Handel an Bord.

»Hoch vor allenGaben des HimmlischenSei mir gepriesenDu, der SeeleLebendes Wasser,GliederlösenderHeiliger Schlaf.– – – – – – –– – – – – – –Ein heilig BadBist Du, o Schlummer,Würziger Kraft voll.Mut und ErneuungAtmet die Psyche,Wenn Deine WogeSanft die bewußtlosSchwimmende trägtVon Leben zu Leben,Von Strand zu Strand.«

»Hoch vor allenGaben des HimmlischenSei mir gepriesenDu, der SeeleLebendes Wasser,GliederlösenderHeiliger Schlaf.– – – – – – –– – – – – – –Ein heilig BadBist Du, o Schlummer,Würziger Kraft voll.Mut und ErneuungAtmet die Psyche,Wenn Deine WogeSanft die bewußtlosSchwimmende trägtVon Leben zu Leben,Von Strand zu Strand.«

»Hoch vor allen

Gaben des Himmlischen

Sei mir gepriesen

Du, der Seele

Lebendes Wasser,

Gliederlösender

Heiliger Schlaf.

– – – – – – –

– – – – – – –

Ein heilig Bad

Bist Du, o Schlummer,

Würziger Kraft voll.

Mut und Erneuung

Atmet die Psyche,

Wenn Deine Woge

Sanft die bewußtlos

Schwimmende trägt

Von Leben zu Leben,

Von Strand zu Strand.«

So priesen wir mit Geibel den süßen erquickenden Schlaf. Er hauptsächlich verscheucht die furchtbare Langeweile während der öden, eintönigen Wasserfahrt, sei es, daß er den Schläfer in die Heimat zu seinen Lieben entführt, sei es, daß er vor ihm in den prächtigsten Farben Zukunftsbilder von dem Lande entrollt, wohin er fährt, die aber leider von ebenso kurzer Dauer sind, wie sie der rauhen Wirklichkeit wenig entsprechen. Aber auch andere Bilder ziehenvor dem Geiste des Träumers vorbei, und nur das Rasseln der Schrauben und das Plätschern der Wellen erinnern ihn von Zeit zu Zeit an die Wirklichkeit, an das rastlose Vorwärtsstreben des Dampfers.

Jedesmal, wenn das Schiff in einen Hafen einläuft, wird es von den Landbewohnern besucht, die, mit den verschiedensten Produkten ihres Landes reichlich beladen, auf das Deck kommen, um mit den Insassen Handel zu treiben. Manchmal ist die Zahl dieser Geschäftsleute so ungeheuer und das Gedränge an Bord so groß, daß man sich kaum frei bewegen kann. Sie verursachen auch gelegentlich so großen Lärm, daß man nicht imstande ist, sein eigenes Wort zu verstehen. Hierbei kann man jedoch die verschiedensten Charaktere der Völker sehr gut kennen lernen und auch die Art und Weise studieren, wie sie ihre Waren feilbieten.

Ausladen der Fracht in einem Hafen.Ausladen der Fracht in einem Hafen.

Ausladen der Fracht in einem Hafen.

In Hongkong und Shanghai kommen die Chinesen. Gestickte Seide, Tusche, Pinsel, Geldstücke, meistenteils alte Kupfermünzen, Schnitzereien aus Ebenholz und Elfenbein, goldene und silberne Ringe, Knöpfe, Nadeln, Gürtelschlösser u. s. w. sind ihre Spezialitäten. In Penang bringen ebenfalls die Chinesen Schmuckgegenstände und insbesondere wunderhübsche Kunstkistchen in verschiedenen Größen, aus schönem Holz verfertigt, zum Verkauf. In Colombo erscheinen die braunen Eingeborenen mit den verschiedensten Sachen aus Elfenbein, mit allerlei Arten von Edelsteinen wieRubinen, Saphiren, Topasen u. s. w., worunter natürlich auch viele falsche sind, die aber die Verkäufer mit ernster Miene als echte Edelsteine anpreisen. Auch Bergkristalle und Granaten, metallene Gegenstände, ferner Gewürz, Tee, Kaffeebohnen, alle möglichen Früchte, eigentümliche Waffen aus langen scharfen Knochen von Tieren und Fischen u. s. w. werden hier angepriesen. In Port Said werden besonders Brokat, goldgestickte Teppiche und Tischdecken in herrlichster Ausführung, Korallen, kurze Uhrketten aus Metall mit Geldstücken, Straußenfedern, Straußeneierschalen, buntgeflochtene Körbe und anderes angeboten;ferner gute und sehr billige Cigaretten, aber man darf leider nicht zu viel davon kaufen, denn wenn man nach Italien kommt, werden sie verzollt und der Zoll beträgt ungefähr das Doppelte von dem, was man dafür bezahlt hat. In Neapel kann man außer verschiedenen feinen Schmuckgegenständen geschnitzte Figuren, Knöpfe, Gemmen u. s. w. aus Lava und Marmor als Spezialitäten erwerben. Erwähnen möchte ich noch, daß an jedem Orte Photographien und Ansichtspostkarten zu haben sind. Die Verkäufer sind fast überall zudringliche, mitunter unsaubere Leute, so daß sie Jedem Abscheu einflößen und man froh ist, wenn sie das Schiff verlassen haben. In einzelnen Häfen kommt man diesen Händlern sogar mit größtem Mißtrauen entgegen, da sie als unehrliche Leute bekannt sind, und vorsichtshalber werden sämtliche Behälter und Türen verschlossen. In Port Said z. B. wurde mit ihnen sehr derb verfahren. Hier erwarteten die Matrosen, an der Schiffstreppe mit Knütteln Posten stehend, die Ankömmlinge und ließen niemanden herauf. Aber obwohl es Hiebe hagelte, wichen diese Kerle nicht von dannen und schließlich gelang es doch einigen von ihnen, hindurchzuschlüpfen oder die Matrosen mit Geld oder Waren zu bestechen. Gerade in Port Said, wo die Kaufleute den verschiedensten Völkern angehören, wie Indern, Arabern, Italienern u. a. m., widert einen die Gesellschaft besonders an, so daß man mit Ekel die angebotenen Sachen zurückstößt. Zudem sprechen diese Händler eine eigentümliche, man könnte sagen,eigene Weltsprache, d. h. ein Gemisch von allen Sprachen, Englisch, Italienisch, Französisch, Deutsch, Arabisch u. s. w., von jeder Sprache etwas. Im allgemeinen wird sonst Englisch gesprochen, oder richtiger gesagt, geschrien. Doch geht der Handel mitunter auch sprachlos mittelst Gestikulationen, Achselzucken u. s. w. gut von statten. Wie unehrlich dieses Gesindel ist, mußte einer von uns bei folgender Gelegenheit erkennen: derselbe kaufte eine Photographie und bezahlte mit einem Goldstück, worauf der Verkäufer herausgeben sollte; aber kaum hatte dieser das Goldstück in der Hand, so verschwand er in der großen Menge und kam nicht wieder zum Vorschein. Aber auch, wenn diese Kerle herausgeben, muß man vorsichtig sein und aufpassen, da sie nicht selten falsches Geld bei sich führen. Auch Wechsler erscheinen mit großen Beuteln voll Gold und Silbermünzen an Bord. Diese erhalten zwar wegen der hohen Prozente, die sie für sich beanspruchen, wenig Aufträge, verdienen aber doch immerhin ganz beträchtlich, da man in den verschiedenen Gewässern mit verschiedenen Geldsorten zahlen muß. Auch Schneider erscheinen mit Kleidungsstücken, die sie verhältnismäßig billig ablassen. Sie kaufen auch von den Passagieren und Mannschaften alte Kleider, Wäsche u. s. w. Im allgemeinen sind die Preise der an Bord feilgebotenen Gegenstände außerordentlich hoch; man muß deshalb sehr handeln und kann gewiß sein, das betreffende Stück schon für die Hälfte des geforderten Preises zu erhalten. Die meistenSachen sind auch minderwertig. Die Verkäufer preisen sie jedoch ungeheuer an und wissen stets einige davon los zu werden. Natürlich kaufen die Passagiere in vielen Fällen für teures Geld Sachen, die keinen Pfennig wert sind – ich, der ich imitierte gefärbte Glaskugeln für echte Korallen hielt und kaufte, gehörte auch leider zu diesen – aber man befindet sich einmal auf der Reise und da macht es doch Vergnügen, etwas mitzubringen oder seinen Lieben aus der Ferne Kleinigkeiten zu senden, auch wenn man diese Freude teuer bezahlen muß.

In Singapore, Port Said und Colombo kommen auch viele kleine Eingeborene, Knaben, unbekleidet, fast wie Affen aussehend, mit ihren Kähnen zum Schiff heran. In Colombo haben dieselben aus Baumstämmen ausgehöhlte, langgestreckte Fahrzeuge, welche sie geschickt bewegen. Natürlich treiben diese Kinder keinen Handel mit den Schiffsinsassen, machen aber ebenso wie die andern Kaufleute gute Geschäfte. Sobald sie die Passagiere am Schiffsgeländer erblicken, schreien sie mit krächzender Stimme oder zeigen mit der Hand, daß man Geldstücke ins Wasser werfen möchte, wonach sie mit unglaublicher Geschicklichkeit hinabtauchen. Einzelne von ihnen, die besonders gewandt sind, verdienen hierdurch viel Geld. Da sie unbekleidet sind, infolgedessen keine Taschen haben, stecken sie die aufgefischten Geldstücke in den Mund. – In Neapel sahen wir gleichfalls derartige Taucher, doch waren es hier erwachsene Männer in hellen Badeanzügen, ganz feinaussehend. In dieser Verschiedenartigkeit prägte sich recht deutlich der Gegensatz zwischen den Naturvölkern und der zivilisierten Welt aus.

Auf unserer Fahrt fand für die erste und zweite Klasse je ein großes Tanzvergnügen statt. Hierzu wurde das Promenadendeck mit farbigen Tüchern und Fahnen schön ausgeschmückt und abgegrenzt. Viele farbige elektrische Lampen wurden angezündet, so daß man glauben konnte, sich nicht auf einem Schiffe, sondern in einem festlich geschmückten Saale zu befinden. Sämtliche Herren und Damen erschienen festlich gekleidet: die Damen fast ohne Ausnahme in heller Toilette, die Herren in schwarzen Gesellschaftsanzügen oder in hellen Sommerkostümen. Nach dem Abendessen nahm die Schiffskapelle ihre Plätze ein und begann zu spielen. Als Einleitung kam ein Promenadenstück, dann folgten die verschiedenen Tänze wie Walzer, Polka, Rheinländer, Quadrille und wie sie alle heißen, welche bis tief in die Nacht hinein getanzt wurden. Wir Japaner waren auch dazu eingeladen und sahen diesem Treiben mit Vergnügen zu, wenn wir denselben auch kein allzugroßes Interesse entgegenbrachten. Die elastischen Gestalten drehten sich, einander mit dem Arm umschlingend, oder bewegten sich nach dem Kommando eines Herrn von einer Seite zur andern durcheinander. Bald glichen sie Schmetterlingen, die paarweis von Blume zu Blume flattern, bald sich drehendenKreiseln. Wie ich hörte, sollen alle diese Tänze fast über ganz Europa verbreitet sein, doch soll fast ein jedes Land außerdem noch eigene Nationaltänze haben. Überhaupt wird in Europa das Tanzen sehr gepflegt und schon in frühester Jugend erlernen Knaben und Mädchen diese Kunst entweder im geselligen Zusammensein der einzelnen Familien oder bei einem Tanzlehrer, welchem selbst Schulen, besonders Mädchenschulen sehr entgegenkommen, so daß sie ihm mitunter für seine Tanzstunden die Turnhalle überlassen. So wird in Europa fast jede Gelegenheit ausgenutzt, um ein Tanzvergnügen zu veranstalten, ungerechnet jene, die in vielen öffentlichen Lokalen stattfinden. Ein guter Tänzer wird in Europa sehr gern gesehen und eingeladen; er kommt dadurch leichter in die Gesellschaft hinein und erhält einen großen Bekanntenkreis, der ihm in mancher Beziehung von Nutzen ist.

Im Zusammenhang mit Obigem erzählte mir ein Deutscher, daß in größeren Städten große, prachtvoll ausgestattete Säle seien, wo täglich getanzt wird, die sogenannten öffentlichen Tanzhallen. Hier jedoch seien fast nur Mädchen zu finden, die keinen guten Lebenswandel führen und leichtlebige Herren, die auf nicht gerade anständige Art ihr Geld verprassen. Die besseren Tanzvergnügungen, d. h. diejenigen, die von Familien, Vereinen oder aus einem bestimmten Anlaß für engere Kreise veranstaltet werden, haben jedoch – wenn man so sagen darf – einen Vorteil, und das sind die vielen Ehen, die durch diese gestiftetwerden, insofern sie es ermöglichen, daß die jungen Leute sich kennen lernen. Ich weiß nicht, ob die Eheschließung dem Tanzen wirklich so viel zu verdanken hat, auf jeden Fall ist es aber klar, daß der Mensch dadurch aufgeheitert und angeregt wird, daß bei manchem ein wirkliches Bedürfnis befriedigt und ihm nach anstrengender Arbeit eine wohltuende Erfrischung gewährt wird. Gegen diese Lichtseiten hat der Tanz natürlich auch seine Schattenseiten, nämlich die, daß gerade dadurch viele Menschen, Männer wie Frauen, leichtsinnig werden, die Arbeit im Stich lassen, nur dem Vergnügen huldigen, wie denn auch wohl manche moralische Untugenden und Laster hier ihre Brutstätte haben.

Auf dem Schiffe bemerkte ich, daß sogar ältere Leute, besonders Engländer, viel und gern tanzten, ein Beweis, wie rüstig und gelenkig man sich selbst bis ins hohe Alter hinein erhalten kann. Auch bei uns in Japan haben wir bereits vor mehreren Jahren versucht, europäische Tänze einzuführen, aber da dieselben unserem Geschmack nicht entsprachen, so werden sie jetzt nur wenig getanzt. Einzelne Kreise haben seiner Zeit sogar einen Maskenball nach europäischem Muster veranstaltet, jedoch ist es auch hier bei diesem einen Versuch geblieben. Der Hauptgrund, daß wir uns an diese Tänze nicht gewöhnen können, liegt wohl in der Verschiedenheit unserer Kleidung, Wohnung und vor allen Dingen unserer althergebrachten Musik, welche zum Tanze ungeeignet ist.

Im Zusammenhang hierzu möchte ich einiges über die

mitteilen. Auf dem Schiffe wird an jedem Tage mehrere Male konzertiert, regelmäßig morgens und abends. Die Kapelle besteht aus Stewards, die ihre Sache vortrefflich verstehen und sehr gut spielen. Nachdem sie beim Essen aufgewartet und ihre Kellnerpflichten erfüllt haben, begeben sie sich auf das Verdeck und beginnen hier ihr Konzert, welches gewöhnlich mehrere Stücke umfaßt, jedoch werden vorwiegend lustige Sachen gespielt. Ich hatte geglaubt, daß die Kapelle nur aus Berufsmusikern bestände, habe mich jedoch davon überzeugt, daß diese nur von den Stewards gebildet wurde undkonnte mir danach wohl vorstellen, wie weit verbreitet und wie hochentwickelt die Musik in Europa sein mag. In Europa scheint fast jeder Musiktreibender zu sein und besonders in Deutschland, wo die meisten ohne Unterschied des Geschlechtes mindestens ein Musikinstrument gut spielen sollen. Bei uns befassen sich fast nur Frauen mit Musik, während Männer bloß unter den Berufsmusikern zu finden sind. Außerdem fehlt unsern althergebrachten Instrumenten meistenteils die Harmonie; sie klingen teils melancholisch, teils eintönig. Auch sind sie wegen ihrer leisen Töne nur in einem kleinen Zimmer zu hören, in einem großen Raum oder im Freien würden sie einfach verhallen. Daß nach dem oben Gesagten unsere althergebrachte Musik nicht zum Tanze geeignet ist, versteht sich von selbst.

Musik an Bord.Musik an Bord.

Musik an Bord.

In der Tat ist es eine Lücke in der Kultur unseres Landes, daß man bisher auf das ästhetisch so bedeutsame Mittel der Musik keine besondere Sorgfalt verwendet hat. Es werden jedoch jetzt in den Schulen Gesangstunden abgehalten; in der Musikschule, in welcher ein deutscher Kapellmeister angestellt ist, werden alle europäischen Musikinstrumente gelehrt; die Militär- und Marinekapellen sind ganz nach europäischem Muster eingerichtet, auch gibt es eine Hofkapelle und mehrere Privatkapellen, die echt europäische Musik vortragen. Aber da die Musik ebenso wie die Malerei, ja wie jede Kunst, mit dem Charakter des Volkes aufs innigste zusammenhängt, so werden noch Jahre vergehen, bevor sich diese Musik in ihrermodernen Technik in unserm Heimatlande eingebürgert haben wird. Von einem jungaufblühenden Lande kann man ja nicht verlangen, daß es mit einem Schlage in allen Dingen gleich die höchste Stufe erreicht; man muß ihm vielmehr Zeit lassen und allmählich wird unser Volk sicher auch diese ihm bisher noch fehlenden Talente zur Entwickelung bringen, um dann auch hier einen ehrenvollen Platz einzunehmen. In materiellen Dingen kann man ja schnell Riesenschritte machen, aber in Kunst und Wissenschaft, die dem Volke in Fleisch und Blut übergehen sollen, da muß man sich schon in Geduld fassen; doch die Zukunft wird auch hierin Wandel schaffen, ja vielleicht Wunder vollbringen.

deren Reinertrag für verunglückte Angestellte des >Norddeutschen Lloyd< oder deren Witwen und Waisen verwendet werden sollen, werden auf jeder Fahrt einmal arrangiert und daran beteiligen sich sämtliche Passagiere. Für das unsrige war ein vielseitiges Programm aufgestellt, von dem ich hier einige Nummern anführen möchte. Eingeleitet wurde das Fest durch Ansprache des Kapitäns und des für dieses Fest gebildeten Komitees, worin besonders der Zweck betont und schon im Voraus der Dank für die Mildtätigkeit der Teilnehmer und Spender ausgesprochen wurde. Hierauf folgten die heiteren Vorträge: ein Herr spielte vorzüglich Klavier, eine Dame trug einige Stücke auf der Zither vor, von mehrerenPassagieren wurden verschiedene kleine Possen aufgeführt, eine junge Dame erfreute die Zuhörer durch den Gesang einiger schöner Lieder u. s. w. Hervorzuheben war die Leistung eines amerikanischen Offiziers, der als Dame verkleidet und schön geschminkt, die drolligsten Sachen vortrug und bei sämtlichen Zuhörern wahre Lachsalven erweckte. Hierauf wurden von mehreren Damen die Gaben eingesammelt und jeder gab soviel er geben konnte. Wie man uns beim Schluß des Festes mitteilte, war eine ziemlich bedeutende Summe zusammengekommen.

Welch' ein bedeutender Unterschied liegt in den Gefühlen, mit welchen man die Hinreise macht und denen, die die Rückreise erweckt, und doch wohnen diese beiden Gegensätze auf einem und demselben Schiffe friedlich nebeneinander. Ein eifriger Beobachter könnte hier die schönsten Studien machen. Um bei uns, die wir uns auf der Fahrt von der Heimat befanden, anzufangen, so fühlten wir mit jedem Tage die Entfernung, welche uns von unsern Lieben trennte, größer werden. In den ersten Nächten blieb uns erquickender Schlummer fern. Denn ein eigentümliches Gefühl, gemischt aus der freudigen Aussicht, viel Schönes zu sehen und zu lernen, und aus dem Unbehagen, das Vaterland und die Seinigen so lange zu verlassen, hielt uns wach. Ja, es war, als ob eine Leere im Herzen entstünde, und in gleichem Maße, wie die Entfernung wuchs, glaubteman von Tag zu Tag ein Fortschreiten dieser Empfindung wahrzunehmen. Es ist uns dabei zu Mute, als ob jemand hinter unserem Rücken stände und uns fortwährend nach hinten zöge.

Wie anders dagegen ist das Gefühl derjenigen, die sich auf der Rückreise befinden. Mit jedem Tage nähert man sich mehr und mehr der heimatlichen Küste und man kann wohl sagen, mit jeder Meile wächst die Freude und die Sehnsucht, die Lieben wieder vor sich zu haben, sie sprechen zu hören und sie in die Arme schließen zu können. Schon auf dem Schiff erzählten die auf der Rückreise Befindlichen gern und viel von der Heimat und man fühlt hier so recht die Wahrheit des Wortes: »Weß das Herz voll ist, deß läuft der Mund über,« während die Dahinfahrenden – besonders in den ersten Tagen – meist stumm und nachdenklich den Kopf hängen lassen oder, die Hände aufs Schiffsgeländer gestützt, in das weite Meer hinausstarren. Man könnte diese beiden Arten, die ich eben geschildert habe, als die normalen bezeichnen, denn ein jeder, welcher eine Heimat besitzt, wird beim Abschied Schmerz, beim Wiedersehen Freude empfinden.

Nun gibt es aber noch Menschen, die sozusagen keine Heimat haben, d. h. die nach einem neuen Ziele streben und die Brücke hinter sich vollständig abgebrochen haben, oder solche, die aus reiner Reiselust von einem Weltteil zum andern fahren, bald hier, bald dort ihr Heim aufschlagen und überall zu Hause sind. Die Gefühle dieser Menschen sind selbstverständlichandere, oder vielleicht könnte man von ihnen sagen, sie fühlen überhaupt nichts Besonderes, da sie ja nichts zu verlieren und nichts zu gewinnen haben.

Staatskabine des »König Albert«.Staatskabine des »König Albert«.

Staatskabine des »König Albert«.

Wie schon mehrfach erwähnt, hatten wir uns auf dem deutschen Reichspostdampfer »König Albert«, dem >Norddeutschen Lloyd< gehörig, eingeschifft, und da uns dieser Dampfer bei der Überfahrt so gute Dienste geleistet hat, so fühle ich mich verpflichtet, über ihn zu schreiben und ihn meinen Landsleuten, die nach mir die Fahrt nach Deutschland unternehmen werden, zu empfehlen. Der Dampfer ist ca. 150 m lang und 20 m breit und ist der größte Dampfer des>Norddeutschen Lloyd<, welcher von Japan nach Deutschland verkehrt. Er kann außer einer ungeheuren Ladung noch etwa 2400 Passagiere (davon 2000 dritter Klasse) beherbergen. Auf unserer Fahrt wurden an Kajütenpassagieren erster und zweiter Klasse aufgenommen 54 Personen in Japan, 40 Personen in Shanghai, 40 in Hongkong, 45 in Singapore, 13 in Penang und 15 in Colombo. Wie viele Passagiere sich außerdem noch in der dritten Klasse befanden, ist mir nicht bekannt. Auch eine ziemlich bedeutende Schiffsbesatzung – ungefähr 200 Köpfe – war an Bord.

Promenadendeck des »König Albert«.Promenadendeck des »König Albert«.

Promenadendeck des »König Albert«.

Auf dem Dampfer unterscheidet man das Hauptdeck, über diesem das Oberdeck, hierüber das untere,dann das obere Promenadendeck und ganz oben das kleine Sonnendeck. Vorzüglich eingerichtet und wahrhaft künstlerisch ausgestattet ist der Speisesaal, welcher auf dem unteren Promenadendeck liegt; ferner das sehr große Musikzimmer, beide für Passagiere erster Klasse. Aber auch Speisesaal und Damenzimmer für die Passagiere zweiter Klasse, welche sich auf dem Oberdeck befinden, sind äußerst geräumig und schön eingerichtet. Für die Passagiere erster sowohl wie zweiter Klasse ist je ein Rauchsalon vorhanden. Sämtliche Räume werden mittels unzähliger elektrischer Glühlampen erleuchtet. Einer besonders luxuriösen Ausstattung erfreut sich die Staatskabine, die ihrerseits wieder aus Wohn-, Schlaf- und Badezimmerbesteht. Aber auch die Kajüten erster und zweiter Klasse sind gut und praktisch eingerichtet und man kann in ihnen die lange Überfahrt, auch wenn sie sechs Wochen oder noch länger dauert, bequem überstehen. Wir haben uns darin jedenfalls sehr wohl gefühlt und ich glaube dasselbe von jedem andern Passagier annehmen zu dürfen. Auch die Verpflegung auf dem Schiff ist – wie ich schon einmal erwähnt habe – geradezu ausgezeichnet, ich will nicht verfehlen, auch an dieser Stelle meiner Zufriedenheit Ausdruck zu geben. Es ist dies ja nur eine Bestätigung dessen, was man öfters sagen hört, daß der >Norddeutsche Lloyd< und die >Hamburg-Amerika-Linie<, diese beiden größten deutschen Schiffsgesellschaften, alles aufbieten, um die schnellsten und größten, zugleich aber auch die bequemsten und mit den neuesten Sicherheitsmaßregeln versehenen Schiffe in Dienst zu stellen. Hoffen wir, daß es ihnen noch lange gelingen wird, in diesem edlen Wettstreit an der Spitze zu bleiben, denn davon würden wir als Passagiere den größten Vorteil haben; das Reisen würde immer sicherer und angenehmer werden.

Damensalon des »König Albert«.Damensalon des »König Albert«.

Damensalon des »König Albert«.

Wie uns auf unserer Fahrt viel Interessantes und Erfreuliches passiert ist, so hat es uns aber auch am Gegenteil nicht gefehlt.

Bei einer langen Fahrt, die anderthalb Monate dauert, und bei der großen Menge von Fahrgästen, die sich auf unserm Schiff befand, kann es nicht vermiedenwerden, daß manch' unangenehme Ereignisse vorkommen. So erzählte man mir, daß fast jede Fahrt Unglücksfälle, ja sogar nicht selten Todesfälle aufzuweisen hat. Leider traten diese beiden bei unserer Fahrt in verstärktem Maße vor, denn sie fingen bereits nach einer Fahrt von acht Tagen an. Zuerst überraschte uns der bereits erwähnte Todesfall eines Passagiers, eines Engländers, der mit seiner Familie von Japan nach Hause reiste. Der Verstorbene soll lungenleidend gewesen sein und hatte wohl von der Seefahrt Stärkung und Besserung seiner Krankheit erwartet. Aber der Mensch denkt und Gott lenkt! Der Leichnam des Verstorbenen wurde in Hongkong beigesetzt. In wie großer Trauer seine Hinterlassenen zurückblieben, läßt sich denken.

Bei der betreffenden Stelle meines Reiseberichts habe ich schon erwähnt, wie unerwartet und erschreckend mich die Nachricht getroffen hatte, daß in Hongkong mein Freund und früherer Schüler Dr. Okoshi, den ich dort aufsuchen wollte, verstorben war, und daß einen Tag vorher sein Leichenbegängnis stattgefunden hatte.

Im Indischen Ozean hörten wir plötzlich, daß ein Matrose verschwunden sei. Es wurde überall nach ihm gesucht, aber vergebens; er konnte nicht aufgefunden werden. Da entdeckte man nach etwa vier Tagen seine Leiche im Kohlenlager auf dem Boden des Schiffes. Man nahm an, daß er entweder von der ungeheuren Höhe herabgestürzt oder daß er durch Kohlengase erstickt sei. Der Leichnam wurdenach Seemannsart in das Meer gesenkt. Wohin man einen Leichnam zur Ruhe bestattet – ob in die dunkle Erde oder in das tiefe Meer – scheint ziemlich gleich zu sein, und doch ist es ein unheimliches Gefühl, wenn man sieht, wie in stiller Nacht beim Mondschein der Überrest eines unserer Mitmenschen in die Tiefe der unendlichen weiten See versenkt wird. Die Erde hat den Menschen geboren und es ist naturgemäß, daß er wieder in die Erde hineingesenkt wird. Heißt es doch: »Von Erde bist Du geworden, zur Erde sollst Du wieder werden!« Nur in der Erde findet man die rechte Ruhe, nur auf der Erde kann man einen Grabhügel errichten, mit Denkmal und Blumen zieren, nur vor dem Grabhügel haben die Hinterbliebenen das Gefühl, dem Toten immer noch nahe zu sein. In dem ewig bewegten Meere, in dem wild stürmenden Element scheint uns ein sanftes Ruhen nicht möglich. Doch des Seemanns Los ist es, daß er fern von der Heimat in der Tiefe der See sein Grab findet, wo kein Hügel, kein Stein später an ihn erinnert. Aber trotzdem wünscht sich jeder Seemann gerade den Tod auf der See und dort sein Begräbnis.

In Aden mußte ich erfahren, daß mein Kollege, Prof. Tachibana, welcher mich in Deutschland erwarten sollte, von einer schweren Krankheit befallen, seine Rückreise nach Japan angetreten habe. Ich wollte diesen Herrn auf seinem Posten in Deutschland ablösen und hatte geglaubt, ihn in voller Gesundheit anzutreffen. In meiner auf dem Schiffe verfaßtenReisebeschreibung hatte ich der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß mein Kollege, wenn auch nicht ganz gesund, so doch gestärkt und gekräftigt sein Heimatland wieder erreichen und seine Lieben umarmen möge. Aber als ich in Berlin ankam, erhielt ich die tief erschütternde Nachricht, daß er unterwegs auf dem Schiffe dahingeschieden sei – eine Kunde, die mich in große Trauer versetzte. Aus den Briefen meiner Freunde, die ich zu gleicher Zeit aus meiner Heimat erhielt, ersah ich, daß mein Kollege noch das japanische Meer erreicht und noch vor seinem letzten Atemzuge am Horizont die blauen Gipfel seines teuren Vaterlandes emportauchen gesehen hat. In stiller Wehmut soll er die Heimat mit seinen Blicken verschlungen haben, als wollte er sie tief in sein Herz versenken. Mit den Worten, daß es ihm doch noch vergönnt gewesen, die heimatlichen Berge zu schauen, soll er verschieden sein. Würde er nur noch wenige Stunden gelebt haben, so hätte er noch den Heimatboden betreten und seine Familie begrüßen können. Allein, wie der deutsche Dichter sagt: »Mit des Geschickes Mächten ist kein ew'ger Bund zu flechten,« das Unglück kommt unerwartet und »rasch tritt der Tod den Menschen an.«

Die Frau und Kinder des Heimgegangenen, die ihn an der Landungsbrücke mit Sehnsucht erwarteten, um ihn nach langer Abwesenheit in ihrer Mitte zu bewillkommnen, konnten nur noch seine leblose Hülle umarmen. Diese herzzerreißende, qualvolle Szene, welche sich entwickelte, soll unbeschreiblich gewesensein. Mein Freund, der mich hiervon benachrichtigte, schrieb mir, daß ihn selbst der Anblick dieser Trauer so ergriffen habe, daß er mir, statt einer eingehenden Beschreibung, nur noch Tränen hätte senden können. Dieses läßt sich aber auch leicht denken! Ein trostloseres und erschütternderes Bild kann man sich schwer vorstellen. Auch ich kann nicht schildern, wie sehr mein Gemüt bei der Nachricht vom Tode meines Kollegen in Mitleidenschaft gezogen wurde. Als ich meine diesbezüglichen Aufzeichnungen in meinem Tagebuch niederschrieb, war jede Silbe eine Träne!

So hat das unerbittliche Schicksal dafür gesorgt, daß mir auf meiner Reise auch das Traurige nicht erspart geblieben ist.

Daß England die größte Seemacht ist und große Kolonien besitzt, ist allgemein bekannt. Wenn man aber eine Weltreise macht, so kann man sich davon überzeugen, daß die englischen Besitzungen tatsächlich über die ganze Erde zerstreut liegen.

Der größte Teil meiner langen Fahrt ging auch an der Küste der englischen Kolonien entlang. Die ganze Strecke, von Hongkong aus längs der indischen Küste, also Singapore, Penang, Colombo, Aden bis in das Mittelländische Meer, gehört den Engländern und so beherrschen sie den ganzen Ozean. Wie die Engländer zu allen diesen Besitzungen gekommen sind, ist zu bekannt, als daß es hier wiederholt zu werden brauchte. Ebenso braucht nicht erzählt zuwerden, welch' große Reichtümer England aus all seinen Kolonien zieht.

Sehe ich aber mit meinen eigenen Augen die Völkerschaften längs der ganzen Küste, so kann ich nicht umhin, an ihren früheren Zustand zurückzudenken, an die Zeiten, in welchen diese Nationen noch ihre Freiheit und Selbständigkeit besaßen. Jetzt liegen sie da, von der gewaltigen Macht niedergedrückt und zerquetscht, so daß sie nur noch als Tributpflichtige dem Gewaltherrscher zu Füßen liegen. Nicht selten findet man jedoch unter diesen Völkern Männer, welche ihr Los beklagen und ihre Freiheit mit Wehmut zurücksehnen. Allein damit ist es wohl für immer vorbei, denn die Ketten, welche der Starke um sie geschlungen hält, sind felsenfest und können nicht mehr abgeschüttelt werden. Wenn es in der Welt so bleibt, wenn der Stärkere immer den Schwächeren niederzwingt, wenn stets nur Macht und Recht des Stärkeren Geltung finden: dann wird der Friede der Welt wohl immer gestört werden, und dem Schwachen wird nichts weiter übrig bleiben, als sein Unglück in Demut zu ertragen und dem Starken Handlangerdienste zu leisten. Wenn der Stärkere nur aus Egoismus handelt, wenn dieser der ausgesprochenste maß- und rücksichtsloseste ist, verbunden mit Brutalität und Barbarei, dann werden alle Grundsätze der Humanität mit Füßen getreten. Wie die entsetzlichen Barbareien des jüngsten südafrikanischen Krieges, der sich aus dem räuberischen Einfall des Jameson entwickelt hat, die Empörung aller Parteiender zivilisierten Länder wachgerufen haben, und bei allen, die ein Herz in der Brust fühlen und denen die Grundsätze der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit teuer sind, gerechten Zorn entflammten, so wird auch jeder andere Übergriff immer beurteilt werden, und dem Schwächeren wird Beistand nicht fehlen.

Hafen von Genua.Hafen von Genua.

Hafen von Genua.

Die Fahrt zwischen Neapel und Genua war sehr schön, das Meer wie gewöhnlich sehr ruhig. Auf dieser Fahrt habe ich auch die Schönheit des italienischen Himmels bewundern können mit seinem wunderbaren Blau, wie man es nur hier sieht. Am 14. Mai abends ½6 Uhr kamen wir endlich in dem von uns langersehnten Hafen von Genua an. Hier verließen die meisten Passagiere das Schiff, so daß ein beträchtliches Gedränge entstand. Noch größer ward es dadurch, daß jeder Reisende seine Koffer mit sich ans Land nehmen mußte; nachdem auch wir beinahe zwei Stunden gewartet hatten, konntenwir endlich eine Gondel bekommen, in der die ganze japanische Kolonie »König Alberts« Platz nahm, um zum europäischen Festland zu fahren und zum ersten Male den Boden Europas zu betreten. Von unseren Landsleuten blieb Herr Kato an Bord, da er die Absicht hatte, bis nach England weiter zu fahren, wo er mehrere Jahre Studien halber zu verweilen gedenkt. Uns allen ward es schwer, diesen netten Reisegefährten mutterseelenallein an Bord zu lassen; doch wir konnten nicht anders und so reichten wir uns, auf ein fröhliches Wiedersehen hoffend, die Hand zum Abschiede.

Wir wurden nun sogleich zum Zollamt geführt, wo man uns nach den zu verzollenden Sachen fragte. Wir hatten nur unser Handgepäck bei uns, denn die größeren Gepäckstücke waren an Bord geblieben, um die Reise bis Hamburg per Schiff zu machen und von dort nach Berlin weiter befördert zu werden. So wurden wir sehr schnell abgefertigt, denn auf unsere Erklärung hin, daß alles nur Reiseeffekten seien, wurde bloß ein Blick in unsere Koffer getan, und die Zollangelegenheit war somit bald erledigt. Aber nicht bei allen ging es so glatt ab. So wurden bei einem unserer Reisegefährten, der ebenfalls auf die Frage, ob er verzollbare Gegenstände bei sich führe, mit »Nein« geantwortet hatte, Zigarren entdeckt, und die Strafe folgte hier sofort – er mußte als Zoll das Mehrfache dessen erlegen, was die Zigarren gekostet hatten. Wie groß das Gedränge und Gewühl war, das bei der Landung und bei demZollamte herrschte, kann man aus nachstehendem Erlebnis ersehen: ein x'scher Professor, ebenfalls ein Reisegefährte von uns, hatte mehrere Monate in Ceylon als Naturforscher geweilt. Die Resultate seines langen Aufenthaltes: photographische Aufnahmen, Sammlungen u. s. w., befanden sich in einem Koffer, den er als ein unschätzbares Gut mit sich führte. Aber in dem großen Gedränge war mit einem Male der große Koffer verschwunden. Der sonst so gemütliche Herr war wie rasend, er bot eine hohe Summe für die Wiedererlangung des verschwundenen Gepäckstücks, doch umsonst. Der Koffer ist, soviel ich weiß, auch während unseres dreitägigen Aufenthaltes in Genua nicht wieder aufgefunden worden. Den Schmerz und Jammer des Gelehrten über diesen unersetzbaren Verlust kann man sich wohl vorstellen.

Wir kehrten im Hôtel de la Ville, einem der größten Hôtels in Genua, ein. Dieses Hôtel soll früher ein Palast gewesen sein, in dem auch Vasco de Gama logiert haben soll. Die Zimmer waren alle sehr groß, sie erschienen uns sogar unheimlich groß, da wir direkt vom Schiff, aus unserer früheren engen Kajütenwohnung, in diese Räume versetzt wurden. Die Decke und Wände waren mit prächtigen Malereien geschmückt, die Säulen von Marmor, über den Betten waren Baldachine angebracht, die größer waren als die Kajüte unseres Schiffes. Der vierzigtägige Aufenthalt in der kleinen Kabine, wo man so eng wohnen mußte, wo man mit den Händen die Decke berühren konnte, war nun vorüber, und unskam es vor wie ein gepreßter Gummiball, der sich mit einem Male ausdehnen kann, so weit er will. Beim Abendessen ließen wir uns den italienischen Chianti gut schmecken, um mit dem Gedanken, in ein paar Tagen unser Ziel, Berlin, erreichen zu können, in fröhlicher Stimmung zu Bett zu gehen. Im Schlaf wähnten wir noch immer an Bord zu sein, fortwährend glaubte das Ohr das Stampfen der Maschinen und das Plätschern der Wellen zu vernehmen.

Die Stadt Genua besitzt viele Sehenswürdigkeiten, wie das berühmte Campo Santo, den königlichen Palast, den Rigiberg, die Gallerien, Parkanlagen u. s. w., deren Besichtigung aber ziemlich viel Zeit in Anspruch nimmt. Glücklicherweise erwartete uns in Genua ein deutscher Herr, Namens Erdmannsdörffer, der Bruder unseres bereits einmal erwähnten deutschen Reisegefährten. Unter der sicheren Führung dieses Herrn, der sich schon mehrere Jahre in Italien aufhielt und mit den dortigen Verhältnissen vollkommen vertraut war, konnten wir einige der genannten Sehenswürdigkeiten mit Ruhe in Augenschein nehmen. Zuerst besuchten wir das Campo Santo. Es ist wohl der schönste Kirchhof in Europa, sowohl was seine paradiesische Anlage wie die herrlichen Grabdenkmäler betrifft. Diese reihen sich zu mehreren Hunderten in einem viereckig laufenden marmornen Säulengang aneinander und sind fast alle in graziösen Formen aus Marmor gemeißelt. Einige von ihnen gewährten zwar einen grausenerweckenden Anblick, aber im allgemeinenkann man sagen, daß sie auf uns einen ungemein beruhigenden Eindruck machten und in uns ein versöhnendes Gefühl gegenüber dem furchtbaren Tode, dem alle Menschen einmal anheim fallen müssen, wachriefen. Eine dieser Figuren hat mich bis in das innerste Mark erfaßt: am Sarge des geliebten Mannes ein junges Weib und neben ihr ein zartes Knäblein mit langem Lockenhaar. Wie sie den schönen Kopf so wehmütig hängen läßt! Wie sie mit ihrem sanften Auge so tieftraurig auf den Leichnam des Geliebten blickt! Nichts Grelles, nichts Übertriebenes ist in ihren Zügen und doch so grenzenlos der Schmerz, so sprachlos die innere Bewegung!.... Wie man in stiller Andacht zum Grabe eines Freundes tritt, so trat ich vor all diese Grabdenkmäler und mit ähnlichen Gefühlen verließ ich sie. Im Hintergrund des Kirchhofs erhebt sich ein Hügel mit der Aussicht auf das herrliche Panorama der Stadt und auf den Golf von Genua.

Marktplatz in Genua.Marktplatz in Genua.

Marktplatz in Genua.

Vom Campo Santo fuhren wir mit der Drahtseilbahn den Rigi hinauf, um von oben die großartigste Aussicht über die Stadt Genua mit dem Hafen zu genießen. Die Fahrt bis zur Höhe des Berges dauerte ungefähr 20 Minuten. Die Lage von Genua ist nach der von Neapel, mit der sie eine auffallende Ähnlichkeit hat, gewiß eine der schönsten in Italien. Neapel hat freilich die Inseln und den Vesuv voraus, sonst dürfte Genua ihm wohl den Rang streitig machen. Ein herrliches Amphitheater von übereinanderliegenden Straßen und Berghöhen, liegt die Stadt Genua mitihren prächtigen Gebäuden vor uns. Dazu die beiden großartigen Hafendämme, welche wie zwei riesige Arme ins Meer hinausgreifen, mit dem berühmten malerischen Leuchtturm an ihren Enden, der frei und stolz wie eine Säule emporragt. Den Hafen füllenalle nur möglichen Arten von Fahrzeugen, die ziemlich regelmäßig nebeneinander gereiht daliegen, in der Mitte eine breite Wasserstraße übrig lassend. Auch die den Hafen umschließende Verteidigungsmauer bemerkt man. Diese hängt mit der von der Landseite die Stadt umgebenden Mauer zusammen, zieht sich bis hinauf zu den Höhen, auf denen wir standen, und bildet ein mächtiges Befestigungswerk, das aber jetzt bloß als Zeuge vergangener Schanzkunst dient. Über die Stadt und den Hafen hinweg schweift das Auge auf das weite blaue Meer, auf dem hie und da weiße Segel oder schwarze Rauchwölkchen bemerkbar sind. Eine herrliche Aussicht, die in der Tat über jede Beschreibung erhaben ist!

Nach kurzem hatten wir die halbe Stadt durchwandert und bald dieses, bald jenes – Paläste, Denkmäler, Parkanlagen, Kirchen u. s. w. – gesehen. An Palästen ist Genua wirklich reich; sie gleichen marmornen Schmuckkästchen mit ihren prunkhaften Vorhallen und Säulenhöfen, die reich mit Bildhauerarbeit verziert sind; die Straßen oder vielmehr Gassen sind meist eng und unscheinbar. An ihren beiden Seiten reihen sich hohe Häuser von 6 bis 8 Stockwerken aneinander, welche zum Teil alt sind und keinen schönen Anblick gewähren. Infolge ihrer ungeheuren Höhe machen die Häuser die Straße dunkler, was auch nicht wenig dazu beiträgt, dem ganzen Straßenbild ein düsteres, unsauberes, unfreundliches Aussehen zu verleihen. Viele Straßen sind treppenartig gebaut und führen zu den höher liegendenStadtteilen hinauf – natürlich sind sie unfahrbar. Überall aber herrscht ein ungeheures Leben, ein buntes Durcheinander von Menschen, ein Gedränge, ein Wirrwarr, daß es schon eine gewisse Geschicklichkeit und Kunst erfordert, durch dasselbe seinen Weg zu finden. Die Lastträger mit einem kurzen Beinkleid von gestreiftem Segeltuch, die Matrosen mit blauen Hemden und breiten Kragen, die Verkäufer mit allerhand Waren, die sie laut ausrufen, die Frauen mit schwarzem üppigem Haar und dunklen leuchtenden Augen, ihre Schönheit durch weiße wallende Schleier noch mehr erhöhend, nebenher die schneidigen, diensteifrigen Kavaliere und hie und da die recht unschneidigen, unbeholfenen Reisenden in ihren grauen Jacken, die dieses Straßenbild ansehen und zu denen wir vielleicht auch gehörten... alle diese Gestalten bilden zusammen ein großes Menschengewühl, welches gegen Abend sogar noch größer wird.

Es hatte bereits Mitternacht geschlagen, als wir wieder nach unserm Hôtel zurückkehrten, aber die Straßen waren noch immer mit Menschen gefüllt.

Am 16. Mai früh 8 Uhr brachen wir von Genua auf und kamen nach einer prächtigen Fahrt von vier Stunden, auf der wir mehrere große und kleine Tunnel passierten, in Mailand an. In unserer Gesellschaft befand sich der oben erwähnte deutsche Herr, sodaß wir auch hier die Stadt unter sachkundiger Führung besichtigen konnten. Wir waren im Hôtel du Nord abgestiegen und gingen dann sogleich in die Stadt hinein. Vor allem andern sahen wir uns den berühmten Dom an, ein Meisterwerk der Baukunst, ja, das wunderbarste, das ich je gesehen habe. Die schönen Glasmalereien an den Fenstern, die Marmorschnitzereien in und außerhalb des Gebäudes, ein ganzes Heer von Bildsäulen, der prächtige Marmorboden der weiten Hallen, hunderte von schlanken Türmchen auf dem Dache u. s. w., dies Werk von Menschenhand übertrifft an Pracht, Großartigkeit und Kunst wirklich alles bisher Gesehene. Wir stiegen bis auf die höchste Spitze des Turmes und sahen zu unseren Füßen die ganze Stadt und die blühende lombardische Ebene liegen. Gar manches ist bereits überdiesen Dom geschrieben worden, aber nachdem ich ihn mit meinen eigenen Augen gesehen, muß ich doch sagen, daß es keinem gelungen ist, die wahre Pracht und majestätische Größe dieses Wunderwerkes treffend zu schildern. Lassen wir hier einige kurze Skizzen namhafter Autoren folgen, die zeigen werden, was für Mühe sich mancher gegeben hat, um dieses Wunder aus Marmor zu beschreiben:

»Über den Domplatz kamen wir zum Dom; langsam stiegen wir die schmalen Stufen des Domes hinauf, um zur Höhe des Schiffes zu gelangen. Dann hatten wir noch 900 Stufen, von denen allein 150 Stufen für die Türme sind. Die Treppen winden sich in den einzelnen Seitentürmen hinauf, während die Türme durch offene Galerien miteinander verbunden sind. Auch die Türme sind nach allen Seiten durchbrochen, von jeder Treppenstufe hat man die freie Aussicht über die lombardische Ebene, welche sich, je höher man hinaufsteigt, in einem immer unvergleichlicheren Bilde aufrollt. Die großartigen Einzelheiten des Baues selbst, den die Mailänder mit Recht »das achte Wunder« der Welt nennen, kann man nur im Hinaufsteigen betrachten und bewundern. Nächst der Peterskirche in Rom und dem Dom zu Sevilla ist der Mailänder Dom die größte Kirche in Europa; an Pracht und Reichtum, in ihren äußeren Verzierungen und Statuenschmuck keine von beiden mit ihr zu vergleichen. Der Dom zu Mailand ist mit nicht weniger als 4500 Statuen an seiner Außenseite geschmückt, über dem Dach erheben sich, alledurch in den zierlichsten Arabesken gewundene Galerien mit einander verbunden, 98 gotische Spitzsäulen, jede Säule ist auf ihren einzelnen Pfeilern und auf der Spitze mit einer Statue geschmückt. Ganz oben auf der Spitze des Turmes, der eine Höhe von 335 Fuß hat, thront die kollossale vergoldete Statue der heiligen Jungfrau, der die Kirche geweiht ist. Der ganze Bau in allen seinen Einzelheiten ist von weißem Marmor und unbedingt der großartigste neugotischen Stils, welchen Italien besitzt. Endlich standen wir oben, auf der obersten Galerie, über der durchsichtigen Guglia. Gerade über uns thronte die goldene Statue, deren Fußgestalt wir mit der Hand berühren konnten. Ich blickte zuerst hinab. Ich habe schon manchen hohen Berggipfel erstiegen, denn ich kenne die Alpen in ihrer ganzen Ausdehnung durch Mitteleuropa. Auf wie viele Wälder habe ich von all diesen Höhen herabgeschaut, auf dunkle schwarze Tannenwälder, auf breite rauschende Tannenkronen, auf grüne Buchengipfel, auf breitblättrige Platanen und auf Lorbeer- und Cypressenwälder; von dieser Höhe blicke ich zum ersten Male in meinem Leben auf einen weißen Marmorwald. Hunderte von gotischen Türmen und Spitzsäulen und Tausende von Statuen erhoben rings um mich ihre schneeweißen Häupter...« (Gustav Rasch »Frei bis zur Adria.«)

»Wenn man auf dem Marmordache des Doms von Mailand, etwa 300 Fuß über der lombardischen Ebene, bei heiterem Himmel sich umschaut, welch'ein unvergeßliches Panorama öffnet sich den Blicken! Im gewaltigen Halbbogen umsäumen von Westen nach Norden und Osten die langgestreckten Ketten bedeutsamer Alpenglieder einen Garten, einem Walde gleich, aus dessen Lichtungen tausende und abertausende von Ansiedlungen herabschimmern, die dem Ganzen das Gepräge eines Parkes verleihen... Welch' ein Blick auf die Alpen, welche umfassende Alpenansicht! Schwerlich dürfte ein Punkt der Erde, selbst nicht der indischen Ebene auf die Riesenzinnen des Himalaya, einen ähnlichen umfassenden Überblick, ähnliche Schönheit der Begrenzungslinien darbieten, als dieser ungeheure Halbbogen der südlichen Alpen von diesem eigentümlich schönen Standpunkte. Trunken hängt der Blick an den Linien der Ferne, von welcher sich eine Menge lebensspendender Wasseradern gleich silbernen Fäden durch den grünen Teppich der gesegneten Aue, der Po an ihrer Spitze, hindurchschlängelt. Rings um uns aber ein Wald von Marmortürmchen mit den Tausenden ihrer Bildsäulen, und unter uns das Gewirr der von 180 000 Menschen bewohnten 4000 Häuser, über deren flache Ziegeldächer eine Menge vielgestaltiger Türme emporsteigt, mitten im Brennpunkte eines unvergleichlichen Landschaftsbildes und Völkerlebens.« (K. Müller, »Am Südabhang der rhätischen Alpen.«)

»Der ganze zauberische Bau ist wie ein Gebet, wie ein Opfer, das alle Zungen und alle Herzen der ganzen Stadt dem Allerhöchsten hier dargebracht haben: ein solch Werk der Begeisterung und derSchönheit tut wohl in der jetzt so vernüchterten Welt. Wie verklärt und veredelt es alles rund um: wie die Flammen der Abendröte auch die geringste Hütte ebenso wie die riesigen Gletscher mit ihrem Purpur bekleiden, so adelt er mit seinem Schwung und seiner Schönheit die ganze Stadt, hält sie zusammen, ist ihr König, auf den sich alles bezieht, auf den man immer wieder die Blicke zu richten sich gezwungen sieht (Fried. Pecht u. Andere)...«


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