Dreizehntes Kapitel.

Dreizehntes Kapitel.

Nach einem Weilchen ließen wir Jim im Luftschiff allein in der Nähe der Pyramiden herumgondeln und wir selber kletterten bis zu dem Loch hinunter, durch das man in den engen Gang kommt. Wir nahmen einige Araber und Kerzen mit, und mitten in der Pyramide da fanden wir ein Gemach und einen großen Steinkasten drin, worin sie den König aufbewahrt hatten – genau wie der Mann in der Sonntagsschule es uns erzählte. Aber er war jetzt nicht mehr da; irgend einer hatte ihn mitgenommen. Ich hatte aber kein rechtes Vergnügen in dieser Kammer, denn es konnten ja natürlich Geister drin hausen – wenn auch gerade keine neuen,aber ich mag mit Geistern überhaupt nichts zu tun haben.

Wir gingen also wieder hinaus und mieteten uns ein paar kleine Esel und ritten ein Stück; dann fuhren wir ein Stück in ’nem Boot auf dem Nil, dann ritten wir wieder auf Eseln und so kamen wir nach Kairo. Und der ganze Weg war so wunderschön glatt und eben, wie ich nur je in meinem Leben einen Weg gesehen habe; auf beiden Seiten der Straße wuchsen große Dattelpalmen, und überall krochen nackte Kinder herum und die Menschen waren so rot wie Kupfer und feingebaut, kräftig und schön. Und die Stadt war ’ne Sehenswürdigkeit. Diese engen Straßen – es waren wahrhaftig nur Gäßchen – dicht gefüllt mit beturbanten Männern und verschleierten Weibern und alles in hellen, bunten Gewändern! Und man wunderte sich, wie die Kamele und Menschen in solchen engen Gäßchen beieinander vorbeikommen konnten – aber es ging. Aber zusammenpressen mußten sie sich wie Pökelheringe und dabei machten sie alle einen Heidenlärm. Die Läden waren nicht so groß, daß man in sie hineingehen konnte, aber daswar auch gar nicht nötig: der Verkäufer saß mit übergeschlagenen Beinen nach Schneiderart auf seinem Ladentisch, rauchte seine lange Pfeife mit dem Schlangenschlauch und hatte all seine Sachen in Reichweite um sich herum.

Ab und zu sauste ein Würdenträger in einer Kutsche vorbei; buntaufgeputzte Männer liefen laut rufend vor dem Wagen her und schlugen jeden, der nicht schnell auswich, mit einem langen Stecken. Nach einer Weile kam sogar der Sultan zu Pferde an der Spitze einer Prozession geritten und uns blieb beinahe der Atem stocken, als wir seine glänzenden Kleider sahen. Jeder warf sich platt auf die Erde nieder und blieb auf dem Bauch liegen, bis er vorüber war. Ich vergaß es, mich hinzuwerfen, aber da war einer, der mir daran zu denken half. Es war einer von denen, die mit ’nem langen Stecken vorausliefen.

Kirchen waren auch da, aber die Leute da sind noch zu dumm, um den Sonntag zu heiligen; sie heiligen den Freitag und schänden den Sabbath. Wenn man hineingeht, muß man die Schuhe abziehen. Ganze Haufen von Männern und Knaben waren in der Kirche, hockten in Gruppenauf dem Fußboden und machten einen endlosen Spektakel – Tom sagte, sie lernten was aus dem Koran auswendig, den sie für ’ne Bibel halten. Ich hatte in meinem Leben nicht so ’ne große Kirche gesehen; sie war ganz fürchterlich hoch, so daß einem schwindlig wurde, wenn man hinaufschaute; unsere Stadtkirche zu Hause ist gar nichts dagegen; man könnte sie in diese hineinstellen und die Leute würden denken, sie sei ’ne Putzwarenschachtel.

Was ich am meisten zu sehen wünschte, das war ein Derwisch, denn für Derwische interessierte ich mich wegen ihres Kollegen, der dem Kameltreiber den bösen Streich gespielt hatte. Wir fanden denn auch einen ganzen Haufen von ihnen in ’ner Kirche, und sie nannten sich Tanz-Derwische. Und tanzen taten sie, das muß ich sagen. So was hatte ich in meinem Leben nicht gesehen! Sie hatten zuckerhutförmige Mützen auf und leinene Unterröcke an, und sie wirbelten und wirbelten und wirbelten herum wie Kreisel und die Röcke standen ganz schräg von ihnen ab; es war riesig nett anzusehen, und ich wurde vom Hingucken wie betrunken. Sie waren alle Moslim,wie Tom mir erzählte, und als ich ihn fragte, was ein Moslim sei, da sagte er, das wäre einer, der nicht Presbyterianer wäre. Dann gibt’s also in Missouri sehr viele Moslim, obwohl ich davon bisher nichts wußte.

Wir sahen uns nicht die Hälfte von den Sehenswürdigkeiten von Kairo an, weil Tom so wild darauf versessen war, Oertlichkeiten aufzusuchen, die in der Weltgeschichte berühmt geworden sind. Wir hatten eine abscheuliche Mühe, den Speicher aufzufinden, worin Joseph vor der Hungersnot das Korn aufgespeichert hatte, und als wir ihn endlich fanden, war eigentlich gar nichts daran zu sehen, denn es war bloß ein altes, verfallenes Gerümpel. Aber Tom war sehr befriedigt und machte mehr Redensarten darüber, als ich Worte sagen würde, wenn ich mir ’nen Nagel in den Fuß getreten hätte. Wie er die Scheuer überhaupt herausfand, das ging über meinen Horizont; denn wir waren bei mehr als vierzig ganz gleichen schon vorbeigekommen und ich wäre mit jeder von diesen Scheunen zufrieden gewesen, aber er mußte natürlich durchaus die echte haben – anders tat er’s nicht. Ich habenie einen Menschen gesehen, der in dieser Beziehung so heikel war wie Tom Sawyer. Sowie er die richtige sah, erkannte er sie sofort, so leicht wie ich mein anderes Hemd erkennen würde (wenn ich eins hätte), aber wie er das machte, das vermochte er mir so wenig zu erklären, wie er fliegen konnte. So sagte er selber.

Als wir zurück kamen, landete Jim, und wir stiegen ein. Bei dieser Gelegenheit lernten wir einen jungen Mann kennen mit ’nem roten betroddelten Fez und einer schönen seidenen Jacke und Sackhosen, mit ’nem Tuch um den Bauch und mit Pistolen in diesem Tuch. Er konnte englisch sprechen und bat uns, wir möchten ihn als Führer annehmen; er wollte uns nach Mekka und Medina und Zentralafrika und überallhin bringen und verlangte nur einen halben Dollar täglich nebst freier Verköstigung. Wir nahmen ihn an und fuhren mit voller Schnelligkeit los, und als wir mit unserem Mittagessen fertig waren, da schwebten wir gerade über der Stelle, wo die Israeliten durch das Rote Meer gezogen waren und wo Pharao sie eingeholt hatte und von den Gewässern ereilt wurde. Da machtenwir denn natürlich Halt und guckten uns die Stelle ganz in aller Ruhe an, und Jim hatte seine Freude dran, sie zu sehen.

Hierauf fuhren wir weiter, so schnell wir konnten, und segelten um den Berg Sinai herum und sahen die Stellen, wo Moses die steinernen Tafeln zerbrach, und wo die Kinder Israels in der Ebene lagerten und das goldene Kalb anbeteten, und es war alles ungeheuer interessant und der Führer kannte jedes Plätzchen so genau, wie ich bei uns zu Hause im Ort Bescheid weiß.

Aber jetzt hatten wir einen Unfall, und der hemmte alle unsere Pläne. Toms alte ordinäre Maiskolbenpfeife war so alt und aufgeschwollen und krumm geworden, daß sie trotz allen Schnüren und Bindfäden, die er herumwickelte, nicht mehr zusammenhalten wollte, sondern in Stücke zerfiel. Tom wußte nun gar nicht, was er jetzt anfangen sollte. Des Professors Pfeife konnte ihm nichts nützen, denn die war bloß von Meerschaum; und jeder, der sich mal an Maiskolbenpfeifen gewöhnt hat, der weiß, daß sie himmelhoch über allen anderen Pfeifen der Welt stehen,und so einer läßt sich nicht dazu kriegen, ’ne andere Pfeife zu rauchen. Meine wollte Tom nicht nehmen, so sehr ich ihn auch zu überreden versuchte. So saß er denn da in der Patsche.

Er überlegte den Fall und sagte, wir müßten ’ne Rundfahrt machen und versuchen, ob wir nicht in Aegypten oder Arabien oder daherum eine auftreiben könnten, aber der Führer sagte, das hätte keinen Zweck, denn solche Pfeifen hätte man da nicht. Tom saß eine Weile recht verdrießlich da, plötzlich aber hellte sich sein Gesicht auf und er sagte, er hätte ’ne Idee und wüßte jetzt, wie die Sache gemacht werden müßte. Nämlich:

»Ich habe noch ’ne andere Maiskolbenpfeife, sogar ’ne ganz ausgezeichnete und beinahe neue. Sie liegt auf dem Wandbrettchen gerade über dem Küchenherd bei uns zu Hause. Jim – du und der Führer, ihr fahrt hin und holt sie, und ich und Huck kampieren hier auf dem Berge Sinai, bis ihr wieder hier seid.«

»Aber, Massa Tom, wir könnte nix finden die Städtchen. Ich könnten wohl die Pfeife finden, weil ich die Küche kennen tun, aber o du liebe Heiland: wir können niemals nix unser Stadtoder Sent Luis oder die andere Orte finden! Wir tun ja nix die Wegen kennen, Massa Tom!«

Das war ’ne unbestreitbare Tatsache, und Tom wußte ’ne Minute lang nichts zu erwidern. Dann sagte er aber:

»Hör’ mal zu: die Sache läßt sich trotz alledem machen, und ich will dir sagen, wie. Du nimmst die Richtung mit dem Kompaß und segelst gerade wie ein Pfeil immer westlich, bis du die Vereinigten Staaten findest. Ein Versehen ist dabei nicht möglich, denn es ist das erste Land, das du auf der anderen Seite des Atlantischen Ozeans antriffst. Wenn du bei Tage ankommst, so fährst du gleich weiter, direkt westlich vom oberen Teil der Küste von Florida und in eindreiviertel Stunden stößt du auf die Mündung des Mississippi – wenn du mit der Geschwindigkeit fährst, die ich dir vorschreiben werde. Du wirst so hoch oben in der Luft sein, daß dir die Erde sehr gekrümmt vorkommen wird – ungefähr wie ’ne umgestülpte Waschschüssel – und du siehst da unten ’ne Menge Flüsse durcheinander krabbeln, lange schon, ehe du in die tieferen Luftschichten herunter kommst; den Mississippiwirst du ohne jede Schwierigkeit dazwischen herausfinden, denn er ist bei weitem der größte von ihnen. Dann folgst du in beinahe nördlicher Richtung dem Lauf des Flusses, eindreiviertel Stunden lang, bis du den Ohio einmünden siehst; nun mußt du anfangen scharf aufzupassen, weil du jetzt schon in die Nähe kommst. Zu deiner Linken aufwärts siehst du einen anderen Strom einmünden, das ist der Missouri, ein bißchen oberhalb der Stadt St. Louis. Du steigst dann noch tiefer herab, damit du während der Fahrt die kleinen Städte dir ansehen kannst. In den nächsten Viertelstunden wirst du ungefähr bei fünfundzwanzig vorbeikommen, und du wirst unser Städtchen erkennen, sobald du’s siehst – und wenn du’s nicht erkennst, so brauchst du bloß ’runterzurufen und zu fragen.«

»Is das so leicht, Massa Tom, so denken ich, wir können es machen – jawoll, ich wissen, wir können.«

Der Führer war ebenfalls davon überzeugt und meinte, er würde es in einer ganz kleinen Weile lernen, seine Wache zu halten.

»Jim kann Euch die Geschichte in ’ner halben Stunde beibringen,« sagte Tom. »Der Luftballon ist so leicht zu handhaben wie ein Kanoe.«

Dann holte Tom die Karte hervor, zeichnete den Kurs hin und maß den Weg aus und sagte:

»Der westliche Weg ist der kürzeste, wie ihr seht. Es sind bloß etwa siebentausend Meilen. Wenn ihr östlich fahrt, so ist’s mehr als doppelt so weit.« Dann wandte er sich an den Führer und fuhr fort: »Ich wünschte, daß ihr alle beide während eurer Wache auf den Geschwindigkeitsanzeiger acht gebt, und wenn er nicht dreihundert Meilen in der Stunde angibt, so steigt ihr höher oder tiefer, bis ihr eine Orkanströmung findet, die in eurer Richtung weht. Der alte Kasten hier macht seine hundert Meilen in der Stunde, ohne daß man überhaupt den Wind zu Hilfe zu nehmen braucht. Zweihundert-Meilen-Stürme findet ihr, so oft ihr einen haben wollt. Manchmal werdet ihr ein paar Meilen hoch steigen müssen, und da oben wird es verflixt kalt sein; meistens aber werdet ihr euren Sturm ein gutes Stück tiefer finden. Wenn ihr nur ’nem Zyklon begegnen könntet – das wär’ für euch ein gefundenesFressen. Ihr werdet aus des Professors Büchern sehen, daß sie in diesen Breiten westlich ziehen, und noch dazu in geringer Höhe.«

Hierauf rechnete Tom ein Weilchen und fuhr dann fort:

»Siebentausend Meilen – dreihundert Meilen in der Stunde – ihr könnt die Spazierfahrt in einem Tag, also vierundzwanzig Stunden, machen. Heute haben wir Donnerstag; ihr werdet also Samstag nachmittag wieder hier sein. So, nun packt mir ein paar Decken, Lebensmittel, Bücher und dergleichen für mich und Huck aus, und dann könnt ihr gleich abfahren. Von Rumtrödeln mag ich nichts wissen – ich muß meine Pfeife haben, und je schneller ihr sie mir bringt, desto besser.«

Alle Mann halfen beim Auspacken; binnen acht Minuten lagen unsere Sachen draußen und der Ballon war segelfertig für Amerika. Wir schüttelten uns also zum Abschied die Hände und Tom gab seine letzten Befehle:

»Jetzt ist es zehn Minuten vor zwei, Sinaizeit. In vierundzwanzig Stunden seid ihr zu Hause, das ist sechs Uhr früh nach dortiger Zeit.Ihr landet ein bißchen seitwärts vom Ort auf dem Gipfel des Hügels, im Walde, so daß man euch nicht sieht. Dann springst du in die Stadt, Jim, und steckst beim Posthaus diese Briefe in den Kasten, und wenn schon jemand auf den Beinen sein sollte, ziehst du dir den Schlapphut ins Gesicht; so wird man dich nicht erkennen. Dann schlüpfst du von hinten in unsere Küche hinein und nimmst die Pfeife und legst diesen Zettel auf den Küchentisch; leg’ irgend ’was drauf, damit er nicht ’runterfliegt. Dann schleiche dich hinaus und mach’ dich dünne und lass’ ja nicht Tante Polly oder sonst jemand dich zu Gesicht kriegen. Lauf so schnell du kannst nach dem Ballon und sause mit Dreihundertmeilen-Geschwindigkeit nach dem Berg Sinai zurück. Du wirst dich nicht länger als ’ne Stunde aufzuhalten haben. Um sieben oder acht, heimatliche Ortszeit, wirst du wieder abfahren und bist in vierundzwanzig Stunden zurück, kommst also um zwei oder drei Uhr nachmittags, Sinaizeit, hier an.«

Den Zettel las Tom uns vor. Er hatte darauf geschrieben:

»Donnerstag nachmittag.Tom Sawyer, der Erronauter, sendet seiner Tante Polly herzliche Grüße vom Berge Sinai, wo die Arche war;[5]desgleichen Huck Finn; und sie wird den Zettel morgen früh um halb sieben kriegen.Tom Sawyer, Erronauter.«

»Donnerstag nachmittag.Tom Sawyer, der Erronauter, sendet seiner Tante Polly herzliche Grüße vom Berge Sinai, wo die Arche war;[5]desgleichen Huck Finn; und sie wird den Zettel morgen früh um halb sieben kriegen.

Tom Sawyer, Erronauter.«

[5]Dieser Irrtum in Betreff der Arche ist wahrscheinlich nicht Tom, sondern Huck auf Rechnung zu setzen.M. T.

[5]Dieser Irrtum in Betreff der Arche ist wahrscheinlich nicht Tom, sondern Huck auf Rechnung zu setzen.M. T.

[5]Dieser Irrtum in Betreff der Arche ist wahrscheinlich nicht Tom, sondern Huck auf Rechnung zu setzen.

M. T.

»Da wird sie die Augen aufreißen und die Tränen werden ihr ’rausschießen,« sagte Tom. Und dann:

»Achtung! Eins – zwei – drei – los!!«

Und los segelte der Ballon! Wahrhaftig, in einer Sekunde war er aus unserem Gesichtskreis ’rausgewirbelt.

Dann fanden wir eine sehr bequeme Höhle mit ’ner prachtvollen Aussicht über die ganze weite Ebene; und da biwakierten wir und warteten auf die Pfeife.

Der Ballon kam pünktlich und heil zurück und brachte die Pfeife. Aber Tante Polly hatte Jim abgefaßt, als er sie aus der Küche holte, und nun kann sich wohl jeder denken, wiees weiter kam: Tom sollte nach Hause zurück. So sagte denn Jim:

»Massa Tom, Tante Polly stehen vor die Haustür un haben ihr Aug oben an die Himmel, un sie sag’, sie rühren sich nix von den Fleck, bis Massa Tom wieder da sein. Das geben eine nasse Jahr, Massa Tom, warraftig!«

So schoben wir denn ab nach Hause, und nicht gerade mit sehr lustigen Gefühlen.


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