NEIDHART VON REUENTHAL.[Scherer D.213,E.204.]Ein baierischer Ritter. Er nahm am Kreuzzuge Leopolds VII. von Österreich (1217–1219) Theil und lebte dann zu Wien, am Hofe Herzog Friedrichs des Streitbaren († 1246). Herausgegeben von Haupt (Leipzig 1858).‘Nu ist der küele winder gar zergangen;diu naht ist kurz, der tac beginnet langen;sich hebet ein wunneclîchiu zîtdiu al der werlde vreude gît;10baz gesungen nie die vogele ê noch sît.Komen ist uns ein liehtiu ougenweide:man siht der rôsen wunder ûf der heide;die bluomen dringent durch daz gras.wie schône ein wise getouwet was,dâ mir mîn geselle zeinem kranze las!Der walt hât sîner grîse gar vergezzen;der meie ist ûf ein grüenez zwî gesezzen;er hât gewunnen loubes vil.bint dir balde, trûtgespil:dû weist wol daz ich mit einem ritter wil.’Daz gehôrte der mägde muoter tougen.sî sprach “behalte hinne vür dîn lougen.dîn wankelmuot ist offenbâr.10wint ein hüetel um dîn hâr:dû muost ân die dînen wât, wilt an die schar.”‘Muoter mîn, wer gap iu daz ze lêhendaz ich iuch mîner wæte solde vlêhen?dern gespunnet ir nie vadem.lâzet ruowen solhen kradem.wâ nû slüzzel? sliuz ûf balde mir daz gadem.’Diu wât diu was in einem schrîne versperret.daz wart bî einem staffel ûf gezerret.diu alte ir leider nie gesach.dô daz kint ir kisten brach,dô gesweic ir zunge, daz sî niht ensprach.Dar ûz nam sî daz röckel alsô balde.daz was gelegen in maneger kleinen valde.ir gürtel was ein rieme smal.in des hant von Riuwentalwarf diu stolze maget ir gickelvêhen bal.10‘Nun ist der kühle Winter gar zergangen,Die Nacht ist kurz, der Tag beginnt zu langen:Uns kommt die wonnigliche Zeit,Die Freude aller Welt verleiht,Die Vögel sangen nie so lustig weit und breit.Gekommen ist uns lichte Augenweide,20Der Rosen wunderviel sind auf der Haide,Die Blumen dringen durch das Gras;Von Thaue war die Wiese nass,Wo mir mein Gesell zu einem Kranze las.Der Wald hat seiner greisen Tracht vergessen,20Der Mai ist auf dem grünen Zweig gesessen,Gewonnen hat er Laubes viel:Nun schmück dich bald, mein traut Gespiel;Du weisst, dass ich dahin mit einem Ritter will.’Die Mutter hörte das und wollt es rügen:‘Nun lass hinfort dein Leugnen und dein Lügen.Dein Wankelmuth ist offenbar.Wind ein Kränzlein um dein Haar,Denn ohne Kleider musst du, willst du zu der Schar.’‘Mutter mein, wer gab euch das zu Lehen,30Dass ich euch sollt um meine Kleider flehen,Davon ihr keinen Faden spannt?Stellt solchen Lärmen ein zuhand.Wo ist der Schlüssel? schliesst mir auf die Leinewand.’Das Linnen war in einen Schrein versperret,Der ward mit einem Stuhlbein aufgezerret;Die Alte sahs nicht mehr hernach.Als das Kind die Kiste brach,Verstummt war ihre Zunge, dass sie nichts mehr sprach.Sie nahm hervor das Röcklein trotz der Alten;Das war gelegt in viele kleine Falten;Ihr Gürtel war ein Riemen schmal.Hin zu dem von ReuenthalWarf die stolze Magd den bunten Federball.20SIMROCK.
NEIDHART VON REUENTHAL.
[Scherer D.213,E.204.]
Ein baierischer Ritter. Er nahm am Kreuzzuge Leopolds VII. von Österreich (1217–1219) Theil und lebte dann zu Wien, am Hofe Herzog Friedrichs des Streitbaren († 1246). Herausgegeben von Haupt (Leipzig 1858).
Ein baierischer Ritter. Er nahm am Kreuzzuge Leopolds VII. von Österreich (1217–1219) Theil und lebte dann zu Wien, am Hofe Herzog Friedrichs des Streitbaren († 1246). Herausgegeben von Haupt (Leipzig 1858).
‘Nu ist der küele winder gar zergangen;diu naht ist kurz, der tac beginnet langen;sich hebet ein wunneclîchiu zîtdiu al der werlde vreude gît;10baz gesungen nie die vogele ê noch sît.Komen ist uns ein liehtiu ougenweide:man siht der rôsen wunder ûf der heide;die bluomen dringent durch daz gras.wie schône ein wise getouwet was,dâ mir mîn geselle zeinem kranze las!Der walt hât sîner grîse gar vergezzen;der meie ist ûf ein grüenez zwî gesezzen;er hât gewunnen loubes vil.bint dir balde, trûtgespil:dû weist wol daz ich mit einem ritter wil.’Daz gehôrte der mägde muoter tougen.sî sprach “behalte hinne vür dîn lougen.dîn wankelmuot ist offenbâr.10wint ein hüetel um dîn hâr:dû muost ân die dînen wât, wilt an die schar.”‘Muoter mîn, wer gap iu daz ze lêhendaz ich iuch mîner wæte solde vlêhen?dern gespunnet ir nie vadem.lâzet ruowen solhen kradem.wâ nû slüzzel? sliuz ûf balde mir daz gadem.’Diu wât diu was in einem schrîne versperret.daz wart bî einem staffel ûf gezerret.diu alte ir leider nie gesach.dô daz kint ir kisten brach,dô gesweic ir zunge, daz sî niht ensprach.Dar ûz nam sî daz röckel alsô balde.daz was gelegen in maneger kleinen valde.ir gürtel was ein rieme smal.in des hant von Riuwentalwarf diu stolze maget ir gickelvêhen bal.10
‘Nu ist der küele winder gar zergangen;diu naht ist kurz, der tac beginnet langen;sich hebet ein wunneclîchiu zîtdiu al der werlde vreude gît;10baz gesungen nie die vogele ê noch sît.Komen ist uns ein liehtiu ougenweide:man siht der rôsen wunder ûf der heide;die bluomen dringent durch daz gras.wie schône ein wise getouwet was,dâ mir mîn geselle zeinem kranze las!Der walt hât sîner grîse gar vergezzen;der meie ist ûf ein grüenez zwî gesezzen;er hât gewunnen loubes vil.bint dir balde, trûtgespil:dû weist wol daz ich mit einem ritter wil.’Daz gehôrte der mägde muoter tougen.sî sprach “behalte hinne vür dîn lougen.dîn wankelmuot ist offenbâr.10wint ein hüetel um dîn hâr:dû muost ân die dînen wât, wilt an die schar.”‘Muoter mîn, wer gap iu daz ze lêhendaz ich iuch mîner wæte solde vlêhen?dern gespunnet ir nie vadem.lâzet ruowen solhen kradem.wâ nû slüzzel? sliuz ûf balde mir daz gadem.’Diu wât diu was in einem schrîne versperret.daz wart bî einem staffel ûf gezerret.diu alte ir leider nie gesach.dô daz kint ir kisten brach,dô gesweic ir zunge, daz sî niht ensprach.Dar ûz nam sî daz röckel alsô balde.daz was gelegen in maneger kleinen valde.ir gürtel was ein rieme smal.in des hant von Riuwentalwarf diu stolze maget ir gickelvêhen bal.10
‘Nu ist der küele winder gar zergangen;diu naht ist kurz, der tac beginnet langen;sich hebet ein wunneclîchiu zîtdiu al der werlde vreude gît;10baz gesungen nie die vogele ê noch sît.Komen ist uns ein liehtiu ougenweide:man siht der rôsen wunder ûf der heide;die bluomen dringent durch daz gras.wie schône ein wise getouwet was,dâ mir mîn geselle zeinem kranze las!Der walt hât sîner grîse gar vergezzen;der meie ist ûf ein grüenez zwî gesezzen;er hât gewunnen loubes vil.bint dir balde, trûtgespil:dû weist wol daz ich mit einem ritter wil.’Daz gehôrte der mägde muoter tougen.sî sprach “behalte hinne vür dîn lougen.dîn wankelmuot ist offenbâr.10wint ein hüetel um dîn hâr:dû muost ân die dînen wât, wilt an die schar.”‘Muoter mîn, wer gap iu daz ze lêhendaz ich iuch mîner wæte solde vlêhen?dern gespunnet ir nie vadem.lâzet ruowen solhen kradem.wâ nû slüzzel? sliuz ûf balde mir daz gadem.’Diu wât diu was in einem schrîne versperret.daz wart bî einem staffel ûf gezerret.diu alte ir leider nie gesach.dô daz kint ir kisten brach,dô gesweic ir zunge, daz sî niht ensprach.Dar ûz nam sî daz röckel alsô balde.daz was gelegen in maneger kleinen valde.ir gürtel was ein rieme smal.in des hant von Riuwentalwarf diu stolze maget ir gickelvêhen bal.10
‘Nu ist der küele winder gar zergangen;
diu naht ist kurz, der tac beginnet langen;
sich hebet ein wunneclîchiu zît
diu al der werlde vreude gît;10
baz gesungen nie die vogele ê noch sît.
Komen ist uns ein liehtiu ougenweide:
man siht der rôsen wunder ûf der heide;
die bluomen dringent durch daz gras.
wie schône ein wise getouwet was,
dâ mir mîn geselle zeinem kranze las!
Der walt hât sîner grîse gar vergezzen;
der meie ist ûf ein grüenez zwî gesezzen;
er hât gewunnen loubes vil.
bint dir balde, trûtgespil:
dû weist wol daz ich mit einem ritter wil.’
Daz gehôrte der mägde muoter tougen.
sî sprach “behalte hinne vür dîn lougen.
dîn wankelmuot ist offenbâr.10
wint ein hüetel um dîn hâr:
dû muost ân die dînen wât, wilt an die schar.”
‘Muoter mîn, wer gap iu daz ze lêhen
daz ich iuch mîner wæte solde vlêhen?
dern gespunnet ir nie vadem.
lâzet ruowen solhen kradem.
wâ nû slüzzel? sliuz ûf balde mir daz gadem.’
Diu wât diu was in einem schrîne versperret.
daz wart bî einem staffel ûf gezerret.
diu alte ir leider nie gesach.
dô daz kint ir kisten brach,
dô gesweic ir zunge, daz sî niht ensprach.
Dar ûz nam sî daz röckel alsô balde.
daz was gelegen in maneger kleinen valde.
ir gürtel was ein rieme smal.
in des hant von Riuwental
warf diu stolze maget ir gickelvêhen bal.10
‘Nun ist der kühle Winter gar zergangen,Die Nacht ist kurz, der Tag beginnt zu langen:Uns kommt die wonnigliche Zeit,Die Freude aller Welt verleiht,Die Vögel sangen nie so lustig weit und breit.Gekommen ist uns lichte Augenweide,20Der Rosen wunderviel sind auf der Haide,Die Blumen dringen durch das Gras;Von Thaue war die Wiese nass,Wo mir mein Gesell zu einem Kranze las.Der Wald hat seiner greisen Tracht vergessen,20Der Mai ist auf dem grünen Zweig gesessen,Gewonnen hat er Laubes viel:Nun schmück dich bald, mein traut Gespiel;Du weisst, dass ich dahin mit einem Ritter will.’Die Mutter hörte das und wollt es rügen:‘Nun lass hinfort dein Leugnen und dein Lügen.Dein Wankelmuth ist offenbar.Wind ein Kränzlein um dein Haar,Denn ohne Kleider musst du, willst du zu der Schar.’‘Mutter mein, wer gab euch das zu Lehen,30Dass ich euch sollt um meine Kleider flehen,Davon ihr keinen Faden spannt?Stellt solchen Lärmen ein zuhand.Wo ist der Schlüssel? schliesst mir auf die Leinewand.’Das Linnen war in einen Schrein versperret,Der ward mit einem Stuhlbein aufgezerret;Die Alte sahs nicht mehr hernach.Als das Kind die Kiste brach,Verstummt war ihre Zunge, dass sie nichts mehr sprach.Sie nahm hervor das Röcklein trotz der Alten;Das war gelegt in viele kleine Falten;Ihr Gürtel war ein Riemen schmal.Hin zu dem von ReuenthalWarf die stolze Magd den bunten Federball.20
‘Nun ist der kühle Winter gar zergangen,Die Nacht ist kurz, der Tag beginnt zu langen:Uns kommt die wonnigliche Zeit,Die Freude aller Welt verleiht,Die Vögel sangen nie so lustig weit und breit.Gekommen ist uns lichte Augenweide,20Der Rosen wunderviel sind auf der Haide,Die Blumen dringen durch das Gras;Von Thaue war die Wiese nass,Wo mir mein Gesell zu einem Kranze las.Der Wald hat seiner greisen Tracht vergessen,20Der Mai ist auf dem grünen Zweig gesessen,Gewonnen hat er Laubes viel:Nun schmück dich bald, mein traut Gespiel;Du weisst, dass ich dahin mit einem Ritter will.’Die Mutter hörte das und wollt es rügen:‘Nun lass hinfort dein Leugnen und dein Lügen.Dein Wankelmuth ist offenbar.Wind ein Kränzlein um dein Haar,Denn ohne Kleider musst du, willst du zu der Schar.’‘Mutter mein, wer gab euch das zu Lehen,30Dass ich euch sollt um meine Kleider flehen,Davon ihr keinen Faden spannt?Stellt solchen Lärmen ein zuhand.Wo ist der Schlüssel? schliesst mir auf die Leinewand.’Das Linnen war in einen Schrein versperret,Der ward mit einem Stuhlbein aufgezerret;Die Alte sahs nicht mehr hernach.Als das Kind die Kiste brach,Verstummt war ihre Zunge, dass sie nichts mehr sprach.Sie nahm hervor das Röcklein trotz der Alten;Das war gelegt in viele kleine Falten;Ihr Gürtel war ein Riemen schmal.Hin zu dem von ReuenthalWarf die stolze Magd den bunten Federball.20
‘Nun ist der kühle Winter gar zergangen,Die Nacht ist kurz, der Tag beginnt zu langen:Uns kommt die wonnigliche Zeit,Die Freude aller Welt verleiht,Die Vögel sangen nie so lustig weit und breit.Gekommen ist uns lichte Augenweide,20Der Rosen wunderviel sind auf der Haide,Die Blumen dringen durch das Gras;Von Thaue war die Wiese nass,Wo mir mein Gesell zu einem Kranze las.Der Wald hat seiner greisen Tracht vergessen,20Der Mai ist auf dem grünen Zweig gesessen,Gewonnen hat er Laubes viel:Nun schmück dich bald, mein traut Gespiel;Du weisst, dass ich dahin mit einem Ritter will.’Die Mutter hörte das und wollt es rügen:‘Nun lass hinfort dein Leugnen und dein Lügen.Dein Wankelmuth ist offenbar.Wind ein Kränzlein um dein Haar,Denn ohne Kleider musst du, willst du zu der Schar.’‘Mutter mein, wer gab euch das zu Lehen,30Dass ich euch sollt um meine Kleider flehen,Davon ihr keinen Faden spannt?Stellt solchen Lärmen ein zuhand.Wo ist der Schlüssel? schliesst mir auf die Leinewand.’Das Linnen war in einen Schrein versperret,Der ward mit einem Stuhlbein aufgezerret;Die Alte sahs nicht mehr hernach.Als das Kind die Kiste brach,Verstummt war ihre Zunge, dass sie nichts mehr sprach.Sie nahm hervor das Röcklein trotz der Alten;Das war gelegt in viele kleine Falten;Ihr Gürtel war ein Riemen schmal.Hin zu dem von ReuenthalWarf die stolze Magd den bunten Federball.20
‘Nun ist der kühle Winter gar zergangen,
Die Nacht ist kurz, der Tag beginnt zu langen:
Uns kommt die wonnigliche Zeit,
Die Freude aller Welt verleiht,
Die Vögel sangen nie so lustig weit und breit.
Gekommen ist uns lichte Augenweide,20
Der Rosen wunderviel sind auf der Haide,
Die Blumen dringen durch das Gras;
Von Thaue war die Wiese nass,
Wo mir mein Gesell zu einem Kranze las.
Der Wald hat seiner greisen Tracht vergessen,20
Der Mai ist auf dem grünen Zweig gesessen,
Gewonnen hat er Laubes viel:
Nun schmück dich bald, mein traut Gespiel;
Du weisst, dass ich dahin mit einem Ritter will.’
Die Mutter hörte das und wollt es rügen:
‘Nun lass hinfort dein Leugnen und dein Lügen.
Dein Wankelmuth ist offenbar.
Wind ein Kränzlein um dein Haar,
Denn ohne Kleider musst du, willst du zu der Schar.’
‘Mutter mein, wer gab euch das zu Lehen,30
Dass ich euch sollt um meine Kleider flehen,
Davon ihr keinen Faden spannt?
Stellt solchen Lärmen ein zuhand.
Wo ist der Schlüssel? schliesst mir auf die Leinewand.’
Das Linnen war in einen Schrein versperret,
Der ward mit einem Stuhlbein aufgezerret;
Die Alte sahs nicht mehr hernach.
Als das Kind die Kiste brach,
Verstummt war ihre Zunge, dass sie nichts mehr sprach.
Sie nahm hervor das Röcklein trotz der Alten;
Das war gelegt in viele kleine Falten;
Ihr Gürtel war ein Riemen schmal.
Hin zu dem von Reuenthal
Warf die stolze Magd den bunten Federball.20
SIMROCK.