III.Klima, Pflanzen- und Tierwelt.

Abb. 14.Dürrensee mit Monte Cristallo.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Abb. 14.Dürrensee mit Monte Cristallo.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Die Südabdachung Tirols schickt mit Ausnahme jener Gewässer, die sie durch die Drau zur Donau sendet, all’ ihre Abflüsse zum Adriatischen Meere. Und zwar teils durch den Po, der durch Chiese und Mincio die von den Adamelloalpen, von der Brentagruppe und vom Gardasee herstammenden Wasser empfängt, teils unmittelbar durch die Alpenströme Etsch, Brenta und Piave. Unter ihnen ist die Etsch entschieden am bedeutendsten. Von ihrem Ursprung aus der Malser Heide an nimmt sie die gewaltigen Gletscherbäche auf, die der West- und Südseite der Ötzthaler Alpen und dem Nordostgehäng der Ortlergruppeentstammen; durch die Passer empfängt sie abermals Zuflüsse aus den Ötzthaler und Stubaier Alpen; dann wieder aus diesen und aus der Zillerthaler Gruppe durch den wilden Eisack, der ihr auch die Wasser des Ahrnthals, des Pusterthals und die vom Nordabfall der Dolomitalpen zuführt. In ihrem Weiterlaufe nimmt sie noch den Nosbach auf mit Abflüssen der Ortler-, Presanella- und Brentagruppe; und endlich den langen Avisio, dessen oberste Quellbäche von den Eisfeldern der Marmolada sich nähren.

Abb. 15.Drei Zinnen, vom Toblinger Riedel gesehen.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Abb. 15.Drei Zinnen, vom Toblinger Riedel gesehen.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Die Seen. Erdgeschichte Tirols.

Im Vergleich mit den Schweizer Alpen ist Tirol arm an Seebecken. Immerhin hat das Vorarlberger Land seinen Anteil am Bodensee, Südtirol den seinen am Gardasee. Nur ein einziger größerer Hochgebirgssee, der Achensee, hat sich zwischen die Steilwände der nördlichen Kalkalpen eingebettet; kleiner, aber mit den reichsten landschaftlichen Reizen ausgestattet sind der Molvener See und die Seen von Levico in Südtirol. Dagegen enthält Tirol eine stattliche Anzahl ganz kleiner, nicht selten unmittelbar von den Eiswänden seiner Gletscher überragter Seebecken, die ihren Hochthälern eigentümlichen Zauber verleihen. So der Lüner See unter den Wänden der Scesaplana, der prächtige Plansee an der Nordgrenze, die hochromantischen Seespiegel in der Nachbarschaft des Fernpasses und auf der Malser Heide, der Gurgler Eissee, der Antholzer See, der einsame Antermojasee oder der berühmte Dürrensee, in dem der Monte Cristallo sich spiegelt (Abb. 14), wie der Fedajasee unter den Eismauern der Marmolata, der stille grüne Brennersee, und noch mancher andere.

Abb. 16.Entlaubter Baum im Mühlwaldthal.(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)

Abb. 16.Entlaubter Baum im Mühlwaldthal.(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)

Entstehung der Alpen.

Unausdenkbar lange Zeiträume haben ihre Schleier über die Geschichte der großartigen Erdfaltungen gebreitet, die heute in den Alpen vor unseren Augen stehen. Aber man darf vermuten, daß da, wo jetzt die stolzen Gipfel aufsteigen, einst ein niedriges, aus Granit und Gneis bestehendes Hügelland sich ausdehnte. Dieses Hügelland war wohl unermeßlich lange Zeit von einem Meere bedeckt, auf dessen Boden sich durch Ablagerung mächtige Schieferschichten bildeten. Einzelne, aus Granit und Gneis bestehende Inselgruppen mochten über dieses Meer emporragen, das in der frühesten Zeit der Erdbildung noch keine organischen Wesen enthielt. Abermals nach unbestimmbar langen Zeiten mögen durch unterirdischen oder seitlichen Druck Hebungen einzelner Teile der Landmasse hervorgegangen sein; die Wasserbedeckung veränderte sich, und es entstand wohl ein lang gestrecktes Festland, etwa der heutigen Centralkette entsprechend. Während dieser Zeiträume bedeckte sich unter dem Einflusse eines heißfeuchten Klimasder über das Meer hervorragende Teil des Alpenlands mit der üppigen Pflanzenwelt der Steinkohlenformation. Hebungen und Senkungen des Landes setzten sich fort; ebenso die Ablagerungen auf dem Meeresgrunde. Wälder wurden überflutet und sanken in die Tiefe; über sie legten sich wieder dicke Schichten kalkigen Schlammes, der in dem Meere zu Boden sank und zur Felsdecke erstarrte. Zwischendurch brachen aus entfernteren Tiefen der Erde mit ungeheurem Drucke gewaltige Porphyrgesteine empor, zertrümmerten und zerrissen die Steinkohlenschichten und bildeten mit mächtigen Trümmermassen zusammen das große Porphyrplateau nördlich von Bozen. Die Alpen waren nun durch fortwährende Hebung trockenes Land geworden, von ungeheuren Waldungen bedeckt. Aber wieder senkte sich der Boden; aufs neue brandete das Meer an die noch niedrige Centralkette. Sand- und Thonlager, Schichten von muschelhaltigem Kalke legten sich neuerdings auf den Grund dieses Meeres hin; Korallen bildeten mächtige Bänke in demselben; immer reicher erscheint die Tierwelt, deren Reste in diesen Sand- und Schlammschichten versinken mußten. Und die unterirdischen Mächte hörten noch immer nicht auf, neue Massen fremdartigen Gesteins aus den Erdtiefen in die Höhe zu drängen. Und dann mochte wohl wieder eine Zeit kommen, in der fast die ganzen Tiroler Alpen unter den Spiegel des Meeres versanken. Aber es war ein neues Meer und eine neue Tierwelt, die in ihm lebte. Und neues Land wuchs wieder am Grunde dieses Meeres und an seinen Ufern. Noch immer mag dieses Land ein niedriges Plateau mit regelmäßig aufeinander gelagerten Schichten gewesen sein, ohne tief eingeschnittene Thäler. Dann aber erfolgten mehrere stärkere Erschütterungen des Alpenlandes und Hebung desselben, in seiner ganzen Breite, über das Meer. Die im Laufe von vielen Zeiträumen, von denen einzelne wohl Millionen von Jahren gewährt haben müssen, übereinander gelegten Schichten wurden gehoben, gespalten und durch den furchtbaren Druck der aufgestiegenen Centralmassen seitlich abgedrängt. Mächtige Schichten wurden dabei gebogen, verschoben, verworfen, ja geradezu umgestülpt; was früher horizontal lag, steil aufgerichtet. Es entstanden Gewölbe, die schließlich zerbarsten und deren Schalen dann als grausige Klippen den Kern, der sie emporgedrückt hatte, umstarrten. Mannigfache Spalten, die sich gebildet hatten, wurden zu Thälern, die dann vom fließenden Wasser weiter ausgewaschen wurden.

Abb. 17.Andreas Hofer.(Nach einem 1810 erschienenen Stiche.)

Abb. 17.Andreas Hofer.(Nach einem 1810 erschienenen Stiche.)

Endlich hörten die großen Erschütterungen des Alpenbodens auf. Aber das Wasser, das Eis und die Verwitterung der hoch getürmten Felsmassen begannen nun an der Landschaft zu arbeiten. Nach der letzten Hebung des Bodens, nach der Bildung der Thäler sank die Temperatur des Alpenlandes tief; die Eiszeit brach herein. Ganz Tirol bedeckte ein ungeheures Gletschermeer, aus dem die einzelnen Gebirgszüge als nackte Felsenrisse hervorbrachen. Auf demRücken der meilenbreiten Gletscher wurden unermeßliche Schuttmassen thalab getragen, die Erzeugnisse der zusammenstürzenden Steilwände, welche unter dem Einflusse von Wasser und Eis barsten und brachen und den Halt verloren.

Abb. 18.Andreas Hofer-Denkmal in der Hofkirche zu Innsbruck.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Abb. 18.Andreas Hofer-Denkmal in der Hofkirche zu Innsbruck.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Veränderung der Alpen. Klima.

Und dann, nachdem auch dies Jahrtausende gewährt hatte, kam endlich wieder ein Zeitalter tauender Lenze; die Gletscher zogen sich langsam zurück in die höheren und höchsten Gebirgswildnisse; die von ihnen befreiten Thäler, die Schutthalden und die glatt geschliffenen Wände bedeckten sich allmählich mit einer Schicht von Erde und Pflanzengrün, und schließlich wurden die Alpen so weit wohnlich, daß aus dem lombardischen Tieflande und von der Donauhochebene her der Mensch einwandern konnte in die Thäler von Tirol.

Abb. 19.Philippine Welser.(Nach dem in Schloß Ambras befindlichen Bilde photogr. von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Abb. 19.Philippine Welser.(Nach dem in Schloß Ambras befindlichen Bilde photogr. von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Die Naturvorgänge aber, die während der Eiszeit begannen, setzen sich unablässig fort. Immer wieder sprengt der Frost die Felsen auseinander; ihre Trümmer stürzen zerkrachend in die Tiefe und auf die Gletscher, wo sie als lange bewegliche Steinwälle weiter abwärts getragen werden. Immer wieder spülen die Regengüsse losen Schutt nach den Thälern; immerfort wälzen die Gletscherbäche polternde Blöcke mit sich. So wird das Land Tirol unmerklich, langsam hinausgespült aus sich selber, in die Adria und in das Schwarze Meer.

Klimatische Verschiedenheiten in Tirol.

Tirol hat eine große lachende Sonnenseite: die Abdachung der Centralkette nach Süden. Und dieser entgegengesetzt das schattigere winterliche Nordgehäng gegen das Innthal und weiterhin gegen die bayerische Hochebene. Wie eine Riesenmauer trennen die Alpen das rauhere Klima Deutschlands von dem milderen Himmel Italiens. Schneestürme sausen um die Scharnitz, während man im Bozener Thalkessel unter blauem Sommerhimmel die Traube einheimst.

Und wie das ganze Land an seiner nördlichen und südlichen Abdachung die größten Gegensätze aufweist, so auch die einzelnen Thäler. Jedes in ostwestlicher Richtung verlaufende Thal hat seine nach Süden gekehrte sonnseitige Thalwand und seine Schattenseite. Den Bewohnern der Sonnenseite kommt der Frühling um Wochen früher, ihr Jahr ist wärmer und ihr Herbst weicht später dem Winter, als denen, die an der Schattenwand hausen. Und auch die von Süd nach Nord verlaufenden Thäler haben doch wieder ihre Biegungen, ihre Seitenschluchten und Mulden, wo nach Süden gewandte Gehänge kleine sonnseitige Winkel bilden. Man begreift, daß sich die menschliche Ansiedelung mit aller Macht nach der Sonnenseite gezogen hat. Wo freilich, wie im unteren Innthale, die nach Süden gewandten Thalwände ganz steileFelsenmauern sind, während die entgegengesetzten Gehänge sanft ansteigen: da mußte man eine Ausnahme von dieser Regel machen.

Wohl sind die hohen Lagen im ganzen kühler, als die tieferen. Aber die Gegensätze von Warm und Kalt werden nach oben zu nicht schärfer, sondern milder. So kommt’s, daß den zu höchst gelegenen Ansiedelungen nicht etwa der winterliche Frost ein besonders grimmiger Gegner ist, sondern mehr die furchtbaren Schneemassen, die sie oft wochenlang von der Thaltiefe völlig abschneiden. Die dauernden menschlichen Wohnsitze reichen in Tirol viel höher hinauf, als in den deutschen Mittelgebirgen. Das gilt schon für die Nordhälfte des Landes. Die südliche Hälfte aber erfreut sich eines Klimas, wie es, soweit die deutsche Zunge klingt, sonst nirgends vorkommt. Die gesegnetsten Lagen des Rheingaus werden weit übertroffen durch das Klima des Etschthales von Bozen abwärts. Während der Winter in Nordtirol ungefähr ebenso lang und so streng ist, wie in Deutschland, rechnet man seine Dauer im Bozener Gebiet nur nach Wochen; im unteren Sarcathale aber ist nur ein Schritt vom Spätherbste zum Vorfrühling. Der Sommer Nordtirols möchte wohl heißer sein, als der deutsche; aber er kommt nicht dazu, weil die Sonne hinter den Bergrücken später aufsteigt und früher versinkt. In Südtirol ist der Sommer durchaus italienisch, so daß die Bewohner genötigt sind, aus den heißen Thaltiefen herauf wochenlang in die frischere Luft der Berghöhen zu fliehen.

Abb. 20.Trachten in Taufers-Sand.(Liebhaber-Aufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)

Abb. 20.Trachten in Taufers-Sand.(Liebhaber-Aufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)

Die Eisregion.

Während im Flachlande Schnee und Eis nur durch einige Winterwochen eine Rolle im Landschaftsbilde, in den klimatischen und wirtschaftlichen Zuständen spielen, behaupten sie diese Rolle in einem Hochgebirgslande das ganze Jahr hindurch. Von der gesamten Grundfläche Tirols sind 4764qkmunproduktives Land: Felsenflächen, die entweder für immer mit einer dicken Last von Schnee und Eis bedeckt sind oder doch wegen ihrer hohen Lageund ihrem gänzlichen Mangel an Erdbedeckung nur Spiel- und Tummelplätze des ewigen Winters bilden. Ungefähr der sechste Teil des Landes ist nicht bloß allem Anbau unzugänglich, sondern geradezu eine Hochburg, von der aus Stürme, Eis- und Schneelawinen, Steinströme, Schlammfluten und Wildwasser die menschlichen Ansiedelungen und landwirtschaftlichen Werkplätze heimsuchen. Die Firn- und Eismassen, welche in meilenbreiter Ausdehnung die höchsten Kämme und Gipfel decken, nehmen einen dauernden Einfluß auf die Natur des ganzen Landes und durch sie auch auf die Menschen. Der Natur der Hochthäler verleihen sie einen starren gewaltthätigen und menschenfeindlichen Hintergrund; den Menschen nötigen sie zu Kämpfen und Sorgen, von denen sich die Bewohner der Flach- und Hügelländer keine Vorstellung machen. Nicht als ob diese Firn- und Eismassen eine bedenkliche Abkühlung der Thäler bewirkten. Es ist keine Eiskellerluft, die sie erzeugen, sondern eine wohl mitunter eisige, dabei aber kräftige und überaus reine Luft, die aus ihnen zu den menschlichen Ansiedelungen herabweht.

Abb. 21.Zillerthaler.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Abb. 21.Zillerthaler.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Geradezu verwüstend wirkt die Welt des ewigen Eises nur ausnahmsweise, wenn sich unter besonderen Verhältnissen Eisseen bilden, die dann, wie es im Ötzthale und im Martellthale schon geschah, plötzlich ihre Umdämmung durchbrechen und die tiefer liegenden Thalgründe verheeren. Viel gefährlicher sind die nicht perennierenden Schneemassen, die sich an steileren Gehängen lagern und, wenn sie von wärmeren Luftströmungen zerweicht werden, von ihrer Unterlage gleiten, um als Lawinen mit unwiderstehlicher, zermalmender Wucht niederzugehen. Diesen Schrecken kennt jedes Hochthal in Tirol; an allen Gebirgspfaden sieht man die hölzernen Gedenktäfelchen, die vom Tode eines Menschen in der eisigen zerdrückenden Umarmung einer Lawine reden.

Abb. 22.Zillerthalerin.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Abb. 22.Zillerthalerin.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Für die Thäler sind die in flimmernder Höhe über ihnen lagernden Firn- und Eismassen beständige Behälter ergiebiger Wassermassen. Da sammelt sich nicht bloß während des Winters, sondern auch während des Frühlings und Herbstes das krystallisierte Wasser in riesigen dicken Lagern an, um dann als Schmelzwasser niederzugehen. Man muß an einem Sommertage zurMittagszeit über einen großen Gletscher gewandert sein, um zu sehen, wie da meilenlange Eisfelder auf einmal in Bewegung geraten, wie ihre Oberfläche zu tausend und abertausend Rinnsalen wird, in denen das geschmolzene Eis thalabwärts rieselt und gurgelt und rauscht, um am unteren Ende des Gletschers jene mächtigen Bäche zu speisen, die da mit wütender Kraft unter dem Eise hervorbrechen. Und je heißer der Sommer, um so reicher die Wassermenge, die er liefert. Aber nicht bloß in der wärmeren Jahreszeit schmelzen die Gletscher ab. Mitten im Winter kommen Tage, wo plötzlich eine warme Luftströmung die Eiswelt der Höhen zum Tauen bringt. Diese Föhnwinde kennt man in Tirol, wie man sie in der Schweiz kennt. Aber während man ihre Wärme früher dadurch erklärte, daß man meinte, sie kämen aus der Sahara über das Mittelländische Meer geflogen, kennt man sie jetzt als Fallströmungen, die durch ihren Sturz aus der Höhe zu ihrem Wärmegrad kommen. An solchen Wintertagen fangen die sonst zu Krystall gefrorenen Bäche plötzlich zu sprudeln und zu schäumen an, jeder Berg wird zum riesigen Dache, von dem Tausende von Wassern niederrieseln; die Firnfelder dampfen, und die stürzenden Lawinen lassen ihren Donner vernehmen.

Abb. 23.Pusterthalerinnen.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Abb. 23.Pusterthalerinnen.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Die Bodenbenutzung.

Von den29288qkmBodenfläche, welche Tirol enthält, sind: 1491 Äcker, 1964 Wiesen, 50 Gärten, 128 Weingärten, 1394 Hutweiden, 7778 Almen,11049 Wald, 68 Seen, Sümpfe, 55 Haus- und Hofräume, 4764 unproduktive Wüstenflächen. Man ersieht daraus, daß die mit Pflanzen angebaute Fläche nur den siebzehnten Teil der Gesamtfläche beträgt; alles, was sonst dem Boden entsproßt, ist mehr oder weniger wild wachsendes Naturprodukt. Freilich wird dieses Wachstum der Natur noch geleitet und überwacht; aber Leitung und Überwachung wird um so lockerer und weniger eindringlich, je höher die Lage.

Abb. 24.Passeierin.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Abb. 24.Passeierin.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Auf den Äckern der Thalsohle wird zumeist Mais gebaut; an den Berghängen Roggen, Weizen, Gerste und Hafer. Der Getreidebau reicht bis zur Höhe von 1700mhinan; doch erzeugt das Land nicht seinen vollen Bedarf an Brotgetreide. Neben dem Getreide wird auch Flachs gebaut; derÖtzthaler und Innthaler Flachs ist weitberühmt.

Abb. 25.Meraner.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Abb. 25.Meraner.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Wein- und Obstbau.

Südlich vom Brenner ist neben dem Mais der Weinstock die wichtigste Kulturpflanze. Er reicht vom Süden herein bis Brixen, zu einer Meereshöhe von 600m; im Vintschgau bis über 700m. Der Wein wird in Tirol nicht an Stöcken gezogen, sondern in „Berglen“. Das sind Laubengänge von 2mHöhe, aus Holzsäulen bestehend, auf welchen Träger, „Staleinen“ ruhen. Doch finden sich Weinpfähle im Pusterthale und bei Brixen, während in Welschtirol die Reben sich an und zwischen den Maulbeerbäumen emporranken müssen. Diese Art des Anbaues wie die in Laubengängen ist landschaftlich weit reizvoller, als die an Pfählen; die letztere aber ermöglicht eine viel sorgfältigere Kultur. Die berühmtesten Tiroler Weine sind die von Terlan, Kaltern und Tramin; auch der Isera und Vino Santo von Arco.

Abb. 26.Meraner Saltner.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Abb. 26.Meraner Saltner.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Neben der Weinrebe sind’s edle Obstbäume, die der Landschaft Südtirols einen stellenweise paradiesischen Zug verleihen. Vom herrlichen Bozener Boden hinüber nach Meran und etschabwärts bis nach Arco gedeihen vorzügliche Äpfel, Pfirsiche, Aprikosen, Mispeln, Quitten; in den südlicheren Lagen auch Feigen, Mandeln und Granatäpfel. Und wenn in Deutschland noch überall der Schnee die Erde deckt, dann blüht und duftet es hier in jedem Thalwinkel, und Blüten regnen durch kosende Luft, während aus der Höhe noch tief beschneit die Felsenhäupter der Thalumwallung starren. Der schönste unter den fruchttragenden Bäumen Tirols aber ist die Edelkastanie. Sie hat das gleiche Verbreitungsgebiet, wie der Weinstock, wächst in ganzen Wäldern und bildet mit ihrem reichen dunkelgrünen Laube einen prachtvollen Schmuck der Landschaft. Auch die Nußbäume, die etwas höher gegen das Gebirge hinansteigen und auch in Nordtirol sich finden, wachsen zu mächtigen Baumgebilden heran. Nur im südlichsten Teile Tirols, im unteren Sarcathale und an den Ufern des Gardasees gedeiht der Ölbaum, der mit seinem blassen graugrünen Blätterwerk und seinem unvergleichlich stilvollen Geäst der Landschaft einen hellenischen Zug verleiht. Weniger können die unschönen Maulbeerbäume gelobt werden, die fürWelschtirol charakteristisch sind. Aber weil sie die notwendige Bedingung der Südtiroler Seidenzucht sind, verzeiht man ihren Mangel an Baumschönheit. In ihrer landschaftlichen Wirkung sind die deutschen Nutzpflanzen den welschen entschieden überlegen. Auch die Mais- und Tabakfelder des Etschlandes reichen nicht an die Schönheit eines sommerlichen Roggenfeldes.

Abb. 27.Meranerin.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Abb. 27.Meranerin.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Pflanzenverbreitung.

In Südtirol ist die Stufenreihe der charakteristischen Pflanzen von den Thaltiefen nach den Höhen zu eine etwas andere, als im Norden. Dort sind für die unteren Lagen bis zu 700–800mSeehöhe bezeichnend die Pappel, Felder von Reis und Mais, Tabak, Maulbeerbäume, Reben, Nußbäume und Kastanien. Von 700–1600mGetreidearten und Obstbäume; höher hinauf Wiesen und Buchenwald; dann beginnt erst der Fichtenwald und die Alpenweide.

So stark sind die Gegensätze zwischen den nördlichen und südlichen Abdachungen, daß man an der Nordseite eines Joches, wie etwa am Pfitscher Joche, stundenlang durch völlig pflanzenleeres Gestein emporsteigt und, kaum auf die Südseite getreten, schon einen weichen Rasenteppich unter sich hat. Auch auf dem Kalser und Velber Tauern, auf dem Venter Hochjoch kann man die gleiche Beobachtung machen. Da kommt man mit einem Schritt aus dem Norden nach Süden.

Die auffallenden Unterschiede in der Pflanzenwelt des Landes hängen teils von den großen klimatischen Unterschieden, teils auch von denen der Bewässerung und der geognostischen Bodenverhältnisse ab. Die heutige Pflanzenwelt Tirols ist, mit dem Rückgange der Gletscher zur schwindenden Eiszeit, allmählich von Norden und von Süden her ins Land gewandert, soweit nach der Centralkette und nach den höheren Berglagen zu, als es die Natur der einzelnen Pflanzen gestattete. Aber längst ehe der Brenner und die Malser Heide vom ewigen Eise befreit waren, trugen schon Stürme die Keime südlicher Pflanzen über die Centralkette nach Norden und umgekehrt.

Abb. 28.Sarnthaler.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Abb. 28.Sarnthaler.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Der Waldbestand Tirols.

Bei den großen Höhenunterschieden ist es erklärlich, daß das Bild der Pflanzenbekleidung des Landes ein so mannigfaches ist. Während einzelne Charakterpflanzen,wie die Weinrebe, der Ölbaum, die Edelkastanie, die Cypresse, die Kakteen, nur in den Thälern Südtirols gedeihen, finden sich die deutschen Waldbäume sowohl in Süd- wie in Nordtirol. Die Pflanzenbekleidung der Erdrinde steigt in Tirol sogar höher hinan, als in der Schweiz; der Getreidebau reicht bis 1700müber dem Meere. Unter den Waldbäumen liebt die Erle am meisten die tieferen Lagen. Sie findet sich in ausgedehnten Beständen auf den Thalsohlen, in den durch Überschwemmungen der Bergströme gebildeten übersandeten Auen. Solche Erlenauen, unerfreuliche Landschaftsbilder, zeigen große Strecken des Unterinnthals; sie finden sich auch im Zillerthal, am Ausgange des Ötzthals, in Ridnaun, Pfitsch und anderwärts.

Die Eiche liebt den Boden Nordtirols nicht. In Südtirol dagegen findet man sie häufig, aber nur in zwerghafter Form, als Gestrüppwald an den Bergen emporkletternd. Höher hinauf wagt sich die Buche, in Nordtirol bis zu 1300, im Süden bis zu 1800mSeehöhe, oft ganze Waldungen bildend.

Abb. 29.Defereggerin.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Abb. 29.Defereggerin.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Einer der edelsten Waldbäume, der Ahorn, gereicht hauptsächlich den Thälern der nördlichen Kalkalpen zur Zierde, wo er sowohl vereinzelt als in kleinen offenen Hainen erscheint; in unvergleichlicher Schönheit auf dem „Ahornboden“ im Karwendelgebirge.

Abb. 30.Schützenkönig.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Abb. 30.Schützenkönig.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Der Massenbaum des Tiroler Waldes ist nördlich von der Centralkette durchgängig die Fichte; südlich bleibt sie die herrschende Baumgattung, neben der Buche, wenigstens in den höheren Lagen. Ganze Strecken sind aber auch mit der hellgrünen Lärche bestanden. Die eigenartigsten Erscheinungen des Tiroler Bergwaldes sind die Zirbelkiefern. Sie steigen höher in die Felswüsten hinan, als die Fichte, noch über 2000m, wachsen langsamer, aber mit wertvollem, köstlich duftendem Holze von feuriger Lachsfarbe. Es sind knorrige, seltsam geästete düstere Erscheinungen, durch deren buschiges Nadelkleid der Bergwind rauscht. So sehr auch die Äxte der Holzschläger unter den Tiroler Zirbelbeständen gewütet haben, gibt es doch noch eine Unzahl von prächtigen vereinzelten Stämmen, die sich an deroberen Grenze des Baumwuchses, in unzugänglichen Felswüsten, eines gesicherten Daseins freuen. Noch höher als die Zirbelkiefer steigt die Krummholzkiefer oder Legföhre hinan, jenes dunkle, krause, an den Bergwänden hinkriechende strauchartige Gewächs, das so zäh und überaus genügsam die Klippen und Schutthalden überzieht, noch in Höhen von mehr als 2600m, abwechselnd mit einem aus Alpenrosensträuchern, Zwergbirken, Wacholder bestehenden niedrigen Gestrüppwalde, und mit den ausgedehnten Alpenmatten, die sich in diesen Höhen finden.

Abb. 31.Alte Wippthaler Tracht.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Abb. 31.Alte Wippthaler Tracht.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Alpenpflanzen. Bergwald.

Je höher man emporsteigt, um so gedrängter, kleiner werden die Pflanzen. Aber auf ihren kurzen Stengeln wiegen sich Blumen von großer Farbenpracht. Bis zu Höhen von 3000mreicht die Pflanzenwelt der Phanerogamen hinan, zuletzt freilich nur in den geschütztesten Lagen, wo auf dem steinigen Boden, soweit ihn die Sonne für ein paar Monate vom Schnee befreit, noch Edelweiß und Edelraute, die Eisgentiane, die Primel, die Eisnelke und andere prächtige Hochgebirgsblümchen um ihr Dasein kämpfen. Über 3000msind’s nur Flechten mehr, die mit ihrer überaus zähen Lebenskraft an die verwitternden Felsen der Gipfel sich anheften.

Abb. 32.Wippthaler.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Abb. 32.Wippthaler.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Der Bergwald ist in vielen Thälern Tirols arg mißhandelt. Mancherlei Arten der Nutzung sind es, die ihm schweren Schaden bringen: die Kahlschläge, die Ziegen- und Schafweide und die Waldstreugewinnung. Und bei der letzteren insbesondere die verderbliche „Schneitelwirtschaft“. Bei dieser Wirtschaft werden die Tannen- und Fichtenbestände unter Zuhilfenahme von Steigeisen und Axt ihrer Äste beraubt, bis gegen den Gipfel hinauf. Solch’ ein geschundener Wald gewährt dann einen trostlosen Anblick: ein Feld von traurigen dürren Stangen, deren jede am Gipfel noch ein armseliges Büschelchen Grün zeigt, während ihr an den unteren Teilen nur hier und da kümmerliche Ästchen entwachsen. Solche Waldungen kann man in vielen Seitenthälern des Unterinnthales sehen: im Brixenthal und Zillerthal, um Brandenberg; aber auch im Pusterthale (Abb. 16). Am stärksten ist diese Waldschinderei dort, wo sie als Nutzungim Gemeindewalde oder auf Grund von Einforstungsrechten im Staatswalde ausgeübt wird. Glücklicherweise hat sie doch gewisse Grenzen; denn aus allzu großer Entfernung von den Gehöften will der Bauer seine Streu nicht holen. Und manche Thäler haben sich überhaupt diese Art von Wirtschaft nicht angewöhnt.

Abb. 33.Bozenerin.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Abb. 33.Bozenerin.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Wald und Almen.

Während so die den landwirtschaftlichen Ansiedelungen benachbarten Wälder oft einer verderblichen Nutzungsweise, die zugleich das Landschaftsbild arg beeinträchtigt, ausgesetzt sind, wird der oberste Waldgürtel in seinem Bestande durch die Viehweide gefährdet. Der junge Nachwuchs wird vom Vieh mit Hufen zertreten und angenagt, so daß es ihm schwer wird, emporzukommen. Da findet man an den höheren Berghängen nur mehr einzelne alte Bäume als Waldreste; der Nachwuchs fehlt. Streckenweise hat die Ziegenweide ehemalige Waldhänge geradezu in Steinwüsten verwandelt. In Südtirol aber haben die Holzhändler ganze Landschaften entwaldet. Nur wo die menschlichen Ansiedelungen fern sind und wo zugleich die Beschwerlichkeit des Transportes den Holzhandel nicht mehr als gewinnbringend erscheinen läßt: da erscheint der Bergwald noch in seiner ganzen urwüchsigen Pracht und Kraft. So in einzelnen der hinteren Gründe des Zillerthales, vielfach auch im Oberinnthal und dessen Seitenthälern. Und welch’ wunderbare Kontraste zeigt der Tiroler Wald, von den sonnendurchleuchteten Ahornhainen des oberen Isargebietes bis hinauf zu den gespenstig finsteren Zirbelkiefern der Alpe Grawand im Zemmgrunde und wieder hinab zu den tiefschattigen Kastanienforsten des Valsugana und dem süß-melancholischen Olivenwäldchen von Torbole!

Abb. 34.Alte Grödener Tracht.(Nach einer Photographie von Emil Terschak in St. Ulrich-Gröden.)

Abb. 34.Alte Grödener Tracht.(Nach einer Photographie von Emil Terschak in St. Ulrich-Gröden.)

Almen.

Über der oberen Grenze der Waldungen erstrecken sich die mit Rasen und Kräutern überwachsenen „Almen“ noch stundenweit empor. Der Bergbewohner gebraucht den Ausdruck Alpe oder Alm nie von dem ganzen Gebirge, sondern immer nur von den Weidelandschaften in den höheren Berglagen. Man darf nicht glauben, daß ein gleichmäßig breiter Gürtel von Wäldern und über ihm von Almen die Berge umgebe. Diese Gürtel sind in den einzelnenLandschaften von sehr ungleicher Ausdehnung. In manchen Gegenden stoßen die Wälder mit ihren oberen Ausläufern unmittelbar an die pflanzenleeren Steinwüsten, an denen höher droben noch, wie hingeklebt, kleine steile Grasflächen hangen. Anderwärts fehlt die Zone der Wälder ganz; dort ist sie ausgerodet, und das Ackerland der Thalsohle und der untersten Berghänge geht in Weideland über. Da sind dann Bergrücken, auf denen man vier bis fünf Stunden lang immerfort über Rasen emporsteigen kann, wie im Kitzbühler Thonschiefergebirge oder in der nördlichen Vorlage des Tuxer Kammes. Häufig ist auch, daß über den zusammenhängenden Waldungen noch eine abwechselnd aus Felswänden, kahlen Schutthalden, dünner Waldung, Rasenflächen und Gestrüppstrecken bestehende Zone den Übergang zur pflanzenleeren Wildnis bildet.

Abb. 35.Alte Grödener Trachten.(Nach einer Photographie von Emil Terschak in St. Ulrich-Gröden.)

Abb. 35.Alte Grödener Trachten.(Nach einer Photographie von Emil Terschak in St. Ulrich-Gröden.)

Die Tierwelt.

Ungefähr der vierte Teil der ganzen Bodenfläche von Tirol besteht aus Alpenweiden. Je nach der Höhenlage, nach der Steilheit der Hänge und nach der Bodenart sind diese Alpenweiden entweder aus einer zusammenhängenden Schicht von Erdkruste gebildet; oder die pflanzentragende Schicht ist von Felsklippen durchsetzt oder von Geröll teilweise überschüttet, von kiesigen Wassergräben gefurcht. Gras und Kräuter, die auf diesen Alpenwiesen wachsen, sind zwar kurz, aber ungleich aromatischer und reicher an Nahrungsstoff als das auf der Thalsohle wachsende Gras. Als Viehfutter dienen die Gewächse dieser Matten teils, indem man es den Tieren selbst überläßt, sich ihre Nahrung zu suchen, teils, indem man einzelne Strecken, die „Mähder“, abmäht und das Heu zur Überwinterung der Tiere benützt. Das oft mit Lebensgefahr an den Hängen gemähte Heu wird entweder im Freien oder in zahllosen kleinen Heustadeln aufgespeichert, bis man sich die Zeit nehmen kann, es zu den Bauernhöfen herabzubringen. Das geschieht meist im Winter auf der Schlittenbahn; über steile Hänge kann das Heu auch als „Grasbären“ herabgerollt werden, nachdem man es in Bündel zusammengeschnürt hat. Diehöchste Zone der Pflanzenwelt, jene spärlichen Kräuter und Gräser, die zwischen den riesigen Moränen der Gletscher und als kleine grüne Päckchen an steilen Felshängen noch unmittelbar neben ewigen Schneefeldern sprossen, werden nicht mehr gemäht; sie dienen den Schafen und Ziegen zur Nahrung.

Abb. 36.Grödenerin.(Nach einer Photographie von Emil Terschak in St. Ulrich-Gröden.)

Abb. 36.Grödenerin.(Nach einer Photographie von Emil Terschak in St. Ulrich-Gröden.)

Die Tierwelt all’ dieser Thäler ist heute größtenteils eine zahme: Rinder und Pferde auf der Thalsohle und den niederen Almen; höher droben Rinder und in den obersten Weidegebieten Schafe und Ziegen. Die Pferdezucht ist zumeist in den an das Salzburgische angrenzenden Gegenden vertreten; hier wächst ein tüchtiges, etwas schwerfälliges Arbeitspferd. Das Rindvieh zählt mancherlei Rassen; aber auch dem Laien muß ein Hauptunterschied auffallen: der Unterschied zwischen dem von Norden und Osten her in die Alpenthäler gekommenen Rinde, das die germanischen Einwanderer mitgebracht haben und das kurzgehörnte, braune oder scheckige Tiere zeigt, und den graugelben, einfarbigen, langhörnigen Rindern, die romanischer Einwanderung ihr Dasein verdanken und hauptsächlich im Westen und Süden heimisch sind. Unter dem zahmen Geflügel sind Hühner wegen des starken einheimischen Eierverbrauches bevorzugt, weniger Enten, Gänse und Tauben.

Abb. 37.Grödenerin.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Abb. 37.Grödenerin.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Die Haustiere, welche in Tirol zumeist auf Wanderungen angewiesen sind, zeichnen sich vor den beständig im Stalle lebenden durch mehr Feuer und Behendigkeit aus. Sie sind der größte wirtschaftliche Schatz des Volkes und fast das einzige, was zur Ausfuhr gebracht werden kann.

Abb. 38.Bauernhaus aus demXIV.Jahrhundert.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Abb. 38.Bauernhaus aus demXIV.Jahrhundert.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Abb. 39.Häuser im Mühlwaldthal.(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)

Abb. 39.Häuser im Mühlwaldthal.(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)

Die Jagd ist in Tirol nicht bedeutend. Sie war so lange frei gegeben, und die Tiroler waren stets so gute Schützen, daß das jagdbare Wild recht zusammengeschmolzen ist. Noch gibt es in den höchsten Steinwildnissen Gemsen und Murmeltiere, Adler, Geier, Stein- und Schneehühner; auch wandert wohl alle zehn Jahre einmal ein Bär aus den Wäldern Graubündens nach Tirol herein. Aber der eigene Waldgürtel Tirols ist arm an Jagdwild, mit Ausnahmejener Thäler, wo sorgfältig gehegt wird, wie etwa in einzelnen Seitenschluchten des Zillerthales oder im Karwendelgebirge. An der Nordgrenze, die sich an die wildreichen bayerischen Staatsforsten lehnt, blüht die Jagd noch am lustigsten; und die Tiroler Wildschützen streifen wohl nicht selten auf bayerischen Jagdgrund hinüber. Sie sind aber gutartiger als die vom Nachbarlande; jene todbringenden Zweikämpfe zwischen Wilderern und Jägern, die in Bayern an der Tagesordnung sind, kommen in Tirol nicht vor. Jene ausgedehnten, mancherorts äußerst selten betretenen Steingefilde, welche zwischen der Grasregion und der ewigen Schneeregion liegen, sind die Heimat zahlreicher Schnee- und Steinhühner, die auf den Tiroler Tischen sehr häufig zu finden sind. Auch die Schneelerche läßt in den Gletscherhöhen noch einsam ihre zarten Triller erschallen; in den Trümmern der alten Burgen und in den Klüften der tieferen Thäler nisten zahlreiche Uhus, in Tirol Buhin genannt. Um die höchsten Felstürme und Eisgrate tummelt sich noch in kleinen Schwärmen die Alpenkrähe, deren goldgelbe Füßchen oft im Schnee ihre Spuren lassen; aber die stolzesten Bewohner der wilden Höhe sind der Steinadler und der Lämmergeier oder Gemsgeier. Die Gewässer Tirols sind nicht sehr fischreich; doch finden sich häufig in den kleinen Hochseen und in den weniger wilden Abschnitten der Thalbäche die edelsten Süßwasserfische: der Saibling und die Steinforelle, die auch mit zu den regelmäßigen Leckerbissen der Tiroler Tafel gehören. Die Mannigfaltigkeitder Insekten ist bei der großen Verschiedenheit der Pflanzenwelt erklärlich, namentlich in Südtirol, wo auch Spinnentiere vorkommen, die in Deutschland völlig fremd sind, wie der Skorpion. Weit verbreitet ist in den sonnseitigen Einzelgehöften die Bienenzucht.

Abb. 40.Bauernhaus bei Taufers-Sand.(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)

Abb. 40.Bauernhaus bei Taufers-Sand.(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)

Während in Deutschtirol der kleine Singvogel unbehelligt seine Lieder zwitschert, sieht man in den südlicheren Teilen Welschtirols überall die verabscheuungswürdigen Anstalten zum Fang der armen Vögel. Dieser grausame und herzlose Sport vergällt dem Deutschen jeden Spaziergang an den herrlichen Ufern des Gardasees.

Abb. 41.Zimmer in Schloß Uttenheim(Tauferer Thal).(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)

Abb. 41.Zimmer in Schloß Uttenheim(Tauferer Thal).(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)

Älteste Geschichte Tirols.

Die Geschichtsforschung hat über die Urbewohner Tirols widerstreitende Ansichtenaufgestellt, die aber doch darin übereinstimmen, daß vor der jetzigen Bevölkerung ganz Tirol vom Stamme der Rhätier oder Rhasener, der den Etruskern verwandt war, besiedelt gewesen sei.

Abb. 42.Wengalpe(Mühlwaldthal).(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)

Abb. 42.Wengalpe(Mühlwaldthal).(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)

Frühzeitig schon hatten die Römer den eroberungslustigen Blick auf Südtirol gerichtet; aber erst im Jahre 36 v. Chr. konnte der Konsul Munatius Plancus das Trentino erobern, und im Jahre 12 v. Chr. drangen Drusus und Tiberius mit ihren Legionen bis in das Innthal vor. Die Kolonisation begann; Tridentum, Pons Drusi (Bozen), Sabiona (Säben), Vipitenum (Sterzing), Matrejum (Matrei) und Veldidena (Innsbruck) wurden Festungen und Pflanzstädte, durch Heerstraßen mit Italien und, über Scharnitz und Partenkirchen, auch mit Augusta Vindelicorum (Augsburg) verbunden. Von Sterzing führte auch eine wichtige Heerstraße über Loncium (Lienz) nach Aquileja; eine andere von Veldidena durch das Innthal herab nach den Kolonialstädten Bojodurum (Passau) und Laureacum (Lorch). Schon frühzeitig läßt die Legende Südtirol christlich werden; nachweisbar aber ist das Eindringen des Christentumes erst gegen das Ende der Römerherrschaft, imIV.undV.Jahrhundert.

Tirol bis insXI. Jahrhundert.

Den Sturm der Völkerwanderung konnten die Bergwälle des Landes nicht aufhalten. Wie schon frühzeitig, wenn auch nur vorübergehend, die Cimbern durch Tirol bis nach Italien vorgedrungen waren, so fielen imIII.Jahrhundert, von Nordwesten her, die Alemannen in das Land. Nach dem Sturze der Römerherrschaft wurde Rhätien eine Provinz des Gotenreiches unter König Theoderich; aus seiner Zeit rühren noch zum Teile die alten Mauerwerke von Trient her. Nach dem Untergange der glanzvollen, aber kurzen Gotenherrschaft verklingt auch der Name Rhätien; das Land wird die Beute zweier Germanenstämme: der Longobarden, die von Süden her das jetzige Welschtirol in Besitz nahmen,und der Bajuwarier, die von Norden aus das jetzige Deutschtirol, bis in die Gegend von Bozen, zu ihrem Eigentume machten. Die Longobarden gaben rasch ihre germanische Stammeseigentümlichkeit auf; sie wurden verwelscht; die Bajuwarier aber verbreiteten deutsche Mundart und Sitte im größten Teil des Landes, nur im Westen mit den stammesverwandten Alemannen rivalisierend. Das währte während der Herrschaft der Agilolfinger in Bayern. In dieser Zeit gelang es dem kriegerischen Herzog TassiloII.nicht nur, die am Anfange desVII.Jahrhunderts an der Drau bis in das Pusterthal vorgedrungenen Südslaven zurückzuwerfen, sondern noch das benachbarte Kärntnerland seinem bayerischen Herzogtume einzufügen.

Abb. 43.Sennhütten auf der Seiser Alp.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Abb. 43.Sennhütten auf der Seiser Alp.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Karls des Großen Staats- und Kriegskunst zertrümmerte das Reich der Longobarden und jenes der Bayernherzoge. Tirol zerfiel zunächst in eine Anzahl von Grafschaften, die von Grafen verwaltet wurden. Sie gehörten zum Herzogtume Bayern, das aber zunächst nicht mehr von einer eigenen Dynastie, sondern von den Karolingern regiert ward. In Trient dagegen ward im Jahre 1027 der dortige Bischof politischer Herrscher und deutscher Reichsfürst; seine Stellung als solcher wurde durch Kaiser Barbarossa gefestigt und gesichert.

Unter den schwächeren Nachfolgern Karls des Großen gelang es indessen in Tirol dem dortigen Adel, sich rasch eine größere politische Gewalt und Selbständigkeit zu verschaffen. Namentlich waren es die mächtigen Geschlechter der Grafen von Tirol, von Eppan und von Andechs, die nach und nach den größten Teil des Landes unter ihre Herrschaft brachten.

Besitz der Bischöfe.

Für die Deutschen Kaiser mußte Tirol, als kürzester und bequemster Durchgang nach Italien, wertvoll sein. Ihnen mußte daran gelegen sein, die Alpenthäler in ganz zuverlässige Hände zu bringen. Die sächsischen und fränkischen Kaiser suchtensich als politische Stützen namentlich die Bischöfe. So KonradII.den Bischof von Trient, dem er die Grafschaften Trient, Bozen und Vintschgau verlieh; HeinrichIV.den Bischof von Brixen, dessen Besitzungen, mit denen ihn der Kaiser belehnte, von Klausen über den Brenner bis ins Unterinnthal und durch das Pusterthal bis zur Freisingschen Herrschaft Innichen reichten.

Abb. 44.Schloß Tratzberg(Unterinnthal).(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Abb. 44.Schloß Tratzberg(Unterinnthal).(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Abb. 45.Königszimmer in Schloß Tratzberg.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Abb. 45.Königszimmer in Schloß Tratzberg.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Tirol imXII.Jahrhundert.

Die Tiroler Bischöfe aber behieltendiese Gebiete nicht lang in eigener Verwaltung, sondern belehnten mit denselben weltliche Große. So in Südtirol ein mächtiges, dem Welfenhause verwandtes Geschlecht, das seit 1116 unter dem Namen der Grafen von Eppan auftrat und bald eine Stellung errang, die weit über die von bischöflichen Beamten hinausging. Größere Bedeutung noch gewannen die Grafen von Tirol. Sie stammen vermutlich von Adalbert, einem ehemaligen Dienstmann des Hochstiftes Brixen, der mit ausgedehnten bischöflichen Ländereien belehnt ward und dessen Söhne Albert und Berthold seit 1140 sich Grafen von Tirol nannten. Albert von Tirol war’s, der im Jahre 1158 den Feldzug des Kaisers nach der Lombardei mitmachte und, ungepanzert, nur mit Schild und Speer bewehrt, im Zweikampf einen mailändischen Ritter niederwarf.

Abb. 46.Fuggerzimmer in Schloß Tratzberg.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Abb. 46.Fuggerzimmer in Schloß Tratzberg.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Abb. 47.Zimmer in der neuen Post zu Pians(Stanzer Thal).(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)

Abb. 47.Zimmer in der neuen Post zu Pians(Stanzer Thal).(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)


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