen und war auf und davon gerannt.Ein Jahr später kam Baron von Münchhausen wieder in den Wald und sah wieder denselben Hirsch und auf dem Kopfe zwischen dem Geweihe war ein großer Baum mit reifen Kirschen. Dieser Baum war aus dem Kirschen-Steingewachsen. Dieses Mal aber hatte Herr v. Münchhausen Kugeln; er schoß und der Hirsch fiel tot zu Boden. Da hatte der Baron einen feinen Braten und Kirschen zum Dessert. War das nicht schön, meine Damen?Gretchen: O, das war reizend!Louis: Das ist alles noch nichts. Das Beste kommt noch; hören Sie nur:Einmal war der Baron nach Rußland geritten auf seinem Pferde; der Winter war sehr streng und es schneite sehr stark. An einem Tage war er schon lange geritten und daher müde geworden, aber er sah kein Haus, undes schneite, als ob alles vom Himmel herunter wollte. Zuletzt konnte er nicht weiter; er war zu sehr ermüdet, und es war schon lange Nacht. Da band er sein Pferd an einenPfahl, hüllte sich in seinen Mantel, legte sich auf den Schnee und schlief ein.Am nächsten Morgen, als er wieder erwachte, war er sehr verwundert; denn rings umher sah er Grab-Steine,und er hatte sie doch nicht am Abend gesehen! Er war aus einem Kirch-Hofe. Wo aber war denn sein Pferd? —Er hörte es über sich wiehern; und als er aufblickte, sah er es hängen an der Spitze des Kirch-Turmes.Nun war alles klar: Gestern hatte es so viel geschneit, daß der Schnee bis über die Häuser und bis über die Turm-Spitze gekommen war, und was er für einen Pfahl angesehen hatte, das war das obere Ende des Kirch-Turmes. Nach Mitternacht war dann der Schnee geschmolzen; der Baron selbst warallmählichherabgesunken, bis er zuletzt auf dem Kirch-Hofe ruhte. Das Pferd aber hing nun noch oben. Da nahm er sein Pistol, zielte und schoß mitten durch den Halfter. Das Pferd kam herunter, der Baron setzte sich darauf und ritt fröhlich weiter.Bella: Ist das alles wahr, was Sie da sagen, Herr Louis?Louis: O ja, mein Fräulein, das ist alles wahr, denn der Baron von Münchhausen hat es selbst erzählt.Gretchen: Aber, Herr Louis, ich muß Sie wieder fragen: Warum kommen denn Ihre Herren Brüder nicht mehr?Louis: Bruder Otto ist noch zu müde von der Jagd und ruht sich aus, und Bruder Albert geht oft wie träumend umher, es muß wohl etwas Ernstes sein, über das er sinnt; aber ich mag ihn nicht mehr fragen. Einmal habe ich es getan, und da sah er mich so wunderlich an, — ich wußte nicht, was ich von ihm denken sollte.Martha Parks: Ich weiß, was er tut; Louis, soll ich es sagen? Aber Ihr dürft es niemandem wieder erzählen — hört Ihr, niemandem.Bella: O nein, wir wollen es niemandem sagen. Was ist es, Martha? Sprich nur.Martha Parks: Er macht Gedichte.Bella: Gedichte?Martha Parks: Ja, ganz gewiß. Ich kam einmal zu ihm und da sah ich es. Schnell legte er alles zur Seite, und so habe ich nur die Überschrift gelesen, sie lautete: »An Martha«. Ha, sagte ich, Du willst mich überraschen, lieber Albert, nicht wahr? und da lachte er laut und lange und küßte und koste mich und wollte gar nicht enden.Gretchen: Wirklich?Bella: So?Louis: Hm, hm!Martha Parks: Aber was ist denn, Ihr wundert Euch ja alle so sehr?Bella: Hast Du.........Martha Meister: Hast Du schon von Schiller gehört, Martha?Martha Parks: Von Schiller?Bella: Ich würde Dir recht herzlich danken, wenn Du uns heute von ihm erzählen wolltest. Du hast mir schon vor langer Zeit versprochen, einmal von diesem großen deutschen Dichter zu sprechen.Martha Meister: Gerne, gerne will ich heute DeinenWunsch erfüllen, das heißt, wenn es Euch allen angenehm ist.Alle: O, wir bitten darum.Martha Meister: Gut, dann will ich beginnen.Schillers Vater war ein ernster Mann. Er war Offizier in einem würtembergischen Regimente. Und als eraus dem Lagerkam und zum ersten Male an der Wiege seines Sohnes stand, betete er inniglich:O, gütiger Gott, laß diesen meinen neugebornen Sohn gut werden und groß, und laß ihn alles das erreichen, was ich mir einst selbst gewünscht habe, aber nicht mehr erreichen konnte.Die Mutter war mild und fromm und lieb, wie es eine Mutter nur sein konnte mit ihrem einzigen Sohne. Und wenn der Vater oft zu strenge gewesen war, so kam Friedrich zur Mutter und vergaß seinen kindlichenKummer; und wenn die Mutter ihm eine Freude machen wollte, so erzählte sie ihm die Geschichten aus der Bibel. Dann lauschte er mit seinen beiden Schwestern.Zuletzt sagte der kleine Friedrich: Ich will ein Prediger werden. Das war auch der Mutter lieb, und oft mußte sie lachen, wenn sie ihren Friedrich sah, wie er auf dem Stuhle stand und seinen Schwestern und Freunden eine Predigt hielt.Einige Jahre später kam er zu einem Pastor und studierte fleißig, und seine Liebe zu diesem guten Manne war so groß,daß er fest entschlossen war, auch ein Prediger zu werden, wie jener. Aber es sollte anders kommen.In jener Zeit hatte der Herzog von Würtemberg ein Institut errichtet für die Söhne seiner Offiziere, und da er nur die besten Knaben für dieseAnstaltwählen wollte, so kam er auch in Schillers Haus.Frau Schiller aber mochte ihren Sohn nicht in jene Anstalt geben, denn er konnte dort keine Theologie studieren; und dann wollte sie gerne ihren einzigen, geliebten Sohn bei sich behalten. Aber der Herzog wollte und mußte seinen Willen haben. Dreimal war er gekommen, bis zuletzt Friedrich Schiller vom Eltern-Hause in die Anstalt kam, die später den Namen »Karls-Schule« erhielt.Bella: An Frau Schillers Stelle würde ich den Sohn nicht in jene Anstalt gegeben haben.Martha: Ah, meine liebe Bella, Du kennst den Herzog nicht. Er war ein arger Tyrann, wie die meisten Fürsten in jener Zeit — und das war eine böse, böse Zeit. Jeder Fürst, und war er noch so klein, wollte leben und herrschen, wie LudwigXIV.von Frankreich es getan hatte. Sie bauten Paläste, Theater und Opern-Häuser, hielten Sänger und Ballett-Tänzer, hatten die großartigsten Parks und Gärten und dazu Luxus aller Art; aber das Geld zu diesen Herrlichkeiten nahmen sie von ihrenUnterthanen.Die armen Menschen mußten schwer arbeiten wie Sklaven, damit ihre Herrenschwelgenkonnten; und als sie nichts mehr hatten und ihnen alles genommen war, daergriffman ihre Person; von dem Vater und vonder Mutter nahm man die Söhne; mit Gewaltrißman sie von ihren Herzen, sah nicht auf ihren Schmerz, hörte nicht auf ihre Klagen; — und die Söhne verkaufte man dann an England, und England schickte sie nach Amerika, — dort sollten sie kämpfen gegen Freiheit und Recht.Sotrieben esin jener Zeit die meisten Fürsten, und auch der Herzog Karl. Als er älter war, wurde er freilich anders, und als er seinen fünfzigsten Geburts-Tag feierte, schrieb er ein langes Register seiner Sünden und versprach, sich zu bessern, und ließ dieses in allen Kirchen seines Landes vorlesen.Diese Besserung aber und auch die Errichtung der Karls-Schule war das Werk seiner Gemahlin. Diese Herzogin war aber zuvor eines andern Mannes Frau gewesen; der Herzog hatte sie jedoch mit Gewalt zu sich genommen.Louis: Und der Mann, was tat denn der?Martha Meister: Nichts, Louis; er konnte nichts tun. Karl war einargerTyrann — und auch in der Schule. Ihr könnt euch wohl denken, daß es Schiller niemals recht gefiel, schon deshalb nicht, weil er kein Prediger werden konnte und Medizin studieren mußte.Die Schule war berühmt geworden, und oft kamen hohe Herren von allen Teilen Deutschlands, um sie zu besehen. Einmal war auch der junge Herzog Karl August von Weimar mit seinem FreundeGoethe[V-4]gekommen. Wie Schiller den jungen Poeten anstaunte! O,rief er aus, wie jung er ist, und doch schon so berühmt! Und ich, ich habe noch nichts getan, und wer weiß, ob ich wohl jemals etwas Großes tun werde!Da standen sie zum ersten Male zusammen und sie gingen von einander und wußten nicht, daß sie einst die beiden großen Poeten Deutschlands und die besten Freunde werden sollten.Ein anderes Mal kam Lavater nach der Karls-Schule. Lavater war damals berühmt; nicht allein, weil er ein geistreicher Mann und ein sehr frommer Prediger war, sondern auch deshalb, weil er ein Werk geschrieben hatte über Physiognomie.In der Karls-Schule führte man ihm die Schüler vor, daß er sie sehe und ein Urteil abgebe über ihren Charakter und ihreFähigkeiten. Nachdem er schon viele gesehen und beurteilt hatte, kam auch ein langer, hagerer Mensch. Lavater befühlte seinen Kopf, sah ihm scharf in die Augen,musterteihn von oben bis unten und rief voll Entsetzen: O, o, das wird ein großerSpitzbubewerden! —Schiller war es; dieses Mal hatte sich der gute Lavater arg getäuscht.Nachdem Schiller genügend studiert hatte, wollte er auch sein Examen machen in der Medizin und schrieb seine Arbeit. Die Professoren prüften sie und fanden sie gut; — doch meinten sie: Schiller denke nicht immer so wie sie; er habe zu viele eigene Ideen und allzu viel Feuer.Wohl, sagte der Herzog, so soll Schiller noch ein Jahr bei uns bleiben, wir wollen ihm das Feuer erst legen. — Und Schiller mußte noch ein Jahr länger in dieser Anstalt bleiben, die er haßte.In diesem Jahre schrieb Schiller sein erstes Drama, aber die Professoren und der Herzog durften es nicht wissen. Nachts im Geheimen mußte er schreiben, und da er zuletzt sein Werk beendet hatte und es seinen Freunden fern im finstern Walde vorlas, da war ihr Enthusiasmus unbeschreiblich, — solche Gedanken in deutscher Sprache hatten sie nie zuvor weder gelesen noch gehört.Bald hatte Schiller auch sein Examen gemacht und war Arzt geworden in einem Regimente, das in Stuttgart stand. Nun ließ er sein Drama drucken, und es ging in die Welt und entflammte alle Herzen. Überall, überall, wo man deutsch verstand, las man »Die Räuber,« in den besten Theatern spielte man dieses Stück und Schiller war mit einem Male berühmt geworden.Der Herzog selbst war stolz darauf, denn Schiller war ja aus seiner Schule hervorgegangen; und doch wollte er ihn verhindern, ferner Poesie zu schreiben. »Bücher über Medizin mag der Schiller schreiben, keine Poesie,« — so etwa schrieb der Tyrann an den Poeten.Louis: Es ist ein Glück für diesen Herzog Karl, daß ich nicht zu seiner Zeit gelebt habe. Schiller hat doch Poesie geschrieben, nicht wahr?Martha Meister: Gewiß, aber das ist eine langeGeschichte, und ich fürchte, es wird Ihnen zu viel, Herr Louis.Louis: O nein, mein Fräulein. Sie wissen sehr wohl, wiegespanntich nun bin. Bitte, seien Sie so gut und erzählen Sie weiter.Martha Meister: Zur selben Zeit lebten auch in Stuttgart die Herren Wolzogen; sie waren Schul-Kameraden und Freunde von Schiller, und ihre Mutter nahm großes Interesse an dem jungen Poeten und gehörte zu denen, die ihn bewunderten, und sie hätte gar zu gerne einmal »Die Räuber« im Theater zu Mannheim gehört.Schiller reiste dahin mit ihr und einer andern Freundin; aber da er heimlich, ohne des Herzogs Wissen, Stuttgart verlassen hatte, so hatte er die Damen gebeten, mit niemandem darüber zu reden. Das versprachen denn auch die Damen sehr schnell.Und sie kamen zurück und hatten »Die Räuber« gesehen und dazu die Begeisterung der Menschen; — und sie konnten nicht schweigen, es war ihnen unmöglich! — Und nur einer Freundin erzählten sie es; aber sie sagten zu ihr, daß sie es niemandem weiter erzähle. Und die Freundin hatte auch eine Freundin und diese wieder eine andere; und eine Freundin erzählte es der andern, aber hatte immer zu derselben gesagt: »Ja nicht weiter erzählen« — und so war es endlich doch zu des Herzogs Ohren gekommen.Der Herzog warergrimmt, daß Schiller, ein Offizierdes Regiments,es gewagt hatte, ohne seine Erlaubnis die Garnison zu verlassen, und er gab ihm daher einige Wochen Arrest. Schiller aber hatte beschlossen, frei, für immer frei zu werden.Bald darauf wurde wieder des Herzogs Geburts-Tag gefeiert, und die Gäste waren von weit und breit gekommen; und da war großesGedränge; Gäste zu Wagen und zu Pferde kamen und gingen.In derselben Nacht fuhr langsam ein Wagen zum Thore hinaus, darin saßen zwei Männer, tief in ihre Mäntel gehüllt. Die Nacht war finster, kein Stern stand am Himmel, und die Beiden im Wagen saßen lautlos da. Nur einmal, als der Wagen die Soldaten am Thore passierte, atmeten sie laut und frei, und dann fuhr der Wagen schnell, und zuweilen konnte man einen Seufzer und die Worte hören: Meine arme, arme Mutter!Früh am nächsten Morgen hielt der Wagen in Mannheim, und ein schlanker, hoher Mensch sprang herab, — es war Schiller, der den Händen des Tyrannen entflohen war; er war in einem andern Lande, — er war frei. An seine Schwester schrieb er damals so:»6. November 1782.Teuerste Schwester!Gestern Abend erhielt ich deinen lieben Brief und ich eile, dich aus deinen und unserer besten Eltern Besorgnissen über mein Schicksal zu reißen.Daß meine völlige Trennung vonVaterlandund Familie nunmehr entschieden ist, würde mir sehr schmerzhaft sein, wenn ich sie nicht erwartet und selbstbeförderthätte, wenn ich sie nicht als die notwendigste Führung des Himmels betrachten müßte, welche mich in meinemVaterlandenicht glücklich machen wollte. Auch der Himmel ist es, dem wir die Zukunft anvertrauen, von dem ihr und ich,gottlob nur allein, abhängig seid; und Ihm übergebe ich euch, meine Teuern; Er erhalte euch fest und stark, meine Schicksale erleben und mein Glück mit der Zeit mit mir teilen zu können. Losgerissen aus euren Armen, weiß ich keine bessere, keinezuverlässigereNiederlage meines teuersten Schatzes, als Gott. Von Seinen Händen will ich euch wieder empfangen und — das sei die letzte Thräne, die hier fällt!..... ..... ..... ..... ..... ..... ..... ..... Noch einmal, meine innig geliebte Schwester, vertraue auf Gott, der auch der Gott deines fernen Bruders ist, dem dreihundert Meilen eineSpannebreit sind, wenn Er uns wieder zusammen gebracht haben will. Grüße unsern besten, allerteuersten Vater und unsere herzlich geliebte, gute Mutter, meine liebe, redliche Louise und unsere kleine gute Nanette. Wenn mein Segen Kraft hat, so wird Gott mit euch sein. Ein inneres, starkes Gefühl spricht laut in meinem Herzen: Ich sehe euch wieder. — Vertraue auf Gott! Es wird kein Haar von uns allen auf die Erde fallen.Ich werde zu weich, Schwester, und schließe. Wenndu die Wolzogen sprichst, so mache ihr tausend Empfehlungen ....... Ich kann nicht weiter schreiben. Du schreibst mir, wie bisher, über Mannheim.Ewig dein treuer, zärtlicher BruderFriedrich Schiller.«So schrieb er an seine älteste Schwester, und Ihr werdet wohl gemerkt haben, daß er in Mannheim nicht mehr war. Die Verfolgung des Herzogs fürchtend, war er bald weiter geflüchtet, wohin aber, das wußten nur wenige.Schiller war verschwunden, sein Name wurde nun lange nicht mehr gehört; — aber auf einem Land-Gute der Frau von Wolzogen sah man jetzt zuweilen einen schlanken Mann durch Feld und Wald gehen, langsam, mit gesenktem Haupte, oft wie träumend. Und wenn die Leute ihn so sahen, so meinten die einen, er müsse viel denken; andere meinten, er müsse wohl große Sorgen haben — alle aber zogen voll Achtung den Hut vor ihm ab.Es war Schiller. Hier lebte er und hier dichtete er »Fiesko«. Doch bald durfte er wieder nach Mannheim zurückkehren, und da vollendete er sein drittes Drama, »Kabale und Liebe« — und auch dieses Drama gefiel.Schiller hätte nun glücklich leben können, denn er war frei und wurde berühmt; aber er war arm. Das machte ihm jetzt besonders viel Sorge; denn als er »Die Räuber« hatte drucken lassen, hatte ein Freund, einOffizier, das Geld für ihn geborgt; und da Schiller das Geld noch nicht zurückzahlen konnte und der Freund selbst kein Geld hatte, denWechselzu bezahlen, so mußte er in das Gefängnis wandern, der Freiheit und der Ehre beraubt — durch Schiller; und dieser konnte an keine Hülfe denken für den treuen Freund.Schiller war in Verzweiflung und murrte gegen die Göttin der Poesie, die ihm bis heute nur Kummer und Leiden gebracht hatte. Wahrlich, er wollte die Ungetreue verlassen, wollte sich ganz dem Studium der Medizin hingeben und niemals, niemals wollte er wieder dichten.Aber es sollte nicht so kommen.Zu dieser Zeit kam von Leipzig ein Brief an Schiller. Zwei Herren und ihreBräutehatten ihmgemeinschaftlichgeschrieben, sie wollten dem Dichter der Räuber den Tribut ihres Dankes darbringen; die Damen hatten auch eine Hand-Arbeit an Schiller gesandt mit der Bitte, sie anzunehmen als Zeichen ihrer großen Bewunderung.Das ist von Gott, dachte Schiller, und schrieb zurück und erzählte seine traurige Lage und bat um Hilfe für seinen gefangenen Freund, und bald erhielt er eine Summe, welche groß genug war, den Freund zu befreien; Schiller selbst aber folgte der Einladung, nach Leipzig zu kommen und wohnte jetzt bei seinem guten und reichen Freunde Körner.Louis: Nobler Körner!Martha Meister: Ja, nobler Körner! Erzerstreutedie finsteren Wolken, die über dem Haupte des Dichters schwebten, und brachte ihm bessere Tage. Manche lehrreiche und manche frohe Stunde verlebten sie da.Und einmal, da sie so recht freudig zusammen gewesen waren, hatte Schiller im Vollgefühl seines Glückes seine Ode »An die Freude« gedichtet.Gretchen: »Freude, schöner Götter-Funken«?Martha Meister: Dasselbe. Beethoven faßte durch dieses Gedicht die Idee zu seiner großen, wunderbaren Symphonie, der neunten.Gretchen: Und endete sie mit den Worten des Dichters.Martha Meister: So ist es, Schwester.Bella: Und was war Schillers nächstes Drama?Martha Meister: »Don Carlos«.Gretchen: Verzeihe, Schwester, wenn ich nochmals unterbreche. Es dürfte für Bella von Interesse sein zu hören, daß die Musen den edlen Körner reichlich belohnten für das, was er an ihrem Liebling, Schiller, getan hatte.Bella: Wie meinst Du das, Gretchen?Gretchen: Körners Sohn, Theodor Körner, ist besonders von den Musen geliebt worden. Theodor Körner ist ein deutscher Dichter von Gottes Gnaden. Er war wie sein und seines Vaters Freund ein Dichter der Freiheit. Das deutsche Volk ehrt ihn hoch und gedenkt seiner mit besonderer Liebe. Mit der Leier sang und mit dem Schwerte kämpfte Theodor Körner für seinVaterland; und da er einst in einer Schlacht schwer verwundet wurde und im Walde lag undvermeinte, er müsse hilflos sterben, da schrieb er mit der letzten Kraft die folgenden Verse:Abschied vom Leben.(Als ich schwer verwundet und hilflos in einem Holze lag und zu sterben meinte. Nachts 17.-18. Juni 1813.)Die Wunde brennt — die bleichen Lippen beben.Ich fühl's an meines HerzensmattermSchlage:Hier steh' ichan den Marken meiner Tage—Gott, wie du willst, dir hab' ich mich ergeben.Viel gold'ne Bilder sah ich um mich schweben;Das schöne Traum-Bild wird zur Toten-Klage.Mut! Mut! — Was ich treu im Herzen trage,Das muß ja doch dort ewig mit mir leben!Und was ich hier als Heiligtum erkannte,Wofür ich rasch und jugendlichentbrannte, —Ob ich's nun Freiheit, ob ich's Liebe nannte:AlslichtenSeraph seh' ich's vor mir stehen;Und wie die Sinne langsam mir vergehen,Trägt mich einHauchzu morgenroten Höhen. —Aber seine Todes-Stunde war noch nicht gekommen; Leute hatten ihn gefunden und erhielten ihn am Leben.Martha Meister: Laß uns einmal sein »Gebet während der Schlacht« singen, Gretchen, das ist groß.Vater, ich rufe dich:Brüllend umwölkt mich der Dampf der Geschütze,Sprühend umzucken mich rasselnde Blitze.Lenker der Schlachten, ich rufe dich!Vater du, führe mich!Vater du, führe mich!Führ' mich zum Siege, führ' mich zum Tode;Herr, ich erkenne deine Gebote.Herr, wie du willst, so führe mich,Gott, ich erkenne dich!Gott, ich erkenne dich!So im herbstlichen Rauschen der BlätterAls im Schlachten-Donnerwetter,Urquell der Gnade, erkenn' ich dich.Vater du, segne mich!Vater du, segne mich!In deine Hand befehl' ich mein Leben,Du kannst es nehmen, du hast es gegeben;Zum Leben, zum Sterben segne mich.Vater, ich preise dich!Vater, ich preise dich!Es ist ja kein Kampf um die Güter der Erde, —Das Heiligste schützen wir mit dem Schwerte.D'rum fallend und siegend preis' ich dich!Gott, dir ergeb' ich mich!Gott, dir ergeb' ich mich!Wenn mich die Donner des Todes begrüßen,Wenn meine Adern geöffnet fließen,Dir, mein Gott, dir ergeb' ich mich!Vater, ich rufe dich!Gretchen: So, Schwester, nun werde ich Dich nicht mehr stören.Louis: Wie ist es unserm Schiller weiter ergangen, Fräulein Martha?Martha Meister: Er war Professor geworden an der Universität zu Jena, und seine Vorlesungen über Geschichte waren so beliebt, daß Studenten von vielen anderen Universitäten kamen, um ihn zu hören. Und das war auch gar nicht zu verwundern; denn Schiller gab seine Vorlesungen ganz anders und viel besser als die anderen Professoren der Geschichte und wie er schon Großesgeleistethatte in der deutschen Poesie, so tat er es jetzt in der Geschichte.Auch in seiner Familie war er glücklich. Er hatte ein treues, liebes Weib und viele Freunde; — doch den teuersten von allen sollte er später finden.Da waren eines Abends zu einer gelehrten Gesellschaft viele Professoren gekommen, unter diesen auchGoethe[V-5]. Als die Sitzung zu Ende war, begleitete er Schiller. Sie sprachen lebhaft zusammen und gewiß über etwas, was von hohem Interesse für beide war. DennGoethe[V-6]war sehr erstaunt, als er mit einem Male vor Schillers[V-7]Wohnungstand; aber er ging mit Schiller hinein, und dort sprachen sie weiter, und es war schon spät, als sie sich trennten.In dieser Nacht geschah es, daßGoethe[V-8]und Schiller Freunde wurden für das ganze Leben.Goethe[V-9]wohnte in Weimar, und bald zog nun auch Schiller dahin, um ganz der Poesie zu leben; und hier erstanden in der Freundschaft dieser beiden großen Männer diejenigen Werke, welche Deutschland zu seinen besten zählt. Hier schrieb Schiller das große Drama »Wallenstein«, auch »Maria Stuart« und »Die Braut von Messina«, sowie »Die Jungfrau von Orleans« und dann die wunderschönen Balladen.Als Schiller im Jahre 1798 nach langer Zeit wieder einmal nach Leipzig gekommen war, spielte man dem Dichter zu Ehren im Theater »Die Jungfrau von Orleans«.Auch der Poet war gegenwärtig, und als das Drama beendet war und er das Theater verlassen und auf die Straße treten wollte, hatten sich viele tausend Menschen vor dem Hause aufgestellt. In tiefster Ehrfurcht trennte sich dieMengeund ließ den Poeten durch die Mitte gehen, und auf beiden Seiten beugten sich alle mit entblößtem Haupte vor ihm. Die Mütter hatten ihre Kinder gebracht und in die Höhe gehoben und ihnen zugeflüstert: Seht, seht, das ist er! — War das nicht ein herrlicher Triumph für den Dichter?Einst hatte er in jungen Jahren von Dichter-Ruhmund von Unsterblichkeit geträumt und in seinen reiferen Jahren sah erRuhmund Unsterblichkeit, und die Bewunderung von Mit- und Nachwelt waren ihm reichlich zu teil, aber im Ringen des Geistes war dieHüllezerbrechlichgeworden.Der Poet war schwach und krank und sein Ende sah er eilends nahen. Ach, so vieles hätte er noch gerne sagen mögen von dem, was ihm die große edle Seele füllte, und da schrieb er sein letztes, sein lieblichstes von allen seinen Werken »Wilhelm Tell«.Gretchen: Ja, ja, Martha, da hast Du recht, »Wilhelm Tell« ist ein Juwel in Schillers Werken.Martha Meister: Mir ist es das liebste von allen seinen Dramen, und ich glaube, dem deutschen Volke ebenfalls. »Wilhelm Tell« ist Schillers Testament, und wie sein erstes, so ist sein letztes Drama — ein Sang der Freiheit.»Bewahret euch die Freiheit; sie ist teurer, als alles, was ihr besitzet!« — rief er dem deutschen Volke zu. Mit seinem Propheten-Auge hatte er die nahenden trüben Zeiten gesehen und er kannte bereits den Tyrannen, der das Volk zu bedrücken kam, und darum wollte er vor seinem Tode seiner Nation noch zeigen, was ein edles Volk tun sollte, wenn man ihm sein Bestes, die Freiheit, rauben will.Ob er recht gesehen hatte?Im Jahre 1808 — Schiller weilte nicht mehr unter den Sterblichen — als Napoleons Hand schwer aufEuropa undvornehmlichauf Deutschlandlastete, da spielte man im Theater zu Berlin »Wilhelm Tell«, Schillers Drama. Von Anfang an folgte man mit Spannung, bis zuletzt der Enthusiasmus schwoll und alle so gewaltig packte, daß das ganze Publikum sich von den Sitzen erhob und, sich selbst vergessend, mit den Schauspielern rief:»Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern,In keiner Not uns trennen und Gefahr.Wir wollen frei sein, wie die Väter waren,Eher den Tod, als in derKnechtschaftleben.Wir wollen trauen auf den höchsten GottUnd uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.«Und den Deutschen kam wieder Mut und Kraft und Freiheit.Gretchen: Ja, Napoleon hat dieses Drama gefürchtet, denn es hatte eine Macht,bedeutenderalsVogt.Martha Meister: Das ist wahr. — Aber wie schön, Gretchen, ist die Sprache in »Wilhelm Tell«, nicht wahr? Es ist etwas Wunderbares in dieser Sprache, ein Etwas, das ich in keinem andern Drama von Schiller und auch bei keinem andern deutschen Poeten wiederfinde, — ich meine, es sei der Geist des Poeten, der noch ruht zwischen den Silben und Wörtern. Ich bitte Dich, liebe Schwester, sage doch einmal jene Stelle, in welcher Melchthal das Unglück seines Vaters beklagt.Gretchen: Also, der junge Melchthal war von Hauseentflohen vor dem tyrannischen Vogte und hatte Schutz gefunden beim edlen Walther Fürst. Stauffacher, der Patriot, kommt zu diesem, bespricht mit ihm des Landes Unglück und erzählt auch von derGrausamkeitdes Vogtes, wie nämlich dieser den alten Melchthalgeblendethabe, weil er nicht sagen wollte oder konnte, wohin sein Sohn sich geflüchtet hätte. Alles dieses hatte der junge Melchthal im nächsten Zimmer gehört;er stürzt hervor, und in seinem großen Seelen-Schmerze ruft er aus:»O, eine edle Himmels-Gabe istDas Licht des Auges — alleWesenlebenVom Lichte, jedes glücklicheGeschöpf—Die Pflanze selbst kehrt freudig sich zum Lichte.Und er muß sitzen, fühlend, in der Nacht,Im ewig Finstern — ihnerquicktnicht mehrDerMattenwarmes Grün, der BlumenSchmelz,Die rotenFirnenkann er nicht mehr schauen —Sterben ist nichts, — doch leben und nicht sehen,Das ist ein Unglück. — Warum seht ihr michSo jammernd an? Ich hab' zwei frische AugenUnd kann dem blinden Vater keines geben,Nicht einen Schimmer von dem Meer des Lichts,Das glanzvoll, blendend mir in's Auge dringt.«So spricht der junge Melchthal und er schwört demWüterichRache und spricht zu den beiden Männern, Walther Fürst und Stauffacher, daß sie an's Freiheits-Werk gehen mit ihm. Und sie macheneinen Plan, und dann ruft der junge Melchthal diese Worte:— »Blinder, alter Vater,Du kannst den Tag der Freiheit nicht mehr schauen;Du sollst ihn hören. — Wenn von Alp zu AlpDieFeuerzeichenflammend sich erheben,Die festen Schlösser der Tyrannen fallen,In deine Hütte soll der Schweizer wallen,Zu deinem Ohr die Freuden-Kunde tragen,Und hell in deiner Nacht soll es dirtagen.«Bella: O, Gretchen, ist das herrlich!Louis: Und wie schön, wie schön Sie das lesen, liebes Fräulein. Sehen Sie, meiner Schwester Martha kommen die Thränen aus den Augen.Martha Parks: Ja, und Dir auch, Louis.Martha Meister: Mit Thränen dürft Ihr aber nicht aus unserm Hause gehen; bleibet noch ein wenig hier, wir wollen — ja, was wollen wir doch gleich tun? Bella, Gretchen, sprechet!Bella: Laßt unsPfänderspielen.Gretchen: O ja; »Zwanzig Fragen«.Martha Meister: Ich möchte Euch einenVorschlagmachen. Als Du, liebe Schwester, Annas Brief vorgelesen hattest, kam mir die Idee, wie interessant es sein müßte, wenn wir Rätsel gäben, wie Anna es getan hat in ihrem Briefe. Entschuldigt mich einen Moment, und dann werde ich Euch zeigen, was ich meine; ich will nur jenenKasten mit Photographien holen. So, ich habe hier diese Bilder gewählt. Ich gebe Ihnen eins, Herr Louis, und auch Dir eins, Martha. Aber du mußt es niemandem zeigen, Martha; halte es fest an Dich — so, das ist recht.Martha Parks: Kann ich es nicht einmal Louis zeigen?Martha Meister: Nein, niemandem, Martha; wir wollen jageraderaten, welche Persönlichkeit Du in der Hand hast. — Hier, Bella, nimm dieses, und dieses ist für Dich, Gretchen; — und nun möchte ich Euch zeigen, wie ich es meine:Ich habe in meiner Hand das Bild eines Mannes; er ist alt, aber sehr freundlich und schön. Weißes Haar wallt in Locken von seinem Kopfe, der schön geformt ist. Seine Stirne ist hoch undgeistreich, seine Augen blicken mild, — ich vermute, sie sind blau, doch gewiß weiß ich es nicht, — und sein Mund ist so freundlich; der alte Herr scheint so gütig, ich möchte ihn küssen. Ihr könnt noch nicht wissen, wer es ist; — ich will euch noch ein wenig mehr sagen. Er ist kein Amerikaner, — er ist sehr berühmt, und er hat viele Jahre außerhalb seinesVaterlandesgelebt.Bella: Ist es ein Deutscher?Martha Meister: Nein.Martha Parks: Ein Engländer?Martha Meister: Nein.Louis: Ein Franzose?Martha Meister: Nein.Gretchen: Ein Spanier?Martha Meister: Nein.Bella: Kein Franzose, kein Engländer, kein Deutscher, kein Amerikaner, kein Spanier. Ist er ein Italiener?Martha Meister: Nein.Louis: Dann ist es kein Europäer; es ist ein Chinese.Martha Meister: O nein, Louis; er hat keinenZopf— es ist ein Europäer.Martha Parks: Ist es ein Däne?Martha Meister: Richtig, ein Däne.Gretchen: Ein Däne? — Schön, berühmt und alt? Hat lange im Auslande gelebt? Wer mag das sein?Bella: Ach, Martha, Du machst es auch zu schwer.Louis: Was hat er denn Berühmtes getan?Martha Meister: Raten Sie doch, Herr Louis!Louis: War er ein Soldat?Martha Meister: Nein.Bella: Ein Kaufmann?Martha Meister: Nein.Gretchen: Dann war er einKünstler.Martha Meister: Das war er.Martha Parks: Ein Musiker?Martha Meister: Nein.Bella: Ein Maler?Martha Meister: Nein.Bella: Nun, dann kann ich es nicht erraten.Martha Meister: Nun, Gretchen, sinne nach; Du mußt es finden.Gretchen: Kenne ich ihn?Martha Meister: O ja; wir haben ein Werk von ihm.Gretchen: Er ist kein Poet? — nein; ich glaube, ich habe es. Ist er einBild-Hauer— ja? Wir haben eine Statue von ihm, nicht wahr? — Lebte er lange in Rom?Martha Meister: Ja, ja; — nur weiter.Gretchen: Ist es Thorwaldsen?Martha Meister: Ja, Thorwaldsen ist es. — Hier ist sein Bild.Bella: O, wie schön er ist.Louis: Das hätte ich niemals geraten.Martha Meister: Nun, Herr Louis, wissen Sie, was ich meine; nun können Sie beginnen.Louis: Sehr wohl: — Ich halte hier in meiner Hand das Bild eines Mannes, welcher sitzt; er ist nicht sehr groß, aber er hat großeStiefelan. Er ist auch ein berühmter Mann; er blickt sehr finster aus seinen Augen und ist ein Franzose und ist auf einer fernen Insel gestorben.Bella: Das ist Napoleon.Louis: O Bella, warum raten Sie es so schnell? Sie sind zu klug.Martha Meister: Sie machen es uns zu leicht, Herr Louis.Bella: Jetzt können Sie es bei mir auch so machen, Herr Louis. Ich habe ein wunderschönes Bild, es ist reizend. Es ist ein Mann; er ist jung, und seine schöne, geschickte Hand stützt den Kopf, auf dem eine Kappe sitzt, so eine Art Barett, wissen Sie; darunter hervor quellen die prachtvollsten Locken, und die Augen, — o, die Augen, Louis, sollten Sie sehen!Louis: Das ist gar kein Mensch, das muß ein Engel sein.Bella: Nein, Louis; bleiben wir ruhig auf der Erde.Martha Meister: Was ist er? Ist er einBildhauer?Bella: Nein.Martha Meister: Ist er ein Künstler?Bella: Ja.Gretchen: Ein Italiener?Bella: Ja. — Geh' nicht zu schnell Gretchen.Louis: Ist er ein Musiker?Bella: Nein.Louis: Ein Maler?Bella: Ja.Louis: Ist es Raphael?Bella: Ja, nun sind wir quitt, Louis; nicht wahr?Louis: Und nun kommen Sie, Fräulein Gretchen.Gretchen: Mir hat man keines schönen Mannes Bild gegeben. Er ist häßlich, sehr häßlich; dafür war er aber um so geistreicher; und trotz seiner Häßlichkeit hat ihn einmal eine Marquise im Theater vor einem großenPublikum im Namen des Publikums umarmen und küssen müssen.Bella: So, das wird ja recht interessant.Gretchen: Ja; er trägt eine Perücke.Martha Parks: Washington?Gretchen: Nein, Martha, nicht Washington. Er war kein Amerikaner, er war kein Republikaner, aber er hat eine Republik befördert und einen großen König hatte er zum Freunde.Martha Meister:Das sind Widersprüche.Gretchen: Und doch ist alles in Ordnung.Martha Meister: War es ein Franzose?Gretchen: Ja.Martha Meister: Und war er sehrgeizig?Gretchen: Ganz recht.Martha Meister: Und hat er am Ende sehr viel Wohlthätiges getan mit seinem Gelde?Gretchen: Ja, ja; nun sag' es nur, Du hast es schon erraten.Martha Meister: War es Voltaire?Gretchen: Voltaire.Martha Parks: Nun will ich es Euch aber nicht schwer machen, denn es ist von selbst schon schwer genug.Martha Meister: So, Du machst uns wirklich angst, Martha.Martha Parks: Durch diesen Mann kam eine Revolution über die ganze Erde.Louis: Oho!Martha Parks: Ja, ja, Louis; so sagte meine Gouvernante.Louis: O, dann ist es wahr, Schwester; und weiter?Martha Parks: Und er hat einen Hut auf.Louis: So?Martha Parks: Ich bin noch nicht zu Ende. Der Hut ist nicht wie Dein Hut, Louis; auch nicht wie Alberts oder Papas Hut.Louis: Dann hat er am Ende einen Damen-Hut auf.Martha Parks: O nein; Männer tragen solche Hüte, aber nicht auf dem Lande.Louis: Nicht auf dem Lande; hm, hm, — und war er ein Amerikaner?Martha Parks: Ein Amerikaner, — ja — nein, er war nicht in Amerika geboren.Louis: Ist er in Europa geboren worden?Martha Parks: O ja.Bella: In Deutschland?Martha Parks: Nein, Bella, nicht in Deutschland, auch nicht in England und nicht in Frankreich und nicht in Spanien und nicht in Dänemark.Martha Meister: Vielleicht in Holland?Martha Parks: Nein, Martha.Gretchen: In Italien?Martha Parks: Ja, in Italien ist er geboren worden — nun, ich will Euch ein klein wenig helfen, — ich sehe, es wird Euch wirklich schwer. Die Menschen waren sehrböse gegen ihn und haben ihm gar nicht gedankt für das Gute, was er getan hat für sie, und zuletzt hat man ihn in ein Gefängnis geworfen, und er ist begraben worden mit seinen Ketten.Louis: Wer mag das nur sein?Martha Parks: O, Louis! Das weißt Du nicht? Columbus ist es, Columbus!Louis: O, meine Damen, das hätten wir auch wissen können.Martha Parks: So, nun kommst Du, Martha.Martha Meister: Aber ich habe ja schon — weißt Du nicht?Martha Parks: Ja, aber damit hast Du es uns nur gezeigt.Louis: Bitte, mein Fräulein.Martha Meister: Nun wohl. Den Mann, dessen Bild Sie mir gaben, Herr Louis, müssen wir alle verehren wegen seiner großenGelehrsamkeit; der Wissenschaft hat er sein ganzes Leben geopfert und sein großesVermögen, und vielleicht hat nie ein Mann vor ihm gelebt, der so gelehrt gewesen ist wie er. Er ist sehr alt geworden; er kommt aus einer edlen Familie und sein Bruder, der ebenfalls sehr gelehrt war, hat auch viele Bücher geschrieben; die größten Männer Deutschlands und viele Fürsten waren seine Freunde. Kennt Ihr jetzt den Mann?Bella: Noch nicht; war er selbst ein Deutscher?Martha Meister: Ja.Gretchen: War es Alexander von Humboldt?Martha Meister: Erraten, Schwester, erraten!Louis: So, meine Damen; nun müssen wir aber doch wohl gehen; — es wird uns zu spät, nicht wahr, Martha?Martha Parks: Wir müssen nun gehen und müssen sehen, wie es unserm Bruder Otto geht.Martha Meister: Grüßen Sie ihn von mir.Gretchen: Und von mir.Bella: Auch von mir, bitte.Martha Parks: Adieu! Wir haben immer so viel Vergnügen bei Euch.Gretchen: Das freut uns. Kommt recht bald wieder.Bella: Und bringt die Herren Brüder mit!Martha Parks: Danke.Louis: Adieu!Sektion 5 Fuss
Sektion 5 KopfV.
Martha: Aber, — das ist ja englisch, und ich dachte, Anna schriebe deutsche Briefe!
Bella: Das tut sie auch, Martha — siehst Du, hier beginnt der deutsche Teil, und so hübsch schreibt sie, ich habe ihn schon zwei mal ganz alleine für mich gelesen und ich möchte ihn wieder und wieder hören. Ach, bitte, süßes Gretchen, lies ihn doch einmal laut vor, ich weiß, Martha, es wird Dir viel Vergnügen machen, alles zu hören, was meine liebe, gute Schwester Anna schreibt. Willst Du, Gretchen, ja?
Gretchen: Gewiß, Bella, gerne; wo soll ich beginnen?
Bella: Hier, siehst Du?
Gretchen: Also .... Entschuldige mich, teure Bella, daß ich meinen Brief auf englisch begonnen habe; ich schreibe jetzt so gerne englisch und höre es so gerne. Wenn ich auf der Straße gehe und höre hinter mir englisch sprechen, dann beginnt mein Herz so laut zu pochen, und ich muß mich umsehen und möchte jeden umarmen, aus dessen Munde ich den trauten Ton der englischen Sprachevernehme, — ich habeHeimweh.
Ach, Schwester, das Heimweh ist eine traurige Krankheit! Das Herz tut einem so weh, daß man glaubt, es müsse brechen, und die Menschen scheinen uns alle so kalt, so herzlos zu sein, und man möchte immer allein sein und immer weinen. — Auch fürchtet man immer, man würde Vater und Mutter und Schwester und Freunde niemals wiedersehen, und allerlei traurige Gedanken kommen; — aber warum habt Ihr mich auch so lieb, daß ich immer an Euch denken muß! — Des Nachts träume ich oft, ich sei wieder bei Euch daheim, und alles wäre wieder wie früher; dann ist alles so schön, und ich bin so glücklich. Aber wenn ich dann aufwache, und die fremdenWändesehe, dann muß ich weinen.
Ich habe heute einen neuen Hut; unsere liebe, teure Freundin hat ihn selbstangefertigt: Blaues Band und eine große weiße Feder aus Paris; ich sehe immer in den Spiegel und freue mich und denke: Was würde wohl Bella von meinem Hute sagen? — Ich bekomme auch ein neues Kleid von blauer Seide; blaue Seide, weißt Du, habe ich so gern.
Was hier nun weiter folgt, liebe Bella, habe ich zusammen mit Frau Dr. Stellen geschrieben; und Du mußt erraten, welche Teile von meiner Freundin und welche von mir kommen. Ob das wohl schwer zu erraten ist?
(Aus meinem Tage-Buche. Seite 37.)
3 Uhr 35 Minuten morgens.
Das war eine lange, lange Fahrt! Ich bin froh, daß unser Hotel so nahe beimBahnhofeist. Mein Zimmer ist freundlich und bereits hell vom Lichte des kommenden Tages; ich öffne das Fenster und trinke die frische, wohlthätige Morgen-Luft. Ein langer Streifen, rot wie köstliches Gold, zieht sich am fernen Horizont entlang, und prächtiger und immer prächtiger wird der Farben-Glanz, bis sie selbst erscheint — die Sonne in ihrer vollen, majestätischen Schönheit. — Gewiß, so schön mag sie gewesen sein am ersten Tage der Schöpfung.
Ihr Anblick macht mich wieder frisch, und ich vergesse auf einige Minuten, wie müde ich bin.
Vor mir liegt die Stadt noch schlafend. Wie lieblich sie aussieht, beschienen vom Morgen-Rot! Solche Häuser habe ich niemals gesehen; sie erinnern an eine Zeit, die längstdahingeschwunden. DieDächersind alt und spitz und haben viele Türmchen. Eine alte Burg steht oben auf dem Berge, und ringsum liegt die Stadt. Zwei Türme von großer Schönheit stehen am Thore vor mir. Von der nahen Kirche kündet gerade die Glocke die vierte Stunde an. Männer kommen; ihre Schritte schallen laut durch die stille Straße; die Männer gehen zur Arbeit, und ich gehe zur Ruhe. Was soll ich Dir wünschen: Gute Nacht oder Guten Morgen?
(Zwei Tage später.)
»Lebe wohl, du alte, gute Stadt; einst warst du schön und stolz; — Ruinen und Erinnerungen sind dir geblieben, — doch auch diese sind noch schön! Ich will oft an dich denken. Lebe wohl, du gute, alte Stadt! Ich muß weiter!«
Weißt Du, liebe Bella, in welcher Stadt ich das geschrieben habe? — Ein großer Maler lebte hier; er war der größte Maler Deutschlands und lebte gleichzeitig mit Raphael. — Raphael hat ihm persönlich einmal geschrieben und ihm aus Hochachtung ein selbst gemaltes Bild gesandt. Das Haus, in dem er wohnte, steht noch; es ist groß und wohlerhalten. DerKünstlerhatte eine schöne Frau, aber diese war sehr böse gegen den armen D.... — Halt! Fast hätte ich den Namen genannt! Kennst Du, Bella, die Stadt noch nicht?
Viele alte Kirchen sind dort, und eine derselben ist besonders schön. Ihr Portal ist wunderbar. Wenn Du in die Kirche trittst, so findest DuKunstwerkevon jenem Maler und auch das Sakraments-Häuschen von Adam Krafft.
Nicht weit von dieser Kirche findest Du auch dasDenkmaleines Schuhmachers. Ja, Bella, eines Schuhmachers. Aber das Denkmal hat man ihm gesetzt für seine Verse.
H... S.... war ein Schuh-Macher und Poet dazu.
Und auf dem Markte steht ein Brunnen von seltener Schönheit. Oh, Du weißt nun, ich spreche von der Stadt Nürnberg, von Albrecht Dürer und von Hans Sachs.
(Aus dem Tage-Buche. Seite 82.)
ImPalmengarten.
»Hier ist es herrlich! — ist es im Paradiese wohl schöner gewesen? — So viele Menschen sind hier und alle scheinen einander zu kennen; die Herren grüßen sohöflichund schwingen die Hüte so hoch, und die Damen verbeugen sich graziös und lächeln so freundlich; hier sind gewiß alle recht glücklich. Lachend und plaudernd promeniert man unter den Klängen der heiteren Musik auf breiten, sandigen Gängen zwischen Feldern der lieblichsten und kostbarsten Blumen. — Wie hier die Zeit doch so schnell vergeht! Schon sinket die Sonne undscheidenderglänzt sie in einem Meere der lieblichsten und süßesten Farben, mich dünkt, ich hätte sie nie zuvor so herrlich gesehen. — Noch einen letzten Blick wirft sie auf alles —; das Scheiden tut ihr recht leid, denn die Erde ist heute so schön. Die endlosen Felder von Weizen und Korn gleichen dem Meere, wenn linde Winde es leise im Sommer am Abenderregen; dieHügelsind mit dem lieblichen Grüne des Weines bedeckt, und an den Bäumen schimmern im reichlichenLaubedie goldgelben Früchte.
Die Schatten werden tiefer, und die Nacht sinkt herab. In den Lüften summen dieKäfer, und Feuer-Würmchenleuchten aus dem Grase hervor. Lieder klingen aus der Ferne von Burschen und Mädeln, die freudig vom Felde kehren zu den heimischen Hütten.«
Bin ich nicht eine gute, sentimentale Deutsche geworden? Ach, Du würdest es auch werden, meine teuerste Bella, wenn Du hier wärest, denn die Natur ist hier ganz anders.
Ein Sonnen-Untergang hier ist mild und freundlich, bei Euch ist er brillant; einem Sonnen-Untergang in Deutschland muß man mit Freude zusehen, einen solchen in Amerika bewundern. Ich sehe, wie Du über mich lachst, aber das mußt Du nicht tun.
Nun, liebe Bella, hast Du erraten, wo ich jetzt bin? Ein wenig leichter will ich es Dir machen: Es ist eine große Stadt, und ein großer Poet wurde dort geboren, dessen Mutter einst sehr schön war. Ich habe auch das Haus gesehen und dasStübchenunter dem Dache, wo er geträumt und gedichtet hat. Noch jetzt befinden sich in einem der Zimmer folgende Worte von seiner Hand:
»Und wer derDichtkunstStimme nichtvernimmt,Ist ein Barbar, er sei auch, wer er sei.«
»Und wer derDichtkunstStimme nichtvernimmt,Ist ein Barbar, er sei auch, wer er sei.«
Kennst Du den Poeten, und weißt Du den Namen der Stadt? — Frankfurt am Main undGoethe[V-1].
(Aus demTagebuche. Seite 117.)
»Ehrfurchtsvollbetritt mein Fuß diesenPfad, der aufwärts führt zwischen grünenden Hecken. Zur Rechtenund zur Linken ruhen die Müden der Erde unter Blumen; aber vor mir, oben, steht von Marmor ein Tempel. Da bleibe ich stehen, und heilige, erhabene Scheu bewegt meine Seele; denn hier ruhen drei Fürsten: Der eine gebot, undSterblichehörten auf sein Wort; die zwei andern aber herrschten im Reiche des Geistes, sie waren Könige im Lande der Poesie. — Vereint, wie sie waren im Leben, sind sie es nun im Tode. Ihr Geist aber wirkt noch heute und wird wirken, so lange das Gute und Schönenoch[V-2]Wert hat auf Erden.«
Weißt Du, teure Bella, in welcher Stadt wir waren? Die beiden größten unter den Poeten des modernen Deutschlands lebten hier. Ich war in ihren Häusern und ich glaube, daß die Deutscheneinstmalsdiese Stadt so hoch preisen werden, wie die Griechen es taten mit Athen, und solltest Du den Namen »Weimar« nennen, so hast Du auch die Stadt erraten.
(Aus meinemTagebuche. Seite 166.)
»Wie gut man in deutschen Eisen-Bahnen schreiben kann! Ich glaube, sie fahren so langsam, um denFremdendas Land zu zeigen. Das ganze Land erscheint mir wie ein großer Park, wohlgepflegtund in schöner Ordnung gehalten. Wiese und Feld und Wald und Flurwechseln ab; und überall, auf den Bergen wie in den Thälern, erblickt man Städte und Dörfer. Dassieht prächtig aus. Wie lachende Augen, so glänzen aus den weißen, reinlichen Häusern die klaren Fenster, und aus der Mitte der Dörfer heben sich von den Kirchen, himmelwärtsdeutend, dieschlankenTürme. Der Zug hält — eine Station!«
Hier, liebe Bella, habe ich Dir vieles zu sagen. Also, der Zug hatte gehalten, — da hörten wir vom nahen Dorfe Musik und Jubel, und wir fragten einen von denBauern, welche neugierig bei dem Zuge standen und uns eben so anstaunten, wie wir sie: Was bedeutet denn der Jubel im Dorfe? — Heute haben wir Kirmes, sagte der eine. Kirmes? fragte ich. Was ist Kirmes, Herr Doktor?.. UndDr.Stellen antwortete: Kirmes ist der Bauern größtes Fest in dem Jahre. Da giebt es Wett-Rennen zu Pferde und dann Tanz, und wer weiß, was sonst noch mehr. — Weißt Du was, Frauchen? Wir könnten hier eigentlich bleiben und mit Fräulein Anna einmal Kirmes feiern.
War das nicht schön vom Herrn Doktor? Und bald fuhren wir in einem Bauern-Wagen hinein in das reinliche Dorf. Ich sah immer von einer Seite auf die andere und konnte mich nicht genug wundern über die niedlichen Häuser.
Wir waren in einer andern Welt, in einer ältern Welt.
Unter der Linde in der Mitte des Dorfes, auf einem runden, freien Platze,da ging es lustig her. Da unter dem freien Himmel tanzten die Burschen und die Mädel; und wie sie hüpften und wie sie sprangen undwie siejauchztenvor Freude! — Doch alles ging in Ordnung zu. O, so komisch sahen die Burschen aus in ihren bunten Westen und in ihren langen, schwarzen Röcken; auf ihren Köpfen standen die hohen, altmodischen, seidenen Hüte. Jeder Bursche hatte an dem Hute einen Strauß von bunten Blumen und ein langes seidenes Band. Blumen und Band hatte derSchatzihm gegeben, und Rock und Hut waren vom Großvater geerbt, denn auch der Großvater hatte mit der Großmutter die Kirmes so getanzt.
Als der Tanz beginnen sollte, winkte der Bursche mit der Hand und zu ihm kam sein Schatz. O, liebe Bella, ich wünsche, Du hättest gesehen, wie sie tanzten, seineWangeruhte an der ihren und beider Augen drehten sich zum Himmel vorWonne. O, es war zu komisch — aber wir durften nicht lachen, denn den Leuten war es Ernst.
Und, liebe Bella, — aber das mußt Du niemandem wieder sagen — ich selbst habe zwei mal mitgetanzt; und wenn ich an Frau Dr. Stellen vorüber kam, und wenn sie sah, wie ich meinen »Schatz« so innig fest hielt und die Augen auf nach oben wandte, dann lachte sie mir laut und herzlich zu. Das war köstlicherSpaß!
Als die Bauern hörten, daß wir aus Amerika kämen, traten viele zu uns und fragten, ob wir den Bruder nicht gesehen hätten oder die Schwester, oder ihren Onkel, oder ihre Tante; sie wären doch auch in Amerika. Auch fragten sie uns, ob wir Eisen-Bahnen hätten und ob eswahr wäre, daß man in Amerika alle Tage Fleisch essen könnte und Butter auf dem Brote; und zuletzt fragten sie, in welchem Monate die Kirmes bei uns in Amerika gefeiert würde.
Die Leute sind noch sehr naiv, nicht wahr? — Aber sie sind gut. Es sind treue, brave Menschen, und zufrieden mit ihrem Loose und voll Poesie und Musik.
Wir blieben über Nacht in dem Dorfe, schlafen aber konnte ich nicht, denn kaum hatte die Dorf-Uhr langsam und phlegmatisch zehn geschlagen, da ertönte ein mächtiges Horn, und ein Mann mit einem großen Hunde und einem langenSpießeging durch die Straßen und sang, so laut er nur vermochte:
»Hört ihr Herren und laßt euch sagen:Die Glocke hat zehn geschlagen.Nehmt in achtdas Feuer und Licht,Daß niemandem Schade geschicht.«
Und jede Stunde machte der Mann die Runde und jede Stunde ließ er an allen Ecken seinen Gesang ertönen, bis die Uhr drei schlug. Da sang er folgendes:
»Hört ihr Herren und laßt euch sagen:Die Glocke hat drei geschlagen!Der Tag vertreibet die finstere Nacht,Ihr lieben Christen, seid munter und wachMan weiß ja nicht, wenn der liebe Gott kommtUnd uns in seiner Gnade wegnimmt.Drum wachet alle Stund' undlobetGott den Herrn.«
Dann war es still im Dorfe und ermüdet schlief ich endlich ein und schlief recht lange und erwachte, als die Sonne hoch am Himmel stand. — Weißt Du, liebe Schwester, was Spinn-Stuben-Lieder sind?
Dieselben Bauern-Mädchen, die so froh und lustig sind, wenn die Kirmes kommt, sind ernst und fleißig zu allen anderen Zeiten des Jahres; und im Winter am Abend kommen oft viele zusammen in einem Hause und jede bringt ihr Spinn-Rad mit. Da sitzen sie im Kreise und spinnen und erzählen Märchen und singen — Lieder, das sind Spinn-Stuben-Lieder.
Als wir aus dem Dorfe fahren wollten, sah ich zwei Kinder, es waren zwei Knaben. So schön habe ich noch niemals Knaben gesehen; der eine von ihnen war zwei und der andere drei Jahre alt. Ah, Bella, Bella, welche Augen! Welche Locken-Köpfe! Jetzt weiß ich, daß Raphael seine Cherubim-Köpfe auf Erden gesehen hat. — Ich werde sie niemals vergessen.
Nun aber, Schwester, will ich kein Wort mehr schreiben und nur sagen: Lebe wohl und grüße alle Freunde tausendmal von mir. Vergiß auch nicht, Louis zu grüßen von Deiner
Dich ewig liebenden SchwesterAnna.
Nachschrift: Und vergiß auch nicht, meinem lieben, kleinen Kanarien-Vogel ordentlich Hanf-Samen zu geben, und küsse ihn für mich und sage, daß ich recht oft an ihn denke und daß er brav sein soll in seinem kleinen Hause.
Bella: Solch' einen Brief kann ich nicht schreiben! Hier, Martha, sind die Lieder. Willst Du einige singen? — Du bist nun müde, Gretchen, nicht wahr?
Gretchen: Das ist ein langer Brief.
Martha: Ich werde mit diesem Liede anfangen:
1.Ein Sträußchen am Hute,Den Stab in der Hand,Zieht rastlos der WandrerVon Lande zu Land.Er sieht so manch' Städtchen,Sieht manch' schönen Ort, —Doch fort muß er wieder,Muß weiter fort.Da sieht er am WegeEin Häuschen steh'n,Das war ja umgebenVon Blumen so schön.da tut's ihm gefallen[V-3],Da sehnt er sich hin, —Doch fort muß er wieder,Muß weiter ziehn.Ein freundliches MädchenDas redet ihn an:Ein herzlich Willkommen,Du Wanders-Mann!Sie blickt ihm in's Auge,Sie reicht ihm die Hand —Doch fort muß er wiederIn ein anderes Land.2.Mein Schatz ist nicht hier,Ist über die Höh'.Ich darf nicht dran denken,Sonst tut's Herz mir so weh!Gretchen: Das ist ganz niedlich, Martha. Was ist das andere?3.Martha:Blau blüht ein Blümelein,Das heißt »Vergiß-nicht-mein«.Dies Blümchen leg' an's HerzUnddenke mein.Blau ist der Treue Schein,Blau ist das Auge dein.Das Blümlein pfleg' auch du,Wo du auch weilst.Der über Sternen thront,Der deine Liebe lohnt,Der sieht herab auf dich,Denkst du an mich.
1.
Ein Sträußchen am Hute,Den Stab in der Hand,Zieht rastlos der WandrerVon Lande zu Land.
Er sieht so manch' Städtchen,Sieht manch' schönen Ort, —Doch fort muß er wieder,Muß weiter fort.
Da sieht er am WegeEin Häuschen steh'n,Das war ja umgebenVon Blumen so schön.
da tut's ihm gefallen[V-3],Da sehnt er sich hin, —Doch fort muß er wieder,Muß weiter ziehn.
Ein freundliches MädchenDas redet ihn an:Ein herzlich Willkommen,Du Wanders-Mann!
Sie blickt ihm in's Auge,Sie reicht ihm die Hand —Doch fort muß er wiederIn ein anderes Land.
2.
Mein Schatz ist nicht hier,Ist über die Höh'.Ich darf nicht dran denken,Sonst tut's Herz mir so weh!
Gretchen: Das ist ganz niedlich, Martha. Was ist das andere?
3.
Martha:
Blau blüht ein Blümelein,Das heißt »Vergiß-nicht-mein«.Dies Blümchen leg' an's HerzUnddenke mein.Blau ist der Treue Schein,Blau ist das Auge dein.Das Blümlein pfleg' auch du,Wo du auch weilst.Der über Sternen thront,Der deine Liebe lohnt,Der sieht herab auf dich,Denkst du an mich.
Blau blüht ein Blümelein,Das heißt »Vergiß-nicht-mein«.Dies Blümchen leg' an's HerzUnddenke mein.
Blau ist der Treue Schein,Blau ist das Auge dein.Das Blümlein pfleg' auch du,Wo du auch weilst.
Der über Sternen thront,Der deine Liebe lohnt,Der sieht herab auf dich,Denkst du an mich.
Louis:Bravo, bravissimo! Da capo!
Martha Parks: Guten Tag, Martha! Guten Tag, Gretchen und Bella! Ha, ha, ha!
Bella: Ach — bin ich erschrocken!
Gretchen: Und ich, und sieh einmal Martha an.
Louis: Ich bitte Sie tausend mal um Vergebung; das wollte ich nicht, ich wollte Sie wirklich nicht erschrecken!
Martha Parks: Nein, das wollten wir nicht; so böse sind wir nicht; nicht so, Louis? — Wir klopften, einmal, zweimal; und da hörten wir niemanden »Herein« rufen, und da nahm Louis mich bei der Hand —
Louis: Und da sind wir. Sie sind wohl recht böse auf mich, nicht wahr? Aber ich bin froh, daß ich gekommen bin; denn vor der Thüre hätte ich das wunderschöne Lied nicht hören können.
Martha Parks: Wie schön Ihr singen könnt!
Bella: Das war ein Lied von Anna; sie hat es mir aus Köln geschickt mit vielen Grüßen an alle Freunde und einem besondern Gruße an Louis.
Louis: So? Nun, das freut mich recht sehr; auch einen Gruß an mich; ich danke Ihnen, Fräulein Bella, und geht es Ihrer Schwester Anna gut in Deutschland?
Bella: O ja; sie schrieb mir einen langen Brief. Sie können ihn lesen, wenn Sie wollen. Nehmen Sie ihn nur mit nach Hause; Sie werden lange Zeit dazu gebrauchen, und ich glaube, er wird Sie interessieren.
Louis: Sie sind sehr gütig, mein Fräulein.
Martha Meister: Wir haben Sie ja so lange nicht gesehen, Herr Louis!
Gretchen: Und Ihre Herren Brüder auch nicht!
Bella: Sie sind doch alle wohl?
Louis: O ja; danke, meine Damen, recht wohl.
Martha Parks: Meine Brüder gehen immer auf die ..... die ....., was ist es, Louis? Wohin geht Ihr?
Louis:Auf die Jagd.
Martha Parks: Ja, auf die Jagd und lassen mich alleine, und ich bin dann traurig. Das ist gar nicht schön von ihnen, nicht wahr?
Louis: Nun werden wir nicht mehr so oft gehen, liebe Schwester.
Gretchen: Schießen Ihre Herren Brüder so gut, wie Sie?
Louis: O ja; oft besser. Albert nimmt einen Silber-Dollar aus der Westen-Tasche und wirft ihn mit der linken Hand in die Luft; mit der rechten Hand schießt er dann sein Pistol ab und trifft den Dollar. — Sagen Sie, Fräulein Bella, haben Sie schon Münchhausens Jagd-Abenteuer gelesen? Nein? Nun, meine Damen, dann will ich Ihnen etwas erzählen, das Ihnen gefallen soll.
Der Baron von Münchhausen war einmal auf der Jagd. Da kam einHirschdurch den Wald gerannt. Schnell nahm der Baron die Flinte von der Schulter. Aber — o weh! — er hatte keine Kugel mehr. Danahm er vom Boden einen Kirschen-Stein auf, steckte ihn in die Flinte,zielte,drückte abund traf das Tier mitten auf den Kopf zwischen das schöneGeweih. Der Hirsch fiel, stand aber im nächsten Momente wieder auf den Beinen und war auf und davon gerannt.
Ein Jahr später kam Baron von Münchhausen wieder in den Wald und sah wieder denselben Hirsch und auf dem Kopfe zwischen dem Geweihe war ein großer Baum mit reifen Kirschen. Dieser Baum war aus dem Kirschen-Steingewachsen. Dieses Mal aber hatte Herr v. Münchhausen Kugeln; er schoß und der Hirsch fiel tot zu Boden. Da hatte der Baron einen feinen Braten und Kirschen zum Dessert. War das nicht schön, meine Damen?
Gretchen: O, das war reizend!
Louis: Das ist alles noch nichts. Das Beste kommt noch; hören Sie nur:
Einmal war der Baron nach Rußland geritten auf seinem Pferde; der Winter war sehr streng und es schneite sehr stark. An einem Tage war er schon lange geritten und daher müde geworden, aber er sah kein Haus, undes schneite, als ob alles vom Himmel herunter wollte. Zuletzt konnte er nicht weiter; er war zu sehr ermüdet, und es war schon lange Nacht. Da band er sein Pferd an einenPfahl, hüllte sich in seinen Mantel, legte sich auf den Schnee und schlief ein.
Am nächsten Morgen, als er wieder erwachte, war er sehr verwundert; denn rings umher sah er Grab-Steine,und er hatte sie doch nicht am Abend gesehen! Er war aus einem Kirch-Hofe. Wo aber war denn sein Pferd? —Er hörte es über sich wiehern; und als er aufblickte, sah er es hängen an der Spitze des Kirch-Turmes.
Nun war alles klar: Gestern hatte es so viel geschneit, daß der Schnee bis über die Häuser und bis über die Turm-Spitze gekommen war, und was er für einen Pfahl angesehen hatte, das war das obere Ende des Kirch-Turmes. Nach Mitternacht war dann der Schnee geschmolzen; der Baron selbst warallmählichherabgesunken, bis er zuletzt auf dem Kirch-Hofe ruhte. Das Pferd aber hing nun noch oben. Da nahm er sein Pistol, zielte und schoß mitten durch den Halfter. Das Pferd kam herunter, der Baron setzte sich darauf und ritt fröhlich weiter.
Bella: Ist das alles wahr, was Sie da sagen, Herr Louis?
Louis: O ja, mein Fräulein, das ist alles wahr, denn der Baron von Münchhausen hat es selbst erzählt.
Gretchen: Aber, Herr Louis, ich muß Sie wieder fragen: Warum kommen denn Ihre Herren Brüder nicht mehr?
Louis: Bruder Otto ist noch zu müde von der Jagd und ruht sich aus, und Bruder Albert geht oft wie träumend umher, es muß wohl etwas Ernstes sein, über das er sinnt; aber ich mag ihn nicht mehr fragen. Einmal habe ich es getan, und da sah er mich so wunderlich an, — ich wußte nicht, was ich von ihm denken sollte.
Martha Parks: Ich weiß, was er tut; Louis, soll ich es sagen? Aber Ihr dürft es niemandem wieder erzählen — hört Ihr, niemandem.
Bella: O nein, wir wollen es niemandem sagen. Was ist es, Martha? Sprich nur.
Martha Parks: Er macht Gedichte.
Bella: Gedichte?
Martha Parks: Ja, ganz gewiß. Ich kam einmal zu ihm und da sah ich es. Schnell legte er alles zur Seite, und so habe ich nur die Überschrift gelesen, sie lautete: »An Martha«. Ha, sagte ich, Du willst mich überraschen, lieber Albert, nicht wahr? und da lachte er laut und lange und küßte und koste mich und wollte gar nicht enden.
Gretchen: Wirklich?
Bella: So?
Louis: Hm, hm!
Martha Parks: Aber was ist denn, Ihr wundert Euch ja alle so sehr?
Bella: Hast Du.........
Martha Meister: Hast Du schon von Schiller gehört, Martha?
Martha Parks: Von Schiller?
Bella: Ich würde Dir recht herzlich danken, wenn Du uns heute von ihm erzählen wolltest. Du hast mir schon vor langer Zeit versprochen, einmal von diesem großen deutschen Dichter zu sprechen.
Martha Meister: Gerne, gerne will ich heute DeinenWunsch erfüllen, das heißt, wenn es Euch allen angenehm ist.
Alle: O, wir bitten darum.
Martha Meister: Gut, dann will ich beginnen.
Schillers Vater war ein ernster Mann. Er war Offizier in einem würtembergischen Regimente. Und als eraus dem Lagerkam und zum ersten Male an der Wiege seines Sohnes stand, betete er inniglich:
O, gütiger Gott, laß diesen meinen neugebornen Sohn gut werden und groß, und laß ihn alles das erreichen, was ich mir einst selbst gewünscht habe, aber nicht mehr erreichen konnte.
Die Mutter war mild und fromm und lieb, wie es eine Mutter nur sein konnte mit ihrem einzigen Sohne. Und wenn der Vater oft zu strenge gewesen war, so kam Friedrich zur Mutter und vergaß seinen kindlichenKummer; und wenn die Mutter ihm eine Freude machen wollte, so erzählte sie ihm die Geschichten aus der Bibel. Dann lauschte er mit seinen beiden Schwestern.
Zuletzt sagte der kleine Friedrich: Ich will ein Prediger werden. Das war auch der Mutter lieb, und oft mußte sie lachen, wenn sie ihren Friedrich sah, wie er auf dem Stuhle stand und seinen Schwestern und Freunden eine Predigt hielt.
Einige Jahre später kam er zu einem Pastor und studierte fleißig, und seine Liebe zu diesem guten Manne war so groß,daß er fest entschlossen war, auch ein Prediger zu werden, wie jener. Aber es sollte anders kommen.
In jener Zeit hatte der Herzog von Würtemberg ein Institut errichtet für die Söhne seiner Offiziere, und da er nur die besten Knaben für dieseAnstaltwählen wollte, so kam er auch in Schillers Haus.
Frau Schiller aber mochte ihren Sohn nicht in jene Anstalt geben, denn er konnte dort keine Theologie studieren; und dann wollte sie gerne ihren einzigen, geliebten Sohn bei sich behalten. Aber der Herzog wollte und mußte seinen Willen haben. Dreimal war er gekommen, bis zuletzt Friedrich Schiller vom Eltern-Hause in die Anstalt kam, die später den Namen »Karls-Schule« erhielt.
Bella: An Frau Schillers Stelle würde ich den Sohn nicht in jene Anstalt gegeben haben.
Martha: Ah, meine liebe Bella, Du kennst den Herzog nicht. Er war ein arger Tyrann, wie die meisten Fürsten in jener Zeit — und das war eine böse, böse Zeit. Jeder Fürst, und war er noch so klein, wollte leben und herrschen, wie LudwigXIV.von Frankreich es getan hatte. Sie bauten Paläste, Theater und Opern-Häuser, hielten Sänger und Ballett-Tänzer, hatten die großartigsten Parks und Gärten und dazu Luxus aller Art; aber das Geld zu diesen Herrlichkeiten nahmen sie von ihrenUnterthanen.
Die armen Menschen mußten schwer arbeiten wie Sklaven, damit ihre Herrenschwelgenkonnten; und als sie nichts mehr hatten und ihnen alles genommen war, daergriffman ihre Person; von dem Vater und vonder Mutter nahm man die Söhne; mit Gewaltrißman sie von ihren Herzen, sah nicht auf ihren Schmerz, hörte nicht auf ihre Klagen; — und die Söhne verkaufte man dann an England, und England schickte sie nach Amerika, — dort sollten sie kämpfen gegen Freiheit und Recht.
Sotrieben esin jener Zeit die meisten Fürsten, und auch der Herzog Karl. Als er älter war, wurde er freilich anders, und als er seinen fünfzigsten Geburts-Tag feierte, schrieb er ein langes Register seiner Sünden und versprach, sich zu bessern, und ließ dieses in allen Kirchen seines Landes vorlesen.
Diese Besserung aber und auch die Errichtung der Karls-Schule war das Werk seiner Gemahlin. Diese Herzogin war aber zuvor eines andern Mannes Frau gewesen; der Herzog hatte sie jedoch mit Gewalt zu sich genommen.
Louis: Und der Mann, was tat denn der?
Martha Meister: Nichts, Louis; er konnte nichts tun. Karl war einargerTyrann — und auch in der Schule. Ihr könnt euch wohl denken, daß es Schiller niemals recht gefiel, schon deshalb nicht, weil er kein Prediger werden konnte und Medizin studieren mußte.
Die Schule war berühmt geworden, und oft kamen hohe Herren von allen Teilen Deutschlands, um sie zu besehen. Einmal war auch der junge Herzog Karl August von Weimar mit seinem FreundeGoethe[V-4]gekommen. Wie Schiller den jungen Poeten anstaunte! O,rief er aus, wie jung er ist, und doch schon so berühmt! Und ich, ich habe noch nichts getan, und wer weiß, ob ich wohl jemals etwas Großes tun werde!
Da standen sie zum ersten Male zusammen und sie gingen von einander und wußten nicht, daß sie einst die beiden großen Poeten Deutschlands und die besten Freunde werden sollten.
Ein anderes Mal kam Lavater nach der Karls-Schule. Lavater war damals berühmt; nicht allein, weil er ein geistreicher Mann und ein sehr frommer Prediger war, sondern auch deshalb, weil er ein Werk geschrieben hatte über Physiognomie.
In der Karls-Schule führte man ihm die Schüler vor, daß er sie sehe und ein Urteil abgebe über ihren Charakter und ihreFähigkeiten. Nachdem er schon viele gesehen und beurteilt hatte, kam auch ein langer, hagerer Mensch. Lavater befühlte seinen Kopf, sah ihm scharf in die Augen,musterteihn von oben bis unten und rief voll Entsetzen: O, o, das wird ein großerSpitzbubewerden! —
Schiller war es; dieses Mal hatte sich der gute Lavater arg getäuscht.
Nachdem Schiller genügend studiert hatte, wollte er auch sein Examen machen in der Medizin und schrieb seine Arbeit. Die Professoren prüften sie und fanden sie gut; — doch meinten sie: Schiller denke nicht immer so wie sie; er habe zu viele eigene Ideen und allzu viel Feuer.
Wohl, sagte der Herzog, so soll Schiller noch ein Jahr bei uns bleiben, wir wollen ihm das Feuer erst legen. — Und Schiller mußte noch ein Jahr länger in dieser Anstalt bleiben, die er haßte.
In diesem Jahre schrieb Schiller sein erstes Drama, aber die Professoren und der Herzog durften es nicht wissen. Nachts im Geheimen mußte er schreiben, und da er zuletzt sein Werk beendet hatte und es seinen Freunden fern im finstern Walde vorlas, da war ihr Enthusiasmus unbeschreiblich, — solche Gedanken in deutscher Sprache hatten sie nie zuvor weder gelesen noch gehört.
Bald hatte Schiller auch sein Examen gemacht und war Arzt geworden in einem Regimente, das in Stuttgart stand. Nun ließ er sein Drama drucken, und es ging in die Welt und entflammte alle Herzen. Überall, überall, wo man deutsch verstand, las man »Die Räuber,« in den besten Theatern spielte man dieses Stück und Schiller war mit einem Male berühmt geworden.
Der Herzog selbst war stolz darauf, denn Schiller war ja aus seiner Schule hervorgegangen; und doch wollte er ihn verhindern, ferner Poesie zu schreiben. »Bücher über Medizin mag der Schiller schreiben, keine Poesie,« — so etwa schrieb der Tyrann an den Poeten.
Louis: Es ist ein Glück für diesen Herzog Karl, daß ich nicht zu seiner Zeit gelebt habe. Schiller hat doch Poesie geschrieben, nicht wahr?
Martha Meister: Gewiß, aber das ist eine langeGeschichte, und ich fürchte, es wird Ihnen zu viel, Herr Louis.
Louis: O nein, mein Fräulein. Sie wissen sehr wohl, wiegespanntich nun bin. Bitte, seien Sie so gut und erzählen Sie weiter.
Martha Meister: Zur selben Zeit lebten auch in Stuttgart die Herren Wolzogen; sie waren Schul-Kameraden und Freunde von Schiller, und ihre Mutter nahm großes Interesse an dem jungen Poeten und gehörte zu denen, die ihn bewunderten, und sie hätte gar zu gerne einmal »Die Räuber« im Theater zu Mannheim gehört.
Schiller reiste dahin mit ihr und einer andern Freundin; aber da er heimlich, ohne des Herzogs Wissen, Stuttgart verlassen hatte, so hatte er die Damen gebeten, mit niemandem darüber zu reden. Das versprachen denn auch die Damen sehr schnell.
Und sie kamen zurück und hatten »Die Räuber« gesehen und dazu die Begeisterung der Menschen; — und sie konnten nicht schweigen, es war ihnen unmöglich! — Und nur einer Freundin erzählten sie es; aber sie sagten zu ihr, daß sie es niemandem weiter erzähle. Und die Freundin hatte auch eine Freundin und diese wieder eine andere; und eine Freundin erzählte es der andern, aber hatte immer zu derselben gesagt: »Ja nicht weiter erzählen« — und so war es endlich doch zu des Herzogs Ohren gekommen.
Der Herzog warergrimmt, daß Schiller, ein Offizierdes Regiments,es gewagt hatte, ohne seine Erlaubnis die Garnison zu verlassen, und er gab ihm daher einige Wochen Arrest. Schiller aber hatte beschlossen, frei, für immer frei zu werden.
Bald darauf wurde wieder des Herzogs Geburts-Tag gefeiert, und die Gäste waren von weit und breit gekommen; und da war großesGedränge; Gäste zu Wagen und zu Pferde kamen und gingen.
In derselben Nacht fuhr langsam ein Wagen zum Thore hinaus, darin saßen zwei Männer, tief in ihre Mäntel gehüllt. Die Nacht war finster, kein Stern stand am Himmel, und die Beiden im Wagen saßen lautlos da. Nur einmal, als der Wagen die Soldaten am Thore passierte, atmeten sie laut und frei, und dann fuhr der Wagen schnell, und zuweilen konnte man einen Seufzer und die Worte hören: Meine arme, arme Mutter!
Früh am nächsten Morgen hielt der Wagen in Mannheim, und ein schlanker, hoher Mensch sprang herab, — es war Schiller, der den Händen des Tyrannen entflohen war; er war in einem andern Lande, — er war frei. An seine Schwester schrieb er damals so:
»6. November 1782.Teuerste Schwester!Gestern Abend erhielt ich deinen lieben Brief und ich eile, dich aus deinen und unserer besten Eltern Besorgnissen über mein Schicksal zu reißen.Daß meine völlige Trennung vonVaterlandund Familie nunmehr entschieden ist, würde mir sehr schmerzhaft sein, wenn ich sie nicht erwartet und selbstbeförderthätte, wenn ich sie nicht als die notwendigste Führung des Himmels betrachten müßte, welche mich in meinemVaterlandenicht glücklich machen wollte. Auch der Himmel ist es, dem wir die Zukunft anvertrauen, von dem ihr und ich,gottlob nur allein, abhängig seid; und Ihm übergebe ich euch, meine Teuern; Er erhalte euch fest und stark, meine Schicksale erleben und mein Glück mit der Zeit mit mir teilen zu können. Losgerissen aus euren Armen, weiß ich keine bessere, keinezuverlässigereNiederlage meines teuersten Schatzes, als Gott. Von Seinen Händen will ich euch wieder empfangen und — das sei die letzte Thräne, die hier fällt!..... ..... ..... ..... ..... ..... ..... ..... Noch einmal, meine innig geliebte Schwester, vertraue auf Gott, der auch der Gott deines fernen Bruders ist, dem dreihundert Meilen eineSpannebreit sind, wenn Er uns wieder zusammen gebracht haben will. Grüße unsern besten, allerteuersten Vater und unsere herzlich geliebte, gute Mutter, meine liebe, redliche Louise und unsere kleine gute Nanette. Wenn mein Segen Kraft hat, so wird Gott mit euch sein. Ein inneres, starkes Gefühl spricht laut in meinem Herzen: Ich sehe euch wieder. — Vertraue auf Gott! Es wird kein Haar von uns allen auf die Erde fallen.Ich werde zu weich, Schwester, und schließe. Wenndu die Wolzogen sprichst, so mache ihr tausend Empfehlungen ....... Ich kann nicht weiter schreiben. Du schreibst mir, wie bisher, über Mannheim.Ewig dein treuer, zärtlicher BruderFriedrich Schiller.«
Gestern Abend erhielt ich deinen lieben Brief und ich eile, dich aus deinen und unserer besten Eltern Besorgnissen über mein Schicksal zu reißen.
Daß meine völlige Trennung vonVaterlandund Familie nunmehr entschieden ist, würde mir sehr schmerzhaft sein, wenn ich sie nicht erwartet und selbstbeförderthätte, wenn ich sie nicht als die notwendigste Führung des Himmels betrachten müßte, welche mich in meinemVaterlandenicht glücklich machen wollte. Auch der Himmel ist es, dem wir die Zukunft anvertrauen, von dem ihr und ich,gottlob nur allein, abhängig seid; und Ihm übergebe ich euch, meine Teuern; Er erhalte euch fest und stark, meine Schicksale erleben und mein Glück mit der Zeit mit mir teilen zu können. Losgerissen aus euren Armen, weiß ich keine bessere, keinezuverlässigereNiederlage meines teuersten Schatzes, als Gott. Von Seinen Händen will ich euch wieder empfangen und — das sei die letzte Thräne, die hier fällt!..... ..... ..... ..... ..... ..... ..... ..... Noch einmal, meine innig geliebte Schwester, vertraue auf Gott, der auch der Gott deines fernen Bruders ist, dem dreihundert Meilen eineSpannebreit sind, wenn Er uns wieder zusammen gebracht haben will. Grüße unsern besten, allerteuersten Vater und unsere herzlich geliebte, gute Mutter, meine liebe, redliche Louise und unsere kleine gute Nanette. Wenn mein Segen Kraft hat, so wird Gott mit euch sein. Ein inneres, starkes Gefühl spricht laut in meinem Herzen: Ich sehe euch wieder. — Vertraue auf Gott! Es wird kein Haar von uns allen auf die Erde fallen.
Ich werde zu weich, Schwester, und schließe. Wenndu die Wolzogen sprichst, so mache ihr tausend Empfehlungen ....... Ich kann nicht weiter schreiben. Du schreibst mir, wie bisher, über Mannheim.
So schrieb er an seine älteste Schwester, und Ihr werdet wohl gemerkt haben, daß er in Mannheim nicht mehr war. Die Verfolgung des Herzogs fürchtend, war er bald weiter geflüchtet, wohin aber, das wußten nur wenige.
Schiller war verschwunden, sein Name wurde nun lange nicht mehr gehört; — aber auf einem Land-Gute der Frau von Wolzogen sah man jetzt zuweilen einen schlanken Mann durch Feld und Wald gehen, langsam, mit gesenktem Haupte, oft wie träumend. Und wenn die Leute ihn so sahen, so meinten die einen, er müsse viel denken; andere meinten, er müsse wohl große Sorgen haben — alle aber zogen voll Achtung den Hut vor ihm ab.
Es war Schiller. Hier lebte er und hier dichtete er »Fiesko«. Doch bald durfte er wieder nach Mannheim zurückkehren, und da vollendete er sein drittes Drama, »Kabale und Liebe« — und auch dieses Drama gefiel.
Schiller hätte nun glücklich leben können, denn er war frei und wurde berühmt; aber er war arm. Das machte ihm jetzt besonders viel Sorge; denn als er »Die Räuber« hatte drucken lassen, hatte ein Freund, einOffizier, das Geld für ihn geborgt; und da Schiller das Geld noch nicht zurückzahlen konnte und der Freund selbst kein Geld hatte, denWechselzu bezahlen, so mußte er in das Gefängnis wandern, der Freiheit und der Ehre beraubt — durch Schiller; und dieser konnte an keine Hülfe denken für den treuen Freund.
Schiller war in Verzweiflung und murrte gegen die Göttin der Poesie, die ihm bis heute nur Kummer und Leiden gebracht hatte. Wahrlich, er wollte die Ungetreue verlassen, wollte sich ganz dem Studium der Medizin hingeben und niemals, niemals wollte er wieder dichten.
Aber es sollte nicht so kommen.
Zu dieser Zeit kam von Leipzig ein Brief an Schiller. Zwei Herren und ihreBräutehatten ihmgemeinschaftlichgeschrieben, sie wollten dem Dichter der Räuber den Tribut ihres Dankes darbringen; die Damen hatten auch eine Hand-Arbeit an Schiller gesandt mit der Bitte, sie anzunehmen als Zeichen ihrer großen Bewunderung.
Das ist von Gott, dachte Schiller, und schrieb zurück und erzählte seine traurige Lage und bat um Hilfe für seinen gefangenen Freund, und bald erhielt er eine Summe, welche groß genug war, den Freund zu befreien; Schiller selbst aber folgte der Einladung, nach Leipzig zu kommen und wohnte jetzt bei seinem guten und reichen Freunde Körner.
Louis: Nobler Körner!
Martha Meister: Ja, nobler Körner! Erzerstreutedie finsteren Wolken, die über dem Haupte des Dichters schwebten, und brachte ihm bessere Tage. Manche lehrreiche und manche frohe Stunde verlebten sie da.
Und einmal, da sie so recht freudig zusammen gewesen waren, hatte Schiller im Vollgefühl seines Glückes seine Ode »An die Freude« gedichtet.
Gretchen: »Freude, schöner Götter-Funken«?
Martha Meister: Dasselbe. Beethoven faßte durch dieses Gedicht die Idee zu seiner großen, wunderbaren Symphonie, der neunten.
Gretchen: Und endete sie mit den Worten des Dichters.
Martha Meister: So ist es, Schwester.
Bella: Und was war Schillers nächstes Drama?
Martha Meister: »Don Carlos«.
Gretchen: Verzeihe, Schwester, wenn ich nochmals unterbreche. Es dürfte für Bella von Interesse sein zu hören, daß die Musen den edlen Körner reichlich belohnten für das, was er an ihrem Liebling, Schiller, getan hatte.
Bella: Wie meinst Du das, Gretchen?
Gretchen: Körners Sohn, Theodor Körner, ist besonders von den Musen geliebt worden. Theodor Körner ist ein deutscher Dichter von Gottes Gnaden. Er war wie sein und seines Vaters Freund ein Dichter der Freiheit. Das deutsche Volk ehrt ihn hoch und gedenkt seiner mit besonderer Liebe. Mit der Leier sang und mit dem Schwerte kämpfte Theodor Körner für seinVaterland; und da er einst in einer Schlacht schwer verwundet wurde und im Walde lag undvermeinte, er müsse hilflos sterben, da schrieb er mit der letzten Kraft die folgenden Verse:
Abschied vom Leben.(Als ich schwer verwundet und hilflos in einem Holze lag und zu sterben meinte. Nachts 17.-18. Juni 1813.)Die Wunde brennt — die bleichen Lippen beben.Ich fühl's an meines HerzensmattermSchlage:Hier steh' ichan den Marken meiner Tage—Gott, wie du willst, dir hab' ich mich ergeben.Viel gold'ne Bilder sah ich um mich schweben;Das schöne Traum-Bild wird zur Toten-Klage.Mut! Mut! — Was ich treu im Herzen trage,Das muß ja doch dort ewig mit mir leben!Und was ich hier als Heiligtum erkannte,Wofür ich rasch und jugendlichentbrannte, —Ob ich's nun Freiheit, ob ich's Liebe nannte:AlslichtenSeraph seh' ich's vor mir stehen;Und wie die Sinne langsam mir vergehen,Trägt mich einHauchzu morgenroten Höhen. —
(Als ich schwer verwundet und hilflos in einem Holze lag und zu sterben meinte. Nachts 17.-18. Juni 1813.)
Die Wunde brennt — die bleichen Lippen beben.Ich fühl's an meines HerzensmattermSchlage:Hier steh' ichan den Marken meiner Tage—Gott, wie du willst, dir hab' ich mich ergeben.Viel gold'ne Bilder sah ich um mich schweben;Das schöne Traum-Bild wird zur Toten-Klage.Mut! Mut! — Was ich treu im Herzen trage,Das muß ja doch dort ewig mit mir leben!Und was ich hier als Heiligtum erkannte,Wofür ich rasch und jugendlichentbrannte, —Ob ich's nun Freiheit, ob ich's Liebe nannte:AlslichtenSeraph seh' ich's vor mir stehen;Und wie die Sinne langsam mir vergehen,Trägt mich einHauchzu morgenroten Höhen. —
Aber seine Todes-Stunde war noch nicht gekommen; Leute hatten ihn gefunden und erhielten ihn am Leben.
Martha Meister: Laß uns einmal sein »Gebet während der Schlacht« singen, Gretchen, das ist groß.
Vater, ich rufe dich:Brüllend umwölkt mich der Dampf der Geschütze,Sprühend umzucken mich rasselnde Blitze.Lenker der Schlachten, ich rufe dich!Vater du, führe mich!Vater du, führe mich!Führ' mich zum Siege, führ' mich zum Tode;Herr, ich erkenne deine Gebote.Herr, wie du willst, so führe mich,Gott, ich erkenne dich!Gott, ich erkenne dich!So im herbstlichen Rauschen der BlätterAls im Schlachten-Donnerwetter,Urquell der Gnade, erkenn' ich dich.Vater du, segne mich!Vater du, segne mich!In deine Hand befehl' ich mein Leben,Du kannst es nehmen, du hast es gegeben;Zum Leben, zum Sterben segne mich.Vater, ich preise dich!Vater, ich preise dich!Es ist ja kein Kampf um die Güter der Erde, —Das Heiligste schützen wir mit dem Schwerte.D'rum fallend und siegend preis' ich dich!Gott, dir ergeb' ich mich!Gott, dir ergeb' ich mich!Wenn mich die Donner des Todes begrüßen,Wenn meine Adern geöffnet fließen,Dir, mein Gott, dir ergeb' ich mich!Vater, ich rufe dich!
Vater, ich rufe dich:Brüllend umwölkt mich der Dampf der Geschütze,Sprühend umzucken mich rasselnde Blitze.Lenker der Schlachten, ich rufe dich!Vater du, führe mich!
Vater du, führe mich!Führ' mich zum Siege, führ' mich zum Tode;Herr, ich erkenne deine Gebote.Herr, wie du willst, so führe mich,Gott, ich erkenne dich!
Gott, ich erkenne dich!So im herbstlichen Rauschen der BlätterAls im Schlachten-Donnerwetter,Urquell der Gnade, erkenn' ich dich.Vater du, segne mich!
Vater du, segne mich!In deine Hand befehl' ich mein Leben,Du kannst es nehmen, du hast es gegeben;Zum Leben, zum Sterben segne mich.Vater, ich preise dich!
Vater, ich preise dich!Es ist ja kein Kampf um die Güter der Erde, —Das Heiligste schützen wir mit dem Schwerte.D'rum fallend und siegend preis' ich dich!Gott, dir ergeb' ich mich!
Gott, dir ergeb' ich mich!Wenn mich die Donner des Todes begrüßen,Wenn meine Adern geöffnet fließen,Dir, mein Gott, dir ergeb' ich mich!Vater, ich rufe dich!
Gretchen: So, Schwester, nun werde ich Dich nicht mehr stören.
Louis: Wie ist es unserm Schiller weiter ergangen, Fräulein Martha?
Martha Meister: Er war Professor geworden an der Universität zu Jena, und seine Vorlesungen über Geschichte waren so beliebt, daß Studenten von vielen anderen Universitäten kamen, um ihn zu hören. Und das war auch gar nicht zu verwundern; denn Schiller gab seine Vorlesungen ganz anders und viel besser als die anderen Professoren der Geschichte und wie er schon Großesgeleistethatte in der deutschen Poesie, so tat er es jetzt in der Geschichte.
Auch in seiner Familie war er glücklich. Er hatte ein treues, liebes Weib und viele Freunde; — doch den teuersten von allen sollte er später finden.
Da waren eines Abends zu einer gelehrten Gesellschaft viele Professoren gekommen, unter diesen auchGoethe[V-5]. Als die Sitzung zu Ende war, begleitete er Schiller. Sie sprachen lebhaft zusammen und gewiß über etwas, was von hohem Interesse für beide war. DennGoethe[V-6]war sehr erstaunt, als er mit einem Male vor Schillers[V-7]Wohnungstand; aber er ging mit Schiller hinein, und dort sprachen sie weiter, und es war schon spät, als sie sich trennten.
In dieser Nacht geschah es, daßGoethe[V-8]und Schiller Freunde wurden für das ganze Leben.
Goethe[V-9]wohnte in Weimar, und bald zog nun auch Schiller dahin, um ganz der Poesie zu leben; und hier erstanden in der Freundschaft dieser beiden großen Männer diejenigen Werke, welche Deutschland zu seinen besten zählt. Hier schrieb Schiller das große Drama »Wallenstein«, auch »Maria Stuart« und »Die Braut von Messina«, sowie »Die Jungfrau von Orleans« und dann die wunderschönen Balladen.
Als Schiller im Jahre 1798 nach langer Zeit wieder einmal nach Leipzig gekommen war, spielte man dem Dichter zu Ehren im Theater »Die Jungfrau von Orleans«.
Auch der Poet war gegenwärtig, und als das Drama beendet war und er das Theater verlassen und auf die Straße treten wollte, hatten sich viele tausend Menschen vor dem Hause aufgestellt. In tiefster Ehrfurcht trennte sich dieMengeund ließ den Poeten durch die Mitte gehen, und auf beiden Seiten beugten sich alle mit entblößtem Haupte vor ihm. Die Mütter hatten ihre Kinder gebracht und in die Höhe gehoben und ihnen zugeflüstert: Seht, seht, das ist er! — War das nicht ein herrlicher Triumph für den Dichter?
Einst hatte er in jungen Jahren von Dichter-Ruhmund von Unsterblichkeit geträumt und in seinen reiferen Jahren sah erRuhmund Unsterblichkeit, und die Bewunderung von Mit- und Nachwelt waren ihm reichlich zu teil, aber im Ringen des Geistes war dieHüllezerbrechlichgeworden.
Der Poet war schwach und krank und sein Ende sah er eilends nahen. Ach, so vieles hätte er noch gerne sagen mögen von dem, was ihm die große edle Seele füllte, und da schrieb er sein letztes, sein lieblichstes von allen seinen Werken »Wilhelm Tell«.
Gretchen: Ja, ja, Martha, da hast Du recht, »Wilhelm Tell« ist ein Juwel in Schillers Werken.
Martha Meister: Mir ist es das liebste von allen seinen Dramen, und ich glaube, dem deutschen Volke ebenfalls. »Wilhelm Tell« ist Schillers Testament, und wie sein erstes, so ist sein letztes Drama — ein Sang der Freiheit.
»Bewahret euch die Freiheit; sie ist teurer, als alles, was ihr besitzet!« — rief er dem deutschen Volke zu. Mit seinem Propheten-Auge hatte er die nahenden trüben Zeiten gesehen und er kannte bereits den Tyrannen, der das Volk zu bedrücken kam, und darum wollte er vor seinem Tode seiner Nation noch zeigen, was ein edles Volk tun sollte, wenn man ihm sein Bestes, die Freiheit, rauben will.
Ob er recht gesehen hatte?
Im Jahre 1808 — Schiller weilte nicht mehr unter den Sterblichen — als Napoleons Hand schwer aufEuropa undvornehmlichauf Deutschlandlastete, da spielte man im Theater zu Berlin »Wilhelm Tell«, Schillers Drama. Von Anfang an folgte man mit Spannung, bis zuletzt der Enthusiasmus schwoll und alle so gewaltig packte, daß das ganze Publikum sich von den Sitzen erhob und, sich selbst vergessend, mit den Schauspielern rief:
»Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern,In keiner Not uns trennen und Gefahr.Wir wollen frei sein, wie die Väter waren,Eher den Tod, als in derKnechtschaftleben.Wir wollen trauen auf den höchsten GottUnd uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.«
»Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern,In keiner Not uns trennen und Gefahr.Wir wollen frei sein, wie die Väter waren,Eher den Tod, als in derKnechtschaftleben.Wir wollen trauen auf den höchsten GottUnd uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.«
Und den Deutschen kam wieder Mut und Kraft und Freiheit.
Gretchen: Ja, Napoleon hat dieses Drama gefürchtet, denn es hatte eine Macht,bedeutenderalsVogt.
Martha Meister: Das ist wahr. — Aber wie schön, Gretchen, ist die Sprache in »Wilhelm Tell«, nicht wahr? Es ist etwas Wunderbares in dieser Sprache, ein Etwas, das ich in keinem andern Drama von Schiller und auch bei keinem andern deutschen Poeten wiederfinde, — ich meine, es sei der Geist des Poeten, der noch ruht zwischen den Silben und Wörtern. Ich bitte Dich, liebe Schwester, sage doch einmal jene Stelle, in welcher Melchthal das Unglück seines Vaters beklagt.
Gretchen: Also, der junge Melchthal war von Hauseentflohen vor dem tyrannischen Vogte und hatte Schutz gefunden beim edlen Walther Fürst. Stauffacher, der Patriot, kommt zu diesem, bespricht mit ihm des Landes Unglück und erzählt auch von derGrausamkeitdes Vogtes, wie nämlich dieser den alten Melchthalgeblendethabe, weil er nicht sagen wollte oder konnte, wohin sein Sohn sich geflüchtet hätte. Alles dieses hatte der junge Melchthal im nächsten Zimmer gehört;er stürzt hervor, und in seinem großen Seelen-Schmerze ruft er aus:
»O, eine edle Himmels-Gabe istDas Licht des Auges — alleWesenlebenVom Lichte, jedes glücklicheGeschöpf—Die Pflanze selbst kehrt freudig sich zum Lichte.Und er muß sitzen, fühlend, in der Nacht,Im ewig Finstern — ihnerquicktnicht mehrDerMattenwarmes Grün, der BlumenSchmelz,Die rotenFirnenkann er nicht mehr schauen —Sterben ist nichts, — doch leben und nicht sehen,Das ist ein Unglück. — Warum seht ihr michSo jammernd an? Ich hab' zwei frische AugenUnd kann dem blinden Vater keines geben,Nicht einen Schimmer von dem Meer des Lichts,Das glanzvoll, blendend mir in's Auge dringt.«
»O, eine edle Himmels-Gabe istDas Licht des Auges — alleWesenlebenVom Lichte, jedes glücklicheGeschöpf—Die Pflanze selbst kehrt freudig sich zum Lichte.Und er muß sitzen, fühlend, in der Nacht,Im ewig Finstern — ihnerquicktnicht mehrDerMattenwarmes Grün, der BlumenSchmelz,Die rotenFirnenkann er nicht mehr schauen —Sterben ist nichts, — doch leben und nicht sehen,Das ist ein Unglück. — Warum seht ihr michSo jammernd an? Ich hab' zwei frische AugenUnd kann dem blinden Vater keines geben,Nicht einen Schimmer von dem Meer des Lichts,Das glanzvoll, blendend mir in's Auge dringt.«
So spricht der junge Melchthal und er schwört demWüterichRache und spricht zu den beiden Männern, Walther Fürst und Stauffacher, daß sie an's Freiheits-Werk gehen mit ihm. Und sie macheneinen Plan, und dann ruft der junge Melchthal diese Worte:
— »Blinder, alter Vater,Du kannst den Tag der Freiheit nicht mehr schauen;Du sollst ihn hören. — Wenn von Alp zu AlpDieFeuerzeichenflammend sich erheben,Die festen Schlösser der Tyrannen fallen,In deine Hütte soll der Schweizer wallen,Zu deinem Ohr die Freuden-Kunde tragen,Und hell in deiner Nacht soll es dirtagen.«
— »Blinder, alter Vater,Du kannst den Tag der Freiheit nicht mehr schauen;Du sollst ihn hören. — Wenn von Alp zu AlpDieFeuerzeichenflammend sich erheben,Die festen Schlösser der Tyrannen fallen,In deine Hütte soll der Schweizer wallen,Zu deinem Ohr die Freuden-Kunde tragen,Und hell in deiner Nacht soll es dirtagen.«
Bella: O, Gretchen, ist das herrlich!
Louis: Und wie schön, wie schön Sie das lesen, liebes Fräulein. Sehen Sie, meiner Schwester Martha kommen die Thränen aus den Augen.
Martha Parks: Ja, und Dir auch, Louis.
Martha Meister: Mit Thränen dürft Ihr aber nicht aus unserm Hause gehen; bleibet noch ein wenig hier, wir wollen — ja, was wollen wir doch gleich tun? Bella, Gretchen, sprechet!
Bella: Laßt unsPfänderspielen.
Gretchen: O ja; »Zwanzig Fragen«.
Martha Meister: Ich möchte Euch einenVorschlagmachen. Als Du, liebe Schwester, Annas Brief vorgelesen hattest, kam mir die Idee, wie interessant es sein müßte, wenn wir Rätsel gäben, wie Anna es getan hat in ihrem Briefe. Entschuldigt mich einen Moment, und dann werde ich Euch zeigen, was ich meine; ich will nur jenenKasten mit Photographien holen. So, ich habe hier diese Bilder gewählt. Ich gebe Ihnen eins, Herr Louis, und auch Dir eins, Martha. Aber du mußt es niemandem zeigen, Martha; halte es fest an Dich — so, das ist recht.
Martha Parks: Kann ich es nicht einmal Louis zeigen?
Martha Meister: Nein, niemandem, Martha; wir wollen jageraderaten, welche Persönlichkeit Du in der Hand hast. — Hier, Bella, nimm dieses, und dieses ist für Dich, Gretchen; — und nun möchte ich Euch zeigen, wie ich es meine:
Ich habe in meiner Hand das Bild eines Mannes; er ist alt, aber sehr freundlich und schön. Weißes Haar wallt in Locken von seinem Kopfe, der schön geformt ist. Seine Stirne ist hoch undgeistreich, seine Augen blicken mild, — ich vermute, sie sind blau, doch gewiß weiß ich es nicht, — und sein Mund ist so freundlich; der alte Herr scheint so gütig, ich möchte ihn küssen. Ihr könnt noch nicht wissen, wer es ist; — ich will euch noch ein wenig mehr sagen. Er ist kein Amerikaner, — er ist sehr berühmt, und er hat viele Jahre außerhalb seinesVaterlandesgelebt.
Bella: Ist es ein Deutscher?
Martha Meister: Nein.
Martha Parks: Ein Engländer?
Martha Meister: Nein.
Louis: Ein Franzose?
Martha Meister: Nein.
Gretchen: Ein Spanier?
Martha Meister: Nein.
Bella: Kein Franzose, kein Engländer, kein Deutscher, kein Amerikaner, kein Spanier. Ist er ein Italiener?
Martha Meister: Nein.
Louis: Dann ist es kein Europäer; es ist ein Chinese.
Martha Meister: O nein, Louis; er hat keinenZopf— es ist ein Europäer.
Martha Parks: Ist es ein Däne?
Martha Meister: Richtig, ein Däne.
Gretchen: Ein Däne? — Schön, berühmt und alt? Hat lange im Auslande gelebt? Wer mag das sein?
Bella: Ach, Martha, Du machst es auch zu schwer.
Louis: Was hat er denn Berühmtes getan?
Martha Meister: Raten Sie doch, Herr Louis!
Louis: War er ein Soldat?
Martha Meister: Nein.
Bella: Ein Kaufmann?
Martha Meister: Nein.
Gretchen: Dann war er einKünstler.
Martha Meister: Das war er.
Martha Parks: Ein Musiker?
Martha Meister: Nein.
Bella: Ein Maler?
Martha Meister: Nein.
Bella: Nun, dann kann ich es nicht erraten.
Martha Meister: Nun, Gretchen, sinne nach; Du mußt es finden.
Gretchen: Kenne ich ihn?
Martha Meister: O ja; wir haben ein Werk von ihm.
Gretchen: Er ist kein Poet? — nein; ich glaube, ich habe es. Ist er einBild-Hauer— ja? Wir haben eine Statue von ihm, nicht wahr? — Lebte er lange in Rom?
Martha Meister: Ja, ja; — nur weiter.
Gretchen: Ist es Thorwaldsen?
Martha Meister: Ja, Thorwaldsen ist es. — Hier ist sein Bild.
Bella: O, wie schön er ist.
Louis: Das hätte ich niemals geraten.
Martha Meister: Nun, Herr Louis, wissen Sie, was ich meine; nun können Sie beginnen.
Louis: Sehr wohl: — Ich halte hier in meiner Hand das Bild eines Mannes, welcher sitzt; er ist nicht sehr groß, aber er hat großeStiefelan. Er ist auch ein berühmter Mann; er blickt sehr finster aus seinen Augen und ist ein Franzose und ist auf einer fernen Insel gestorben.
Bella: Das ist Napoleon.
Louis: O Bella, warum raten Sie es so schnell? Sie sind zu klug.
Martha Meister: Sie machen es uns zu leicht, Herr Louis.
Bella: Jetzt können Sie es bei mir auch so machen, Herr Louis. Ich habe ein wunderschönes Bild, es ist reizend. Es ist ein Mann; er ist jung, und seine schöne, geschickte Hand stützt den Kopf, auf dem eine Kappe sitzt, so eine Art Barett, wissen Sie; darunter hervor quellen die prachtvollsten Locken, und die Augen, — o, die Augen, Louis, sollten Sie sehen!
Louis: Das ist gar kein Mensch, das muß ein Engel sein.
Bella: Nein, Louis; bleiben wir ruhig auf der Erde.
Martha Meister: Was ist er? Ist er einBildhauer?
Bella: Nein.
Martha Meister: Ist er ein Künstler?
Bella: Ja.
Gretchen: Ein Italiener?
Bella: Ja. — Geh' nicht zu schnell Gretchen.
Louis: Ist er ein Musiker?
Bella: Nein.
Louis: Ein Maler?
Bella: Ja.
Louis: Ist es Raphael?
Bella: Ja, nun sind wir quitt, Louis; nicht wahr?
Louis: Und nun kommen Sie, Fräulein Gretchen.
Gretchen: Mir hat man keines schönen Mannes Bild gegeben. Er ist häßlich, sehr häßlich; dafür war er aber um so geistreicher; und trotz seiner Häßlichkeit hat ihn einmal eine Marquise im Theater vor einem großenPublikum im Namen des Publikums umarmen und küssen müssen.
Bella: So, das wird ja recht interessant.
Gretchen: Ja; er trägt eine Perücke.
Martha Parks: Washington?
Gretchen: Nein, Martha, nicht Washington. Er war kein Amerikaner, er war kein Republikaner, aber er hat eine Republik befördert und einen großen König hatte er zum Freunde.
Martha Meister:Das sind Widersprüche.
Gretchen: Und doch ist alles in Ordnung.
Martha Meister: War es ein Franzose?
Gretchen: Ja.
Martha Meister: Und war er sehrgeizig?
Gretchen: Ganz recht.
Martha Meister: Und hat er am Ende sehr viel Wohlthätiges getan mit seinem Gelde?
Gretchen: Ja, ja; nun sag' es nur, Du hast es schon erraten.
Martha Meister: War es Voltaire?
Gretchen: Voltaire.
Martha Parks: Nun will ich es Euch aber nicht schwer machen, denn es ist von selbst schon schwer genug.
Martha Meister: So, Du machst uns wirklich angst, Martha.
Martha Parks: Durch diesen Mann kam eine Revolution über die ganze Erde.
Louis: Oho!
Martha Parks: Ja, ja, Louis; so sagte meine Gouvernante.
Louis: O, dann ist es wahr, Schwester; und weiter?
Martha Parks: Und er hat einen Hut auf.
Louis: So?
Martha Parks: Ich bin noch nicht zu Ende. Der Hut ist nicht wie Dein Hut, Louis; auch nicht wie Alberts oder Papas Hut.
Louis: Dann hat er am Ende einen Damen-Hut auf.
Martha Parks: O nein; Männer tragen solche Hüte, aber nicht auf dem Lande.
Louis: Nicht auf dem Lande; hm, hm, — und war er ein Amerikaner?
Martha Parks: Ein Amerikaner, — ja — nein, er war nicht in Amerika geboren.
Louis: Ist er in Europa geboren worden?
Martha Parks: O ja.
Bella: In Deutschland?
Martha Parks: Nein, Bella, nicht in Deutschland, auch nicht in England und nicht in Frankreich und nicht in Spanien und nicht in Dänemark.
Martha Meister: Vielleicht in Holland?
Martha Parks: Nein, Martha.
Gretchen: In Italien?
Martha Parks: Ja, in Italien ist er geboren worden — nun, ich will Euch ein klein wenig helfen, — ich sehe, es wird Euch wirklich schwer. Die Menschen waren sehrböse gegen ihn und haben ihm gar nicht gedankt für das Gute, was er getan hat für sie, und zuletzt hat man ihn in ein Gefängnis geworfen, und er ist begraben worden mit seinen Ketten.
Louis: Wer mag das nur sein?
Martha Parks: O, Louis! Das weißt Du nicht? Columbus ist es, Columbus!
Louis: O, meine Damen, das hätten wir auch wissen können.
Martha Parks: So, nun kommst Du, Martha.
Martha Meister: Aber ich habe ja schon — weißt Du nicht?
Martha Parks: Ja, aber damit hast Du es uns nur gezeigt.
Louis: Bitte, mein Fräulein.
Martha Meister: Nun wohl. Den Mann, dessen Bild Sie mir gaben, Herr Louis, müssen wir alle verehren wegen seiner großenGelehrsamkeit; der Wissenschaft hat er sein ganzes Leben geopfert und sein großesVermögen, und vielleicht hat nie ein Mann vor ihm gelebt, der so gelehrt gewesen ist wie er. Er ist sehr alt geworden; er kommt aus einer edlen Familie und sein Bruder, der ebenfalls sehr gelehrt war, hat auch viele Bücher geschrieben; die größten Männer Deutschlands und viele Fürsten waren seine Freunde. Kennt Ihr jetzt den Mann?
Bella: Noch nicht; war er selbst ein Deutscher?
Martha Meister: Ja.
Gretchen: War es Alexander von Humboldt?
Martha Meister: Erraten, Schwester, erraten!
Louis: So, meine Damen; nun müssen wir aber doch wohl gehen; — es wird uns zu spät, nicht wahr, Martha?
Martha Parks: Wir müssen nun gehen und müssen sehen, wie es unserm Bruder Otto geht.
Martha Meister: Grüßen Sie ihn von mir.
Gretchen: Und von mir.
Bella: Auch von mir, bitte.
Martha Parks: Adieu! Wir haben immer so viel Vergnügen bei Euch.
Gretchen: Das freut uns. Kommt recht bald wieder.
Bella: Und bringt die Herren Brüder mit!
Martha Parks: Danke.
Louis: Adieu!
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