CHRISTIAN LUDWIG LISCOW.

CHRISTIAN LUDWIG LISCOW.

[Scherer D.376,E.381.]

Geboren 1701 zu Wittenberg in Mecklenburg, um 1730 Hauslehrer in Lübeck, später in Dresden Secretär des Ministers von Brühl, zog sich durch seine Satiren überall Feinde zu; nachdem er 1739 eine Sammlung seiner Satiren herausgegeben hatte, verstummte er und starb 1760.

Geboren 1701 zu Wittenberg in Mecklenburg, um 1730 Hauslehrer in Lübeck, später in Dresden Secretär des Ministers von Brühl, zog sich durch seine Satiren überall Feinde zu; nachdem er 1739 eine Sammlung seiner Satiren herausgegeben hatte, verstummte er und starb 1760.

AUS DERABHANDLUNG VON DERVORTREFFLICHKEIT UNDNOHTWENDIGKEIT DER ELENDENSCRIBENTEN.

Ein sehr altes scytisches Sprichwort sagt, dass es eine grössere Kunst sey, aus einem ledigen, als aus einem vollen Glase zu trinken; und mich deucht, dass also, wenn die Vernunft zu Verfertigung einer Schrift so unumgänglich nöhtig ist, als die guten Scribenten wollen, einer, der ohne Vernunft ein Buch schreiben kann, weit vortrefflicher, und mehr zu bewundern ist, als einer, der, wenn er etwas zu Papier bringen will, allemal seine Vernunft zu Hülfe nehmen muss. Man muss nicht meynen, dass die Bücher, die ohne{10}Vernunft geschrieben werden, nicht so wohl gerahten, als diejenigen, die mit Verstand gemacht sind. Denn es giebt Bücher, die unstreitig ohne Zuthun der Vernunft verfertiget, und doch so wohl gerahten sind, dass selbst unsere Feinde darüber erstaunen. Ist es möglich, schreyen sie gemeiniglich, dass ein vernünftiger Mensch dergleichen Zeug schreiben könne? Ja, ich habe mit meinen Ohren gehöret, dass einer, dem die höchst unvernünftigen Gedanken eines gewissen elenden Scribenten, über den Spruch: Viele sind berufen etc. zu Gesichte kamen, in Beyseyn vieler Leute hoch betheuerte, es sey ihm, wann er auch Engelsverstand hätte, und{20}sein Leben damit zu retten wüsste, unmöglich, so zu schreiben. Unsere Feinde gestehen also selbst, dass einem Menschen, der seine Vernunft nicht gebrauchet, vieles möglich sey, welches ein vernünftiger Mensch nicht thun kan, und dass wir die besondere Geschicklichkeit besitzen, ohne Vernunft Thaten zu thun, wozu ein mehr als englischer Verstand erfordert wird. Sie halten dieses für etwas schweres, ja für eine Sache, die ihnen schlechterdings unmöglich ist. Ich versichere sie aber, dass es uns nicht nur möglich,sondern gar etwas leichtes ist, ohne Vernunft ganz wunderbare Bücher zu schreiben. Sollten unsere Feinde wissen, wie geschwinde wir mit unsern Schriften fertig werden, und wie wenig Mühe und Nachdenken wir darauf wenden: so würden sie erst über unsere Geschicklichkeit erstaunen; sie würden, von dem Glanze unserer Vortrefflichkeit gerühret, vor uns niederfallen, und, ohne Zeitverlust, ihre Vernunft ins Meer werfen, da es am tiefsten ist.

Denn eben diese Vernunft ist es, welche ihnen ihre Arbeit so mühsam macht. Wir zähmen sie, und legen ihr ein Gebiss ins{10}Maul, und eben darum wird uns unsere Arbeit so leichte. Unsere Feinde machen sich ein Gewissen, den Regeln der gesunden Vernunft, die doch so schwer zu beobachten sind, entgegen zu handeln. Sie können nicht schreiben, wenn sie nicht vorher denken. Sie bilden sich ein, sie müssten die Sache, wovon sie schreiben wollen, aus dem Grunde verstehen, und verderben die edle Zeit mit der unnützen und lächerlichen Überlegung, ob sie auch der Materie, welche sie abhandeln wollen, gewachsen sind, bloss darum, weil ein alter Grillenfänger, der, aus vorsetzlicher Bosheit, den Menschen das Schreiben schwer machen wollen,{10}gesaget hat:

Sumite materiam vestris, qui scribitis, æquamViribus, et versate diu, quid ferre recusent,Quid valeant humeri .....[1180]

Sumite materiam vestris, qui scribitis, æquamViribus, et versate diu, quid ferre recusent,Quid valeant humeri .....[1180]

Sumite materiam vestris, qui scribitis, æquamViribus, et versate diu, quid ferre recusent,Quid valeant humeri .....[1180]

Sumite materiam vestris, qui scribitis, æquam

Viribus, et versate diu, quid ferre recusent,

Quid valeant humeri .....[1180]

Von allem diesen Ungemach sind wir frey. Wir erkennen die Schädlichkeit der Vernunft, und kehren uns also wenig an ihre Regeln. Unsere Absicht ist, ein Buch zu schreiben. Diesen Zweck erreichen wir, wenn wir so viel Papier, als dazu nöhtig ist, mit Buchstaben bemahlen. Ob der Sinn, der aus diesen Buchstaben heraus kömmt, wenn man sie zusammen setzet, vernünftig{30}ist, oder nicht, daran ist uns wenig gelegen. Wollten wir alles nach der Vernunft abmessen: so müssten wir denken; und das Denken greift den Kopf an, nimmt viel Zeit weg, und nützet doch, wenn man die Wahrheit sagen soll, nichts. So oft unsere Feinde unsere Schriften lesen, sprechen sie: Der Mensch kann nicht denken; und dennoch können sie unmöglich leugnen, dass dieser Mensch, der nicht denken kann, ein Buch geschrieben habe; weil sie es inHänden haben. Sie müssen also, sie mögen wollen oder nicht, gestehen, dass man schreiben könne, ohne vorher zu denken.

Wir thun es und befinden uns wohl dabey. Es ist leichter, und natürlicher, mit den Fingern zu schreiben, als mit dem Kopfe. Wer das letzte thut, ist einem Gauckler ähnlich, der auf dem Kopfe tanzet. Dieses mögen wir nicht von uns gesaget wissen, und brauchen also unsere Finger, wenn wir schreiben, und nicht den Kopf. Wenn unsere Feinde die Gemächlichkeiten, welche diese Schreibart mit sich führet, einzusehen fähig wären: so würden sie{10}uns gewiss beneiden. Nur zweene sind, so viel mir wissend, so weit gekommen, dass sie dieses erkannt haben; und haben daher kein Bedenken getragen, uns glücklich zu preisen, und den guten Scribenten vorzuziehen. Der eine ist ein Engländer und beweiset gar gründlich, dass das Denken nichts nütze und derjenige, der sich desselben ganz und gar enthält, nohtwendig am besten schreiben müsse. Er spricht:

Here some would scratch their Heads, and tryWhat they should write, and How, and Why.But I conceive, such Folks are quite inMistakes in Theory of Writing.20If once for Principle ‘tis laid,That Thought is Trouble to the Head.I argue thus: The World agreesThat He writes well, who writes with Ease.Then He, by Sequal logical,Writes best, who never thinks at all[1181].

Here some would scratch their Heads, and tryWhat they should write, and How, and Why.But I conceive, such Folks are quite inMistakes in Theory of Writing.20If once for Principle ‘tis laid,That Thought is Trouble to the Head.I argue thus: The World agreesThat He writes well, who writes with Ease.Then He, by Sequal logical,Writes best, who never thinks at all[1181].

Here some would scratch their Heads, and tryWhat they should write, and How, and Why.But I conceive, such Folks are quite inMistakes in Theory of Writing.20If once for Principle ‘tis laid,That Thought is Trouble to the Head.I argue thus: The World agreesThat He writes well, who writes with Ease.Then He, by Sequal logical,Writes best, who never thinks at all[1181].

Here some would scratch their Heads, and try

What they should write, and How, and Why.

But I conceive, such Folks are quite in

Mistakes in Theory of Writing.20

If once for Principle ‘tis laid,

That Thought is Trouble to the Head.

I argue thus: The World agrees

That He writes well, who writes with Ease.

Then He, by Sequal logical,

Writes best, who never thinks at all[1181].

Der kratzt den Kopf, sinnt Zweifels-voll,Was, wie, warum er schreiben soll;Doch merk ich selbst aus seinem Fleiss,Dass er vom Schreiben wenig weiss.30Denn hält man diesen Satz bewährt,Dass Denken nur den Kopf beschwert;So folgt auch: Es gesteht die Welt,Der schreibt gut, dem’s nicht mühsam fällt.Draus macht selbst die Vernunft den Schluss,Dass der, so niemals denkt, am besten schreiben muss.

Der kratzt den Kopf, sinnt Zweifels-voll,Was, wie, warum er schreiben soll;Doch merk ich selbst aus seinem Fleiss,Dass er vom Schreiben wenig weiss.30Denn hält man diesen Satz bewährt,Dass Denken nur den Kopf beschwert;So folgt auch: Es gesteht die Welt,Der schreibt gut, dem’s nicht mühsam fällt.Draus macht selbst die Vernunft den Schluss,Dass der, so niemals denkt, am besten schreiben muss.

Der kratzt den Kopf, sinnt Zweifels-voll,Was, wie, warum er schreiben soll;Doch merk ich selbst aus seinem Fleiss,Dass er vom Schreiben wenig weiss.30Denn hält man diesen Satz bewährt,Dass Denken nur den Kopf beschwert;So folgt auch: Es gesteht die Welt,Der schreibt gut, dem’s nicht mühsam fällt.Draus macht selbst die Vernunft den Schluss,Dass der, so niemals denkt, am besten schreiben muss.

Der kratzt den Kopf, sinnt Zweifels-voll,

Was, wie, warum er schreiben soll;

Doch merk ich selbst aus seinem Fleiss,

Dass er vom Schreiben wenig weiss.30

Denn hält man diesen Satz bewährt,

Dass Denken nur den Kopf beschwert;

So folgt auch: Es gesteht die Welt,

Der schreibt gut, dem’s nicht mühsam fällt.

Draus macht selbst die Vernunft den Schluss,

Dass der, so niemals denkt, am besten schreiben muss.

Mich deucht, dieser Beweis ist unumstösslich. Der andere istein Franzose, und,O bienheureux Ecrivains, rufet er aus,Mr. de Saumaise en Latin, et Mr. de Scuderi en François! J’admire vôtre facilité, et j’admire vôtre abondance. Vous pouvez écrire plus de Calepins, que moi d’Almanachs. Bienheureux, fährt er fort,les Ecrivains qui se contentent si facilement, qui ne travaillent que de la memoire et des doigts, qui sans choisir écrivent tout ce qu’ils savent[1182].Ist es nicht ewig Schade um die ehrlichen Männer, dass sie, da sie so viele Erleuchtung hatten, sich nicht bestrebet haben, uns gleich zu werden? Sie haben übel bey sich gehandelt. Ich{10}beklage sie, und halte sie, als Zeugen der Wahrheit ungemein hoch. Sollten sie jetzund noch leben, da meine vortreffliche Schrift zum Vorschein kömmt: so würden sie unstreitig ganz umgekehret, und neue Menschen werden.

Ich kehre wieder zu meinem Zweck, und sage, dass wir, wenn wir schreiben wollen, die Prüfung unserer Kräfte, mit welcher sich unsere Feinde quälen, vor eben so unnütz halten, als Vernunft und Nachdenken. Wir brauchen so vieler Umstände nicht. Wir haben die besondere Gabe von der Natur, dass wir schreiben können, was wir nicht gelernet haben, und von Sachen urtheilen können, die wir{20}nicht verstehen. Wir schreiben ganze Bücher von der Möglichkeit einer ewigen Welt, und handeln die schwersten Fragen aus der Weltweisheit, auf eine ganz eigene Weise, ab, ob wir gleich nichts davon begreifen. Philippi kann unbesehens von den Schriften urtheilen, die für und wider die wolfische Philosophie herausgekommen sind. Sievers, der kaum seinen Catechismus weiss, ist doch geschickt, andere zu lehren, was der seligmachende Glaube sey, und Rodigast kann die ungeheuresten Werke aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzen, ob er gleich weder Latein noch Deutsch verstehet, und niemand, ja vielleicht er selbst nicht, weiss,{30}was er vor eine Sprache redet. Hätte dieses edle Kleeblat elender Scribenten sich lange besinnen, und seine Kräfte untersuchen wollen, ehe es die Feder ansetzte: so will ich wetten, wir würden noch nicht wissen, ob es in der Welt sey. Allein wir elende Scribenten sind so misstrauisch gegen uns selbst nicht; weil wir wissen, dass uns, auch bey der grössten Schwachheit, alles möglich ist.

Diese vortreffliche Eigenschaft erhebet uns unendlich über unsere Feinde. Ein guter Scribent muss seine besten Jahre mit einem verdriesslichen Lernen verderben: weil er die abergläubige Einbildung hat, man könne sonst nicht schreiben. Wir hergegen fangen ganz frühe an zu schreiben, und warten nicht, bis die bösen Tage kommen, und die Jahre herzutreten, da man sagt: Sie gefallen mir nicht. Wir können gleich, ohne alle Vorbereitung, zum Werke schreiten; und ehe ein guter Scribent mit der Einsammlung der Sachen fertig ist, die er zu seinem Zweck nöthig{10}achtet, haben wir uns zehenmal in Kupfer stechen lassen, und den besten Platz in den Buchläden eingenommen. Ein guter Scribent mag seine Zeit noch so wohl angewandt und sich zum Schreiben so geschickt gemacht haben, als er immer will: so wird er doch allezeit gestehen, dass einige Materien ihm zu hoch sind, und selbst von denen, die er verstehet, nicht ohne vorhergegangene Überlegung und mit Furcht und Zittern schreiben. Uns ist keine Materie zu hoch. Wir wissen alles, ob wir gleich nichts wissen. Wir schreiben drauf loss und kehren uns an nichts. Und daher hat die Welt von uns die besten Dienste. Wir entdecken eine{20}unsägliche Menge der gefährlichsten Irrthümer, die unsere Feinde gemeiniglich übersehen, und das in Schriften, die wir nicht gelesen haben, und die wir, wenn wir sie lesen, kaum verstehen. Wir sind die eifrigsten Vertheidiger der Wahrheit und ein Schrecken der Ketzer. Wir entdecken sie, wie sehr sie sich auch verbergen; und ob wir gleich nicht wissen, was Ketzer und Ketzerey ist: so kann uns doch keiner entwischen; weil wir wie die Hunde, die das Capitolium bewacheten, den sichersten Weg gehen, und alles, was uns verdächtig vorkömmt, anbellen. Unsere Feinde verdenken es uns, dass wir so oft einen unnützen Lerm erregen. Sie wollen,{30}dass man mit Behutsamkeit und Verstand eifere; aber eben dadurch verrahten sie ihre Schwäche, und geben uns das Zeugniss, dass wir ohne Nachdenken und Verstand eine der wichtigsten Pflichten eines Wahrheit- und Ordnung-liebenden Menschen beobachten können, welches gewiss nichts geringes ist.


Back to IndexNext