Mark Twain.
Der amerikanische Humor ist eine eigenartige Pflanze, von der viele glauben, daß sie nicht in fremden Boden versetzt werden kann. Dennoch giebt es unter den Humoristen des WestenseinenNamen, der weltbekannt ist:Mark Twain. Mark Twain ist durch die im Jahre 1892 in meinem Verlag erschienene Gesamtausgabe seiner besten humoristischen Schriften auch in Deutschland in weitesten Kreisen bekannt geworden. Es ist nur ein Zeichen seiner zunehmenden Volkstümlichkeit bei uns, daß zur Herausgabe der vorliegenden illustrierten Ausgabe geschritten werden konnte.
Daß es sich bei einer deutschen Ausgabe von Mark Twains humoristischen Werken nur um eine, mit möglichster Sorgfalt getroffene Auswahl handeln kann, versteht sich von selbst. Was sich ausschließlich auf lokale Verhältnisse bezieht oder vergangene Zustände behandelt, die für den Leser auch kein genügendes historisches Interesse mehr haben, mußte ausgeschlossen werden. Dies ist auch der Grund, warum gerade das umfangreiche Werk, durch welches Mark Twain zuerst seinen Ruf begründete, »Innocents Abroad« (»Die Harmlosen auf Reisen«), worin der Verfasser seine erste Reise nach Europa und in's Morgenland schildert, nur durch die Wiedergabe einiger, besonders gelungener, heiterer Scenen und Skizzen in unserer Sammlung[1]vertreten ist.
[1]Band 6 derselben.
[1]Band 6 derselben.
[1]Band 6 derselben.
Der Humor des berühmten Amerikaners hat seitdem vieles von bleibenderem Werte gezeugt. Er hat Typen geschaffen, die so ganz aus dem Leben gegriffen sind, daß wir meinen, sie verkörpert vor uns zu sehen. Es liegt etwas unwiderstehlich Packendes und Naturwahres in der harmlosen Art, mit der er den Ernst des Lebens zu parodieren weiß und uns zwingt, über die menschlichen Schwächen und Erbärmlichkeiten, die er uns vorführt, zu lachen. Wir thun dies um so lieber, da wir Mark Twain, bei allem Scherz, stets auf der Seite der Wahrheit und des Rechtes sehen, wo es gilt, für echte Menschenwürde und Menschenliebe einzutreten und jeden trügerischen und falschen Schimmer zu verachten. Dennoch werden seine Schriften nie lehrhaft. Wenn sie auch häufig stark auftragen und sich in Uebertreibungen gefallen, so ist doch jede Unnatur darin vermieden, und es ist gerade das Ungesuchte in der Ausdrucksweise, was ihnen die erquickende Frische und Ursprünglichkeit verleiht.
Mark Twains Lebenslauf spiegelt sich am besten in seinen Büchern wieder, die zum großen Teil Selbstbiographie sind. Er hat sich, lange bevor er Schriftsteller wurde, als praktisch brauchbares Glied der Gesellschaft bewährt, und verschiedene Berufsarten, die er von Grund aus kennen lernte, haben ihn in die engste Beziehung zum Volksleben gebracht. Aber mitten in harter Arbeit, in Armut und Entbehrung betrachtet Mark Twain schon von frühe auf die Menschen und Dinge mit dem Auge des Dichters und Humoristen und bleibt dabei seiner Kernnatur stets treu, selbst unter den wechselndsten Schicksalen.
Der Leser findet am Schluß des letzten (6.) Bandes eine eingehende Lebensbeschreibung Mark Twains; an dieser einleitenden Stelle mag es genügen, unseren Meister durch eine kleine Skizze einzuführen.
Samuel L. Clemens – der sich als Schriftsteller Mark Twain nennt, – wurde am 30. November 1835 in dem Städtchen Florida im gleichnamigen Staate der Union geboren. Bald darauf zog sein Vater, ein strenger, äußerst rechtschaffener Geschäftsmann,nach Hannibal am Mississippi, wo der junge Clemens seine Knabenjahre verlebte. Er war kaum zwölf Jahre alt, als der Vater starb; die Familie blieb in drückenden Verhältnissen zurück, und der Knabe sah sich darauf angewiesen, für sein eigenes Fortkommen zu sorgen. Trotz mangelhafter Schulbildung war in ihm schon frühzeitig ein litterarischer Hang erwacht, den er, wie so mancher seiner Landsleute, der später berühmt geworden ist, dadurch zu befriedigen suchte, daß er als Lehrling in eine Druckerei eintrat. Hierauf folgten nun mehrere Wanderjahre als Setzer und Buchdrucker, die ihn bis nach New York und Philadelphia führten.
Siebzehn Jahre alt kehrte Clemens nach Hannibal zurück und begann nach kurzer Frist ein Reisen auf andere Art. Das Leben auf dem Mississippi zog ihn mächtig an, er ging zu Schiffe und erlernte den Lotsendienst auf einem Dampfer zwischen St. Louis und New Orleans. Als jedoch durch den zunehmenden Eisenbahnverkehr und den Ausbruch des Bürgerkrieges die Stromfahrten in's Stocken gerieten, mußte sich der junge Mann nach einem andern Beruf umsehen. Im 4. Bande dieser Sammlung findet sich eine anschauliche Schilderung seiner Erlebnisse während jener Zeit.
Mehr durch die Umstände gezwungen als aus innerem Antrieb, schloß sich Clemens nun den Rebellionstruppen an, doch nur auf wenige Wochen, denn die unorganisierte Schar, zu welcher er gehörte, löste sich wieder auf.
Kurze Zeit nachher begleitete er seinen Bruder, der zum Vizegouverneur von Nevada ernannt worden war, als dessen Privatsekretär nach diesem Territorium; doch legte er dies Amt bald nieder und ging als Goldgräber in die Bergwerke. Mark Twain hat uns die Wanderung nach dem Felsengebirge und sein Leben unter den Bergleuten mit Meisterhand beschrieben. Schätze fand er dort aber nicht. Er mußte endlich einsehen, daß das Glück ihm abhold sei und war froh, eine Stelle als Zeitungsredakteur in Virginia City zu erhalten. Seine Artikel im »Enterprise« unterzeichnete er zum erstenmal mit »MarkTwain«, dem Schriftstellernamen, welchen er sich gewählt hatte. Auf dem Mississippi pflegen nämlich die Matrosen beim Handhaben des Senkbleis in ihrer Seemannssprache »Mark twain« zu rufen, anstatt »Mark two«, und das lag ihm noch von seiner Lotsenzeit her in der Erinnerung.
Im Jahre 1864 ging Clemens, gleichfalls als Redakteur, nach San Francisco. Hier erschienen seine humoristischen Skizzen in verschiedenen Blättern; bald ward sein Name an der Küste des Stillen Ozeans allgemein bekannt, und zwei Jahre später schickte man ihn als Zeitungskorrespondenten nach den Sandwichinseln. Von seinen Erlebnissen im fernen Westen giebt uns das Buch »Roughing It«[2]eine ergötzliche Beschreibung.
[2]Band 4 und 5 der vorliegenden Ausgabe.
[2]Band 4 und 5 der vorliegenden Ausgabe.
[2]Band 4 und 5 der vorliegenden Ausgabe.
Nach San Francisco zurückgekehrt, trat Mark Twain als öffentlicher Vorleser in Kalifornien und Nevada auf, wo dergleichen damals noch etwas Neues war. In das Jahr 1867 fällt seine erste Reise nach Europa und dem Orient, welche die »Innocents Abroad« schildern. Bald nach seiner Heimkehr trat er in die Ehe und ließ sich nun zuerst in Buffalo und darauf in Hartford nieder, welches seitdem der dauernde Wohnsitz der Familie geblieben ist.
Sein Stillleben unterbricht Mark Twain zuweilen durch Vorlesungen oder Reisen. Er ist in den letzten Jahrzehnten wiederholt in Europa gewesen und hat jedesmal mit Vorliebe deutsche Lande zu einem längeren Aufenthalt gewählt. Während er 1892 in Berlin weilte, wo er u. a. mit dem deutschen Kaiser eine Begegnung hatte, ließ er sich im Herbst 1897 in Wien nieder, um da ein Jahr zu verbringen. Der Leser wird im letzten Band dieser Sammlung eine Anzahl ergötzliche Skizzen finden, in welchen sich die Reiseeindrücke wiederspiegeln, die Mark Twain auf seinen verschiedenen Reisen in Deutschland, der Schweiz und sonst in Europa empfangen hat.
Stuttgart, Januar 1898.
Die Verlagshandlung Robert Lutz.