CHRISTIAN SCRIVER.

CHRISTIAN SCRIVER.

[Scherer D.343,E.345.]

Geboren 1629 zu Rendsburg; Pfarrer zu Stendal und zu Magdeburg; gestorben 1693 als Oberhofprediger und Consistoriatrath zu Quedlinburg. Ausgezeichneter Erbauungschriftsteller. Seine Werke sind: ‘Gottholds zufällige Andachten’ 1663; ‘Unschätzbarer Seelenschatz’ 1675–1691.

Geboren 1629 zu Rendsburg; Pfarrer zu Stendal und zu Magdeburg; gestorben 1693 als Oberhofprediger und Consistoriatrath zu Quedlinburg. Ausgezeichneter Erbauungschriftsteller. Seine Werke sind: ‘Gottholds zufällige Andachten’ 1663; ‘Unschätzbarer Seelenschatz’ 1675–1691.

Das Creutz lehret uns, dass wir selbst mit allem was uns die Natur und die Welt geben kan, nichts sind, Gott aber und seine Gnade alles ist, dass der Glaube Gottes Werck ist, dass der Anfang, Mittel und Ende unsers Christenthums, und des Wercks unser Seligkeit, nicht in unser Krafft, Weissheit, Fürsichtigkeit, Frömmigkeit,{20}sondern allein in Gottes Gnade und Barmhertzigkeit bestehet, dass kein gewisser und beständiger Trost in der Welt sey, als welchen Gott durch sein Wort und Geist in unserm Hertzen wircket, dass wir keine rechte und wahre Freude und Ruhe, keinen Frieden, keineTreue noch Glauben, keine völlige Vergnügung für unsere Seele, als nur bey Gott finden können, dass alles, was in der Welt ist, eitel, nichtig, und für den Geist des Menschen untauglich ist, und dass ausser der Gnade und Güte Gottes in Christo Jesu nichts zu finden, daran unsere Seele sich halten könte. Gleichwie man den besten Steuermann im Ungewitter, den erfahrnsten Artzt in der schwersten Kranckheit, den besten und klügsten Rathgeber in gefährlichen und hochwichtigen Sachen, den getrewesten und besten Freund in der Noth erkennet, also lernet man im Creutz und Trübsal, was wir an{10}Gott haben, nehmlich den allerbesten, getreuesten, beständigsten, bewerthesten Helffer, Artzt, Rath und Freund; Daher wirfft man alles irrdische Vertrauen weg, und begiebt sich alles weltlichen Trostes, und hänget sich lauterlich an GOTT. Also ist das liebe Creutz ein Hündlein, das die Schaffe zu ihren Hirten treibet, ein Diener unsers himmlischen Vaters, der mit einer angenommenen Larve die Kinder schrecket, dass sie der Stuben zu, und nach dem Schooss des Vatern oder der Mutter eilen, ein in einen Feind verstellter Freund, der zwischen Gott und uns die beste Freundschafft machet.

{20}Gleichwie, wenn es im Sommer schön und lieblich Wetter giebt, die Menschen ihre Lust und Freude an der Erden suchen, sie spatzieren und fahren ins Grüne, sie sitzen unter einem schattigten Baum, oder sonst an einem beqvemen Ort, sie essen, sie trincken, sie lachen, sie schertzen und dencken wenig an den Himmel, dem sie doch solche ihr Ergetzligkeit zu dancken; wenn aber ein Ungewitter auffsteiget, wann die schwartzen finstern Wolcken den Sonnenschein hinweg nehmen, und mit Donner und Blitz sich schrecklich erzeigen, so eilen sie zu ihren Häusern und Kammern, so fahen sie an zu singen und zu beten, also dass der Himmel nie{30}mehr angesehen und geachtet wird, als wenn er am scheusslichsten aussiehet, und sich am schrecklichsten bezeiget; So ists auch mit der zeitlichen Glückseligkeit und Unglückseligkeit bewandt: wann es uns Menschen nach Wunsch und Willen ergehet, und die Sonne des Wohlergehens uns scheinet, so verlieben wir uns mehrentheils an dem Irrdischen, und suchen unsre Lust in der Eitelkeit, wenn aber ein Ungewitter der Trübsal über uns kömmt, und uns die irrdische Freude verstöret und benommen wird, so wenden wir unszu Gott, so lernen wir beten, weinen, seufftzen, so vergessen wir der Welt, und suchen Trost und Schutz im Himmel.

Ich habe gesehen, dass die Hirten eine Schlammpfütze im Felde im Sommer pflegen mit einem Zaun umher zu verwahren, damit die Schafe in grosser Hitze nicht hinzu kommen, und ihnen den Tod in den Leib trincken mögen; So machts der getreue Hirte und Bischoff unser Seelen mit seinen Schäfflein: er umstecket die Welt-Lust und die Eitelkeit mit so viel Dornen und Trübsal, dass sie dazu nicht gelangen können. Abraham sahe einen Widder in der Hecken (in{20}dem verworrenen Gesträuche) mit seinen Hörnern hangen, und nahm denselben und opfferte ihn dem HERRN zum Brand-Opffer an seines Sohnes statt: Der Widder wäre kein Opffer GOttes worden, wenn er nicht in der Hecke wäre mit den Hörnern hängen blieben: und mancher Mensch würde sich seinem GOtt zum heil Opffer nicht darstellen, wenn er nicht in Creutz und Trübsal gerathen wäre. Die gläubigen Seelen sind wie die Blumen, die einen schwachen Stengel haben, oder wie die schlanken und kriechenden Gewächse der Hopfen, die Erbsen, der Weinstock und andere, welchen man muss Pfäle beystecken, und sie daran hefften, damit sie für Schaden{20}bewahret, und zu fruchtbaren Wachsthum gedeyen mögen.


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