Und nun bin ich plötzlich allein geblieben und es war mir geradezu furchtbar zu Mute. Mein ganzes Leben war in zwei Teile zerbrochen. In der einen Hälfte, die ich hinter mir hatte, war alles wofür ich gelebt hatte, und in der zweiten, mir noch unbekannten Hälfte, alles fremd, alles neu, und nicht ein Herz, das mir diese beiden ersetzen könnte. Es war mir buchstäblich nichts geblieben, wofür ich leben sollte. Neue Bande knüpfen, ein neues Leben ersinnen? Der blosse Gedanke daran warmir widerwärtig. Hier empfand ich zum ersten Male, dass ich sie durch niemand ersetzen, dass ich nur sie auf der Welt geliebt, und dass eine neue Liebe zu fassen ganz unmöglich, ja nicht nötig sei. Alles um mich herum wurde kalt und öde. Da, als ich vor drei Monaten Ihre guten, so warmen Zeilen, voll alter Erinnerungen erhielt, da wurde mir so traurig zu Mute, dass ich es gar nicht ausdrücken kann. Aber nun hören Sie weiter.“
Hier wird der Brief unterbrochen und erst nach neun Tagen wieder fortgesetzt, und wir finden darin des Dichters unzerstörbare Lebenskraft wieder an der Arbeit, diesmal an der Ordnung der trostlosen Verhältnisse, in welchen der Bruder seine Familie zurückgelassen.
Wir kehren jedoch zu den Erlebnissen des Dichters zurück, die noch vor seiner gänzlichen Befreiung aus Sibirien (1859) von Bedeutung waren. Das, was den Dichter in der Zeit zwischen 1854 und 59 am meisten beschäftigt, ist seine und seiner Freunde Bemühung, die Erlaubnis zu drucken, die Befreiung vom Militärdienst und endlich die Rückkehr nach Russland zu betreiben. Durch Baron Wrangel, welcher inzwischen nach Petersburg gereist war, hofft er auf den General Totleben, den dermaligen General-Auditor, in diesem Sinne einzuwirken. Er schreibt Wrangel eingehend und dringlich darüber und fügt hinzu: „Sollte man nicht etwa das Gedicht beischliessen?“ Unter dem „Gedicht“ ist eine Art Hymnus gemeint, welchen der Dichter in seiner Begeisterung für die Sache der Christen im Orient zu Beginn des Orientkrieges 1854 verfasst hatte und welcher in den Archiven der „Dritten Abteilung“ aufbewahrt worden war. Das Gedicht (zehn zehnzeilige Strophen in fünffüssigen Jamben) erschien zum ersten Male im ersten Heft des Grashdanin 1883 im Druck. Es ist künstlerisch ganz unbedeutend und nur durch die Wärme und den Schwung bemerkenswert,mit welchem Dostojewsky den Sieg des christlichen Heeres über die Ungläubigen preist, andererseits heute durch den Spott interessant, den er über jene christlichen Nationen, namentlich die Franzosen ausgiesst, welche auf der Seite der Ungläubigen stehen. Die Hoffnung auf die Erfolge der russischen Waffen lässt den Dichter in einer Art gläubiger Verzückung, das siegreiche Heer bis vor die Thore Konstantinopels führen. Im selben Briefe vom April 1856 erwähnt der Dichter eines Gedichtes zur Feier der Krönung Alexanders des Zweiten, des von ihm „vergötterten Kaisers“. Orest Miller berichtet, dass dieses Gedicht spurlos verschwunden ist, was um so beklagenswerter sei, als es die Gefühle nicht nur aller patriotischen Russen, sondern auch eines Teils der Gefährten Dostojewskys in der Affaire Petraschewskys ausdrücke. So viel Platz man nun den überschwänglichen Hoffnungen einräumen muss, welche jeder neue Regierungsantritt, jeder junge Herrscher, der einer verbrauchten und verhärteten Kraft auf dem Throne nachfolgt, in den Herzen eines Volkes hervorruft, so viel neue Schwungkraft namentlich in Russland bei diesen Gelegenheiten in der Gesellschaft ausgelöst wird, so dürften doch diese Worte des allzu eifrigen Freundes mit Vorsicht aufzunehmen sein. Es ist nicht anzunehmen, dass die Teilnehmer an der Petraschewsky-Affaire, auch nur ein Teil von ihnen so hoch über dem Niveau von Verbitterung und Misstrauen gestanden und so gross und so frei, so liebe- und hoffnungsvoll auf die Weltereignisse zu blicken vermocht hätten, wie Dostojewsky. Diese Stelle des Berichtes sowie manche, die uns noch begegnet, sind zum mindesten eine Ungeschicktheit, weil sie gerade jenem in unseren Augen schaden, den sie mit einem Kreise Gleichgesinnter und mit einem Nimbus umgeben wollen, den er gar nicht braucht.
Einen längeren politischen Aufsatz, den der Dichterum diese Zeit schrieb, nennt er ein Pamphlet und fügt hinzu: „ich möchte nicht ein Wort aus diesem Artikel hinauswerfen, aber bei allem darin enthaltenen Patriotismus würde man mir kaum gestatten, das Drucken mit einem Pamphlet zu beginnen“. Er vernichtet also diesen Artikel, nimmt aber vieles davon in eine Schrift über die Kunst hinüber, die er, wie er sagt, zehn Jahre mit sich herumgetragen hat, nun niederschreibt und der Grossfürstin Marja Nikolajewna als Präsidentin der Kunst-Akademie widmet, da er meint, dadurch schneller die Druckerlaubnis zu erlangen. „In manchen Kapiteln,“ sagt er, „werden ganze Seiten aus meinem Pamphlet enthalten sein, namentlich jene über die Bedeutung des Christentums in der Kunst.“ Über die weiteren Schicksale dieses Artikels wissen die Herausgeber der Materialien nichts näheres, vermuten jedoch, dass vieles daraus in die Artikel aufgenommen worden ist, welche Dostojewsky seinerzeit in seiner Zeitschrift „Wremja“ als Polemik gegen den Kritiker Dobroljubow veröffentlicht hat. Wir werden weiter unten bei der Besprechung seiner publizistischen Thätigkeit näher auf diese Kunstanschauungen eingehen.
Jetzt, es ist um die Jahre 1856-59 herum, beschäftigt ihn vor allem sein ganz persönliches Schicksal. Die Liebe zu Marja Dmitrjewna, welche durch gegenseitige Eifersucht seine Qualen und durch diese seine Krankheit steigert; die übermenschliche Anstrengung, die es ihn kostet, dem Rivalen zu einem Lebensunterhalt, ihr zu einer einmaligen Gnadengabe, sowie ihrem Sohne zu einem Stiftungsplatz in einem Gymnasium zu verhelfen, „ehe sie heiratet, weil sie nach der Vermählung (mit dem anderen natürlich) nichts bekommt;“ der heftige Wunsch, den Abschied zu erlangen und drucken zu dürfen, wenn er auch in Sibirien bleiben müsste — dies alles steigerte seine seelischen undphysischen Leiden auf das höchste. Am Schlusse seines Briefes vom 21. Juli sagt er: ... „ich aber — bei Gott — ins Wasser mit mir, oder zu trinken anfangen“ .... Dabei ist er immer voll Hoffnung auf den jungen Kaiser, erwartet von da ausgehend (wie er denn immer ganz im Sinne der historischen Entwickelung seiner Heimat Reformen von oben für segensreicher und dauerhafter hält, als Revolutionen von unten) eine völlige Wiedergeburt Russlands. Der Brief Wrangels, der ihm von Totlebens Verwendung für ihn berichtet, bringt ihn in Entzücken über diesen letzteren, er vergisst der eigenen Leiden und schwingt sich mit der ihm eigentümlichen sanguinischen, rasch wechselnden Begeisterung, wie beflügelt in die Hoffnung einer nahen, schöneren Zukunft. „Mehr Glauben“ — ruft er aus — „mehr Einigkeit ... und wenn noch Liebe dazu kommt, so ist alles gethan. Wie könnte irgend einer zurückbleiben, sich der allgemeinen Bewegung nicht anschliessen, sein Schärflein nicht hinzutragen? O, wäre mein Schicksal doch schon entschieden!“ Ein Handbillet ernennt den Dichter endlich am 1. Oktober 1856 zum Offizier, was ihm die Aussicht auf Abschied näher rückt. Inzwischen bittet er aber, man möge für ihn bei in Moskau lebenden Verwandten, die der Familie schon oft beigestanden hatten, leihweise 600 Rubel aufnehmen, da er schon um 1000 Rubel ein fertiges Manuskript habe, das er aber bis zur Erteilung der Druckerlaubnis nicht verwerten könne. „Noch ein Jahr nicht drucken dürfen,“ ruft er aus, „und ich bin verloren, dann ist es besser, nicht zu leben!“ An anderer Stelle sagt er: „Ich bin bereit ohne Namen oder unter einem Pseudonym zu schreiben, wenn auchfür immer.“
Das Manuskript, das 1000 Rubel repräsentiert, ist die im GefängnisvorSibirien geschriebene Erzählung „Ein kleiner Held“, welche der Dichter damals „eine Kindergeschichte“ genannt hatte.Diese „Kindergeschichte“ hat der Dichter, wie wir wissen, in den Kasematten der Peter Pauls-Festung niedergeschrieben, „wo man nur das Unschuldigste schreiben konnte“. Dass er aber in der Zeit zwischen dem Abschluss der Untersuchung und dem Urteilsspruch — erst nach Schluss der Untersuchung wurden ihm nämlich Bücher und Schreibmaterialien zugesprochen — imstande war, nicht nur etwas so „Unschuldiges“ zu schreiben, sondern ein Kunstwerk von so entzückender Anmut zu schaffen, dies ist, scheint uns, das allergrösste Zeugnis seiner Kraft und Seelengrösse. Aber auch noch etwas anderes finden wir in diesem Werke bekräftigt: Dostojewskys hohes künstlerisches Können, da wo ihn weder eine innere Ungeduld, noch eine äussere Not daran hinderte, an der feinen Ausführung des Kunstwerks so recht nach seinem Sinne zu meistern. Ganz und gar einheitlich ist die Schilderung des Erlebnisses durchgeführt.Der elfjährige, lebhafte, aber höchst feinfühlende Junge, der Held der Erzählung, gerät in eine grosse Gesellschaft auf dem Schlosse eines Gutsbesitzers. Er wird von einer übermütigen Dame bis zu Thränen geneckt, wendet aber seine geheimnisvoll ahnende Bewunderung ihrer schönen, traurigen Freundin zu, die er halb unbewusst auf allen Wegen begleitet, bis er endlich einmal von der ganzen Gesellschaft lachend und neckend als deren Cavaliere servente erklärt wird, zu dem sie eine tiefe Neigung gefasst hätte. Dies ist in feiner Weise von der übermütigen Blondine eingeleitet worden, welche die einsamen Spaziergänge der Freundin vor der Eifersucht ihres grossmäuligen Gatten decken will. In innerster Seele verletzt, da er dunkel fühlt, dass etwas Lächerliches und höchst Beschämendes über ihn gekommen, flieht der Knabe in seine Stube, wo er sich schluchzend einschliesst. Die ganze Damen-Gesellschaft pocht und ruft an seiner Thüre. Er schliesst jedoch nicht auf und wartet, bis alle sich entfernen. Dann giebt er sich ungehemmt seinem Schmerz und seinen Betrachtungen über das Vorgefallene hin. Endlich erweckt ihn ein ungewöhnliches Getümmel im Schlosshof aus seiner verzweifelten Betäubung. „Ich erhob mich und trat ans Fenster. Der ganze Hofraum war mit Equipagen, Reitpferden und eilfertigen Dienern angefüllt. Es schien, dass alle fortfuhren; einigeReiter sassen schon im Sattel, andere Gäste nahmen in den Equipagen Platz .... Da erinnerte ich mich, dass eine Ausfahrt geplant worden war und nun, nach und nach, drang eine Unruhe in mein Herz — ich spähte intensiv, ob mein Klepper auch im Hofe sei. Aber der Klepper war nicht da, also hatte man mich vergessen. Ich hielt es nicht aus und im Nu war ich unten, alle unangenehmen Begegnungen sowie meine jüngste Schmach vergessend ....“Kann man die Vorgänge in einer Kinderseele einfacher und vollendeter schildern? Erst der wahnsinnige Schmerz der Beschämung, Zorn, Trotz, dies alles von der Neugierde besiegt: was wohl da unten vorgehe; endlich die aufsteigende leidenschaftliche Unruhe, vergessen zu sein und zurückbleiben zu müssen! Wer erinnert sich nicht aus seinen Kindertagen, dass diese Schmerzen intensiver, leidenschaftlicher sind, als vielleicht alle Schmerzen der reiferen Jahre?Nun kommt der Knabe hinunter, sieht, dass „alles seinen Herrn hat“ und nur noch ein wildes junges Pferd da ist, das niemand zu besteigen wagt. Der junge Mann, ein guter Reiter, dem es vorgeführt worden war, verzichtet auf den Ruhm, es zu besteigen, und nun soll es fortgeführt werden. Da will die übermütige Blondine das Pferd für sich satteln lassen, um den ängstlichen Ritter zu beschämen, dem sie ihr zahmeres Tier anbietet. Allein der Hausherr gestattet dies nicht und man soll dieses eben in seinen Stall zurückführen, als die Dame den Knaben erblickt und den „weinerlichen“ Helden mit der Aufforderung neckt, doch sein Glück zu versuchen. Im Zorn und Trotz, wohl auch um vor den Augen seiner Huldin ein rühmliches Heldenstück zu vollbringen, schwingt er sich, bleich und bebend, auf das Pferd, das nun mit ihm aus dem Hofthor jagt, ehe er noch im zweiten Steigbügel Fuss fassen konnte. Zum Glück für den kleinen Reiter stolpert das Tier an einem grossen Stein, macht Kehrt und wird endlich, von den Pferden der zu Hilfe eilenden übrigen Reiter bedrängt, die seine Zügel fassen, vor der Freitreppe zum Stehen gebracht. Man umringt den kleinen Helden, der mehr tot als lebendig vom Sattel gehoben wird, und bringt ihn zu Bett, da er fiebert. Die tolle Blondine erweist sich inihrer Zerknirschung als treue, zärtliche Pflegerin, und die traurige Dame seines Herzens schenkt ihm einen Blick herzlicher Teilnahme, worüber der Knabe wonnevoll errötet.Am andern Morgen ist er wieder frisch und munter und streicht im Park umher. Und nun kommt die herrlichste Stelle der Dichtung. Der kleine Held wird durch Zufall der ungesehene Zeuge eines schweren Abschiedes zwischen „seiner“ Dame und einem Gaste, welcher die Gesellschaft offiziell schon gestern verlassen hatte und nun mit ihr in einem stillen Boskett des Parkes zusammentrifft. Der Knabe sieht, wie der junge Mann sich vom Pferd herunter neigt, die Hand der schönen Frau küsst, endlich seinen Arm um ihre Schulter legt und einen langen Kuss auf ihre Lippen drückt. Dann übergiebt er ihr ein versiegeltes Päckchen ohne Aufschrift und fliegt wie ein Pfeil an dem kleinen Nebenbuhler vorüber. Die Dame geht in Träume versunken und verliert das Briefpäckchen, das der Junge, der ihr nachgeht, findet und nach einem schweren inneren Kampfe rasch an eine sichtbare Stelle des Gartenpfades hinlegt. Sie ist aber so verloren, dass sie es nicht sieht, und eilt, da sie schon erwartet wird, dem Hause zu. Hier bereitet man sich zu einer zweiten Ausfahrt und bestürmt die Herzukommende mit Fragen über ihr Befinden, da man sie sehr bleich findet. Der kleine Held hat sich indessen in einiger Entfernung von ihr aufgestellt, hält das Päckchen, das er in die Rocktasche gesteckt, darin krampfhaft in der Hand und ist in der peinlichsten Verlegenheit, da er es ihr übermitteln und doch nicht seine Mitwissenschaft an ihrem Geheimnisse zeigen will. Sie merkt nichts von alledem, erklärt nur, dass sie an der Spazierfahrt nicht teilnehmen, sondern einen kleinen Gang durch den Park machen werde — in Begleitung ihres kleinen Ritters. Alle fahren fort, es wird ruhig im Schlosshof, und die Schöne tritt nun gesenkten, suchenden Blickes ihre Wanderung an, des kleinen Ritters vergessend, der erfreut und gequält zugleich an ihrer Seite wandelt.Nun folgt die Schilderung seines Kummers, seines vergeblichen Nachdenkens, wie er ihr den Fund in die Hände spielen könne. Sie nimmt, nachdem sie überall umhergespäht, auf einer Gartenbank Platz und vertieft sich scheinbar in das Lesen einesBuches, während zwei schwere Thränen an ihren Wimpern hängen. Endlich hat der Knabe einen Ausweg gefunden. Freudig ruft er ihr zu, er werde einen Strauss für sie pflücken, ehe noch die Mäher den letzten Wiesenschmuck niedermähen. Er springt davon, um den Strauss zu pflücken. Die Schilderung dieses Vorgangs erscheint uns psychologisch wie künstlerisch der Höhepunkt der Erzählung zu sein, der nur durch den feinen und sinnreichen Schluss gekrönt wird. Der Knabe läuft vom Strauch zur Wiese, von der Wiese aufs Feld, vom Feld in den schattigen Hain, von der Freude am Augenblick, an den einzelnen Blumenfunden echt kindhaft hingerissen. Was er zuletzt in seiner Hand vereinigt, ist an Farbe und Zusammenstellung ein Strauss, um den ihn jeder Gärtner beneiden könnte. Immer voller und dichter lässt er ihn werden, bis er ihn endlich mit Ahornblättern einfasst und mit feinen Gräsern bindet und jetzt — lässt er klopfenden Herzens das Briefpäckchen in seine Mitte gleiten. Anfangs bleibt der Brief ganz sichtbar, mit jedem Stückchen Weges aber, um das sich der Knabe der Trauernden nähert, wird ihm ängstlicher zu Mute und stösst er das Päckchen tiefer in die bunte Hülle hinein, bis er — am Ziele angelangt — es ganz und gar darin vergraben hat. Nun überreicht er mit flammenden Wangen seine Gabe. Sie blickt nur zerstreut auf, dankt und legt den Strauss neben sich auf die Bank. Betrübt und besorgt legt sich nun der Knabe in der Nähe auf das Gras, stellt sich müde und schliesst endlich blinzelnd die Augen. Da kommt eine Biene zu seinem Entsatz. Sie umschwirrt summend die Leserin, lässt sich nicht abweisen. Diese fasst endlich den Strauss und schwingt ihn zur Abwehr nach der Biene. Der Brief fällt heraus; die Dame hebt ihn, starr vor Erstaunen, auf und sieht in stummer Überraschung bald auf die Blumen, bald auf das Päckchen. Plötzlich errötet sie heftig und sieht nach dem Jungen hin, der noch rechtzeitig die Augen fest schliesst. Da fühlt er, dass sie sich ganz nahe über ihn neigt, fühlt bebenden Herzens ihren Atem an seinen flammenden Wangen, fühlt ihre Thränen auf seiner Hand, wie sie diese einmal, zweimal küsst, und zuletzt fühlt er einen warmen Kuss auf seinen Lippen. Er „erwacht“ mit einem leisen Schrei, allein da fällt ein Gazetüchleinüber sein Gesicht, wie um ihn vor der heissen Sonne zu decken und — er ist allein.
Das Manuskript, das 1000 Rubel repräsentiert, ist die im GefängnisvorSibirien geschriebene Erzählung „Ein kleiner Held“, welche der Dichter damals „eine Kindergeschichte“ genannt hatte.
Diese „Kindergeschichte“ hat der Dichter, wie wir wissen, in den Kasematten der Peter Pauls-Festung niedergeschrieben, „wo man nur das Unschuldigste schreiben konnte“. Dass er aber in der Zeit zwischen dem Abschluss der Untersuchung und dem Urteilsspruch — erst nach Schluss der Untersuchung wurden ihm nämlich Bücher und Schreibmaterialien zugesprochen — imstande war, nicht nur etwas so „Unschuldiges“ zu schreiben, sondern ein Kunstwerk von so entzückender Anmut zu schaffen, dies ist, scheint uns, das allergrösste Zeugnis seiner Kraft und Seelengrösse. Aber auch noch etwas anderes finden wir in diesem Werke bekräftigt: Dostojewskys hohes künstlerisches Können, da wo ihn weder eine innere Ungeduld, noch eine äussere Not daran hinderte, an der feinen Ausführung des Kunstwerks so recht nach seinem Sinne zu meistern. Ganz und gar einheitlich ist die Schilderung des Erlebnisses durchgeführt.
Der elfjährige, lebhafte, aber höchst feinfühlende Junge, der Held der Erzählung, gerät in eine grosse Gesellschaft auf dem Schlosse eines Gutsbesitzers. Er wird von einer übermütigen Dame bis zu Thränen geneckt, wendet aber seine geheimnisvoll ahnende Bewunderung ihrer schönen, traurigen Freundin zu, die er halb unbewusst auf allen Wegen begleitet, bis er endlich einmal von der ganzen Gesellschaft lachend und neckend als deren Cavaliere servente erklärt wird, zu dem sie eine tiefe Neigung gefasst hätte. Dies ist in feiner Weise von der übermütigen Blondine eingeleitet worden, welche die einsamen Spaziergänge der Freundin vor der Eifersucht ihres grossmäuligen Gatten decken will. In innerster Seele verletzt, da er dunkel fühlt, dass etwas Lächerliches und höchst Beschämendes über ihn gekommen, flieht der Knabe in seine Stube, wo er sich schluchzend einschliesst. Die ganze Damen-Gesellschaft pocht und ruft an seiner Thüre. Er schliesst jedoch nicht auf und wartet, bis alle sich entfernen. Dann giebt er sich ungehemmt seinem Schmerz und seinen Betrachtungen über das Vorgefallene hin. Endlich erweckt ihn ein ungewöhnliches Getümmel im Schlosshof aus seiner verzweifelten Betäubung. „Ich erhob mich und trat ans Fenster. Der ganze Hofraum war mit Equipagen, Reitpferden und eilfertigen Dienern angefüllt. Es schien, dass alle fortfuhren; einigeReiter sassen schon im Sattel, andere Gäste nahmen in den Equipagen Platz .... Da erinnerte ich mich, dass eine Ausfahrt geplant worden war und nun, nach und nach, drang eine Unruhe in mein Herz — ich spähte intensiv, ob mein Klepper auch im Hofe sei. Aber der Klepper war nicht da, also hatte man mich vergessen. Ich hielt es nicht aus und im Nu war ich unten, alle unangenehmen Begegnungen sowie meine jüngste Schmach vergessend ....“
Kann man die Vorgänge in einer Kinderseele einfacher und vollendeter schildern? Erst der wahnsinnige Schmerz der Beschämung, Zorn, Trotz, dies alles von der Neugierde besiegt: was wohl da unten vorgehe; endlich die aufsteigende leidenschaftliche Unruhe, vergessen zu sein und zurückbleiben zu müssen! Wer erinnert sich nicht aus seinen Kindertagen, dass diese Schmerzen intensiver, leidenschaftlicher sind, als vielleicht alle Schmerzen der reiferen Jahre?
Nun kommt der Knabe hinunter, sieht, dass „alles seinen Herrn hat“ und nur noch ein wildes junges Pferd da ist, das niemand zu besteigen wagt. Der junge Mann, ein guter Reiter, dem es vorgeführt worden war, verzichtet auf den Ruhm, es zu besteigen, und nun soll es fortgeführt werden. Da will die übermütige Blondine das Pferd für sich satteln lassen, um den ängstlichen Ritter zu beschämen, dem sie ihr zahmeres Tier anbietet. Allein der Hausherr gestattet dies nicht und man soll dieses eben in seinen Stall zurückführen, als die Dame den Knaben erblickt und den „weinerlichen“ Helden mit der Aufforderung neckt, doch sein Glück zu versuchen. Im Zorn und Trotz, wohl auch um vor den Augen seiner Huldin ein rühmliches Heldenstück zu vollbringen, schwingt er sich, bleich und bebend, auf das Pferd, das nun mit ihm aus dem Hofthor jagt, ehe er noch im zweiten Steigbügel Fuss fassen konnte. Zum Glück für den kleinen Reiter stolpert das Tier an einem grossen Stein, macht Kehrt und wird endlich, von den Pferden der zu Hilfe eilenden übrigen Reiter bedrängt, die seine Zügel fassen, vor der Freitreppe zum Stehen gebracht. Man umringt den kleinen Helden, der mehr tot als lebendig vom Sattel gehoben wird, und bringt ihn zu Bett, da er fiebert. Die tolle Blondine erweist sich inihrer Zerknirschung als treue, zärtliche Pflegerin, und die traurige Dame seines Herzens schenkt ihm einen Blick herzlicher Teilnahme, worüber der Knabe wonnevoll errötet.
Am andern Morgen ist er wieder frisch und munter und streicht im Park umher. Und nun kommt die herrlichste Stelle der Dichtung. Der kleine Held wird durch Zufall der ungesehene Zeuge eines schweren Abschiedes zwischen „seiner“ Dame und einem Gaste, welcher die Gesellschaft offiziell schon gestern verlassen hatte und nun mit ihr in einem stillen Boskett des Parkes zusammentrifft. Der Knabe sieht, wie der junge Mann sich vom Pferd herunter neigt, die Hand der schönen Frau küsst, endlich seinen Arm um ihre Schulter legt und einen langen Kuss auf ihre Lippen drückt. Dann übergiebt er ihr ein versiegeltes Päckchen ohne Aufschrift und fliegt wie ein Pfeil an dem kleinen Nebenbuhler vorüber. Die Dame geht in Träume versunken und verliert das Briefpäckchen, das der Junge, der ihr nachgeht, findet und nach einem schweren inneren Kampfe rasch an eine sichtbare Stelle des Gartenpfades hinlegt. Sie ist aber so verloren, dass sie es nicht sieht, und eilt, da sie schon erwartet wird, dem Hause zu. Hier bereitet man sich zu einer zweiten Ausfahrt und bestürmt die Herzukommende mit Fragen über ihr Befinden, da man sie sehr bleich findet. Der kleine Held hat sich indessen in einiger Entfernung von ihr aufgestellt, hält das Päckchen, das er in die Rocktasche gesteckt, darin krampfhaft in der Hand und ist in der peinlichsten Verlegenheit, da er es ihr übermitteln und doch nicht seine Mitwissenschaft an ihrem Geheimnisse zeigen will. Sie merkt nichts von alledem, erklärt nur, dass sie an der Spazierfahrt nicht teilnehmen, sondern einen kleinen Gang durch den Park machen werde — in Begleitung ihres kleinen Ritters. Alle fahren fort, es wird ruhig im Schlosshof, und die Schöne tritt nun gesenkten, suchenden Blickes ihre Wanderung an, des kleinen Ritters vergessend, der erfreut und gequält zugleich an ihrer Seite wandelt.
Nun folgt die Schilderung seines Kummers, seines vergeblichen Nachdenkens, wie er ihr den Fund in die Hände spielen könne. Sie nimmt, nachdem sie überall umhergespäht, auf einer Gartenbank Platz und vertieft sich scheinbar in das Lesen einesBuches, während zwei schwere Thränen an ihren Wimpern hängen. Endlich hat der Knabe einen Ausweg gefunden. Freudig ruft er ihr zu, er werde einen Strauss für sie pflücken, ehe noch die Mäher den letzten Wiesenschmuck niedermähen. Er springt davon, um den Strauss zu pflücken. Die Schilderung dieses Vorgangs erscheint uns psychologisch wie künstlerisch der Höhepunkt der Erzählung zu sein, der nur durch den feinen und sinnreichen Schluss gekrönt wird. Der Knabe läuft vom Strauch zur Wiese, von der Wiese aufs Feld, vom Feld in den schattigen Hain, von der Freude am Augenblick, an den einzelnen Blumenfunden echt kindhaft hingerissen. Was er zuletzt in seiner Hand vereinigt, ist an Farbe und Zusammenstellung ein Strauss, um den ihn jeder Gärtner beneiden könnte. Immer voller und dichter lässt er ihn werden, bis er ihn endlich mit Ahornblättern einfasst und mit feinen Gräsern bindet und jetzt — lässt er klopfenden Herzens das Briefpäckchen in seine Mitte gleiten. Anfangs bleibt der Brief ganz sichtbar, mit jedem Stückchen Weges aber, um das sich der Knabe der Trauernden nähert, wird ihm ängstlicher zu Mute und stösst er das Päckchen tiefer in die bunte Hülle hinein, bis er — am Ziele angelangt — es ganz und gar darin vergraben hat. Nun überreicht er mit flammenden Wangen seine Gabe. Sie blickt nur zerstreut auf, dankt und legt den Strauss neben sich auf die Bank. Betrübt und besorgt legt sich nun der Knabe in der Nähe auf das Gras, stellt sich müde und schliesst endlich blinzelnd die Augen. Da kommt eine Biene zu seinem Entsatz. Sie umschwirrt summend die Leserin, lässt sich nicht abweisen. Diese fasst endlich den Strauss und schwingt ihn zur Abwehr nach der Biene. Der Brief fällt heraus; die Dame hebt ihn, starr vor Erstaunen, auf und sieht in stummer Überraschung bald auf die Blumen, bald auf das Päckchen. Plötzlich errötet sie heftig und sieht nach dem Jungen hin, der noch rechtzeitig die Augen fest schliesst. Da fühlt er, dass sie sich ganz nahe über ihn neigt, fühlt bebenden Herzens ihren Atem an seinen flammenden Wangen, fühlt ihre Thränen auf seiner Hand, wie sie diese einmal, zweimal küsst, und zuletzt fühlt er einen warmen Kuss auf seinen Lippen. Er „erwacht“ mit einem leisen Schrei, allein da fällt ein Gazetüchleinüber sein Gesicht, wie um ihn vor der heissen Sonne zu decken und — er ist allein.
Nach dem zuletzt angeführten Schreiben des Dichters folgt eine Pause in seinem Briefwechsel mit Wrangel, während welcher ein häufigerer Gedankenaustausch mit dem Bruder ersichtlich wird, der wohl nicht unterbrochen war, sondern aus welchem, wie die Freunde sagen[11], Briefe entweder gänzlich fehlen oder bis heute noch nicht aufgefunden worden sind. In einem Briefe vom 31. Mai 1858 finden wir die Beziehung auf einen schweren Geldverlust des Bruders, wodurch es Theodor Michailowitsch doppelt peinlich wird, sich immer wieder um Nachhilfe an den Bruder wenden zu müssen. Er teilt diesem mit, dass er Beziehungen zu Katkow, dem Redakteur des „Russkij Wjestnik“, angeknüpft habe, welcher ihm einen Vorschuss von 500 Rubeln gesandt, ihn aber in einem „sehr gescheiten und liebenswürdigen Briefe“ gebeten habe, „sich mit der Arbeit ja nicht zu drängen und nicht auf eine Frist hin zu arbeiten.“
Die Ausführung des Romans, welchen er mit sich trägt, verschiebt er für seine Rückkehr nach Russland. In diesem Roman, sagt er, „liegt eine ziemlich glückliche Idee, ein neuer, bis jetzt nirgends dargestellter Charakter. Allein, da dieser Charakter jetzt in Russland wahrscheinlich in der Wirklichkeit sehr verbreitet ist, ganz besonders jetzt, nach der Bewegung und den Ideen zu urteilen, von welchen alle erfüllt sind, so bin ich überzeugt, dass ich meinen Roman mit neuen Beobachtungen bereichern werde, wenn ich nach Russland zurückkomme.“
O. Miller ist der Ansicht, unter diesem Charakterkönne nur Raskolnikow gemeint sein, das Produkt jener Betrachtungen, welche der eben durch russische Nachrichten und Zeitschriften dem Dichter wiedergewonnene Einblick in die Verhältnisse und bewegenden Ideen in ihm erweckt hätten. Ja, noch lange ehe Raskolnikow erschienen — so findet Miller und wir müssen ihm vollkommen beistimmen — ist der Grundtypus dieses neuen russischen Charakters in den „Memoiren eines Totenhauses“ an jener Stelle bezeichnet worden, wo Dostojewsky sagt: „Die Eigenschaften eines Scharfrichters finden sich im Keime fast bei jedem jungen Menschen unsrer Tage vor.[12]Indessen“, sagt der Dichter, „schreibe ich zwei Erzählungen, welche eben nur erträglich sein werden.“ Weiter spricht sich Dostojewsky über seine Arbeitsmethode aus, und wir müssten erstaunt sein, dass sie dem vollkommen widerspricht, was sich uns beim Lesen aller seiner Werke aufdrängt, nämlich der Raschheit, Achtlosigkeit auf Detail, der Spontaneität, die sich überall darin fühlbar macht. Es ist eben immer wieder die Not, welche ihn antrieb, seinem innersten Gefühl zuwider etwa in zwei Tagen und zwei Nächten zwischen 3 und 4 Druckbogen anzufüllen. In diesem Briefe widerspricht er dem Bruder, bekämpft dessen Ansicht, dass eine Situation auf einen Sitz geschrieben werden müsse. „Ich schreibe nur eine Scene sofort nieder, so wie sie sich mir anfänglich gezeigt hat, und freue mich daran; dann aber bearbeite ich sie ganze Monate, ein Jahr lang, begeistere mich zu mehreren Malen daran, nicht nur einmal (weil ich diese Scene liebe), und füge ihr mehrere Male etwas zu oder nehme etwas fort ... und glaube mir, es kommt alles viel besser heraus. Wenn nur Begeisterung da ist. Ohne sie, freilich, wird nichts daraus.“
Inzwischen hat der Dichter die Erzählung „OnkelchensTraum“ für das Journal „Russkoje Slowo“ geschrieben, „per Eilpost“, wie er sagt, rein nur, um Geld zu bekommen, da er gelegentlich seiner Vermählung durch den Bruder 500 Rubel als Vorschuss aus der Redaktion hatte nehmen lassen. Katkow verspricht er den Roman, das schon mehrmals erwähnte „Dorf Stepantschikowo“, für den Herbst. Diese beiden Erzählungen scheinen uns eine Art Interimsepoche in des Dichters Thätigkeit darzustellen. Zwischen das Ausklingen des alten und den Beginn des neuen Lebens gesetzt, äusserlich vom Drang nach Arbeit und Erwerb beschleunigt, innerlich nicht im allerengsten Zusammenhang mit der in Sibirien gewonnenen Vertiefung des Dichters, welche zu ihrer äusseren Gestaltung eben seine Gegenwart in Russland forderte, stehen sie eigentlich vereinzelt da; und wenn sie auch die ausserordentliche psychologische Realität und Nuancierung nicht verleugnet, welche Dostojewskys künstlerische Grösse ausmacht, so gehören sie doch weder zu jenen Werken des Dichters, welche in die Zeit des litterarischen Tastens und Spielens mit Humor und Satire einzureihen wären, noch zu jenen, welche sein Apostolat der Alliebe und Allschuld mit allen Machtmitteln seiner Glutnatur verkünden und besiegeln.
In einem Briefe vom 9. Mai 1859 legt er dem Bruder einen Plan vor, wie seine bis dahin geschriebenen Werke in eine Ausgabe vereinigt werden könnten, um wieder einiges Geld hereinzubringen. Es war schon in einem anderen Briefe davon die Rede gewesen, dass Dostojewsky 100 Rubel für den Druckbogen erhielt, während Turgenjew damals schon 400 Rubel per Bogen gezahlt wurden. Uns interessiert hier nur seine Einreihung der Werke in zwei Bände und die Berechnung, die er daran knüpft, welche uns zugleich ein Bild seiner mühseligen, dabei klugen, aber doch immer etwas sanguinischen Transaktionen mit Redakteuren und Verlegern zu geben vermag. Bezeichnend istdabei die häufige Wiederkehr der absoluten Mutlosigkeit, die immer wieder in Ausrufe ausbricht: dann, dann bin ich der Verzweiflung anheimgegeben, oder: dann, — höchstens ins Wasser — oder — ich bin verloren usw. In diesem Briefe also heisst es: „Höre, Mischa! Dieser Roman hat unbedingt grosse Mängel und hauptsächlich wohl den, dass er sich in die Länge zieht; wovon ich aber überzeugt bin, ist, dass er zugleich auch grosse Vorzüge hat und dass er mein bestes Werk ist.“ Dies meint der Dichter bei jedem eben vollendeten Werke und kommt erst spät von dieser Meinung zurück. „Ich habe ihn zwei Jahre hindurch geschrieben (mit der Unterbrechung „Onkelchens Traum“), Anfang und Mitte sind durchgebildet, das Ende in Eile hingeschrieben. Aber ich habe meine Seele, mein Fleisch und Blut da hineingelegt. Ich will nicht sagen, dass ich mich darin ganz ausgesprochen hätte, das wäre Unsinn. Es wird noch vieles zu sagen geben. Dazu kommt, dass in diesem Roman wenig Herzenselement vorhanden ist (d. h. leidenschaftliches Element, wie z. B. im „Adeligen Nest“) — aber er enthält zwei ungemein typische Charaktere, die ich fünf Jahre lang geschaffen und notiert und tadellos (nach meiner Meinung) durchgearbeitet habe — Charaktere, welche durchaus russisch und bis heute durch unsre Litteratur noch schlecht dargestellt worden sind. Ich weiss nicht, ob Katkow das würdigen wird, aber wenn das Publikum meinen Roman kühl aufnimmt, so werde ich, ich bekenne es, in Verzweiflung sein. Auf ihn sind meine besten Hoffnungen und vor allem die Befestigung meines litterarischen Rufes gegründet. — Jetzt bedenke: der Roman erscheint heuer, vielleicht im September. Ich denke, dass, wenn man von ihm sprechen, ihn loben wird, ich von Kuschelew schon 300 Rubel für den Druckbogen werde fordern können. Es wird dann nicht mehr jener Schriftsteller mit ihm zu thun haben, der nur „Onkelchens Traum“ geschrieben hat.Freilich kann ich mich sehr über meinen Roman und seinen Wert täuschen, aber darauf beruhen alle meine Hoffnungen. Nun: wenn der Roman im „Russkij Wjestnik“ (Katkow) Erfolg hat, und allenfalls einen bedeutenden, so habe ich, anstatt die „armen Leute“ gesondert herauszugeben, eine neue Idee: Wenn ich werde nach Twer gekommen sein (dem Dichter war damals schon Twer als nächster Wohnort angewiesen worden), will ich, mit deiner Hilfe versteht sich, mein Täubchen, du mein ewiger Helfer — zum Januar oder Februar des kommenden Jahres zwei Bändchen meiner Werke in folgender Ordnung herausgeben: 1) erster Band: „Arme Leute“, „Njetoschka Njezwanowa“ (die ersten 6 Kapitel sind überarbeitet und haben allen gefallen), „Helle Nächte“, „Kindergeschichte“ (die Erzählung, welche Dostojewsky im Gefängnis schrieb und später „Ein kleiner Held“ nannte) und „Christbaum und Hochzeit“; alles in allem 18 Druckbogen. Im zweiten Band: „Das Dorf Stepantschikowo“ und „Onkelchens Traum“. Der zweite Band hat 24 Druckbogen. (NB. Später kann man den überarbeiteten oder, besser gesagt, neugeschriebenen „Doppelgänger“ und andre gesondert herausgeben. Das wäre der dritte Band (dies aber später und jetzt nur zwei Bände).)“
„Die Auflage in 2000 Exemplaren wird 1500 Rubel kosten, nicht mehr. Man kann das Exemplar zu 3 Rubeln verkaufen. Daher werde ich, wenn ich durch 1½ Jahre einen grossen Roman schreibe, durch den allmählichen Verkauf der Exemplare geschützt und bei Gelde sein. Man kann es auch so machen: die Ausgabe an Kuschelew um 3000 oder sogar 2500 verkaufen; aber natürlich sich jetzt in keinerlei Verhandlungen einlassen: man muss den Erfolg des Romans bei Katkow abwarten. Hier ist alle Hoffnung enthalten und dieser Erfolg wird alle Abmachungen erleichtern.“
„NB. An Katkow sende ich im ganzen 15 Bogen zu100 Rubeln, macht 1500 Rubel. Genommen habe ich von ihm 500, und nachdem ich das dritte Viertel des Romans eingesandt, habe ich um weitere 200 für die Reise gebeten, also sind 700 Rubel herausgenommen.“
„Ich werde ohne Kopeke nach Twer kommen, dafür aber erhalte ich dann in der allernächsten Zeit von Katkow 700 oder 800 Rubel. Das geht noch an, man kann sich wenigstens umdrehen.“
Solche und ähnliche Kombinationen bilden den Haupttext von Dostojewskys Briefen durch eine lange Reihe von Jahren und sind, so monoton diese Briefe dadurch auch sind, ein ungemein charakteristisches Merkmal für des Dichters seltsame Verbindung von Geschäftskenntnis, Klugheit und Optimismus, sowie die Umschläge seiner Stimmung von überschwänglichem Selbstgefühl zu vollständiger, kindlicher Verzweiflung und Mutlosigkeit.
Vom 22. September ist endlich ein Brief an Wrangel aus Twer datiert. Nach einer langen Pause, welche nicht verfehlt hat, im Dichter allerlei argwöhnische Vermutungen über die Treue des Freundes zu nähren, greift er mit alter Wärme die Korrespondenz wieder auf und berichtet über sein neues Leben in Twer, das indessen seine Hoffnungen durchaus nicht erfüllt, so dass er mit einer gewissen Sehnsucht an Semipalatinsk zurück denkt: „Wenn Sie nach mir fragen“ — sagt er — „was soll ich da antworten? Ich habe Familiensorgen auf mich genommen und schleppe sie nun. Aber ich glaube, dass mein Leben noch nicht zu Ende ist, und ich will nicht sterben. Meine Krankheit ist beim alten — nicht schlechter. Ich würde mich gerne mit Ärzten beraten — aber solange ich nicht nach Petersburg kann — werde ich mich nicht kurieren! Wozu mit Dummköpfen herumpatzen! Jetzt bin ich in Twer eingeschlossen, und das ist schlimmer als Semipalatinsk — — düster, kalt, steinerne Häuser, keinerlei Bewegung, keinerleiInteressen — nicht einmal eine ordentliche Bibliothek ist da! das reine Gefängnis! Ich denke sobald als möglich von hier fort zu kommen; aber meine Lage ist höchst sonderbar: ich betrachte mich schon seit langem als vollkommen begnadigt; man hat mir auf persönlichen Befehl schon vor zwei Jahren den erblichen Adel zurückerstattet; bei alledem aber weiss ich, dass ich ohne formelles Gesuch (in Petersburg zu leben) weder nach Petersburg noch nach Moskau hinein kann. Ich habe die Zeit verpasst, ich hätte vor zwei Monaten einreichen müssen, jetzt aber ist Fürst Dolgorukow abwesend.“ — — So plagt sich der Dichter zwischen Hoffnungen, Befürchtungen herum, fürchtet, wenn er sich an einen der einflussreichen Freunde wendet, den anderen zu verletzen und so für endlose Zeiten in Twer bleiben zu müssen, wo er in allem gelähmt ist. Endlich führt er die Idee aus, die er schon eine Zeit bei sich herumträgt, einen offenen Brief an den jungen Kaiser zu schreiben und ihm die Schwierigkeit seiner Lage darzulegen.
Eine Kopie dieses Schreibens wurde auf Veranlassung des Grafen N. P. Ignatjew aus dem Archiv der ehemaligen III. Abteilung, samt dem oben erwähnten Gedicht den Herausgebern der „Materialien“ mitgeteilt, sowie auch uns das Original auf Veranlassung des Fürsten Obolensky, Gehilfen des Ministers des Innern, durch den gegenwärtigen Chef der ehemaligen III. Abteilung, Herrn von Swaljansky, vorgelegt wurde. Wir entnehmen aus diesem Schreiben die hervorragendsten Stellen.
Nach einigen einleitenden Worten, mit welchen sich Dostojewsky als „ehemaliger Staatsverbrecher“ einführt, erzählt er in Kürze:
„Ich bin als politischer Verbrecher im Jahre 1849 in Petersburg verurteilt, degradiert, aller bürgerlichen Rechte entkleidet und nach Sibirien zu den Zwangsarbeiten zweitenGrades in die Festung auf vier Jahre mit der Bestimmung verschickt worden, nach Ablauf dieser Frist als Gemeiner in die Linientruppe eingereiht zu werden. Im Jahre 1854 trat ich nach meiner Entlassung aus dem Festungs-Gefängnis von Omsk als Gemeiner in das 7. Sibirische Linien-Infanterie-Bataillon; im Jahre 1855 wurde ich zum Unteroffizier befördert und im darauf folgenden Jahre 1856 wurde ich durch die Gnade Eurer Kaiserlichen Majestät beglückt und zum Offizier ernannt. Im Jahre 1858 haben mir Euer Majestät den erblichen Adel zu erstatten geruht. Im selben Jahre habe ich infolge der Epilepsie, welche sich schon im ersten Jahre meiner Zwangsarbeit eingestellt hatte, um meine Entlassung eingereicht und jetzt, nach Erhalt meines Abschiedes, bin ich zum Aufenthalt nach Twer übersiedelt. Meine Krankheit nimmt fortwährend zu. Nach jedem Anfalle verliere ich sichtlich an Gedächtnis, Vorstellungsgabe, seelischen und körperlichen Kräften, der Ausgang dieser Krankheit ist — Lähmung, Tod oder Wahnsinn.
Ich habe eine Gattin und ein Stiefsöhnchen, für das ich zu sorgen habe. Ich habe keinerlei Besitz und erwerbe mir den Lebensunterhalt einzig und allein durch litterarische Thätigkeit, welche bei meinem kränklichen Zustande eine mühevolle und erschöpfende ist. Dabei aber geben mir die Ärzte Hoffnung auf Genesung, die sie auf den Umstand gründen, dass meine Krankheit keine ererbte, sondern eine erworbene ist. Nun aber kann ich ernste und gründliche ärztliche Hilfe nur in St. Petersburg erlangen, wo sich Ärzte befinden, welche sich speziell mit der Erforschung der Nervenkrankeiten beschäftigen. Euer Majestät! In Ihrer Hand liegt mein ganzes Schicksal, meine Gesundheit, mein Leben. Gestatten Sie mir, nach Petersburg zu fahren, um den Rat der Ärzte einzuholen. Erlösen Sie mich und schenken Sie mir die Möglichkeit,mit der Herstellung meiner Gesundheit meiner Familie, vielleicht auch auf irgend eine Weise meinem Vaterlande nützlich zu sein! In Petersburg haben zwei meiner Brüder ihren beständigen Aufenthalt, von denen ich nun über zehn Jahre getrennt bin; ihre brüderlichen Bemühungen um mich könnten dazu beitragen, meine schwere Lage zu erleichtern. Aber, ungeachtet aller meiner Hoffnungen, kann ein schlimmer Ausgang meiner Krankheit und mein Tod meine Gattin und mein Stiefsöhnchen ohne jegliche Hilfe zurücklassen. So lange noch ein Tropfen Gesundheit und Kraft in mir übrig ist, werde ich arbeiten, um sie zu sichern — allein über die Zukunft waltet Gott, und menschliche Hoffnungen sind unzuverlässig.
Allergnädigster Herr! Verzeihen Euere Kaiserliche Majestät mir auch die zweite Bitte und geruhen Sie, mir eine ausserordentliche Gnade zu gewähren, indem Sie anordnen, dass man meinen zwölfjährigen Stiefsohn Paul Issajew auf Staatskosten in ein Petersburger Gymnasium aufnehme. Er ist von erblichem Adel, Sohn des Gubernial-Sekretärs Alexander Issajew, welcher in Sibirien in der Stadt Kuznjezk, Gouvernement Tomsk, im Dienste Ihrer Kaiserlichen Majestät gestorben ist — einzig und allein darum gestorben, weil ärztliche Hilfsmittel in jenem öden Lande unzulänglich sind, wo er gedient und Gattin und Sohn ohne jegliche Mittel zurückgelassen hat. Sollte aber die Aufnahme Paul Issajews in ein Gymnasium unmöglich sein, so geruhen Sie, Herr, anzuordnen, dass er in eines der Petersburger Kadetten-Korps aufgenommen werde. Sie werden seine Mutter beglücken, welche ihren Sohn täglich lehrt, um das Glück Euer Kaiserlichen Majestät und Ihres erhabenen Hauses zu beten. Sie, Herr, sind wie die Sonne, welche über Gerechte und Ungerechte scheint. Sie haben schon Millionen Ihres Volkes beglückt, beglücken Sie auch eine arme Waise, seine Mutterund einen unglücklichen Kranken, von dem der Bann bis heute noch nicht genommen ist, und welcher bereit ist, sofort sein Leben für den Kaiser, den Wohlthäter seines Volkes, hinzugeben.“
Ganz abgesehen von dem Aufschwung, den die Hoffnung aller nach dem Regierungsantritte des Zaren Alexander II. genommen hatte, von der Zuversicht auf die Reformen des jungen Kaisers und der Liebe, die ihm das Land entgegen brachte, ist dieses Schreiben überschwänglicher Unterwürfigkeit, die im Munde eines Europäers nur servil wäre, im Munde eines echten Russen aber etwas von den Naturlauten eines Kindes hat, das vertrauensvoll und ohne Umschweife alle seine Wünsche und Leiden dem „Väterchen“ zu Füssen legt. Der einfach sachliche Ton, der in der Erzählung der Geschichte dieser schweren Jahre liegt, das naive Fordern und Begründen der Forderung eins und zwei lässt diesen Brief als eine intime Mitteilung erscheinen, an die sich die Unterwürfigkeit des Schlusses und mancher Wendung ganz anders anschliesst, als dies etwa in einem europäischen Majestätsgesuch der Fall sein könnte.
Wie kompliziert jedoch die Erledigung dieser Angelegenheit durch des Dichters Ungeduld geworden ist, davon giebt ein Brief, der letzte, den er aus Twer an Wrangel richtet, ein deutliches Bild.
„Sie schreiben,“ — heisst es darin — „warum ich, da ich die Einwilligung Dolgorukows und Timaschews (des General-Adjutanten) zur Niederlassung in Petersburg habe, nicht zu Euch komme? Das ist ja das Elend, lieber Freund, dass es unmöglich ist, denn die Sache steht jetzt beim Kaiser. Ich habe nämlich an Ihn geschrieben und jetzt wird schon Er entscheiden. Ich habe vorgehabt, nur auf einige Zeit hinzufahren, da, wenn Dolgorukow damit einverstanden ist, dass ich endgiltig nach Petersburg übersiedle,er auch nicht ungehalten sein wird, wenn ich in Erwartung der letzten Entscheidung auf einige Tage dahin komme. Ich hatte mich schon fast entschlossen, zu reisen, und sprach davon mit dem Grafen Baranow (dem damaligen Gouverneur). Allein der hat mir davon abgeraten, da er fürchtete, ich könne mir dadurch schaden, dass ich mir eigenmächtig ein Recht herausnehme, um das ich erst vorlängst gebeten, und ohne noch eine Antwort darauf erhalten zu haben. Sie müssen selbst zugeben, lieber Freund, dass ich ja nicht reisen kann, wenn Baranow es nicht gerne sieht. Ohne es ihm mitzuteilen aber konnte ich nicht abreisen. Er hat mein Schreiben an den Kaiser gesandt (durch Adlerberg) und hat dabei gebeten, es in seinem Namen zu übergeben, folglich hat er als Gouverneur für mich Bürgschaft geleistet, darum wäre es meinerseits unzart, in aller Stille fortzufahren. — Und darum habe ich folgendes ausgedacht, wozu auch der Graf mir geraten“ usw.
Es folgt nun eine Reihe von Kombinationen, wie die Sache, ohne hier und dort anzustossen, schnell durchgeführt werden könne.
Die Belege zu den oben erwähnten Stellen, sowie zwei Briefe Dostojewskys an Baranow und Dolgorukow sind uns gleichfalls zur Abschrift übermittelt worden; wir glauben aber, dass es hier nicht darauf ankommt, diese Bitt-Korrespondenz voll wiederzugeben. Wir beschränken uns hier auf eine Aufzählung der Dokumente, welche im Zeitraum jener fünf Jahre 1854-1859 mit den wichtigeren Ereignissen im Leben des Dichters zusammenhängen. Dazu gehören: ein Rapport des Gouverneurs von Tobolsk an den Kaiser (15. April 1853), dass sich Durow und Dostojewsky in der Festung gut gehalten haben, ferner die Bitte, ein patriotisches Gedicht gelegentlich des Orientkrieges in den „Petersburger Nachrichten“ veröffentlichen zu dürfen (26. Januar 1854), die auf die besondere Verwendung des Prinzen Peter von Oldenburg und des General-Adjutanten Graf Totleben erfolgte Beförderung Dostojewskys zum Unteroffizier (28. Februar 1856 Nr. 335),die Verfügung des Kriegsministers (Nr. 2634), dass ihm der Adel wiedergegeben werde (1857), Mitteilung des General-Auditoriats (Suchosanet) des Kriegsministeriums an den Herrn Chef der Gendarmerie Fürst Dolgorukow, dass Th. M. Dostojewsky infolge aufrichtiger Reue und guter Aufführung und auf spontane Verwendung des Grossfürsten Michael Pawlowitsch unter fortlaufender geheimer Überwachung zum Fähnrich befördert wurde (20. Oktober 1856 Nr. 6118).
Die Belege zu den oben erwähnten Stellen, sowie zwei Briefe Dostojewskys an Baranow und Dolgorukow sind uns gleichfalls zur Abschrift übermittelt worden; wir glauben aber, dass es hier nicht darauf ankommt, diese Bitt-Korrespondenz voll wiederzugeben. Wir beschränken uns hier auf eine Aufzählung der Dokumente, welche im Zeitraum jener fünf Jahre 1854-1859 mit den wichtigeren Ereignissen im Leben des Dichters zusammenhängen. Dazu gehören: ein Rapport des Gouverneurs von Tobolsk an den Kaiser (15. April 1853), dass sich Durow und Dostojewsky in der Festung gut gehalten haben, ferner die Bitte, ein patriotisches Gedicht gelegentlich des Orientkrieges in den „Petersburger Nachrichten“ veröffentlichen zu dürfen (26. Januar 1854), die auf die besondere Verwendung des Prinzen Peter von Oldenburg und des General-Adjutanten Graf Totleben erfolgte Beförderung Dostojewskys zum Unteroffizier (28. Februar 1856 Nr. 335),die Verfügung des Kriegsministers (Nr. 2634), dass ihm der Adel wiedergegeben werde (1857), Mitteilung des General-Auditoriats (Suchosanet) des Kriegsministeriums an den Herrn Chef der Gendarmerie Fürst Dolgorukow, dass Th. M. Dostojewsky infolge aufrichtiger Reue und guter Aufführung und auf spontane Verwendung des Grossfürsten Michael Pawlowitsch unter fortlaufender geheimer Überwachung zum Fähnrich befördert wurde (20. Oktober 1856 Nr. 6118).
Die geheime polizeiliche Aufsicht scheint übrigens noch sehr lange über Dostojewsky gewaltet zu haben, da sich seine Witwe erinnert, wie in seinen späten Lebensjahren irgend ein Funktionär sich gelegentlich einer kleinen Ortsveränderung ihres Gatten darüber wunderte, nichts davon gewusst zu haben. Es kann indessen immerhin sein, dass ein dienstbeflissener Unter-Staatsmann, wie es deren in Russland nur allzuviele giebt, diesen geheimen Schutz auf eigene Faust zum Besten Dostojewskys und des gefährdeten Staates unternommen hatte. Der letzte der in der „Niva“ veröffentlichten Briefe schliesst unmittelbar an jene an, welche sein Gesuch um die Erlaubnis zur Heimkehr besprechen. Er ist vom 12. November 1859 datiert und wiederholt die Reihe seiner Bemühungen, die bis dahin ohne Resultat geblieben waren. Bemerkenswert ist in diesem Briefe der praktische Geist, welcher sich darin kundgiebt. Nicht etwa, als wäre Dostojewsky eine bis in das Detail des Lebens praktische Natur gewesen, allein er besass, wie die meisten genialen Menschen, eine Art Praxis in theoretischer Form, einen Zug ins Grosse, der ihm den Gedanken mancher Unternehmung eingab, die er allerdings in der Wirklichkeit nicht festzuhalten und auszuführen vermochte. Darüber spricht sich N. Strachow, der ihn in seiner Geschäftsgebahrung sehr nahe kannte, in seinem Beitrage zu den „Materialien“ eingehend aus. „Ich muss hauptsächlich darum in Petersburg sein, umden Verkauf meiner Werke zu betreiben. Übrigens habe ich einen Plan im Kopfe — nämlich: die Sachen nicht um Geld herzugeben, sondern sie in 2000 Exemplaren, wenn das nötig sein sollte, bei Schtschepkin und Soldatenkow in Moskau zu drucken. Sie geben kein Geld, sondern drucken die Werke und machen sich zuerst beim Verkauf bezahlt, mit Zuschlag vernünftiger Prozente natürlich. Dies scheint mir aus vielen Ursachen günstiger zu sein. (Es wäre zu weitläufig, wollte ich mich jetzt des längeren darüber ausbreiten.) Ich würde es unbedingt so machen, wenn ich sofort nach meiner Ankunft in Petersburg Geld zum Leben hätte (ausser dem, welches ich von Krajewsky bekomme).[13]Du begreifst, dass mich dies alles sehr interessiert. Da ist Leben und Zukunft. Nimm übrigens meine Worte nicht à la lettre und verkaufe die Sachen für Geld, wenn sich nur immer eine Gelegenheit dazu bietet. Diese Gelegenheit aber suche, ohne meine Ankunft in Petersburg zu erwarten. Begreife, dass die Zeit vergeht; es wäre schon Zeit, zu drucken — sie vergeht und dabei gehen auch die Chancen des Gewinns verloren ....
Aber — der Teufel hole das Geld! Dich möcht’ ich umarmen — das ist’s! Könnt’ ich mich nur schon bald neben Euch niederlassen, in Eurem Kreise sein. Es ist mir schwer, hier zu leben. Ich kann nichts anfangen, so sehr bin ich durch vieles innerlich bewegt; die Zeit vergeht ... Du ahnst nicht, Mischa, was das heisst: etwas erwarten! Ein Monat! Ja, wird es nach einem Monat damit aus sein? Vielleicht vergehen auch drei, ja vierMonate. Du schreibst über eine Idee, zu deren Ausführung man für den Anfang 15-20000 Rubel brauchte. Mich regt das alles sehr auf, Bruder. Es ist, als wären gerade wir irgendwie fluchbeladen. Man sieht andre: weder Talent, noch Fähigkeiten — es werden aber Leute aus ihnen, sie hinterlassen ein Kapital. — Wir aber kämpfen, kämpfen, schlagen uns herum .... Ich bin zum Beispiel überzeugt, dass wir beide bedeutend mehr Geschick und Fähigkeiten und Sachkenntnis haben (sic), als .... Das ist ja litterarisches Bauernvolk, dabei aber werden sie reich und wir sitzen auf dem Sande. Du, zum Beispiel, hast Dein Geschäft angefangen. Wie viele Mühe und was für Resultate?[14]Was hast Du verdient? Du musst noch Gott danken, dass Du etwas hattest, wovon Du leben und Deine Kinder erziehen konntest. Dein Geschäft ging bis zu einem gewissen Punkte in die Höhe, dann stockte es. Das ist traurig für einen Menschen von Deinen Fähigkeiten. Nein, Bruder, wir müssen nachdenken und das recht ernstlich. Wir müssen etwas wagen und irgend ein litterarisches Unternehmen ins Werk setzen — eine Zeitschrift zum Beispiel. Übrigens werden wir darüber nachdenken und miteinander darüber reden. — — —
Bei meinem Roman ist thatsächlich wenig herausgekommen: 13-14 Druckbogen ist sehr wenig, und ich erhalte dafür weniger, als ich erwartete. Aber wie brauch’ ich’s! Schicke mir um Gottes Willen ein Separat-Exemplar noch vor dem Erscheinen des Buches; bedenke, wie sehr mich dies alles interessiert. Auf 8¾ Bogen kommen 1050 Rubel, folglich gebühren mir nach Abtragung meinerSchuld an Dich (von 375 Rubel) — 175 Rubel, nicht 125 Rubel. Ich bitte Dich sehr, trachte sie so schnell als möglich zu erhalten und schicke sie mir jedenfalls sofort. Wer weiss, vielleicht entscheidet sich mein Schicksal; dann werde ich Geld brauchen, um von hier fortzukommen. Darum schicke es so schnell als möglich.
Lebe wohl, ich umarme Dich, schreibe was immer und so bald als möglich.
DeinDostojewsky.
Wenn der Roman erscheint — teile mir sofort und bis ins Kleinste alles mit, was Du über ihn hören wirst, was für Meinungen geäussert werden, wenn überhaupt Meinungen da sein werden.“
Endlich, am 29. November 1859, wird das Gesuch erledigt. Das Original trägt in der Handschrift des Chefs der Gendarmerie, Fürsten Dolgorukow, den Bescheid:
„Hohenorts ist der Befehl ergangen, dass man betreffs Issajews die nötigen Massregeln nehme. Was Dostojewsky anbelangt, so ist seine Bitte schon nach dem Briefe erledigt worden, den er an mich schrieb.“
Der Dichter übersiedelt nun nach Petersburg, und hier erleidet die Korrespondenz naturgemäss kürzere und längere Unterbrechungen.
Über den Empfang des Dichters in Petersburg und den Eindruck, den er auf die Freunde hervorgerufen, citiert O. Miller den Bericht A. P. Miljukows, den wir hier nachcitieren. „Einmal“, sagt Miljukow, „kam Michael Michailowitsch früh am Morgen mit der freudigen Botschaftzu mir, dass man entschieden habe, der Bruder dürfe in Petersburg leben, und dass er am nämlichen Tage ankommen werde. Wir eilten auf den Bahnhof der Nikolaewsker Eisenbahn, und dort endlich umarmte ich unseren Verbannten nach einer Trennung von nahezu zehn Jahren. Den Abend brachten wir alle miteinander zu. Theodor Michailowitsch, so schien es mir, war physisch gar nicht verändert; sein Blick war sogar kühner als früher, und sein Gesicht hatte nicht das geringste von seiner gewöhnlichen Energie verloren. Ich erinnere mich nicht daran, wer von den gemeinsamen Bekannten an diesem Abend zugegen gewesen ist, allein es ist mir im Gedächtnis geblieben, dass wir bei diesem ersten Beisammensein nur Neuigkeiten und Eindrücke austauschten und früherer Jahre und alter Freunde gedachten. Nachher sehen wir einander nahezu jede Woche.“
In Bezug darauf, wie sich Theodor Michailowitsch zu den Erlebnissen in Sibirien verhielt, bemerkt Miljukow, dass er „sich niemals über sein eigenes Schicksal beklagte ... freilich“ — sagt er — „auch von anderen zurückgekehrten Petraschewzen habe ich nie Gelegenheit gehabt, heftige Klagen zu hören, allein bei diesen kam das von der, dem Russen angebornen, Eigenschaft, das Böse zu vergessen; bei Dostojewsky jedoch vereinigte sich diese Eigenschaft noch gleichsam mit einem Gefühl von Dankbarkeit gegen das Schicksal, welches ihm die Möglichkeit gegeben hatte, in seiner Strafzeit nicht nur die russischen Menschen, sondern auch zugleich sich selbst besser verstehen zu lernen“.
Nicht ohne Grund hat Theodor Michailowitsch später durch den Mund des „Idioten“, den er mit vielem Eigenen ausgestattet hat, ausgesprochen: „es schien mir, dass man auch im Gefängnis ein ungeheures Leben finden kann“. „Unsere Unterhaltungen im neuen Freundeskreise“ — fährtMiljukow fort — „glichen jenen, die im Durowschen Kreise stattgefunden hatten, in vielem nicht mehr. Und konnte das anders sein? Es war, als hätten das westliche Europa und Russland in diesen letzten zehn Jahren geradezu die Rollen vertauscht: dort waren die uns ehemals mit sich fortreissenden humanitären Utopien in Rauch aufgegangen, und die Reaktion hatte überall den Sieg errungen; hier aber begann vieles zur Thatsache zu werden, wovon wir geträumt hatten, und es bereiteten oder vollzogen sich Reformen, welche das russische Leben erneuerten und neue Hoffnungen keimen machten. Es ist natürlich, dass der ehemalige Pessimismus in unseren Unterhaltungen keinen Raum mehr fand.“
Diese Äusserungen, so wertvoll sie uns für das Zeitbild der jungen, auf Alexander und seine Reformen gesetzten Hoffnungen sein mögen, scheinen als eine Reminiscenz an Dostojewsky in seinem Sterbejahr 1881 in der „Russkaja Starina“ (Maiheft p. 35-36-40) publiziert worden zu sein und werden wohl von uns Westeuropäern trotz allen Beklagens der bei uns in Rauch aufgegangenen Utopien doch mit einem gewissen Lächeln der Rührung über die russische Genügsamkeit aufgenommen werden, die in irgend einer Epoche der russischen Zeitgeschichte für den „Pessimismus keinen Raum mehr fand.“
Nach diesen freudigen Anläufen finden wir den Dichter bald genug von den Beschwerden des Petersburger Lebens angewidert und schon anfangs 1860 ersehen wir aus kleinen Mitteilungen an Freunde und Bekannte, dass Petersburg im Dichter nach so langer Abwesenheit keine glückliche Stimmung hervorzurufen vermag. So heisst es in dem Fragment eines Briefes vom 14. März 1860 an eine Frau Sch., das nach des Dichters Tode ebenfalls in der „Russkaja Starina“ (wohl auch durch Miljukow) mitgeteilt wurde: „Wenn man nur auf acht Tage dieses hässlichePetersburg hinter sich lassen könnte! ... vielleicht kommt unser Ausflug nach Moskau doch zustande.“ Nach seiner Rückkunft aus Moskau schreibt er: „Da bin ich nun wieder ins feuchte, ins Patschwetter, ins Ladoga-Eis, in die Langweile zurückgekommen.“ .... Weiter heisst es: „Ich bin zurückgekehrt und befinde mich in einem förmlichen Fieberzustand. An alledem ist mein Roman schuld. Ich will was gutes schreiben, ich fühle, dass Poesie darin ist, ich weiss, dass von seinem Gelingen meine ganze schriftstellerische Karriere abhängt ... Drei Monate lang wird es nun heissen Tag und Nacht dabei sitzen — (es handelt sich aller Wahrscheinlichkeit nach, sagt O. Miller, um den grossen, noch in Sibirien ersonnenen Roman). Im selben Briefe treten die warmen Beziehungen zu Tage, welche Dostojewsky zu den litterarischen Versuchen der jungen Generation unterhält. „Ich habe Krestowsky gesehen,“ schreibt er einmal, „ich habe ihn sehr lieb. Er hat ein Gedicht geschrieben und es uns mit Stolz vorgelesen. Wir haben ihm alle gesagt, dass dieses Gedicht etwas entsetzlich Abscheuliches ist (da wir unter uns übereingekommen sind, die Wahrheit zu reden). Und nun? nicht im geringsten war er beleidigt! ein lieber, edler Junge. Er gefällt mir so sehr (immer mehr und mehr), dass ich ihm nächstens einmal beim Trinken das Du anbieten werde.“ — —
Wir gelangen nun zu jenem Abschnitt im Leben und Wirken Dostojewskys, welcher mit der wichtigsten Wandlung in der Geschichte Russlands zusammenfällt, nämlich zum Heraustreten des Dichters in die Arena des politischen Lebens, an welchem als Publizist teilzunehmen er sich seiner Mission nach gedrungen fühlt. Es ist dies gegen Ende des Jahres 1861, da er die Monatsschrift „Wremja“ gründet, um darin seine Gedanken über die grosse Umwälzung auszusprechen, welche die am 19. Februarerfolgte Aufhebung der Leibeigenschaft einleitete. Diese Epoche ist uns Westländern nicht genug bekannt, um uns einen klaren Überblick der damaligen politisch-litterarischen Situation des Landes zu gewähren, ist aber so interessant, was die Stellung der Parteien, den Anteil der Jugend daran, die Folgen derselben betrifft, dass wir hier weiter ausholen müssen, indem wir den beiden Herausgebern der „Materialien“ das Wort lassen.
N. Strachow, Dostojewskys Mitarbeiter, beginnt die Besprechung der damaligen politischen Lage mit einer Präzisierung des Wortes „Liberalismus“, „des russischen Liberalismus“, der von den Westländern nicht richtig verstanden werde. Am Schlusse dieser Erörterung heisst es: „Leider besteht bei uns, ungeachtet aller historischen Erfahrungen, ungeachtet aller gedruckten und gesprochenen Erläuterungen ein sehr grosser Wirrwarr in den Begriffen, welcher natürlich durch unsere Lehrmeisterin Europa unterhalten wird, und der wahre Sinn des Liberalismus ist fast gänzlich darüber verloren gegangen. Dass der Liberale im wesentlichen in den meisten Fälle konservativ sein muss, aber nicht Progressist und in keinem Falle revolutionär, das wissen und begreifen wohl sehr wenige.“ — „Einen solchen wirklichen Liberalismus,“ fährt Strachow fort „bewahrte Theodor Michailowitsch bis an sein Lebensende, sowie ihn jeder aufgeklärte und nicht verblendete Mensch bewahren soll.“
Dieser Satz bedarf ebenso sehr der Erläuterung, als nach Strachows Meinung der russische Liberalismus. Strachow versteht unter „Progressist“ nicht einen für den Fortschritt im allgemeinen Eintretenden, sondern vielmehr jene Gattung von Politikern, welche den Fortschritt der russischen Kultur nicht sowohl in einer organischen Fortentwickelung auf nationaler Grundlage, als in einer beschleunigten Anwendung der Lehren des Westens sahenund anstrebten. Auch Dostojewsky hat sich, ohne ein „Progressist“ zu sein, immer und überall für den Fortschritt eingesetzt und meint es sehr ernst damit, wenn er den müssigen Byrons der jungen Generation zuruft: „Ich wüsste wohl eine Arbeit für Euch, aber Ihr werdet sie nicht leisten wollen, sie zu gering achten, ob sie auch die einzige ist, die uns jetzt zukommt: Lehrt auch nur einen kleinen Bauernjungen lesen.“ „Ich will hier“ — setzt der Berichterstatter fort — „eines der wichtigsten Vorkommnisse jener Zeit erzählen, die sogenannte Studentengeschichte, welche sich zu Ende des Jahres 1861 abspielte und den damaligen Zustand der Gesellschaft am vortrefflichsten beleuchtet. In dieser Geschichte wirkten sicherlich verschiedene innere Triebfedern mit; allein ich werde sie nicht berühren, sondern ihre äussere öffentliche Erscheinung schildern, welche sowohl für die Mehrzahl der Agierenden als auch der Zusehenden von der grössten Bedeutung war.
Infolge des Zuströmens des Liberalismus schäumte die Universität immer mehr und mehr von Leben und von Bewegung über, leider aber von einem solchen Leben, das die Beschäftigung mit der Wissenschaft erstickte. Die Studenten hielten häufige Zusammenkünfte, gründeten eine Kasse, eine Bibliothek, gaben ein Sammelwerk heraus, übten ein Richteramt über ihre Kameraden aus usw., aber alles dieses zerstreute sie und regte sie so sehr auf, dass die Mehrheit, ja sogar viele der Begabtesten und Gescheitesten unter ihnen aufhörten zu studieren. Es gab auch nicht wenige Unzulässigkeiten, d. h. Überschreitung der Grenzen aller möglichen Dispense, und so entschloss sich die Studien-Obrigkeit endlich Massregeln zu ergreifen, um diesem Lauf der Dinge ein Ende zu machen. Um sich eine widerspruchslose Autorität zu sichern, verschaffte sie sich einen Allerhöchsten Befehl, vermittelst dessen Zusammenkünfte,Kassen, Deputationen und Ähnliches verboten wurde. Der Befehl wurde im Sommer ausgegeben, und als im Herbste die Studenten sich auf der Universität zeigten, musste er in Anwendung gebracht werden. Die Studenten dachten, sich zu widersetzen, beschlossen jedoch, es einzig und allein durch einen Widerstand zu thun, welchen die liberalen Grundsätze sanktionieren, d. h. durch passiven Widerstand. So geschah es auch. Sie hingen sich an jeden Vorwand, welcher geeignet war, den Behörden soviel Arbeit und der Sache soviel Publicität als möglich zu schaffen. Sie brachten höchst künstlich den ausgiebigsten Skandal zustande, den man nur in Scene setzen kann.
Die Behörden waren so gezwungen, sie zwei- oder dreimal bei Tage, auf offener Strasse in grossen Haufen fortzuführen. Zur grösseren Freude der Studenten setzte man sie sogar in die Peter Pauls-Festung. Sie unterwarfen sich ohne Widerrede diesem Arrest, später dem Urteilsspruch der Verschickung, welche für viele eine sehr schwere und langwährende wurde. Nachdem sie das gethan hatten, dachten sie, alles gethan zu haben, was nötig war, nämlich: sie hatten laut über die Verletzung ihrer Rechte gesprochen, waren selbst nicht über die Grenzen der Gesetzlichkeit geschritten und hatten eine schwere Strafe über sich ergehen lassen, gleichsam rein nur darum, weil sie von ihren Forderungen nicht abgewichen waren. Obwohl nun diese juridischen Begriffe in Wirklichkeit nicht auf Studierende anwendbar sind, so führten die Studenten dieses liberal-juridische Drama zum Nutz und Frommen der übrigen Staatsbürger tadellos und mit wahrer Begeisterung durch. Es war durchaus kein Aufruhr, auch nicht im allerkleinsten Ausmasse.
Das Interessanteste und Charakteristischste dabei ist, dass sich damals Leute fanden, welche sehr wünschten,diese Geschichte in einen Aufruhr umzuwandeln, dass man Beratungen darüber abhielt, ihnen z. B. vorschlug, irgend eine Unthat zu begehen, welche die Behörden in eine fatale Lage brächte usw. Revolutionäre Elemente waren in der Gesellschaft herangereift, allein diesmal bewahrte der Liberalismus seine Reinheit, und es war nur eine grosse Demonstration vollbracht worden, gleichsam eine Anklage vor dem Forum der öffentlichen Meinung.
Natürlich sprach die ganze Stadt nur von den Studenten. Man hatte gestattet, dass die Eingeschlossenen besucht würden, und so kamen täglich sehr viele Besucher in die Festung. Auch von der Redaktion der „Wremja“ ward ihnen ein Gastgeschenk gesendet. Bei Michael Michailowitsch wurde ein ungeheures Roastbeef gebraten und mit Hinzufügung einer Flasche Cognac und einer Flasche roten Weines in die Festung gesandt. Als man endlich begann, jene Studenten, welche man als die Schuldigsten befunden hatte, fortzuführen, begleiteten Freunde und Bekannte sie weit über das Weichbild der Stadt hinaus. Die Abschiedsgrüsse waren vielseitig und laut und die Verschickten schauten zum grossen Teil wie Helden drein.“
Hier wird der Westeuropäer unwillkürlich im Lesen innehalten und über die Selbstverständlichkeit und Einfachheit staunen, mit welcher ein „russischer Liberaler“ von Festungsstrafen und Verschickung junger Schwärmer spricht. Es tritt uns da förmlich eine „erbliche Belastung“ mit dem Verschickungs-Begriffe entgegen, von dem auch der liberalste Russe heute nicht frei sein kann.
„Diese Geschichte“ — fährt Strachow fort — „wickelte sich im selben Geiste weiter ab. Man schloss die Universität, um sie einer vollständigen Umgestaltung zu unterwerfen. Da baten die Professoren um die Erlaubnis, öffentliche Vorlesungen zu halten, und erhielten diese Erlaubnisohne Mühe. Die Duma (der Stadtrat) überliess ihnen ihre Säle zu diesem Zwecke, und so wurden die Universitätskurse eröffnet. Alle Schritte für das Arrangement der Vorlesungen sowie die Sorge für die Aufrechthaltung der Ordnung nahmen die Studenten auf sich und waren mit dieser neuen, freien Universität sehr zufrieden und sehr stolz darauf. Allein ihre Gedanken waren nicht mit der Wissenschaft beschäftigt, um welche sie sich augenscheinlich so bemüht hatten, sondern mit etwas anderem, und das verdarb zuletzt alles. Die Ursache der Aufhebung dieser Rathaus-Universität war der bekannte „litterarisch-musikalische“ Abend des 2. März 1862. Dieser Abend war mit der Absicht veranstaltet worden, gleichsam eine Auslese aller vorgeschrittensten, progressivistischen Kräfte vorzuführen. Die Wahl der Schriftsteller in diesem Sinne war auf das Sorgfältigste vorgenommen worden, und das Publikum war im selben Sinne ebenfalls das sorgsam ausgewählteste. Sogar die Musikstücke, mit welchen die litterarischen Produktionen abwechselten, wurden von den Frauen und Töchtern von Schriftstellern „der guten Richtung“ ausgeführt. Theodor Michailowitsch war in der Zahl der Lesenden und seine Nichte in jener der Mitwirkenden.
Es handelte sich nicht um das, was gelesen und vorgestellt wurde, sondern um die Ovationen, welche man den Vertretern fortschrittlicher Ideen brachte. Der Lärm und Enthusiasmus war ein ungeheurer, und es hat mir später immer geschienen, dass dieser Abend der höchste Punkt war, den die liberale Bewegung unserer Gesellschaft erreicht hatte, und zugleich der Kulminationspunkt unserer Seifenblasen-Revolution. Eine Episode dieses Abends bildete den Beginn des Verfalls und der Entzauberung unserer damaligen Fortschritts-Bewegung. Professor P.... las an jenem Abend seinen Artikel, welcher, wie alles andere das vorgetragen wurde, vorher der Zensur unterbreitetworden war. Er las ihn ohne jede Abänderung, aber mit so ausdrucksvollen Intonationen und Gesten, dass ein durchaus zensurwidriger Sinn dabei herauskam. Es entstand ein Freudengeschrei, ein unbeschreiblicher Jubel. —
Und nun: am nächsten Tage verbreitet sich plötzlich die Nachricht, dass der Professor arretiert und aus Petersburg fortgeschickt worden sei. Was war nun zu thun? In welcher Weise sollte man gegen eine solche Massregel protestieren? Die Studenten folgerten, ganz logisch, dass die Entfernung eines Professors eine Bedrohung der übrigen Professoren in sich schliesse, dass diese deshalb ihre Vorlesungen nicht fortsetzen könnten, wenn sie nicht dadurch zu zeigen wünschten, dass sie ihren Kollegen für schuldig erachten und vor der Behörde selbst als Unschuldige dastehen wollten. Es wurde beschlossen die Rathaus-Universität zu schliessen und dadurch gegen jeglichen Zwang zu protestieren — ein bekanntlich sich fortwährend wiederholender Vorgang an den russischen Universitäten, etwas das Ähnlichkeit hat mit dem japanischen Selbstmord. Die Studenten setzten voraus, dass die ganze Gesellschaft von Betrübnis und Zorn erfüllt sein werde, wenn so plötzlich die Hauptquelle ihrer Aufklärung verstopft würde. Die Professoren willfahrten dem Wunsche der Studenten und sagten ihre Vorlesungen ab, mit Ausnahme eines oder zweier von ihnen, welchen dafür die Hörer Skandale machten. Endlich mischte sich die Obrigkeit hinein und machte der ganzen Sache ein Ende, indem sie den Professoren überhaupt verbot, öffentliche Vorlesungen zu halten.“
„Was war nun das Resultat der ganzen Affaire? Es zeigte sich gleich, dass der schlimme Plan die Gesellschaft aufzuregen und sie gegen die Obrigkeit aufzureizen vollkommen misslang. Die Gesellschaft rührte sich nicht, und anstatt zu wachsen, erlosch die Bewegung vollständig. Die Führer in dieser Sache hatten die allzu naive Vorstellung,dass der Lärm, welcher in ihren Zirkeln geschlagen wurde, der Ausdruck der allgemeinen Stimmung sei und dass es so leicht sein werde, das Publikum zu täuschen. In Wirklichkeit vermochte niemand ernstlich zu glauben, dass die Obrigkeit der Feind und Bedrücker der Aufklärung sei. Die Unterlage der Sache war allen gar zu durchsichtig, namentlich als zu gleicher Zeit eine Proklamation nach der andern auftauchte, deren erste hunderttausend Menschen in Russland als der öffentlichen Wohlfahrt hinderlich erklärte, deren letzte schon direkt drohte, „die Strassen mit Blutströmen zu begiessen und keinen Stein auf dem andern stehen zu lassen.“
„Wie immer das nun gewesen sein möge, war die Obrigkeit, welche beständig bemüht gewesen war, den liberalen Charakter der Ereignisse zu wahren, in eine sehr schwierige Lage versetzt; es zeigte sich, dass jede liberale Massregel innerhalb der Gesellschaft eine Bewegung hervorruft, welche sich dieser Massregel zu ihren eigenen Zwecken bedient, welche durchaus nicht liberal, sondern ganz radikal sind. Diese Schwierigkeiten fanden nun ihr Ende durch die Petersburger Brände und den polnischen Aufstand, als es endlich klar wurde, dass man das Böse nicht dulden und seinem natürlichen Lauf nicht überlassen darf, wenn es so erschreckende Dimensionen angenommen hat.“
Wir sehen in diesen Worten den kennzeichnenden Ausdruck des russischen ehrlichen Liberalkonservativen reinsten Wassers, nämlich jener Richtung des Liberalismus, der nie und nirgend durch Zwang wirken will, sondern die Förderung fortschrittlicher Ideen nur mit solchen Mitteln für gerechtfertigt erachtet, welche keine anderen Freiheiten einschränkt — eine Anschauung, über die sich streiten lässt, die aber gerade in den Konstellationen der russischen Parteistandpunkte besondere Beachtung verdient. Dassdiese Anschauung in Dostojewsky ihren genialsten und berechtigsten Vertreter gehabt hat, ist uns bereits aus seinem ganzen Leben und Wirken klar geworden. Wie er sich speziell zur Studenten-Affaire verhalten hat, das erfahren wir aus den Mitteilungen O. Millers, welcher uns jene Vorgänge in einer lebendigeren, intimeren und weniger doktrinären Form erzählt und speziell diese Sache anders beleuchtet, als Strachow. Wir werden durch diese zwei Berichte so recht in die Stimmung und das Milieu der grossen Befreiungsepoche hineinversetzt. Natürlich haben wir es auch hier mit einem Vertreter der konservativ-liberalen Richtung zu thun.
Nachdem Miller die Verteilung und Verschiebung der Parteien besprochen, welche aus sehr verschiedenen Gründen gegenüber der Aufhebung der Leibeigenschaft und ihren Folgen Stellung nahmen, und meint: „man begann uns eindringlich das ‚Sterben‘ zu lehren — gerade dann, als man uns hätte lehren sollen zu leben, ehrenhaft, aufopfernd, fest zu leben,“ — fährt er fort: „das ist’s, was ein Mensch bei uns antreffen musste, der aus Sibirien geschrieben hatte: „Mehr Glauben, mehr Einheit, und wenn noch Liebe dazu kommt, so ist alles gethan.“ „Das alles war den Unzufriedenen der Herrenpartei sehr zur Hand. Mit dem revolutionären Radikalismus — sei es auch vom entgegengesetzten Ende — ging der Konservatismus sehr wohl zusammen, der — ganz ebenso revolutionär war, wie ihn J. Th. Samarin treffend benannt hat. Es ist auch bekannt, dass jenem ‚Nihilismus‘, dessen erste Formation sozusagen Turgenjew in der Person des Studenten mit burschikosem Unterfutter Bazarow aufgestellt hatte, derselbe Samarin ebenso treffend den Generals-Nihilismus entgegen gestellt hatte. Das französische Sprichwort „les extrêmes se touchent“ ist bei uns auf die glänzendste Weise zur Wahrheit geworden.
Dies konnte ein jeder wahrnehmen, der zufällig an jenem denkwürdigen litterarischen Lese-Abend gegenwärtig war, da der zur 1862 stattfindenden Feier des tausendjährigen Bestandes Russlands verfasste Artikel vorgelesen wurde. Die grosse Reform (Aufhebung der Leibeigenschaft) hatte sich gerade am Vorabende des Millenniums vollzogen und man hätte nun dieses, sollte man meinen, mit beruhigtem Gewissen und einem furchtlosen Blick in die Zukunft feiern können. Als der Lesende zum „Wermutsbecher“ gekommen war, „den das russische Volk im Laufe seines tausendjährigen Lebens hatte leeren müssen,“ sagte er: „Zur Zeit der Thronbesteigung des heute glücklich regierenden Kaisers und Imperators lief der Becher über ...“ Man liess ihn nicht vollenden: „dass der Zar jenen Überschuss von Bitternis daraus weggegossen, welcher sich durch die Leibeigenschaft darin angehäuft hatten — man fasste seine Worte in einem durchaus anderen Sinne auf, als in welchem sie gesagt worden waren, und es brach ein frenetischer Sturm von Applaus und Bravorufen aus. Ich erinnere mich daran, als wäre es heute, mit welchem wollüstigen Entzücken damals gerade die Repräsentanten des nicht verpönten Nihilismus applaudierten — dies war an den Dekorationen ersichtlich, welche sie ungeachtet dessen trugen, dass sie sich in ihren „heiligsten Gefühlen“ verletzt fühlten. Als nun der Vortragende zum Satze kam: „Unsere Administratoren stehen am Rande eines Abgrundes,“ da floss der Enthusiasmus dieser Nihilisten thatsächlich mit dem Enthusiasmus jener Nihilisten zusammen — obwohl, natürlich, jede der extremen Richtungen das Wort ‚Administratoren‘ in ihrer Weise verstand.“
O. Miller erinnert sich nicht, ob Dostojewsky an jenem Abende teilgenommen habe, findet aber den zehn Jahre später im Roman „Die Besessenen“ beschriebenenLeseabend den getreuen Spiegel der hier vorgefallenen Affäre und fügt hinzu, Dostojewsky habe an irgend einem anderen Leseabend Teile aus den „Memoiren aus einem Totenhause“ vorgelesen und das mit Absicht in einem Sinne und Geiste, welcher jenem der Einberufer entgegengesetzt war. Es scheint hier ein Gedächtnisfehler obzuwalten, der indes nichts zu sagen hat, da ja in keinem Berichte dieser beiden Freunde des Dichters je ein Irrtum betreffs der Grundtendenz Dostojewskys vorkommen könnte. Die Erzählungen jener lärmenden Begebenheit selbst jedoch weichen, wie wir sehen, ziemlich von einander ab, und was wir Westländer daraus gewinnen können, ist vornehmlich der Einblick in die Verschiebungen der Standpunkte, wie sie in dem von politisch-litterarischem Leben so heftig pulsierenden Russland sogar innerhalb einer und derselben Partei möglich sind. Die Herausgeber der Materialien gehören beide der konservativ-liberalen Richtung an, dennoch sehen wir in Strachow die Thatsachen bei aller Objektivität der Erzählung gleichsam nach der streng-konservativen, fast möchte man sagen offiziellen Seite umgebogen, während O. Miller mit der feinen Anführung des „Generals-Nihilismus“ dem eigenen Konservatismus gleichsam die Spitze abbricht.
Dieselbe Studenten-Affäre, welche offenbar eine sehr grosse Rolle in der Geschichte der russischen Reformjahre spielt, ist wohl oft genug auch von der gegnerischen Seite aus besprochen worden. Einen längeren Artikel widmet ihr auch der Ukrainophile Dragomanow in dem vor einigen Jahren von ihm in Genf herausgegebenen Briefwechsel zwischen Turgenjew, Kavelin und Herzen. Wir haben es aber hier hauptsächlich mit Dostojewsky und seinem Standpunkt zu thun und fahren in der interessanten Wiedergabe seiner Ansichten durch O. Miller fort. Nach der, durch die uns bekannten Ereignisse erfolgten, Enthebung desProfessors von seinem Lehramte und der vorhergegangenen Einschliessung der Studenten waren im Publikum und namentlich im Volke allerlei missverständliche Meinungen darüber entstanden; „die Gefängnishaft“ — fährt Miller fort — „hatte bekanntlich das Selbstgefühl der Jugend nur erhöht, das sie antrieb, neue Vorschriften abzulehnen, indem sie sich von einem übrigens durchaus ernsten und edlen Gefühle leiten liess, das ihnen verbot, mit jener Vorschrift einverstanden zu sein, wonach Alle verpflichtet waren, ein Kollegiengeld zu entrichten, wodurch alle jene jungen Leute des Zutritts zu höherer Bildung verlustig wurden, welchen die Mittel fehlten, diese Forderung zu erfüllen.“ Wer das nicht wusste, dem musste diese Auflehnung „um irgend welcher Matrikel willen“ in der grossen Stunde der Bauernbefreiung tragikomisch erscheinen. — Das Volk wusste natürlich nicht, um was es sich handle — und urteilte: „Die jungen Herrlein rebellieren, weil man uns die Freiheit gegeben hat.“ Zu Dostojewsky und seinen Ansichten über jene durcheinander gewirrten Verhältnisse übergehend, führt Miller jene Stelle aus dem „Tagebuch eines Schriftstellers“ aus dem Jahre 1873 an, welche sich darauf bezieht und eine Antwort auf die Zumutung ist, als sei Dostojewskys phantastische Satire „das Krokodil“[15]ein Ausfall auf Tschernyschewsky, den Autor des Romans „Was thun?“
„Mit Nikolaus Gawrilowitsch Tschernyschewsky“ — sagt Dostojewsky — „bin ich im Jahre 1859, im ersten Jahre nach meiner Rückkunft aus Sibirien, zusammengetroffen; ich weiss nicht mehr, wo und wieso es geschah.
Später begegneten wir einander manchmal, aber sehrselten, sprachen miteinander, aber sehr wenig. Übrigens reichten wir einander jedesmal die Hand. Herzen hat mir gesagt, Tschernyschewsky habe ihm einen unangenehmen Eindruck gemacht, d. h. durch sein Äusseres, seine Manieren. Mir gefielen das Äussere Tschernyschewskys und seine Manier ganz wohl.
Einmal, am Morgen, fand ich an meiner Wohnungsthüre, auf der Klinke des Schlosses, eine der bemerkenswertesten Proklamationen, welche damals auftauchten; und es tauchten damals nicht wenige auf. Diese hatte die Aufschrift: „An die junge Generation.“ Man kann sich nichts Abgeschmackteres und Dummeres vorstellen. Der Inhalt aufreizend in der lächerlichsten Form, welche nur ein Feind für diese Leute hätte ersinnen können, um sie selbst zu vernichten. Es wurde mir schrecklich zu Mute und ich war den ganzen Tag verdriesslich und verstimmt. Das war damals alles noch so neu und so nahe, dass es sogar noch schwer war, sich diese Leute gründlich anzuschauen. Schwer namentlich, weil es einem nicht recht glaubhaft erschien, dass sich unter all diesem Wirrwarr ein so leerer Unsinn verberge. Ich spreche nicht von der damaligen Bewegung als einem Ganzen, sondern bloss von den Menschen. Was die Bewegung anbelangt, so war sie eine dunkle, krankhafte, aber durch ihre historischen Konsequenzen verhängnisvolle Erscheinung, welche ein ernstes Blatt in der Petersburger Periode unsrer Geschichte ausfüllen wird. Ja, und dieses Blatt ist, scheint es, noch lange nicht zu Ende geschrieben.
Und nun wurde mir, der ich schon lange aus meiner Seele und meinem Herzen heraus weder mit diesen Leuten, noch mit dem Sinne ihrer Bewegung einverstanden war, — mir wurde verdriesslich zu Mute, mir war, als schämte ich mich gleichsam ihres Unverstandes ... Obwohl ich schon drei Jahre in Petersburg gelebt und schon manchenErscheinungen zugesehen hatte — verblüffte mich doch diese Proklamation geradezu, erschien sie mir wie eine neue, unerwartete Entdeckung: niemals bis zu diesem Tage hatte ich eine solche Nichtigkeit vorausgesetzt. Plötzlich, noch ehe es Abend wurde, fiel es mir ein, Tschernyschewsky aufzusuchen. Noch niemals bis auf diesen Augenblick war es mir in den Sinn gekommen, zu ihm zu gehen, ebenso wenig als dies bei ihm der Fall gewesen“ ....
„Nikolai Gawrilowitsch, was ist das?“ und ich zog die Proklamation aus der Tasche.
Er nahm sie in die Hand, wie eine ihm völlig unbekannte Sache, und las sie durch. Es waren im Ganzen zehn Zeilen.
— „Nun, was denn?“ fragte er mit einem leichten Lächeln.
— „Sollten sie denn so dumm und lächerlich sein? Sollte es denn nicht möglich sein, ihnen Einhalt zu thun und dieser Abscheulichkeit ein Ende zu machen?“
Er antwortete ausserordentlich gewichtig und eindringlich: — „Glauben Sie denn, dass ich mit ihnen solidarisch bin, und meinen Sie, dass ich imstande gewesen wäre, an der Abfassung dieses Zettels teilzunehmen?“
— „Das ist’s eben, dass ich das nicht voraussetzte,“ — antwortete ich — „und ich finde es sogar überflüssig, Ihnen das zu versichern. Allein auf jeden Fall ist es nötig, sie aufzuhalten, koste es was es wolle. Ihr Wort ist bei ihnen von Gewicht, und das ist einmal sicher, dass sie Ihre Meinung fürchten.“
— „Ich kenne keinen von ihnen.“
— „Ich bin auch davon überzeugt. Allein es ist durchaus nicht nötig, sie zu kennen und persönlich mit ihnen zu sprechen. Sie brauchen nur laut, wo immer, Ihren Tadel auszusprechen, und es wird zu ihnen gelangen.“
— „Vielleicht wird das auch keine Wirkung haben. Ja, und diese Erscheinungen sind als Nebenfakten unvermeidlich.“
— „Dennoch aber schaden sie allen und allem“ ....
.... „Ich erachte es als meine Pflicht, hier zu bemerken, dass ich vollkommen aufrichtig mit Tschernyschewsky sprach und durchaus daran glaubte, wie ich auch jetzt noch glaube, dass er mit diesen Zerstörern nicht ‚solidarisch‘ gewesen ist.“
Der Schluss von Millers Betrachtungen und die darin enthaltene treffende Beurteilung der Kluft zwischen den russischen und polnischen Anschauungen, welche an die Vorgänge von 1863 anknüpft, ist zu bedeutungsvoll für die Beleuchtung der damaligen Situation und mit einigen Modifikationen auch der heutigen, als dass wir es uns versagen dürften, dieses Resumé vollinhaltlich hierher zu setzen.
„Wenn aber nun eine solche Erscheinung“ — fährt Miller fort — „zur Zeit der Bauern-Befreiung durch ihre „Nichtigkeit“ in ihrer Art komisch war, so kann man das natürlich nicht mehr vom polnischen Aufstande von 1863 sagen. Ich erinnere mich mit Schamgefühl daran, dass ich, als ich damals im Auslande lebte, anfangs den deutschen Zeitungen Glauben schenkte, in dem, was sie über die Grausamkeit unserer Soldaten in Polen verbreiteten. Inzwischen erhob sich ebenfalls dort in Deutschland eine vorurteilslose, — mehr als das, eine feierliche Stimme, wie man thatsächlich keine bei uns daheim gehört hatte, über unsere Bauern-Reform. Es war die Stimme eines Greises mit junger Seele — Jacob Grimms. Er erkannte vollkommen und begrüsste freudig mit seinem allumfassenden, menschlichen Herzen unsere, wie er sich ausdrückte, „riesenhafte Bewegung nach vorwärts“. Und da musste diese Bewegung aufgehalten werden! — Und zur Befriedigung jener europäischen Majorität, welche nicht überden edlen Geist eines Grimm verfügte, entspann sich gerade jetzt der polnische Aufstand mit seinem so blutigen Terrorismus.