3.

»Nein, ich hab', Gott sei Dank, drei Tage Urlaub erwischt. Aber jetzt erlauben Sie mir eine Frage: Sind Sie wirklich so eine kaltschnäuzige Natur, oder verstellen Sie sich bloß?«

»Wie meinen Sie das?«

»Nun, Sie haben heute eine der schönsten lebenden Frauen kennen gelernt ... Unsinn,dieschönste Frau überhaupt! Sie hatten den Dusel, von ihr ausgezeichnet zu werden, und jetzt sagen Sie gewissermaßen, na wenn schon?«

»Ah nein, das nicht! Es hat mich sehr lebhaft interessiert, eine Sorte von Menschen kennen zu lernen, die mir bisher fremd war. Menschen, die den einzigen Trieb in sich haben, schrankenlos ihren Gelüsten zu folgen, für die der Begriff Arbeit nicht zu existieren scheint, und die sich infolgedessen viel zu viel mit dem eigenen Ich beschäftigen. Dafür hab' ich mal in einer Zeitung ein recht nettes Wort gelesen, das darauf anzuwenden wäre: 'Die janze Richtung paßt mir nicht!' Es ist etwas in diesem Betrieb, da sträubt sich mein Empfinden als Offizier und Edelmann dagegen. Es ist muffig! Treibhausatmosphäre, in die unsereins nicht hineingehört.«

Der Kleine neben ihm stöhnte auf.

»Herrgott, was sind Sie zu beneiden! Haben Sie vielleicht eine kleine Eismaschine in der Brust? Ich bin seit einem halben Jahr ein bißchen verrückt. Ich muß das mal aussprechen, Sie werden es auch natürlich für sich behalten ...«

»Aber selbstverständlich ...«

»Also die Frau ... ich glaube, ich schieß mich ihretwegen noch einmal tot. Sie hat etwas, was mich toll macht und meine Sinne reizt, irgend ein Fluidum, das auch ihre unerhörten Erfolge beim Theater erklärt ... jeden Abend ausverkauft, aber nur wenige Damen im Publikum, lauter Herren.«

»Vielleicht müßten Sie bloß ein bißchen forscher 'rangehen, lieber Wodersen. Nur dem Kühnen blüht das Glück.«

Der Landsberger Husar stieß unwillig mit der Säbelscheide auf die Steinfliesen des Trottoirs.

»Sprechen Sie nicht so leichtfertig, Herr von Foucar! Das heißt, pardon ... Sie kennen die Dame ja erst seit ein paar Stunden. Ich schwöre Ihnen, sie ist ihrem Manne unverbrüchlich treu. Das weiß ich genau, denn ich lasse sie beobachten. Lachen Sie nicht ... ich lasse sie täglich beobachten und bekomme täglich meinen Bericht. Es würde mich wahnsinnig machen, wenn ich verdursten sollte, während ein anderer ... na, ist gut! Und immer laufe ich um ein Rätsel herum, wie um ein Haus, zu dem kein Eingang zu finden ist ... weshalb hat sie nur diesen Menschen genommen?«

»Um sich glänzend zu versorgen, vielleicht?«

»Unsinn. Sie verfügt nach dem Tode ihres Vaters selbst über ein recht beträchtliches Vermögen.«

»Nun, vielleicht aus Mitleid?«

»Auch das stimmt nicht. Wenn er seine Anfälle hat, betritt sie nicht mit einem Fuß das Krankenzimmer.«

»Na, dann weiß ich wahrhaftig nicht. Möchte mir auch nicht den Kopf darüber zerbrechen.«

Ein paar hundert Schritte gingen sie schweigend nebeneinander her. Dann fing der Kleine wieder an:

»Bei ihm kann ich's verstehen. Er möchte in seinen paar letzten Jahren noch alles an Genuß an sich reißen, was auf dieser Welt zu haben ist. Wenn damals der Riesendiamant in Südafrika verkäuflich gewesen wäre – er hätte ihn gekauft. So macht er's mit allem, was seiner Gier erreichbar ist.«

»Kann ich bis zu einem gewissen Grade begreifen. Aber unverständlich ist es mir, daß er dieses mühsam errungene Juwel so schlecht behandelt. Pfui Deuwel noch einmal! Zum Ohrfeigen! ...«

Herr von Wodersen ballte die Faust.

»Ich war schon öfter drauf und dran. Aber man darf sich doch an so einem kläglichen Jammergestell nicht vergreifen. Und wer will sich in die Empfindungen eines so degenerierten Menschen hineinversetzen? Eines Menschen, der genau weiß, daß er in kurzer Frist ins Gras beißen muß? Vielleicht ist das noch der letzte Reiz für ihn, zu besudeln, was andere auf den Knien anbeten würden ... Na, gute Nacht! Ich sehe dort an der Ecke ein Auto stehen. Ich fahr' nach meinem Hotel, zieh' mich um und geh' noch irgend wohin, mich betäuben. Haben Sie Lust, mitzukommen?«

»Danke! Ich, im Gegenteil, brauche heute noch mein bißchen Grips. Aber eins noch: Weshalb gaben Sie mir heute abend in dem Grunewaldrestaurant eine sowesentlich andere Auskunft über diese schätzenswerte Familie Rheinthaler?«

»Weil ... na also schön, auf die Gefahr hin, daß Sie ein bißchen größenwahnsinnig werden – Frau Josepha hatte mir schon auf der Rennbahn befohlen, Sie heranzuschleifen. Sie waren ihr aufgefallen, und zwar gleich so, daß ich es mit der Eifersucht kriegte. Da hatte ich mich zuerst natürlich geweigert. Dann aber, als Sie in das Restaurant kamen, hatte sie mit ihren scharfen Augen Sie sofort entdeckt, ich mußte gehorchen. Und nachher, als Sie mich beiseite nahmen, konnte ich Ihnen doch nicht gut raten: 'Drücken Sie sich wieder, so rasch als möglich! Wenn Sie in kurzen vierzehn Tagen nicht ebenso ein trauriger Bonze werden wollen wie ich –' Da hätten Sie mich doch für leicht verrückt halten müssen! Ekelhaft ist das alles, nicht wahr? Na, gute Nacht,Foucar, und auf Wiedersehen morgen abend oder spätestens nächsten Sonntag.«

»Gute Nacht, Wodersen! Wenn Sie aber meinen sollten, in der Villa Rheinthaler, fürchte ich, wird aus dem Wiedersehen nichts werden!«

»Ich lege Ihnen hundert zu eins, bis nächsten Sonntag sind Sie dagewesen!«

»Und ich bin nicht habsüchtig genug, Sie beim Wort zu nehmen: der Ausgang der Wette würde nur in meinem Belieben stehen. Aber da wir schon dabei sind, ein paar von den Klappen hochzuziehen da innen, die man sonst vor anderen geschlossen hält, ja, da möchte ich bemerken, daß ich einige altmodische Grundsätze habe.Einer davon lautet, man soll nicht in eine Ehe einbrechen, auch wenn sie noch so schlecht verwahrt ist! Oder die Tür sperrangelweit offen steht.«

Der Kleine sah ihn fast feindselig an.

»Sie tun ja ganz so, als brauchten Sie nur den Finger auszustrecken, und ...«

Er fiel ihm ins Wort: »Das ist ein Mißverständnis. Ich sprach im Augenblick ganz allgemein ... nichts lag mir ferner, als der von Ihnen verehrten Dame irgendwie zu nahe zu treten.«

»Dann ist's gut – danke. Was aber unsere Wette angeht ...«

»Also, wenn Sie Ihr Geld durchaus los werden wollen: ein gutes Sektfrühstück! Jeder von uns darf ein paar Gäste mitbringen.«

»Abgemacht! Und wir werden ja sehen, wer das Frühstück bezahlt.«

Herr von Wodersen stieg in das Auto, er rief ihm lachend nach: »Immer derjenichte, welcher verloren hat ...« und ging langsam seiner Wohnung zu. Sie lag in der Rankestraße, wegen der bequemen Verbindung zu seiner täglichen Dienststelle. Er hatte reichlich Zeit, die Ereignisse des Nachmittags noch einmal zu überdenken. Und da überkam ihn fast ein Gefühl der Mißachtung gegen den kleinen Husaren ... Schlapp war es, sich so widerstandslos einer – im letzten Grunde doch verbrecherischen – Leidenschaft hinzugeben! Da mußte man sich einfach bei den Ohren nehmen, holla, bis hierher und nicht weiter! Und die Zeiten der Troubadoure waren dochvorüber ... ein Ziel mußte man sich ausrichten, nach dem man strebte, da war Minnedienst vom Uebel!

Er stieg die drei Treppen zu seiner Wohnung empor, im Vorzimmer machte er Licht und trat vor den Spiegel. Kopfschüttelnd betrachtete er sein Bild. Unsinn, es sah noch genau so aus wie sonst. Keine Spur eines interessanten »Helden«, ein nüchterner preußischer Offizier, der keinen anderen Ehrgeiz kannte, als an dem Platze, auf den man ihn gestellt hatte, vollauf seine Pflicht zu tun ...

Er entsann sich, daß er nicht immer so gefestigt gewesen war wie heute, ein paar Wochen in seiner frühesten Leutnantszeit gehabt hatte, wo er beinahe unter die Räder gekommen wäre ... Wegen eines raffinierten kleinen Frauenzimmers, das er – im Notfall unter Einsetzung der eigenen Existenz – aus dem »Sumpfe« zu erretten gedachte, in den es schuldlos geraten war. Auf der Bühne eines vorstädtischen Gartenlokals sang sie in langem Schleppkleide sentimentale Lieder, von der letzten Rose und dem Vergißmeinnicht am Bachesrand. Heute mußte er darüber lächeln, aber damals war er so unsinnig verliebt gewesen, daß ihn das Herz an allen Ecken und Enden drückte. Und als die sentimentale Sängerin, die bei dem vorstädtischen Publikum vielen Beifall fand, ihm bei einer Flasche sauren Mosels ihr Vertrauen schenkte, da war sein Entschluß gefaßt. Heilige Ehrenpflicht war es, die wegen eines einzigen Fehltritts von den grausamen Eltern Verstoßene vor dem Untergange zu bewahren, und kurz entschlossen bot er ihr Herz und Hand. Sie begnügte sich vorläufig mit demgrößten Teile seines monatlichen Wechsels, aber Gott allein mochte wissen, zu welchen törichten Streichen ihn seine Verliebtheit getrieben hätte, wenn ihn nicht einer der älteren Regimentskameraden in eine Art von Gewaltkur genommen hätte. Er lud ihn zu einem größeren »Budenfest mit Damen«, ersuchte ihn aber, erst ein paar Stunden nach dem offiziellen Anfange zu erscheinen. Unter den »Damen« befand sich auch seine sentimentale Sängerin, aber sie schien sehr lustig, drehte sich auf dem Tisch in einem unsäglich frechen Tanz, und als er sie entsetzt anstarrte, schlug sie ihm mit der Fußspitze die Mütze vom Kopf. Da schossen ihm die hellen Tränen in die Augen vor grimmem Weh, dann aber stieg ihm der Ekel empor in den Hals ...

Also diese Art temporären Wahnsinns um ein Weib hatte er auch durchgemacht am eigenen Leibe. Da war es wohl ein wenig ungerecht, sich über den Landsberger Husaren wie ein Pharisäer zu erheben. Bei dem einen entwickelten sich die Hemmungsgefühle, die den Menschen vor Torheiten bewahren, früher, bei dem andern später. Und schließlich, wer wollte sagen, was er tun oder lassen würde, wenn ihm eines Tages die Leidenschaft wie ein Feuerbrand in die Seele schlug? ...

Er holte die Arbeit aus dem sicheren Verschlusse des Schreibtisches, aber in den ersten Stunden wollte sie nicht recht schmecken. Ein paar weiße Arme störten ihn ab und zu zwischen den Zahlenreihen und eine tiefpurpurne Rose. Und manchmal beschäftigte ihn der Gedanke, was er wohl beginnen würde, wenn dasSchicksal ihm so unermeßliche Reichtümer in den Schoß geworfen hätte wie diesem Manne, der als ein Gezeichneter des Todes sich von Genuß zu Genuß schleppte. Da mußte er lächeln. Beim besten Willen gelang es ihm nicht, viel mehr zu verbrauchen, als ihm jetzt schon im Jahre zur Verfügung stand. Höchstens ein schnittiges Juckergespann hätte er sich noch angeschafft und einen aus allerbestem Blute stammenden englischen Hunter, der eine mannshohe Mauer wie ein leichtes Hindernis sprang. Weiter reichten seine Wünsche nicht, und die konnte er bei einiger Einschränkung in der kleinen Garnison da fern im Osten auch aus eigenen Mitteln bestreiten. Vierhundert Mark im Monat neben seinem Gehalt als Rittmeister. Damit heirateten andere und unterhielten eine Familie. Seine Gedanken flogen der nahen Zukunft voraus. Wie hatte der Oberst Wegener gestern gesagt? »Verplempern Sie sich nicht, ehe Sie die kleinen ostpreußischen Mädels kennen gelernt haben!« Na, da war nicht viel Gefahr. Das kleine Abenteuer heute war gewissermaßen eine Probe aufs Exempel gewesen. Ein anderer hätte vielleicht schon lichterloh gebrannt unter den Augen der schönen Frau Rheinthaler – er hatte sich als der standhafte Zinnsoldat erwiesen. Nur die für den Oberleutnant Wentorp übernommene Arbeit machte bei diesen irrlichterierenden Gedanken keine sonderlichen Fortschritte.

Der Sommermorgen blaute schon zum Fenster hinein, als er mit einem Ausatmen die Feder aus der Hand legen durfte. Er öffnete die Flügel und lehntesich hinaus. Auf dem obersten Knaufe des turmartigen Aufbaues an dem Eckhause drüben saß eine Amsel und sang in die heilige Morgenstille ein sehnsüchtiges Liebeslied. Nur ganz von ferne kam ein leises, rhythmisch auf- und abschwellendes Geräusch. Der Atem der noch schlafenden Riesenstadt. Und da überfiel ihn eine seltsam schwermütige Stimmung. Ganz einsam stand er in der weiten Welt, außer der gebrechlichen alten Dame daheim kein Mensch, der sich um ihn sorgte. Keinen wirklichen Freund unter den vielen Kameraden, dem man sich in vertraulicher Stunde ganz aufschloß, der in der Not für einen eintrat, wie für sich selbst. Vielleicht lag es daran, daß ihm die Fähigkeit abging, eine sich entspinnende Bekanntschaft bis zur Freundschaft zu pflegen. Immer hatte sich ihm im letzten Augenblick da innen eine Wand emporgeschoben, über die er nicht hinauskonnte. Und wenn er jetzt in nicht allzu langer Zeit nach dem Osten ging, riß sein Scheiden in den Kreis, der sich ein paarmal in der Woche zu versammeln pflegte, keine Lücke. Höchstens, daß der eine oder andere mit einer gewissen Bitterkeit bemerkte: »Na ja, er hat's wieder einmal geschafft, der kaltnasige Streber! Kriegt seine Schwadron außer der Tour, überspringt ein Dutzend Vordermänner, der Schuster!«

Ein Vers flog ihm durch den Sinn, den er mal vor Jahren in einem Gedichtbuche gelesen hatte:

Auch keinem hat's den Schlaf vertrieben,Daß ich am Morgen weitergeh –Sie konnten's halten nach Belieben,Von einer aber tut's mir weh – – –

Auch keinem hat's den Schlaf vertrieben,Daß ich am Morgen weitergeh –Sie konnten's halten nach Belieben,Von einer aber tut's mir weh – – –

Das letzte stimmte nicht recht, nicht ein einziges kleines Mädel in dem ganzen großen Berlin dachte an ihn, wenn er sich anschickte, Abschied zu nehmen. Von gar manchen seiner unverheirateten Kameraden wußte er, daß sie in den Vierteln im Norden eine süße kleine Verschwiegenheit hatten, mit der sie im Räuberzivil am Sonntag irgendwohin über Land fuhren. Er war immer nur als ein Packesel dahingetrabt, dem die anderen Arbeit aufhalsten. Wie dieser freche Schlot von Wentorp, dem er in ein paar Stunden wegen der angeblich verstorbenen Tante einen Sack voll Grobheiten zu sagen gedachte. Er selbst hatte keine Zeit für törichte Tändeleien, ging auf dem Heimweg gleichgültig gradeaus den Kurfürstendamm hinunter, wenn er es auch zuweilen fühlte, daß ihm ein paar blaue oder braune Mädchenaugen wohlgefällig folgten. Und noch etwas anderes hielt ihn zurück ... ein gewisses, hochgesinntes Spartanertum. Schlechtbehütete junge Mädchen aus gutem Hause schienen ihm die meisten, die da mit blänkernden Augen um sich sahen. Den Frevel mochten andere begehen ... wenn ihn das Blut trieb, folgte er einigen lustigen Kameraden. Irgendwohin, wo nichts mehr zu verderben war ... Da war es ganz natürlich, daß man einsam verblieb, trotzdem die schöne Frau Rheinthaler noch vor wenigen Stunden gesagt hatte, man sähe wie einer aus, der seine tausend Abenteuer mit diskretem Lächeln verschwiege. Wahrscheinlich achtete sie ihn jetzt gering, weil er so ehrlich widersprochen hatte, und wieder war eine Chance verscherzt, die andere vielleichtskrupellos wahrgenommen hätten. Es wurde ihm heiß bei dem Gedanken. Als ihn endlich die Müdigkeit übermannte, lag er noch eine ganze Weile mit offenen Augen. Die aller Hemmungen bare Phantasie in dem Dämmerzustand zwischen Wachen und Träumen zauberte ihm allerhand lockende Bilder vor ...

Es kamen die Wochen, die der Chef vorausgesagt hatte. Wochen, die an die Arbeitskraft der Herren in seiner Abteilung Anforderungen stellten, denen man nur mit erhöhter Anspannung des Pflichtbewußtseins gewachsen war. Zu einer Maschine wurde man, die ihr Letztes herzugeben hatte. Nach Mitternacht vom Bureau ins Bett, ein paar Stunden Schlaf und wieder ins Bureau. Minuten für das Frühstück, eine Viertelstunde fürs Mittagessen ... ein rasendes Eilzugstempo in der Arbeit, die trotz aller Hetze bis aufs letzte Tüpfelchen stimmen mußte, und immer dabei das niederdrückende Gefühl, das Ganze wäre nicht viel anders als eine spielerische Schachpartie. Die Diplomaten schoben gut und schlecht Wetter wie ein Regisseur im Theater die hellen und dunklen Wolken auf der Leinwand. In der letzten Woche endlich sah es wieder so aus, als hätte die ganze Arbeit einen wirklichen Zweck gehabt. Der »politische Horizont« verfinsterte sich, »Krieg, es gibt Krieg,« lief es durch alle Gassen. Das große Haus am Königsplatze glich jedem Wissenden als eine rastlosim stillen arbeitende Maschine, deren aufgespeicherte Leistung sich in einem langhinzündenden Schlage entlud ... Da endlich ein Aufatmen, die Arbeit war fertig, es konnte losgehen. Wie bei einer schweren Mensur: »Herr Unparteiischer, wir von unserer Seite sind bereit ...« Der oberste Kriegsherr hatte nur das Wort zu sprechen, das ein ganzes Volk zu den Waffen rief, und der sorgsam vorbereitete Apparat funktionierte wie eine seit Jahren eingespielte Maschine ... Nirgends eine Stockung ... Die Hunderte sammelten sich in den kleinen Städten und Dörfern. Die Tausende flossen zusammen in größere Rinnsale, und schließlich schieden sie sich in zwei gewaltige Ströme nach Westen und Osten ...

Der Abteilungschef rief seine Untergebenen zusammen. Die Augen standen ihm hohl unter der Stirn, denn er hatte sich mehr zugemutet als all die übrigen.

»Ich danke Ihnen, meine Herren, ich glaube sagen zu dürfen, wir haben unsere Schuldigkeit getan. Wir sind fertig. Seine Majestät brauchen nur auf den Knopf zu drücken, um sich davon zu überzeugen. Na denn: Guten Abend allerseits ...«

Kein Hurra danach, keine chauvinistische Phrase, nur man trennte sich mit leuchtenden Augen. Es war mehr wert als ein Orden, daß der im Dienste sonst so wortkarge Chef sich zu dieser unerhört langen Rede aufgeschwungen hatte.

Gaston von Foucar hatte sich mit mehreren, gleich ihm unverheirateten Kameraden zu einem kleinen Zivilbummel verabredet. Erst in ein Weinrestaurant in der FranzösischenStraße, um dort einer guten Flasche den Hals zu brechen, endlich einmal etwas Ordentliches zu essen nach all den entbehrungsreichen Wochen, und dann wollte man weiter sehen ... Je nach der Stimmung. Ein bescheidenes Glas Bier oder schäumenden Sekt irgendwo, wo es Musik gab und fesche Mädel. Aus der einen Flasche wurden mehrere, man entschied sich für den »unsoliden Lebenswandel«. Wer mochte wissen, ob er in wenigen Wochen nicht schon ein toter Mann war! Da schlugen auch ernsthafte Leute mal über die Stränge ...

In dem eleganten Ballokal in der Jägerstraße war »großer Betrieb«. Alle verfügbaren Plätze besetzt, in dem Mittelraum ein Gewoge tanzender Paare, helle Toiletten und schwarze Fracks ... über den weißen Hemdbrüsten gebräunte Gesichter mit deutlich abgesetzter, heller Stirn ... ein reichliches Schock von Provinzleutnants, die das Boxer-, Schmirgel- oder sonstige Kommando für ein paar kurze Wochen nach Berlin geführt hatte. Die Musik spielte den neuesten Schlager aus einer Posse, ein Walzerlied, dessen Refrain unwillkürlich zum Mitsingen herausforderte. Sektpfropfen knallten dazwischen, sinnlose Schreie, Schwatzen und Lachen ... eine Welle von Licht, Lärm und überschäumender Tollheit schlug den Eintretenden entgegen.

Einer der Kameraden verhandelte mit dem »Herrn Direktor« über die Frage, für fünf Personen Platz zu schaffen. Gaston stand an dem Eingange zum Tanzsaal, ein schlankes blondes Mädel stieß ihn an.

»Du, dös' nich so! Da oben winkt Dir Eene egalwech zu, schon fast 'ne halbe Stunde.«

Er hob den Kopf, sein Blick folgte dem ausgestreckten Arm ... wahrhaftig, da oben aus einer Loge winkte ein Fächer, und ein paar Augen lachten ihm zu, an die er in diesen Zeiten kaum einmal ganz flüchtig zurückgedacht hatte ... Und jetzt hatte ihn auch der Gatte der schönen Frau Rheinthaler erspäht. Er legte die Hände an den Mund und rief etwas herunter, in dem Lärm jedoch war kein Wort zu verstehen. Da gab es kein Ausweichen mehr. Gaston entschuldigte sich für ein paar Minuten bei seinen Kameraden und stieg die breite Treppe empor, die zu den Logen führte. Mit Verwunderung und einigen Gewissensbissen. Wie, zum Teufel, kamen diese Leute hierher, wo doch nur die ganz unzweideutige Gesellschaft verkehrte? Und er entsann sich, eigentlich wäre es doch seine Pflicht gewesen, nach der ersten Einladung damals seine Karte abzugeben. Auch sonst hatte er sich an jenem Abend ein wenig rauh benommen. Aber Frau Josepha ließ es ihn nicht entgelten, streckte ihm mit aufrichtiger Freude die Hand entgegen.

»Grüß Gott, Herr von Foucar! Und ich glaubt' meinen Augen nicht trauen zu dürfen ... wie kommen Sie denn hierher? Der Gerechte unter die Gottlosen?«

Er beugte sich über die schmale Hand mit den funkelnden Ringen: »Ein Junggeselle hat ab und zu mal das Recht, sich eine Nacht um die Ohren zu schlagen, aber Sie, gnädige Frau?«

Frau Josepha zuckte mit den Achseln.

»Meinen's, ich tu's zu meinem Vergnügen? Die neueste Marotte meines Mannes. Aber, Fritz, möchtest Du nicht ...«

Herr Rheinthaler nannte ein paar Namen der Herren und Damen, die in der Loge saßen, es folgten einige Verbeugungen, dann fragte er laut: »Nicht wahr, Herr Hauptmann, wenn ich mich recht entsinne, Sie sind doch im Generalstab?«

»Zu dienen ...«

»Also, gibt's nu endlich Krieg oder Frieden? Man kommt aus den ewigen Beunruhigungen ja gar nicht mehr raus: soll man fixen oder kaufen?«

»Pardon, diese Ausdrücke sind mir unverständlich.«

Die herumsitzenden Herren lachten kurz auf, Herr Rheinthaler schnitt eine Grimasse.

»Beneidenswerter Mensch! Ich wollte, mir wären sie auch unverständlich geblieben, diese Ausdrücke – da hätte ich viel Geld erspart! Also ich wollte fragen, ob man jetzt an der Börse auf Hausse oder Baisse spekulieren soll. Wenn man einen sicheren Tip besitzen würde, könnte man einen hübschen Posten auf Gewinnkonto verbuchen.«

Gaston parierte die taktlose Anzapfung mit einem Scherz, der die Lacher auf seine Seite brachte.

»Ich glaube, Sie verwechseln mich mit Sr. Exzellenz dem Herrn Kriegsminister. Aber ich fürchte, auch der könnte Ihnen keine ganz sichere Auskunft geben.«

Ein Herr mit glattrasiertem Gesicht, der neben Frau Josepha gesessen hatte, stand auf.

»I muß eh' schon z' Haus, die verwaisten Kinder schreien nach ihren Vatter! Also, wenn's meinen Platz hab'n wolln, Herr Hauptmann ...« Er fühlte einen Widerwillen, klappte die Hacken zusammen.

»Bitte sehr, sich durch mich nicht stören zu lassen! Meine Kameraden, mit denen ich hierher gekommen bin, erwarten mich.«

Frau Josepha stand auf, drückte den glattrasierten Herrn auf seinen Platz zurück.

»Sie kommen noch früh genug in den Klub, Ihre paar Kreuzerln los zu werden ... und erlauben's mal ...« Sie trat aus der Loge, raffte ihr Kleid mit beiden Händen und machte vor Gaston einen leichten Knix.

»Für mich haben's vielleicht noch ein paar Minuten übrig. 'Damenwahl' hat der Maître unten ausgerufen ... darf ich bitten, Herr Hauptmann?«

Er trat unwillkürlich einen halben Schritt zurück.

»Um Gottes willen, gnädige Frau, das geht doch nicht ...«

»Ah was ...« Sie warf den Kopf in den Nacken. »Es geht schon in einem hin, und mir ist halt gerad' so zumut.«

Da verneigte er sich schweigend, bot ihr den Arm und führte sie die Treppe hinab. Die Musik spielte einen Wiener Walzer mit seltsam aufreizendem Rhythmus. Er mußte aus einer bekannten Operette stammen, die meisten der Tänzerinnen in phantastischen Hüten und fliegenden Seidenfähnchen sangen zu der Melodie den Text: »Wo steht denn das geschrieben, daß man soll einen lieben? Man liebt oft mehrere, bald Leichtere, bald Schwerere ...« Einen hellen Juchzer gab es jedesmal, die Herren schwenkten ihre Damen hoch in die Luft. Frau Josepha legte sich in seinen Arm, er führte sie die erste Runde, als wenn er auf dem Hofballe im Weißen Saal von einer Prinzessin befohlen gewesen wäre. Da spürte er einen leichten Druck,seine Tänzerin schmiegte sich näher an ihn, und er griff zu. Schließlich war er doch kein Säulenheiliger, und er hatte zwei Flaschen alten Rauenthaler im Leibe, das Blut ging ihm rascher als sonst durch die Adern. Da tanzte er wie all die anderen Paare ringsum ... wenn es ihr recht war, weshalb sollte er nicht? Und zum ersten Male sah er, wie schön die Frau eigentlich war, die, anscheinend dem Tanze ganz hingegeben, in seinem Arme dahinflog ... wie eine Feder so leicht. Den Kopf hatte sie ein wenig zurückgelegt, die Augen hielt sie halb geschlossen, unter den leicht geöffneten Lippen blitzten die weißen Zähne, und die feinen Nasenflügel zitterten. Da ging ihm das erhitzte Blut mit der kühlen Ueberlegung durch, mitten im dichtesten Gewühl beugte er sich nach vorn, preßte eine Sekunde lang seine Lippen auf den schneeweißen Hals, da wo er sich aus dem spitzenbesetzten Kleidersaum hob. Sie schauerte leicht zusammen, ließ die Arme sinken: »Bitte, führen Sie mich wieder nach oben!«

Auf der Treppe blieb er einen Augenblick lang stehen.

»Sind Sie mir böse, gnädige Frau?«

Sie strich sich mit einer müden Bewegung eine kleine Haarsträhne aus dem Gesicht.

»Wieso denn? In unseren Kreisen nimmt man das nicht so genau ... Nur ...« Sie brach ab und zog mit einer kurzen Bewegung das feine Batisttuch durch die geschlossene Hand.

»Na, was denn, wenn ich fragen darf?«

Sie schüttelte den Kopf mit den schweren Zöpfen, auf denen ein merkwürdiges Geflecht thronte aus gelbem Strohund schwarzen Spitzen, mit einem kostbaren Marabou an der Rückseite, der wie ein Helmbusch in die Höhe ragte.

»Ah na! Nur so viel: das, jetzt eben, stimmt nicht zu dem Bild, das ich mir von Ihnen in all den Wochen zurechtgemacht hab'.«

Da fühlte er den Drang, sich zu rechtfertigen.

»Gnädige Frau, ich bin wie ein ausgehungerter Wolf. Vier Wochen lag ich an der Kette ... wie ein Kuli im Dienst. Heute hat man mich zum ersten Male ein bißchen wieder losgelassen, da heißt es, die Stunde genießen. Wer weiß, morgen ändern sich vielleicht die Dispositionen, und die Rechnerei fängt von neuem an. Oder es geht endlich los, die bösen Bleikugeln pfeifen, und man küßt keinen weißen Frauenhals mehr, sondern die kalte, schwarze Erde.«

Sie sah ihn aus erschreckten Augen an.

»Um Gottes willen, hören's auf! Aber haben Sie in dieser Zeit wenigstens ab und zu einmal an mich gedacht?«

Da antwortete er ehrlich: »Wie sollte ich wohl, gnädige Frau? An dem ersten Abend freilich nach dem Rennen im Grunewald, da habe ich mich viel mit Ihnen beschäftigt. Nachher hatte ich keine Zeit. Zu viel Dienst. Mein Abteilungschef hatte den sechzehnstündigen Normalarbeitstag eingeführt, und – Sie wissen vielleicht – bei den Militärsoldaten ist's noch nicht üblich, in solchen Fällen durch Streiken eine höhere Gewinnbeteiligung zu erzwingen.«

Sie nickte zufrieden.

»Jetzt sind Sie wieder wie damals ...« Und plötzlich lachte sie auf: »Gott, war das komisch an dem Abend! Wie schlecht Sie die verwöhnte Magda Neudecker behandelt haben!«

»Gnädige Frau, ich war an dem Abend in einer seltsamen Mißstimmung. Das Ungehörige meiner Antwort wurde mir erst später klar ...«

»Ungehörig? ...« Frau Josepha schüttelte den Kopf.

»Entweder sind Sie wirklich was Besonderes, oder ein ganz ein Raffinierter: Fräulein Neudecker brennt lichterloh. Endlich mal hat sie einen Mann entdeckt! Einen Mann, der nicht mit verdrehten Augen und Liebesgegirr an die Millionenerbin herantritt! Wenn Sie morgen in der Tiergartenstraße Besuch machen, können Sie in acht Tagen die hold errötende Magda um das Jawort befragen ... Und nehmen's das nicht auf die leichte Achsel! Vier Millionen sofort! Haben Sie eine Ahnung, was schon eine Million bedeutet?«

Er verneigte sich lächelnd.

»Vielleicht, gnädige Frau! Ich habe vierhundert Mark monatlichen Zuschuß! Den brauche ich bloß mit zehn zu multiplizieren – Sie werden mir zugeben, ein lächerlich kleiner Koeffizient – ja, und ich kriege einen Begriff von den mir winkenden Freuden. Auch ohne die reizvolle Zugabe von Fräulein Magda. Aber ich hege nicht die geringste Absicht, mein Leben als so eine Art von Prinzgemahl zu beschließen.«

Da lachte sie ihm zu, sie schüttelten sich die Hände wie ein paar gute Kameraden.

Der Platz von Frau Josepha in der Loge war besetzt. Neben dem Herrn mit dem glattrasierten Gesicht saß ein junges Mädchen in einer Balltoilette aus grellfarbener Seide. Brust und Nacken tief entblößt, auf dem gefärbtenHaar ein großer Hut mit wallenden Federn. Sie wußte, daß man sie in eine sogenannte anständige Gesellschaft geladen hatte ... Das war neuerdings ja Mode geworden, daß die Damen aus dem Westen in Begleitung ihrer Herren die öffentlichen Ballsäle besuchten. Und damit nicht genug, bis in die schmutzigsten Nachtlokale kletterten sie hinab. Da brauchte man also kein Blatt vor den Mund zu nehmen; wer sich unter die Treber mengte, den fraßen die Schweine. Und sie sprach unflätige Gemeinheiten, Gemeinheiten, die man in ihrem gewohnten Kreise nicht geduldet hätte, weil man dort einen gewissen äußeren Anstand bewahrte ... hier aber die Damen wollten sich ausschütten vor Lachen! Nur die Herren sahen ein wenig verlegen drein bei den ungenierten Kraftausdrücken, die sie gebrauchte.

Frau Josepha hatte ein paar Augenblicke mit gerunzelter Stirn zugehört, jetzt zog sie ihren Begleiter in die hinter der Loge liegende Fensternische. Ein Kellner in weißer Jacke kaum herzugelaufen, säuberte eifrig mit der Serviette das Tuch auf dem kleinen Tisch.

»Bitt' schön, hier die Weinkarte.«

»Sekt,« entschied Frau Josepha, und, als der Kellner eingeschenkt hatte, hob sie ihr Glas. Sah ihr Gegenüber aus glitzernden Augen an.

»Prost, Herr Hauptmann, und machen's nicht so ein verteufelt ernstes Gesicht! Nehmen Sie sich ein Beispiel an meinem Herrn Ehegemahl, der legt sich nicht den geringsten Zwang auf.« Sie deutete auf den in der Loge sitzenden Gatten, und der Zufall fügte es, daß er sich gerade über den Nacken seiner Nachbarin beugte, sie mit einemhimmelnden Ausdruck in den Augen zwischen die gebrannten Halslöckchen küßte. Ein paar feine Puderstäubchen waren ihm in den Hals gefahren, er bekam einen Hustenanfall, an dem er fast erstickte. Einer der Herren in der Loge sprang auf, flößte ihm ein paar Tropfen ein, Frau Josepha rührte sich nicht. Und feindselig sagte sie: »Recht geschieht ihm! Wenn er nur endlich a mal dabei bleiben tät ...«

Gaston sah sie erschreckt an, sie zuckte mit den Achseln.

»Was wollen Sie, vielleicht Mitleid mit ihm haben? Seit wir uns nicht mehr gesehen haben, hat sich vieles hier geändert. Das traurige Gestell da neben ihm soll meine Nachfolgerin werden. Ich bin ja nichts mehr, eine Größe von vorgestern, um mich wird er nicht mehr beneidet. Aber die da, die Lisa Sandori, ist die neueste Sensation. Wann sie abends im Theater die Röckeln hebt über die klapperdürren Knie und zu tanzen anfangt vor dem Einbrecher, der zum Fenster eingestiegen ist, lauft all die Trotteln im Parkett das Wasser im Mund zusammen. Jeden Abend seit zwei Wochen sitzt er mitten drunter, seine Pokerpartie ist deswegen auseinandergegangen. Und hinterher ladet er die Person zum Nachtmahl. Ich immer dabei, denn das wär ja kein Vergnügen für ihn, wann ich nicht dabei wär', die Demütigung nicht schlucken tät ...«

»Ah pfui Teufel!« Er stürzte ein Glas Sekt hinab und setzte es so heftig auf den Tisch, daß ihm der Stiel in der Hand zerbrach. »Und das lassen Sie sich gefallen?«

Sie nickte, ihre Augen wurden plötzlich ganz dunkel.

»Ich werd's ihm schon heimzahlen. Ich hab' mir was ausgedacht, und das wird für ihn schlimmer sein, als tät'ihn einer mit glühenden Zangen kneifen. Nur noch zwei kurze Wochen Geduld, dann geht's an. Lustig wird's werden ...«

Sie leerte durstig ihr Glas.

»So, und jetzt wollen wir von was anderem reden. Machen's mir ein bisserl den Hof, wenn Sie's auch eine Ueberwindung kostet. Bloß daß ich vor der Person da nicht so steh, als wär' ich auf einmal eine Bettlerin ... Kein Mensch tät mehr den Kopf nach mir wenden.«

Er zog die schmale Hand, die sie ihm über den Tisch entgegenstreckte, an die Lippen.

»Ueberwindung, gnädige Frau? Vielleicht wäre Furcht das Richtigere ... Furcht, daß aus dem Spiel Ernst werden könnte! Ich bin schließlich nicht bloß ein auf zwei Füßen gehendes Bündel von Grundsätzen, sondern daneben auch ein ganzes Ende lang ein junger Kerl mit Blut in den Adern. Damals, nach dem Rennen, gelang es mir, mich noch leidlich heil in Sicherheit zu bringen, ich möchte die Gefahr nicht zum zweiten Male herausfordern ...« Halb aus Mitleid sprach er so, halb unter dem Einflusse der Weingeisterchen, die ihm im Blute spukten. Und Frau Josepha beugte sich zu ihm über den schmalen Tisch, so daß er ihren Atem spürte.

»Ist ja alles nicht wahr, aber schön Dank! Wenn man die Gulden nicht kriegen kann, muß man mit die Kreuzeln vorlieb nehmen ... Und jetzt willichIhnen ein Geständnis machen, aber das dürfen Sie Wort für Wort glauben. Wie ich Sie damals auf der Rennbahn sah, spürte ich ein ganz seltsames Gefühl ... wie eine plötzliche Erkenntnis: den da hätt'st ein paar Jahre früher kennen lernen müssen,dann hätt' vielleicht aus dir was werden können! So aber, das Leben, das ich jetzt führ' ...« Sie brach ab und sah starr geradeaus, in ihren Augenwinkeln schimmerte es feucht.

Da stieg es ihm heiß im Herzen empor, und nicht nur seine Sinne entzündeten sich.

»Wenn ich mich nun wirklich in Sie verlieben würde, Frau Josepha?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Es wär' nicht gut! Nicht gut für uns beide.«

»Und wenn ich's nun schon wäre?«

»Dann ...« Sie atmete tief aus ... »Dann wär's halt unser Schicksal! Und vielleicht wär's auch noch Zeit, sich zu dem zurückzufinden, was man früher war.«

Sie legte ihm die Hand über den Arm, er erschauerte leicht unter der Berührung, sie blickten sich in die Augen.

»Frau Josepha, ich bin ein schwerfälliger Gesell. Ich kann keine schönen Worte machen ... ich gehör' Ihnen von dieser Stunde an.«

»Du lieber Bub' ...«

Er fuhr zusammen, einer jener klappernden bunten Bälle, mit denen man sich von Tisch zu Tisch bewarf, hatte seinen Kopf getroffen. Eine Frauenstimme, die seltsam blechern klang, wie eine geborstene Glocke, rief aus der Loge herüber: »Da sehen Sie nur, Rheinthalerchen! Und so was lassen Sie sich gefallen?«

Herr Rheinthaler wandte sich lässig um, seine Augen blickten schon ein wenig verglast vom reichlichen Trunk.

»Ist ja so egal! ... Die Hauptsache, hier ist's gleich Schluß – also gehen wir weiter!«

Frau Josepha erhob sich.

»Wenn's Dir recht ist, werden wir jetzt nach Hause fahren. Ich bin nicht in der Stimmung.«

»Das kommt schon noch! Kellner, zahlen! ... Nämlich, paß auf, die junge Dame, die da vorhin auf Deinem Platz saß, erzählte von einem Café in der Ackerstraße. Das soll zum Kugeln sein. Die Herren ohne Kragen und in gestickten Morgenschuhen, die Damen im Umschlagtuch. Für einen Taler tanzen sie 'ne neue Art von Apachentanz mit allen Schikanen – Fräulein Sandori will für ihren nächsten Sketch Studien machen. Sie kommen doch selbstverständlich mit, Herr Hauptmann?«

»Ich bedauere lebhaft!«

»Sind Sie vielleicht auch nicht in der Stimmung? Oder müssen Sie sich heute wieder Schlachtpläne ausdenken?«

»Keins von beiden. Mir ist es nur, selbst in Zivil, nicht möglich, ein derartiges Lokal zu besuchen.«

»Na, dann können wir ja auch wo anders hingehen?«

Frau Josepha schüttelte den Kopf.

»Ich fahre nach Hause!«

Herr Rheinthaler verbarg mühsam den aufsteigenden Aerger.

»Das ist doch nur 'ne Laune, liebes Kind! Und wir können unsere Gäste doch nicht einfach so stehen lassen.«

Fräulein Sandori zeigte hinter den tiefrot geschminkten Lippen zwei Reihen blendend weißer Perlenzähne, zu klein und zu regelmäßig, um echt zu sein.

»Aber, bitte, das macht doch nichts! Fahren Sie mit Ihrer Frau Gemahlin nur ruhig nach Hause, Rheinthaler.Ich bummel' inzwischen mit dem Herrn Rechtsanwalt weiter! Und wir beide werden schließlich auch nach der Ackerstraße hinfinden, nicht wahr, Doktorchen?« Sie hakte sich in den Arm eines schwarzbärtigen Herrn, der ebenfalls in der Loge gesessen hatte, und sah ihn mit kokettem Augenaufschlag an.

Herrn Rheinthaler stieg das Blut zu Kopfe.

»Also, Josepha, jetzt sei vernünftig! Ich kann Dich doch nicht allein fahren lassen, und was liegt schon an der einen Stunde?«

»Gar nichts liegt daran, da hast Du recht. Aber laß Dich durch mich nicht stören! Mein Auto steht unten, ich fahre nach Hause!«

Fräulein Sandori lachte kurz auf mit ihrer blechernen Stimme.

»Stellen Sie Ihre Frau Gemahlin doch unter den Schutz der bewaffneten Macht, Herr Rheinthaler! Und haben Sie 'ne lange Leitung! Darauf geht doch die ganze Reise, daß die beiden da uns versetzen wollen!«

Frau Josepha hob den Saum ihres Kleides und trat mit zornsprühenden Augen einen Schritt auf die andere zu.

»Sie! Daß i mi net vergeß'! Aber die Ehr' tu ich Ihnen nicht an, daß ich Ihnen darauf was antwort'. Ich tät' mich ja erniedrigen, wenn ich mich mit Ihnen auf eine Stuf' stellen wollt'!«

In den Nachbarlogen war man aufmerksam geworden, reckte die Köpfe. Das Mädel, das vorhin in der Loge auf Josephas Stuhl gesessen hatte, kam vorbei und blieb lachend stehen.

»Immer feste, meine Damen! Nur nich lang gefackelt – mit 'ne Sektpulle über'n Kopp, det schafft am besten.«

Gaston von Foucar biß die Zähne aufeinander. Ekelhaft war das ... Er bot Josepha den Arm.

»Darf ich Sie zu Ihrem Wagen führen, gnädige Frau?«

Sie gingen an den Logen vorüber, die breite Treppe hinunter, an der Garderobe holte sie Herr Rheinthaler, ein wenig außer Atem, ein.

»Also, Josepha, wie Du Dich wieder einmal benommen hast ... Fräulein Sandori ist außer sich! Und wenn Du sie nicht sofort um Entschuldigung bittest ...«

Gaston fühlte ein seltsames Zucken im Arm, aber die lange geübte Selbsterziehung erstickte die zornige Aufwallung im Keime.

»Verzeihen Sie, Herr Rheinthaler, wenn ich mich einmische, aber bis zu einem gewissen Grade bin ich an dem ärgerlichen Auftritt beteiligt. Ich habe keine Ahnung von dem sonstigen Umgangston bei diesen abendlichen Vergnügungen, aber die Bemerkung dieses Fräuleins Sandori war eine freche Verdächtigung. Die Dame müßte also wohl zuerst um Entschuldigung bitten, wenn Sie überhaupt eine solche Staatsaktion für notwendig halten sollten.«

In dem hageren Gesicht leuchtete es auf. Herr Rheinthaler sah eine Möglichkeit, mit leidlichem Anstande zu Fräulein Sandori zurückkehren zu können.

»Da haben Sie recht! So etwas muß man am besten mit Stillschweigen übergehen. Morgen sind die beiden Damen wieder die besten Freundinnen – verlassen Sie sichd'rauf! Ich werde jetzt der Gegenpartei gut zureden! Wenn Sie die Liebenswürdigkeit haben wollten, bei meiner Frau das gleiche zu versuchen, wenn Sie sie jetzt nach Hause bringen ...«

Mitten in aller Erregung mußte Gaston auflachen.

»Ich soll Ihre Frau Gemahlin nach Hause bringen?«

Herr Rheinthaler schien den geheimen Unterton der Frage nicht verstanden zu haben.

»Selbstverständlich, sie kann doch nicht allein fahren. Und ich muß die Sache mit der Sandori noch heute aus der Welt schaffen, sonst schwatzt morgen ganz Berlin davon. Sie versäumen nicht viel ... das Auto fährt rasch, in dreiviertel Stunden können Sie wieder zurück in der Stadt sein.«

Frau Josepha hatte sich von der Garderobenfrau in den Mantel helfen lassen.

»Kommen Sie, Herr Hauptmann!« Ihren Gatten sah sie mit einem merkwürdigen Blick an: »Na, alsdann adieu, Fritz.«

»Du bist mir doch nicht bös, Peperl?«

»I bewahre, komm nur nicht zu spät nach Haus.«

Herr Rheinthaler wandte sich, sichtlich erleichtert, der anderen Gruppe zu, die in erregter Unterhaltung von der Treppe her in den Garderobenraum trat: »Es ist alles in schönster Ordnung, meine Herrschaften! Wir fahren in die Ackerstraße, teuerste Freundin ...«

Das Auto bog durch das Brandenburger Tor in den Tiergarten, Frau Josepha saß mit zusammengezogenenAugenbrauen, plötzlich schluchzte sie auf, preßte das feine Batisttuch, das sie in der Hand knüllte, gegen den Mund.

»O, wie schimpflich ist das alles! Und wie müssen Sie mich verachten, daß ich mir das alles hab' gefallen lassen die ganze Zeit über ...«

Er ergriff ihre Linke, nahm sie in beide Hände.

»Das ist ein bißchen töricht, was Sie da sagen, Frau Josepha. Woher sollten Sie den Mut zum Widerstand nehmen? Aber jetzt ist das ja etwas anderes ... Ich stehe neben Ihnen.«

Sie rückte näher an ihn, sah ihm in die Augen.

»Das ist nicht bloß so im Augenblick und morgen ist alles wieder verflogen?«

»Im allgemeinen pflege ich zu halten, was ich verspreche.«

Sie brachte ihr Gesicht ganz nahe an das seinige.

»Du, überleg's Dir wohl! Noch kannst Du zurück. Auf der Antwort jetzt baut sich meine ganze Zukunft auf!«

Ein feiner Duft drang aus ihren Haaren, aufreizend leuchteten ihre Augen. Er schlang den Arm um ihren leicht erschauernden Rücken.

»UnsereZukunft, wolltest Du wohl sagen, Liebstes! Ich bin doch kein Knabe, der morgen vergißt, was er heute geschworen hat?«

Da bot sie ihm durstig die Lippen ...

Das Auto passierte eine hell erleuchtete Straßenkreuzung, sie löste sich hastig aus der Umarmung.

»Sei nicht bös, aber ich muß vorsichtig sein. Er läßt mich beobachten, an jeder Ecke können seine Spione stehen.Die beiden Lackeln da vorn, der Chauffeur und der Diener, sind auch in seinem Sold.«

Ein häßlicher Gedanke sprang ihn unversehens an ... Daher also vielleicht die »unverbrüchliche Treue«, von der damals der Herr von Wodersen gesprochen hatte, als sie von der Grunewaldvilla heimgingen?

Frau Josepha hatte sich rückwärts gegen die Polster gelehnt, schlang ihren weichen Arm in den seinigen.

»Da komm her, Bubi, bring Dein liebes kleines Ohrwaschel näher 'ran, daß ich nicht so laut zu sprechen brauch' ... so ... und jetzt hör' fein zu ... Ich schwör' Dir bei der heiligen Mutter Gottes, ich hab' außer Dir noch nie einen lieb gehabt, Du bist der erste. Und ich kann ja nichts dafür, daß ich Dich so spät kennen gelernt hab' ... Als Du damals im Unwillen fortgingst, hab' ich hinterher geweint die ganze Nacht, aber meine alte Kinderfrau hat mich getröstet. In den Karten hat gestanden, ich würd' Dich wiederfinden ... Und jetzt, b'hüt Di Gott ... träum' von mir und schlaf' gut heute nacht, ich hab' noch viel zu tun ...«

So sprach sie halblaut, von Zeit zu Zeit berührten ihre weichen Lippen sein Ohr.

Das Auto hielt, der Diener öffnete den Schlag. Sie stieg aus.

»Schön Dank, Herr Hauptmann, für die liebenswürdige Begleitung. Karl, Sie fahren den Herrn Hauptmann jetzt nach seiner Wohnung und kommen zurück. Ich brauche Sie noch heute.«

»Zu Befehl, gnädige Frau.«

Gaston von Foucar wollte noch etwas sagen, aber Frau Josepha trat unter dem Geleit eines Dieners in die geöffnete Haustür, der Wagenschlag flog zu, und das Auto fuhr von der breiten Rampe wieder auf die Straße hinaus.

»Rankestraße hundertsechzehn!« rief er zum offenen Fenster hinaus und lehnte sich in die Polster zurück. Der Kopf war ihm benommen, er konnte keinen klaren Gedanken fassen, nur ein sehnsüchtiges Gefühl war in seiner Brust. Noch hundert Meilen hätte er so dahinfahren mögen wie vorhin, und durstig sog er den zarten Duft ein, der noch das Innere des Wagens füllte. Erst ganz allmählich wurde er nüchterner ...

Das also eben war die Entscheidung über sein Schicksal gewesen. Unauslöslich war er jetzt an die Frau gebunden, die er zweimal bisher gesehen hatte ... von der er nichts weiter wußte als das wenige, was sie selbst und der Landsberger Husar damals erzählt hatten. Wie ein Sturmwind war das gekommen, keinen Augenblick zu ruhiger Ueberlegung. Es reute ihn nicht, wahrhaftig nicht, aber schier unbegreiflich erschien es ihm jetzt, wie er bei seiner sonst so kühl abwägenden Art so rasche Entschlüsse hatte fassen können. Wenn er einmal in müßiger Stunde davon geträumt hatte, wie es sich wohl abspielen würde, wenn er sich den guten Kameraden fürs ganze Leben gewann, hatte ihm immer etwas Zartes, Feines vorgeschwebt, ein langsames scheues Annähern ... Irgendwo auf einem Fest im Grünen sollte es anfangen, und monatelang stimmte man sich hinterher aneinander ab, ehe man das entscheidende Wort sprach. Das war nun alles anders gekommen. Im heißen Atemeiner jäh emporlodernden Leidenschaft ... Und recht so! Ein Narr nur schneiderte sich sein Leben nach Prinzipien zurecht, man mußte das Glück nehmen, wie man es fand. Und nun galt es, einige klare Entschlüsse zu fassen. Morgen vormittag depeschierte man an die kleine, alte Dame im Schwabenland: »Liebes Mutterle, in ein paar Tagen bring' ich Dir Deine zukünftige Tochter. Ich weiß, Du wirst ihr gut sein und sie freundlich bei Dir aufnehmen, bis ...« Ja, wie zum Teufel, wie faßte man das am besten in Worte? ... »Bis die unwürdige Fessel, die sie noch an einen anderen bindet, gelöst ist!« Und er stand in Gedanken dabei, wie das liebe Mütterchen die Depesche las. »So, so, mei Büble! Wo hast Du sie denn kennen gelernt?«

»Ganz zufällig in dem Restaurant einer Rennbahn.«

»Und wo habt Ihr Euch verlobt?«

Da stockte ihm zunächst die Zunge: »In einem öffentlichen Ballokal. Auch ganz zufällig ... noch eine Viertelstunde vorher hatte ich im Traum nicht daran gedacht. Das kam wie ein Gewittersturz.«

Das alte Frauchen nahm die Brille ab.

»So, so, mei Büble! Und darauf willst Du Dein Lebensglück aufbaue? Das ischt ungesund, aber i will Dir da nit dreinrede ... Du bischt ein ausgewachsener Mann, mußt selbscht am beschte wisse, was Dir frommt ... Und wenn Du ihr Dein Wort gegeben hast ...«

»Muß ich es selbstverständlich halten, da hast Du recht, Mutterle. Und, sieh mal, man muß an Außergewöhnliches nicht den Alltagsmaßstab legen. Es gibt Situationen, wo langes Ueberlegen vom Uebel ist. Mit beiden Füßen zugleichmuß man hineinspringen wie in ein Abenteuer, nur daß hier eben alle Garantien vorhanden sind, daß es gut ausgeht. Sie ist von ganz besonderem Schlag, ich kann Dir das nicht so mit Worten ausschildern – Du mußt sie eben selbst kennen lernen! Und wenn wir erst die paar unumgänglichen Widerwärtigkeiten der Scheidung überwunden haben ...«

Das Auto hielt, er gab dem Diener, der ihm den Schlag öffnete, ein reichliches Trinkgeld und stieg langsam die drei Treppen zu seiner Wohnung empor. Er machte Licht, vor dem Lampenfuß lag eine Depesche. Er riß sie mit ungeduldiger Hand auf und las bei dem Scheine des verglimmenden Zündhölzchens: »Gratuliere zur fünften Schwadron Ordensburger Dragoner! Wegener.«

Eine ganze Weile saß er mit dem Blatte im Dunkeln. Mit einer gewissen, stumpfen Verwunderung, daß der Chef sein vor Wochen gegebenes Versprechen gehalten hatte. In der ganzen letzten Zeit war nicht mit einem Worte mehr davon die Rede gewesen. Und morgen mußte er sich dafür bedanken. Wie sehr er gejubelt hätte, daß sich ihm sein sehnlichster Wunsch so rasch erfüllte, und daß er bei dieser außerordentlichen Auszeichnung sich eines Gefühls der Beschämung nicht erwehren könnte, weil er nämlich einen Teil der Voraussetzungen, die damals vielleicht mit bestimmend gewesen, nicht mehr erfüllte. Er wäre heute nicht mehr frei, hätte sein Schicksal an das einer anderen gebunden, der er von jetzt an zur Seite stehen müßte. Da erwiderte der gütige Chef wohl mit einem Lachen: »Na, lieber Foucar, deswegen brauchen Sie sich keine grauen Haare wachsen zulassen! Das war damals nur ein kleines Scherzchen von mir. Und ich schätze, Sie haben in Ihrer klugen Art mit Liebe, aber auch mit Vorsicht gewählt. Eine junge Dame, die Sie im Kreise des vornehmen alten Regiments mit Stolz präsentieren können ...« Und er mußte darauf sagen: »Verzeihung, Herr Oberst, das weiß ich noch nicht! Ich kenne von der Herkunft und Vergangenheit meiner Verlobten blutwenig, eigentlich so gut wie gar nichts. Ich weiß heute noch nicht einmal, ob ich nicht genötigt sein werde, meinen Abschied zu nehmen, wenn ich das ihr gegebene Versprechen einlösen soll.«

Da schrie es plötzlich in ihm auf, verrückt war das, was er in dieser letzten Stunde getan hatte! Ein sinnloser Karnevalsstreich war das gewesen, den ihm ein anderer gespielt hatte, der für eine kurze Weile in seine Haut geschlüpft war. Ein leichtfertiger Bursch, der halb im Trunke, halb unter dem Einflusse seiner aufgepeitschten Sinne mit Menschenschicksalen spielte ... dem ein bißchen Mitleid, ein plötzliches Begehren genug waren, die Worte zu sprechen, mit denen er sich für das ganze Leben verpflichtete. So sinnlos war das alles, daß er keinen Augenblick zögern durfte, sich aus dieser Verstrickung wieder zu lösen.

Er steckte die Lampe an und setzte sich, wie er ging und stand, in Hut und Ueberzieher, an den Schreibtisch. Aber schon nach den ersten Zeilen zerriß er den Bogen in tausend kleine Fetzen, warf sie in den Papierkorb. Wie und womit sollte er seine plötzliche Sinnesänderung erklären? Noch vor kaum einer Stunde hatte er gesagt: »Ich bin doch kein Knabe mehr, der morgen vergißt, was er heute geschworenhat.« Sollte er schreiben: »Gnädige Frau, als ich das sprach, war ich verrückt oder betrunken, und jetzt, nachdem ich wieder zur Besinnung gekommen bin, muß ich Sie bitten, mir mein Wort zurückzugeben?« Zorn und Scham trieben ihm das Blut ins Gesicht, allerhand wirre Gedanken und Bilder schossen ihm durchs Hirn. Wort war Wort, und wenn man es nicht einlösen konnte, hatte man es eben auf andere Weise zu zahlen. Solch ein haltloser Tropf, der für die Folgen seiner Handlungen nicht eintrat, hatte auf der Welt nichts mehr zu suchen! Und ein längst vergessenes Bild trat plötzlich vor seine Augen. Ein armes junges Kerlchen aus seinem alten Regiment lag da mit durchschossener Schläfe, weil es sein verpfändetes Wort nicht hatte halten können. Eine in der Trunkenheit eingegangene Spielschuld war es gewesen, und er selbst hatte damals unter den strengen Richtern gesessen.

Da stöhnte er auf wie ein weidwundes Tier und barg sein Gesicht in den Händen. Heute hätte er wohl nicht so unbarmherzig geurteilt wie damals vor acht oder neun Jahren. Und nur eine letzte leise Hoffnung hielt ihn vor dem jähen Schritte ins Dunkle zurück, daß die Frau, der er sein Wort gegeben, morgen vielleicht auch schon anders dachte ... Vielleicht als ein tändelndes Spiel ansah, was ihm in dem einen Augenblicke, da er die Zucht über sich verloren hatte, heiliger Ernst gewesen war. Als er sie während den Tanzes aus den Hals küßte, hatte sie ja selbst gesagt, in ihren Kreisen nähme man es nicht so genau, wenn ein Herr einer verheirateten Dame mit einer Huldigung nahte, die, bei Licht besehen, eine bodenlose Unverschämtheit war ...

Gegen Morgen mußte ihn wohl die Müdigkeit übermannt haben. Als Gaston von Foucar aus einem von wirren Träumen erfüllten Schlafe erwachte, schien die helle Sonne zum Fenster herein. Sein Bursche stand vor dem Bett, mit einem Briefe in der Hand.

»Herr Hauptmann werde gütigscht verzeihe, aber es ischt Zeit zum Dienscht, und zudem, das alt Weible, was den Brief da bracht hat, will sofort Antwort habe.«

Gaston richtete sich im Bett auf.

»Was für ein altes Weib?«

»Die wo ebe gekomme ischt, Herr Hauptmann. Sie hockt im Vorzimmer, schaut aus wie eine von dene Schpreewäldlerinne, und der Herr Hauptmann tät scho wisse, von wem daß das Briefle wär'.«

»Sagen Sie ihr, sie soll noch ein paar Minuten warten! Und legen Sie mir die erste Garnitur Ueberrock zurecht!«

»B'fehl, Herr Hauptmann!«

Als der Bursche das Schlafzimmer verlassen hatte, hielt Gaston eine ganze Weile lang den Brief unschlüssig in der Hand. Mit einem Schlage war ihm die Erinnerung zurückgekehrt, und ein Gefühl des Ekels vor sich selbst schnürte ihm die Kehle zusammen. Körperliches Unbehagen nach dem ungewohnten schweren Trunke und dazu ein ganzes Heer bohrender und nagender Vorwürfe. Wie ein Verbrecher erschien er sich, der nach einer im Rausche begangenen Freveltat erwachte. Der bleierne Schlaf hinterher hatte sie nicht ungeschehen gemacht, nur um so schreckhafter stand sie im klaren Tageslichte da! Und der Brief hier brachte ihm sein Urteil.

Mit zitternder Hand riß er ihn auf, das Herz schlug ihm bis in den Hals hinauf.


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