Abb. 71.Jenbach, vom Burgeck gesehen.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 71.Jenbach, vom Burgeck gesehen.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Bauern und Hirten.
Die ländlichen Bestandteile des Tiroler Volkes sind Bauern und Hirten. Der Arbeit des Bauern sind die Thaltiefen und die bewohnbaren niedrigeren und sanfter abgedachten Berghänge überlassen; jener des Hirten die höher gelegenen Hänge und Mulden des Gebirges. Diese verschiedenen Arbeitsfelder gehen ineinander über; so auch die Volksklassen, die darauf leben. Im Winter muß auch das Hirtenvolk zum Bauernvolk werden (Abb.48bis50).
Die bäuerliche Bevölkerung wohnt, je nachdem es die Ansiedelungsflächen gestatten und nötig machen, bald in Dörfern, bald in Einödhöfen. In den Dörfern drängt sich Wohlhabendes und Ärmeres zusammen; da wohnen neben den Bauern auch manche Kleinhäusler. Die einzeln liegenden Gehöfte gehören meist wohlhabenderen Bauern. Da sitzt der Bauer auf seinem Hofe oft mit 10–12 Ehehalten (Dienstboten), die alle an seinem Tische essen und unter seiner Leitung arbeiten. Jener Teil des Jahres, der nicht von der Feldbestellung und von den Erntearbeiten beansprucht ist, gehört den Arbeiten im Walde und auf der Viehweide. Zu jedem ordentlichen Bauernanwesen gehört auch ein ansehnliches Stück Wald und Almländereien; wichtige Winterarbeiten sind der Transport von Holz und Streu aus den Wäldern, von Heu aus den Heustädeln der höher gelegenen Bergwiesen nach den Gehöften.
Im Frühjahr wandert ein Teil des Gesindes mit dem Vieh nach den Höhen, um bis zum Herbste als Hirtenvolk droben zu leben. Bloß in einzelnen Teilen Nordtirols werden die Almen von Sennerinnen bezogen; im größten Teile des Landes von Männern, die entweder Senner (Melcher) oder Ochsner sind. Senner und Sennerinnen haben die Milchkühe zu versorgen, Milch, Butter, Schmalz und Käse zu gewinnen, und, was sie davon nicht selber verbrauchen, ihrem Bauer ins Thal hinabzutragen. Die Ochsner hüten jene Herden von Jungvieh, welches, zur Handelsware bestimmt, im Frühsommer auf die Almen getrieben wird, um sich droben mit den kräftigen Gräsern und Kräutern des Hochgebirges zu nähren. Die Arbeit der Senner verlangt mehr Kenntnis und Sorgfalt, auch größere Reinlichkeit. Darum sind die Hütten der Senner, und ganz besonders der Sennerinnen, wohnlicher und sauberer; jene der Ochsenhirten und noch mehr der Schafhirten dagegen erscheinen als die denkbar urwüchsigsten menschlichen Behausungen, ohne Spur von Bequemlichkeit; nur ein Heulager und eine oft nicht einmal über den Erdboden emporragende Feuerstätte unter einem Dache und zwischen Wänden, durch die der Bergsturm heult. Wege freilich müssen zu all’ diesen Hütten führen; aber bloß um der Tiere, nicht um der Menschen willen.
Eine eigentümliche Art von Wanderung veranlaßt auch die Zeit der Heumahd auf den Alpenwiesen. Jene großen ergiebigen Grasflächen, welche nicht als Weideland benützt werden, sondern deren Heu man in die Gehöfte herabbringen will, um es als Winterfutter zu benützen, können, wenn sie von den Dörfern entfernt liegen, nicht an einem Arbeitstage gemäht werden, sondern verlangen mehrtägige Arbeit. Da wandert denn ein großer Teil der Dorfbevölkerung mit Sensen, Rechen und Heugabeln nach den Höhen hinauf; auch Kochgeschirr und Nahrungsmittel werden mitgenommen, und es beginnt eine Zeit froher Arbeit unter blauem Himmel, angesichts der prachtvollen Bergwelt. Dabei kommen allerlei Übermut, Scherz und Gesang und auch die Liebe zu ihrem Recht; übernachtet wird auf duftendem Heulager.
Abb. 72.Achensee, gegen die Pertisau.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 72.Achensee, gegen die Pertisau.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Technisch sind die Tiroler erfinderische Köpfe. Man kann in ganz abgelegenen Thälern sehen, wie der Erfindungsgeist mit der rauhen Natur kämpft und ihre Kräftedienstbar zu machen sucht. Der Hirt, dem der Gletscherbach den Steg zu seiner Hütte fortgerissen hat, muß sich eine neue Brücke bauen; er muß sein eigener Ingenieur sein. Als Naturkraft ist überall das fließende Wasser zu haben. Man nützt es aus, indem man durch kleine Mühlrädchen Butterfässer und Drehbänke, ja selbst Kinderwiegen in Bewegung setzt. Kleine, mit Dünger beladene Wagen werden auf steile Bergwiesen durch ein Seil hinaufgezogen, das über eine von einem Mühlrad getriebene Welle läuft. So braucht man überall die Bergbäche zum Betrieb von Mühlen, Hammerwerken, Sägen und dergleichen.
Industrie, Handel und Verkehr.
Die industrielle Thätigkeit des Tiroler Volkes ist weit vielseitiger, als der Reisende, der das Land nur auf Dampfesflügeln durcheilt, anzunehmen geneigt ist. Für ihn verschwindet sie nur im Vergleich zu der kolossalen Natur, unter deren Riesengebilden die Gestaltungen des menschlichen Gewerbfleißes notgedrungen etwas zwerghaft erscheinen müssen. Die mineralische Rohproduktion entringt den Eingeweiden der Erde Eisen, Kupfer, Blei, Zink und Braunkohlen. Wichtiger als all’ dies zusammen ist das in den Salinen von Hall gewonnene Salz. Hochachtbar ist ferner die Erzeugung von Cement und hydraulischem Kalk in der Umgebung von Kufstein und Kirchbichel; die Produkte derselben gehen nach Deutschland, Österreich-Ungarn, Italien und den Donautiefländern. Auch die Marmorbrüche von Trient und Laas führen einen Teil ihres Erzeugnisses aus. Die Metallindustrie ist von alters her eine blühende im Unterinnthale, namentlich für landwirtschaftliche Werkzeuge, Sensen, Sicheln, auch Äxte, Sägen und dergleichen. Die Nahrungsmittelindustrie liefert konservierte Gemüse und Früchte; letztere in unerreichter Güte; große kaiserliche Tabakfabriken arbeiten in Schwaz und Sacco (Etschthal). Die Baumwollindustrie ist in Vorarlberg mit glänzenden Erfolgen und in großen Etablissements thätig; sie umfaßt Spinnereien, Webereien, Kattundruckereien, chemische Bleichen und Färbereien (Türkischrot). Im Innthale werden neben Baumwollwaren auch Leinen- und Schafwollwaren erzeugt; eine Specialität ist der unverwüstliche Tiroler Lodenstoff. An die Stelle dieser Zweige der Textilindustrie tritt in Südtirol, von Bozen abwärts, die Seidenindustrie, mit dem Centrum Rovereto; leider in starkem Rückgange wegen der Seidenraupenkrankheit; so daß 1886 noch1500000kgRohseide erzeugt wurden, 1892 nur mehr662500. Fabriken für Seidenstoffe arbeiten zu Ala und Rovereto. Die Holzschnitzerei ist als Hausindustrie im Grödener Thal verbreitet und genießt eines vortrefflichen Rufes.
Die Lage Tirols zwischen Deutschland und Italien machte das Land schon im Mittelalter zu einem wichtigen Durchzugsgebiet und weckte bei den Anwohnern der Hauptverkehrswege einen gewissen Handelsgeist. Aber bei der Armut und der Einfachheit der Bedürfnisse, die in den abgelegeneren Thälern herrscht, konnte von einer lebhafteren Entwickelung des Binnenhandels nicht die Rede sein; Bozen ist die einzige Handelsstadt; die übrigen Plätze beschränken sich meist auf Specialitäten. Die, namentlich früher, recht unvollkommenen Verkehrsgelegenheiten mußten dem Hausierhandel eine erhöhte Bedeutung zuweisen; so stellten denn die Tiroler einen ansehnlichen Beitrag zum internationalen Hausiergewerbe und waren vordem als Teppichhändler überall in Deutschland und Oesterreich gesehen. Diese Teppichhändler kamen zumeist aus dem Defferegger Thale; aus dem Zillerthale die Handschuh- und Viehhändler; mit Holzschnitzereien wanderten die Grödener, mit Südfrüchten die Passeirer und Vintschgauer. Die Bewohner anderer Thäler unternehmen als Arbeiter Wanderungen nach Deutschland, Österreich und Italien. So findet man allenthalben in diesen Ländern Tiroler als Maurer, Steinmetzen und Stuckateure, Ziegelarbeiter, Hausknechte, Holzarbeiter. Glänzende Reichtümer werden selten heimgebracht; doch sind einzelne Leute in ihr heimisches Thal mit ansehnlichen Vermögen zurückgekehrt; und alle diese Wanderarbeiter verdienen in der Fremde mehr, als sie daheim erwerben könnten.
Abb. 73.Eng-Alpe(Hinterriß).(Nach einer Originalphotographie von B. Johannes in Partenkirchen-Meran.)
Abb. 73.Eng-Alpe(Hinterriß).(Nach einer Originalphotographie von B. Johannes in Partenkirchen-Meran.)
Die denkbar schroffsten Gegensätze weist in Tirol das Verkehrswesen auf. Durch das Innthal, über den Brenner, durchs Puster- und Brixenthal, über den Arlberg, und durch die Veroneser Klause donnern die Eilzüge mit ihren bequemen Schlafwagen. Aber von manchen Stationen dieser Bahnen führt keine Straße mehr weiter,sondern nur Saumwege. Und aus dem Fenster des dröhnenden Eisenbahnwagens sieht man gegenüber an den Felswänden Steige, die nur der schwindelfreie Älpler zu begehen vermag. Die Tiroler Poststraßen sind fast durchgängig vortrefflich, einzelne von ihnen wahre Meisterwerke des Straßenbaus, wie etwa die Straße von Landeck über Finstermünz und die Malser Heide nach Mals, die Stilfser Jochstraße, der kühne Straßenzug über die Mendel, der Fernpaß und andere. So wie man jedoch die Poststraßen verläßt, werden die Wege dürftig. Die kurzen Anfangsstrecken, die in die Seitenthäler hineinführen, sind noch zur Not fahrbar; oft hört aber bei der ersten Thalstufe schon der Wagenverkehr auf; die Saumpfade beginnen und die letzten Verzweigungen der Wege sind schwindlige Fußsteige, an Abgründen entlang führend und zuletzt in Fels- und Eiswüsten endend. Und nicht bloß Fußsteige und Saumwege; auch Fahrstraßen werden oft genug im Frühjahr durch Lawinen, im Sommer durch Gewitterregen streckenweise ungangbar gemacht, zerrissen, mit Schlamm- und Steinströmen überschüttet. So ist der Verkehr zwischen den hoch gelegenen Gebirgsdörfern und den tieferen Thallandschaften schon in der guten Jahreszeit oft erschwert, im Winter wochenlang unmöglich, bis durch den tiefen Neuschnee Bahn geschaffen ist.
Tiroler Kunst.
Der stark ausgeprägte künstlerische Sinn des Tirolers bethätigt sich zunächst in seiner Architektur. Daß das Tiroler Bauernhaus weit interessanter und mannigfaltiger in seiner Erscheinung ist, als das fränkische oder niedersächsische, hat seine guten Gründe. Die von der Natur aufgenötigte Verschiedenheit des Baumaterials, die Unebenheit des Bodens, das Streben nach der Sonnenseite und nach der Front des Thalwegs: alle diese Bedingungen wiesen den Tiroler Baumeister seit den ältesten Zeiten auf eine Mannigfaltigkeit der Bauformen hin, die eben in der Ebene nicht notwendig ist und sich deshalb auch nicht ausbildet. Zu diesen natürlichen Bedingungen der Entwickelung des Kunstsinns kamen noch geschichtliche Verhältnisse: die Einflüsse der römischen Kunst in den Zeiten der Römerherrschaft, der Anregungen aus Italien seit dem Mittelalter. Der Bau des Bauernhauses mußte wieder auf den Bau der Kirchen einwirken, womit dann weiter deren innere Ausschmückung, Plastik und Malerei, zusammenhängen. Frühzeitig mußten die Tiroler zu der Empfindung kommen, daß ihre Häuser, Kirchen, ja die ganzen Ortschaften nicht bloß architektonisch, sondern auch landschaftlich wirkten. Die Plastik, für kirchlichen Schmuck und für die kleinen Heiligtümer des Hauses arbeitend, konnte namentlich auf Holzbildhauerei sich werfen; die Malerei, ebenfalls zumeist für kirchliche Zwecke schaffend, ward mit Vorliebe Heiligen- und Historienmalerei. Der berühmteste unter den Tiroler Malern ist Franz von Defregger geworden, ein Bauernsohn aus dem Pusterthale, dessen künstlerische Kraft sich aus den Stoffen und Zuständen seiner Heimat unerschöpfliche Jugend sammelt. Neben ihm steht würdig Mathias Schmid aus Paznaun (Abb.51und53). Daß die Künstler Tirols ihre Werkstätten nach auswärts verlegten, hat seinen guten Grund; die Kunst bedarf jenes geistigen Luftzuges, der durch die große Welt, nicht durch die engen Thäler weht. Darum hat auch die Dichtkunst keine rechte Heimstätte in Tirol gefunden. Wohl rühmt sich das Land, daß des edlen Minnesängers Walther von der Vogelweide Heimathaus auf luftiger Höhe über dem Eisack steht (Abb. 52); aber auf die neuere und neueste Entwickelung deutscher Sprache und Dichtung hat Tirol keinen Einfluß genommen. Das liegt indessen nicht am Volke, sondern an seinen bisherigen Erziehern, die der Freiheit des Denkens und Empfindens nicht jenen Spielraum ließen, dessen sie zu litterarischen Großthaten bedurft hätte. Der Tiroler wird in seinen Thälern wohl zu einem frommen und patriotischen Empfinden erzogen, aber nicht zu jener Weltumschau und geistigen Flugkraft, die man vom modernen Schriftsteller verlangt. Beda Weber und Hermann von Gilm sind die hervorragendsten Dichter Tirols aus diesem Jahrhundert; aber sie sind außerhalb Tirols kaum genannt. Das Land muß seinen Klassiker noch gebären; aber daß es ihn aus seinem Felsenboden hervortreten lassen wird, ist sicher bei einem Volke, dessen Phantasie dereinst die glanzvollen Gestalten des deutsch-langobardischen Sagenkreises schuf und von dessen Burgen so reich der Minnesang erklungen ist.
Abb. 74.Schwaz.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 74.Schwaz.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Gesang und Dichtung. Wohlstand.
Der künstlerische Sinn des Volks zeigt sich auch im Volksgesang. Es ist aber merkwürdig, wie ungleichartig die Freude am Singen verbreitet ist. Die klingende jauchzende Heimat des Tiroler Volksliedes ist das Zillerthal mit seinen grünen Matten und seinen schneidigen lebensfrohen Menschen. Hier schallt aus jeder Hütte das zur Musik gewordene Denken und Fühlen des Volks. Von hier aus hat die sangeskundige Familie der Rainer ihre Liederfahrten um die Welt gemacht und sich Ehren und Reichtum erworben, ohne ihrer Tiroler Heimat darüber zu vergessen. Es ist freilich nicht mehr alles, was man im Zillerthale hört, reiner Volksgesang; verführt vom Beifall der großen Welt, haben die Tiroler sich zu ihren alten Liedern manches hinzugesungen und hinzukomponieren lassen, was nicht echt ist. Aber echt ist ihre Freude am Gesang, echt ihr Talent. Außer dem Zillerthal singt man auch gern im ganzen Unterinnthal und in all’ den Thälern, die an die almenreichen bayerischen Berge angrenzen. Auch im Pusterthale wird gesungen; aber da mischen sich in den jauchzenden übermütigen Klang der Lieder jene eigentümlichen schwermütigen Motive, die dem Kärntner Volkslied eigen sind und wohl südslavischen Gesängen entstammen oder nachempfunden wurden. In den übrigen Thälern Tirols singt man nur, wenn der Wein die Zungen löst — ausgenommen im liederfrohen Ultner Thale.
Der Gesang verbindet sich entweder mit dem Trinken oder mit der Liebe. In den Nordtiroler Wirtshäusern wird gesungen, wenn sich die Bursche, jeweils auch Bursche und Mädchen an Sonntagen versammeln. Dann lösen Gesang und Tanz sich ab. Auch in den Almhütten beim Herdfeuer und auf den Bergwiesen bei der Heumahd wird gern gesungen. Seine trutzigsten Lieder singt der junge Tiroler, wenn er vom „Gasselgehen“ heimkehrt. Das Gasselgehen ist der Gang an Liebchens Fenster, ein Gang, der in allen Alpenländern und auch anderwärts vorkommt. Führt er den jugendlichen Wagehals in ein fremdes Dorf, so ist er nicht ganz gefahrlos; denn es kann dem Eindringling leicht begegnen, daß er von eifersüchtigen Gegnern „heimgescheitert“, d. h. mit Baumästen, Holzscheiten und Zaunpfählen während seines Rückzugs geworfen wird, wobei schon mancher feurige Liebhaber auf dem Platze geblieben sein soll. — Eine durchaus bodenständige Kunst, aber merkwürdigerweise nur im Unterinnthal und dessen Nachbarschaft, ist das volkstümliche Drama. Man muß die Bauerntheater in Thiersee, in Brixlegg, in Erl gesehen haben, um darüber zu staunen, mit welchem sicheren künstlerischen Bewußtsein eine kleine bäuerliche Dorfbevölkerung sich einen Tempel dramatischer Muse schafft, ihn mit Gestalten belebt und ihn mit herzlicher Zuneigung zur Blüte ihres Genußlebens macht. Auf den Tiroler Bauerntheatern werden, durchwegs von Bauern, Stücke gespielt, deren Inhalt der Leidensgeschichte Christi, aber auch der christlichen Legende, der deutschen Volkssage, der Geschichte des romantischen Mittelalters, dem Tiroler Freiheitskriege und dem bäuerlichen Leben der Gegenwart entnommen ist.
Daß das Schwergewicht nationaler Bedeutung für Tirol in den Dörfern, nicht in den Städten liegt, erklärt sich leicht. In den Städten hat man, seit sie bestanden, behaglich gelebt; den stählenden Kampf ums Dasein mußte seit Jahrhunderten der Bauer führen. Er mußte sein Besitztum und seine Arbeitsfrucht ununterbrochen einer erbarmungslosen Natur aus den Felsenzähnen reißen, während der Städter, von seinen Mauern und Thoren geschirmt, unter schützenden schattigen Lauben gefahrlosen Erwerbs sich freute, den der lebhafte Verkehr an den alten Welthandelsstraßen reichlich bot. Bozen mußte bei seinem milden Klima und seiner an Blüten und Früchten reichen Umgebung schon im Mittelalter eine Stadt des Wohlstands und des Genusses sein, die von der Natur mehr begünstigt war, als irgend eine andere Stadt im deutschen Sprachbereich. Und daß auch Innsbruck und die kleineren Tiroler Städte gern manches vom heiteren Lebensgenuß des Mutterländchens annahmen — wen möchte das wundern? So finden wir in den Tiroler Städten nicht jene stahlklirrende Arbeitshast, jene nervenzerstörende Unrast, jenen freudlosen Erwerbseifer, wie in vielen gleich großen deutschen Städten. Man nimmt sich Zeit zum Leben hier in den alten behäbigen Bürgerhäusern; in den Amts- und Ratsstuben, wo gemütliche, nichts übereilende Würdenträger hausen; in den sauber getäfelten, zum langen Sitzen so geeignetenSpeisezimmern der Gasthäuser, wo es so zarte Backhühner und so feurigen Kalterer Specialwein gibt!
Abb. 75.Hall bei Innsbruck.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 75.Hall bei Innsbruck.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Unter den von Norden her nach Tirol führenden Zugängen ist bei weitem der wichtigste jenes breite Felsenthor, das sich der Innstrom zum Ausgang aus Tirol durch die nördlichen Kalkalpen gesucht hat. Wer auf der München-Innsbrucker Bahnlinie sich diesem Felsenthore nähert, sieht schon von der bayerischen Hochebene aus seine dunkel bewaldeten Eckpfeiler und hinter ihnen die Tiroler Berge: die bizarre Zackenmauer des Wilden Kaisers und die blinkende Schneepyramide des Großvenedigers. Die Bahn läuft, nachdem sie von der Hochebene in die Alpen eingetreten ist, noch eine Zeitlang auf dem linken, bayerischen Innufer stromaufwärts, während drüben auf dem rechten Ufer unter den waldigen Hängen des Grenzhorns schon das erste Tirolerdorf, Erl, sich zeigt.
Abb. 76.Dorf und Schloß Ambras.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 76.Dorf und Schloß Ambras.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Walchsee.
Gleich darauf, bei der bayerischen Bahnstation Oberaudorf, erschließt sich nach Osten hin das erste Seitenthal des Innthals: die freundliche Hügellandschaft der Sewi. Es ist offenbar ein vormaliges Seebecken, durch welches der Inn hier seine Fluten träge zwischen Erlenauen hinwälzt. Eine geräumige Mulde zwischen den bis zum Gipfel hinauf grün bematteten bayerisch-tirolischen Grenzgebirgen und dem schrofferen Felsenbau des Wilden Kaisers läßt hier Raum für mehrere Dörfer und zahlreiche Einzelnhöfe. Wer etwa in Oberaudorf dem Bahnzuge entsteigt und sich über den Inn setzen läßt, kommt in eine hügelige Ebene mit wohlhabenden Dörfern und stattlichen Gehöften. Den Mittelpunkt dieser Landschaft bildet das runde liebliche Becken des Walchsees. Nur die finstere Felsenburg des Kaisergebirgs, das im Süden sich aufbaut, mahnt hier daran, daß man sich in einem Hochgebirgslande befindet; sonst sind alle Höhen grün und sanft geschwungen.
Abb. 77.Waffensaal in Schloß Ambras.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Abb. 77.Waffensaal in Schloß Ambras.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Abb. 78.Spanischer Saal in Schloß Ambras.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Abb. 78.Spanischer Saal in Schloß Ambras.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Kitzbühler Ache.
Das Thal setzt sich nach Osten fort; aber die Wasser, die vorher zum Inn flossen, suchen sich jetzt einen anderen Weg. Manhat unversehens eine niedrige Wasserscheide überschritten und gelangt in ein von Nord nach Süden führendes Thal. Es ist das der Großache, auch Kitzbühler Ache genannt. Dieser Bergstrom entspringt an der Grenze von Tirol und dem salzburgischen Pinzgau auf der sumpfigen Höhe von Paß Thurn und ergießt sich nach einem Laufe von70kmin das weite Becken des bayerischen Chiemsees. Wo er am sagenumwehten Engpaß bei Klobenstein das Grenzgebirge durchbricht, ist der östlichste Zugang aus Bayern nach Tirol. Das Großachenthal enthält eine Reihe einsamer waldreicher Landschaften. Von seinem nördlichen Ende im Chiemseebecken zieht es durch das Kalkgebirge bis nach Kitzbühel; von hier aufwärts bis zum Ursprung der Ache durch Thonschiefer. Der nördlichste Tiroler Ort im Großachenthal ist Kössen, ein Straßenknotenpunkt, von wald- und almenreichen Hügeln umgeben. Rauchende Schlote verkünden gewerbliches Leben; sie gehören zu einem großen Eisenhüttenwerk.
Abb. 79.Innsbruck im Jahre 1575.(Nach dem gleichzeitigen Bilde von Braun & Hogenberg.)
Abb. 79.Innsbruck im Jahre 1575.(Nach dem gleichzeitigen Bilde von Braun & Hogenberg.)
Großachenthal. Loferer Steinberge.
Kössen ist ein Knotenpunkt, von welchem fünf Straßen nach verschiedenen Richtungen hin ausstrahlen: nach Norden und Osten zu über die Landesgrenze ins Bayerische; westwärts über Walchsee zum Inn; südlich durch einsame Waldthäler nach Sankt Johann und Kitzbühel. Bleiben wir im Hauptthal der Ache, um ihr Gebiet kennen zu lernen, so nimmt uns zunächst einförmige Landschaft auf; in einer Erstreckung von 10kmfinden sich hier nur ein paar Bauernhöfe. Sonst nichts als Wald und abermals Wald. Erst in der Nähe von Erpfendorf wird die Gegend offener. Hier zieht sich eine für den Verkehr von Nordtirol nach den salzburgischen Landen wichtige Thallandschaft nach Osten hin. Bei Waidring gabelt sich dieses Thal; während ein Ast desselben sich nach Süden wendet, wo unter den weißgrauen Steilabstürzen des Loferer Steingebirgs der weltvergessene Pillersee in träumerischer Stille ruht, zieht sich ein anderer Ast nach Osten. Dahin fließen nunmehr auch die Wasser der Strubache. Die Landschaft gewinnt einen mächtigen Zug, den ihr die Abhänge der Loferer Steinberge verleihen. Dieser bedeutende, durch kühne Formen seiner treppenförmig ansteigenden Gipfel ausgezeichnete Gebirgszug bildet den nordwestlichsten Grenzpfeiler Tirols gegen Salzburg und erreicht im Birnhorn eine Höhe von 2634m. DasThal der Strubache aber verengt sich zum felsummauerten Paß Strub, in dessen Tiefe eine einsame granitene Säule von jenen blutigen Kämpfen, die einst um den Grenzpaß tobten, Zeugnis gibt.
Abb. 80.Innsbruck, gegen Norden gesehen.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 80.Innsbruck, gegen Norden gesehen.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
St. Johann. Kitzbühel. Kaisergebirge.
Von Erpfendorf aufwärts, im Hauptthal der Ache, wird das Gelände offener; die Straße führt nach Sankt Johann „in Tirol“ zum Unterschied von anderen gleichnamigen Orten (Abb. 54). Hier ist ein natürlicher Verkehrsmittelpunkt; Thäler öffnen sich nach vier Seiten; durch zwei derselben zieht der Eisenpfad der Giselabahn. Nach Südosten thut sich ein weiter grünender Thalgrund auf, der von Pramau, durch den in starker Steigung die Bahn aufwärts strebt nach Fieberbrunn und Hochfilzen. Bei letzterem, hart am Fuße des Leoganger Steingebirgs, erreicht sie die Wasserscheide zwischen Inn und Salzach, um in wilder und einsamer Landschaft beim Paß Griesen die salzburgische Grenze zu überschreiten. Im Südwesten von Sankt Johann hat der frühere Reichtum des Thonschiefergebirgs an silberhaltigen Kupfererzen einen merkwürdigen Bergbau entstehen lassen: die Gruben am Röhrerbühl, in denen ein Schacht gegen 1000munter die Erdoberfläche hinabstieg, als einer der tiefsten Schächte Europas. Der Metallreichtum, der nach der Sage drei Bauern im Traum erschienen sein soll, ward seit 1540 ausgebeutet, versiegte aber nach hundert Jahren allmählich.
Von Sankt Johann läuft im breiten Achenthal die Giselabahn nach dem anmutig und großartig gelegenen Städtchen Kitzbühel (Abb. 55). Dasselbe ist heute noch der wichtigste Platz im Achenthal, ehedem bedeutender wegen des Handelszugs über die Tauernpässe und nach Italien und wegen des Bergbaues auf Silber- und Kupfererze. Südlich von Kitzbühel zieht das Achenthal noch 14kmaufwärts in das einförmige Thonschiefergebirge und endet in einem Hochmoor bei Paß Thurn an der Grenze des salzburgischen Pinzgau.
Wir wenden uns wieder zurück an den Eingang des Innthals.
In schauerlicher Wildheit bauen sich unmittelbar über Kufstein die Kalkschroffen des Kaisergebirgs empor. Wir durchwandern von Kufstein aus, um in das Innere dieses Bergzuges einzudringen, eine Viertelstunde lang eine kleine grüne Fläche; dann stehen wir an einer schattigen Felsschlucht, durch welche der aus dem Kaiserthale kommende Kaiserbach herabschäumt. Von hier führt kein Fahrweg mehr in das Thal; nur ein treppenartig ansteigender Saumpfad. Sind wir aber eine Viertelstunde auf diesem emporgestiegen, so erschließt sich das Kaiserthal, grün und einsam, nur von sechs Bauernhöfen, den Kaiserhöfen, und von den in der Höhe droben sich sonnenden Almen belebt. So ist das Kaiserthal eine kleine Welt für sich, gegen Norden von der Welt abgeschnitten durch den massiven plateauartigen Aufbau des „Zahmen“ Kaisers; während im Süden der Wilde Kaiser seine lange, viel mächtigere Felsenmauer emportürmt. Die Kaiserhöfe liegen alle auf den schönen Matten der Sonnenseite, die hier, durch lichten Wald unterbrochen, allmählich ansteigen bis zur Hochfläche des Zahmen Kaisers. Immer großartiger und wilder wird die Landschaft, je weiter wir in das Thal eindringen; schroffer und unbezwinglicher erscheinen die gezackten Türme, die im Süden aufragen.
Hinter dem sechsten und letzten Kaiserhofe hört das Thal auf, dauernd bewohnt zu sein. Ein gut gebahnter Steig führt noch 1½ Stunde weiter zu einer reizenden Heimstätte für Alpenwanderer: dem Hinterbärenbad (Abb. 56). Diese Herberge ist nur im Sommer bewirtschaftet, weil sie nur als Standquartier für Bergfahrten dient. Gegen Süden erschließen sich hier jene grauenhaft öden schutterfüllten Felsmulden, aus denen lotrecht die zerrissenen Wände und Türme des Sonnenecks, des Treffauer Kaisers, der Karlspitzen, der Haltspitzen, der Ackerlspitze und Maukspitze sich erheben. Seinen Höhepunkt erreicht das Gebirge in der 2344mhohen Elmauer Haltspitze. Zu ihr führt ein nur schwindelfreien Kletterern zugänglicher Steig, der an den bedenklichsten Stellen durch Eisenstifte, die man in den Fels getrieben hat, gangbar gemacht ist. Oben auf der schrecklichen Pyramide dieses Hochgipfels heulen die Stürme rüttelnd um einen winzigen Bretterbau, eine Zuflucht für Bergsteiger, die hier etwa von einem Hochgewitter überrascht werden.
Thiersee.
Einen sonnigen lachenden Gegensatz zur düsteren Größe des Kaiserthals bildet das Thal von Thiersee, in das westlich vonKufstein aus dem Innthal ein Sträßchen über den Rücken des Thierbergs führt. Die Thierseer Ache fließt aus zahlreichen Bergbächen zusammen, welche teils auf dem Tiroler, teils auf dem bayerischen Grenzgebirge entspringen, und ergießt sich etwas nördlich von Kufstein, bei der bayerischen Bahnstation Kiefersfelden in den Inn. Das Thal hat mehr den Charakter einer Hügellandschaft, als einer Hochgebirgsgegend: üppig grünende, sanft geschwungene Berghänge, die in den höheren Lagen bewaldet sind, klare Bäche und überall stattliche wohlhabende Gehöfte, nicht so nahe aufeinander gerückt, daß sie sich gegenseitig beengen könnten, und doch nahe genug zu allenfallsiger gegenseitiger Hilfeleistung. Man wird kaum eine Gegend in der Welt finden, wo sich die Lichtseiten einer freien unvermischten Bauernbevölkerung unverfälschter beobachten lassen, als in diesem Thierseer Thale. Das Herz der Landschaft ist Vorderthiersee, ein Dorf mit ziemlich zerstreuten Gehöften, in der Nähe des Thiersees, eines stillen, wiesenumrandeten Gewässers, um dessen Ufer die Glocken weidender Kühe und der im Bergwald rauschende Wind eine überaus friedliche Stimmung erklingen lassen (Abb. 57). Das war nicht immer so. Im Jahre 1703, und später wieder 1805 und 1809 zeigten die Thierseer den eindringenden Bayern und Franzosen den ganzen todverachtenden Mut der Tiroler Freiheitskämpfer; und Jakob Sieberer, ein Volksheld aus dem Thierseer Thale, wird rühmlich neben Hofer und Speckbacher genannt. Auch darf nicht unerwähnt bleiben, daß die Bauern von Thiersee den Musen keineswegs abhold sind. Gesungen wird im Thierseethale, wie in dem benachbarten lebensfrohen Bayerisch-Zell; außerdem haben aber die Thierseer ihr eigenes Theater, einen ansehnlichen Bretterbau, in welchem während der Sommermonate allsonntäglich von bäuerlichen Liebhabern dramatischer Kunst gespielt wird.
Abb. 81.Inneres der Hofkirche in Innsbruck.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 81.Inneres der Hofkirche in Innsbruck.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 82.Theresienstraße in Innsbruck.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 82.Theresienstraße in Innsbruck.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Thiersee. Kufstein.
Die Bauern von Thiersee besitzen ein so ausgedehntes Gebiet an Bergweiden,daß dasselbe im Sommer nicht bloß ihre eigenen Rinder, sondern auch große von auswärts zugetriebene Herden ernährt. So zieht sich denn während der schönen Jahreszeit ein großer Teil des Lebens der Bevölkerung nach den Almen hinauf. Und die Mädchen von Thiersee, die als Senninnen droben auf den Almen hausen, sind berühmt wegen ihrer Schönheit. Auf diesen Almen kann man neben frohmütigem lachenden und blonden Weibervolk wohl auch jene dunklen rätselhaften Schönheiten sehen, bei deren Anblick man eher vermuten möchte, sie seien verkappte Berggeister. Alle aber verstehen sie’s, ihre hellstimmigen Jauchzer hinüberzusenden über des Landes Grenze zu den benachbarten bayerischen Almen, von wo die übermütige Antwort wiederklingt.
Abb. 83.Oberinnthaler.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Abb. 83.Oberinnthaler.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Zwei Ortschaften liegen noch höher droben im Thale: Hinterthiersee und Landl. Westwärts wird es dann ganz einsam und still; die grauen Wände des „Hinteren Sonnwendjochs“ umdüstern die Landschaft. Das einzige Sträßchen, welches das Thal durchzieht, wendet sich nordwärts, um durch waldige Schluchten, in denen noch die Erinnerungen längstvergangener Kämpfe geistern, hinaus nach dem lustigen Bayerisch-Zell zu ziehen, über das der liederreiche Wendelstein sein Felsenhaupt erhebt.
Abb. 84.Scharnitzer.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Abb. 84.Scharnitzer.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Erst nachdem wir diese, dem Haupteingang Tirols nebenliegenden Gebiete kennen gelernt haben, betrachten wir uns die Eingangspforte selber: das alte Grenzstädtchen Kufstein (1900 Einw.;Abb. 60) mit seiner ragenden Feste. Eingekeilt liegt es zwischen dem Innstrom und den Ausläufern des Kaisergebirges, beherrscht von der auf einem isolierten Felsklotz erbauten Festung. Stadt und Feste waren im früheren Mittelalter bayerischer Besitz; im Jahre 1503 aber, gelegentlich eines bayerischen Erbfolgestreites, gerieten sie in die Hände des Kaisers MaxI., der damals eigenhändig seine schwersten Geschütze gegen sie richtete und ihren ungehorsamen, aber tapferen Befehlshaber Pienzenauer enthaupten ließ. Seit jener Zeit gehörte Kufstein zu Tirol. Während des Krieges von 1703 ward es von den Bayern vorübergehend genommen; ebensowieder 1809. Damals ward es von seiner bayerischen Besatzung mit zäher Tapferkeit gehalten, obwohl der kühne Speckbacher selber seine ganze List und Verwegenheit daran setzte, die Feste zu gewinnen.
Die Lage von Kufstein ist reizend. Das Flachland selber sieht man von hier nicht mehr, wohl aber die tiefe Einsattelung der nördlichen Kalkkette, hinter der es liegt. Im Osten streben die Felsenpfeiler des Kaisergebirges empor; im Westen die klotzige Pyramide des Pentlings; nach Südwesten schweift der Blick weit, weit thalaufwärts, bis zu den im Fernduft verschwindenden Stubaier Fernern.
Unterinnthal.
Von Kufstein aufwärts bis Innsbruck erstreckt sich das Unterinnthal, wohl die wichtigste Lebensader des ganzen Tirolerlandes. Seine Natur steht zwar an Üppigkeit und Freigebigkeit zurück hinter jener des unteren Etschlandes. Aber seine Bevölkerung ist gleichartig und von kraftvollem Schlage (Abb.58bis62), den Bestrebungen der Aufklärung und des Fortschrittes nicht abhold, in lebhafterer Berührung mit dem stammverwandten Deutschland, angeregt von der großen Weltverkehrsader, von der das Thal durchzogen wird. Dabei hat dieses auf seiner breiteren Sohle und den sanfteren seiner Gehänge Raum zwar nicht für größere Städte, wohl aber für wohlhabende kleinere Orte und zahlreiche zerstreute Sitze eines freien Bauernstandes, der mit der Gemütlichkeit und schneidigen Kraft des Altbayern, dem er zunächst verwandt ist, einiges von der geschäftlicheren Gewandtheit des Alemannen verbindet. Ist doch der Typus des Unterinnthalers in Speckbacher zu suchen, dem kühnen und umsichtigen Generalstabschef Andreas Hofers, dem leitenden Geiste des großen Tiroler Volkskrieges. Die Unterinnthaler wären schon für sich allein, mit den Einwohnerschaften ihrer Seitenthäler, ein durchaus charakteristisches fertiges Völkchen, kraftvoll genug, um ein eigenes Staatswesen zu bilden und eine eigene Geschichte zu haben, wie vordem die Bevölkerungen der Schweizer Kantone sie hatten.
Abb. 85.Lechthalerin.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Abb. 85.Lechthalerin.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Wir setzen unsere Wanderung durch das Innthal, von Kufstein aufwärts, fort. Hat man die Strecke, wo der Innstrom den Zug der nördlichen Kalkalpen quer durchbricht, hinter sich, so verliert das Thal auf eine Länge von fast 20kmseine romantische Größe; seine beiden Umwallungen sind ziemlich einförmige, nicht schärfer charakterisierte Berglinien. Zwei Straßen laufen thalaufwärts, eine rechts und eine links vom Innstrom; zwischen beiden die Bahnlinie. Das Thal, das ziemlich eng erscheint, solange noch von Osten her die Felsenburg des Kaisergebirges hereindroht, erweitert sich allmählich. Seine Südostseite wird zu einer Terrassenlandschaft, welcher die Steinkohlengruben von Häring und die berühmten Cementwerke bei Kirchbichl einen stark industriellen Zug verleihen. Ländlicher ist die nordwestliche Thalwand geblieben. Hier hat sich, auf eine Ausdehnung von etwa 15km, von Langkampfen bis Brixlegg, zwischen das Strombett und die nordwestliche Thalwand ein Mittelgebirge eingelagert: eine niedrige Trümmerlandschaft, teils bewaldet, teils zu sanften Mulden ausgeweitet, in denen grüne Matten, kleine Waldteiche, Eichengruppen und schöne Bauernhöfe anmutige Landschaftsbilder bieten. Hier liegt auch der berühmte Wallfahrtsort Mariastein in idyllischer Stille. Es ist eine alte Ritterburg, durch einwunderthätiges Marienbild, welches, mehrmals weggebracht, hartnäckig hierher zurückkehrte, zum Wunderplatze gefeit.
Abb. 86.Die Martinswand.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 86.Die Martinswand.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Brixenthal. Wildschönau. Rattenberg.
Auf der anderen Thalseite ist es lebhafter. Dort, bei der Station Wörgl, mündet in die Innthaler Bahnlinie, von Osten her kommend, die Giselabahn; das Thal hat sich zu einem breiten Wiesengrunde erweitert. In ihn öffnen sich zwei Thalspalten. Durch die nördliche derselben, das Sölland genannt, führt die wichtige Kaiserstraße unter dem Südabsturz des wilden Kaisers nach Sankt Johann. Dieser Straßenzug bezeichnet die geologische Scheide zwischen dem Kalkgebirge im Norden und dem Thonschiefer im Süden. Wichtiger für den Verkehr ist aber in neuerer Zeit die südlichere dieser Thalspalten geworden: das Brixenthal, durch welches die Giselabahn nach Kitzbühel und weiterhin nach Zell am See und Salzburg führt. Das Brixenthal hat zwar nur eine schmale Sohle, aber geringere Neigung seiner Thalwände, als die meisten anderen Thäler. Prächtige Matten erstrecken sich bis zu den Gipfeln der Berge hinauf, mit unzähligen braunen Heustädeln besetzt. Die Wälder aber sind, wenigstens in den unteren Lagen, schlecht und arg mißhandelt. Das Thal, in welchem die ansehnlichen Ortschaften Hopfgarten und Brixen und, schon jenseits der niedrigen Wasserscheide, Kirchberg liegen, empfängt seine Wasserzuflüsse aus langen einförmigen Seitengründen, die von den Thonschieferbergen im Süden herabziehen. Seine nördliche Vorlage bildet die hohe Salve, eine aussichtsreiche grünbemattete Kuppe, die jedoch, abgesehen von ihrer berühmten Rundsicht, als Berg an sich kein Interesse bietet.
Auf dem nur spärlich bevölkerten und teilweise versumpften rechten Innufer trägt uns die Bahn thalaufwärts nach Kundl. Der Ort soll seinen Namen von der heiligen Kunigunde, der Gemahlin Kaiser HeinrichsII., haben. Sicher ist, daß Kaiser Heinrich im Jahre 1012 die einsam an der Landstraße liegende Sankt Leonhardskirche erbaute. Hier öffnet sich nach Süden zu ein weltfremdes Thal, die Wildschönau, dessen Einwohnerschaft, in merkwürdiger Abgeschlossenheit dahinlebend, alte Sitten und Rechtsbräuche vielleicht am treuesten in ganz Tirol festgehalten hat. Uralte Bergbaue in dem einst erzreichen Gebirge der Wildschönau haben aufgehört; der Name des „Schatzbergs“, der sich 1898mhoch über der Wildschönau erhebt, kündet noch von dem einstigen Silbersegen.
Abb. 87.Zirl, mit Ruine Fragenstein.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 87.Zirl, mit Ruine Fragenstein.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Reicher und bevölkerter wird das Innthal von Rattenberg aufwärts. Rattenberg selber zwar, das alte Schifferstädtchen (Abb. 63), unter dessen Burgtrümmern die Bahn in einem Tunnel hinzieht, macht mit seinen hart über dem Innstrom hängenden grauen Häusern den Eindruck des Verfalles. Solangedie Schiffahrt auf dem Inn in Blüte stand, war hier starker Verkehr; seit die Lokomotive das Innthal durcheilt, hat dies aufgehört. Die bei Rattenberg und dem benachbarten Brixlegg (Abb. 64) von Norden und von Süden ins Innthal mündenden Thäler, das von Brandenberg und das Alpbachthal, haben für den Verkehr keine Bedeutung. Brixlegg selbst, wo sich, in eine Felswand gemeißelt, ein schönes Denkmal des um die Erschließung von Tirol verdienten SchriftstellersDr.Steub findet, ist eine viel besuchte Sommerfrische; dabei ein kaiserliches Hüttenwerk und die alte Burg „Matzen“.
Zillerthal.
Von Rattenberg an entfaltet das Unterinnthal seine ganze Pracht. Breit und wohnlich liegt es vor uns da, mit den gigantischen Bergen, die es im Norden einschließen, mit dem Ausblick auf die Stubaier Ferner im Westen, mit seinen Städten, Burgen und Klöstern. Schon bei Brixlegg, auf welches von Norden die breit und charaktervoll vortretende Berggruppe des Sonnwendjochs niederschaut, ragen aus dem Stromthal umbüschte alte Ritterburgen empor. Und dann öffnet sich nach Süden zu eines der schönsten Seitenthäler Tirols: das berggewaltige liederreiche Zillerthal.
Offen und sonnig, bewacht von den riesigen Türmen der alten Feste Kropfsberg, erschließt sich der Eingang dieses Thales. Fünf Stunden lang fährt man auf fast ebener Landstraße thaleinwärts, ohne eine Ahnung von der wilden Größe des Thales zu erhalten, an dessen grüner Sonnenseite man bis hoch hinauf die Gehöfte leuchten sieht. Man fährt durch das freundliche Fügen (Abb. 65), aus dem einst die Sängerfamilie Rainer auszog, um den Tiroler Jodler jenseits des Oceans und in den großen europäischen Hauptstädten erklingen zu lassen und dann, reich an Ruhm und Gold, wieder in ihre Bergheimat zurückzukehren.
Abb. 88.Ötz.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 88.Ötz.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Weiter thaleinwärts liegt Zell am Ziller, der Hauptort des Zillerthales (Abb. 66). Näher ist hier schon der gewaltige Thalhintergrund getreten: die Gerloswand, der Tristenspitz und das vergletscherte Ingentkar. Aber immer noch erscheint die Landschaft freundlich und sonnig; um Zell gedeihen noch Weizen und Mais. Die vielen Herbergen,die Häuser der Kleingewerbsleute im Dorfe wie die umliegenden Bauernhöfe zeugen von Wohlhabenheit und Lebensfreude. Davon zeugt aber auch der mächtige Wuchs des Zillerthaler Volkes und seine Freude an Gesang und Zitherspiel, an der Liebe und am Raufen.
Bei Zell fängt das Zillerthal, welches bis hierher ohne nennenswerte Seitenthäler blieb, an, einen anderen Charakter zu gewinnen; die bisher sanft ansteigenden Thalgehänge verwandeln sich in dräuende Steilwände; die ganze Landschaft wird ernster, dunkler. Ein steiles Fahrsträßchen führt am Hainzenberge, dessen Goldgruben jetzt verlassen stehen, vorüber zu dem hochgelegenen Alpendorfe Gerlos und von dort hinab in den salzburgischen Pinzgau. Bleibt man im Zillerthale, so gelangt man nach einstündiger Fahrt in den herrlichen grünen Thalkessel, wo Mayrhofen (Abb. 67) liegt und alles Weitere wie vermauert scheint. In der That ist das eigentliche Zillerthal hier zu Ende, aber seine bedeutendste Hochgebirgsschönheit beginnt erst. Denn das Thal spaltet sich in vier schluchtenartige Gründe, die sich noch viele Stunden weit in das Innerste der Centralalpenkette hinauf erstrecken und aus denen nur beschwerliche, nicht mehr fahrbare Jochsteige weiterführen.
Der östlichste dieser Gründe ist der mit seinen Ausläufern über 20kmlange Zillergrund, dessen letzte Ausläufer sich in den Eiswüsten der Reichenspitzgruppe verlieren. Langwierige und mühsame Jochpfade führen aus diesem nur spärlich bevölkerten Hochthale hinüber in das jenseitige Ahrnthal. Fast völlig unbewohnt ist die ebenfalls bei Mayrhofen mündende Schlucht der Stillup, die in einer Längenerstreckung von 16kmnur mehr ein paar Alpenhütten und ein Jagdhaus herbergt und deren südliches Ende vom Eiskranz der Zillerthaler Hauptkette verschlossen ist.
Abb. 89.Stuibenfall.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 89.Stuibenfall.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Am bevölkertsten und wohnlichsten unter diesen Seitengründen ist das von Mayrhofen ostwärts hinaufziehende Tuxer Thal. Mit einer Längenerstreckung von 20kmwindet sich dieses in großem Bogen um die eisbedeckte Kette des Tuxer Kammes. Es ist ein prächtiger grüner Alpengrund, der eine Reihe von kleinen Hochgebirgsdörfern mit braunen Holzhäusern enthält. Das höchst gelegene derselben ist Hintertux (Abb. 68), schon 1475müber dem Meere, überragt vom schönen Eisgebilde der „Gefrorenen Wand“. Das Thal ist arm; von Bodenfrüchten gedeiht nur wenig mehr in solcher Höhe, aber dafür sind die Tuxer doch ein prächtiges, schönes und lebensfrohes Völkchen, das jauchzend und lachend seine mühsame Arbeit und den schweren Transport seiner Molkereiprodukte besorgt. Man rühmt ihnen auch nach, daß sie den reinstenverständlichsten Dialekt im Lande Tirol sprächen. Ein viel begangener Jochsteig führt von Mayrhofen über Hintertux und das Tuxer Joch in das Schmirnthal und an die Brennerstraße.