X.Petersburg; die letzten zehn Jahre.(1871-1881.)

Der Wunsch, die nihilistische Richtung auf künstlerischem Wege zu brandmarken, hat hier dem Dichter ein schweres Stück Arbeit aufgenötigt, dem sich von vornherein das Positive, das in jeder grossen Kunst und jedem grossen Künstler steckt, entgegensetzen musste. Er musste, um seine Geissel so hart undschwer als möglich zu flechten, um sie so unerbittlich auf die Nacken der „Gottlosen“ niedersausen zu lassen, diesen „Besessenen“ auch jeden menschlichen Zug rauben, jede Anwartschaft auf Sympathie entziehen, musste ihnen sowohl in ihren Zielen, als in ihren Mitteln nur das Ruchloseste zuschreiben und dem Leser solche Scheusale glaubwürdig machen, er, der sein Leben lang den göttlichen Funken im Herzen des vertierten Verbrechers suchte und zu finden verstand. Das Unwahre, Dostojewskysch Unwahre, das dieser Arbeit zu Grunde liegt, diese Spaltung seines Urwesens konnte ihm nicht gelingen und musste ihn mit grossem Unbehagen erfüllen. Dennoch weist der Roman, namentlich in seinem ersten Teil und am Ende, künstlerisch grosse Schönheiten auf, von den tiefen philosophischen Problemen zu schweigen, welche zu dem Ergebnis führen, dass der aufrichtige Atheismus, je nach der sittlichen Person, die er ergreift, im Mord oder Selbstmord seinen Abschluss findet.In den Mund Stepan Trofimowitsch’, den geistreich-sentimentalen Litteraten der vierziger Jahre, eine der köstlichsten Figuren des Dostojewskyschen Humors, legt der Dichter, wie er das so gerne thut, das Resumé des Buches, seine Wahrheit nieder. Da dieses grosse, eitle, ‚genialische‘ Kind in einer fremden Herberge erkrankt und von einem armen, Evangelien verkaufenden Frauenzimmer gepflegt wird, das er ‚ma chère innocente‘ oder ‚chère et incomparable amie‘ nennt, da fällt ihm plötzlich ein, sie solle ihm „von den Säuen“ vorlesen; „de ces cochons“ — „ich erinnere mich: die Teufel fuhren in die Säue und alle sind ersoffen. Lesen Sie es mir unbedingt, ich will Ihnen dann sagen, warum. Ich will mich wörtlich daran erinnern, wörtlich will ich es haben.“ — — Nun liest Sofja Matwejewna die Stelle aus dem Evangelium Lucae, VIII, 32, 33, welche der Dichter als Motto vor sein Werk gesetzt hat:

Der Wunsch, die nihilistische Richtung auf künstlerischem Wege zu brandmarken, hat hier dem Dichter ein schweres Stück Arbeit aufgenötigt, dem sich von vornherein das Positive, das in jeder grossen Kunst und jedem grossen Künstler steckt, entgegensetzen musste. Er musste, um seine Geissel so hart undschwer als möglich zu flechten, um sie so unerbittlich auf die Nacken der „Gottlosen“ niedersausen zu lassen, diesen „Besessenen“ auch jeden menschlichen Zug rauben, jede Anwartschaft auf Sympathie entziehen, musste ihnen sowohl in ihren Zielen, als in ihren Mitteln nur das Ruchloseste zuschreiben und dem Leser solche Scheusale glaubwürdig machen, er, der sein Leben lang den göttlichen Funken im Herzen des vertierten Verbrechers suchte und zu finden verstand. Das Unwahre, Dostojewskysch Unwahre, das dieser Arbeit zu Grunde liegt, diese Spaltung seines Urwesens konnte ihm nicht gelingen und musste ihn mit grossem Unbehagen erfüllen. Dennoch weist der Roman, namentlich in seinem ersten Teil und am Ende, künstlerisch grosse Schönheiten auf, von den tiefen philosophischen Problemen zu schweigen, welche zu dem Ergebnis führen, dass der aufrichtige Atheismus, je nach der sittlichen Person, die er ergreift, im Mord oder Selbstmord seinen Abschluss findet.

In den Mund Stepan Trofimowitsch’, den geistreich-sentimentalen Litteraten der vierziger Jahre, eine der köstlichsten Figuren des Dostojewskyschen Humors, legt der Dichter, wie er das so gerne thut, das Resumé des Buches, seine Wahrheit nieder. Da dieses grosse, eitle, ‚genialische‘ Kind in einer fremden Herberge erkrankt und von einem armen, Evangelien verkaufenden Frauenzimmer gepflegt wird, das er ‚ma chère innocente‘ oder ‚chère et incomparable amie‘ nennt, da fällt ihm plötzlich ein, sie solle ihm „von den Säuen“ vorlesen; „de ces cochons“ — „ich erinnere mich: die Teufel fuhren in die Säue und alle sind ersoffen. Lesen Sie es mir unbedingt, ich will Ihnen dann sagen, warum. Ich will mich wörtlich daran erinnern, wörtlich will ich es haben.“ — — Nun liest Sofja Matwejewna die Stelle aus dem Evangelium Lucae, VIII, 32, 33, welche der Dichter als Motto vor sein Werk gesetzt hat:

„Es war aber daselbst eine grosse Herde Säue an der Weide auf dem Berge. Und sie baten ihn, dass er ihnen erlaubte, in dieselbigen zu fahren. Und er erlaubte es ihnen.Da fuhren die Teufel aus dem Menschen und fuhren in die Säue; und die Herde stürzte sich mit einem Sturm in den See undersoff.“

„Es war aber daselbst eine grosse Herde Säue an der Weide auf dem Berge. Und sie baten ihn, dass er ihnen erlaubte, in dieselbigen zu fahren. Und er erlaubte es ihnen.

Da fuhren die Teufel aus dem Menschen und fuhren in die Säue; und die Herde stürzte sich mit einem Sturm in den See undersoff.“

„Meine Freundin,“ sagte am Schluss Stepan Trofimowitsch in grosser Aufregung, „savez-vous, diese wunderbare .... ungewöhnliche Stelle war mir mein ganzes Leben lang ein Stein des Anstosses .... dans ce livre .... so, dass ich mich an diese Stelle seit meiner Kinderzeit erinnere. Jetzt aber ist mir ein Gedanke gekommen — une comparaison. Mir kommen jetzt schrecklich viele Gedanken: sehen Sie, das ist Punkt für Punkt unser Russland. Diese Teufel, die aus dem Kranken heraus in die Säue fahren, das sind alles die Gifte, die Miasmen, alle Unreinigkeit, alle Teufel und alle Teufelchen, welche sich in unserem grossen, teueren Kranken, in unserem Russland angesammelt haben, seit Jahrhunderten, seit Jahrhunderten! Oui, cette Russie, que j’aimais toujours! Aber ein hoher Gedanke und ein hoher Wille beschützen es von oben, wie diesen sinnlosen Besessenen, und es werden alle diese Teufel aus ihm fahren, alle diese Unreinigkeit, all’ diese Abscheulichkeit, die sich auf der Oberfläche angefault hat ... und sie werden selbst darum bitten, in die Säue zu fahren. Ja, und sie sind vielleicht schon hineingefahren! Das sind wir, wir und die andern, Pjetruscha ... et les autres avec lui ... und ich vielleicht der Erste darunter; und wir Sinnlosen und Besessenen werden uns vom Felsen ins Meer stürzen und werden alle ersaufen; denn dahin geht unser Weg, weil unsere Kraft ja nur dazu ausreicht. Allein der Kranke wird genesen, „sitzen zu den Füssen Jesu“ ... und alle werden es mit Verwunderung schauen ... Liebe, vous comprendrez après, jetzt aber erregt mich das alles sehr ... Vous comprendrez après ... Nous comprendrons ensemble.

„Meine Freundin,“ sagte am Schluss Stepan Trofimowitsch in grosser Aufregung, „savez-vous, diese wunderbare .... ungewöhnliche Stelle war mir mein ganzes Leben lang ein Stein des Anstosses .... dans ce livre .... so, dass ich mich an diese Stelle seit meiner Kinderzeit erinnere. Jetzt aber ist mir ein Gedanke gekommen — une comparaison. Mir kommen jetzt schrecklich viele Gedanken: sehen Sie, das ist Punkt für Punkt unser Russland. Diese Teufel, die aus dem Kranken heraus in die Säue fahren, das sind alles die Gifte, die Miasmen, alle Unreinigkeit, alle Teufel und alle Teufelchen, welche sich in unserem grossen, teueren Kranken, in unserem Russland angesammelt haben, seit Jahrhunderten, seit Jahrhunderten! Oui, cette Russie, que j’aimais toujours! Aber ein hoher Gedanke und ein hoher Wille beschützen es von oben, wie diesen sinnlosen Besessenen, und es werden alle diese Teufel aus ihm fahren, alle diese Unreinigkeit, all’ diese Abscheulichkeit, die sich auf der Oberfläche angefault hat ... und sie werden selbst darum bitten, in die Säue zu fahren. Ja, und sie sind vielleicht schon hineingefahren! Das sind wir, wir und die andern, Pjetruscha ... et les autres avec lui ... und ich vielleicht der Erste darunter; und wir Sinnlosen und Besessenen werden uns vom Felsen ins Meer stürzen und werden alle ersaufen; denn dahin geht unser Weg, weil unsere Kraft ja nur dazu ausreicht. Allein der Kranke wird genesen, „sitzen zu den Füssen Jesu“ ... und alle werden es mit Verwunderung schauen ... Liebe, vous comprendrez après, jetzt aber erregt mich das alles sehr ... Vous comprendrez après ... Nous comprendrons ensemble.

Wir kehren zur Korrespondenz der letzten Zeit im Auslande zurück und nehmen nur die markantesten Stellen einzelner Briefe hier heraus. Da ist noch am Schlusse des Briefes vom 2. (14.) Dezember 1870 an Strachow die Stelle: „Turgenjews ‚König Lear‘ hat mir gar nicht gefallen. Ein aufgeblähtes, hohles Ding. Der Ton niedrig. Ich sage das nicht aus Neid, weiss Gott!“

In einem Briefe an A. Maikow vom 30. Dezember 1870 finden wir ausser den uns bekannten geschäftlichen Erörterungenam Schlusse eine Stelle, welche als Illustration von Dostojewskys unkritischem Pessimismus in Dingen der europäischen Nationalitäten bezeichnend ist. Finden wir den Dichter in Frankreich mit den Franzosen, in Genf mit den Schweizern höchst unzufrieden, so ist seine Missgunst gegen Deutsche und Deutschland, so lange er dort lebt, ganz genügend, um sich wieder einmal der Franzosen anzunehmen. Man fühlt an solchen Äusserungen das ganz subjektive, vom Augenblick bestimmte Urteil auf dem, allerdings einheitlichen, Untergrunde des „Nichteuropäers“. Er spricht zuerst von seiner Heimkehr, die sowohl er als auch Anna Grigorjewna nicht mehr erwarten können, und fährt fort:

„Strachow schreibt mir, dass in unserer Gesellschaft noch alles furchtbar jugendlich-grün ist. Wenn Ihr wüsstet, wie sehr das von hier aus ersichtlich ist! Aber wenn Sie wüssten, was für einen blutigen Hass, bis zum Abscheu, Europa in diesen vier Jahren in mir hervorgerufen hat! Du lieber Gott, was hat man bei uns für Vorurteile über Europa! Nun, ist jener Russe nicht ein Säugling (das sind aber fast alle), welcher daran glaubt, dass der Preusse durch die Schule gesiegt hat? Das ist sogar schamlos: eine schöne Schule, welche quält und plündert wie eine Hunnenhorde (wenn nicht noch ärger?).

Sie schreiben, dass sich jetzt in Frankreich der Geist der Nation gegen die brutale Macht erhebt? Daran habe ich von allem Anfang an nie gezweifelt; und wenn sie dort keine Böcke schiessen, indem sie Frieden schliessen, sondern noch drei Monate ausharren, so werden die Deutschen hinausgejagt und dann — welche Schande! Da hätte man viel zu schreiben — und ich könnte Ihnen viel Interessantes aus eigener Anschauung mitteilen: z. B. wie die Soldaten von hier aus nach Frankreich aufbrachen, wie man sie zusammenruft, ausrüstet, verpflegt und fortführt.Das ist ungeheuer interessant. Ein armseliges Weiblein zum Beispiel, das davon lebt, dass sie zwei Stübchen aufnimmt, sie einrichtet und dann vermietet (sie besitzt also um ein paar Groschen Einrichtungsstücke), wird, da sie eigene Möbel hat, verpflichtet, auf ihre Rechnung zehn Soldaten aufzunehmen und zu beköstigen. Die bleiben drei Tage, zwei Tage, einen Tag, selten eine Woche. Aber das kommt sie ja auf 20-30 Thaler. — Ich selbst habe einige Briefe von jungen deutschen Soldaten, die vor Paris standen, an ihre hiesigen Angehörigen (Krämer, Marktweiber) gelesen. Herrgott, was schreiben die! Wie sind sie krank, wie hungrig!

Es wäre viel zu erzählen. Unter anderem folgende Beobachtung: Anfangs wurde die Wacht am Rhein sehr oft auf der Strasse in der Menge gesungen — jetzt gar nicht mehr. Am allermeisten erhitzen und brüsten sich die Professoren, Doktoren, Studenten, das Volk aber — nicht besonders; sogar durchaus nicht. Ich begegne jenen an jedem Abend in der Lesehalle. Einer mit einem schneeweissen Kopfe, ein einflussreicher Gelehrter, schrie vorgestern sehr laut: „Paris muss bombardiert werden!“ Das sind die Ergebnisse ihrer Gelehrsamkeit; wenn nicht der Gelehrsamkeit, so — der Dummheit. Mögen sie Gelehrte sein, doch sind sie schreckliche Dummköpfe! Noch eine Beobachtung: Das ganze hiesige Volk kann lesen und schreiben, ist aber unglaublich ungebildet, dumm, stumpf, von den untergeordnetsten Interessen erfüllt“ usw.

Im nächsten Briefe setzt der Dichter seine kritiklosen Kritiken fort und es fällt dabei ein Streiflicht auf Russlands Verhältnis zu Frankreich, das wegen seiner heute völlig veränderten Gestalt einen Kommentar zu den Ironieen der Geschichte zu bieten vermöchte. Es heisst da (30. Januar 1871): „— — Was Sie über unsere Gesellschaftsagen, habe ich mit Kummer in Ihrem Briefe gelesen; und was man von den deutschen Angelegenheiten denken soll, das wissen Sie selbst. Mehr Lug und Trug kann man sich ja gar nicht vorstellen. Mit dem Schwerte wollen sie Napoleons Thron wieder aufrichten, indem sie sich ihn und seine Nachkommenschaft für alle Ewigkeit zu Sklaven machen wollen, ihm aber dafür die Erbfolge sichern, d. h. also: alles, was er nur braucht — das ist klar. Sie werden sehen: wenn auch eine National-Versammlung tagen wird, so werden sie dieselbe durch die Unmässigkeit ihrer (ausgeklügelten) Forderungen zwingen, damit nicht einverstanden zu sein und dann — werden sie den Napoleon proklamieren.

Erinnern Sie sich an den Text des Evangeliums: ‚Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen?‘ Nein, was durch das Schwert aufgebaut ist, wird nicht bestehen! Und nach dem schreien sie „Jung Deutschland“. Umgekehrt — es ist eine Nation, die ihre Kraft verbraucht hat — denn nach einem solchen Geist, nach einer solchen Wissenschaft sich der Idee des Schwertes, des Blutes, der Gewalt anvertrauen und nicht einmal ahnen, was Geist und Geistessieg ist, und darüber mit korporalsmässiger Grobheit lachen, was ist das anders. Nein, das ist eine tote Nation, eine Nation ohne Zukunft. Wenn sie aber lebendig ist, so wird sie, glauben Sie mir, nach dem ersten Taumel in sich selbst einen Protest erstehen sehen, ein Streben zum Besseren, und das Schwert wird von selbst fallen.

Und noch das: Die materielle Erschöpfung Deutschlands ist so gross, dass es kaum mehr vier Monate Widerstand aushalten wird. Wenn sie von Frankreich zurückkommen, werden sie uns anfangs ein, zwei Jahre schön thun! Übrigens kann es geschehen, dass sie sich irgendwie schon früher gröblich verschnappen.

Gott schütze den Zar und Russland — aber für Europa ist die Zukunft wirklich kritisch.“

Wenden wir uns wieder der positiven und fruchtbaren Seite von Dostojewskys vaterländischer Thätigkeit zu. In einem Briefe vom 14. März 1871 an Apollon Maikow sagt der Dichter: „Ihr schmeichelhafter Ausspruch über den Anfang meines Romans hat mich in Entzücken versetzt. Gott, wie habe ich gefürchtet und wie fürchte ich noch! Wenn Sie dies lesen, werden Sie wahrscheinlich auch schon die zweite Hälfte des ersten Teils im Februarheft des „Russkij Wjestnik“ gelesen haben. Was werden Sie sagen? Ich fürchte, ich fürchte. Was das weitere anbelangt, so bin ich einfach in Verzweiflung, ob ich’s zurecht bringe. — Nebenbei gesagt: das Werk wird ja im ganzen vier Teile haben — 40 Bogen. Stepan Trofimowitsch wird eine Nebenfigur sein. Der Roman wird gar nicht von ihm handeln, allein seine Geschichte ist eng mit den übrigen (Haupt-) Vorgängen des Romans verknüpft, und darum habe ich ihn gleichsam zum Eckstein des ganzen genommen. Immerhin aber wird Stepan Trofimowitsch im vierten Teile sein Benefiz haben. Hier wird das sehr originelle Ende seines Schicksals Platz finden. Für alles andere stehe ich nicht, aber für diese Stelle verbürge ich mich von vornherein. [Wir haben gesehen, wie richtig diesmal des Dichters Empfindung und Urteil war.]

Aber ich wiederhole noch einmal, ich fürchte mich, wie eine geschreckte Maus. Die Idee hat mich berückt, und ich habe sie furchtbar leidenschaftlich erfasst. Komme ich aber durch, oder ist der ganze Roman ein .....? Das ist das Elend.

Stellen Sie sich vor, dass ich schon aus aller Welt verschiedene Glückwunsch-Schreiben über den Anfang erhalten habe. Das hat mir sehr, sehr viel Mut gemacht. Allein, ohne Ihnen zu schmeicheln, sage ich gerade heraus,dass Ihre Äusserung mir wertvoller ist als alles andere.“ Hier muss man sich erinnern, dass Strachow nur die erste Hälfte des ersten Teiles gelesen hatte, worin eben Stepan Trofimowitsch die Hauptrolle spielt. „Erstens“ — fährt Dostojewsky fort — „werden Sie mir ja nicht schmeicheln, und zweitens ist in Ihrer Auseinandersetzung ein genialer Gedanke hervorgesprungen: „Das sind Turgenjews Helden im Alter“. Das ist genial! Während ich schrieb, dämmerte mir selbst etwas Ähnliches. Sie aber haben es mit drei Worten, als wie mit einer Formel bezeichnet. Ich danke Ihnen für diese Worte. Sie haben mir das ganze Werk beleuchtet.

Ich habe mich entschlossen, unbedingt im Frühling heimzukehren, da werden wir was plaudern!“

In einem Briefe vom 18. (30.) März schreibt der Dichter an Strachow: „Wenn ich lange keine Anfälle gehabt habe und sie sich plötzlich wieder entladen, so folgt darauf eine ungewöhnliche seelische Herabstimmung. Da bin ich am Rande der Verzweiflung. Früher hat diese Schwermut etwa drei Tage nach einem Anfalle gedauert, jetzt aber hält sie sieben, acht Tage an, obwohl die Anfälle selbst in Dresden seltener auftreten, als irgendwo sonst. Zweitens plagt mich der Kummer über meine Arbeit. Es ist nicht zu sagen, wie schwer ich schreibe. Ich muss nach Russland, wenn ich auch das Petersburger Klima ganz entwöhnt bin. Immerhin, koste es was es wolle, ich muss heimkehren .....

Sie können sich nicht vorstellen, was für traurige und schwere Gedanken mich beim Lesen Ihres Briefes bedrängt haben. Was heisst denn das? „Alles das, wodurch die „Zarjá“ originell war, alles, was ihr vor allen anderen einen individuellen Charakter verliehen hat, alles das hat man als ein Hindernis für ihren Erfolg erkannt. Und das ist die einzige russische Zeitschrift, in der sichnoch die reine litterarische Kritik erhalten hat! Gerade darum, weil alle sie aufgegeben haben, ist sie eben jetzt nötig. Sie hat der „Zarjá“ ihre Physiognomie verliehen. Vor dem Gerede und Gespötte haben sie Angst bekommen! Im Gegenteil; in jeder Nummer hätten sie auf ihrer Idee bestehen sollen, und ihrer wäre die Zukunft gewesen. Ich weiss nicht, wie es bei anderen ist, aber ich habe jedesmal nach Erhalt des Heftes Ihre Artikel zuerst aufgeschnitten und mich daran berauscht. Es versteht sich, dass ich manchmal nicht ganz einverstanden war (so z. B. mit der Methode, dem Tone, d. h. mit Ihrer allzugrossen Weichheit und ausserdem mit Ihrem Vergrössern gewisser Erscheinungen der Litteratur und des Lebens) — aber mein Interesse daran war immer ein ausserordentliches. Ihr Artikel über Karamsin ist so tief und so männlich offen, dass ich hier eine helle Freude darüber hatte, dass bei uns noch solche Stimmen zu hören sind. Sie haben mir, so nebenbei, gesagt, und ich habe auch irgendwo etwas darüber gelesen und, so weit auch ich selbst urteilen kann, scheint es so, dass man den Artikel reaktionär findet. Dies denkt doch nicht auch Ihre Redaktion?“

In der weiteren Fortsetzung des Briefes spricht der Dichter eingehend über Strachows Verhältnis zur „Zarjá“, erteilt ihm litterarische Ratschläge und schliesst: „Abermals wiederhole ich, dass ich mit grosser Sehnsucht, ja mit Aufregung den Augenblick des Wiedersehens mit den früheren nahen Menschen in Petersburg erwarte. Hier muss ich aber noch eine Bitte stellen: sprechen Sie, wenn sich die Gelegenheit dazu böte, mit niemand von meiner baldigen Zurückkunft als einer Gewissheit. Ich möchte gern wenigstens die erste Woche nach meiner Heimkehr von den Gläubigern in Ruhe gelassen werden. Ich erwarte es, dass sie gleich auf mich losstürzen; ich fürchte das aber, weil ich kein Geld habe, sondern nur Erwartungen.— Das Schreiben geht nicht, Nikolai Nikolajewitsch, oder mit furchtbarer Anstrengung. Ich denke, das ist nur — weil ich Russland brauche. Um jeden Preis muss ich zurück. Mir scheint, ich werde in der Mitte des Sommers bei Euch auftauchen. Welche Umstände aber mit der Übersiedelung! Zu zweien sind wir fortgezogen, ich mit meinem jungen Weibe, und nun, obwohl ich mit der ebenso jungen Gattin zurückkehre, so ist’s doch auch mit Kindern! Ein Geheimnis: das eine ist 1½ Jahre alt, das zweite aber noch XYZ. Was werden das für Beschwerden auf der Reise sein!“

In einem Briefe an Apollon N. Maikow vom 21. April (a. St.) 1871, welcher zumeist geschäftlichen Inhalts ist, spricht er ebenfalls über die Nötigung der Heimkunft, welche aber durch die im August zu erwartende Niederkunft Anna Grigorjewnas abermals verzögert werden könnte. Er hat sich an die Redaktion des „Russkij Wjestnik“ gewendet, um 1000 Rubel Vorschuss für die Übersiedelung zu erlangen. Nun schickt man ihm allerdings einiges Geld für die Osterfeiertage, die 1000 Rubel aber bittet man ihn erst Ende Juni zu erwarten. Er meint dazu: „Indessen ist es ja geradezu unmöglich zu warten. Anfangs August soll meine Frau in die Wochen kommen; darum ist es unvergleichlich besser, zwei Monate vor der Niederkunft zu reisen, als einen Monat vorher, denn im letzteren Falle ist es sogar unmöglich. Bedenken Sie, dass wir ohne Dienerin und mit einem kleinen Kinde reisen müssen. Nach der Geburt hier bleiben, ist aber auch unmöglich; man kann mit einem neugeborenen Kinde nicht im Oktober reisen. Endlich, noch ein Jahr in Dresden bleiben, ist schon das allerunmöglichste. Das hiesse Anna Grigorjewna schon ganz umbringen, durch die Verzweiflung, deren sie nicht Herr werden könnte; denn sie ist thatsächlich vor Heimweh krank. Auch ich kann nicht mehrein Jahr ausbleiben; erstens werde ich, wenn ich hier bleibe, aus mir bekannten Ursachen nicht imstande sein, den Roman zu beenden, und kann in geschäftlicher Beziehung noch furchtbar viel verlieren. Das alles werde ich Ihnen beim Wiedersehen erklären.

— — Dabei habe ich folgende Schlüsse gezogen, Schlüsse, die Sie sicherlich ebenfalls kennen, von deren Wahrheit Sie aber noch nicht vollständig durchdrungen sind, wie auch ich es bis in die allerletzte Zeit nicht gewesen bin. Es handelt sich um dieses: Infolge der grossen Umwälzungen, von den staatlichen angefangen bis zu dem Kreise des rein Litterarischen, ist bei uns die allgemeine Bildung und Erkenntnis auf einige Zeit zersplittert, zerstreut, gesunken. Die Leute haben sich eingebildet, dass sie keine Zeit mehr haben, sich mit Litteratur (gleichsam einem Spielzeug; was für eine Bildung!) zu befassen, und es ist das Niveau des kritischen Empfindens und aller litterarischen Bedürfnisse schrecklich tief gesunken, sodass jeder Kritiker, der etwa bei uns auftauchen sollte, jetzt gar nicht die richtige Wirkung hervorrufen würde. Dobroljubow und Pissarew haben gerade darum Erfolg gehabt, weil sie im Wesentlichen die Litteratur verwarfen — das ganze Gebiet des menschlichen Geistes! Gutheissen kann man das unmöglich, sondern man muss gleichwohl in seiner kritischen Thätigkeit fortfahren. Verzeihen Sie mir also den Rat, wie ich an Ihrer Stelle verfahren würde.

Sie sprachen in einer Ihrer Broschüren eine herrliche Idee aus und, was die Hauptsache ist, es geschah dies zum erstenmale in unserer Litteratur. Es ist diese: dass jedes halbwegs bedeutende und wirkliche Talent bei uns — immer damit endigte, dass es sich dem Nationalgefühl zuwandte, volkstümlich, slavophil wurde. So hat der Geck Puschkin plötzlich, früher als alle Kirejewskys und Chomjakows, den Chronikenschreiber im Wunderkloster geschaffen,d. h. früher, als alle Slavophilen, ihre ganze Wesenheit ausgedrückt und — nicht genug an dem — er hat dies unvergleichlich tiefer ausgedrückt, als sie alle es bis auf den heutigen Tag gethan haben.

Sehen Sie hingegen Herzen an — fährt der Dichter fort — wie viel Sehnsucht und Bedürfnis, auf diesen Pfad zurückzukehren, und welches Unvermögen dazu, infolge seiner widerwärtigen persönlichen Eigenschaften! Noch mehr; dieses Gesetz der Rückkehr zum Nationalen kann man nicht nur bei den Dichtern und den litterarischen Faktoren verfolgen, sondern in allen anderen Thätigkeiten; derart, dass man zuletzt auch ein zweites Gesetz daraus entwickeln könnte. Nämlich: Wenn ein Mensch wirklich Talent hat, so wird er trachten, sich aus einer schon verwitterten Gesellschaftsschichte heraus dem Volke zuzuwenden; wenn er aber thatsächlich kein Talent hat, so wird er nicht nur in der verwitterten Schichte verbleiben, sondern sich verpflanzen, katholisch werden usw. — — Belinsky (den Sie heute noch schätzen) war gerade durch sein Talentchen kraftlos und schwach, hat aber auch darum Russland verflucht und ihm sichtlich viel Schaden zugefügt (von Belinsky wird man noch einmal vieles zu sagen haben, Sie werden es schon sehen). Allein die Sache ist die, dass in dieser von Ihnen ausgesprochenen Idee so viel Kraft liegt, dass sie unbedingt für sich allein und speziell ausgeführt werden sollte. Schreiben Sie einen Artikel über dieses Thema, entwickeln Sie es im Einzelnen. Man wird sich gewiss darüber freuen. Es wird dieselbe Kritik sein, nur in anderer Form. Zwei, drei solcher Aufsätze im Jahre, und ich prophezeie Ihnen Erfolg. Ausserdem aber wird das Publikum Sie nicht vergessen, sondern sagen, dass Sie in einen Kreis getreten sind, wo man Sie besser versteht. Die Hauptsache ist: wozu die Litteratur aufgeben?

— — Ich kehre erst im Juni heim, so haben sichmeine Geldmittel gestaltet. — Hören Sie, was ich Ihnen noch über Ihre letzte Beurteilung meines Romans sagen will. Erstlich haben Sie mich für das, was Sie Gutes darin finden, gar zu hoch gestellt, und zweitens haben Sie ungemein fein auf meine Hauptmängel hingewiesen. Ja, ich habe darunter gelitten und leide darunter; ich verstehe bis heute nicht (ich hab’ es nicht gelernt), meine Mittel richtig zu gebrauchen. Eine Menge einzelner Romane drängen sich bei mir in einen hinein, sodass weder Mass noch Harmonie vorhanden ist. Das alles haben Sie erstaunlich richtig ausgesprochen. Und wie habe ich selbst schon viele Jahre darunter gelitten, da ich es selbst erkannte!“

Zu dieser Stelle bringt Strachow in einer Fussnote einen Abriss seines kritischen Briefes an Dostojewsky, der im wesentlichen unseren Eindruck vom Roman „Die Besessenen“ bestätigt. Er lautet:

„Im zweiten Teile der „Besessenen“ sind wunderbare Dinge enthalten, welche mit dem Besten, das Sie geschrieben haben, in einer Reihe stehen. Der Nihilist Kirillow ist erstaunlich tief und scharf gezeichnet. Die Erzählung der Verrückten, die Szene in der Kirche, ja sogar die ganz kleine Szene mit Karmasinow — das sind lauter Perlen künstlerischer Vollendung. Allein der Eindruck auf das Publikum ist bis jetzt noch ein sehr unbestimmter. Es sieht dies Ziel der Erzählung nicht und verliert sich in der Menge der Personen und Episoden, deren Verknüpfung ihm nicht klar ist. Verzeihen Sie, dass ich Ihnen diese unangenehmen Urteile schreibe. Es ist mir sogar in den Kopf gekommen, Ihnen Ratschläge zu erteilen, und ich kann mich dieser Dummheit nicht enthalten, welche ich als den Ausdruck meines sehr grossen Interesses an Ihrer Thätigkeit hinzunehmen bitte.“„Offenbar sind Sie, was den Reichtum und die Mannigfaltigkeit der Ideen anlangt, bei uns der Erste, und sogar Tolstoj ist im Vergleich mit Ihnen einförmig. Das hindert nicht, dass über allem, was Sie schaffen, ein besonderes und starkes Kolorit ausgebreitetist. Allein Sie schreiben sichtlich zum grossen Teil für ein ausgewähltes Publikum und Sie füllen Ihre Schöpfungen zu sehr an, komplizieren sie allzu sehr. Wäre das Gewebe Ihrer Romane ein einfacheres, so würden sie stärker wirken. „Der Spieler“ zum Beispiel und „Der Hahnrei“ haben die klarsten Eindrücke hervorgerufen, während alles, was Sie in den „Idioten“ gelegt haben, verloren ging.“Diesem Urteil Strachows können wir nur hinsichtlich der zwei zuerst genannten Werke beipflichten. Über den „Idiot“ haben wir weiter oben einen sehr verschiedenen Eindruck ausgesprochen.„Dieser Mangel“ — fährt Strachow in jenem Briefe fort — „steht natürlich mit Ihren Vorzügen in enger Verbindung. Ein geschickter Franzose oder Deutscher würde sich, hätte er den zehnten Teil Ihres Gehaltes, auf beiden Hemisphären berühmt machen und als Leuchte ersten Grades in die Geschichte der Weltlitteratur einführen. Das ganze Geheimnis liegt, scheint mir, darin, dass die Schöpferkraft geschwächt, die Schärfe der Analyse reduziert werde, dass man anstatt zwanzig Bilder und hundert Szenen sich mit Einem Bilde und einem Dutzend Szenen bescheiden sollte. Verzeihen Sie, Theodor Michailowitsch, allein es scheint mir, dass Sie bis zur Stunde mit Ihrem Talente nicht zu schalten, es nicht für die grösste Wirkung auf das Publikum zuzubereiten wissen. Ich fühle, dass ich hier an ein grosses Mysterium rühre, dass ich Ihnen einen höchst unsinnigen Ratschlag vorlege — den, dass Sie aufhören Sie selbst, aufhören Dostojewsky zu sein. Allein ich denke, dass Sie in dieser Form meine Gedanken dennoch verstehen werden.“

„Im zweiten Teile der „Besessenen“ sind wunderbare Dinge enthalten, welche mit dem Besten, das Sie geschrieben haben, in einer Reihe stehen. Der Nihilist Kirillow ist erstaunlich tief und scharf gezeichnet. Die Erzählung der Verrückten, die Szene in der Kirche, ja sogar die ganz kleine Szene mit Karmasinow — das sind lauter Perlen künstlerischer Vollendung. Allein der Eindruck auf das Publikum ist bis jetzt noch ein sehr unbestimmter. Es sieht dies Ziel der Erzählung nicht und verliert sich in der Menge der Personen und Episoden, deren Verknüpfung ihm nicht klar ist. Verzeihen Sie, dass ich Ihnen diese unangenehmen Urteile schreibe. Es ist mir sogar in den Kopf gekommen, Ihnen Ratschläge zu erteilen, und ich kann mich dieser Dummheit nicht enthalten, welche ich als den Ausdruck meines sehr grossen Interesses an Ihrer Thätigkeit hinzunehmen bitte.“

„Offenbar sind Sie, was den Reichtum und die Mannigfaltigkeit der Ideen anlangt, bei uns der Erste, und sogar Tolstoj ist im Vergleich mit Ihnen einförmig. Das hindert nicht, dass über allem, was Sie schaffen, ein besonderes und starkes Kolorit ausgebreitetist. Allein Sie schreiben sichtlich zum grossen Teil für ein ausgewähltes Publikum und Sie füllen Ihre Schöpfungen zu sehr an, komplizieren sie allzu sehr. Wäre das Gewebe Ihrer Romane ein einfacheres, so würden sie stärker wirken. „Der Spieler“ zum Beispiel und „Der Hahnrei“ haben die klarsten Eindrücke hervorgerufen, während alles, was Sie in den „Idioten“ gelegt haben, verloren ging.“

Diesem Urteil Strachows können wir nur hinsichtlich der zwei zuerst genannten Werke beipflichten. Über den „Idiot“ haben wir weiter oben einen sehr verschiedenen Eindruck ausgesprochen.

„Dieser Mangel“ — fährt Strachow in jenem Briefe fort — „steht natürlich mit Ihren Vorzügen in enger Verbindung. Ein geschickter Franzose oder Deutscher würde sich, hätte er den zehnten Teil Ihres Gehaltes, auf beiden Hemisphären berühmt machen und als Leuchte ersten Grades in die Geschichte der Weltlitteratur einführen. Das ganze Geheimnis liegt, scheint mir, darin, dass die Schöpferkraft geschwächt, die Schärfe der Analyse reduziert werde, dass man anstatt zwanzig Bilder und hundert Szenen sich mit Einem Bilde und einem Dutzend Szenen bescheiden sollte. Verzeihen Sie, Theodor Michailowitsch, allein es scheint mir, dass Sie bis zur Stunde mit Ihrem Talente nicht zu schalten, es nicht für die grösste Wirkung auf das Publikum zuzubereiten wissen. Ich fühle, dass ich hier an ein grosses Mysterium rühre, dass ich Ihnen einen höchst unsinnigen Ratschlag vorlege — den, dass Sie aufhören Sie selbst, aufhören Dostojewsky zu sein. Allein ich denke, dass Sie in dieser Form meine Gedanken dennoch verstehen werden.“

Man kann Dostojewskys Fehler und Mängel nicht klarer und prägnanter kennzeichnen, als dies hier Strachow thut. Allerdings geschieht dies nur nach der positiven Seite hin, im Hinblick auf die Fehler, welche aus des Dichters übergrossem Reichtum an seelischer Nüancirung hervorquellen. Was uns als Mangel erscheinen muss, das Fehlen jeder Teilnahme für die Reize und Gewalten der Natur, oder die, der leblosen Umgebung des Menschenentströmende, oder von ihm auf diese ausgestreute Stimmung, das hat der Kritiker nicht berührt und er hat Recht damit gethan. Er mochte wohl fühlen, dass diese Mängel zu jenen gehören, welche am innigsten mit unserer Lebenswurzel verflochten sind und nicht genannt werden dürfen, weil dem, der sie zu tragen hat, keine Macht innewohnt, sie von sich zu lösen, sie selbst zu sehen. Für uns Fernerstehende müssen diese Mängel als das erscheinen, was sie sind: ein Übergewicht des inneren Realismus über den äusseren der Gegenstandswelt, der Grundmangel, aus dem der Fehler des Stoff-Aufhäufens als sichtbare Folge hervortritt. Uns fehlen in Dostojewskys Schöpfungen wohl niemals die tiefen und geheimnisvollen Anlässe in den Handlungen seiner Charaktere, wohl aber fast immer die äusseren und äusserlichen Bindeglieder und sinnlichen Übergänge, wie sie unsere Dutzenddichter zu Hauptmotiven so reichlich verarbeiten. Diese Mängel nun scheinen den Dichter keineswegs gestört zu haben. Ein anderes ist es, das, wie schon gesagt, ihn sehr quälte.

„Es giebt aber noch ein Schlimmeres,“ fährt er in jenem Briefe an Strachow fort, „ich mache mich, ohne meine Mittel zu berechnen, und nur vom poetischen Zuge hingerissen, daran, einen künstlerischen Gedanken auszudrücken, dem ich nicht gewachsen bin. (NB. So ist die Kraft der poetischen Begeisterung immer, z. B. bei Victor Hugo, stärker als die Mittel zur Ausführung. Sogar bei Puschkin lassen sich Spuren dieser Zweiheit erkennen.) Und damit ruiniere ich mich. — Ich füge hinzu, dass die Übersiedelung und eine Menge von Beschwernissen diesen Sommer über, dem Roman sehr schaden werden.“

Der nächste und letzte Brief aus der Fremde fällt in die Zeit der Pariser Kommune und giebt uns Gelegenheit, einen jener Aussprüche des Dichters über Sozialismusund Kommunismus zu hören, wie er sie breiter und ausführlicher in seinem Tagebuch eines Schriftstellers, in seinen letzten Tagebuchnotizen und seinen „Winterlichen Bemerkungen über Sommer-Eindrücke“ ausgesprochen hat, wovon wir weiter unten einige bedeutsame Stellen folgen lassen. Der Brief lautet:

„Dresden, 18. (30.) Mai 1871.

Sehr geehrter Nikolai Nikolajewitsch!

Da haben Sie nun wirklich Ihren Brief geradeaus mit Belinsky angefangen! Das habe ich vorausgeahnt. Aber sehen Sie doch nach Paris, auf die Kommune. Sind Sie wohl gar einer von jenen, welche sagen, dass es wieder nicht gelungen sei wegen Unzulänglichkeit der Menschen, der Umstände? Das ganze neunzehnte Jahrhundert hindurch träumt diese Bewegung entweder von einem Paradies auf Erden (vom Phalanstère angefangen), oder sie zeigt, knapp am Ziele (48-49 und jetzt), ein erniedrigendes Unvermögen, auch nur irgend etwas Entschiedenes zu sagen. Im wesentlichen ist’s immer wieder derselbe Rousseau und der Traum, die Welt mittels des Verstandes, der Erfahrung aufs neue zu erschaffen (Positivismus). Es sind doch, scheint es, schon genug Fakten vorhanden, die zeigen, dass ihr Unvermögen, ein neues Wort zu sagen, keine zufällige Erscheinung ist.

Sie schlagen Köpfe ab — warum? Einzig und allein darum, weil das das leichteste von allem ist. Irgend etwas sagen ist unvergleichlich schwerer. Der Wunsch nach einer Sache ist noch kein Erlangen. Sie wünschen das Glück des Menschen und bleiben bei der Bestimmung des Rousseauschen Wortes „Glück“ stehen, d. h. bei einer Phantasie, welche nicht einmal von der Erfahrung bestätigt worden. Der Brand von Paris ist eine Ungeheuerlichkeit. „Es ist nicht gelungen, so soll denn die Welt untergehen.“ Denn die Kommune steht höher, als das Glück der Weltund Frankreichs. Aber es erscheint ihnen (ja, und vielen anderen) diese Raserei nicht als eine Ungeheuerlichkeit, sondern alsSchönheit. Und so hat sich im neuen Menschengeschlecht auch die ästhetische Idee getrübt. Die sittliche Grundlage der Gesellschaft (die dem Positivismus entnommene) erzielt nicht nur kein Resultat, sondern vermag sich selbst nicht zu bestimmen und verstrickt sich in ihren Wünschen und Idealen. Sind denn endlich, jetzt, nicht genug Fakten vorhanden, um zu zeigen, dass man nicht auf diese Weise eine Gesellschaft aufbaut, dass nicht diese Wege zum Glück führen und dass es nicht von daher komme, wie sie bis heute meinten? Woher denn? Sie werden viele Bücher schreiben, die Hauptsache aber auslassen: Im Westen hat man Christum verloren und darum sinkt der Westen, einzig und allein darum.

Das Ideal ist ein anderes geworden — wie klar ist das! Und das Sinken der päpstlichen Macht zugleich mit dem Sinken der römisch-germanischen Welt (Frankreichs und der anderen) — welch’ ein Zusammentreffen!

Dies alles fordert grosse und lange Auseinandersetzungen, allein, was ich im besonderen sagen will, ist dieses: Wenn Belinsky, Granowsky und diese ganze .... jetzt zusähen, so würden sie sagen: nein, davon haben wir nicht geträumt, nein, das ist eine Verirrung; wir werden noch warten, das Licht wird kommen, der Fortschritt wird die Herrschaft antreten und die Gesellschaft wird sich auf gesunden Grundlagen neu aufrichten und glücklich sein. Sie würden es nie zugeben, dass man, betritt man einmal diesen Weg, niemals wo anders anlangt, als bei der Kommune und Felix Piat. Sie waren so stumpf, dass sie auch jetzt nach den Ereignissen nichts zugeben, sondern weiter träumen würden. Hier habe ich Belinsky viel mehr als eine Erscheinung des russischen Lebens getadelt, denn als Menschen; dies war die hässlichste, stumpfste,schimpflichste Äusserung russischen Lebens. Ihre einzige Entschuldigung liegt — in der Unvermeidlichkeit dieser Erscheinung. Und ich versichere Sie, Belinsky würde sich jetzt bei folgendem Gedanken beruhigen: Seht darum ist es der Kommune nicht gelungen, weil sie doch immer vor allem französisch war, d. h. den Ansteckungsstoff der Nationalität in sich bewahrte. Darum muss man ein Volk auffinden, in dem kein Tropfen Nationalität enthalten und das fähig wäre, seiner Mutter Backenstreiche zu versetzen, wie ich [Russland]. Und mit Schaum auf den Lippen würde er sich wieder hinstürzen und seine heidnischen Artikel schreiben, Russland beschimpfen, ihre grossen Erscheinungen (Puschkin) verleugnen — um Russland endgiltig zu einer vacanten Nation zu machen, die fähig wäre, an der Spitze der allgemein menschlichen Aktion zu stehen. Den Jesuitismus und die Lüge unserer Hauptakteure würde er hocherfreut annehmen.

Aber noch eines: Sie haben ihn nie gekannt, ich aber habe ihn gekannt und gesehen und habe ihn jetzt völlig ergründet. Dieser Mensch hat mich einen ...... geschmäht, indessen aber war er niemals fähig, sich selbst und alle Führer der ganzen Welt Christus vergleichend an die Seite zu stellen. Er vermochte es nicht gewahr zu werden, wieviel kleinlicher Selbstsucht, Bosheit, Unduldsamkeit, Reizbarkeit, Niedrigkeit, aber hauptsächlich Selbstsucht in ihm selbst und in ihnen enthalten sei. [Diese Stelle des Briefes wurde schon weiter obenSeite 60angeführt, wo sie uns zur Beleuchtung von des Dichters Stellungnahme sehr wichtig schien.] Er hat sich niemals gefragt: „Was werden wir denn an seine Stelle setzen? Etwa uns, die wir so hässlich sind? Nein, er hat sich niemals dabei aufgehalten, dass er selbst hässlich ist; er war im höchsten Grade mit sich zufrieden, und das war schon eine abscheuliche, schändliche, persönliche Stumpfheit.Sie sagen, er sei talentvoll gewesen. Durchaus nicht; wie hat Grigorjew in seinem Artikel über ihn gelogen! Ich erinnere mich noch an mein jugendliches Erstaunen, als ich einigen seiner rein künstlerischen Urteile lauschte (z. B. über die toten Seelen): er hat sich gegenüber den Typen Gogols bis zur Unmöglichkeit oberflächlich verhalten und war nur bis zum Entzücken erfreut darüber, dass Gogol betrog.

Hier habe ich, in diesen vier Jahren, seine Kritiken durchgelesen. Er hat Puschkin getadelt, als dieser seinen falschen Ton fahren liess und mit den Erzählungen Bjelkins und seinem „Arap“ hervortrat. Er hat mit Verwunderung die Nichtigkeit von „Bjelkins Erzählungen“ verkündet. Er hat in der Erzählung Gogols „Die Kutsche“ keine künstlerisch zielbewusste Schöpfung und keine Erzählung, sondern nur eine spasshafte Geschichte gefunden. Er hat den Schluss des „Eugen Onjegin“ abgelehnt. Er hat gesagt, Turgenjew werde kein Künstler werden, dabei ist das aber nach dem Lesen von Turgenjews Erzählung „Drei Porträts“ ausgesprochen. Ich könnte Ihnen solcher Beispiele so viele Sie wollen zusammenlesen, um Ihnen die Falschheit seines kritischen Gefühls und seines „empfänglichen Vibrirens“ zu beweisen, von welchem Grigorjew gefaselt hat (weil er selbst ein Dichter war). Über Belinsky und über viele Erscheinungen unseres Lebens urteilen wir heute noch durch eine Menge ausserordentlicher Vorurteile hindurch.

Habe ich Ihnen denn nicht über Ihren Turgenjew-Artikel geschrieben? Ich habe ihn gelesen, wie alle Ihre Arbeiten — mit Begeisterung, allein auch mit ein klein wenig Verdruss. Wenn Sie finden, dass Turgenjew die Richtung verloren hat, hin und her laviert und nicht weiss, was er über manche Erscheinungen des russischen Lebens sagen soll (sie jedenfalls nicht ernst nimmt), so hätten Sieauch gestehen sollen, dass seine grosse künstlerische Befähigung in seinen letzten Werken zurückgegangen ist und zurückgehen musste. So ist es auch in der That: er ist als Künstler sehr zurückgegangen. Der „Golos“ meint, dies sei darum der Fall, weil er im Auslande lebe; allein der Grund liegt tiefer. Sie aber sprechen ihm auch nach seinen letzten Werken seine frühere Künstlergrösse zu. Ist es so? Übrigens täusche ich mich vielleicht (nicht in meiner Beurteilung Turgenjews, sondern bezüglich Ihres Artikels). Vielleicht haben Sie sich nur nicht so ausgedrückt — — Aber wissen Sie, das ist ja alles Gutsbesitzer-Litteratur! Sie hat alles gesagt, was sie zu sagen hatte (grossartig bei Leo Tolstoj). Allein dieses, im höchsten Grade landadelmässige Wort war ihr letztes Wort. Ein neues, das Gutsbesitzerwort ablösendes Wort hat es noch nicht gegeben, war auch noch nicht möglich. Die Rjeschotnikows[33]haben nichts verkündet; aber immerhin drücken sie die Unvermeidlichkeit von irgend etwas Neuem in der Sprache des Künstlers aus, von etwas, das nicht mehr landadelmässig sei, obwohl sie das auf eine unförmliche Weise thun.

Wie sehr wünschte ich, Sie noch in Petersburg anzutreffen. Ich habe keine Vorstellung darüber, wann ich zurückkomme (unter uns: ich trachte in einem Monate). Wenn aber kein Geld kommt und ich den Termin verpasse, dann heisst es abermals bleiben. Aber das ist entsetzlich und unsinnig.

Den Roman werde ich entweder verpfuschen, dass es eine Schande sein wird (habe schon angefangen zu pfuschen), oder ich raffe mich auf und es wird doch was Ordentliches daraus. Ich schreibe auf gut Glück, das ist meine jetzige Devise.“

Am Schlusse des Briefes die Bemerkung: „— — Ich meine nur im allgemeinen, dass es für die Zeitschriften nicht übel wäre — wenn auch nur eine den Anfang machte — sich zu spezialisieren. Zum Beispiel die „Zarjá“ nach der einen ästhetisch-kritischen Seite hin, ohne sich weiter mit irgend etwas anderem zu befassen, ohne andere Ressorts. Sicherlich könnte das gelingen. Schade, dass ich Ihnen nicht sofort meine Ideen darüber entwickeln kann!“

Mit der Heimkehr Dostojewskys und seiner endgiltigen Ansiedelung in Petersburg tritt des Dichters Leben in seine letzte, seine bedeutendste Phase. Gleich einer Dichtung, die ein Meister vollendet, wo sich das Wesenhafte immer deutlicher und klarer aus dem Beiwerk heraus bis zur letzten Steigerung entwickelt, sehen wir des Dichters Leben sich nach dem Plan vollziehen, danach es angetreten. Dies ist aber nicht in einem behaglichen Sinne Goethe-artig ruhevollen Abschliessens zu verstehen, sondern in echt Dostojewskyscher Art: durch alle Lebensunruhe und allen Temperamentskampf, durch schwere körperliche Störungen hindurch der Abschluss eines Lebens, das bis zum Ende Einheit in leidenschaftlich bewegter Vielheit war.

Das Debut in der Heimat war freilich trübe genug. Anna Grigorjewna erzählt uns, dass sie nach Begleichung der Dresdener Schulden und der Reisekosten mit einer Barschaft von wenigen Rubeln in Petersburg ankamen, und das wenige Wochen vor ihrer Entbindung. Sie hatte gehofft,mehrere kostbare Gegenstände, Pelze usw. wiederzufinden, die man für sie aufbewahrt oder versetzt hatte — sie waren verfallen. Auch eines Hausanteiles, auf welchen sie von mütterlicher Seite her Anspruch hatte, war sie durch allerlei Machenschaften verlustig gegangen, sodass es nun hiess, mit Hilfe von Freunden das Leben einrichten, vor allem den letzten Roman verwerten. Theodor Michailowitsch legte von nun an den administrativen Teil seiner Geschäfte in die Hand seiner Gattin, was den endlichen glücklichen Umschwung ihrer Verhältnisse zur Folge hatte.

Strachow giebt uns darüber ziffernmässige Nachweise, die wir hier folgen lassen. Vor allem hat Anna Grigorjewna Dostojewskaja eine neue Ausgabe von des Dichters Werken veranstaltet, welche folgendes Erträgnis hatte: Im Januar 1873 erschienen „Die Besessenen“ in 3500 Exemplaren, im Januar 1874 der „Idiot“ in 2000 und im Dezember 1875 erschienen die „Memoiren aus einem Totenhause“ in 2000 Exemplaren. Im Dezember 1876 „Schuld und Sühne“ in 2000 und im November 1879 „Erniedrigte und Beleidigte“ in 2400 Exemplaren.

Diese Erfolge beruhigten den Dichter, welcher endlich alle Schulden zu tilgen vermochte, ungemein über das Los seiner Familie, die in Armut zu hinterlassen er stets hatte fürchten müssen. Man hat ferner nach seinem Tode ein Blatt in seinen Rechenbüchern gefunden, darauf die aus seinen Werken allein bezogenen Einkünfte mehrerer Jahre genau verzeichnet waren. So bezog er:

Im Jahre 1877:aus „Schuld und Sühne“487R.12K.eingebunden Ex. des „Tagebuchs eines Schriftstellers“ von 1876497„80„„Die Besessenen“, „Der Idiot“, „Totenhaus“561„63„Rest vom Jahre 1876295„40„Sa.1841R.95K.Im Jahre 1878:„Die Besessenen“, „Idiot“, „Totenhaus“1199R.50K.„Schuld und Sühne“548„98„Tagebuch 1876281„68„Tagebuch 1877346„50„Sa.2376R.66K.Im Jahre 1879:„Die Besessenen“, „Idiot“, „Totenhaus“1271R.99K.„Schuld und Sühne“797„16„Tagebuch 187698„61„Tagebuch 1877121„2„+ „Erniedrigte und Beleidigte“227„24„Sa.2516R.2K.Im Jahre 1880:„Die Besessenen“, „Der Idiot“, „Totenhaus“1287R.20K.„Schuld und Sühne“933„99„Tagebuch 1876247„6„Tagebuch 1877219„14„2687R.39K.+ „Erniedrigte und Beleidigte“548„51„+ Tagebuch 1880893„87„4129R.77K.„Brüder Karamasow“3681„50„7811R.27K.

Dazu kamen jene Summen, welche der Dichter für die in den Zeitschriften erscheinenden neuen Romane erhielt. So zahlten ihm die „Vaterländischen Annalen“ i. J. 1875 für den Druckbogen des Romans „Junger Nachwuchs“ (Podrostok, der Adolescent) 250 Rubel, und der „Russkij Wjestnik“ für die „Brüder Karamasow“ (1879-80) 300 Rubel.

Die Einnahmen für Dostojewskys Werke haben sich bis auf den heutigen Tag gesteigert. Anna Grigorjewna macht kein Hehl daraus, ja es ist ihr, die des Dichters schwersteJahre äusserster Not tapfer geteilt hat, heute eine Genugthuung, es dahin gebracht zu haben, dass der Reingewinn jeder neuen Auflage, die sie selbst verlegt, rund 75000 Rubel betrage. Ein noch sehr reichliches ungedrucktes Material an Briefen, Fragmenten und Dokumenten gestattet es, jeder neuen Auflage, je nach den Zeitumständen, etwas ungedrucktes beizufügen. —

Bald nach seiner Rückkunft hatte der Fürst Wladimir P. Meschtschersky den Dichter näher kennen gelernt und ihn eingeladen, die Redaktion seines Blattes „Grashdanin“ zu übernehmen. Für diese Thätigkeit, welche mit dem Jahre 1873 begann und bis Ende desselben Jahres währte, erhielt der Dichter ein Monats-Honorar von 250 Rubeln, ausser dem Honorar für seine Beiträge. Diese Artikel waren meist Feuilletons über die brennenden Tagesfragen, welche den fortlaufenden Titel „Tagebuch eines Schriftstellers“ führten. Sie bilden heute den ersten Band der unter demselben Titel herausgegebenen Schriften.

In dem von Dostojewsky im Jahre 1876 gegründeten und von ihm ganz allein besorgten Blatte, dem er den gleichen Namen „Tagebuch eines Schriftstellers“ gab, fand er endlich das Feld seiner Thätigkeit, das ihm am meisten zusagte. Allerdings nennt er in einem Briefe an eine bekannte Dame einen anderen Grund, der ihn bewogen habe, diese Monatsschrift zu schaffen. Wir meinen jedoch, dass ihm nicht sowohl das Kennenlernen der Tagesfragen um seines Romanes willen, als der nimmer rastende Wunsch dazu trieb, sich auszusprechen, seine Wahrheit an allem zu messen, was der Tag eben brachte. Der oben erwähnte Brief vom 9. April 1876 beginnt mit einer Erörterung persönlicher Beziehungen und fährt dann fort:

„Sie teilen mir Ihre Gedanken darüber mit, dass ich mich im „Tagebuche“ in Kleingeld umwechsle. Ich habe das auch hier aussprechen gehört. Hier ist, was ich Ihnenunter anderem darauf sagen will: Ich bin zu dem unumstösslichen Schluss gekommen, dass ein Schriftsteller der künstlerischen Richtung ausser dem Poem die von ihm dargestellte Wirklichkeit bis in das allerkleinste Detail mit der grössten Genauigkeit, historisch und aktuell, kennen muss. Bei uns glänzt damit nach meiner Meinung einzig und allein — Graf Leo Tolstoj. Victor Hugo, welchen ich als Romanschriftsteller hochschätze, wofür sich der selige Th. Tjutschew über mich, denken Sie nur, heftig ereiferte, indem er sagte, „Schuld und Sühne“ stehe höher als die „Misérables“, hat uns, ob er auch manchmal sehr breit im Studium des Details ist, wunderbare Studien gegeben, welche ohne ihn der Welt völlig unbekannt geblieben wären. Aus diesem Grunde habe ich, da ich mich dazu vorbereite, einen grossen Roman zu schreiben, beschlossen, mich speziell in das Studium — nicht der Wirklichkeit an und für sich, denn ich kenne sie ohne das — sondern der aktuellen Einzelheiten der laufenden Dinge zu vertiefen. Eine der wichtigsten Aufgaben in dieser Gegenwart ist für mich zum Beispiel die junge Generation und zugleich damit die gegenwärtige russische Familie, welche, ich fühle das, heute ganz anders ist, als vor zwanzig Jahren. Allein es giebt ausserdem noch vieles andere.

Wenn man 53 Jahre zählt, so kann man leicht bei der ersten Unachtsamkeit hinter der gegenwärtigen Generation zurückbleiben. Ich habe unlängst Gontscharow getroffen, und auf meine offene Frage, ob er im gegenwärtigen Lauf der Dinge alles verstehe oder schon aufgehört habe, manches zu begreifen, hat er mir geradeaus geantwortet, dass er vieles nicht mehr begreife (dies unter uns). Natürlich bin ich mir ganz klar, dass dieser grosse Geist nicht nur alles versteht, sondern die Lehrer lehren könnte; allein in dem bestimmten Sinne, in welchem ich ihn fragte (und den er in einem halben Worte verstand), versteht ernicht etwa vieles nicht, sondern er will es nicht verstehen. ‚Mir sind meine Ideale teuer und alles, was ich im Leben liebgewonnen‘, fügte er hinzu, ‚damit will ich nun auch die wenigen Jahre zubringen, die mir übrig bleiben; diese aber zu studieren (er wies auf die den Newsky Prospekt entlang wandelnde Menge) ist mir beschwerlich, denn es ginge meine kostbare Zeit darauf‘ ....

Ich weiss nicht, ob ich Ihnen das klar ausgedrückt habe, Christina Danilowna, aber es reizt mich, noch etwas mit voller Sachkenntnis zu schreiben. Das ist’s, warum ich eine Zeit lang zugleich studieren und das „Tagebuch“ führen werde, damit eine Menge von Eindrücken nicht verloren gehe. Alles das ist natürlich ideal! Würden Sie z. B. glauben, dass ich noch nicht damit zu Stande gekommen bin, mir die Form des „Tagebuchs“ klar zu machen, sogar noch nicht weiss, ob ich sie je in die Richte bringe, sodass möglicherweise dies Tagebuch schon zwei Jahre erscheinen und noch immer keine gelungene Sache sein wird? Beispielsweise: Ich habe zehn bis fünfzehn Themen, wenn ich mich zum Schreiben hinsetze (nicht weniger). Nun muss ich jene Themen, welche mich mehr einnehmen, unwillkürlich zurücklegen: sie werden viel Raum einnehmen, viel Glut verbrauchen (der Prozess Kroneberg z. B.), werden dem Heft schaden, denn es wird dadurch einförmig, arm an Artikeln werden. Andererseits habe ich, allzu naiv, gemeint, dies werde ein wirkliches Tagebuch werden. Ein wirkliches Tagebuch ist fast unmöglich, nur ein präsentables für das Publikum ist möglich. Ich treffe auf Begebnisse und empfange viele Eindrücke, die mich sehr einnehmen — aber wie soll man über das und jenes schreiben? Manchmal ist dies geradezu unmöglich.

So erhalte ich seit drei Monaten schon von allen Seiten sehr viele Briefe, mit und ohne Unterschrift — alle voll Teilnahme. Manche darunter sind ausserordentlichinteressant und originell, dazu gehören sie allen möglichen jetzt herrschenden Richtungen an. Aus Anlass dieser verschiedenartigsten Richtungen, welche da in der Begrüssung meiner Thätigkeit zusammenfliessen, wollte ich einen Artikel schreiben, namentlich aber den Eindruck niederschreiben (ohne Namensnennung), den ich von diesen verschiedenen Briefen empfangen habe. Dabei ist der Gedanke, der mich mehr als alles in Anspruch nimmt, der: worin liegt unsere Zusammengehörigkeit, wo sind die Punkte, in welchen wir uns alle, die wir den verschiedenen Richtungen angehören, einigen könnten. Aber als ich den Artikel schon überlegt hatte, sah ich plötzlich, dass es um keinen Preis möglich wäre, ihn mit voller Offenheit zu schreiben. Nun aber, ohne Aufrichtigkeit? Ist es wert ihn zu schreiben?

Ja, auch keine Wärme wird bleiben. Vorgestern am Morgen kommen da plötzlich zwei junge Mädchen zu mir, beide etwa zwanzig Jahre alt. Sie kommen herein und sagen: „Wir haben mit Ihnen bekannt werden wollen, schon seit der Fastenzeit her. Alle haben uns ausgelacht und gesagt, Sie würden uns nicht empfangen und, wenn Sie uns auch empfangen sollten, uns nichts sagen. Aber wir haben beschlossen, es zu versuchen, und da sind wir, N. N. und N. N.“ Zuerst hat sie meine Frau empfangen, dann bin auch ich zu ihnen herausgekommen. Sie erzählten, sie seien Studentinnen der medicinischen Akademie, es seien ihrer dort schon 500 Frauenzimmer, und dass sie in die Akademie eingetreten seien, um höhere Grade zu erlangen und später der Gesellschaft Nutzen zu bringen — diesen Typus neuer junger Mädchen hatte ich noch nicht angetroffen (alte Nihilisten kenne ich wohl sehr viele, bin persönlich mit solchen bekannt und habe sie gründlich studiert). Werden Sie mir glauben, dass ich selten eine bessere Zeit verlebt habe, als diese zwei Stunden mit diesen Jungfrauen? Welche Geradheit, welche Natürlichkeit,was für eine Gefühlsfrische, Reinheit des Geistes und Herzens, welcher alleraufrichtigste Ernst und welche alleraufrichtigste Fröhlichkeit. Durch sie habe ich natürlich viele andere kennen gelernt, die ebenso waren, und ich gestehe Ihnen — der Eindruck war stark und sonnig. Aber wie soll man das beschreiben? Bei aller Herzlichkeit und Freude mit der Jugend — unmöglich. Ja, es ist auch fast persönlich. Aber was soll ich in diesem Falle für Eindrücke eintragen?

Gestern nun höre ich da wieder, dass ein junger Mensch, ein Studierender, den man mir gezeigt hatte, da er in einem mir bekannten Hause war, in die Stube des Hauslehrers getreten ist und, auf dessen Tische ein verbotenes Buch erblickend, dieses dem Hausherrn meldet, welcher dann seinen Hofmeister sofort hinausjagt. Als man, in einer anderen Familie, dem jungen Menschen vorhält, dass er eineSchurkerei begangen habe, da hat er dasgarnicht begriffen. Nun, wie soll ich das erzählen? Das ist etwas Persönliches und dabei ist auch etwas Nicht-Persönliches; es war hier ganz besonders, wie man mir erzählte, jener Denkprozess in den Ansichten und Überzeugungen charakteristisch, demzufolge ernicht begriffund über welchen man ein interessantes Wörtchen sagen könnte.“ —

So beginnen dann endlich für den Dichter bessere Zeiten. Er tilgt nach und nach alle persönlichen sowie die vom Bruder übernommenen Schulden und wenn er, seine Gattin und zwei Kinder auch an seiner Lebenswende noch immer zwei kleine Stuben des Schmiedegässchens unweit der Wladimirkirche innehatten, so haben seine äusseren Zustände an Ruhe und Sorglosigkeit in materieller Beziehung gewonnen und sind, was Anerkennung und Ehrung betrifft, zu einer Höhe gelangt, die trotz aller persönlichen Feindschaften, die ihm sein nervöses undoft wechselndes Wesen eintrug, von Jahr zu Jahr stieg. „Ich habe einen schlechten Charakter“, schrieb er um diese Zeit einmal an eine Freundin, „aber nicht immer, und das ist mein Trost.“

Im Jahre 1875 veröffentlicht Dostojewsky, wie wir schon erwähnten, in den vaterländischen Annalen den Roman: „Der Adolescent“.


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