Der Zeiger an der kleinen Stutzuhr auf dem Schreibtische kroch wie eine Schnecke; Gaston versuchte den Brief zu schreiben, den er sich vorgenommen hatte, aber er konnte seine Gedanken nicht sammeln, die Unruhe fraß ihn fast auf. Draußen erklang die Türglocke, er schrak unwillkürlich zusammen. Ein eisiger Schauder flog ihm über den Rücken.Wie, wenn er nun mit seiner Entdeckung zu spät gekommen wäre?
Der Bursche meldete nach kurzer Pause: »Herr Leutnant von Gorski.«
»Ich lasse bitten.«
Der Kleine trat über die Schwelle. Sein Gesicht sah vergnügt aus wie immer mit den großen Ohren und der keck in die Luft ragenden Hakennase. Gaston atmete erleichtert auf.
»Na, lieber Gorski, was bringen Sie Gutes?«
Ein kaum merkliches Blinzeln mahnte zur Vorsicht.
»Ich hatte nur die Absicht, dem Herrn Rittmeister im Vorbeigehen gehorsamst guten Tag zu sagen und, wenn möglich, einen Kognak zu schinden.«
Gaston hatte verstanden, daß etwas Besonderes vorgefallen war.
»Charmant,« sagte er, »sollen Sie gleich kriegen.« Und zu dem Burschen Wichotta, der nur zögernd zur Tür schritt, mit gespieltem Selbstvorwurf: »Herrgott, das Wichtigste hätte ich beinahe vergessen! Sie müssen ja sofort zum Herrn Oberst gehen mit meinem Urlaubsgesuch. Warten Sie einen Augenblick!« Er warf einige Zeilen auf einen Bogen in vorschriftsmäßigem Dienstformat, verschloß ihn in einen Umschlag und mahnte den Burschen zur Eile. Karl von Gorski fragte respektvoll, aber nicht ohne leichte Verwunderung: »Herr Rittmeister beabsichtigen, jetzt auf Urlaub zu gehen?«
»Ja! Ich habe vor einer Stunde ungefähr eine Nachricht erhalten, die mich nötigt, noch heute für ein paarTage zu verreisen. Aber jetzt erzählen Sie, was ist mit Ihnen los?«
»Ach Gott, nichts Besonderes. Ich bin eigentlich nur gekommen, um mich vom Herrn Rittmeister zu verabschieden. Man wird mich wohl von morgen an für längere Zeit einsperren. Wegen Nichtachtung einer ganzen Reihe von Vorschriften, die der preußische Leutnant zu befolgen hat, wenn er seinen hohen Vorgesetzten ein Wohlgefallen sein will.«
»Ach nee! Was haben Sie denn so Böses ausgefressen?«
»Ich habe mich soeben mit Herrn Hermann von Brinckenwurff ohne vorherige Befragung des Ehrenrates im Beldahner Wald geschossen.«
Gaston fuhr auf: »Was haben Sie?«
»Mich mit Herrn von Brinckenwurff geschossen!«
»Und was ist herausgekommen?«
»Nicht allzu viel. Immerhin wird es einige Monate dauern, bis mein Komparent seinen rechten Arm wieder zum Pistolenschießen gebrauchen kann. Der Knochen ist gesplittert, und die Kugel sitzt irgendwo in der Schulter. Der Doktor buddelt noch danach. Vielleicht aber benutzt Herr von Brinckenwurff die unfreiwillige Muße zu innerer Einkehr und wird wieder friedlich.«
Gaston schwoll die Ader auf der Stirn.
»Hat er Sie gefordert, oder Sie ihn?«
»Das letztere. Gleich nachdem Herr Rittmeister von Kalinzinnen abgefahren waren, rief mich nämlich meine Cousine Annemarie telephonisch an, Herr von Brinckenwurff hätte sich in despektierlicher Weise über die ganzeSippe derer von Gorski erhoben. Das verdroß mich natürlich als Mitglied dieser ehrenwerten Familie, und da benutzte ich die segensreiche Erfindung des Fernsprechers, um meinem ehemaligen Jugendfreunde auf diesem ungeheuer viel Zeit ersparenden Wege aufs Dach zu steigen. Er verfuhr am anderen Ende der Leitung auch nicht sänftiglich mit mir, und da einigten wir uns rasch. Eine Stunde später trafen wir uns mit dem nötigen Apparat an Sekundanten, Unparteiischem und so weiter an den idyllischen Ufern des Tatarensees – das Ergebnis habe ich Herrn Rittmeister schon gemeldet.«
Gaston hatte mit zornigen Augen zugehört.
»Herr von Gorski, ich kann Ihnen nicht verhehlen, daß Sie mir da in höchst unerfreulicher Weise in die Quere gekommen sind.Mirgehörte der Mann, der es sich herausgenommen hatte, gegen meine ... gegen eine junge Dame, die mir nahesteht, also der es sich erlaubt hatte, ungezogen zu werden. Wie soll ich's jetzt Fräulein Annemarie erklären, daß ich nicht sofort im Augenblick dazwischentrat? Weil es mir als billige Renommage erschienen wäre. Jetzt muß sie denken, es hätte mir vielleicht an dem erforderlichen Mute gefehlt. Und alles nur, weil es mir nicht gelungen ist, Herrn von Lüttritz zu erreichen, der die Uebermittlung meiner Forderung ohne lange Auseinandersetzungen übernommen hätte!«
Der Kleine machte ein möglichst zerknirschtes Gesicht.
»Ich sehe ein, Herr Rittmeister, ich bin leider Gottes noch immer ein vorlauter und unbesonnener Knabe. Aber da ich schon längst die Befürchtung hegte, diese Untugendenkönnten mich vielleicht einmal in Konflikte stürzen, paukte ich mich in meinen Mußestunden auf Pistolen ein. Durch Fleiß und Eifer brachte ich's im Laufe der Jahre dahin, daß ich sogar um ein weniges besser schoß als der lange Brinckenwurff. Und der konnte es eklig, produzierte manchmal, wenn wir im Park von Orlowen übten, recht nette Kunststücke. Da sagte ich mir in diesem Falle, es ist doch nicht gerade nötig, daß er diese Fertigkeit zur Ausrottung meiner ganzen Verwandtschaft mißbraucht. Nicht nur meines verehrungswürdigen Onkels in Kalinzinnen, sondern auch eines, allerdings erst anzuheiratenden Cousins.«
Gaston hatte verstanden, die Augenwinkel wurden ihm feucht.
»Na ja, schön! Aber ich kann nun reden und reden ...«
Karl von Gorski schluckte ein wenig, sah zum Fenster hinaus, vor dem ein plötzlich einsetzender Windstoß die fruchtbehangenen Kronen der Obstbäume bog.
»Ja natürlich! Diese kleinen Frauenzimmer ... pardon, ich wollte sagen, jungen Damen ... ja also, es ist zu merkwürdig. Mit der einen Hälfte des Herzens zittern sie um den Geliebten, in der anderen Hälfte aber regt sich allerhand Unklares, Romantisches ... Ich hab' sie gründlich angebrüllt per Telephon, meine Cousine Annemarie. Und zufällig traf ich die richtigen Argumente, die ihr einleuchteten: daß Herr Rittmeister nämlich keiner von denen wären, die gleich einer eilegenden Henne kakeln und spektakeln würden, wenn sie sich etwas vorgenommen hätten.«
Gaston atmete tief auf, streckte die Hand aus.
»Junge, wie soll ich Dir das alles mal vergelten?«
Der Kleine schnüffelte mit der Nase, aber sein Mund lachte schon wieder.
»Privatdiskursch, Herr Rittmeister, wie unsere österreichischen Bundeskollegen sagen?«
»Aber natürlich!«
»Dann, lieber Vetter Gaston, machen Sie um Unbeträchtlichkeiten kein Brimborium! Ein Pistolenvirtuose wie ich, der auf dreißig Schritt und Kommando Eins 'nen Hosenknopp trifft, hat's verdammt billig, Mut zu zeigen. Immerhin, wenn ich in Weichselmünde sitze und Ihr auf der Hochzeitsreise seid im schönen Land Italia, bitt' ich um eine Ansichtskarte. Die kleb' ich dann mit einem leichten Seufzer an die kahle Zellenwand und beseh' sie von Zeit zu Zeit mit neiderfülltem Herzen.«
Das Telephon schrillte an der Wand, Gaston hob den Hörer ab.
»Ja, hier Rittmeister von Foucar.«
»Die Antwort aus Eßlingen ist da,« sagte das Fräulein auf dem Amte, »darf ich vorlesen?«
»Ja, bitte!«
»Also: Rittmeister von Foucar, Ordensburg. Sehr erstaunt über Anfrage. Ihre Mutter vor Wochen unpäßlich gewesen, jetzt wieder ganz gesund. Spielen abends Bézigue wie immer und zanken uns, hoffen, Sie nach Manöver längere Zeit hier zu sehen. Gruß von Mutter und Justizrat König.«
»Danke verbindlichst,« sagte Gaston. Seine Stimme klang heiser vor Erregung. Die Beweiskette war geschlossen.Er deckte die Hand über die Augen, lehnte sich ein Weilchen lang mit der Schulter gegen die Mauer. Die überreizten Nerven gehorchten nicht mehr, er schluchzte leicht auf.
Karl von Gorski sprang hinzu.
»Um Gottes willen, Herr Rittmeister, haben Sie eine traurige Nachricht gekriegt?«
Da sammelte er sich langsam.
»Nein, lieber Kleiner. Nur, ich mache hier eben 'was durch ... das könnte auch einen Stärkeren umwerfen. Wenn mir nicht der liebe Gott geholfen hätte, als es vielleicht noch Zeit war, war ich morgen ein verfemter Mann.« Und er fing an, zu erzählen, wie es angefangen hatte, was jetzt in einem grausigen Werk der Vernichtung endigen sollte.
Als er alles herunter hatte von der Seele, kehrte auch seine Ruhe wieder. Ganz kaltblütig traf er seine Dispositionen. Am Abend reiste er natürlich ab, als wenn er nicht den geringsten Argwohn geschöpft hätte, stieg auf der ersten Station wieder aus und fuhr mit vorher bestelltem Wagen zurück. Mit Dunkelwerden rückte die fünfte Schwadron zu einer Nachtfelddienstübung aus, stellte sich am Eisenbahndamme auf, und dann gab es ein Kesseltreiben um das kleine Häuschen. Eine einzige Schwierigkeit war nur zu überwinden. Wie man nämlich einen zuverlässigen Mann im Hause unterbrachte, ohne daß der Bursche Wichotta argwöhnisch wurde. Es war vielleicht nur eine Vermutung, daß er dem geplanten Anschlag Vorschub leistete, aber sicher war sicher. Und irgend jemand mußte doch da sein, der den weit fort am Bahndamm haltendenDragonern ein Zeichen gab, den Ring zu schließen, wenn die Verbrecher am Werke waren.
Der Kleine hatte in einer Art von Erstarrung zugehört.
»Grauenhaft ist das,« sagte er endlich, »und wenn die gefälschte Depesche da nicht wäre ... na schön! Den Wagen in Kalinzinnen stelle ich. Ich will es auch übernehmen, mich nach Dunkelwerden hier in den Garten zu pürschen, aber einen Rat möchte ich mir noch erlauben: es dürfte sich doch sehr empfehlen, auch den Herrn Oberstleutnant ins Vertrauen zu ziehen. Es urteilt sich bedeutend leichter, wenn man schon vor der Verhandlung Partei ergriffen hat.«
Gaston konnte nicht mehr antworten, der Bursche trat ins Zimmer, brachte den Bescheid vom Regimentsbureau. Er riß das Kuvert auf und sagte mit gespieltem Erstaunen: »Denken Sie sich bloß, Herr von Gorski, der Kommandeur will mich noch sprechen, ehe ich auf Urlaub gehe!«
Der Kleine heuchelte mit: »Wahrscheinlich handelt es sich um den Bericht wegen des Zwischenfalles an der Grenze. Aber da müssen Herr Rittmeister sich beeilen. Um acht Uhr geht der Zug.«
»Ja natürlich. Also, Wichotta, packen Sie fertig! Den Krümperwagen bestelle ich selbst im Vorbeigehen. Und in einem zweiten Koffer Paradeanzug mit allem, was dazu gehört. Für den Fall, daß ich ihn da unten gebrauchen sollte.«
Der Bursche machte ein betrübtes Gesicht. Er verriet sich in seiner Dummheit, ohne es selbst zu merken.
»Ich wünsch' Herrn Rittmeister,« sagte er, »die traurigen Nachrichten sollen sich nicht bewahrheiten.«
Da wechselte Gaston mit seinem Leutnant einen kurzen Blick. Es stimmte. Der Schweinehund da war mit im Komplott.
Und ein paar Stunden später kannte der Rittmeister von Foucar alle Einzelheiten des gegen ihn gerichteten Anschlages.
Der Zug setzte sich schon in Bewegung, da wurde im letzten Augenblick die Coupétür aufgerissen, ein Reisender stieg noch ein. Gaston blickte auf, es war der pensionierte Kanzleibeamte, der sich auf der anderen Straßenseite angesiedelt hatte! Da wußte er Bescheid. Der Kerl fuhr mit, um seine Spießgesellen zu warnen, falls irgend ein unerwarteter Zwischenfall einträte. Und in einer Viertelstunde mußte er mit ihm ins Reine kommen, denn fünfzehn Minuten fuhr der Zug nur bis zu der ersten Station. Da eröffnete er kurzerhand die Feindseligkeiten.
»Sehr nett von Ihnen, Herr Nachbar, daß Sie sich persönlich davon überzeugen, ob ich auch wirklich abgefahren bin. Wie weit sollen Sie mich nun eigentlich begleiten, damit die Schweinerei in meinem Schreibtisch fertig ist?«
Der andere sah ihn ganz entgeistert an.
»Wie ... wie meinen Sie das, Herr Rittmeister?«
Da mußte er auflachen. Der Kerl sah komisch aus mit dem vor Erstaunen geöffneten Munde.
»Kommt Ihnen ein bißchen überraschend? Na, dann lassen Sie sich sagen, wir beide werden schon in Kalinzinnen aussteigen. Und sehen Sie mich nicht so ungläubig an: Sie werdenwirklichmit aussteigen! Nur ich werde natürlich dafür sorgen, daß Sie mit keinem Telephon in Verbindung kommen. Um – na sagen wir mal – nach der Waldschenke Nachricht zu geben!«
Das letzte hatte er nur aufs Geratewohl gesprochen, aber die Wirkung war niederschmetternd. Der angebliche Kanzleibeamte bog sich vor.
»Herr, woher wissen ... Das heißt, ja« – er nahm sich gewaltsam zusammen – »das ist nämlich alles Unsinn. Und ich weiß wirklich nicht, was Sie von mir wollen. Ich fahr' ganz harmlos nach Berlin, und da kommen Sie her ...«
»Ganz recht,« sagte Gaston gemütlich, »und da komme ich her, ersuche Sie höflichst, mit mir schon in Kalinzinnen auszusteigen! Und nun wollen wir unser Geschäft in Ruhe erledigen. Bitte, greifen Sie nicht immer nach Ihrer rückwärtigen Hosentasche ... ich kann mir denken, daß Sie da was bei sich tragen, aber ich glaube, ich bin beträchtlich stärker als Sie. Ich verdresche Sie unbarmherzig, wenn Sie nicht sofort die Hand wieder nach vorn nehmen. So! Und nun beantworten Sie mir gefälligst die Frage: Was haben Sie eigentlich davon, daß Sie mich bis Berlin begleiten, indessen Frau Ursula Blazitschek mit Herrn Burdeyko die gefälschten russischen Briefe in meinen Schreibtisch praktiziert? Ich habe Ihnen persönlich doch nie 'was getan?«
Der andere saß wie vor den Kopf geschlagen da.
»Herr, das ist ... das ist ...«
»Na, über die Bezeichnung des gegen mich gerichteten Anschlages wollen wir nicht streiten, nennen wir ihn niederträchtig meinetwegen. Aber ich bin gesonnen, Sie ungeschoren laufen zu lassen, wenn Sie mir wahrheitsgemäß ein paar Fragen beantworten.«
»Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, Herr Rittmeister?«
Gaston mußte unwillkürlich lächeln.
»Damit muß man sparsam sein, Herr Nachbar! Aber so etwas Aehnliches gebe ich Ihnen. Also: Wer hat nun die Gemeinheit, die ich im letzten Augenblick noch – Gott sei Dank – vereiteln konnte, angezettelt?«
»Das habe ich erst in diesen Tagen erfahren, Herr Rittmeister. Dieses alte Weib ... So oft sie Ihren Namen nannte, spie sie aus vor Haß. Ich selbst war vor Wochen von meinem Bureau aus Berlin hierher geschickt, um Sie zu beobachten. Nichts weiter. Ich kannte Sie nämlich schon. Von der Königsallee her, wie der Herr von Wodersen sich totschoß. Da stand ich auch auf Posten. Aber im Auftrage des verstorbenen Herrn Rheinthaler. Also jetzt gingen die Berichte an die Witwe. Wissen Sie, da stören wir uns nicht daran. Es kommt oft genug vor, daß wir zwei Parteien gleichzeitig bedienen. Den Mann beobachten im Auftrag der Frau, und die Frau im Auftrag vom Mann. Das ist eben unser Geschäft.«
»Kann ich verstehen,« sagte Gaston, »aber, Herr, hat Ihnen nicht ein bißchen wenigstens das Gewissen geschlagen,als Sie erfuhren, was man gegen mich plante?«
Der andere zuckte die Achseln.
»Meinen Sie, Herr Rittmeister, ein Berliner Detektivbureau sucht sich seine Angestellten in den Kreisen der Herren Reserveoffiziere? Und dieses alte Frauenzimmer aus Berlin schmiß nur so mit dem Geld. Der Burdeyko kriegt hunderttausend Mark, wenn die Briefe in Ihrem Schreibtisch liegen, Ihr Bursche sechstausend. Das sind doch Vermögen für solche Leute! Und der Wirt Burdeyko hat lange mit sich gekämpft. Aber er hat Kinder, und mit dem Geld kann er sich in Südrußland ein ganzes Rittergut kaufen. Da fiel er natürlich um.«
»Natürlich! Und nur eins noch: Haben Sie aus den Gesprächen mit dieser Frau Blazitschek vielleicht erfahren, wer eigentlich den Plan gegen mich geschmiedet hat? Die alte Hexe allein, oder war auch Frau Rheinthaler daran beteiligt?«
»Da muß ich ehrlich gestehen, Herr Rittmeister, das weiß ich nicht. Die Alte hat nur gelegentlich mal erzählt, ihre Herrin hätte tagelang geweint, als von Ihnen plötzlich der Brief mit der Absage kam.«
»Es ist gut,« sagte Gaston heiser. »Und schließlich ist es auch egal. Gewußt hat sie jedenfalls darum. Woher sollte sonst wohl das Geld stammen?«
Die Wagenbremsen zogen kreischend an, der Zug hielt an der kleinen Station. Der Schaffner lief den Bahnsteig entlang: »Kalinzinnen, eine Minute.«
Gaston stand auf.
»Kommen Sie, Verehrtester!«
»Ich denke, Herr Rittmeister wollten mich doch laufen lassen?«
»Sehr richtig, hatte ich versprochen. Aber erst, wenn Sie keinen Unfug mehr anrichten können. Also vorwärts!«
Sie standen auf dem Perron, Gaston rief den rotbemützten Stationsbeamten an:
»Herr Vorsteher, kennen Sie mich?«
»Sehr wohl, Herr Rittmeister.«
»Na, dann heben Sie mir diesen Gentleman hier auf, bis Sie von mir persönlich Nachricht kriegen, ihn wieder freizulassen! Es handelt sich um eine militärische Angelegenheit von einiger Wichtigkeit, und Sie haben doch gewiß ein sicheres Gelaß, in dem Sie ihn unterbringen können?«
»Sehr wohl, Herr Rittmeister. Einen Güterwagen. Wenn wir von außen die großen Riegel vorlegen!«
Der »pensionierte Kanzleibeamte« begehrte auf.
»Da protestiere ich! Das ist Freiheitsberaubung.«
»Ganz recht, lieber Freund. Es sieht verdammt danach aus. Aber ich stelle Ihnen anheim: Wollen Sie lieber mit mir nach Ordensburg zurückfahren, zu Ihren Spießgesellen? Sie ziehen es vor, in dem Güterwagen zu übernachten? Ist mir auch recht. Viel Vergnügen.«
Hinter dem ziegelgedeckten Schuppen, der die Wartehalle der Station Kalinzinnen darstellte, hielt ein geschlossener Wagen. Gaston trat heran und fragte denKutscher: »Sind Sie von Herrn Leutnant von Gorski bestellt? Für den Rittmeister von Foucar?«
Aus dem Wageninnern antwortete eine helle Stimme:
»Zu Befehl! Steigen Sie nur ein, Herr Rittmeister.«
Da schrie er fast auf:
»Annemarie!«
»Ja, ich, natürlich. Aber jetzt rasch. Ich schätze nämlich, mein lieber Papa hat mittlerweile seinen alten Perkuhn bestiegen, um mich von einem Schritt zurückzuhalten, den er für höchst unpassend ansehen würde. Ich hatte unserer alten Repräsentationsdame den Auftrag gegeben, ihn zwanzig Minuten nach meiner Abfahrt davon zu unterrichten, daß ich im Begriffe wäre, mich unrettbar mit Dir zu kompromittieren ... Wegen Beschleunigung des Jawortes.«
»O, Du ... Du himmlischer Kerl von Mädel, Du!«
Sie saßen eng aneinandergeschmiegt in dem dunklen Wagen, der bei der raschen Fahrt in den Gleisen des holperigen Landweges stuckerte und schleuderte. Wenn sie sich küssen wollten, stießen sie mit den Köpfen gegeneinander. Da lachten sie wie fröhliche Kinder. Und es ergab sich, daß Gaston nicht viel mehr zu erzählen hatte. Das telephonische Gespräch, das Karl von Gorski mit seiner Cousine geführt hatte, war ausführlich genug gewesen. Und plötzlich schlang Annemarie ihre Arme um den Verlobten und drängte ihr Gesicht ganz nahe an das seinige.
»Du, sie tut mir leid! Ich wüßte auch nicht, was ich anfangen würde, wenn ich Dich wieder hergeben sollte.Vielleicht würde ich mich ebenfalls rächen! Aber was machen wir nur mit meinem Vetter Karl? Dem müssen wir eine ganz besonders feine Dedikation stiften, denn ohne ihn wären wir doch nie zusammengekommen?«
Da zog er sie fester an sich, raunte an ihrem Ohr, halb mit Lachen:
»Bei den Foucars war es Sitte, den Erstgeborenen Gaston zu taufen. Ich heiße auch noch so, aber das Geschlecht wird immer mehr verdeutscht. Da dürfte es sich vielleicht empfehlen, den nächsten Foucar Karl zu nennen.«
Sie barg ihr Gesicht an seiner Brust und schloß ihm mit der kleinen, festen Hand den Mund. Wohlweislich aber erst, als er ausgesprochen hatte ...
Es ging schon auf Mitternacht, als der Bursche Wichotta dem Wirt der Waldschenke die Tür öffnete, in dem kleinen Häuschen vor dem Tor. Er zitterte vor Aufregung am ganzen Körper.
»Ach Gott, Herr Burdeyko, wenn's nu aber schief geht? Sie sind morgen früh schon längst über der Grenz', aber ich muß hierbleiben. Und dann fängt die Fragerei an nach allem möglichen! Da bricht nur der Angstschweiß schon jetzt aus am ganzen Leib.«
Der andere zischelte leise: »Dummer Kerl, zweitausend Taler verdient man vielleicht im Schlaf? Und wer kann Dir was beweisen, wenn Du nur immer sagst, Du weißt von nichts? Du hast hinten im Pferdestall geschlafen. Wie sollst Du da hören, ob hier vorne einer die Tür aufschließt?«
Die alte Frau mit dem bunten Kopftuche löste sich von dem Staketenzaun wie ein Schatten.
»Vorwärts, vorwärts. Da hinten aus dem Dunkeln zieht sich 'was heran. Ich riech' es, Pferde sind unterwegs.«
Herr Burdeyko horchte mit angehaltenem Atem in die Nacht hinaus.
»Ach Unsinn, es ist nichts zu hören. Und der Rittmeister ist harmlos unterwegs nach Eßlingen. Sonst hätten wir doch längst schon Nachricht, wenn er Verdacht geschöpft hätte.«
Der Bursche Wichotta ging vorsichtig voran, sie standen zu dritt am Schreibtisch. Eine abgeblendete Kerze verbreitete einen matten Schimmer. Herr Burdeyko holte den nach einem Wachsabdruck zurechtgefeilten Schlüssel aus der Tasche.
»Na nu, verehrte Frau Blazitschek ... erst das Geld! Sonst streik' ich. Es ist eine fürchterliche Schweinerei.«
Die Alte zog ein dickes Paket brauner Scheine aus dem Brusttuche. Herr Burdeyko fing an, sorgfältig zu zählen. Der Bursche stand dabei, sah mit gierigen Augen zu.
»Na, das ist doch aber ... Sie sollen so viel kriegen, und ich so wenig? Wo ich meine Haut doch am meisten zu Markt trag'?«
Herr Burdeyko hob den Kopf und stieß das unter dem Schreibtisch stehende Licht mit dem Fuße um.
»Sei still, dummer Kerl, da draußen ist wirklich ...«
Weiter kam er nicht. Zu beiden Türen drang es herein. Er griff nach dem Browning. Ein grellerLichtstrahl blendete seine Augen, eine schwere Faust flog gegen seine Schläfe. Im Zusammenbrechen hörte er nur wie von weitem, daß die Alte, die ihn durch ein ungeheuerliches Geldangebot zu dem Verrate verführt hatte, wie eine vom Teufel Besessene schrie.
Die Gefangenen waren abgeführt. Gaston von Foucar stand mit den Offizieren seiner Schwadron in dem hell erleuchteten Zimmer. Die Augen lagen ihnen tief im Kopfe nach der aufregenden Jagd. Der Kommandeur saß am Schreibtische und las die Briefe, die man dem Gastwirt Burdeyko abgenommen hatte. Endlich fuhr er sich mit der Hand über die Stirn.
»Herr von Foucar, wenn ich diese Briefe ohne Vorbereitung gelesen hätte und in Ihrer Abwesenheit – ich wüßte nicht, wie ich geurteilt hätte! Aber jetzt wollen wir ins Kasino gehen, lieber Foucar, und eine vergnügte Flasche Sekt trinken. Ich spendiere sie mit dankbarem Herzen, weil meinem geliebten Regiment ein zum Himmel stinkender Skandal erspart worden ist.«
»Heißen Dank, Herr Oberstleutnant, aber ich möchte im die Erlaubnis bitten, eine Viertelstunde später erscheinen zu dürfen. Bei Frau von Lüttritz erwartet mich jemand.«
»Hab' schon 'was läuten hören, von dem Kleinen da, der in den nächsten Tagen uns auf längere Zeit verlassen wird. Um allerhand Schandtaten abzusitzen.«
Karl von Gorski klappte die Hacken zusammen und machte sein respektvolles Gesicht. Nur die in seiner Nähe stehenden Offiziere mußten das Lachen verbeißen, weiler in seiner bekannten Manier bei der Antwort mit den Ohren wackelte.
»Sehr wohl, Herr Oberstleutnant,« sagte er, »ich bin tief zerknirscht. Aber drei Monate Weichselmünde sind rasch herum. Namentlich wenn man sie in zwei Hälften absitzen kann. Ich schätze nämlich, wenn ich zur Hochzeit meines lieben Vetters Foucar ein Urlaubsgesuch einreiche, werden Herr Oberstleutnant die Gnade haben, dies Gesuch zu befürworten ...«
Der Kommandeur lachte auf.
»Frechdachs! Aber heute abend sollen Sie mein lieber Ehrengast sein beim Schoppen im Kasino. Und wenn wir über kurz oder lang zu ernsterem Beginnen reiten, sollen Sie mit Ihrem Zug die Spitze haben, Leutnant von Gorski! Vorwärts, meine Herren ...«
Anmerkungen zur Transkription:Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise ansonsten aber wie im Original belassen. Die korrigierten Stellen sind im Text mit einer roten Linie gekennzeichnet, derOriginaltexterscheint beim Überfahren mit der Maus.
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Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise ansonsten aber wie im Original belassen. Die korrigierten Stellen sind im Text mit einer roten Linie gekennzeichnet, derOriginaltexterscheint beim Überfahren mit der Maus.