Abb. 173.Groß-Venediger, vom Wege zum Gschlöß gesehen.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 173.Groß-Venediger, vom Wege zum Gschlöß gesehen.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Unmerklich hebt sich die Sohle des Pusterthales höher und höher; die Bahn berührt noch den stattlichen Markt Niederdorf (Abb. 167) und erreicht endlich bei der Station Toblach (Abb. 168) auf dem Toblacher Felde die Wasserscheide zwischen Drau und Etsch (1204m). Hier, wo von Süden her die Kalkberge mit ihren gewaltigen Stirnwänden bis ins Pusterthal hervortreten, klafft ein für den Völkerverkehr wichtiger Spalt des Gebirges im Süden auf, durch den der Ampezzaner Straßenzug nach Italien leitet. Hier war es auch, wo imVII.Jahrhundert die deutsche Schwertgewalt entschied, daß Tirol nicht den eingedrungenen Südslaven gehören sollte, sondern den Einwanderern bajuwarischen Stammes. Und nicht bloß über Tirol fiel damals die Entscheidung, auch über Kärnten und Steiermark. Denn mit jenem Siege begann das Zurückdrängen der Slaven.
Ein riesiges modernes Hotel steht breit am Zugang zur Ampezzaner Straße. Wir müssen, ehe wir die Fahrt durch das Pusterthal fortsetzen, auch diesen Straßenzug kennen lernen; denn er führt uns in das Quellgebiet der Rienz hinauf. Dieses Thal ist ganz anders geartet als die meisten anderen Tiroler Thäler. So trotzig und gewaltig auch die steilsten Felsberge gleich an seinem Eingang aufragen: sein Hintergrund ist nicht durch Gletscher oder Felskämme verschlossen, sondern offen, und über eine niedrige Wasserscheide führt eine ausgezeichnete Straße in die italienischen Gefilde. Dieser Thalspalt ist, von Toblach bis zur italienischen Grenze, 37kmlang und weist in stetem Wechsel eine Reihe der großartigsten Landschaftsbilder auf. Zunächst dem Pusterthale führt er den Namen Höhlensteinerthal. Hier durchfließt die Rienz den ernsten, dunkelgrünen Toblacher See. Kaum merkbar steigt die Straße an bis zum Posthause von Höhlenstein, italienisch Landro. Nach Südosten öffnet sich die Rimbiancoschlucht, durch welche die „Schwarze Rienz“ herabstürzt. Im Hintergrunde dieser schattigen Enge erscheinen, wie ein Märchengebilde, die „Drei Zinnen“. Eine der merkwürdigsten Schöpfungen dieser Kalkwelt, 3003mhoch, sind sie mit ihren turmartigen Formen zu einem der bekanntesten Landschaftsbilder der ganzen Alpen geworden (Abb. 15). Gleich hinter Höhlenstein zeigt sich dann in der Thaltiefe der manchmal während der Herbstzeit völlig austrocknende hellgrüne Dürrensee, in dem der schöne Monte Cristallo mit seinem Gletscher und seinen Zacken sich spiegelt (3199m,Abb. 14). Eine halbe Stunde weiter erreicht die Straße die wenigen Häuser von Schluderbach, einer der berühmtesten Sommerfrischen Tirols, in prachtvoller Lage, und steigt dann noch 2kmsacht an bis zur Wasserscheide „auf dem Gemärk“ (1544m). Von hier ab fließen die Gewässer zur Piave, nach Süden. Ueber das schön gelegene Ospitale erreicht die Straße den Felsen des gänzlich zertrümmerten Schlosses Peutelstein, steigt in Windungen in die Thaltiefe und wendet sich dann südlich, wo sich allmählich der prachtvolle Thalkessel von Cortina d’Ampezzo (Abb. 169) erschließt. Aber dieser nach dem Venetianischen gewandten Abdachung der Tiroler Alpen soll an anderer Stelle noch ausführlicher gedacht werden. Wir wenden uns zurück zur Wasserscheide des Toblacher Feldes, um den letzten Teil des Pusterthales, soweit es zu Tirol gehört, kennen zu lernen.
Abb. 174.Simonyspitzen, Groß-Venediger und Groß-Glockner; von der Dreiherrnspitze gesehen.(Nach einer Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)
Abb. 174.Simonyspitzen, Groß-Venediger und Groß-Glockner; von der Dreiherrnspitze gesehen.(Nach einer Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)
Innichen.
Auf dem Toblacher Felde, wo dasselbe schon gegen Osten sich neigt, entspringt die Drau aus einem Felsen des Rohrwalds. Ihr Lauf geht nach Osten; wir folgen ihm und gelangen zunächst nach Innichen (Abb. 171). Hier thut sich im Süden das Thal von Sexten auf, nicht bloß durch seine Heilquellen (Schwefelwasser und anderes) bekannt, sondern auch durch die riesigen Kalkschroffen, welche seinen Hintergrund bilden, und in deren Felsenburgen begrünte Thäler führen; darunter besonders schön das Fischeleinthal(Abb. 170). Unter ihnen nimmt die Dreischusterspitze (3162m) die erste Stelle ein. Innichen selber, einst Pflanzstadt der Römer, ist ein alter und ehrwürdiger Platz, schon zur Zeit des Frankenreiches wichtiges Bollwerk gegen die südslavischenWanderhorden. Seine Handelsbedeutung hat es freilich schon lange verloren.
Abb. 175.Kals.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 175.Kals.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 176.Schloß Sigmundskron.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 176.Schloß Sigmundskron.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 177.Haselburg, mit Blick auf Bozen und Gries.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 177.Haselburg, mit Blick auf Bozen und Gries.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Lienz.
Von Innichen ostwärts treten die Kalkschroffen der Südseite wieder in den Hintergrund; beide Thalwände sind wiederum Schiefer; und damit wird die Landschaft grün und abgeflacht. Die Bahn trägt uns, stärker abfallend, über Sillian und Abfaltersbach, an wenig besuchten Seitenthälern vorüber in eine ganz einsame Waldlandschaft. Die Kalkberge der südlichen Thalwand sind wieder näher getreten. Hinter Station Mittewald wird das Thal völlig düster und menschenleer; die Drau und die Bahn treten in die enge Lienzer Klause, die auch im Jahre 1809 blutige Kämpfe sah. Wo sie sich öffnet, liegt in weitem lachenden Thalgrunde Lienz.
Abb. 178.Mendelstraße.
Abb. 178.Mendelstraße.
Tauern.
Dieses schöne, wenn auch etwas stille Städtchen, der wichtigste Platz im Osten von Tirol, liegt nur mehr 673müber dem Meere. Die Drau nimmt hier die weit stärkere Isel auf, die von Nordwesten aus den Tauern herabströmt.Wir haben im Drauthale nichts mehr zu suchen; denn die Grenze von Kärnten ist ganz nahe. Aber ein merkwürdiges und landschaftlich hoch interessantes Gebiet erschließt sich noch im Norden: die Tiroler Seite der Tauernkette.
Wir lassen das friedliche Lienz hinter uns mit seinen zerrissenen Kalkschroffen und wenden uns nach Nordwesten, in ein zunächst einförmiges Thal, aus dem uns die eisige Isel entgegenbraust. Nach etwa drei Stunden führt unser Sträßchen an der Mündung des Defereggenthales vorüber, das zwölf Stunden lang ohne besondere Landschaftsreize zwischen grünen Rücken in gerade westlicher Richtung sich erstreckt. Wir bleiben im Thale der Isel und erreichen nach weiteren drei Stunden das prächtig gelegene Windisch-Matrei (Abb. 172). Hier endet die Fahrstraße. Nach Norden zieht sich in engem, immer großartiger werdendem Thale der uralte Saumpfad zum Matreier Tauernhause und von da steil hinan zum Velber Tauern (2545m), an der Grenze Tirols gegen den Salzburgischen Pinzgau. Weit großartiger ist das Wandern vom Tauernhause westwärts in das Hochthal von Gschlöß (Abb. 173), wo der zerklüftete Schlatengletscher seinen mächtigen Eisstrom niederwälzt und der Großvenediger (3660m) seine blanke Eispyramide über seinen granitenen Unterbau erhebt (Abb. 174).
Abb. 179.Hôtel am Mendelpaß.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 179.Hôtel am Mendelpaß.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Das Hauptthal der Isel, nunmehr Virgenthal genannt, wendet sich von Matrei an gegen Westen. Auf kaum mehr fahrbarem Wege erreicht man hier noch das schlichte Alpendorf Prägraten und damit den letzten Ort im Iselthal. Vergletscherte Übergänge führen von hier noch ins Ahrnthal oder über das Massiv des Venedigers in den Pinzgau.
Groß-Glockner. Etschthal.
Das Iselthal hat ein nach Norden abzweigendes Seitenthal, das uns noch zu einem anderen großartigen Grenzsteine Tirols leitet: das Thal von Kals. Hier liegt Kals (1322m,Abb. 175), eines der berühmtesten Hochgebirgsdörfer, am Fußedes Großglockners. Nicht leicht mag man das Leben und Volkstum eines Tiroler Hochgebirgsdorfes schärfer ausgeprägt finden, als in den schlichten Hütten von Kals, hinter deren Mauern doch so athletische und kühne Männer wachsen können, wie es die Kalser Führer sind. Scharf und mit zerrissenen Gräten, an allen Seiten von steil abfallenden Gletschern umhangen, hebt sich der gewaltige Bau des Glockners (3798m,Abb. 1) über die grünen Matten von Kals empor. Aber die Begeisterung der Alpenfreunde hat auch seine wilden Höhen gangbar gemacht. So hoch überragt sein scharfes Gipfelhorn die ganzen Ostalpen, daß seine Rundschau von der Berninagruppe bis zum Triglav und vom Böhmerwalde bis zur Adria reicht. Dafür hat auch mehr als einer von denen, die ihre Kraft an ihm versuchten, hier einen jähen Bergtod gefunden. Aber man muß nicht einmal auf den Glockner steigen, um dieser Gefahr ins starre Auge zu schauen; auch um die Tauernpässe, die über seine Schultern führen, geistern die Schatten Verunglückter durch die eisigen Höhen.
Abb. 180.Trient in der Mitte desXVI.Jahrhunderts.(Nach dem gleichzeitigen Stich von Braun & Hogenberg.)
Abb. 180.Trient in der Mitte desXVI.Jahrhunderts.(Nach dem gleichzeitigen Stich von Braun & Hogenberg.)
Breit und großartig wird das Etschthal von Bozen abwärts, bis zu den Engen der Veroneser Klause, wo es Tirol verläßt: ein fruchtbarer, von prächtigen Bergen umgebener Thalgrund mit zahllosen Ortschaften, einzelnen Häusern, Kirchtürmen und alten Schlössern (Abb.176u.177). Die Berge zeigen nur mehr spärliche Waldbedeckung; schärfer und plastischer kommen ihre Formen zum Vorschein, als im Norden. Die Ebene, streckenweise versumpft, weist zwar die Spuren verheerender Überschwemmungen auf; ist aber dort, wo sie dagegen geschützt war, mit üppiger Pflanzenpracht bedeckt. Die Farben des Etschthals sind heiß und feurig: rötlich und gelblich schimmernde Bergwände mit tiefblauen Schatten. Die Gesteinsart ist noch bis gegen Neumarkthin der rote Porphyr mit seinen grün bewachsenen rundlichen Kuppen und Schwellungen; aus ihm ragt an der Westseite das lang gestreckte Dolomitgerüst der Mendel empor. Auf dieser Strecke des Etschthales vernimmt der Reisende mehr und mehr italienische Laute; wir nähern uns der Sprachgrenze; die Tiroler Tracht verschwindet; an die Stelle des Holzbaues treten steinerne Häuser, an die des rauschenden Bergwalds niedriges Gestrüpp; statt der Wiesen und Getreidefelder sehen wir in der Tiefe Mais- und Maulbeerpflanzungen; alles verwelscht sich.
Abb. 181.Trient.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 181.Trient.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Überetsch. Mendel.
Das Thal ist so breit, daß sich zwischen seinem östlichen und westlichen Hang ein niedriges Mittelgebirg hineinlegen konnte, aus Porphyr bestehend, welches eine Hochebene trägt. So haben wir von Bozen bis zu dem 23kmentfernten Neumarkt einen doppelten Weg zur Auswahl: entweder den östlichen, der uns mit der Bahn durch das breite, von Kanälen durchschnittene Etschthal führt, oder einen westlicheren, wo eine schöne Straße über die Hochfläche von Eppan oder Kaltern zieht, welch’ letztere auch „Überetsch“ genannt wird. Dieser westliche Weg ist der interessantere. Die nördliche Ecke des im Etschthale liegenden Mittelgebirgs ist von der stolzen Feste Sigmundskron geschmückt, die von umbuschter Höhe ins Etschthal niederschaut. Hier stand schon eine Römerburg, Formicaria genannt; Sigmundskron ist die großartigste Ruine Tirols. An Sankt Pauls vorüber wendet sich die Straße auf der Hochfläche nach Sankt Michael oder Eppan. Die prachtvoll gelegene Ruine Hohen-Eppan, einst Sitz eines der mächtigsten Tiroler Adelsgeschlechter, liegt etwas seitab. In Eppan zweigt eine der schönsten neueren Kunststraßen ab: die Mendelstraße (Abb. 178). Sie steigt in vielen Windungen, mit glanzvollen Aussichtspunkten am steilen Ostabfall des Mendelgebirgs empor bis zur Höhe des Mendelpasses (1360m). Köstliche, leicht erreichbare Aussichtspunkte haben den Mendelpaß und sein vorzügliches Hotel zu einer internationalen Berühmtheit erhoben (Abb. 179). Hier droben auf der sonnigen Höhe ist auch die Sprachgrenze; das jenseits absteigende Thal des Nonsbaches ist welsch.
Abb. 182.Dom zu Trient.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 182.Dom zu Trient.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 183.Rovereto.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 183.Rovereto.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Etschthal. Trient.
Von Eppan gelangt man durch prächtige weinreiche Landschaft, die von teils erhaltenen,teils zerfallenen Burgen überragt und mit üppigen Kastanienwäldern geschmückt ist, nach Kaltern. Dabei überall lachende Zeugen des hiesigen Wohlstandes und entzückende landschaftliche Ausblicke. Unter Kaltern liegt das heitere Becken des Kalterer Sees, an dessen Ufern der edelste Tirolerwein wächst. Mit ihm vergleichbar ist nur der benachbarte von Tramin, das schon wieder in der Tiefe des Etschthals, am Abhang des Mendelgebirges sich zwischen seinen Rebengeländen ausbreitet. Aus Tramin gelangt man wieder durch die Etschebene nach der Bahn bei Neumarkt. Hier ist der Charakter der deutschen Ortschaft schon stark mit italienischen Elementen durchsetzt; eine höchst malerische Kunststraße zieht sich von Neumarkt in vielen Windungen, mit einer bis zum Ortler reichenden Rundsicht, nach einer Paßhöhe hinauf und von dort in das Thal des Avisio hinab. Die letzte deutsche Ortschaft am Ostufer der Etsch ist Salurn, 31kmvon Bozen. Am westlichen Ufer reicht die deutsche Sprachgrenze etwas weiter nach Süden, bis nach Deutschmetz. das die Italiener Mezzo Tedesco nennen.
Abb. 184.Cavalese.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 184.Cavalese.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Die Bahn überschreitet den Nonsbach und dann die Etsch; bei San Michele ist sie schon in Welschtirol. Dann übersetzt sie bei Lavis den Avisio, der aus dem Fleimser- und Fassathal hervorströmt. Ortschaften und Menschen tragen hier schon die bezeichnenden Züge des Italienertums. Die Häuser sind hoch, steinern, aber schmutzig und verwahrlost und deshalb malerisch; zerlumpt und schäbig, aber lebhaft und intelligent sehen die Einwohner aus.
Durch das fruchtbare, mit Maulbeerbäumen und Reben bepflanzte Etschthal trägt uns im Fluge der Wagenzug dahin, während von den Berghängen zahlreiche Kirchen, Schlösser und Landhäuser schimmern. Dann sehen wir vor uns das ganze Thal von Häusermassen erfüllt, aus denen eine hohe Domkuppel und ein mächtiger Kastellbau emporragen: wir sind in Trient, der uralten Römer- und Bischofstadt (Abb.180bis182).
Abb. 185.Predazzo.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 185.Predazzo.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Trient.
Trient, italienisch Trento, das mittelalterliche Tridentum, mit21600 Einwohnern, liegt am linken Ufer der Etsch, in gartenähnlicher Landschaft. Wohl zeigt auch siejene Spuren des Verfalls, die den meisten Städten italienischer Nation eigen sind; aber die vielen Türme und Paläste, die breiten gut gehaltenen Straßen machen doch einen stattlichen Eindruck. Die Stadt, die schon von den römischen Geographen genannt wird, soll etruskischen Ursprung haben und hat eine reiche Geschichte hinter sich. Auf die Herrschaft der alten Rhätier folgte hier jene der Römer; Theodorich der Große baute die Mauern der Stadt; um sie kämpften Goten, Langobarden und Franken, Trientiner und Venetianer. Hohes politisches Ansehen verschaffte der Stadt das in den Jahren 1545–1563 hier abgehaltene Tridentinische Konzil. Ehrwürdig ist der romanische Dom, an dessen mächtigem Bau durch vier Jahrhunderte gearbeitet ward, mit dem Grabmal des venetianischen Feldherrn Sanseverino, den die Trientiner in der Schlacht bei Calliano erschlugen; berühmt auch die Konzilskirche Santa Maria Maggiore mit einem großartigen Orgelwerk, dessen Meister nach der Vollendung geblendet worden sein soll, damit die Orgel einzig in ihrer Art bliebe. In der Peterskirche wird die Mumie eines heiligen Knaben, San Simonin gezeigt, der von Juden geschlachtet worden sein soll. Das hervorragendste weltliche Gebäude ist das Schloß Buon Consiglio; vormals fürstbischöfliche Residenz, jetzt Kaserne, überragt es mit feudalem Trotz die Stadt und die Landschaft. Aber auch in den Gassen selber ist mancher schöne alte Palast von aus langobardischen Geschlechtern abstammenden Trientiner Adelsfamilien eingebaut. Ein riesiger runder Turm soll römischen Ursprungs sein. Das heutige Trient ist immer noch eine wohlhabende Stadt, unter deren Gewerben die Gewinnung und Verarbeitung des berühmten Trientiner Marmors wohl in erster Linie genannt werden muß; daneben Zucker- und Branntweinindustrie. Vieles von dem, was als „Veroneser Salami“ in die Welt geht, hat seinen Ursprung in Trient. Eine östliche Straße führt von hier ins Valsugana (s.XIII); eine westliche über das Gebirge nach dem Tobliner See und dem Sarcathale (s.XIV).
Abb. 186.Campitello.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 186.Campitello.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Von Trient thalabwärts heißt die Landschaft Val Lagarina (Lägerthal), die EtschAdige. Bahn und Straße halten sich am linken Ufer des nun schiffbar gewordenen Stromes; die jurassischen Bergwände erscheinen größtenteils kahl. Über dem viel umkämpften Calliano erscheint am Berghang Schloß Beseno; in der Nähe die Riesentrümmer eines Bergsturzes. Der Höhenzug an der Westseite des Etschthales ist der durch seine außerordentlich reiche Flora berühmte „Garten Abrahams“; an seinem Fußgestell grüßen die Trümmer der Burg Nomi herüber; weiter Pomarolo mit dem ansehnlichen Schloß Castelbarco. Dann hält der Wagenzug in Rovereto.
Abb. 187.Perra, gegen die Vajolet-Türme.(Liebhaberaufnahme von Gust. Schulze in Leipzig.)
Abb. 187.Perra, gegen die Vajolet-Türme.(Liebhaberaufnahme von Gust. Schulze in Leipzig.)
Rovereto.
Rovereto (Roveredo), ein lebhaftes Städtchen, mit 9000 Einwohnern, liegt am linken Etschufer in einer Thalweitung, an der Mündung des Lenothals (Abb. 183). Es ward nach dem Ende der Römerherrschaft Eigentum der Herren von Castelbarco; dann lange Zeit ein Zankapfel zwischen den Herrschern von Tirol und der venetianischen Republik. ImXVI.Jahrhundert wurde hier der Grund zur Südtiroler Seidenindustrie gelegt, deren Mittelpunkt jetzt Rovereto ist. Die von einem alten Kastell überragte Stadt enthält schöne Plätze mit plätschernden Brunnen und Palästen; an den Einwohnern von Rovereto rühmt man Eleganz der Sprache, Bildung und Liebenswürdigkeit. Die Umgebung ist eine üppige gartenähnliche Landschaft, aus deren Rebengeländen alte Burgen schauen. Zwischen dem helleren Grün der Weingärten, Maulbeerpflanzungen und Maisfelder zeigen sich schon ernst und dunkel vereinzelte schlanke Cypressen.
Die Bahn, immer am linken Etschufer bleibend, eilt weiter nach Mori, wo im Westen sich jener merkwürdige Thalspalt aufthut, durch den am einsamen Loppiosee vorüber die Straße und eine Zweigbahn nach dem Thale des Gardasees führen. Dann folgt San Marco mit den schauerlichen Resten jenes Bergsturzes, von welchen Dante im zwölften Gesang seiner Hölle sagt:
„Dem Erdfall bei Trient gleich, der die BahnDer Etsch von einer Seite zugeschoben“ ...
„Dem Erdfall bei Trient gleich, der die BahnDer Etsch von einer Seite zugeschoben“ ...
„Dem Erdfall bei Trient gleich, der die Bahn
Der Etsch von einer Seite zugeschoben“ ...
Auf Schloß Lizzana bei San Marco verweilte Dante während seiner Verbannung aus Florenz; den gewaltigen Eindruck, den jene Landschaft auf den Dichter machte, hört man noch aus seiner großartigen Dichtung erklingen. Wahrscheinlich geschah der Bergsturz im Jahre 883; er soll eine ganze Stadt verschüttet haben.
Wir nähern uns der Grenze Tirols. Im Fluge noch folgt die zertrümmerte Sperrfeste Serravalle, dann noch das malerische Städtchen Ala, berühmt durch eine lebhafte Sammetindustrie. Die letzte österreichische Ortschaft ist Avio. Dann überschreitet die Bahn die italienische Grenze; die Thalwände senken sich, treten näher zusammen und bilden eine lange gewundene Felsengasse mit Steilwänden. Neben dem mächtig schäumenden Bergstrom windet sich die Bahn entlang: wir sind in der berühmten, seit grauen Tagen so oft umkämpften Veroneser Klause. Immer niedriger werden die Bergwände; plötzlich wird es licht und blau überall; der Bahnzug braust hinaus in offenes Hügelland. Wir haben die Alpen hinter uns; vor uns aber liegt mit seinen üppigen Gärten und gewaltigen Mauern das ehrwürdige Verona, die Stadt des Ostgotenkönigs Dietrich von Bern.
Eine Reihe von Landschaften des Tirolerlandes unterscheidet sich geographisch und ethnographisch von den bisher kennen gelernten. Es sind jene Thäler, welche von ihrem Ursprung an nach Süden zu sich abdachen, der Osthälfte Tirols angehören und eine fast durchgängig romanische Bevölkerung haben. Zuflüsse der Etsch, der Brenta und der Piave sind es, welche aus diesen Thälern abströmen. Die Besiedelung dieser Thäler hat von Süden her stattgefunden; ihre Bevölkerung ist teils altromanisch, teils italienisch; nur in den nördlichsten Ausläufern mit deutschen Elementen durchsetzt.
Abb. 188.Alleghe-See.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 188.Alleghe-See.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Diese Thäler sind, von Westen nach Osten gerechnet: das Fleimser- und Fassathal nebst seinem südlichen Nachbargebiet, dem Valsugana und dessen Seitenthälern, die Thäler von Canale und Primiero, das oberste Thal des Cordevole (Buchenstein) und das Ampezzothal. Fremdartig sind uns Deutschen die Landschaften, fremdartig die Orte und Häuser, fremdartig die Bewohner.Sagte es uns nicht die Karte, so wüßten wir nicht, ob wir in Tirol oder in Italien sind. Nur in den oberen Teilen dieser Thäler umrauscht uns noch der heimische Fichtenwald, grüßen uns noch deutsche Laute.
Abb. 189.Ampezzanerinnen.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Abb. 189.Ampezzanerinnen.(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Abb. 190.Misurina-See.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 190.Misurina-See.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Avisiothal
Unter diesen Thälern ist das des Avisio das ausgedehnteste. Es mündet bei Lavis in das Etschthal und zieht, 75kmlang nach Nordosten, ins Herz der Dolomitalpen, im untersten Teile Val di Cembra (Zimmers), weiter aufwärts Val di Fiemme (Fleimserthal), im obersten Teile Fassathal genannt, berühmt durch seine merkwürdigen geologischen Erscheinungen und seine großartigen Landschaftsbilder. Bei seiner großen Längenerstreckung enthält es eine bedeutende Anzahl von Seitenthälern, von welchen die längeren und wichtigeren nach Süden und Osten ziehen. Die herrschenden Gesteinsarten sind roter Porphyr und Dolomit; aber man findet auch andere Kalksteinarten, ferner schwarzen Augitporphyr, Granit und Sandstein.
Abb. 191.Caprile, gegen Civetta.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 191.Caprile, gegen Civetta.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Val di Cembra. Fleimserthal.
Den Namen der untersten Thalstufe, des Val di Cembra, hat man mitunter von den Cimbern abgeleitet; in der That trägt die Bevölkerung deutsche Züge, obgleich sie italienisch spricht. Hier herrscht in der Landschaft der rote Porphyr, durch den der Avisio sich in schluchtenartigem Bette schäumend und grollend hindurchzwängt. Hauptort dieser Thalstufe ist Cembra, auf sonniger Hochfläche. Dieser Teil des Thales sieht keinen Fremdenzug; letzterer zieht gewöhnlich die schöne Kunststraße vor, welche aus dem Etschthale bei Neumarkt gleich in den mittleren Teil des Thales, ins Fleimserthal führt.
Abb. 192.San Martino, gegen Cimon della Pala.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 192.San Martino, gegen Cimon della Pala.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Fleimserthal. Fassathal.
Auch im Fleimserthale findet man deutsch aussehende Menschen; die Sprache ist italienisch. Diese Thalstrecke hat ein seltsam zusammengewürfeltes Gestein zur Unterlage: roten und schwarzen Porphyr, Granit und Sandstein; und auf dieser Unterlage ragen dann die Dolomitzacken empor. Hauptort von Fleims ist das stark bevölkerte Cavalese (Abb. 184) mit stattlichergotischer Kirche. Die schöne Straße windet sich, von Cavalese thaleinwärts, an der nördlichen Thalwand hin, mit beständigem Ausblick auf den freundlichen grünen Thalboden und den Lauf des Avisio. So geht es über Tesero, Panchia und Ziano nach der fruchtbaren Thalweitung von Predazzo (Abb. 185). Dieses ist der geologisch merkwürdigste Punkt des ganzen Thales, mit einer ganz außerordentlichen Mischung von Gesteinsarten. Hier mündet von Osten her das Thal Paneveggio, fast völlig unbewohnt, aber mit einer hoch interessanten Jochstraße (Rollepaß) nach San Martino di Castrozza.
Abb. 193.Primiero.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 193.Primiero.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 194.Limone(Gardasee).(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 194.Limone(Gardasee).(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Das Fleimserthal wird von Predazzo aufwärts etwas enger und düsterer; in stundenweiten Entfernungen folgen die Ortschaften Forno und Moëna. Bei letzterer fängt das Thal an, den Namen Fassathal zu führen. Moëna ist wichtiger Knotenpunkt; ein Saumweg führt von hier westwärts über den Karerpaß (1758m) zu dem jetzt vielgenannten Karersee, von wo durch das Eggenthal die Straße nach Bozen hinabläuft. Ein streckenweit zur Not fahrbares Sträßchen zieht sich ostwärts durch das Pellegrinothal bis zur Grenze Italiens. Das Fassathal selber ist im Westen überragt von den turmförmigen Dolomitzacken des Rosengartens, jenes märchenhaften Gebirgsstocks, in dessen Zaubergeheg der Sage nach einst Dietrich von Bern den Zwergkönig Laurin einfing. Klettergeübte Bergwanderer mögen wohl über einen der Rosengartenpässe hinübersteigen ins Tierserthal, das nach Blumau zum Eisack hinuntersteigt. Wer im Fassathale bleibt, erwandert noch die Orte Vigo und Perra (Abb. 187). Hier erschließt sich zur Rechten das kurze Monzonithal, in dessen trümmerreichem Felsenamphitheater die Natur eine Fülle verschiedenartiger Mineralien ausgeschüttet hat: Feldspatkrystalle und Turmaline, grüne Hornblende und braune Granaten und anderes mehr. Landschaftlich überaus reizvoll ist Campitello, der letzte größere Ort im Fassathale (Abb. 186). Ein prächtiger Ort für den Bergwanderer; die interessantesten Jochsteige führen von hiernach allen Seiten. Das Fassathal wendet sich nun nach Osten. Es folgen noch die kleinen Ortschaften Gries, Canazei, Alba und Penia; dann steigen wir an den obersten Quellbächen des Avisio hinauf in das grüne Hochthal von Fedaja, wo ein schweigsamer kleiner Hochsee liegt, gerade unter dem blinkenden Eisfelde der Marmolada (3360m,Abb. 12), die als Königin der Dolomitberge unmittelbar über uns sich erhebt. Wer kniefest ist und schwindelfrei, mag wohl von dem Alpenwirtshause zu Fedaja aus die fünfstündige Wanderung antreten über den Gletscher und die Dolomitwände der Marmolada zu ihrem schneebedeckten Gipfel. Hier steht er auf einem der stolzesten Grenzpfeiler zwischen Tirol und Italien.
Abb. 195.Riva(Gardasee).(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 195.Riva(Gardasee).(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Buchenstein. Cortina. Valsugana.
Wer aus diesem obersten Quellgebiet des Avisio nach dem östlich benachbarten Thale Buchenstein oder Livinallongo will, findet den schönsten Weg vom Fedajapaß durch ein Stück Italien. Drei Stunden wandert er vom Fedajapaß durch die Schlucht von Sottoguda bis in das oberste Thal des Cordevole, eines Zuflusses der Piave. Auf italienischem Gebiete ist durch einen Bergsturz 1772 der von mächtigen Felswänden umrahmte Alleghe-See entstanden (Abb. 188). Bei dem prachtvoll gelegenen Caprile (Abb. 191) erreicht der Wanderer wieder den Boden von Tirol. Durch ein furchtbares Trümmerfeld zieht sich der Pfad am Cordevole thalaufwärts in das Gebiet der obersten Quellbäche dieses Flusses. Dieses Gebiet besteht aus zwei auseinander gabelnden Thälern, führt den deutschen Namen Buchenstein und zeichnet sich, wie alle Hochthäler in den Dolomiten, durch merkwürdige Bodengestaltung aus. In dem nordwestlichen der beiden Buchensteiner Thäler liegt als Hauptort Pieve di Livinallongo (1475m), von wo Jochsteige zum Fedajapaß, nach Gröden und in das oberste Abteithal ziehen. Im nordöstlichen Thalaste liegt die Ortschaft Andraz, höher droben noch das alte Kastell Andraz, das der Bergwanderer berührt, wenn er eine der hoch interessanten Paßhöhen überschreiten will, über die man aus dem grünen wohlangebauten Buchenstein nach dem Abteithale oder ostwärts nach Ampezzo gelangt. Es ist wohl eine der eigenartigsten Bergwanderungen, die aus Buchenstein durch den Falzaregopaß in den sonnigen Thalkessel von Cortina d’Ampezzo gemacht werden kann.
Cortina, dessen deutscher Name, Heiden, fast völlig verklungen ist, ist mit seinen 800 Einwohnern nicht bloß einer der malerischsten, sondern auch wohlhabendsten Orte Tirols (Abb.169u.189). Wir haben ihn schon von anderer Seite her, aus dem Pusterthale erreicht. Die italienische Bevölkerung, die ihren Wohlstand hauptsächlich dem Holzhandel aus dem Pusterthal nach Venedig verdankt, ist ausreichend mit deutschen Elementen durchsetzt, um es auch dem Deutschen hier behaglich werden zu lassen. Riesenhafte, kühn geformte Berge umragen das Thal: der Monte Cristallo (3199m); der Piz Popena (3143m); die Tofanaspitzen (3241m); die Sorapiß (3229m) und der Antelao (3264m), beide weithin sichtbar und sich spiegelnd im kleinen Misurina-See (Abb. 190). All’ diese mächtigen Kalkschroffen tragen kleine Gletscher; westlich von Cortina baut sich der unvergletscherte, aussichtreiche Nuvolau (2578m) empor. Die Wege, die von Cortina nach Osten und nach Süden laufen, haben wir nicht mehr zu betreten; denn sie überschreiten nach wenigen Stunden schon die Grenze Italiens.
Versetzen wir uns zurück nach Trient. Es gilt, auch in die südlichsten Thäler von Osttirol noch einen Blick zu werfen.
Von Trient aus öffnet sich nach Osten das Valsugana. Durch den Schlund, welchen sich hier der Fersinabach in die Thalwand genagt hat, zieht ein kühner Straßenbau aufwärts nach Pergine. Von hier steigt das Fersinathal noch stundenweit ins Gebirge aufwärts, bemerkenswert durch einige deutsche Gemeinden, die sich hier mitten in einer italienischen Bevölkerung erhalten haben: Bruchstücke von Völkerschaften, deren Abstammung man heute nicht mehr zu enträtseln vermag. Die Gegend um Pergine ist heiter, wohlangebaut, von Rebengärten, Nußbäumen und Kastanienwäldern geschmückt. Das Valsugana wendet sich von hier gerade nach Süden und berührt, wie all’ diese Landschaften, recht mannigfache Bildungen der Erdrinde. Südlich von Pergine liegt der reizvollste landschaftliche Schmuck des Valsugana: zwei, durch einen Hügel getrennte Seebecken, derSee von Caldonazzo und der von Levico. Ersterer wird als Quelle der Brenta angesehen. Südlich von diesem reizenden Seethal baut sich, zum Teil noch in Tirol, zum Teile schon in Italien, ein ausgedehntes bergiges Grenzgebirg empor, in welchem noch wie eine Insel fremden Volkstums, eine Anzahl von deutschen Gemeinden liegt, mit den Hauptorten Lusarn (Luserna) und Lafraun, in Höhen von 1200 bis 1300m.
Palagruppe.
Von Levico zieht das Valsugana ostwärts. Dort liegt Borgo, der Hauptort des Thales, mit 3900 Einwohnern, umgeben von malerischen Burgen. Der letzte Ort im Tiroler Valsugana ist Grigno; hier verläßt die Brenta den Boden Österreichs. Wir wenden uns, um in Tirol zu bleiben, nach Nordosten. Weiter führen uns Jochsteige in das Thal von Canale San Bovo und nach Primör (Primiero) und San Martino di Castrozza (Abb.192und193). Hier sind wir am Fuße einer der wildesten und großartigsten Gruppen des tirolisch-italienischen Grenzgebirges: der Palagruppe. In furchtbarer Steilheit ragen hier die Cima di Vezzana (3191m), der Cimone della Pala (3186m) und die Pala di San Martino (2996m) empor, auf ihren Schultern Gletscher tragend; ein riesiges Korallenriff, das wohl in den Urzeiten der Erde auf dem Boden eines längst abgeflossenen Meeres emporwuchs und durch seine abenteuerliche Gestaltung heute die Kühnheit der verwegensten Felskletterer herausfordert. Von diesen Gipfeln aus schweift der Blick nordwärts durch die Zackengefilde der Dolomite, südwärts hinunter in die grünen Ebenen Venetiens und bis zur fernen blauen Adria. Diese seltsamen trotzigen Naturbauten sind nur zu bewältigen, indem der kundige Blick der Führer all’ jene zusammenhängenden Rinnen, Kamine, Wandstufen und Geröllbänder ausfindig macht, die eine Art von labyrinthisch gewundenen Felsenleitern bilden. Auf ihnen gelangt aber nur der schwindelfreie und kniefeste Bergwanderer zu diesen Gipfeln, die erst im Laufe der letzten Jahrzehnte bekannt geworden sind.
Abb. 196.Castel Toblino.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 196.Castel Toblino.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 197.Arco.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 197.Arco.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Das letzte Gebiet in Tirol, das wir kennen zu lernen haben, ist jenes, das im Norden von der Eiswelt der Ortlergruppe, im Osten vom Etschthal, im Westen und Süden von der italienischen Grenze umgeben ist. Seine beherrschenden Gebirgsmassen sind der Südabfall der Ortlergruppe, die Presanella, die Adamello- und die Brentagruppe im Westen; die lang gestreckte Mendel im Osten. Zwischen diesen Erhebungen ziehen sich zwei große Thäler herab; eines zur Etsch, das andere in den Gardasee mündend, beide zuerst von Südwest nach Nordost, dann nach Süden absteigend. Die Bevölkerung dieser Thäler ist bis auf wenige Gemeinden italienisch, italienisch auch die ganze Landschaft.
Abb. 198.Madonna di Campiglio.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 198.Madonna di Campiglio.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Nonsberg.
Wir betreten das nördlichere dieser Thäler, das Nonsbergthal (Val di Non) bei Deutschmetz, dem südlichsten deutschen Orte an der Etsch, wo der Nonsbach (Noce) mündet. Die Straße führt durch eine romantische Schlucht, die Ronchetta, über die ein alter Römerturm hereinragt. Bald öffnet sich das Thal und zeigt einen ganz eigentümlichen Charakter, der es von den bisher kennen gelernten Thälern Tirols scharf unterscheidet. Das Thal ist sehr breit und die Thalwände steigen so allmählich an, daß sie bis hoch hinan mit wohlbebauten Fluren, mit Dörfern, Gehöften und Schlössern bedeckt sind. Durch dieses weite Gelände, das nur an seinen Rändern höher aufgerichtet ist, wälzt sich der Nonsbach in einer engen unwegsamen Schlucht herab, so daß er fast nirgends sichtbar wird. Herrschende Gesteinsart ist roter Sandstein, überragt von Dolomit. An beiden Seiten des Thales, über dem Nonsbach, laufen Straßen entlang. Der Hauptort des Thales, Cles, mit 2200 Einwohnern, liegt 25kmthaleinwärts, eine uralte Kulturstätte. In Römerzeiten stand hier ein Tempel des Saturnus, dessen Trümmer in eine christliche Kirche eingebaut wurden. Die Straße, die am Osthange des Thales führt, verzweigt sichgegenüber von Cles und steigt in nördlicher Richtung gegen die Thalumwallung empor zum Markte Fondo, von wo sie nach weiteren zwei Stunden den viel besuchten Mendelpaß erreicht. Von Fondo aus gelangt man auch zu den vereinzelt gelegenen deutschen Gemeinden des Nonsbachthales, Laurein, Proveis und anderen, schon in bedeutenden Höhen. 2kmhinter Cles wendet sich das Thal, erst nach Nordwesten, dann nach Südwesten. Diese Richtung behält es bei. Es verliert auch den Namen Nonsbachthal oder Nonsberg und heißt nun thalaufwärts Sulzberg (Val di Sole). Hier erhält es zugleich anderen Landschaftscharakter. Der Thalgrund wird schmäler, die Thalwände zeigen sich dunkel bewaldet, die Ortschaften sind spärlicher. Große Seitenthäler ziehen nach Norden und Nordwesten hinauf. Vier Wegstunden hinter Cles liegt der Hauptort des Sulzberg, Malé, am unteren Ausgange des großen Seitenthales von Rabbi, wo in einer Höhe von 1220mdas berühmteste Bad von Tirol, Rabbi, mit seinen kohlensäurehaltigen Brunnen liegt. Bis Rabbi führt eine Poststraße, weiter nur noch Jochsteige.
Abb. 199.Pinzolo.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 199.Pinzolo.(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Eine Stunde aufwärts von Malé liegt Dimaro, von wo eine einsame Waldstraße südlich nach Campiglio führt. Von Dimaro aus beginnt das Sulzbachthal ernste, finstere Hochgebirgslandschaft zu werden. Das Gestein wird ein anderes; im Südwesten erheben sich die Granitmassen der Presanella; die Thalwände selbst sind Glimmerschiefer und Thonschiefer. Die zu den Gletschern der Presanella nach Süden hinaufziehenden Waldschluchten sind überaus einsam und düster. Bei Cusiano spaltet sich das Thal. Nach Nordwesten zieht nun ein Thalast empor, aus welchem der Nonsbach hervorströmt; es ist das Thal von Pejo, das mit seinen Ausläufern in die Eiswüsten der Ortlergruppe hinaufsteigt. Nach Südwesten aber, durch das Vermigliothal, führt die Jochstraße aufwärts, im Angesichte der Presanellagletscher bis zur einsamen Höhe des Tonalepasses (1884m), an die Grenze der Lomdardei.
Sulzberg. Riva. Arco.
Zwei hohe, vergletscherte Gebirgsmassen, die Presanella und die Brentagruppe, scheiden die Thäler Sulzberg und Nonsberg von einer südlicher gelegenen Landschaft, welche unter dem Namen Judicarien (Giudicaria) bekannt ist. Wir wollen auch dieses Gebiet kennen lernen, indem wir von seinen tiefst gelegenen Teilen, die zugleich Landesgrenze zwischen Tirol und Italien sind, hinaufsteigen zu den höheren, dem Laufe seiner Wasser entgegen.
Diese Wasser aber sind die der Sarca; und wo dieselbe auf österreichischem Gebiete endet, wirft sie sich rauschend und froh in den himmlischen blauen Spiegel des Gardasees.
In einer Länge von 55kmerstreckt sich dieses entzückende Gewässer aus der Ebene Oberitaliens bis nach Tirol (Abb.194und195). Aber nur seine Nordspitze gehört noch zu Tirol; an ihr liegen noch die kleinen Hafenorte Riva und Torbole. Riva, mit 5000 Einwohnern, ist der bedeutendere. Hier hört man noch die österreichischen Offiziere, die Hotelwirte, auch einzelne Geschäftsleute deutsch reden; im benachbarten Torbole vernimmt man nur mehr italienische Laute. Und die Landschaft hat ein so südliches Gesicht, wie irgendwo an der Riviera. Die Seeufer fallen steil zur Tiefe ab; an ihnen spielt das wundersame blaue Wasser um große Felstrümmer. Mächtige Wellen schlägt der See hier, wenn ihn der Südwind seiner ganzen Länge nach aufwühlt. Hohe Kalkberge steigen an den Ufern empor; im Osten der lang von Nord nach Süd gestreckte Monte Baldo (2200m); im Westen die Berggruppen, die unter dem Namen Trienter Alpen zusammengefaßt werden. Den schattigen deutschen Wald vermißt man an diesen Ufern; die Berge sind klippiger grauer Kalk, zwischen dessen Gräten und Wänden sich grüne Flächen von Rasen und niedrigem Gestrüpp hinanziehen. Auch die Thaltiefen sind schattenlos; an den staubigen Straßen stehen dünne Maulbeerbäume; an den untersten Berghängen kann man durch melancholische Ölbaumhaine wandern. Ab und zu belebt ein schwerfälliges schwarzes Frachtschiff, ein kleines Fischerboot oder ein Dampfer die Seefläche.
Durch eine stundenlange, fruchtbare Thalebene führt die Straße von Riva nach Arco (Abb. 197). Dieses Städtchen, mit 2400 Einwohnern, ist durch seine außerordentlich geschützte Lage und sein herrliches Klima zum weltberühmten Winterkurort geworden. Ueber dem Orte ragt auf steilemFels die alte Burg Arco. Hinter Arco verengt sich das Thal der Sarca zwar, bleibt aber an seiner Sohle ein üppiger blühender Garten. Es führt hier den Namen Seethal und zieht als solches in nördlicher Richtung bis Alle Sarche, 20kmvom Gardasee. Hierher führt auch eine Straße von Trient, am reizenden Tobliner See (Abb. 196) vorüber, der unmittelbar bei Alle Sarche liegt und das alte Kastell Toblino umschließt. Im Angesichte von See und Burg windet sich die nach Judicarien führende Straße an der Thalwand empor; das Thal wendet sich nun westlich, wo die Sarca durch enge Schluchten herabschäumt. Bei Villa di Banale biegt sich das Sarcathal nach Südwesten, während zugleich gegen Nordosten ein Thalspalt sich aufthut, in dem eines der prächtigsten Kleinode der Südtiroler Landschaft verborgen liegt: der Lago di Molveno, über dessen blauem Spiegel die eisigen Zinnen der Cima di Brenta und Cima Tosa sich auftürmen.