Chapter 4

Eine Mondfinsternis riß ihn auf, er kehrte nach Samarkand zurück und rüstete den indischen Zug, leblos die Chinesin mit sich führend. Die Feldherrn kamen in das dunkle kleine Haus, der Garten war überdacht mit Leinen, die Fontäne knallte. Guines nahm den flimmernden Lauf der Sterne auf, die aus entfernten Gebirgen aufstiegen. Timur füllte bis auf ein Kleines das letzte Drittel seiner Windrose. Aus allen Provinzen Asiens fielen Heere in die Ebene, erstiegen die Gebirge und strömten in die Tiefländer.

In einem südlichen Gebirg gingen Menschen an ihnen vorbei, stolz wie Götter, die, weißer Haut, von der Sonne angeglüht, auf dem hohen Schnee nackt liefen. Waffenlos traten sie heran, stellten die Arme auf die Hüften und ließen lächelnd die Tataren vorüberreiten. Sie hießen Siapusch. Timur ließ ihren Anführer von einem Gletscher hinabstürzen, er flog, die Arme gebreitet, ab.

Als erster warf Timur sein Pferd in den Indus, dann brachen die Heere tagelang nach und zerwühlten den Strom. An der steinernen Kuh, aus deren Euter der Ganges fällt in sieben Strahlen, warf er ein Heer der Inder um.

Er ließ die lebenden Gefangenen zusammenschichten zu Türmen, legte feuchten Lehm und Gebälk dazwischen, mörtelte sie ein. Die Türme schwankten wie Schlangen bis in die Nacht. Dann erstarrten sie.

Geknäult in sein Zelt, die Augen weit geöffnet, sagte er, wenn indische Trophäen kamen, der Boten überdrüssig: „Was kommen sie, bin ich müde?“, und sandte ihnen den Todesbefehl entgegen.

Auch hier teilte die Chinesin sein Zelt.

Am unteren Ganges fing die Vorhut einen Prinzen, schön wie ein Schläfer, daß die Papageien der Chinesin zu singen anhuben wie die Lerchen, geblendet von ihm. Er ließ ihn, um den viele als Sklaven inbrünstig baten, um seine Schönheit in einem Ausgleich zu ehren, in seidenen Tapeten zu Tode rollen.

An den Seiten der Flüsse folgten seinem Fuß zuckende Türme, die sich in das Rot schwerer Abende hineinkrümmten. Die Tataren gossen sich aus dem Gebirg herunter, Pfeile schütteten die Wälder zu, Pferdegewieher rauschte in die Ströme.

Timur warf die Geschwader um Dehli.

Zur Entsetzung der dreistaffligen Königsstadt kamen um den Bogen des Stroms Hunderte von Schiffen rotgesegelt eines Morgens den Fluß herauf. Das stahlblaue Band der Strömung zitterte. Mit Katapulten zerschmetterten die Tataren knallend die Hölzer. Bogenschützen, die Ufer säumend, mit Harnischen, schossen den Fluß rot, daß er über die Ufer trat.

Um Dehli lag ein fester Ring. Andere Geschwader lösten sich. Wie Bremsen glitzernd warfen sie das Land unter ihre Pferdebäuche bis ans Meer. Als die Wellen vor ihnen sich wütend in die Höhe bogen, ritten sie knirschend zurück.

Aus Dehli fiel ein Heer aus. Das Tal stand überflutet von braunen Indern. Elefanten wogten an mit giftigen Dolchen. Glocken, Pauken und Trommeln knatterten. Aus den Tatarenreihen flogen Flitschpfeile. Ochsen sausten los, brennendes Reisig zwischen den Hörnern, die Augen dunkelgebläht.

Tatarenhaufen stießen in die braunen Massen, rissen mit geschärften Ringen die Rüssel der Elefanten aus den Körpern. Das Tal spie Blut in den Gangesarm. Die Braunen schwanden. Tataren brachen bis an die Tore. Auf dem Feld tanzten die Nacht in gekrümmten Sprüngen die ausgerissenen Rüssel.

Mit krummen Schenkeln, obeinig, ersprangen, die Tataren die Vorstädte, drei Tage schwangen sie die Messer, die Gheberer warfen ihre Kinder und Frauen ins Feuer, die Muslemin aus Angst vor den Tataren erdrosselten sie, und, selbst die Leiber zerhackt, entfielen sie den Säbeln der Tataren.

Nach diesen drei Tagen schmiß Keser seinen Säbel auf einen Prellstein, spie aus und ritt zu Guines. Den zwang er zu seinem Vater zu laufen mit den Worten, die er ihn lehrte:

„Ich habe gekämpft wie wenige deiner Feldherrn. Du hast mich belohnt. Ich danke dir. Doch ich bin diesen Auftrag müde. Bin ich ein Metzger oder ein Hund? Ich fechte nicht weiter in der Stadt. Ich werfe mich in den Staub vor deiner Kraft. Aber bedenke, hättest du die Verwüstungen Nebukadnezars, die Macht der Amalekiter: das Grab eines Palastes ist das Ende. Ein Hemd und ein Rock, reines Wasser und Brot ist alles, was ein durchgängiger Wandersmann verlangen muß und schon zuviel für einen. Mein Kopf steht dir frei. Aber ich höre auf, laß es genug sein.“

Ein Wolkenbruch spülte Wellen Wassers in die Zelte und der Wind war voll Schwaden Blutdampfs. Guines erwartete seinen Tod, dem er bei Keser entronnen war, nun bei Timur. Doch der sandte ihn Keser zu holen.

Timur hob die Braue, groß gefüllt, und sagte: „Knabe . . .“ Weiter kam ihm kein Wort, denn der Mann, der zehn Sherife gestürzt, fiel in die Knie.

Die Chinesin sah auf ihn, die Augen schimmernd und hob die Hand ins Haar.

Als der Regen drohender anlief, legten sie Filz in die Straßen, der das Wasser einsog und hieben weiter. An den Gebetschnüren hingen die Radschas aus den Fenstern der hochgegliederten Paläste. Naphthafeuerwerker setzten den Fluß in Brand.

Als die Stadt leer war, füllte Timur den letzten Fleck von Weiße auf seiner Windrose, die Welt lag in seinen Händen, schaukelnd nach dem Tempo seines Atems, es gab kein Tier, das nicht unter seinen Pfeilen stand.

So wuchs er über alles.

Von den Gliedern der Chinesin fiel eine Starre, in einer glühenden Umarmung wühlte sie sich die Nacht an seine Brust.

Allein es war noch nicht die Zeit.

Yakou kam als letzter aus der Stadt, den Kopf zitternd tragend, ordnete die ungeheuren Massen der Gefangenen, küßte Timurs Sohle und, nicht mehr sprechend, vom Joch der Monate überspannt, zog er sich in den Winkel seines Zeltes zurück und wandte fürder das Gesicht der Nische der Gottesverehrung zu.

Seine Tat war getan. Seine Hände glitten über kostbare Stoffe, die er ordnend durch die Finger führte und im Hingleiten der Tage erhielten seine Augen sicheren ruhigen Glanz.

Am Morgen kam als Bote des griechischen Kaisers der Prinz von Schiruan, breitete vor dem Zelt neun Ladungen aus edler Geschirre, neun Kamele voll Teppiche und acht gelehrte Sklaven, die Harfen, Zirkel und Papierrollen trugen. Sie fragten ihn, wo der neunte sei, wie die Sitte es wolle. Er hob die Hand, bog sie um und stellte den Finger gegen die eigene Brust.

Die Heere Axallas, die die Küsten durchstäupt hatten, kehrten donnernd zurück. Axalla fehlte. Sein Schreiber brachte seinen Brief: „Vierzig Jahre führe ich Krieg mit dir. Der Tod schlägt mich am Meer entzwei, ich sterbe in Verdruß, daß ich nicht Dehli mit dir nehmen kann. Doch bin ich nicht groß genug, um bis ans Ende mitzugehen.“

Es war ein heißer Morgen, ganz gelb voll spiegelndem Licht. Timurs Mund war geschlossen, als er mit der Chinesin die Schätze musternd vorüberging, das Letzte der Welt. Die Strahlen flogen in Fluten darüber. „Einsam,“ sagte Timur, „aber am Ziel.“

„Leben wir,“ sagte die Chinesin: „Es ist überstanden.“

Den Abend ließ er die Gefangenen zusammenpferchen. Sie füllten den ganzen auslaufenden Kessel des Gebirgs. Es waren hunderttausend Leiber, um die die gelbkalkigen Abhänge hingen. Ihnen gegenüber stellte Timur die Halbbogen zweier Heere an das andere Ende der Ebene. In der Nacht ging der Fluß zurück und ließ silbrige Quallen. Heiße Fontänen spritzten um das Lager in die Höhe, und zwei Kometen bohrten sich durch den hängenden Himmel.

Am Morgen ging Timur vor das Zelt.

Dann schritt er einen Hügel hinauf, der mit einem Kegel mitten in der Ebene aufstieg.

Links wogte im Kessel die braune Flut, ungedämmt, sich an den Wänden brechend, der Gefangenen. Rechts hielten die Tataren, bereit zum Sturm. Zwischen ihnen am Fuße des Hügels war eine Tribüne, und ein Tatar hielt, das Gesicht heraufgerichtet, einen halbgerafften Teppich in der Hand.

Die Tataren hielten unbeweglich, gegossen, die Zügel zwischen die Zähne eingespannt. Die Pferde stemmten die Beine nach vorn, an den Mäulern zurückgerissen. Die runden Säbel blitzten in der Sonne. Sie hingen blutgierig wie zwei geschwollene Wolken am Ende des Gebirgs.

Da begriff die Chinesin.

Die Freude losch aus ihren Blicken. Und das Schweigen brechend wandte sie ihre erschütterte Seele gegen ihn und beschwor ihn. Während die stille Sicherheit, die sie aus den vergangenen Tagen gesogen, einstürzte vor neuer Qual, rief sie die Schlichtheit seiner Gärten vor ihn hin, die Kanäle, die Flüsse, die Paläste, Samarkand. „Leben wir. Laß das Unnötige.“ Sie zog den Mund in einem Bogen, daß die gedämmte Inbrunst der Sprache über ihr Gesicht rann und sie verstummte.

Eine Flamme schoß aus den Augen der Chinesin, Timur schüttelte den Kopf: „Ich gehe bis an das Ende.“

„Gott hemmt dich in mir.“

„Du warst der Stachel nur Gottes, daß ich nicht rastete.“

Sie riß mit einem Schrei das Kleid von ihrer Brust und jammerte: „O daß ich dich tötete . . . o daß ich dich tötete.“

Mit einem Sprung kehrte sie sich um, legte die Hände vor den Mund, und, vor ihn tretend, rief sie hinunter zur Tribüne:

„Vorhanghalter, laß den Vorhang fallen. Es ist keine Vorstellung mehr.“

Doch auf ihre kleine Stimme, die nicht hinunterreichte, geschah nichts. Sie kehrte, die Hände senkend, sich um.

Sie sah auf Timurs Stirn mit einemmal die Stelle, die der Pfeil getroffen, erhellt wie ein rotes Gestirn, von dem Riefen nach den Seiten liefen und heller wurden. Hinter seinem Kopf stieg die Sonne aus dem Gebirg, und sein Gesicht, aufgeklärt und wie mit einer Keule verdichtet, wuchs zu Granit hinein in die roten Kreise, die sich darum nieteten und ihre Strahlen aussandten, die schon den letzten Horizont entzündeten.

Da nahm sie die Hand an die Stirn und fiel, zurückgedonnert von diesem Gesicht.

Aber er, vor die Frau tretend, die hinfiel abgeblendet, nahm, indem er sie aufhob, die Sehne aus der Gabelung seines Bogens und zog und umschnürte ihren Hals. Dann biß er ihn auf, nahm einen Mund voll ihres Blutes und gab den Wink, daß der Vorhang sich hebe, hinunterschreitend zu den Zelten, durchbraust von Gott, der ihn berief, auch in diesem Letzten, sein unsterbliches Gesicht glänzend wie Gold.


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