Mondspuk

Mondspuk

Der Vollmond leuchtet hoch am bläulichen Himmel; sein Glanz hat das letzte, weiße Wölkchen verzehrt; sogar die Sterne sind in seiner Lichtflut ertrunken, und nur die großen Himmelsbilder glänzen noch neben ihm. Von unten herauf funkelt die Wintererde festlich im Schnee; Berge recken dort ihre Silberköpfe empor, und mitten in den Bergen drin, am Fuß eines Hügels, liegt das Dorf lautlos im Mondschein.

Leer und hell sind alle Gassen des Dorfs. Riesig ragt die Kirche aus den niedrigen Häuschen hervor, ein mächtiges, steinernes Ungetüm; wie ein hoher Zaubererhut glitzert der spitze Kirchturm darüber. Zwei Lukenaugen schauen finster aufgerissen unter dem Hut. Auf einmal fängts an, im Innern des steinernen Tiers zu rumoren; es rasselt, es stöhnt, es zieht schwerfällig Atem: ’s will Mitternacht schlagen. Aber seltsam: es stöhnt und rasselt, es wird wieder still, und kein Glockenschlag hat geschallt. Statt dessen in den dunklen Lukenaugen droben glüht’s auf, und eine schnarrende Stimme schreit hinaus ins Land:

»Eins, zwei, drei … zwölf!«

Da tut’s einen Rumpler unten im Dorf. Das ist im Haus vom Wegmacher-Jackl gewesen. Der selber ist aus dem Bett hart auf die Füße gefahren und wandelt quer durch die Stube. Aber ganz abwesend schaut er drein. Er geht ans Fenster; ’s ist dicht mit Efeu zugewachsen; und sitzt nieder. Der Mond scheint durch den Efeu, malt helle Flecke aufs wetterbraune Runzelgesicht und blickt grad hinein in die Augen …

Ganz stad ist’s draußen, und grausam hell, und alle Haustüren stehn weit offen.

»Was ist denn des?« denkt der Jackl: »is doch nachtschlafende Zeit!«

Aber die Haustüren stehen offen, und jetzt sieht er’s: eine ganz leise, leuchtende Schafherde wimmelt die Gasse hinab; schneeweiß, wollig, flockig wimmelt’s, wuselt’s durcheinander. Ein mondheller Wolfshund rennt an ihr hin, umkreist sie; Funken tanzen aus seinem Borstenfell, flüssiges Silber trieft ihm aus dem Maul. Und hinter der Herde drein wankt der Hirt, in blauem Mantel, ein alter Mann. Tief sitzt ihm der große Glanzhut im Gesicht, daß nur der welke Mund und das bleiche Kinn hervorschauen; an langem Stecken wankt er hin und bewegt die Lippen. Er singt.

»In Gottes NamenDie Mondschaf treib ich. Amen!«

»In Gottes NamenDie Mondschaf treib ich. Amen!«

»In Gottes NamenDie Mondschaf treib ich. Amen!«

»In Gottes Namen

Die Mondschaf treib ich. Amen!«

klingt’s kaum hörbar in die Stube, während er vorbeischwankt. Und Hirt und Hund und Herde sind verschwunden.

Lange Eiszapfen funkeln an den Dachrinnen. Der Schnee strahlt von tausend feurigen Sternlein. Mit schlafschwerem Blick schaut der Jackl hinaus in die weiße Pracht, die so stumm ist und so kalt.

»Wie einsam, daß is, ha, wie einsam!«

Auf einmal träppelt’s daher durch die Mondnacht – ein Hündlein träppelt über den glitzernden Schnee. Ganz allein. Graufarben ist’s, ein Krummbein, ein Dackeltier ist’s. Kerzengerade hat’s seinen Schwanz aufgestellt und wedelt leis mit der Spitze, und seine langen Ohrwatscheln zittern, wie es dahinläuft. –

»Ah, Narr! Is denn das nit der Woidl! Ja bist denn nit tot? Was bist denn so grau, Woidl?«

Aber Jackl’s Stimme hat gar keine Kraft. Der Waldl hört ihn nicht, schon ist er weg – und die Gasse hinab kommt eine junge Dirn gezogen, wie im Schlaf, mit geschlossnen Augen. Sie hat ein volles Gesicht; doch ist es so weiß wie das Licht, das draufscheint. Einen Augenblick bleibt sie stehen und wendet den Kopf mit den geschlossenen Augen in der Luft, als suchte sie etwas. Dann geht sie grad aufs Haus vom Maurer Franz zu. Die Eckenlisl ist’s, die so schnell hat sterben müssen, ein Jahr ist’s her! Sie tritt ans Fenster. Mit den Fingerspitzen der rechten Hand schlägt sie leicht ans Glas, daß es klingt. Dann setzt sie sich aufs Bänklein darunter, legt die Hände in den Schoß und lächelt still vor sich hin.

Aber da rauscht es auf in der Ferne; rauscht wie ein Menschenflüstern, zieht näher; die Lisl verblaßt, zergeht; jetzt schwillt’s ins Dorf und schau! durch die Gasse stäubt’s heran, eine blasse Schar, Männer und Weiber. Eben grad sichtbar blinken sie im Mondlicht durcheinander. Bekannte, Unbekannte wechseln, wogen hin, verdrängen einander, und alle steigen sie dort hinten bei der Kirche ins Mondlicht hinein und verschwinden einer um den andern. Der Jackl will sie anrufen, den, jenen, zurückhalten will er sie – zu rasch treibt alles dahin. Wie er sich aber noch anstrengt, sie zu erkennen, da knarrt’s ihm zu Häupten, knarrt und rasselt, als täte sich die Decke auseinander, alsschütte der Kalk herab, und die schnarrende Stimme schreit durch die offene Decke: »Eins!«

Der Jackl steht auf – sein Bewußtsein ist ausgelöscht, die Augen haben sich geschlossen – und marschiert zurück in sein Bett.

Reingefegt ist die Gasse von allem Spuk, nirgends regt es sich mehr. Die Haustüren sind zu. In den Lukenaugen des Kirchturms ist das heimliche Glühen ausgegangen. Der Mond scheint aufs weiße Zifferblatt, und unten biegt der bärtige Nachtwächter ums Eck beim Krämer und singt in die Gasse hinein:

»Hört, ihr Herren, und laßt euch sagen:Die Glocke hat eins geschlagen.B’hüt euch Gott und Maria!«

»Hört, ihr Herren, und laßt euch sagen:Die Glocke hat eins geschlagen.B’hüt euch Gott und Maria!«

»Hört, ihr Herren, und laßt euch sagen:Die Glocke hat eins geschlagen.B’hüt euch Gott und Maria!«

»Hört, ihr Herren, und laßt euch sagen:

Die Glocke hat eins geschlagen.

B’hüt euch Gott und Maria!«

Leopold Weber


Back to IndexNext