7.

»Sie haben eine Verletzung am Arm? Doch hoffentlich nichts Ernstliches?«

»Nur eine leichte Verstauchung des Handgelenks. Als ich vor einigen Nächten ein Drahthindernis überklettern mußte, sauste ich kopfüber in einen Graben. Spätestens übermorgen hoffe ich schon wieder Dienst tun zu können.«

»Charmant! Im Hotel schon hatte ich gehört, daß ich nur wenige Herren im Kasino treffen würde, weil das Regiment auf Nachtfelddienstübung wäre. Ich freue mich, daß es gerade zwei Herren von meiner zukünftigen Schwadron sind.«

»Ganz auf unserer Seite natürlich, Herr Rittmeister.«

Gaston fuhr lächelnd fort: »Und daß Sie so strebsam sind! Ich entsinne mich aus meiner jüngsten Leutnantszeit: Wenn wir in Karlsburg auf der Hauptwache den Würfelbecher schwangen, hatten wir auch stets eine Generalstabskarte unter dem Tableau der lustigen Sieben. Wenn der hohe Vorgesetzte kam, verschwand das Tableau, und wir übten mit Eifer Kriegsspiel.«

Der jüngere Gorski blinzelte seinen neuen Schwadronschef dreist und gottesfürchtig an.

»Merkwürdig, Herr Rittmeister, wie gewisse Unsitten im Leutnantsstande durch das ganze Vaterland verbreitet sind. Ich fürchte aber, sie werden sich nicht ausrotten lassen. Solange es nämlich Vorgesetzte gibt, die den Schwindel noch nicht kennen.«

Gaston mußte unwillkürlich auflachen. Der kleine Frechdachs da mit den großen Ohren gefiel ihm. Das war einer von den preußischen Leutnants, die sich eine Zigarette ansteckten und ihre Kerls mit einem Witz anfeuerten, wenn es galt, gegen eine feindliche Batterie anzureiten.

»Na dann«, sagte er, »wollen wir diesen kleinen Reinfall mit einer Flasche Sekt begrüßen! Darf ich mir gestatten, meine Herren?«

»Gehorsamst abgelehnt, Herr Rittmeister! Heute sind SieunserGast. Morgen aber, nach offizieller Uebernahme des Kommandos, haben wir nichts dagegen, wenn Herr Rittmeister sich öfter mal in dem eben erwähnten Sinne äußern wollten.«

»Na, meinetwegen.«

Die Ordonnanz schenkte ein, Gaston hob sein Glas.

»Also prosit, meine Herren! Auf gute Kameradschaft!«

Er war von seltsam guter Laune. In der neuen Umgebung hatte er seine Sorgen und Kümmernisse vergessen. Eine nervöse Spannung lebte in ihm, als könnte jeder Augenblick den heißersehnten Umschwung bringen. Hier an der Grenze roch es förmlich nach Krieg.

Hinter dem Hotel, in dem er abgestiegen war, dehnte sich freies Feld. Da kampierte in schmalen, mit Leinenplanen überspannten Korbwagen eine seltsame Gesellschaft, wie er sie noch nie zuvor gesehen hatte. Die Männer in langen, bis auf die Schaftstiefel reichenden Kaftanen, Ringellöckchen zu beiden Seiten der scharfgeschnittenen Gesichter. Die Frauen in grellfarbigen Gewändern, falsche Scheitel auf dem Kopf. Auf seine Frage hatte ihm der gesprächige Oberkellner die Auskunft gegeben: »Russische Juden, Herr Rittmeister. Und wie die in Scharen gekommen sind, hab' ich auch angefangen, an den Krieg zu glauben. Die Ratzen verlassen das Schiff. Sie haben nämlich eine scharfe Witterung, irgendwas is da drüben los. Da reißen sie aus,stehlen sich heimlich über die Grenz' und versammeln sich hier zum Auswandern nach Amerika. Nämlich, wenn in Rußland was passiert, werden hinterher immer ein paar tausend arme Juden totgeschlagen. Attentat auf einen Minister: Pogrom! Mobilmachung: Pogrom! Sie können nichts dafür, aber es wird Pogrom gemacht!«

»Was ist das, 'Pogrom'?« hatte er gefragt.

»Na, so 'ne Art von russischem Volksfest. Seit einigen Jahren haben sie's schon eingeführt. Man plündert die Läden, schändet die Mädchen und schießt die männlichen Juden tot. Hinterher kommt eine lahme Untersuchung. Keiner von den Zeugen hat 'was gesehen, und die paar Juden, die noch am Leben geblieben sind, denen wird nicht geglaubt. Schreckliche Sachen erzählen diese armen Menschen! Und jetzt wissen sie ganz genau, was los ist, denn sie haben ihre Verbindungen. Da hab' ich meine paar Kröten auch locker gemacht auf der Sparkass'. Wenn die Russen uns hier überfluten, wie es neulich in der Zeitung gestanden hat, rutsch ich ab – dritter Klass' nach Königsberg!«

Da hatte Gaston unwillkürlich auflachen müssen: »Sehr richtig, Herr Oberkellner, das bessere Teil der Tapferkeit ist Vorsicht!« Zugleich aber war ihm selbst leichter ums Herz geworden, in kurzer Frist hatte wohl alle Not ein Ende. Er sprengte mit seiner Schwadron vorwärts an den Feind, die Kugeln schwirrten und pfiffen. Eine davon traf, man schoß kopfüber aus dem Sattel. Vorbei war alles. Die Reue um das verpfuschte Leben und das neue Gefühl, das heute in ihmaufgestiegen war. Ein schmerzlich-süßes Gefühl. Wie herrlich vielleicht alles hätte werden können, wenn ... ja, wenn diese letzten Tage nicht gewesen wären!

Die drei Herren im Kasino hatten ihm Bescheid getan, nach der ersten lustigen Begrüßung rann das Gespräch nur spärlich dahin. Gaston beantwortete die üblichen Fragen, wie ihm das Städtchen gefallen hätte, und ob er sich hier nicht wie in der Verbannung vorkommen würde. Wobei der jüngere Gorski die verblüffende Behauptung aufstellte, es wäre gar nicht so schlimm. Das kleine Nest Ordensburg besäße nämlich eine große Aehnlichkeit mit Nizza. Und als die anderen verwundert aufblickten, gab er lächelnd die Erklärung: »Na ja, sehr einfach. Wenn man sich in der Stadt langweilt, fährt man in die schöne Umgebung. Dort nach Monte Carlo, hier bei uns auf eins der Güter in der Nachbarschaft. Da ist es dann amüsanter.«

Die Herren lachten, Gaston entsann sich infolge einer naheliegenden Ideenverbindung, daß er ein Fundstück bei sich trug, das er nicht persönlich abzugeben gedachte. Für ihn und die Verliererin war es besser, wenn sie sich nach der ersten Begegnung nicht wiedersahen.

Er griff in die Tasche.

»Kommt einer von Ihnen, meine Herren, vielleicht in den nächsten Tagen nach dem Gute Kalinzinnen?«

»Ich,« sagte der lange Herr von Brinckenwurff. »Ich reite schon morgen früh hinüber. Heute abend konnte ich zu meinem Bedauern nicht an der Bahn sein.«

Gaston blickte auf. Das also war der »Hermann«, von dem am Nachmittag zwischen Vater und Tochter die Rede gewesen war. Wie eine Warnung hatte der alte Herr den Namen ausgesprochen. Eine Warnung für sie beide, die gleich in der ersten Stunde vertraut geworden waren ... Der alte Herr hatte ganz recht, das mußte ein Ende haben, noch ehe es eigentlich einen Anfang genommen hatte. Er atmete auf und legte die goldene Zigarettendose auf den Tisch.

»Das da hat Fräulein von Gorski im Coupé liegen lassen. Wenn Sie also die Liebenswürdigkeit haben wollten, es ihr morgen wieder zuzustellen, Herr ... pardon, aber vorhin bei der Vorstellung habe ich Ihren Namen ...«

»Brinckenwurff,« fiel der Lange ein, klappte die Hacken zusammen, »Leutnant der Reserve im Regiment.« Und Hans von Gorski fügte erklärend hinzu: »Hermannvon Brinckenwurff! Zum Unterschied von seinem jüngeren, aber noch längeren Bruder Adolf. Der ist bei uns im Regiment aktiv, bei der zweiten Schwadron.«

Karl von Gorski aber machte große Augen und sah seinen neuen Vorgesetzten mißtrauisch an. Wie ein Füchslein, das eine Fährte witterte, über deren Bedeutung es sich nicht recht klar war.

»Herr Rittmeister sind mit meinem Kalinzinner Onkel und seiner Tochter zusammen von Königsberg gekommen?«

»Ja! Wir haben uns unterwegs recht nett unterhalten.«

»Und meine Cousine Annemarie hat die Tasche da, die sie sonst wie ein Kleinod hütet, aus Versehen liegen lassen?«

»Es scheint wohl so. Nach ihrem Aussteigen hab' ich sie gefunden. Und da ich annehme, der Verlust wird ihr recht unangenehm sein, möchte ich nicht, daß sie sich länger als nötig ...«

Er brach ab, er hatte den geheimen Sinn der Frage verstanden. Vom Herzen stieg es ihm heiß in die Wangen empor. Absichtlich hatte das liebe Mädel die kostbare Tasche liegen lassen, um ihm den triftigen Vorwand zu baldigem Besuche zu geben. Er schlug die Gelegenheit aus, und sie mußte sich natürlich gekränkt fühlen. Aber es war recht so ... Ein Pflänzlein, das eben erst im Aufkeimen war, riß man leichter aus, als wenn es schon seine Wurzeln tief ins Erdreich gesenkt hatte.

Karl von Gorski sah den Langen mit einem ironischen Lächeln an: »Mensch, Hermann, hast Du einen Dusel! Was wird die Annemieze sich freuen, daß Du gerade ihr das kostbare Doschen zurückbringst! Wo sie wahrscheinlich schon gemeint hat, es wär' für immer perdüh gewesen.«

Die Flasche war getrunken, die Herren rüsteten sich zum Aufbruch. Hermann von Brinckenwurff bestieg sein Fuhrwerk, der ältere Gorski ließ den Gaul vorführen zum Inspizierungsritt den Bahndamm entlang, wo an jeder kleinen Brücke die wachsamen Posten standen. Der jüngere geleitete den neuen Rittmeister nach seinem Hotel. Er hatte zu seiner Wohnung in der Nähedes Bahnhofs den gleichen Weg. Und während sie im Halbdunkel dahingingen unter den dichtbelaubten Linden der sogenannten Bahnhofspromenade, die nur in Abständen von hundert Schritten von einer kümmerlichen Gaslaterne erhellt wurde, fühlte er das Bedürfnis, seinen neuen Vorgesetzten angenehm zu unterhalten. Des guten Eindrucks halber.

»Haben Herr Rittmeister die Berliner Morgenblätter gelesen?«

»Gewiß doch. Schon heute mittag in Königsberg.«

»Da faßt man sich doch an den Kopf: hätte der Mensch nicht so viel Contenance haben müssen, sich anders aus der Welt zu schaffen, als mit so einem Klimbim und Trara?«

»Entschuldigen Sie, ich weiß nicht, wovon Sie sprechen!«

»Na, von dem Landsberger Husaren, der sich da vor einer Villa im Grunewald erschossen hat. In der Zeitung standen nur die Anfangsbuchstaben der Namen.«

Gaston blieb stehen. Eine eiskalte Hand griff ihm ums Herz.

»von Wodersen?« sagte er heiser.

Karl von Gorski blickte auf.

»Herr Rittmeister kennen den armen Kerl?«

»Er war mit mir noch vorgestern ...« und er verbesserte sich schnell: »Das heißt, daß es gerade Herr von Wodersen sein soll, ist nur eine Vermutung natürlich. Weil es der einzige Landsberger Husar ist, den ich kenne. Damit ist durchaus nicht gesagt ...«

»Aber es wird schon stimmen. In der Zeitung stand, er wäre in total gebrochenem Zustande von einem Diener aus der Villa des bekannten Sportmanns R. geführt worden. Das sieht doch aus, als hätte sich da vorher irgend eine Tragödie abgespielt.«

Gaston hatte seine Haltung wiedergewonnen. Er zuckte mit den Achseln.

»Vielleicht! Vielleicht war es aber auch eine ganz prosaische Veranlassung. Die Herren, die alle Woche ein paarmal in den Sattel steigen, lassen sich zuweilen auf Geschäfte ein, die ihnen über den Kopf wachsen. Wenn es keine Lösung im guten gibt, greifen sie zu dem letzten, verzweifelten Mittel.«

»Hab' ich vorhin im Kasino auch gesagt. Na, gute Nacht, Herr Rittmeister, ich muß um die Erlaubnis bitten, mich jetzt empfehlen zu dürfen. Hier, rechts ab geht's in mein kümmerliches Junggesellenheim.«

»Gute Nacht, Herr von Gorski, und auf Wiedersehen morgen.«

Gaston ging allein weiter. Nur ein paar hundert Schritte trennten ihn von seinem Hotel, aber die Füße versagten ihm den Dienst, er mußte stehen bleiben und sich auf das Geländer eines Vorgartens stützen. Die Fenster im untersten Stockwerk des Hotels waren hell erleuchtet, Musik klang herüber. Richtig, er hatte ja vorhin die grellen Plakate gelesen. Eine Damenkapelle konzertierte im großen Saal auf der Durchreise nach Rußland ...

Er konnte keinen klaren Gedanken fassen, nur ein dumpfes Gefühl war in seiner Brust, sein Schicksalging weiter. Auch ohne daß er selbst dabei war ... seine Schuld nur war dort zurückgeblieben, trieb einen Unglückseligen in den Tod. Wie er's auch drehen und wenden mochte, er war daran schuld. Weil er im entscheidenden Augenblicke nicht den Mut zur Wahrheit gefunden hatte, als er mit der Frau allein gewesen war. Und aus der ersten Lüge sprang die zweite. Der arme Teufel da mit dem Loch in der Schläfe konnte jetzt noch leben, wenn er ihm einen anderen Bescheid hätte geben können. »Lieber Wodersen, ich denke ja nicht daran! Heute reise ich noch ab, die Frau, die sich in einem gewissen Ueberschwang an mich geklammert hat, wird sich zu trösten wissen. Sie haben sowieso ja nicht die Bedenken, mit denen ich mich trage, also bitte, der Weg ist frei. Vielleicht zieht es sich zwischen Euch beiden zurecht.« Statt dessen hatte er dem Aermsten die letzte Hoffnung genommen, und als sich dem das bißchen Rest von Vernunft verwirrte, die Hand gegen ihn gehoben. Und warum nur in aller Welt, warum? Um ein Nichts, um die Laune eines überspannten Frauenzimmers, das sich just an ihn gehängt hatte. Grauenhaft war das. Und ein Gefühl des Abscheus ballte sich in ihm, erfüllte ihn ganz und gar.

In dem Vestibül des Hotels stieß er auf den dicken Herrn von Lindemann, der sich gerade seinen weißen Staubmantel anzog.

»Eben wollte ich Sie im Kasino aufsuchen,« sagte der, »weil ich von dem Oberkellner gehört hatte, Sie wären dorthin gegangen. Hier nämlich der Kunstgenußist nur mäßig. Vom musikalischen Standpunkt aus und vom patriotischen. Sie spielen wie Dorfmusikanten, die kleinen Frauenzimmer, und morgen fahren sie über die Grenze. Zu den Russen nach Grajewo, den Herren Offizieren das Lagerleben zu versüßen. Da muß man es doch mit dem Zorn kriegen, daß deutsche Mädels sich so weit erniedrigen.« Er unterbrach sich und sah den andern besorgt an: »Aber was ist das mit Ihnen, Herr von Foucar? Ist Ihnen nicht gut? Sie sehen ja aus im Gesicht wie eine wandelnde Leiche.«

Gaston nahm sich mühsam zusammen.

»Mir ist in der Tat nicht ganz extra, und ich möchte am liebsten zu Bett gehen.«

Herr von Lindemann faßte ihn unter den Arm.

»Unsinn, Sie haben sich auf der Reise eine kleine Erkältung geholt – das muß man 'runterspülen! Mit einem alten guten Burgunder. Und den gibt's hier in der Nähe, also los!«

Da ging er mit, war eigentlich froh, daß er für ein paar Stunden Anschluß fand. Und eine Ablenkung von seinen zehrenden Gedanken.

Sie gingen die dunkle Bahnhofspromenade entlang, dem Marktplatze zu. Der dicke Herr von Lindemann erzählte, er hätte das Konzertlokal noch aus einem anderen Grunde verlassen. Weil dort der Gutsbesitzer Heidereuter gesessen hätte mit dem polnischen Käufer von Sucholasken. Um den Verrat an der vaterländischen Sache mit einer Flasche Sekt zu begießen. Ganz schamlos in aller Oeffentlichkeit. Da wäre ihm die Galle übergelaufen.

Gaston hörte zerstreut zu, seine Gedanken waren ganz wo anders ... bei einem, der mit durchschossener Schläfe irgendwo auf einem Schragen lag, in einem Schauhause.

Sie standen vor einem niedrigen Hause am Marktplatze. Die Fensterläden waren geschlossen. Herr von Lindemann hieb kräftig mit der Krücke seines derben Eichenstockes dagegen: »Holla, Zapietznick, aufgemacht.«

Schlürfende Schritte näherten sich der Tür, ein Schlüssel kreischte in eingerostetem Schlosse. Ein Kerl mit lang herabhängendem Schnurrbart streckte das breitknochige Gesicht durch den Spalt: »Ach Sie sind es, Cherr Baron? Dann, biete einzutretten!«

Herr von Lindemann ging voran, führte seinen Begleiter in ein verräuchertes Kneipzimmer, das mit einem gewissen ordinären Luxus ausgestattet war. Imitierte Holztäfelung an den Wänden, »Makartbuketts« in den Ecken und Krüge aller Art und Größe auf dem langen Paneel. Darüber Lithographien von Kosziusko und dem Krakauer Hügel, eine allegorische Darstellung der Warschauer Legion, die einstmals geschworen hatte, nur mit Bajonetten anzugreifen. Darüber der weiße Adler Polens.

Sie nahmen in einer Ecke Platz, am entgegengesetzten Ende des Lokals saßen mehrere Polnisch sprechende junge Leute und tranken Sekt mit den beiden Kellnerinnen.

Eine von ihnen stand auf, kam lässig näher.

»Co pan sobie zyczy?«

Herr von Lindemann lachte.

»Sprich Deutsch, mein geliebter Goldfasan, Du kannst es ebenso gut wie ich. Eine Flasche Fünfundneunziger Chambertin möchte ich, von der Sorte, die ich immer trinke.«

»Tak, tak«, sagte das junge Mädchen und gab die Bestellung dem Wirte weiter. Gaston von Foucar sah sich befremdet um, der Dicke aber schmunzelte.

»Da kriegen Sie einen Begriff, mein Verehrtester, was wir uns in unserer unsäglichen Gutmütigkeit gefallen lassen. Das hier ist nämlich das Hauptquartier der Polen diesseits und jenseits der Grenze. Wie oft, glauben Sie, ist hier wohl das Deutsche Reich zertrümmert und das großpolnische Vaterland errichtet worden? Für jedes Mal einen Taler, und ich wäre ein reicher Mann! Aber ich gehe sehr gerne hierher, denn es hat den Anschein, als wenn das Geschäft des Verschwörens nur bei besonders guten Weinen gedeiht. Blaubeersaft und saurer Mosel töten die Begeisterung. Ein feuriger Burgunder aber ... ah, Bruderherz! ...«

Herr von Lindemann hob das blinkende Glas gegen das Licht: »Na prost, Rittmeister, und jetzt reden Sie endlich auch einen Ton! Wie hat Ihnen das reizende Fräulein von Gorski gefallen? Ist das nicht ein ganz herrlicher Mensch?«

Gaston fühlte einen schmerzhaften Stich im Herzen. Die Lobpreisung hier erinnerte ihn an einen Tag, da ein anderer ähnlich geschwärmt hatte. Einer, der jetzt mit durchschossener Schläfe irgendwo hinter einer Glasscheibe liegen mochte, bis seine Angehörigen ihn abholten.

»Fräulein von Gorski?« wiederholte er. »Sehr nett hat sie mir gefallen! Soweit ich mir aus den paar Worten, die wir miteinander gesprochen haben, ein Urteil erlauben darf. Ein bißchen zu einfach vielleicht für verwöhnte Ansprüche, aber sie macht, was man so einen sympathischen Eindruck nennt.« So sprach er mit wohlerwogener Zurückhaltung, der Dicke aber sah ihn ganz erstaunt an.

»Mehr nich? Mannchen, dann haben Sie sich das Mädel nicht richtig angesehen! Also ich sage Ihnen, das ist ... also kein Wort ist gut genug, um auszudrücken, was für ein herrliches Mädel das ist! Innerlich und äußerlich! Ich kann das beurteilen, denn sie ist unter meinen Augen aufgewachsen, ich bin so eine Art von Onkel in Kalinzinnen. Also ich sage Ihnen, Herr, der Mann ist selig zu preisen, in dessen Arm sie einmal, gewährend, das liebe Gesichtchen nach hinten neigt.«

Gaston lachte heiser auf.

»Sie sprechen ja wie ein Verliebter, Herr von Lindemann!«

»Bin ich auch! Rettungslos und hoffnungslos. Das letztere wegen übergroßer Dicke und mangelnder Körperlänge. Sonst nämlich – ah, Bruderchen – ja sonst würde ich doch nicht ruhig zusehen, wie dieses herrliche Geschöpfe an einen fällt, der die Himmelsgabe anscheinend nicht nach ihrem vollen Werte einschätzt.«

»Fräulein von Gorski scheint demnach verlobt zu sein?« warf Gaston ein. Er mußte sich zusammennehmen,um seiner Stimme einen möglichst harmlosen Klang zu verleihen.

»Verlobt? Na, noch nicht ganz, aber immerhin so gut wie! An Kalinzinnen grenzt Orlowen, im Besitz der Familie von Brinckenwurff ... schon seit ein paar hundert Jahren. Mit das Aelteste, was wir hier haben, rein gezüchteter ostpreußischer Schlag. Aber mehr nach der Körperlänge hin, oben weniger. Dem alten Herrn von Gorski war ein männlicher Erbe versagt, also was lag näher, als die beiden Kinder diesseits und jenseits der Gutsgrenze zu einer Vereinigung zu erziehen? Kalinzinnen und Orlowen zusammen, das war ein Wort, das landwirtschaftlich empfindende Herzen in heller Begeisterung aufflammen lassen mußte. Zwölftausend Morgen, zum Teil prima Weizenboden. Ich gönn' sie dem Hermann Brinckenwurff. Er ist in seiner Art ja auch ein ganz braver Kerl, nur ein bißchen zu pomadig. Und er soll sich beeilen, die kleine Annemarie Gorski endgültig festzulegen. Ehe sie klare Augen kriegt und sieht, daß ihr Zukünftiger nur so eine Durchschnittsangelegenheit ist. Oder ehe ihr ein anderer besser gefällt. In dem Mädel steckt nämlich ein kleiner romantischer Zug, von ihrer Mutter her ... Na prost, Herr von Foucar! Der Burgunder scheint Ihnen gut zu tun. Sie haben ordentlich wieder Farbe gekriegt.«

Gaston leerte das Glas, aber es war nicht so sehr das feurige Getränk, das sein Blut rascher durch die Adern trieb. Er bestellte eine neue Flasche, denn ihm bangte davor, der Dicke da drüben könnte vorzeitig aufbrechen,oder mit seinen Mitteilungen aufhören. Aber die Befürchtung war grundlos. Herr von Lindemann beugte sich vertraulich über den Tisch und dämpfte seine laute Stimme.

»Nämlich, da möchte ich Ihnen einen Tip geben, wenn Sie nächstens in Kalinzinnen Besuch machen.«

»Ich weiß heute noch nicht, ob ich überhaupt dazu kommen werde, Verkehr in der Nachbarschaft zu suchen.«

»Aber, Mannchen, Siemüsseneinfach! Sie können sich doch nicht allein im ganzen Regiment ausschließen. Und passen Sie mal auf, wie gemütlich wir's hier im Herbst haben, wenn die Jagden anfangen. Und nachher im Winter – da müssen Sie die Tanzstiebel jede Woche dreimal anziehen! Ja also, wenn Sie nach Kalinzinnen kommen, erkundigen Sie sich nicht nach Fräulein von Gorskis Mutter!«

»Wieso nicht? Ist sie gestorben?«

»Nee, aber geschieden. Die Sache ist schon fast zwanzig Jahre her, im Gedächtnis der Zeitgenossen halb vergessen. Nur einer denkt noch daran, der arme Kerl von Gorski. Daher stammt sein weißer Kopf. Sonst ... er ist nicht viel älter als ich, so um die Mitte der Fünfzig. Er hat die Frau wahnsinnig geliebt. Sie aber ... Da verkehrte in der hiesigen Gesellschaft ein russischer Dragoneroffizier. Ein Baron Totberg. Wegen übler Streiche von der Petersburger Garde an die Grenze versetzt. Im übrigen aber einer jener Kerle, auf die die Frauenzimmer fliegen. Ein Blender. Aber danach geht's ja nicht in solchen Fällen. Elegant, hübsch, einglänzender Erzähler, dazu von einem gewissen romantischen Nimbus umwittert. Man munkelte von einer sehr hochstehenden jungen Dame in Petersburg, sie hätte seinetwegen den Schleier genommen. In dem kleinen Drecknest Grajewo drüben langweilte er sich natürlich zum Sterben, da suchte er hier Anschluß. Das war damals nichts Ungewöhnliches, da bildete die Grenze kein Hindernis für den gesellschaftlichen Verkehr.

Na also, um die Sache kurz zu machen, eines Tages hatte der damalige Premierlieutenant von Gorski den unumstößlichen Beweis, daß der Baron Totberg – na sagen wir mal – nicht bloß wegen der guten Weine in seinem Hause verkehrte. Am nächsten Morgen schossen sie sich. Mein Nachbar Uhlenburg, der als Unparteiischer fungierte, erzählte nachher, es wäre die tollste Sache gewesen, die er je mitgemacht hätte. Dreimal baute sich der Baron seinem Gegner als Scheibe auf, ließ ihm den ersten Schuß. Und dann schickte er ihm jedesmal die Kugel haarscharf am Kopf vorbei. Herr von Gorski aber stand mit seiner massiven Gestalt da wie ein wütender Stier, vor Zorn flatterte ihm die sonst sichere Hand. Beim vierten Mal traf er. Blattschuß ...

Der Baron Totberg ging koppheister, Herr von Gorski aber schmiß die abgeschossene Pistole ins Gras und sich selbst dazu. Schlug die Hände vors Gesicht und weinte wie ein kleines Kind. Die dabei herumstanden, sagten nachher, es wäre schrecklich gewesen. Aber sie fühlten mit dem am Leben Gebliebenen mehr Mitleid als mit dem Toten. Der hatte alles aus demKopf, aber der andere hatte einen Geier, der ihm täglich an der Leber fraß. Er hatte seine Frau übermenschlich geliebt. Man konnte es begreifen, denn sie war über die Maßen schön. So eine schwüle Schönheit, wissen Sie. Man spürte in ihrer Gegenwart unwillkürlich ein verrücktes Verlangen ... ich war auch verliebt wie ein Stint, als der Herr von Gorski sie hier anbrachte. Er hatte sie in Berlin kennen gelernt, wie er als junger Offizier dorthin ein Kommando hatte. Ich glaube, auf einem Ball in der österreichischen Botschaft hat er sie kennen gelernt. Sie stammte nämlich da irgendwoher aus einem der österreichischen Kronländer, aus Ungarn oder Böhmen. Wie ein ausländischer bunter Vogel wirkte sie hier auf unsere, ein bißchen spießige Gesellschaft. Na, sie ist ja auch rasch genug wieder fortgeflogen, und der liebe kleine Kerl, die Annemarie, hat anscheinend nicht allzu viel von ihr übergeerbt.«

Gaston hatte in atemloser Spannung zugehört. Ein verrückter Gedanke bohrte sich ihm ins Gehirn.

»Wo ist nachher die geschiedene Frau von Gorski geblieben?«

Herr von Lindemann nahm einen bedächtigen Schluck.

»In ihre Heimat zurückgegangen. Mit reichlicher Unterstützung ihres gewesenen Mannes – er soll mehr als anständig für sie gesorgt haben. Ob sie aber gestorben ist oder noch lebt, weiß er bloß allein. Ich kann's mir wenigstens vorstellen, daß er ihr Schicksal verfolgt hat. Er kann's ja noch heute nicht verwinden, überladetsich mit Arbeit. Wissen Sie, andere in so einem Falle kriegen es mit dem Besaufen. Er 'bearbeitet' sich ... vielleicht wirkt das auch wie ein Narkotikum. Jedenfalls – und damit kehre ich zu dem Ausgangspunkt meiner länglichen Erzählung zurück – Annemarie weiß es nicht anders, als daß ihre Mutter gestorben ist. Deshalb erlaubte ich mir vorhin den kleinen Ratschlag. Um Ihnen und dem alten Herrn eine peinliche Minute zu ersparen.«

»Verbindlichsten Dank, Herr von Lindemann, und wenn ich fragen darf, wie alt ist Fräulein von Gorski?«

Der Dicke lachte behaglich auf.

»Na, das ist eigentlich eine recht ungalante Frage. Aber, da Sie ja nicht beabsichtigen, dem guten Hermann Brinckenwurff Konkurrenz zu machen ... also, sie sieht jünger aus, als sie ist. Im August wird sie einundzwanzig. Die Hellblonden, wenn sie gesund sind, sehen in dem Alter immer noch aus wie achtzehn. Jedenfalls hat sie sich vorbehalten, die Entscheidung über die Vereinigung von Kalinzinnen und Orlowen erst an dem Tage ihrer Mündigkeit zu treffen, und der präsumtive Bräutigam mußte sich fügen. Ich an seiner Stelle hätte es nicht getan, aber ihm scheint es nicht allzu schwer gefallen zu sein. Das heißt, auf seine Art liebt er das Fräulein von Gorski recht herzlich. Aber er sieht keine besondere Gnade darin, daß sie sich zu ihm neigt. Inzwischen aber lebt er ein bißchen unvorsichtig, stiebelt der jeweiligen Gutsmamsell nach. Sobald seine kluge alte Dame es merkt, schafft sie die Person fort mit angemessener Versorgung – Geld spielt ja keine Rolle.Aber er soll sich in acht nehmen, daß Annemarie nicht dahinterkommt. Wie ich sie kenne, versteht sie in diesen Dingen keinen Spaß ... na prost, lieber Rittmeister!«

»Prost, Herr von Lindemann.«

Gaston tat reichlich Bescheid. Vorhin, als der Dicke da drüben Annemaries Alter nannte, hatte er sich mit einem Erleichterungsseufzer den Schweiß von der Stirn gewischt, den ein jäh aufgesprungener Gedanke ihm aus allen Poren getrieben hatte. Gott sei Dank, es stimmte nicht. Die andere in Berlin war um sechs, sieben Jahre älter. Sonst, wahrhaftig, es wäre zum Verrücktwerden gewesen. Und in dem Gefühl der Erleichterung lachte er auf.

»Wenn Herrn von Brinckenwurffs Mutter so gescheit ist, weshalb engagiert sie da für ihr Gut nicht zur Abwechslung mal eine alte Mamsell?«

Herr von Lindemann steckte sich eine neue Zigarre an.

»Das können Sie als Nichteingeborner nicht beurteilen, Herr von Foucar. Das Institut unserer Mamsells ist von besonderer Art. Alte gibt's keine, sie heiraten meistenteils recht früh. Nach einem romantischen Liebesfrühling mit dem jungen Herrn von Stande steuern sie in einen bürgerlichen Sommer mit reichlicher Versorgung. Aber, um von diesen Frauenzimmergeschichten endlich auf Wichtigeres zu kommen: Was bringen Sie, mein lieber Rittmeister, aus Berlin nun mit in den Falten Ihrer Toga? Krieg oder Frieden?«

Gaston hob sein Glas.

»Wenn es nach mir ginge, Krieg. Ich begehe keinen Vertrauensbruch, wenn ich im vertrauten Kreise wiedererzähle, was mir mein Abteilungschef zum Abschied gesagt hat, wir sollten hier an der Grenze noch schärfer aufpassen als bisher. Aber das kann sich in kurzer Zeit wieder ändern. Heute sieht der politische Horizont schwarz aus vor drohenden Wolken, morgen lacht wieder die liebe Sonne.«

Der dicke Herr von Lindemann nahm einen bedächtigen Schluck, in sein rundes Gesicht trat ein fast feierlicher Ernst.

»Mein lieber Herr von Foucar – soweit ich mir auf Grund persönlicher Beobachtungen und nach einigem Denken mit leidlich gesundem Menschenverstand einen Vers mache, liegt die Sache so: die diesjährige Ernte werden wir noch in Frieden hereinbringen. Die Wintersaat fürs nächste Jahr lohnt sich nicht mehr, da brennen hier die Häuser, und auf den Feldern reiten die Kosakenhorden. Dann sind sie fertig rechts und links. Im nächsten Frühjahr, hoffen sie, sind sie stärker als wir. Dann geht's los ohne Erbarmen. Die letzte große Abrechnung vielleicht, die auf europäischem Boden stattfindet. Für zwei von den Komparenten geht's dabei um die Wurst. Der dritte im Osten bleibt unberührt, wie es auch ausgeht. Nachlaufen in seine Steppen können wir ihm nicht ... er ist wie ein Tier niederer Ordnung, das vergnügt weiterlebt, wenn höher organisierte unter gleichen Bedingungen längst schon verendet wären.

Und wir täuschen uns, wenn wir glauben, daß der Koloß mit den sogenannten tönernen Füßen sich nur langsam in Bewegung setzt. Ich habe ziemlich genaue Nachrichten, dicht hinter unserer Ostgrenze steht eine schlagfertige Armee. Der Wirt der sogenannten Waldschenke an den Schießständen im Beldahner Walde – Sie werden ihn ja auch kennen lernen – ist meine Quelle. Er sieht aus, als könnte er nicht bis drei zählen, aber das ist 'Falle', wie die Berliner sagen. In Wirklichkeit ist er einer unserer intelligentesten Spione und, weil er mit mir mal hier in Ordensburg auf der Quinta die gleiche Schulbank gedrückt hat, hält er mit seinen Wissenschaften vor mir nicht hinterm Berge, wenn ich manchmal bei ihm ein Glas Bier trinke. Vielleicht auch, weil er weiß, daß ich luftdicht bin natürlich ... Also er ist ein Sprachengenie, spricht sämtliche polnischen und russischen Dialekte mit allen Nuancen. Da reist er denn als Hausierer, Viehhändler oder Weinverkäufer, je nachdem wie es ihm paßt. Ich wollte ihm einmal nicht glauben, daß er sich da drüben frei bewegen könnte nach Belieben, ohne erkannt zu werden. Da entschuldigte er sich mit einer häuslichen Besorgung. Nach einer halben Stunde belästigte mich ein alter jüdischer Hausierer. Wollte mir durchaus eine Taschenbürste anhängen und Kragenknöpfe, bei denen der Schlips nicht in die Höhe rutscht. Ich wurde grob, und da lachte der Hausierer auf, es war mein alter Schulkamerad Burdeyko. Da glaubte ich ihm auch, was er von drüben erzählte ... Daß die Russen nicht erst mobil zu machen brauchen,wenn die Franzosen Fanfare blasen. Sie sind es schon, soweit es nötig ist, um einen großen Teil unserer Stoßkraft festzulegen.«

Der dicke Herr von Lindemann legte die grobe Faust auf den Tisch, daß die Gläser klirrten.

»Die letzten paar Haare könnte man sich ausreißen, daß wir die Gesellschaft im Westen nicht überrannten vor jenen vier oder fünf Jahren, wie sie noch nicht fertig war. Oder noch früher, als ihre vielgeliebten Bundesgenossen im Osten festlagen mit den kleinen gelben Halbaffen, die uns die Menschheit ablernen in unseren Hochschulen und Fabriken. Damals hätten wir zuschlagen sollen, ohne die verdammte zimperliche Humanität. Das haben wir versäumt, und jetzt zieht sich unaufhaltsam das von langer Hand her gesponnene Netz um unsere Glieder. So gehen wir in den unausbleiblichen Entscheidungskampf, ob die Schicksale der Welt im nächsten Jahrhundert deutsch gerichtet werden sollen oder französisch. Der Welt, soweit sie noch zu haben ist! Ueber dem Rest liegt der Dritte aus gemischtem Blut, lacht sich eins in die Zähne. Er kann nur dabei gewinnen, wenn die Konkurrenz auf dem Festlande sich gegenseitig zerfleischt. Aber vielleicht, wenn die Gelegenheit ihm günstig erscheint, fällt er uns auch in den Rücken. Trotz aller Freundschaftsversicherungen ...«

Der Dicke stürzte sein halbvolles Glas hinunter: »Na, kommen Sie, Herr von Foucar! Die Jünglinge da in der anderen Ecke sehen schon frech herüber, und ich möchte in Ihrer Gegenwart keinen Krach anfangen. Mir persönlichwäre es egal, ich bin nicht Reserveoffizier. Ich habe schon einmal hier der deutschen Sache zum Siege verholfen in männermordendem Kampfe gegen fremdländische Ueberzahl. Es gab einige blutende Nasen, wohingegen es mir gelang, mein edles Haupt durch eine geschickte Wendung vor einer geschleuderten Sektflasche in Sicherheit zu bringen. Seither genieße ich in diesem Lokal mehr Furcht als Liebe ... Fräulein, zahlen!«

Die Kellnerin, ein hübsches schlankes Mädel mit dunklen Augen, kam an den Tisch, klimperte in der an der Seite hängenden Geldtasche.

»Tak rano do domu, Panie?«

Herr von Lindemann bekam einen roten Kopf. Zu Gaston bemerkte er: »Das heißt nämlich, sie wundert sich, daß ich schon so früh aufbreche!« Und zu dem jungen Mädchen fuhr er fort: »Mein Töchterchen, es ist ja eine unbeträchtliche Kleinigkeit, aber heute bin ich nicht in der Stimmung, mich mit Dir in Deinem schlechten Polnisch zu unterhalten! Also sprich Deutsch, mein Kind, sonst erzähl' ich, daß Du keine Polenmaid bist, sondern die Tochter des deutschen Tischlermeisters Matinat hier aus der Seestraße.«

Das junge Mädchen wurde rot, warf einen scheuen Blick hinter sich und sprach halblaut: »Also zwei Flaschen Burgunder macht sechzehn Mark.«

Herr von Lindemann warf ein Goldstück auf den Tisch.

»Da, mein schönes Kind ... Kommen Sie, Herr von Foucar, wir können nachher abrechnen.«

Sie gingen in der lauen Sommernacht dahin. Die Luft war weich, nur das blanke Sternengefunkel an dem tiefdunklen Himmel kündete den nicht mehr weiten Herbst. Herr von Lindemann schwieg eine ganze Weile lang, dann fing er wieder an zu sprechen.

»Also zum Frühjahr geht es los, daran gibt es kaum wohl einen Zweifel. Die Sturmzeichen mehren sich, man muß sie nur zu deuten wissen. Und es ist gut so, daß das Wetter endlich einmal losbricht, die schwüle Spannung vorher ist auf die Dauer unerträglich. Wir gehen hier sonst zugrunde. Unsere Sparkassen sind blank, jedes Geschäft stockt. Wer jetzt Geld braucht, muß umschmeißen, Bankerott ansagen. Da ballt sich jede Männerfaust in kaltem Zorn: wenn es nur endlich losgehen wollte! Damit ein- für allemal reiner Tisch gemacht wird zwischen uns und unsern Nachbarn. Und ich glaube, die täuschen sich, wenn sie auf ihre Ueberzahl vertrauen. Wir wissen, um was wir fechten. Na, und nun Schluß! Es hat wohlgetan, sich mal alles gründlich von der Seele zu sprechen, allen Aerger und Ingrimm. Und besuchen Sie mich recht bald in Borzymmen. Wenn es Ihnen Spaß macht, können Sie bei mir einen guten Rehbock schießen. Für meinen Vetter Sternheimb bleiben immer noch genug übrig.«

»Verbindlichsten Dank, Herr von Lindemann. Nur ich weiß nicht, ob mich der Dienst in der nächsten Zeit loslassen wird.«

»Mein lieber Herr von Foucar, reißen Sie sich kein Bein aus! Ihre Schwadron werden Sie erst in die Höhekriegen, wenn Sie zum Herbst den neuen Rekrutenersatz haben. Aber telephonieren Sie mir tags vorher, wenn Sie kommen, damit ich Ihnen Fuhrwerk herschicke und mich selbst zu Hause halte. Manchmal nämlich überfällt mich die Einsamkeit, und dann rücke ich aus. Irgendwohin unter Menschen.«

»Also gut, ich werde versuchen, mich recht bald einmal für einen Nachmittag frei zu machen.«

Sie standen schon eine Weile vor dem Hoteleingange. Drinnen in dem großen Saale fiedelte noch immer die Damenkapelle. Der Borzymmer Wagen fuhr vor, Herr von Lindemann stieg ein.

»Also, Ludwig, nach Hause, sanftes Reisetempo!« Und als die Gäule anzogen, rief er zurück: »Sehen Sie, Herr von Foucar, so wird man durch die Politik auf den Pfad der Tugend geführt. Ich war eigentlich mit der Absicht hergekommen, hier eine wilde Nacht zu machen. Na, so ist's vielleicht besser.«

Gaston ging langsam die Treppe zu seinem Zimmer empor. Er war abgespannt und müde. Für den Brief, den er zu schreiben gedachte, war es auch noch morgen Zeit. Heute hatte er an Wichtigeres zu denken. Morgen übernahm er seine Schwadron, stand seit langen Jahren zum ersten Male wieder vor der Front, unter hundert kritischen Augen. Das war nicht viel anders als bei einem Schauspieler, der nach langer Pause wieder in einer alten Rolle aufzutreten hatte. Ehe er vor das Publikum ging, mußte er die Rolle noch einmal durchsehen.

Er war ein ausnehmend tüchtiger Frontoffizier gewesen, das Zeugnis hatten ihm alle seine Vorgesetzten ausgestellt. Und die Führung einer Schwadron war ihm nichts Neues, in Karlsburg hatte er in Vertretung seines erkrankten Rittmeisters die erste Ulanenschwadron fast ein halbes Jahr kommandiert. Aber es gab dabei mancherlei Handwerksmäßiges, bei dem man in der Routine bleiben mußte. Wenn man aus der Uebung kam, verlor man die Sicherheit. Da war es also notwendig, die Nase eine halbe Stunde lang in das Exerzierreglement zu stecken, ehe man wieder vor die Front ritt. Und nach langer Pause zum ersten Mal wieder ruft: »Stillgesessen! Trompeter, Signal Trab ...«

Als er das Licht ansteckte, lag vor dem Leuchterfuße ein dicker Brief, dessen Handschrift er nicht kannte. Eine seltsam unbeholfene Handschrift war es.

»Herrn Rittmeister Baron von Foucar im Ordensburger Dragonerregiment, Ordensburg, Offizierskasino. Durch Eilboten zu bestellen.«

Unwillkürlich sprang ihn ein beklommenes Gefühl an, er klingelte nach dem Kellner.

»Wann ist der Brief da gekommen?«

»Wahrscheinlich mit dem Nachtzug, Herr Rittmeister. Der Postbote hat ihn vor einer Viertelstunde gebracht. Er war erst gar nicht im Kasino, wo nämlich die Herrschaften, die ein bißchen was sind, doch immer bei uns absteigen.«

»Es ist gut, ich danke.«

Gaston hielt den von einem Wappensiegel verschlossenenBrief erst eine Weile in der Hand, ehe er ihn öffnete. Und zuerst sah er nach der Unterschrift, dann begann er zu lesen. Das Herz schlug ihm bis in den Hals.

»Gnädiger Herr Baron!Im Auftrage meiner Herrin, die krank zu Bett liegt, teile ich Ihnen die Bitte mit, Sie müssen sofort Urlaub nehmen und herkommen. Sie ist vor Aufregung krank und ganz hilflos, weint immerfort, läßt sich nicht beruhigen. Da können nur Sie allein helfen. Hier ist Schreckliches passiert. Der gnädige Herr ist heute früh gestorben, jetzt vor einer Stunde. Weil er gestern einen Blutsturz bekommen hat nach all der Aufregung.Dieser entsetzliche Mensch, der Herr von Wodersen, war gestern hier eingedrungen, nicht lange nachdem Sie fortgegangen sind. Und da hat er dem gnädigen Herrn ins Gesicht geschrien, er würde betrogen von Ihnen und Josepha. Heiraten würden Sie, wenn er tot wär', und Sie selbst hätten es ihm gesagt. Der Herr ist aufgesprungen, auf Josepha zu, aber sie ist aus dem Zimmer geflohen, in den Park hinaus. Der Herr ihr nach, er hatte sich aus dem Gewehrschrank eine Flinte geholt, schrie immerfort: 'Du mußt mit, Du mußt mit!' Ich hinter ihm her, in Todesangst um meine geliebte Josepha, es war eine fürchterliche Aufregung. Da fiel draußen auf der Straße der Schuß, weil sich der Herr von Wodersen totgeschossen hatte. Der englische Kammerdiener hatte ihn 'rausgebracht. Das war unsere Rettung. Der gnädige Herr blieb einen Augenblickstehen, sah sich um, da holte ich ihn ein. Und ich fing an mit ihm zu ringen um das Gewehr. Da stürzte ihm das Blut aus dem Munde, über mich hin. Noch in meiner letzten Stunde werde ich daran denken.Die ganze Nacht hat er sich gequält, aber ohne Bewußtsein. Die Herren Doktoren haben ihm Morphium gegeben, weil doch nichts mehr zu retten war. So ist es rascher mit ihm zu Ende gegangen, als wir gedacht hatten. Meine liebe Josepha hat zwei Stunden in Ohnmacht gelegen, ich hatte schon Angst, sie kommt nicht wieder zu sich. Aber Gott hat geholfen und die heilige Mutter Maria. Jetzt jammert sie immer nach Ihnen, Sie sollen kommen. Ich bitte Sie auch darum. Und denken Sie an das, was wir beide in Ihrer Wohnung gesprochen haben!Von mir aus allein sage ich Ihnen noch, der gnädige Herr ist gestorben, ohne daß er sein Testament hat ändern können. Josepha erbt sein ganzes Vermögen, nur ein Viertel geht ab an die Verwandten von dem gnädigen Herrn selig. Telegraphieren Sie, wenn Sie kommen. An mich, damit ich vorsorgen kann, wo Sie sich treffen sollen mit Ihrer lieben zukünftigen Frau, ohne daß es auffällt. Es grüßt hochachtungsvollUrsula.«

»Gnädiger Herr Baron!

Im Auftrage meiner Herrin, die krank zu Bett liegt, teile ich Ihnen die Bitte mit, Sie müssen sofort Urlaub nehmen und herkommen. Sie ist vor Aufregung krank und ganz hilflos, weint immerfort, läßt sich nicht beruhigen. Da können nur Sie allein helfen. Hier ist Schreckliches passiert. Der gnädige Herr ist heute früh gestorben, jetzt vor einer Stunde. Weil er gestern einen Blutsturz bekommen hat nach all der Aufregung.

Dieser entsetzliche Mensch, der Herr von Wodersen, war gestern hier eingedrungen, nicht lange nachdem Sie fortgegangen sind. Und da hat er dem gnädigen Herrn ins Gesicht geschrien, er würde betrogen von Ihnen und Josepha. Heiraten würden Sie, wenn er tot wär', und Sie selbst hätten es ihm gesagt. Der Herr ist aufgesprungen, auf Josepha zu, aber sie ist aus dem Zimmer geflohen, in den Park hinaus. Der Herr ihr nach, er hatte sich aus dem Gewehrschrank eine Flinte geholt, schrie immerfort: 'Du mußt mit, Du mußt mit!' Ich hinter ihm her, in Todesangst um meine geliebte Josepha, es war eine fürchterliche Aufregung. Da fiel draußen auf der Straße der Schuß, weil sich der Herr von Wodersen totgeschossen hatte. Der englische Kammerdiener hatte ihn 'rausgebracht. Das war unsere Rettung. Der gnädige Herr blieb einen Augenblickstehen, sah sich um, da holte ich ihn ein. Und ich fing an mit ihm zu ringen um das Gewehr. Da stürzte ihm das Blut aus dem Munde, über mich hin. Noch in meiner letzten Stunde werde ich daran denken.

Die ganze Nacht hat er sich gequält, aber ohne Bewußtsein. Die Herren Doktoren haben ihm Morphium gegeben, weil doch nichts mehr zu retten war. So ist es rascher mit ihm zu Ende gegangen, als wir gedacht hatten. Meine liebe Josepha hat zwei Stunden in Ohnmacht gelegen, ich hatte schon Angst, sie kommt nicht wieder zu sich. Aber Gott hat geholfen und die heilige Mutter Maria. Jetzt jammert sie immer nach Ihnen, Sie sollen kommen. Ich bitte Sie auch darum. Und denken Sie an das, was wir beide in Ihrer Wohnung gesprochen haben!

Von mir aus allein sage ich Ihnen noch, der gnädige Herr ist gestorben, ohne daß er sein Testament hat ändern können. Josepha erbt sein ganzes Vermögen, nur ein Viertel geht ab an die Verwandten von dem gnädigen Herrn selig. Telegraphieren Sie, wenn Sie kommen. An mich, damit ich vorsorgen kann, wo Sie sich treffen sollen mit Ihrer lieben zukünftigen Frau, ohne daß es auffällt. Es grüßt hochachtungsvoll

Ursula.«

Gaston ließ die Hand sinken und starrte in das flackernde und zuckende Licht, bis ihn die Augen schmerzten.

Fürchterlich war das alles. Aber er mußte zu einem Entschlusse kommen. Das hier war jetzt die Stelle, wo der Weg sich gabelte.

Er erhob sich von dem Bettrande, auf dem er sich zum Lesen niedergelassen hatte, nahm das Licht und ging zu dem Tische hinüber. Einen Augenblick der Schwäche hatte er noch, dann biß er die Zähne zusammen und schrieb ohne Besinnen:

»Liebe gnädige Frau!Es ist ganz ausgeschlossen, daß ich jetzt Urlaub nehmen kann, um zu Ihnen zu kommen. Ich könnte es auch nicht, selbst wenn ich ganz frei wäre. Ich muß Ihnen ein Geständnis machen, das Sie betrüben wird und mir die Schamröte ins Gesicht treibt. Ich habe Sie zweimal belogen, und zum Teil mich dazu. Jetzt, wo ich nicht mehr in Ihrer Nähe bin, erscheint mir mein Gefühl nicht stark genug, um darauf unsere Zukunft zu gründen. Ich müßte um Sie meine militärische Karriere aufgeben, und das kann ich nicht.Es tut mir in der Seele weh, daß ich eine liebenswerte Frau so kränken muß, aber es geht nicht anders, wenn ich wahrhaftig bleiben will. Gegen Sie und mich. Also bitte ich Sie, mir mein Wort zurückzugeben und mich zu vergessen.Gaston Baron Foucar von Kerdesac.«

»Liebe gnädige Frau!

Es ist ganz ausgeschlossen, daß ich jetzt Urlaub nehmen kann, um zu Ihnen zu kommen. Ich könnte es auch nicht, selbst wenn ich ganz frei wäre. Ich muß Ihnen ein Geständnis machen, das Sie betrüben wird und mir die Schamröte ins Gesicht treibt. Ich habe Sie zweimal belogen, und zum Teil mich dazu. Jetzt, wo ich nicht mehr in Ihrer Nähe bin, erscheint mir mein Gefühl nicht stark genug, um darauf unsere Zukunft zu gründen. Ich müßte um Sie meine militärische Karriere aufgeben, und das kann ich nicht.

Es tut mir in der Seele weh, daß ich eine liebenswerte Frau so kränken muß, aber es geht nicht anders, wenn ich wahrhaftig bleiben will. Gegen Sie und mich. Also bitte ich Sie, mir mein Wort zurückzugeben und mich zu vergessen.

Gaston Baron Foucar von Kerdesac.«

Die Hand bebte ihm, er schrieb seinen Namen nicht so sicher wie sonst. Und als er den fertigen Brief durchlas, hätte er ihn am liebsten wieder zerrissen. Erschrecklich banal war das alles, aber was sollte er viel anders schreiben? Etwa, daß er schon nach der Nacht in demBallokal zur Besinnung gekommen wäre? Oder daß er am Tage darauf aus Mitleid und mit erregten Sinnen einen Meineid geschworen hätte? Oder gar schließlich, daß in ihrer Vergangenheit etwas wäre, über das kein Mann hinweg könnte? Das ging nicht an. Das einzige wäre gewesen, mit der Absendung dieses brutalen Briefes noch ein paar Tage zu warten, bis sie sich nach den entsetzlichen Geschehnissen ein wenig beruhigt hätte. Dann aber schickte er den Brief da vielleicht überhaupt nicht mehr fort, ergab sich mit einer Art von Fatalismus in sein selbstverschuldetes Schicksal.

Sein Blick fiel auf eine Stelle in dem anderen Schreiben, das vor ihm lag. »Der gnädige Herr ist gestorben, ohne daß er sein Testament hat ändern können. Josepha erbt sein ganzes Vermögen.« Der Ekel würgte ihn am Halse.

Er schloß seinen Brief in ein Kuvert, schrieb die Adresse und trug ihn selbst nach dem nahen Bahnhof hinüber, steckte ihn in den blauen Postkasten.

Als er wieder oben in seinem Zimmer saß, war ihm ein wenig leichter zumut. Nur hätte er viel darum gegeben, wenn er den Brief da eben hätte schreiben können, ohne an eine andere zu denken, die er seit ein paar Stunden erst kannte. Immerfort mußte er an sie denken mit zehrender Sehnsucht im Herzen ...

Unten die Musik spielte einen Walzer, den er vor einigen Nächten getanzt hatte. Mit einer verführerisch schönen Frau, der er in plötzlicher Laune den weißen Hals küßte.

Er verstopfte sich mit den Fingern die Ohren und stierte in das aufgeschlagene Buch. Seite 24 stand da:

»Unter allen Umständen und in jedem Gelände muß die Eskadron, auch unrangiert, alle reglementarischen Bewegungen sicher und schnell ausführen können und stets – auch in aufgelöster Ordnung – fest in der Hand des Führers sein.«

Nur seine Augen lasen den Satz, den er ja längst schon auswendig kannte, seine Gedanken waren ganz wo anders – – –

Die fünfte Eskadron des Dragonerregiments Graf Schmettau stand in Linie zu vier Zügen auf dem großen Ordensburger Exerzierplatze, der sich zwischen der Eisenbahn und dem Walde der Domäne Mrosen dehnte. Die Gäule schlugen mit den Schwänzen und schlackerten die Köpfe der vielen Fliegen wegen, die Mannschaft saß stumpfsinnig dösend da in den Sätteln. Es gab einen neuen Schwadronschef, von dem ein unbestimmtes Gerücht ging in den Mannschaftsstuben, er wäre ein besonders scharfer. Aber nur die im ersten und zweiten Jahrgang verspürten ein leichtes Bangen in der Brust, die »alten Leute« blickten ziemlich gleichgültig drein. Ihnen konnte nicht mehr viel passieren in den paar Wochen, bis Reserve Ruhe hatte. Wenn's aber Krieg gab, pumpte man ganz von selbst das letzte aus den Knochen. Dazu brauchte man nicht erst»getrietzt« zu werden, um der Gesellschaft da drüben zu zeigen, was 'ne ostpreußische Dragonerfaust war.

Die Offiziere hielten in einem Pulk vor der Front und tauschten halblaut ihre Meinungen. Sie erörterten die auffällige Tatsache, daß ein Generalstäbler sechs Wochen ungefähr vor der reglementsmäßigen Zeit seine Schwadron gekriegt hatte. Daraus konnte man zweierlei Schlüsse ziehen. Entweder hatte man ihn in Berlin vorzeitig »als unbrauchbar abgegeben«, oder er war eines von den ganz großen Kirchenlichtern, die eine außergewöhnliche Karriere machten.

»Das letzte, meine Herren, das letzte,« sagte Karl von Gorski, der jüngere der beiden Brüder. Er hatte sich am frühen Morgen zu dem feierlichen Anlaß des Kommandowechsels wieder gesund gemeldet, trotzdem das verstauchte Handgelenk ihm bei der Zügelführung noch arge Schmerzen verursachte. Und mit pfiffigem Lächeln fügte er hinzu: »Derweil die Herren noch schliefen, habe ich schon ein informatorisches Telephongespräch mit jemand gehabt, der sehr gut unterrichtet ist über unseren neuen Chef. Wir verdanken ihn der väterlichen Fürsorge meines angeheirateten Onkels Wegener für sein altes Regiment. Er soll uns hier die Schlachtpläne ausarbeiten, wie wir es fertig kriegen, mit fünfhundert Mann eine Division Russen aufzuhalten. Und um auch gleich Ihre Neugierde nach seiner Familie zu befriedigen: sie war vor genau hundertzwanzig Jahren noch stockfranzösisch. Als man damals in Paris die unangenehme Gepflogenheit einführte, sämtliche Aristokraten um ein Stückchen kürzer zu schneiden – am oberenEnde natürlich –, wanderte sie nach Deutschland aus, weil das dort noch nicht Sitte war. Wissen Sie jetzt Bescheid, meine Herren?«

»Vollkommen,« sagte der Leutnant Uhlenburg, wegen seiner Neigung zur Korpulenz das »Tonnchen« genannt. »Aber von wem haben Sie denn diese Kenntnisse bezogen?«

»Von wem denn sonst als von meinem alten Gönner Exzellenz von Moltke, höchstpersönlich? Zuerst war er ein bißchen knurrig, weil ich ihn durch dringliches Gespräch aus dem Schlaf geweckt hatte und er mit bloßen Beinen am Telephon stand. Im Generalstab zieht es nämlich. Als er aber hörte: 'Hier Karl von Gorski, der prominenteste Leutnant der Ordensburger Dragoner', wurde er wie Zucker! Sie hat er auch grüßen lassen, Tonnchen. Sie sollten nicht so viel dickes Bier trinken, sonst würden Sie nie General werden!«

Die anderen Herren lachten, nur der ernsthafte Oberleutnant Gusovius, der ein paar Schritte abseits hielt, verzog keine Miene. Er hatte die Schwadron von dem Tage an geführt, an dem der Rittmeister Kaminski sich krank meldete. Und daß da plötzlich vom Generalstabe einer ins Regiment schneite, hatte ihm stille Hoffnungen zerstört. Wenn's Glück gut war, wäre er zum Herbst auch an der Reihe gewesen, eine Schwadron zu kriegen. Im günstigsten Falle kam er jetzt in ein fremdes Regiment, wer weiß wohin, und an seiner Seele fraß gekränkter Ehrgeiz.

Auf dem Kamm der leichten Hügelwelle, die den Exerzierplatz von dem Gartenlande des Städtchens schied, erschien ein einzelner Reiter. Der Oberleutnant Gusoviuswandte sich im Sattel: »Die Herren, bitte, auf ihre Posten! Stillgesessen!«

Er spornte seinen Gaul und kanterte dem Kommenden entgegen. Auf drei Schritt Entfernung parierte er und meldete: »Die Eskadron ist rangiert in vier Zügen zu dreizehn Rotten mit zwei blinden!«

Rittmeister von Foucar streckte ihm die Hand entgegen.

»Danke, mein lieber Herr Gusovius! Und würden Sie es mir übelnehmen, wenn ich gleich zu Anfang und ohne alle Umschweife ein offenes Wort mit Ihnen spreche?«

Der Oberleutnant lenkte seinen Gaul an die Respektseite seines neuen Vorgesetzten.

»Wie sollte ich wohl, Herr Rittmeister?«

»Na also, im königlichen Dienst darf es ja wohl keine Empfindlichkeit geben, aber wir alle sind doch nur Menschen. Vorhin, als ich mich bei unserem Kommandeur meldete, glaubte ich aus einer beiläufigen Bemerkung entnehmen zu dürfen, daß meine Versetzung ins hiesige Regiment gerade Ihnen nicht besonders willkommen gewesen wäre. Das tut mir leid, aber die Versetzung ist nur zum geringen Teil durch mein Zutun erfolgt. Es ist sehr ungewöhnlich, daß ich mich mit Ihnen darüber ausspreche – ich weiß es – aber ich möchte nicht, daß unsere Beziehungen durch eine leicht begreifliche Verstimmung getrübt werden. Und zwar nicht bloß die dienstlichen. Also, wollen wir gute Kameradschaft halten?«

Das finstere Gesicht des Oberleutnants Gusovius erhellte sich, jetzt streckteerdem Vorgesetzten die Hand hin.

»Sehr wohl, Herr Rittmeister, von Herzen gern!«

Gaston von Foucar aber fühlte, daß er in diesem Augenblicke einen Freund gewonnen hatte, und das gab ihm in seiner Lampenfieberstimmung die Sicherheit wieder. Er ritt vor die Front, rief laut und fest: »Die Schwadron hört von jetzt an auf mein Kommando! Guten Morgen, Dragoner!«

»Guten Morgen, Herr Rittmeister,« schrie es wie aus einer einzigen Kehle zurück. Danach kam das Kommando »Absitzen«, Gaston begrüßte die Offiziere und ließ sich die Unteroffiziere vorstellen. An jeden richtete er eine kurze Frage, und jeder von ihnen hatte das Gefühl, der Mann da mit dem gewinnenden Gesicht und den klaren Augen meinte es gut mit ihm, würde seinen Namen nicht vergessen.

Hans von Gorski stand neben seinem jüngeren Bruder. Die Offiziere hatten ebenso absitzen müssen wie die Mannschaft.

»Du, Karl,« sagte er leise.

»Na was denn?«

»Ich kann mir nicht helfen, er gefällt mir!«

»Mir schon gestern, wie er mich mit der Landkarte belapste. Und jetzt, daß er keine Rede gehalten hat. Besinnst Dich noch auf seinen Vorgänger Kaminski? 'ne halbe Stunde lang hat er gepredigt von Pflicht und Ehre und nochmal Pflicht, zum Schluß: 'Seine Majestät der oberste Kriegsherr, hurra, hurra, hurra!' Nachher war er der erste, der schlapp machte. Aber erinner' mich nachher, ich hab' Dir was von unserem Cousinchen zu erzählen! Augen wie Wagenräder wirst Du machen.«

»Warum nicht gleich?«

»Weil die Geschichte zu lang ist. Aber paß auf den Dienst, mein Sohn! 'Er' dreht sich schon nach uns um.«

Gaston ging langsam die Front entlang und musterte eingehend Mannschaft und Pferde. Jeden einzelnen der Dragoner fragte er nach Namen und Zivilverhältnis. Wenn ihm etwas Tadelnswertes auffiel an der Sattelung oder am Anzuge, sagte er nichts, sondern sah nur den neben ihm schreitenden Wachtmeister mit kurzem Blicke an. Der aber gab den Blick an die einzelnen Gruppenführer weiter, nur in erheblich verstärktem Maße. Ein Donnerwetter zog sich über schuldigen Häuptern zusammen, die da geglaubt hatten, der alte Schlendrian könnte so weiter gehen.

Oberleutnant Gusovius räusperte sich leicht: »Herr Rittmeister!«

Gaston blickte auf, der Regimentskommandeur kam über die Hügelwelle geritten. Anscheinend ohne jede Inspizierungsabsicht. Seine beiden Foxterriers jagten kläffend über das schon gelblich gefärbte kurze Gras, und neben ihm ritt seine jüngste Tochter. Ein blondlockiges Mädel von sechzehn oder siebzehn Jahren, das im Herrensitze seinen Pony lenkte.

Gaston bestieg seinen irischen Fuchswallach, riß den Säbel aus der Scheide. Wie eine Fanfare erklang das Kommando: »An die Pferde! – Fertig zum Aufsitzen! – Aufgesessen!« Und nach gemessener Pause: »Richt – Euch!«

Er ritt an den Flügel, die Richtung stimmte ausgezeichnet, die Bewegungen hatten geklappt. »Augen – links!« kommandierte er und sprengte dem Kommandeur entgegen, die Schwadron zu melden.

Oberstleutnant Harbrecht winkte ab.

»Lassen Sie sich nicht stören, Herr Rittmeister, ich bin nur ganz zufällig herausgebummelt.« Er stellte sein Töchterchen vor und sagte: »Lassen Sie, bitte, rühren.«

»Rührt Euch!« schrie Gaston über die Schulter zurück, und der Kommandeur fragte: »Na, zufrieden?«

»Danke, Herr Oberstleutnant, bis auf ganz geringfügige Kleinigkeiten.«

»Sehr nett von Ihnen – gegen Ihren Herrn Vorgänger! Na, und was haben Sie weiter vor, Herr Rittmeister?«

»Ich beabsichtige, die Schwadron eine halbe Stunde lang zu exerzieren. Hauptsächlich, um selbst nach langer Entwöhnung wieder in Uebung zu kommen.«

Der Oberstleutnant lächelte.

»Bescheidenheit ziert den Ritter. Na, viel Vergnügen.« Er hob grüßend die Rechte an den Mützenschirm, das Töchterchen verabschiedete sich mit einem Kopfnicken. Gaston ritt zu seiner Schwadron zurück.

»Stillgesessen – Eskadron Terab!«

Die Schwadron ritt an, jeder einzelne Mann nahm sich zusammen, in der hellen Kommandostimme des neuen Führers lag etwas Anfeuerndes.

»Trompeter: Galopp!«

Gaston gab seinem irischen Fuchswallach die Sporen, daß er wie ein abgeschossener Pfeil über das Blachfeld flog. Hinter ihm kam die Schwadron wie ein Ungewitter. Nach fünfhundert Schritt ungefähr sprengte er nach links, schwenkte um und parierte auf der Stelle, blickte prüfend auf die in einer Linie dahinfegende Schlachtreihe. DieKerls gaben sich offensichtlich Mühe, Fühlung und Richtung waren gut.

»Eskadron mit Zügen brecht ab,« rief er, scharf kamen die Kommandos der Zugführer danach, das Manöver verlief exakt. Bei keinem Garderegiment konnte es besser gehen.

»Famos,« rief das Kommandeurstöchterchen begeistert. »Papa, ich glaube, mit diesem Herrn von Foucar haben wir eine glänzende Akquisition gemacht!«

Der Oberstleutnant lachte.

»Meinst Du?«

»Aber positiv! Der Unterschied gegen früher ... Also den muß doch ein Blinder mit dem Krückstock fühlen!«

»Na dann komm, Kind, wollen wieder nach Hause reiten. Auch ich hab' genug gesehen, die Schwadron ist in guten Händen. Und merk' Dir eins: eine Truppe ist wie ein edles Pferd mit allen Vorzügen und Untugenden. Unter einem miserablen Reiter im Sattel bockt es, unter einem tüchtigen gibt es sein letztes her.«

Die Julisonne brannte sengend vom wolkenlosen Himmel herab, die Gäule warfen Schaum von den Gebißstangen und bekamen nasse Flanken. Die Reiter hatten schwarze Gesichter von Staub und Schweiß, seltsam blänkerten die glänzenden Augen daraus hervor. Gaston brach das Exerzieren ab, er fühlte, er hatte die Schwadron in die Hand bekommen. Mit einem gewissen Stolz führte er sie in die Stadt zurück, ins Quartier.

Als die Spitze vom großen Platze unter die schattigen alten Bäume lenkte, die den Weg zum Städtchen umsäumten,drehte er sich im Sattel: »Wachtmeister, jeder Dragoner kriegt heute abend zwei Glas Bier in der Kantine auf meine Rechnung. Ich bin mit der Schwadron zufrieden! Und jetzt bitte ich mir ein Lied aus.«

Durch die in Marschkolonne reitende Truppe ging es wie ein Rauschen, der neue Rittmeister hatte sie auf Anhieb erobert. Schneid hatte er, verstand seinen Kram und besaß ein Herz für seine Kerls. Einer der Unteroffiziere erhob seinen wohlklingenden Tenor, die Mannschaft fiel mit rauher Kehle ein


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